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Anspruch auf Teilhabe: Um die Repräsentation junger Menschen in der internationalen Politik wird gerungen

Holzscheiter, Anna,Pantzerhielm, Laura,Hettihewa, Julian A.

Abstract

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Full text

Holzscheiter, Anna; Pantzerhielm, Laura; Hettihewa, Julian A. Article Anspruch auf Teilhabe: Um die Repräsentation junger Menschen in der internationalen Politik wird gerungen WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Holzscheiter, Anna; Pantzerhielm, Laura; Hettihewa, Julian A. (2022) : Anspruch auf Teilhabe: Um die Repräsentation junger Menschen in der internationalen Politik wird gerungen, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 177 (3/22), pp. 14-17, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-25005.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327770 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Anna Holzscheiter, Laura Pantzerhielm und Julian Hettihewa Die größte transnationale Jugendbewegung aller Zeiten begann 2018: die globalen Klimaproteste mit Fridays for Future an der Spitze. Nicht mal ein Jahr später wurden junge Menschen praktisch von heute auf morgen wieder unsichtbar – mit Beginn der Corona-Pandemie verschwanden die Stimmen und Gesichter, die Empörung, Energie und Standpunkte von Millionen politisch aktiver junger Menschen wieder aus öffentlichen Debatten, Parlamenten und internationalen Organisationen. Die Pandemie hat unmissverständlich klar gemacht, wie fragil das Fundament für politische Repräsentation junger Menschen ist. Die Diskrepanz zwischen der Betroffenheit junger Menschen einerseits und ihrer Partizipation und Repräsentation andererseits wurde offensichtlich. Junge Menschen waren in besonderem Maße von den abrupten und eingreifenden Veränderungen ihres täglichen Lebens und ihrer sozialen Kontakte, von gravierenden Einschnitten beim Recht auf Bildung und von den psychosozialen Folgen der Pandemie betroffen. Diese Folgen zeigen sich heute in ihrer vollen Härte. Auch die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie werden junge Menschen noch lange Zeit zu spüren bekommen. Für einen Platz junger Menschen in Expert*innengremien oder öffentlichen Debatten, die die Pandemie begleiteten, reichte es dennoch nicht. Die Jugend war und ist nicht nur unsichtbar und unhörbar während der Corona-Pandemie – sie ist es auch in der Disziplin der Internationalen Beziehungen: Im Gegensatz zu anderen als marginalisiert wahrgenommenen Gruppen wie etwa Frauen, ethnischen Minderheiten, indigenen Gruppen oder Menschen mit Behinderungen finden junge Menschen kaum Berücksichtigung in der Forschung zur internationalen Politik. Dominante Erzählungen der Disziplin sehen Kinder und junge Menschen, wenn sie sie überhaupt wahrnehmen, als Gegenstand internationaler Normsetzung (zum Beispiel, wenn es um Antipersonenminen, Kinderarbeit oder Grundimmunisierung geht). Junge Menschen gelten als vulnerabel und schutzbedürftig, sie müssen daher durch internationale Vereinbarungen besonders geschützt werden. Unsichtbar bleibt in den gängigen Erzählungen, dass junge Menschen aktiv an der Geschichte internationaler Politik mitgewirkt 14  | Mitteilungen Heft 177 September 2022 haben – etwa als Teil von Arbeiterbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in Umweltbewegungen in den 1980er-Jahren, bei linken Antiglobalisierungsprotesten um die Jahrtausendwende, als Protagonist*innen des „Arabischen Frühlings“ und vieler anderer transnationaler Aufstände. Bedürfnisse, Vulnerabilität und Autonomie an das Alter zu knüpfen, birgt gewisse Herausforderungen. Der Begriff des Alters wird kulturell unterschiedlich gedeutet. So erstaunt es wenig, dass „die Jugend“ Ziel vielerlei Zuschreibungen und Definitionen ist. Einmal ist damit das Stadium zwischen Kindheit und Erwachsensein gemeint, dann wieder jugendliche Fast-Erwachsene, erwachsene Noch-Fast-Jugendliche, junge Menschen ohne Ausbildung oder „young professionals“. Die meisten Definitionen von youth/Jugend, die von internationalen Organisationen und transnationalen Jugendorganisationen und -bewegungen verwendet werden, bewegen sich zwischen 15 und 35 Jahren. Schon innerhalb der Vereinten Nationen gibt es keinen Konsens: 15 bis 24 Jahre sagt die UNGeneralversammlung in ihrer Resolution 50/81; von 18 bis 29 Jahren geht der UN-Sicherheitsrat aus, der 2015 seine erste Resolution überhaupt zum Thema Jugend, Frieden und Sicherheit verabschiedete (zu finden als UNSCR 2250). Beide Institutionen weisen darauf hin, dass es je nach Gesellschaft und Kultur eine große Bandbreite an Definitionen gibt. Selbst wenn man die relativ kurze Zeitspanne der UNGeneralversammlung zugrunde legt, ist die Generation der Jugend weltweit heute die größte aller Zeiten. Welchen Status und welche politischen Gestaltungsmöglichkeiten hatten und haben junge Menschen in der internationalen Politik? In einem deutsch-schwedischen Forschungsprojekt mit Kolleg*innen der Universität Linköping untersuchen wir „youth representation in global politics“ in den drei Feldern Gesundheit, Migration und Klima. Wir beobachten, dass insbesondere seit Beginn des 21. Jahrhunderts „youth“ immer häufiger in internationalen Organisationen und globalen Partnerschaften und Programmen als sogenannte „stakeholder“-Gruppe ausgewiesen wird und dass Repräsentant*innen dieser Gruppe heute bei allen