Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik
Abstract
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Full text
Kühne, Otto Article Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Kühne, Otto (1956) : Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 3, pp. 1-40, https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290848 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
257] 1 Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Mensch und Technik Von Otto Kühne - Berlin Inhaltsverzeichnis: 1. Von Wesen und Aufgabe der Sozialwissenschaft als „Lebenskunst"-Lehre S. 1 — 2. Ihre Abgrenzung gegenüber den Naturund Geisteswissenschaften S. 5 — 3. Vom Charakter alles Sozialen und der „Kunst", das sozial „Richtige" zu treffen S. 9 — 4. Über das soziale Verhältnis von Innenwelt und Außenwelt und den Sinn alles Strebens nach sozialer „Sicherheit" S. 12 — 5. Uber die Sozialund „Sicherheits"-Funktion der Technik: a) Beschaffung des Lebensnotwendigen und Uberflüssigen S. 19 — b) Technischer Fortschritt und soziale Sicherheit bzw. „Freiheit" in Abhängigkeit von den jeweiligen Lebensidealen und sozialen Lebenseinstellungen S. 25 — c) Uberwindung der Autokratie und Dämonie der Technik durch „richtige" soziale Lebenskunst S. 32 1. Wenn man „Wissenschaft" und „Kunstlehre" einander gegenüberstellt, denkt man meist an folgenden Gegensatz: Alle Wissenschaft versucht die Vorgänge der das Ich umgebenden Welt zu erklären auf Grund eines einheitlich geordneten Wissens um das, was wirklich ist. Dieses wirkliche Sein ist für die meisten Wissenschaften nur durch — sei es unmittelbare oder mittelbare — Erfahrung zu erkennen. Die eigentliche Aufgabe aller Wirklichkeitserkenntnis für solche Erfahrungswissenschaften besteht dann offenbar darin, das jeweilige Erfahrungsmaterial einerseits und die fraglichen logisdien Ordnungsund Verknüpfungsformen unseres Verstandes andererseits zu einer verstehenden Einheit eines zusammengehörigen Ganzen richtig zu verbinden. Dabei geht man immer wieder von dem bekannten, durch die neueren Forschungsergebnisse (vgl. meine „Lebenskunst und Lebensgemeinschaft"1, in extenso) aber immer mehr als brüchig, weil unvollkommen erwiesenen Grundaxiom aus: Gleiches (Identisches) werde im1 Erschienen 1954 im Verlage Duncker & Humblot, Berlin. Schmollen» Jahrbuch LXXVI, 3 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
2 Otto Kühne [258 mer und überall sich selbst gleich (identisch) bleiben und unter gleichen Bedingungen sich auch immer wieder gleich verhalten (sogenanntes Identitätsprinzip). Wie aber alle Erfahrung unzweideutig lehrt, unterliegt das die Sozialwissenschaften speziell interessierende Ich-Umwelt-Verhältnis niemals gleichen, höchstens ähnlichen, meistens sogar ständig wechselnden Bedingungen, so daß die den Sozialwissenschaften gestellte Aufgabe „richtiger" Erkennung, Erfassung, Beschreibung, Sinndeutung und womöglich Gestaltung dieser Bedingungen nicht allein mit Hilfe des Identitätsprinzips (bloßen Sichnichtwidersprechens) bewältigt werden kann. Vielmehr wird diese umfassende Aufgabe der Sozialwissenschaft immer mehr zu einer „Kunst", je weniger sich die zahlreichen und verschiedenartigen Faktoren, welche jenes Ich-Umwelt-Verhältnis bestimmen, ohne weiteres ausfindig machen, d. h. in ihrer Wirksamkeit „identifizieren" lassen. Zu einer besonderen Kunst — auch im wissenschaftlichen Denken (insbesondere „richtigen" Beurteilen und Verstehen) — wird alles, was nicht in sich folgerichtig erscheint, d. h. sich nicht ohne weiteres auf ein einheitliches Denkprinzip zurückführen läßt, vielmehr erst eines (sc. „künstlichen" oder besser: kunstgerechten) Umweges über andere Bezüge und Instanzen bedarf, damit überhaupt eine „gemeinsame" Beurteilungsebene zustande kommt. „Alle Kunst besteht nun einmal im „richtigen" Vermitteln-„Können"2, nämlich zwischen den „Polen" des Vorhandenen (Gegebenen) und des Erstrebten, zwischen Sein und Wollen bzw. Sollen (daher P olarit ä t s prinzip genannt). Dabei gilt es stets, die sich jeweils gegenüberstehenden Pole der Seinsund Werdens-Sphäre auf einer „mittleren" Linie „gemeinsamer" Situationsbedingungen zu vereinen. Diese Kunst der „gemeinsamen" Überbrückung und Verständigung wird um so schwieriger, d. h. verläßt den eigentlichen streng wissenschaftlichen Erkenntnisbereich, je mehr die zu überwindenden Gegensätze durch mannigfache Unsicherheitsmomente, Imponderabilien usw. bedingt sind. Die Wissenschaft wird somit vom monistischen Identitätsprinzip, die Kunstlehre dagegen vom dualistischen Polaritätsprinzip beherrscht. Jene setzt mehr „exakt" wissenschaftliche Analyse („richtigen" Erkennens), diese dagegen mehr die Kunst „richtiger", auch empirischverstehensmäßiger Synthese des Erkannten voraus. Beide gehören somit an sich zusammen, d. h. sie stellen keine absoluten (kontradiktorischen) Gegensätze dar. Vielmehr muß stets versucht werden, alle „richtige" (d. h. überwiegend analytische) Erforschung der einschlägigen Erkenntniselemente, mit der „richtigen" (d. h. überwiegend 2 Alle Kunst kommt von „Können". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
259] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 3 synthetischen) Beurteilung und Bewertung der maßgebenden Erfahrungselemente in bestmöglichen Einklang zu bringen. Da die Sozialwissenschaften die „überwiegend menschlichen" Belange zum eigentlichen Gegenstande und Ziele ihrer Erkenntnis gemacht haben, so stellen sie natürlich in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen auch die „richtige" menschbetonte Auffassung und Behandlung jenes entscheidenden Ich-Umwelt-Verhältnisses. Dabei interessieren sich bisher die einen mehr für die fragliche Stellung des Ich, die anderen dagegen mehr für die Beschaffenheit der Umwelt, während das „richtige" Verhältnis beider, von Ich und Umwelt, erst in letzter Zeit zum Gegenstande ausführlicher Untersuchungen gemacht wurde. Zur Erlangung der „richtigen" Erkenntnisse bediente man sich dabei der verschiedensten — sei es natur-, sei es geisteswissenschaftlichen — Methoden, ohne daß es jedoch bisher gelungen wäre, beide in das „richtige", d. h. dem jeweiligen Erkenntnisgegenstand und -ziel bestmöglich entsprechende (Gemeinschafts-) Verhältnis zu setzen. Der Naturwissenschaftler, dessen „exaktes" methodisches Vorgehen in letzter Zeit besonders Schule gemacht hat, hält natürlich die von ihm erzielten Erkenntnisse, welche hauptsächlich den Charakter der (Natur-) Umwelt — weniger den des Ich — betreffen, nebst den von ihm angewandten — meist experimentell-induktiven Methoden — für die allein „richtigen". Im Gegensatz zu ihm schwört der Geistesund Kulturwissenschaftler, der sich umgekehrt mehr auf die Analyse des Ich konzentriert und dabei meist zu sehr das einschlägige Verhältnis dieses Ich zur Umwelt vernachlässigt, überwiegend nur auf die mehr mit deduktiv-intuitiven Mitteln gewonnenen erkenntnismäßigen Urteile. Beide Forschungsrichtungen fanden nur in den wenigsten Fällen den Weg zu einander. Zwischen ihnen gewissermaßen eingekesselt, versucht die Sozialwissenschaft Fuß zu fassen und ihre selbständige Position zu behaupten. Sie hat ihr Hauptaugenmerk, wie gesagt, auf die vom „überwiegend menschlichen" Standpunkte aus „richtige" Beinhaltung und Formung des fraglichen Ich-Umwelt-Verhältnisses gerichtet. Die jeweilige Behandlung dieses Ich-Umwelt-Verhältnisses ist somit kennzeichnend für die dabei zugrunde gelegte Auffassung vom Wesen der Sozialwissenschaft, überhaupt alles Sozialen selbst. Es würde den Rahmen dieser Studie weit überschreiten, wollte man hier versuchen, auch nur in großen Zügen, den im Laufe der Zeit eingetretenen Wandel in Erkenntnisgegenstand, Erkenntnisziel und Sinndeutung der Sozialwissenschaft näher zu beschreiben. Dies soll einer späteren systematischen Gesamtdarstellung der Soziologie vorbehalten bleiben. Es mag daher genügen, hier nur kurz darauf hinzuweisen, daß — ungeachtet dieser verschiedenen Gärungsprozesse, denen die Sozialwissen1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
4 Otto Kühne [260 schalt während des letzten Jahrhunderts bis zu ihrer jetzigen Konsolidierung und Reifung ausgesetzt war — nach wie vor unverrückbar im Mittelpunkte alles solchen Wandels die Interpretierung der Soziologie als Wissenschaft vom sozialen, d. h. mitund umweltlichen Leben steht* Es kann daher von vornherein gar keinem Zweifel mehr unterliegen, daß von dieser „richtigen64 sozialen Lebensauffassung zugleich auch die richtige Auffassung vom Wesen der Sozialwissenschaft abhängt. Aber auch das „Leben" selbst wurde meist nur unter ganz bestimmten, dazu einseitigen Aspekten betrachtet, so daß die aus solchen Betrachtungen gezogenen Schlußfolgerungen natürlich ebenso unvollkommen ausfallen mußten. Es sei hier nur kurz auf die einseitige und daher falsche Identifizierung des Lebensganzen mit folgenden seiner bloß äußeren Erscheinungsmerkmale bzw. Teilkomponenten hingewiesen: Die einen sahen im Leben nur das objektive, z. B. biologische Sein, bzw. das subjektive Bewußtsein. Die anderen betrachteten es als reale oder irreale Erscheinung, während die Gewissenhafteren mehr dem innersten Wesen, d. h. den eigentlichen Urgründen alles Lebens nachspüren zu sollen glaubten, um so die (ontologische oder metaphysische) „Wirklichkeit" des Lebens zu erfassen. Weitere Autoren begnügten sich lediglich damit, Form und Inhalt gewisser Lebenserscheinungen zu beobachten und zu deuten. Schließlich wird das Leben als erstrebenswerter Idealzustand, als jerlebnishafter Traum, als trügerischer Schein hingestellt, ja zum bloßen Theater oder Gesellschafts- (Lotterieusw.) Spiel herabgewürdigt. In neuester Zeit hat unter dem Gewicht des Zusammenbruchs zahlreicher bisheriger „Existenzen" in und nach dem letzten Kriege vor allem die (existentialistische) Auffassung des Lebens als „Existenzfrage" stark an Boden gewonnen. Doch bleibt sie meist zu sehr im Ausweglosen, ja Nihilistischen und damit Sterilen stecken, als daß sie einer erbt sozialen „Lebensauffassung wirklich lebendige Impulse zu liefern möchte. Nach allen diesen Fehldiagnosen kann m. E. die Sozialwissenschaft nur noch als Wissenschaft vom „richtig" gelebten bzw. „richtig" zu lebenden Leben verstanden werden. Dies ist aber — wie meine früheren grundsätzlichen Betrachtungen anderweitig gezeigt haben sowie die nachfolgenden Ausführungen bestätigen werden — gleichbedeutend mit der Auffassung des Lebens als einer Kunst. Soziologie als soziale Kunstlehre, d. h. als wissenschaftlich-erkenntnismäßig fundierte Lehre von der sozialen Lebenskunst umfaßt gleichmäßig alle vorstehend herausgestellten Sonderfaktoren und Sonderaspekte des Lebens in einem einheitlichen Sinne, d. h. sie berücksichtigt sowohl alle entscheidenden wissenschaftsals auch kunstgerechten, also OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
261] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 5 sowohl alle theoretischen wie auch praktischen Belange in gleichem Maße oder besser: in ausreichendem „G emeinschaft s"-Sinne. 2. Ursprünglich versuchte man alle Sozialwissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu behandeln, d. h. man legte auf den möglichst „exakten" Nachweis der entscheidenden Kausal-, Grund-Folgeund Sinnzusammenhänge den größten Wert. Die Strenge solchen Nachweises der unverrückbaren Aufeinanderfolge von Grund und Folge eines sozialen Ereignisses galt dabei um so eher gewahrt, je mehr er sich dem alt überkommenen Kausalitätsprinzip: „bestimmte Ursachen — bestimmte Wirkungen" einordnen oder ihm wenigstens hinreichend anpassen ließ. Im Grunde schloß man dabei im bloßen Analogiewege von der „bestimmten" Tatsache (Faktum), daß im Naturbereiche bestimmte Ursachen bestimmten Wirkungen entsprechen und umgekehrt, einfach darauf, daß auch im menschlichen Geistesund Handlungsbereiche „bestimmte" (Erkenntnisund Verhaltens-) Gründe (Voraussetzungen) für „bestimmte" (Erkenntnisund Verhaltens-) Folgen und umgekehrt diese für jene maßgebend sein müßten. Man nannte solche Schlüsse üblicherweise logische Urteile und war meist geradezu stolz auf ihre womöglich mathematisch zu unterbauende Exaktheit. Erst in allerneuester Zeit scheint man sich allmählich immer mehr bewußt zu werden, daß man mit solcher Formallogik nur verhängnisvollen Trugschlüssen anheimfiel. Nur sind sich offenbar die wenigsten heutigen Sozialforscher darüber im klaren, warum im sozialen Lebensbereiche mit solcher strengen Formallogik nicht weiter zu kommen ist. Mit den unangebrachtesten Methoden, ja z. T. mit verzweifelten Anstrengungen versucht man gewaltsam die wissenschaftliche Etikettierung aller angestellten Sozialüberlegungen, aufgestellten Sozialgrundsätze und begutachteten Sozialhandlungen und damit überhaupt die Ehre und Existenzberechtigung aller Sozialwissenschaft zu retten. Dabei übersehen oft die einen, daß sie an Stelle „wahrhafter", d. h. ideologisch unvoreingenommener Sozialeinstellung ins stets schwankende Fahrwasser aufund abwogender Parteiund Personalpolitik hinübergleiten, während die anderen sich vor dieser Entgleisung nur dadurch zu hüten versuchen, daß sie die weitestgehende Exaktifizierung aller sozialwissenschaftlichen Gedankengänge nach dem Schema der naturwissenschaftlichenErkenntnisse propagieren. Hier scheuen sich die letzteren z. T. sogar nicht, die Sozialwissenschaft zu einer bloßen Schachbrettund Gesellschaftsspiel-Lehre, quasi zu einem Zweig der mathematisch-statistischen Wahrscheinlichkeitslehre zu degradieren. Beide in solche Extreme verfallenden sozialwissenOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
6 Otto Kühne [262 schaftlichen Bestrebungen sind natürlich in gleicher Weise zu verwerfen, weil sie dem eigentlichen Charakter unserer heutigen Sozialwissenschaft in keiner Weise gerecht zu werden vermögen. Die eine extreme Richtung führt zu einer bloßen Verpersönlichung, die andere zu einer nicht minder einseitigen Versachlichung alles sozialen Anliegens. Der wahre Sozialcharakter läßt sich eben weder nach dem Objektivitätsund Exaktheitsschema: „bestimmte — sei es Ichoder Umwelt-Ursachen bzw. Gründe bestimmte Wirkungen bzw. Folgen" noch nach dem kontradiktorisch entgegengesetzten Subjektivitätsund Parteien-, d.h. Unexaktheitsschema: „unbestimmte Ursachen bzw. Gründe ->3 u n bestimmte Wirkungen bzw. Folgen46 erschließen, sondern nur nach dem allein dem sozialen Leben selbst entnommenen obersten Wechselseitigkeitsprinzip: „gemeinsame (d. h. Ichund Umwelt-) Ursachen bzw. Gründe <—gemeinsame (d. h. Ichu n d Umwelt-) Wirkungen bzw. Folgen." Mit Annahme dieses obersten Sozialgrundsatzes in allem Denken und Handeln ersetzen wir die bisherige einseitige naturwissenschaftlich-kausale sowie individualund formallogische Denkweise durch eine stets zunächst nach gemeinsamen Entsprechungsund Wirkungsmöglichkeiten zwischen Ich und Umwelt forschende echte sozialwissenschaftliche und reallogische Auffassungsweise. Ich habe in meiner „Lebenskunst und Lebensgemeinschaft" dieses m. E. echt sozialwissenschaftliche Hauptprinzip aller sozialen Urteilsfindung und Urteilsbegründung den „Satz vom zureichenden Real gründe" genannt, weil er in erster Linie für alles fragliche „richtige" soziale Denken und Handeln das entscheidende Kriterium abgibt. Diesem Prinzip zufolge gilt es somit im „Sozialen" letzten Endes das „Richtig e"5 auf dem Wege über das „überwiegend (menschlich-) Gute" zu verwirklichen, durch optimale Gestaltung der „gemeinsamen", Ich und Umwelt zusammenführenden Lebensbelange. Eine besondere Gefahr, der die Sozialwissenschaft bei der richtigen Analyse, Sinngebung und Gestaltung dieses Ich-Umwelt-Gemeinschaftsverhältnisses heute leicht erliegen könnte, würde, wie schon angedeutet, in einer falschen Sicht ihrer beiden Pole, vor allem in einer ungerechtfertigten Überbetonung eines Poles — sei es des Ichs oder der Umwelt — zuungunsten seines Gegenpoles zu suchen sein. 8 Das Zeichen: —ist zu lesen: . . . haben zur Folge . . . 4 Das Zeichen: <—>• ist zu lesen; . . . bedingen wechselseitig. 8 Als das im sozialen Sinne „ Richtige" gilt hiernach stets das jeweils „gemeinsam44 an und mit meiner (persönlichen und sachlichen) Umwelt bestmöglich Erkennund zugleich Realisierbare an beiderseitiger „überwiegend menschlicher" Haltung (cf. Anmerkung 6). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
263] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 7 Zu falschen Perspektiven hat in neuerer Zeit nicht zuletzt der starke Aufschwung der exakten Naturwissenschaften mit ihren „weiterschütternden" Forschungsergebnissen, sei es im Makrokosmos oder im Mikrokosmos, beigetragen. Denn für den modernen Physiker z. B. ist die von ihm erforschte (Natur) Umwelt alles, nämlich als Inbegriff des Objektiv-Sachlichen, ja „Wahren" schlechthin, dem doch jede Wissenschaft — also auch die Sozialwissenschaft — in erster Linie nachzueifern habe. Das einzelne Ich, überhaupt genommen als Repräsentant alles Subjektiv-Persönlichen, verschwindet demgegenüber immer mehr oder sinkt zu völliger (nihilistischer) Bedeutungslosigkeit herab. Alles« Materielle wurde dabei immer auf irreduzible Faktoren, zuletzt nur noch auf Raum und Zeit, zurückgenommen. Jedes von uns beobachtete Ding wurde nur noch als eine rein objektive Erscheinung außer uns gedeutet und gewertet. Die ganze Naturwelt wurde so einem erbarmungslosen Prozeß völliger Entgeistigung, Entpersönlichung, Entdingung, ja Entgottung unterworfen. Die damit perfekte Entsinnlichung unserer äußeren Natur wurde durch die Einführung des nichteuklidischen (sinnlich nicht mehr wahrnehmbaren) Raumes in die physikalische Begriffswelt zu einer vollendeten Tatsache. Allen diesen immerhin doch aber „gedanklichen", weil arbeitshypothetisch genutzten Neukonstruktionen verdankt die moderne Kernphysik ihre epochalen Entdeckungen auf dem Gebiete der Atomenergie. Durch die — auch praktisch, immer leichter gemachte — Gewinnung dieser neuen Energiequelle wurde die Macht des Menschen über die Natur gewaltig vermehrt, ohne daß sich jedoch die Forscher sehr darum bekümmerten, was mit dieser verstärkten Macht geschieht. Jeder so unverhoffte materielle Machtzuwachs kann sowohl dem Guten wie dem Bösen dienen. Soll aber — so lautet jetzt die entscheidende Frage — die Wissenschaft auch ihre Hand zur etwaigen Verwirklichung des Bösen bieten? Hier scheiden sich vorläufig noch sehr die Geister. Viele Naturforscher meinen, der Wissenschaftler könne immer nur das Gesetz befolgen, nach dem er nun einmal angetreten sei; er treibe die Wissenschaft eben um der Wissenschaft willen, d. h. um die Welt, ihre Wirklichkeit und Wahrheit richtig zu erkennen, zu erforschen und so tiefer in sie einzudringen, ohne Rücksicht darauf, ob dem Menschen dadurch Gutes oder Schlechtes widerfahre. Auch die reinen Geisteswissenschaftler suchen der Frage, ob Wissenschaft ihrem wahren Geiste untreu werde, wenn sie den Interessen und Bedürfnissen des praktischen Lebens dient, tunlichst aus dem Wege zu gehen. Das beliebte Schlagwort von der „Voraussetzungslosigkeit" (unter der sich allerdings niemand etwas Rechtes vorstellen kann) aller Wissenschaft beginnt nunmehr wieder die Runde zu machen. Jede Anwendung der Wissenschaft bedeute eine Gefahr für ihren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
