Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: Empirische Anwendung und Weiterentwicklung eines Modells
Abstract
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Full text
Diller, Christian; Nischwitz, Guido Article Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebensund Adaptionszyklus: Empirische Anwendung und Weiterentwicklung eines Modells Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning Provided in Cooperation with: Leibniz-Forschungsnetzwerk "R – Räumliches Wissen für Gesellschaft und Umwelt | Spatial Knowledge for Society and Environment" Suggested Citation: Diller, Christian; Nischwitz, Guido (2022) : Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: Empirische Anwendung und Weiterentwicklung eines Modells, Raumforschung und Raumordnung / Spatial Research and Planning, ISSN 1869-4179, oekom verlag, München, Vol. 80, Iss. 5, pp. 542-558, https://doi.org/10.14512/rur.130 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/266776 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
rur.oekom.de https://doi.org/10.14512/rur.130 BEITRAG ARTICLE OPEN ACCESS Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebensund Adaptionszyklus: empirische Anwendung und Weiterentwicklung eines Modells Christian Diller, Guido Nischwitz Received: 8 June 2021 Accepted: 14 April 2022 Published online: 16 May 2022 Zusammenfassung Auf der Grundlage eines Modells zur Analyse des Lebensund Adaptionszyklus regionaler Kooperationen wird die Entwicklung von drei deutschen Regionen (Altmark, Kiel, Kronach) betrachtet. Das Zusammenspiel externer und interner Einflussfaktoren erklärt die sehr unterschiedlichen Entwicklungsverläufe der Kooperationsformen der drei Regionen. Als wichtigste Erkenntnis bleibt festzuhalten, dass es hinsichtlich der Entwicklungregionaler Kooperation keine allgemeine Tendenz in Richtung verfestigter Strukturen gibt. Vielmehr können regionale Kooperationsstrukturen auch nach einer langen Phase der Stabilität erodieren, auch trotz dauerhafter staatlicher Unterstützung. Mit variablen räumlichen Zuschnitten themenbezogener regionaler Kooperation kann produktiv umgegangen werden, wenn die institutionellen, politischen und administrativen Rahmenbedingungen um die Basiseinheit des Landkreisesstabil sind. Schlüsselwörter: Regionalentwicklung Regional Governance Lebenszyklusmodell Evolution Kooperation Prof. Dr. Christian Diller, Professur für Raumplanung und Stadtgeographie, Justus-Liebig-Universität Gießen, Senckenbergstraße 1, 35390 Gießen, Deutschland [email protected] Dr. Guido Nischwitz, Institut Arbeit und Wirtschaft, Universität Bremen, Bibliothekstraße 1, 28359 Bremen, Deutschland [email protected] © 2022 by the author(s); licensee oekom. This Open Access article is published under a Creative Commons Attribution 4.0 International Licence (CC BY). Three Regional Cooperations in the long-term life and adaption cycle: empirical application and enhancement of a model Abstract Based on a developed life and adaption-cycle model of regional cooperations, the development of three German rural regions is examined (Altmark, Kiel, Kronach). The interaction of external and internal influencing factors explains the quite differentdevelopmentpatternsofthethreeregions.Asamain finding canbe formulated that inthe developmentof regional cooperation neither a general tendency towards stable structures nor towards stable spatial structures can be asserted. Rather regional cooperation structures can be eroded even after a longer period of stability, as well despite continuous support of the state. Variable spatial shapes of regional cooperations can be handled in a productive way particularly if theinstitutional,politicalandadministrativestructuresofthe base unit county are stable. Keywords: Regional development Regional governance Life cycle model Evolution Cooperation 1 Einleitung: Kooperative Regionalentwicklung In Deutschland orientiert sich die Raumordnungsund Regionalpolitik seit den 1960er-Jahren an dem Leitbild eines räumlichen Ausgleichs. Mitte der 1980er-Jahre änderten sich – auch aufgrund des Aufbaus einer eigenständigen europäischen Regionalpolitik – die Ansätze zur Förderung regionaler Entwicklungsprozesse. Staatliches Handeln in Europa und in Deutschland zielt seitdem auf eine 542 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558
Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: empirische Anwendungund ... politische Initiierung neuer regionaler Kooperationsstrukturen und Entwicklungsprozesse. Regionalisierungsstrategien binden regionale Akteure ein und verknüpfen neue Steuerungsmechanismen mit dem Ziel, die Wirkung regionaler Entwicklungspolitiken zu erhöhen (Benz/Fürst/Kilper et al. 1999). Die hierarchische Anreizsteuerung und Impulssetzung für regional governance bedient sich dabei neben klassischen Förderprogrammen verstärkt innovationsfördernder Instrumente wie Modellvorhaben der Raumordnung und verschiedenen Formen von Wettbewerben (BMEL 2014). In Abhängigkeit von den gewählten Akteurkonstellationen, Entwicklungszielen und Handlungsfeldern entwickeln sich sehr unterschiedliche räumliche Zuschnitte und Steuerungsstrukturen (Bernat/Diller/Frank et al. 2009). Dabei kann der Anlass und Anstoß von außen, das heißt von staatlichen Regionalpolitiken erfolgen. Oder die regionalen Kooperationen sind das Ergebnis von (sektoralen) Handlungszwängen und eines Problemdrucks innerhalb einer Region. Häufig ist eine territoriale, thematische und zeitliche Überlagerung regionaler Kooperationsprozesse und ökonomisch-funktional orientierter Raumstrukturen zu beobachten (Nischwitz 2007). Vielfach gelingt es nicht, aus dieser Parallelität an unterschiedlicher Aktionen, einen strategisch ausgerichteten Entwicklungsprozess einzuleiten, der dann mittelfristig von sich aus tragfähig