Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße
Abstract
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Full text
Wiest, Karin; Kirndörfer, Elisabeth Article Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Wiest, Karin; Kirndörfer, Elisabeth (2019) : Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, Sciendo, Warsaw, Vol. 77, Iss. 6, pp. 583-600, https://doi.org/10.2478/rara-2019-0030 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/222205 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/
Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning, 2019; 77(6): 583–600 Beitrag / Article Open Access Karin Wiest*, Elisabeth Kirndörfer Journal xyz 2017; 1 (2): 122–135 The First Decade (1964-1972) Research Article Max Musterman, Paul Placeholder What Is So Different About Neuroenhancement? Was ist so anders am Neuroenhancement? Pharmacological and Mental Self-transformation in Ethic Comparison Pharmakologische und mentale Selbstveränderung im ethischen Vergleich https://doi.org/10.1515/xyz-2017-0010 received February 9, 2013; accepted March 25, 2013; published online July 12, 2014 Abstract: In the concept of the aesthetic formation of knowledge and its as soon as possible and success-oriented application, insights and profits without the reference to the arguments developed around 1900. The main investigation also includes the period between the entry into force and the presentation in its current version. Their function as part of the literary portrayal and narrative technique. Keywords: Function, transmission, investigation, principal, period Dedicated to Paul Placeholder 1 Studies and Investigations The main investigation also includes the period between the entry into force and the presentation in its current version. Their function as part of the literary portrayal and narrative technique. *Max Musterman: Institute of Marine Biology, National Taiwan Ocean University, 2Pei-Ning Road Keelung 20224, Taiwan (R.O.C), e-mail: [email protected] Paul Placeholder: Institute of Marine Biology, National Taiwan Ocean University, 2Pei-Ning Road Keelung 20224, Taiwan (R.O.C), e-mail: [email protected] Open Access. © 2017 Mustermann and Placeholder, published by De Gruyter. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. Open Access. © 2019 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer, published by Sciendo. This work is licensed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 License. Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße https://doi.org/10.2478/rara-2019-0030 Eingegangen: 11. April 2018; Angenommen: 1. April 2019 *Corresponding author: Dr. Karin Wiest, Leibniz-Institut für Länderkunde, Schongauerstraße 9, 04328 Leipzig, Deutschland, E-mail: [email protected] Dr. Elisabeth Kirndörfer: Leibniz-Institut für Länderkunde, Schongauerstraße 9, 04328 Leipzig, Deutschland Zusammenfassung: Verschiebungen bzw. wechselseitige Bedingtheiten von neuen gesellschaftlichen Einund Ausschlüssen im Prozess der Internationalisierung und Diversifizierung von Städten genauer zu betrachten, ist Ziel dieses Beitrags. Mithilfe der Paradoxie im Sinne eines heuristischen Zugangs werden scheinbar widersprüchliche Einund Ausschlüsse von Migration in einem langjährigen stadtentwicklungspolitischen Schwerpunktraum der Stadt Leipzig untersucht. Eine Analyse der lokalen Berichterstattung und stadtentwicklungspolitischer Dokumente zeigt, dass im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße eine klassische urbane Diskursfigur reproduziert wird. Dabei wird Migration einerseits als produktiver Faktor im Sinne einer ökonomischen Ressource verhandelt und andererseits als Faktor unproduktiver Devianz problematisiert. Da Formen der Inklusion gewünschter Zuwanderung an anderer Stelle an Ausschlüsse und Kontrolle unerwünschter Zuwanderung gekoppelt werden, entstehen paradox erscheinende diskursive Logiken im Umgang mit einem pluralisierten und stark durch Migration geprägten Stadtraum. Der Ausruf einer Parallelwelt, der an eine zu integrierende Migrationsbevölkerung gerichtet ist, sowie die Beschwörung der „Stadt der Vielfalt“, die eher diffus und damit weitestgehend anonym bleibt, stehen jedoch im Widerspruch zu einer allgemeinen Anerkennung migrationsgesellschaftlicher Realität. Trotzdem oder gerade weil Leipzig eine Vorreiterrolle im ostdeutschen Kontext in puncto Migration einnimmt, entbehrt sie (noch) der Selbstverständlichkeit und bleibt eine hochgradig sensible Angelegenheit. Schlüsselwörter: Integrationspolitik, postmigrantische Gesellschaft, Mediendiskurs, Stadtentwicklung, Leipzig, Ostdeutschland Abstract: Urban diversity discourses imply paradoxical configurations which, especially on the level of urban neighbourhoods, can be read as the inclusion of desired migration in connection with the exclusion of non-desired migration. In order to focus on novel shifts or rather the reciprocal conditioning of social inand exclusions in the process of the internationalization and diversification of cities, the authors refer to the notion of paradox in the sense of a heuristic approach. Based on this, the paper examines seemingly contradictory inand exclusions of migration in a long-standing key area of urban development policies. An analysis of the local media coverage and urban development documents demonstrates that in the discourse around Leipzig’s “Eisenbahnstraße”, a classical discursive figure is reproduced. It debates migration on the one hand as economic resource and problematises it, on the other, as a factor of unproductive deviance. Because of the fact that forms of social participation are bound to exclusions and control elsewhere, apparently paradoxical discursive logics emerge in the dealing with a pluralised urban space Paradoxical negotiations of migration in discourses around the Eisenbahnstraße in the city of Leipzig
