Auf den Spuren von Amartya Sen: Zur theoriegeschichtlichen Genese des Capability-Ansatzes und seinem Beitrag zur Armutsanalyse in der EU
Abstract
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Full text
Eiffe, Franz Ferdinand Book — Digitized Version Auf den Spuren von Amartya Sen: Zur theoriegeschichtlichen Genese des Capability-Ansatzes und seinem Beitrag zur Armutsanalyse in der EU Forschungsergebnisse der Wirtschaftsuniversität Wien, No. 38 Provided in Cooperation with: Peter Lang International Academic Publishers Suggested Citation: Eiffe, Franz Ferdinand (2010) : Auf den Spuren von Amartya Sen: Zur theoriegeschichtlichen Genese des Capability-Ansatzes und seinem Beitrag zur Armutsanalyse in der EU, Forschungsergebnisse der Wirtschaftsuniversität Wien, No. 38, ISBN 978-3-631-75374-3, Peter Lang International Academic Publishers, Berlin, https://doi.org/10.3726/b13895 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/182870 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Auf den Spuren von Amartya Sen Zur theoriegeschichtlichen Genese des Capability-Ansatzes und seinem Beitrag zur Armutsanalyse in der EU FORSCHUNGSERGEBNISSE DER WIRTSCHAFTSUNIVERSITÄT WIEN Franz F. Eiffe
Ausgangspunkt der Arbeit liefert die Frage, ob Amartya Sens Capability Approach eine geeignete Grundlage für die Definition von Armut in der EU bietet. Neben der praktischen Anwendbarkeit auf EU-Ebene sollen auch die philosophische Struktur und die historischen Wurzeln des Konzepts betrachtet werden, die sich vor allem bei Aristoteles und Adam Smith finden. So entwickelt Sen aus diesen Überlegungen den Ansatz der Capabilities, die er als die Möglichkeit definiert, das eigene Leben zu gestalten und Zielsetzungen zu verfolgen, die man für wertvoll erachtet. Darauf aufbauend plädiert Sen für eine erweiterte Definition von Armut als Mangel an Capabilities. Dabei stellt sich die Frage, welche Capabilities im EU-Raum sinnvoll sind und wie sie sich normativ rechtfertigen lassen. Ziel der Arbeit ist es einerseits, die Entstehung dieses Ansatzes anhand der zahlreichen theoretischen Beiträge Sens nachzuzeichnen und um eine normative Theoriekomponente zu ergänzen. Andererseits soll unter Beweis gestellt werden, dass die Anwendung seines Konzepts sowohl praktische als auch theoretische Grundlage für die Operationalisierung und für eine nachhaltige Bekämpfung der Armut in der EU bilden. Franz F. Eiffe war von 2005 bis 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien (Department Volkswirtschaft), wo er zu den Themen Armut und soziale Ausgrenzung, Theoriegeschichte der Ökonomie und philosophischen Aspekten der Ökonomie lehrte und forschte. FORSCHUNGSERGEBNISSE DER WIRTSCHAFTSUNIVERSITÄT WIEN Franz F. Eiffe Auf den Spuren von Amartya Sen
Auf den Spuren von Amartya Sen
Forschungsergebnisse der Wirtschaftsuniversität Wien Band 38 ~ PETER LANG Frankfurt am Main· Berlin· Bern · Bruxelles · New York· Oxford· Wien
Franz F. Eiff e Auf den Spuren von Amartya Sen Zur theoriegeschichtlichen Genese des Capability-Ansatzes und seinem Beitrag zur Armutsanalyse in der EU 4 PETER LANG Internationaler Verlag der Wissenschaften
Open Access: The online version of this publication is published on www.peterlang.com and www.econstor.eu under the international Creative Commons License CC-BY 4.0. Learn more on how you can use and share this work: http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0. This book is available Open Access thanks to the kind support of ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. ISBN 978-3-631-75374-3 (eBook) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. =S' Gefördert durch die Wirtschaftsuniversität Wien. Ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis der Plansecur-Stiftung. Umschlaggestaltung: Atelier Platen, nach einem Entwurf der Werbeagentur Publique. Universitätslogo der Wirtschaftsuniversität Wien: Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Wirtschaftsuniversität Wien. Gedruckt auf alterungsbeständigem, säurefreiem Papier. ISSN 1613-3056 ISBN 978-3-631-59456-8 © Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften Frankfurt am Main 2010 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. www.peterlang.de
