Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Bodenhöfer, Hans-Joachim (Ed.) Book Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 174 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Bodenhöfer, Hans-Joachim (Ed.) (1988) : Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 174, ISBN 978-3-428-46427-2, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285602 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Schriften des Vereins ftir Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
SCHRIFTEN DES VEREINS FÜR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 174 Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt Duncker & Humblot . Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt Von Horst Albach, Hans-Peter Blossfeld, Hans-Joachim Bodenhöfer, Gerhard Brinkmann, Erich Frühstück, Christof Helberger, Manfred Kaiser, Karl Pichelmann, Wolfgang Rippe, Manfred Tessaring, Dieter Timmermann, Michael Wagner, Peter Weiss Herausgegeben von Hans-Joachim Bodenhöfer Duncker & Humblot . Berlin OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt I von Horst Albach ... Hrsg. von Hans-Joachim Bodenhöfer. -Berlin : Duncker u. Humblot, 1988 (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften; Bd. 174) ISBN 3-428-06427-5 NE: Albach, Horst [Mitverf.]; Bodenhöfer, Hans-Joachim [Hrsg.]; Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften: Schriften des Vereins ... Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 1988 Duncker & Humblot GmbH, Berlin 41 Satz: Hagedornsatz, Berlin 46 Druck: Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3-428-06427-5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Vorwort des Herausgebers Der Ausschuß für Bildungsökonomie hat sich wiederholt einer zentralen bildungsökonomischen Fragestellung, dem Zusammenhang von Bildungssystem und Beschäftigungssystem, zugewandt.1 Diese Thematik stand auch im Vordergrund bei den Sitzungen des Ausschusses 1985 an der Universität Trier und 1986 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. In den Beiträgen dieses Sammelbandes wird ein Großteil der in einem einleitenden Überblick zu den Verbindungen von Bildung, Beruf und Arbeitsmarkt angesprochenen Fragen aufgegriffen, doch bleiben notwendig einige Lücken in der Behandlung dieser komplexen Thematik, die zum Teil auch noch offene Forschungsdesiderata darstellen. Die Beiträge wurden in den Sitzungen des Ausschusses vorgetragen und ausführlich diskutiert und für diese Veröffentlichung zum Teil stärker überarbeitet. Der Herausgeber, der in diesen beiden Jahren den Vorsitz des Ausschusses geführt hat, dankt allen Autoren für die gute Zusammenarbeit bei der Fertigstellung dieses Bandes und allen Mitarbeitern, die seine Entstehung hilfreich unterstützt haben, insbesondere Herrn Dr. Franz Ofner, der einen Großteil der technischen Arbeiten übernommen hat. Klagenfurt, im Dezember 1987 Hans-Joachim Bodenhöfer I Vgl. Hans-Peter Widmaier(Hrsg.): Das Arbeitskräfteangebot zwischen Markt und Plan. Schriften des Vereins f1ir Socialpolitik, N.F. Band 137, Berlin 1983. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Inhalt Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung Von Hans-Joachim Bodenhöfer, Klagenfurt Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem: ein Systematisierungsversuch 9 Von Dieter Timmermann, Bielefeld ........................................ 25 "Akademisierung" des Beschäftigungssystems am Übergang von der Hochschule in den Beruf Von Manfred Kaiser, Nümberg .................. . .... . .............. . .... 83 Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 Von Manfred Tessaring, Nürnberg Eine Überprüfung der Linearitätsannahme der Humankapitaltheorie 125 Von Christof Helberger, Berlin ............................................ 151 Zur Ausbildungsadäquanz der Arbeitsplätze von Hochschulabsolventen: Konzeptionen und Indikatoren, Erfahrungen und Erwartungen Von Wolfgang Rippe, Bamberg ........................................... 171 Arbeitsteilung und die Verwertung von Qualifikationen im Berufssystem Von Gerhard Brinkmann, Siegen Verdienstfunktionen im segmentierten Arbeitsmarkt 209 Von Peter Weiss, Wien .................................................. 225 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
14 Hans-Joachim Bodenhöfer che Prozesse durch ein höheres Maß der Rigidität von institutionellen Strukturen, der Lohnstruktur und von personalpolitischen Strategien charakterisiert, was eine flexible und innovative Reaktion auf veränderte Bedingungen des Arbeitsmarktes behindert. Der Bereich der freien Berufe mit seinem weit überdurchschnittlichen Akademikeranteil ist statistisch nicht leicht abgrenzbar9 und er verliert mit seinem raschen Wachstum, einer Art Schwammfunktion für die berufliche Eingliederung von Absolventen bestimmter Studienrichtungen unter erschwerten Bedingungen des Arbeitsmarktes sowie mit dem Auftreten von Formen der 'neuen Selbständigen'lO noch weiter an Konturen. Der Bereich der Freien Berufe zeichnet sich durch niedrige Zugangshemmnisse aus, die Bedingungen der beruflichen Tätigkeit sind weitgehend selbst definiert und der Übergang zu unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung oder faktischer Arbeitslosigkeit ist mitunter fließend. Für die künftigen Beschäftigungsaussichten der Hochschulabsolventen stellt der Bereich der Wirtschaft den wichtigsten "Hoffnungsbereich" dar. Die Wirtschaft, d. h. die Wirtschafts bereiche Produzierendes Gewerbe, Handel/Verkehr/Kreditinstitute, Sonstige Private Dienstleistungen (soweit nicht unter Freien Berufen erfaßt) sowie Landund Forstwirtschaft, weist eine unterdurchschnittliche Akademikerquote auf, die sich im Zeitraum 1961-1980 trotz eines wachsenden Absolventenangebots am Arbeitsmarkt noch vermindert hat ll . Es ist daher naheliegend, in diesem Beschäftigungssektor ein erhebliches Potential der "Akademisierung" und einen gewissen Nachholbedarf der Anpassung der Qualifikationsstruktur zu vermuten, zumal da sich die Wirtschaft für das wachsende Absolventenangebot der Hochschulen in der Vergangenheit offensichtlich in weit höherem Maße als aufnahmefähig erwiesen hat, als dies nach Bedarfsprognosen aufgrund von Unternehmensbefragungen erwartet worden war 12 . Unabhängig von der globalen Arbeitskräftenachfrage der Wirtschaft, deren Verlauf insbesondere von der Entwicklung des wirtschaftlichen Wachstums, dem arbeitssparenden Effekt des technischen Fortschritts sowie von weiteren Kürzungen der durchschnittlichen Arbeitszeit abhängt, kommt es für einen Prozeß der Akademisierung dieses Beschäftigungsbereichs einerseits auf ökonomisch-technische Faktoren der Qualifikationsstruktur in den Unternehmen, andererseits aber auch auf Anpassungsreaktionen bei veränderten Bedingungen des Arbeitsmarktes an. Im ersten Fall müßte der (arbeitssparende) technische 9 Vgl. A. Hege/heimer: Beschäftigte und Hochschulabsolventen in freien Berufen - Analysen und Prognosen, Köln 1983. 10 Vgl. G. Vonderach: Die "neuen Selbständigen" - 10 Thesen zur Soziologie eines unvermuteten Phänomens. In: MittAB H. 2 (1980), S. 153-169. 11 Vgl. A. Hege/heimer: Strukturwandel... a.a.O. 12 Vgl. M. Tessaring: Zum Verbleib der Hochschulabsolventen 1971, in: MittAB H. 2 (1978), S. 171-177. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung 15 Fortschritt über veränderte Tätigkeitsinhalte und -anforderungen eine (verstärkte) Höherqualifizierung der Arbeitskraft in Unternehmen, zumindest jedoch einen wachsenden Bedarf an Hochqualifizierten bei fortschreitender Polarisierung der Qualifikationsstruktur bewirken; im zweiten Fall wäre eine Anpassung der Qualifikationsnachfrage der Unternehmen an ein höheres Qualifikationsangebot über veränderte Strukturen der Arbeitsteilung und der Arbeitsorganisation, oder auch nur über ein generelles "educational upgrading" in der Besetzung von Positionen vorausgesetzt. In jedem Fall stehen Arbeitsmarktverhalten und personalpolitische Strategien von Unternehmen unter den Beschränkungen eines wettbewerblichen Prozesses an Absatzund Beschaffungsmärkten sowie unter dem Ziel der langfristigen Sicherung einer hinreichenden Rentabilität des eingesetzten Kapitals. Während die Möglichkeit des qualifikationsnutzenden technischen Fortschritts mit einem technologisch begründeten, wachsenden Bedarf an Hochqualifizierten unter diesem Aspekt eher unproblematisch erscheint -und vielmehr im Hinblick auf die empirische Bedeutung von Tendenzen der Qualifikationsstrukturentwicklung umstritten ist 13 -kommt für einen angebotsinduzierten Prozeß der Akademisierung des Beschäftigungssystems den Mechanismen und Anpassungsspielräumen einer Reaktion der beschäftigenden Organisationen auf das vermehrte Qualifikationsangebot entscheidende Bedeutung zu. Ansätze der traditionellen Bedarfsforschung (manpower requirements approach) und Bedarfsprognosen auf der Grundlage von U nternehmensbefragungen haben in der Vergangenheit nur eine sehr geringfügige Expansion des Bedarfs an Hochqualifizierten ergeben. Inzwischen hat nicht nur der tatsächliche Wert der gesamtwirtschaftlichen Akademikerquote frühere Prognosewerte übertroffen 14; insbesondere scheint auch die Aufnahmefähigkeit der Wirtschaft für ein höheres Qualifikationsangebot unterschätzt worden zu sein 15. Gegen Bedarfsprognosen auf der Grundlage von Unternehmensbefragungen ist zu Recht eingewandt worden, daß Unternehmen nur in Ausnahmefällen über eine ausgearbeitete mittelbis langfristige Unternehmensplanung verfügen und diese den Personalbereich meist nur summarisch umfasse; Urteile von Unternehmensleitern oder Personalchefs könnten daher nur die derzeitige personalpolitische Praxis reflektieren bzw. extrapolieren. Im Kern bezog sich auch die Kritik des Arbeitskräftebedarfansatzes der Bildungsplanung auf die Feststellung, daß die Bedarfsprognose lediglich vorgefundene Strukturen des Qualifikationseinsatzes sowie der Beziehung zwischen Ausbildung und Beruf extrapolie13 Vgl. den Überblick in A. Hege/heimer: Texte zur Bildungsökonomie, Frankfurt/M. 1976. 14 So hat beispielsweise die Bund-Länder-Kommission, ausgehend von der Akademikerbeschäftigung im Jahr 1970, für 1980 eine Akademikerquote von 5,0 bis 5,2 Prozent prognostiziert; nach den Mikrozensusdaten 1980 betrug dieser Wert tatsächlich bereits 5,6 Prozent. V gl. Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung: Entwicklung des Angebots und Bedarfs an Hochschulabsolventen, Bonn 1976. lS Vgl. M. Tessaring, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
16 Hans-Joachim Bodenhöfer re. Gegenüber diesem "Strukturfatalismus"16 sind im Hinblick auf den Prozeß der Akademisierung drei theoretische Ansätze von Bedeutung, die sich als Weiterentwicklung des Bedarfsansatzes, als theoretische Gegenposition und als die Kombination von zwei theoretischen "Welten" begreifen lassen: der Flexibilitätsansatz, der Akademisierungsoder Absorptionsansatz und der Segmentationsansatz. Gegenüber der limitationalen Welt des Bedarfsansatzes mit festen Einsatzkoeffizienten der Produktion, einschließlich des beruflich-qualifikatorisch disaggregierten Einsatzes von Arbeitskräften, weist der Flexibilitätsansatz auf Potentiale der Substitution und der Mobilität hin, die eine Elastizität der Beziehung zwischen Produktion und Qualifikation begründen: Die Substituierbarkeit von beruflichen Qualifikationen für die Besetzung bestimmter Positionen im Beschäftigungssystem und von formalen Bildungsqualifikationen für die Ausfüllung der Tätigkeitsinhalte und -anforderungen eines bestimmten Berufs erweitert ebenso wie die Mobilität von Arbeitskräften zwischen beruflichen oder qualifikationsmäßig definierten Teilarbeitsmärkten die festen Prognosewerte der Bedarfsrechnung zu mehr oder weniger weiten, sich überschneidenden Korridoren der Bedarfsentwicklung l7 . Die tatsächliche Entwicklung der Berufsund Qualifikationsstruktur innerhalb der Bandbreiten der "flexibilisierten" Bedarfsprognose ist das Ergebnis marktgesteuerter Anpassungsprozesse von Arbeitsangebot und -nachfrage. Gegenüber (in der Vergangenheit) realisierter Flexibilität von Angebot (Mobilität) und Nachfrage (Substitution) bleiben die Faktoren der unter Planungsaspekten relevanten Flexibilitätspotentiale weitgehend unklar und empirisch nicht faßbar. Normativ gewendet kann aus dem Flexibilitätsansatz jedenfalls die Strategie einer Erweiterung von Flexibilitätsspielräumen, insbesondere durch Berufsfeldorientierung der Qualifikationsvermittlung, verstärkte ,Basisorientierung' der Ausbildung, Betonung von ,Schlüsselqualifikationen' etc., abgeleitet werden, die das Risiko von strukturellen Arbeitsmarktungleichgewichten minimiert. Während der Arbeitskräftebedarfsansatz die Ausrichtung von Umfang und Struktur der Bildungsproduktion an erwarteten Bedarfsentwicklungen im Beschäftigungssystem postuliert, geht der Absorptionsoder Akademisierungsansatz nicht nur von einer faktischen, bildungsbzw. gesellschaftspolitisch begründeten "relativen Autonomie" der Entwicklung des Bildungssektors aus, sondern vor allem auch von einer weitreichenden Absorptionsfahigkeit des Beschäftigungssystems für ein expandierendes Bildungsangebot. Begründet wird die Absorptionsfähigkeit der beschäftigenden Organisationen nicht nur durch Substitutionsspielräume bei gegebener Technologie der Produktion oder durch die berufliche und qualifikatorische Mobilität der Arbeitskräfte. Darüber 16 V gl. D. M ertens: Schlüsselqualifikationen -Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft, in: MittAB H. 1 (1974). 17 Vgl. zum Flexibilitätsansatz den Überblick in: D. Mertens und M. Kaiser, Hrsg.: Berufliche Flexibilitätsforschung in der Diskussion. BeitrAB 30, Nürnberg 1978. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung 17 hinaus wird insbesondere in Veränderungen der Arbeitsorganisation und in Effekten dynamischer Effizienz des Unternehmens ein wesentliches Moment der Absorptionsfahigkeit gesehen. Die Arbeitsorganisation im Sinne der Definition einzelner Arbeitsplätze, als Ausschnitte des gesamten Arbeitsvollzugs und der Kommunikationsund Entscheidungsstrukturen im Unternehmen, und der Gestaltung ihres arbeitsteiligen Zusammenhanges eröffnet eine beträchtliche Variationsbreite der beruflichen und qualifikatorischen Struktur des Arbeitseinsatzes bei gegebener Produktion und Produktionstechnologie des Unternehmens 18 ; die Zusammenfassung spezifischer Aufgaben und Tätigkeitselemente zu einem Arbeitsplatz und dessen Einbindung in den technischen, ökonomischen und administrativen Ablauf der Produktion sowie in den Kommunikationsund Entscheidungsprozeß der Organisation erscheint keineswegs durch technologische Zwänge und ökonomische Rationalität determiniert, sondern in einem Maße offen, das die Strategien betrieblicher Personalpolitik zu einem wichtigen Faktor des Arbeitseinsatzes und der Arbeitsnachfrage von Unternehmen werden läßt. Umgekehrt ergeben sich aus der Gestaltbarkeit und Variabilität der Arbeitsorganisation bei veränderten Angebotsbedingungen am Arbeitsmarkt Anpassungsspielräume der betrieblichen Personalpolitik. Ein wesentliches Kriterium der betrieblichen Personalpolitik wird dabei die Sicherung der dynamischen Effizienz des Unternehmens sein, d. h. die Aufrechterhaltung eines innovatorischen Potentials für Wachstum und Strukturwandel. Die Innovation von Produkten, Produktionstechnologie und Marktstrategie des Unternehmens als Bedingung des langfristigen Unternehmenserfolgs setzt eigene Innovationsleistungen voraus, zumindest jedoch ein hohes Reaktionspotential gegenüber Innovationen im nachziehenden Wettbewerb sowie die Fähigkeit der raschen Einführung und der Umsetzung von Innovationschancen über die Anpassung betrieblicher Strukturen. Soweit die Schaffung solcher Innovationschancen und ihre Nutzung, bzw. umgekehrt auch Kosten der Innovation und Innovationshemmnisse, mit der Qualifikation der Arbeitskraft im Unternehmen und mit innovationsfördernden Strukturen der Arbeitsorganisation verbunden sind, ergibt sich hieraus ein entscheidendes Moment der Absorptionsfahigkeit des Beschäftigungssystems für ein steigendes Qualifikationsangebot. Der zunehmende relative Hochschulbesuch würde in diesem Fall von den Unternehmen im Sinne einer "Akademisierung" des Beschäftigungssystems aktiv genützt werden, zumindest jedoch würden passive Anpassungsprozesse von Arbeitsnachfrage, Arbeitseinsatz und Arbeitsorganisation das Auftreten struktureller Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt reduzieren. 18 Vgl. hierzu die empirischen Befunde in der international vergleichenden Untersuchung von B. Lutz: Bildungssystem und Beschäftigungsstruktur in Deutschland und Frankreich. In: H.G. Mendius u.a.: Betrieb -Arbeitsmarkt -Qualifikation I, Frankfurt/M. 1976, S. 83 -151. Zum Akademisierungsoder Absorptionsansatz insgesamt vgl. W. Armbruster u.a., a.a.O. 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
18 Hans-Joachim Bodenhöfer Folgt man dem Segmentationsansatz, so führt die Hochschulexpansion mit einem über den Bedarf traditioneller Bereiche und Berufe der Akademikerbeschäftigung hinaus wachsenden Neuangebot am Arbeitsmarkt zu einer dualen Struktur der Beschäftigung von Akademikern: dem "primären" Arbeitsmarkt relativ geschlossener, privilegierter Beschäftigungsbereiche steht die Abdrängung eines wachsenden Anteils von Hochschulabsolventen auf einen "sekundären" Arbeitsmarkt von, an traditionellen Maßstäben gemessen, inadäquaten Beschäftigungsmöglichkeiten gegenüber 19 • Der primäre Arbeitsmarkt umfaßt im wesentlichen die traditionellen Bereiche und Berufe der Akademikerbeschäftigung, die unverändert alle Kriterien eines "ausbildungsadäquaten" Einsatzes aufweisen; dies betrifft die Tätigkeitsinhalte und -anforderungen ebenso wie die Statusebene in der betrieblichen Hierarchie, das Einkommen und die Aussichten der Berufsentwicklung bzw. des Karriereverlaufs. Der sekundäre Arbeitsmarkt, auf den sich das "überschüssige" Absolventenangebot verwiesen sieht, umfaßt dagegen Beschäftigungsmöglichkeiten, die mit mehr oder weniger weitreichenden Abstrichen bei diesen Kriterien des ausbildungsadäquaten Einsatzes verbunden sind: Tätigkeitsinhalte, die die Hochschulbildung nicht erforderlich machen, untergeordnete Stellung in der betrieblichen Hierarchie, niedriges Einkommen, fehlende Aussichten auf beruflichen Aufstieg, Unsicherheit des Beschäftigungsverhältnisses etc. Die Abdrängung kann dabei bis in Randbereiche des Beschäftigungssystems wie die sogenannte Alternativökonomie reichen oder zu einer Proletarisierung besonders benachteiligter Gruppen führen. Für den Segmentationsansatz als Analyseund Prognoseinstrument für die Entwicklung der Akademikerbeschäftigung sind zwei Fragestellungen zentral bedeutsam und gleichzeitig theoretisch wie empirisch weitgehend ungeklärt. Einerseits ist die Frage, nach welchen Kriterien am dualen Arbeitsmarkt selektiert wird bzw. nach welchen Merkmalen die Zuweisung zum primären oder sekundären Arbeitsmarkt erfolgt. Eine Rolle spielen können hier sowohl Merkmale der Ausbildung (Noten, Zusatzqualifikationen etc.), Faktoren der Sozialqualifikation und andere "extrafunktionale" Qualifikationen, Diskriminierung (nach Geschlecht, Hochschule etc.) oder auch die berufliche Eingangsphase, die als Selektionsinstrument wirksam werden kann (z. B. TraineeProgramme). Andererseits und wichtiger noch ist die Frage, welche Zugangshemmnisse und Mechanismen eine duale Struktur des Arbeitsmarktes bewirken und dauerhaft aufrechterhalten können. Das Auftreten von bestimmten Segmentierungseffekten des wachsenden Akademikerangebots am Arbeitsmarkt ist offensichtlich nicht gleichbedeutend mit der Etablierung einer dualen Struktur von Beschäftigung und Arbeitsmarkt; hierzu ist es notwendig, daß wirksame Abgrenzungen der privilegierten Beschäftigungsbereiche bestehen, die die allgemeine Marktinterdependenz unterbrechen. Die generelle Unvollkommenheit des Arbeitsmarktes ist sicher nicht hinreichend, das Kollektivmonopol von 19 Zum Segmentationsansatz vgl. C. Brinkmann u. a., Hrsg.: Arbeitsmarktsegmentation -Theorie und Therapie im Lichte der empirischen Befunde, BeitrAB H. 33 (1979). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung 19 Beschäftigungsverhältnissen im primären Sektor zu schützen, solange nicht zusätzliche institutionelle Beschränkungen wirksam sind (wie etwa die Kontrolle des Zugangs zu einer "Profession" durch die Profession selbst). Alle drei Erklärungsansätze zur Arbeitsmarktentwicklung und zur Beschäftigungssituation von Hochqualifizierten unter dem Einfluß der Hochschulexpansion -der Flexibilitätsansatz, der Akademisierungsansatz und der Segmentationsansatz -sind zunächst nur theoretische Konstrukte und bislang empirisch nur wenig untermauert. Sie unterscheiden sich jedoch hinreichend für einen empirischen Test in den erwarteten Konsequenzen einer Zunahme des Qualifikationsangebots für die Beschäftigungsentwicklung und die Beschäftigungssituation von Akademikern. Prüfkriterien sind so insbesondere die relative Höhe und die Struktur der Akademikerarbeitslosigkeit, die Form der Ausweitung der Akademikerbeschäftigung "nach unten" in der betrieblichen Hierarchie, die relative Höhe, die Streuung und die Entwicklung der Akademikereinkommen im Berufsverlauf, Änderungstendenzen im Hinblick auf Arbeitsorganisation und betriebliche Personalpolitik und Kriterien des "ausbildungsadäquaten" Einsatzes von Hochschulabsolventen . . Offensichtlich erfordern entsprechende empirische Untersuchungen eher detaillierte Erhebungsinstrumente bis hin zu Fallstudien für einzelne U nternehmen und Beschäftigungsbereiche. Relevante Prozesse und Einflußfaktoren, zum Beispiel der Definition der Arbeitsnachfrage im Betrieb, der Au~wahlkriterien und der Rekrutierungsstrategien bei der Einstellung, der Verbund von Personalentwicklung und Organisationsentwicklung, die Risikostrategien zur Sicherung der Anpassungsfahigkeit und des innovatorischen Potentials der Organisation, oder die Kosten-jErtrags-Kalküle der betrieblichen Personalpolitik lassen sich auf der Makroebene nicht erfassen. Hinzu kommt, daß das Verhalten der Unternehmen am allgemeinen, externen Arbeitsmarkt nur komplementär zur Bedeutung und zur Funktion des internen Arbeitsmarktes innerhalb der Organisation, zu verstehen ist: werden Hochqualifizierte vor allem für bestimmte Eingangsstellen im Unternehmen und weniger für eine bestimmte Position als für eine noch unbestimmte Karriere im Unternehmen am externen Arbeitsmarkt rekrutiert, so spielen für die insgesamte Beschäftigungsstruktur und -entwicklung von Akademikern innerbetriebliche Prozesse des Berufsverlaufs eine entscheidende Rolle20 • Damit ist aber auch die insgesamte Beschäftigungssituation von Akademikern in erheblichem Maße von ihrer Fähigkeit abhängig, spezifische Qualifikationen in die jeweilige Arbeitssituation einzubringen, zu deren Veränderung und zur Entwicklung des betrieblichen Umfelds der eigenen Position beizutragen. In ökonomischer Sicht erscheint als wesentliche Vorbedingung und Folge des Akademisierungsprozesses eine Verminderung des Einkommensabstandes 20 Vgl. H.-I. Bodenhö/er: Unternehmensstruktur, Unternehmensorganisation und "Akademisierung" des Beschäftigungssystems. In: H.-I. Bodenhöfer, Hrsg.: Hochschulexpansion und Beschäftigung, Wien 1981, S. 252-271. 2· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
20 Hans-Joachim Bodenhöfer hochqualifizierter gegenüber formal geringer qualifizierten Arbeitskräften. Gemessen an den durchschnittlichen Einkommen nach Bildungsabschluß (über die Lebenszeit) würde damit die Hochschulexpansion einen Einkommensnivellierungseffekt bewirken und derart verteilungspolitische Zielsetzungen, die auf eine Reduzierung von Ungleichheit gerichtet sind, wirksam unterstützen. Der Beginn einer solchen Tendenz zur Verminderung von ausbildungsspezifischen Einkommensunterschieden zeichnet sich bereits deutlich ab -auch im Bereich des öffentlichen Dienstes mit seinen eher rigiden Personalund Gehaltsstrukturen, wie im Bereich der Freien Berufe und in der Wirtschaft. Für die Bewertung des Einkommensnivellierungseffekts der Hochschulexpansion ist jedoch noch eine zweite Überlegung wichtig. Der erwartete Nivellierungseffekt bezieht sich auf das künftige Durchschnittseinkommen von Hochschulabsolventen gegenüber formal geringer Qualifizierten. Ein geringeres Durchschnittseinkommen kann sich gegenüber der heutigen Verteilung der Akademikereinkommen aus einer verminderten Streuung (Nivellierung nach unten), aus einer vergrößerten Streuung (nach unten erweiterte Verteilung) oder aus einer verstärkten Polarisierung der Akademikereinkommen (stärkere Besetzung der unteren Klassen) ergeben. Dabei ist zu erwarten, daß den letzteren beiden Formen besondere Bedeutung zukommen wird, das heißt, die Bedingungen einer vermehrten Aufnahme von Hochqualifizierten im Beschäftigungssystem und system-konstitutive Prinzipien der Statusstruktur, wie der Leistungssicherung lassen erwarten, daß das reduzierte Durchschnittseinkommen von Akademikern mit einer vergrößerten Einkommensstreuung und einer verstärkten Besetzung niedriger Einkommensklassen verbunden sein wird. Da es für verteilungspolitische Zielsetzungen jedoch nicht nur auf das Durchschnittseinkommen relativ großer Aggregate von Arbeitskräften, sondern auch auf die Verteilung innerhalb dieser Gruppen ankommt, bedeutet dies, daß in die verteilungspolitische Wirksamkeit der Hochschulexpansion keine großen Erwartungen gesetzt werden dürfen. Die problematisch gewordene Beziehung von Hochschule und Beruf hat Rückwirkungen auf den Hochschulbereich und indirekt auf andere Bildungsbereiche zur Folge, die die künftigen Beschäftigungsaussichten der Hochschulabsolventen und die Arbeitsmarktentwicklung erheblich modifizieren können. Die unmittelbaren Rückwirkungen auf das Studium und auf den Verbleib an der Hochschule sind widersprüchlich. Einerseits wird die Tendenz einer Verlängerung der Studiendauer durch ungünstige Arbeitsmarktbedingungen weiter verstärkt, indem Zusatzoder Doppelqualifikationen und höhere akademische Abschlüsse angestrebt werden, aber auch einfach aufgrund schwächerer Anreize für einen früheren Abschluß des Studiums; andererseits kommt es umgekehrt zu einer Verkürzung des Studiums aus der Erwartung, daß am Arbeitsmarkt kurze Studiendauer und geringeres Alter besonders honoriert werden, oder aus der Antizipation noch schlechter werdender Berufsaussichten, einer Situation, der man mit einem früheren Studienabschluß zuvorkommen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung 21 möchte. Insgesamt begründen die unterschiedlichen individuellen Reaktionen auf die Situation am Arbeitsmarkt, bis hin zur "Umschulung" durch ein Zweitstudium und bis hin zum Studienabbruch im Fall eines attraktiven Beschäftigungsangebots, ein zusätzliches Moment der Elastizität der Verbindung von Bildungssystem und Beschäftigungssystem, das die Vermittlungsfunktion des Arbeitsmarktes entlastet und potentielle Arbeitsmarktungleichgewichte reduziert. Bedeutsamer noch sind mittelund langfristig die Rückwirkungen auf den Hochschulzugang, auf die Hochschulstruktur bzw. auf die Struktur der Studienangebote der Hochschulen sowie auf die Berufsperspektiven und Erwartungen von Studierenden und Hochschulabsolventen. Im Hinblick auf den Hochschulzugang, den Fortgang der Hochschulexpansion durch weiter zunehmende Quoten des relativen Hochschulbesuchs, stehen sich konträre Entwicklungstendenzen gegenüber: als Auswirkung der ins gesamten Arbeitsmarktsituation und hoher Jugendarbeitslosigkeit wird eine zunehmende Bedeutung kompensatorischer Funktionen des Bildungssystems vermutet, die sich in generell höherer Bildungsbeteiligung niederschlägt und die auf der höchsten Stufe des Bildungssystems, den Hochschulen, dazu führt, daß das Studium zunehmend eine Art von Sucharbeitslosigkeit darstellt, daß sich Studium und Erwerbstätigkeit stärker durchmischen und daß die Rate des Studienabbruchs zunimmt; entgegen dieser Tendenz der Substitution von Erwerbsarbeit durch Eigenarbeit der Investition in Humankapital stehen jedoch Indikatoren einer abnehmenden Studienneigung und geringerer Übertrittsraten von Hochschulzugangsberechtigten, die verstärkt das duale Ausbildungssystem als Weg in den Beruf wählen. Für die hohe Zahl der Abiturienten und anderer Hochschulzugangsberechtigter, die eine Lehrausbildung wählen, bleibt allerdings offen, in welchem Umfang es sich hierbei um einen aufgeschobenen Studienbeginn handelt; Prognosen der Studentenzahlen sind daher mit einem hohen Maß von Unsicherheit belastet. Die Entwicklung der Hochschulstruktur und des Studienangebots der Hochschulen bedeutet im Hinblick auf Arbeitsmarkt und Beschäftigung die qualitative Strukturierung des Neuangebots von Hochschulabsolventen. Veränderte Inhalte und Formen traditioneller Studieneinrichtungen, neue Studienangebote, die auf bestimmte Berufsfelder ausgerichtet sind oder die sich eher wissenschaftsimmanent entwickeln sowie Differenzierungen vergleichbarer Studiengänge nach Studiendauer, Schwerpunktsetzung, Forschungsorientierung, Praxisbezug, Zusatzqualifikationen etc. wirken für den Arbeitsmarkt als "Signale" der beruflichen Kompetenz und Einsetzbarkeit der Hochschulabsolventen, während das tatsächlich mit dem Zertifikat des Studienabschlusses verbundene Bündel von Kenntnissen, Fertigkeiten und beruflichen Orientierungen im einzelnen nicht bekannt ist. Für die Studienreform, die die qualitative Struktur des Angebots am Arbeitsmarkt verändert und derartige Signale setzt, ist damit die Frage, ob sie die Ziele und Kriterien der Reform ihrerseits von der Entwicklung von Arbeitsmarkt und Beschäftigung herleitet oder ob andere OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
22 Hans-Joachim Bodenhöfer Orientierungen, wie die an der Entwicklung der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin oder an erhöhter Attraktivität des Angebots für die Studierenden bzw. für Studieninteressenten und andere "Nachfrager", im Vordergrund stehen. Die insgesamt wenig eindrucksvolle Bilanz der Studienreformbestrebungen in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten weist etliche Versuche auf, bestimmte Berufsfelder durch spezifische Studiengänge stärker zu professionalisieren; in dem Maße, als sie die Absolventen solcher Studiengänge auf ein relativ eng umgrenztes Berufsfeld beschränken und alternative berufliche Einmündungen nicht offenlassen, hat sich diese Reformstrategie als wenig aussichtsreich und hoch risikobelastet erwiesen. Seltener schon waren Versuche, die Akademisierung neuer Berufsfelder für Hochschulabsolventen durch die Entwicklung entsprechender neuartiger Studiengänge aktiv zu unterstützen. Auch die Diskussion um Kurzstudiengänge, gestufte Studiengänge oder verstärkte Praxisorientierung des Studiums wurde stärker von bildungsund hochschulpolitischen Überlegungen bestimmt, als von dem Einfluß solcher Differenzierungen des Studienangebots der Hochschulen auf die Beschäftigungsaussichten ihrer Absolventen. Derzeit und in den kommenden Jahren scheint die Studienreformdiskussion vor allem von den kleineren, neugegründeten Hochschulen getragen, für die die Attraktivität ihres Studienangebots bei zu erwartenden absolut rückläufigen Studentenzahlen im Vordergrund steht. Für eine verstärkt an Arbeitsmarkt und Beschäftigung orientierte Strategie der Studienreform ergibt sich jedoch offensichtlich auch das Problem, daß Verlauf und Bedingungen eines insgesamten Prozesses der Akademisierung des Beschäftigungssystems nur unzureichend bekannt sind. Für die Berufsperspektiven und Erwartungen von Studierenden und Hochschulabsolventen schließlich sind ebenso die mittelbis langfristigen Entwicklungen des Arbeitsmarktes und der Akademikerbeschäftigung maßgeblich, die sich jedoch in aktuellen Bedingungen von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt bzw. in aktuellen Veränderungen der Beschäftigungssituation nicht unverzerrt niederschlagen. Potentielle Arbeitsmarktungleichgewichte sind nicht allein von objektiven Faktoren einer strukturellen Diskrepanz von Qualifikationsangebot und -nachfrage bestimmt, sondern auch von Erwartungen der Hochschulabsolventen im Hinblick auf Tätigkeitsfeld, Tätigkeitsinhalte und arbeitsorganisatorische Bedingungen, Einkommen, Status und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, die durch die verfügbaren Beschäftigungsangebote nicht erfüllt sein können. Beschäftigungsaussichten und Arbeitsmarktlage von Hochschulabsolventen sind daher auch von berufsbezogenen Erwartungen beim Studienbeginn, der Erwartungsbildung im Verlauf des Studiums und der Anpassung von Erwartungen an die Realität des Arbeitsmarktes beim Übergang in das Beschäftigungssystem abhängig. Gegenüber Erwartungen, die den Kriterien einer "ausbildungsadäquaten" Beschäftigung in traditionellen Bereichen und Berufen der Akademikerbeschäftigung entsprechen mögen, leiten sich notwendige Anpassungen der beruflichen Perspektiven und der EinkommensOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildung, Beruf, Arbeitsmarkt -Einleitung 23 und Statuserwartungen von den Bedingungen und Konsequenzen des Prozesses der Akademisierung des Beschäftigungssystems ab, die sich für verschiedene Beschäftigungsbereiche und Studieneinrichtungen in der jeweiligen Situation des Arbeitsmarktes durchaus unterschiedlich darstellen können. Gelingt die Absorption, so werden Beschäftigungsprobleme als Folge eines steigenden Akademikerangebots nicht quantitativer Art sein (strukturelle Arbeitslosigkeit), sondern solche qualitativer Art. Das heißt, Beschäftigungsprobleme treten auf in Form erheblicher Divergenzen zwischen angebotenen Konditionen der Beschäftigung und traditionell erwarteten Bedingungen der Aufnahme in das Beschäftigungssystem, wobei diese Erwartungen sich nur längerfristig an die Realität des Arbeitsmarktes anpassen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