584 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer 1 Perspektiven auf Migration und die unternehmerische Stadt der Vielfalt Etwa seit den 2000er-Jahren ist der migrationspolitische Diskurs in deutschen Städten durch auffällige Perspektivverschiebungen und integrationspolitische Neuausrichtungen gekennzeichnet. Diese Entwicklungen sind mit einem Bedeutungsgewinn der kommunalen Ebene und mit einem allgemeinen Kurswechsel hin zum Leitbild der unternehmerischen Stadt der Vielfalt verknüpft (Rodatz 2014; Krummacher 2017). Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang die Überwindung eines kulturalistisch geprägten Integrationsverständnisses, das in der Tradition einer nationalstaatlich formulierten ‚Defizitperspektive‘ auf Migration stand (Rodatz 2014; Pütz/Rodatz 2013). Sichtweisen, die Migrationserfahrungen von vorne herein als Problem konzipierten und daraus einen generellen integrationspolitischen Förderbedarf ableiteten, wurden im Zuge dessen abgelöst von der Betonung von Vielfalt als Potenzial städtischer Entwicklungen (Hillmann 2011; Hillmann 2018; Bundesregierung 2007; Bundesregierung 2011). Gleichzeitig beinhaltet dieser diversity turn eine Individualisierung von Integrationsaufgaben, indem er die Erwartung einer gesellschaftlichen Selbsteingliederung der Zuwandernden in den Vordergrund seiner Argumentation stellt und diese zunehmend als zu aktivierende Stadtbürger anspricht. Die stadtentwicklungspolitische Zielsetzung, Segregationserscheinungen zu verhindern und aufzulösen, wird in dieser Logik umgedeutet: So werden durch internationale Migration geprägte Nachbarschaften zunehmend unter dem Aspekt der Stärkung lokaler Gemeinschaften und der Produktivität migrantischer Ökonomien betrachtet. Eine entsprechende kommunalpolitische Neuausrichtung nach dem Motto ‚Integration trotz Segregation‘ birgt jedoch Risiken, die unter anderem in einer Verlagerung gesellschaftlicher Exklusionen bestehen können (Häußermann/Siebel 2007). Eine ökonomisierende Instrumentalisierung von Migration als kulturelles und ökonomisches Kapital im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmensansiedlungen wird daher auch kritisch betrachtet (Rodatz 2014: 36). Insbesondere eine Unterscheidung in nützliche und nicht nützliche Migration, die neue Einund Ausschlüsse produziert, muss in diesem Zusammenhang kritisch gewertet werden. So kann die gezielte Ausrichtung auf den Einschluss der als wirtschaftlich produktiv wahrgenommenen Migration gleichzeitig die Ausgrenzung jener befeuern, die nicht dem dominanten Inwertsetzungsparadigma entsprechen. Der Diskurs um Migration als Ressource der Stadtentwicklung leistet dann unter Umständen Ausschlüssen Vorschub, die über eine Ethnisierung sozialer Probleme praktiziert werden. Diese Problematik kommt unter anderem in Auseinandersetzungen um Fragen der inneren Sicherheit und der kommunalen Ordnungspolitik zum Ausdruck, die häufig in urbane Aufwertungsstrategien eingelagert sind. Vor diesem Hintergrund liegt dem vorliegenden Beitrag die These zugrunde, dass durch die zunehmende Pluralisierung und Internationalisierung der Gesellschaft neue, scheinbar widersprüchliche Aushandlungen um das Thema Migration an Relevanz in städtischen Diskursen gewonnen haben (Espahangizi/Hess/Karakayali et al. 2016). Entsprechende paradoxe Logiken, wie die Exklusion nichterwünschter Migration bei gleichzeitiger Inklusion von erwünschter Migration, werden im vorliegenden Beitrag als „inclusion through exclusion“ (De Genova 2008) bzw. „inklusive Exklusion“ bezeichnet. Konkret steht damit das Verhältnis, das zwischen der als wirtschaftlich produktiv angesehenen Migration und der als sozial prekärer geltenden Migration gesetzt wird, im Mittelpunkt der Analyse. Der Beitrag basiert auf Ergebnissen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojektes zum Umgang mit Vielfalt in städtischen Kontexten.1 1 Das DFG-Projekt „Lokal gestrandet, global vernetzt? Umgang mit Vielfalt an den gesellschaftlichen Rändern der postmigrantischen strongly shaped through migration. The fact that the invocation of a “parallel world” is explicitly directed towards a migrant population while the discourse on the “city of diversity” remains diffuse and largely anonymous, contradicts the general recognition of the realities of plural immigration societies. Despite or rather due to Leipzig’s pioneering role as regards to migration in the Eastern German context, migration (still) lacks the matter of course and remains a highly sensitive issue. Keywords: Integration policies, Postmigrant society, Media discourse, Urban development, Leipzig, Eastern Germany
Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße 585 Im Folgenden wird in Kapitel 2.1 zunächst dargelegt, warum der Begriff der Paradoxie als eine hilfreiche Heuristik dienen kann, um die widersprüchlichen Logiken im gegenwärtigen Umgang mit dem Thema Migration aufzuschließen. Als empirisches Fallbeispiel steht mit dem Gebiet um die Eisenbahnstraße ein stadtentwicklungspolitischer Schwerpunktraum der Stadt Leipzig im Fokus der Betrachtung (Kapitel 2.2). Um das Fallbeispiel in seinen gesamtstädtischen Kontext einordnen zu können, werden in Kapitel 3 zentrale Merkmale der Leipziger Migrationsgeschichte und der kommunalen Integrationspolitik dargestellt. Im empirischen Teil (Kapitel 4) werden diskursive Logiken einer ‚inklusiven Exklusion‘ von Migration auf der Grundlage der medialen Berichterstattung und stadtentwicklungspolitischer Aussagen über die Eisenbahnstraße analysiert. Während in Kapitel 4.2 zunächst die medialen Konstruktionen migrantisch markierter Akteure beleuchtet werden, liegt der Analysefokus in Kapitel 4.3 auf den an den Faktor Migration geknüpften Imaginationen von Stadtgesellschaft und urbanem Zusammenleben. Diese Ergebnisse werden in Kapitel 5 mit einem besonderen Fokus auf multiskalare Aushandlungen von Migration im ostdeutschen Kontext zusammengefasst. 2 Charakterisierung von Paradoxien postmigrantischer Stadtgesellschaften 2.1 Zum Begriff der Paradoxie Um neuartige Verschiebungen bzw. Gleichzeitigkeiten von gesellschaftlichen Einund Ausschlüssen im Prozess der Internationalisierung und Diversifizierung von Städten genauer zu betrachten, wird im Folgenden auf den Begriff der „Paradoxie“ im Sinne einer „Heuristik für die empirische, rekonstruktive Aufschließung typischer Gegenwartsphänomene“ (Honneth/Sutterlüty 2011: 69; vgl. Kemper/Vogelpohl 2013: 223) zurückgegriffen. Ziel ist es dabei, nicht nur Paradoxien im Sinne eines breiten Begriffsverständnisses zu nutzen, „um Dissonanzen, Spannungen, Widersprüche zwischen zwei (und mehr) Sachverhalten […] ansprechen und untersuchen zu können“ (Kemper/Vogelpohl 2013: 221). Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Logiken und Stadt“ wurde von 2016 bis 2019 am Leibniz-Institut für Länderkunde bearbeitet. Phänomenen im Kontext urbaner Vielfaltsdiskurse soll sich vielmehr an einem engen Paradoxie-Verständnis orientieren. Ziel der Analyse ist es demnach, zunächst die Voraussetzungen bzw. Grundlagen zu rekonstruieren, aus denen scheinbar widersinnige Erscheinungen im Diskurs um Integration und Vielfalt resultieren, und zu zeigen, „dass und wie das widersprüchliche Zueinander durch ein und denselben Prozess zustande gekommen ist“ (Hartmann 2002: 237). Auf einer sehr allgemeinen Ebene lässt sich dieser Prozess, auf dem die oben angedeutete paradoxe Diskurskonfiguration inklusiver Exklusionen von Migration beruht, als gesellschaftliche Pluralisierung infolge von Migrationsbewegungen bezeichnen. Die Debatte um das Postmigrantische greift diese gesellschaftliche Transformation auf. Sie rückt „[…] die empirische Tatsache ins Zentrum […], dass Migration nicht als Ausnahme von nationalen Vergesellschaftungsprozessen begriffen werden kann, sondern zentrale Normalität von Gesellschaft ist“ (Espahangizi/Hess/ Karakayali et al. 2016: 15). So haben die „Bewegungen der Migration […] zu einer umfassenden Pluralisierung der Gesellschaft und der gelebten Selbstverständlichkeit von Mehrfachzugehörigkeiten geführt“ (Espahangizi/ Hess/Karakayali et al. 2016: 15). Diese Pluralisierung als übergreifender gesellschaftlicher Prozess bringt jedoch zweierlei sich scheinbar widersinnig zueinander verhaltende Effekte hervor: Einerseits „neue Partizipationsmöglichkeiten von (ehemals) Eingewanderten und ihren Nachkommen, wie auch neue Möglichkeiten, Diskriminierung und rassistische Ausschlüsse zurückzuweisen und juristisch zu bekämpfen“ (Espahangizi/Hess/Karakayali et al. 2016: 15). Andererseits bringt die pluralisierte Gesellschaft auch neuartige Formen der Exklusion und Praktiken der Regulierung und Kontrolle von migrationsbedingten Dynamiken hervor. Aus der Perspektive der Postmigration ist die durch Migration geprägte plurale Gesellschaft eine, „in der die institutionelle und alltägliche Reproduktion von Rassismus nicht einfach verschwindet, sondern neue Formen und Wege nimmt“ (Espahangizi/Hess/Karakayali et al. 2016: 15). Vertreter der postmigrantischen Perspektive plädieren deshalb dafür, „den Standpunkt der Migration selbst einzunehmen und sie als eine zentrale, die gesamte Gesellschaft prägende und verändernde Dynamik darzustellen“ (Hess 2015: 60). Gleichzeitig begreifen sie Migration als ein „sozial hergestelltes und vermitteltes Verhältnis“, das es ohne „die diversen Politiken und Versuche, sie zu steuern, zu verwalten, zu vermessen, zu bebildern und zu deuten“ (Hess 2015: 60) nicht geben würde. Vor diesem Hintergrund sollen im Folgenden entsprechende
586 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer Widersprüche im Kontext urbaner Vielfaltsdebatten an einem konkreten Fallbeispiel herausgearbeitet werden. Im medialen und kommunalpolitischen Diskurs um den sozialräumlichen Wandel des Leipziger Ostens und hier insbesondere im Gebiet um die Eisenbahnstraße, sind die skizzierten paradoxen Aushandlungen von Migration in besonderer Weise zu identifizieren. 2.2 Gründe für die Auswahl des Fallbeispiels Eisenbahnstraße und Fragestellung Während die Auseinandersetzung mit kommunalen Integrationsund Migrationspolitiken in westdeutschen Städten bereits eine längere Tradition aufweist, standen entsprechende Politiken in ostdeutschen Kommunen, vor allem bedingt durch die lange Zeit vorherrschende Abwanderungsproblematik, bislang erst wenig im Fokus. Sowohl ein angenommener ‚Nachholbedarf‘ in Sachen kommunaler Migrationsund Integrationspolitik als auch die öffentliche Debatte um eine geringe Toleranz und ausgeprägtere Formen des Rassismus verweisen auf einen erhöhten Forschungsbedarf im Gebiet der neuen Bundesländer (Münch 2013). Die Stadt Leipzig, deren demographische Entwicklung zum einen durch starke Abwanderungsprozesse in der Nachwendezeit geprägt war, die aber gegenwärtig durch starkes Einwohnerwachstum gekennzeichnet ist und im ostdeutschen Kontext als Vorreiter in Sachen internationale Zuwanderung gilt, wird in diesem Zusammenhang als ein lohnendes Untersuchungsbeispiel betrachtet. Politische und mediale Aushandlungen um den Faktor Migration fokussieren sich dabei innerhalb der Stadt in besonderer Weise auf das Gebiet um die Eisenbahnstraße im östlichen Innenstadtrandbereich (vgl. Abbildung 1). Dieser Stadtraum ist einerseits ein langjähriger Schwerpunktraum der Leipziger Stadtentwicklung mit dem Ziel, bauliche und soziale Aufwertungen zu initiieren. Andererseits repräsentiert das Gebiet etwa seit Ende der 1990erJahre einen zentralen Anziehungspunkt der internationalen Migration (Stadt Leipzig 2013b) und wird dadurch als eine Art Ausnahmephänomen innerhalb der neuen Bundesländer wahrgenommen. Die dort anzutreffende und für Städte in Ostdeutschland als untypisch geltende Situation wird in den überregionalen Medien unter anderem folgendermaßen charakterisiert: „Dort, im türkischen Café Brothers, sitzt man im Zentrum der Anomalie, wie es sie kein zweites Mal gibt im deutschen Osten. Diese Anomalie heißt Eisenbahnstraße, sie ist etwa 1,4 Kilometer lang und Meldeadresse von Anwohnern aus mehr als 70 Nationen“ (Pollmer 2017: 3). Innerhalb Leipzigs wird das Gebiet um die Eisenbahnstraße, nicht zuletzt bedingt durch den überdurchschnittlich hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund, als problematisch und sozial abgewertet stigmatisiert. Gleichzeitig ist es zunehmend in den Fokus von Investoreninteressen und Aufwertungsstrategien geraten. Im vorliegenden Beitrag wird die Aushandlung und Problematisierung von Migration im medialen und lokalpolitischen Umgang mit dem Quartier unter folgenden Fragestellungen analysiert: –Welche scheinbar widersprüchlichen gesellschaftlichen Einund Ausschlüsse werden durch unterschiedliche diskursive Verknüpfungen von migrantisch markierten Akteuren mit dem Gebiet um die Eisenbahnstraße erzeugt? –In welchem Verhältnis stehen diese Inund Exklusionen zueinander und inwieweit bedingen sie sich – im Sinne eines engen Paradoxieverständnisses – gegenseitig? Unserer Analyse liegt die These zugrunde, dass entsprechende Aushandlungen von Migration im Gebiet um die Eisenbahnstraße erst in ihrem gesamtstädtischen Kontext nachvollziehbar werden. Daher wird im folgenden Kapitel zunächst ein kurzer Überblick über die Migrationsgeschichte der Stadt Leipzig und die Etablierung der kommunalen Integrationspolitik seit der Wiedervereinigung gegeben. 