DANKSAGUNG Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer intenisven Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Capability-Ansatzes aus der theoretischen Ökonomie und seiner praktischen Anwendung im Feld der Armutsforschung. Es baut auf den Erträgen meiner gleichnamigen Disseration auf, die 2008 im Fach Volkswirtschaft der WU Wien angenommen wurde. Am Ende einer umfangreichen Arbeit, die mich die vergangenen Jahre beschäftigt hat, steht Erleichterung. Die Nebel lichten sich und der Blick auf jene Personen, die mit ihrer Unterstützung zur Entstehung der vorliegenden Arbeit beigetragen haben, wird frei. Da steht an vorderster Stelle Karin Heitzmann, die mir jederzeit hilfreich zur Seite stand und mit der ich interessante und bereichernde Diskussionen führen konnte. Viele ihrer Anmerkungen sind in die Arbeit eingeflossen und konnten sicherlich deutlich zur Steigerung der Qualität beitragen. Weiteren Dank schulde ich meiner ersten Betreuerin Frau Ulrike Schneider für detailreiche Rückmeldungen und eine hervorragende Unterstützung während des ganzen Zeitraums. Dem Zweitbetreuer Reinhard Pirker danke ich für anspruchsvolle Kommentare und hoffe ihm den Capability-Ansatz letztlich doch etwas näher gebracht zu haben. Bei meinen Kolleginnen und Kollegen am Institut für Sozialpolitik bedanke ich mich für viele Gespräche in lockerer Atmosphäre bei Kaffee und manchmal (freilich nach Dienstschluss) bei einem Glas Bier, die den Kopf frei gemacht haben. In solch einem Klima arbeiten zu können, macht wahrlich Freude und lässt mich zittern vor dem, was da in meinem weiteren Berufsleben kommen mag. Schließlich auch noch Dank an meinen Vater für das Korrekturlesen wichtiger Passagen und nicht zuletzt an meine Frau Stefania, die großen Anteil an der Fertigstellung dieser Arbeit hatte, da sie mir ein beschauliches und fachfreies Privatleben ermöglichte und mir in italienischer Manier die Vorzüge des Hier und Jetzt in Erinnerung rief. Weiteren Dank schulde ich folgenden Personen: Peter Rapp, Missjöh Ofen, Obiges. Wilhelm Puffer, Philipp Ulrich Zrunek, Ulrich Axel Voit, Roland Adrowitzer und Major Adolf Gordon. Franz Ferdinand Eiffe, August 2009 5
Abbildungsverzeichnis ABBILDUNG 1: SCHEMATISCHE DARSTELLUNG DES NUTZENBEGRIFFS .................................................................................... 76 ABBILDUNG 2: SCHEMA TISCHE DARSTELLUNG DES CA .................. 168 ABBILDUNG 3: CAPABILITY-BEWERTUNGSRAHMEN ......................... 169 ABBILDUNG 4: TRANSFORMA TIONSPROZESS DES GÜTERBÜNDELS ..................................................................................... 172 ABBILDUNG 5: NORMATIVER CAPABILITY-RAHMEN ........................ 186 ABBILDUNG 6: ST ANDARDÖKONOMISCHES ENTSCHEIDUNGSMODELL. .................................................................. 188 ABBILDUNG 7: SENS ERWEITERTES ENTSCHEIDUNGSMODELL ..... 189 ABBILDUNG 8: PFADDIAGRAMM DES ÖKONOMETRISCHEN MODELLS NACH KRISHNAKUMAR ................................................... 219 ABBILDUNG 9: UMW ANDLUNGSFAKTOREN UND CAPABILITYSPÄHREN .................................................................................................. 240 ABBILDUNG 10: GRUNDBEFÄHIGUNGEN ............................................... 269 ABBILDUNG 11: OPERATIONALISIERUNG EINER CAPABILITY ........ 296 ABBILDUNG 12: CAPABILITY-MAPS VON EINZELPERSONEN ........... 298 ABBILDUNG 13: CAPABILITY-DEPRIVATION IM BEREICH GESUNDHEIT (50+) ................................................................................ .309 ABBILDUNG 14: SOZIALPOLITISCHE BETÄTIGUNGSFELDER AUS CAPABILITY-SICHT ................................................................................ 321 13
