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Zur Soziologie des Arbeiters

Kofler, Leo

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Kofler, Leo Article Zur Soziologie des Arbeiters Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Kofler, Leo (1958) : Zur Soziologie des Arbeiters, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 5, pp. 1-29, https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290907 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Das geäußerte und das wahre Interesse S. 19 — 5. Das Problem der Gestik S. 24 — 6. Die sterbende Zeit S. 25. Es kommt darauf an, das, was man ausdrücken will, lange genug, genügend aufmerksam zu betrachten, um einen Aspekt zu entdecken, den noch niemand gesehen und ausgesprochen hat. (Flaubert) Nachdem Georg Lukacs diesen Ausspruch zitiert, zeigt er gleichzeitig, daß das Sichvertiefen in die Einzelheiten über den flachen Naturalismus, sei es der Kunst oder der Soziologie usw., nur hinausführt, wenn diese Einzelheit unter den Begriff der dialektischen Verallgemeinerung, der Totalität, gebracht wird1. Angesichts des heute herrschenden flachen Empirismus in der Soziologie, die die tiefensoziologische Methode solcher Denker wie Max Weber und Ernst Troeltsch „überwunden46 zu haben scheint, bleibt die hier entwickelte methodische Forderung doppelt berechtigt — insbesondere für die Untersuchung des in unseren Tagen so sehr umstrittenen Problems des Arbeiters. Mit dem Begriff und dem Begreifen des Arbeiters steht und fällt die Welt, die ihn hervorgebracht hat. Ob sie wirklich steht und fällt, sich dies schon heute oder erst morgen entscheidet, ist eine Frage, die uns hier nichts angeht. Aber wir können die Einsicht nicht umgehen, daß je nachdem, ob sich der Arbeiter, der sozial und menschlich die tiefste Stufe im Bau der modernen Gesellschaft darstellt, als Verkörperung menschlicher Sinngebung oder menschlicher Entwertung erscheint, diese Gesellschaft in das Licht der Gerechtigkeit oder der Verworfenheit gerät. Anders ausgedrückt: es muß entschieden werden — und der heutige Streit um den Arbeiter drängt zu dieser Entscheidung —, ob der Arbeiter als eine sozialapologetische oder eine sozialkritische Kategorie aufzufassen ist, womit auch ent1 Georg Lukacs, Das Besondere als zentrale Kategorie der Ästhetik, Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1956, Heft 2, S. 137 f. Schmollen Jahrbuch 78, 5 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 2 Leo Kofier [514 schieden ist über den Charakter unserer Gesellschaft als einer harmonischen oder antagonistischen, sich zur Aufhebung der Klassengegensätze hin entwickelnden oder dem Klassengegensatz für alle Zeit ihres Bestehens verhafteten Ordnung. Die Frage des Arbeiters ist keine rein ökonomische, und sie ist es auch bei Marx niemals gewesen, der stets den Menschen in seiner Totalität im Auge behält2. Die Frage des Arbeiters ist eine totalmenschliche, vom Anthropologischen und Historischen über das Soziale zum Ideologischen reichende Frage. Zunächst ist dem Irrtum vorzubeugen, daß der Begriff der Arbeit und der Begriff des Arbeiters ihrem Wesen nach auf der gleichen Linie liegen, einander notwendig zugehören, etwa in der Weise: Arbeit inkarniert sich personell in der Gestalt des Arbeiters. Das ist Täuschung. Arbeit stellt sich vielmehr dar als das Wesen des Menschen schlechthin3. Der Arbeiter ist ein arbeitendes Wesen, sofern er Mensch ist. Dagegen als Arbeiter im spezifisch soziologischen Sinne, im Sinne des historischen Gewordenseins und der Gebunden2 Selbst die „Verelendungstheorie", vom alten Bernstein im Zuge seiner Versuche der Entrevolutionierung des Marxismus aufgebracht, ist ein Mißverständnis, wie inzwischen des öftern nachgewiesen — z. B. in der Zeitschrift der Wiener Arbeiterkammer „Arbeit und Wirtschaft'4, Nov., Dez. 1957 und Jan. 1958. Solche Hinweise von Marx, wie: „Welches immer seine (des Arbeiters) Zahlung sei, hoch oder niedrig . . belegen, daß Marx mit der Möglichkeit einer Verbesserung der Lebenslage im Kapitalismus gerechnet hat. Daß er hierin nicht sehr optimistisch war, ist eine andere Sache, wird aber durchaus durch die Entwicklung selbst gerechtfertigt. Z. B. meldet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, daß (trotz allgemeiner Preissteigerung) im Jahre 1956 51 °/o der Arbeitenden Deutschlands (Lehrlinge nicht mitgerechnet) nur 300 DM netto und weniger verdienten. Die sog. Arbeiteraristokraten, die 600 DM und mehr (brutto) verdienen, beschränken sich in Deutschland auf rund 10 °/o. Dabei wird bei solchen Berechnungen nicht vom Überstundentag auf den Normalarbeitstag zuriickgerechnet; ebensowenig wird nicht zurückgerechnet vom übersteigerten Leistungstag (etwa durch Akkord) auf den Normalleistungstag. Es ist klar, daß bei einer stärkeren Ausquetschung der Arbeitskraft durch Verschärfung des Arbeitstempos oder des Akkordes die Leistung und der Lohn steigen, dabei aber die Leistung stärker als der Lohn. Mit den Folgen, die verheerend sind für Gesundheit, Wohlbefinden und Kulturgenuß — z.B. ist in Deutschland die Frühinvalidität um 118 %> (!) gestiegen. Daß trotzdem durch Sozialversicherung, Tendenz zur Verkürzung des Arbeitstages usw. eine Aufwärtsbewegung zu verzeichnen ist, kann nicht geleugnet werden, gibt aber keinesfalls, wie oft versucht, das Recht, von einer ökonomischen und sozialen Entproletarisierung des Arbeiters zu sprechen. Es bleibt das Wort von Marx wahr: „Obgleich die Genüsse des Arbeiters gestiegen sind, ist die gesellschaftliche Befriedigung, die sie gewähren, gefallen im Vergleich mit dem Entwicklungszustand der Gesellschaft überhaupt." Das tiefe Mißbehagen des Arbeiters, auf das wir in der Untersuchung zurückkommen, ist ein Beweis dafür. Sonst wäre nicht zu erklären, daß 78% der Arbeiter mittlerer Qualifikation, 73 °/o der Hilfsarbeiter und sogar 59 Vo der hochqualifizierten Arbeiter ihren Beruf wechseln möchten, wie eine französische Untersuchung ergab (Arbeit und Wirtschaft, 1. August 1957, S. 252). 