Soziale Mischung: Die Lösung von Integrationsherausforderungen?
Abstract
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Full text
Dangschat, Jens S.; Alisch, Monika Book Part Soziale Mischung: Die Lösung von Integrationsherausforderungen? Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Dangschat, Jens S.; Alisch, Monika (2014) : Soziale Mischung: Die Lösung von Integrationsherausforderungen?, In: Gans, Paul (Ed.): Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration, ISBN 978-3-88838-075-4, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 200-218, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0754113 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/141935 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Jens S. Dangschat, Monika Alisch Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? URN: urn:nbn:de:0156-0754113 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 200 bis 218 Aus: Paul Gans (Hrsg.) Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration Forschungsberichte der ARL 3 Hannover 2014
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 200 Jens S. Dangschat, Monika Alisch Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? Gliederung 1 Einleitung 2 Warum und für wen ist Segregation ein Problem? 3 Die Suche nach dem Nachbarschaftseffekt 4 Soziale Mischung – Alternative zur residentiellen Segregation? 5 Das Verständnis von „Raum“ im Konzept der sozialen Mischung und der Analyse von Nachbarschaftseffekten 6 Zusammenfassung Literatur Kurzfassung In der planerischen Praxis wird häufig zur Unterstützung der Integration von Zugewanderten respektive von armen Haushalten auf das Konzept der „sozialen Mischung“ zurückgegriffen. Diese gedanklich nachvollziehbare Option weist jedoch de facto eine Reihe von Widersprüchlichkeiten auf, denn es gibt in Westeuropa kaum konsistente empirische Belege dafür, dass eine soziale Durchmischung hinsichtlich der Integration tatsächlich vorteilhaft ist. In der Wissenschaft werden Nachbarschaftseffekte entweder über die Analyse längerer Zeitreihen oder am Beispiel von konkreten Nachbarschaften untersucht. Bei Letzterem wird versucht, einzelne Nachbarschaftseffekte zu isolieren und in ihrer integrativen Wirkung zu bestimmen – auch diese sind, so sie überhaupt signifikant sind, kaum bedeutsam. Das Dilemma der wissenschaftlichen Ansätze und des politisch-planerischen Handelns ist, dass über Strukturdaten (Ausländeranteil) das „Problem“ identifiziert wird und nicht über das Verhalten der sozialen Gruppen vor Ort. Das allerdings würde bedeuten, den Raum als ein relationales Verhältnis zu sehen, welches beginnt, sich in der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung durchzusetzen, was aber die Stadt(entwicklungs)planung vor neue Herausforderungen stellen dürfte. Schlüsselwörter Residentielle Segregation – Nachbarschaftseffekte – social mix – räumliche Konzentration, relationaler Raum – Sozialraumanalyse Social mix – the solution to integration challenges? Planners often use the concept of “social mix” to support local social integration processes of migrants and/or poor households. Even if this concept sounds feasible, it actually proves to be characterised by a number of discrepancies. First of all, there is very little
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 201 consistent empirical support in Western Europe for the notion that social mix supports social cohesion. Within social sciences the impact of social mix is analysed either by long time-series observation of statistics or by case studies. In the latter case, researchers try to isolate single neighbourhood impacts. However, empirical tests show that their impact – if at all – is hardly significant. The dilemma of scientific approaches and of political planning practice is that they are based on information about social structures like foreign ratio and not on the behaviour of social groups within the neighbourhoods. This latter approach, however, will result in a fresh view on space as a relation between