Tabellenverzeichnis TABELLE 1: NUTZENVERTEILUNGEN ........................................................ 78 TABELLE2:AUSZAHLUNGSMATRIX(GEFANGENENDILEMMA) ..... 123 TABELLE 3: NUSSBAUMS CAPABILITY-LISTE ....................................... 213 TABELLE 4: KRITERIENKA T ALOG NACH ROBEYNS (2006) ................ 236 TABELLE 5 EMPIRISCHE WAHL VON CAPABILITIES UND FUNCTIONINGS IN AUSGEWÄHLTEN STUDIEN ............................. 238 TABELLE 6: UMW ANDLUNGSFAKTOREN IN UND SOZIALPOLITISCHE IMPLIKATIONEN DER EMPIRISCHEN STUDIEN ...... 239 TABELLE 7: UMFASSENDE INDIKATOREN ............................................. 254 TABELLE 8: PRIMÄR-INDIKATOREN SEIT 2006 ...................................... 257 TAB ELLE 9: BEGRIFFSBESTIMMUNG VON 6 GRUNDBEFÄHIGUNGEN ....................................................................... 268 TABELLE 10: BEWERTUNGSTABELLE DER GRUNDBEFÄHIGUNGEN ....................................................................... 269 TABELLE 11: DARSTELLUNG WICHTIGER ELEMENTE EUROPÄISCHER ARMUTSPOLITIK ..................................................... 271 TABELLE 12: ZIELGRUPPEN-SPLITTING .................................................. 272 TABELLE 13: ZIELGRUPPEN NACH DEPRIVATIONSGRAD ................. 275 TABELLE 14: TRANSFORMATIONSTABELLE: ALLGEMEINE SCHUTZSPHÄREN UND CAPABILITIES ............................................. 277 TABELLE 15: TRANSFORMATIONSTABELLE DER EUARMUTSINDIKA TOREN ........................................................................ 278 TABELLE 16: STUFENNMATRIX ................................................................. 287 TABELLE 17: OPERATIONALISIERUNG DER META-CAPABILITIES .. 289 TABELLE 18: OPERATIONALISIERUNG DER CAPABILITYKA TEGORIEN UND (SOZIALEN) UMW ANDLUNGSFAKTOREN ... 291 TABELLE 19: OPERATIONALISIERUNG IN ZWEI STUFEN ................... 302 TABELLE 20: KATEGORIEN IN EU-SILC ................................................... 304 TABELLE 21: OPERATIONALISIERUNG NACH EU-SILC DER 1. EBENE ........................................................................................... 304 TABELLE 22: OPERATIONALISIERUNG NACH EU-SILC DER 2. EBENE ........................................................................................... 306 TABELLE 23: UMWANDLUNG IN CAPABILITY-KATEGORIE .............. 307 TABELLE 24: GEWICHTUNG DER KATEGORIE: GESUNDHEIT ........... 307 TABELLE 25: CAPABILITY GESUNDHEIT (EXEMPLARISCH) .............. 308 14
EINLEITUNG Armut ist ein großes Wort. Hören wir es, denken wir zumeist an das Elend in der dritten Welt, an hungernde Kinder mit aufgeblähten Bäuchen von Fliegen umschwärmt oder auch an die Frierenden im Norden Russlands, deren Hoffnungen sie längst unter dem dicken Eis begraben haben. Dies ist Armut in ihrer krassesten Form und hat man diese Bedeutung des Begriffs im Hinterkopf, mutet es geradezu ironisch an, wenn man ihn im Zusammenhang mit der Europäischen Union in den Mund nimmt. Tatsächlich lässt sich die Situation in einer der reichsten Gegenden der Erde mit Armut in dieser absoluten und unerbittlichen Form nicht vergleichen. Dennoch ist die Lebenssituation der europäischen Bevölkerung für das politische Handeln und die Zielsetzungen der EU von Bedeutung und Armut somit auch in unseren Breitengraden ein relevantes Anliegen. Sowohl in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch als politisches Thema gewann Armut in den letzten Jahrzehnten stark an Relevanz. Ende der l 970er Jahre setzte Peter Townsend mit einer Armutsstudie über Großbritannien einen wissenschaftlichen Meilenstein und zugleich den Anstoß für weitere intensive Studien. Townsend plädierte damals dafür, das Phänomen Armut im Kontext reicher Staaten als relatives Problem zu untersuchen, relativ zur jeweiligen Gesellschaft in der es stattfindet. Damit verbunden war freilich die Frage, wie Armut überhaupt bestimmt werden sollte. Aus welchen Bestandteilen setzt sie sich zusammen, welche Mangelerscheinungen löst sie aus und welche Ursachen hat sie? Dies sind entscheidende Anliegen, die bei der Analyse von Armut im Vordergrund stehen. Die neoklassische Standardtheorie ist hinsichtlich des Phänomens Armut nicht besonders ergiebig (vgl. auch Bracking 2004). Die mikroökonomischen Verhaltensannahmen, dass Menschen zum einen rein instrumentell-rational handeln - also immer die besten Mittel für gegebene Ziele einsetzen -und zum zweiten mit dieser Handlung einen abstrakten Nutzen maximieren, ist für die Armutsanalyse wenig hilfreich. Bekannt wurde dieses Verhaltensmodell als Homo Oeconomicus, also als rein wirtschaftlich handelnder Mensch. Für die Bewertung von Armut lässt sich hiernach nur der Mitteleinsatz untersuchen, nicht aber der nicht-instrumentelle Aspekt der Armut. An dieser Stelle tut sich die Frage auf, ob eine Untersuchung von Armut rein beschreibend sein soll, oder ob nicht wertende Aussagen angebracht sind. Dieses Problem führte mich zur Wohlfahrtsökonomie, die mit mikroökonomischen Mitteln versucht, gleichzeitig die allokative Effizienz innerhalb einer Ökonomie und die mit ihr verbundene Einkommensverteilung zu bestimmen. Ziel der Wohlfahrtsökonomie ist die Untersuchung sozialer Wohlfahrt hinsichtlich des wirtschaftlichen Verhaltens der Einzelpersonen in der betrachteten theoretischen Gesellschaft. Die Individuen stel15