3 Dazu Ausführliches in meinem Beitrag „Das Prinzip der Arbeit in der Marx8dien und in der Gehlenschen Anthropologie", Schmollers Jahrbuch, Berlin 1958, Heft 1. Speziell sei verwiesen auf den Nachweis der Identität von Tätigkeit — Arbeit — Spiel, der auch für den hier vorliegenden Beitrag wegweisend ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 515] Zur Soziologie des Arbeiters 3 heit an bestimmte vergängliche gesellschaftliche Ordnungen ist er ein der Arbeit, die hier als zur ursprünglichen Wesenheit des Menschen gehörig begriffen wird, entfremdetes Wesen. Denn in ihm äußert sich die Arbeit als Nichtarbeit, d. h. als Entfernung von der ursprünglichen4 anthropologischen Eigenheit des Menschen, als verdorbene und entfremdete, weil den eigentlichen Menschen verletzende, deformierende und verwüstende Erscheinung. Dazu sind einige wenige erläuternde Bemerkungen unvermeidlich. Der mit Bewußtsein begabte Mensch, der kraft dieses Bewußtseins sich Ziele setzt, ihrer Verwirklichung nachstrebt und objektverändernd wirkt, d. h. tätig-arbeitend sich verhält, ist nur da fähig, sich „schöpferisch" zu verhalten — und im Zuge dieses „Schöpfertums" sich „selbstverwirklichend" —, wo seine Tätigkeit freien, von keinen fremden Zweiten aufgezwungenen Charakter hat. Im Bereich dieser freien Tätigkeit „spielt" er; hier werden Arbeit und Spiel identisch. Es ist daher richtig zu sagen, daß das eigentliche anthropologische Wesen des Menschen sich darstellt im Spiel. Tätigkeit-Arbeit-Spiel sind hier identische Begriffe. Zwar ist der Arbeiter tätig, zwar arbeitet er, aber seine Arbeit ist das Gegenteil vom freien Spiel, vom freischöpferischen Gebrauch seiner Kräfte und Begabungen, der dem Menschen ureigen ist, worin er sich deshalb auch am wohlsten fühlt. Die Arbeit des Arbeiters hat sich dem „ursprünglichen" Wesen des Menschen entfremdet. Der Arbeiter ist die Entfremdung von diesem Wesen. Zwar nimmt er an ihm teil, denn auch seine historisch geprägte Arbeit ist Tätigkeit in anthropologischer Bedeutung. Aber die wesenhafte Identität von Mensch und Arbeit, die wir als gleichzeitige Identität von Mensch und Spiel aufgewiesen haben, ist gestört, weil er in der von ihm vollzogenen Arbeit nicht mehr als wahrer Mensch e rscheint, sondern als verdorbener Mensch. Daher verwundert es nicht, daß er sich sogar seinem subjektiven Empfinden gemäß erst außerhalb der Arbeit wirklich menschlich fühlt — womit er aber erst recht seines eigentlichen Menschseins verlustig geht, weil ja, wie wir zeigten, der Mensch sich wesenhaft durch die Arbeit verwirklicht. Aus dieser (hier nur angedeuteten) Gegenüberstellung von anthropologisch begriffenem „spielenden" und historisch gewordenem, in der Form des entfremdeten Tätigseins arbeitenden Menschen tritt erst das Bild des modernen Arbeiters klar hervor. Er erscheint als das Gegenteil des wesenhaften Menschen, nämlich als der durch den Verlust der Fähigkeit zum Spiel gekennzeichnete Mensch. Seine in seinem Menschsein wurzelnde und daher niemals ganz ausrottbare 4 „Ursprünglich" heißt hier nicht bloß choronologisch früher, sondern mehr als das, in anthropologischer Bedeutung so viel wie logisch früher, weil eben in der „ursprünglichen" Wesenheit des Menschen begründet. 1» OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 4 Leo Kofier [516 Neigung, sich, wo es nur geht, spielend zu verhalten (z. B. in manchen Sparten seiner Freizeitbetätigung) mag ein schlagender Beweis für die Richtigkeit unserer anthropologischen Theorie sein, in der soziologischen Konkretheit des Arbeiterlebens bleibt sie eine randmäßige Erscheinung; sie hebt die Situation der Entfremdung des Arbeiters keineswegs auf, sie bestätigt sie eher. Das Ziel der modernen Geschichte muß daher sein, die zerbrochene Identität von Mensch und Arbeiter wiederherzustellen, was aber letztlich nichts anderes heißen kann, als den Arbeiter historisch zu überwinden, ihn aufzuheben. Das mag utopisch klingen oder sein, die moderne Geschichte kann sich um dieses Ziel nicht herumdrücken, die Geschichte selbst wird darüber entscheiden, wie weit es erreichbar ist. Aber die Aufhebung des Arbeiters und der mit ihm verknüpften entfremdeten Arbeit bedeutet nicht die Aufhebung aller Merkmale irdischer Gebundenheit, wie ein Mißverständnis wissen will, sondern nur jener Merkmale, die aus der uns bekannten Entfremdung resultieren, der klassenmäßigen. Marx selbst bemerkt in seinen „Grundrissen66 treffend, daß auch die freie, wieder zum Spiel gewordene Arbeit nichts mit Spielerei zu tun hat (wobei er diese Bezeichnungen nicht gebraucht), sondern ebenso wie jede andere Anstrengung Drangsal, Opfer und Schweiß erfordert, was er am Beispiel des Komponierens demonstriert. Die Aufhebung des Arbeiters als eines Proletariers bedeutet nicht die Aufhebung des Menschen als eines tätig-arbeitenden Wesens, sondern nur die Aufhebung des Proletariers als eines total entfremdeten Menschen. Ein solcher Standpunkt wird ebenso leicht als materialistisch wie als idealistisch (etwa chiliastisch) denunziert. Es geht tatsächlich um die Aufhebung von Materialismus und Idealismus in einer neuen Sicht, die unter dem Zeichen der Dialektik segeln mag. Dieser Standpunkt lehnt sowohl die kritiklose Proklamierung des Existierenden als etwas Ewigem, nur weil es schon lange existiert, als auch die höhnische Nihilierung des Nochnicht-Existierenden, weil es noch nicht existiert, radikal ab. Zwischen beidem besteht eine Vermittlung; beides für sich ist tatsächlich entweder blasser Materialismus oder schillernder Idealismus, wobei sie sich einen Scheinkampf liefern, denn der einseitige Idealist pflegt ebenso sehr vulgär-materialistisch zu sein, wie der einseitige Materialist vulgär-idealistisch. Nun gibt es aber Versuche der Vermittlung, die echt scheinen, es aber nicht sind; ihr Talmi ist daher um so gefährlicher. Wir denken hierbei, um nur ein Beispiel zu nennen, an Ernst Jüngers bekannte Schrift „Der Arbeiter66. Bei Jünger erscheint der Arbeiter konstruiertidealistisch als mythologische „Gestalt66, als irrationelles geschichtsphilosophisches Phantom, zudem, weit über das eigentliche Proletariat hinausgreifend, den Umkreis aller „Schaffenden66 umschließend, als OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 517] Zur Soziologie des Arbeiters 5 noch nicht seiend, der Zukunft zugehörig. Aber was ist das für eine Zukunft, dem Jüngers „Arbeiter66 zustrebt? Eine Zukunft, in der sich das apparatisierte Gesetz, wie heute schon zugespitzt und den Menschen total der Entfremdung unterwerfend, restlos vollendet. Nur das Bewußtsein davon soll schwinden, was Jünger „Freiheit" nennt. Der falsch glitzernde Kranz idealistischer Jüngerscher Zueignungen bewahrt den künftigen Arbeiter nicht vor jener „Ordnung66, wie Jünger sagt, die bei ihm „Dienst66, „Herrschaft66 (beide mit einem mythologischen Kunstgriff als identisch und auch für den Arbeiter geltend begriffen), „Soldatentum66, „Staat66 usw. heißen. Und wer nicht glaubt, daß alle diese Begriffe nur idealistisch verklärte Kainszeichen einer materialistischen Vergangenheit sind und in der Jüngerschen „Zukunft66 ungewandelte Wirklichkeit bleiben, der höre ihn selbst: „Das größte Glück des Menschen66 ist, „daß er geopfert wird66 (S. 71). In Wahrheit bleibt alles, wie es gewesen ist, einige Redewendungen ausgenommen, die nicht immer die Jüngerschen sein müssen, sondern z. B. auch der „ständischen66 Sprache entnommen sein können. Der vulgäre Materialismus triumphiert hier unter dem Schein des Idealismus, wie auch umgekehrt