30 Dieter Timmermann Am Ende dieses Streifzuges durch die wahrgenommenen Abstimmungsprobleme zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem drängt sich der Eindruck auf, daß die vorgeblichen oder tatsächlich beobachtbaren Abstimmungsdiskrepanzen stets als gravierender empfunden werden, als sie retrospektiv erscheinen. Während die Interpretationen und perspektivischen Implikationsdeutungen in der Regel strukturfatalistische Züge tragen, erweisen sich die Strukturen in der ex-post Betrachtung als flexibler und dynamischer. Insgesamt scheint es an einer Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem zu fehlen, welche die dynamischen Abstimmungsprozesse abbildet und strukturdynamische sowie Verhaltensprognosen erlaubt. Im folgenden wird der Anspruch auf eine derartige Theorie nicht eingelöst werden. Es sollen aber einige Überlegungen systematischer Art angestellt werden, in deren Rahmen eine derartige Theorie entwickelt werden könnte. 3. Die Analyse der Abstimmungsproblematik Die zahlreichen Studien über realisierte Bildungsund Berufsverläufe sowie realisierte Mobilitätsund Flexibilitätsspielräume beschreiben zwar Ergebnisse von Prozessen im Bildungssystem, im Arbeitsmarktund im Beschäftigungssystem und des Zusammenspiels dieser Systeme; die Prozesse selbst aber und die sie konstituierenden Verhaltensweisen und Motivationslagen werden darin weder modelliert noch erklärt (vgl. Mertens 1973; Kaiser 1975; Weisshuhn 1978a). Auch Szenarien und korridorisierte Projektionen geben lediglich Möglichkeitsbzw. Wahrscheinlichkeitsräume für zukünftige Entwicklungsverläufe der Systeme ab, liefern aber ebensowenig Erklärungen der Verhaltensweisen und -motive, die bestimmte Entwicklungen möglich bzw. wahrscheinlich machen. Verlaujsuntersuchungen, die als Primärerhebungen nicht nur Verlaufsergebnisse, sondern auch die individuellen Motive und deren Verteilungsstrukturen erfassen, die zu diesen Ergebnissen geführt haben, lassen hingegen Verhaltensbzw. Reaktionsmuster erkennen. Freilich gilt hier auch das Caveat, daß Verhaltensintentionen und tatsächliches Verhalten nicht übereinstimmen müssen (vgl. z. B. Hofbauer 1983) und daß in Interviews geäußerte Verhaltensmotive nicht mit den tatsächlichen Verhaltensgründen übereinstimmen müssen. Trotz dieser jüngsten explikatorischen Fortschritte kann wohl immer noch behauptet werden, daß es keine umfassende Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäjtigungssystem gibt. Auch die Theorie der Bildungsnachfrage (vgl. z. B. element 1979 und WesseI 1980) und die Qualifikationsforschung liefern lediglich -zudem ungesicherte -Bausteine zu einer solchen Theorie. Im folgenden wird ein analytischer und begrifflicher Rahmen entwickelt, der in systematischer Weise die Komplexität der Abstimmungsprobleme verdeutlichen und Reaktionsmöglichkeiten der Akteure in Abhängigkeit von spezifischen Problemlagen aufzeigen soll. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 31 3.1 Der analytische Rahmen: Das Systemmodell Die Analyse der Abstimmungsproblematik geht von einem einfachen Systemmodell (vgl. Abb. 1 und 2) aus, das einen systematischen Zusammenhang zwischen vier gesellschaftlichen Teilsystemen herstellt, die durch sequentielle funktionale Leistungen verknüpft sind. Der Transfer der Leistungsergebnisse zwischen den Funktionssystemen (allgemeinbildendes Schulsystem, Berufsbildungssystem, Beschäftigungssystem und Weiterbildungssystem) erfolgt über Märkte (Ausbildungsmarkt, Arbeitsmarkt und Weiterbildungsmarkt). Der Ausbildungsmarkt vermittelt den Übergang der Qualifikationsträger vom allgemeinbildenden Schulsystem in das Berufsbildungssystem (sog. Schwelle 1), der Arbeitsmarkt vermittelt den Übergang von der Berufsausbildung in das Beschäftigungssystem (sog. Schwelle Il)2. Darüber hinaus vermittelt der Arbeitsmarkt den Übergang aus dem Weiterbildungssystem in das Beschäftigungssystem (hier als Schwelle III bezeichnet). Das politisch-administrative System (PAS) erscheint in dem Modell als Steuerungssystem, das auf die Funktionssysteme direkt oder indirekt einwirken kann (die ordnungspolitische Dimension der Abstimmungsproblematik wird hier nicht weiter verfolgt; vgl. dazu element 1977, S. 78ff.). Die funktionale Systemdefinition folgt den Kriterien Qualifikationserzeugung (bzw. in der Terminologie der Filteroder Statusdistributionstheorie: Qualifikation bzw. -selektion), intersystemischer Qualifikationstransfer und Qualifikationsverwertung. Die Verwendung eines institutionellen Systembegriffs würde das Modell insofern verkomplizieren, als die Systeme Doppelfunktionen bekämen: die Bildungsteilsysteme und das PAS wären zugleich auch Teile des Beschäftigungssystems, das Beschäftigungssystem wäre von seinen Funktionen her zugleich auch Berufsbildungsund Weiterbildungssystem. Die "normale" biographische Sequenz der Qualifikationsträger lautet: ABS -+ BERB -+ BSS (eventuell noch: BSS -+ WBS -+ BSS). Die Verzweigung der Systemverknüpfungen weist indessen daraufhin, daß je nach Zustandskonstellationen der Systeme im Verhältnis zueinander Abweichungen von dieser "normalbiographischen" Sequenz auftreten können. Offen ist, ob der Weiterbildungsbereich in die Diskussion um die Abstimmungsproblematik einbezogen werden soll. Üblicherweise wird in der Literatur das Problem der Abstimmung zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem auf die Erzeugung und Verwertung beruflicher Erstausbildung beschränkt; dies 2 V gl. Mertens / Parmentier 1984, die eine ähnliche Systematik zur Diskussion der Beziehungen zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem vorgestellt haben, allerdings die Frage nach den Verhaltensund Reaktionsweisen der Akteure nicht weiter verfolgen. Über die Frage, ob das Schwellenmodell ein theoretisch fruchtbares Konstrukt ist, kann man geteilter Meinung sein. Da es sich aber in der Arbeitsmarktund Berufsforschung als Kennzeichnung besonders folgenreicher Übergänge zwischen Schule, Berufsausbildung und Arbeitswelt etabliert hat, wird es in diesem Beitrag verwendet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
32 Dieter Timmennann geschieht vermutlich, weil im Bereich der Erstausbildung Ungleichgewichte als besonders gravierend und besorgniserregend empfunden werden. Doch wird in diesem Fall ignoriert, daß gerade auch dem Weiterbildungssystem ein im Hinblick auf Diskrepanzen im Bereich der Erstausbildung funktionales Abstimmungspotential zukommen kann. In einer systematischen Analyse muß demzufolge zumindest dieser Aspekt mit einbezogen werden. r - - ~ : : .: =- =- =-: : : .:::~ ... -- - - - - - - - - - - l • I I j 1 : '7 . ~e-- ~1------\84-- ...... I,:sl L ____ _ + Schwelle I Abb. 1: Das Systemmodell: Personenströme Abbildung 2 soll veranschaulichen, daß zwischen den in den Funktionsund Vermittlungssystemen agierenden Individuen beständig Informationsströme fließen, die diesen Akteuren Aufschluß über die jeweiligen Systemzustände, deren Vergangenheitsentwicklungen und absehbare Veränderungen geben. Aus der Perzeption dieser Informationen und deren Verarbeitung wie Bewertung im Lichte der Präferenzsysteme der Akteure folgen ihre eigenen Reaktionen auf diese wahrgenommenen Systemzustände und -zustandsveränderungen. Die Reaktionen der Akteure können je nach Status im jeweiligen System, nach verfügbaren Informationen, nach Informationsverarbeitungskapazität und Präferenzfunktion unterschiedlich sein. Die Informationen (ihre Qualität, die Schnelligkeit ihrer Verfügbarkeit, ihr Umfang usw.) sind somit entscheidend für die Funktionsweise der Abstimmungsprozesse. Akteure dieser Abstimmungsprozesse sind vier Gruppen von Entscheidungsträgern, denen in den Prozessen der Qualifikationserzeugung und -verwertung unterschiedliche Funktionen zufallen: die einzelnen Qualifikationsträger (als Bildungsnachfrager , Ausbildungsplatzsuchende, Arbeitsplatzsuchende), die einzelnen Bildungsinstitutionen, die einzelnen Beschäftiger und das PAS. Als weiteres wichtiges Informationssystem kommt die Arbeitsmarktund Berufsforschung hinzu, die die vergangenen, gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Zustände bzw. Entwicklungsperspektiven der Systeme sowie der Interaktionen zwischen den Systemen systematisch beobachtet und dadurch den Akteuren relevante Informationen liefert, die deren Verhaltensweisen und Reaktionen mit determinieren. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 33 -------. Personenströme - - - - .. Interventionsströme (direkt/indirekt) ----+ Informationsströme BSS = Besch5ftigungssystem WBS = Wcitcrbildungss)'stcm AMBF = Arbcitsmarktund Berufsforschung Legende: PAS = Politisch-administrativ System SR,AL = Stille Reserve, Arbeitslose ABS = Allgemeinbildendes Schulsystem ABH = Ausbildungsmarkt BERBS = AM = WBM = Berufsbildungssystem Arbeitsmarkt Weiterbildungsmarkt Abb. 2: Das Systemmodell: Infonnationsströme 3.2 Was heißt Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem? Bei der Durchsicht von Studien zum Verhältnis von Bildungsund Beschäftigungssystem fällt auf, daß Begriffserläuterungen recht knapp bleiben (vgl. z. B. die Beiträge in element 1978). Eine Ausnahme bilden Mertens/Parmentier (1984), die dieser Frage breiten Raum widmen. Abstimmung heißt zunächst, daß Interaktionspartner in Handlungsbezügen zueinander stehen und dabei einen Interessenausgleich verfolgen. Die Art des Interessenausgleichs und der Handlungsvollzüge ist dabei offen: zwischen zwei Interaktionspartnern kann der Ausgleich durch zwei verschiedene Interaktionsmuster zustande kommen, durch Determination (einseitige Interaktion) oder wechselseitige (interdependente) Interaktion. Determination kann in zwei Richtungen gehen: entweder determinieren die Handlungen von A diejenigen von B oder umgekehrt (A -+ B oder B -+ A). Es gibt dann jeweils einen aktiven und einen passiven (reaktiven) Partner. Wechselseitige Interaktion (A - B) impliziert, daß beide Partner agierende und reagierende Systeme zugleich sind 3• 3 Hier sei angemerkt, daß die Entkoppelungsthese, die gerne zur Charakterisierung der Abstimmung zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem vorgebracht wird (vgl. z. B. Reuter 1978; Hege/heimer 1977; Brandes 1977), zur Beschreibung der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem nicht präzise genug, wenn nicht sogar untauglich ist, da sie im Prinzip suggeriert, die Interaktion zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem werde aufgehoben. 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
34 Dieter Timmennann Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem wird i. d. R. final, als auf ein Allokationsziel hin gerichtet interpretiert, das im Interessenausgleich der interagierenden Systeme besteht (Harmonie als Abstimmungsleitbild). Abstimmung kann freilich auf unterschiedliche Allokationsziele hin gedeutet werden, was bedeutet, daß unterschiedliche Kriterien für den Erfolg oder Mißerfolg von Abstimmungsprozessen herangezogen werden können. Allokationsziele können kurzoder langfristige Deckungs-, wohlfahrtsökonomische Optimalitäts-, Minimierungsoder sozialstrukturelle Ziele sein. Unter Dekkungszielen werden kurzoder langfristige Mengenund Qualitätsgleichgewichte in dem Sinne verstanden, daß sich die Mengen und Qualitäten der angebotenen (produzierten) und nachgefragten Qualifikationen je Niveau, Fachrichtung bzw. Ausbildungsberuf und Region ausgleichen (vgl. auch MertensjParmentier 1984). Bescheidener im Anspruch ist das Ziel der kurzoder langfristigen Minimierung der mengenund qualitätsmäßigen Diskrepanzen zwischen den angebotenen und nachgefragten Qualifikationen (nach Niveau, Fachrichtung bzw. Ausbildungsberufund Region). Beide vorstehend genannten Ziele können allenfalls als ein Schritt in Richtung auf das wohlfahrtsäkonomische Ziel der optimalen Ressourcenallokation gelten, das als erreicht gilt, wenn die Grenzproduktivitäts-jReallohnrelationen für die Arbeitskräfte verschiedener Qualifikationsniveaus sowie verschiedener Fachrichtungen und Ausbildungsberufe über die Wirtschaftszweige und Regionen hinweg übereinstimmen und gleichzeitig die privaten wie sozialen Bildungsrenditen zwischen den Bildungsniveaus und FachrichtungenjAusbildungsberufen übereinstimmen. Sozialstrukturelle Abstimmungsziele schließlich lenken die Ausgleichsbewegungen zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem entweder auf die Stabilisierung der Statushierarchien (vgl. BaethgejTeichler 1984; BowlesjGintis 1976) oder auf die Enthierarchisierung des Sozialstatusgefüges. Während sozialwissenschaftliche Ansätze der Statusdistribution vor allem den zuletzt genannten Aspekt betonen (vgl. Teichler et al. 1976), bewegt sich die Abstimmungsdiskussion unter Bildungsökonomen, Qualifikations-, Arbeitsmarktund Berufsforschern eher in dem Bereich der Deckungsziele. Die vor allem Bildungsökonomen naheliegende Orientierung der Abstimmungsdiskussion am Kriterium der Wohlfahrtsoptimierung hat bislang über rhetorische Bekenntnisse zu diesem Kriterium hinaus kaum Bedeutung, weil nicht nur die bekannten Operationalisierungsund Meßprobleme des Wohlfahrtskriteriums einer an pragmatischen Empfehlungen zur Verbesserung der Abstimmungsprozesse interessierten Forschung wie Politik im Wege stehen, sondern weil dieses. Kriterium immer auch die theoretische Kontroverse zwischen Humankapital-, Filterund Segmentierungstheorien um den Zusammenhang von Bildungsinvestitionen, Arbeitsplatzstrukturen und Verortung der Grenzproduktivitäten entfacht. Analysen, die an Deckungszielen ansetzen, umgehen diese Problematik und benutzen Variablen, die leichter operationalisierbar wie handhabbar erscheinen. Die nicht abgeschlossenen Diskussionen um den Qualifikationsbegriff (vgl. z. B. BIB 1979) sowie um das Verhältnis von Bildungsabschlüssen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 35 vermittelten Inhalten und tatsächlichem Fertigund Fähigkeitsprofil einerseits, um das Problem von Berufsklassifikationen und Tätigkeitsinhalten andererseits deuten jedoch daraufhin, daß die Begriffsbildungsund Operationalisierungsanforderungen erheblich und noch nicht eingelöst sind. Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem im Sinne des Deckungszieles bedeutet, daß erstens es wünschenswert ist, ein mengenmäßiges und qualitatives Gleichgewicht zwischen erzeugten allgemeinschulischen Qualifikationen und den vom Berufsbildungssystem an die Abgänger aus dem allgemeinbildenden Schulsystem gestellten Qualifikationsanforderungen besteht und daß zweitens tatsächlich Ausgleichsmechanismen (d. h. Verhaltensund Reaktionsweisen der Akteure) wirken, die diese Deckung kurzfristig oder über einen längeren Zeitraum herbeiführen. Drittens beinhaltet diese Abstimmung an Schwelle I, daß Ausbildungsplatzangebot und -nachfrage sich sowohl im Hinblick auf das Gesamtvolumen als auch hinsichtlich ihrer vertikalen, horizontalen wie regionalen Struktur im mengenmäßigen Gleichgewicht befinden bzw. diesem Zustand zustreben. Viertens heißt Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem an Schwelle 11, daß Qualifikationsangebot und - nachfrage (gemessen an Abschlüssen oder Inhalten) sowohl global als auch unter dem Aspekt der vertikalen, horizontalen, regionalen und sektoralen Struktur sich mengenmäßig ausgleichen bzw. im Falle des Ungleichgewichts über Verhaltensreaktionen der Akteure diesem Gleichgewicht zustreben. Das gleiche Abstimmungsverständnis gilt schließlich auch für das Verhältnis von Weiterbildungsund Beschäftigungssystem (Schwelle III). Zwischen Abstimmungsproblemen an Schwelle II und an Schwelle III scheint nun ein systematischer Zusammenhang derart zu bestehen, daß die Funktion und Inanspruchnahme des Weiterbildungssystems u. a. vom Gelingen der Abstimmung an Schwelle 11 abhängt. Drei Thesen seien dazu postuliert: je gravierender (geringer) erstens die mengenmäßigen Ungleichgewichte an Schwelle II sind, um so stärker (weniger) werden dem Weiterbildungssystem Abstimmungsleistungen (Umschulung, Fortbildung etc.) abverlangt. Je stärker sich zweitens an Schwelle II Qualifikationsangebot und Qualifikationsbedarf in der Dimension der fachlichen Inhalte decken und je höher der Stellenwert der fachlichen Qualifikationselemente, um so mehr wird das Weiterbildungssystem Abstimmungs- (Qualifizierungs)leistungen wegen der hohen Obsoleszensrate fachlicher Qualifikationen erbringen. Drittens: je mehr Schlüsselund Überschußqualifikationen im Berufsbildungssystem erzeugt werden, um so weniger Abstimmungsleistungen werden dem Weiterbildungssystem abgefordert. Weiterbildung kann dann eher am Arbeitsplatz selbst stattfinden. Die Analyse der Abstimmungsproblematik von Bildungsund Beschäftigungssystem beschränkt sich im Hinblick auf die Bildungsprozesse i. d. R. auf das formale Bildungssystem. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Sektor der sog. nonformalen Bildung (z. B. Medien, Selbstbildung, kulturelle Institutionen) 3' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
36 Dieter Tirnrnerrnann einen Beitrag dazu leisten kann, um die zwischen formalem Bildungsund Beschäftigungssystem perzipierten Abstimmungsprobleme zu mildern. 3.3 Analyse des Abstimmungsprozeßpotentials an den ÜbergangsschweUen Die nun folgende Analyse des Abstimmungspotentials an den Schnittstellen zwischen jeweils zwei aneinander nachgelagerten Systemen in der Bildungsund Berufsbiographie von Humankapitalinvestoren (und -konsumenten) geht davon aus, daß einerseits das Abstimmungspotential bestimmt ist durch den Raum der Verhaltensund Reaktionsweisen der Systemakteure, daß andererseits die tatsächlichen Abstimmungsprozesse durch die faktischen Entscheidungen und Verhaltensmuster der Akteure sowie durch den Zeitbedarf der Entscheidungen und Handlungen bestimmt werden. Es wird dabei angenommen, daß die Entscheidungen und Handlungen der Akteure auf ihren sozial geprägten Präferenzfunktionen einerseits, den Informationen über aktuelle und (selbst oder durch andere Akteure) vorausgesehene Systemzustände andererseits, und drittens durch tatsächliche oder erwartete Verhaltensbzw. Reaktionsmuster der anderen Akteure bestimmt werden. Der Gang der Argumentation ist wie folgt: es werden für vier Übergangsphasen (Übergänge innerhalb des allgemeinbildenden Schulsystems (Schwelle 0), Übergänge zwischen dem allgemeinbildenden Schulund dem Berufsausbildungssystem (Schwelle I), Übergänge zwischen Berufsausbildungssystem und Beschäftigungssystem (Schwelle 11) und Übergänge vom Beschäftigungssystem in das Weiterbildungssystem und zurück (Schwelle 111) auf den verschiedenen Abstimmungsdimensionen (global, vertikal, horizontal, qualitativ) die Abstimmungs"aufgaben" formuliert und für typische, eingetretene oder vorausgesehene Deckungsdefizite die möglichen oder wahrscheinlichen Verhaltensalternativen der verschiedenen Akteure sowie die Implikationen der Verhaltensalternativen für die Abstimmungsprozesse diskutiert. Dabei wird eine inhaltlich wie zeitlich verzögerte Interdependenz der Abstimmungsproblematiken an den einzelnen Schwellen unterstellt: Abstimmungsprobleme an den jeweils vorgelagerten Schwellen pflanzen sich in die nachgelagerten Schwellen fort und Abstimmungsprobleme in den jeweils nachgelagerten wirken in die vorgelagerten Schwellen zurück. 3.3.1 Abstimmungsprobleme und Abstimmungspotential im allgemeinbildenden Schulsystem (Schwelle 0) Die Abstimmungsprobleme im allgemeinbildenden Schulsystem stellen sich an drei verschiedenen Schnittstellen. 3.3.1.1 Die Einschulungsschwelle Der Eintritt in die Grundschulen stellt die erste Schnittstelle dar. Das globale Abstimmungsproblem besteht darin, bei gegebener Produktionstechnik (Klassenfrequenzen, Stundendeputate der Schüler und Lehrer, Fächerstruktur, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 37 Schüler je Lehrer, Raumrichtweite usw.) die für die Beschulung der einzelnen Kohorten erforderlichen Kapazitäten an Lehrpersonen, Raum, Material usw. bereitzustellen. Strukturelle Abstimmungsprobleme i. S. von Mertens/Parmentier (1984) existieren für diese Schul form nicht. Das qualitative Abstimmungsproblem verlangt, die auf grund von Intelligenzdifferentialen, von unterschiedlicher sozialer Herkunft und vorschulischer Förderung in Familie, familiärer Umwelt und in Einrichtungen des Elementarbereichs herausgebildeten heterogenen Eingangsvoraussetzungen mit im Prinzip homogenen Lernanforderungen zu versöhnen. Als staatliche sowie institutionelle Handlungsparameter zur Bearbeitung dieses Abstimmungsproblems bieten sich kapazitative und curriculare Interventionen im Vorschulbereich oder spezifische Maßnahmen im Grundschulbereich an (z. B. Variation der Klassengrößen, interne Unterrichtsdifferenzierung, Förderkurse u.ä.). Abstimmungsund Handlungsbedarfentsteht bei globalen (tatsächlichen oder absehbaren) Diskrepanzen zwischen der Zahl der Eintrittspflichtigen und der Zahl der Schülerplätze oder bei veränderten bildungspolitischen Prioritäten, die Veränderungen der Produktionstechnologie zum Ziel haben. Die Zahl der Eintrittspflichtigen variiert mit Bevölkerungsbewegungen, vor allem mit Variationen der Geburten und mit größeren Wanderungen zwischen Regionen. Variieren die Kohorten der Schulpflichtigen, so sind drei Handlungsstrategien möglich: Anpassung der Kapazitäten an die Nachfrage bei konstanter Technologie (Kapazitätsstrategie), Variation der Technologie bei konstanten Kapazitäten (Technologiestrategie) oder eine Mischung aus beiden. Welche dieser drei Alternativen gewählt wird, hängt vermutlich ab a) von der beobachteten sowie erwarteten Intensität, Stabilität und Dauer der Bevölkerungsbewegungen, b) von den kostenmäßigen Implikationen der Strategien, c) von den bildungspolitischen Prioritäten, d) von den Kräfteund Stimmenverhältnissen im politischen Markt, e) von der Lage der öffentlichen Haushalte. Anpassung der Kapazitäten an eine steigende (sinkende) Zahl von Schulpflichtigen bei konstanter Technologie bedeuten u. a. einen wachsenden (rückläufigen) Lehrerbedarf Variation der Technologie bei konstanten Kapazitäten kann bei Wachstum (Rückgang) der Schulpflichtigen heißen: Anhebung (Senkung) der Klassenfrequenzen, der Schüler-Lehrer-Relationen, der Lehrerstundendeputate, Senkung (Anhebung) der Schülerstundendeputate. Diese Strategie ist lehrerbedarfsneutral. Geht es hingegen darum, eine pädagogisch begründete "Verbesserung" der Technologie bei konstanter Schülernachfrage durchzusetzen (Senkung der Klassenfrequenzen, der Schüler-Lehrer-Relationen, der Lehrerstundendeputate), so steigert diese Strategie den Lehrerbedarf. Die Zunahme des Lehrerbedarfs OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
38 Dieter Timmennann fällt besonders hoch aus, wenn die Technologie in Phasen wachsender Kohorten von Schulpflichtigen "verbessert" wird, wie es in der Bundesrepublik seit Anfang der 60er Jahre der Fall gewesen ist. Der Rückgang des Lehrerbedarfs fällt entsprechend kräftig aus, wenn sinkende Schülerkohorten mit einer "Verschlechterung" der schulischen Produktionstechnologie einhergehen. Damit werden bereits an dieser Stelle die intersystemischen Interdependenzen deutlich: Realisierte Ga auch schon angekündigte und mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete) Handlungsstrategien des PAS strahlen in die Bedarfsstruktur des Beschäftigungssystems aus, signalisieren dort veränderte oder sich verändernde Knappheitsrelationen und Beschäftigungschancen. Informationen darüber gehen ihrerseits in Ausbildungsund Bildungsentscheidungen ein, die veränderte Knappheitsverhältnisse in den entsprechenden Segmenten des Ausbildungsmarktes zur Folge haben. Die sich verändernden bzw. die Erwartung sich verändernder Mengen-, Knappheitsund Chancenrelationen im Beschäftigungswie im Berufsausbildungssystem verändern Bildungsund Ausbildungspräferenzen und -entscheidungen, die dem Ausbildungswie dem allgemeinbildenden Schulsystem neue Abstimmungsleistungen abverlangen. Am Beispiel des Lehrermarktes wird dieser Zusammenhang deutlich: die Strategie des PAS, bei wachsenden Schülerzahlen zugleich die Klassenfrequenzen und Schüler-Lehrer-Relationen zu senken, erzeugte einen enormen Lehrerbedarf, der seinerseits im Ausbildungssystem die Bereitstellung zusätzlicher Personalund Sachkapazitäten und eine Umlenkung der Studentenund Abiturientenströme in die Lehrerausbildung erforderlich machte (vgl. z. B. Mäding 1981; Timmermann 1984). Sie wirkte zurück bis an die Übergänge von den Grundschulen in die Schulformen der Sekundarstufe I (z. B. Förderung der Übergänge in die Gymnasien durch Beseitigung der Aufnahmeprüfung, stärkere Orientierung des Grundschulunterrichts in Richtung auf den Übergang in die Gymnasien [qualitative Abstimmungsdimension]). Umgekehrt hat heute die Strategie des PAS, angesichts rückläufiger Schülerzahlen die schulische Produktionstechnologie nicht weiter zu "verbessern" (d.h. die Klassenfrequenzen und Schüler-Lehrer-Relationen oder die Lehrerstundendeputate konstant zu halten), Verschiebungen im Arbeitsmarkt und Umorientierungen der Ausbildungsnachfrager an Schwelle 11 zur Folge (Rückgang der Lehramtsstudienanfängerquote, vgl. BMBW 1986/87, S. 132). Aus diesen Überlegungen lassen sich eine Reihe von Hypothesen ableiten, die generelle Verhaltensstrategien des PAS in Abstimmungsprozessen beschreiben, in die das staatliche Bildungssystem involviert ist: 1. Je größer, stabiler und dauerhafter die tatsächlichen oder erwarteten demographischen Bewegungen der Bevölkerungskohorten sind, um so wahrscheinlicher wählt das PAS Kapazitätsstrategien als Anpassungsreaktionen. 2. Je schwächer, instabiler und kurzfristiger die vergangenen oder erwarteten demographischen Veränderungen der Jahrgangsbesetzungen ausfallen, um so OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 39 wahrscheinlicher wählt das PAS Technologiestrategien als Abstimmungsreaktionen. 3. Je höher und wahrscheinlicher die Kostensteigerungsimplikationen der Kapazitätsstrategien erscheinen, um so wahrscheinlicher werden Technologiestrategien den Kapazitätsstrategien vorgezogen. 4. Je wahrscheinlicher und größer die Kostenneutralitätsoder -senkungsimplikationen der Kapazitätsstrategien sind, um so wahrscheinlicher werden Kapazitätsstrategien den Technologiestrategien vorgezogen. 5. Je höher (niedriger) die Bildungspolitik in der Prioritätenskala öffentlicher Politik rangiert, um so eher (weniger) werden kostenträchtige Kapazitätsoder Technologiestrategien verfolgt. 6. Je entspannter (angespannter) sich die Lage der öffentlichen Haushalte darstellt, um so wahrscheinlicher (weniger wahrscheinlich) wird die Wahl kostenträchtiger Kapazitätsoder Technologiestrategien sein. 7. Je höher das Gewicht lehrerbedarfswirksamer Strategien ist, um so stärker werden die Auswirkungen auf das Beschäftigungssystem sein und um so eher und nachhaltiger werden Abstimmungsbedarf und sukzessive Anpassungsprozesse an den verschiedenen Stellen erzeugt. 8. Je größer und stabiler die tatsächliche oder erwartete Knappheit (Überschüssigkeit) von Qualifikationen eines bestimmten Niveaus oder einer bestimmten Fachrichtung/eines bestimmten Ausbildungsberufs im Beschäftigungssystem ist, um so höher (niedriger) rangieren die allgemeinschulischen, berufsbildenden oder hochschulischen Subsysteme, die diese Qualifikationssegmente produzieren, in der Rangfolge bildungspolitischer Prioritäten. 3.3.1.2 Der Übergang in die Sekundarstufe I Die zweite, vor allem für die Bildungs-, Berufsausbildungs-, Berufsund Lebensperspektiven bedeutsame Schnittstelle innerhalb des allgemeinbildenden Schulsystems stellt der Übergang von der Grundschule in die weiterfohrenden Schulformen des Sekundarschulbereichs I dar. Das qualitative Abstimmungsproblem besteht hier darin, die Schüler(innen) in die weiterführenden Schulformen der Sekundarstufe I mit einem grundschulischen Bildungsniveau zu entlassen, das dort vorausgesetzt wird. Dieses Problem ist ein doppeltes: einerseits sind diese Eingangsvoraussetzungen in den drei (bzw. vier) Schulformen heterogen, zweitens muß sich das Niveau der grundschulischen Vorleistungen auf Dauer in dem Maße verschieben, wie sich die Übergangsstrukturen in den Sekundarstufenbereich I langfristig verändern. Als Akteure, die diese Abstimmungsleistungen zu erbringen haben, kommen in erster Linie das PAS und die Schulen in Frage. Handlungsparameter können hier sein: Veränderung der Curricula (z. B. der Fächerstruktur oder -anteile, "Modernisierung" der Lehrund Lerninhalte) oder im Rahmen gegebener Lehrpläne die Veränderung des Lernanforderungsniveaus in den Grundschulen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
46 Dieter Timmermann Lebenslagen, die einer niedrigeren Statusgruppe als die vormalige "Stammschülerschaft" angehören, im Durchschnitt für jede Schulform steigen muß. Infolge des postulierten (und beobachtbaren) Zusammenhangs zwischen Lebenslage und schulischen Leistungen muß zwangsläufig der schulische Leistungsdurchschnitt in jeder Schulform sinken. Dies führt zu dem Paradox, daß bei steigendem - an Schulabschlüssen gemessenen -Bildungsniveau die Leistungsfähigkeit der Schüler scheinbar sinkt. Im Falle umgekehrter Schülerbewegungen wäre der paradoxe Zusammenhang genau umgekehrt. Nur schwer erfüllbar wird das qualitative Abstimmungspostulat im Bereich der Dualen Berufsausbildung dadurch, daß es keine eindeutige Zuordnung von schulischen Bildungsabschlüssen und Einmündungen in Ausbildungsberufe oder Ausbildungsbereiche gibt. Selbst in Ausbildungsberufen mit hohem Anteil von Abiturienten (z. B. Bankund Versicherungskaufleute, Buchhändler, Rechtsanwaltsund Notariatsgehilfen) scheint dies eher auf Präferenzen und Marktkonstellationen als auf qualifikatorische Limitationalitäten zurückzuführen zu sein. Mittlerweile sind in allen Ausbildungsbereichen Auszubildende jedes Schulabschlußniveaus vertreten bzw. verteilen sich die Auszubildenden jedes Abschlußniveaus auf alle Ausbildungsbereiche, wobei sich allerdings deutliche Konzentrationen ergeben (vgl. BMBW 1986/87, S.98). Aus der Tatsache, daß die Schulformen einen je spezifischen Bildungsauftrag haben, der in den spezifischen Bildungsinhalten zum Ausdruck kommt, folgt notwendig, daß die Konkordanz zwischen schulischen Leistungen und geforderten Eingangsqualifikationen an Schwelle I nicht herstellbar ist, zumal ja auch diese Anforderungen selbst im Zeitverlauf (in Abhängigkeit des Rekrutierungsangebots) und zwischen den Ausbildungsberufen variieren. Im Bereich der Hochschulausbildung scheint das Problem der Heterogenität der schulischen Bildungsvoraussetzungen wie auch der hochschulischen Eingangsanforderungen weniger gravierend. Die Übergänger in die Wissenschaftlichen Hochschulen haben Anfang der 80er Jahre immer noch zu 90 % ihre Zugangsberechtigung an Gymnasien (zu 82 %), Fachgymnasien und Gesamtschulen erworben, die Übergänger in die Fachhochschulen zu 47 % in Fachoberschulen und zu gut 41 % an (Fach-)gymnasien und Gesamtschulen (vgl. BMBW 1986/87, S. 158). Eine Optimierung der qualitativen Abstimmung wäre denkbar durch Anhebung der schulischen Vorleistungen einerseits oder Senkung des Anforderungsniveaus andererseits oder durch Einführung von Eingangstests, die ein besseres "Matching" von angebotenen und gewünschten Eingangsqualifikationen erlauben. 3.3.2.2 Das globale Abstimmungsproblem an Schwelle I Mertens/Parmentier (1984, S. 360) zufolge bedeutet globale Abstimmung hier, "daß versucht werden muß, in jedem Jahr die Gesamtzahl der Abgänger aus dem Allgemeinschulwesen mit einem ingesamt ausreichenden Angebot an beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten zu versorgen". An anderer Stelle OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 47 (ebenda, S. 365) führen sie aus, daß dies eine gewisse Parallelität der Ausbildungsplatzentwicklung mit der demographischen Welle, dabei aber nicht nur eine global ausgeglichene Bilanz, sondern einen deutlichen Überhang an Ausbildungsplatzangeboten voraussetze, "um möglichst vielfältige Berufswahlchancen zu gewährleisten". Abgesehen von der Frage, wie der Angebotsüberhang hergestellt und vor allem auf Dauer erhalten werden soll, zeigt sich eine Unschärfe oder Grenze in dieser verlaufsanalytischen Argumentation, die gegen eine arbeitsmarkttheoretische Sichtweise abgegrenzt wird (ebenda, S. 358). Diese Separation ist nicht plausibel, denn eine Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem sollte die verlaufsund arbeitsmarktanalytische Betrachtungsweise integrieren. Dies sei am Problem der globalen Abstimmung verdeutlicht. Das verlaufsanalytische Postulat (Zahl der Ausbildungsplätze = Zahl der Schulabgänger [plus einem X%igen Berufswahlchancenzuschlag]) ist nur dann notwendig und hinreichend, wenn es keine potentiellen Mitbewerber um die Ausbildungsplätze aus den Vorjahren gibt. Andernfalls muß die Zahl der Ausbildungsplätze mindestens der Zahl der Schulabgänger des laufenden Jahres plus der Zahl der Altinteressenten (plus des Zuschlags) entsprechen. Globaler Abstimmungsbedarf entsteht, wenn das Ausbildungsplatzangebot insgesamt hinter der Nachfrage zurückbleibt bzw. zurückzubleiben droht. Diese Entwicklung kann angebots- (Abbau von Ausbildungsplätzen aus Kostengründen oder aufgrund rückläufigen Bedarfs nach Fachkräften und Hochschulabsolventen) oder nachfragebedingt sein (wachsende Kohortenstärken der Schulabgänger). Die Diskussion der Abstimmungsproblematik wird komplexer, weil einerseits in die Entscheidungen über Handlungsstrategien der Akteure die Beschäftigungschancen und -risiken der Berufsbildungsabsolventen u. a. Arbeitsmarktindikatoren (Einkommensund Statusperspektiven) eingehen, andererseits mit den Betrieben eine neue Gruppe von Akteuren auftritt, die anderen Strategieund Handlungszielen verpflichtet ist als das PAS. Dessen verantwortliche Instanzen müssen nun neben dem Verhalten der Bildungsnachfrager auch das der Beschäftiger beobachten, prognostizieren und in ihren eigenen Handlungsstrategien berücksichtigen und vice versa. Ein Nachfrageüberhang infolge steigender Bewerberzahlen kann bei den Akteuren an Schwelle I verschiedene Reaktionen hervorrufen, die zum einen von der erwarteten Fristigkeit der Bewerberbewegungen, zum anderen von gesellschaftspolitischen Präferenzstrukturen abhängen. Im Hochschulbereich kann das PAS kurzfristig auftretende Bewerberüberhänge durch Technologiestrategien (Variation der Gruppengrößen, der Relation zwischen Lehrenden und Studierenden, vorübergehende Überlastquoten) auffangen. Die Nichtversorgung der Bewerberüberhänge (kurzwie langfristig), die bedarfsargumentativ begründet werden könnte, wäre erstens aus bildungsund gesellschaftspolitischen Gründen umstritten und zweitens problematisch, weil eine Problemverschiebung in den betrieblichen Ausbildungsmarkt stattfinden würde. Die im Hochschulsystem abgewiesenen Bewerber könnten sich um betriebliche AusbilOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
48 Dieter Timmermann dungsplätze bewerben und in diesem Ausbildungsteilmarkt den Problemdruck (d. h. den Bewerberüberhang) verschärfen. Dies ist der Grund, weshalb die Mitte der 70er Jahre drohende Ausbildungsplatzlücke mit einer Politik der Öffnung des Hochschulzugangs beantwortet wurde, obwohl Zweifel bestanden, ob die infolgedessen in späteren Jahren wachsende Zahl an Hochschulabsolventen im Arbeitsmarkt aufgenommen werden würde (wobei die traditionellen Absorptionsmuster unterstellt wurden). M. a. W.: die Entscheidung über die kapazitative oder technologische Anpassungsstrategie des PAS in Zeiten von Bewerberüberhängen hängt ab erstens von der erwarteten Intensität, Stabilität und Dauerhaftigkeit der Überhänge, zweitens von der jeweils gegenwärtigen und für die Zukunft längerfristig eingeschätzten Angebots-/Nachfragerelationen von Hochschulabsolventen und drittens von der politischen Akzeptanz restriktiver bzw. der Priorität expansiver Anpassungsstrategien. Die globale Abstimmungsproblematik im Dualen System läßt ebenfalls alternative Verhaltensszenarien erkennen, wobei die Verhaltens strategien der Betriebe als tatsächliche oder potentielle Ausbilder ausschlaggebend sind. Die Verhaltensalternativen der Betriebe sind: Verzicht auf Anpassung des Ausbildungsplatzangebots an die steigende Bewerberzahl, Technologiestrategien (d. h. "Verschlechterung" der Ausbildungsbedingungen durch größere Ausbildungsgruppen und wachsende Versorgungsrelationen zwischen Auszubildenden und Ausbildern) und Kapazitätsstrategien (Ausweitung bestehender oder Errichtung neuer Kapazitäten). Die Wahl zwischen diesen Strategien ist eine Funktion des Ausbildungsinteresses, das ökonomischer oder politischer Natur sein kann. Ein ökonomischer Anreiz besteht, wenn a) die Ausbildungskosten real gesenkt, b) die Ausbildungserträge gesteigert, c) ein längerfristig vorausgesehener Bedarf an Fachkräften gedeckt und d) dadurch ein Teil der im Anschluß an die Ausbildung anfallenden Erträge internalisiert werden können. Ein Rückgang der realen Ausbildungskosten ist prinzipiell möglich durch eine Senkung der nominalen Ausbildungsvergütung oder dadurch, daß die Ausbildungsvergütung stagniert bzw. langsamer als die Geldentwertung wächst. Da die Bewerber um die knappen Ausbildungsplätze zu Vergütungszugeständnissen bereit sein werden, dürfte über den Preis ein Ausgleichsmechanismus in Gang kommen können, der allerdings schwächer und zeitkonsumtiver sein wird, wenn aufgrund tariflich-institutioneller Strukturen eine Senkung der nominalen Ausbildungsvergütungen nicht möglich ist. Möglich wäre ebenso eine Steigerung der Ausbildungserträge während der Ausbildungsphase durch eine Umstrukturierung der Ausbildungsphasen zugunsten der produktiven Phase (vgl. Albach 1978, S. 35ff. und Schunk 1978). Die Erwartung eines wachsenden Bedarfs an Facharbeitern kann resultieren aus Einschätzungen über qualifikatorische Implikationen des technisch-organisatoOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 49 rischen Wandels (insbesondere im Gefolge de! Mikroelektronik). Schließlich könnte ein Interesse an der Expansion der Ausbildungsplätze bestehen, wenn aufgrund demographischer Bewegungen mitteloder langfristig wieder mit einem Rückgang der Bewerber und des Nachwuchses gerechnet wird (Ausbildung auf Vorrat). Bestehen diese ökonomischen Interessenkonstellationen nicht (weil der Fachkräftebedarf als rückläufig eingeschätzt wird, die Veränderung der KostenErtragsrelationen nicht möglich erscheint), dann kann gleichwohl ein politisches Interesse der Betriebe daran bestehen, den Ausbildungsplatzbewerbern ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen zur Verfügung zu stellen, um eventuellen Kritikern des Dualen Systems dessen Funktionsfähigkeit zu beweisen (Motiv der sozialen Verantwortung bzw. der Systemselbsterhaltung). Hinzu kommt, daß das PAS seinerseits den Betrieben Anreize bieten kann, ihr Angebot an Ausbildungsplätzen zu erhöhen (vgl. Hegelheimer 1977, S. 183ff.). Auch moral suasion ist dabei ein Instrument. Darüber hinaus kann der Staat die Ausbildungsplatzlücke durch Erweiterung der schulischen Berufsbildungsangebote schließen helfen. Bei globaler Angebotslücke sind die Reaktionsalternativen der Ausbildungsplatznachfrage demgegenüber beschränkt. Die Bereitschaft, eine Senkung der Ausbildungsvergütung anzubieten und hinzunehmen, dürfte nur in den Ausbildungsberufenj-bereichen zum Erfolg führen, in denen erstens die Höhe der Ausbildungsvergütung frei aushandelbar und zweitens die Vergütungselastizität des Ausbildungsplatzangebots größer als null ist. Reicht die Gesamtheit der bisher beschriebenen Reaktionen nicht aus, so bleibt den Bewerbern, die keinen Platz bekommen können, nur der Rückzug in die Vollzeitschulen, in die Stille Reserve, in Arbeitsplätze für Ungelernte oder in die Arbeitslosigkeit mit der Option, sich in der nächsten Runde wieder um Ausbildungsplätze zu bewerben. Einglobaler Überhang an Ausbildungsplätzen kann sowohl seitens des PAS wie seitens der Betriebe je nach Einschätzung der Größenordnung, Stabilität und Dauerhaftigkeit des Überhangs technologiestrategisch oder kapazitativ bearbeitet werden (Senkung der Ausbildungsgruppengrößen, der Relation zwischen Ausbildern und Auszubildenden oder Abbau der Ausbildungskapazitäten). Die Forderung nach Vorhaltung von Überkapazitäten, um den Ausbildungsplatznachfragern möglichst viele Berufswahlchancen anzubieten (vgl. MertensjParmentier 1984, S. 365 und Ausbildungsplatzförderungsgesetzvon 1976), wäre durch die Technologiestrategie möglich. Abschließend ist zu vermerken, daß ausbilderbedarfswirksame Kapazitätsoder Technologiestrategien der Betriebe wie des PAS in die Schwelle 11 ausstrahlen, insofern als mit der Nachfrage des Beschäftigungssystems nach Ausbildern4 die Knappheitsrelationen in den Ausbildermärkten und darüber 4 Unter Ausbilder werden hier betriebliche Ausbilder, Berufsschullehrer und Hochschullehrer gefaßt. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