Jen somit die Grundlage der wohlfahrtstheoretischen Betrachtung dar und soziale Wohlfahrt baut demnach auf dem persönlichen Wohlergehen der Mitglieder einer Gesellschaft. (vgl. Johansson 1991) Dieser Ansatz scheint für die Analyse von Armut geeigneter. Allerdings stellt sich nach näherem Hinsehen heraus, dass Annut auch in der modernen Wohlfahrtsökonomie zu kurz kommt. Dies verdankt sich dem Umstand, dass Annut ausschließlich als Problem von einzelnen Personen oder Haushalten gesehen werden kann, es aber nicht möglich ist, sinnvolle Vergleiche herzustellen (Bergh 2005). Die interpersonelle Vergleichbarkeit von Nutzeneinheiten wurde 1932 von Lionel Robbins als unwissenschaftlich zurückgewiesen und war somit der älteren Wohlfahrtsökonomie vorbehalten. Einziges Werturteil in ihrer modernen Fassung stellt nunmehr das nach seinem Begründer benannte Pareto-Kriterium dar. Dieses beurteilt gesellschaftliche Veränderungen danach, welche Auswirkungen sie auf den schlechtest gestellten Teil der Bevölkerung haben. Ein Optimum ist dann erreicht, wenn kein Individuum in der gegebenen Gesellschaft mehr einen höheren Nutzen ziehen kann, ohne zugleich ein anderes schlechter zu stellen. Eruiert wird dies anhand von individuellen Indifferenzkurven, die die Präferenzbeziehungen zwischen alternativen Güterbündeln der Einzelpersonen darstellen (Varian 2001). Als vehementer Kritiker der älteren sowie der neueren Wohlfahrtsökonomie und ihrer zentralen Annahmen etablierte sich in den späten 1960er und während der 1970er Jahre der Ökonom, Moralphilosoph und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen. Sen, der in Indien aufgewachsen ist, war in erster Linie daran interessiert, mithilfe ökonomischer Instrumente Gesellschaften und ihre institutionellen Arrangements hinsichtlich ihres Beitrags zum Wohlergehen ihrer Mitglieder einer bewertenden Analyse zu unterziehen. Er steht somit in der Tradition der nonnativen Ökonomie, als die sich auch die Wohlfahrtsökonomie anfangs etablierte. Ihre Wurzeln reichen weit, bis zu Aristoteles zurück. Heute sieht sich die herrschende Lehre der Volkswirtschaft als positive Wissenschaft, obwohl ihr immer wieder in ihr verborgene Werturteile nachgewiesen wurden (etwa Myrdal 1976). Amartya Sen stellt nicht nur insofern eine Ausnahme in der Reihe führender Ökonomen dar, sondern auch, als er weniger der Disziplin, in der er arbeitet, als den Problemen, die ihm unter den Nägeln brennen, verpflichtet ist. Annut ist eines dieser Probleme, die er als Sprössling einer wohlhabenden Akademikerfamilie im Indien seiner Kindheit mit Schrecken beobachten konnte. Wenn er in seinen wissenschaftlichen Arbeiten Geschichten aus dieser Zeit einfließen lässt oder aus dem reichen Fundus der indischen Mythologie schöpft, könnte man Sen schließlich auch noch als Epiker bezeichnen, dessen schriftstellerisches Talent, nach Klärung zentraler Begriffe in seinem Werk, dem Leser die Lektüre zum Genuss macht. Sens Kritik an der Wohlfahrtsökonomie richtet sich nicht zuletzt gegen ihre utilitaristischen Grundlagen. Nutzen scheint ihm als Maßstab für Wohlergehen nicht geeignet, da entscheidende Infonnation über das soziale Gefälle hier nicht einfließen kann. Eines seiner zentralen Anliegen ist daher quer durch seine Ar16