persons and material goods, as is becoming more prominent within urban sociology and human geography, and will result in new challenges for town planning. Keywords Residential segregation – neighbourhood effects – social mix – spatial concentration – relational space – social area analysis 1 Einleitung Die Bewertung der Segregation und der Segregierung wurde in der sozialwissenschaftlichen Diskussion seit ihren Anfängen ambivalent geführt: Herbert Gans (1961) hatte die (ethnische) Segregation mit ihren Vorund Nachteilen beschrieben, indem er die multikulturelle Einbindung und Identität auf der einen Seite sowie eine Normen-Homogenität und einen abgeschwächten Konkurrenzdruck auf der anderen Seite anführte. Auch heute werden Vorund Nachteile der räumlichen Konzentration von migrantischen Minderheiten einander gegenübergestellt (Dangschat 2000a; Häußermann/Siebel 2001; Sampson/ Morenoff/Gannon-Rowley 2002; Friedrichs/Galster/Musterd 2003; Musterd 2003; Kronauer/Vogel 2004; Murie/Musterd 2004; Musterd/Andersson 2005; Hillmann/Windzio 2008; Andersson/Musterd/Galster et al. 2009; Blasius/Friedrichs/Galster 2009; Farwick 2009). In der planungsund integrationspolitischen Diskussion hingegen wird neben der residentiellen Segregation nach Einkommen vornehmlich die ethnische residentielle Segregation stets dann negativ hervorgehoben, wenn sich verhärtende Probleme der „Integration vor Ort“ zur Lösung angemahnt werden (ODPM 2005; PPU 2011). Die Position einer sozial gemischten Stadt(gesellschaft) baut auf der These auf, dass unterschiedliche Menschen (nur) dann die Unkenntnis übereinander, mögliche Vorbehalte gegeneinander und Ängste voreinander abbauen, wenn sie einen häufigen Kontakt miteinander haben, was vor allem dann wahrscheinlich ist, wenn sie im gleichen Quartier wohnen (Allport 1954). Diese Kontakthypothese – so deren Anhänger – führe schließlich zum Verständnis füreinander, der Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen und schließlich zu gemeinsamen Wertvorstellungen und einem integrativen „Wir-Gefühl“.1 Diese Zusammenhänge wirken jedoch vor allem dann positiv, wenn die betreffenden Gruppen einen höheren Bildungsgrad und eine höhere kommunikative Kompetenz besitzen, selbstbewusst sind und sich ausreichend geachtet fühlen – nur diese sozialen Gruppen sind in den als problematisch angesehenen Migrantenquartieren eher die Ausnahme. Im umgekehr1 Bereits Allport (1954) hatte darauf hingewiesen, dass diese Annahmen nur dann gelten, wenn vier Bedingungen erfüllt sind. Diese Vorbedingungen bleiben in der Politik des social mix jedoch in der Regel unberücksichtigt: a) gleicher Status zwischen den Zugewanderten und der bereits länger dort wohnenden Bevölkerung, b) gemeinsame Ziele zum einen hinsichtlich der alltäglichen Lebensführung, zum anderen innerhalb gemeinsamer Institutionen; daher auch c) eine institutionelle Unterstützung und d) die Möglichkeit zu intensiveren sozialen Kontakten.
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 202 ten Fall können eine niedrige Bildung, mangelndes Selbstbewusstsein und Diskriminierungen konfliktverschärfend wirken (Dangschat 1998), wofür der Begriff der „überforderten Nachbarschaften“ geprägt wurde. Auch der Ansatz von Häußermann (1998) und zuvor von Häußermann/Siebel (1990), in „freiwillige“ und „unfreiwillige“ Segregation zu unterscheiden, konnte im Diskurs der Segregation wenig Handlungshinweise liefern: Der Grad der Freiwilligkeit sei der entscheidende Schlüssel dafür, ob eine räumliche Konzentration einer sozialen Gruppe positiv zu sehen sei. Die „Freiwilligkeit“ besteht demnach darin, sich auf dem Wohnungsmarkt (relativ) frei bewegen zu können und gegebenenfalls ein Quartier durch einen Fortzug zu verlassen. Dieser nachvollziehbare normative Zugang ist auf den zweiten Blick jedoch problematisch: Erstens lassen sich Freiwilligkeit und Zwang von Umzügen empirisch nur sehr schwierig nachweisen.2 Zweitens entstehen Konzentrationen auch durch einen Fortzug „der anderen“, d. h. die „Freiwilligkeit des Auszuges“ der einen ist der „Zwang zur Konzentration“ der anderen. Das „Gefangen-Sein“ in einer ethnischen Kolonie wirkt sich insbesondere dann negativ aus, wenn in die leer stehenden Wohnungen eher statusniedrigere Personen nachrücken. Drittens bleibt die Frage offen, wie dann die „freiwilligen“ traditionellen Rückzüge der Oberschichten respektive die neuen Prozesse der Wohnstandortsuche der städtischen Mittelschichten vor dem Hintergrund der Integration zu bewerten sind, da die daraus resultierenden Wohngebiete in gated communities, Projekten des Themenwohnens (z. B. autofreies Wohnen) oder Wohngruppen häufig von hoher sozioökonomischer und MilieuHomogenität geprägt sind. Falls die These stimmt, dass die hohe Konzentration einer Ethnie dazu führt, dass deren Integration in die Mehrheitsgesellschaft behindert wird oder – oftmals in sozialräumlicher Überlagerung – dass Menschen in „Armutsquartieren“ zusätzlich benachteiligt werden, stellt sich die Frage, was genau in diesen Quartieren negativ wirkt: Sind es die schlechten Wohnund Wohnumfeldbedingungen, die unzureichende Infrastruktur, insbesondere die sozialen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen? Sind es die Nachbarn, die einen schlechten Einfluss ausüben oder ist es das Image von außen? Alles dieses sind „Nachbarschaftseffekte“, denen eine gewisse (negative) Wirkung zugeschrieben wird (Kap. 3). 2 Warum und für wen ist Segregation ein Problem? Mit dieser Frage werden eigentlich zwei Probleme der Stadtgesellschaften angesprochen: Zum einen geht es um die benachteiligenden Wohnund Lebensbedingungen für diejenigen Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer sozialen Lage ohnehin schon benachteiligt sind. Hier setzen die entsprechenden Raumpolitiken („Soziale Stadt“, Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten (E&C), Lokales Kapital für soziale Zwecke (LOS)) an, die auf die Symptome von Ausgrenzung und Armut und nicht auf deren Ursachen gerichtet sind. Das „Mantra der Mischung“ (Münch 2010: 399) in planungspolitischen Zielsetzungen zur Unterstützung integrativer Prozesse (ODPM 2005; PPU 2011) setzt allenfalls an der Erscheinungsform sozialer Problematik im urbanen Raum an (Beitrag Münch in diesem Band). Zum anderen aber geht es darum, welche Probleme die Mehrheitsgesellschaft mit dieser räumlichen Konzentration hat, die sich in dem als bedrohlich konnotierten Begriff der „Parallelgesellschaften“ zeigen. Ganz offensichtlich wird das von 2 Hier wirken sich Prozesse der Reduktion kognitiver Dissonanz aus, d. h. zum einen werden Umzüge selten als Verdrängung und Verschlechterung wahrgenommen bzw. nicht als solche in Interviews berichtet (Blasius 1993), zum anderen dürften sich beide Kategorien nur analytisch auseinanderhalten lassen, aber bei der Alltags-Konstruktion miteinander vermischen.
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 203 Park (1974) noch als Teil des „urbanen Lebensstils“ gepriesene Wandeln durch die Welten der verschiedenen Kulturen nur von den sich aufwärts bewegenden Zuwanderern beziehungsweise den etablierten Autochthonen als Bereicherung empfunden. Beide Problemperspektiven scheinen sich an einem paradoxen Punkt zu treffen: Die Unterteilung in „freiwillige“ und „unfreiwillige“ Segregation zielt darauf ab, die sozialräumliche Konzentration dort als positiv zu bewerten, wo soziale Netze auch räumlich bewusst und aktiv betrieben werden und man bewusst „unter seinesgleichen“ leben möchte (was eine zunehmende Zahl an Stadtbewohner(inne)n und die better-off traditionell für sich beanspruchen). Auf der anderen Seite wird jedoch die räumliche Konzentration von Migrant(inn)en und die Knüpfung intra-ethnischer sozialer Netze bis hin zu florierenden „migrantischen Ökonomien“ als Indikator einer freiwilligen integrationshemmenden Abschottung gesehen und als „Parallelgesellschaft“ verurteilt. Die öffentliche Debatte über die räumliche Konzentration bestimmter Minderheiten ist häufig zudem von der Ambivalenz geprägt, ob diese Migrant(inn)en zusammenleben wollen oder ob sie