der vulgäre Idealismus unter dem Schein des Materialismus („Wirklichkeitsnähe66 sagt Jünger) triumphiert. Ist es da ein Zufall, daß Jünger und die ihm direkt oder indirekt verwandten Geister das Problem der Entfremdung überhaupt nicht kennen, so tun, als ob es überhaupt nicht existiere? Gewiß ergreift die Entfremdung nicht nur den Arbeiter, sondern die Angehörigen aller Klassen der Gesellschaft. Sprechen wir hier nicht vom besonderen und sehr komplizierten Problem des Kleinbürgertums — die Schranken sind uns durch das Thema gesetzt. Vergleichen wir sporadisch den Arbeiter mit dem Bürger, dem Angehörigen der herrschenden Klasse. Der Unterschied zwischen ihnen ist u. a. der, daß der Arbeiter, wie wir noch zeigen werden, von vornherein ausweglos in den Lebensbedingungen der Entfremdung eingekreist bleibt, während der Bürger auf Grund seiner Vorzugstellung und seiner Verfügbarkeit über die materiellen und kulturellen Mittel prinzipiell den Ausweg finden könnte, wenn er nur wirklich wollte. Daß er auf Grund der gleichen Befangenheit in der Entfremdung nicht will, deshalb die aufgezeigte Möglichkeit ein bloßes hypothetisches Prinzip bleibt, hauptsächlich deshalb, weil derselbe Bürger interessenmäßig an die Klassenordnung gebunden ist, deren Entfremdung er nicht subjektiv zu überwinden bestrebt sein kann, ohne einen Beitrag zu ihrer objektiven, allgemeinen Überwindung zu leisten; daß der Bürger durch die Unterwerfung des Arbeiters unter seine eigenen Zwecke sich längst dem Arbeiter unterworfen hat und somit dessen Entfremdung mitmacht, und daß in weiterer Folge davon sich ein schwerer Schleier ideologischer Entfremdung auf sein Bewußtsein legt, wodurch er geOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 6 Leo Kofier [518 hindert wird, sein wahres, nämlich menschliches Interesse überhaupt zu erkennen, geschweige denn die ihn umgebende Wirklichkeit zu durchschauen5, ist eine andere Sache. Wir haben hier nicht zu untersuchen, wie der Bürger durch eigene Schuld gleichsam — die als Schuld sich ergibt -aus dem Vergleich mit dem Arbeiter, der völlig hilflos und daher auch schuldlos ist — in die Tiefe der Entfremdung gerissen wird, indem er sich an die Rockschöße des Arbeiters heftet. Aus der Sicht der Entfremdung besehen, gibt es keine Herren mehr, sondern nur noch Knechte; alle sind unfrei unter dem Schein, frei zu sein. Aber innerhalb dieses allgemeinen Knechtsverhältnisses6 bleibt ein Abhängigkeitsverhältnis bestehen, mit der bewußtseinsmäßigen Wirkung, daß sich der Bürger als freier Herr und der Arbeiter als inferiorer Knecht erleben. Der Arbeiter macht sich, wie noch auszuführen ist, nichts vor, selbst dann nicht, wenn er sich anpaßt und unterwirft. Innerhalb der allgemeinen, keine Klasse auslassenden Entfremdung ist es der Arbeiter, der der Geopferte ist, auch wenn sein Opfer allen übrigen Klassen zum Schicksal wird. Durch dieses Opfer wird die Entfremdung des Arbeiters vollendet, seine Arbeit ist ein ununterbrochenes Opfer am Altar der Entfremdung, daher, wie wir bereits zeigten, keine Arbeit mehr im „ursprünglichen" menschlichen Sinne, kein Spiel mit den schöpferischen Kräften, die die Natur dem Menschen verliehen hat, sondern blind-tätige Entsagung, ein Sich-Versagen allem wahrhaft Menschlichen. So geraten der Begriff der Arbeit und der Begriff des Arbeiters in einen unendlichen Gegensatz zueinander, auch wenn die Vermittlung bleibt, weil selbst die tätige Entsagung nicht möglich ist ohne die ursprüngliche anthropologische Fähigkeit, überhaupt tätig zu sein. Aus dem „reinen" Begriff der Arbeit läßt sich der Begriff des Arbeiters nicht ableiten; er läßt sich nur ableiten aus dem Verhältnis der Umkehrung zum Begriff der Arbeit: durch die Einsicht in den historischen Prozeß der Pervers i o n der Arbeit in ihr Gegenteil. Man macht es sich daher in doppelter Weise leicht, wenn man den Arbeiter als nichts anderes denn als personellen Ausdruck der Arbeit auffaßt. Entweder man deutet die Arbeit als einen — z. B. aus dem Sündenfall erklärbaren — Fluch: in diesem Falle ist der Arbeiter das direkte Ergebnis dieses Fluchs, niemand kann ihm helfen, nichts kann ihn erlösen; die Entfremdung bleibt ein ewiges Schicksal des Menschengeschlechts, der Arbeiter ist nur der sichtbarste Ausdruck 5 Vgl. Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, 1923 (Kapitel: Warenstruktur und Verdinglichung). 6 Vgl. meine Broschüren „Perspektiven des sozialistischen Humanismus44 und „Ist der Marxismus überholt?44, hier bes. den Abschnitt: Die Dekadenz des herrschenden Bürgertums und die Rolle der bürgerlichen Elite, hsg. von der Internationalen Gesellschaft für Soz. Studien, 1957. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 519] Zur Soziologie des Arbeiters 7 dieses Schicksals. Oder man faßt die Arbeit optimistisch auf, trennt aber ihre historischen Erscheinungsformen im Zustand der Entfremdung nicht von/ ihrer ursprünglichen anthropologischen Wesenheit, romantisiert und versüßlicht sie, und leitet dann aus dieser vulgären Vorstellung einen volkhaft-romantisierten oder heroisierten Begriff des Arbeiters ab, was zur Folge hat, daß man die Probleme der Entfremdung entweder unterschätzt oder ganz übersieht. In beiden Fällen handelt es sich um eine falsche Identifikation, nur in dem einen Falle unter falschen Voraussetzungen, im anderen Falle mit falschen Schlußfolgerungen. Markiert sich der Begriff des Arbeiters als eines entfremdeten Proletariers bereits durch den in ihm ausgedrückten Verlust der menschlichen Urfähigkeit zum frei-schöpferischen Gebrauch der Kräfte, so in gesteigerter Verschärfung dieses Umstandes durch das Verhältnis zum Herrn, der als solcher erscheint und erscheinen kann, weil er in besonderer Weise zum Arbeiter kontrastiert. Ohne den Arbeiter ist der Herr kein Herr und ohne den Herrn ist der Arbeiter kein Arbeiter. Was ökonomisch im Mehrwert zum Vorschein kommt, nämlich das Abhängigkeitsverhältnis des Arbeiters, das entpuppt sich dem noch; andere Seiten dieses Verhältnisses suchenden Geiste als eine soziologisch-philosophische Kategorie: das Mehrprodukt bietet sich hier an als ein Mehr an subjektiver Qualifikation, an gesellschaftlichem Ansehen, an individueller Bewegungsfreiheit, die dem Bürger „zukommt", aber nur infolge der Existenz des Proletariers zukommt. Die Arbeit des Arbeiters ist es, die, hier nicht in ihrer ökonomischen Bedeutung betrachtet, sondern in ihrem bloßen Dasein, das Dasein des Bürgers als einem eigenen möglich macht. Sie ist es, die das Mehr-Sein des Bürgers produziert, jenen Mehr-Wert, in dessen Kontrast der Arbeiter als der Minder-Wertige erscheint, der Minderproduzierte, der Ausgebeutete, der das ihm menschlich und sozial noch fehlende, aber ihm zustehende Mehr an andere kraft „Ordnung" abgibt. Nicht