8 Otto Kühne [264 Geist, so daß „zweck freie" Forschung die einzig richtige Devise sei! Beide Standpunkte fußen aber offenbar auf dem gleichen — zwar an sich richtigen, hier aber falsch verstandenen — Grundsatz der „Eigengesetzlichkeit" und „Unabhängigkeit" alles wissenschaftlichen Denkens und Forschens und sind jedenfalls für die hier zur Debatte stehende Sozial Wissenschaft in gleicher Weise als einseitig, weil lebensfremd1 zu verwerfen. Hier hat die Sozialwissenschaft gewissermaßen in die Bresche zu springen und sowohl vor einer Überschätzung des Objektiven-Naturbedingten, d. h. schließlich des Umweltlichen, als auch des SubjektivGeistbedingten, also Innenweitlich-Ichhaften, in gleicher Weise zu warnen. Denn beide vorerwähnten Standpunkte vergessen, daß diese zwei polaren Hauptelemente alles ich-umweltlichen, d. h. gesellschaftlichen Denkens stets durch das ihnen „gemeinsame" Faktum des Mensch-Seins miteinander verbunden werden. Hier wird offenbar das Wesen alles wahren Erkennens mit dem Wesen wahren Mensch seins auf eine gleiche Stufe gestellt oder mit ihm gar verwechselt. Es mag wohl „Seiendes an sich", d. h. unabhängig vom menschlichen Wollen und Schaffen geben, doch wird auch dieses Seiende immer nur auf Grund menschlicher — nicht ewig gültiger, sondern bekanntlich häufig wechselnder — Vorstellungsinhalte „richtig" zu erfassen und zu begründen sein. Alle Begriffsmodelle, Arbeitshypothesen, überhaupt Vorstellungen des Menschen vom Ich und seiner Umwelt, sind doch schließlich nur Symbole für etwas an sich Unerkennbares, dem der Mensch wie dem verschleierten Bild von Sais stets nur in unerreichbarer Ferne näher zu kommen trachtet. Damit erweisen sich somit auch alle — sei es natur-, sei es geisteswissenschaftlichen — Konstruktionen als bloße „Künst"-Bauten, also als etwas Künstliches, welches nur solange Bestand hat, wie jene „Konstruktionen" den mit ihnen — ausgesprochen oder unausgesprochen — verbundenen Zweck erfüllen. Eine völlig zweck freie (auch Natur-) Wissenschaft gibt es somit nicht. Vielmehr sind Wissenschaft und Kunstlehre auch im nichtsozialen Bereiche eng miteinander verquickt. Das Erkennen dessen, was ist und das Erkennen wofür und wozu, um das Erkannte auf das „richtige" Verstehen der tatsächlichen Zusammenhänge auch anwenden zu können, gehören stets zusammen. Erst recht alle — stets praktische — Erfahrungswissenschaft ist somit zweipolig — innenund umweltlich — fundiert. Diese beiden Pole auf den „richtigen gemeinsamen" Nenner zu bringen, ist nun einmal eine Kunst, welche wissenschaftliches Erkenntnisstreben und praktische Lebenserfahrung zu einer „höheren" Einheit zu verbinden trachtet. Nur so vermögen Theorie und Praxis sich hinreichend zu ergänzen und wechselseitig zu befruchten. (Vgl. meine „Theorie und Praxis", a.a.O. in extenso.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
271] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 15 d. h. sich selbst überlassene Natur beherrscht. Auch diese hat eben ihre eigene „Geschichte". Dennoch müssen wir uns heute, wie schon vorhin betont wurde, davor hüten, uns diesen naturgesetzlichen Wahrscheinlichkeitsbestimmungen etwa wie ein haltloser Pokerspieler blindlings zu unterwerfen, der seine Einsätze immer mehr erhöht und dabei schließlich sein Heim, seine Stellung, ja sein ganzes Leben aufs Spiel setzt. Dies alles nur, weil ihm die Gewißheit fehlt, daß er gewinnen und daß das Geschick ihm hold sein wird. Die meisten Menschen suchen heute diesen zunehmenden Mangel an Gewißheit über ihr künftiges Geschick durch mannigfaltige Ersatzbefriedigungen auszugleichen. Sie alle wollen mehr „Sicherheit", die ihnen vor allem die moderne Technik zu bieten scheint. Damit fallen sie z. T. aber, wie die nachfolgenden Betrachtungen noch im einzelnen ergeben werden, einer verhängnisvollen Selbsttäuschung zum Opfer. Denn technische Leistung schlechthin bietet noch keine hinreichende Gewähr für größere Stabilität und Lebenstüchtigkeit. Das Sichverlassen auf erreichte Zivilisationsstufen bürgt für die Erhaltung der Kulturhöhe große Gefahren in sich. Technische Götzenanbetung in Form eines übersteigerten Maschinenund Apparatekultes fördert nicht, sondern hemmt den wahren Fortschritt der Gesellschaft, da er die Quellen des Schöpferischen versiegen läßt. Auch Festhalten an unserer geschichtlichen Vergangenheit, an unserer Flagge, unserer Nation, unseren Lebensgewohnheiten, verbürgt allein noch nicht den ersehnten Erfolg und Festigkeitsgrad im Leben. Am wenigsten vermag, wie die Geschichte immer wieder gelehrt hat, militärische Stärke allein menschliche Kulturen zu garantieren, da ihr das wahre soziale (Gemeinschafts-) Fundament fehlt. Jede neue Lebensaufgabe, vor die sich der Mensch gestellt sieht, läßt sich eben nicht mit „mechanischer" Sicherheit lösen, sondern verlangt eine ebenfalls neue spontane Reaktion vom Einzelnen wie von der Gemeinschaft. Eine Patentlösung, mit der Welt fertig zu werden, gibt es nun einmal nicht. Vielmehr muß jeder versuchen, durch rechtzeitige innere und äußere Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände der ihn bedrohenden Schwierigkeiten Herr zu werden. Hierzu verhilft ihm nicht bloß Glauben an die eigene Stärke oder Leistung, sondern zunächst ein natürlich-instinktives Verbundenheitsgefühl, sodann ein allgemein vermutetes Bewußtsein von gemeinsamer menschlicher Vernunft. Sollte aber auch diese Vernunft nicht vorhanden sein, so dürfte ein hinreichender Appell an vorhandene Interessen gemeinschaften nach unserem Satze vom zureichenden Realgrunde (demzufolge die „richtige" Einstellung sich ergibt als polares Produkt von gemeinsamer Lage und gemeinsamem Verhalten) wirkungsvoller sein. Alle derartigen Gemeinschaftslösungen, wie die natürliche, die vernünftige, die interessenmäßige usw., sind OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
16 Otto Kühne [272 jedoch nicht bloß auf streng sozial wissenschaftlich - analytischer Erkenntnisbasis zu gewinnen, sondern bedürfen der gehörigen Unterbauung und Ergänzung durch lebenskünstlerisch - synthetische Erfolgsmethoden, wie sie in ihren Grundzügen in meinem Aufsatz „Über Wesen, Stellung und Aufgabe der Lebenskunstlehre als neuer sozialwissenschaftlicher Disziplin4410 geschildert worden sind. Die oben hervorgehobene zunehmende Diskrepanz zwischen dem Unsicherheitsgefühl des einzelnen Menschen und dem Sicherheitshalt, den ihm seine — besonders „technisch" beherrschte — Umwelt zu bieten scheint, kann somit nur auf echt lebenskünstlerischem Wege überwunden werden. Zufall (Glück), Leistung und hinreichendes Gemeinschaftsbewußtsein müssen sich eben gegenseitig die Hand reichen, wenn sie die heute auf uns einstürmenden verwickelten Probleme des sozialen Lebens meistern wollen. Das bedeutet aber nicht, alle Verantwortung für die Zukunft auf eine anonyme „Gemeinschaft44 abzuwälzen. Ohne Eigen leistung geht es nimmer! Denn diese allein verbindet jede noch so schwierige Ausgangsposition mit der erstrebten Endposition und damit das Sein mit dem Wollen bzw. Sollen. Es gehört zu den größten Irrtümern unserer Zeit, das Soziale immer mehr verplanen, gewissermaßen an die Kette legen zu wollen. Man kann die Bevölkerung nicht gegen die Wechselfälle des Lebens dadurch sichern, daß man etwa den Staat, überhaupt der Allgemeinheit die Verpflichtung aufbürdet, für sie zu sorgen. Wir leiden heute bereits unter einer ungesunden, erschreckenden Verflechtung, ja Verfilzung unserer sozialen Ansprüche und Leistungen. Man sucht diese damit zu rechtfertigen, daß nun einmal die „Gemeinschaft44 die Grundrisiken des Lebens zu tragen habe; es fragt sich nur, wie weit diese „Grundrisiken44 abgesteckt werden. Reichen sie auch ebenso weit nach oben wie nach unten, d. h. dienen sie ebenso der Sicherstellung unserer elementarsten Lebensbedürfnisse wie eines gewissen Lebensstandards? Wenn ja, dann sollte man dieses an sich löbliche Ziel doch dadurch erreichen, daß man zunächst einmal dem Einzelnen hinreichende Gelegenheit gibt, sich eigene private Reserven zu bilden, damit das persönliche Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Gemeinschaft nicht geschwächt wird. Die sozialen Verantwortlichkeiten dürfen nicht bloß öffentlichen Organisationen überlassen werden, damit nicht ein mit größerem Zweckvermögen sich gar zu leicht einstellender verstärkter Machtwille der Bürokratie die neu gewonnene „Sicherheit44 mit verlorener Freiheit erkauft. Ein sozialer Wohlfahrtsstaat, der die Sicherheit seiner Bürger evtl. nur mit polizeilichen Zwangsmitteln zu garantieren versucht, hat Sinn und Zweck 10 In der „Festgabe für Georg Jahn zur Vollendung seines 70. Lebensjahres". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
273] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 17 alles sozialen Anliegens von vornherein verfehlt. Ja, er kommt einer Verhöhnung und Desavouierung alles echten Sozialempfindens gleich. Um hier das „richtige" Maß zu finden, genügt es nicht, vage Vergleiche zwischen beobachteten „Krankheits"-Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft und solchen des individuellen menschlichen Körpers anzustellen, um auf dem Wege über die dabei gezogenen Analogieschlüsse das gesuchte „richtige" Ich-Umwelt-Verhältnis ausfindig zu machen. Noch weniger geht es selbstverständlich an, solche „typischen" Krankheitsabläufe des menschlichen Körpers mit denen der verglichenen Sozialstrukturen nahezu gleichzusetzen, wie es Hermann Friedmann („Epilegomena, Zur Diagnose des Wissenschaftszeitalters") jetzt gewagt hat. Die Lockerung des Soziallebens würde ihm zufolge in den bösartigen, selbstgesetzlichen Zellwucherungen des Individuumkörpers nicht nur ihre spiegelbildliche Entsprechung finden, sie wäre wohl auch deren „Ursache" (sie!) — oder, besser, beide entsprängen aus einer Dissoziationstendenz in einem biologischen Allgemeinsubstrat (S. 177). Die bösartige Geschwulst im Leben des Einzelnen wird damit geradezu als soziale „Kulturkrankheit" (S. 178) gedeutet und gewertet oder umgekehrt: letztere stellt als angeblicher — sogar wörtlich zu nehmender — „Krebsschaden" den unumgänglichen Preis für die sowohl im Physischen wie im Psychischen heute überhand nehmenden ungesunden Freiheitsüberbeanspruchungen des Einzelnen dair. Was ist mit solchen organizistischen „Wunder"-Analysen gewonnen? Die bis zum Auseinanderfallen entartende Freiheit (genauer: Dissoziation) von Naturvorgängen wird hier mit derjenigen sozialer Anarchietendenzen auf eine gleiche Stufe gestellt. Was liegt dabei näher als der im Hintergrunde schwebende Gedanke: Der Einzelne braucht sich nur mehr „zusammenzunehmen", um solchen gefährlichen Erkrankungen aus dem Wege zu gehen, was aber offenbar die einschlägigen Ich-Umwelt-Zusammenhänge gar zu sehr vereinfachen hieße. Mit Hilfe solcher primitiven Methoden wird weder die geschwächte Ich-Position des Einzelnen gefestigt noch die Macht der gefährlichen Umwelt-Einflüsse gemildert. Audi hier vermag nur echte soziale Lebenskunst-Auffassung und -anwendung das „Richtige" zu treffen. Nicht minder dürfte es zu verwerfen sein, die Menschen im Kampf mit den jeweiligen Zeitumständen damit vertrösten zu wollen, die zu bewältigenden Lebensprobleme blieben im Grunde immer wieder die „gleichen". Man brauche sich also nur rechtzeitig auf sie einzustellen und sich mit den üblichen Abwehrmitteln zu wappnen, um sie auch erfolgreich überwinden zu können. Früher, im 17. Jahrhundert, im Zeitalter des Barock wurde die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens mit zum Hauptthema in der Literatur, Philosophie, Poesie und S(¿möllere Jahrbuch LXXVI, 3 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
18 Otto Kühne [274 Kunst erhoben, wie die Skulpturen (z. B. Berninis), die deutschen Barockdichtungen, die Philosophie Pascals usw. immer wieder ausdrücken. Diese Vergänglichkeit wurde bedauert und beklagt, jedoch als etwas Unvermeidliches und Unabänderliches hingenommen. Wie anders ist es heute. Unser Zeitalter hat mehr den Kampf mit der Vergänglichkeit aufgenommen, nicht zuletzt dank der gewaltigen Fortschritte auf den medizinischen, psychologischen und technischen Forschungsgebieten. Hierbei hat vor allem der gemeinsame, wenn auch z. T. bis ins Illusionshafte übersteigerte Gedanke, sich immer tunlichst jung und frisch zu erhalten, Pate gestanden. Der so mit den modernsten Hilfsmitteln künstlich erzielte Schein des Nichtalterns übt nach wie vor eine große Suggestivkraft aus. Die Kosmetik hält die Frauen jung, während der durch den Sport gestählte Wille die Spannkraft und Ausdauer der Männer steigern hilft. Allem Vergänglichen wird — gerade mit Hilfe der Technik — der lähmende Schauer des Unabwendbaren genommen, indem ihm der „kunstvoll" verbrämte PalliativMantel des Unbestimmten, Aufschiebbaren und daher Erträglichen umgehängt wird. Die Folge ist, daß die Menschen sich — auch in den verschiedensten Altersstufen — nicht mehr so; fremd bleiben wie bisher, sondern sich näher kommen. Man glaubt feststellen zu können, daß man sich trotz der verflossenen Jahre eigentlich gar nicht verändert hat. Man liebt noch „dieselben" Dinge, die man früher geliebt hat. Ja man sieht sogar „dieselben" Erscheinungen immer wieder auftreten, verbunden mit „denselben" Leiden und Freuden wie ehedem. Kurz, das Konstante, Gleichbleibende wird von uns stärker empfunden als das Variable, Dahinschwindende. Frühere Epochen sahen eben mehr das Trennende, Unabänderliche unter den Menschen und den sie beschäftigenden Dingen, jetzige Zeiten blicken dagegen mehr auf das „Gemeinsam"-Verbindende, Abänderliche und Verbesserliche im Ablauf unseres Lebens. Die ältere Lebensauffassung neigt mehr zu fatalistischem Sich-Gehen-Lassen, während die jetzige mehr von aktivem Eingreifen in das Geschehen erhofft. Beide Auffassungen sind natürlich — für sich, gesehen — einseitig. Erst ihre polare Ergänzung und gemeinsame Aufeinanderabstimmung im Wege echten LebenskunstDenkens und -Handelns vermag den wahren Ansprüchen unseres Lebens gerecht zu werden. Ohne den Versuch zu solcher Synthese wird die Einheit des gesellschaftlichen Ganzen, in das wir nun einmal eingebettet sind, stets nur fragwürdig und bedroht erscheinen. Diese Gefahr zunehmender Brüchigkeit und Zerfahrenheit unseres ganzen Lebensdenkens wird durch einen weiteren Umstand begünstigt: Bei der heutigen inneren und äußeren Zerrissenheit unseres Daseins hat — jedenfalls in der „Freien Welt" — das Unregelmäßige, Anomale, in sich Gespaltene, ja krankhaft Entartete unter dem Einfluß zunehOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
275] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 19 mender Spezialisierung und Individualisierung unserer Lebensbedürfnisse und deren verhältnismäßig leichter mechanisch - technischer Befriedigung sowieso schon die Neigung, sich gegen das mehr Regelmäßige, in sich Geschlossene und Harmonische aufzulehnen. In der „Unfreien Welt" dagegen wird umgekehrt alles individuell-persönlich Geartete von den vorherrschenden kollektivistischen Tendenzen gewaltsam zurückgedrängt oder gar unterdrückt. Durch die so im ständig verschärften Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft nur noch geschürten dialektischen Dissoziationstendenzen wird es dem Trennenden, Vereinzelten im Ich-Umwelt-Verhältnis immer schwerer gemacht, sich dem Einheitlich-Verbindenden sozialorganisch einzuordnen. Erst recht aus der heutigen Welt der Zerstörung, auf deren Trümmern der einsame Mensch in seiner Verlorenheit hockt, erklingt immer eindringlicher, ja verzweifelter der Schrei nach Erlösung. Damit wird es immer mehr zu einer besonderen Lebens k u n s t, trotz des erhöhten Selbständigkeitsdranges alles Teilund Gliedmäßigen im IchUmwelt-Verhältnis den Anschluß an das ihm zugehörige Ganze nicht zu verlieren, es „richtig" zu erfassen und im echt sozialen Gemeinschaftssinne richtig gestalten zu helfen. Alle soziale Bedrängnis erwächst nur aus einem gemeinschaftswidrigen Mißverhältnis zwischen dem Ich und seiner Umwelt. Aber gerade mit den drückenden sozialen Nöten unserer Zeit nicht nur theoretisch (erkenntnismäßig), sondern auch praktisch — durch Aufstellung optimaler Lebensgrundsätze und -regeln — (ohne ideologische Voreingenommenheit!) — fertig zu werden, muß zu einer der vornehmsten Aufgaben unserer Lebenskunstlehre zählen. An sich wäre es nun ein sehr verlockendes Ziel, die eigentümliche Rolle, d. h. die verschiedenen lebenskünstlerischen Funktionen aufzuzeigen, welche den mannigfaltigen Institutionen unseres gesellschaftlichen Lebens, wie Familie, Schule, Gesundheitswesen, Berufswesen, Recht, Technik, Wirtschaft usw. und schließlich Volk und Staat im ganzen im Sinne unseres sozialen Gemeinschaftsgedankens zukommen. Da eine solche Untersuchung aber den Rahmen dieser hier nur in ihren Grundzügen entworfenen Skizze bei weitem überschreiten müßte, zumal vieles davon von uns bereits anderweit gesagt worden ist, wollen wir uns im folgenden vor allem nur mit einem der aktuellsten und dringlichsten sozialen Probleme beschäftigen, wie sie durch die zunehmende Mechanisierung und Technisierung unseres gesamten gesellschaftlichen Lebens aufgeworfen worden sind. 5. a) Ausgangspunkt und zugleich Zielpunkt aller Technik sind die Notwendigkeiten und Zweckmäßigkeiten, kurz die mannigfaltigen Le2• OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
20 Otto Kühne [276 bensbedürfnisse des Menschen, von deren Befriedigung die Gestaltung des menschlichen Lebens abhängt. Diese Lebensnotwendigkeiten oder bloßen Lebenszweckmäßigkeiten gilt es der Natur mit den geeignetsten Mitteln abzuringen. Sie werden damit vom Menschen als die — sei es naturhaften, sei es geistigen — Bedingungen seines gesamten Daseins schlechthin empfunden, mit deren bestmöglicher Erfüllung er sich ständig auseinanderzusetzen hat. Diese Naturund Geistesbedingungen des Lebens, von denen der Mensch abhängt, prägen einerseits sein eigenes Ich, andererseits die mannigfache Umwelt, in die dieses Ich; hineingestellt ist. Dabei besteht aber keine einseitige Abhängigkeit des menschlichen Ich von dieser Naturoder Geisteswelt wie bei den niederen Lebewesen, sondern wechselseitige Polarität. Dieselbe gestattet vor allem dem Menschen, auch von sich aus den ihm umgebenden Naturkräften gewisse (Reaktions-)Bedingungen und Verfahrensweisen aufzuerlegen, mit deren Hilfe es gelingt, auf möglichst vorteilhafte Weise mittels gewisser (insbesondere Natur-) Umweltveränderungen das zu erlangen, was die Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen vermag. Die Akte, welche solche Umweltumformungen zuwege bringen, nennen wir Technik. Sie können, was das Verhältnis von Aufwand und Erfolg betrifft, in mehr oder weniger wirtschaftlicher Weise angewandt werden. Solche Techniken werden damit vom Menschen entdeckt bzw. neu erfunden, um mit ihrer Hilfe die jeweils empfundenen Bedürfnisse (z. B. Nahrung, Kleidung usw.) durch tunlichste Zeitund Mittelersparnis besser, vor allem schneller und dauerhafter befriedigen zu können. Bei solchem Austauschverhältnis zwischen den Ichund Umweltenergien wird durch die Dazwischenschaltung der Technik ein Teil der künftigen Reaktionen auf Empfindungen, Bedürfnisse usw. vorweggenommen, nicht aber überflüssig gemacht. Die bisherigen Bedürfnisse, Lebensnotwendigkeiten und -Zweckmäßigkeiten, Lebensängste usw. bleiben an sich nach wie vor — wenn auch mehr latent oder weniger bewußt — bestehen; was besonders deutlich wird, wenn die angewandten Techniken einmal zufällig (z. B. durch Einflüsse höherer Gewalt, unvorhergesehene Störungen o. dgl. m.) in ihrer Wirksamkeit versagen. Durch Anwendung neuer Techniken werden also die bisherigen Bedürfnisse der Menschen nicht aufgehoben und beseitigt, d. h. als Lebensprobleme überhaupt annulliert, sondern ihre Befriedigung wird nur zeitlich vorverlegt und leistungsmäßig, insbesondere qualitativ konzentriert und gesteigert (z. B. durch Erstellung von Werkzeugen, Maschinen, Apparaturen usw.). Alle Technik wird so zu qualitativ erhöhter — meist zugleich zu mehr einheitlicher — Vorleistung verschiedenster, sonst nacheinander auftretender und sich quantitativ häufender Befriedigungsmittel und -akte. Aktion und Reaktion von Ich und Umwelt erOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
277] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 21 folgen dabei in tunlichster wechselseitiger (naturund geistbedingter) Ausleseund Anpassungsbereitschaft. Alle — auch technische — Kunst sucht nun einmal, wie wir sahen, ihrem Wesen gemäß stets zu vermitteln zwischen den jeweiligen Lebenspolaritäten, in denen sich Ich und Umwelt gegenüberstehen. Insbesondere gilt diese Vermittlung den jeweiligen Bedürfnissen einerseits und ihrer Befriedigung andererseits. Dabei geht es aber heute nicht darum, etwa gleiche Bedürfnisse mit gleichen Mitteln (1. Schema) zu befriedigen; denn das würde unter Umständen zum Kollektivismus führen. Ebensowenig kann es sich heute nur darum handeln, ganz konkrete Spezialbedürfnisse mit ganz konkreten (und sei es technisch noch so spezialisierten) Mitteln (2. Schema) zu befriedigen, welche gar nur einzelnen Bevölkerungsschichten oder -klassen zugute kämen, oder gar nur darum gehen, irgendwelche unbestimmten, vagen, also x-beliebigen, völlig unübersehbaren Bedürfnisse mit x-beliebigen Mitteln wahllos zu befriedigen (3. Schema), was offenbar zum extremen Anarchismus und Zerfall aller sozialen Ordnung führen könnte. Vielmehr muß alle lebensechte und lebensnahe Sozialeinstellung darauf bedacht sein, faktisch gemeinsame Bedürfnis- (Lageund Verhaltens-)Situationen mit faktisch gemeinsam aufbringbaren (Lageund Verhaltens-)Mitteln bestens zu meistern. Hier kommt es somit nicht so sehr auf wissenschaftlich „wahr" nachweisbares Denken und Handeln als vielmehr auf 1 e b e n s richtiges und dadurch erst lebens echtes soziales Denken und Handeln an. Erst gemeinsame Ich-Umwelt-Bedingungen schaffen nun einmal gemeinsame Lebensgrundsätze und Lebensregeln für „richtiges" soziales Ich-Umwelt-Verhalten. Dabei geht es nicht bloß um die Meisterung drückender und dringlicher, sondern auch mehr unbeschwerter, schlechthin genußreicher Lageund Verhaltenssituationen (z. B. um die spezielle Technik, sich unter den gegebenen Umständen das Leben — etwa durch Beobachtung gewisser Regeln und Praktiken — so angenehm wie möglich zu machen, ferner um die Techniken der Gesunderhaltung, beruflichen Vorwärtskommens oder um die „Technik", überhaupt sein Lebensglück zu machen o. dgl. m.). Alle Technik entsteht jedenfalls nicht bloß aus dem Streben, empfundenen Lebensnotwendigkeiten zu genügen, sondern auch Überflüssiges, ja bloß der Lust und dem allgemeinen Wohlbefinden Dienliches zu verwirklichen. Je mehr dabei das Nicht-Notwendige, d. h. Überflüssige, in den Mittelpunkt der Bedürfnisbefriedigung rückt, um so mehr verdrängt die so entstehende „Kunst" des Zweckmäßigen, Beliebig-Schönen usw., überhaupt die mehr opportunistische Kunst bloßen (irrationellen) Improvisierens und Sichzurgeltungbringens, die strenge Notwendigkeit des Folgerichtigen, Vernunftund — sei es naturoder OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
22 Otto Kühne [287 ideenmäßig — Systemgebunden. Dabei ist jedoch das erstrebte eudämonistische „Wohlbefinden" schlechthin nicht allein entscheidend; es muß auch mit „richtigen" Mitteln erlangt werden. Nicht um ein wahlloses Glückseligkeitsstreben um jeden Preis geht es dabei — welches unter Umständen nur das Gegenteil, die Selbstvernichtung, in sich schlösse —, sondern um echte Lebenskunst, welche stets das jeweils „Richtige" bei der fraglichen Mobilisierung der geeignetsten Lebensbedingungen (d. h. Mittelund Zielsetzungen) zu treffen sucht. Der Mensch, der da leben will, will nicht bloß schlechthin „existieren", d. h. nicht bloß seine dringendsten Bedürfnisse befriedigen (z. B. sich notdürftig ernähren, kleiden usw.), was einem mehr animalischen Vegetieren gleichkäme, sondern er will „richtig" leben, um sich möglichst „w o h 1" zu fühlen. Andererseits wäre es übertrieben, ein solches Wohlbefinden des Menschen nur durch hinreichende Sicherstellung des an sich Überflüssigen gewährleistet zu sehen, wodurch das Überflüssige quasi zum Notwendigen gestempelt würde. Das Leben jedes Einzelnen von uns pendelt nun einmal stets zwischen den beiden Polen des biologischen Existenzminimums und des eudämonistischen Lebensoptimums hin und her. Es besteht dabei ein allmählicher Übergang vom Notwendigen zum Entbehrlichen und umgekehrt von diesem zu jenem. Das eine läßt sich, wenn man „richtig" leben will, nicht ungestraft ohne das andere vernachlässigen. Gerade die durch die Technik begünstigte gewaltige Zunahme an den mannigfaltigsten Produktionsund Konsumtionsreizen und deren zahlreichen Befriedigungsmöglichkeiten macht unter dem so gehäuften „Überflüssigen" die Kunst der „richtigen" Auswahl immer schwieriger. Dabei hängt das, was als notwendig oder überflüssig anzusehen ist, ganz von den jeweiligen Lebensbedingungen ab, in denen der Mensch sich befindet. Sind diese Bedingungen mehr zwangsmäßig auferlegt, so nähert sich der eine Pol unter Umständen soweit dem anderen Pol, daß praktisch beide Begriffe realiter miteinander zur Deckung gebracht werden. In solchen unausweichlichen Zwangssituationen geht dann der Blick, ja die Vorstellung von noch möglichen Wahlfreiheiten hinsichtlich Bedürfnisempfindung und Bedürfnisbefriedigung immer mehr verloren. Man lebt dann nicht mehr, um sich auch Überflüssiges leisten zu können, sondern begnügt sich damit, das Allernotwendigste zu erhalten und sich zu sichern. Das haben manche hervorragenden Lebenskünstler immer wieder durch ihre faktische Lebensweise gezeigt: Ich denke dabei nicht zuletzt an unsere standhaften Kriegsteilnehmer, insbesondere die Kriegsgefangenen und sonstigen Zwangslagerinsassen, welche auch in den gefährdetsten und aussichtslosesten Situationen immer wieder ihren heroischen Willen zum Leben unter Beweis gestellt haben, wobei die extremalen Bedingungen eines bioOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
279] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 23 logischen Existenzminimums z. T. sogar weit unterschritten waren. Natürlich zählen solche Zwangslagen — im ganzen gesehen — meKr zu den Ausnahmefällen, da das Durchhalten in ihnen meist nur eine Frage der Zeit ist. Immerhin hat doch ihr relativ häufigeres Vorkommen in der Kriegsund Nachkriegszeit dazu geführt, zum Kriterium und Richtmaß alles geglückten und damit „richtigen" Wohlbefindens nicht bloß jenes, das Ich-Umwelt-Verhältnis von Fall zu Fall „bestens" (optimal) gestaltende Mittel-Zweck-, d. h. Erfolgsstreben schlechthin zu machen, sondern in jenes „richtige" Gestaltenwollen und Erfolgsuchen zugleich das — vor allem zeitliche — Moment weitestgehender Sicherheits garantie mit einzuschließen. Man liebt es nicht bloß, von heute auf morgen so gut wie möglich zu leben, sondern möchte tunlichst für alle Zeiten vor unangenehmen Überraschungen bewahrt bleiben. Gerade das in letzter Zeit immer mehr zu beobachtende Dahinschwinden des Vertrauens von Mensch zu Mensch, ja von Volk zu Volk, dürfte zu dieser sich bisweilen geradezu an Lebensangst grenzenden und sich immer mehr versteifenden „Sicherheitsmanie" geführt haben. Nicht mehr das „gefährliche" Leben, sondern möglichst „sicheres" Leben ist heute zur meist befolgten Lebensparole geworden. Auf die verschiedenartigen — insbesondere politischen — Umstände näher einzugehen, die diese entscheidende Wende in der ganzen Lebenseinstellung der meisten Zeitgenossen verursacht haben, ist hier nicht der geeignete Ort noch Raum. In erster Linie dürften aber wohl die furchtbaren Kriegsund Nachkriegserlebnisse mit ihren fortwährenden Ausbombungen und Vertreibungen der gesamten Zivilbevölkerung von Haus und Hof für diese durchaus natürliche und verständliche Reaktion weitester Kreise verantwortlich zu machen sein. Jedenfalls haben wir in dieser dauernden Sicherheitssuche, die sich manchmal — auch im Politischen — bis zum Fanatismus steigert, einen integrierenden Bestandteil der heute überwiegenden Lebenseinstellung aller Bevölkerungsschichten und -klassen zu erblicken und haben sie demzufolge bei der wissenschaftlichen Analyse dieser Einstellung und ihrer mannigfachen Folgen als ein unübersehbares Faktum gebührend in Rechnung zu stellen. Natürlich gilt es nicht bloße Zwangslagen bzw. Zwangsvorstellungen, sondern auch diametral entgegengesetzte Extremallagen entsprechend zu würdigen, wo restloses Freiheitsstreben an keinerlei soziale, wirtschaftliche oder sonstige Fesseln gebunden ist. In ihnen wird sich alle ungehemmte Lebensgier zügellos zu entfalten und allen erreichbaren Genüssen triebhaft-unbekümmert zu frönen versuchen, wobei die Pole des Lebensnotwendigen und Entbehrlichen nicht minder nahe zusammenrücken wie in dem soeben behandelten Falle extremer Zwangssituationen. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, daß jetzt das OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
