Thünen-Vorlesung
Abstract
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Full text
Niehans, Jürg Article Thünen-Vorlesung Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Niehans, Jürg (1989) : Thünen-Vorlesung, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 109, Iss. 1, pp. 1-17, https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291698 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zeitschrift für Wirtschaftsu. Sozialwissenschaften (ZWS) 109 (1989), S. 1 - 17 Duncker & Humblot, Berlin 41 Thünen-Vorlesung Von Jürg Niehans gehalten 6. Oktober 1988 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Freiburg i.Br. Klassik als nationalökonomischer Mythus Diese Vorlesung wird gehalten zur Ehre Johann Heinrich von Thünens, des größten Wirtschaftstheoretikers deutscher Sprache und eines der größten in der Geschichte unserer Wissenschaft überhaupt. Ich danke unserem Vorstand dafür, daß er mich für würdig erachtete, die diesjährige ThünenVorlesung zu halten. Unmittelbarer Gegenstand meines Vortrags ist Thünen allerdings nicht, doch suchte ich mein Thema so zu gestalten, daß mittelbar auch Thünens Leistung ins Licht gerückt wird. Gegenstand meines Vortrags, in einem allgemeinsten Sinne, ist das Selbstverständnis der modernen Wirtschaftstheorie. Ich werde zu zeigen versuchen, daß manche der geläufigen Vorstellungen einer kritischen dogmenhistorischen Überprüfung nicht standhalten und einer Revision bedürfen. Durch die eine oder andere meiner Schlußfolgerungen werden sich einige Zuhörer vielleicht herausgefordert fühlen, aber ich werde mich bemühen, nicht nur herauszufordern, sondern auch zu überzeugen. 1. Mythen in der Wissenschaftsgeschichte Each generation has a need to fabricate and forge its own myths. P. A. Samuelson Das Selbstverständnis der Völker drückt sich aus in ihren Mythen. Mythen, so sagt das Wörterbuch, sind fabulöse Erzählungen, in denen übernatürliche Personen, Taten und Ereignisse unsere Vorstellungen über Religion, Natur und Mensch zum Ausdruck bringen. Bei unhistorischen Völkern haben solche Mythen oft zeitlosen, unhistorischen Charakter. Bei stärker historischem Bewußtsein erhalten sie eher die Form einer fabelhaften Geschichtsschreibung, beispielsweise der sagenhaften römischen Könige oder der alttestamentlichen Propheten. Ein häufiges Merkmal mythischer ZWS 109 (1989) 1 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
2 Jürg Niehans Geschichte ist ihr zyklischer Ablauf. So wie in der Natur Jahre, Jahreszeiten, Monate und Tage aufeinanderfolgen, so folgen sich in der mythischen Geschichte Weltalter, Göttergeschlechter und tausendjährige Reiche. Noch immer wartet Barbarossa im Kyffhäuser auf seine Wiederkunft. Mythen werden nicht nur über die Menschheitsgeschichte gebildet, sondern auch über die Wissenschaftsgeschichte. Prometheus, Galileis „eppur si muove" und Newtons Apfel sind Beispiele dafür. In besonders reichem Maße gibt es Wissenschaftsmythologie in der Nationalökonomie. Das „Merkantilsystem" war eine mythologische Schöpfung von Adam Smith. Marx wollte uns glauben machen, daß sich die Geschichte in einem hegelschen Dreivierteltakt von Klassenkämpfen auf die Götterdämmerung des Kapitalismus zubewege. Spätgeborene Geldtheoretiker erfanden eine ursprüngliche „naive" Quantitätstheorie, welche Umlaufsgeschwindigkeit und Sozialprodukt noch als konstant betrachtet habe. Axel Leijonhufvud bescherte uns einen mythologischen Keynes, dem er all das zuschrieb, was der lebendige Keynes gemeint haben soll, aber angeblich nicht auszudrücken vermochte. Ebenfalls zur Mythenbildung gehört Schumpeters Vorstellung, auch die Dogmengeschichte habe sich in hegelisch-marxscher Dialektik von einer „klassischen Situation" zur anderen