Multilokales Wohnen in der Schweiz: ein Forschungsprojekt
Abstract
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Full text
Duchêne-Lacroix, Cédric; Schad, Helmut; Hilti, Nicola Book Part Multilokales Wohnen in der Schweiz: ein Forschungsprojekt Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Duchêne-Lacroix, Cédric; Schad, Helmut; Hilti, Nicola (2020) : Multilokales Wohnen in der Schweiz: ein Forschungsprojekt, In: Danielzyk, Rainer Dittrich-Wesbuer, Andrea Hilti, Nicola Tippel, Cornelia (Ed.): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium, ISBN 978-3-88838-097-6, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 270-277, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0976377 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/218793 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Duchêne-Lacroix, Cédric; Schad, Helmut; Hilti, Nicola Multilokales Wohnen in der Schweiz – ein Forschungsprojekt URN: urn:nbn:de:0156-0976377 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 270 bis 277 In: Danielzyk, Rainer; Dittrich-Wesbuer, Andrea; Hilti, Nicola; Tippel, Cornelia (Hrsg.) (2020): Multilokale Lebensführungen und räumliche Entwicklungen: ein Kompendium. Hannover = Forschungsberichte der ARL 13
270 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Cédric Duchêne-Lacroix, Helmut Schad, Nicola Hilti MuLtiLokaLeS WoHNeN iN Der SCHWeiz – eiN ForSCHuNgSprojekt Gliederung 1 Hintergrund und Zielsetzungen 2 Zum methodischen Design 3 Ausgewählte Berufe 3.1 Starke Verbreitung des multilokalen Wohnens 3.2 Hohe Verfügbarkeit von Wohnraum 3.3 Zwecke der Nutzung weiterer Wohnsitze 3.4 Nutzungsrhythmik und Mobilität 4 Ausblick Literatur Kurzfassung Der vorliegende Beitrag stellt eine Studie über multilokales Wohnen in der Schweiz vor, welche auf einer quantitativen Umfrage sowie auf qualitativen Fotobefragungen basiert. Ausgewählte Ergebnisse verdeutlichen die hohe Relevanz multilokalen Wohnens für verschiedene Facetten der Raumentwicklung: Das Wohnen an mehreren Orten ist stark verbreitet, die Beweggründe dafür vielfältig. Multilokales Wohnen geht mit einer hohen Verfügbarkeit von Wohnfläche einher, aber ebenso mit starken sozialen Beziehungen. Die Rhythmen der Nutzung der verschiedenen Wohnsitze sind relativ hoch, sodass die Multilokalen auch eine hohe Relevanz als Verkehrsbeteiligte haben. Schlüsselwörter Schweiz – Mixed-Method – standardisierte Befragung – Fotobefragung –Wohnraum Multilocal living – a Swiss research project Abstract The paper presents a study about residential multilocality in Switzerland. The research is based on a quantitative survey and qualitative participatory photo interviews. Selected results show the high relevance of residential multilocality for different facets of spatial development: multilocal living is on the rise and is widespread. The reasons and motives for such living arrangements are manifold. Multilocals use significantly more living space than non-multilocals but, equally, multilocal living goes along with strong social ties. The rhythm of moving between the different places is quite high, thus multilocals are also very mobile and therefore highly relevant as transport users.