aufgrund der Restriktionen am Wohnungsmarkt letztlich mangels Alternativen dazu gezwungen werden (Beitrag Hanhörster in diesem Band). In der Diskussion der Folgen der räumlichen Konzentration der Wohnstandorte von migrantischen Minderheiten und/oder einkommensschwachen Stadtbewohnern werden meist Aspekte der Abschottung und der Isolation („Ghetto“, Einwandererkolonie) benannt. Damit werden in der Regel die negativen Seiten der Segregation stärker betont. Interessant ist, dass der Vorteil für die mittleren und gehobenen Schichten der Autochthonen, nämlich davon zu profitieren, dass die wenig geschätzten Minderheiten nicht in ihrer Nachbarschaft leben und ihre Kinder nicht den Klassenraum mit deren Kindern teilen müssen, kaum einmal erwähnt wird. Auch der Aspekt, dass ein großer Teil der Autochthonen die Gebiete mit hohen Konzentrationen von Migrant(inn)en meiden, wird in der Integrationsdebatte kaum berührt (Happel 2011: 77). Das bedeutet, dass die oft stark eingeschränkte Bereitschaft zur Integration seitens der (besser gebildeten) Autochthonen in der politischen und wissenschaftlichen Debatte weitgehend ausgeblendet wird. Problematisch in dieser Debatte ist auch, dass vor dem Hintergrund einer breit ausdifferenzierten Stadtgesellschaft ausschließlich der Aspekt der Nationalität beziehungsweise des Migrationshintergrundes in den Vordergrund gehoben wird, während andere Unterschiede und Ungleichheiten der weiteren Strukturmerkmale (Bildung, Alter, Haushaltstyp) der Wohnbevölkerung (Kronauer 2002: 217 ff.; Hillmann/Windzio 2008: 20; Beitrag Glorius in diesem Band) sowie der unterschiedlichen Einstellungen und Motivationen ausgeblendet werden. Diese weiteren Merkmale wie politische und religiöse Präferenzen, Wertvorstellungen und Lebensstile können jedoch sowohl die Ursache für soziale Konflikte sein als auch für eine gelungene Integration über nationale und/oder ethnische Grenzen hinweg stehen. 3 Die Suche nach dem Nachbarschaftseffekt Die nur empirisch zu entscheidende Frage nach den eher positiven (Heckmann 1992; Salentin 2004; Galster 2005) oder eher negativen Folgen von Segregation (Dangschat 1996, 2000a; Murie/Musterd 2004; Musterd 2005; Smets/Salman 2008) hat zu einer Reihe von Untersuchungen der sogenannten „Nachbarschaftseffekte“ geführt. Zu der These, dass benachteiligte Wohnquartiere ihre Bewohner zusätzlich benachteiligen (Alisch/Dangschat 1993), was sich primär auf die strukturellen Nachteile einer schlechten Lage, vernachlässigter Bausubstanz, defizitärer Infrastruktur (insbesondere der Schulen und anderer sozialer Infrastruktur), unzureichender Versorgung sowie hoher Umweltbelastung in diesen
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 204 Stadtgebieten bezog, wurde seit knapp 15 Jahren der Frage nachgegangen, ob das Leben in benachteiligten Stadtquartieren die Bewohner tatsächlich zusätzlich benachteilige (u. a. Friedrichs 1998; van Kempen/Priemus 1999; Heitmeyer/Anhut 2000; Atkinson/Kintrea 2001, 2004; Sampson/Morenoff/Gannon-Rowley 2002; Friedrichs/Galster/Musterd 2003; Musterd 2003; Kronauer/Vogel 2004; Murie/Musterd 2004; Musterd/Andersson 2005; Galster 2007; Phillips 2007; Musterd/Andersson/Galster et al. 2008; Smets/Salman 2008; Andersson/Musterd/Galster et al. 2009; Blasius/Friedrichs/Galster 2009; Blasius/Friedrichs 2009; Farwick 2009; Gijsberts/Dagevos 2009; Oberwittler 2009). Alle Studien gehen von Anteilen sozialer Gruppen in einem administrativ definierten Gebiet aus. Damit geht man von einem „container“-Raum aus, obwohl bekannt ist, dass soziale Beziehungen durch solche Trennlinien nicht bestimmt werden und „relationale“ Räume ausbilden. Völlig unbeachtet bleibt dabei, wie sich die „statistische Mischung“ in eine „soziale Mischung“ überträgt. Innerhalb der Studien zu Nachbarschaftseffekten wurde zudem ein breites Spektrum von nachbarschaftlichen Einflüssen auf die Lebenssituation der Bewohnerschaft analysiert, aus denen dann entweder negative oder positive Auswirkungen auf das Zusammenleben in diesen Quartieren mathematisch-statistisch