3 Leipzig im ostdeutschen Kontext – Vorreiter und Sonderfall in Sachen Migration In der Leipziger Stadtentwicklungspolitik haben die Themen Migration und Integration in den letzten Jahren deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen (Budnik/Großmann/Haase et al. 2017: 45 f.). Dieses Interesse, das mit veränderten Perspektiven auf die Stadtgesellschaft und neuen planungspolitischen Aufgaben verknüpft ist, steht im deutlichen Zusammenhang mit spezifischen Umbrüchen in Leipzigs demographischer Entwicklung.
Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße 587 3.1 Demographische Rahmenbedingungen Bis Ende der 1990er-Jahre hatte Leipzig mit den für ostdeutsche Kommunen typischen Strukturproblemen zu kämpfen, die mit starken Abwanderungsbewegungen einhergingen und mit einem stagnierend geringen Migrantenanteil verbunden waren. Darüber hinaus lagen die geringen Anteile an Stadtbewohnern internationaler Herkunft auch in den Nachwirkungen der Migrationspolitik der DDR begründet, die Zuwanderung aus dem Ausland sehr restriktiv handhabte und nur zeitlich befristet ermöglichte (vgl. z. B. Philipps/Rink 2009: 400; Münch 2013: 263). Vor dem Hintergrund massiver Schrumpfungserfahrungen in den 1990er-Jahren und dem Eindruck einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung wurde der Stellenwert der internationalen Zuwanderung in der Stadtentwicklungspolitik bis in die 2000er-Jahre, im Unterschied zu den Erfahrungen westdeutscher Kommunen, zunächst als eine wichtige Option im Kampf gegen Leerstände und Verödung wahrgenommen (z. B. Stadt Leipzig 2006: 7; Stadt Leipzig 2013a: 29). In den frühen 2000er-Jahren änderten sich jedoch die stadtentwicklungspolitischen Rahmenbedingungen mit langsam steigenden Einwohnerzahlen. Heute gilt Leipzig mit einem jährlichen Wanderungsgewinn von mehr als 10.000 Einwohnern als die derzeit am schnellsten wachsende Großstadt Deutschlands. Gleichzeitig hat sich die soziale Zusammensetzung der Zuwandernden gewandelt. Während in den 1990er-Jahren vor allem Zuzüge aus den neuen und alten Bundesländern dominierten, wird die Stadt insbesondere seit 2010 im starken Maße durch internationale Wanderungsbewegungen geprägt. So ist der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren deutlich angestiegen (2000: 6 %, 2010: 8 %, 2014: 11 %, 2017: 14 %).2 Besonders bemerkenswert ist die starke Verjüngung der Stadtbevölkerung durch die internationale Migration. Durch das ausgeprägte Geburtendefizit der letzten Jahrzehnte und die langjährigen negativen Wanderungssalden vor allem in den 1990er-Jahren zeichnet sich die Leipziger Bevölkerung, die in der amtlichen Statistik „ohne Migrationshintergrund“ geführt wird, durch ein relativ hohes Durchschnittsalter aus (2015: 44,5 Jahre). Demgegenüber steht das mit 31 Jahren geringe Durchschnittsalter der statistisch als Migranten geführten Bevölkerungsteile (Stadt Leipzig 2016: 10). Im Unterschied zur Situation in westdeutschen Städten sind die Vertreter der zweiten und dritten Migrantengenerationen in Leipzig unterrepräsentiert. Diese spezifischen demo2 Mitteilung des Amtes für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig. graphischen Gegebenheiten lassen sich dahingehend auslegen, dass internationale Migration in Leipzig (noch) in stärkerem Maße dazu prädestiniert ist, als Abweichung von der gesamtstädtischen Norm interpretiert zu werden. Diese Annahme wird durch ausgeprägte Segregationstendenzen innerhalb Leipzigs unterstrichen. So ist im Vergleich deutscher Großstädte eine Ungleichverteilung auf der Grundlage sozialstatistischer Indikatoren wie Arbeitslosenquote und Bildungsabschlüssen, aber auch der Bewohner mit Migrationshintergrund in ostdeutschen Städten wie Leipzig besonders stark nachweisbar (Dohnke/Seidel-Schulze/Häußermann 2012; Helbig/Jähnen 2018). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass, obwohl der Anteil an Einwohnern mit ausländischem Pass oder Migrationshintergrund in Leipzig im Bundesvergleich immer noch niedrig ausfällt, keine andere ostdeutsche Großstadt – mit Ausnahme von Berlin – einen höheren Anteil an Bewohnern internationaler Herkunft vorzuweisen hat.3 Die Kommune hat sich dementsprechend in puncto internationale Zuwanderung zunehmend zum Vorreiter innerhalb der neuen Bundesländer entwickelt. 3.2 Kommunale Strategien: Sozialraumfokussierung und Potenzialdiskurs Als eine Reaktion auf die wachsende Bedeutung migrationspolitischer Fragestellungen in der Leipziger Kommunalpolitik können die am 19. Januar 2011 beschlossenen „Leitlinien zur Integration der Migrantinnen und Migranten“ betrachtet werden. Im Jahr 2013 kann die Stadt dann auch ihr erstes übergreifendes Integrationskonzept vorweisen (Stadt Leipzig 2013a). Die darin formulierten Handlungsfelder greifen im Sinne der Potenzial-, Netzwerkund Sozialraumorientierung zentrale Trends der kommunalen Steuerung von Integration entsprechend dem Leitbild der unternehmerischen Stadt der Vielfalt auf (vgl. Pütz/Rodatz 2013). Gleichzeitig beziehen sich alle strategischen Zielbereiche der Stadtentwicklung, wie die Verbesserung der Lebensqualität, ein Bestehen im Wettbewerb, die Stärkung der Internationalität sowie die Sicherung der sozialen Stabilität, auch auf Fragen der Integration von Migranten und der Interkulturalität (Stadt Leipzig 2013a: 6; Stadt Leipzig 2017). Integration ist so in Leipzig zu einer Querschnittsaufgabe geworden, 3 Vgl. https://service.destatis.de/DE/karten/migration_integration_ regionen.html (08.02.2019).