271Multilokales Wohnen in der schWeiz – ein Forschungsprojekt Keywords Switzerland – Mixed-method – Standardised survey – Participatory photo interview – Living space 1 Hintergrund und Zielsetzungen Das Grundlagenforschungsprojekt „Multilokales Wohnen in der Schweiz“ befasste sich mit dem Vorkommen des Wohnens an mehreren Orten in der Schweiz. Es wurde zwischen 2012 und 2015 durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass das multilokale Wohnen sowohl quantitativ als auch qualitativ an Bedeutung zu gewinnen scheint. Obgleich es sich historisch nicht um eine völlig neue gesellschaftliche Erscheinung handelt, wandeln sich die Vorzeichen und Ausprägungsformen in jüngerer Zeit doch stark. Auch in der öffentlichen Diskussion sind spezielle Formen, wie zum Beispiel das „living-apart-together“ (LAT; für räumlich getrennt lebende Partnerschaften) (s. Dittrich-Wesbuer/Sturm zu Nichtamtliche Daten in diesem Band), das berufsoder ausbildungsbedingte Wochenpendeln (s. Tippel in diesem Band) oder das zwischen getrennt lebenden Eltern hin und her „pendelnde“ Kind (s. Fischer zu Soziale Infrastrukturen und Schier in diesem Band), ein Thema. Drei Ziele waren forschungsleitend: 1) das Erfassen von Größenordnungen, sozio-demografischen Ausprägungen und Organisationsformen des multilokalen Wohnens, 2) das Herausarbeiten der damit verbundenen Motive, Alltagspraktiken und subjektiven Bedeutungen sowie 3) das (Weiter-)Entwickeln theoretischer und methodologischer Konzepte zum Verständnis des multilokalen Wohnens. Es wurde großer Wert darauf gelegt, die breite Palette der Ausprägungsformen multilokalen Wohnens zu berücksichtigen. Die Ergebnisse bisheriger, vorwiegend qualitativer Studien legten die Vermutung nahe, dass das Phänomen bislang quantitativ unterschätzt wurde. Zudem gaben bisherige statistische Erhebungen, z. B. zu Zweitwohnsitzen, über eine Vielzahl an Formen multilokalen Wohnens keine genaue Auskunft (Duchêne-Lacroix/Hilti/Schad 2013). Beweggründe, Alltagspraktiken und Bedeutungen des multilokalen Wohnens wiederum können nur im Rahmen eines vertiefenden qualitativen Ansatzes adäquat erfasst werden. Der breite methodische Ansatz umfasste daher sowohl quantitative als auch qualitative Zugänge, welche im Rahmen eines Mixed-Methods-Ansatzes eng aufeinander abgestimmt angewandt wurden: Zum Erfassen des Facettenreichtums des multilokalen Wohnens wurden deshalb hauptsächlich eine breit angelegte Online-Befragung der Wohnbevölkerung sowie eine Reihe von sogenannten Fotobefragungen genutzt. Die standardisierte Online-Befragung war praxistheoretisch fundiert, operationalisierte das Konzept des „räumlichen Handlungsvermögens“ (Duchêne-Lacroix/Schad 2013; Schad/Hilti/Hugentobler et al. 2015) und versuchte, die verschiedenen relationalen
272 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen Bezüge in multilokalen Praktiken zu erfassen (Schad/Hilti 2015b). Die qualitative Forschung war im Anschluss an frühere Arbeiten von Hilti (2013; 2016) phänomenologisch angelegt. Auf das methodische Design sowie ausgewählte Befunde der quantitativen Befragung wird im Folgenden eingegangen. Die qualitativen Ergebnisse können an dieser Stelle aus Platzgründen lediglich knapp zusammengefasst werden. 2 Zum methodischen Design In zwei Wellen wurden im April/Mai und Juni/Juli 2013 von einem beauftragten Institut (LINK Institut, Luzern) im Rahmen einer Online-Befragung 3.246 Personen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren in der Deutschschweiz, Westschweiz und im Tessin befragt (in deutscher, französischer und italienischer Sprache). Die Auswahl der Befragten erfolgte aus der Gesamtheit der rund 127.