ist. Regionsbildung ist ein dynamischer Prozess. Dieser Artikel leistet einen systemischen Beitrag in dieser Perspektive. Er verfolgt das Ziel, ein neu entwickeltes Lebensund Adaptionszyklusmodell für die längerfristige Analyse der Entwicklung von Regional Governance auf drei Regionen anzuwenden (vgl. Nischwitz/Diller/Chojnowski et al. 2020). Dabei orientiert sich die Darstellung an drei Leitfragen. – Wie stellt sich ein Lebensund Adaptionszyklusmodell regionaler Kooperationen dar, in dem relevante bisherige Ansätze aus der Regionalökonomie und Regional-Governance-Forschung aufgenommen und weiterentwickelt werden? – Lässt sich dieses Modell für die vergleichende Analyse der Entwicklung von Regionen einsetzen? – Welche Schlussfolgerungen für die Praxis und weitere Forschung lassen sich aus der Anwendung ziehen? Im Kapitel 2werden die Kernelemente des regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells dargelegt. In Kapitel 3 wird dann die Anwendung des Modells auf drei Regionen dargestellt, deren Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte vergleichend eingeordnet wird. Im Kapitel 4wird ein Fazit gezogen und der weitere Forschungsbedarf skizziert. 2 Das Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell Obwohl zur Frage der kooperativen Regionalentwicklung vor allem in den 1990er und frühen 2000er-Jahren viel geforscht und der Begriff der Regional Governance intensiv diskutiert wurde, gibt es nur wenige Befunde zur langfristigen Entwicklung von Regionen in dieser Hinsicht. Hier setzte ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes und von den Autoren durchgeführtes Forschungsprojekt (Laufzeit 2015-2017) an: die Entwicklung eines Modells zur Analyse von Lebenszyklen regionaler Kooperationen in multilevel regional governance. Grundlage dieses Beitrags ist das von Nischwitz, Diller, Chojnowski et al. (2020) ausführlich vorgestellte Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell. Im Kern zielte das Vorhaben sowohl auf die Entwicklung als auch auf die Überprüfung eines neuen Modellansatzes, der aus Ansätzen der regionalen Innovationsforschung (z. B. Scherer 2006; Schwenker/Müller-Dofel 2013;Wehinger2013), dem Ansatz der Pfadabhängigkeiten (z. B. Martin 2010), der Resilienzforschung (z. B. Lukesch 2016) und der Regional-Governance-Forschung (insbesondere Fürst/Lahner/Pollermann 2006;vonLöwis2012) inspiriert war. Im Rahmen des Projektes wurden rund 1350 Programmregionen erfasst und in ihrem Entwicklungsverlauf (unter anderem zu Raumzuschnitt, Akteurkonstellation, Organisationsstruktur, Formalisierungsgrad der Kooperation) zwischen 1990 und 2017 untersucht. Die Basis hierfür bildeten 27 relevante Förderprogramme und Wettbewerbe der Europäischen Union (EU) (unter anderem LEADER) und des Bundes (unter anderem Modellvorhaben der Raumordnung), die die Bildung strategisch orientierter regionaler Kooperationen initiierten. Anhand des Modellansatzes wurden diese Regionen analysiert und eingeordnet. Zudem wurde das Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell an drei Fallstudienregionen (vgl. Kapitel 3) überprüft. Abbildung 1zeigt das aktualisierte Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell.1Nachfolgend wird das Modell ausführlicher – mit einem Akzent auf die aktuelle Weiterentwicklung – beschrieben. In Anlehnung an Kooiman (2003,2005) und von Löwis (2012)werdendreiorders von Governance unterschieden. First order governance richtet sich auf die alltäglichen Arbeitsprozesse in regionaler Kooperation (Problemlösung und Chancenerzeugung), die durch eigene Entscheidungsstrukturen und Basisakteure (unter anderem Verwaltung, Management) geprägt sind. Second order governance um1FüreineausführlicheErläuterungmitdemStanddesModellsvon 2019vgl. Nischwitz/Diller/Chojnowskiet al. (2020). Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558 543
C. Diller, G. Nischwitz Abbildung 1 Regionales Lebensund Adaptionszyklusmodell (Stand 2022) fasst hingegen den institutionellen Überbau der jeweiligen Kooperation und die politischen Entscheidungsträger/-innen mit eigenen Steuerungsformen und -aktivitäten. Meta-Governance als third order governance zielt auf strategische Impulse und handlungsleitende Orientierungen und Rahmensetzungen (unter anderem Leitbilder, Wettbewerbe, Förderanreize). Sie werden von der Firstund/oder SecondOrder-Governance aufgegriffen, weiter verarbeitet und zum Teil wieder an die jeweils anderen Orders zurückgespielt. Regionale Veränderungsund Anpassungsschübe erfolgen aus einem Zusammenspiel der drei Governance-Orders. Den Kern des neuen Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells bildet die Darstellung eines flexiblen und dynamischen Phasenverlaufs regionaler Kooperationsund Governanceprozesse. Anhand der x-Achse kann die Entwicklung der regionalen Kooperationen im Zeitverlauf bzw. innerhalb eines bestimmten Untersuchungszeitraums abgebildet werden. Mithilfe der y-Achse lässt sich der jeweils erreichte Grad an regionaler Konnektivität exemplarisch abbilden und ablesen (vgl. Abbildung 1). Konnektivität wird verstanden als „innere Verbundenheit“ (Schnur 2013: 338; Lukesch/Payer/Winkler-Rieder 2010: 18) und „ein Maß interner Vernetzung“ (Strambach/Klement 2016: 272) innerhalb einer Region. Eine hohe Konnektivität kann sich in langanhaltenden und stabilen Kooperationsbeziehungen, festeren Kopplungen zwischen regionalen Akteuren und formalisierteren Regulierungsformen und Organisationsstrukturen ausdrücken. In Anlehnung und Weiterentwicklung bestehender Phasenmodelle (unter anderem Fürst/Lahner/Pollermann 2006; von Löwis 2012) wird im hier angewandten Modell zwischen vier übergreifenden Entwicklungsphasen unterschieden. In der Aufbauphase (1) spielen zur Initiierung einer regionalen Kooperation häufig externe, meist förderpolitische Anreize eine