fortbewegt. In Wirklichkeit tat die Dogmengeschichte nichts dergleichen; erfolgreiche Synthesen wie jene von Smith, Mill, Marshall, Wicksell oder Samuelson können an sich jederzeit geschrieben werden, und die wirkliche Dogmengeschichte, wie die Geschichte überhaupt, gleicht eher einem Zufallsprozeß. Der bedeutendste, reichste und lebenskräftigste Mythus in der Geschichte unserer Wissenschaft ist der einer „klassischen" Nationalökonomie samt ihrer Fortentwicklung zur „neoklassischen" und zur „neo-neoklassischen" Theorie und in jüngster Zeit zur „neuen klassischen Makroökonomie". Ist die Klassik gleichsam das goldene Zeitalter, so entspricht die Neoklassik dem silbernen, die Neo-Neoklassik der Nachkriegszeit dem ehernen, und die neue Klassik offenbar dem eisernen Zeitalter. Im Zeichen dieses mythischen Zyklus steht unsere moderne Vorstellung von der Geschichte unserer Wissenschaft. Für den unkritischen Zuhörer sind Mythen das maßgebende Wort, die Wirklichkeit selbst. Der kritische Wissenschafter hingegen wird versuchen, aus der Fabel das herauszulösen, was für ihn die historische Wirklichkeit ist, also die Fabel zu entmythologisieren. Diesem Bemühen gilt auch dieser Vortrag, der damit einen Beitrag zur Entmythologisierung der nationalökonomischen Wissenschaftsgeschichte und damit, wie gesagt, einen bescheidenen Beitrag zum besseren Selbstverständnis unserer Wissenschaft leisten möchte. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
Thünen-Vorlesung 3 2. Das goldene Zeitalter: Die Klassik Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe. J. J. Winckelmann Der nationalökonomische Mythus von einem goldenen Zeitalter der Klassik ist eine relativ späte Schöpfung. Vor 140 Jahren, zur Zeit von John Stuart Mill, Cournot, Gossen und Thünen, wußte man in der Nationalökonomie noch nichts von einer klassischen Schule. Zwar wurde Adam Smith's "Wealth of Nations" innerhalb eines Jahres nach seinem Erscheinen in den „Göttinger gelehrten Anzeigen" klassisch genannt1 und Custodi sammelte zu Anfang des 19. Jahrhunderts klassische Schriften zur politischen Ökonomie, aber das Adjektiv bedeutete damals noch nichts anderes als „vorbildlich". Geprägt wurde der Begriff einer klassischen Schule von Karl Marx. Am Anfang war auch hier das Wort. Die Literaturgeschichte lieferte Marx das Gegensatzpaar „klassisch" und „romantisch". Die schriftstellerische Frage war, wie dieses, damals schon reichlich abgedroschene Klischee wirksam auf die politische Ökonomie umgemünzt werden konnte. Im „Elend der Philosophie" von 1847 bezeichneten die beiden Etiketten zwei Zweige einer „fatalistischen Schule", aber ihre ökonomische Bedeutung blieb unklar. Zwölf Jahre später, in der „Kritik der Politischen Ökonomie", wurde Marx konkreter. Die klassische Nationalökonomie ließ er jetzt mit Petty und Boisguilbert um 1660 herum beginnen und um 1820 mit Ricardo und Sismondi enden. Im „Kapital" endlich trat die klassische Ökonomie, welche die wahren Zusammenhänge zu ergründen sucht, in Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich mit dem oberflächlichen Schein begnügt2. Marxens Periodisierung scheint mir aus moderner Perspektive durchaus sinnvoll. Sie ist jedenfalls sinnvoller als jene spätere Einteilung, welche die Klassik erst mit Smith beginnen und dafür bis Mill und Cairnes reichen läßt. Einerseits brachte Cantillon nämlich bereits einen ersten glanzvollen Höhepunkt in der Entwicklung jener Kreislauftheorie, die mit den Namen von Smith und Ricardo verbunden ist. Andererseits lieferten Thünen, Cournot und Gossen, kurz nach Ricardo, bereits die bahnbrechenden Ergebnisse zur individuellen Optimierung, die für die folgende Aera des Marginalismus grundlegend wurden. Zu ergänzen wäre Marxens Einteilung nur insofern, als Marx selber analytisch durchaus ein Spätling der Klassik war. 1 Roscher (1874), 599. 2 Der Sprung von der „romantischen" zur „vulgären" Ökonomie war für Marx kleiner als er uns heute erscheint, bezeichnete doch „romantisch" ursprünglich die Literatur in den romanischen Sprachen, die sich als Vulgärsprachen aus dem klassischen Latein entwickelt hatten. S. Schlegel (1967), Lllf., 189. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