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines CATI-rekrutierten Internet-Panels des Befragungsinstituts (Random-Quota: Region, Geschlecht, Alter, Erwerbstätigkeit). Dieses Panel umfasst sprachassimilierte Personen, die mindestens einmal pro Woche zu privaten Zwecken im Internet sind. Mit einer solchen Online-Befragung sind hochmobile Personen besser als in Face-to-Face-Befragungen und via Festnetz-Telefon erreichbar. Nicht repräsentiert sind allerdings Personen, die das Internet gar nicht benutzen. Eine Eingangsfrage diente zur Unterscheidung von multilokal und monolokal (nur an einem Wohnsitz) wohnenden Personen. Sie wurde sehr offen formuliert, um die vielfältigen Facetten des multilokalen Wohnens einfangen zu können: „Viele Menschen nutzen heute mehr als eine Wohnung oder mehr als ein Haus. Zum Beispiel noch ein Ferienhaus, eine zusätzliche Wohnung oder Übernachtungsmöglichkeit am Arbeitsort, die Wohnung einer Partnerin/eines Partners, ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, ein Sofa bei Freunden, ein Wohnmobil auf dem Dauercampingplatz oder das immer gleiche Hotel. Übernachten Sie auf das Jahr verteilt regelmäßig oder zumindest ab und zu an einem solchen zusätzlichen Ort?“ Die Befragten sollten auch die eher kurzzeitigen, „informellen“, „weichen“, nicht auf einen Wohnungsbesitz abstellenden Praktiken vor Augen haben (z. B. das temporäre Mitwohnen bei Freundinnen und Freunden). Außerdem sollte der Fokus auf die alltagsweltliche, das heißt mehr oder weniger regelmäßige Nutzung der Behausungen gelegt werden. Mit dem Kriterium der Übernachtung wurde das multilokale Wohnen von einer Zirkularität im Tagesgang (z. B. Tagesreisen) abgegrenzt. 961 der Befragten gaben an, multilokal im Sinne der Screening-Frage zu sein. Diese Teilgruppe aktuell multilokal Wohnender wurde anschließend ausführlich zu ihren multilokalen Wohnpraktiken mit Bezug auf maximal drei Wohnsitze befragt (Ausfülldauer im Durchschnitt: 39 Minuten). Neben der standardisierten Befragung wurden mit anderen Probanden 18 Fotobefragungen in der Deutschund der Westschweiz durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine offene partizipative Forschungsmethode, welche insbesondere für Fragen zum
273Multilokales Wohnen in der schWeiz – ein Forschungsprojekt Wechselverhältnis von Individuum und gebauter Umwelt sowie im Hinblick auf biografische Erinnerungsspuren aufschlussreich ist (Kolb 2008). Die Auswahl der Befragten erfolgte systematisch anhand von Kriterien, welche sich in vorgängigen Studien und in der Literatur zur Thematik als relevant erwiesen haben. Dazu zählen die Distanz zwischen den Wohnsitzen, nationale und transnationale Formen der Multilokalität, der Rhythmus und der Grad der Regelmäßigkeit des Wechsels zwischen den Wohnsitzen, die Art der genutzten „Behausungen“ u. a. m. Darüber hinaus wurden die sozialstrukturellen Merkmale der Befragten variiert. Ziel der Zusammenstellung des Samples war nicht, eine Repräsentativität im Sinne eines Abbildes der Grundgesamtheit zu erlangen. Vielmehr ging es darum, die Heterogenität des Untersuchungsfeldes zu ermitteln, das heißt, die strukturelle Breite und Vielschichtigkeit des Phänomens zu erkennen. Die Analyse der verschriftlichten Gespräche erfolgte mittels etablierten beschreibenden und rekonstruierenden Verfahren. Konkret wurden die multilokal Wohnenden gebeten, einen Zyklus ihres Wohnens und Reisens an und zwischen den verschiedenen Wohnsitzen fotografisch zu dokumentieren. Die Fotografien wurden von den Forscherinnen und Forschern ausgedruckt, zum nachfolgenden ausführlichen Interview mitgebracht und als Erzählstimulus verwendet. Im Interview wurde entlang der Fotos unter anderem über folgende Aspekte gesprochen: a) die Ursprünge der Wohnsituation, b) den Rhythmus zwischen hier und dort, c) das Alltagsleben an den jeweiligen Orten, d) die sozialen Beziehungen und die Verbundenheit mit den jeweiligen Orten, e) die Vorund Nachteile, f) das Unterwegssein zwischen den Orten, g) die Zukunftsperspektiven. Die Fotos geben einen reichhaltigen und von den Befragten selbst gestalteten Einblick in ihre „Lebenswelt“ als multilokal Wohnende. 