588 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer „die alle Bereiche der Stadtentwicklung umfasst“ (Stadt Leipzig 2009: 12). Zuwanderung als demographischer und ökonomischer Wachstumsfaktor Das Leitbild der „weltoffenen und toleranten Stadt“ wird im Kontext der Leipziger Integrationsund Stadtentwicklungspolitik oft als eine zentrale Bezugsgröße kommunalpolitischen Argumentierens herangezogen (z. B. Stadt Leipzig 2006). Historisch untermauert wird dieses Bild unter anderem mit der traditionellen Messeund Handelsfunktion der Stadt, die Leipzig bereits vor der Wiedervereinigung als internationaler orientiert als den Rest der DDR erscheinen ließ. Mit dem strategischen Ziel, Internationalität zu stärken und sich klar als progressive europäische Großstadt zu positionieren, wird in starkem Maße auf die positive Bedeutung von Zuwanderung im Allgemeinen und internationaler Migration im Speziellen im Sinne des Potenzialdiskurses abgehoben (Stadt Leipzig 2017: A-15). Bereits im Bericht des Ausländerbeauftragten von 2006 und unter dem starken Eindruck demographischer Schrumpfungserfahrungen wurden die Bedeutsamkeit und Notwendigkeit der internationalen Zuwanderung vor allem mit zunehmenden Zwängen der zwischenstädtischen Konkurrenz begründet. „Angesichts der Globalisierung der Wirtschaft und der demografischen Entwicklung muss sich die Stadt Leipzig verstärkt den Herausforderungen der gegenwärtigen und zukünftigen Integration von Migrant/-innen stellen, will sie im internationalen Wettbewerb der Städte und Regionen bestehen. Denn ein weltoffenes, integrationsfreundliches Klima und die interkulturellen Angebote einer Stadt sind ‚weiche‘ Standortfaktoren, die man nicht unterschätzen darf“ (Stadt Leipzig 2006: 65). Gleichzeitig verdeutlichen Integrationsund Stadtentwicklungskonzepte, dass Fragen der Integration und Migration in starkem Maße unter ökonomischen Aspekten verhandelt werden, nämlich im Hinblick auf das gesamtstädtische Image, die nationale und internationale Sichtbarkeit sowie in Bezug auf Unternehmensansiedlungen und Fachkräftezuzug (z. B. Stadt Leipzig 2013a: 29 ff.; Stadt Leipzig 2013b: 27 ff.). Die Realisierung von Weltoffenheit und Toleranz, auf die sich die strategischen Konzepte beziehen, wird dabei an eine vorausgesetzte Existenz gemeinsamer, gesellschaftlich geteilter Werte und Normen gekoppelt. Offen bleibt dabei, nicht zuletzt unter dem Aspekt einer umstrittenen einseitigen Anpassung der Migranten an eine vermeintliche Mehrheitsgesellschaft (Terkessidis 2010), die Frage nach dem grundsätzlichen Verständnis gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation innerhalb der Leipziger Stadtgesellschaft. Sozialraumorientierung: Das Programmgebiet „Leipziger Osten“ im Fokus Entsprechend dem Leitmotiv „Integration findet vor Ort statt“ repräsentiert auch in Leipzig die Ebene des Quartiers die zentrale integrationspolitische Handlungsebene (Bommes 2008; Leipzig 2017: C 2-5 12). Diese sozialraumorientierte Integrationspolitik setzt unter dem Gesichtspunkt der sozialen Stabilität und der Quartiersentwicklung zunehmend auf die Aktivierung von lokalen Akteuren, Netzwerken und Gemeinschaften und wird unmittelbar mit wirtschaftlicher Prosperität in Beziehung gesetzt (Stadt Leipzig 2009: 45 f.; Stadt Leipzig 2013a: 60). Entsprechende stadtentwicklungspolitische Perspektiven auf internationale Migration fokussieren in Leipzig in starkem Maße auf den Programmraum Leipziger Osten und hier besonders auf das Gebiet um die Eisenbahnstraße (vgl. Abbildung 1). Hier wurden zunehmend ab der Jahrtausendwende über eine Kombination aus unterschiedlichen Förderprogrammen entscheidende soziale und bauliche Veränderungen in Gang gesetzt. Ein zentrales Instrument stellt diesbezüglich die Aufnahme des Gebietes im Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ ab 1999 dar. Die damit verbundene Förderung aus EFRE4Mitteln (2000) sowie Förderungen über das Bundesprogramm „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier (BIWAQ)“ gaben einen wichtigen Anschub für die Stadtteilentwicklung. Neben baulichen Maßnahmen zur Verbesserung des Erscheinungsbildes und des Stadtteilimages zielten die Maßnahmen insbesondere auf die Aktivierung der lokalen Bevölkerung sowie auf die Vernetzung lokaler Akteure ab (Gerkens/Hochtritt 2010: 229 ff.). Darin kündigt sich bereits eine für die Soziale-Stadt-Programmatik typische Perspektivverschiebung an. So wird eine Gleichsetzung der Hauptzielorte der Migration mit ‚Problemorten‘ zunehmend kritisch hinterfragt und in stärkerem Maße auf den Einbezug und die Aktivierung von Bewohnern gesetzt, wie zum Beispiel über die Förderung von sozialen und kulturellen Initiativen oder von Unternehmensgründungen (Weber 2013; Beer 2015). Im Leipziger Osten wird in diesem Zusammenhang insbesondere den sogenannten migrantischen Ökonomien eine große Bedeutung zugeschrieben. Deren Leistungs4 EFRE = Europäischer Fonds für regionale Entwicklung
Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße 589 Abbildung 1: Internationale Wanderungsdynamik auf der Ebene der Ortsteile und Lage des Programmraums „Leipziger Osten“