darum geht es allein, nicht zu leugnen, daß die Entfremdung des einen die Entfremdung des anderen nach sich zieht, sondern auch darum, zu erkennen, daß der eine der unter dieser Entfremdung Leidende und Entbehrende, der Minderwertige, der andere dagegen der sich an diese Entfremdung genießerisch Akkomodierende, aus ihr Profitierende, Mehr-Wertige ist. Selbst wo der Arbeiter sich enttäuscht von seinen einstigen Idealen abzuwenden und sich in bürgerlicher Manier zu akkomodieren die Mühe gibt, gelingt ihm dies nicht oder nur zum Schein. Deshalb bleibt ein Stachel in seiner Brust, deshalb wählt er überwiegend und mit Ausdauer oppositionell, deshalb gerät er so leicht in die Renitenz des Streiks, während der Bürger überwiegend ebenso konsequent konservativ sich ausrichtet. Wie der Arbeiter stets hoffend, so ist der Bürger nihilierend, mit der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 8 Leo Kofier [520 dialektischen Umkehrung des Verhältnisses, daß der Verneinung der gegebenen Verhältnisse durch den Arbeiter ihre Bejahung durch den Bürger gegenübertritt. „Bürger pfeifen nicht (wie die Arbeiter bei einer Versammlung der Volkswagenfabrik in Wolfsburg), Bürger streiken nicht", sagt Erich Kuby lapidarisch. Man muß noch in unseren Tagen von Marx ausgehen, aber durch viele Erfahrungen bereichert auch in mancherlei Hinsicht über ihn hinausgehen. Hat sich seit Marx einiges geändert, so vor allem hinsichtlich der Anerkennung der Arbeiterschaft als einer gesellschaftlichen Macht, über deren Existenz man sich opiumhaft beruhigt, wenn sie sich nur zur „Integration", zur reibungslosen Einordnung in das gegebene Gesellschaftsgefüge bereit zeigt. Was sich allerdings, genau besehen, nicht geändert hat, das ist die Einschätzung des Arbeiters als eines des wahren Gebrauchs der Freiheitsrechte nicht fähigen und daher des Person-Charakters entbehrenden Individuums. Er erscheint noch immer dem bürgerlichen Bewußtsein, das dies heute nur nicht so offen ausspricht wie einst, als Objekt des ökonomischen Prozesses, als. dessen Werkzeug. Das in früheren Jahrhunderten den Arbeitenden und Besitzlosen verweigerte Wahlrecht wurde inzwischen erobert und als Recht aller anerkannt, aber die einstige Begründung der Verweigerung seitens solcher Vertreter der Idee der „Volkssouveränität'4 wie Cromwell, Milton, Locke, de Nemours (1789), Kant, Schön usw., als Begründung inzwischen gegenstandslos geworden, wirkt in ihrem Ideengehalt weiter. Für das bürgerliche Bewußtsein ist nur der wirkliche Eigentümer der Freiheit teilhaftig und zu ihrem richtigen Gebrauch befähigt, daher im eigentlichen Sinne „Person", der Besitzlose dagegen nicht7. Solche Aussprüche wie: „Der Besitzlose gehört nicht zur Gesellschaft", „er ist am Staate nicht interessiert", „er ist nicht Mensch in eigentlichem Sinne" (d. h. nicht Person in gesellschaftsphilosophischem und staatsrechtlichem Sinne) durchziehen die gesamte Frühzeit des aufsteigenden Bürgertums. Wir fühlen den starken Widerspruch zu dieser These (die hier allerdings nur angedeutet werden konnte). Man wird einwenden, daß der Arbeiter längst nicht mehr der Besitzlose von einst ist, daß er an den Freiheiten aller teil hat, daß er seine Anerkennung als vollberechtigte Person erzwingt usf. Aber das alles ist Täuschung. Teils Täuschung, was das Bewußtsein des Arbeiters über sich selbst betrifft, weitgehende Täuschung des bürgerlichen Bewußtseins, wobei zweckbestimmte Mythen mithelfen, dieses Bewußtsein, das in seinem individualistischen und rationalistischen Spezialistentum das „Irrationelle" der Totalität nicht überschauen kann, irrezuführen. Aber dieses selbe 7 Ich habe dieses dunkle und komplizierte Problem eingehend untersucht in meiner „Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft'4, 1948/1949, Kapitel: Der bürgerliche Humanismus und seine historischen Schranken. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 527] Zur Soziologie des Arbeiters 15 Arbeiterbewegung im Westen und der stalinistischen Entartung im Osten hat die dumpfe Bewußtlosigkeit der Arbeitermassen wiederhergestellt, wenn auch noch Überreste des alten Bewußtseins vorhanden sind und sich die Formen im Vergleich zur Anfangszeit geändert haben. Was aber ohne Zweifel geblieben ist, das ist das unausrottbare Wissen um die eigene soziale und menschliche Inferiorität des Arbeiters. Bewußtseinsmäßig liegt darin das typisch Proletarische, wodurch sich der Arbeiter von den Angehörigen anderer Klassen unterscheidet. Das Nichtvorhandensein oder die Schrumpfung des Wissens um sich selbst erzeugt bei den anderen Klassen, obgleich sie ebenso der Entfremdung unterworfen sind wie der Arbeiter (wenn auch in anderen Formen), das illusorische Bewußtsein der Höherwertigkeit. Beim Arbeiter verhält es sich umgekehrt. Welches immer die Entwicklungen und die Elemente seines Bewußtseins sein mögen, eines bleibt ihm stets: sein soziales und individuelles Minderwertigkeitsgefühl, von dem ihn nur jenes Bewußtsein mehr oder weniger befreien kann, das ihm rücksichtslos seine eigene Wesenheit vorführt, den Willen zu ihrer Überwindung weckt und damit das Gefühl gibt, einer hohen historischen Mission zu dienen. Das so hervorgerufene proletarische Selbstbewußtsein wird noch, sobald ausgebildet und mit theoretischen Vorstellungen durchsetzt, durch die Tendenz gestärkt, das von der Entfremdung genährte illusorische Selbstbewußtsein des Bürgertums als pure Illusion zu entlarven. Der Prozeß ist bei diesen beiden Kontrahenten des sozialen Feldes ein widerspruchsvoller: das Eingeständnis der eigenen Entfremdung führt bei der Arbeiterschaft zur Steigerung ihres Selbstbewußtseins, beim Bürgertum dagegen zu seiner Zerstörung. Deshalb beobachten wir in Ländern mit einer schwachen oder bewußtseinsmäßig zurückgebildeten Arbeiterbewegung ein selbstbewußtes Bürgertum, in Ländern mit einer starken Arbeiterbewegung ein an sich nicht mehr glaubendes Bürgertum. In Deutschland war das Bürgertum der zwanziger Jahre in seiner Haltung schwankend geworden, als das Selbstbewußtsein der Arbeiter wie eine drohende Flamme loderte; es ließ sich daher gern und trotz der Abneigung gegen die plebejischen Methoden des Nationalsozialismus von Hitler „retten". Heute ist aus den bereits erwähnten Gründen das Selbstbewußtsein des deutschen Bürgertums wieder gestärkt — doch zeigt die Wirkung der Sputnik-Geschichte auf Amerika, daß es morgen wieder anders sein kann. Einen besonderen Fall bildet das Kleinbürgertum, das wir im folgenden kurz charakterisieren müssen, um die Eigenart der Arbeiterschaft besser herausheben zu können. Primär interessiert uns der Angestellte. ökonomisch zum Proletariat gehörig — ja, heute vielfach sogar schlechter gestellt als der Arbeiter —, neigt der Angestellte