Einleitung
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Eberth, Andreas; Göb, Angelina Book Part Einleitung Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Eberth, Andreas; Göb, Angelina (2019) : Einleitung, In: Abassiharofteh, Milad Baier, Jessica Göb, Angelina Thimm, Insa Eberth, Andreas Knaps, Falco Larjosto, Vilja Zebner, Fabiana (Ed.): Räumliche Transformation: Prozesse, Konzepte, Forschungsdesigns, ISBN 978-3-88838-089-1, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 5-8, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0891011 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/204536 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Die ARL ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft Eberth, Andreas; Göb, Angelina: Einleitung URN: urn:nbn:de:0156-0891011 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 5 bis 8 Aus: Abassiharofteh, Milad; Baier, Jessica; Göb, Angelina; Thimm, Insa; Eberth, Andreas; Knaps, Falco; Larjosto, Vilja; Zebner, Fabiana (Hrsg.): Räumliche Transformation – Prozesse, Konzepte, Forschungsdesigns. Hannover 2019 Forschungsberichte der ARL 10
5EINLEITUNG Andreas Eberth, Angelina Göb EINLEITUNG „Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat der Mensch Techniken, Stoffe und Verhaltensmuster entwickelt, die einen Kollaps des Erdsystems herbeiführen könnten, welcher ihm selbst die Lebensgrundlagen entziehen würde, wenn keine Abkehr vom ‚weiter so‘ vollzogen wird. Der Mensch ist für sich selbst zum größten Daseinsrisiko geworden. Es ist eine zentrale Menschheitsaufgabe, dieses Paradox aufzulösen.“ (Glaser 2014: 8) Der vorliegende Sammelband ist aus der Tagung „Räumliche Transformation: Prozesse, Konzepte, Forschungsdesigns“ hervorgegangen. Diese vom TRUST-/ARL-Promotionskolleg veranstaltete Tagung fand vom 23./24. Mai 2018 mit über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Leibnizhaus Hannover statt. Der thematische Fokus schließt an die einleitenden Ausführungen Rüdiger Glasers an, die im Kontext des Globalen Wandels bzw. des Anthropozäns (Crutzen 2002) und der planetaren Grenzen (Rockström/Steffen/Noone et al. 2009; Steffen/Richardson/Rockström et al. 2015) stehen und aus denen die Notwendigkeit einer Transformation hin zu nachhaltigeren Lebensweisen resultiert. Werden räumliche Transformationsprozesse sowie ihre Gestaltungsmöglichkeiten aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet, bilden der ursprünglich auf Karl Polanyi (1978) zurückgehende Begriff der Großen Transformation (WBGU 2011) sowie die Forderung nach Transformationsforschung und transformativer Forschung (vgl. Schneidewind 2013) einen Bezugspunkt. Dies als Ausgangspunkt nutzend, wurde im Rahmen der Tagung ausführlich diskutiert, wie räumliche Transformationsprozesse erforscht, gesteuert und gestaltet werden können. Im Besonderen fokussiert wurde die Frage, wie sich räumliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse gegenseitig bedingen und welche Chancen und Herausforderungen interund transdisziplinäre Forschungsdesigns in diesem Kontext bieten. Damit wurden methodologische und methodische Reflexionen eines bislang unterrepräsentierten Diskurses aufgegriffen. Insofern zielte die Tagung darauf ab, inhaltliche Aspekte sowie methodische Ansätze an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen kritisch zu diskutieren und neue fachübergreifende Perspektiven zu eröffnen. Damit entsprechende Zugänge und transdisziplinäre Forschungsprojekte noch stärker etabliert werden können, richtete sich die Tagung insbesondere an den wissenschaftlichen Nachwuchs, denn: „Wissenschaft und Forschung sollten sich (noch) stärker den Herausforderungen einer Transformation zur klimaverträglichen, nachhaltigen Gesellschaft widmen. Forschung sollte sich stärker transformationsrelevanten Fragen und Forschungsgegenständen sowie dem neuen Feld Transformationsforschung annehmen. Gleichzeitig sollte sie verschiedenen strukturellen Anforderungen wie etwa systemischer, langfristiger sowie interund transdisziplinärer Ausrichtung genügen“ (WBGU 2011: 381). Die Tagung bot auch die Möglichkeit, die Rollen und Perspektiven der an Transformationsprozessen beteiligten Akteurinnen und Akteure sowie deren Methoden näher zu beleuchten. In diesem Zusammenhang konstatieren Leinfelder und Haum mit Blick auf den im Jahr 2015 in Paris verabschiedeten Weltklimavertrag: „Aus dem Imperativ der