beit die Erweiterung der Informationsgrundlage, auf der die weitere Bewertung steht. Zu Beginn der l 980er Jahre begann Sen daher seinen eigenen theoretischen Ansatz zu entwickeln, der die logische Konsequenz seiner früher vorgebrachten Unzufriedenheit an den vorhandenen Instrumenten war. Zentraler Kern dieser Theorie ist der Begriff der Freiheit in ihrer positiven Form. Welche alternativen Möglichkeiten, ein solches Leben zu führen, das zu wählen wir gute Gründe haben, stehen uns offen? Diese Frage ist Kreuzund Angelpunkt des von Sen entwickelten Capability-Ansatzes (fortan CA). Das reichlich technische Wort Capability wählte Sen eher aus Verlegenheit, denn aus dem Glauben, dass dieser Begriff alle Aspekte zu fassen vermag, die er in ihm integriert wissen möchte. Der Capabability-Ansatz fußt letztlich in der aristotelischen Frage nach dem guten Leben. Neben diesem allgemeinen Bewertungsrahmen von sozialen Arrangements versucht Sen das enge Korsett der beschriebenen Verhaltensannahmen aufzubrechen und nimmt zu diesem Zweck Anleihen bei Adam Smith (1723-1790), dem Gründer der Nationalökonomie, dessen moralphilosophisches Schaffen Sens Ansicht nach neben dem berühmten Wealth of Nations (1776) in der ökonomischen Theorieentwicklung zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Sen bezieht sich nicht zuletzt deshalb auf Smith, weil dieser Theoretiker zur Verteidigung des Homo Oeconomicus zitiert und wie Sen anmerkt, verkürzt dargestellt wurde. Wenn Amartya Sens theoretischer Ansatz nun für die Bewertung von Armut - auch in reichen Ländern -geeignet scheint, so müsste zu allererst die Frage gestellt werden, wie er dogmenhistorisch einzuordnen ist und inwiefern dieser Ansatz einen Bruch mit der neoklassischen Wohlfahrtsökonomie darstellt. Diese Fragestellung bildet das Leitmotiv des ersten analytischen Blocks meiner Arbeit (Teil 1). Hier soll gezeigt werden, in welcher Tradition Sens ökonomisches Denken steht. Immer wieder verweist er auf Aristoteles, dem er vor allem den Gedanken der „Tätigkeit" und der sinnvollen ,,Aktivität" menschlichen Handelns entlehnt. Ein weiterer aristotelischer Aspekt betrifft die intrinsische Bedeutung des Begriffs Capability, die an Aristoteles' Eudaimonia anknüpft. Sen versucht damit einen Ausweg aus der Zweck-Mittel-Logik, die dem menschlichen Handeln in der ökonomischen Theorie zugeschrieben wird, zu weisen. Zentrale menschliche Capabilities sind seines Erachtens per se erstrebenswert und erfüllen keinen oder keinen ausschließlichen weiteren (instrumentellen) Zweck. Sen kann aber nicht ohne weiteres als Aristoteliker bezeichnet werden. Tatsächlich befasst er sich mit dessen Werk nur insofern, als es ihm begriffliche Anregungen für seine eigene Terminologie liefert. Größer ist die geistige Verwandtschaft zu Adam Smith, dessen Arbeiten Sen einerseits vor der reduktionistischen Interpretation der Neoklassiker schützen, auf dessen Menschenbild und Interpretation des kapitalistischen Systems er andererseits seine eigene Konzeption erbaut. Indem Sens Arbeit in Teil I dogmenhistorisch fundiert wird, beantwortet dieses Kapitel bereits einen Aspekt der ersten (theoretisch orientierten) Forschungsfrage, die sich in zwei Aspekte gliedert: 17
1 a) Inwiefern stellt Sens Capability Approach einen radikalen Bruch mit der herrschenden Lehre der Wohlfahrtsökonomie dar, von der er seinen Ausgang nimmt? Zum ersten könnte dieser Bruch also in der Rückbesinnung auf die Ökonomie als ethisch-praktische Wissenschaft begründet liegen. Zudem ist er sicherlich in der radikalen Kritik an der utilitaristischen Tradition der Wohlfahrtsökonomie zu suchen, die sich von Jeremy Bentham, dem Begründer des Utilitarismus, über Arthur Pigou bis zu Paul Samuelson und jüngeren Vertretern der herrschenden Lehre, erstreckt (Teil II). Hier richtet Sen seinen Blick vor allem auf den Nutzenbegriff in allen Ausformungen seiner historischen Entwicklung. Teil II orientiert sich daher auch an der historischen Entstehungsgeschichte der Wohlfahrtsökonomie aus dem Utilitarismus. Wiederum richtet sich die Kritik gegen die Ausblendung zentraler Informationen. Diese betrifft sowohl das NutzenKonzept selbst, als auch die tragenden Prinzipien des Utilitarismus (welfarism, sum ranking und consequentialism), die großteils in der Wohlfahrtsökonomie übernommen wurden. Zweierlei Dinge sollen in Teil II deutlich werden: Erstens die historische Entwicklung der Wohlfahrtsökonomie aus dem Utilitarismus und die damit einhergehende Wandlung des Nutzenbegriffs, und zweitens Sens zentrale Kritik an grundlegenden Annahmen und Begriffen in allen Entwicklungsstadien. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Forschungsfrage, nämlich hinsichtlich welcher Annahmen ein möglicher Bruch Sens mit der traditionellen Theorie, als radikal zu bezeichnen ist, kommt hier zur Beantwortung. Teil III widmet sich der Gesamtkonzeption Sens, die in den vorangegangenen Kapiteln vorbereitet wurde und der Position des CA in ihr. Dieser Teil vervollständigt somit die Beantwortung der ersten Forschungsfrage. Worin nämlich die Radikalität eines möglichen Bruchs mit der Wohlfahrtsökonomie liegt, zeigt sich schließlich am deutlichsten an der Alternativkonzeption, die Sen diesem Theorieansatz gegenüberstellt. Diese setzt sich aus unterschiedlichen Gliedern zusammen: Zum ersten ist hier das veränderte Verhaltensmodell, das der Konzeption zugrunde liegt, zu nennen. Sen lehnt seine Argumentation stark an die Theorie der bekundeten Präferenzen (Samuelson 1938) an, weshalb nochmals explizit auf seine Kritik am Rationalitätsund Präferenzbegriff, der dieser Theorie zugrunde liegt, eingegangen werden muss. Zweitens wird an dieser Stelle, der CA als Sens zentraler Ansatz in den Blickpunkt gerückt. Teil III ist schließlich Ausgangspunkt des zweiten Aspekts der theoretischen Fragestellung, die sich mit dem normativen Gehalt des CA auseinandersetzt: lb) Welche Schritte zur Theorieentwicklung müssen gesetzt werden, um den Ansatz als normativen Analyserahmen zu komplettieren? Einer der anhaltenden Kritikpunkte am CA ist der fehlende normative Rahmen, den Sen bewusst offen lässt. Hier soll untersucht werden, ob Sens Theorie mit einer normativen Moraltheorie theoretisch vervollständigt werden kann. Um der theoretischen Vollständigkeit zu genügen, betrifft dies vorerst die normative 18
Grundlage des Ansatzes. Ohne eine ergänzende normative Entscheidungstheorie, bleibt Sens Ansatz ein offener Rahmen. Ich werde daher für die Einbeziehung von Bernard Gerts Theorie der Moralität (Gert 2005) plädieren, durch die dieses Fundament sichergestellt werden kann. Weder die theoriegeschichtliche Genese des CA aus der Kritik des Utilitarismus und der Wohlfahrtsökonomie, noch der Versuch, den Ansatz mit einer weiteren, explizit normativen Theorie zu verknüpfen, wurden in der Literatur bisher behandelt und stellen in dieser Form damit eine Neuerung bzw. Ergänzung der bisherigen Forschung dar. Teil IV meiner Arbeit bildet den Übergang zur empirischen Auseinandersetzung mit dem CA und der zweiten (empirischen) Forschungsfrage: 2) Wie kann der Capability Approach im Rahmen der Armutspolitik der Europäischen Union operationalisiert werden? Während in diesem Teil vor allem gezeigt wird, wieweit die praktische Umsetzung schon gediehen ist und welche Hindernisse einer solchen im Weg stehen - hier geht es vor allem um technische Fragen der Umsetzung -stellt Teil V eine exkursartige Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext dar. Im Zuge der vergangenen drei Jahrzehnte waren sowohl der Armutsbegriff selbst, als auch die Zielvorstellungen der EU einem drastischen Wandel ausgesetzt, der schließlich in einen integrativen multidimensionalen Ansatz mündete. Ausgangspunkt von Teil V ist der Prozess von Lissabon hinsichtlich der Armutsproblematik. Die zugrunde liegende Annahme meiner Argumentationslinie für eine empirische Umsetzung ist, dass der CA geeigneter ist, bestimmte Aspekte der Armut, ihre Ursachen und Wirkungen, aber auch ihr Ausmaß und ihre Form zu analysieren als etwa Ressourcenoder Einkommensansätze. Wie in der theoretischen Auseinandersetzung geht es auch hier um Informationsprobleme und -mängel. Ressourcenansätze scheinen nicht hinreichend geeignet, die tatsächliche Lebenssituation von Menschen und ihre Möglichkeitsräume auszuleuchten. So kritisch die theoretische Bewertung des CA auch ausfallen mag, werde ich dennoch für eine Berücksichtigung des Capabality-Ansatzes zur Betrachtung von Armut in der EU argumentieren und im abschließenden Teil VI zeigen, welche Schritte gesetzt werden müssen, um eine solche zu vollziehen. Dieser Aspekt betrifft die empirische Umsetzung, die schon aufgrund der Datenlage schwierig erscheint. Hier muss daher aus pragmatischen Gründen ein Kompromiss angestrebt werden, der darauf ausgerichtet sein wird, dem