dem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 16 Leo Kofier [528 Kleinbürgerlichen zu, woraus sich ergibt, daß die Spannung zwischen der eigentlichen ökonomischen Situation und dem ideologischen Bewußtsein hier noch größer ist als beim Arbeiter. Während aber bei diesem neben den allgemeinen gesellschaftlichen Einflüssen — das Denken der Herrschenden ist zumeist das herrschende Denken, sagt Marx — das Versagen der Arbeiterbewegung eine entscheidende Rolle spielt, kompliziert sich die Erscheinungsweise des Angestellten auf zusätzliche Weise. Nicht nur, daß hier die aus der gesellschaftlichen und menschlichen Inferiorität erfließenden Minderwertigkeitsgefühle auf Grund der Tatsache, daß der Angestellte „geistige46 Arbeit leistet, anders als beim Arbeiter kompensiert werden oder zur Verdrängung gelangen, nämlich auf eine mehr zur geistig-traumhaften, d. h. illusorischen Befriedigung drängenden Weise; darüber hinaus spielt der arbeitsmäßige Individualismus, das Aufsichgestelltsein in der Bewältigung der Aufgaben im Gegensatz zur meist kollektiven Arbeitsform der Arbeiter eine nicht unwesentliche Rolle. Er erlebt sich anders als der Arbeiter, als zwischen den entgegengesetzten Klassen stehend, dem Bürgertum näher als dem Arbeiter, eben als Klein-Bürger. Das ist aber noch nicht alles. Vor drei Jahrzehnten hat Siegfried Kracauers geistvolles Buch über den Angestellten nicht viel mehr gegeben als Deskription. Wright Mills moderne Untersuchung14 vermittelt eine ganze Reihe neuer Einzelbeobachtungen, geht aber ebensowenig wie Kracauer auf die wahren Hintergründe des kleinbürgerlichen Angestelltenbewußtseins zurück. Immerhin weist Mill auf so wichtige Tatsachen hin, wie die Leere der Angestelltenarbeit und die verschiedenen Versuche, sie durch „Prestige" zu kompensieren, sei es, daß man in sog. bessere Kreise einzudringen versucht, sich zu Bildungsinstituten drängt oder irgendeine mehr leitende Funktion erhascht, die die Illusion des Aufstiegs vermittelt. Wie es mit all dem in Wahrheit steht und daß alle Anstrengungen, das Unbehagen zu überwinden, auf das gleiche hinauslaufen, kennzeichnet Mill mit folgendem Satz: „Täglich verkaufen sie Teile ihrer selbst, um des Abends oder am Wochenende zu versuchen, das Fehlende durch ,Spaß6 zurückzukaufen." Und sofern mehr wissenschaftliche Arbeit geleistet wird, setzt man sich nicht mehr wie einst für hohe Ideen und Ziele ein, sondern verkauft Ideen, jederzeit bereit, das finanzielle Ziel durch Kriechertum und Unterwürfigkeit zu erreichen. In sich ist die kleinbürgerliche Bewußtseinslage weitaus komplizierter. Einerseits entsteht ein starker Zug zu materiellem Wohlstand, ein Streben nach bürgerlichem Besitz, der außer einer gewissen Sicherheit gesellschaftliches Ansehen gewähren soll, als Surrogat für das fehlende wirkliche Ansehen, das allein durch geistige oder mora14 C. Wright Mill, Menschen im Büro, 1955. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 529] Zur Soziologie des Arbeiters 17 lische Qualifikation zu erreichen wäre. Andererseits bleibt das Gefühl, daß in dieser Welt dieses Ziel für den Angestellten in zureichendem Maße nicht erreicht werden kann. Die Folge ist eine nebelhafte — weil aus keiner klaren Opposition gegen die Gesellschaft geborene — sentimental-utopische Sehnsucht nach einer vollendeteren sozialen Lebensform, in welcher die Vorstellung der Erhöhung der Individualität insbesondere mit Hilfe der allgemeinen Zugänglichmachung der Kulturund Bildungsgüter eine große Rolle spielt. Während der Arbeiter seine gesellschaftliche und menschliche Inferiorität mehr sozial, mehr als Ungerechtigkeit erlebt, erlebt sie der kleinbürgerliche Angestellte mehr individuell. Deshalb ist sich der Angestellte seiner menschlichen Benachteiligung im Durchschnitt noch bewußter als der Arbeiter. Aber da er dieses Wissen um die eigene Inferiorität ins Subjektive verlegt, belädt er es mit dem Gefühl der Schuld und ruft Minderwertigkeitsgefühle hervor, die im Gegensatz zu jenen des Arbeiters das Stigma des persönlichen und „privaten" Versagens an sich tragen. Das beim Kleinbürger so stark verbreitete Streben nach Bildung erklärt sich aus dem Versuch, die Schuld zu tilgen, sie zu verdrängen oder überzukompensieren, den Beweis der subjektiven Hochwertigkeit zu liefern. Da aber das Ziel unter den gegebenen Lebensbedingungen nur selten erreicht wird, wirkt das Streben nach subjektiver Selbstbefreiung unter eben diesen ihm zuwiderlaufenden Bedingungen nur noch quälender und beunruhigender. Der Versuch der traumhaft-illusorischen Befreiung vom Zustand der Minderwertigkeit endet zumeist in noch stärkerer Bedrängnis, die neue Träume gebiert, neue Versuche der Selbstbefreiung unter gleichzeitiger Anpassung an die Umstände, die die Verwirklichung dieser Träume unmöglich machen. Die wahre Tragik der kleinbürgerlichen Existenz liegt im Widerspruch zwischen der Neigung zur Anerkennung der vorhandenen gesellschaftlichen Ordnung, deren Entfremdung nicht erkannt wird, und der gleichzeitigen Neigung zur Umwälzung des individuellen Lebens. Die für den Kleinbürger so bezeichnenden Züge des Sentimentalen und Philiströsen — die längst von den Karikaturblättern bemerkt worden sind, bevor sie die Soziologen bemerkt haben — sind das Produkt dieser Widersprüchlichkeit zwischen der harten Wirklichkeit und der kleinbürgerlichen Traumwelt. Die hohlutopische Sehnsucht, die revolutionär und reaktionär gleichzeitig ist, macht den Kleinbürger zugänglich für politische Lockungen, die nichts ändern wollen, aber Neues versprechen, vor allem für „romantische66, nicht minder aber — und auch das gehört zu seiner Widersprüchlichkeit — für humanistische. Ein geschickt vorgetragener humanistischer Sozialismus hat noch niemals auf das Kleinbürgertum seine Wirkung verfehlt, besonders wenn er sich in Zeiten einer selbstbewußten Arbeiterschaft das Ansehen einer großen gesellschaftlichen Macht zu Schmollers Jahrbuch 78, 5 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 18 Leo Kofier [530 geben vermag. In solchen Zeiten (wie in den zwanziger Jahren) kommt es für gewöhnlich zu einem Zusammenspiel zwischen den Schichten der Arbeiter und der Angestellten. In der Epoche der Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft, die sich besonders kennzeichnet durch die nihilistische Verneinung aller objektiven, gesellschaftlich und historisch bedingten Werte — z. B. begriffliche und faktische Leugnung des Fortschritts in der Geschichte — und in der gleichen Epoche der verbürgerlichten Arbeiterbewegung schwächt sich die aus dem Gefühl der Inferiorität erfließende Neigung des Arbeiters zum utopisch-hoffenden Idealismus stark ab. Die Folge ist die verstärkte Anpassung an die allgemeine kapitalistische Materialisierung, nicht nur um die durch den Verlust