wichtigen internationalen Konferenzen präsent sind. Auch die Formen von Jugendpartizipation sind vielfältiger geworden: Inzwischen gibt es eine große Bandbreite an institutionalisierten Formen der Kooperation zwischen Jugendorganisationen und internationalen Organisationen, deren Spektrum sich von Online-Chat-Foren bis hin zu Begleit-Konferenzen für G20und G7-Treffen („Y20“ oder „Y7“) erstreckt. Doch die Tatsache, dass es mehr Möglichkeiten der Partizipation gibt, sagt wenig über die Chancen auf echte Teilhabe am politischen Aushandlungsprozess – die stehen nämlich weiterhin schlecht. Wir haben Interviews mit Jugendvertreter*innen bei der jüngsten Weltgesundheitsversammlung, dem Treffen des höchsten Entscheidungsorgans der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Mai 2022 in Genf geführt; Anna Holzscheiter ist WZB Fellow in der Abteilung Global Governance und Professorin für Internationale Politik (W3) an der Technischen Universität Dresden. an[email protected] Foto: © WZB/David Ausserhofer, alle Rechte vorbehalten. Laura Pantzerhielm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Internationale Politik der Technischen Universität Dresden. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit internationalen Menschenrechten, globaler Gesundheit und internationalen Normen. [email protected] Foto: © WZB/David Ausserhofer, alle Rechte vorbehalten. 16  | Mitteilungen Heft 177 September 2022 ebenso beim World Health Summit im Herbst 2021, einer jährlich in Berlin stattfindenden internationalen Gesundheitskonferenz, die gerne auch als „das Davos der globalen Gesundheitsgovernance“ bezeichnet wird. Wir wollten herausfinden, wie die jungen Menschen ihren Einfluss in der globalen Gesundheitspolitik einschätzen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Kompetenz, „agency“ (also Handlungsfähigkeit) und legitime Ansprüche auf Teilhabe bei dieser Gruppe weiterhin besonders umstritten sind. In der WHO, in der bis heute (bio-)medizinisches Fachwissen die stärkste Währung ist, treten Jugendvertreter*innen in erster Linie als Studierende der Medizin und Pharmazie auf, also als „future professionals“ und „future leaders“. Ihr Anspruch auf Teilhabe gründet also auf dem Noch-nicht-Sein: noch nicht ausgebildet, noch nicht erfahren, noch nicht professionell genug. In unseren Gesprächen mit Repräsentant*innen der Jugend hat sich gezeigt, dass diese an internationalen Gipfeln in der Hoffnung teilnehmen, später einmal echte politische Führungskräfte in nationalen und internationalen Gesundheitsinstitutionen zu werden. Für sie bedeutet es schon einen Erfolg, wenn sie bei politischen Entscheidungsträger*innen überhaupt Gehör finden, wenn sie die Chance haben, bei kleinen „side-events“ und Treffen am Rande der Konferenzräume ihre Anliegen vorzubringen. Auch im Diskurs der globalen Gesundheitsinstitutionen selbst werden junge Leute vorwiegend als Ressource dargestellt – sie steuern als vielversprechende junge Führungsanwärter*innen Visionen und Ideen für die Gesundheitspolitik der Zukunft bei. Dass sie eigene politische Positionen, Interessen und transformatorische, möglicherweise unbequeme Ansprüche auch im Hier und Jetzt haben und qua ihrer Existenz in einer bestimmten Lebensphase über wichtige Expertise verfügen, kommt kaum zur Sprache. Eine weitere ebenso unbequeme Tatsache sind die hohen Partizipationshürden, mit denen sich junge Menschen in der globalen Gesundheitspolitk konfrontiert sehen: Es gehört einiges dazu, überhaupt Jugenddelegierte zu werden. Ihre Anzahl bei der Weltgesundheitsversammlung ist im Zuge der Pandemie sogar gesunken. Die vielen Millionen junger Menschen, die weder über ein (Medizin-) Studium noch über die nötige Freizeit, persönliche oder institutionelle Netzwerke und finanzielle Ressourcen verfügen, finden in diesen wichtigen internationalen Foren nur schwer Gehör. Und das, obwohl auch sie von politischen Entscheidungen in der internationalen Gesundheitspolitik direkt betroffen sind – wie es die Pandemie in voller Härte gezeigt hat. Letzten Endes wird für den Bereich der Gesundheitspolitik deutlich – und Ähnliches gilt auch für andere Politikfelder –, dass Möglichkeiten der Partizipation für junge Menschen zahlreich sind, dass sie aber in vielen Fällen mehr der Selbstlegitimation internationaler Institutionen dienen, die sich so als inklusive, demokratische, diverse Institutionen präsentieren können. Echte Chancen, eigene Positionen und Interessen zu artikulieren, die dann im politischen Aushandlungsprozess berücksichtigt werden, vermissen junge Menschen in internationalen Institutionen nach wie vor. Literatur Hettihewa, Julian/Holzscheiter, Anna: Reclaiming the Voice of Youth: Pandemic Politics and the Invisibility of Youth. EJIL:Talk!, 3. Dezember 2020. Online: https://www.ejiltalk. org/reclaiming-the-voice-of-youth-pandemic-politicsand-law-and-the-invisibility-of-youth/ (Stand 13.09.2022). Holzscheiter, Anna: „Children as Agents in International Relations? Transnational Activism, International Norms, and the Politics of Age“. In: Marshall Beier (Hg.): Discovering Childhood in International Relations. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2020, S. 65-87. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Julian Hettihewa ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Völkerrecht der Universität Bonn. [email protected] Foto: © WZB/privat, alle Rechte vorbehalten. Titelthema 17