4 Jürg Niehans Von größerer Bedeutung als die Periodisierung wurde der Umstand, daß Marx das Wort „klassisch" doppelsinnig gebrauchte. Einerseits wollte er offenbar zum Ausdruck bringen, daß die klassische Nationalökonomie höher zu werten sei als andere Spielarten. Wenngleich dem Niedergang geweiht, war sie für ihn, den Ricardianer, die maßgebende Nationalökonomie. Andererseits war das Adjektiv „klassisch" aber für Marx nicht einfach ein Synonym für „gut" und „führend", sondern sollte eine besondere Schule mit spezifischen Doktrinen kennzeichnen, die mit anderen Schulen im Widerstreit stand. Dadurch erhielt „Klassik" den Beigeschmack der Orthodoxie. Um diesen Beigeschmack ging es in der seitherigen Mythenbildung. Die Frage war natürlich, welche besonderen „orthodoxen" Doktrinen der Klassik zugeschrieben werden sollten. Für Marx war es vor allem die Arbeitswerttheorie. Mit dieser Interpretation hat sich Marx in der Dogmengeschichtsschreibung in erstaunlichem Maße durchgesetzt. Nichtsdestoweniger besteht sie aus sehr viel mehr Dichtung als Wahrheit. Cantillon entwickelte eine bewundernswert konsequente Bodenwerttheorie. Für Adam Smith reflektieren die Marktpreise in althergebrachter Weise sämtliche Produktionskosten. Ricardo suchte zwar die Bodenkosten durch den Trick des Grenzbodens wegzuzaubern, aber neben der Arbeit blieb grundsätzlich auch das Kapital preisbestimmend. Marx selbst beseitigte im dritten Band des „Kapital" jeglichen Zweifel daran, daß auch er die Marktpreise nicht durch den Arbeitseinsatz allein bestimmt sah. Daß die klassische Nationalökonomie die Arbeitswerttheorie gelehrt habe, gehört ins Reich der Mythologie. In Tat und Wahrheit gibt es überhaupt keine analytischen Doktrinen, durch welche sich eine klassische Schule von anderen gleichzeitigen Schulen unterscheiden ließe. Das theoretische Leitmotiv der klassischen Periode war die Erfassung des volkswirtschaftlichen Kreislaufs, und dieses Leitmotiv war auf keine besondere Schule beschränkt. Im Zuge dieser Bemühungen bildete sich ein Wachstumsmodell heraus, in dem die vorhandenen Produktionsfaktoren, also Boden, Arbeit und Kapital, in jedem Augenblick die relativen Güterund Faktorpreise bestimmen. Die resultierenden Arbeitslöhne und Profitraten wiederum bestimmen das Bevölkerungswachstum und die Kapitalakkumulation und damit, zuammen mit dem technischen Fortschritt, das Wachstum der Volkswirtschaft. Vom Widerstreit zwischen der Knappheit der Naturschätze und dem technischen Fortschritt hängt es ab, ob das Wachstum früher oder später zum Stillstand kommt. Mir scheint, Samuelson3 habe dies mit Recht das „kanonische klassische Modell" genannt. Dieses Modell war keine Doktrin, keine Orthodoxie, sondern einfach das Beste, was damals zu Papier gebracht werden konnte. Dieses 3 Samuelson (1966 - 86), Bd. 5, Kap. 340. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