des Ideals, das einst missionarischen Stolz verlieh, krasser hervortretenden Minderwertigkeitsgefühle zur Verdrängung zu bringen, sondern nicht minder, um eine Kompensation im Genuß zu finden. Dieser Genuß ist aber in seiner Form durchaus kein bürgerlicher, möge dies dem oberflächlichen Betrachter auch so scheinen, sondern er bleibt proletarisch. Deshalb übt er keine befreiende Wirkung aus, sondern wirft den Arbeiter erst recht ins Entfremdet-Proletarische zurück und verstärkt, trotz aller Bemühungen um ihre Übertäubung, die Minderwertigkeitsgefühle erst recht. Die stets ins Nichts zerfallende und enttäuschende Fata Morgana des schalen Genusses drängt deshalb, da ihm unter den Bedingungen der Dekadenz der Weg zum revolutionären Idealismus versperrt ist, den Arbeiter in den Ausweg der Rebellion ohne Sinn, der Renitenz, des Exzesses, dessen Formen zwischen Sport„begeisterung" über Terrorisierung der Familie (mit den Folgen des starken Ansteigens der Zahl der Ehescheidungen, der zerrütteten Familien und der verbrecherischen wie gefährdeten Jugendlichen) bis zur Rauschgiftsucht vielfältige sind. Hier erst erhält der Arbeiter das Gefühl, einen gewissen Raum der individuellen Selbstbehauptung und der Freiheit gewonnen zu haben, eine Bresche in die Kerkermauer der „Ordnung" schlagen zu können. Der strengen Zucht der Arbeitszeit folgt die Zuchtlosigkeit der Freizeit, nur in Bann gehalten durch traditionelle und gewohnheitsmäßige menschliche Bindungen, Müdigkeit und Gesetz. Während der Kleinbürger sich der Illusion der Selbstbefreiung durch Umgestaltung seines „Privatlebens" hingibt, kennt der Arbeiter solche Illusionen infolge seiner eindeutigeren sozialen Situation nicht, sieht er im allgemeinen klarer und trifft deshalb radikal die Wahl zwischen revolutionärem Idealismus oder widerstandsloser Hinnahme der gegebenen Lebensbedingungen. Die Bemühung um sein Privatleben hat nicht den Sinn der „Selbstbefreiung" wie beim Kleinbürger, sondern den alleinigen Sinn, sich den Umständen gemäß möglichst bequem einzurichten, den Sinn der Anpassung. Diese Anpassung ist so lange nicht Verbürgerlichung, soOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 531] Zur Soziologie des Arbeiters 19 lange das Wissen um seine Inferiorität, die sich daraus ergebenden komplizierten proletarischen Bewußtseinsformen und die typischen Züge der Rebellion ohne Sinn, wie wir die Neigung zur Renitenz in der Zeit der dekadenten Enttäuschung des Arbeiters nannten, tiefsitzende Merkmale des Arbeiterbewußtseins bleiben. Wer glaubt, daß der heutige Arbeiter verbürgerlicht ist im Sinne der gelungenen Anpassung an die bürgerlichen Lebensformen auf der einen Seite und an die bürgerlichen Bewußtseinsformen auf der anderen, der hat sich nicht nur in seinen Beobachtungen getäuscht, sondern vor allem die gegen die bürgerliche Ordnung gerichteten Akte der subjektiven Renitenz als Surrogat für eine verhinderte Rebellion gegen diese Ordnung nicht bemerkt oder nicht verstanden. Allzuleicht wird auch die Verbürgerlichung der Arbeiterbewegung mit der des Arbeiters selbst verwechselt. Das scheinbar so Sinnlose, das scheinbar allein aus der Primitivität des Arbeiters Erklärbare in seinem Verhalten ist in Wahrheit ein kompliziertes soziologisches Faktum von geschichtlicher Bedeutung, denn es ist ein Ausdruck des Widerspruchs zwischen der ständigen Anpassung des Arbeiters an die entfremdete Umgebung und der gleichzeitigen Rebellion gegen diese. Der oft gehörte wohlmeinende Vorwurf, der Arbeiter sei selbst schuld, es hindere ihn doch niemand, sich sein Leben anders einzurichten, macht es sich doch etwas zu leicht. Das Wissen um seine Inferiorität bedeutet aber noch bei weitem nicht ein volles Wissen um seine Existenz. Versteht man unter Verbürgerlichung die Assimilation solcher Bewußtseinselemente, die aus der nihilistischen und materialisierten Denkweise des Bürgertums genommen werden, und versteht man darunter überdies noch das darauf beruhende Abbiegen der durch Haltung oder auf Befragen hin geäußerten Interessen nach einer Richtung, die auf ein versuchtes Mitmachen hindeuten, dann kann allerdings von einer Verbürgerlichung des Arbeiters gesprochen werden. Das widerspricht unseren bisherigen Ausführungen keineswegs, beweist vielmehr erst recht, wie kompliziert das soziologische Phänomen des Arbeiters ist. Verbürgerlichung des geäußerten Interesses des Arbeiters bedeutet noch lange nicht Verbürgerlichung seines Wesens. Vielmehr zeigt es sich auch hier — und wir haben dies ausführlich begründet —, daß alle Versuche der Befriedigung dieses Interesses, also alle darauf gerichteten praktischen Verhaltensweisen unter den gegebenen Bedingungen ins Proletarische zurückfallen. Die in diesem Schicksal des Arbeiters, dem Teufelskreis des Proletarischen nicht entrinnen zu können, liegende Armseligkeit ist sein wahres Wesen. Die oft im Gegensatz zu seinem Gefühl der Inferiorität stehende verbürgerlichte Interessenlage hebt seinen Pauperismus nicht auf. Eher im Gegenteil, woraus sich ein neues soziologisches Problem ergibt. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 20 Leo Kofier [532 Das vom Arbeiter, wie er sich in unseren Tagen präsentiert, mehr oder weniger angenommene Interesse, seine Bedürfnisse in bürgerlicher Manier zu befriedigen, bedeutet, wie wir sahen, eine Illusion. Die ewige Renitenz gegen die bürgerliche Ordnung beweist dies. Aber die Tatsache dieser Illusion bedeutet nicht, daß der Arbeiter, dem im Zustande seiner Enttäuschung und Resignation nichts anderes übrigbleibt, seine ins Bürgerliche verlagerte Interessenlage aufgibt. Er hält an ihr fest im Verlangen, sich vom allgemeinen Brotlaib soviel abzuschneiden wie möglich. Aber eben dieses geäußerte, illusionäre Interesse entspricht nicht seinem wahren Interesse. Und man kann sagen, daß die bewußtseinsmäßige und damit auch seinsmäßige Pauperisierung des Arbeiters steigt mit der Verkennung dieses wahren und sinkt mit der Erkenntnis dieses Interesses. Denn mit der Aneignung des illusorischen Interesses wird das Tor geöffnet für die Aneignung verschiedener Momente der Entfremdung, ihrer Hinzufügung zu den eigenen, ohne daß diese gemildert und ohne daß die Fähigkeit erlernt wird, sich jene Elemente der bürgerlichen Lebensart anzueignen, die den bürgerlichen Klassen den Vorzug vor anderen geben, wie z. B. die (wenn auch den Umkreis der Entfremdung nicht sprengende, so doch formale) bessere Beziehung zu Wissen und Kultur oder die Pflege zwar dekadenter, aber (auf dem Boden der Dekadenz erst recht ermöglichter) verfeinerter Lebensformen. Profitiert also der Arbeiter durch seine Anpassung an die bürgerliche Interessenvorstellung so gut wie nichts, verliert er um so mehr: die durch die Doppelwirkung sowohl seines Wissens um seine