3 Ausgewählte Befunde 3.1 Starke Verbreitung des multilokalen Wohnens Erfahrungen mit den verschiedenen Formen des multilokalen Wohnens sind in der untersuchten Population der Schweizer Wohnbevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren weit verbreitet, denn etwa 48 % der Befragten wohnten 2013 „aktuell multilokal“ (28 %) oder lebten in früheren Lebensphasen mindestens schon einmal so (20 %). Und diese Wohnformen haben auch eine recht hohe Stabilität über die Zeit hinweg, denn von den multilokal wohnenden Personen beabsichtigten 61 %, das aktuell gelebte multilokale Wohnarrangement beizubehalten. Und weitere 6 % gaben an, die Anzahl der Wohnsitze verringern, aber weiterhin multilokal wohnen zu wollen. Nur für knapp ein Drittel (31 %) war die aktuelle Situation zeitlich befristet. In besonderem Masse trifft Letzteres auf jüngere Erwachsene zu, für die es sich dann offenbar um eine in dieser Phase des Lebenszyklus notwendige Wohnsituation handelte (z. B. in Verbindung mit der Ausbildung). Multilokal Wohnende können als Gruppe von hochmobilen Personen mit einem großen wohnund mobilitätsbezogenen „Handlungsvermögen“ (Duchêne-Lacroix/Schad 2013) charakterisiert werden. Dies zeigt sich an mehreren Attributen:
274 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen > Mobilitätskompetenzen: Multilokal Wohnende sind reiseerfahrener als Personen, die nur an einem Ort wohnen. Sie absolvieren signifikant häufiger Flugund Zugreisen sowie Geschäftsreisen. Sie besitzen zu höheren Anteilen ein Generalabonnement oder eine Zeitkarte für den öffentlichen Verkehr. Und sie nutzen das Internet zu höheren Anteilen mehrmals täglich als die Gruppe monolokal Wohnender. > Wohnerfahrungen: Frühere Wohnerfahrungen helfen dabei, ein komplexes multilokales Wohnarrangement zufriedenstellend zu managen und es auf Dauer anzulegen: Die Absicht, dieses Arrangement aufzugeben, ist geringer bei Personen, die über Erfahrungen mit häufigeren Wohnungswechseln verfügen, die früher schon einmal multilokal wohnten oder deren aktuell genutzte zweite Wohnung einen Bezug zu einer früheren Lebensphase hat. Nicht bestätigt hat sich allerdings die Hypothese, dass Erfahrungen im Umgang mit kultureller Diversität das Beibehalten einer multilokalen Wohnsituation in der Zukunft begünstigen. Frühere Lebensabschnitte im Ausland, längere Aufenthalte in einem anderen Landesteil der Schweiz oder ausgeprägte Fremdsprachenkenntnisse spielen hierfür zum Beispiel keine Rolle. > Ökonomische Situation: Ein hohes Haushaltseinkommen bzw. hohes privat verfügbares Finanzvermögen wirkt auf doppelte Weise: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass jemand mehr als einen Wohnsitz nutzt. Und es reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine solche Wohnsituation in Zukunft wieder aufgibt. Der Anteil multilokal Wohnender ist zum Beispiel in der Gruppe der Personen mit einem privaten Finanzvermögen ab 500.000 Franken mit 47 % fast doppelt so hoch wie in der Personengruppe unter 25.000 Franken (25 %). Hinzu kommt, dass ein Viertel der multilokal Wohnenden den zweiten genutzten Wohnsitz im eigenen Besitz hält. Wer an seinem wichtigsten Wohnsitz bereits Eigentümer oder Eigentümerin der Wohnung oder des Hauses ist, ist dies in 41 % der Fälle auch am zweiten Wohnsitz. 