entscheidende Rolle. Neben externen Ressourcenanreizen braucht es vor Ort anschlussfähige und mit ausreichend Steuerungskompetenz versehene administrative Strukturen und Netzwerke (Firstund Second-OrderGovernance). Nach dem Aufbau regionaler Kooperationsstrukturen und der Umsetzung von ersten Projekten erfolgt der Übergang in eine Reifeund Erhaltungsphase (2). Diese Phase besteht in der Regel aus einer organisatorischen Verstetigung der Kooperation, die allerdings bei einem Auslaufen von Förderprogrammen und Fördermitteln gefährdet ist. Einen typischen Übergangspunkt zwischen verschiedenen Entwicklungsphasen scheinen Kooperationen oft zu erreichen, wenn das zu bearbeitende Themenspektrum in Richtung konfliktreicher Handlungsfelder (z. B. Flächennutzung, Verkehr) erweitert werden soll. In dieser Selektionsphase können die Regionen sowohl in eine Phase der Stagnation eintreten, sich für eine Stärkung (Transformationsphase (3)) oder für eine Auflösung bzw. Reduzierung (Abschwungund Transitionsphase (4)) ihrer regionalen Kooperationsstrukturen entscheiden. Die Stärkung bzw. Erhöhung der inneren Konnektivität der Region kann in der 544 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558
Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: empirische Anwendungund ... Transformationsphase durch einen kontinuierlichen Ausbau der Kooperationsstrukturen erfolgen. Oder es erfolgt ein episodischer Wandel, indem sich etwa durch externe Impulse und Vorgaben neue regionale Kooperationsund Organisationsstrukturen bilden. Im Gegensatz hierzu können beispielsweise regionsinterne Konflikte zwischen den beteiligten Akteuren, fehlende Förderund Finanzmittel, gescheiterte Projekte und veränderte Machtverhältnisse und konzeptionelle Neuausrichtungen in der Kommunalpolitik den Übergang zu einer Phase der Auflösung und des Abschwungs einer regionalen Kooperation führen. Der Übergang zwischen den skizzierten Entwicklungsphasen, ihren spezifischen Ausrichtungen und der immanenten Veränderungsund Anpassungsprozesse werden von den drei Governance-Orders im Sinne von Kooiman (2003; 2005) und von Löwis (2012) bestimmt. Im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell werden die drei Orders anhand vertikal laufender Pfeile dargestellt, die im Zeitablauf differenzierte und sich verändernde Impulse, Anreize und Vorgaben setzen. So lassen sich die Governance-Orders in ihrem wechselseitigen Wirkungsgefüge auf die Entwicklungsverläufe und Anpassungsprozesse der regionalen Kooperationen erfassen, analysieren und darstellen. Entsprechende Impulse und Ereignisse können im Rahmen von Dokumentenanalysen, Befragungen und Expertengesprächen herausgefiltert und untersucht werden. Im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell wird dieses Zusammenspiel zwischen den drei Governance-Orders anhand von vertikal verlaufenden Pfeilen angezeigt. Sie stehen für verschiedene Impulse und Ereignisse, die im Modell exemplarisch in drei Kipppunkte (tipping points; Gladwell 2011) münden. Jedem Tipping Point ist ein spezifischer Verlauf eines Adaptionszyklus zugeordnet, der im Ergebnis den Eintritt der Region in eine spezifische Entwicklungsphase aufzeigt. Strategische Impulse und handlungsleitende Orientierungen (Kooiman 2005;vonLöwis2012) zu regionalen Veränderungsund Anpassungsschüben kommen in etwas größeren zeitlichen Abständen aus der Third-Order-Governance (Meta-Governance) (Diller 2005; Diller/Nischwitz 2021). Diese Impulse werden von der Firstund Second-OrderGovernance in der Region aufgegriffen, verarbeitet und zum Teil wieder zur Meta-Governance zurückgespielt. Sie können in der Region eine Überschreitung von Tipping Points und damit einen Anpassungsprozess in der Ausrichtung und Organisation der regionalen Kooperation sowie der Konnektivität auslösen. Im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell (vgl. Abbildung 1) weist der Tipping Point 3 exemplarisch auf einen spezifischen Adaptionszyklus einer Region, die sich nach der Auflösung ihrer Kooperationsstrukturen neu organisiert. Ein Beispiel hierfür ist die KielRegion, die nach dem Scheitern von K.E.R.N. (1991-2007) im Jahr 2008 einen räumlichen, funktionalen und organisatorischen Neustart ihrer regionalen Kooperation durchführte (vgl. Kapitel 3.3). Impulse und Anreize der Landesebene führten auch bei der Firstund Second-Order-Governance zu einer Einleitung eines Restrukturierungsprozesses. Träger eines kontinuierlichen Wandels, aber auch Impulsgeber für einen episodischen Wandel in der Region, sind die Akteure der First-Order-Governance. Auf dieser operativen Ebene lassen sich durch vielfältige Wirkungsbeziehungen mit der Steuerungsebene (Second-Order-Governance) regionale Anpassungsprozesse und Entwicklungsschübe initiieren. Sei es, indem sie Anreize wie Förderprogramme zum Aufbau räumlicher und funktionaler Kooperationen aufnehmen sowie Veränderungen durch die Umsetzung eigener Ideen und Projekte anstoßen, oder, indem auf der Grundlage krisenhafter Ereignisse (z. B. Hochwasser, Insolvenz eines Unternehmens) oder politischer Entscheidungen (z. B. Verwaltungsreform) der Übergang in eine andere Entwicklungsphase angestoßen wird. Allerdings sind – bedingt durch anhaltende sich selbst verstärkende Rückkopplungseffekte – auch Tendenzen zur Stabilisierung, Verfestigung und Stagnation der eingeschlagenen Entwicklungsrichtung möglich. Mit Hilfe des Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells können spezifische Entwicklungsverläufe und -phasen regionaler Kooperationsund Governanceprozesse detailliert abgebildet und analysiert werden. Von besonderer Bedeutung ist dabei eine Orientierung an Tipping Points, hinter denen ein Wirkungsgefüge an Impulsen, Anreizen und Ereignissen der verschiedenen Governance-Orders stehen. Das Modell bietet die Chance, entsprechende Übergänge und Schwellen in und zwischen den Entwicklungsphasen anhand hierfür relevanter Einflussfaktoren und regionaler Anpassungsprozesse herausfiltern und untersuchen zu können. 