abgeleitet wurden. Münch (2010: 43 ff.) unterscheidet dabei vier Dimensionen: soziale Dimension (Einkommensund Arbeitslosigkeitsstruktur, kulturelle Effekte, soziale Netzwerke und migrantische Ökonomien), symbolische Dimension (negative Zuschreibung aufgrund der Sichtbarkeit von (diskriminierten) Migrant(inn)en und deren Lebensstile), materielle Dimension (Erreichbarkeit industrieller Arbeitsplätze, niedergehende lokale Ökonomie, Qualität der Schulen) und politische Dimension (Wähleranteile und „Aufmerksamkeit“ lokaler Politik). Problematisch ist, dass jeweils nur wenige Einzelaspekte nachbarschaftlicher Einflüsse respektive Bedingungen analysiert werden, die zudem eher pragmatisch oder oft ohne Begründung ausgewählt wurden. Damit tragen die meisten dieser Studien kaum zu einer Systematisierung dieser Forschung bei. Bei den Ansätzen, in denen eine Systematisierung versucht wurde, wurde jedoch nur ein Teil der als relevant angesehenen Dimensionen berücksichtigt (zu einer Synopse Tab.1). So referiert Farwick (2009: 137 ff.) internationale Literatur zu Inter-Gruppenkontakten (situationsbezogen, gruppenbezogen) und auf unbeteiligte Fremdgruppen gerichtete Vorurteilsmuster. Anschließend analysiert er die Auswirkung auf die soziale Distanz von Deutschen gegenüber Ausländern durch unabhängige gebietsbezogene (Anteil der ausländischen Bevölkerung, Anteil der Sozialhilfeempfänger und Wohndauer im Quartier) und unabhängige personenbezogene Merkmale (Geschlecht, Alter, schulische und berufliche Bildung und Erwerbsstatus) (Farwick 2009: 151 ff.). Dabei stellt er einen schwach positiven Zusammenhang zwischen dem Ausländerund Sozialhilfeanteil mit der sozialen Distanz fest. Kontrolliert man aber hinsichtlich des Sozialhilfeanteils, dann wird der Zusammenhang zwischen Ausländeranteil und den Sozialkontakten positiv. Das bedeutet, dass lediglich in von Armut gekennzeichneten Quartieren die Kontakte von Deutschen zu Ausländern eher negativ sind. Diese Erkenntnis entspricht der erwähnten Skepsis gegenüber der Wirksamkeit der Kontakthypothese in solchen Quartieren und spräche daher gegen die Durchmischungsstrategie in Armutsquartieren.
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 205 Problematisch ist, dass „die Ausländer“ notgedrungen zu einer Kategorie zusammengefasst werden, obwohl diese Gruppe heterogen ist und das Ausmaß der Ablehnung durch „die Deutschen“ sich nach Nationalität, Ethnie und askriptiven Merkmalen deutlich unterscheidet. Zusätzlich wird mit dem Merkmal „Ausländer“ nur ein Aspekt einer Menge Menschen hervorgehoben, der jedoch immer im Kontext mit anderen Merkmalen wahrgenommen und bewertet wird. Schließlich bewegt sich die Analyse ausschließlich auf einem mikrosoziologischen Niveau (einschließlich deren Aggregationen), d. h. die makrosoziologische Ebene (u. a. die Wohnungsund Sozialpolitik) bleibt ebenso ausgeblendet wie die Mesoebene der materiellen Ausstattung an Gelegenheiten beziehungsweise der Erreichbarkeiten innerhalb der analysierten Agglomeration, was Farwick (2009) allerdings bei der Analyse der Großsiedlung Tenever in Bremen zumindest interpretativ berücksichtigt. Schließlich werden auch die Eigenund Fremdzuschreibungen der jeweiligen Quartiere aus den Überlegungen ausgeklammert. Überraschend ist auch, dass die motivationalen Aspekte, die Esser (1980) mit seinem differenzierten Assimilationskonzept hervorgehoben hat, in den Studien über Nachbarschaftseffekte praktisch unberücksichtigt bleiben. Erst ein solcher Ansatz macht es möglich, die eher psychologischen Ansätze, die über den „Charakter“ argumentieren, in ein soziologisches Konzept des copings zu überführen. Eine Erklärung der unterschiedlichen Einstellungen „der Deutschen“ gegenüber „den Ausländern“ ist daher entweder mit einem multivariaten Ansatz sozialer Ungleichheit oder mit einem Milieu-Konzept sinnvoll, hinter dem ein Werte-Ansatz steht. Die Analyse der Nachbarschaftseffekte geht jedoch über die eindimensionale Betrachtung von Ausländeranteilen hinaus. Demgegenüber wird