3.2 Hohe Verfügbarkeit von Wohnraum Unter den multilokal Wohnenden nutzen gut zwei Drittel (68 %) zwei Wohnsitze. Knapp ein Viertel (23 %) nutzt drei und fast jede zehnte multilokale Person (9 %) nutzt vier oder mehr Wohnsitze. Multilokal wohnende Personen zeichnen sich entsprechend durch eine überdurchschnittlich hohe Verfügbarkeit von Wohnraum aus – sei es in Form von Eigentum, via Miete oder per Zugang über Freundinnen, Freunde, Bekannte und Verwandte. Bereits an ihrem ersten Wohnsitz verfügen multilokal Wohnende über überdurchschnittlich viele Zimmer. Hinzu kommt noch die am zweiten oder den weiteren Wohnsitzen verfügbare Wohnfläche. Die Hälfte der Personen mit zwei Wohnsitzen kann in der Summe acht oder mehr Zimmer benutzen respektive mitbenutzen. Unter den Nutzerinnen und Nutzern von drei Wohnsitzen haben sogar 82 % der Personen Zugang zu acht oder mehr Zimmern; 44 % der Personen mit drei Wohnsitzen stehen insgesamt 12 oder mehr Zimmer zur Verfügung. Diese hohe Verfügbarkeit von Wohnraum hängt zum einen mutmaßlich mit dem generell hohen
275Multilokales Wohnen in der schWeiz – ein Forschungsprojekt Wohlstandsniveau in der Schweiz zusammen, sichtbar etwa am Besitz von Ferienhäusern und -wohnungen. Zum anderen wird darin aber auch die Bedeutung sozialen Kapitals deutlich, denn das Mitwohnen und Mitnutzen von Wohnraum spielen eine wesentliche Rolle. 3.3 Zwecke der Nutzung weiterer Wohnsitze In Bezug auf die Zwecke der Wohnungsnutzung treten oft Kombinationen auf. Die zweiten Wohnsitze dienen häufig Aufenthalten in der Freizeit (68 %). Auch soziale Motive haben eine recht hohe Bedeutung, z. B. das gemeinsame Wohnen zusammen mit einer Partnerin oder einem Partner (32 %), das Führen einer Partnerschaft „livingapart-together“ (21 %) und Übernachtungen am Wohnsitz der Eltern oder eines Elternteils (22 %). Berufsoder ausbildungsbezogene Nutzungszwecke werden vergleichsweise selten von 15 % resp. 9 % der Befragten genannt – insbesondere auch im Vergleich zu Deutschland. Vermutlich hängt dieser Unterschied wesentlich mit der Kleinräumigkeit und Verkehrsstruktur der Schweiz zusammen: Die Distanzen und Reisezeiten zwischen den Städten sind in vielen Fällen gut mit Tagespendeln zu bewältigen, sodass aus beruflichen Gründen eher selten weitere Wohnsitze eröffnet werden. Hinzu kommen in der Schweiz relativ hohe Kosten für das Wohnen, welche einem attraktiven (auch öffentlichen) Verkehrsnetz gegenüberstehen – und die Entscheidung dann eher für das Tagespendeln als für das multilokale Wohnen ausfällt. Bei den meisten multilokal Wohnenden ähneln sich die Anforderungen an die Tätigkeiten, die in der Umgebung der einzelnen Wohnsitze durchführbar sein sollen. Das, was den Personen am einen Wohnort wichtig ist, ist ihnen in ähnlicher Form meistens auch am anderen Wohnort wichtig. Die Annahme, dass die verschiedenen Wohnsitze genutzt werden, um Kontraste auszuleben, bestätigt sich für die Mehrheit der Befragten nicht (Schad/Hilti 2015b). Das Alltagsleben der meisten multilokal Wohnenden wird offenbar einfach auf mehrere Wohnsitze aufgeteilt. Am ehesten kommen kontrastierende Beziehungen noch in Bezug auf berufsoder ausbildungsbezogene Aktivitäten vor, die vornehmlich auf einen der beiden Wohnsitze bezogen sind. Aktivitäten der Bewegung in der Umgebung der Wohnsitze (wie z. B. Aufenthalte in der Natur, Sport, Spazierengehen) sind demgegenüber bei einem recht großen Anteil der Befragten (zwischen 38 % und 45 %) an beiden Wohnsitzen gleich wichtig (oder unwichtig). 