50 Dieter Timmennann wieder Bildungsund Ausbildungsentscheidungen tangiert werden, an Schwelle 11 somit ihrerseits neue Abstimmungsprozesse ausgelöst werden. 3.3.2.3 Das strukturelle Abstimmungsproblem an Schwelle I Das strukturelle Abstimmungsproblem erscheint als regionales, wenn in Regionen Ausbildungsplatzangebot und -nachfrage nicht übereinstimmen. Kurzfristig haben Bewerber aus Regionen mit Nachfrageüberhang die Möglichkeit, in solche mit Angebotsüberhang zu wechseln. Diese räumliche Mobilität kann regionale Diskrepanzen tendenziell beseitigen; sie ist bei Studienplatzbewerbern wahrscheinlicher als bei Bewerbern um einen betrieblichen Ausbildungsplatz (vgl. Schober 1985 und Teichler 1985). Zusätzlich sind auf der Angebotsseite technologiestrategische Variationen kurzfristig als Anpassungsmaßnahmen denkbar. Langfristig sind im Hochschulbereich regionale Kapazitätsverschiebungen als Anpassungsstrategie möglich; im betrieblichen Ausbildungssystem sind sie weniger wahrscheinlich, da die Standortentscheidungen von Betrieben kaum durch Knappheitsrelationen im Ausbildungsmarkt, sondern durch Merkmale wie z. B. Lieferantennähe, Größe und Lage des Absatzmarktes, Verkehrsanbindungen, Knappheitsrelationen im Arbeitsmarkt sowie Größe des Ausbildungsund Arbeitsmarktes bestimmt werden. Vertikale Abstimmung an Schwelle I besagt nach Mertens/Parmentier (1984, S. 361), "daß das Niveau der Ausgänge aus einem Teilsystem mit dem angebotenen Niveau der Eingänge im anschließenden System zu verknüpfen ist", daß z. B. die Zahl der studienberechtigten Allgemeinbildungsabschlüsse mit der Zahl der Studienanfängerplätze und die Zahl der Schulabgänger mit lehrbefähigenden Abschlüssen mit dem Angebot an Ausbildungsplätzen im Dualen System übereinstimmt. Diese Charakterisierung des Abstimmungsproblems scheint wieder zu eng zu sein für den Fall, daß Bewerberüberhänge aus dem Vorjahr auftreten. Zudem geht in der Problemcharakterisierung unter, daß Hochschulberechtigte grundsätzlich die Option auf eine betriebliche oder hochschulische Ausbildung haben. Das vertikale Abstimmungsproblem liegt demzufolge darin, die Zahl der Studienanfängerplätze mit der Zahl der Studienbewerber und die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze mit der Anzahl der Ausbildungsplatzbewerber in Übereinstimmung zu bringen. Im Falle von Ungleichgewichten sind die bekannten technologieund kapazitätsstrategischen Reaktionsmuster der Betriebe bzw. des PAS möglich, um kurzfristig bzw.längerfristig sich abzeichnende Strukturungleichgewichte abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine besondere Rolle spielen hierbei die Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung, deren Zahl und Anteil an den entsprechenden Jahrgängen seit 1960 kontinuierlich angewachsen ist. Während Schulabgänger mit mittlerem Schulabschluß "lediglich" die Option des Übergangs in das berufliche (betriebliche oder vollzeitschulische) Ausbildungswesen haben, stehen SchulabOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 51 gängern mit Fachhochschulreife zwei Optionen (Berufsausbildung und Fachhochschule), den Schulabgängern mit Hochschulreife sogar drei Berufsausbildungsoptionen offen (Berufsausbildung, Fachhochschulen und Wissenschaftliche Hochschulen). Veränderung der Berufsbildungspräferenzen der letzten beiden Gruppen (z. B. verstärkte Umorientierung auf eine betriebliche Berufsausbildung oder wachsende Präferenzen der Hochschulberechtigten für eine Fachhochschulausbildung) erzeugen vertikale Ungleichgewichte und Abstimmungsbedarf. Die Wanderung dieser Nachfragen folgt - so hier die These, die durch Tessaring (1980) bestätigt ist -verzögert den Variationen der relativen Berufseinmündungschancen beim Übergang aus dem Berufsbildungsin das Beschäftigungssystem (vgl. auch Stegmann/Kraft 1984, die berichten, daß angesichts der gesunkenen Berufschancen von Hochschulabsolventen 17 % der befragten Studenten in höheren Semestern gerne eine Berufsausbildung hätten vorausgehen lassen). In der Tat ist der Anteil der Hochschulberechtigten unter den Bewerbern für betriebliche Ausbildungsplätze in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, unter den Auszubildenden lag der Anteil 1985 bei 14 % (vgl. BMBW 1986/87, S.98). Gleichzeitig sank zwischen 1971 und 1984 der Anteil der studierwilligen Abiturienten von gut 87 % auf 59 %, der Anteil ohne Studienabsicht stieg von 7 % auf 16 % (vgl. BMBW 1986/87, S. 60). Schließlich stieg der Anteil der Studienanfänger an Fachhochschulen an allen Studienanfängern von 26 % in 1975 auf 30 % in 1985 (vgl. ebenda, S. 122). Während der Andrang auf die Hochschulen und Fachhochschulen mit Blick auf die nach 1990 rückläufige Zahl der Studienberechtigten bisher durch Kapazitätsund Technologiestrategien (bei steigendem Lehrpersonalbestand stieg zwischen 1970 und 1985 auch die Zahl der Studenten je Personal, vgl. ebenda, S. 181) bearbeitet wurde und in Zukunft primär durch Variationen der Studienbedingungen (Technologiestrategie) bewältigt werden wird, hat das betriebliche Ausbildungswesen im wesentlichen mit dem Ausbau der Ausbildungskapazitäten reagiert (dafür spricht auch, daß die Relation zwischen Auszubildenden und Ausbildern seit 1977 relativ konstant geblieben ist, und zwar in allen Ausbildungsbereichen; berechnet nach BMBW 1986/87, S. 88 und 148). Der Drang von immer mehr Hochschulberechtigten in das Duale System hat dort die Ausbildungsplatzknappheit verstärkt und mit dazu beigetragen, daß die Ausbildungsbetriebe die höhere schulische Vorbildung verstärkt nutzen (educational upgrading), die Auslese durch gezielte Selektionsinstrumente (Tests) verschärfen und darauf setzen, daß das PAS die abgewiesenen Bewerber mit alternativen Ausbildungsangeboten versorgen wird (vgl. Baethge et. al. 1980). Eine seit Ende der siebziger Jahre zunehmende Variante des Nachfrageverhaltens der Schulabgänger mit Hochschulberechtigung besteht nicht nur darin, verstärkt eine Berufsausbildung, sondern anschließend ein Hochschulstudium nachzufragen, wodurch nicht nur eine die Berufschancen verbessernde Doppelqualifikation angestrebt, sondern das hohe Niveau der Nachfrage nach Ausbildung an Schwelle I gestützt wird. 4" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
52 Dieter Timmermann Das horizontale Abstimmungsproblem an Schwelle I bezieht sich auf das Verhältnis von Angebotsund Nachfragestrukturen im Hinblick auf die Fachrichtungsund Ausbildungsberufsstrukturen. Im Hochschulbereich geht es darum, die Nachfrage nach Studienanfangerplätzen in den einzelnen Fachrichtungen und das jeweilige Angebot ins Gleichgewicht zu bringen. Partielle Ungleichgewichte kommen unter den Bedingungen einer nachfrageorientierten Öffnungspolitik durch Nachfrageverschiebungen, im Falle einer am vermuteten Bedarf des Beschäftigungssystems orientierten Restriktionspolitik zusätzlich durch bedarfsgesteuerte Kapazitätsvariationen zustande. Das Problem rationierter Studienplätze besteht darin, daß der Zugang in das Segment des Beschäftigungssystems, den die bewirtschafteten Fachrichtungen erschließen, politisch verknappt und dadurch die Knappheitsund Einkommensrelationen in diesem Segment stabilisiert werden. Nicht nur der Andrang "berufener", sondern auch an Einkommen und Status interessierter Hochschulberechtigter schafft in diesen Fachrichtungen ein dauerhaftes Ungleichgewicht zwischen Studienanfängerplätzen und Nachfragern. Veränderungen in der Struktur der Nachfrageströme sind i. d. R. Reaktionen auf veränderte Berufschancenindikatoren im Beschäftigungssystem (Einkommen, fachrichtungsspezifische Arbeitslosenquote, Relation von offenen Stellen und Bewerbern im Arbeitsmarkt u.a.m.; vgl. element 1979; Freeman 1976; Tessaring 1980). Die Abkehr vom Lehramtsstudium und von geistesund sozialwissenschaftlichen Studiengängen hin zu natur-, ingenieurund wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen (einschließlich Mathematik und Informatik) zeugen von einer Sensibilität der Hochschulberechtigten, die Titze (1981) bereits für das späte 19. Jahrhundert in Preußen beobachtet hat. Die Folge dieser Nachfrageverschiebungen sind horizontale Ungleichgewichte zwischen Fachrichtungen, die kurzfristig durch technologische Anpassung aufgefangen werden können. Erweisen sich die Ungleichgewichte als stabil, hartnäckig und expansiv, so sind Umwidmungen von Kapazitäten seitens des PAS eine zweckmäßige Lösung. In der Sphäre der betrieblichen Berufsausbildung stellt sich das horizontale Abstimmungsproblem zweifach, nämlich zwischen Ausbildungsberufen und zwischen Ausbildungsbereichen. Die Gründe für horizontale Diskrepanzen können auf der Nachfrageseite in veränderten Präferenzen oder in veränderten wahrgenommenen Berufsperspektiven liegen. Angebotsbedingte Diskrepanzen können mehrere Gründe haben: z. B. Verschiebungen des Fachkräftebedarfs nach Berufen bzw. Wirtschaftsbereichen oder Verteuerung der Ausbildung durch steigende Kosten (z. B. Ausbildungsvergütung bzw. steigende nicht kostenneutrale Qualitätsanforderungen) in spezifischen Ausbildungsberufen oder -bereichen. Man sollte denken, daß durch Anpassungsreaktionen beider Marktseiten ein mengenmäßiger horizontaler Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage nach Ausbildungsplätzen herstellbar sein sollte. Nachfrager nach überlaufenen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 53 Ausbildungsberufen könnten ausweichen in Berufe mit Angebotsüberhang (oder Bereitschaft zeigen, eine Senkung der Ausbildungsvergütung zu akzeptieren); Betriebe, die in ausbildungsmäßig unterversorgten Berufen und Wirtschafts bereichen ausbilden, könnten ihre Ausbildungsanstrengungen intensivieren. Die Evidenz über die Ausbildungsstrukturen im Dualen System (vgl. v. Henninges/Stooss 1977; BMBW 1977; Schober 1985) vermittelt indessen den Eindruckjahrzehntelanger, stabiler, horizontaler Ungleichgewichtsstrukturen im betrieblichen Ausbildungssystem. Diese Ungleichgewichte lassen sich dahingehend interpretieren, daß ein Teil der Bewerber um Ausbildungsplätze nicht bereit ist, seine Berufsund Ausbildungswünsche aufzugeben. Auf der anderen Seite scheint auf seiten der Betriebe keine Bereitschaft zu bestehen, die Struktur des Ausbildungsplatzangebots an die Nachfragestruktur anzupassen. Somit kann in diesem Aus bildungssystem auf das Wirken eines Anreizsystems geschlossen werden, das nicht durch Knappheitsrelationen in diesem Ausbildungsmarkt, aber nach den Einsichten der Arbeitsmarktund Berufsforschung (vgl. Schober 1985, S. 261) auch nicht durch Knappheitsrelationen im Arbeitsmarkt gesteuert wird, da die Diskrepanz nicht nur zwischen der Struktur der Ausbildungswünsche und dem Ausbildungsplatzangebot, sondern auch zwischen der Struktur des Ausbildungsplatzangebots und derjenigen des Arbeitsplatzangebots für die Absolventen an Schwelle 11 besteht. 3.3.3 Abstimmungsprobleme und Abstimmungspotential beim Übergang vom Berufsausbildungssystem in das Beschäftigungssystem (Schwelle II) Die folgende Diskussion konzentriert sich auf die vertikalen, horizontalen und qualitativen Abstimmungsprobleme an Schwelle 11, da die globale Abstimmungsdimension zwischen Gesamtangebot an und Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften bzw. zwischen der Gesamtzahl der in einem Jahr beruflich ausgebildeten Jugendlichen und der Anzahl der Berufschancen im Prinzip eine beschäftigungstheoretische und -politische Frage ist. Sie wird bildungspolitisch von Interesse, wenn nach der Funktion von Bildungsabschlüssen im Prozeß der Abstimmung von Gesamtangebot und -nachfrage von Arbeitskräften gefragt wird. Bemerkenswert ist nämlich, daß sich bei genereller Arbeitskräfteknappheit die Zuordnung von Berufsbildungsabschlüssen und Arbeitsplätzen derart verschiebt, daß Arbeitsplätze bei Neubesetzungen häufig mit Personen niedrigerer Abschlüsse als derjenigen der Vorgänger besetzt werden (Sogeffekt oder educational downgrading of jobs). Umgekehrt werden Arbeitsplätze im Zuge eines generellen Arbeitskräfteüberangebots häufig mit Personen besetzt, die eine höhere Abschlußqualifikation aufweisen als die vorherigen Arbeitsplatzinhaber (educational upgrading ofjobs). Dieses an Bildungsund Ausbildungsabschluß anknüpfende selektive Verhalten der Beschäftiger hat zur Folge, daß bei unzureichendem Arbeitsplatzangebot das Arbeitslosigkeitsrisiko vorrangig Personen ohne Berufsausbildung trifft. Im Prinzip ist diese Frage der Konkordanz von Ausbildungsinhalten und Qualifikationsanforderungen am ArbeitsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
54 Dieter Timmermann platz ein qualitatives Abstimmungsproblem. Bevor darauf näher eingegangen wird, sei im Hinblick auf die regionale Problematik angemerkt, daß sie im Markt für Hochschulabsolventen eine geringe Bedeutung hat, da Hochschulabsolventen als hochmobil gelten. Beim Übergang von der betrieblichen Berufsausbildung in das Beschäftigungssystem wird sich hingegen die regionale Abstimmungsfrage ernster stellen, da einerseits deutliche Standortschwerpunkte von Wirtschaftsbereichen bestehen, andererseits die Ausbildungsaktivitäten räumlich breiter gestreut sind und die großräumige Mobilitätsbereitschaft (z. B. vom Norden in den Süden der Bundesrepublik, vgl. Schober 1985) der Absolventen betrieblicher Ausbildungsgänge niedrig zu sein scheint. Regionale Diskrepanzen in den Angebotsund Nachfragestrukturen des Marktes für Fachkräfte scheinen daher kaum aufhebbar zu sein. 3.3.3.1 Das qualitative Abstimmungsproblem beim Übergang vom Bildungsins Beschäftigungssystem (an Schwelle 11) Die qualitative Abstimmungsaufgabe erfordert Konkordanz zwischen den vermittelten Ausbildungsinhalten, über die die Absolventen des Bildungssystems verfügen, und den Qualifikationsanforderungen der eingenommenen Arbeitsplätze. Der Konkordanzbegriffwirft drei Fragen auf, die zeigen, daß das qualitative Abstimmungsproblem nur schwer zu lösen ist: Wie wird Konkordanz gemessen? Wie ist sie definiert und in welcher Form ist sie überhaupt funktional bzw. wünschenswert? a) In der Regel wird die QualiJikationskonkordanz durch einen Vergleich des Berufsbildungsabschlusses des zukünftigen (neuen) Arbeitsplatzinhabers mit dem des Vorgängers festgestellt. Stimmen sie überein, so liegt eine adäquate Beschäftigung des Nachfolgers vor; stimmen sie nicht überein, so wird von inadäquater (unteroder überwertiger) Beschäftigung, von Überoder Unterqualifikation gesprochen. Der Bildungsabschluß als Maß für die Konkordanz ist indes nicht akzeptabel, da er keine Informationen über die Anforderungsinhalte des Arbeitsplatzes enthält: der z. B. niedrigere Bildungsabschluß des Vorgängers sagt nichts darüber aus, ob die Anforderungen des Arbeitsplatzes im Laufe der Zeit gestiegen oder gesunken sind, ob der Vorgänger sich durch Fortbildung den steigenden Anforderungen angepaßt hat. Denkbar ist auch, daß der Vorgänger seinerzeit bei der Besetzung des Platzes unterqualifiziert war und der Nachfolger den adäquaten Abschluß mitbringt (vgl. zu diesem Problem im einzelnen den Beitrag von Rippe in diesem Band). b) Die für einen Arbeitsplatz angebotenen Qualifikationen sollen mit den am Arbeitsplatz geforderten übereinstimmen. Die Erfüllung dieser Konkordanzforderung setzt voraus, daß geklärt ist, was mit Qualifikationen gemeint ist. An der Einschätzung, daß der QualiJikationsbegriff ungeklärt, schillernd und vielschichtig sei (vgl. BIB 1979), hat sich nichts geändert. Angesichts der Fülle verschiedener QualifikationsbegrifTe ist das Konkordanzpostulat nichtssagend. Zudem wird die Ausbildungsadäquanz von Tätigkeiten nicht nur nach den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 55 Tätigkeitsinhalten, sondern auch im Blick auf Niveau, Arbeitsbedingungen, Handlungsspielraum, formalem Rang, Prestige usw. beurteilt (vgl. auch Hartung et al. 1978, S. 58ff.). c) Aus der Unbestimmtheit des Qualifikationsbegriffs folgt ein weiteres Problem der Konkordanz: soll sie kurzfristig (zum Zeitpunkt des Arbeitsplatzantritts) oder langfristig hergestellt werden, welche der Dimensionen von Qualifikation (fachlich, außerfachlich sozial, vgl. Teichler et al. 1984; stofflich oder gesellschaftlich, vgl. affe 1975) sollen konkordant sein? Stellt die Forderung nach Konkordanz ab auf die fachlichen oder stofflichen (oder funktionalen) Qualifikationen, so ist das Postulat selbst nicht funktional, da erstens die Qualifikationsanforderungen an den Arbeitsplätzen zunehmend abstrakter, unbestimmter und immer weniger vorhersagbar werden. Außerfachliche und soziale Qualifikationen treten immer mehr in den Vordergrund (vgl. affe 1975; Dirrheimer /Sorge 1983; Gyzicki/Weiler 1980, S.236f.; Ferring et al. 1984; Teichler et al. 1984). Zweitens ist die Obsoleszens von fachlichen Qualifikationen aufgrund des sich beschleunigenden Wissenszuwachses groß, so daß schon deshalb nach relativ kurzer Zeit die Konkordanz fachlicher Qualifikationen zerstört wäre. Sie müßte dann durch Weiterbildungsmaßnahmen immer wieder neu hergestellt werden, was für die einzelne Arbeitskraft, für die Betriebe und für die Gesellschaft auf Dauer kostspielig sein kann. Es ist also nicht funktional, das Bildungssystem in erster Linie auf die Herstellung fachlicher Qualifikationen zu verpflichten. Stattdessen wäre eine Qualifizierungsstrategie vorzuziehen, die eher außerfachliche und soziale Qualifikationen betont, wie im Konzept der Schlüsselqualifikationen vorgesehen (vgl. Mertens 1974; Mattern/Weisshuhn 1980, S. 180 ff.). Dies als Entkoppelung der Bildungsproduktion vom Qualifikationsbedarf des Beschäftigungssystems zu denunzieren ist kurzsichtig, da die kurzfristige Koppelung wegen der hohen Verschleißrate später ständigen Abstimmungsund Anpassungsbedarfzwischen Beschäftigungsund Weiterbildungssystem erzeugt. Überspitzt und paradoxerweise könnte behauptet werden: Die Entkoppelungsstrategie ist die bessere Koppelungsstrategie, weil sie mehr Flexibilität im Verwendungsund Weiterbildungsraum von Schlüsselqualifikationen und damit ein größeres Abstimmungspotential schafft. 3.3.3.2 Das vertikale Abstimmungsproblem an Schwelle 11 Mertens /Parmentier (1984, S. 373) weisen zurecht daraufhin, daß die Sphäre der vertikalen Abstimmung an der Übergangsschwelle 11 das am intensivsten diskutierte Problemfeld ist. "Die Frage lautet, ob und inwieweit die Qualifikationsstruktur der Ausbildungsabsolventen nach dem Qualifikationsniveau (gemessen am Berufsbildungsabschluß, D. T.) mit der Verteilung der Arbeitsplätze nach den Qualifikations(niveau, D. T.)anforderungen übereinstimmt" (ehenda). Diese Definition des Abstimmungsproblems impliziert eine enge Zuordnung von Abschlußniveaus und Anforderungsniveaus (Koppelungsthese), aus der die Bewertung einer Beschäftigung als ausbildungsadäquat bzw. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
62 Dieter Timmermann (vgl. Stegmann/Kraft 1983). Im Markt für Hochschulabsolventen dürfte der Berufswechsel als Anpassungsprozeß dann geringe Erfolgsaussichten haben, wenn ein Stellenüberhang für regulierte und Spitzenpositionen besteht (vgl. v. Weizsäcker 1975). Generell kann wohl behauptet werden, daß der Berufswechsel um so eher für Ausgleichstendenzen sorgt, je näher die Mangelund Überschußberufe beieinander liegen. Gelingt ein niveauadäquater Berufswechsel nicht, so bleiben als alternative Lösungen entweder unterwertige Beschäftigung, Erwerb einer Zusatzqualijikation, Verbleib im Ausbildungssystem (Erwerb einer weiteren Berufsausbildung) oder Arbeitslosigkeit. Der Berufswechsel ist zwar ein Mechanismus zur Lösung der horizontalen Abstimmungsproblematik, aber nicht jeder Berufswechsel von Absolventen ist Indikator von Abstimmungsproblemen. Denn Berufswechsel ist häufig die Folge von Betriebswechsel (vgl. Hofbauer 1983; Stegmann/Kraft 1983a) und findet mehrheitlich auf Wunsch der Absolventen statt als Reaktion auf wahrgenommene längerfristige Beschäftigungsperspektiven, auf Betriebsklima, Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsbedingungen und Prestige des Betriebs oder Berufs (vgl. ebenda). Horizontale Ungleichgewichte lösen, wenn sie nachhalten, weitergehende Reaktionen vor Schwelle II aus: in der Ausbildung befindliche Personen können von ihrem gewählten, wenig aussichtsreichen Ausbildungsberuf (ihrer Fachrichtung) in einen chancenreichen Beruf (Fachrichtung) wechseln. Unter Studienfachwechslern fällt allerdings auf, daß sie häufig in verwandte Fächer (innerhalb einer Fächergruppe) wechseln, die ähnlich wenig aussichtsreiche Berufschancen bieten. Damit wird ein Phänomen deutlich, das sich auch hier mit der Unterscheidung zwischen autonomer und induzierter Bildungsnachfragekomponente beschreiben läßt. Die autonome Komponente steht für die fachlichen Studienpräferenzen, wie sie durch vorberufliche Schulbildung, Elternhaus usw. gebildet wurden. Die induzierte Komponente erfaßt Variable, die mit veränderten Knappheiten horizontaler Berufsstrukturen variieren. Dazu gehören Einkommen, Berufschancen, Statusund Situschancen, Karriereund Aufstiegschancen, Arbeitslosigkeitsrisiken. Peisert et al. (1984) stellen fest, daß die autonome Komponente besonders stark ist bei Sprach-, Kulturund Sozialwissenschaftlern, z. T. auch bei Mathematikern und Naturwissenschaftlern, die induzierte Komponente hingegen ausgeprägt ist bei Juristen, Medizinern, Ingenieurund Wirtschaftswissenschaftlern. Damit scheint der Fachwechsel kein großes Lösungspotential für horizontale Ungleichgewichte zu offerieren, weil gerade in den Fachrichtungen mit den relativ geringeren Berufschancen die Wechselbereitschaft niedrig ist. Stärkere Anpassungsreaktionen sind auf Schwelle I beim Übergang in die Berufsausbildung zu erwarten. Im Bereich des Dualen Systems sind diesen Umschichtungen zwischen Ausbildungsberufen infolge der Anreizstrukturen und der stabilen Diskrepanzen zwischen Ausbildungsplatzund Arbeitsplatzstruktur enge Grenzen gesetzt. Überlegenswert wäre hier, ob nicht das PAS über OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 63 Eingriffe in die "verzerrte" Anreizstruktur oder über Ausbildungsangebotsergänzungen im Bereich aussichtsreicher Berufe Abhilfe schaffen könnte. Beim Übergang in die Hochschulen könnte entweder an eine bedarfsstrukturgerechte Ausstattung der Fächer gedacht werden (wobei sich hier sofort wieder die Probleme der Bedarfsprognostik stellen, die für fachrichtungsspezifische Bedarfsprognosen besonders gravierend sind, (vgl. Tessaring 1980a) oder an eine Anpassung der Kapazitäten in den Fachrichtungen an sich verändernde Studienanfängerstrukturen. Diese Umwidmungsstrategie stößt an Grenzen, da das Personal wegen seiner spezifischen Qualifikationsstruktur kaum zwischen Studienfächern wechseln kann. Das Umwidmungstempo ist daher durch natürliche bzw. freiwillige Fluktuation sowie Umsetzungsmöglichkeiten beschränkt. Dieses Tempo kann aber unzureichend sein, um den Verschiebungen der Studiennachfrage gerecht zu werden. In diesem Falle ist mit technologischen Reaktionen zu rechnen, die ungleiche Studienbedingungen zur Folge haben werden: gerade die aussichtsarmen Fächer können sich über gute Bedingungen (kleine Gruppen etc.) freuen, die aussichtsreichen Fächer dürften über unzumutbare Bedingungen klagen. Titze (1981) hat gezeigt, daß die Studiennachfrage in den Fachrichtungen den wechselnden Berufschancen der Absolventen folgt. Tessaring (1980) bestätigte diesen Zusammenhang für die 60er und frühen 70er Jahre, und der BLK (1985) zufolge zeigen die seit Ende der 70er Jahre beobachtbaren Verschiebungen in der Verteilung der Studienanfänger und Studenten auf die Fächer das Fortbestehen dieses Verhaltensmusters an. Freilich reagieren die Studiennachfrager mit erheblichen Verzögerungen, woraus bei einzelnen Studienfächern zyklische Nachfragebewegungen in der Zeit resultieren (vgl. Freeman 1971, 1975a-c, 1976a, b). Diese erscheinen im Arbeitsmarkt als Übersteuerungen mit dem Effekt, daß Mangel und Überschuß an Absolventen einer bestimmten Fachrichtung sich im Zeitverlauf ablösen, ohne daß dauerhaft ein Gleichgewicht erreicht werden kann. Auch Interventionen des PAS scheinen daran wenig ändern zu können. 3.3.4 Die Abstimmungsproblematik an Schwelle III Die Abstimmungsproblematik stellt sich im Prinzip ähnlich. Es hat die gleichen Dimensionen wie die bisher besprochenen Sphären. Unterschiede liegen in der Organisationsstruktur , die sich vor allem durch Vielfalt beschreiben läßt (vgl. dazu Kuhlenkamp/Schütze 1982). Darüber hinaus ist der Weiterbildungsbereich mit vergleichsweise hoher Flexibilität und mit kurzen Reaktionszeiten ausgestattet. Seine Bedeutung im Rahmen dieser Diskussion liegt darin, daß es als eine Art Reparatursystem für eine Reihe von Abstimmungsproblemen fungiert, die in der Abstimmung von Erstausbildungssystem und Beschäftigungssystem nicht oder nicht befriedigend gelöst werden. Es trägt somit dazu bei, daß die Allokation von Qualifikationen nach Niveau und Ausbildungsberuf bzw. Fachrichtung in die entsprechenden Arbeitsplätze verbessert wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
64 Dieter Timmermann 4. Schlußfolgerungen Zum Abschluß dieser vorläufigen Überlegungen sollen die wichtigsten Gedanken und Schlußfolgerungen thesenartig zusammengefaßt werden. 1. Bildungs-, Arbeitsmarktund Berufsforschung haben in den vergangenen fünfzehn Jahren eine Fülle von Informationen über die Zustände des Bildungsund Berufssystems sowie des Arbeitsmarktes vorgelegt. Diese Informationen erlaubten in der Regel auch, Schlüsse über Zustandsveränderungen zwischen den Erhebungszeitpunkten zu ziehen. Zugleich wurden diese Informationen dazu benutzt, Zustandsveränderungen der Systeme für zukünftige Zeitpunkte vorauszusagen. Indessen stellen diese Informationen Zustandsbeschreibungen von Handlungsergebnissen dar, die durch Interaktion von Akteuren in Bildungs-, Ausbildungsund Beschäftigungssystem erzeugt wurden. Über die Abstimmungsprozesse, Handlungsstrategien, Handlungsbedingungen und Handlungsmotivationen der Akteure wird keine Auskunft gegeben. Diese Abstinenz in der Erklärung der Prozesse, die zu erfaßten Ergebnissen führen, bedingt das Dilemma der Bildungsprognosen bzw. Szenarien: sie schreiben die zwischen verschiedenen Zeitpunkten gemessenen Systemzustände strukturfatalistisch fort oder versuchen, durch Ableitung von Möglichkeitsräumen (z. B. Flexibilitätsoder Substitutionalitätsspielräume aktiver und passiver Art) StrukturwandeI in unbestimmter Weise zuzulassen, ohne dies verhaltenstheoretisch zu begründen. Gleichzeitig sind Prognosen aber Informationen oder Variable, die in die Entscheidungsprozesse der Akteure eingehen und Verhaltensänderungen auslösen, die in den Prognosenjedoch nicht mehr reflektiert sind. Zwar liegen im Bereich der Bildungsnachfragetheorie Verhaltenshypothesen (auch empirisch getestet) vor, und auch die Theorie der betrieblichen Bildung kann mit Verhaltenshypothesen aufwarten (vgl. Becker 1975 und Sadowski 1980), doch ergeben diese Thesen noch keine Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem. Einer solchen Theorie bedarf es indessen, wenn die Prozesse beschrieben und verstanden werden sollen, die zu den gemessenen Ergebnissen führen. Die Verlaufsuntersuchungen des lAB, BIB und der HISGmbH, die Prozeßverläufe und Verhaltensmotivationen ergründen wollen, sind weitere Schritte zu einer solchen Theorie. Eine Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungstheorie sollte indessen eine umfassende sozialwissenschaftliche Theorie sein, die bildungsökonomische, bildungssoziologische Ansätze, Verlaufsuntersuchungen und Arbeitsmarkttheorie integriert. Sie kann sich nicht auf die Analyse der Schwelle 11, der Übergänge aus dem Berufsbildungssystem beschränken, sondern müßte das berufsbildende und das allgemeinbildende Schulsystem sowie die internen (Schwelle 0) und intersystemischen Übergänge (Schwelle I) einschließlich des Weiterbildungssystems mit zum Theoriegegenstand erheben. Die Begründung für dieses Postulat ist, daß es intersystemische Prozeßzusammenhänge in der Zeit gibt, die das Verhalten der Akteure in einem System abhängig machen vom Verhalten der Akteure in den anderen Systemen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 65 Eine Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem dürfte sich aber auch nicht nur auf das Verhalten und Schicksal der Übergänger zwischen den Systemen beschränken (wie Mertens/Parmentier 1984, es vorschlagen), sondern sie müßte "Abstimmungsrelikte" aus den Vorperioden (in Form von Altbewerbern, Arbeitslosen, Stiller Reserve) in die Analyse miteinbeziehen, weil die Absorptionschancen der Schulabgänger von dieser Konkurrenz tangiert werden. In den vorliegenden Überlegungen wurde der Versuch unternommen, einen Analyserahmen für eine solche Theorie zur Beschreibung und Erklärung von möglichen oder wahrscheinlichen Verhaltensund Reaktionsweisen der Akteure zu entwickeln, zwischen denen die Abstimmungsprozesse stattfinden. Insofern ist es eine Analyse von Handlungen unter Handlungsund Strukturbedingungen, deren Veränderung selbst Ziel der Handlungen sein kann. Die Argumentation war komparativ-statisch und hypothetisch, möchte aber den Anspruch auf Realitätsbezogenheit geltend machen. Ob das Postulat nach einer umfassenden Theorie der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem einlös bar ist, wird sich erst noch erweisen müssen. 2. Für die Erklärung der Abstimmungsprozesse ist die These von Relevanz, daß alle Akteure durch eine im Hinblick auf das Abstimmungsproblem autonome und eine induzierte Verhaltenskomponente charakterisiert sind. Beide Komponenten sind in unterschiedlicher Weise für die Abstimmungsprobleme bedeutsam: die autonome Verhaltenskomponente faßt Verhaltensdimensionen, die sich an Variablen orientieren, die zwar den Abstimmungsprozessen exogen sind, die aber selbst ein Abstimmungsproblem erzeugen können. Die induzierte Verhaltenskomponente ist im Hinblick auf die Abstimmungsprozesse endogen und beschreibt, in welcher Weise die Akteure auf Abstimmungsprobleme reagieren. Die autonome Verhaltenskomponente der Betriebe beispielsweise ließe sich beschreiben durch betriebliche Reaktionen auf veränderte Markt-, Absatzund Konkurrenzbedingungen auf den Gütermärkten 'oder auf neue wissenschaftliche, technische und organisatorische Kenntnisse. Die induzierte Verhaltenskomponente ist wirksam, wenn Betriebe z. B. auf Knappheitsrelationen in Arbeitsoder Ausbildungsmärkten reagieren. Im Rahmen staatlichen HandeIns wäre autonomes Handeln gegeben, wenn es sich nicht an wechselnden Knappheitsrelationen in Arbeitsund Ausbildungsmärkten orientiert, sondern an Leitlinien wie "Bürgerrecht auf Bildung". Die induzierte Verhaltenskomponente des PAS verfolgt hingegen bedarfsorientierte Strategien. Bildungsnachfrageverhalten ist in diesem Sinne autonom, wenn es ausschließlich durch Bildungsoder kulturelle oder fachliche Interessen gesteuert ist. Induziertes Nachfrageverhalten reagiert demgegenüber auf veränderte Ausbildungsund Berufschancen. Das Verhalten der Bildungsund Ausbildungsbetriebe wäre autonom, wenn sie sich ausschließlich dem Sozialisationsoder 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
66 Dieter Timmermann Bildungsauftrag verpflichtet fühlten. Induziertes Verhalten liegt dagegen vor, wenn sie auf veränderte Qualifikationsanforderungen aus dem Beschäftigungssystem qualitativ oder quantitativ reagieren. Aus dieser Charakterisierung der Verhaltenskomponenten der Akteure folgen einige Thesen: a) Würden sich alle Akteure ausschließlich autonom verhalten, wäre eine Abstimmung zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem im vorne beschriebenen Sinne entweder gar nicht oder nur zufällig möglich. b) Abstimmung setzt folglich voraus, daß die induzierte Verhaltenskomponente bei allen Akteuren positiv besetzt ist. c) Je größer der Anteil der induzierten Verhaltenskomponente, um so schneller und nachhaltiger kommen Abstimmungsprozesse im Bildungsund Beschäftigungssystem in Gang. Die Wahl der Reaktionsstrategien hängt dabei von der erlebten und erwarteten Größe, Stabilität und Dauer der Prozesse ab, auf die reagiert werden soll. Dabei lösen Informationen bzw. Prognosen über das Abstimmungsproblem selbst schon Ausgleichsreaktionen aus (Warnfunktion von Prognosen). 3. Die Tatsache, daß Abstimmungsprozesse durch Reaktionen auf Diskrepanzen ausgelöst werden, garantiert nicht den Abstimmungserfolg. Neben dem Problem des Handeins unter Unsicherheit, bestenfalls Risiko, besteht das LagProblem: Beschäftiger, Staat und Bildungsnachfrager haben unterschiedlich lange Reaktionsund Handlungslags. Strukturveränderungen, Einstellungsund Erwartungsveränderungen brauchen Zeit. Gravierend ist dabei die erhebliche lag-Differenz zwischen Beschäftigern einerseits und Bildungsnachfragern sowie PAS andererseits. Das im wesentlichen unkoordinierte Handeln beider Marktseiten kann zum einen die sog. "Kinoeffekte" erzeugen. Zum anderen impliziert gleichzeitiges Erkennen der Problemsignale und gleichzeitiges Handeln wegen der Lag-Differenz ungleichzeitige Handlungswirkungen, so daß es zu Überreaktionen, Übers teuerungen und neuen Diskrepanzen kommen kann. In der vertikalen Abstimmungsdimension kann dies zu qualifikationsniveauspezifischen Abstimmungszyklen führen, in der horizontalen Ebene zu Fachrichtungszyklen. 4. Das horizontale Abstimmungsproblem des Dualen Systems scheint ein stabiles und dauerhaftes zu sein, das aus einer anscheinend verzerrten Anreizstruktur und in einer konstanten Diskrepanz zwischen Ausbildungsund Arbeitsplatzstruktur resultiert. Dem Staat kommt hier eine Art Feuerwehrfunktion zu, insofern als er entweder die Anreizstruktur verändern oder die unterversorgten Ausbildungsberufe mit einem eigenen Ausbildungsplatzangebot bedienen müßte. 5. Das Hochschulsystem scheint demgegenüber in seinen Nachfragestromstrukturen anpassungsfähiger zu sein. Ob im Hinblick auf die vertikale Abstimmungsproblematik ein verzerrtes Anreizsystem existiert, kann mit Blick auf die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 67 Ausbildungsvergütung bezweifelt werden. In bezug auf das horizontale Abstimmungsproblem verfügt es -anders als das Duale System -über kein verzerrtes Anreizsystem, so daß sich im Prinzip die Nachfrageströme den veränderten Knappheitsrelationen im Arbeitsmarkt anpassen können; nur sind hier die Entscheidungsund Wirkungslais länger (Gefahr der Übersteuerung). Rechtzeitiges Gegensteuern (seitens des PAS) unterliegt ähnlichen Handlungsrestriktionen: zum Informationslag kommt hier noch der Entscheidungslag hinzu, der je nach politischen Kräfteverhältnissen lang sein kann. Generell scheint es aber politisch schwer durchsetzbar zu sein, Nachfrageströme antizyklisch zu steuern, weil z. B. in Mangelphasen (z. B. Lehrer) bereits restriktive und in Überschußphasen expansive Interventionsformen der Nachfragesteuerung legitimiert werden müßten. 6. Während das Duale System auf Abstimmungsprobleme eher an Schwelle 11 reagiert (über Mobilität, Berufs-, Betriebswechsel, Weiterbildung, inadäquate Beschäftigung), scheint das Hochschulsystem sich auf Dauer auch an Schwelle I über veränderte Studienanfängerströme anzupassen. 7. Signale, die aktuelle oder kommende Abstimmungsprobleme anzeigen und Verhaltensreaktionen induzieren, sind: -veränderte Faktorpreise -veränderte mengenmäßige Knappheitsrelationen (Angebots-Nachfragerelationen) im Arbeitsoder Ausbildungsmarkt -die Erwartung solcher Veränderungen -Prognosen solcher Veränderungen. 8. Reaktionen auf ein Abstimmungsproblem können je nach FriStlgkeit sein: -Bereitschaft, Faktorpreise zu senken oder anzuheben -Fachbzw. Ausbildungsberufswechsel(bereitschaft) -Bereitschaft zu/und Angebot "inadäquater" Beschäftigung -Bildungsund Berufsberatung .- Warteschleifen im Bildungssystem -Technologieoder Kapazitätsstrategien der Bildungsinstitutionen/des PAS -Variation der Selektionskriterien an den verschiedenen Schwellen über: Preise, Tests, Zertifikatsanforderungen, Leistungsanforderungen -Berufs-, Betriebs-, Branchenwechsel (Flexibilität, Substitutionen) -curriculare Strategien (z. B. Schlüsselqualifikationen) -technische und organisatorische Umstellungen der Beschäftiger, Aufgabenumverteilungen -educational upand downgrading of jobs. Diese Liste von Reaktionsund Interaktionsalternativen legt die These nahe, daß das Abstimmungspotential zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem erheblich ist und in der öffentlichen Diskussion unterschätzt wird. Das Hauptproblem liegt im Zeitbedarf der Reaktionen, der z. T. auf die institutionell 5' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