der negative Effekt einer ethnisch homogenen Nachbarschaft in der Praxis deutscher Integrationspolitik derzeit jedoch von der Befürchtung getragen, die in Integrationskursen mühsam vermittelten deutschen Sprachkenntnisse würden in den segregierten Wohnorten der familiär gut integrierten Zuwanderer mangels Kontakten zu deutschsprechenden Nachbarn wieder verloren gehen (Schader-Stiftung 2010: 45).3 Die Analyse der Nachbarschaftseffekte auf Einstellungen und Werte wird häufig mit der von Lewis in die Diskussion gebrachte culture-of-poverty-These verknüpft, die von Wilson (1987) als ghetto related behavior, als Milieubildung durch sozioökonomische und sozialräumliche Ausgrenzungsprozesse zugespitzt wurde (Bremer 2000: 151 ff.). Als Argument für die negativen Folgen der Segregation für die Individuen wird „[…] behauptet, der fehlende Kontakt zu sozial etablierten und erfolgreichen Haushalten sei Ursache von Armut.“ (Holm 2009: 25). Mit dieser Annahme geht man davon aus, dass gerade von Armut Betroffene vorwiegend im eigenen Wohnviertel sozialisiert werden, was heute ebenso wenig zutrifft, wie die Bedeutung von Lebenslagendaten für die Erklärung von Verhalten und Einstellungen. Unabhängig davon, ob und wie sich eine räumlich bestimmbare „eigene“ Kultur nachweisen lässt, bleibt auseinanderzuhalten, was Ursache und was Wirkung ist: Hier ist es nämlich nicht die Homogenisierung von Verhaltensund Kommunikationsweisen, die Integration behindert, sondern eher die Intoleranz der „anderen“ gegenüber ihnen fremden Formen der Aneignung, die sich im Verhalten im öffentlichen Raum ausdrücken (Madanipour 2005). 3 Eine solche homogene Konzentration einer Gruppe von Zugewanderten gibt es in Deutschland relativ selten. Häufiger sind multi-ethnische Nachbarschaften, in denen ganz andere Herausforderungen an die Alltagsbewältigung bestehen. Die Frage, ob man für eine „gelingende Integration“ ausreichende soziale Kontakte zu „Einheimischen“ hätte, geht daher – formuliert aus einer ethnozentristischen Sicht – an der komplexen Herausforderung vorbei. Es sollte daher häufiger auch auf die mehr oder weniger positiv wirksamen Einflüsse der jeweiligen Zuwanderungsgruppen untereinander geachtet werden – hier fehlen jedoch eindeutige empirische Belege.
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 206 Dimension Indikator Lage und Erreichbarkeit Lage im städtischen Kontext (Zentralität) städtebauliche Typologie Erreichbarkeit (mit ÖPNV, zu Fuß) Soziale Zusammensetzung der Wohnbevölkerung Anteil der Ausländer(innen)* Anteil größter autochthoner Gruppe* Anteil Personen mit Migrationshintergrund* soziale Schicht/soziale Lage Diversitätsindex Nationalität/Ethnie Diversitätsindex Migrationshintergrund Diversitätsindex nach Schicht/Lage Ausstattung (Wohnen, Infrastruktur) (hard infrastructure) Ausstattung Wohnbau (Qualität, Preisgefüge, Eigentum) Ausstattung Infrastruktur (privat: Versorgung für täglichen und mittelfristigen Bedarf, Dienstleistungen) Ausstattung Infrastruktur (öffentlich) Immissionen Lärmbelastung Smogund Staubbelastung Eintrag von CO2 und anderen Treibhausgasen Soziale Beziehungen (soft infrastructure) soziale Netzwerke (des-/integrationsfördernd) politische Kultur institutionelles Setting (Einrichtungen, deren Zielsetzungen Integration/Desintegration unterstützen) Öffentlicher Raum Nutzung des öffentlichen Raumes Symbolwirkung / Image Einschätzung des Quartiers in der Binnensicht aufgrund der Wohnbevölkerung Einschätzung des Quartiers in der Binnensicht aufgrund der Wohnbauund Infrastruktur Einschätzung des Quartiers in der Außensicht aufgrund der Wohnbevölkerung Einschätzung des Quartiers in der Außensicht aufgrund der Wohnbauund Infrastruktur Tab. 1: Nachbarschaftseffekte und deren Messung * Diese Maße sind sicherlich aus soziologischer Sicht unzureichend, weil sie für integrationsrelevante Einstellungen und Verhaltensweisen nicht einheitlich sind. Sie sollten zumindest hinsichtlich des formalen Bildungsniveaus kontrolliert werden. Quelle: erweitert nach Dangschat (2014a, 2014b)