610 _ RÄUMLICHE TRANSFORMATION staatlichen Selbstverpflichtung ergibt sich (...) auch ein Imperativ zur Selbstverpflichtung aller emissionsrelevanten Akteure von Unternehmen über die organisierte Zivilgesellschaft bis hin zu jedem Einzelnen“ (2016: 132). Die Gestaltung von in heutiger Zeit notwendigen Transformationsprozessen kann nicht mehr nur einzelnen Akteurinnen und Akteuren obliegen. Weder Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft oder Individuen können, wenn sie alleine agieren, eine Trendwende erreichen und nachhaltige Transformationsprozesse etablieren. Damit räumliche Transformation erfolgreich und wirksam gelingen kann, bedarf es einer Kooperation unterschiedlichster Akteurskonstellationen. Der Ansatz der Transdisziplinarität bietet dazu einen geeigneten Zugang; er kann wie folgt definiert werden: „Transdisciplinarity is considered a powerful and efficient means of using knowledge from science and society with different epistemics serving societal capacity-building under certain political cultures; (...) [It is] a means of coping with complex, ill-defined (wicked), contextualized and socially relevant problems that are nowadays often defined in the frame of uncertainty and ambiguity. Transdisciplinary processes can organize sustainability learning and capacity-building in society“ (Scholz 2011: 379). Transdisziplinäre Ansätze erscheinen insbesondere dann als zielführend, wenn unter dem Begriff der Transformation allgemein notwendige Veränderungen verstanden werden, „die von ‚Pionieren des Wandels‘ wie ökologisch orientierten Unternehmen, BürgerInneninitiativen oder WissenschaftlerInnen vorangetrieben werden sollen“ (Brand/Wissen 2017: 29). Insofern werden räumliche Auswirkungen einer sozial-ökologischen Transformation in den Blick genommen, welche „notwendige gesellschaftliche Veränderungen [thematisiert], um die ökologische Krise angemessen zu bearbeiten“ (Brand 2016: 277). Im Rahmen von sechs Fachsitzungen und zwei Keynote-Vorträgen wurde dieses hier knapp skizzierte Themenfeld aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Der vorliegende Sammelband gibt einen Einblick in das breite Spektrum der Facetten, die im Kontext transdisziplinärer Transformationsforschung relevant sind. Die in dieser Einleitung lediglich skizzierten Begriffe und Konzepte werden in den einzelnen Beiträgen konkreter definiert und expliziert. Helga Kanning und Christiane Meyer arbeiten in ihrem Beitrag die Bedeutung des Wissenstransfers bzw. einer Co-Produktion von Wissen bei transdisziplinären Forschungsprojekten heraus. Das enorme Potenzial entsprechender Ansätze wird in ihren Ausführungen deutlich, womit sie zugleich die Third Mission von Hochschulen nicht nur erklären, sondern auch legitimieren. Martin Held gibt einen ebenso breiten wie fundierten Überblick zum Begriff der Großen Transformation sowie zu verschiedenen Verständnissen und Bedeutungszuschreibungen. In seinem engagiert verfassten Beitrag verweist er dabei klar auf die unbedingte Notwendigkeit einer Großen Transformation, wenn das Leitbild nachhaltiger Entwicklung wirklich ernst genommen werden soll. Daran knüpft Antje Bruns gleichsam an, insofern auch sie die Spezifika und Bedeutung des Anthropozäns als Zeitalter der planetaren Grenzen aufzeigt. Davon ausgehend plädiert sie für die Einnahme eines kritischen Blicks, da es gerade in den entsprechenden Diskursen unbedingt eines kritischen Hinterfragens und einer Dekonstruktion globaler Hierarchien bzw. Machtasymmetrien bedürfe.
7EINLEITUNG Ausgehend von diesen Überblicksdarstellungen im ersten Kapitel, geben die Beiträge der folgenden Kapitel Einblicke in konkrete Fallstudien und Projekte. Kapitel 2 ist dabei im Spezifischen ausgerichtet auf Prozesse des Wandels in Sozialund Siedlungsstrukturen. Jana Kühl greift die aktuelle Diskussion über suffiziente Lebensweisen auf und stellt Praktiken und Infrastrukturen gelebter Suffizienz vor. Jessica Baier entwirft ausgehend von einem relationalen Raumzugang eine neue Forschungsperspektive zu Daseinsvorsorge und Infrastrukturen in ländlichen Räumen. Kapitel 3 fokussiert den Schwerpunkt „Regionalentwicklung und Innovation“. Im Zusammenhang mit Wissensnetzwerken geben Milad Abbasihahrofteh und Tom Brökel Einblick in eine Studie zu Aspekten soziokultureller Diversität in Deutschland. Bezugnehmend auf eine empirische Fallstudie zu Technologieparks reflektiert Elena Franziska Schlich die Bedeutung von Geographien der Nähe und geht der Frage nach, wie räumliche Nähe gestaltet werden kann. Dezidiert auf Transformationsprozesse in Ländern des sog. Globalen Südens ausgerichtet ist Kapitel 4. Leonie Tuitjer gibt, orientiert an postkolonialen Ansätzen, einen Überblick über ethische Fragen und Positionalität. Dabei arbeitet sie Herausforderungen, aber insbesondere auch Chancen des Forschens in Räumen des sog. Globalen Südens heraus. Andreas Eberth stellt Erkenntnisse einer Fallstudie im Slumgebiet Korogocho in