3 Anwendung des Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells auf drei regionale Fallbeispiele Zur Überprüfung der Anwendbarkeit des Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells wurden in einem umfassenden Analyseund Auswahlverfahren aus den Programmregionen drei Regionen für vertiefende Fallstudien ausgewählt. Die Fallstudienregionen sollten in ihren Kooperationsund Regionsbildungsprozessen exemplarisch für verschiedene Entwicklungsverläufe bzw. -phasen im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell stehen. Gleichzeitig wurden beim Auswahlverfahren ausdrücklich Unterschiede in den jeweiligen Raumzuschnitten, Kooperationsstrukturen Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558 545
C. Diller, G. Nischwitz und Entwicklungsdynamiken sowie der räumlichen Lage berücksichtigt. Demgegenüber sollten die Fallstudienregionen Gemeinsamkeiten in folgenden Punkten aufweisen: ein fortgeschrittenes Entwicklungsstadium in der Kooperation, eine hohe Inanspruchnahme an Förderprogrammen und eine ausgeprägte Überlagerung und Vernetzung von Kooperationsstrukturen. Anhand dieser Kriterien wurden in einem mehrstufigen Verfahren drei Regionen ausgewählt: – Region Altmark als Vertreterin für eine Region in der Transformationsphase (vgl. Abbildung 1: Typ 4b = Phase eines evolutionären Wandels innerhalb der regionalen Kooperation) – KielRegion/K.E.R.N. als Vertreterin der Abschwungund Transitionsphase (vgl. Abbildung 1: Typ 3c = Nach einer Abschwungphase erfolgte ein Übergang in eine Erneuerungsphase) – Region Kronach als Vertreterin für eine anhaltende Reifeund Erhaltungsphase (vgl. Abbildung 1: Typ 2b = Übergang von einer Stabilisierungsin eine Selektionsphase) Voraussetzungen für die Anwendung im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell waren die Erfassung und Analyse von genutzten Förderprogrammen und erarbeiteten Konzepten sowie der Aufbau und Entwicklungsverlauf von Kooperationsund Managementstrukturen in den ausgewählten Regionen. Gleichzeitig wurden regionsinterne Impulse und Ereignisse ermittelt, die Einfluss auf den regionalen Kooperationsund Governanceprozess hatten. In erster Linie orientierte sich die Untersuchung in den Fallstudienregionen an Methoden der qualitativen Sozialforschung. Neben einer umfangreichen Dokumentenanalyse (unter anderem Ergebnisse von Programmevaluationen, von Projektberichten und Sitzungsprotokollen) wurden leitfadengestützte Experteninterviews, Fachgespräche und Gruppendiskussionen sowie teilnehmende Beobachtungen bei Veranstaltungen durchgeführt und ausgewertet. In jeder Region fanden bis zu zehn Termine mit insgesamt bis zu 20 Akteuren statt. Dabei handelte es sich um Akteure mit Leitungspositionen aus der Fachverwaltung (Wirtschaftsförderung, Regionalplanung, Regionalentwicklung), Kommunalpolitik, Regionalagenturen und Regionalmanagementorganisationen, der regionalen Wirtschaft, Regionalinitiativen und Verbänden. Darüber hinaus wurden leitfadengestützte Expertengespräche mit Trägern ausgesuchter Förderprogramme (Landesund Bundesebene) und wissenschaftlicher Begleitforschungen geführt. Aufgrund der Laufzeit des Forschungsvorhabens wurden die Entwicklungen in den Regionen für den Zeitraum zwischen 1990 und 2017 berücksichtigt. Für jede Fallstudienregion wurden exemplarisch vier wesentliche Tipping Points herausgearbeitet, die für den Entwicklungsverlauf der regionalen Kooperationen und Phasenverschiebungen von besonderer Bedeutung sind. 3.1 Region Kronach Die Fallstudienregion Kronach liegt im Bundesland Bayern an der Grenze zu Thüringen. Ihr räumlicher Zuschnitt ist deckungsgleich mit den Grenzen des Landkreises Kronach. Trotz diverser Ansätze, kreisgrenzenübergreifende Entwicklungsprozesse voranzutreiben (unter anderem im Rahmen der Tourismusregion Frankenwald und des Förderprogramms LEADER), blieben die Handlungen in den letzten Jahren auf den Landkreis konzentriert. Der Landkreis mit insgesamt 67.135 Einwohnerinnen und Einwohner (EW) (2019) ist Teil des Regierungsbezirkes Oberfranken und umfasst vier Städte und 14 Gemeinden. Die Bevölkerungsdichte beträgt 103 EW/qkm. Der Landkreis hat seit vielen Jahren Bevölkerungsrückgänge zu verzeichnen. Er gehört zu den eher schrumpfenden Regionen der alten Bundesländer. Vermutlich wirken sich noch immer die Effekte der ehemaligen Zonenrandlage aus. Die Schrumpfungsprozesse des durch eine mittelständische Kleinindustrie geprägten Landkreises hatten bereits in den 1970er-Jahren begonnen. Im Prognos-Zukunftsatlas 2019 (Prognos 2019) zur demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland wurde Kronach auf Rang 351 von 401 Landkreisen gerankt. Der Region werden auf der Basis von insgesamt 29 makround sozioökonomischen Indikatoren in den Bereichen Demographie und Arbeitsmarkt, „leichte Risiken“ bezüglich seiner Zukunftsfestigkeit attestiert (Prognos 2019: 23). Tabelle 1verdeutlicht die Stationen der kooperativen Regionalentwicklungsaktivitäten des Landkreises während der letzten drei Jahrzehnte, ausgelöst durch Impulse und Ereignisse der drei Governance-Orders. 1990 veränderten sich die Rahmenbedingungender Region, da sie mit der deutschdeutschen Vereinigung ihre Randlage zumindest zum Teil verlor. Systematische Regionalentwicklungsinitiativen begannen zunächst mit Impulsen und Aktionen auf der regionalen Ebene. Initiiert wurde die Thematik der Regionalentwicklung im Jahre 1990 von dem amtierenden Landrat mit einem Schreiben an die Unternehmen des Landkreises Kronach. Hieraus erfolgte die Gründung des Vereins KRONACH Creativ e.V.2zur Förderung des Lebensund Wirtschaftsraums Landkreis Kronach. Im Verein sind neben Privatpersonen, Vereinen, Verbänden und Kommunen hauptsächlich Unternehmen organisiert. Diese Phase wird von den Akteuren auch als Phase des Regionalmarketings 2https://www.kronachcreativ.de/ (11.04.2022). 546 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558
Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: empirische Anwendungund ... Tabelle1 Impulse der drei Governance-Orders in der Region Kronach (1990-2017) Nr. Jahre Handlungsebene Impuls-Rahmensetzung,Förderprogramm Meta(ThirdOrder) Governance 1 2000 EU Gemeinschaftsinitiative LEADER+ Land Programm Pilotvorhaben „Regionalmanagement“ 2 2007 EU LEADER-Achse Land Allianz Bayern Innovativ – Säule 2 Regionalmanagement 3 2013 Land Außerordentliche Kabinettsitzung des Bayerischen Landtages in Kronach mitMaßnahmenpaket 4 2014 Land Pilotprojekt „Demografie Oberfranken“ Land Wettbewerb „EFRE im Städtebau – Nachhaltige Stadt-Umland-Entwicklung“ (IRE) EU LEADER-ELER 5 2015 Bund Förderprogramm Land(auf)Schwung Land Förderrichtlinie Regionalmanagement Second Order Governance 1 1990 Landkreis Kronach Gründung von KRONACH Creativ e.V. 2 1997 Landkreis Kronach Gründung der Wirtschaftsund Strukturentwicklungsgesellschaft mbH (WSE GmbH) 3 2002 Landkreis Kronach und Landkreis Hof LEADER+ Lokale Aktionsgruppe (LAG) Region Naturpark Frankenwald 4 2004 Landkreis Kronach Gründung von vier interkommunalen Kooperationsräumen innerhalb des Landkreises 5 2006 Landkreis Kronach Wechsel im Vorstand und Neuausrichtung des Kronach Creativ e.V. 6 2007 Landkreis Kronach Gründung einer neuen und verkleinerten LEADER-Region / LAG auf Landkreisebene Gründung einer Stabsstelle Regionalmanagement im Landratsamt 7 2012 Landkreis Kronach Gründung des Innovationszentrums Kronach e.V. First Order Governance 1 1990 Landkreis Kronach Initiierungsschreiben des Landrates 2 2000 Landkreis Kronach Installation eines Regionalmanagements bei der Wirtschaftsund Strukturentwicklungsgesellschaft mbH 3 2002 Landkreis Kronach und Landkreis Hof Regionales Entwicklungskonzept (REK), LEADER+, Region Naturpark Frankenwald 42007 Landkreis Kronach Regionales Entwicklungskonzept LEADER-Achse Region Landkreis Kronach im Frankenwald 2007 Landkreis Kronach Verankerung des Regionalmanagements als Stabsstelle im Landratsamt; Bündelung verschiedener Managementstrukturen 5 2013 Landkreis Kronach Krise und Insolvenz beim TV-Hersteller Loewe 6 2014 Landkreis Kronach Regionale Entwicklungsstrategie (LES) im Rahmen von LEADER-ELER und Integriertes Regionales Entwicklungskonzept im Rahmen von EFRE 7 2015 Landkreis Kronach Regionales Zukunftskonzept Land(Auf)Schwung; Verknüpfung aller Entwicklungskonzepte und Managementstrukturen auf der regionalen Ebene (Landkreis) bezeichnet. Ab Mitte der 1990er-Jahre legten die regionalen Akteure den Fokus stärker auf die Erschließung endogener Potenziale und Chancen. Zur Unterstützung dieses Prozesses gründete das Landratsamt 1997 die Wirtschaftsund Strukturentwicklungsgesellschaft mbH (WSE GmbH)3als weitere wesentliche Institution für die Regionalentwicklung im Landkreis. Wesentliche Impulse der Meta-Governance erfolgten insbesondere ab der Jahrtausendwende. Zum einen begann das 3https://www.wse-kronach.de (11.04.2022). Bundesland Bayern – zunächst im Rahmen eines Pilotprojekts – mit der Förderung eines Regionalmanagements im Landkreis. Zum anderen entfaltete das LEADER+-Vorhaben auf der Basis des Raumzuschnitts der Region „Naturpark Frankenland“ eine kreisgrenzenübergreifende Initiative zu regionalen Entwicklungsprozessen. Diese wurde allerdings in der nächsten LEADER-Förderperiode der EU ab 2007 auf die Handlungsebene des Landkreises begrenzt. In der Folgezeit gelang es dem Landkreis Kronach immer wieder, sich erfolgreich auf Förderangebote von EU, Bund und Land zu bewerben. Zum Ende des Untersuchungszeitraums 2017 verfügte die Region über drei Entwicklungskonzepte Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558 547
C. Diller, G. Nischwitz und daraus resultierenden Entwicklungsprozessen, die eng miteinander verzahnt sind. Die Besonderheit liegt in der Nutzung von Synergieeffekten, z. B. bei der Erstellung und Umsetzung der Lokalen Entwicklungsstrategie (LES) (aus LEADER/ELERMitteln)4und dem Integrierten Regionalen Entwicklungskonzept (IRE)5(EFRE-Programm). So war Kronach eine von zwei Modellregionen in Bayern, bei der die gemeinsame Einreichung von Lokaler Entwicklungsstrategie und Integriertem Regionalem Entwicklungskonzept in zwei unterschiedlichen Förderbereichen erfolgreich verlief. Mit der zusätzlichen Bewerbung des regionalen Zukunftskonzepts für „Land(Auf)Schwung“ beim Bundeslandwirtschaftsministerium ging die Idee einher, die Region mit weiteren Finanzmitteln zur flexiblen Finanzierung von Kooperationsund Projektansätzen zu stärken. Einen weiteren wichtigen Impuls im Rahmen der drei Governance-Orders löste die erste Insolvenz des traditionsreichen Elektronikund TV-Herstellers Loewe AG im Jahr 2013 aus, ein Unternehmen, das mit mehr als 500 Beschäftigten zu den wichtigen und bekannten Arbeitgebern der Region zählte. In einer außerordentlichen Sitzung des Bayerischen Kabinetts im Kronacher Schloss wurden 2013 seitens Abbildung 2 Lebensund Adaptionszyklus der Region Kronach (1990-2017) 4https://www.stmelf.bayern.de/initiative_leader/ (11.04.2022), https://www.stmelf.bayern.de/eler (11.04.2022). 5https://www.efre-bayern.de/ (11.04.2022). der Landesregierung der Region Kronach verschiedene Zusagen gemacht. Die beiden wichtigsten sind die Initiierung des Pilotprojektes „Demografie Oberfranken“ sowie eine Teilverlegung der bayerischen Finanzhochschule 2020 nach Kronach. Inzwischen wurde das Pilotprojekt abgeschlossen, die Finanzhochschule ist im Bau und soll mit rund 600 Studierenden ab 2027 komplett nach Kronach verlagert werden. Aus Tabelle 1wird deutlich, dass im Wirkungsgefüge der drei Governance-Orders in Kronach verschiedene Kooperationsund Managementstrukturen geschaffen und weiterentwickelt wurden. Dabei ist deutlich eine Tendenz zu einer stärkeren Formalisierung der Kooperationsstrukturen und eine höhere Konnektivität im Laufe der Zeit zu erkennen. 1997 wurde die Wirtschaftsund Strukturentwicklungsgesellschaft mbH gegründet, bei der im Jahr 2000 das Regionalmanagement verankert wurde. Gemeinsam mit dem Landkreis Hof wurde dann die „Region Naturpark Frankenwald“ aus LEADER-Mitteln finanziert. Da die landkreisbezogenen Strukturen sich während der Programmlaufzeit weiter professionalisierten und wesentliche Förderprogramme verstärkt auf die Landkreisebene zielten, wurde die LEADER-Region ab 2007 auf den Landkreis Kronach begrenzt. 548 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558
Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: empirische Anwendungund ... In den Jahren 2006 bis 2008 kam es zu einer Neuausrichtung des Regionalmanagements, das als Stabsstelle im Landratsamt verankert wurde. Dabei wurden alle bestehenden Organisationsstrukturen gebündelt. Auf dieser Basis kam es ab 2014 zu einer Zusammenführung der neuen Entwicklungsstrategien, Steuerungsund Managementstrukturen. Abbildung 2zeigt die Entwicklung und die verschiedenen Impulse der First-, Secondund Third-Order-Governance im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell für die Region Kronach. Darin lassen sich die spezifischen Entwicklungsphasen der regionalen Kooperation in der Region Kronach darstellen und anhand ausgewählter Tipping Points wesentliche Übergänge und Umbrüche identifizieren: Aufbau: Für die Initiierung der Regionalentwicklung in Kronach waren regionsexterne und -interne Aspekte verantwortlich. Die veränderte räumliche Lage durch die deutsche Wiedervereinigung war sicherlich ein Auslöser für den regionsinternen Veränderungsimpuls durch den damaligen Landrat, durch Eigeninitiative und Motivation, die Gestaltung der Region selbst in die Hand zu nehmen (Tipping Point 1). Dies führte zunächst zur Gründung des Regionalvereins und später der Wirtschaftsund Strukturentwicklungsgesellschaft beim Landkreis, mit der dann der Übergang zur nächsten Phase eingeleitet wurde. Stabilisierung: Zur Stabilisierung der regionalen Entwicklung und Erhöhung der Konnektivität trugen in dieser Phase die Förderimpulse durch Programme der EU, des Bundes und des Landes bei. Einen besonderen Beitrag hierzu leistete die Einrichtung eines vom Land geförderten Regionalmanagements (Tipping Point 2). Evolutionärer Wandel: Auffallend war in dieser Phase, dass die Kooperationsbestrebungen sowohl mit einer Nachbarregion als auch zwischen den Gemeinden innerhalb der Region zumindest zeitweise intensiviert wurden. Es erfolgten wichtige interne institutionelle Weiterentwicklungen, insbesondere eine interne Verankerung des Regionalmanagements und neue Entwicklungsimpulse seitens des Vorstands des Vereins KRONACH Creativ e.V. Selektion: Diese Phase wurde eingeleitet durch mehrere Impulse. Hierzu gehörten verschiedene Förderprogramme als auch die regionsinterne Bündelung der Steuerungsund Managementstrukturen (Tipping Point 3). Diese ermöglichten die Weiterführung der vielfältigen Handlungen zur Regionalentwicklung. Allerdings waren insofern räumlich Selektionsprozesse zu verzeichnen, als jetzt die LEADER-Region auf die Landkreisebene begrenzt wurde. Dafür wurden im Rahmen der Förderung durch die LEADER-Programme weitere Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft intensiver in die Kooperationsprozesse einbezogen. Evolutionärer Wandel: Diese Phase begann mit einer krisenhaften Situation innerhalb der Region (Insolvenz der Loewe AG). Daraus folgten weitreichende regionale und förderpolitische Aktionen und Impulse, die verschiedene Veränderungsprozesse auslösten. Gegen Ende des Betrachtungszeitraums erfolgte durch die Bündelung von Strategien, Steuerungsund Managementstrukturen (Tipping Point 4) eine Stärkung der regionalen Konnektivität. 3.2 Region Altmark Die Altmark ist eine historische Kulturlandschaft im Norden Sachsen-Anhalts. Sie umfasst den Altmarkkreis Salzwedel (83.765 EW, Stand 2019) und den Landkreis Stendal (111.982 EW, Stand 2019); beide Kreise entstanden in dieser Form 1994. Mit einer Bevölkerungsdichte von 41,9 EW/qkm ist die Region eine der am dünnsten besiedelten Deutschlands. Sie war durch die für ostdeutsche ländliche Regionen typische kontinuierlich rückläufige, sowohl durch Geburtenrückgänge als auch Abwanderungen bedingte Bevölkerungsentwicklung gekennzeichnet, die nach den vorliegenden Prognosen auch anhalten würde. Im PrognosZukunftsatlas (Prognos 2019) zur demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland nahmen beide Landkreise von den 401 betrachteten Landkreisen die beiden letzten Plätze ein. Anhand von vier Indikatorengruppen (Demographie, Arbeitsmarkt, Wettbewerb und Innovation sowie Wohlstand und soziale Lage) wurden für die beiden Landkreise „sehr hohe Risiken“ in Bezug auf ihre Zukunftsfestigkeit konstatiert (Prognos 2019: 23). Vor diesem Hintergrund wurden seit den 1990er-Jahren von der Third-Order-Governance immer wieder strategische Impulse gesetzt (vgl. Tabelle 2). Rahmenbedingungen wurden vor allem durch die Kreisgebietsreform 1994, das Landesplanungsgesetz 1998 und die Auflösung der Regierungsbezirke 2004 verändert. Damit wurden die Kreise in Sachsen-Anhalt als Handlungsebene gestärkt. Gleichzeitig wurden durch Förderprogramme auch Impulse auf einen Ausbau der kreisübergreifenden Zusammenarbeit gesetzt: Hervorzuheben in ihrer Kontinuität waren die verschiedenen LEADER-Programme (1995, 2000, 2007 und 2014). Dazu kam 2000 die Förderung des Regionalmanagements aus der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe (GRW), die Landesinitiative Regio 2000, der Bundeswettbewerb „Regionen Aktiv“ 2002 und die zweite Bund-Länder Gemeinschaftsaufgabe GAK – Integrierte Ländliche Entwicklung 2007. Zwischenzeitlich wurden so in der Altmark zum Teil parallel acht verschiedene Förderprogramme zur ländlichen Regionalentwicklung einund umgesetzt. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558 549