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 213 Aufgabe der intermediären Organisationen ist es dabei, „Brücken“ zwischen den sozialen Gruppen zu bauen respektive zu stärken (bridging; Putnam 2000) und dabei die eher vernachlässigten Kontakte zu „den anderen“ zu unterstützen (strengthening the weak ties; Granovetter 1973). Vergleicht man ein derartiges gemeinwesenbezogenes „Brückenbauen“ in den als problematisch angesehenen sozialräumlichen Settings mit der Ingenieuraufgabe des Brückenbauens, wird der Unterschied deutlich: Auf der Basis der völlig unzureichenden Informationen würde der Ingenieur erst gar nicht mit seiner Arbeit beginnen, sondern lautstark – und darin von einer Reihe von Kammern, Verbänden und Lobbyisten unterstützt werden – mehr Informationen über den Zweck der Brücke, die Spitzenlast, die Statik, die Spannweite und die Gründungsqualitäten der Ufer sowie die Rahmenbedingungen wie Wetterund Temperaturschwankungen, Ermüdungen bei Materialbelastungen usw. einfordern. Die Frage bleibt also, warum das „Brückenbauen“ zwischen sozialen Gruppen ohne fundiertes grundlegendes Wissen stattfinden soll. 6 Zusammenfassung Aufgrund der allgemeinen Rhetorik, dass Zuwanderung notwendig sei, gilt die Integration von Zugewanderten als eine der größten Herausforderungen der Stadtentwicklung. Die residentielle Segregation wird seitens der Kommunalpolitik und der planenden Verwaltung als zentraler Hinderungsgrund mangelnder Integration angesehen – von daher gelte es, diese abzubauen oder ethnisch geprägte Armutsquartiere erst gar nicht entstehen zu lassen. Für eine die Integration einschränkende Wirkung residentieller Segregation – als zentralem Forschungsgegenstand sozialwissenschaftlicher Stadtforschung – gibt es in Europa jedoch kaum einen konsistenten empirischen Beleg. Gemessen an der wissenschaftlichen, planungspraktischen und kommunalpolitischen Bedeutung ist die Verlässlichkeit wissenschaftlicher Aussagen überraschend gering und sind Deutungen und die daraus abgeleiteten Handlungen der Verwaltung und Politik überraschend eindeutig. Die wissenschaftliche Segregationsanalyse ist auf die amtliche Statistik angewiesen. Diese ist jedoch kaum noch geeignet, soziale Ungleichheit und Unterschiedlichkeiten der Wohnbevölkerung abzubilden, weil sie an veralteten, d. h. gesellschaftliche Unterschiede kaum noch erklärenden soziodemographischen Kategorien festhält und die aktuell notwendigen sozioökonomischen und vor allem soziokulturellen Kategorien ausblendet (Beiträge Schmitz-Veltin; Fina/Schmitz-Veltin/Siedentop in diesem Band). Mit der Betonung der (ausschließlichen) Bedeutung von Nationalität, Migrationshintergrund und/oder Ethnie für Segmentierungsund Integrationsphänomene wird an den sozialwissenschaftlichen Traditionen der 1970er und 1980er Jahre festgehalten, als Einstellungsund Verhaltensunterschiede über Strukturdaten sozialer Ungleichheit erklärt wurden. Der Umweg, Verhalten ausschließlich über Strukturen und nicht auch über Einstellungen erklären zu wollen, entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Ungleichheitsforschung. In der Konsequenz heißt das, dass spezifische Konzentrationen sozialer Gruppen in bestimmten städtischen Teilgebieten nicht definitorisch gesetzt werden sollten, um sozialräumliche Erscheinungsphänomene zu beeinflussen. Vielmehr müsste die jeweilige sozialräumliche Spezifik daraufhin untersucht werden, ob eine – und wenn ja, welche – Gruppe die sozialräumliche Situation als problematisch ansieht. Die von Anhut/ Heitmeyer (2000: 54 ff.) aufgestellte These, dass Integrationsleistungen nicht von den Anteilen von Türken in einem Quartier abhängen, sondern dass Integrationspotenzial über intervenierende Faktoren vermittelt wird, verdeutlicht, dass wissenschaftliche Analysen der residentiellen Segregation sich in stärkerem Maße an Formen einer Sozialraumanalyse und an sozialen Prozessen orientieren sollten, bei der quantitative Methoden allenfalls in der Triangulation mit qualitativen Vorgehensweisen eingesetzt werden.