68 Dieter Timmermann bedingte Dauer der Bildungsund Ausbildungsprozesse zurückzuführen ist. Strukturreformen im Bildungssystem könnten diesen Zeitbedarf erheblich senken. 9. Qualifikationsspezifische Einkommensstrukturveränderungen sind angesichts institutioneller Lohnrigiditäten der Nominallöhne am ehesten über qualifikationsdifferentielle Nominallohnsteigerungen oder über qualifikationsspezifische Lohndriftdifferentiale zu erwarten. 10. die qualitative Abstimmungsproblematik besteht in der Optimierung der Qualifikationsprofile im Hinblick auf die kurzund langfristigen Qualifikationsanforderungen des Beschäftigungssystems und die damit zusammenhängende Mischung von konkreten und abstrakten bzw. Schlüsselqualifikationen. Hier ergibt sich ein dreifaches Problem: zum einen werden an das Bildungssystem autonome Qualifikationsanforderungen im Bereich von Sozialisationsund Persönlichkeitsbildungsfunktionen herangetragen, die mit den Qualifikationsanforderungen konfligieren können (vgl. Oblinger, o.J.; Fend 1980, S. 13ff.). Zweitens scheinen sich die Qualifikationsanforderungen an den Arbeitsplätzen zunehmend auf abstrakt-fachliche und soziale Qualifikationen zu verlagern (vgl. Offe 1975; Asendorf-Krings 1980). Das Eindringen der Neuen Technologien scheint dienen Prozeß zu beschleunigen und zu verstärken (vgl. GyzickijWeiler 1980). Es fragt sich, welches Interesse Betriebe in Zukunft haben werden, zunehmend generelle Qualifikationen zu vermitteln. Möglicherweise kommt hier ein neues und gewaltiges Abstimmungsproblem auf die Gesellschaft bzw. das Bildungssystem zu. Drittens schließlich müssen grundlegende technische Innovationen im Produktionssystem, die relativ schnell diffundieren, notwendig Qualifikationsdefizite erzeugen (Beispiel Mikroelektronik), weil die allgemeinbildenden und Berufsschulen, aber auch die Weiterbildungseinrichtungen und Betriebe selbst Zeit benötigen, um sich mit den neuen Qualifikationsinhalten vertraut zu machen. Zudem reichen die Kapazitäten nicht aus, um in kurzer Zeit nahezu allen Erwerbstätigen die erforderlichen Zusatzqualifikationen zu vermitteln. In diese Angebotslücken können dann ungehindert kommerzielle Anbieter stoßen, was einmal mehr auf die große Abstimmungsvarietät verweist. 11. Die Abstimmungsproblematik zwischen Bildungsund Beschäftigungssystem wird häufig mit den Begriffen Koppelung, Entkoppelung und Interdependenz beschrieben (vgl. z. B. Reuter 1978, S. 12ff.). Während die Interdependenzthese von Lutz (1976, 1979) die Abstimmungsprozesse angemessen faßt, liegt die Schwäche seiner Begründung darin, daß Lutz die Interdependenz aufgrund von Strukturvergleichen zwischen den Bildungsund Beschäftigungssystemen in Frankreich und Deutschland postuliert, ohne die Interdependenz auf der Prozeßebene aufzuzeigen, d. h. er argumentiert im Prinzip auch nur vom Ergebnis her. Zudem beschränkt er die Interdependenz auf die Interaktion zwischen den Betrieben und dem PAS. Die Bildungsnachfrager, deren Verhalten eine wichtige Rolle in diesen Abstimmungsprozessen spielen, werden von Lutz übergangen. Sein Interdependenzmodell ist somit zu einfach. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 69 Die Koppelungsoder Subordinationsthese besagt, das Bildungssystem sei dem Beschäftigungssystem untergeordnet; letzteres diktiere den quantitativen und qualitativen Qualifikationsbedarf, den das Bildungssystem zu befriedigen habe. Die Kritik von Offe (1975) und Lutz (1976) an dieser explikativen wie normativen Position vor dem Hintergrund der Schwächen der Bedarfsprognostik erweist die Koppelungsthese nicht nur als zu simpel, sondern auch als nicht haltbar. Ihre Vertreter haben bisher kein Modell der Abstimmungsprozesse vorgetragen, die diese Koppelung gewährleisten könnten. Auch das der Entkoppelungsthese zugrundeliegende Modell kann die Realität des Abstimmungsprozesses nicht hinreichend fassen. Es überschätzt die Anpassungsfähigkeit des Beschäftigungssystems, es unterschätzt aber vor allem die Reaktionen der Bildungsnachfrager auf Ungleichgewichte. Selbst wenn die bildungspolitische Strategie eine autonome Entkoppelungsstrategie sein sollte, ist sie aufgrund der induzierten Verhaltenskomponente der Bildungsnachfrager vor allem an Schwelle I nicht durchhaltbar (vgl. zu diesen Thesen im einzelnen Strikker /Timmermann 1986). Eine generelle These dazu lautet abschließend: angesichts der komplexen Verhaltensrückkoppelungen zwischen den Akteuren im Bildungsund Beschäftigungssystem ist weder die These noch das Postulat der Koppelung des Bildungssystems an das Beschäftigungssystem haltbar, noch sind die These der und die Forderung nach Entkoppelung angemessen. Das Beziehungsund Abstimmungsgeflecht ist das einer hochkomplexen Interdependenz zwischen den Akteuren in beiden Systemen einschließlich des PAS. Vielleicht kann es gelingen, diese Interdependenz schrittweise zu modellieren. Literaturverzeichnis Ackermann, K.-F. : Die Planung des Bedarfs an Auszubildenden in Industrieunternehmen, in: Weber, W. (Hrsg.) Betriebliche Ausund Weiterbildung, Paderborn et al. 1983, S. 9-38. A/bach, H.: Die Kosten der betrieblichen Berufsausbildung nach den Ergebnissen der Sachverständigenkommission, in: Albach, H. (Hrsg.): Kostenrechnung der beruflichen Bildung. USW-Schriften für Führungskräfte, Bd. 1 a, Wiesbaden 1978, S. 29 - 53. Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik (Hrsg.): Öffnung der Hochschule, Hamburg 1977. Arbeitsgruppen des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung und des MaxPlanck-Instituts für Bildungsforschung: Bedarfsprognostische Forschung in der Diskussion. Probleme, Alternativen und Forschungsnotwendigkeiten aus der Sicht der Arbeitsmarkt-, Berufsund Bildungsforschung, Frankfurt 1976. Armbruster, D.: Expansion und Innovation, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Studien und Berichte, Berlin 1971. Aschenbrenner, D.: Zukunftsperspektiven im Blick auf Bildungssystem und Beschäftigungssystem, in: Ev. Akademie Rheinland-Westf., Haus der Begegnung Mülheim a.d. Ruhr, Protokoll vom 9.(10. 12. 1978, S. 64-79. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
70 Dieter Timmermann Asendarf-Krings, I.: Facharbeiterqualifikation als Basis betrieblicher Rationalisierungsstrategien, in: Ulrich Beck (Hrsg.) Bildungsexpansion und betriebliche Beschäftigungspolitik. Beiträge zum 19. Dt. Soziologentag Berlin 1979, Frankfurt 1980, S. 243251. Ausschuß für Bildung und Wissenschaft, Stenographisches Protokoll der 15. Sitzung vom 14. September 1977, "Bildungsund Beschäftigungssystem", Bonn 1977. Ausschuß für Bildung und Wissenschaft: Thesenartige Auswertung der nichtöffentlichen Sachverständigenanhörung zum Thema: Bildungsund Beschäftigungssystem, Bonn 1977. Baethge, M. / Michler, O. / Mohr, W.: Erfassung des Zusammenhangs zwischen Qualifikation und Arbeitsmarkt, in: Beiträge aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung 15, Bildungsund Qualifikationsforschung, Nürnberg 1977, S. 165 -186. Baethge, M. et al. (SOFI): Entwicklungstendenzen von Ausbildungsund Beschäftigungsstrukturen im Angestelltenbereich unter den Bedingungen eines erhöhten Angebots von Absolventen weiterführender Bildungseinrichtungen und fortschreitender Rationalisierung -Phase I. Endbericht der Phase I. Göttingen, November 1978. -Auswirkungen des erhöhten Angebots an Absolventen weiterführender Bildungseinrichtungen auf das Ausbildungsverhalten und die Personalrekrutierung in angestelltenintensiven Bereichen des Beschäftigungssystems, in: Bildungsexpansion und betriebliche Beschäftigungspolitik. Beiträge zum 19. Dt. Soziologentag Berlin 1979, Frankfurt 1980, S. 171-182. Baethge, M. / Oberbeck, H.: Berufsund Qualifikationsforschung. Kurseinheit 3. Fernuniversität Hagen, 1984. Baethge, M./Teichler, U.: Bildungssystem und Beschäftigungssystem, in: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft. Lenzen, D. (Hrsg.) Bd. 5, Organisation, Recht, Ökonomie des Bildungswesens, Stuttgart 1984, S. 206-225. Balkhausen, D.: Mikroelektronik -die dritte industrielle Revolution. In: aus politik und zeitgeschichte. B7/80, S.17 - 35. Baur, R.: Elternhaus und Bildungschancen. Eine Untersuchung über die Bedeutung des Elternhauses für die Schulwahl nach der 4. Klasse Grundschule. Weinheim und Basel 1972. Becker, G.: Human Capital. A Theoretical and Empirical Analysis with Special Reference to Education. A second edition. New York and London 1975. Blassfeld, H.-P.: Berufseintritt und Berufsverlauf. Eine Kohortenanalyse über die Bedeutung des ersten Berufs in der Erwerbsbiographie, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 2, 1985, S. 177 -197. Blüm, A. / Frenzel, U. / Weiler, U.: Vom Schülerberg zum Rentnerberg -Die programmierte Dauerkrise? Sonderdruck aus Battelle -Information 24, Frankfurt a. M. 1976. Badenhöfer, H.-J.: Unternehmenswachstum, Qualifikationsstruktur und Absorption eines höheren Qualifikationsangebots, in: H.-P. Widmaier (Hrsg.): Das Arbeitskräfteangebot zwischen Markt und Plan, Berlin 1983, S. 11 - 60. Böning, E.: Zur Wechselbeziehung von Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem, in: Deutsche Universitätszeitung/Hochschuldienst 24, 1974, S. 1026-1029. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem Bolle, M. (Hrsg.): Arbeitsmarkttheorie und Arbeitsmarktpolitik, Opladen 1976. Bowles, S./Gintis, H.: Schooling in Capitalist America. New York 1976. 71 Brandes, H.: Funktionswandel der Hochschulen, Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnisse. Ziele und Konsequenzen des Konzepts der "Entkoppelung von Qualifikationen und Berechtigungen", in: Bracht, O. u. a. (Hrsg.): Hochschulrahmengesetz, Hochschulpolitik und Klassenauseinandersetzungen in der BRD, Köln 1977, S.118-145. Bundesinstitut für Berufsbildung (BIB): Qualifikationsforschung und berufliche Bildung. Tagungen und Expertengespräche zur beruflichen Bildung, Heft 2, Berlin 1979. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.): Hochschulabsolventen im Beruf, Wuppertal1976. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Berufsbildungsbericht 1977. Schriftenreihe Berufliche Bildung 4, WolfenbütteI1977. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (1977a): Zehn Thesen zum Verhältnis von Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem, in: Peters/Gollhardt (1977); S.24-28. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Berufsbildungsbericht 1979. Schriftenreihe Bildung 10, Wolfenbüttel1979. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Studium und Hochschulpolitik. Schriftenreihe Hochschule 39, Bonn 1981. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Berufsbildungsbericht 1983. Schriftenreihe Berufliche Bildung 15, Wolfenbüttel1983. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (1984a): Einsatz von Arbeitskräften mit Hochschulund Fachhochschulabschluß in der BRD. Weisshuhn, Gemot; Bad Honnef 1984. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (1984b): Hochschulzertifikate in der Betrieblichen Einstellungspraxis, Studien zu Bildung und Wissenschaft 6, Bonn 1984; (Teichler et al. 1984). Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Studiensituation und studentische Orientierungen: eine empirische Untersuchung im WS 82/83, Bad Honnef 1984; (Peisert et al. 1984). Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Berufsbildungsbericht 1985. Schriftenreihe Berufliche Bildung 17, Bad Honnef 1985. Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung: Strukturprobleme im Verhältnis von Bildungssystem und Beschäftigungssystem und ihre Konsequenzen für die Bildungspolitik, Bonn 1983. Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung: Künftige Perspektiven von Hochschulabsolventen im Beschäftigungssystem, Drucksache K25/83, Bonn 1985. Busch, D. W.: Berufliche Flexibilität als Dimension von Bildungsund Sozialisationsprozessen, in: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung 30(1), Mertens, D./Kaiser, M. (Hrsg.), Nümberg 1978, S. 51-68. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
78 Dieter Timmermann Pfriem, H.: Konkurrierende Arbeitsmarkttheorien. Neoklassische, duale und radikale Ansätze, Frankfurt a. M. 1979. Picht, G.: Die deutsche Bildungskatastrophe, Olten u. Freiburg i. Br. 1964. Pieper B.: Vom Lehrermangel zur Lehrerarbeitslosigkeit. Bildungspolitik als geschichtliches Dilemma. Wissenschaftliche Texte, Bd.4, Münster 1984. Reinhard, L. F., Strangmeier: Der Arbeitsmarkt für Akademiker. Soziale Struktur und Steuerung, Frankfurt 1978. Riese H.: Wechselbeziehung zwischen Arbeitsmarkt und Bildungswesen, in: Arndt, H., Swatek, D.: Grundfragen der Infrastrukturplanung für wachsende Wirtschaften. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, N.F., Band 58, Berlin 1971, S. 471-490. -Bedarfstheorie und Expansion des Hochschulbereichs, in: Heindlmaier u. a. 1973, S.1-8. Reuter L.-R.: Bildungsund Beschäftigungssystem, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 2, 1978, S. 3-28. Rippe, W.: Die Analyse von Entscheidungsprozessen bei der Nachfrage nach Arbeitskräften. Vortragsmanuskript, Bamberg, o.J. Rolff, H. G. j H ansen, G. j Klemm, K. j Tillmann, K. -J. (Hrsg.): Jahrbuch der Schulentwicklung. Daten, Beispiele und Perspektiven. Band 3. Weinheim und Basel 1984. Sachverständigenkommission Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung: Zwischenbericht der Kommission, Bonn 1973. Sachverständigenkommission Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung: Kosten und Finanzierung der beruflichen Bildung, Bonn 1974. (Abschlußbericht). Sadowski, D.: Berufliche Bildung und betriebliches Bildungsbudget, Stuttgart 1980. -Planungsdefizite und Akademikerbedarf kleinerer und mittlerer Unternehmen, in: Unternehmensplanung. BrockhoffjKrelle (Hrsg.): BerlinjHeidelberg 1981. Scharpf F. W. j Gensior, S. j Fiedler, (Hrsg.): Beschäftigungsmöglichkeiten für arbeitslose Hochschulabsolventen in Berlin (West). Meisenheim 1979. Schindler, G.: "Gesellschaftliche Anforderungen" am Beispiel der aktuellen hochschulpolitischen Diskussion, in: Symposium. Hochschule im Spannungsfeld von externer Funktionalität und interner Rationalität. FU Berlin, Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung "Ökonomische Theorie der Hochschule" Heft 3, Berlin 1984, S.168-184. Schlegelmilch, C.: "Grauzonen" des sozialen Verbleibs von Hochschulabsolventen als Forschungsproblem, in: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung 77, Hochschulexpansion und Arbeitsmarkt, Nürnberg 1983, S. 48-59. Schmidtberg, U.: Chancenverteilung auf dem Arbeitsmarkt. Zugangsund Verbleibsrisiken der Arbeitslosigkeit, Frankfurt a. M. 1981. Schober, K.: Jugend im Wartestand. Zur aktuellen Situation der Jugendlichen auf dem Arbeitsund Ausbildungsstellenmarkt. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung Heft 2,1985, S. 247-264. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 79 Schorb, A. O. / Spies, W.: Kongruenz von Bildungssystem und Beschäftigungssystem durch staatliche Lenkung oder konsequente Öffnungspolitik und Lockerung der Beziehung zwischen Bildungssystem und Beschäftigungssystem. In: Ev. Akademie Rheinland-Westfalen, Haus der Begegnung Mülheim a. d. Ruhr. Protokoll v. 9./10. 12. 1978, S. 16-31. Schunk, K.: Die Erfassung der Erträge der Berufsausbildung, in: Albach, H. (Hrsg.) Kostenrechnung der beruflichen Bildung. USW-Schriften für Führungskräfte, Bd. 10, Wiesbaden 1978, S. 29-238. Sengenberger, W.: Arbeitsmarktstruktur. Ansätze zu einem Modell des segmentierten Arbeitsmarktes. 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1978. -(Hrsg.) (1978b): Der gespaltene Arbeitsmarkt. Probleme der Arbeitsmarktsegmentation, Frankfurt 1978. -(Hrsg.) (1978b): Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit -auch ein Strukturproblem des Arbeitsmarktes, Frankfurt a. M. 1978. Sommer, M. (Hrsg.): Lehrerarbeitslosigkeit und Lehrerausbildung. Diagnosen und Strategien zur Überwindung der Krise. Opladen 1986. Ständige Konferenz der Kultusminister: Vorausberechnung der Schülerund Absolventenzahlen 1973 bis 1995. Dokumentation Nr. 50. Bonn 1976. Statistisches Bundesamt: Bildung im Zahlenspiegel1985. Wiesbaden 1985. Staudt, E.: Neue Technologien und deren Auswirkungen auf die Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, in: Biethahn, J./Staudt, E. (Hrsg.): Datenverarbeitung in der praktischen Bewährung. München/Wien 1984, S. 98-119. Stegmann, H./ Kraft, H.: Jugendliche an der Schwelle von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit: Methode und erste Ergebnisse der Wiederholungserhebung Ende 1980, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 1, 1982, S. 3649. -Abiturient und betriebliche Berufsausbildung. Nachfrage nach Ausbildungsplätzen, Übergang in eine betriebliche Berufsausbildung und späteres Studium, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 7, 1983, S. 28-38. -(1983a): Vom Ausbildungszum Arbeitsvertrag. Übernahmeangebot, beabsichtigter Betriebswechsel sowie tatsächliches Übergangsverhalten nach Abschluß der Berufsausbildung. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 3, 1983, S. 235-251. -Studenten in höheren Semestern -Einstellungen zum Studium und zum zukünftigen Beruf. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 2, 1984, S.216-230. Steiger, H. (1972): Soziale Herkunft der Schüler an den allgemeinbildenden Schulen. Ergebnis einer Zusatzbefragung zum Mikrozensus im Juli 1972. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, Heft 5, Wiesbaden 1972, S. 332-339. -Der Einfluß des Elternhauses auf die schulische und berufliche Ausbildung der Kinder. Ergebnis der Zusatzbefragung zum Mikrozensus im Juli 1973. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, Heft 8, Wiesbaden 1973, S. 462-466. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
80 Dieter Timmermann Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e. V. (Hrsg)(1976a): Die geburtenstarken Jahrgänge und die Aufnahmefähigkeit des Bildungssystems. Ergebnisse des vorbereitenden Arbeitskreises. Villa-Hügel-Gespräch am 25. 5. 1976, Essen. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e. V. (Hrsg.)(1976b): Bildungsexpansion und Beschäftigungsstruktur -Am Beispiel des Abiturientenproblems. Dokumentation eines bildungspolitischen Gesprächs. Essen, Villa-Hügel, April 1975. Essen 1976. Stooß, F.: Das Janusgesicht der Bildungsexpansion. In: Evangelische Akademie Rheinland-Westfalen, Haus der Begegnung Mülheim a. d. Ruhr. Protokoll der Tagung vom 9./10.12.1978, S. 2-15. -Jugendarbeitslosigkeit. Entstehung, Abläufe, Strukturen und Wege zum Abbau der Probleme. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. B 38/1982, S. 33 -46. Strikker, F./Timmermann, D.: Bildung, Ausbildung und was dann? Feine Signale und harte Fakten. Überlegungen zur Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem. In: Rammert, W./Timmermann, D. (Hrsg.): Kritik der Bildungsökonomie als Sozialwissenschaft. Die sozialwissenschaftliche Wende der kritischen Bildungsökonomie. Mehrwert 27, Bremen 1986, S. 110-181. Teichler, U. / Hartung, D. / Nuthmann, R.: Hochschulexpansion und Bedarf der Gesellschaft. Stuttgart 1976. Teichler, U.: Bildungssystem, Beschärtigungssystem und soziale Struktur, in: Deutsche U niversitätszeitung/Hochschuldienst 17, 1978, S. 534 -539. -Hochschule und Beruf. Reihe Sozialwissenschaft, Frankfurt 1979. - Zum Wandel von Bildung und Ausbildung in den 70er und 80er Jahren. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 2, 1985, S. 167 -176. Tessaring, M.: Zum Verbleib der Hochschulabsolventen seit 1971. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 2, 1978, S. 171-177. -Arbeitsmarktindikatoren als Determinanten der Nachfrage nach Hochschulausbildung und betrieblicher Ausbildung. Manuskript für die Tagung des Ausschusses "Bildungsökonomie" des Vereins für Sozialpolitik am 24./25. Mai 1980 in Bremen, Nürnberg 1980. -(1980a): Evaluation von Bildungsund Qualifikationsprognosen insbesondere für hochqualifizierte Arbeitskräfte. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, 13. Jg., Heft 3, Nürnberg 1980, S. 274-297. -Arbeitslosigkeit, Verbleib und Beschäftigungsmöglichkeiten der Hochschulabsolventen. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 4, 1981, S. 391 - 404. -Beschäftigungsmöglichkeiten und Arbeitsmarktrisiken hochqualifizierter Arbeitskräfte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung das parlament. B 38/82, S. 17 - 31. -(1983a): Akademikerbeschäftigung im Wandel, in: Widmeier, H.-P. (Hrsg.): Das Arbeitskräfteangebot zwischen Markt und Plan. Berlin 1983, S. 251-280. -(1983b): Verbleib und Beschäftigungspotentiale von Hochschulabsolventen -Thesen. In: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung, 77 Hochschulexpansion und Arbeitsmarkt. Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung, Nürnberg 1983, S. 2033. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Die Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem 81 -Anforderungen an ein modernes Hochschulsystem. Funktionalität aus der Sicht des Arbeitsmarktes. In: Symposion. Hochschule im Spannungsfeld von externer Funktionalität und interner Rationalität. FU Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung "Ökonomische Theorie der Hochschule". Heft 3, Berlin 1984, S. 40 - 58. Tessaring, M. j Weißhuhn, G.: Der Bestand an Hochschulabsolventen bis zum Jahre 2000. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 1, 1985, S. 84-91. Teufel, E. (Hrsg.): Berufund Bildung. Protokoll einer Anhörung der CDU-Landtagsfraktion am 21. Januar 1983, bearbeitet von Branswetter, H., Stuttgart 1983. Thurow, L.C.: Generating Inequality. New York 1975. -Die Arbeitskräfteschlange und das Modell des Arbeitsplatzwettbewerbs. In: Sengenberger, W. (Hrsg.): Der gespaltene Arbeitsmarkt. Probleme der Arbeitsmarktsegmentation. Frankfurt 1978, S. 117 -138. Timmermann, D. et al.: Schulentwicklungsplanung am Beispiel der Stadt Bielefeld. Ein Lehrforschungsprojekt. Bielefeld 1984. -Arbeitslose Lehrer in der BRD. Opfer der Demographie oder Schlachtlämmer einer verfehlten Bildungspolitik, Bielefeld 1984. -Gebührenfinanzierung der Hochschulausbildung: allokative und distributive Aspekte. In: G. Brinkmann (Hrsg.): Probleme der Bildungsfinanzierung, Berlin 1985, S. 157208. -Die Entwicklung des Lehrermarktes in der Bundesrepublik Deutschland. In: Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Bielefeld (Hrsg.): Regionalkonferenz zur Lehrerarbeitslosigkeit -Dokumentation -vom 22. 5. 1985, S. 23 - 56, Bielefeld 1986. Titze, H.: Überfüllungskrisen in akademischen Karrieren: eine Zyklustheorie. In: Zeitschrift für Pädagogik, Heft 27,1981, S.187-224. -Historische Erfahrungen mit der Steuerung des Lehrerbedarfs. Ein Beitrag aus der Sicht der historischen Bildungsforschung. In: Sommer 1986, S. 18-41. Troll, L.: Arbeitsplatz Büro. Beruf, Qualifikation und Arbeitsplatzsituation im Wandel, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 4, 1982, S. 480 -496. Tommer-Krug, L.I Krappmann, L.: Soziale Herkunft und Schulbesuch. Eine Zusammenstellung von Daten aus der amtlichen Statistik und aus empirischen Untersuchungen über die soziale Herkunft von Schülern an allgemeinbildenden Schulen. In: MaxPlanck-Institut für Bildungsforschung, Projektgruppe Bildungsbericht: Bildung in der Bundesrepublik Deutschland. Daten und Analysen, Band 1, Entwicklungen seit 1950, S. 217-281, Reinbek 1980. Webler, W. D.: Wissenschaftsentwicklung oder Berufsanforderungen -wer steuert? Unstimmigkeiten bei der Abstimmung von Bildungsund Beschäftigungssystem, in: Teichler, U. (Hrsg.) Hochschule und Beruf -Probleme und Forschungsperspektiven, Frankfurt a.M. 1979, S. 9-38. Weiß, R.: Determinanten des betrieblichen Ausbildungsplatzangebotes, in: Wirtschaft und Berufserziehung, Nr. 7, 1985, S.206-212. Weißhuhn, G.: Berufliche Flexibilität in der Theorie und Empirie des Arbeitsmarktes der BRD, in: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung 30(1), Mertens, D. jKaiser, M. (Hrsg.), Nürnberg 1978, S. 28-34. 6 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
82 Dieter Timmermann -(1978a): Berufliche Flexibilität unter dem Gesichtspunkt der Allokation von Arbeitskraft. In: Beiträge zur Arbeitsmarktund Berufsforschung 30(1), Mertens, D./Kaiser, M. (Hrsg.), Nürnberg 1978, S. 303-347. -(1978b): Beschäftigungschancen und Qualifikation, Frankfurt 1978. Weißhuhn, C. / element, W.: Analyse der qualifikationsspezifischen Verdienstrelationen in der BRD auf der Basis der Beschäftigungsstatistik 1974/77. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 1, 1982, S. 30-49. Weizsäcker, C. Chr. v.: Hochschulstruktur und Marktsystem. Selbstregulierung als Strategie der Verflechtung von Bildungsund Beschäftigungssystem. In: Die deutsche Hochschule zwischen Numerus Clausus und Akademikerarbeitslosigkeit. Der doppelte Flaschenhals. Lohmar, U./Ortner, G.E. (Hrsg.), Hannover 1975, S. 306-324. Wessei, H.: Determinanten der Bildungsnachfrage: Theorie und Empirie der individuellen Nachfrage nach weiterführender Bildung. Dissertation, Bielefeld 1980. Wiese, W.: Elternstatus, Lehrerempfehlung und Schullaufbahn. Eine empirische Analyse des Einflusses des Schülers. In: Zeitschrift für Soziologie, Heft 1, 1982, S. 49-63. Windolf, P.: Betriebliche Rekrutierungsstrategien. Eine empirische Typologie. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 2,1983, S. 109-121. Winkler, G.: Zur Diskussion "Ausgleich von Angebot und Nachfrage im Bildungswesen" . In: Wirtschaftspolitische Blätter, Heft 2,1977, S. 115-121. Wolfmeyer, P.: Bildungsexpansion und Arbeitsmarkt. In: Mitteilungen des RheinischWestfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, 1981, S. 97-115. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"A~!ldemisierung" des Beschäftigungssystems am Ubergang von der Hochschule in den Beruf Von Manfred Kaiser, Nürnberg 1. Einordnung und Zielsetzung Eine "Theorie der Akademisierung des Beschäftigungssystems" hat von folgendem Informationsstand auszugehen: Es scheint ein Entwicklungsgesetz für wachsende Wirtschaften zu existieren, nach welchem der Anteil der Hochqualifizierten an der Gesamtbeschäftigung zunimmt. Es gibt keine beobachtbaren Bewegungen in der umgekehrten Richtung. Dies gilt für Industrieländer genauso wie für Entwicklungsländer. Das bedeutet, daß nur Expansionsspielräume in ihrem Umfang diskutiert werden können, aber nicht die Möglichkeit, daß der Markt auch absolut schrumpfen könnte, was als unwahrscheinlich angesehen wird. Steigende Bestandszahlen an Akademikern in der Erwerbsbevölkerung signalisieren, daß eine beachtliche Zunahme an Arbeitsplätzen für Hochschulabsolventen in der Vergangenheit stattgefunden hat. Diese unterscheidet sich von Fachrichtung zu Fachrichtung und variiert auch nach Berufen, Wirtschaftszweigen, AufgabensteIlungen und Anforderungen. Einerseits wurden neue Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen eingerichtet, andererseits bestehende Arbeitsplätze mit niedrigeren Anforderungen für Hochschulabsolventen umgewidmet; an bestehenden Arbeitsplätzen haben sich die Anforderungen erhöht, so daß sie nunmehr für Akademiker "ausbildungsadäquat" sind. Damit ist auch -bedingt durch den technischen und sozialen Fortschritt -die Arbeitsteilung in hochentwickelten Industriegesellschaften differenzierter, schwieriger und komplexer geworden. Wachsende Wirtschaften bedürfen zur Lösung der anfallenden Aufgaben daher auch des Einsatzes entsprechend veränderter und anspruchsvollerer Qualifikationen. Diese bringen in vielen Fällen nur die Hochschulen hervor. War bis tief in die 70er Jahre hinein Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen unbekannt, so sind seit Mitte der 70er Jahre von ihr Akademiker auch nicht verschont geblieben. Die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen hat 1983 die Grenze von 100.000 überschritten. Im September 1985 waren knapp 118.000 Akademiker bei den Arbeitsämtern arbeitslos gemeldet -also ca. 3 % mehr als im Vorjahr (1984). Die Arbeitslosenquote für Hochschulabsolventen -das ist der Anteil der Arbeitslosen an allen Erwerbspersonen mit einem Hochschulab6" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
84 Manfred Kaiser schluß -lag bis 1978/79 deutlich, von 1979 bis 1984 dagegen nur noch geringfügig über denen der Absolventen mit Fachhochschulabschluß. 1984 betrug die Arbeitslosenquote für Fachhochschulund Universitäts absolventen zwischen 4,8 % und 4,9 %; sie lag damit nicht nur unter der durchschnittlichen Arbeitslosenquote (8,6 %), sondern war auch niedriger als die Arbeitslosenquote für betrieblich Ausgebildete (5,8 %) und sie war markant niedriger im Vergleich zu den Anund Ungelernten (18,7 %). Vor diesem Hintergrund haben sich die Schlagworte vom akademischen Proletariat, von einer Akademikerschwemme, einer Akademikerflut gegen Ende der 80er Jahre, vom taxifahrenden Akademiker oder dem am Markt vorbeistudierenden Studenten und Hochschulabsolventen entwickelt. Dem geburtenstarken Akademikernachwuchs stehen relativ wenige Personen gegenüber, die aus den geburtenschwachen Jahrgängen um und nach dem ersten Weltkrieg das Pensionsalter erreichen. Vom Ersatzbedarf gehen somit nur geringe Impulse auf die Hochschulabsolventenbeschäftigung aus, zumal ein Gutteil der freigewordenen Arbeitsplätze nicht immer mit neuen Kräften besetzt worden ist oder wird. Entschärft werden diese schwachen Ersatzbedarfserfordernisse oft dadurch, daß Akademiker for innovatorische und neue Aufgaben ausgebildet und verwendet werden, für die es in der Vergangenheit keinen feststellbaren Bedarf gegeben hat. Beschäftigungssteigernd für Hochschulabsolventen ist auch die Tatsache, daß insbesondere der gehobene Dienst in der Bundesrepublik Deutschland künftig nur für Akademiker vorbehalten sein dürfte. Nicht nur von den Hochschulabsolventen wird bei der Besetzung von Arbeitsplätzen ein hohes Maß an Anpassungsvermögen und Flexibilität verlangt, sondern auch von den Arbeitgebern. Diese sind oft genötigt, Hochschulabsolventen auf Arbeitsplätzen zu beschäftigen, für die sie ursprünglich gar nicht ausgebildet worden sind. Arbeitgeber und Arbeitskräfte sind für die Begründung von Beschäftigungsverhältnissen in der Vergangenheit zu vielfältigen Konzessionen bereit und gezwungen gewesen. Ein wesentlicher Aspekt sind die strukturellen Wirkungen eines steigenden Angebots an Akademikern. Danach dürften Beschäftigungsverschiebungen unvermeidbar sein. Die öffentliche Hand wird nicht mehr wie in der Vergangenheit nahezu 60 % der Hochschulabsolventen aufnehmen können. Ein verstärktes Angebot an Hochschulabsolventen wird auf den nichtöffentlichen Sektor - also auf die Privatwirtschaft -zukommen. Dies kann im Vergleich zur Entwicklung in der Vergangenheit eine gravierende Schwerpunktverlagerung mit entsprechenden Friktionen bedeuten. In der Vergangenheit vollzogen sich gleichzeitig verschiedene, oft gegenläufige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen. Neben gleichwertigen Andersqualifizierungsbzw. Umstrukturierungstendenzen waren solche der Dequalifizierung, aber auch der Höherqualifizierung zu verzeichOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akadernisierung" des Beschäftigungssystems 85 nen. Beispielsweise zeigen Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten, daß Hochschulabsolventen, die nach dem heutigen Verständnis auf als nicht adäquat (unterwertig) empfundenen mittleren gehobenen Positionen beschäftigt werden, nach wenigen Jahren eine hohe Berufszufriedenheit entwickeln und ihre Ausbildung als sinnvoll ansehen. Als Fazit ist festzuhalten, daß Industrieund Dienstleistungsgesellschaften einen steigenden Bedarf nach Besserund Höherqualifizierten entfalten und ein gewisses Maß an Überqualijikation gesellschaftlich wahrscheinlicher und eher erträglicher ist als eines an Unterqualijikation (Mertens 1976). Diese wenigen Ausführungen verdeutlichen, daß die Akademikerbeschäftigung komplex angelegt ist, ihre Definitionskriterien mehrdimensional sind, und sie von einer Vielzahl von Einflußund Bestimmungsfaktoren abhängig ist. In einem ersten Abschnitt wird daher das Konzept des Akademisierungsgrades als Indikator für die Verbreitung der Akademikerbeschäftigung in einer Erwerbsbevölkerung sowie seine wichtigsten Komponenten erörtert. Zuund Abströme ihrerseits bestimmen den Grad der Akademisierung eines Beschäftigungssystems. Als einer der wichtigsten Zugangsschwellen erweist sich dabei der Übergang von der Hochschule ins Erwerbsleben. Je nachdem wie durchlässig diese Schwelle ist und welcher Absolventenandrang besteht, reguliert sich der Grad der Akademisierung. Eine theoretische Fundierung der Akademisierung eines Beschäftigungssystems mit einem Konzept des Übergangsverhaltens von der Hochschule in Arbeit und Beruf muß daher folgende Dimensionen berücksichtigen: das Berufswahlund Bewerbungsverhalten der Hochschulabsolventen selbst, das Rekrutierungsund Beschäftigungsverhalten der Betriebe bzw. der Arbeitgeber, die Aushandlungsprozesse zwischen erwerbswilligen Hochschulabsolventen und Arbeitgebern sowie Aspekte zur Übergangsdauer. Nach diesen Gesichtspunkten lassen sich die meisten verfügbaren empirischen Studien klassifizieren, in ihren Ergebnissen darstellen sowie auch zu einem theoretischen Rahmenkonzept integrieren und verdichten. 2. Grundkonzept und Annahmen Als Basisund Orientierungskonzept für die folgenden Ausführungen dient der Akademisierungsgrad (oder auch Akademikerquote genannt) (vgl. im folgenden Kaiser 1977). 2.1 Akademisierungsgrad Der Akademisierungsgrad enthält zwei Definitionsbestandteile: einen über den Akademikerbegriff und einen quantitativ bestimmbaren. In Anlehnung an die in der Erwerbsstatistik übliche Eingrenzung werden Akademiker (= Erwerbstätige mit Hochschulabschluß) definiert: Zu Akademikern (= Hochschulabsolventen) in der Bundesrepublik Deutschland gehören Personen, die an OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