C. Diller, G. Nischwitz men, so lässt sich festhalten, dass bis zu Beginn der 2000erJahre das Niveau der Aktionen und der Aufbau von Kooperationsstrukturen kontinuierlich und mit einzelnen Sprüngen anstieg. Seit Mitte der 2000er-Jahre war jedoch trotz verschiedener Impulse aus der Meta-Governance der Übergang in eine Stagnationsphase zu verzeichnen. Diese mündete schließlich in eine explizite Rückführung und Auflösung regionaler Kooperationsstrukturen zum Ende des Untersuchungszeitraums 2017. Diese Entwicklung wurde in einem Evaluationsbericht zum Integrierten ländlichen Entwicklungskonzept 2020 im Jahr 2018 als eine „degressive Regionalentwicklung“ bezeichnet. Der vollzogene Wandel auf der Second-Order-Governance lässt sich zum einen auf geringe Betriebsamkeit und Erfolge beim Aufgreifen von Angeboten der Meta-Governance zurückführen. Zum anderen setzen die Akteure der Second-Order-Governance auf die Impulse und Vorgaben, die auf eine ,Begradigung‘ der als unübersichtlich und umsetzungsschwach eingestuften Kooperationsbeziehungen und -strukturen abzielten. Dies beinhaltete eine gewisse Rückbesinnung von Firstund Second-Order-Governance auf die administrative Handlungsebene der einzelnen Landkreise. Die KielRegion bzw. die Region K.E.R.N. weist im Vergleich zu den beiden anderen Fallstudien eine deutlich heterogene Ausgangslage und raumzeitliche Entwicklungsdynamik auf. Dies könnte die tiefgreifenden Übergänge und Veränderungsprozesse in den Entwicklungsphasen der regionalen Kooperation und der Organisationsstrukturen mit erklären. Die Region ist vor allem durch die – positiv ausgedrückt – Brückenfunktion der Stadt Neumünster zwischen der Metropolregion Hamburg und dem nördlichen Teil des Landes Schleswig-Holstein gekennzeichnet. Die KielRegion zeigt auf, wie kontinuierliche Impulse und Unterstützung der Meta-Governance und hier besonders des Landes Schleswig-Holstein eine Regionsbildung nach den Vorstellungen der Landesregierung beeinflussen, aber auch damit scheitern können. Als Hintergrund spielt die bislang immer noch ungelöste Aufgabe einer Kreisgebietsreform für die Entfaltung regionaler Kooperationsprozesse eine nicht unerhebliche Rolle. Auch das Spannungsfeld Metropolregion Hamburg vs. andere Teilräume Schleswig-Holsteins, dem sich das Land mit einer Doppelstrategie von ,sowohl als auch‘ stellte, führte dazu, dass die Dynamik der Regionsbildung und der Konnektivität starken Veränderungsprozessen und Schwankungen unterliegt. Die drei betrachteten Regionen verfügen zum Teil über sehr unterschiedliche Voraussetzungen. Dies bezieht sich zum einen auf die sozioökonomischen Ausgangslagen und den jeweiligen Raumzuschnitt. Es werden auch Unterschiede insbesondere auf der Firstund Second-Order-Governance deutlich, Impulse und Vorhaben der Meta-Governance aufzugreifen und für die eigene Region zu nutzen. Dabei kommt den Anreizen und Rahmensetzungen der Meta-Governance eine besondere Bedeutung zu. Ohne kontinuierliche top dow-Impulse scheinen sich nur eingeschränkt regionale Kooperationsstrukturen stabilisieren und weiterentwickeln zu können (Altmark und KielRegion). Erfolgreiche Impulse aus den Regionen und den beiden Orders zielen auf die Entwicklung einer gemeinsamen inhaltlichen Klammer, deren Bearbeitung insbesondere für die Akteure der SecondOrder-Governance einen regionalen Mehrwert aufweisen muss (Kronach). Aus der Anwendung des idealtypischen Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells im Rahmen von drei Fallstudienregionen ergeben sich zwei zentrale Erkenntnisse: (1) In der Entwicklung regionaler Kooperation gibt es weder eine allgemeine Tendenz zur Institutionalisierung noch eine Tendenz zur Bildung fester räumlicher Organisationsstrukturen. (2) Nicht immer ist in den Regionen im Zeitablauf eine stetige und evolutionäre Zunahme an Aufgaben und Strukturen zu verzeichnen, die automatisch eine stärkere Institutionalisierung der regionalen Kooperation und Governance nach sich ziehen würde. Sei es, dass Rigiditätsund lock in-Fallen eine Weiterentwicklung und Anpassung verhindern oder im Gegenteil, dass einzelne Phasen wie die Stabilisierungsund Selektionsphase übersprungen oder abgekürzt werden. Stattdessen wechseln sich Entwicklungsphasen, die eine höhere Konnektivität und Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen aufweisen, mit solchen ab, die einer Stabilisierung dienen oder sogar eine Reduktion der Komplexität und des Formalisierungsgrades der Kooperation beinhalten. Entscheidend sind dabei die Impulse, Rahmensetzungen, Entscheidungen und Anreize der verschiedenen Governance-Orders in ihrem Wirkungsgefüge. Während die Akteure der Firstund Second-Governance-Order in einer Region die Programmangebote der Meta-Governance strategisch für die weitere Entwicklung ihrer Region nutzen, sind andere ,Getriebene‘ einer ungeplanten und unstrukturierten Überschneidung von unterschiedlichen Programmregionen. Deutlich wird auch, dass die Raumzuschnitte der regionalen Kooperationen fragil sind. Wenn allerdings die institutionellen administrativen Rahmenbedingungen um die Basiseinheit des Landkreises stabil sind, kann mit solchen variablen räumlichen Zuschnitten regionaler Kooperation produktiv umgegangen werden. Dies zeigt die Fallstudie Kronach. Das Beispiel der Region Altmark weist darauf hin, dass Misserfolge kooperativer Regionalentwicklung zu einer Rückbesinnung auf die Government-Kernstrukturen führen kann. Zum einen konnten beide Landkreise der Region Altmark, wie der Blick auf das Ranking im PrognosZukunftsatlas (2019) zeigt, trotz ihrer Kooperationsaktivität nur eingeschränkt eine erfolgreiche Regionalentwicklung aufweisen, wie sie sich anhand gängiger quantitativer Struk556 Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558