Thünen-Vorlesung 5 Modell wurde auch nie widerlegt oder entkräftet und seine Bausteine helfen den Bau der Nationalökonomie tragen bis zum heutigen Tag. Richtig ist aber, daß die sogenannten Klassiker die führenden Nationalökonomen ihrer Zeit waren. Sie waren die einzigen, die dauerhafte Bausteine zum heutigen Gebäude unserer Wissenschaft hinterließen. Marxens übrige Schulen haben zwar die politische, die ideologische und vielleicht die wirtschaftsphilosophische Diskussion belebt, aber analytische Werkzeuge haben sie zum Werkzeugkasten der modernen Nationalökonomie nicht beigetragen. 3. Das silberne Zeitalter: Die Neoklassik ... a Great Theory or Grand System of Economics, in one sense complete and self-sufficient. G. L. S. Shackle Als das erste Göttergeschlecht der Klassiker untergegangen war, so berichtet die dogmenhistorische Mythologie, folgte ein silbernes Zeitalter der Neoklassik. Vehlen4 brauchte das Adjektiv „neoklassisch" schon um die Jahrhundertwende5, um Marshall, der die Kontinuität mit den Klassikern hervorhob, von Autoren wie Jevons zu unterscheiden, die sich zur Klassik im Gegensatz sahen6. Im gleichen Sinne wird das Wort vor dem Ersten Weltkrieg auch von Gide und Rist1 und von Haney8 gebraucht. In der Folge erweiterte sich seine Bedeutung, um schließlich all das zu umfassen was Hobson als „Marginalismus" bezeichnete9. Während aber Hobson einen glücklichen Begriff prägte, erwies sich der von Veblen als unglücklich. Auch in diesem Fall ging nämlich die Verbreitung eines Worts mit einer Mythologisierung einher, und zwar sogar in einem doppelten Sinne, nämlich zuerst in bezug auf die MikroÖkonomik, später in bezug auf die MakroÖkonomik. Gemäß der mikroökonomischen Heldensage, anfänglich vor allem von Wien aus verbreitet, begann ein neues Zeitalter mit der „Grenznutzenrevolution", in der die „drei Begründer", Jevons, Menger und Walras, der Welt eine neue, subjektivistische Werttheorie schenkten. Ihnen folgte eine Generation von theoretischen „Riesen"10, zu denen Marshall, Edgeworth, 4 Veblen (1900), 260f. 5 Vgl. dazu Aspromourgos (1986). 6 Im Hinblick auf die häufige Kennzeichnung der Neoklassik als „statisch" ist die Feststellung von Interesse, daß Veblen ein Merkmal von Marshalls Neoklassik gerade in deren Darwinschen Evolutionismus sah. 7 Gide / Rist (1909), 11, 592. 8 Haney (1912), 536. 9 Vgl. Howey in Black / Coats / Goodwin (1973), 15. 10 Shackle (1967), 296. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
6 Jürg Niehans Pareto, Wickseil, Wieser und Böhm-Bawerk gehörten. Um die Jahrhundertwende hatten diese, so berichtet der Mythus, den Bau der neoklassischen Theorie zur Hauptsache aufgeführt. In Schumpeters11 Worten erweckte dieser den Eindruck der „Endgültigkeit eines griechischen Tempels, dessen makellose Linien sich gegen den wolkenlosen Himmel abheben". Etwa zwei Jahrzehnte lang, so erzählt Shackle, hätten die Verteidiger dieses Bauwerks alle Angriffe glorreich abgewehrt. In den dreißiger Jahren aber sei es in den Revolutionen der unvollkommenen Konkurrenz und der unvollkommenen Voraussicht in Schutt und Asche zusammengesunken12. Die historische Wirklichkeit war weniger wagnerisch. Eine Grenznutzenrevolution hat es, wie man heute weitherum eingesehen hat, nie gegeben13. Was die Neoklassik brachte, war nicht ein Sturz der Klassik, sondern ihre Erweiterung und Verallgemeinerung durch eine explizite Analyse der individuellen Optimierung, gestützt auf die Differentialrechnung. Zur Zeit von Jevons, Menger und Walras waren die Eckpfeiler dieser Verallgemeinerung schon längst errichtet, nämlich durch Thünen mit dem Grenzproduktivitätsprinzip für die Produktion, durch Cournot mit der Gewinnmaximierung für die Unternehmung und durch Gossen mit seinem Zweiten Gesetz für den Haushalt. Daß die Werke dieser wahren Bahnbrecher wenig gelesen wurden, schmälert ihren Gründerruhm nicht. Es ist erstaunlich, daß in der Geschichtsschreibung Thünen und Gossen noch immer von Menger überschattet werden. Jevons und Walras sahen dies richtiger. Sie betrachteten sich selbst zwar als Bundesgenossen im Kampf für eine mathematische Nationalökonomie, aber Menger