590 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer vermögen soll für die Quartiersentwicklung gezielt eingesetzt und im Sinne der Wertschöpfungskette der Stadt aktiviert werden (Stadt Leipzig 2013b: 27). Gleichzeitig wird am Beispiel dieses Programmgebietes deutlich, dass sich die dem Paradigma der Vielfaltspolitik und der Potenzialorientierung folgenden Integrationsstrategien weiterhin mit Perspektiven überlagern, die auf die Steuerung eines Defizitraumes ausgerichtet sind. Entsprechende Mehrdeutigkeiten zwischen einerseits Problemraum, andererseits „Integrationstor“ (Stadt Leipzig 2013b: 77) bzw. erwünschtem „Ankunftsquartier“, das den Übergang der Zuwandernden in die Stadtgesellschaft erst möglich macht, liegen unter anderem dem von der EU geförderten und quartiersbezogenen Projekt „Arbeitsläden – Schnittstelle für neue Arbeit im Quartier“ zugrunde: „Der Leipziger Osten fungiert heute als ‚Ankommensstadtteil‘ und bildet quasi das Integrationstor zur Stadt Leipzig: Neuankömmlinge lassen sich hier nieder, bauen eine Existenz auf, finden Arbeit und verlassen den Stadtteil, sobald sie dazu wirtschaftlich in der Lage sind. Vor Ort verbleiben die wirtschaftlich Schwachen und es folgen weitere Neuankömmlinge“ (Behling 2019: 80). Entsprechende Perspektiven sowie eine Art Akzeptanz bereits eingetretener Segregationserscheinungen kommen auch im Leipziger Integrationskonzept zum Ausdruck, wenn es um die sozialräumlichen Prozesse in diesem Stadtraum geht (Stadt Leipzig 2013a: 61). Der öffentliche, das heißt der mediale und kommunalpolitische Diskurs um den Leipziger Osten thematisiert bzw. problematisiert somit nicht nur städtebauliche und gesellschaftliche Verhältnisse, sondern transportiert die Präsenz von Migrationsphänomenen implizit bzw. explizit weiterhin mit (Geisen/Riegel/Yildiz 2017: 4). Trotz einer allgemeinen programmatischen Bejahung von Vielfalt werden, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird, auf diese Weise ungewollt neue gesellschaftliche Einund Ausschlüsse reproduziert. 4 Dynamiken der „inklusiven Exklusion“ am Beispiel des Diskursraumes Leipziger Osten Ausgehend von wechselseitigen Einflüssen zwischen medialen und stadtentwicklungspolitischen Diskursen bilden im Folgenden Dokumente der Stadtentwicklungspolitik und Zeitungsartikel über die Leipziger Eisenbahnstraße die empirische Basis der Analyse. Da den Medien in den öffentlichen Debatten eine zentrale Position bei der Aufmerksamkeitsgenerierung um einzelne Stadträume zukommt (Friedrich 2017: 116), erfolgt zunächst ein quantitativer Überblick über die Entwicklung der Intensität und die thematische Ausrichtung der medialen Berichterstattung. Im Anschluss werden ausgewählte Zeitungsartikel sowie eine Multimedia-Reportage vertieft analysiert und stadtentwicklungspolitischen Aussagen gegenübergestellt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen unter anderem Fragen nach den paradoxen Wechselbeziehungen und Bedingtheiten zwischen quartiersbezogenen Aufwertungspolitiken im Gebiet um die Eisenbahnstraße, der allgemeinen Bejahung von Vielfalt im öffentlichen Diskurs und den Mechanismen einer „inklusiven Exklusion“ von Migration unter sozial individualisierenden Bedingungen. 4.1 Empirische Grundlage und Aushandlungsfelder im öffentlichen Diskurs Entsprechend den dargestellten demographischen und stadtentwicklungspolitischen Entwicklungen in Leipzig, die vor allem ab 2010 eine wachsende Bedeutung migrationspolitischer Fragestellungen erkennen lassen (vgl. Kapitel 3.2), fokussiert sich die folgende Betrachtung auf die lokale Berichterstattung der Jahre 2010 bis einschließlich 2016. Für diesen Zeitraum wurde unter den Schlagworten „Migra*tion“, „Integration“ und „Vielfalt“ eine Recherche in lokalen Zeitungsmedien durchgeführt. Von den insgesamt rund 1.000 Zeitungsartikeln, die diesbezüglich in einem lokalen, Leipzig-spezifischen Kontext der Berichterstattung standen, thematisiert etwa ein Drittel (289 Artikel) Ereignisse im Gebiet um die Eisenbahnstraße. Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) als einzige lokale Tageszeitung Leipzigs sowie die seit 2004 erscheinende Leipziger Internetzeitung (L-IZ) als erste internet basierte tagesaktuelle Regionalzeitung wurden dabei als wichtigste Medien herangezogen. Die lokale Berichterstattung wurde durch einzelne Reportagen in überregionalen Zeitungen (z. B. Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, taz, Neues Deutschland) und im Fernsehen (ProSieben, ZDF) ergänzt. Diese reflektieren nicht zuletzt die überlokale Aufmerksamkeit, die der Eisenbahnstraße von journalistischer Seite zugeschrieben wird. Die quantifizierende Darstellung der Berichterstattung zeigt, wie intensiv im untersuchten Zeitabschnitt berichtet wurde und in welchen Kontexten dieser Stadtraum thematisiert wurde. Abbildung 2 lässt ab 2013 eine deutlich ansteigende Anzahl an Artikeln erkennen. Mit Berichten über eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen zwei Familien im Sommer 2014 erreichte das