Capability-Ansatz auf Grundlage der vorhandenen Daten und Ziele mehr Gewicht in der EU-Debatte einzuräumen. Der Neuerungswert meines Beitrags liegt darin, explizite Capability-Kategorien zu filtern und somit zu zeigen, welche Dimensionen in der EU implizit als intrinsisch wertvoll erachtet werden. Dies unterscheidet mein Vorgehen von anderen Beiträgen, die sich zwar im Zuge des Armutsdiskurses in der EU auf den CA beziehen (etwa Volkert 2006), auf eine Konkretisierung von CapabilityDimensionsen aber verzichten. Die Filterung der Dimensionen stellt schließlich erneut den Zusammenhang zum normativen Fundament her, indem die Capabili19
ties mit Blick auf Gerts Theorie argumentiert und gerechtfertigt werden sollen. Ich werde zudem zeigen, wie diese Dimensionen einerseits idealtypisch operationalisiert, anderseits auf Basis vorhandenen Datenmaterials eruiert werden können. Der Versuch einer Operationalisierung muss aber als exemplarisch und unvollständig verstanden werden und dient eher als Anregung für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Capability-Ansatz auf EU-Ebene, denn als fertiges Rezept. Nun seien mir noch einige Anmerkungen zu den fonnalen Aspekten dieser Arbeit erlaubt: Zitate werden in dieser Arbeit üblicherweise vom Fließtext abgegrenzt. Sollte es sich aber aus Gründen der Lesbarkeit oder der rein unterstützenden Bedeutung des Zitats für die Argumentation als brauchbar erweisen, werden manche Stellen zuweilen in den Fließtext integriert. Im Sinne der Gender-Gleichheit habe ich mich dazu entschlossen wie folgt vorzugehen: In Teil I - III werden ausschließlich männliche, in den Teilen IV, V und VI nur weibliche Fonnen verwendet. Dies hat seinen Grund darin, dass die Lesbarkeit auf diese Weise meines Erachtens in größerem Ausmaß gewährleistet ist, als dies durch den konventionellen Gebrauch, der beide Fonnen nebeneinander stellt (z.B. Autorinnen), möglich ist. 20
1. DIE GRUNDLAGEN DER KONZEPTION SENS 1.1. Ethik und Ökonomie Spricht man von philosophischen Wurzeln in einem ökonomischen Zusammenhang, so muss zu allererst die Frage gestellt werden, welche Verbindung hier denn besteht. Schließlich machte etwa Schumpeter darauf aufmerksam, dass philosophische Erklärungen für ökonomische Zusammenhänge nicht relevant sind und vor allem solche Wirtschaftswissenschafter ansprechen, die sich in erster Linie für philosophische Gesichtpunkte interessieren (Schumpeter 1965, 65 f) 1• Daher bedarf es einleitend einer Klärung der Verwandtschaft der beiden Disziplinen, die dem geneigten Leser zur Kenntnis gebracht werden und darlegen soll, welche Bedeutung philosophische Überlegungen hier spielen. Zu allererst sei erwähnt, dass es im Zusammenhang mit Ökonomie zumeist um Ethik, also einen Teilbereich der praktischen Philosophie, geht und weniger um erkenntnistheoretische oder metaphysische Fragestellungen. Diese Verbindung lässt sich nun etwa folgendermaßen erklären: "lt is, in fact, arguable that economics has had two rather different origins, both related to politics in rather different ways, concemed respectively with 'ethics', on the one hand, and with what may be called 'engineering', on the other." (Sen 1987, 2f) Ist dieser historische Konnex aber schon Grund genug, ethische Fragestellungen in eine ökonomische Arbeit einzubeziehen? Die Antwort muss im konkreten Fall ,ja' lauten, bedarf allerdings einer Ergänzung: Nicht die geschichtliche Verwandtschaft alleine kann ausschlaggebend sein, eine emanzipierte Wissenschaft wieder in ihr altes Korsett zu schnüren, vielmehr geht es um eine Ergänzung einer Disziplin um fruchtbare Aspekte einer anderen, die denselben Erkenntnisgegenstand umkreist -den Menschen nämlich und seine Handlungsweisen. Eine Trennung der beiden Disziplinen bedeutet eine Trennung am Menschen. Gibt die moderne Ökonomie vor, menschliche Motivation zu beschreiben Das volle Zitat Schumpeters lautet: ,,Der Grund, warum ich die These mit so viel Nachdruck vertrete, daß die Philosophie im technischen Sinne des Wortes schon der Beschaffenheit nach die Wirtschaftsanalyse gar nicht beeinflussen kann und praktisch auch nicht beinflußt hat, liegt darin, daß die Gegenthese zu einer der Hauptquellen von Scheinerklärungen über die Entwicklungsgeschichte der Wirtschaftsanalyse geworden ist. Diese Scheinerklärungen sprechen besonders solche Historiker der Wirtschaftswissenschaft an, die sich in erster Linie für philosophische Gesichtspunkte interessieren und daher übermäßigen Wert auf Hinweise auf solche Zusammenhänge legen, von denen es ja in der Fachliteratur mehr als genug gibt, und die oft nicht als das erkannt werden, was sie sind -nämlich Verbrämungen, die trotz ihrer Fadenscheinigkeit die Filiation wissenschaftlicher Ideen verschleiern." (Schumpeter 1965, 65f) 21