86 Manfred Kaiser einer Universität (Technischen Hochschule, Wirtschaftshochschule, Pädagogischen Hochschule, Philosophisch-Theologischen, Kirchlichen und Künstlerischen Hochschule) und seit der Fachhochschulgesetzgebung in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1969 und 1971 an den Fachhochschulen studiert und/oder einen Abschluß erworben haben. Fachschul-, Volkshochschulabsolventen, Absolventen von Berufsakademien oder Studienabbrecher zählen nicht dazu. Quantitativ ist der Akademisierungsgrad -definiert als der Anteil der erwerbstätigen Akademiker an der Gesamtheit aller Erwerbstätigen. Für den Akademiserungsgrad gilt zum Zeitpunkt tn: wobei bedeuten: an Akademisierungsgrad zum Zeitpunkt tn L in = Bestand an Akademikern zum Zeitpunkt tn L jn = Bestand an Nichtakademikern zum Zeitpunkt tn. Der Akademisierungsgrad liegt ex definitione zwischen Zahlenwerten von ,,+ 1" und" ± 0" (1 ~ a ~ 0). 2.2 Komponenten des Akademisierungsgrades Den Akademisierungsgrad kann man nach einer Vielzahl von Gesichtspunkten aufgliedern, wobei im folgenden nur die Zählergröße betrachtet wird. Zunächst ist er als das Ergebnis eines Ausgangsbestandes an Akademikern, dem "neue" Hochschulabsolventen zuströmen und aus dem Hochschulabsolventen abgehen, abzubilden. (I) Den Akademisierungsgrad kann man eingrenzen bzw. aufgliedern nach • dem Hochschulort: z. B. Hamburg, München etc. - • der Region: Land • der Fachrichtung: Ingenieure, Diplom-Kaufleute, usw. - Art der Arbeitsverhältnisse: • befristet vs. unbefristet • Teilzeitvs. Vollzeitarbeitsverhältnis etc. - Art des Übergangs ins Erwerbsleben wie nahtloser, verzögerter, "stotternder" oder unterbrochener Übergang u. ä. m. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 87 -nach beruflichen Merkmalen wie nach • dem ausgeübten Beruf • der Stellung im Beruf • der Hierarchie • dem Wirtschaftszweig • der Betriebsgröße • dem betrieblichen Einsatzbereich • dem Funktionsbereich • dem Einkommen • "Adäquanzkriterien" des beruflichen Einsatzes • nach "Fremdund/oder Selbstbestimmtheit" der zu erledigenden Arbeit etc. -Art des Arbeitsplatzverlaufs wie • rigider oder -vertikal substitutionaler oder horizontal substitutionaler oder neu geschaffener Arbeitsplatz etc. Aus folgenden Komponenten besteht nunmehr der Akademisierungsgrad (II) wobei Li = (Li! + L i2 + L i3 + . ·· ... L is ), wobei der Index 1 bis s die Ausprägungen eines der obigen Merkmale (z. B. Berufe etc.) bedeutet. Bezieht man weiterhin die Nennergröße in die Betrachtung ein, dann empfiehlt sich eine Eingrenzung nach in sich geschlossenen Einheiten. So kann man etwa den Gesamtbestand an Arbeitskräften nach einzelnen Regionen, Wirtschaftszweigen, Berufsgruppen, etc. untergliedern und für jede dieser Einzeleinheiten einen eigenen Akademisierungsgrad errechnen. Es gilt somit für den genannten Akademisierungsgrad: (III) wobei der Index 1 bis s etwa regionaloder wirtschaftszweigoder berufsspezifische Akademisierungsgrade symbolisiert und h1 bis hs Gewichtungsfaktoren für die einzelnen Einheiten (in bezug auf eine übergeordnete Einheit) darstellen. Die Definitionsgleichungen (I) und (II) zeigen auf, daß man den Akademisierungsgrad nicht nur in eine Vielzahl von Einzelkomponenten, Merkmalen und Aggregaten zerlegen kann, sondern auch, daß er vor allem -erstens von den Akademikerbeständen in einzelnen Bereichen -wie Regionen, Wirtschaftszweigen, Berufen etc. -im Zeitablauf abhängig ist; -zweitens von der Entwicklung dieser Bestände und damit maßgeblich vom Übergangsverhalten der Akademiker und ihrem Verbleibsverhalten im Erwerbssystem abhängig ist; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Übersicht 2: Wichtige Kennzeichen einzelner Erhebungen Lfd.- Autoren FundsteIle PopulationsAuswahlDatenquelIen AuswahlGröße der Nr. kriterien region bzw. Art der satz Erhebung! Erhebung Stichprobe (G = Grundgesamtheit) 1 2 3 4 5 6 7 8 1. Tessaring! BeitrAB UniversitätsBundes- -Mikrozen- -AngebotsWeisshuhn 90.3, und Fachrepublik suserhebunprojekS. 3-21 hochschulDeutschgen 1980 tionen absolventen land und 1982 -KMKPrognosen -Hochschulstatistik 2. HegelBeitrAB U niversitätsBundes- -Volksund 1961=100% n=770000 heimer 90.3, absolventen republik Berufszäh1970= 10% n=990000 23-46 Deutschlungen (VBZ) 1961 und 1970 -Mikrozensus 1980= 1% n= 14200 1980 (G siehe Spalte 8) 3. Weisshuhn BeitrAB U niversitätsBundesBeschäftigten1975= 100 n=284700 90.3, u. Hochschulrepublik statistik 1978= 100 n=364500 S.47-89 absolventen, Deutschder Bundesansoweit sie 1975 land stalt für Arbeit und 1978 in (G siehe einem sozialSpalte 8) versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis beschäftigt waren '----- ----- ----- Jahr der ErhebungsErhebung instrubzw. Bemente zugszeiträume 9 10 1990 und - 2000 1961 mündliche 1970 Befragung 1980 mündliche Befragung 1975 Angaben 1978 von Arbeitgebem Rücklaufquote (in Prozent von Spalte 8) 11 - nicht ermittelt nicht ermittelt \0 """ ~ § ::;> (1) 0- ~ ~. '" Cl> .... OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 1 2 3 4 5 6 7 8 4. Bodenhöferl BeitrAB -Unternehmen Bundeseigene n=869 Ofner 90.3, rn. mehr als republik Erhebungen S.93-141 200 BeschäfÖsterreich (G=keine tigten i. d. InAngabe) dustrie u. im verarbeitenden Gewerbe -Befragung Bundeseigene 1983=9% n=1293 von in Unrepublik Erhebung ternehmen Österreich (G = keine beschäftigten Angabe) Akademikern 5. v. Landsberg BeitrAB WirtschaftsBundeseigene Erhen=400 90.3, unternehmen republik bung (G=keine S.143-157 Deutsch!. Angabe) 6. Lange BeitrAB Studenten der UniversitäPanel m. 2 Erhe1983=27% n=1599 90.3, Universität tenBielebungswellen (1983 S.161-206 Bielefeld und feld und u.1984) nach 12 1984=24% n=1399 Münster Münster Fachrichtungen im Winterseu. nach Semestermester 1982/83 zahl dispropor- "kurz vor dem tional geschichExamen" tete Stichprobe (G=5948) 7. Hagstotz BeitrAB FachhochschulBundesTotalerhebung 1982=100% n=32704 90.3, absolventen republik des IAB S.209-225 des ExamensDeutsch- (G = 32704) jahrgangs 1980 land (vgl. auch Ifd. Nr. 13) 9 10 1975-1980 schriftliche Befragung 1983 schriftliche Befragung 1984 schriftliche Befragung 1983 schriftlich standardi1984 sierte Befragung 1982 schriftliche Befragung und telef. Befragung bei Nichtantwortem 11 33% 36% 30% 26% 55,3% >- ~ ~ '" e. ::!l. '" ~< ~ '" t:O '" '" () p- ~, ;::> ~. :: ~ '" '< '" <t ~ '-0 Vl OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 1 2 3 4 5 6 7 8 8. Morgenthaler BeitrAB HochschulSchweiz Totalerhebung 1982=100% n=6740 90.3, absolventen (G=6740) S.229-246 des Examensjahrgangs 1982 9. Framhein BeitrAB StudienUniversitäten Panel mit drei n1980= 1116 90.3, anfänger im München Erhebungswellen n1982= 878 S.247-262 Jahr 1976 u. Freiburg (1980, 1982, 1984) n1984= 703 sowie TUMünchen 10. KaiserlOtto BeitrAB Abiturienten BadenTotalerhebung; 1978/79 n=8934 90.3, des Jahrgangs WürttemPanel mit zwei =100% S.263-287 1970 berg Erhebungswellen 1982/83 n=8934 (1978/79 u. 82/83) =100% (G = 8934) 11. GierseBeitrAB DiplomUniversitäGewinnung von n=132 Westermeier 90.3, Pädagogenl ten WupperAdressen mit UnS.289-298 Erwachsenental, Oldenterstützung von bildung burg, HamProfessoren und burg, Rebekannten Absolgensburg venten ("Schneeballsystem") (G= 132) 12. Kaiserl BeitrAB FachhochschulTotalerhebungen Hallerrnannl 90.3, absolventen Otto S.321-353 - d. Examensjg. Bundesrep. (G=32704) 100% n=32704 1980 i. d. BR Deutsch!. - d. Examensjg. Rheinland- (G= 6747) 100% n= 6747 1972-80 in Pfalz RheinlandPfalz (0. 1979) 9 10 1983 schriftliche standardisierte Befragung 1980 schriftliche 1982 Befragung 1984 1978/79 schriftliche Befragung 1982/83 1983 halbstandardisierte Interviews 1982 schriftliche Befragung 1982 u. Telefoninterviews bei Nichtantwortem 11 61% 1978/79 =60,5% 1982/83 =44,1% 39,4% 55% 61,5% \0 0\ a;:: § ::;> 8- :;><: ~ :;;. (1) ,.., OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
CI> g. ::1. 1t " po f 51 ,..., CI> 8. " .;;- o '" ~ ~ 1 14. 15. 16. 2 3 Bollinger BeitrAB 90.3, S.357-367 Eberl/ BeitrAB Marcon 90.3, S.369-394 Bülow/ BeitrAB Martens 90.3, S.395-407 - - - --- Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 4 5 6 7 8 HochschulabHochschule keine Angaben keine n1973174 solventen der des Kantons Angaben =ca.1200 ExamensjahrGenf n1976177 gänge 1973 - 74, =670 1975-76,1976-77, n1975176 1979-80 des =k.A. Kantons Genf n1979/80 =k.A. Doktoren, Universität Totalerhebung 100% n=2099 Ehrendoktoren Tübingen (G=2099) u. Habilitierte von 1830 bis 1984 an der StaatswissenschafUichen Fakultät der Universität Tübingen Studenten im Universität Totalerhebung; 1980= 100% n1980/81 Hauptfach Hamburg Panel mit zwei =661 Soziologie, Erhebungswellen Politologie, (Wintersemester 1983= 33% n1983=288 Betriebsund (1980/81 und (Antworter Volkswirt1983) von 1980) schaftslehre, (G=ca.2000) die in 1980/81 bereits acht oder mehr Semester eingeschrieben waren 9 10 1975 schriftliche Befragung 1978 schriftliche Befragung 1977 keine Angaben 1981 keine Angaben 1975-84 biographische Analyse der Bildungsund Berufsverläufe 1980-83 schriftliche Befragung 11 ca. 50% ca. 66% keine Angaben keine Angaben 33% 44% von 1980/81 "> ~ ~ Po e. '" ,,' ~" Po '" tJ:I o g. ~: ;::> ~. 0<1 '" '" '< '" ~ '" \0 -....l OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 1 2 3 4 5 6 7 8 17. Busch! BeitrAB alle b. zum Sem. Universität Totalerhebung Diplomn=838 Hommerich 90.3, 1981 a. d. U niBremen bei den Diplomstudiengänge S.409-438 versität Bremen studiengängen; =100% ausgebildeten Stichprobe bei Diplom-Absolv. den LehramtsLehramtsu. Absolv. der studiengängen studiengänge Lehramtsstu- =50% diengänge 18. Buttler! BeitrAB Absolventen d. UniversitätTotalerhebung 100% n=1022 Rahmann! 90.3, Examensjahrg. Gesamt- (G=ca.2000) Sawahn! S.439-468 1977-81 der hochschule Schmitz! Universität-GePaderborn Weber samthochschule Paderborn 19. MüllerBeitrAB alle Absolventen UniversitätTotalerhebung ca. 78% n=268 Böling 90.3, d. WirtschaftsDortmund (G=316) S.469-498 u. Sozialwissenschaften der Examensjahrg. bis 31.12. 1982 an d. Universität-Dortmund 20. Borchert! BeitrAB "NachdiplomanFachhochStichprobe aus ca. 20% n=2031 Kalkum 90.3, den" d. Berliner schulen des den bis zum AusS.491-512 FachhochschuLandes wertungszeitpunkt len und ihrer Berlin eingegangenen VorgängereinRückläufen ca. richtungen 50% von der Grundgesamtheit (G = 10500) 9 10 1981 schriftliche Befragung 1980-84 schriftlich standardisierte Befragung 1983 schriftliche Befragung 1984 schriftliche Befragung 11 48% ca.51% ca. 81 % offen ! \0 00 ~ ~ ::;> ("0 p.. :;<: ~. '" ("0 .., OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
-; Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 1 2 3 4 5 6 7 8 2l. Loviscach BeitrAB "NachdiplomanFachhochTotalerhebung 100% n=2239 90.3, den" der Fachschule (G=4146) S.515-531 hochschule Hagen Hagen u. ihrer Vorgängereinrichtungen 22. Hal1ermann BeitrAB FachhochschulFachhochTotalerhebung; 100% n1978179 90.3, absolventen der schulen in Panel mit zwei =1026 S.555-593 ExamensjahrBadenErhebungswel1en n1982183 gänge 1973 - 75 Württem- (in 1978179 und =3310 in Badenberg 1982/83) an beiden Württemberg (G=6652) Erhebungswel1en: n=2120 23. Bochowl BeitrAB Befristet beUniversitäTotalerhebung 100% n= 1437 Hebel! 90.3, schäftigte AngetenBochum, al1er aus einem Joas S.533-553 hörige des Göttingen, befristeten BeMittelbaus an Mainz und schäftigungsvervier westdeutTH-Darmhältnis Ausgesehen Universtadt schiedenen ansitäten in den hand der VorleJahren 1971, sungsverzeich1975, 1979 nisse (ohne Human- (G=ca.2500) und Tiermediziner) ---- 9 10 1981-84 schriftliche Befragung 1978179 schriftliche Befragung 1982/83 1983-84 schriftliche Befragung 11 54% 1978179: 61% 1982/83: 50% 57,5% "> ~ I» p.. §. CI> (;j. a Jg. p.. <> CI> t:D <> CI> g1»' ;:::> ciQ. s:: ::l OQ CI> CI> '< CI> ~ CI> \0 \0 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Übersicht 2: Kennzeichen einzelner Erhebungen (Fortsetzung) 1 2 3 4 5 6 7 8 24. Minks! BeitrAB Studierende in UniversitäStichprobe; Panel unbekannt nl918=3200 Reissert 90.3, höhreren Seten und mit zwei Erhenl918= 1000 S.597-620 mestern an Fachhochbungswellen (in (nur UniUniversitäten schulen in 1978 und 1983) Hamburg u. und Fachhochder Bundes- (G = unbekannt) FU-Berlin schulen republik nl983=2110 Deutschland n1983= 100 25. Nerdinger! BeitrAB FachhochschulBundesTotalerhebung 100% n=32704 Stengell 90.3 absolventen des republik (G=32704) Spiess! S.621-641 ExamensjahrDeutschv. Rosenstiel gangs 1980 land (vgl.lfd. Nr. 13) 9 10 1978 Interviews 1978 Vertiefungsinterviews 1983 "briru } Befragung 1983 IntensivInterviews 1982 schriftliche Befragung 11 56% (bezogen auf 2. Panelwelle) 55,3% I ..... o o ~ § ::;> '" 0i": ~. '" '" ,., OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 101 4. Präzisierung, Operationalisierung, Ergebnisse 4.1 Struktur und Entwicklung des Akademisierungsgrades Der Akademisierungsgrad hat sowohl im Deutschen Reich als auch in der Bundesrepublik Deutschland die Drei-Prozent-Grenze bis tief in die 60er Jahre nicht überschritten. Ab Mitte der 60er Jahre wurde eine Bildungsreform eingeleitet. Die Folge: eine Bildungsexpansion in Gestalt einer massiven Akademikerexpansion, welche im wesentlichen als eine Lehrerund Geisteswissenschaftlerexpansion gekennzeichnet war. Noch nie waren in der Bundesrepublik Deutschland so viele Akademiker erwerbstätig wie heute. Im Jahr 1961 waren in der Bundesrepublik Deutschland ca. 770.000, 1970 ca. 990.000 und 1980 ca. 1,5 Mio. Universitätsabsolventen erwerbstätig. Rechnet man die Fachhochschulabsolventen hinzu, dann gab es 1982 2,22 Mio. erwerbstätige Akademiker. Damit ist ein sprunghafter Anstieg der Akademikerquote einhergegangen: 1961 mit 2,9 %; 1970 mit 3,9 %; 1980 mit 5,6 %, wenn man nur auf die Universitätsabsolventen abstellt, und mit ca. 7,5 %, wenn man zusätzlich die Fachhochschulabsolventen einbezieht. TessaringjWeißhuhn (1985) rechnen bis 1990 mit einem Gesamtbestand von 3-3,15 Mio. und bis zum Jahr 2000 mit einem zwischen 4 Mio. und 4,34 Mio. Erwerbstätigen mit Hochschulabschluß. Somit wird sich die Akademikerquote in 1990 auf 11-12 % und im Jahr 2000 sogar auf 15-17 % erhöhen. D.h., ca. jeder sechste Erwerbstätige wird im Jahr 2000 über einen Hochschulabschluß verfügen; heute ist "nur" jeder zehnte bis elfte in der Erwerbsbevölkerung Absolvent einer Hochschule. Die zentralen Fragen lauten: Kann der Arbeitsmarkt diesen ungeheuren Andrang bewältigen? Ist eine Akademikerquote von knapp 17 % zu realisieren? Steigende Akademisierungsgrade (bezogen auf Universitätsabsolventen) (1961: 2,9 %; 1970: 3.9 %: 1980: 5,6 %) der vergangenen zwei Dekaden quantifizieren zwar die Bildungsund Akademikerexpansion. Diese hat sich jedoch nicht gleichmäßig über alle Regionen, Wirtschafts bereiche und Berufe ergossen. Die Akademikerquote der privaten Wirtschaft ist mit 1,7 % in 1980 bislang am geringsten. Demgegenüber ist diejenige im Sektor der privaten Dienstleistungen mit knapp 12 % rund siebenmal höher. Im Sektor der freien Berufe, in dem der Akademikeranteil der Selbständigen in den freien Berufen im Jahr 1970 bereits 58 % erreichte, beläuft er sich nach Schätzungen derzeit bereits auf etwa 75 bis 80 %. Er ist damit rund siebenmal höher als die entsprechende Akademikerquote im Sektor der privaten Dienstleistungen. Die in den 80er und 90er Jahren erforderliche Absorption der Hochschulabsolventen in den verschiedenen Sektoren der Volkswirtschaft vollzieht sich damit von einem deutlich unterschiedlichen Ausgangsniveau der bisher erreichten Akademisierung. Im Verhältnis zu den freien Berufen muß dabei zudem noch zusätzlich berücksichtigt werden, daß die Akademikerquote des Staatssektors im Jahr 1980 erheblich unter der Akademikerquote der freien Berufe lag und lediglich knapp 20 % betrug. Dabei muß aber zugleich auch in Betracht gezogen werden, daß sich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
102 Manfred Kaiser 1980 die entsprechenden Akademikerquoten im Bildungssektor auf ca. 47 % und im sonstigen Staatssektor auf ca. 6,5 % beliefen (Hegelheimer 1985). Angesichts einer Stichprobenund Hochrechnungsproblematik sind vertiefte und disaggregierte Analysen aus dem Datenmaterial der Mikrozensus-Erhebung 1980 enge Grenzen gesetzt; diese werden durch Befunde aus der Beschäftigtenstatistik für die Jahre 1975 und 1978 ergänzt. In diese sind alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten einbezogen, also nicht die Selbständigen, Freiberufler und Beamten. Gerade letztere erweisen sich als wichtige Beschäftigungsgruppen für Hochschulabsolventen. Für das Jahr 1978 umfaßt die Beschäftigtenstatistik 68,8 % aller Erwerbstätigen des Mikrozensus 1978. Der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten mit Universitätsabschluß betrug an allen Erwerbstätigen mit Hochschulabschluß in 1978 nur 26,3 % und der entsprechende Anteil derjenigen mit Fachhochschulabschluß 55,6 %. Zusammengefaßt wurden für diese beiden Hochschulgruppen folgende Befunde ermittelt (Weißhuhn 1985): -Der Bestand der vollund teilzeitbeschäftigten (sozialversicherungspflichtigen) Arbeitnehmer mit Universitätsabschluß verzeichnet zwischen 1975 und 1978 eine gesamte Zunahme von 28 % (jahresdurchschnittlich um 8,6 %), bei den Arbeitnehmern mit Fachhochschulabschluß eine solche von 17,3 % (jahresdurchschniulich: 5,5 %), wobei die Gesamtheit der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer nur um 3,3 % anstieg. -Die stärkste Expansion der Arbeitnehmer mit Universitätsabschluß zeigen die sozialpflegerischen Berufe, wobei fast gleichermaßen Männer und Frauen in mehr als doppelter Anzahl 1978 beschäftigt waren. Die Universitätsabsolventen in den Lehrerberufen (ohne Beamte) wuchsen um 62 %, wobei diese Entwicklung am stärksten von der Zunahme von weiblichen teilzeitbeschäftigten Arbeitnehmern in diesem Berufbeeinflußt wird. Dahinter expandierten mit mehr als 40 % die kaufmännischen Berufe und DVFachleute sowie Technikerberufe. Die 20 % - 24 %-Marke erreichten die Gartenbauer, Ingenieurberufe, Warenkaufleute, Bürofachkräfte, Rechtswahrer, -berater, Publizisten, Dolmetscher, Bibliothekare, Ärzte, Apotheker, geistesund naturwissenschaftliche Berufe. Bei den Fachhochschulabsolventen verläuft die Bestandszunahme erheblich schwächer als bei den Universitätsabsolventen, mit Ausnahme in den geistesund naturwissenschaftlichen Berufen. Die stärkste Bestandsausdehnung zeigt sich aber auch hier in den sozialpflegerischen Berufen (56 %), bedingt durch eine starke Zunahme der weiblichen Arbeitnehmer mit Abschluß an den Fachhochschulen für Sozialarbeit u. ä. 4.2 Betriebliches Beschäftigungsverhalten (Rekrutierungsverhalten) Bodenhöfer füfner (1985) und zum Teil auch v. Landsberg (1985) zeigen anhand von Datenmaterialien aus Unternehmensbefragungen und einer BefraOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 103 gung von Akademikern bei in der Privatwirtschaft beschäftigten Unternehmen, daß die Akademikerquote nicht nur von wirtschaftsund/oder berufsstrukturellen Beschäftigungsentwicklungen in einer Volkswirtschaft abhängen, sondern auch deutlich von organisatorischen und funktionalen Vorgaben der Betriebe geprägt sind. Beide Studien gehen dabei von der zentralen Hypothese aus, daß veränderte Qualifikationsangebote (Angebot an Akademikern) und Qualifikationsanforderungsstrukturen (Angebot an Arbeitsplätzen) einander anpassen. Aus der Sicht des betrieblichen Personalmanagements ist die Konstellation am Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Arbeitskräfte nur eine von vielen Bestimmungsgrößen. Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen sehen im Akademikerberuf (und den mit ihm verbundenen Erwartungen und eventuellen "Ansprüchen") keinen Grund zur Veränderung ihrer Personalpolitik. Sie reagieren stattdessen mehr auf konjunkturelle und technologische Impulse. Sie operieren mehr arbeitsplatzals arbeitskraftorientiert (v. Landsberg 1985). Die Akademisierung der Unternehmen und Wirtschaft hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Während alt-eingeführte Industriezweige mit ausgereiften Technologien und geringer Produktinnovation (wie Textilindustrie) stabile Akademikerquoten aufweisen, erreichen "junge Industrien" mit dynamischer Entwicklung von Produktionsstruktur und Produktionstechnologie (wie chemische oder elektronische Industrie) die höchsten Quoten der Beschäftigung von hochqualifizierten Arbeitskräften (Bodenhöfer / Ofner 1985). Im einzelnen korrelieren mit der Akademikerquote positiv -die Quote (= Anteil) der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Gesamtumsatz, -die Zahl der Beschäftigten, -der Automationsgrad, -der Grad des EDV-Einsatzes, -die Zeitperspektive der Personalplanung, -die Arbeitsproduktivität. Insgesamt läßt sich damit festhalten, daß im Zeitraum zwischen 1975 und 1980 eine Zunahme der Akademikerbeschäftigung vor allem bei größeren Unternehmen stattgefunden hat und daß diese Zunahme im Zusammenhang mit wesentlichen organisatorischen Umstrukturierungen steht. Bei großen Unternehmen hat eine Steigerung der Ausgabenquote für Forschung und Entwicklung einen zusätzlichen positiven Einfluß auf eine Zunahme der Akademikerbeschäftigung, während diese von der Umsatzentwicklung relativ unabhängig ist. Bei kleineren Unternehmen dagegen hatte ein Rückgang der Quote für Forschung und Entwicklung und/oder des Umsatzes einen zusätzlichen Effekt in Richtung einer Stagnation der Akademikerbeschäftigung (Bodenhöfer /Ofner 1985). Diese für Österreich aufgedeckten Zusammenhänge gelten nach den Untersuchungen v. Landsbergs im wesentlichen auch für die Bundesrepublik Deutschland. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
110 Manfred Kaiser b) Einzelne Aspekte zur Übergangs phase Buttler et al. (1985, S. 442ff.) zeigen auf, daß über ein Viertel der Absolventen den Übergang nahtlos bewältigt hat, die Hälfte der Absolventen (Median) nach zwei Monaten die erste Anstellung angenommen hat. Im Durchschnitt aller Absolventen (Mittelwert) betrug die Übergangsdauer dreieinhalb Monate. Für 23 % war die Übergangsphase länger als vier Monate, so daß von einem verzögerten Übergang zu sprechen ist. - Für die Dauer der Übergangszeit bieten sich folgende Erklärungsmuster an: -Ein Teil der Übergangsdauer ist durch den Wunsch nach Ausspannen zwischen Examen und Berufstätigkeit bedingt. Für 12 % der Absolventen war dies vor Berufsbeginn Grund für einen Teil der Übergangsdauer. -Ein weiterer Teil der Übergangsdauer ist als (freiwillige) Suchzeit im Sinne der Job-Search-and-Labour-Turnover Theorie zu interpretieren. Suchtheoretisch kann die Übergangsdauer als Funktion des Anspruchsniveaus (acceptance wage), der Suchintensität und der Zahl der Angebote pro Periode interpretiert werden. Dafür lassen sich Hinweise aus der Anzahl der Angebotsablehnungen und der dafür angegebenen Begründungen ableiten. Darüber hinausgehende unfreiwillige Suchzeit ist strukturellen und wachstumsdefizitären Bedingungen der Nachfrage nach Hochschulabsolventen geschuldet. Für die Erklärung von studiengangstypischen Unterschieden der Übergangszeit bieten sich Erklärungen zur relativen Akzeptanz der entsprechenden Absolventen durch die Praxis an. Schließlich könnte eine darüber hinausgehende Erklärung zur Dauer der Übergangsphase im Bereich des Wertewandels in bezug auf berufliche Orientierungen angesiedelt werden. Danach nehmen hinter typischen fachlichen bzw. beruflichen Zielen zunehmend außerberufliche Wertorientierungen einen breiten Raum bei der Berufsund Arbeitsplatzwahl ein. Die Absolventen sind gerade in der Phase zwischen Ausbildung und Beruf, die als eine wichtige Phase in der Konstituierung einer generellen Lebensperspektive begriffen werden muß, mit der "Auspendelung konkurrierender Lebensziele" konfrontiert. Die Entwicklung der Übergangsdauer hängt -langund mittelfristig gesehen -nicht nur von den Studienanfänger-, Studentenund Hochschulabsolventenzahlen ab, sondern auch von der Studienaufnahme, der Studienbzw. Verweildauer im Hochschulsystem und vor allem von der Art des gewählten Studiums (Kaiser/Otto 1985): Die einzelnen Abiturientenjahrgänge benötigen etwa vier Jahre, bis der größte Teil seiner Studierwilligen einen Studentenstatus begründet hat. Sie benötigen etwa 8 -13 Jahre, bis fast alle (bis auf einen Rest von ca 3 %) ihrer Mitglieder die Hochschule durchlaufen, den Studierendenstatus beendet und in der Regel mit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 111 einem Hochschulabsolventenstatus vertauscht haben. Dabei zeigt sich, daß die Instrumente "mehrere Abschlußzertifikate (z. B. erstes und zweites Staatsexamen)", unterschiedliche Studien-/Verweildauern je nach gewählter Fachrichtung, Bundeswehr/Zivildienst, Studienfachwechsel, Erwerb von Doppelqualifikationen (z. B. Studium in Kombination mit einer Lehrausbildung), u. ä. m. das Angebot an Hochschulqualifikationen eines Abiturientenjahrgangs auf dem Arbeitsmarkt zeitlich stark entzerren (Kaiser lOtto 1985). Die Übergangsdauer wird -wie dargestellt -begrenzt durch den Austritt aus dem Studium und dem Eintritt in einen neuen Zugangsstatus. Insbesondere die Befristung von Arbeitsverhältnissen, mehr oder weniger lange und/oder wiederholte Arbeitslosigkeitsphasen, ein weiteres Studium als Alternative zur Arbeitslosigkeit, inadäquate Beschäftigungsverhältnisse usw. verzögern nicht nur den Eintritt ins Erwerbsleben, sie verlängern auch die Übergangsphase und gestalten die Übergangsränder unschärfer und bringen auch neue Karriereelemente ins Spiel, die zu Lasten von Arbeitsplatzsicherheit gehen und künftige Berufsperspektiven unsicherer erscheinen lassen. Typisch für die Übergangsphase von der Hochschule in den Beruf ist gegenwärtig, daß teilweise mehreren Tätigkeiten gleichzeitig nachgegangen wird (Framhein 1985, S. 252): Wenn fast ein Viertel aus dem Konstanzer Absolventen-Panel 1984 ein Zweit-, Aufbauoder Promotionsstudium als Tätigkeit angibt, ist dies aber nur für knapp ein Zehntel die einzige Tätigkeit (= Doppel-Existenzen). Gliedert man diese Befunde nach der Fachrichtung auf, so werden erhebliche Unterschiede sichtbar: acht Jahre nach Studienbeginn ist bei Ingenieuren die Phase der Berufseinmündung weitgehend abgeschlossen. Das geht auch mit der Tatsache einher, daß nur wenige "Doppelexistenzen" vorkommen und die Zahl der Arbeitsuchenden nur 4 % beträgt. Bei Naturund Geisteswissenschaftlern ist der Prozeß des Übergangs noch voll in Gange -ausbildungsbezogene Tätigkeiten sind wesentlich häufiger als in anderen Fachrichtungen, erst rund die Hälfte ist berufstätig und die Berufstätigkeit ist oftmals kombiniert mit anderen Tätigkeiten, was signalisiert, daß es sich dabei vielfach noch um Zwischenstadien und vorläufige Übergangstätigkeiten handelt. Darüber hinaus sind sie auch häufiger arbeitslos gemeldet bzw. arbeitsuchend und ihr häufiges Postgraduiertenstudium könnte zugleich als Indiz für "verdeckte Arbeitslosigkeit" gewertet werden. -Wenn die berufstätigen Absolventen über ihre Arbeitsmarktschwierigkeiten berichten, dann stecken dahinter unterschiedliche Erfahrungen. Diese beziehen sich auf die Zeitdauer der Stellensuche, die Anzahl der Bewerbungen sowie Betroffenheit von Arbeitslosigkeit. Die mittlere Suchzeit lag bei 2,2 Monaten, und 4,6 Bewerbungen waren bis zur Stellenfindung erforderlich. Fast ein Drittel der jetzt Berufstätigen war seit Abgang von der Hochschule beim Arbeitsamt arbeitslos bzw. arbeitsuchend gemeldet; bei der Hälfte der Betroffenen dauerte die Arbeitslosigkeit weniger als ein viertel Jahr, bei einem Zehntel länger als ein Jahr (Framhein 1985, S. 258). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
112 Manfred Kaiser . 4.4 Image der Hochschule Die Bedeutung besonderer Hochschulbedingungen für das Übergangsverhalten von der Hochschule in den Beruf wird im Bereich der Universitäten von Bollinger, Busch j Hommerich, Bülow j Martens, Müller-Böling, Eberl j Marcon sowie Gierse-Westermeier, im Bereich der Fachhochschulen von Borchert j Kalkum und Loviscach geprüft. Gleichsam als zwei Gegenpole präsentieren sich dabei die traditionelle Universität Genf (Bollinger 1985) und die Reformhochschule Bremen (BuschjHommerich 1985). Während erstere eine hohe Anziehungskraft auf die Jugendlichen (mehr als 23 % der Jugendlichen des Kantons studieren in Genf) ausübt, und der Arbeitsmarkt alle Absolventen reibungslos aufgenommen hat, obgleich sich die Zahl der Studenten im Vergleich zur Mitte der 60er Jahre etwa verdreifacht hat, hat die Univetsität Bremen in Verfolgung ihrer Reformziele negative Etikettierungsund Stigmatisierungsprozesse mit Ausgrenzungserscheinungen gegenüber den anderen Hochschulen in der Bundesrepublik bewirkt (z. B. Nichtaufnahme in die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft). Dennoch sind die Studentenzahlen in Bremen in den letzten Jahren permanent gestiegen, auch wenn der Arbeitsmarkt in Bremen mit den höchsten Arbeitslosenquoten in der Bundesrepublik Deutschland nicht gerade Aufnahmebereitschaft ausstrahlt. Während Bollinger (1985) den Übergang Genfer Hochschulabsolventen ins Erwerbsleben mit dem Angebot-Nachfrage-Induktionsmechanismus (Absorptionsbzw. Penetrationsmechanismus) erklärt, sind Busch j Hommerich (1985) bestrebt, eventuelle Wirkungen des "negativen Images" der Universität Bremen im Bewerbungsund Übergangsverhalten ihrer Absolventen zu isolieren. Die günstige Arbeitsmarktsituation in Genf wird dabei mit folgenden Teilhypothesen begründet (Bollinger 1985, S. 360): -Der Dienstleistungssektor hat sich stark entwickelt und bietet das größte Arbeitsangebot. Die wachsende Zahl von Hochschulabsolventen bewirkt eine verhältnismäßig starke Zunahme an Stellenangeboten, die sich an Akademiker richten. -Die Zunahme der Hochschulabsolventen hat einen Druck auf die Anforderungen ausgelöst und Stellen geschaffen, die normalerweise von Nichtakademikern hätten besetzt werden können, also eine gewisse Dequalifikation verursacht. Schließlich wird bei den jungen Absolventen ein zunehmendes Bedürfnis an "Lebensqualität" festgestellt, das auf Kosten des "Berufserfolgs" geht; also eine freiwillige Einschränkung materiellen Ehrgeizes. So gaben z. B. 30 % an, daß die Freizeit ein wesentlicher Faktor im Berufsleben sei, während nur noch 8 % einen höheren Lohn und weitere 8 % größere Verantwortung im Beruf wünschten. 52 % gaben als Ideal ihrer Berufskarriere ein ausgeglichenes Leben zwischen Arbeit und Freizeit an und 19 % stellten ihr Ideal außerhalb jeder Berufstätigkeit. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 113 Die von Busch/Hommerich (1985) durchgeführte Untersuchung erbrachte im Ergebnis: Bremer Absolventen haben am Arbeitsmarkt nur zu einem Teil unter der negativen Etikettierung ihrer Universität bzw. der an ihr durchgeführten Ausbildung zu leiden. Soweit die Absolventen Gelegenheit haben, sich in Bewerbungsgesprächen mit solchen Etikettierungen auseinanderzusetzen, haben sie zumeist die Möglichkeit genutzt, am Beispiel der eigenen Person vorhandene Vorurteile aufzulösen. Die Bremer Universitätsabsolventen sind nicht häufiger und stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Absolventen anderer Hochschulen, sie befinden sich in adäquaten Tätigkeitsfeldern und erzielen ein Einkommen in der Höhe wie Absolventen der anderen Universitäten. Inwieweit das negative Image der Bremer Universität die Vorauswahl zur Einladung zu einem Bewerbungsgespräch beeinflußt, kann nicht zuverlässig im Wege von Hochschulabsolventenbefragungen erkundet werden. Dazu müßte das Rekrutierungsverhalten der Arbeitgeber exakter studiert werden. Müller-Böling (1985, S. 477) weist in der Untersuchung über Studiumund Berufserfahrungen bei Dortmunder Absolventen der Wirtschaftsund Sozialwissenschaften darauf hin, daß dem "Image" der Universität "seitens der Absolventen bei der Suche der ersten Stelle überhaupt keine Bedeutung beizumessen ist, eine geringe dem Thema der Diplomarbeit, der Note der Diplomarbeit und der Examensnote; hingegen sind die wichtigsten Erfolgskriterien für die Bewerbung am persönlichen Auftreten und der regionalen Mobilitätsbereitschaft festzumachen, wobei folgende persönliche Eigenschaften besonders geschätzt werden: Auffassungsgabe, Durchsetzungsvermögen, Selbstsicherheit, Verantwortungsbewußtsein und fachliche Qualifikation." Nach den Beobachtungen von Bülow /Martens (1985) vollzieht sich die berufliche Erstplazierung angesichts eines steigenden Hochschulabsolventenangebots im Spannungsfeld zwischen "klassischer Profession" und "akademischer Facharbeit". "Akademische Facharbeit" in diesem Sinne wird dabei in großen Abteilungen mit vielen gleich ausgebildeten Hochschulabsolventen verrichtet, die Autonomie der Arbeit ist eingeschränkt, und die Arbeit ist in hierarchische Konstrollstrukturen eingebunden. Andererseits gibt es auch Hinweise auf den "professionellen Akademiker": eine intrinsische Motivation, Spaß an den Inhalten der Arbeit, Führungsqualifikationen. Zu bedenken ist, daß eine zunehmende Komplexität der Arbeit bestimmte Aspekte des Facharbeiterstatus wieder aufhebt: So wird häufig der Vorgesetzte die fachlichen Leistungen seines Mitarbeiters gar nicht beurteilen können, weil ihm einfach die notwendigen Kenntnisse fehlen. Damit sind traditionelle Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt (Martens/Bülow 1985, S. 405). Gerade diese Gesichtspunkte hinterfragen kritisch Eingrenzung und Inhalt akademischer Qualifikation und damit auch die formalen Bestimmungsgrößen der Akademikerquote. 8 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik t 74 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
114 Manfred Kaiser 4.5 Stromanalysen Kennt man die Statusmerkmale der Abund Zugänge, so kann man für bestimmte Bildungsund Berufsgruppen "Stromanalysen" durchführen; im einzelnen Untersuchungen über Zuströme in und/oder Abströme aus einem Statusmerkmal. Als die wichtigsten Merkmale dieser Art in den vorliegenden Untersuchungen gelten: Art des Schulabschlusses, betrieblicher Ausbildungsabschluß, Fachschulabschluß; Beruf/berufliche Tätigkeit, Stellung im Beruf, Berufs-/Tätigkeitsprofile; betrieblicher Funktionsbereich, hierarchische Stellung im Betrieb; Arbeitslosigkeit; durchgeführte Weiterbildungs-/Umschulungsmaßnahmen, Einkommen, etc. "Stromanalysen" sind vor allem in der Verbleibsforschung von Fachhochschulabsolventen angewandt worden. Die Zahl der Abstromund/oder Zustrommerkmale kann je nach zu untersuchendem Personenkreis undje nach Forschungsinteresse ausgeweitet oder reduziert werden. Diesem Ansatz haftet daher auch eine pragmatische Vorgehensweise an (Loviscach 1985, S. 515). Als die wichtigsten Wege aus der Fachhochschule erweisen sich diejenigen in die Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit, in ein weiteres Universitätsstudium und in Weiterbildung. Dabei können diese Wege retrospektiv im Zeitablauf, zu einem bestimmten Stichtag und perspektivisch/prospektiv auf künftige Entwicklungen hin betrachtet werden, wie folgende Basisbefunde belegen: a) Der Weg in die Erwerbstätigkeit Von den Fachhochschulabsolventen des Examensjahrgangs 1980 waren -zwischen 1980 und 1982 jemals 90 % erwerbstätig geworden; -zwei Jahre später -also zum Erhebungszeitpunkt 1982 -82 % erwerbstätig, von denen ca. 3 % teilzeitund ca. 79 % vollzeitbeschäftigt waren; -insgesamt 88 % erwerbswillig, also solche, die auch künftig gerne erwerbstätig bleiben bzw. werden wollen. . Hallermann (1985, S. 558) referiert ähnliche Befunde für die Fachhochschulabsolventenjahrgänge 1973 - 75 in Baden-Württemberg. Borchert / Kalkum (1985) und Loviscach (1985) diagnostizieren im Vergleich dazu bei den "Nachdiplomanden" an den Fachhochschulen eine höhere Erwerbsbeteiligung (Berliner "Nachdiplomanden" waren zum Befragungszeitpunkt mit ca. 92 % erwerbstätig; Hagener "Nachdiplomanden " waren zum Befragungszeitpunkt zu 97 % erwerbstätig). Die Unterschiede zwischen den jüngeren Fachhochschulabsolventen und den älteren Nachdiplomanden erklären sich dadurch, daß die Erhebungen bei den jüngeren Fachhochschulabsolventen Totalerhebungen beinhalten und somit auch nichterwerbstätige Fachhochschulabsolventen in größerer Zahl enthalten sind als bei den Erhebungen bei Nachdiplomanden, bei denen die Nichterwerbstätigen unterrepräsentiert sein dürften, sei es aus mangelnder Transparenz über die Nachdiplomierungsmöglichkeiten, sei es, daß die Nichterwerbstätigen eine nachgeholte Diplomierung beruflich direkt nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 115 verwerten können und daher auf sie verzichten. Die Folge ist, daß sich vornehmlich die Erwerbstätigen um eine N achdiplomierung bemühen dürften. b) Der Weg in die Arbeitslosigkeit Ein anderer Strom fließt in die Arbeitslosigkeit. Von den Fachhochschulabsolventen des Examensjahrgangs 1980 waren (Kaiser/Hallermann/Otto 1985) -zwischen 1980 und 1982 ca. 33 % jemals arbeitslos; -zwei Jahre später -also zum Erhebungszeitpunkt 1982 -ca. 6 % arbeitslos, -ca. 21 % fühlten sich zum Erhebungszeitpunkt von Arbeitslosigkeit bedroht. Gleichsam als "Arbeitslosigkeitsbarometer" schlägt sich die Arbeitsmarktsituation in den einzelnen Jahrgangskohorten nieder. In Phasen entspannter Arbeitsmarktsituation ist die Betroffenheit durch Arbeitslosigkeit markant niedriger als in Phasen zunehmender Arbeitsmarktverengung. So waren unter Rheinland-Pfälzer Fachhochschulabsolventen der Examensjahrgänge 1972 nur ca. 31 % (1973: 34 %) jemals arbeitslos, während bei dem Jahrgang 1975 angesichts zunehmender Arbeitsmarktschwierigkeiten die entsprechende Quote schon ca. 61 % betrug. Kalkum/Borchert (1985) zeigen auf, daß von den Jahrgangsgruppen bis 1933: 52 %, 1933-45: 86 %, 1946-53: 83 %, 1954-64: 99 %,1965-71: 97 %,1972-76: 85 %,1977 -82: 83 % keine Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche hatten, und die Nachdiplomanden innerhalb von drei Monaten nach dem Fachhochschulabschluß eine entsprechende Tätigkeit gefunden haben. Hallermann (1985) demonstriert am Beispiel der Fachhochschulabsolventenjahrgänge 1973 -75 von Baden-Württemberg, daß etwa drei bis fünf Jahre nach dem Examen nur 1 % und nach acht bis zehn Jahren ca. 2 % zum Befragungszeitpunkt arbeitslos waren. Bemerkenswert dabei ist, daß sich zu den beiden Erhebungszeitpunkten verschiedene Personen in Arbeitslosigkeit befanden. In diesem Zusammenhang verdienen vier Thesen Beachtung, denen folgende Beobachtungen zugrunde liegen (Kaiser/Hallermann/Otto 1985, S. 338): Die Arbeitslosenquote (= Arbeitslose in Prozent der Erwerbspersonen mit gleicher Ausbildung) für Fachhochschulabsolventen lag 1978/79 deutlich, von 1979 bis 1982 dagegen nur noch geringfügig über denen der Absolventen wissenschaftlicher Hochschulen. 1980 lag die Arbeitslosenquote für Fachhochschulund Universitätsabsolventen zwischen 1,8 und 1,9 %; sie lag somit nicht nur unter der durchschnittlichen Arbeitslosenquote, sondern war auch niedriger als die Arbeitslosenquote für betrieblich Ausgebildete und sie war markant niedriger im Vergleich zu den Anund Ungelernten (5,4 %). Die Fachhochschulabsolventen wurden zwischen 1975-1978 vom Arbeitsmarkt deutlich bevorzugt bzw. privilegiert. An die Stelle der Privilegierungsthese der Akademiker, die sich vor allem aus einer Zeitpunktbetrachtung herleitet, S" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