Nairobi, Kenia, vor. Diese unterzieht er einer kritischen Betrachtung und leitet Implikationen für Stadtplanung und Raumentwicklung im Zusammenhang mit Maßnahmen des Slum Upgradings ab. Einen Einblick in das Engagement Chinas in Ghana gibt Sebastian Purwins am Beispiel der Bauxit-Aluminium-Industrie. Dabei arbeitet er Dynamiken und Konsequenzen der ökonomisch-ökologischen Doppelkrise Chinas heraus. Neue Herausforderungen im Kontext von Räumen im Wandel werden in Kapitel 5 vorgestellt. Zora Becker reflektiert Aspekte der Dorfentwicklung im Lichte neuer Verantwortungsstrukturen, während Yvonne Siegmund in essayistischer Weise der Frage nachgeht, ob Offenheit geplant werden kann und dabei insbesondere die zeitliche Dimension in der räumlichen Planung in den Blick nimmt. Falco Knaps, Sylvia Herrmann und Tanja Mölders unterbreiten Ansätze zur Konzeptualisierung, Erfassung und Integration von Place Branding-Prozessen, die sie in den Kontext landschaftsbezogener Identität setzen. Der Bedeutung von Bürgerenergiegenossenschaften als Agenten des Wandels für eine Energiewende geht Insa Thimm nach, die sich dabei auf Teilaspekte ihrer empirischen Erhebung bezieht. Methodologische Reflexionen und ausgewählte methodische Ansätze zur Gestaltung und Konzeption transdisziplinärer Forschungsprojekte werden in Kapitel 6 vorgestellt bzw. diskutiert. Moritz Engbers leitet das Kapitel ein, indem er darlegt, inwiefern räumliche Transformationsprozesse mittels transdisziplinärer Fallstudien verstanden und gestaltet werden können. Vilja Larjosto und Angelina Göb stellen mit Research Through Design und Arts Based Research unterschiedliche transformative Forschungsansätze vor. Sie arbeiten Chancen und Herausforderungen heraus und zeigen Potenziale einer kreativen Auseinandersetzung mit Transfer von Wissenschaft auf.
810 _ RÄUMLICHE TRANSFORMATION Wir hoffen, mit dem vorliegenden Sammelband einerseits einen Überblick über ausgewählte Aspekte der Diskurse zur räumlichen Transformation und zum transdisziplinären Forschen zu geben, andererseits aber auch Anregungen und Ideen für zukünftige Forschungsprojekte zu initiieren. Ein herzlicher Dank für die finanzielle Unterstützung der Tagung und dieser Publikation ist gerichtet an: > Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK), Hannover (Förderung aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab) > Forschungszentrum „TRUST: Räumliche Transformation – Zukunft für Stadt und Land“ an der Leibniz Universität Hannover > Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), Hannover Allen Gutachterinnen und Gutachtern danken wir herzlich für die Erstellung kritisch-konstruktiver Reviews zu den einzelnen Beiträgen. Allen Interessierten wünschen wir eine anregende und inspirierende Lektüre! Andreas Eberth, Angelina Göb Sprecher des TRUST-/ARL-Promotionskollegs Literatur Brand, U. (2016): Sozial-ökologische Transformation. In: Bauriedl, S. (Hrsg.): Wörterbuch Klimadebatte. Bielefeld, 277-282. = Edition Kulturwissenschaft 82. Brand, U.; Wissen, M. (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München. Crutzen, P. J. (2002): Geology of mankind. In: Nature 23 (415), 23. Glaser, R. (2014): Global Change. Das neue Gesicht der Erde. Darmstadt. Leinfelder, R.; Haum, R. (2016): Die Reise ins Anthropozän. In: Sommer, J.; Müller, M. (Hrsg.): Unter 2 Grad? Was der Weltklimavertrag wirklich bringt. Stuttgart, 132-140. Polanyi, K. (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Berlin. Rockström, J.; Steffen, W.; Noone, K.; Persson, Å.; Chapin III, F. S.; Lambin, E.; Lenton, T. M.; Scheffer, M.; Folke, C.; Schellnhuber, H.; Nykvist, B.; De Wit, C. A.; Hughes, T.; van der Leeuw, S.; Rodhe, H.; Sörlin, S.; Snyder, P. K.; Costanza, R.; Svedin, U.; Falkenmark, M.; Karlberg, L.; Corell, R. W.; Fabry, V. J.; Hansen, J.; Walker, B. H.; Liverman, D.; Richardson, K.; Crutzen, C.; Foley, J. (2009): A safe operating space for humanity. In: Nature 30 (461), 472-475. Schneidewind, U. (2013): Transformative Literacy. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse verstehen und gestalten. In: GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society 22 (2), 82-86. Scholz, R. W. (2011): Environmental Literacy in Science and Society: From Knowledge to Decisions. Cambridge. Steffen, W.; Richardson, K.; Rockström, J.; Cornell, S. E.; Fetzer, I.; Bennett, E. M.; Biggs, R.; Carpenter, S. R.; Vries, W. de; Wit, C. A. de (2015): Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. In: Science 347 (6223), 736. WBGU – Wissenschaftlicher Beitrat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2011): Hauptgutachten. Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Berlin.