Inferiorität als auch durch die Tätigkeit aufgeklärter und volkszugewandter Geister einstmals geweckte Fähigkeit, seiner gesamtheitlichen sozialen und menschlichen Situation kritisch zu begegnen, sie zu durchschauen und sie zu bekämpfen15. Die durch die Anpassung an die bürgerliche Interessenlage vertiefte Unfähigkeit, sich selbst und seine wahren Interessen zu verstehen, gibt der Tendenz der Verarmseligung des Arbeiters einen größeren Wirkungsraum, vertieft sein Proletariertum. Als in den zwanziger Jahren die Arbeiter ein starkes Bewußtsein von ihrer proletarischen Situation entwickelt hatten, taten sie damit den ersten Schritt zur Überwindung ihres Proletariertums. Die Abschwächung dieses Bewußtseins, seine Ersetzung durch die Illusion, dem Interesse des Arbeiters zu dienen, wenn er sich einige Vorteile nach bürgerlichem Vorbild verschafft, fesselt diesen Arbeiter erst recht an sein Proletariertum. Es läßt sich zusammenfassend sagen, daß der Zustand des Pauperismus sich aus hauptsächlich drei Faktoren zusammensetzt: aus der 15 Über dieses Problem vgl. meine Schrift „Marxistischer oder ethischer Sozialismus66, 1955, S. 45 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 533] Zur Soziologie des Arbeiters 21 Tatsache der ökonomischen Abhängigkeit und Beengtheit, aus der menschlichen Verarmung und aus der Bewußtlosigkeit gegenüber der eigenen Situation in ihrer Totalität und den damit zusammenhängenden wahren Interessen. Deshalb entspricht der Zustand des Pauperismus, auch wenn er in dem an die materialisierte Lebensform der bürgerlichen Welt sich anpassenden geäußerten Interesse seinen „natürlichen" Ausdruck findet, nicht dem wahren Interesse des Arbeiters. Das geäußerte Interesse, dem pauperisierten Menschen oft eingeredet16, entspricht weitgehend seinem Pauperismus — wobei ausdrücklich vermerkt sei, daß wir stets vom Menschen der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg sprechen, denn in früheren Jahrzehnten verhielt es sich nicht ganz so. Aber wo ist dann das wahre Interesse zu suchen? Es tritt an diesem Punkte der Untersuchung die Frage auf, ob es überhaupt berechtigt ist, einen so „wertenden" Begriff wie den des Pauperismus in die Soziologie des Arbeiters einzuführen, da doch, wie der Einwand lautet, das gerade vorhandene Bewußtsein nichts anderes ausdrückt in der Gestalt des geäußerten Interesses als das wirkliche und damit auch wahre Interesse. Wenn das vorhandene, durch Umfrage erkannte Bewußtsein dazu neigt, so lautet das Gegenargument, sich der gegebenen Ordnung zu akkomodieren, so entspricht es eben dem gegebenen Interesse, und ein anderes, ein „wahres" im Vergleich zum ausgedrückten „falschen" Interesse zu behaupten, wäre eine unzulässige Operation mit wertend präparierten Begriffen. Im Anschluß an die empirische, in Wahrheit der empirischen Oberfläche verhafteten Position Theodor Geigers wird der Standpunkt folgendermaßen formuliert17: „Die Annahme positionsbedingter, ,objektiver4 Interessen ist zunächst eine bloße theoretische Konstruktion." „Wenn wir sagten, daß Marx' Begriff des Klasseninteresses einer Kritik bedarf, so war gemeint, daß Marx den Konstruktionscharakter dieses Postulats an einem gewissen Punkte vergißt, das analytische in ein empirisches Postulat verwandelt. Dies wird besonders deutlich an der Frage des Inhalts des postulierten Interesses. Woran sind die Träger positiver und negativer Herrschaftspositionen auf Grund ihrer Trägerschaft interessiert4? Geiger wendet sich) zu Recht gegen Marx' Versuch, auf diese Frage mit materialen Wertvorstellungen zu antworten.44 Aber so einfach ist die Sache nicht. In zweifacher Beziehung ergibt sich die Notwendigkeit, die Frage nach dem verborgenen und verschütteten, d. h. wahren Interesse zu stellen. Erstens historisch, d. h. in der Weise, ob nicht aus dem geschichtlichen Bereiche heraus 16 Vgl. Yance P a c k e r d , The Hidden Persuaders, 1956, und Günther A n - d e r s , Die Antiquiertheit des Menschen, 1957 — hierzu die Rezensionen in der Frankfurter Allemeinen: Verwüsteter Mensch in perfekter Welt, 30.3.1957, und Der manipulierte Mensch, 10. 8. 1957. 17 Rolf Dahrendorf, Soziale Klassen und Klassengesellschaft, 1957, S. 16 und 167. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 22 Leo Kofier [584 Möglichkeiten der Befriedigung ökonomischer, sozialer und individueller Bedürfnisse entstehen, die von den Betroffenen gar nicht beachtet werden, ihnen daher entgegen ihrem geäußerten Interesse erst zum Bewußtsein gebracht werden müssen. Wir wissen, daß in vielen Teilen Europas die Aufhebung der Leibeigenschaft lange möglich und notwendig geworden war, bevor durch die Rückwirkung des aufgeklärten städtischen Geistes auf das flache Land der Bauer eine Ahnung davon erhielt, daß nicht unbedingt die „Vorstellung der Zeit" (die u. a. durch die Relativierung des absoluten Naturrechts der Kirchenväter mit Hilfe der Sündenfallslehre gestützt wurde) der Wahrheit entspricht, daß die einen kraft Natur und Gottes Wille zu Knechten und die anderen zu Herren „geboren" seien18. Nach Geiger und Dahrendorf entsprachen Sklaverei und Leibeigenschaft solange den Interessen der Sklaven und der Leibeigenen, solange sie durch Umstände, Gewöhnung und Beeinflussung die Vorstellung der Herrschenden teilten, dieser Zustand entspreche den Absichten von Natur und Gott. Vernachlässigt man zudem das zentrale Problem der historisch gewordenen Entfremdung des Menschen, die in der bürgerlichen Gesellschaft eng mit der „Warenstruktur" zusammenhängt, wie Georg Lukacs in seinem Werk „Geschichte und Klassenbewußtsein" anerkanntermaßen nachgewiesen hat, geht man also weder auf die letzten Wurzeln noch auf die Wesenheit der Entfremdungserscheinung zurück, dann findet man keinen Anlaß zu der Frage nach der Übereinstimmung oder Diskrepanz zwischen dem deklarierten und dem wahren Interesse. Denn der Mensch, der nicht oder nicht ausreichend als entfremdeter erkannt wird, erscheint als selbstgewisser Herr seiner eigenen, auch geistigen Kräfte, so daß der Verdacht, er könnte sein eigenes Interesse verfehlen, erst gar nicht entsteht. Wenn dementsprechend der heutige Arbeiter daran „interessiert" ist, seine Freizeit mit Aktionen der Renitenz auszufüllen und nicht mit Kulturund Bildungstätigkeit, dann entspricht dies angeblich seinem wirklichen Interesse. Wenn das moderne Individuum seine Situation der Vereinsamung und Verzweiflung nicht versteht, sie unter dem Drucke eingewurzelter ideologischer Aspekte als eine „rein private" Angelegenheit 18 Einen glänzenden Beleg für eine solche Denkweise finden wir in unserer Zeit bei den indischen Unberührbaren. Herr Wachtmeister, ein gewissenhafter und objektiver Beobachter der indischen Verhältnisse, berichtet folgendes: Es „haben die Bahali (eine sehr tiefstehende und streng gemiedene Schicht der Unberührbaren — L. K.) kein Verlangen nach einer Besserung ihrer Lage; gerade sie halten zäh an den überkommenen Bräuchen fest. Obschon sie sehr wohl einsehen, daß sie viel gewinnen würden, wenn sie sie preisgäben, überwiegt doch die Überzeugung, daß sie an ihren geringen Platz vom Schicksal gestellt wurden und daher nicht berechtigt seien, ihn zu verlassen. Sie halten überhaupt dafür, daß der Fluch der Götter auf ihnen laste und für sie lebenslang keine Möglichkeit bestehe, diesem Fluch sich zu entziehen; nur bei geduldigem Ertragen ihres Schicksals könne ihnen dereinst durch Wiedergeburt Erleichterung werden" (Frankfurter Hefte, Januar 1958, S. 42). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 535] Zur Soziologie des Arbeiters 23 beurteilt und sich daher in seinem Verhältnis zu seiner sozialen Umgebung so verhält, daß diese Vereinsamung und Verzweiflung sich noch weiter verstärkt (als Folge die Selbstmorde und -versuche ins Endlose zunehmen usw.), überdies diese Verhaltensweise mit seinem Interesse begründet, so entspricht sie auch, so wird hartnäckig behauptet, seinem wirklichen Interesse. Die „Freiwilligkei t66 im Mittun und Mitbauen an der Apparatur der Entfremdung wird als dem wirklichen Interesse entsprechend interpretiert. Wenn der Arbeiter täglich „Bildzeitungen" in riesigen Mengen konsumiert, dieser Konsum ein Interesse an ihnen ausdrückt, so entspricht das dem wirklichen Interesse des Arbeiters. Und so ins Endlose weiter. Zweitens ergibt sich die Frage nach dem wahren Interesse des Arbeiters aus der wissenschaftlichen Untersuchung des „ursprünglichen66 Wesens des Menschen, aus der Anthropologie. Für die Vertreter der Theorie des Zusammenfallens des geäußerten mit dem wirklichen Interesse gibt es dieses Problem nicht oder höchstens am Rande, höchstens als pessimistisch-ornamentale Phrase. Wir wiesen anfänglich nach, von welch großer Bedeutung für die Beurteilung des Wesens des modernen Arbeiters der anthropologische Rückgriff auf die mit der Eigenart des Bewußtseins zusammenhängende Erscheinung der Identität von Tätigkeit und Spiel ist. Solche Probleme gibt es für Geiger und Dahrendorf nicht. Kein Wunder, daß sie nicht nur die gesamte Marxsche Anthropologie, die in den letzten Jahren viel diskutiert wurde, übersehen, sondern einen bemerkenswerten Beitrag zur Vulgarisierung selbst der herrschenden Anthropologie (z. B. der Gehlenschen) leisten. Denn auch für letztere existiert das Problem, wie weit sich der Mensch der „industriellen Massengesellschaft66 von seiner eigentlichen Wesenheit entfernt hat, d. h. wie weit der Abstand zwischen den gegebenen Möglichkeiten anthropologisch eingesehener Persönlichkeitsgestaltung und dem wirklichen Zustand der meisten Menschen ist, zwischen ihrer „Uranlage" und ihrer Degeneration. Nebenbei sei nur noch bemerkt, daß von dem hier kritisierten Standpunkt aus alle Geschichte ihren Sinn verliert. Denn unter der Voraussetzung der alleinigen Geltung der geäußerten und eingebildeten Interessen, unter Ablehnung der Möglichkeit der Vergleichung mit den eigentlichen und wahren Interessen, verirrt sich geschiehtliches Schicksal ins Chaos, das sich allein danach richtet, was der Mensch zufälligerweise jeweils für sein Interesse hält. Geschichte sinkt zum subjektiven Relativum herab, vor dem alle Entscheidung nichtig wird, weil z. B. das geäußerte Interesse der kommunistischen Arbeiter Rußlands im Sinne der sozialisierten Planwirtschaft und jenes der bürgerlich beeinflußten Arbeiter Amerikas an der individualistischen Marktwirtschaft beide Male dem wirklichen Interesse dieser Arbeiter entsprechen. Der relativistische Nihilismus feiert Triumphe. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42 24 Leo Kofier [536 Wie in aller Wissenschaft geht es auch in der Soziologie um die Scheidung von Schein und Wesen. Um das Wesen des modernen Arbeiters unter der dicken Schale des Scheins hervorzuholen, gibt es verschiedene Wege, die aber erst zusammen ans Ziel führen. Einer der wichtigsten, noch nicht beschrittenen dieser Wege liegt in der gründlichen Auswertung dessen, was man die Gestik des Arbeiters nennen könnte. In der Gestik drückt sich spontan das Persönlichkeitsganze des Arbeiters aus. Aber es drückt sich hierin nicht unmittelbar und direkt aus, sondern es scheint in der Gestik nur durch. Wenngleich sie sich bereits in ihrer äußeren Erscheinungsweise, die sich darbietet „auf den ersten Blick", als typisch proletarische zu erkennen gibt, so bleibt sie doch Schein insofern, als die ganze Fülle verborgener und oft widerspruchsvoller wie komplizierter Züge sich in ihr nur sehr vereinfacht widerspiegelt. Wobei gerade die Neigung des Arbeiters in der Zeit der Dekadenz, sein proletarisches Wesen schamhaft zu verbergen, das Proletarische unterstreicht. Dem unbefangenen und geübten Auge erschließt sich die Eigenart der Individualität, besonders der sozial geprägten, bis oft in den spezialistischen Beruf hinein. Der ausprobierte „Spaß", jemandem seinen Beruf auf den Kopf zuzusagen, ist mehr als bloßer Spaß, er ist für denjenigen, der damit umzugehen gelernt hat, ein Mittel des soziologischen Erkennens. Dabei kommt es gar nicht darauf an, das Individuell-Zufällige (z. B. des Berufs) an der Geste zu erkennen, sondern im Gegenteil soll das Verfahren soziologische Relevanz erhalten durch seine Ausrichtung auf das Typische, genauer das Sozialtypische. Die Geste wird hier zu einem verräterischen Erkennungszeichen der Klassenzugehörigkeit des Individuums. Und dies ist so sehr wahr, daß jeder Versuch des Individuums, in unserem Falle des Arbeiters, durch eine angenommene oder angelernte, also nicht spontan hervortretende, Geste sich zu verbergen, an das sozial Entgegengesetzte sich anzupassen, in die lebendige Vermittlung zu der bereits bestehenden Gestik tritt, eigene Züge entwickelt, die vielleicht nicht mehr typisch proletarische sind, aber auch nicht in der ursprünglichen Absicht gelingen, eine sichtbare Spannung zum Proletarischen aufweisen und dieses erst recht als existent verraten. Selbst das Tragen des Bürgerhuts wird beim Arbeiter, ohne gewiß ganz ins Proletarische zu verfallen, erkennbar als ungelungenes Bemühen. Der wirkliche Bürger mokiert sich im Stillen über diese mißlungene Nachahmung, die erst recht die Unnachahmlichkeit des wahrhaft Bürgerlichen bestätigt. In vielen Fällen führt der Widerspruch zwischen der typischen und der angelernten Geste, zwischen dem Wirklichen und dem Gewollten zur Karikatur. Der Betrachter verbeißt sich ein Lächeln höchstens aus Mitleid. Der ausgezogene Handschuh in der behandschuhten linken Hand eines proletarischen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.5.1 | Generated on 2023-04-04 11:25:42