Paradoxe Aushandlungen von Migration im Diskurs um die Leipziger Eisenbahnstraße 597 folgenden Zeitungsinterviews mit dem Leipziger Ordnungsbürgermeister veranschaulichen. Der Journalist stellt einleitend fest, dass „das Areal um die Eisenbahnstraße […] als Multi-Kulti-Viertel [gilt]“ und fragt dann mit Verweis auf „Auseinandersetzungen auf der Eisenbahnstraße“, ob das Konzept gescheitert sei. Der Stadtpolitiker kontert zunächst mit einem Verweis darauf, dass „Leipzig […] eine vielfältige Stadt [ist]“, und dass „diese Vielfalt […] unsere Stadtgesellschaft an vielen Stellen ungemein [bereichert]“ (Orbeck 2014: 15). Der Stadtraum um die Eisenbahnstraße wird hier zunächst zu einem Vorzeigebeispiel für Leipzigs Weltoffenheit. Gleichzeitig ist der diskursive Einschluss von „Multi-Kulti“ im Sinne von „Vielfalt als Bereicherung“ als ein auszeichnendes Merkmal der Stadt an eine Bedingung gebunden, nämlich die „optimale Integration von ausländischen Mitbürgern“ (Orbeck 2014: 15). Auch der stadtpolitische Akteur bedient sich also des mit dem Thema urbaner Sicherheit verschränkten Diskursstranges, in dem Migration als von außen kommendes Phänomen, das das Gleichgewicht des urbanen Gefüges gefährde, reproduziert wird. Gleichzeitig ist er sich der Ressource, die die „Vielfalt“ für die Stadt darstellt, bewusst und legitimiert Leipzig als „vielfältige Stadt“. Wie sich diese jeweils an bestimmte Bedingungen und Grenzen des Sagbaren geknüpfte Aushandlung von Zuwanderung und Migration im Spannungsfeld Problem/ Potenzial je nach Betrachtungsebene verschieben kann, veranschaulicht eine Reportage aus der Wochenzeitung „Die Zeit“. Zwar wird der Faktor Migration in diesem Zitat nicht explizit erwähnt, er versteckt sich jedoch im Zuwachs der Stadtbevölkerung, der quasi kausal mit dem Zuwachs der Kriminalität in Beziehung gesetzt wird. Die Fremdheit und fehlende Zugehörigkeit zur Leipziger Stadtgesellschaft einer quartiersbezogenen Parallelwelt kann in dieser Sicht paradoxerweise zum Nachweis dafür werden, eine ‚echte‘ Großstadt zu sein: „Damals entwickelten Sozialwissenschaftler die These, dass Leipzig eben auf dem Weg zu einer Großstadt sei – mit allen Vorund Nachteilen: Zur Urbanität gehört Kriminalität. Je mehr Bewohner, desto mehr Ganoven. […] Leipzig sei die ‚Kriminalitätshochburg‘ der neuen Länder, mit weit über 100.000 Straftaten im Jahr, mit den meisten Wohnungseinbrüchen, den heftigsten Bandenkriegen, den schlimmsten Schlägereien. Die Eisenbahnstraße ist dabei womöglich die Straße, in der sich all das verdichtet“ (Machowecz 2016: 9). Im zwischenstädtischen Vergleich wird das ‚Problem Eisenbahnstraße‘ hier zu einem Distinktionsmerkmal und damit in eine diskursive Strategie, die auf einen Provinzialitätsverdacht reagiert, eingewoben. Exkludierende Diskursdynamiken, wie sie sich im ParallelweltDiskurs verdichten, werden somit paradoxerweise zum Einschlussmarker für die Zugehörigkeit zur Liga ‚echter‘ Großstädte. Auf diese Weise kann die Eisenbahnstraße als Anziehungspunkt internationaler Zuwanderung – sowohl negativ im Kontext des Kriminalitätsdiskurses als auch tendenziell positiv im Bild vom multikulturellen Stadtteilleben – zu einem Nachweis für Leipzigs Bedeutung im überregionalen Kontext werden. Zusammenfassend lässt sich über das Zusammenwirken von medialen Aushandlungen und stadt(entwicklungs-)politischen Umgangsweisen mit dem Leipziger Osten festhalten: Mediale Skandalisierung und stadtentwicklungspolitische Implementierung in Sachen Sicherheit, aber auch Bildung und Soziales, stehen in einem produktiven Wechselverhältnis zueinander. Berichterstattungen generieren Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse. Dies begünstigt den verstärkten Einsatz staatlicher Mittel und Maßnahmen, wie z. B. die Einrichtung des Polizeipostens im Jahr 2014 und zahllose Förderprojekte (vgl. Kapitel 3.2). Gleichzeitig leistet diese Art der Aufmerksamkeitsgenerierung und die damit verknüpfte Etikettierung von Quartieren als ‚gefährliche Räume‘ tendenziell einer restriktiveren Politik Vorschub (Tsianos/Ronneberger 2012). Voraussetzung dafür, dass das multikulturelle Zusammenleben gelingt, ist die Kontrolle der Situation – so der Tenor eines Teils der öffentlichen Debatte, der sich letztendlich in der jüngsten Ausweisung einer sogenannten Waffenverbotszone8 in diesem Stadtraum niedergeschlagen hat. 5 Zusammenfassung und Fazit Ziel dieses Beitrags war es, sich jenen diskursiven Mechanismen gesellschaftlicher Inund Exklusion anzunähern, durch die urbane Vielfaltsdiskurse als paradox erscheinen bzw. als „paradoxe Verläufe gesellschaftlicher Entwicklung zu konstatieren sind“ (Kemper/Vogelpohl 2013: 223). Ein enges Paradoxieverständnis, das im Sinne einer Heuristik für die Analyse von kommunalpolitischen Argumentationen und medialen Berichterstattungen über den Leipziger Osten aufgegriffen wurde, ermöglicht es hier, das gesellschaftliche Ringen 8 In dieser ersten Waffenverbotszone Sachsens gilt seit 5. November 2018 ein grundsätzliches Verbot des Mitführens von Schusswaffen, Messern, Reizstoffsprühgeräten sowie anderen gefährlichen Gegenständen. Ermöglicht werden dadurch insbesondere verdachtsunabhängige Kontrollen durch die Polizei.