Drei regionale Kooperationen im Langzeit-Lebens-und Adaptionszyklus: empirische Anwendungund ... turindikatoren messen lässt. Zum anderen konnten die externen Impulse durch die Firstund Second-GovernanceOrders nicht für eine Verstetigung von Kooperationsaktivitäten und -strukturen genutzt werden. Am Beispiel der KielRegion wird wiederum deutlich, dass trotz nahezu kontinuierlicher und regionsspezifischer Förderimpulse die Regionsbildung über eine lange Zeit fragil sein kann. Dies liegt an inkonsistenten Rahmenbedingungen, wenn Fragen der Kreisgebietsreform ungeklärt und das Verhältnis der einzelnen Teilräume des Landes zueinander ambivalent bleiben. Innerhalb der Region konnten zwischenzeitlich die regionalen Kooperationsstrukturen aus einer Stagnationsphase heraus keinen Mehrwert in die Firstund Second-GovernanceOrders vermitteln. 4 Fazit und weiterer Forschungsbedarf Die Anwendung des Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodells zeigt, dass sich mit ihm Veränderungsund Anpassungsprozesse regionaler Kooperationen im Kontext der drei Governance-Orders flexibel erfassen, analysieren und darstellen lassen. Die Definition von vier größeren Entwicklungsphasen, denen spezifische Teilphasen zugeordnet werden können, kann die Vielfalt an Entwicklungsverläufen differenziert und dennoch klar abbilden. Im Zeitablauf können so das Zusammenspiel und Wirkungsgefüge der verschiedenen Governance-Orders und ihr Einfluss auf die Entwicklungsverläufe regionaler Kooperationen sowie auf die regionale Konnektivität herausgefiltert und idealtypisch beschrieben werden. Die Verknüpfung des Modells mit verschiedenen Governance-Orders ermöglicht es, externe und interne Impulse, Vorgaben und Ereignisse in ihren Wirkungen auf einen Phasenwechsel regionaler Kooperation identifizieren und einordnen zu können. Entsprechende Übergänge zwischen den Phasen und ihrer Ausrichtung lassen sich durch sogenannte Tipping Points herausfiltern und nachvollziehen. Das Modell kann – insbesondere hinsichtlich Impulse staatlicher Entwicklungspolitiken – einen Beitrag zur Beschreibung und zur Analyse der langfristigen Entwicklungsdynamik von regionalen Kooperationsund Governance-Strukturen leisten. Zudem bieten sich im Rahmen der aufgezeigten Tipping Points und des genannten Resilienzkonzepts wichtige Ansatzpunkte, um spezifische Entwicklungsverläufe wie das Scheitern von Kooperationen oder den Übergang in eine lock in-Falle erklären zu können. Damit kann das Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell auch auf eine größere Zahl von Regionen in vergleichenden und zum Teil auch generalisierenden Untersuchungen angewendet werden. Das vorgelegte Regionale Lebensund Adaptionszyklusmodell regionaler Kooperationen ist sicherlich noch weiter ausbaufähig und entwicklungsbedürftig. Drei Aspekte sind bezüglich einer umfassenderen Weiterentwicklung hervorzuheben: Erstens: In einer breiteren Anwendung sollten die Formen der Impulse und Vorgaben der drei Govenance Orders stärker systematisiert werden als dies bisher der Fall war. Zum Beispiel ist zu vermuten, dass staatliche Impulse in Form veränderter Rahmenbedingungen wie Kreiszuschnitte deutlich andere und vermutlich stärkere Wirkungen auf die Kooperationsmuster haben als Fördermittelanreize. Auf regionaler Ebene können beispielsweise die unterschiedlichen Kooperationsformen noch stärker typisiert werden. Zweitens: Das Modell beschränkt sich auf das Nachzeichnen der Kooperationsintensität und der regionalen Konnektivität. Die Frage der Wechselwirkungen zwischen Kooperationsintensität und der sozioökonomischen Regionalentwicklung kann so nicht abgebildet werden. Die Region Altmark ist ein Beispiel für ausgebliebene positive Wechselwirkungen zwischen Kooperationserfolgen und der sozioökonomischen Entwicklung in beiden Landkreisen. Trotz anhaltender Bemühungen zur Kooperation der beiden Landkreise blieben die Wirkungen hinter den Erwartungen zurück, was wiederum zu einem deutlichen Rückgang der landkreisübergreifenden Zusammenarbeit führte. Generell ist die Frage, inwieweit Regional Governance messbar die Regionalentwicklung beeinflusst, noch völlig offen (vgl. Diller/Nischwitz/Kohl et al. 2020). Die Integration entsprechender Indikatoren in das Modell könnte zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Ebenso fehlt es bislang an einer ausreichend intensiven Kopplung mit den vorab genannten Ansätzen regionaler Pfadabhängigkeit und ökonomischer Resilienz. Drittens: Die Phasenwechsel im Regionalen Lebensund Adaptionszyklusmodell werden vorrangig an Veränderungen in der Formalisierung der Kooperationsbeziehungen und der regionalen Konnektivität festgemacht. Von besonderer Relevanz und von besonderem Interesse sind die konkreten Übergänge, die Tipping Points, und die dahinter stehen Impulse sowie die initiierten Lernund Entscheidungsprozesse in der Region. Hier bedarf eine Weiterentwicklung des Modells einer Verbindung mit anderen Ansätzen politischer Entscheidungsprozesse. Zum Beispiel ist das Advocacy Coalitions Framework (ACF) ein etablierter, aber dennoch aktueller und nützlicher Ansatz (Weible/Ingold/ Nohrstedtetal.2020). Mit ihm lassen sich die relevanten Lernprozesse (Zimmermann 2006) der regionalen Akteure und Akteurgruppen und die Bedeutung sowohl stabiler als auch sich verändernder Handlungsorientierungen herausarbeiten. Raumforschung und Raumordnung | Spatial Research and Planning (2022) 80/5: 542–558 557
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