116 Manfred Kaiser und der damit verbundenen These von der größeren Arbeitsplatzsicherheit der Höherund Hochqualifizierten ist die sogenannte Nivellierungsthese getreten. Sie betrachtet die Arbeitslosigkeit der einzelnen Bildungsgruppen im Zeitverlauf. Sie besagt, daß die Hochund Höherqualifizierten genauso von Arbeitslosigkeit betroffen sind wie die anderen Bildungsgruppen. Tatsächlich lagen die Arbeitslosenquoten für die wie auch immer Ausgebildeten -betrieblich Ausgebildeten, Meister und Techniker, Fachschul-, Fachhochschulund Universitätsabsolventen -im Zeitraum zwischen 1979 und 1981 relativ eng beisammen, so daß für diesen Zeitraum die Privilegierungsthese nicht mehr gültig war. Schlagartig und sprunghaft hat sich binnen eines Jahres (1980/81) die Beschäftigungssituation aller Bildungsgruppen verschärft, bei den Unund Angelernten weit stärker als bei den sonstigen Bildungsgruppen. Man kann geradezu von einer Polarisierung der Arbeitslosigkeit nach Bildungsgruppen sprechen, die sich zwischen 1982 und 1983 noch verschärft hat. Angesichts des Umstandes, daß vor allem die geburtenstarken Jahrgänge in die Hochschulen einrücken und damit ein verstärkter Absolventendruck auf den Arbeitsmarkt zu erwarten ist, ist nicht auszuschließen, daß aus der Privilegierung vergangener Tage und der Nivellierung von heute auch Akademiker eine Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt werden (Benachteiligungsthese). c) Der Weg zu einem Universitätsstudium Ein weiterer Strom der Fachhochschulabsolventen fließt hin zur Universität. Von den Fachhochschulabsolventen des Examensjahrgangs 1980 -haben in dem zwei-Jahres-Zeitraum nach dem Fachhochschulabschluß ca. 14 % ein weiteres Studium begonnen; -studieren zum Erhebungszeitpunkt ca. 8 %; -beziffert sich der Anteil der Studierwilligen (= Studierende zum Erhebungszeitpunkt und solche, die noch zu studieren beabsichtigen) auf 14 % (Kaiser /Hallermann/Otto 1985). Von den Hagener Nachdiplomanden haben 13 % ein Zweitstudium aufgenommen (Loviscach 1985, S. 523) und unter den Fachhochschulabsolventen Baden-Württembergs waren es 16 % (Hallermann 1985, S. 563). Ca. zwei Fünftel der befragten Weiterstudierenden bleiben bei ihrem einmal eingeschlagenen Weg, die übrigen streben häufiger eine ergänzende Doppelqualifikation an, wie die Beispiele Betriebswirtschaftslehre für Ingenieure oder Jura für Betriebswirte oder auch für Sozialpädagogen zeigen. Nur bei einem geringen Teil der weiterstudierenden Fachhochschulabsolventen erfolgt ein Bruch zwischen dem abgeschlossenen Fachhochschulstudium und dem neubegonnenen Universitätsstudium. Einmal erworbene Qualifikationen und Fähigkeiten werden somit als Grundlage für eine weitere Ausbildung genutzt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 117 Schließlich sei noch ein Augenmerk auf das Weiterbildungsverhalten gelenkt. Auf die Frage, ob die Bedeutung der Weiterbildung im Zeitablauf eher zuoder abgenommen hat, kristallisieren sich zwei Entwicklungstendenzen heraus: (Kalkum/Borchert 1985, S. 498f.). Unter den Berliner Nachdiplomanden der Jahrgänge 1977-82 verneinen 16 % eine Teilnahme an Weiterbildungsaktivitäten. Der entsprechende Anteil liegt für die Jahrgangsgruppen 1972-76 bei ca. 5 %,1965-71 bei ca. 4 %. Dies deutet daraufhin, daß mit zunehmender Dauer der Berufstätigkeit die Weiterbildung an Bedeutung gewinnt. -Unter den Nachdiplomanden der Jahrgänge bis 1945 zeigt sich, daß 10 bis 20 % nicht an Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen haben. Gegenüber dieser Gruppe der Rentner hat die Bedeutung der Weiterbildung bei Personen, die heute auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere stehen, erheblich zugenommen. Diese Zahlen lassen den Schluß zu, daß die Bedeutung von Weiterbildung auch im ZeitablauJ zugenommen hat. Insgesamt gesehen, verzeichnet die Mehrheit der Fachhochschulabsolventen ein gutes Einkommen, sie üben verantwortungsvolle Aufgaben aus, sie haben Arbeitsplätze mit hohem Prestige und Aufstiegsmöglichkeiten und sind im großen und ganzen mit ihrem Beruf zufrieden. Dies schlägt sich auch in ihren Wertvorstellungen und Einstellungen nieder. Minks / Reissert (1985, S. 608) haben gefunden: Hochschulabsolventen haben allgemein den starken Wunsch nach Selbstverwirklichung. Für sie ist Handlungsund Entfaltungsspielraum im Beruf nach ihren Vorstellungen unabdingbar. Sind jedoch die beruflichen Wertorientierungen nicht durchzusetzen, besteht die Tendenz, sie der Arbeitsmarktrealität anzupassen. Hochschulabsolventen sind eben auch dazu gezwungen, Geld zu verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Hervorzuheben ist allerdings, daß der größte Teil der befragten Hochschulabsolventen noch gute Chancen hatte, seine beruflichen Wertvorstellungen -zumindest in gewissen Grenzen -zu verwirklichen. Der Begriff der Karriere wird dabei häufig negativ besetzt, das Anstreben einer Karriere weisen die jüngeren Hochschulabsolventen meist von sich. Karriere ist aber auch gesamtgesellschaftlich eher negativ sanktioniert; Karrieristen und Ellenbogentypen sind keine Identifikationsfiguren. Die Hochschätzung von "Arbeit" und "Leistung" scheint auch bei Hochschulabsolventen genau in einer Zeit wieder an Bedeutung zu gewinnen, in der Arbeit knapp wird. Die Angst vor Arbeitslosigkeit bewirkt, daß die Haltung, Hauptsache man hat Arbeit, sich immer mehr durchsetzt. In dieses Bild paßt das Ergebnis, daß Hochschulabsolventen mit deutlicher Berufsorientierung den Begriff der "Karriere" -semantisch gesehen -auch häufiger als sympathisch, vielseitig, stark, modern und frei einstufen (Nerdinger / Stengel / Spiess / v. Rosenstiel 1985, S. 629). Empirisch kann folgende Hypothese als gestützt gelten: Je länger sich die berufliche Tätigkeitsdauer, je stärker sich die berufliche Zufriedenheit entwickeln, desto stärker wird die Beziehung zwischen Individuum und seinem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
118 Manfred Kaiser Beruf; sie verschmelzen zu einer Einheit, zur Identifikation mit dem Beruf. Dabei findet man etwa folgende identitätsund berufsmoralstiftende Normen bei beinahe allen Hochschulabsolventen vor: hohe Identifikation mit dem Beruf; Eigenverpflichtung, begonnene Arbeiten auch zu erledigen; Harmonie bzw. Konsonanz zwischen getroffenen Ausbildungsund Berufsentscheidungen mit der ausgeübten beruflichen Tätigkeit; gelegentliche Faszination des Berufs bzw. Bereitschaft, sich gelegentlich vom Beruf faszinieren zu lassen; Gewöhnungsund Routinisierungseffekte bei der Erledigung beruflicher Aufgaben (Kaiser/Otto 1985, S. 287). Zum vierten Mal seit 1977 wurde in der Schweiz im Sommer 1983 eine Totalerhebung über die Beschäftigungssituation der Neuabsolventen -ein Jahr nach dem Studienabschluß -durchgeführt (Morgenthaler 1985). In der Akademisierung der Schweizer Erwerbsbevölkerung setzt sich eine neue Qualität durch. Sie ist durch zunehmende Beschäftigungsschwierigkeiten gekennzeichnet: Die Erwerbstätigkeit hat seit 1977 kontinuierlich abgenommen; der vorläufige Verzicht auf Erwerbstätigkeit hat bis 1981 auf 10 % aller Befragten zugenommen; Arbeitslosigkeit ist eklatant gestiegen (1977: 2,6 %, 1983; 5,1 %); die Zahl der labilen Beschäftigungsverhältnisse wächst (1981: 58 %, 1983: 62 %), vor allem die auf ein Jahr und weniger befristeten; eine steigende Tendenz zeigen zudem die Teilzeitarbeitsverhältnisse (1977: 21 %, 1983: 26 %). Dieser Druck auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker hat offenbar nicht dazu geführt, daß die Neuabsolventen vermehrt Positionen einnehmen, die vorrangig von Nichtakademikern besetzt waren bzw. für die ein Hochschulabschluß nicht erforderlich war. Für eine Verdrängung von oben nach unten fehlt somit eine entsprechende Elastizität. Die einzelnen Studienfachrichtungen kann man nach diesen Kriterien im Hinblick auf ihre Arbeitsmarktchancen als günstig bzw. ungünstig einstufen. Insgesamt finden die Absolventen der meisten "günstigen" Fächer Berufsmöglichkeiten vor allem in der Privatwirtschaft, während die Studienbereiche mit ungünstigen Aussichten gewöhnlich eher auf die Erwerbstätigkeit im öffentlichen Dienst ausgerichtet sind (Morgenthaler 1985). Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Akademikerquote hat sich -entwicklungsmäßig betrachtet -quantitativ wie qualitativ geändert und ist permanenter Modifikation unterworfen. Während in Phasen wirtschaftlicher Prosperität der Akademisierungsgrad im wesentlichen von einem Absolventenstrom aus dem Hochschulwesen genährt und gesteigert wurde, haben sich für die Akademisierung der Erwerbsbevölkerung seit Mitte der 70er Jahre neue Quellen bzw. Halden gebildet. Denn neben dem Absolventenstrom aus den Hochschulen üben arbeitslose Hochschulabsolventen und solche, die eine Zweitausbildung als Alternative zur Arbeitslosigkeit gewählt haben, Druck auf eine Erhöhung des Akademisierungsgrades aus. Dabei wirkt eine Beschäftigungsprivilegierung der Akademiker erhöhend, eine Beschäftigungsbenachteiligung eher senkend auf die Akademikerquote. Die Wirkungen der Polarisierungsund/oder Nivellierungsthese auf die Akademikerquote sind allenfalls unter bestimmten Bedingungen zu prognostizieren. Darüber hinaus hat sie sich auch inhaltlich geändert, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
"Akademisierung" des Beschäftigungssystems 119 denn seit Mitte der 70er Jahre rekrutiert sie sich nicht nur aus Universitätsabsolventen, sondern auch aus Fachhochschulabsolventen und vor allem aus solchen, die sich während ihres Berufsverlaufs häufiger und öfter Bildungsaktivitäten unterworfen haben und/oder sich neue Beschäftigungsbereiche (wie beispielsweise im alternativ-ökonomischen Sektor) erschließen. 5. Schlußbemerkungen Steigt mit der Zahl der Hochschulabsolventen auch die Zahl der entsprechenden Arbeitsplätze und passen sich darüber hinaus die veränderten Qualifikationsangebote (der Akademiker) und Qualifikationsanforderungen (der Arbeitsplätze) einander an, dann könnte sich die Akademikerquote reibungslos und ständig erhöhen. Neueren Untersuchungen zufolge orientieren sich jedoch die Arbeitgeber bei der Planung und Gestaltung ihrer Arbeitsplätze nicht primär am verfügbaren Angebot an Akademikern, sondern sie reagieren eher auf konjunkturelle und technologische Impulse. Umgekehrt lassen sich Abiturienten und Studierende bei der Studienwahl und Hochschulabsolventen bei der Berufswahl von ihren Interessen und Neigungen leiten; auf den oft kurzfristig geäußerten Bedarf an Hochschulausbildungen seitens der Arbeitgeber können sie häufig gar nicht reagieren, weil ein Studium eine längere Zeitdauer benötigt als der entstehende Bedarf. Bei sich verknappendem Arbeitsplatzangebot einerseits und wachsender Zahl von Hochschulabsolventen andererseits ist daher mit Verzögerungen und Schwierigkeiten beim Übergang vom Studium ins Erwerbsleben zu rechnen. In einer Situation der relativen Knappheit werden sich Hochschulabsolventen in wachsender Zahl darauf einstellen müssen, zumindest am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn Aufgabengebiete zu übernehmen, die ein Hochschulstudium nach herkömmlicher Auffassung nicht oder nicht unbedingt erfordern. Bei diesen Anfangspositionen werden sie im verstärkten Maß mit Absolventen anderer Bildungsgänge konkurrieren. Insofern werden Hochschulabsolventen nicht mehr von vornherein im Vergleich zum Durchschnitt der Erwerbstätigen auf bevorzugte Berufsaussichten rechnen können. Dazu passen die folgenden Befunde, die trotz unterschiedlicher Untersuchungskonzeptionen und -methoden, trotz Einbeziehung der verschiedensten Personenkreise sowie nationaler und regionaler Unterschiede von den verschiedenen Studien gestützt werden: Die Zahl der Hochschulabsolventen in "adäquaten" beruflichen Einsatzfeldern ist sowohl absolut als auch relativ (70 % und größer) hoch. Akademikerinnen finden angespanntere Arbeitsmarktverhältnisse vor als ihre männlichen Kollegen, wenn man von Humanmedizinern in der Schweiz absieht (Morgenthaler, 1985). Geistesund Sozialwissenschaftler, Sozialarbeiter und -pädagogen finden angespanntere Arbeitsmarktverhältnisse vor als Ingenieure oder Wirtschaftswissenschaftler. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
126 Manfred Tessaring und Abgrenzung der Qualifikationsstruktur abhängige "statistische Wirklichkeit"? Kann man sie mehr oder weniger unbesehen extrapolieren oder vollzog sie sich unter spezifischen Konstellationen und Rahmenbedingungen, die sich vielleicht nie mehr wiederholen? Man muß sich wohl eingestehen, daß über die Kausalitäten des Qualifikationsangebots oder -bedarfs immer noch viel zu wenig bekannt ist. So sind schon die heutigen und wohl noch mehr die künftigen Auswirkungen wirtschaftlicher, sozialer und technologischer Veränderungen mit dem Erfahrungsschatz der Vergangenheit nicht zu "greifen". Aus der Sicht der Arbeitsmarktund Berufsforschung ist "Qualifikation" ein Personenkonzept: Das Individuum ist Träger von Qualifikationen, die einmal persönliche Eigenschaften, Charakteristika und Attribute reflektieren, zum anderen die ihm vermittelten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Beide zusammen befähigen den einzlnen, projektiv zu denken und handeln, also Ereignisse oder Handlungsprogramme zu deuten, zu entwerfen und in ihren Auswirkungen gedanklich zu simulieren. Wie auch immer diese Qualifikationen benannt werden (soziale, berufliche, funktionale, extrafunktionale, spezifische, Schlüsselqualifikationen usw.) -immer ist damit die (von Individuum zu Individuum unterschiedliche) Befähigung zur Bewältigung einer Lebensoder Arbeitssituation verbunden. Die ökonomische und berufliche Verwendung der Qualifikation hängt weitgehend davon ab, inwieweit sie für die Verrichtung der Tätigkeit, für die Einbindung in Arbeitsabläufe und Kommunikationsprozesse als geeignet angesehen wird. Ein Gradmesser für diese Adäquanz ist Art und Niveau der erworbenen formalen Ausbildung. Sowohl der Beschäftiger als auch der statistische Beobachter müssen zunächst -solange keine weiteren Indikatoren vorliegen -davon ausgehen, daß der formale Ausbildungsabschluß auch mehr oder weniger die verschiedenen Typen der Qualifikation widerspiegelt (sofern die Gesellschaft alle Chancen zur Realisierung der Qualifikationspotentiale bietet). Dann signalisiert die formale Ausbildungsqualifikation dem Beschäftiger diejenigen Eigenschaften, die sich im Laufe der Selektionsprozesse in den Ausbildungsinstitutionen manifestiert haben und in ihm, dem Beschäftiger, die Vermutung aufkommen lassen, der Träger dieser Qualifikation könne auch für ihn von Nutzen (produktiv) sein. Der Beschäftiger stellt also für bestimmte Arbeitsaufgaben Personen ein, die eine Vorselektion im Bildungssystem undfalls zu viele formal gleichqualifizierte Personen vom Bildungssystem bereitgestellt werden -eine weitere Selektion z. B. im Beschäftigungssystem erfahren haben. Folgerichtig bezieht sich der "Qualifikationsbedarf' aus der Sichtweise der Arbeitsmarktund Berufsforschung auf Arbeitsplätze, nicht auf Personen. (Unter bildungsökonomischen Aspekten kann er auch den autonomen oder induzierten Bedarf der Bevölkerung -social demand -an Bildung und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 127 Ausbildung bedeuten.) Die erforderlichen Qualifikationen sind dann die aus konkreten Tätigkeitselementen und Arbeitsaufgaben abgeleiteten notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten auf einem Arbeitsplatz. Diese Tätigkeiten oder Aufgaben sind so definiert, daß sie dazu beitragen, den wirtschaftlichen bzw. sozialen Zweck der Beschäftigungsinstitution zu erfüllen -ob man sie nun einzelnen Produkten oder Dienstleistungen konkret zurechnen kann (und damit einen "echten" Produktivitätsmaßstab hat) oder nicht. Bei der Analyse und Projektion des Qualifikationsbedarfs muß also prinzipiell davon ausgegangen werden, daß die mit bestimmten Tätigkeiten betrauten Arbeitskräfte vom Betrieb unter ökonomisch-rationalem Kalkül eingestellt worden sind und damit Basis für Projektionen bilden können. Dahinter steckt eine oft kritisierte Grundprämisse der Bedarfsprognostik: die Gleichheit von Bestand und Bedarf an Arbeitskräften in der Vergangenheit bzw. der Qualifikationsprofile (der Arbeitskräfte) mit den Anforderungsprofilen (der Arbeitsplätze). Der Statistiker und Prognostiker muß diese Gleichheit unterstellen, solange keine objektiven makro ökonomischen Informationen über den Grad der "inadäquaten" Beschäftigung vorliegen. Erhebungsergebnisse etwa zu den Fragen: "Wie zufrieden sind Sie mit ihrer Beschäftigung" oder "In welchem Umfange können Sie Ihre Ausbildung an Ihrem Arbeitsplatz verwerten" oder "Welche Ausbildung hatte Ihr Vorgänger" sind kaum geeignet, in MakroProjektionen Verwendung zu finden: "Zufriedenheit" wird von einer Reihe von Faktoren beeinflußt, die nur zum Teil in Verbindung mit der erworbenen Ausbildung stehen. "Verwertung" bezieht sich nur auf die momentane Situation, hat also statischen Charakter. Sie sagt nichts darüber aus, ob die Ausbildung an sich Grundvoraussetzung für Einstellung war, die konkrete Tätigkeit aber möglicherweise weitere Qualifikationen erfordert. Von daher darf z. B. ein empirischer Befund, nach dem Erwerbstätige mit zunehmendem Alter ihre Erstausbildung als immer weniger wichtig für ihre Tätigkeit ansehen, nicht zu dem Schluß führen, sie sei nicht erforderlich gewesen. Bei der Frage nach dem "Vorgänger" bleibt unberücksichtigt, ob nicht inzwischen die Anforderungen in dieser Tätigkeit gestiegen sind, ob der Vorgänger (der nicht mehr befragt werden kann) ihnen Z.B. durch interne (und statistisch-kategorial nicht einordenbare) Fortund Weiterbildung gerecht geworden und damit in seiner Qualifikation durchaus vergleichbar mit einem jungen Absolventen höherer formaler Qualifikation ist. Die folgende Tabelle 1 zeigt, daß zu den genannten Vorbehalten ein weiterer hinzutritt: Auch die längerfristige bisherige Entwicklung der formalen Qualifikationsstruktur der Erwerbstätigen ist nur in großen Zügen statistisch dokumentierbar. Dies liegt vor allem an den von Zählung zu Zählung unterschiedlichen Abgrenzungen der Ausbildungsebenen und an den insbesondere in den Mikrozensen relativ hohen Anteilen der Personen, die keine Angaben zu ihrem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
128 Manfred Tessaring Ausbildungsabschluß getroffen haben. Teilt man die Qualifikationsstruktur in drei große Blöcke ein -die nicht formal Qualifizierten, die Erwerbstätigen mit beruflicher Qualifikation und die Hochqualifizierten, so kann man als Tendenz nur den kontinuierlichen Rückgang der "Unqualifizierten" und den Anstieg der Hochqualifizierten feststellen. Tabelle 1 Die Qualifikationsstruktur der Erwerbstätigen") nach Geschlecht 1961-1982 (in v. H.) Ausbildungsabschluß 1961 1970 1976 1982 Männer ohne Ausbildungsabschluß } 90,8 } 82,5 27,1 19,1 betriebliche Ausbildungb) } } Berufsfachschule } } 55,4 56,5 Fach-, Meister-, Technikerschule 5,7 10,9 8,7 8,9 Fachhochschulec) 2,3 3,0 3,6 Wissenschaftliche Hochschule 3,6 4,3 5,4 6,4 ohne Angabe - - 0,4 5,5 insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0 (insgesamt in Tsd.) 16890 17075 16172 16592 Frauen ohne Ausbildungsabschluß } 92,0 } 87,2 45,4 33,8 betriebliche Ausbildungb) } } Berufsfachschule } } 46,5 51,3 Fach-, Meister-, Technikerschule 6,3 9,8 2,5 2,9 Fachhochschulec) 0,1 0,9 1,2 Wissenschaftliche Hochschule 1,7 2,8 4,2 5,2 ohne Angabe - 0,1 0,5 5,6 insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0 (insgesamt in Tsd.) 9932 9535 9580 10 182 insgesamt ohne Ausbildungsabschluß } 91,1 } 84,2 33,9 24,7 betriebliche Ausbildungb) } } Berufsfachschule } } 52,1 54,5 Fach-, Meister-, Technikerschule 6,0 10,5 6,4 6,6 Fachhochschulec) 1,5 d) 2,2 2,7 Wissenschaftliche Hochschule 2,9 3,8 5,0 5,9 ohne Angabe -0,0 0,4 5,6 insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0 (insgesamt in Tsd.) 26527 26610 25752 26774 a) 1961 und 1970: Erwerbspersonen -b) 1976 und 1982: einseh!. betriebliches Praktikum -c) 1970: Ingenieurschule -d) Schätzung Fachhochschule: 1,9%. Quelle: Statistisches Bundesamt (Volksund Berufszählungen 1961/1970; Mikrozensen 1976/1978); z. T. eig. Auswertungen. Differenzen durch Runden der Zahlen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 129 Die mittlere Ebene setzt sich aus äußerst heterogenen Ausbildungsgängen zusammen: von der betrieblichen Ausbildung angefangen über teilund vollqualifizierende berufliche Schulen -die vom Berufsschulabschluß bis zur Fachhochschulreife nahezu alle Abschlußzertifikate bieten -zu den Fach-, Meister-, Technikerschulen einschließlich Schulen des Gesundheitswesens, die ebenfalls vom Sprachenund Sekretärinnenkurs bis zur hochqualifizierten Meisterund Technikerausbildung und den Berufsakademien ein weites Qualifizierungsspektrum aufweisen. Von daher ist dem leichten Anstieg dieser Ebene ohne differenziertere Informationen kein allzu großer Aussagewert beizumessen. 2. Zielkonflikte in der Bedarfsdiskussion Die gegenwärtige Arbeitsmarktsituation ist geprägt von einem SchwarzerPeter-Spiel. Man sucht die Gründe für die Arbeitsmarktkrise bei der Ausländerpolitik, der Lohnpolitik, der Sozialpolitik, man glaubt d~r Arbeitslosenstatistik nicht, will die "unechten" Arbeitslosen, die Älteren, Erwerbsgeminderten, die eine Teilzeitbeschäftigung suchenden Frauen aussondern. Und schließlich sei die Bildungspolitik der letzten 20 Jahre mit ihrer F orcierung der schulischen und höheren Bildungsgänge und ihrer mangelnden Berücksichtigung des zukünftigen Bedarfs eine Ursache der steigenden Arbeitslosigkeit z. B. auch hochqualifizierter Arbeitskräfte. Die einseitige Ausrichtung der Bildungspolitik an den Bildungswünschen habe einerseits zu einem Mangel an Fachkräften, andererseits zu einem Überschuß an Geistes-, Sozialwissenschaftlern und Lehrern geführt. Hierzu einige Befunde aus der Arbeitsmarktforschung: Die Arbeitsmarktposition der qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräfte hat sich in der Vergangenheit zwar verschlechtert, ist aber immer noch bei weitem besser als die anderer Qualifikationsgruppen.1 Wenn bestimmte "Problemgruppen" unter den Hochqualifizierten herausgestellt werden, müßte dies auch bei den Arbeitskräften der mittleren Qualifikationsebene geschehen, man müßte also z. B. auf die hohe Arbeitslosigkeit und Dequalifizierung eines großen Teils der in Industrie, Handwerk und Dienstleistungen ausgebildeten Fachkräfte hinweisen. Bei der Frage nach den Ursachen für Ungleichgewichte auf Teilarbeitsmärkten (z. B. für Akademiker) greift eine Schuldzuweisung an die Bildungspolitik und damit an die Ausbildungsentscheidungen der Bevölkerung -die Leitlinie der Bildungsplanung sein müssen -zu kurz. Berücksichtigt man nämlich die andere Seite, den Bedarf, so findet man folgende Situation vor: Etwa die Hälfte der heutigen Arbeitslosigkeit ist auf den Rückgang der Zahl der Arbeitsplätze seit 1970 zurückzuführen, die 1 Vgl. Tessaring, M.: Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt. MatAB Heft 9, 1984; ders.: Hochschulabsolventen im Beschäftigungssystem. Situation und Perspektiven. Unveröff. Mskr., Nürnberg 1985. 9 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
130 Manfred Tessaring andere Hälfte auf den Anstieg des Erwerbspersonenpotentials. 2 Arbeitslosigkeit ist also primär die Folge eines globalen Arbeitsplatzdefizits und der demographischen Entwicklung, die von der Bildungspolitik wohl kaum zu beeinflussen sind. Der Vorwurf an die Bildungspolitik, sie habe sich zu einseitig an den Bildungswünschen orientiert und Bedarfsaspekte außer acht gelassen, impliziert erstens, daß es möglich sei, den langfristigen Bedarf an Arbeitskräften in sehr feiner Untergliederung, etwa nach Einzelberufen, Tätigkeiten oder gar einzelnen Arbeitsplatzanforderungen exakt vorauszuschätzen und politisches Handeln danach auszurichten. Er impliziert zweitens, daß bei einer anderen Bildungspolitik die heutige Arbeitslosigkeit weitgehend vermieden worden wäre. Beide Implikationen sind kaum haltbar: Es ist mehr als fraglich, daß Arbeitslosigkeit nicht aufgetreten wäre; die Probleme hätten sich eher auf andere Gruppen verlagert. Ein unerschütterliches Vertrauen auflangfristige und "richtige" Bedarfsprognosen ist illusionär: Es gibt nicht einmal detaillierte Informationen über die langfristige Veränderung der Qualifikationsanforderungen in der Vergangenheit. Und selbst wenn es sie gäbe: Die notwendige Berücksichtigung von Flexibilitätsprozessen, Rückwirkungen und Optimalitätskriterien zwischen gemessenem Erwerbstätigenbestand (= Arbeitsplatzangebot) und dessen "Nutzung" wäre -wenn überhaupt -nur in Entwicklungskorridoren ausdrück bar und daher nur begrenzt brauchbar für politisches Handeln. Der Bedarf unterliegt Normen und subjektiven Einschätzungen, er wird beeinflußt von sozialen, technologischen, politischen und ökonomischen Entwicklungen, die sich einer "exakten" Prognose weitgehend entziehen. Der Bedarf steht in Wechselbeziehung zum Angebot an Arbeitskräften und ihrer Qualifikation; man denke nur an die Diskussion über die Autonomisierung der Bildung von konkreten Arbeitsplatzanforderungen und über die Gestaltbarkeit eines konkreten Arbeitsplatzes durch den Arbeitsplatzinhaber. Und schließlich beeinflußt die Struktur des Arbeitskräfteangebots etwa nach Qualifikationen über das Konsumverhalten und die Verbrauchsstruktur auch die Endnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen und damit indirekt den Arbeitskräftebedarf. Aus all diesen Gründen ist inzwischen kaum bestritten, daß eine Vorhersage der wahrscheinlichen Zukunft hinsichtlich des strukturierten Arbeitskräftebedarfs auf tönernen Füßen steht. 3 Dennoch bleibt die Arbeitsmarkt-, Berufsund 2 Vgl. Klauder, W.: Technischer Fortschritt und Beschäftigung. Zum Zusammenhang von Technik, Strukturwandel, Wachstum und Beschäftigung, in: MittAB Heft 1, 1986, S.5. 3 Vgl. Tessaring, M.: Evaluation von Bildungsund Qualifikationsprognosen, in: MittAB Heft 3, 1980, S. 374ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 131 Bildungsforschung herausgefordert, zumindest globale Aussagen über mögliche Perspektiven zu erarbeiten. Derartige Aussagen, sofern sie nicht den hohen Wahrscheinlichkeitsansp'ruch einer "Prognose" haben, sind durchaus legitim. Sie geben, unter genau definierten Annahmen und unter Berechnung von Entwicklungsalternativen an, was möglich wäre, wenn die eine oder andere Alternative einträte oder politisch angestrebt würde. "Projektionen" in diesem Sinne sind weitgehend frei von subjektiven Bewertungen des Prognostikers hinsichtlich der Eintreffenswahrscheinlichkeit der einen oder anderen Prämisse. Dieses Projektionsverständnis liegt den Projektionen des lAB zum künftigen Erwerbspersonenpotential und zum strukturierten Arbeitskräftebedarf zugrunde. Im folgenden sollnach einer kurzen Rekapitulation der Angebotsprojektionen - auf die Methode und Ergebnisse der neuesten IAB-PrognosProjektionen zum Arbeitskräftebedarfbis zum Jahre 2000 eingegangen werden. 3. Projektionen des Arbeitskräfteangebots Zum künftigen Arbeitskräfteangebot -genauer: zum Erwerbspersonenpotential -bis zum Jahre 2000 hat das lAB eine Reihe von Berechnungen vorgelegt.4 Sie haben zum Ergebnis, daß nach der mittleren Projektionsvariante das Erwerbspersonenpotential im Jahre 2000 um rd. 400000 Personen niedriger sein wird als 1985. Diese Projektion setzt eine Erwerbsbeteiligung der Frauen gemäß den langfristigen Tendenzen sowie einen Null-Wanderungssaldo voraus. Sollte der Wanderungssaldo wieder zunehmen und die Frauenerwerbstätigkeit über den bisherigen Trend hinaus wachsen (dies könnte auch eine Folge des steigenden Qualifikationsniveaus der Frauen sein), ist mit einer weiteren Erhöhung des Arbeitskräftepotentials zu rechnen (Abbildung 1). Die Abbildung zeigt die Veränderung des deutschen Erwerbspersonenpotentials und macht auch den Einfluß der demographischen und der Verhaltenskomponente auf die bisherige und künftige Entwicklung deutlich. Der Rückgang des Potentials aus demographischen Gründen ab Anfang der neunziger Jahre wird verlangsamt durch eine steigende Verhaltenskomponente, d. h. in dieser Variante durch eine zunehmende Erwerbsbeteilung der Frauen. Allerdings wird dadurch der stetige Potentialrückgang nicht aufgehalten. Im Jahre 2000 wird das Erwerbspersonenpotential (mittlere Variante) mit 25,9 Mio. um 0,4 Mio. niedriger liegen als im Jahre 1982. Nach den Berechnungen von ThonS wird bis zum Jahre 2030 das deutsche Erwerbspersonenpotential auf 16,9 Mio. zurückgegangen sein, während das ausländische Potential (mittlere Variante) mit 2,1 Mio. kaum niedriger liegen wird als im Jahre 1982 (2,2 Mio.). 4 Vgl. Klauder, W., Schnur, P., Thon, M.: Arbeitsmarktperspektiven der 80er und 90er Jahre. Neue Modellrechnungen für Potential und Bedarf an Arbeitskräften, in: MittAB Heft 1, 1985, S. 41 ff. sowie Thon M.: Das Erwerbspersonenpotential in der Bundesrepublik Deutschland. Entwicklung seit 1960 und Projektion bis 2000 mit einem Ausblick bis 2030. BeitrAB 105, Nürnberg 1986. 5 Vgl. Thon, M., 1986. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
t·l i 0 • 27 26 , 5 26 25, 5' 25 2/ 1, 21, 1970 demographische Komponente I (Basis 1970) ~. ". -" " /\ I I ". ,. ,. " , , , , , " , ) .'1 I I Verhaltens_ komponente (Basis 1970) "' , ". " ,,,,-1 '" I 75 19BO " .• ~. "",,'_.- ". 27,2 " "\.,.,""" , '\. ........ . ,,/ " .- " ",,'" ,.-. " , ,," . -"" " " -,'" ' -,- \ '. 85 1 ~'9U '. \ \ demo~raphische Komponente (Basis 19B2) 95 Quelle: Thon, t>'\. I 1986 Abb. 1: Demographische und Verhaltenskomponente bei der Entwicklung des deutschen Erwerbspersonenpotentials 1970-2030 (in Mio.) --' '\ verhaltensI<Ompenente (Bas.i.s 1982) \ , '. '. ,.. \ , \ \ \ 25,9 Jahr ~uuu ...... w IV a::: ~ ::;> 8.. nl '" '" Pl ::!. ~ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 133 Zur Strukturierung des Arbeitskräfteangebots nach Qualifikationen liegt derzeit nur eine Vorausschätzung des Angebots an Akademikern (Hochund Fachhochschulniveau) vor.6 Sie wurde 1985 erstellt und fand auch Eingang in die Vorlage der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) "Künftige Perspektiven der Hochschulabsolventen" . 7 Diese Akademiker-Angebotsprojektion geht aus von der Prognose der Hochschulabsolventen durch die Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahre 1983. 8 Unter Zugrundelegung alternativer Erwerbsquoten und unter Berücksichtigung von Abgangsquoten wird aus den jährlichen Absolventen der Hochschulen (gern. KMK) das Neuangebot an Akademikern berechnet. Das Restangebot (Restbestand) wird ermittelt aus einer Abschreibung der nach Alter gegliederten erwerbstätigen Akademiker 1980/82; dieser Ausgangsbestand wird ebenfalls mittels Erwerbsund Abgangsquoten bis zum Jahre 2000 abgeschrieben. Die Fortschreibung (Neuangebot + Restbestand) ergibt somit den Gesamtbestand an Akademikern bis zum Jahre 2000 und -im Vergleich zum Ausgangsjahr -den Bestandszuwachs. Die Ergebnisse, kurz zusammengefaßt, zeigen folgende Entwicklung: Der Akademikerbestand insgesamt (Wissenschaftliche Hochschule + Fachhochschule) wird von rd. 2,2 Mio. zu Beginn der 80 Jahre auf über 4 Mio. im Jahre 2000 ansteigen. Dieser künftige Gesamtbestand setzt sich zusammen aus 1,3 Mio. Restbestand und 2,9 Mio. Neuangebot. Unter der Voraussetzung, daß alle 0,9 Mio. der bis zum Jahre 2000 freiwerdenden Akademiker-Arbeitsplätze wieder mit Akademikern besetzt werden (realisierter Ersatzbedarf) ergibt sich also ein Erweiterungsangebot gegen 1980/82 in Höhe von knapp 2 Mio. Akademikern. Eine neue KMK-Prognose der Zahl der Hochschulabsolventen aus dem Jahre 1986 kommt gegenüber der 1983er Prognose -insbesondere aufgrund einer angenommenen niedrigeren Übergangsquote der Studienberechtigten -zu deutlich geringeren Absolventenzahlen. 9 Eine erste vorläufige Berechnung hat zum Ergebnis, daß sich auf Basis der neuen KMK-Zahlen ein um über 10% 6 VgJ. Tessaring, M., Weißhuhn, G.: Der Bestand an Hochschulabsolventen bis zum Jahre 2000, in: MittAB Heft 1, 1985, S. 84ff. 7 V gJ. BLK, Künftige Perspektiven der Hochschulabsolventen, Vorlage K35 / 85 (Juni 1985). Inzwischen hat die BLK eine Vorausschätzung des Neuangebots an Arbeitskräften unterschiedlicher Qualifikation bis zum Jahre 2000 vorgelegt (vgJ. BLK: Künftige Perspektiven von Absolventen der beruflichen Bildung im Beschäftigungssystem. Materialien zur Bildungsplanung, Heft 15, Bonn 1987). 8 VgJ. KMK: Prognose der Studienanfcinger, Studenten und Hochschulabsolventen bis 1995. Dokumentation 86, Dez. 1983. 9 VgJ. dies.: Prognose der Studienanfcinger, Studenten und Hochschulabsolventen bis 2000. Fortschreibung zur Dokumentation Nr. 86. Dokumentation 95, Bonn, Februar 1986. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