598 Karin Wiest, Elisabeth Kirndörfer um Migration vor allem entlang der Diskurskomponenten „Inwertsetzung“ und „Kontrolle“ näher zu bestimmen. Als grundlegender Prozess, durch den das widersprüchliche Zueinander im lokalen Diskurs um Migration zustande kommt, ist Leipzigs Entwicklung zu einer wachsenden Stadt auszumachen, die immer stärker durch internationale Zuwanderung und Diversifizierung geprägt ist. Grundsätzlich zeigt sich sowohl von kommunalpolitischer Seite als auch in der medialen Orientierung, dass das Thema Zuwanderung im Sinne von Einwohnerwachstum in Leipzig positiv besetzt ist. Gleichzeitig wird eine stark auf das Areal um die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten fokussierte und hier problematisierende Auseinandersetzung mit dem Thema Migration deutlich. Das Gebiet ist innerhalb Leipzigs quasi zu einem Prototyp für die im Kontext von internationalen Zuwanderungen wahrgenommenen Probleme, Chancen und Gefahren geworden. Dem Stadtraum und seinen Bewohnern wird im öffentlichen Diskurs tendenziell eine exkludierende Sonderstellung – im Sinne einer Abweichung von der Norm – innerhalb der Leipziger Stadtgesellschaft zugewiesen. Dabei lassen sich zwei zentrale und sich gegenseitig bedingende Zuschreibungen ausmachen: Migrantische Gewerbetreibende werden in diesem Gebiet, das lange Jahre unter anderem durch ausgeprägten Leerstand geprägt war, als hilfreiche Akteure – quasi als Retter in der Not – adressiert. Daneben werden im Diskurs um die Eisenbahnstraße Migrationserfahrungen im Kontext von kriminell-devianten Erscheinungen sichtbar gemacht. Hier scheint – im Sinne eines engen Paradoxieverständnisses gelesen – eine tendenziell ökonomisch argumentierende Inklusion der migrantischen Gewerbetreibenden gleichzeitig eine besonders radikale Grenzziehung gegenüber einer migrantisch markierten Kriminalität hervorzubringen. Im Zuge der aktuell fortschreitenden Gebietsaufwertungen und der Neuzuzüge in diesen Stadtteil stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit die positiven Anrufungen des zum Teil prekären migrantischen Gewerbes in Zukunft weiterhin Bestandteil des potenzialorientierten Vielfaltsdiskurses bleiben werden bzw. inwieweit hier neue (ausgrenzende) Diskursverschiebungen an Bedeutung gewinnen werden. Die paradoxe Anrufung, die Migration einerseits ‚feiert‘, andererseits aber ‚dämonisiert‘, scheint einer Entpolitisierung Vorschub zu leisten, die eine diskursive Erweiterung im Sinne einer allgemeinen Anerkennung migrationsgesellschaftlicher Realität in der Stadt eher hemmt. Erklären lässt sich dies unter anderem damit, dass der Begriff „Vielfalt“, im Sinne von Kultur, weitestgehend unpolitisch gebraucht wird. Er bleibt diffus und wird im Allgemeinen anonym verwendet. Ähnliches gilt in abgewandelter Form auch für den Parallelweltdiskurs, denn auch hier werden kaum die politischen und sozialen Hintergründe, die das Entstehen von Kriminalität und Gewalt begünstigen, thematisiert. Vielmehr wird durch ethnisierende Bezüge komplexitätsreduzierenden Scheinerklärungen Vorschub geleistet. Die gegenseitigen Bedingtheiten von diskursiven Einund Ausschlüssen zeigen sich nicht nur auf lokaler, sondern auch auf überlokaler Ebene. So wird die Eisenbahnstraße zunehmend auch als ein (positiver) Nachweis für die Internationalität und Weltoffenheit Leipzigs herangezogen. Ihre Existenz und auch ihre Bekanntheit ermöglichen der Stadt gerade in den Debatten um zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eine Distanzierung von ostdeutschen Stereotypen. Die Nicht-Zugehörigkeit der quartiersbezogenen Parallelwelt zur Leipziger Stadtgesellschaft auf der lokalen Ebene wird dann paradoxerweise zum Einschlussmarker auf anderer (regionaler und nationaler) Ebene – nämlich der Zugehörigkeit Leipzigs zu den ‚echten‘ Großstädten in (West-)Deutschland. Der diskursive Einschluss der durch Migration geprägten Eisenbahnstraße ermöglicht so wiederum eine Abgrenzung vom Konstrukt des latent xenophobischen Ostens Deutschlands. Indem sich der analytische Blick auf Grundlage einer heuristischen Paradoxie-Annahme auf die gegenseitigen Bedingtheiten des Einund Ausschlusses von Migration richtet, werden die zugespitzten Auseinandersetzungen um die wachsende Selbstverständlichkeit von Migration in einem spezifisch ostdeutschen Kontext besonders deutlich. Triebfedern dieser Debatte sind unter anderem Argumentationen um die Bedeutung von Migration vor dem Hintergrund langjähriger Schrumpfungserfahrungen sowie eines drohenden Ansehensverlustes der Stadt durch die Gefahr zunehmender Fremdenfeindlichkeit. Aus einer postmigrantischen Sicht auf urbane Gesellschaften lässt sich diesbezüglich schlussfolgern, dass Migration im medialen und stadtentwicklungspolitischen Diskurs der Stadt Leipzig (noch) nicht als urbane Normalität verhandelt wird bzw. werden kann. Trotz oder gerade auch weil Leipzig im ostdeutschen Kontext eine Vorreiterrolle in puncto Migration einnimmt, bleibt sie eine hochgradig sensible Angelegenheit.
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