zählte für sie überhaupt nicht - aus heutiger Perspektive zu Recht, denn seine theoretische Leistung stand hinter der von Jevons und Walras weit zurück und hatte noch nicht einmal Gossen erreicht14. Noch viel weniger gab es um die Jahrhundertwende ein „großes System" der ökonomischen Theorie, das mit einem klassischen Tempel hätte verglichen werden können. Die meisten der angeblichen „Riesen" waren in Wirklichkeit hypochondrische, unzufriedene und neurotische Professoren, die zwar von großen Systemen träumten, diese aber nicht zustandebrachten und ihre geplanten Bücher nicht fertigzuschreiben vermochten. Ihre Leistungen waren gewiß bedeutend, aber mit durchaus menschlichen Maßstäben zu messen und im Vergleich zu den nachfolgenden Generationen, von Irving Fisher bis Samuelson und Arrow, keineswegs überragend. 11 Schumpeter (1954), 754. 12 Shackle (1967), 294. 13 s. Beiträge in Black / Coats / Goodwin (1973), insbesondere den von M. Blaug. 14 Sowohl Jevons wie Walras fanden den Schlüssel zur Lösung ihrer analytischen Probleme, nach mühsamer Suche, im Zweiten Gossenschen Gesetz. Menger wußte von diesem bezeichnenderweise keinen Gebrauch zu machen, da er nicht bis zu jenen Problemen vordrang. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
Thünen-Vorlesung 7 Andererseits brach die neoklassische Nationalökonomie ebensowenig zusammen wie vor ihr die klassische. Die Theorie der individuellen Optimierung, von Thünen bis Wickseil in zahlreichen Schritten aufgebaut, gehört noch heute zum eisernen Bestand der Wissenschaft15. Zudem gab es daneben keine andere Schule oder Richtung, die zur heutigen Theorie bleibende Bausteine beitrug. Marx erhob zwar den Anspruch, eine alternative Weiterentwicklung der klassischen Theorie geliefert zu haben, paradoxerweise war aber sein bleibender Beitrag das durch und durch „neoklassische" Modell des gleichmäßigen Wachstums einer Zweisektorenwirtschaft. Die makroökonomische Mythologisierung widerfuhr der Neoklassik im Jahre 1936 durch Keynes16. Keynes sah sich damals unter Erfolgsdruck. Als Finanzjournalist war er zwar bereits weltberühmt, als Theoretiker hingegen gehörte er noch nicht zur ersten Garnitur; der "Treatise on Money" hatte daran nichts zu ändern vermocht. Die „Allgemeine Theorie" war sein zweiter Versuch, auch als Theoretiker an die Spitze zu kommen. Seine Taktik bestand darin, einen Strohmann zu basteln, der die Züge der damals führenden Theoretiker, seiner Freunde, tragen sollte, und diesen mit Bravour über den Haufen zu rennen17. Keynes beschrieb die Neoklassik deshalb als ein Zeitalter nicht von Heroen, sondern der verzopften Orthodoxie. Deren hauptsächliche Glaubenssätze bestanden, nach seiner Darstellung, in Says Gesetz der Absatzwege, in der Quantitätstheorie und in der Fähigkeit des Zinses, Sparen und Investieren ohne Arbeitslosigkeit zur Deckung zu bringen. Dieser angeblichen Orthodoxie setzte er die revolutionäre These eines Unterbeschäftigungsgleichgewichts entgegen. Die Taktik hatte Erfolg. Innerhalb eines Jahrzehnts, wie Kleins Buch „Die keynesianische Revolution" (1947) bezeugt, hatte sich Keynes' Geschichtsbild weitgehend durchgesetzt. Nichtsdestoweniger war dieses Geschichtsbild völlig verzeichnet18. Im Laufe der Jahrhunderte hatte die Nationalökonomie eine Auffassung makroökonomischer Störungen entwickelt, die von den unmittelbaren Sofortwirkungen bis zu den langfristigen Spätwirkungen reichte. Langfristig galt zwar bei monetären Störungen im Falle einer Papierwährung die Quantitätstheorie, aber kurzund mittelfristig konnten bedeutende Fluk15 Insbesondere bedeutete die „unvollkommene Konkurrenz" lediglich, daß die rückständigen Marshallianer endlich auf den Stand von Cournot aufholten. 