134 Manfred Tessaring niedrigeres Neuangebot in Höhe von rd. 2,5 Mio. (gegenüber 2,9 Mio.) ergeben würde. Damit läge der Gesamtbestand an Akademikern im Jahre 2000 bei etwa 3,8 Mio., der Erweiterungsbestand bei 1,6 Mio. (Vgl. Abbildung 2). Absol v '83-2000 3,3 (alt) 2,9 (neu) ... " " " " .' /.' "..' Absolv. '71-'80 ".' 995 ;:.' Angebots- /.' ...: ~ '".-. __ .:u~c~ _ , ... , ... ,," .......... Abgänge '" -'-. . 1 5 '" ... ~~------- .... -. ---- 1,3 Restbestand 1970 1982 Angebot 4 2 (al ,/ ,~ in:,u) 2,O(alt) l,6(neu) 0,9 ... 1,3 2000 ) Neuangebot 2,9 (alt) 2,5 (neu) 4,0 3,7 r-- 2.'~_ 2000 _' Bedarf 1) einschl. Fachhochschulabsolventen - 2) tätigkeitsspezifischer Trend der Qualifikationsstruktur oV = obere Wachstumsvariante; mV = mittlere Wachstumsvariante; uV = unter Wachstumsvariante Quelk: Tessaring/Weißhuhn 1985 und Rothkirch/Tessaring 1986 Abb. 2: Angebot und Bedarf an Akademikern! 1970-2000 (in Mio.) Diese Angebotsprojektion bedeutet, daß von den rd. 3,3 Mio. (alt) bzw. 2,9 Mio. (neu) Neuabsolventen gemäß KMK nur 0,9 Mio., also etwa jeder Dritte, eine Chance hätte, auf einem freiwerdenden Akademiker-Arbeitsplatz eingestellt zu werden. Für die übrigen kommen im wesentlichen (falls eine hohe Arbeitslosigkeit vermieden werden soll) nur zwei Möglichkeiten infrage: Entweder sie werden auf neugeschaffenen Arbeitsplätzen beschäftigt oder sie nehmen Arbeitsplätze anders Qualifizierter ein. Die erste Möglichkeit hängt ab von der Entwicklung der Zahl der Arbeitsplätze insgesamt; bei der zweiten, oft als "Verdrängung" bezeichneten Möglichkeit kann es sich jedoch auch um eine Umstrukturierung des Arbeitskräftebedarfs handeln. Sie ist abhängig von der Entwicklung der sektoralen, beruflichen und Tätigkeitsstruktur der Arbeitsplätze, also von Veränderungen der Qualifikationsanforderungen im Rahmen längerfristiger Substitutionsvorgänge, wie sie anschließend bei den Qualifikationsbedarfsprojektionen beschrieben werden. Für andere Qualifikationsgruppen liegen derzeit noch keine neueren Angebotsvorausschätzungen vor. Welche Ergebnisse die Vorausschätzung des Angebots für die mittlere Qualifikationsebene haben wird, die derzeit (Anfang 1987) von einer Arbeitsgruppe der BLK erstellt wird, muß abgewartet werden. oV mV uV OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 135 In welcher Weise sich nun der Arbeitskräftebedarf insgesamt und nach einzelnen Qualifikationsgruppen verändern könnte, soll im folgenden anhand der IAB/Prognos-Projektionen aus den Jahren 1985/86 dargestellt werden. 4. Der Arbeitskräftebedarf bis zum Jahre 2000 Angesichts der eher pessimistisch stimmenden Aussichten auf der Angebotsseite bleibt nun die Frage, wie sich die Zahl der Arbeitsplätze (Bedarf) entwickeln wird und welche Veränderungen der Bedarfsstrukturen in sektoraler, tätigkeitsund qualifikationsspezifischer Hinsicht zu erwarten sind. Bei der Beantwortung dieser Fragen steht die Arbeitsmarktforschung vor einem Dilemma: Einerseits der Erkenntnis, daß exakte Prognosen der künftigen Realität nicht möglich sind, andererseits aber auch vor der Herausforderung, daß jede Analyse ohne perspektivischen Charakter sinnlos sei und es also möglich sein müßte, unter Ausschöpfung des verfügbaren Datenmaterials und unter Verwendung spezifischer Projektionsmethoden zumindest Richtungen und Größenordnungen der künftigen möglichen Entwicklung unter fest umrissenen Annahmen aufzuzeigen. Derartige Modellrechnungen wären keine "Prognosen", sondern Projektionen mit konditionalem Charakter. Sie zeigen die möglichen Auswirkungen bisher feststellbarer Entwicklungen unter alternativen Annahmen, haben also -je nach Anlage -eine Warnoder Zielfunktion. Von der Prognos AG und dem lAB gemeinsam wurden derartige Projektionen des Umfangs und der Struktur des Arbeitskräftebedarfs bis zum Jahre 2000 vorgelegt. 10 Die Projektionen wurden in drei Stufen durchgeführt: (1) eine Projektion des globalen und sektorspezifischen Arbeitskräftebedarfs; (2) eine Projektion des Bedarfs nach einzelnen Tätigkeiten und ihrer Einflußfaktoren; (3) eine Projektion des tätigkeitsspezifischen Bedarfs nach Qualifikationsebenen. 4.1 Arbeitskräftebedarf global und nach Sektoren Die Projektionen der ersten Stufe gehen aus von drei Szenarien der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung: Schwacher Strukturwandel (untere Variante) -1,2% Wirtschaftswachstum -1,9% Produktivitätsanstieg je Erwerbstätigen -1,3 % Arbeitszeitverkürzung 10 Vgl. v. Rothkirch, C., Weidig, I.: Die Zukunft der Arbeitslandschaft. Zum Arbeitskräftebedarf nach Umfang und Tätigkeiten bis zum Jahre 2000. BeitrAB 94.1 und 94.2, Nürnberg 1985; dies.: Zum Arbeitskräftebedarfnach Qualifikationen bis zum Jahr 2000. BeitrAB 95, Nürnberg 1986. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Tabelle 3: Die Erwerbstätigen nach Tätigkeitsgruppen 1973-2000 (in Tsd.) Tätigkeitsbezeichnung Einzeltätigkeiten nach dem Mikrozensus IAB/Prognos 1 Tätigkeiten in der Primärprodukion Pflanzen/ Anbauen, Tiere halten, Abbauen/Fördern 2 Handwerkliche Fertigungstätigkeiten Handwerklich fertigen, Montieren/lnstallieren, Bauen/Ausbauen 3 Maschinelle Fertigungstätigkeiten Maschinell bearbeiten/verarbeiten 4 Kontrollund Anleitungstätigkeiten Anleiten von Personen, Prüfen, Kontrollieren 5 Maschinenbedienung und -regelung Maschinen einstellen, steuern, regeln, warten 5 Reparaturtätigkeiten Reparieren, Restaurieren 1-6 Produktion; Wartung 7 Lagerund Versandtätigkeiten Verladen, Versenden, Sortieren, Einpacken/Auspacken 8 Transporttätigkeiten (Güter/Personen) BefOrdern, Fahrzeuge steuern 9 Verkaufstätigkeiten allgemeiner Art EinkaufenNerkaufen von Gütern des täglichen Bedarfs 10 Produktbezogene beratungsintensive Handelstätigkeiten Technische Geräte/Maschinen einkaufen/verkaufen 11 Kundenbezogene beratungsintensive Mittler-/Maklertätigkeiten Vermitteln, Versteigern, Finanzieren, Versichern, Werben 7-11 Lager, Transport, Vertrieb 12 Abteilungsspezifische Bürotätigkeiten Kaufmännische Kerntätigkeiten (Buchhalten, Korrespondieren, Fakturieren u. a.) 13 Integrierte Sach-, Antragsbearbeitung Sachbearbeitung, Dokumentation, Schreib dienst 14 Entscheidungsvorbereitung, -assistenz Unterlagen prüfen/korrigieren, assistieren 12-14 Büro 1973 1980 2106 1584 3394 2934 2701 2283 771 651 939 971 1501 1446 11412 9869 1307 1182 617 594 2097 2051 350 331 252 260 4623 4418 1778 1611 1090 1258 261 306 3129 3175 2000 1223 2261 1607 407 1132 1328 7958 942 538 1873 340 270 3963 1155 1495 397 3047 ...... ~ IV ~ § ::;> (1) 0i;l CI> CI> ~ S· 0<1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Fortsetzung Tabelle 3 Tätigkeitsbezeichnung Einzeltätigkeiten nach dem Mikrozensus IAB/Prognos 15 Forschungs-, Entwicklungstätigkeiten Projektieren, Entwickeln, Konstruieren etc. 16 Sachbezogene EntscheidungsBerechnen, Kalkulieren, Programmieren, Verhandeln, funktionen Organisieren 17 Führungsaufgaben, Management Führen, Leiten, Delegieren 15-17 Disposition, Forschung und Entwicklung 18 Reinigung, Hauswirtschaft, Reinigen, Haushalt besorgen, Gäste beherbergen/bewirten Gästebewirtung 1-- ---------- ----------------- 19 Ausbilden, Lehren, Betreuen Forschen/Lehren, Ausbilden, Erziehen, Betreuen 20 Ordnen, Bewachen in Ordnung halten, Sichern, Ordnung bewahren 21 Rechtspflege Gesetze/Vorschriften anwenden, Beurkunden 22 Physisch/psychisch behandeln, beraten Untersuchen, medizinisch/kosmetisch behandeln/pflegen 23 Publizieren, künstlerisch arbeiten Publizieren, künstlerisch arbeiten 19-23 Dienstleistungen im engeren Sinne 24 in Ausbildung in Ausbildung 1-24 Alle Tätigkeiten (einschl. ohne Angabe) Anmerkung: Die Angaben für 2000 beziehen sich auf die mittlere Wachstumsvariante. Quelle: Stooß/Weidig, S. 92; BeitrAB 94.1 passim. 1973 1980 564 581 687 796 975 1116 2226 2493 1473 1367 795 1080 967 960 263 311 944 1181 122 134 3091 3666 897 1265 26489 26251 2000 753 1147 1658 3558 1360 1379 1036 447 1409 169 4440 956 25282 ~ .g. o ~ ö' ::s ~ .0 §. Si :>;" ~ g. ::s '" 0a ~ Ci:' g: '" ~ '-< I>' ~ 8 o - "'" w OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
144 Manfred Tessaring Trends -die Qualifikationsbesetzung in den einzelnen Tätigkeiten und Arbeitsplätzen "eingefroren" werden würde: Gemäß den Vorgaben der mittleren Wachstumsvariante wird sich die Gesamtzahl der Arbeitsplätze per saldo um rd. 280000 bis zum Jahre 2000 verringern. Von diesem generellen Arbeitsplatzabbau werden vor allem Personen ohne formale Ausbildung (- 6900(0), aber auch Absolventen einer betrieblichen Lehre oder Berufsfachschule (- 180000) betroffen sein. Fachund insbesondere Hochschulabsolventen können demgegenüber über selbst unter Konstanzannahmen mit einem Zuwachs "ihrer" Arbeitsplätze rechnen (+ 100000 bzw. + 490000). Die Status-quo-Projektion ist jedoch lediglich der Referenzrahmen für die anderen Ansätze. Welcher Qualifikationsbedarf ergibt sich, wenn die bisherigen Entwicklungstrends in der Qualifikationsbesetzung berücksichtigt werden? 4.3.2 Trendansätze der Qualifikationsstruktur Die Ergebnisse der beiden Trendansätze werden getrennt nach den vier Qualifikationsebenen dargestellt. 1. Der Bedarf an Arbeitskräften ohne (formalen) Ausbildungsabschluß, der 1982 noch bei rd. 8 Mio. Erwerbstätigen oder über 30% lag (einschl. Erwerbstätige ohne Ausbildungsangabe, die aufgrund von Sonderauswertungen überwiegend zu den Ungelernten gerechnet wurden), wird bis zum Jahre 2000 auf unter 20% sinken. Hauptgrund ist der rückläufige Bedarf in den Tätigkeitsbereichen "Produktion/Wartung, Lager /Transport/Vertrieb", in denen Ungelernte relativ stark vertreten sind. Der Bedarfsrückgang wird für diese Gruppe eine Größenordnung von über 3 Mio. Arbeitsplätze erreichen. 11. Der Bedarf an Arbeitskräften mit betrieblicher Ausbildung bzw. Berufsfachschulabschluß wird von rd. 53% oder 13,5 Mio. Erwerbstätigen im Jahre 1982 auf 59-60% ansteigen. Bedarfszuwächse sind insbesondere in den dispositiven, den Forschungs-/ Entwicklungstätigkeiten und den Bürotätigkeiten zu erwarten: Diese steigen einmal von ihrem Gesamtvolumen her, zum anderen setzt sich ip ihnen die steigende Tendenz zum Einsatz qualifizierter Fachkräfte fort. Die Auswirkungen des Rückgangs der mehr produktionsorientierten Tätigkeiten wird durch eine steigende Besetzung mit Arbeitskräften dieser Ebene überkompensiert. Per saldo beträgt der Bedarfszuwachs für betrieblich Ausgebildete bzw. Berufsfachschulabsolventen rd. 1,3-1,7 Mio. bis zum Jahre 2000. III. Der Bedarf an Arbeitskräften mit Fachschulabschluß wird sich entsprechend dem gesamtwirtschaftlichen Trend verändern und mit knapp 7% (1,6-1,8 Mio. Erwerbstätige) weitgehend unverändert bleiben. Der rückläufige Bedarf in der Lager-, Transportund Vertriebstätigkeiten sowie in den Büround Dienstleistungstätigkeiten wird durch einen Bedarfsanstieg in den meisten anderen Tätigkeiten annähernd kompensiert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 145 IV. Der Bedarf an Hochund Fachhochschulabsolventen wird nach allen Projektionsansätzen absolut und relativ steigen. Im Jahre 2000 werden nach den Trendansätzen rd. 14-15% aller Arbeitsplätze den Akademikern vorbehalten sein; 1982 waren es noch 8,5%. Quantitativ am bedeutsamsten sind die Steigerungen in den Tätigkeitsbereichen "Disposition/Entscheidungsvorbereitung" und "Forschung und Entwicklung" sowie in den (qualifizierten) "Dienstleistungstätigkeiten". Insgesamt wird der Akademikerbedarf auf rd. 3,5 -3,7 Mio., also um rd. + 1,3 bis 1,5 Mio. gegenüber 1982 ansteigen. Die Veränderungen der Zahl der Arbeitsplätze nach zusammengefaßten Tätigkeitsbereichen und für die verschiedenen Qualifikationsebenen zwischen 1982 und 2000 sind in Tabelle 4 angeführt. Tabelle 5 enthält die hieraus sich ergebende Qualifikationsstruktur der Erwerbstätigen; sie stellt damit die Strukturierung der Tätigkeitsentwicklung aus Tabelle 3 dar. Und schließlich sind in der Tabelle 6 die Qualifikationsstrukturen der Erwerbstätigen insgesamt dargestellt, wie sie sich aus den verschiedenen Projektionsansätzen ergeben. Hieraus wird der Spielraum sichtbar, in dem sich die künftige Entwicklung bewegen dürfte. Zusammen mit der Qualifikationsstrukturentwicklung 1961-1982 (Tabelle 1) erhält man somit -bei allen Vorbehalten bezüglich der Vergleichbarkeit und Projektionsmethodik -einen Anhaltspunkt zur Veränderung der Qualifikationsstruktur der Arbeitskräfte über immerhin fast ein halbes Jahrhundert. Die vorgelegten Projektionen zum Qualifikationsbedarf legen den Schluß nahe, daß sich in unserem Beschäftigungssystem offensichtlich auch in Zukunft der Trend zu höheren Qualifikationsanforderungen fortsetzt. Zum einen nehmen die Tätigkeiten an Gewicht zu, die relativ hohe Anteile qualifizierter und hochqualifizierter Arbeitskräfte aufweisen, zum anderen geht innerhalb dieser - wie auch der meisten anderen -Tätigkeiten die Tendenz zur Besetzung der verfügbaren Arbeitsplätze mit Personen höherer Qualifikation weiter. Exkurs: ArbeitskräJtebilanz für Hochschulabsolventen Die Entwicklungen auf der Bedarfsseite lassen natürlich noch keine Aussage über mögliche strukturelle Arbeitsmarktungleichgewichte zu. Dies wäre erst dann möglich, wenn den Bedarfsvorausschätzungen der Qualifikationsstruktur entsprechende Projektionen der Qualifikationsstruktur des Arbeitskräfteangebots gegenübergestellt werden könnten. Angebotsvorausschätzungen neueren Datums lagen, wie erwähnt, nur für die Hochschulebene vor. Wie bereits dargestellt, ist im Jahre 2000 mit einem Gesamtangebot von über 4 Mio. (Basis: 1983er KMK-Prognose) bzw. rd. 3,8 Mio. (Basis: 1986er KMK-Prognose) zu rechnen. Die tätigkeitsspezifische Trendprojektion hinsichtlich des Akademikerbedarfs auf der Basis der mittleren Wachstumsvariante kommt zu einem Akademikerbedarfvon rd. 3,7 Mio. Dies 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
146 Manfred Tessaring bedeutet, daß dem Gesamtzuwachs des Akademikerangebots global durchaus ein etwa gleich hoher Bedarfszuwachs gegenüberstehen könnte. Es bedeutet jedoch nicht, daß damit keine Arbeitsmarktprobleme für Akademiker mehr zu befürchten seien: Über die internen Strukturen des Akademikerangebots bzw. -bedarfs (z. B. nach Fachrichtungen) sagen die Projektionen nichts aus. Strukturelle Ungleichgewichte auf dem künftigen Arbeitsmarkt für Akademiker sind daher also nicht auszuschließen. Eine Gegenüberstellung des Angebots und Bedarfs an Akademikern ist in Abbildung 2 aufgeführt. Tabelle 4 Der Arbeitskräftebedarf nach QualifIkationsebenen und Tätigkeitsbereichen 1982-2000 (in 1000 Personen) Tätigkeitsbereich Jahr Qualifikationsebene ohne betrieb!. FachHochInsges. Ausbild. Ausbild.a) schule schule Produktion, Wartung 1982 3554 5034 647 89 9324 2000 1939 5241 659 121 7958 82-2000c) -1615 + 207 + 12 + 12 -1366 Lager, Transport, 1982 1284 2736 154 84 4258 Vertrieb 2000 665 3043 115 141 3963 82-2000c) - 619 + 307 - 39 + 57 - 295 Büro 1982 680 2239 112 85 3116 2000 355 2296 104 293 3047 82-2000c) - 325 + 57 -8 +208 - 69 Disposition, Forschung/ 1982 247 1273 423 599 2542 Entwicklung 2000 82 1919 572 985 3558 82-2000c) - 165 + 646 + 149 +386 + 1016 Reinigung, Hausw., 1982 863 463 27 10 1363 Bewirtung 2000 671 607 35 47 1360 82-2000c) - 184 + 144 + 8 + 37 -3 Dienstleistungen 1982 731 1477 276 1262 3746 2000 654 1492 187 2107 4440 82-20000) - 77 + 15 - 89 +845 + 694 in Ausbildung 1982 b) b) b) b) 1215 2000 956 Insgesamt 1982 8188 13 514 1679 2183 25564 2000 5016 14829 1702 3735 25282 82-2000c) -3172 + 1315 + 23 + 1552 - 282 a) einseh!. Berufsfachschule b) Interpretation nicht sinnvoll c) Veränderung 1982-2000, Basis ist die mittlere Wachstumsvariante und die tätigkeitsspezifische Trendprojektion. Quelle: v. Rothkirch, c., Tessaring, M., S.114. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 147 Tabelle 5 Der Qualifikationsstruktur des Arbeitskräftebedarfs 1982-2000 nach Tätigkeitsbereichen (in v.H.) Tätigkeitsbereich Jahr Qualifikationsebene ohne betrieb!. FachHochInsges. Ausbild. Ausbild.a) schule schule Produktion, Wartung 1982 38,1 54,0 6,9 1,0 100,0 2000 24,4 65,8 8,3 1,5 100,0 Lager, Transport, 1982 30,1 64,3 3,6 2,0 100,0 Vertrieb 2000 16,8 76,8 2,9 3,5 100,0 Büro 1982 21,8 71,9 3,6 2,7 100,0 2000 11,6 75,4 3,4 9,6 100,0 Disposition, Forschung 1982 9,7 50,1 16,6 23,6 100,0 und Entwicklung 2000 2,3 53,9 16,1 27,7 100,0 Reinigung, Hauswirtsch., 1982 63,3 34,0 2,0 0,7 100,0 Bewirtung 2000 49,3 44,6 2,6 3,5 100,0 Dienstleistungen 1982 19,5 39,4 7,4 33,7 100,0 2000 14,7 33,6 4,2 47,5 100,0 in Ausbildung 1982 68,2 24,0 3,3 4,5 100,0 2000 68,2 24,0 3,3 4,5 100,0 Insgesamt 1982 32,0 52,9 6,6 8,5 100,0 2000 19,8 58,7 6,7 14,8 100,0 Anmerkungen und Quelle wie Tabelle 4. 5. Forschungsperspektiven Die weitere Forschungsarbeit auf diesem Gebiet soll stichwortartig umrissen werden: Zunächst wäre eine Aktualisierung der Datenbasis (etwa auf grund der Ergebnisse neuer Mikrozensen, vor allem jedoch der Volksund Berufszählung 1987, falls sie zuverlässige Ergebnisse erbringt) und eine noch tiefergehende Analyse der bisherigen Qualifikationsbesetzungs-Vorgänge erforderlich. Gleichzeitig wäre damit eine Verlängerung des Stützzeitraums möglich. Weiterhin ist eine Analyse des Tätigkeitsund Qualifikationsbedarfs für besondere Personengruppen notwendig, etwa zur Klärung der Frage, welche Gruppen (z. B. Frauen, Ältere, Ausländer) heute in den Tätigkeiten und Sektoren beschäftigt sind, für die eine Abnahme des Bedarfs zu erwarten ist. Weiter wäre zu prüfen, ob, gemessen an der Struktur der Ausbildungsberufe, heute nicht überproportional für die künftig schrumpfenden Tätigkeiten ausgebildet wird, künftige strukturelle Ungleichgewichte also schon vorprogrammiert sind. 10' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Tabelle 6: Die QuaIifikationsstruktur des Arbeitskriiftebedarfs nach verschiedenen Wachstumsvarianten und Projektionsansätzen (in v. H.) 1982-2000 1990 2000 Qualifikationsebene Projektions1982 untere mittlere obere untere mittlere obere ansatz') Variante Variante Variante Variante Variante Variante I ohne Ausbildungsabschluß SQ t 31,3 31,0 31,0 30,3 29,7 GT 32,0 26,4 26,1 26,2 20,2 19,7 TT 26,2 25,9 25,9 20,5 19,8 11 betriebliche Ausbildung, SQ t 52,7 52,8 52,8 52,7 52,7 Berufsfachschule GT 52,9 56,5 56,6 56,5 60,3 60,1 TT 56,2 56,2 56,2 58,8 58,7 III Fach-, Meister-, SQ t 6,7 6,8 6,8 6,9 7,0 Technikerschule GT 6,6 6,6 6,6 6,6 6,4 6,5 TT 6,6 6,7 6,7 6,6 6,7 IV Hochschule SQ t 9,3 9,4 9,5 10,1 10,6 GT 8,5 10,5 10,7 10,7 13,1 13,7 TT 11,0 11,2 11,2 14,1 14,8 Insgesamt 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 100,0 a) SQ = tätigkeitsspezifische Status-quo-Projektion; GT = Global-Trend-Projektion; TI = tätigkeitsspezifische Trend-Projektion. Quelle: v. Rothkirch/Tessaring, S. 116. 29,5 19,6 19,7 52,6 59,9 58,4 7,1 6,5 6,8 10,8 14,0 15,1 100,0 - ~ 00 ~ ~ ;:;> 8- ~ CI> CI> ~. Jg OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Projektion des Qualifikationsbedarfs bis zum Jahre 2000 149 Die Projektionen des Akademikerangebots müssen aktualisiert und auf andere Gruppen ausgedehnt werden, z. B. zu einem späteren Zeitpunkt auf der Grundlage der derzeit im lAB entwickelten "Bildungsgesamtrechnung" .16 Auch die weitere Strukturierung des Qualifikationsangebots, etwa nach Geschlecht, AusbildungsberufenjFachrichtungsgruppen oder getrennt für Selbständige und abhängige Erwerbspersonen ist zu prüfen. Aus der Gegenüberstellung der Angebotsund Bedarfsergebnisse ergeben sich schon jetzt wichtige Implikationen für Maßnahmen auf dem Gebiet der Bildungsund Arbeitsmarktpolitik. So ist abzusehen, daß bei weiter anhaltender Arbeitslosigkeit und gleichzeitig starkem Strukturwandel Weiterbildungsmaßnahmen ein sehr hohes Gewicht erhalten werden. Diese Maßnahmen betreffen alle Teilgruppen am Arbeitsmarkt: die Arbeitslosen, die vom Strukturwandel Bedrohten und die übrigen Beschäftigten, die den Strukturwande1 mittragen. Gleichzeitig werden Spezialwissen und spezifische berufliche Fertigkeiten angesichts des sich beschleunigenden Tempos technologischer Neuerungen immer rascher veralten; schon aus diesem Grunde werden Weiterbildungsbereitschaft und -möglichkeiten zunehmen müssen. 16 Vgl. Blien, U., Tessaring, M.: Die Bildungsgesamtrechnung des lAB. Konzeption und erste Ergebnisse, in: MittAB Heft 4, 1986, S. 501 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Eine Überprüfung der Linearitätsannahme der Humankapitaltheorie Von Christo! Helberger, Berlin 1. Einleitung Bei der Erklärung der individuellen Erwerbseinkommen hat sich auch in der Bundesrepublik Deutschland die von der Humankapitaltheorie (HK-Theorie) formulierte Einkommensfunktion in hohem Maße bewährt. Bei ihr wird die Schulbildung und die Berufserfahrung zur Erklärung der Einkommen herangezogen. Beide werden in Zeiteinheiten gemessen. Im klassischen hk-theoretischen Modell der Einkommensfunktion wird für die Schulbildung ein Koeffizient geschätzt. Er kann als ihre Rentabilitätsrate interpretiert werden. Dieser Ansatz impliziert, daß die relativen Einkommenszuwächse bei zunehmender Ausbildungsdauer linear sind. Gegenstand dieses Beitrags soll die Überprüfung dieser Annahme sein. Die HK-Theorie wird hierzu als gegeben und zutreffend vorausgesetzt. Eine kritische Überprüfung und Konfrontation mit rivalisierenden Einkommenstheorien ist nicht beabsichtigt. Es soll untersucht werden, wie die Ausbildungsgänge und -abschlüsse angemessen in Zeitgrößen operationalisiert werden können, welche Probleme dabei zu berücksichtigen sind und wie sich die Spezifikationen in erweiterten Einkommensfunktionen auswirken. Diese Probleme sind in den bisher vorliegenden Untersuchungen eher beiläufig und sehr pragmatisch behandelt worden 1. Sofern sich die bisherigen Arbeiten mit dem Linearitätsund Operationalisierungsproblem der Schulbildung befaßt haben (vgl. Hübler 1984, S.95ff.; Diekmann 1984, S. 98 ff.), gelangen sie zu dem Ergebnis, daß die Linearitätsannahme für die BRD eine gute Näherung darstellt. Jede derartige Aussage benötigt jedoch als Bezugspunkt eine Spezifikation von Bildung, die weniger restriktiv ist als die der hk-theoretischen Einkommensfunktion. Sie ist damit ihrerseits auf eine korrekte Operationalisierung von Bildung angewiesen. Insofern sind die bisherigen Aussagen mit Unsicherheit behaftet. Ziel ist es, eine möglichst korrekte Spezifikation des HK-Modells in seiner Anwendung auf die Bildungsund Qualifikationsstruktur der Erwerbstätigen in der BRD zu erhalten. Dies ist auch deshalb von Interesse, weil erweiterte Einkommensfunktionen, die den hk-theoretischen Mechanismus der Einkom1 Zu einem Überblick vgl. Rosen 1977 und Brinkmann 1980. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
254 Erich Frühstück; Kar! Pichelmann und Michael Wagner Männer Frauen Angestellte Arbeiter Saisonberufe Übersicht 3 Arbeitseinkommensverluste durch Arbeitslosigkeit Kennziffern D a* b* b*-a* (b*-a*) - 360 - 2,7 12,8 15,5 4,23 - 2,5 14,0 16,5 4,48 - 3,2 13,5 16,7 5,49 - 2,4 13,0 15,4 4,06 - 1,2 12,3 13,5 3,18 -a* -- b*-a* 17,4 15,2 19,2 15,6 8,9 Produktionsberufe - 3,3 13,7 17,0 5,04 19,4 Dienstleistungsberufe - 3,1 13,7 16,8 5,36 18,5 bis 19 Jahre -19,5 46,4 65,9 11,66 29,6 20-24 Jahre - 4,1 19,2 23,3 4,88 21,4 25 -44 Jahre - 1,7 9,8 11,5 3,32 14,8 45 -54 Jahre - 7,4 7,4 2,47 - 55 -59 Jahre - 7,5 7,5 2,58 - 60 und älter - 9,6 9,6 3,31 - Insgesamt - 2,6 13,1 15,7 4,28 16,6 a* = (a.360).100: prozentuelle Veränderung des erzielbaren Arbeitseinkommens nach einjähriger Arbeitslosigkeit. b* = (b.360).100: prozentuelle Veränderung des Arbeitseinkommens nach einjähriger Beschäftigung. (b*- a*): Prozentueller Arbeitseinkommensverlust durch einjährige Arbeitslosigkeit = Summe aus Minderung des erzielbaren Arbeitseinkommens und entgangenem Einkommenszuwachs. D (b*-a*)· -: 360 -a* --·100: b*-a* prozentueller Arbeitseinkommensverlust bei beobachteter Dauer von Arbeitslosigkeitsepisoden. Anteil (in %) am Arbeitseinkommensverlust, der durch die Minderung des erzielbaren Arbeitseinkommens hervorgerufen wird. Aus der 1. Spalte von Übersicht 3 können einige weitere bemerkenswerte empirische Regelmäßigkeiten abgelesen werden: Zwischen Männern und Frauen besteht kein wesentlicher Unterschied in den Abschreibungsraten. Die Abschreibungsraten sind für Angestellte höher als für Arbeiter (was auf unterschiedliche "interne" Arbeitsmarkteffekte verweist). Die Abschreibungsraten sind injenen Altersgruppen besonders hoch, die am Anfang der Berufslaufbahn stehen (starker Selektionseffekt der Arbeitslosigkeit beim Übergang vom Ausbildungszum Beschäftigungssystem; Ellwood 1982). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Humankapitalentwertung durch Arbeitslosigkeit? 255 7.2 Bedeutende Opportunitätskosten Der durchschnittliche Anstieg der als Referenzlinie dienenden Einkommensprofile betrug für den Beobachtungszeitraum 13,1 % jährlich. Daraus lassen sich die korrespondierenden permanenten Effekte der Blockierung von betriebsspezifischen Humankapitalinvestitionen berechnen. Diese Effekte nehmen deutlich mit dem Alter ab: Sie betragen 46,4% für die Altersgruppe "bis 19 Jahre", aber nur noch 7,4% für die Klasse ,,45-54 Jahre". Daraus folgt: Die Hypothese 3 kann nicht verworfen werden. Ein (vielleicht unerwartetes) Resultat von Spalte 2 in Übersicht 3 ist die geringe Variation der Größe der "Blockierungseffekte" zwischen verschiedenen sozioökonomischen Gruppen; es lassen sich weder geschlechtsnoch berufsspezifische oder sozialrechtliche Differenzen ausmachen. 7.3 Verteilung der Gesamtverluste Um ein Bild von der Gesamtgröße der realisierten permanenten Effekte zu gewinnen, ist es notwendig, die Verteilung der Episodendauer und der Abschreibungsund Blockierungseffekte simultan zu betrachten. Dies erfolgt in der 4. Spalte von Übersicht 3. Die dort angegebenen Verlustraten sind folgendermaßen zu interpretieren: -Als Basis dient das Einkommen vor der 1. Arbeitslosigkeitsepisode. Da es sich um nominelle Größen handelt, die auch von den allgemeinen Lohnsteigerungen des Beobachtungszeitraumes abhängen, sind die Raten als Verluste relativ zu der Einkommensentwicklung der durchgängig Beschäftigten zu interpretieren. Im Schnitt sind die rund 212 tausend in der Teilpopulation erfaßten Personen gegenüber den durchgängig Beschäftigten um etwas über 4% zurückgefallen. Dabei zeigen sich kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Der Verlust liegt für Arbeiter etwas unter dem Durchschnitt, für Saisonberufe sogar deutlich darunter. Das markanteste Resultat bezüglich der Verteilung der Gesamtverluste ist die starke Altersabhängigkeit: Jugendliche, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, fielen um über 11 % hinter ihre Altersgenossen mit kontinuierlicher Beschäftigung zurück. In der Altersgruppe 20-24 Jahre beträgt dieser Effekt immerhin auch noch fast 5%. 7.4 Einschränkende Bemerkungen Die erzielten quantitativen Ergebnisse hängen wesentlich davon ab, daß die als Referenzlinie dienenden Einkommensprofile aus Beschäftigungsverhältnissen geschätzt wurden, die zwischen zwei Episoden von Arbeitslosigkeit liegen. Dies kann entgegen der expliziten Spezifikation der Schätzgleichung zu einer Verzerrung der Koeffizienten führen. Falls es doch eine Art von Aufholprozeß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
256 Erich Frühstück, Kar! Pichelmann und Michael Wagner gibt, dann sind die Schätzungen des Parameters b nach oben verzerrt: Der permanente Verlust würde überschätzt werden. Dies mag insbesondere für Jugendliche zutreffen, die beim Übergang vom dualen Ausbildungssystem in das Beschäftigungssystem Arbeitslosigkeitsepisoden hinnehmen müssen. Für Personen im Haupterwerbsalter hingegen zeigen z. B. Schätzungen von Christl (1985) für die Renditen auf post-schulisches Humankapital nur geringfügige Abweichungen von den hier erzielten Resultaten. (Für Einkommensprofile aus Querschnittsdaten Christl1984, Clement 1984, Christl1985). 8. Zusammenfassung und Ausblick Die mit Arbeitslosigkeit verbundene Diskontinuität in der Erwerbsbiographie läßt die betroffenen Personen in der Einkommensentwicklung deutlich hinter jene Referenzgruppen zurückfallen, die ein kontinuierliches Beschäftigungsverhältnis aufweisen. Analytisch kann dieser (permanente) Verlust von Einkommenschancen zerlegt werden: erstens in die Minderung der generellen Erwerbsfähigkeit (Abschreibungseffekt) und zweitens in die Unmöglichkeit, die arbeitsplatzspezifische Qualifikation fortzusetzen (Blockierungseffekt). Die Schätzung dieser beiden Effekte ergibt für rund 212000 Personen, die im Zeitraum 1983 -1984 mindestens zwei Arbeitslosigkeitsepisoden hatten, folgendes Bild: Im Schnitt sind die Betroffenen um 4,28% gegenüber ihren Referenzgruppen zurückgefallen. Dieses Resultat legt nahe, daß die anhaltenden Kosten selbst von relativ kurzen Arbeitslosigkeitsepisoden (die Durchschnittsdauer der Episoden für die Teilpopulation betrug 98 Tage) für die Betroffenen sehr hoch sein können. Insbesondere der "Blockierungseffekt" bewirkt einen relativen Abstieg der von Arbeitslosigkeit Betroffenen in der Einkommenspyramide. (Zu den "transitorischen" Effekten: Fischer jWagner 1985). Die empirischen Ergebnisse beruhen auf einer Schätzgleichung, die aus einem einfachen und restriktiven Humankapitalmodell abgeleitet ist. In künftigen Studien wird es darum gehen, die Gültigkeit der Modellannahmen (insbesondere jene der "Karrierekonstanz") empirisch zu testen; dies mag zu einer Revision einzelner Resultate führen. Das Hauptergebnis dieser Studie wird jedoch davon unberührt bleiben: Arbeitslosigkeit verursacht nicht-transitorische Einkommensverluste. 9. Literatur Christi, J.: The Explanatory Power of Human Capital Earnings Function. Empirica, Heft 11, 1984, S. 47 - 57. -Verdienstdifferentiale zwischen Männern und Frauen. Theorie und empirische Ergebnisse für Österreich. Institut für Höhere Studien, Forschungsbericht Nr. 224, Wien 1985. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Humankapitalentwertung durch Arbeitslosigkeit? 257 Clement, W.: Einkommensverteilung und Qualifikation. Empirische Ergebnisse aus dem österreichischen Mikrozensus 1981. Wien 1984. Ellwood, D. T.: Teenage Unemployment: Permanent Scars or Temporary Blemishes? In: R. B. Freeman, D. A. Wise (Eds.), The Youth Labour Market Problem: Hs Nature, Causes, and Consequences. The University of Chicago Press, Chicago 1982, S. 349390. Erath, E., Frühstück, E., Laschitz, M., Wagner, M.: Ungleiche Lasten: Die Struktur der Arbeitslosigkeit in Österreich 1979-1985. Bundesministerium für Soziale Verwaltung, Wien 1987. Fischer, G., Wagner, M.: Gestaffelte Einkommenstransfers. Die Verteilungswirkung der österreichischen Arbeitslosenversicherung. Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 11, 1985, S. 231 -242. Helberger, Ch.: Humankapital, Berufsbiographie und Einkommen von Männern und Frauen. Arbeitspapier Nr. 129. Sonderforschungsbereich 3 der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und Universität Mannheim 1984. Lippman, S. A., McCall, J. J.: Studies in the Economics of Search. North Holland, Amsterdam 1979. Mincer, J.: Schooling, Experience, and Earnings. Columbia, New York 1974. Mincer, J., Polachek, S.: An Exchange: Theory of Human Capital and the Eamings of Women: Women's Earnings Reexamined. Journal of Human Recources, Heft 13, 1978, S.118-134. Österreichisches statistisches Zentralamt: Arbeitsplatzwechsel. Ergebnisse des Mikrozensus Juni 1975. Beiträge zur österreichischen Statistik, Heft 438, 1976. Pichelmann, K.: Zusammenfassender Bericht Band 11: Datenbasis. Teil 1: Datenbeschreibung. Arbeitsunterlage 1*1.2 der Projektgruppe Arbeitslosigkeit. Institut für Wirtschaftsund Sozialforschung, Wien 1984. Pichelmann, K., Wagner, M.: Die Struktur steigender Arbeitslosigkeit in Österreich. Wirtschaft und Gesellschaft. Heft 10, 1984, S. 189-220. Thorow, L.: Generating Inequality: Mechanism of Distribution in the U.S. Economy. Basic Books, New York 1975. Wagner, M: Umverteilung und Lohnstruktur. Campus, Frankfurt 1981. 17 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel Eine Längsschnittanalyse über die Veränderung der Bildungsbeteiligung im Lebenslauf dreier Geburtskohorten Von Hans-Peter Bloss/eld, Berlin 1. Einleitung Kaum ein Gegenstand der soziologischen Forschung ist in den späten sechziger und den frühen siebziger Jahren empirisch so intensiv untersucht worden, wie das Problem der Ungleichheit von Bildungschancen. Das Resultat dieser Studien war der einheitliche Nachweis, daß es deutlich ausgeprägte herkunftsbedingte, geschlechtsspezifische, konfessionelle und regionale Unterschiede in der Bildungsbeteiligung gibt (vgl. z. B. Jürgens 1964; Erlinghagen 1965; Grimm 1966; Peisert 1967; Peisert/Dahrendorf 1967; Roeder 1968; Baur 1972; Schorb/Schmidbauer 1973; Lengsfeld 1973; Lochmann 1974; Müller 1975; Müller /Mayer 1976) und daß die im schulischen und beruflichen Bildungssystem erworbenen Qualifikationen zu den zentralen Determinanten der Statuszuweisung im Beschäftigungssystem gehören (vgl. z.B. Müller 1975; Müller/Mayer 1976; Handl/Mayer/Müller 1977; Blossfeld 1985b, 1986a, 1987a, 1987b). Inzwischen ist das Interesse an der Analyse von Bildungsungleichheiten spürbar zurückgegangen. Dies mag zum einen daran liegen, daß durch die Bildungsexpansion tatsächlich einige der damals vorhandenen Benachteiligungen abgebaut oder deutlich verringert worden sind. So bestehen heute zum Beispiel kaum noch signifikante Unterschiede bei den Schulbesuchsquoten von Mädchen und Jungen an den Gymnasien (vgl. Köhler/Zymek 1981; Köhler 1986; Handl 1984a, 1984b). Auch die Bildungsbenachteiligung von katholischen Kindern und solchen, die in strukturschwachen Regionen aufwachsen, dürfte heute nach dem flächendeckenden Ausbau der höheren Schulen weitgehend der Vergangenheit angehören. Daneben hat sich zum anderen durch die Bildungsexpansion aber auch der Problemschwerpunkt verschoben. Im Vergleich zu früher tritt heute die Frage nach der Ungleichheit von Bildungschancen hinter die drängenden Probleme zurück, die gegenwärtig an der Schwelle des Übertritts vom Bildungsin das Beschäftigungssystem bestehen und sich durch Begriffe wie Jugendarbeitslosigkeit, Verdrängungswettbewerb und Proletarisierung von Jungakademikern umreißen lassen (vgl. Blossfeld 1983, 1984a, 1984b, 1984c, 1985b). 17* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
260 Hans-Peter Blossfeld Wenn wir uns im vorliegenden Aufsatz trotzdem der Frage nach den Determinanten des Bildungsverhaltens zuwenden, dann nicht nur mit der Absicht, zu zeigen, inwieweit die Bildungschancen bestimmter Geburtskohorten von der sozialen Herkunft, dem Geschlecht, der Konfession und der Region abhängig waren, sondern mit dem vorrangigen Ziel, zu untersuchen, wie die Bildungsverläufe von historisch unterschiedlich gelagerten Geburtskohorten darüber hinaus durch größere gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Strukturbrüche geprägt wurden. Wir wollen insbesondere herausarbeiten, wie sich neben den traditionell untersuchten Determinanten der Bildungsbeteiligung spezifische historische Ereignisse und Entwicklungen, wie zum Beispiel das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit, das Einsetzen des Wirtschaftsbooms und der Beginn der Bildungsreformdiskussion in den Bildungsentscheidungen auserwählter Geburtskohorten niedergeschlagen haben. Dieser bislang eher vernachlässigte Aspekt der Einbettung des Bildungsverhaltens in jeweils vorliegende gesellschaftliche Strukturbedingungen (vgl. Müller 1978), scheint uns gerade vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Lehrstellenmangels und der durch Verdrängungsund Proletarisierungsprozesse im Beschäftigungssystem ausgelösten Rückwirkungen auf die Bildungsentscheidungen der Schüler und Studenten besonders aktuell zu sein. Von großer Wichtigkeit ist dabei vor allem die Frage, inwieweit die Bildungsverläufe aufgrund der institutionellen Logik des staatlichen Bildungssystems spezifischen strukturellen Restriktionen unterliegen (Mayer / Müller 1984), die nicht nur dazu führen, daß es herausgehobene Lebensphasen gibt, in denen sich historisch jeweils aktuelle Einflüsse besonders deutlich in der Bildungsbeteiligung niederschlagen, sondern auch bewirken, daß diese Bildungsentscheidungen dann relativ irreversibel getroffen werden. Gibt es also während des Bildungsverlaufs "sensible Phasen", wie etwa die Zeiten des Übertritts in eine weiterführende Schule oder die Zeiten, in denen nach dem Abschluß der allgemeinbildenden Schule die Aufnahme einer Berufsausbildung oder eines Studiums erfolgt? Wie drücken sich dort jeweils vorherrschende historische Bedingungen in der Bildungsbeteiligung unterschiedlicher Geburtskohorten aus? Werden die Weichen des weiteren Bildungsverlaufs in diesen "sensiblen Phasen" dauerhaft gestellt oder lassen sich Benachteiligungen und verpaßte Entwicklungschancen in der späteren Bildungskarriere wieder kompensieren? Die Beantwortung dieser Fragen erfordert Längsschnittdaten über individuelle Bildungsverläufe mit genauen Datierungen, mit deren Hilfe die historischzeitliche Lagerung biographischer Übergangsprozesse zwischen den verschiedenen Teilen des Bildungssystems rekonstruiert werden kann. Im vorliegenden Papier greifen wir deswegen auf die Lebensverlaufsstudie des DFG-Sonderforschungsbereichs 3 (Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik) zurück, in der für die Geburtskohorten 1929 - 31, 1939 - 41 und 1949 - 51 detaillierte Informationen über alle Zustände und Änderungen der Bildungsbeteiligung mit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel 261 genauen Zeitangaben zur Verfügung stehen. Die Übergänge im schulischen und beruflichen Bildungssystem können damit für diese ausgewählten Geburtskohorten vergleichend rekonstruiert und mit jeweiligen historischen Bedingungskonstellationen in Beziehung gesetzt werden. Bevor wir allerdings auf die empirischen Resultate eingehen, sollen zunächst in einem theoretischen Abschnitt Hypothesen über die wichtigsten Determinanten der Bildungsbeteiligung formuliert werden, die nach einer Beschreibung der Datenbasis zur Interpretation der Ergebnisse herangezogen werden. 2. Determinanten der Bildungsbeteiligung Im Mittelpunkt der meisten Untersuchungen über die Determinanten der Bildungsbeteiligung steht traditionell der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erreichtem Bildungsabschluß (Trommer-KrugjKrappmann 1980). Man geht insbesondere davon aus, daß die Ressourcen, die mit der Stellung von Familien im Schichtungssystem verbunden sind, den Übertritt der Kinder an weiterführende Schulen und das von ihnen erreichte Bildungsniveau wesentlich bestimmen. Die Ressourcen sind dabei nicht nur die Besitzgüter, Konsumniveaus und ökonomischen Verhaltensweisen der Herkunftsfamilie, sondern sie umfassen vor allem auch die mit der Art der Berufstätigkeit des Vaters verbundenen sozialen Orientierungen und Handlungsregeln, durch die das Erziehungsund Bildungsverhalten der Familie geprägt wird (Haller 1983). Die Herkunftsfamilie setzt so die Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Lernen und entscheidet zu einem beträchtlichen Teil darüber, welchen Bildungsverlauf die Kinder nehmen werden (Bargel u. a. 1974; Meulemann 1979; 1985). Die theoretische und methodische Schwierigkeit des empirischen Nachweises herkunfts bedingter Einflüsse auf das Bildungsverhalten besteht allerdings in der Mehrdimensionalität gesellschaftlicher Ungleichheit (Müller 1975) und dem damit verbundenen Problem einer klaren Einordnung von Individuen beziehungsweise Familien in ein System gesamtgesellschaftlicher Überund Unterordnung (WiehnjMayer 1975). Von den in der Schichtungsund Mobilitätsforschung als bedeutend erachteten Merkmalen wie die Berufsposition, die Ausbildung, das Einkommen und das Prestige des Vaters, kann die Berufsposition wohl als die wichtigste und mit allen anderen Dimensionen in engem Zusammenhang stehende Einordnungskategorie betrachtet werden. Insbesondere das erwerbsstatistische Merkmal der "beruflichen Stellung des Vaters" hat sich als außerordentlich brauchbares Instrument zur Bestimmung homogener und soziologisch relevanter Kollektive erwiesen (HandljMayer jMüller 1977). Im Hinblick auf das Bildungsverhalten sozialer Gruppen haben die Untersuchungen von Baur (1972) und von Schorb und Schmidbauer (1973) darüber hinaus gezeigt, daß sich auf der Dimension der beruflichen Stellung, Familien mit Vätern unterschiedlicher sozialrechtlicher Position (wie etwa Selbständige, Beamte, Angestellte oder Arbeiter), aber vergleichbarer hierarchischer Ebene OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