Soziale Mischung – die Lösung von Integrationsherausforderungen? 214 Selbst wenn man die Probleme, einen geeigneten Mix auf einer angemessenen Maßstabsebene zu finden, negiert, besteht also noch immer das Problem der ausschließlichen Sichtweise auf Segregation als strukturelles Faktum und der Negierung von Segregierung als Prozess (zur Konstruktion des Raumes als Prozess Löw 1999: 16). Damit stellt sich die Frage nach der politisch-planerischen Steuerung in veränderter Weise: Informationen aus amtlichen Statistiken können allenfalls als ein erster Zugang dienen (und nicht als Letztentscheidungen über statistische Mischungsverhältnisse). Es reicht eben nicht aus, soziale Gruppen nach bestimmten Vorstellungen statistisch zu „vermischen“, sondern es geht vielmehr darum, lokale Inter-Gruppenbeziehungen oder soziale Netzwerkund Gruppenbildung zu stärken (Hüttermann 2010; May/Alisch 2011). Durch das Aufstocken des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ ist nun der Spielraum deutlich erweitert worden, um die „soziale Durchmischung“, d.h. den kommunikativen Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen im Sinne einer stärkeren Kohäsion zu unterstützen. Literatur Alisch, M. (2002): Soziale Stadtentwicklung – Widersprüche, Kausalitäten und Lösungen. Opladen. Alisch, M.; Dangschat, J. S. (1993): Die solidarische Stadt – Ursachen von Armut und Strategien für einen sozialen Ausgleich. Frankfurt am Main. Allport, G. W. (1954): The nature of prejudice. Cambridge, MA. Andersson, R.; Musterd, S.; Galster, G.; Kauppinen, T. M. (2009): What mix matters? Exploring the relationships between individual’s incomes and different measures of their neighbourhood context. In: Blasius, J.; Friedrichs, J.; Galster, G. (Hrsg.): Quantifying neighbourhood effects. Frontiers and perspectives. Milton Park u. a., 11-34. Anhut, R. (2000): Lokale politische Deutungskultur. Zum Zusammenhang zwischen politischer Problemdeutung, sozialem Unzufriedenheitsund Konfliktpotenzial in der städtischen Aufnahmegesellschaft. In: Heitmeyer, W.; Anhut, R. (Hrsg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen. Weinheim u. a., 449-496. Anhut, R.; Heitmeyer, W. (2000): Desintegration, Konflikt und Ethnisierung. Eine Problemanalyse und theoretische Rahmenkonzeption. In: Heitmeyer, W.; Anhout, R. (Hrsg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen. Weinheim u. a., 7-75. Atkinson, R.; Kintrea, K. (2001): Disentangeling area effects: Evidence from deprived and non-deprived neighbourhoods. In: Urban Studies 38 (12), 2277-2298. Atkinson, R.; Kintrea, K. (2004): Opportunities and despair, It’s all in there practitioner experiences and explanations of area effects and life chances. In: Sociology 38 (3), 437-455. Blasius, J. (1993): Gentrification und Lebensstile. Eine empirische Untersuchung. Wiesbaden. Blasius, J.; Friedrichs, J. (2009): Internal heterogeneity of a deprived urban area and its impact on residents’ perception of deviance. In: Blasius, J.; Friedrichs, J.; Galster, G. (Hrsg.): Quantifying neighbourhood effects. Frontiers and perspectives. Milton Park u. a., 124-151. Blasius, J.; Friedrichs, J.; Galster, G. (Hrsg.) (2009): Quantifying neighbourhood effects. Frontiers and perspectives. Milton Park u. a. Bourdieu, P. (1991): Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum. In: Wentz, M. (Hrsg.): Stadt-Räume. Frankfurt am Main u. a., 25-34. Bremer, P. (2000): Ausgrenzungsprozesse und die Spaltung der Städte. Zur Lebenssituation von Migranten. Opladen.
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