16 Eine ähnliche Interpretation der Wissenschaftsgeschichte gab Keynes schon 1935 im Vortrag "Is the Economic System Self-Ad justing?" (1973, Bd. 13, 485 f.). Der terminologischen Genauigkeit halber sei festgehalten, daß Keynes das, was gemeinhin als Neoklassik bezeichnet wird, noch zur Klassik rechnete und das Adjektiv „neoklassisch" wenigen Autoren wie Hawtrey und Hayek vorbehielt (1973, Bd. 14, 24). 17 "The orthodox theory which produced the doctrines that Keynes was attacking thirty years ago had never got itself clearly stated; he was obliged to construct a cockshy to knock down" (Robinson, (1951 - 80), Bd. Ill, 56). 18 Dies wird in Hutchinson (1978) im einzelnen belegt. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
8 Jürg Niehans tuationen in Produktion und Beschäftigung auftreten. Die Umlaufsgeschwindigkeit konnte schwanken, nicht zuletzt unter dem Einfluß veränderlicher Zinssätze. Auf die Dauer, so sagte jenes Gesetz, dem Say den Namen gab ohne es verstanden zu haben, kann es zwar keine allgemeine Überproduktion geben, wie stark auch der Sparwille sein mag, aber für einige Zeit kann sehr wohl auf allen Märkten Überangebot herrschen. Die Konjunkturtheorie erlebte zur Zeit des Marginalismus, angefangen mit Juglar, eine erste Blüte. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs standen die meisten Konjunkturmechanismen, die später als wesentlich betrachtet wurden, bereits zu Buche, und zur Zeit der „Allgemeinen Theorie" waren Frisch und Kalecki schon über diese hinaus zu makrodynamischen Modellen vorgestoßen. Keynes hat diese reiche Tradition weder als verfehlt erwiesen noch hat er ihr etwas wesentlich Neues hinzugefügt. Im Gegenteil brachte er zunächst einen Rückschritt von der Dynamik zur Statik. Der hauptsächliche Unterschied zwischen ihm und den „Neoklassikern" wie Pigou oder Viner bestand einfach darin, daß diese den Prozeß bis zur langen Frist weiterverfolgten, während Keynes bei der mittleren Frist stehen blieb. Insbesondere vermochten Keynesianer wie Modigliani und Tobin leicht nachzuweisen, daß es in der keynesschen Theorie in Wahrheit kein Unterbeschäftigungsgleichgewicht gibt und daß Dauerarbeitslosigkeit nur von starren Löhnen herrühren kann. Gerade das war aber ein Leitmotiv der Neoklassik gewesen. In Tat und Wahrheit ist Keynes zeitlebens ein neoklassischer Marshallianer gewesen, der viel zu wenig Theoretiker war, um bahnbrechende analytische Beiträge zu liefern. Worin lag dann aber seine Leistung? Sie lag zur Hauptsache darin, daß er durch die Annahme starrer Löhne das Problem soweit vereinfachte, daß es Hicks, schon damals Keynes als Theoretiker überlegen, im folgenden Jahr auf das statische IS/LM-Diagramm reduzieren konnte. An die Stelle von Pigous undurchsichtigen Gedankengängen trat ein mathematisierbares und ökonometrisierbares Modell. Dies war in der Tat ein wichtiger Beitrag, aber eine Revolution war es nicht. So viel zum silbernen Zeitalter. 4. Das eherne Zeitalter: Neo-Neoklassik Drittens dahinter folgte auf dieses ein ehern Geschlecht, wilderen Muts und rascher im Griff nach den schrecklichen Waffen. Ovid Nach dem Zweiten Weltkrieg schieden sich die Geister der Keynesianer. Die „keynesianische Linke" sah Keynes' Botschaft, ähnlich wie früher jene von Karl Marx, im Nachweis, daß die kapitalistische Wirtschaft an einem Grundübel leide, das nur durch radikale Änderungen geheilt werden könne. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