262 Hans-Peter Blossfeld (wie beispielsweise einfache Beamte, einfache Angestellte oder Facharbeiter) ähnlicher sind als Familien mit Vätern gleicher sozialrechtlicher Position, aber unterschiedlicher hierarchischer Ebene (wie zum Beispiel einfache, mittlere, gehobene oder höhere Beamte). In Anlehnung an die Arbeit von Schorb und Schmidbauer unterscheiden wir deswegen anhand der beruflichen Stellung des Vaters vier Herkunftsschichten, die nicht nur in ökonomischer Hinsicht in ihren Lebenschancen sehr verschiedene Bedingungen repräsentieren, sondern sich auch in ihren Erziehungsmethoden, Verhaltensweisen, Einstellungen und Aspirationsniveaus sehr unterschiedlich auf die Bildungspartizipation auswirken: -Familien der oberen Mitte/schicht: Dazu zählen Familien mit der beruflichen Stellung des Vaters als "großer" und "mittlerer" Selbständiger, als freiberuflicher Akademiker, als höherer Beamter, als leitender Angestellter oder als Inhaber eines landwirtschaftlichen Großbetriebes. -Familien der unteren Mittelschicht: Dazu zählen Familien mit der beruflichen Stellung des Vaters als "kleinerer" Selbständiger, als qualifizierter Angestellter, als gehobener Beamter oder als "großer" Landwirt. -Familien der oberen Unterschicht: Dazu zählen Familien mit der beruflichen Stellung des Vaters als ausführender Angestellter, als Facharbeiter, als einfacher und mittlerer Beamter oder als "kleinerer" beziehungsweise "mittlerer" Landwirt. -Familien der unteren Unterschicht: Dazu zählen Familien mit der beruflichen Stellung des Vaters als ungelernter oder angelernter Arbeiter. Je höher die Herkunftsfamilie in der Hierarchie dieses Schichtsystems angesiedelt ist, desto größer müßte die Chance sein, daß die Kinder einen höheren schulischen Bildungsabschluß erwerben oder eine berufliche beziehungsweise universitäre Ausbildung absolvieren. Neben der beruflichen Stellung des Vaters wird in vielen Untersuchungen auch die schulische und berufliche Ausbildung der Eltern als entscheidender herkunftsbezogener Bestimmungsgrund für das Bildungsverhalten der Kinder berücksichtigt (vgl. Z.B. Baur 1972; Fröhlich 1973; Müller 1975), wobei natürlich insbesondere beim Vater ein enger Zusammenhang zur beruflichen Stellung vorliegen wird. So gehören für einige der oben bezeichneten beruflichen Stellungen bestimmte Ausbildungsabschlüsse sel1~st zu den zentralen Definitionskriterien. Die Bedeutung, die der Ausbildung der Eltern für die Bildungsbeteiligung der Kinder zugeschrieben wird, liegt vor allem darin, daß aus dem Bildungsniveau der Eltern aufunterschiedliche Grade der Vertrautheit mit dem Schulsystem und die späteren Berufswege geschlossen werden kann (Popitz 1967). Das Bildungsniveau der Eltern ist damit nicht nur ein Indikator für die Wichtigkeit der schulischen und beruflichen Ausbildung in der Familie, sondern fungiert auch als Proxy für Kenntnisse und sozialpsychologische Hemmschwellen im Umgang mit dem Bildungssystem. Bei Kontrolle der Herkunftsschicht sollte sich die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel 263 Höhe der Ausbildung der Eltern deswegen positiv auf die Bildungsbeteiligung der Kinder auswirken. Neben der sozialen Schicht und dem Bildungsniveau der Eltern gehört auch die Anzahl der Geschwister zu den herkunftsbezogenen Einflüssen auf das Bildungsverhalten (Jürgens 1964). Das wesentliche Argument dabei ist, daß mit wachsender Kinderzahl und der damit steigenden finanziellen Gesamtbelastung der Herkunftsfamilie, die Aussichten des einzelnen Kindes abnehmen, eine höhere Ausbildung zu erhalten. Es ist deswegen zu überprüfen, ob quer zur sozialen Schicht tatsächlich mit der Anzahl der Geschwister die Bildungsbeteiligung sinkt. Schließlich wirkt sich auch die Vollständigkeit der Herkunftsfamilie auf die Bildungschancen der Kinder aus (Trommer-KrugjKrappmann 1980). Insbesondere das Fehlen des Vaters und der damit verbundene engere finanzielle Spielraum der verbleibenden Familie sowie das im Vergleich zum Vater meist niedrigere Bildungsniveau der Mutter werden für die geringere Bildungsbeteiligung der Kinder aus unvollständigen Familien verantwortlich gemacht (Trommer-KrugjKrappmann 1980). Bei Konstanthaltung des Bildungsniveaus der Mutter müßte es somit möglich sein, die autonome Bedeutung der finanziellen Belastung der Restfamilie auf das Bildungsverhalten abzuschätzen. Zu den vielfach untersuchten Determinanten der Bildungsbeteiligung zählt auch das Geschlecht. Für die Unterrepräsentation der Mädchen und Frauen an weiterführenden Schulen und vor allem in der beruflichen Ausbildung wurde dabei häufig die gesellschaftliche Orientierung am traditionellen Rollenbild der Frau verantwortlich gemacht (vgl.z.B. Boris 1975; Todt 1979; KöhlerjZymek 1981; Schmid-JörgjKrebsbach-GnathjHübner 1981). Eine qualifizierte Ausbildung ist danach für die Frau weit weniger wichtig als für den Mann, weil sie nach der Heirat als Hausfrau und Mutter nur noch in Ausnahmefällen berufstätig sein wird. Zwar hat dieses Rollenverständnis das Verhalten der Eltern, der Lehrer und der Mädchen selbst geprägt und zu einer verminderten Bildungsbeteiligung der Mädchen und Frauen beigetragen, aber seit einigen Jahren zeichnet sich hier im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß ein Bewußtseinswandel ab, der sich in einer zunehmenden Angleichung des Bildungsverhaltens beider Geschlechter niederschlägt (KöhlerjZymek 1981, Schmid-JörgjKrebsbach-GnathjHübner 1981, Blossfeld 1984c, 1987a). Ein wichtiges Ziel der vorliegenden Arbeit wird es deswegen auch sein, die wachsende Bildungsbeteiligung der Frauen über verschiedene Geburtskohorten hinweg nachzuzeichnen. Zu den Unterschieden in der Bildungsbeteiligung, die heute durch den flächendeckenden Ausbau weiterführender Schulen und die Modernisierung des Verkehrsund Kommunikationswesens spürbar an Schärfe verloren haben, gehört auch der Stadt-Land-Gegensatz. Noch zu Beginn der 70er Jahre allerdings wurden regionale Disparitäten vor allem beim Besuch von Gymnasien festgestellt und durch zwei konkurrierende Hypothesen erklärt. Zum einen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
270 Hans-Peter Blossfeld beteiligung im allgemeinbildenden Schulsystem wurde dann eine 1 codiert, falls bis zum Alter von 16 Jahren der Vater mindestens ein Mal aufgrund von Krieg, Flucht, Scheidung, Tod etc. von der Familie getrennt war. Bei den Analysen der Bildungsbeteiligung im berufsbildenden System war die Abwesenheit bzw. die Anwesenheit des Vaters bei der Familie im 16. Lebensjahr des Befragten maßgeblich. Die Dummy-Variable Wohnort unterscheidet Orte bis unter 30000 Einwohnern (Referenzkategorie) von Orten mit 30000 Einwohnern und mehr. Der Wohnort wurde bei den Analysen im allgemeinbildenden Schulsystem beim Eintrittszeitpunkt und bei den Analysen im beruflichen System beim Austrittszeitpunkt aus dem allgemeinbildenden Schulsystem gemessen. Schließlich werden durch die Dummy-Variable Religionszugehörigkeit die Befragten aus katholischen Elternhäusern (Referenzkategorie ) den Befragten mit anderen Glaubensbekenntnissen gegenüberstellt. 4. Ergebnisse der empirischen Untersuchungen Beginnen wir die empirische Untersuchung der Bildungsverläufe mit der Frage, wie der Eintrittsprozeß in das Schulsystem für die Geburtskohorten 192931,1939-41 und 1949-51 verlaufen ist. Diese, wegen der allgemeinen Schulpflicht auf den ersten Blick als nicht sehr relevant erscheinende Fragestellung, gewinnt allerdings unter lebenslaufstheoretischen Gesichtspunkten an Bedeutung, wenn man sich ins Bewußtsein ruft, daß die Geburtskohorte 1939-41 in der unmittelbaren Nachkriegszeit, also zwischen 1945 und 1947, in das Schulsystem eingetreten ist. Aufgrund dieser historischen Ausnahmesituation wäre zunächst zu erwarten, daß dieser Eintrittsprozeß in das Schulsystem deutlichen Restriktionen unterlag und in seiner zeitlichen Struktur aus dem Rahmen fiel. Wenn wir uns dem Schaubild 1 zuwenden, wird allerdings deutlich, daß sich die Eintrittsprozesse der drei Kohorten überhaupt nicht unterscheiden. Die Survivorfunktionen, die in diesem Fall für jedes Lebensalter den Anteil derjenigen Kinder angeben, die noch nicht in das Bildungssystem eingetreten sind (Blossfeld / Hamerle / Mayer 1986), verlaufen fast identisch. Das aber heißt, daß sich die staatliche Schulpflicht gegen die historisch vorliegenden Bedingungen des wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs durchgesetzt und strukturierend im Lebenslauf der Kohorte 1939-41 niedergeschlagen hat. Natürlich soll damit nicht unterstellt werden, daß der Unterricht durch die baulichen Zerstörungen, den Lehrermangel, die Unterrichtsunterbrechungen, das Fehlen notwendigen Unterrichtsmaterials sowie durch Evakuierung, Flucht und Umschulungen nicht beeinträchtigt worden ist (Leschinsky / Roeder 1980), aber es ist zumindest bemerkenswert, mit welcher Persistenz sich diese gesetzliche Norm gerade gegen diese widrigen historischen Umstände durchgesetzt und das Timing des Bildungsverlaufs geprägt hat (vgl. dazu auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
1.0 .9 .8 ~ .7 " :l ~ g, .6 " iil ... . ~ .5 " .<: 0 0 : .4 .. '0 ~ .3 .2 .1 0.0 0 2 \ 3 4 5 Alter in Jahren ~ \ , .~ 6 ~ '~ '~ 7 8 9 Schaubild 1: Prozeß des Eintritts in das Schulsystem (Survivorfunktion) Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 10 ~ ö: c ::s 0<> '" < a. 1»: C '" 8· ::r <n" o .., <n" o if ::s ~ 0- !!. N -.J - OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
272 Hans-Peter Blossfeld 1.0 • .9 .8 Insgesaml ~ .7 J ; 1'6 ~ .5 ] .4 ~ .3 .2 .1 o.o~-------------------------------------------------- 10 Verweildauer im Sctll,ll~)l5tem in Jahren 1.0 .9 --~---- Männer --------,~-===~"-------< .8 -------------- . § . 7 ~ .6 !l .5 .4 ~ j .3 .2 .1 0.0 3 4 5 10 Verwcitdaucr im Schulsystem in Jahren 1.0,-------------. .9 ~ .. _---~-'--_ . Frauen . 8 ~ .5 ~ .4 1·3 .2 .1 o.o~-------------------------------------------------------- 5 8 10 VcrwcildlUcr im Schuls)'lIcm in hhrtn Legende: kohorte 1929-31 kohOrte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-Jl kohorte 1 939-41 kohorte 1949-.5 1 Schaubild 2: Prozeß des Übertritts in die Realschule (Survivorfunktion) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
1.0 .9 .B ~ .7 , ~ l .6 .~ .5 g .4 .~ .3 ~ .2 .1 0.0 1.0 . 9 .8 ~ .7 ~ ! .6 .5 g .4 ~ ~ .3 .2 .1 0.0 1.0 .9 .B ~ .7 • ~ l .6 , .5 ~ g .4 ~ ] .3 ~ .2 .1 0.0 Bildungsverläufe im historischen Wandel lnssesamt 4 Vcrwcildlue' im SCl!ubyslem in Jahren Männe • 3 5 7 8 Verweildauer im Schlilsysiem in Jahren Frauen 3 4 7 Verweildluer im Schulsystem in lahren 10 10 10 273 Legende: kohorte: 1929-.31 kohorie19J9-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohort.19J9-41 kohorte 1949-51 Schaubild 3: Prozeß des Übertritts in das Gymnasium (Survivorfunktion) 18 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
274 Hans-Peter Blossfeld Mayer /Müller 1984). Dies wird noch offensichtlicher werden, wenn wir zeigen, wie sich die gleiche historische Ausnahmesituation auf das Verhalten der Geburtskohorte 1929-31 ausgewirkt hat, die sich in einer weniger von staatlichen Normen kontrollierten Phase des Lebenslaufs befand. Wenden wir uns nun dem Prozeß des Übertritts an die weiterführenden SchuleIl zu. Er zählt im deutschen Schulwesen wohl zur ersten entscheidenden Weichenstellung, bei der die Bildungsverläufe der Kinder institutionell differenziert und in unterschiedliche Bahnen gelenkt werden. Aufgrund der Restauration des traditionellen Schulwesens nach dem Zweiten Weltkrieg und der erst ab der Mitte der 60er Jahre einsetzenden Bildungsreform erfolgt dieser Übertritt für die Geburtskohorten 1929-31, 1939-41 und 1949-51 im Bildungswesen unter relativ ähnlichen Strukturbedingungen. Die frühe Auslese wird beibehalten. Mit Ausnahme von Berlin, wo die Grundschule seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sechs Schuljahre umfaßt, ist der Übertritt an das Gymnasium und die Realschule (oder Mittelschule) nach der vierten Jahrgangsstufe möglich. Von der institutionellen Seite im Bildungssystem her ist deswegen kein großer Einfluß auf die Veränderung des Übertrittsprozesses an die weiterführenden Schulen zu erwarten. Verändert haben sich dagegen durch den Modernisierungsprozeß vor allem die ökonomischen Randbedingungen, unter denen die Bildungsentscheidungen gefällt wurden. Insbesondere die Hochkonjunktur und die Vollbeschäftigung dürften sich in den Jahren 1959-63 sicher positiv auf das Übertrittsverhalten der Kohorte 1949-51 ausgewirkt haben. In den Schaubildern 2 und 3, in denen die Übertrittsprozesse an die Realschule und an das Gymnasium jeweils getrennt dargestellt werden, lassen sich diese Tendenzen auch ablesen. Die Survivorfunktionen geben in diesen Schaubildern an, wie groß der jeweilige Anteil der Kinder ist, die nach einer bestimmten Anzahl von Schuljahren noch nicht an die Realschule beziehungsweise das Gymnasium übergetreten sind. Für den Übergang an die Realschule (Schaubild 2) weisen die Survivorfunktionen deutliche Sprungs teilen jeweils nach der vierten, fünften und sechsten Klasse auf und bleiben danach weitgehend unverändert. Das heißt, nach dem Ende der sechsten Klasse ist der Übertritt an die Realschule doch außerordentlich selten gewesen. Die geringen Unterschiede, die tätsächlich nur zwischen der jüngsten und den bei den älteren Kohorten bestehen, sind im wesentlichen auf das veränderte Übergangsverhalten der Knaben zurückzuführen. Bei den Mädchen zeigen sich dagegen fast keine Unterschiede zwischen den Kohorten. Ein ähnliches Bild bietet sich auch beim Übertrittsprozeß an das Gymnasium (Schaubild 3). Die Übergangsphase konzentriert sich hier nur noch deutlicher auf das Ende des vierten und fünften Schuljahres und zeigt danach noch weit weniger Veränderungen als beim Übergang an die Realschule. Auch hier sind die Unterschiede zwischen der Kohorte 1949 - 51 und den beiden älteren Kohorten wieder vorwiegend auf die leicht gestiegene Neigung zum Übertritt bei den Knaben zurückzuführen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel 275 Tabelle 2 Wechsel der Schultypen im allgemeinbildenden Schulsystem Übertritt 1. Wechsel 2. Wechsel 3. Wechsel Kohorte 1929-31 Kein Wechsel 96,6 99,7 99,9 Hauptschule 75,8 0,8 0,0 0,0 Realschule 11,2 0,8 0,1 0,1 Gymnasium 13,0 1,7 0,1 0,0 Prozent 100,0 100,0 100,0 100,0 N 708 708 708 708 Kohorte 1939-41 Kein Wechsel 95,2 99,8 100,0 Hauptschule 75,6 1,0 0,1 0,0 Realschule 11,8 2,6 0,0 0,0 Gymnasium 12,8 1,2 0,1 0,0 Prozent 100,0 100,0 100,0 100,0 N 730 730 730 730 Kohorte 1949-51 Kein Wechsel 93,9 99,0 100,0 Hauptschule 64,5 1,0 0,0 0,0 Realschule 17,5 3,1 0,1 0,0 Gymnasium 17,6 2,0 0,8 0,0 Prozent 100,0 100,0 100,0 100,0 N 733 733 733 733 Ist also der Übertritt an eine weiterführende Schule bei den untersuchten Kohorten noch relativ selten, so sind weitere Wechsel des Schultyps die große Ausnahme, wie Tabelle 2 deutlich zeigt. Nach dem Übertritt in die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium bleiben zwischen 96,6 Prozent (Kohorte 1929-31) und 93,9 Prozent (Kohorte 1949-51) der Schüler dem dabei gewählten Schultyp treu (vgl. dazu auch die damit übereinstimmenden Ergebnisse von Bofinger 1977). Auch dies weist wieder darauf hin, daß die Bildungsverläufe dieser Kohorten in unserem Schulsystem starken strukturellen Zwängen unterworfen sind. Insgesamt wird anhand dieser Ergebnisse deutlich, daß der Ausleseprozeß relativ früh einsetzte, sich auf eine außerordentlich kurze Lebensphase konzentrierte und weitgehend irreversibel war. Die Begrenztheit der Entscheidungsprozesse auf eine frühe "sensible" biographische Phase wird auch noch dadurch unterstrichen, daß sich der ab der Mitte der 60er Jahre einsetzende Reformschub im Bildungswesen nicht mehr auf das Übertrittsverhalten der Geburtskohorte 1949-51 ausgewirkt hat. Die Weichen des Bildungsweges waren für diese Kohorte im allgemeinbildenden Schulwesen bereits einige Jahre vorher gestellt worden und von den Bildungsreformmaßnahmen konnten nur noch nachfolgende Kohorten profitieren. lS· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
276 Hans-Peter Blossfeld 1.0 '~". .9 Insgesamt .8 .7 • ~ .6 ~ ~ .5 .4 ] .3 Legende: .2 kohorte 1929-31 .1 kohorte 1939-41 0.0 kohorte 1949-51 0 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildaufr im Schubyslem in Jahren 1.0 .9 Männer .8 .7 .6 .5 .4 .3 Legende: .2 kohorte 1929-J1 .1 kohorte 1939-41 0.0 kohorte 1949-51 0 3 6 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildauer im Schulsystem in Jahren 1.0 -::;.... .9 Frauen .8 .7 .6 .5 .4 .3 .2 '---- ........... . "'-~-- Legende: kohort.1929-J1 .1 kohorte 1939-41 0.0 kohorte 1949-51 0 5 10 11 12 13 14 .15 16 17 18 Verweildluer im Sch\Jb)/stem in Jahren Schaubild 4: Prozeß des Ausscheidens aus dem allgemeinbildenden Schulsystem mit Volkschulniveau (Survivorfunktion) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
1.0 .9 .6 • .7 , i .6 ~ " .5 j ~ .4 ~ .3 .2 .1 0.0 0 1.0 .9 .8 .7 • , } .6 ~ .5 ., ~ ~ .4 ~ .3 :j 0.0 Männer Bildungsverläufe im historischen Wandel 10 11 12 13' 14 15 16 17 16 Verweildauer im Schulsyslcm in hhrcn \ . \ . \. ". \ .... , " '1 L","\.. 10 11 12 13 14 15 16 17 lb VClWcild,ucr im Schulsystem in Jahren 1.0 r-------------------~~ .9 Frauen .8 ~ .7 f .6 ~ .5 ~ .4 ~ .3 .2 .1 0.0 0 10 11 12 13 14 15 16 17 16 Vcrwcild.ucr im Schulsystem in hhren 277 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Schaubild 5: Prozeß des Ausscheidens aus dem allgemeinbildenden Schulsystem mit Mittlerer Reife (Survivorfunktion) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
278 1.0 .9 .8 .7 .6 .5 .4 .3 .2 .1 0.0 3 1.0 .9 .8 .7 . , .6 ~ ~ .5 0 .4 E ;3 ~ .2 .1 0.0 1.0 .9 .8 ~ .7 • ~ .6 ~ -, .5 ~ ~ .4 ~ 'B .3 ~ .2 .1 0.0 Hans-Peter Blossfeld lnssesamt 8 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildluer im Sctullsyslcm in hlu.:n Männer 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildauer im SChubystem in bhrcn Frauen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildautr im Schulsyllem in JINen . Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohort. 19<49-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 Schaubild 6: Prozeß des Ausscheidens aus dem allgemeinbildenden Schulsystem mit Abitur (Survivorfunktion) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel 1.0 ,---------..,.~ ..• .9 Insgesamt .8 .7 1 .. 6 ~ .5 1. 4 ~ .3 < .2 .1 o.o~------------------~~-------- o I.0r----- .9 ~ Männer i .Bi 7 ~ ~ .6r .2 I .1 i o.oL. o 5 10 11 12 13 14 15 16 17 18 V~rwcildiluef im Sthulsysltm in Jahren ---------_._----=-~--"""'--- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildauer im Schulsystem in lahren 1.0 ,------------~~ .9 Frauen .8 ~ .7 ~ .6 f .5 ·i i .4 "B .3 ~ .2 .1 0.0 0 3 4 5 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Verweildauer im Schulsystem in Jahren 279 Legende: kohorte 1929-31 kohort.1939-41 kohorte 1948-51 Legende: kohorte 1929-31 kohorte 1939-41 kohorte 1949-51 Legende: kohorte 1929-31 kohort.'939-41 kohorte 1949-51 Schaubild 7: Prozeß des Ausscheidens aus dem allgemeinbildenden Schulsystem (Survivorfunktion). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
286 Hans-Peter Blossfeld einen besonders stark von den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit in ihrem beruflichen Bildungsverhalten beeinträchtigt, und zum anderen konnten sie im Zuge des Wirtschaftsbooms von der Verbesserung der Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt besonders profitieren und gegenüber den Männern aufuolen. Ihre Bildungschancen waren deutlicher als bei den Männern an die jeweils aktuell vorherrschenden wirtschaftlichen Strukturbedingungen gebunden. Anhand des Schaubildes 8 ist darüber hinaus sichtbar, daß der Übergangsprozeß vom allgemeinen zum beruflichen Bildungssystem auf einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren beschränkt war, in dem die historisch jeweils aktuellen Strukturbedingungen außerordentlich wirksam wurden. Nach diesem Zeitraum verliefen die Survivorfunktionen weitgehend parallel zur x-Achse. Die Entscheidung für oder gegen die Aufnahme einer Berufsausbildung wurde also in der Regel nicht über diese "sensible Phase" hinaus aufgeschoben. Wie im allgemeinbildenden Schulwesen, so werden auch im beruflichen Bildungssystem die Weichen für den weiteren Bildungsweg relativ früh und dauerhaft gestellt. So hatte beispielsweise auch die außerordentliche Verbesserung der Lehrstellensituation in den späten 50er und 60er Jahren keinen Einfluß mehr auf die Aufnahme einer Berufsausbildung bei der Kohorte 1929-31. Die Lebensverläufe dieser Kohorte ließen sich also nicht anhalten, bis die historisch gerade vorherrschende Mangelsituation auf dem Lehrstellenmarkt überwunden war. Wie hat sich nun im Prozeß der Höherqualifikation im beruflichen Bildungssystem (einschließlich des tertiären Bildungsbereichs) die Qualifikationsstruktur der drei Geburtskohorten verändert. Zur Beantwortung dieser Frage wenden wir uns den Schaubildern 9 und 10 zu. Dort ist jeweils auf der x-Achse das Lebensalter und auf der y-Achse die kumulative Verteilung der Männer beziehungsweise der Frauen auf verschiedene Bildungsabschlüsse abgetragen. Anhand dieser Schaubilder kann man deswegen leicht nachvollziehen, wie sich mit zunehmendem Lebensalter im beruflichen Bildungssystem die Qualifikationsstruktur gewandelt hat. Untersuchen wir zunächst den Verlauf der Höherqualifikation bei den Männern der Geburtskohorte 1929-31 (Schaubild 9). Im Alter von 10 Jahren befinden sich noch alle Männer im allgemeinbildenden Schulsystem. Mit zunehmendem Alter steigt dann der Anteil der Absolventen mit Volksschulniveau ohne Berufsausbildung an. Er erreicht im Alter von etwa 16 Jahren seinen Höhepunkt von 78,8 Prozent und fällt danach im Zusammenhang mit der Absolvierung beruflicher Ausbildungen bis zum Alter von 25 Jahren auf einen danach weitgehend gleichbleibenden Anteil von etwa 24 Prozent ab. Das heißt, ab etwa der Mitte der 50er Jahre hatte sich bei den Männern dieser Kohorte ein fester Prozentsatz an Ungelernten stabilisiert. Auch die Verbesserung auf dem Lehrstellenmarkt in den späten 50er und 60er Jahren konnte daran nichts mehr ändern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
1.0 .9 Kohorte 1929 )1 .8 .7 .6 .5 AIIl!cmuinbild~ndc' ScllulsyMcm .4 .3 .2 .1 0.0 10 Bildungsverläufe im historischen Wandel 15 20 --.::::::=::::::====:::==:::::==MC;Slerbzw. Techniker&U~bjJdlln, Abilurmi! Bcruf:.ausbilclun, -_~ ___ ~ ____ Mil1l~'c ReircmitBtr\lh.u~bildunl -.;~;;:=:=="'=::=:========= Miniere Reif" ohne Bcrur,~u.bildun)( 25 30 35 40 45 50 Alter inJ~hlcn 1.0 -r----------~=::::::,,=:::::::::===== Hoch.cllul~b.chJuß .9 Kohorte IIn9 41 .8 .7 .6 .4 .3 .2 .1 _______ I'.chIlOChschulab...:hlu!l M~i~If:'· bzw. Tcchnikcr~u\bi1l.Iun, Abitur mit IIc,,,,r'Mu.biJIJun,. Mittlere Reife mit Bcrurs~u~bil!.lung Volk~sch.ulnivnu mIt Bcrul\au'bih'/un& '-~=~"::::::"'===--Abilu.uhncllcruflllusbildunJ! Volb>ctlulnive~1I ohne 8elufsau,bildunS 0.0 .L. _____ ~ ________________ _ '0 15 20 25 30 35 40 45 50 AI\c1 inJ~hrcn 1.0~------------~_-- .9 Kohorte 1'14\}- 51 .8 .7 .6 }.5 , Q .4 .3 .1 Hochschlll~bsf;hllill l'achhorhsd.ulabscllluß Meister-lw.:. Tcchnikerausbildllnj! ~ Abitur mit Bcruf,,"\lsbihlun~ Millln~ R~if~ mit 8~rufs~usbildun!,! VoJk~s~hulnivc~u mit B"rut"sausbildllnj,! O.o1____________ .. ~ ________________ ~VO~"~"~'h~"'~i.~"~'O~h~"~"~"~~~"~·bi~Id~'"~' ______ _ 10 15 ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ AllcrinJ:lh~n 287 Schaubild 9: Veränderung der Bildungsverteilung im Prozeß der Höherqualifizierung bei den Männern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
288 Hans-Peter Blossfeld Hochscl\ulloschlul 1.0 l-----------::;t:'~~~~~~~~~~~~~~~=:F~chhDdIiChUI~b$ChJULl Meim·,· bz\\', Technik~rulbildun. Abitur mit B~luruusbildunl: ~ _______________ Millittt Rcifcmilliclufsau'ibilduni .9 Kohorte 1929-31 .8 .7 -"::::======;==========AbiIUI allllt B~ruhwusbil\l"nc .6 _~ _______________ Millk",' Rdf,,'uhnc Bcrurs~usbildunl: .5 AU,cmeinbildendcsSchubyllcm .4 .3 VoJksschulnivc~u ohne Bcru[j,;Iu'ibildunl .2 .1 0.0 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Alter in hhrtn 1.0 ..-------------,""''''''',,---------Hoch'chlll~b.chLull ~======~:~:I:;.c:::~.u~·:~~~;~::~n<bil~ull~ .... biltlr mit IIc,uf.<uusbilllullj: .9 Kohorte 1939-41 .8 ~ _______ MilllcrcRcircmi' lIcruf.\uu,biltJun~ .7 Volks'ichutnivcJu mit IIcru"""u_'bildun~ .6 ~ .5 AllscmcinbildcndesSchulsystcm ____ :::.:::::====== Abitur ohne 8c,ur'~usbihlunl: E a .4 '- __________ MillltICRcifcohnl. Hcrllr""u'bih.lunl! .3 .2 Volku~hulnivcau ohn~ IIcrur'~u>bik.tunj: .1 O.O~ ____________ ~ __________________________________ __ 10 15 20 25 30 35 40 45 Alle' in Jihren 1.0 ...--------------:;;;00::-----''---.0<.''.0'.'''''0' .9 .8 .7 .6 .3 .2 .1 Kohorte 1949-51 AlIgemcinbildcndu Schulsystcm f~chhoehsehulibschlul.l Meislc,·bzw. Tcchnikcrau.bildunlil Abilu,mil BerufsausbildunI( Volkssehulnivcau mil Bcruf~ulbildunl Volk.schulnivcau ohne Bnur'\l.u~lJildun, 50 0.01-----~----1-0--~-1-5-----20-----2-5-----3~0-----3-5-----40-----4-5-----5·0 Allc,inhh,c Schaubild 10: Veränderung der Bildungsverteilung im Prozeß der Höherqualifizierung bei den Frauen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
Bildungsverläufe im historischen Wandel 289 Der Anteil der Absolventen mit Volksschulniveau und Berufsausbildung erreichte bei den Männern der Kohorte 1929-31 im Alter von etwa 25 Jahren den Höhepunkt mit etwa 53 Prozent und sank danach mit Zuge weiterführender Meisterund Technikerausbildungen auf einen weitgehend stabilen Anteil von etwa 48 Prozent im Alter von 35 Jahren ab (Schaubild 9). Von den Absolventen mit Mittlerer Reife bleiben nur wl:nige ohne Berufsausbildung. So sinkt der Anteil der Absolventen mit Mittlerer Reife ohne Berufsausbildung bis zum Alter von 25 Jahren auf 1,4 Prozent ab und steigt der Anteil der Absolventen mit Mittlerer Reife und Berufsausbildung bis zu diesem Lebensalter auf einen Höhepunkt von etwa 9 Prozent an. Relativ kontinuierlich steigt der Anteil der Absolventen mit Meisterbeziehungsweise Technikerausbildung auf 10 Prozent bis zum Alter von etwa 35 Jahren an und bleibt danach auf etwa diesem Niveau. Dies gilt auch für die Fachhochschulabsolventen (bzw. die Absolventen der früheren Höheren Fachschulen und Ingenieurschulen) sowie für die Universitätsabsolventen. Ihr Anteil erhöht sich nach und nach auf 3,2 beziehungsweise 4,9 Prozent. Von den Abiturienten dieser Kohorte bleibt schließlich keiner ohne weitere Berufsausbildung beziehungsweise ohne Studium. Vergleicht man diesen gerade beschriebenen Höherqualifikationsprozeß der Männer aus der Geburtskohorte 1929 - 31 mit den entsprechenden Prozessen der Männer aus den Geburtskohorten 1939 - 41 und 1949 - 51, dann fällt zunächst auf, daß sich die Verläufe der Kohorten 1929-31 und 1939-41 sehr ähnlich sind (Schaubild 9). Größere Unterschiede gibt es nur beim Anteil der Absolventen mit Hauptschulniveau ohne Berufsausbildung und bei den Meistern beziehungsweise Technikern. Im Alter von 30 Jahren beträgt beispielsweise der Anteil der Ungelernten bei der Geburtskohorte 1929 - 31 noch etwa 23 Prozent, während er bei der Kohorte 1939-41 auf nur mehr 15,5 Prozent gefallen ist. Im selben Lebensalter hatte die Geburtskohorte 1939-41 dagegen schon einen Anteil von 11,7 Prozent an Meistern und Technikern erreicht, während die Kohorte 192931 ihren Anteil dort nur auf 6,3 Prozent steigern konnte. Weit ausgeprägter sind dagegen die Unterschiede zwischen diesen beiden älteren Kohorten und der Kohorte 1949 - 51 (Schaubild 9). Dies gilt nicht nur für die Ungelernten, deren Anteil noch einmal deutlich sinkt (beispielsweise im Alter von 30 Jahren auf 6,6 Prozent), sondern auch für den oberen Teil der Qualifikationspyramide. So beträgt im Alter von 30 Jahren der Anteil der Fachhochschulabsolventen bereits 6,6 Prozent (Kohorte 1929 -31: 3,2 Prozent; Kohorte 1939-41 :4,8 Prozent), und der Anteil der Universitätsabsolventen 9,9 Prozent (Kohorte 1929-31: 3,7 Prozent; Kohorte 1939-41: 4,3 Prozent). Diese Entwicklung dürfte eng mit dem Ausbau des tertiären Bildungsbereichs zusammenhängen, der etwa ab der Mitte der 60er Jahre einsetzte und von dem insbesondere die Kohorte 1949-51 profitierten konnte. Untersuchen wir nun bei den Frauen der Geburtskohorte 1929 - 31 den Prozeß der Höherqualifikation im beruflichen Bildungssystem (Schaubild 10). Dabei 19 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 174 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
290 Hans-Peter Blossfeld wird deutlich, daß der hohe Anteil von etwa 60 Prozent an Absolventen mit Volksschulniveau ohne Berufsausbildung ab dem 20. Lebensjahr, also ab dem Beginn der 50er Jahre, völlig unverändert bleibt. Die "Berufsnot der Jugend" (Schelsky 1952) in der unmittelbaren Nachkriegszeit und zu Beginn der 50er Jahre ist also vor allem eine Berufsnot der Frauen gewesen. Aber auch im oberen Bereich der Qualifikationspyramide sind die Frauen dieser Kohorte im Vergleich zu den Männern fast nicht vertreten. Der Anteil der Universitätsabsolventinnen, der sich etwa ab dem 30. Lebensjahr auf einem Niveau von ungefähr 2,5 Prozent stabilisiert hat, beträgt etwa die Hälfte des Anteils der Männer. Darüber hinaus "verkrustet" die Qualifikationsstruktur der Frauen viel früher als bei den Männern derselben Kohorte. Schon ab etwa dem 23. Lebensjahr bleibt sie weitgehend unverändert. Bei den Frauen dieser Geburtskohorte kann man deswegen mit einer weit größeren Berechtigung als bei den Männern von einer "sensiblen Phase" sprechen, in der jeweils aktuelle historische Einflüsse besonders nachhaltig die Bildungsbeteiligung bestimmen konnten. Wenn wir den Höherqualifikationsprozeß der Frauen aus der Geburtskohorte 1929-31 mit den entsprechenden Prozessen bei den Frauen der Geburtskohorten 1939 - 41 und 1949 - 51 vergleichen (Schaubild 10), fällt auf, daß der Anteil der Volksschulabsolventen ohne Berufsausbildung von Kohorte zu Kohorte deutlich zurückgeht. Beispielsweise sinkt im Alter von 30 Jahren dieser Anteil von 60 Prozent (Kohorte 1929-31) auf 39 Prozent (Kohorte 1939-41) und schließlich auf 23 Prozent (Kohorte 1949 - 51). Auf der anderen Seite steigt dagegen der Anteil der Volksschulabsolventen mit Berufsausbildung rasch an. Im Alter von 30 Jahren beispielsweise von 20 Prozent (Kohorte 1929-31) auf 34 Prozent (Kohorte 1939-41) und schließlich auf 42 Prozent (Kohorte 1949-51). Ähnliches gilt auch für die Absolventen mit Mittlerer Reife und Berufsausbildung. Ihr Anteil wächst im Alter von 30 Jahren von etwa 8 Prozent (bei der Kohorte 1929-31) auf11 Prozent (bei der Kohorte 1939-41) und schließlich auf 15 Prozent (bei der Kohorte 1949-51) an. Dies bestätigt wiederum den Befund, daß die Verbesserung der Qualifikationsstruktur der Frauen weit enger an die jeweils vorliegenden wirtschaftlichen Strukturbedingungen in der Berufsausbildungsphase gebunden war. Schließlich fällt bei dem Vergleich zwischen den drei Kohorten in Schaubild 10 auf, daß sich, ähnlich wie bei den Männern, auch bei den Frauen der jüngsten Kohorte der Anteil der Universitätsabsolventen deutlich erhöht hat. Im Alter von 30 Jahren ist er beispielsweise von 2,5 Prozent (bei der Kohorte 1929-31) beziehungsweise 5 Prozent (bei der Kohorte 1939-41) auf9,5 Prozent (bei der Kohorte 1949-51) angewachsen. Dies spricht also nochmals für die These, daß von der Bildungsreform vor allem die Abiturienten der jüngsten Kohorte, die ihr Studium zu Beginn der 70er Jahre aufgenommen hatten, in größerem Umfang profitieren konnten. Zwar kann man aus den Schaubildern 9 und 10 anschaulich ablesen, wie der Prozeß der Höherqualifikation bei den Männern und Frauen der drei GeburtsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
19· Bildungsverläufe im historischen Wandel Tabelle 4: Übergänge im ProzeB der beruflichen HöherqualifIkation bei den Männern Kohorte /919-JI Zielniveu , 1 Nivelu N bl.w. zum lnProzent ICf\licwzeitpunkt Voiktschulnivull ohM Ielurlll.lIJbildllnl 1 I 206 1 I 77 286 0,) 100.0 72,0 0.3 0,3 26,11 42,} 100,0 2.S 8,3 22,1 Minlen: ~circ ohne lenlrlll.llibildlll\l )) S " 86,8 1l,2 5,6 91,1 1,4 15 11 o " 57,7 42,3 0,0 3.8 100,0 64.7 0,0 Voikuchlilnivull mit BCnlrlll.lllbildulII ) ]4 3 166 206 1,5 '6,5 1.5 80,6 30,S 1.3 IIS,O 25,0 41,6 Miniere Reire mit IllU\IrAldbiJdlilll Abilu. mit BcrurSllLllbildulII I'.chhochschulabschllil HodI~hll"bschlll~ ) , I 8,3 11,1 2,8 7,5 3),1 5,\1 , ) ) Il.l 20,0 20,0 5.0 H,O 11,6 I I 2,5 2,5 i,J 5,\1 I I,) S,9 28 36 77,8 S,l 8,0 7 IS 46,7 2.2 2,0 n 40 95,0 5,\1 10,9 11 12 91.1 1.8 ),2 17 17 100,0 2,5 ',9 N I 0 206 )6 U 40 12 11 )49 616 in PrnzclIl 0,1 0,0 )0,5 S,} 2.2 5.9 LI 2.5 51.6 100.0 Kohorte 19J9-41 Ziclniwelll 2 ) VolkUl:hulniv~au ohne BeNfqu,bilodun, I (, 214 2,0 11.0 100,0 100,0 Mittlen: Ileife ohne BeNfsau,bildunl I 56 1,7 94.9 100.0 94,9 Allilu, ohnc kNf.u'bitdLlII3 9 19,1 81,11 Volkuchulnrulu lIIil 8eNrlllulbildufli 1 I 1,1 0.4 5,1 9,1 t.!:iltiereReireRlilkrvr.usbildunl I AbitLl' mit Berllr.ulbildLlfli MeiJl.:r· blW. T.:chnikeRlllbildlllll HochIChLlJlbIChlu6 1,7 9,1 N (, I 214 59 1I in hOlent 0,1 0,1 29,8 7,5 1.4 Kolrort~ /949-5/ Auspnpllivull litllli"'''''11 2 ) Volkuchulni"l'elll ohne Bervr.LlsbiklllllJ 1 • 1 J.4 0,4 100.0 11.1 MittlCRl Reife ohne krufqulbilllulIl 8 10.4 I'" AbiturohlMill1rufillulbiklulI, Volkucllulni"I'CIlu mit kNI.ulbild.uIIJ Mittlere Ileife mit BeNrllllsbildulIS Abitllr mit BtNlllulbillllln, Mebter· bzw. Tc~hnikenulbildlllll HoehlclllllablCllllIß NI' i"ProU,,1 1,0 1,2 '" 15,' 100,0 .. I},I 18.9 11 IS.I S2.4 . , 4.0 I.S 11.1 14,3 7 9,7 H,3 199 12 11 2U 9,1 2,1 Niveau N bl.w. zumln· Prozent Icrv;C"'· ,cilpunkt J 57 JOO 1,0 19,0 111,3 5,2 1S,2 1 1 0 59 1,7 1,7 0,0 7.S 4,} 5,9 0,0 12 2 21 52,2 8.7 2,9 10,6 0,5 41 1 110 234 11,4 3,0 76,9 29,8 14,1 lO,4 48.0 11 12 1 l4 S9 11.6 20.3 1.7 57,6 7,S 19.0 S2.2 5.9 9.1 I 2 J 5 1I 9.1 IS.2 27.3 45,S 1.4 1.7 1.7 17.6 1,1 1 57 511 1.7 98,l 7,4 4,J 15.2 21 21 100.0 2.9 6,1 17 17 100,0 2,2 ',S SI! 2J 17 l7S 714 7.4 2.9 1,2 47.1 100.0 I 1.) ),7 8 " 11,0 SM 19.6 111.6 " 12.6 1,0 11,1 1,4 6 )) 1,1 111,1 11.1 411,1 I ) 4,1 14.1 l,l 11.1 , 9,S ',S I ),1 ,,) , 7,' ',S )2 27 44 4,1 1.5 S.7 Niveau Nbzw. um I,,· Prozent tc",iew· l.o:'itpunkl 24 232 JO.l 29,9 6,6 , " 5.2 9,9 1.1 IS 71 20.S 9,4 4,1 161 199 10.9 2S.6 44,1 46 12 6l,9 9.3 12.6 15 21 71,4 2.7 ',I 11 J2 96.9 4,1 8,S 2S 21 92.6 loS 6,8 .. .. 100.0 S.l 12.1 )6S 771 41,0 100,0 291 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-46427-2 | Generated on 2023-01-16 12:48:17
[Document text truncated for crawler view.]