24 Otto Kühne [280 an sich Überflüssige nicht mehr als entbehrlich, sondern als lebensnotwendig empfunden, entsprechend gewertet und begehrt werden wird. Indes brauchen wir diesem mehr bloß theoretischen Korrelat nicht die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, da es in der praktischen Wirklichkeit weit seltener anzutreffen sein wird. Denn wir leben nun einmal in einer Welt, welche ohne hinreichende gesellschaftliche und sittliche Schranken ganz undenkbar ist. Hinzu kommt, daß, wie schon betont, aller noch so starke freiheitliche Lebenswille und lustbetonte Lebensdrang durch die sich überall einschleichende Lebensangst und Existenzfrage erheblich gedämpft werden. Dabei soll allerdings nicht unterdrückt werden, daß in vielen Ländern gewisse haltlose Gesellschaftskreise den ewigen Tanz ums Goldene Kalb glauben ungeniert — in einer Art Götterdämmerung oder Weltuntergangsstimmung — vor aller Augen aufführen zu dürfen in dumpfer Resignation gegenüber allen kommenden Ereignissen. Das Schlimmste hierbei ist, daß auch die Jugend von solchen Versuchen nicht verschont wird, indem sie sich für derartige leichtfertige Vergnügen zu leicht mißbrauchen läßt, angeblich weil sie zur Zeit nichts hat, an dem sie sich aufzurichten und zu erbauen vermöchte. Infolge solcher überspannten dialektischen Lebenseinstellung zur Mitund Umwelt, welche alle Lebenslust nur auf Kosten von um jeden Preis zu betäubender Lebensangst rechtfertigen zu können glaubt, nimmt das sonst ganz natürliche und gesunde, ja unentbehrliche ständige polare Wechselspiel von Lebensfreiheit und Lebenszucht (Lebensordnung) immer mehr anomale Formen an, ja läßt oft geradezu tragische Gleichgewichtsstörungen erkennen (vgl. u. a. steigendei Selbstmordziffern). Zu dieser sich damit dokumentierenden erhöhten Unsicherheit des heutigen Lebens hat — so paradox das zunächst klingen mag — nicht zuletzt auch der moderne technische Fortschritt beigetragenAll" Technik vermag nämlich nur dann einer „richtigen66 Lebensgestaltung zu dienen, wenn sie durch ihre Zeitund Arbeitsersparnis das erstrebte bestmögliche Wohlbefinden leichter erlangen bzw. stärken und sichern hilft. Dabei wird das Notwendige mehr durch Ausleseund Anpassungsvorgänge des Ich gegenüber dem Zwang der Umwelt, das Entbehrliche dagegen umgekehrt mehr durch Nachgeben der Umwelt gegenüber den Forderungen des Ich gewonnen. In beiden Fällen soll aber stets das Wohlbefinden des Einzelnen hinreichend gewährleistet sein. Was dabei als Wohlbefinden gilt, hängt ganz von dem Lebensideal und der Lebenseinstellung des Betreffenden ab. Ein Asket oder Mönch, z.B. ein indischer Fakir oder ein chinesischer Kuli wird hierüber andere Vorstellungen haben als ein Pariser Lebemann. Mit anderen Worten: das Richtmaß für das fragliche bestmögliche Wohlbefinden ist nun einmal für jeden Lebens typ verschieden (vgl. meine kürzliche Abhandlung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
278] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 31 sowohl dem Guten wie dem Bösen in und um den Menschen. Es ist also nur Aufgabe des Menschen selbst, diese so mit Hilfe der Technik mobilisierten Kräfte richtig, d. h. im Gemeinschaftssinne bestens zu steuern und schließlich zu meistern, was nun einmal ohne gehörige Lebenstechnik und Lebenskunst nicht zu bewerkstelligen ist. Dabei besteht nur die große Gefahr, daß die von der Technik gebotenen Hilfsmittel kraft ihres natürlichen Beharrungsvermögens als Eigenwirkkräfte und Eigentendenzen versuchen, sich immer mehr selbständig zu machen, so daß die von der Technik eingeführten Lebensformen beginnen, den Lebensinhalt geradezu zu beherrschen. Die damit sich offenbarende Eigengesetzlichkeit technischer Funktionen, überhaupt äußerer Lebensfaktoren, ist durch die neueste hypermoderne technokratische Entwicklung besonders gefördert worden. Die dabei bis zum äußersten spezialisierte Maschine hilft nicht mehr dem Menschen, sondern dieser hilft mehr der Maschine zu ihrer Existenz und Fortentwicklung. Der Mensch wird dabei zu einem bloßen, nur noch der Apparatur dienstbaren Geist, d. h. zum bloßen Funktionär. Jedes Zeitalter hat nun einmal seinen eigenen Lebensstil. Auch unser jetziges technisches Zeitalter lebt einer nur diesem Stil eigentümlichen Vorstellungswelt. Unsere heutigen technischen Funktionen unterscheiden sich grundsätzlich von denjenigen früherer technischer Epochen mehr primitiver Lebensformen. Die bei diesen noch im Vordergrund stehende möglichst totale Befriedigung der elementarsten Lebensbedürfnisse ließ nach ebenso totalen wie radikalen (und spezifischen) Mitteln Ausschau halten. Das fragliche Mittel richtete sich überwiegend nach dem gesetzten letzten Endzweck, dem es bedenkenlos untergeordnet, ja notfalls sogar geopfert wurde. Erst die mit weiterem zivilisatorischen und kulturellem „Fortschritt" erweiterten Lebensbedürfnisse lieferten auch detailliertere und verfeinerte Befriedigungsmittel. Ja, die überhandnehmende „moderne64 Mechanisierungstechnik trägt immer mehr dazu bei, die anfangs noch durchschlagenden instinktiv-triebhaften Grundbedürfnisse (insbesondere Fortpflanzung und Ernährung) der Menschen auf das „richtige" Maß zurückzuschrauben. Wir finden diese Tendenz heute besonders deutlich hervortreten, wenn wir die technisch „fortgeschrittensten" Gebiete Westeuropas und Nordamerikas den mehr „zurückgebliebenen" Gebieten Asiens und Afrikas gegenüberstellen. Während diese letzteren nach wie vor gewaltige Geburtenüberschüsse aufweisen und weiterhin dazu beisteuern werden, daß — nach vorsichtigen Berechnungen — die gesamte Erdbevölkerung in den nächsten 26 Jahren voraussichtlich ebenso viel zunehmen wird (bis auf 3,5 Milliarden Menschen), wie sie in den letzten 100 Jahren insgesamt angewachsen ist, wird dagegen in den hochindustrialisierten Ländern ein nennenswerter Zuwachs OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
32 Otto Kühne [288 überhaupt nicht zu erwarten sein. Hier macht sich die bekannte zivilisatorisch-technische Bremswirkung analog zum Malthusschen Bevölkerungsgesetz besonders folgenschwer bemerkbar, wie umgekehrt zugleich die heute oft übersehene regulativ-ausgleichende Sozial-Komponente, ja soziale Gemeinschafts funktion, die allem technischen Vorwärtsstreben innewohnt, diesem Streben erst eigentlich Sinn und Inhalt verleiht und aller Menschheitsentwicklung ihren dominierenden Stempel aufdrückt. Lebenswille und Lebenstechnik begegnen sich somit im modernen Maschinenzeitalter stets auf „mittlerer" Ebene. Damit ist eine grundlegende Wandlung in der Stellung und Bedeutung der Technik innerhalb des gesellschaftlichen Lebens eingetreten. Richtete sich in früheren Zeiten das gesuchte technische Mittel mehr nach dem erstrebten Bedarfszweck, so sind heute beide, Mittel und Zweck, mehr harmonisch und organisch aufeinander abgestimmt, wenn aller technische „Fortschritt" überhaupt noch einen „höheren" Sinn erfüllen soll. Während in primitiven Entwicklungsanfängen alle technischen Erfindungen mehr auf Zufall beruhten, so liegt heute geradezu System in ihnen. Die Lust am Erfinden und an möglichst ergiebiger Auswertung der Erfindungen bzw. der gemachten Entdeckungen steht jetzt im Vordergrund alles technischen Denkens und Handelns. Die Gefahr besteht dabei darin, daß nicht wie in der vortechnischen Epoche das zu wählende Mittel den erstrebten Zweck nachahmt und von ihm quasi Besitz zu ergreifen sucht, sondern daß nunmehr umgekehrt das fragliche Mittel immer mehr Selbstzweck wird und sichj in ihm ganz verliert. Jetzt gilt es somit besonders darauf zu achten, daß nicht mehr nur blindlings oder gläubig „drauflos" erfunden wird, sondern auch alles Erfundene „richtig" angewandt und in den gesamten gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß und Rahmen organisch eingegliedert wird. Dies erfordert eine hohe Lebenskunst, die sich nicht bloß in der Anfertigung von noch so imponierenden „Kunststücken erschöpft. M. a. W. alle technische Kunst muß immer mehr zum integrierenden Bestandteil jedweder sozialen Lebenskunst werden, indem sie dem Menschen nicht bloß im Kampf mit der materiellen Umwelt hilft, sondern ihm auch im Kampfe mit der eigenen und der fremden Ideenwelt den notwendigen richtungweisenden Beistand leistet. Alle äußere Not wird damit nicht nur rein äußerlich, mit bloßen technisch-wirtschaftlichen Hilfsmitteln überwunden, sondern auch in ihrem eigentlichen geistig-seelischen Urgründe und Zielbereiche echten Mensch-Seins bzw. Mensch-Sein-Wollens erfaßt und innerlich geläutert. c) Gerade wo technische Kräfte in Erscheinung treten, werden alle anders gearteten Kräfte leicht beiseite gedrückt, insbesondere die seelischen und geistigen. Die Anbetung des Überirdischen, also auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
289] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 33 Gottes, wird dabei immer mehr durch eine Anbetung des IrdischMateriellen, eben des technischen Wunders, verdrängt. Wo herrscht heute mehr Andacht und Frömmigkeit unter den gläubigen Zuschauern, im Gotteshaus vor den Altären, oder im Sportstadion vor den sich dort abspielenden Wettrennen der aufheulenden Motoren? Die Technik ist für den heutigen Menschen immer mehr zu einer Art Religionsersatz geworden. Diese Dämonie der Technik liegt aber letztlich nicht bloß in dem Überhandnehmen der technischen Apparatur selbst begründet, sondern weit mehr in der dämonischen, d. h. magischen Art und Weise, wie sich der Mensch, d. h. sein Geist und seine Seele mit Hilfe solch ständig zunehmenden technischen Fortschritts immer mehr der Schöpferkräfte der Natur bemächtigt. Die entscheidende Frage, die uns in diesem Zusammenhang beschäftigen muß, lautet also: Wie gelingt es, diesen dämonischen Einfluß der Technik oder vielmehr des Menschen auf die weitere Entwicklung der Technik, auf das „richtige" Maß zurückzuschrauben? Offenbar nur, indem wir uns weder von der Dämonie der wissenschaftlich-technischen Errungenschaften, also schließlich des Stofflichen noch von der Dämonie des Geistig-Menschlichen leiten und beherrschen lassen, sondern beide, den Stoff und seine richtige Formgebung, harmonisch aufeinander abstimmen im Sinne einer ständigen Erhaltung und Festigung des Überwiegend-Menschlichen in unserem gesamten Leben. Anders ausgedrückt: wir müssen uns immer mehr der Kunst der Persönlichkeitsentfaltung bzw. -wiederaufrichtung widmen, d. h. der Kunst, den Menschen wieder in die Mitte alles Stofflichen und Geistigen zu stellen, und ihn damit wieder zum seelischen Mittelpunkt alles Seins und Werdens zu machen. Dabei gilt es vor allem zwei dialektische Hindernisse zu überwinden, die sich bei der Verwirklichung solchen menschlichkeitsbetonten Harmoniestrebens in den Weg stellen: Das Überhandnehmen des Spezialistentums einerseits und die zunehmende Vergesellschaftung unseres Lebens, besonders in Form der sogenannten Massen güter für die zu befriedigenden Massenbedürfnisse des sich dabei immer mehr herauskristallisierenden unpersönlichen Massen menschen andererseits. Diese auffallende Diskrepanz der Neuzeit wird noch dadurch unterstrichen, daß das unaufhörlich im Wachsen begriffene technische Optimum jeder Produktion ständig sozusagen auf dem Sprunge liegt, das jeweils mühsam erreichte wirtschaftliche Optimum immer wieder zu überholen und damit zu paralysieren, woraus sich jedes Mal schädliche wirtschaftliche, soziale und kulturelle Folgewirkungen mannigfacher Art ergeben. Konkretes Leistungsstreben und kollektivistische Massenbefriedigung wachsen sich im Zuge solcher dialektischen Störungsprozesse immer mehr zu rein abstrakt-anonymen Lebensformen aus, die alles selbSchmollers Jahrbuch LXXV1, 3 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
34 Otto Kühne [290 ständige Persönlichkeitsund — auch sittliches — Verantwortungsbewußtsein immer mehr untergraben. Dies gilt es bei allen kommenden Mechanisierungsund Technisierungsbestrebungen stets im Auge zu behalten, denn aller technische Fortschritt ist ohne entsprechenden, die persönliche Freiheit hinreichend wahrenden gesellschaftlichen Fortschritt heute ein totgeborenes Kind. Der Mensch ist eben nicht bloß ein Gesellschafts„tier", ein zoon politikon (Aristoteles). Er ist in gesellschaftlichem Getriebe nicht ohne weiteres auswechselbar wie ein Maschinenteil oder als bloße Planoder Kraftnummer ohne weiteres ersetzbar wie ein anonymes Glied innerhalb eines kollektivistischen Sollund „Über"-Soll-Erfüllungsplanes. Die Technik als „techne", d. h. als Kunst hat nicht die Aufgabe, Mensch und Natur (Materie) schrankenlos auszubeuten, sondern sie soll beide nach Form und Inhalt in ein bestmögliches Gemeinschaftsverhältnis zueinander setzen. Wir befinden uns jetzt auch in der „exakten" Technik an der Grenze des Akausalen, Außerund Übermenschlichen, also des Magischen und Göttlichen, sei es was die weitere Erforschung des Makrokosmos, der Weltenraumforschung, der Gestirne usw., oder diejenige des Mikrokosmos, der kleinsten Lebewesen und Atombestandteile, insbesondere der Atomenergie, vor allem in ihren friedlichen Anwendungsbereichen, betrifft. Überall und zu jeder Zeit hatte aber die Technik bei all ihrem eifrigen Suchen nach neuen Erfindungen und zweckmäßigen „Anwendungen" natur,,gesetzlicher" Erkenntnisse nur Erfolg, wenn sie sich dabei letzten Endes in den Dienst des Menschen stellte. Alle technischen Neuerungen hatten schließlich nur insoweit Bedeutung, als sie — vor allem als arbeitsund zeitersparende Werkzeuge und Instrumente — dem Menschen dazu verhalfen, seinen ständigen Kampf mit der widerstrebenden Umwelt leichter zu bestehen. Es kommt nur, wie wir bereits feststellen mußten, darauf an, wie es dem so immer mehr entlasteten Menschen gelingt, die gewonnene Freizeit richtig auszufüllen. Natürlich geht es dabei immer nur um freiwillige, nicht um unfreiwillige Muße, z. B. als Arbeitsloser, was sogleich das immer wieder aktuelle Problem auf den Plan ruft: Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten? Gerade weil die Maschine mit Hilfe der Technik den arbeitenden Menschen immer mehr ersetzt, d. h. verdrängt hat, entsteht nun die entscheidende Frage: Läßt sich dieser Rationalisierungs-, d. h. Entlastungsprozeß zugunsten der Schonung der menschlichen Arbeitskraft, welcher heute fast die Grenze des Irrationalen, des Magisch-Dämonischen erreicht hat, ad infinitum fortsetzen? Offenbar nur insoweit, als es sich noch um vor allem sogenannte regelmäßig wiederkehrende und damit zählund meßbare Erscheinungen unseres Naturund Gesellschaftslebens handelt, und zwar meist um OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
291] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 35 solche Erscheinungen, welche in ihrem Ablauf einen überwiegend monotonen Charakter aufweisen. Das schließt also in sich, daß die Technik dem Menschen alles Einmalige, Nicht-Wiederholbare nicht abnehmen kann. Der dabei von Seiten extremer Skeptiker etwa zu erwartende, von uns bereits oben gewürdigte Einwand, es gäbe in der Wirklichkeit überhaupt keine sich wiederholenden Ereignisse im strengen Sinne völliger Identität, kann als praktisch irrelevant hier außer Betracht bleiben. Jedenfalls wird es, wenn es auch heute schon Elektronen-Gehirne gibt, niemals Maschinen oder sonstige Apparaturen geben, welche dem Menschen das Sehen, Denken und Fühlen ganz ersparen und etwa medianisch seine jeweilige Stellungnahme zu der ihn umgebenden persönlichen Mitund sachlichen Umwelt exakt zu registrieren vermögen, oder welche gar in der Lage wären, seine „richtige" Einstellung (Gesinnung) zu dieser Umwelt — etwa im Gemeinschafts-Sinne — einwandfrei festzustellen und zu beurteilen. In dieser Hinsicht sind alle mechanischen, chemischen usw. ReaktionsProben, überhaupt alle naturwissenschaftlichen und mathematischstatistischen (z. B. ökonometrischen oder soziometrischen) Erfassungsund Deutungsversuche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Eine noch so minutiöse wissenschaftliche Analyse der innersten Seins-Beschaffenheit des primitiven homo faber oder des kulturbeladenen homo sapiens, wie sie heute nun einmal seitens der Naturbzw. Geisteswissenschaften betrieben wird, wird uns hier bei der Ermittlung des „Richtigen" kaum weiterbringen, sondern nur eine entschiedene Rückbesinnung auf die heutige Stellung des Menschen als „homo vivendus" schlechthin zur Folge haben. Denn nur auf den lebenwollenden bzw. -sollenden Menschen im Verhältnis zu seiner Mitund Umwelt, in die er hineingestellt ist und in der er um seine Fortexistenz ringt, kommt es schließlich an. Dabei geht es uns nicht — um dies nochmals klarzustellen — um das „Sein" oder die „Existenz" des Menschen an sich, nicht um den von der Existenzphilosophie Heideggers und Jaspers' heute in den Vordergrund geschobenen dialektischen, zu „Nichts" führenden Zwiespalt zwischen dem die Welt „gründenden" Menschen einerseits und seinem in die Welt „Geworfensein" andererseits, sondern nur um das bisher gelebte und künftig richtig, d. h. bestmöglich zu lebende Menschsein. Für dieses „richtige" Menschsein gelten aber in den entscheidenden Punkten nicht bloß streng wissenschaftlich, sondern zugleich auch menschlich orientierte Erkenntnismaßstäbe, -grundsätze und -richtlinien. Denn ein solcher Wissenschaftler muß sich gründlich auskennen und orientieren über diese Welt der steten Auseinandersetzung zwischen wirtschaftlichem Dasein und Menschseinwollen. Diese entscheidende Polaritätsbeziehung findet ihre bestmög3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
36 Otto Kühne [292 liehe faktische Verwirklichung im Leben nur durch die Anwendung der „Kunst" richtigen Menschsein k ö n n e n s. Erst wenn diese hohe Lebenskunst ins Metaphysische abgeleitet und nach den „letzten" Hintergründen und Urfragwürdigkeiten des Menschseins zu forschen beginnt, wird sie immer 'mehr der dialektischen „Unbestimmtheitsrelation" alles Menschseins gewahr und verliert damit ihren „existentiellen" Halt, d. h. entartet zu religiöser Spekulation. Eine solche Rückbesinnung auf die Lebenseigenschaftlichkeit, Lebensbedingtheit und Lebensausgerichtetheit des lebensgemäß denkenden, sich verhaltenden und handelnden Menschen bedeutet aber für die richtige Analyse solcher stets lebenverwobenen Einstellung des Menschen nichts weiter als eine erhöhte Abkehr von den absoluten, rein wissenschaftstheoretischen Systemmethoden der Vergangenheit und eine verstärkte Zuwendung zu „kunstgerechten" eigenständigen Methoden einer wahrhaft lebens echten gesellschaftlichen Lebenskunstlehre. Damit wird die bisherige Hauptproblematik bezüglich der Analyse des Menschen immer mehr verlagert von einer Durchleuchtung seines fraglichen Ichoder umweltbezogenen „Wesens" auf eine lebenswahre Kennzeichnung seines ichund zugleich umweltorientierten Verhaltens und Handelns. Da letzteres aber stets lebensbezogen ist, so kann es auch nur mit lebens -wissenschaftlichen, also nicht mit zu eng systemgebundenen Mitteln einwandfrei erforscht werden. Denn echte Lebenswissenschaft ist ihrem Kerngehalt naich jeder Wissenssystematik, insbesondere jedem Gesetzesdenken, abhold, weil sie sich ja sonst in ihrer wesenhaften Lebenseigenschaftlichkeit, d. h. in ihrer nie ruhenden und nimmermüden Lebensschwungund -triebkraft selbst negieren würde. Alles Leben bedeutet stets Werden, Bewegung, Wandel, niemals Seinsbeschaffenheit, Stillstand und Geschlossenheit als Einheitlichkeit im Sinne von Beständigkeit und „Wesenhaftigkeit". Leben läßt sich überhaupt nicht streng systematisch, d. h. als Nichtwandelbares, als Nichtlebendiges erfassen, weil dies sonst einer contradictio in adjecto gleichkäme. Nein, alle menschlichen Lebensvorgänge sind immer nur durch eine besondere Kunst der Lebenserfassung, Lebensdeutung und Lebensgestaltung — von mir zusammenfassend „Lebenskunstlehre" genannt — „richtig" zu erschließen. Die Hauptaufgabe solcher Lebenskunstlehre besteht darin, die Kunst richtigen (sozialen) Lebens zu lehren. Dies geschieht hauptsächlich dadurch, daß das Leben können in seinen beiden (polaren) Hauptwurzeln, des Lebens daseins und des Lebenw o 11 e n s , bloßgelegt und in seinen entscheidenden gemeinsamkeitsorientierten Richtmaßen, welche das richtige Verhältnis des Ich zur Mit* und Umwelt bestimmen, aufgezeigt wird. Alle soziale Lebenskunst, welche sich dieser Problematik annimmt, wird damit nicht mehr OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
293] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 37 bloß zu einer Angelegenheit der reinen Wissenschaft, sondern zugleich auch der praktischen Lebensführung. Der an der Maschine, am laufenden Bande arbeitende Mensch ist zwar durch die zunehmende Technisierung immer mehr der eigenen Initiative und Schöpferkraft beraubt worden. Soweit die neu erfundenen Maschinen ihn von seinem bisherigen Arbeitsplatz verdrängt haben, sind vor allem in den Mammutbetrieben und -Organisationen überwiegend fast nur noch Angestellte, Funktionäre übrig geblieben, welche sich damit begnügen, das nun einmal mechanisch in Gang gesetzte gewaltige Getriebe mit Hilfe einiger weniger Hebel zu bedienen oder gar nur zu überwachen. Die nächste Hauptaufgabe aller sozialen und wirtschaftlichen Lebenskunst muß es daher sein, diese Reservearmeen der aus dem kapitalistischen Produktionsprozeß als Opfer jener technisch-rationellen Arbeitsmethoden Verdrängten (Proletarier, Bauern, Bürger, ja niederkonkurrierte Mittelständler und Unternehmer) wieder als schöpferische und verantwortungswillige Persönlichkeiten in den gesamten volkswirtschaftlichen Kreislauf nutzbringend einzugliedern (Problem der steten Vollbeschäftigung), um ihrem Leben damit wieder Sinn und Inhalt zu verleihen. Das bedeutet aber im Grunde nichts weiter, als die streng wissenschaftlichen Methoden der überwiegend sachlich orientierten rationellen Arbeitstechnik immer mehr durch die mehr aufgelockerten k u n s t gerechten Methoden einer überwiegend Persönlichkeitsund menschlichkeitsbetonten sozialen Lebensgestaltungskunst: polar-harmonisch zu ergänzen und damit zu vervollkommnen. Alle Technik schlägt eine Brücke zwischen den Natur erscheinungen und den Geistes erscheinungen unseres Lebens mittels des Leistungs gedankens des Menschen. Sie nimmt nur dann dämonische, d. h. autokratische und damit geistig-seelisch immer weniger kontrollierbare Formen an, wenn sie sich nur um ihrer selbst willen — als l'art pour l'art — fortentwickelt, wenn sie also immer nur wieder Technisches aus Technischem gebiert und dabei ihre eigentliche mensch orientierte Mittlerfunktion aus den Augen verliert oder gar verleugnet. Aller technische Fortschritt beginnt dort seinen eigentlichen Sinn infolge mangelnden kulturellen Niederschlags immer mehr einzubüßen, wo er das Selbstbewußtsein des Menschen und seine Selbsterkenntnis immer mehr hinter sich laßt oder gar abtötet, anstatt beide möglichst im gleichen Tempo zu steigern und zu beleben. Dort also, wo unsere überkommene, geistig-kulturelle, insbesondere soziale Einstellung mit dem fortwährenden Wandel unserer technischen Umgebung, d. h. der technischen Erfindungen und Neuerungen nicht Schritt zu halten vermag, entsteht ein vorläufiges geistig-seelisches Vakuum, das es baldmöglichst organisch auszufüllen gilt. Das heißt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
38 Otto Kühne [294 aber nichts anderes als: Die richtige Überbrückung der sonst unvermeidlichen dialektischen Kluft, welche sich immer mehr auftut zwischen der Eigengesetzlichkeit der n a t u r gebundenen Technik und den Eigengesetzlichkeiten des auf sich selbst gestellten menschlichen Geistes, wird immer mehr zu einer besonderen Kunst, welche nicht mehr bloß mit exakt wissenschaftlichen Mitteln zu betreiben ist11. Vielmehr bedarf es bei solcher echten sozialen Lebenskunst stets der rechtzeitigen und richtigen Einschaltung des „Überwiegend-Menschlichen", welches allein zwischen naturwissenschaftlich-technischem Fortschritt und geisteswissenschaftlichem Verstehen und Sichzueigenmachen solchen damit verbundenen kulturellen „Fortschreitens" in wahrhaftem Gemeinschaftssinne zu vermitteln weiß. Nur solcher Kunst gelingt es, den Menschen aller Klassen, Berufe, Stände und Interessensphären von dem eminent sozialen Gehalt und Sinn aller technischen, sich immer mehr vervollkommnenden Lebensformen zu überzeugen. An ihnen wird der Einzelne dann in demselben Maße Anteil haben, in dem jene neuen Formen ihm immer mehr zu gewohnten Lebens-Techniken werden, welche ihn nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich als Menschen anzusprechen wissen. Das — sowohl theoretische wie praktische — entscheidende Grundproblem unserer heutigen wie aller künftigen Sozialwissenschaft besteht nun einmal darin, den Sinn für das „Richtige" (Gemeinsamkeits-)Maß des „Überwiegend-Menschlichen" im Verhältnis des Ichs zu seiner Umwelt immer mehr zu entwickeln, da von ihm die richtige Gestaltung der Beziehungen unter den Völkern nicht minder wie unter Einzelnen abhängt. Daß hierbei der Mensch sich nicht von noch so widrigen Umwelt-Einflüssen erdrücken lassen darf, sondern stets die Initiative mit dem ungebrochenen „Willen zum Guten" in der Hand behalten muß, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Leider hat manch umwälzender technischer „Fortschritt"—denken wir nur an die Atomenergie-Gewinnung — der Neuzeit, welcher neue, ungeahnte „übermenschliche" Kräfte freisetzt, den Menschen dazu verleitet, von diesem gewaltigen Kraftund Machtzuwachs einen immer u n menschlicheren Gebrauch zu machen. Hier sollte ein für allemal die schlichte Sentenz, die ich als Sprüchlein über den Torbögen vieler Tiroler Gaststätten und Wohnhäuser angebracht fand, eine eindringliche Warnung sein: 11 Ganz anders im abgeschlossenen methodischen Bereiche schlechthin, besonders der Wirtsc hafts lehre, wo „Exaktheit", besonders von Arbeitsbypothesen, Modellkonstruktionen (3. B. von Kreislaufvorstellungen), und vor allem von Funktionszusammenhängen rechenhafter Größen (Mengen, Preisen usw.) sogar einen großen Vorzug bedeuten kann (vgl. meine „Mathematische Schule in der Nationalökonomie" und meine „Exakte Nationalökonomie"). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
295] Zur Neuorientierung der Sozialwissenschaft 39 Die Menschen sagen immer: Die Zeiten werden schlimmer. Die Zeiten beiben immer, Die Menschen werden schlimmer! Aus den bisherigen Ausführungen dürfte hinreichend klar geworden sein, daß infolge der verwirrenden, immer unkontrollierbarer werdenden Fülle mannigfaltigster Einflüsse und Eindrücke, denen das im Mittelpunkt aller Sozialbetrachtungen stehende Ich-Umwelt-Verhältnis ausgesetzt ist, die richtige Erfassung und Gestaltung dieses Verhältnisses immer schwieriger, d. h. zu einer wahren Lebens k u n s t geworden ist. Gerade die neuzeitlich zunehmende Mechanisierung und Technisierung aller Mensch-Menschund Mensch-Ding-Beziehungen macht, wie die Darlegungen über Mensch und Technik zu zeigen versucht haben, die „richtige" Positions-, Lageund Verhaltensbestimmung sowohl für den Einzelnen wie für seine Umgebung zu einem schier unlösbaren Grundproblem alles sozialen Denkens und Handelns. Das entscheidende Ich-Umwelt-Verhältnis wird damit entsprechend der Heisenbergschen „Unsicherheitsrelation", welche nur für die physikalische Welt gilt, auch für die soziale Welt immer unbestimmter und unsicherer. Andererseits verlangt seine richtige Erfassung und Gestaltung das Einschlagen immer bestimmterer, eindeutigerer und mehr Erfolg versprechender Wege. Diese vom Leben gleichermaßen an den Wissenschaftler wie an den Praktiker gestellte gebieterische Forderung zu erfüllen, gelingt nicht bloß noch so exakt geschultem kontemplativ-analytischen oder synthetisch-rationellem Erkenntnisvermögen, sondern bedarf zugleich der Befolgung irrationeller, intuitiv-spekulativer, ja improvisatorischer Methoden und Lebenserfahrungs-Grundsätze und -regeln (z. B. richtiger Verhaltensstrategie und -taktik). Erst die erfolgreiche gemeinsame Anwendung beider Methodengattungen vermag! den Ansprüchen wahrer sozialer Lebenskunst gerecht zu werden. Konnten wir doch als ein Hauptprinzip unserer Lebenskunstlehre immer wieder feststellen, das zwei polaren Lebenserscheinungen ,, Gemeinsame" als das Wahrscheinlichste gelten zu lassen und es meist sogar zum Ausgangsund zugleich Zielpunkt aller einschlägigen Betrachtungen zu machen. Dementsprechend treten auch Wissenschaft und Kunstlehre nicht in einen unversöhnlichen Gegensatz zueinander, sondern sind als sich stets wechselseitig ergänzende und befruchtende Elemente nur das ganz natürliche symptomatische Kennzeichen für die immer wieder zutage tretende gesunde (polare) Spannung, welche zwischen allem richtigen theoretisch und wissenschaftlich geschulten Lebens denken und zugleich allem richtigen praktisch orientierten Lebens h a n d e 1 n besteht. Das bedeutet also: Die exakten Wissenschaftsmethoden des erkenntnismäßig Erschließbaren müssen gemeinOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
40 Otto Kühne [29$ sam mit den mehr bloßen Wahrscheinlichkeitsmethoclen des faktischempirisch Feststellbaren immer besser aufeinander abgestimmt werden, damit sie den berechtigten Ansprüchen von Theorie und Praxis im Sinne echter Lebenskunst-Forschung genügen. Die Antwort auf die eingangs von uns gestellte Frage kann somit nicht lauten: Wissenschaft oder Kunstlehre, sondern nur Wissenschaft und Kunstlehre als zusammenfassender dualistischer Ausdruck einer aufzubauenden (in ihren Ansätzen bereits erkennbaren) einheitlichen Sozial lehre. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:42