Thünen-Vorlesung 15 zierungsversuche erfolgreich überstanden haben, gibt es nach wie vor nur ganz wenige. Unempirisch ist klassische Nationalökonomie deshalb jedoch keineswegs. Ob ein analytisches Werkzeug in den klassischen Werkzeugkasten aufgenommen wird und ob es, einmal aufgenommen, darin verbleibt, hängt nämlich davon ab, ob es zur Lösung konkreter Aufgaben in historisch einmaligen Situationen als tauglich befunden wird. So gab es um 1965 eine Vielzahl rivalisierender Inflationstheorien. Zwanzig Jahre später war die monetäre als die „klassische" übriggeblieben. Dies war jedoch nicht der ökonometrischen Falsifikation der übrigen zuzuschreiben, sondern vielmehr der überzeugenden historischen Bewährung der monetären Theorie in der langen Welle von Inflation und Desinflation, die 1961 einsetzte. Was jeweils zur klassischen Nationalökonomie gehört, richtet sich somit nach einer Art darwinscher Zuchtwahl. Die Grenzen der Klassik sind deshalb fließend. Keine Kardinalskollegien beschließen über einen Kanon, und jeder ist frei, sich über die Erfolgsaussichten bestimmter Instrumente seine eigene Meinung zu bilden. Widerlegt werden analytische Instrumente nie, und oft überleben sie jahrhundertelange hartnäckige Kritik35, wohl aber werden sie verbessert oder durch bessere verdrängt. Ökonomische Theorien sterben nicht; sie werden nur vergessen. Gemessen an der Aufgabe, einmalige historische Vorgänge zu erklären, vorauszusagen und zu beeinflussen, ist das Instrumentarium der klassischen Nationalökonomie von heute noch immer entmutigend unvollkommen. Das Zitat von Edgar Allen Poe gilt noch immer: „In keiner Weise sind die Modelle, die wir zimmern, kommensurabel mit der Weite, Tiefe und Unerforschlichkeit Seines Werkes". Kritik an diesem Zustand ist billig, aber nur positive Verbesserungen zählen. Gleichzeitig gibt es aber auch einen eindeutigen und kumulativen Fortschritt, und aus der Masse der erfolglosen Bemühungen werden auch in Zukunft solche Fortschritte herauswachsen. Krisen, Zusammenbrüche von Paradigmen und Revolutionen hat es in der wirklichen Wissenschaftsgeschichte eigentlich nie gegeben; sie pflegten stets zur mythologischen Ausschmückung zu gehören. Cantillon, Quesnay, Smith, Ricardo, Thünen, Gossen, Walras, Wicksell und Keynes sind heute gewiß überholt, aber von Revolutionen gestürzt wurden sie nicht und ihre Erkenntnisse bleiben nach wie vor lebendig. Wenn die Klassik derart als die maßgebende, führende Nationalökonomie verstanden wird, gibt es zu ihr offenbar keine Alternative. Sie absorbiert alles, was sich zu bewähren verspricht, ohne Ansehen der Herkunft. Das Zweisektorenmodell von Marx, das lineare Planungsmodell von Leontief 35 Man denke etwa an die Nutzenmaximierung, die Gewinnmaximierung, die Zeitpräferenz oder die Lohnfondstheorie. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
16 Jürg Niehans und das Kapitalparadox von Joan Robinson und Sraffa werden ebenso absorbiert wie das Gleichgewichtsmodell des Bodensozialisten Walras, die Inflationstheorie des Radikalen Wicksell und die Existenzbeweise des Mathematikers Debreu. Was draußen bleibt ist das, womit die Wissenschaft, vorläufig wenigstens, nichts anzufangen weiß, und das bildet keine ernsthafte Alternative. Klassische Nationalökonomie war zu allen Zeiten jene, nach der wir alle streben, nämlich die gute Nationalökonomie. Darin scheinen mir die dogmenhistorischen Mythen einer klassischen oder neoklassischen Nationalökonomie ihren tiefen Sinn zu haben. Thünen, zu dessen Ehre dieser Vortrag auf dem Programm steht, ist uns ein leuchtendes Vorbild wahrhaft klassischer Nationalökonomie. Zusammenfassung Das jeweilige Selbstverständnis der Wirtschaftstheorie spiegelt sich in den wechselnden Interpretationen des Begriffs einer „klassischen" Nationalökonomie. Diese Interpretationen werden von der Klassik über die Neoklassik zur Neo-Neoklassik und schließlich zur neuen klassischen MakroÖkonomik verfolgt. Dabei erweist sich, daß sie in mancher Hinsicht mehr mythologischen als wissenschaftshistorischen Charakter