3.4 Nutzungsrhythmik und Mobilität Die hohe Mobilität multilokal Wohnender äußert sich in einer im Jahresverlauf regelmäßigen oder zumindest häufigeren Nutzung eines zweiten oder weiteren Wohnsitzes: 29 % übernachten mindestens einmal pro Woche an ihrem zweitwichtigsten Wohnsitz. Dies sind typischerweise Personen mit berufsund mit ausbildungsbezogenen Nutzungszwecken sowie Personen in einer LAT-Partnerschaft. Gut die Hälfte der multilokal Wohnenden ist mindestens einmal im Monat am anderen Wohnsitz, der damit immer noch ein wichtiger Bestandteil der monatlichen Lebensführung ist. Am
276 13 _ multilokale lebensführungen und räumliche entwicklungen zweiten Wohnsitz wird relativ häufig übernachtet, im Mittel 61 Nächte pro Jahr über alle Nutzungszwecke. Der Median liegt bei 35 Nächten, das heißt, die Hälfte der multilokal Wohnenden übernachtet mehr als 35 Mal pro Jahr dort. Immerhin 20 % der multilokal Wohnenden kommen auf mehr als 100 Nächte pro Jahr am anderen Wohnsitz. Für multilokale Personen mit kurzen Nutzungsrhythmen entsteht ein großer Mobilitätsaufwand, welcher wiederum mit einem beträchtlichen Verkehrsaufwand einhergeht (Schad/Hilti 2015a). In einer beispielhaften Rechnung für ein typisches berufsbezogenes multilokales Wohnen („Wochenpendeln“) kommt man z. B. auf einen Verkehrsaufwand von 6.560 Personenkilometern im Jahr bei 40 Reisen zwischen den Wohnsitzen über eine einfache Distanz von 82 Kilometern. Dies entspricht fast der Hälfte der Kilometer, die eine Einwohnerin oder ein Einwohner der Schweiz im Durchschnitt jährlich im Inland zurücklegt. Bei Partnerschaften „living-apart-together“ kommt es zu einer ähnlich hohen Anzahl von Fahrten zwischen den Wohnsitzen. Die durchschnittlichen Entfernungen sind zwar etwas geringer, die Anzahl an Personen ist dafür höher als beim berufsund ausbildungsbezogenen Wochenpendeln. Die qualitativen Interviews samt Fotodokumentationen zeigen den Facettenreichtum multilokaler Lebensführungen: Multilokales Wohnen erweist sich als eigenständige sozialräumliche Strategie, mittels welcher die so wohnenden Personen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Zwänge in Einklang bringen (wollen). Die Funktionen der jeweiligen Wohnsitze, die sozialen und räumlichen Bezüge sowie die biografischen Implikationen sind vielschichtig und vielfältig. Darüber hinaus wird die zentrale Bedeutung der Mobilität – des Unterwegsseins zwischen den Orten – sichtbar (s. Schad zu Unterwegssein in diesem Band). Damit eng verbunden sind Materialien und Dinge, die multilokal Wohnende begleiten und beschäftigen. Sie helfen dabei, eine solche Lebensführung zu strukturieren und zu stabilisieren (s. Schad zur Akteur-Netzwerk-Theorie in diesem Band). 4 Ausblick Die hier vorgestellte Untersuchung bietet eine Reihe von relevanten Anknüpfungspunkten für die weitere Beschäftigung mit multilokalem Wohnen: Zunächst wäre es interessant, auch für andere Länder fundierte quantitative Abschätzungen vornehmen zu können. Weiters stellen sich zahlreiche praxisnahe Fragen, die bislang nur in Ansätzen thematisiert worden sind. Hier ist insbesondere nach den Auswirkungen des multilokalen Wohnens auf Aspekte der Raumentwicklung zu fragen, etwa den Wohnungsmarkt, das Verkehrswesen, aber auch auf politische Mitbestimmung und bürgerschaftliches Engagement. Speziell in der Schweiz wäre auch zu eruieren, welche Rolle multilokales Wohnen als Treiber für den zunehmenden Wohnflächenverbrauch und die Zersiedelung der Landschaft spielt – aber ebenso welche Bedeutung diese Lebensform für den Erhalt und die Pflege sozialer Beziehungen und damit auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.