haben. Durch die „Entmythologisierung" dieser Interpretationen will der Vortrag einen Beitrag zum besseren Selbstverständnis der Wirtschaftstheorie leisten. Summary The notions of economists about their own science are reflected in their changing interpretations of a "classical" economics. The paper describes these successive interpretations as they developed from classical to neoclassical, neo-neoclassical and, finally, new classical economics. It is argued that the identification of these stages with specific economic doctrines belongs to scientific mythology rather than to the history of science. Freed from these mythological elements, classical economics emerges as the continuous stream of contributions which, in the dynamic process of intellectual selection, have been accorded the rank of "classic". Literatur Aspromourgos, T. (1986), On the Origins of the Term "Neoclassical". Cambridge Journal of Economics 10 (3), 265 - 70. Black, R. D. C. / Coats, A. W. / Goodwin, C. D. W. (Hrsg.) (1973), The Marginal Revolution in Economics: Interpretation and Evaluation. Durham, NC 1973. Champernowne, D. G. (1953 - 54), The Production Function and the Theory of Capital: A Comment. Review of Economic Studies 21 (2), 112 - 35. Fisher, I. (1930), The Theory of Interest as Determined by Impatience to Spend Income and Opportunity to Invest It. New York. ZWS 109 (1989) 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53
Thünen-Vorlesung 17 Gide, Ch. / Rist, Ch. (1909), Histoire des doctrines économiques depuis les physiocrates jusqu'à nos jours. Paris. Haney, L. H. (1912), History of Economic Thought. New York. Hutchinson, T. W. (1978), On Revolutions and Progress in Economic Knowledge. Cambridge. Keynes, J. M. (1973), Collected Writings, Bde. 13 und 14. London. Klein, L. R. (1947), The Keynesian Revolution. New York. Komai, J. (1971), Anti-Equilibrium: On Economic Systems Theory and the Tasks of Research. Amsterdam. Lucas, R. E. / Sargent, Th. J. (1979), After Keynesian Macroeconomics. In After the Phillips Curve: Persistence of High Inflation and High Unemployment. Boston, 49 - 72. Malinvaud, E. (1953), Capital Accumulation and Efficient Allocation of Resources. Econometrica 21 (2), 233 - 68. Marshall, A. (1925), Memorials, Hrsg. A. C. Pigou. London. Niehans, J. (1987), Classical Monetary Theory, New and Old. Journal of Money, Credit, and Banking 19 (4), 409 - 24. Rae, J. (1834), Statement of Some New Principles on the Subject of Political Economy, Exposing the Fallacies of the System of Free Trade, and of Some Other Doctrines Maintained in the "Wealth of Nations". Boston. Robinson, J. (1953 - 54), The Production Function and the Theory of Capital. Review of Economic Studies 21 (2), 81 - 106. — (1951 - 80), Collected Economic Papers. 5 Bde. Oxford. Roscher, W. (1874), Geschichte der National-Ökonomik in Deutschland. München. Samuelson, P. A. (1966 - 86), Collected Scientific Papers. 5 Bde. Cambridge, Mass. Schlegel, F. (1967), Charakteristiken und Kritiken I (1796 - 1801) (Hrsg. H. Eichner). München. Schumpeter, J. A. (1954), History of Economic Analysis (Hrsg. E. Boody Schumpeter). New York. Shackle, G. L. S. (1967), The Years of High Theory: Invention and Tradition in Economic Thought, 1926 - 1939. Cambridge. Solow, R. M. (1956), A Contribution to the Theory of Economic Growth. Quarterly Journal of Economics 70 (1), 65 - 94. Sraffa, P. (1960), Production of Commodities by Means of Commodities: Prelude to a Critique of Economic Theory. Cambridge. Vehlen, Th. (1900), The Preconceptions of Economic Science, part III. Quarterly Journal of Economics 14 (2), 240 - 69. ZWS 109 (1989) 1 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.109.1.1 | Generated on 2023-04-04 12:11:53