und auf der Basis dieser Beschreibung Voraussagen zu treffen, so wagt die Ethik darüber hinaus Aussagen zu treffen, wie der Mensch handeln soll. Zudem wirft sie die allgemeine Frage nach einer Bewertung sozialer Leistungen auf. An dieser Stelle lässt sich später auch eine Überleitung zum Begriff Armut, der wie ein Adler seine Kreise über dieser Arbeit zieht, herstellen, und wir können aus einer ethischen Perspektive die Frage stellen, wie eine Gesellschaft mit dieser umzugehen hat. Wenn Ökonomen die Bedeutung der Ethik also unterstreichen, dann tun sie das deshalb, weil Ökonomie ohne Ethik ihres Erachtens einen unerträglichen Reduktionismus darstellt. Die Mehrzahl dieser Autoren beziehen sich in ihrer Kritik an diesem ,falschen Dualismus' (Sen 1987) oder an einer ,Zwei-Welten-Konzeption' (Ulrich 1997) vorerst auf Aristoteles, den Vater der Disziplin Ethik, der das Ethische dort ansiedelt, wo sich der Mensch als ganzer Mensch finden kann. Es geht nie um bestimmte Handlungen, sondern um das Leben selbst. Folgerichtig begibt sich auch eine Betrachtung, die sich ausschließlich auf ökonomisches Verhalten stützt, auf einen Irrweg und wird zur inhaltsleeren Begebenheit. Für Aristoteles war das Leben prinzipiell ein Beitrag zur polis, die ein gesellschaftliches Ideal darstellte. Wenn er in der Nikomachischen Ethik davon spricht, dass der Mensch seinen Tätigkeiten auf vollkommenste Weise nachgehen soll, dann ist für ihn daher klar, dass diese Tätigkeiten ihrer Natur nach gut sind. Eine Überzeugung, die heute nicht mehr viele teilen würden, weil der Pflichtbegriff hier nicht klargestellt ist. Worauf soll sich der Mensch verpflichten? Adam Smith beantwortet diese Frage zwar nicht direkt, zeichnet in seiner Theory of Moral Sentiments aber das Bild einer moralischen Natur des Menschen. Das auf die vielschichtige Natur des Menschen Rücksicht nehmende Menschenbild Smiths und die unterschiedlichen Grundlagen menschlicher Motivation interessieren Sen denn auch in hohem Maße, der vor allem die verengte Sicht von Smiths Werk in der ökonomischen Literatur heftig kritisiert und sich in seiner Konzeption stark auf diesen Autor bezieht (Sen 1980, 1987, 1999a). "lt is instructive to examine how it is that Smith's championing of 'sympathy', in addition to 'prudence' (including 'self-command'), has tended tobe so lost in the writings of many economists championing the so-called 'Smithian' position on self-interest and its achievements." (Sen 1987, 23) Implizit lässt sich daraus nicht zuletzt auch eine Kritik am Kontraktualismus, den vor allem John Rawls im 20. Jahrhundert entscheidend weiterentwickelt hat, und dessen reduktionistischem Weltbild erkennen. Im Folgenden werden nun die Ansätze von Aristoteles und Smith, insofern sie für eine Analyse von Sens Arbeit bedeutend sind, vorgestellt und mit Sens Positionen verglichen. Welche Elemente übernimmt Sen von Aristoteles, wo knüpft er bei Smith an? Dabei soll deutlich werden, auf welcher philosophischen Basis Sens Arbeit fußt und inwiefern er Elemente beider Philosophen in seine eigene Konzeption einer ganzheitlichen Ökonomie aber auch in seine Kritik der neo22
"After beginning his career as a moral philosopher, Smith turned to the study of political economy, which culminated in his classic work. "(Samuelson und Nordhaus, 1992, 376)6 Damit unterstellen die Autoren eine Trennung der beiden Hauptwerke Adam Smiths - The Theory of Moral Sentiments (TMS, 1756) und An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (WN, 1776) -und geben zu verstehen, dass Smith ihrer Ansicht nach, der Moralphilosophie den Rücken kehrte, um fortan ausschließlich die Entstehung von Preisen, Distribution von Einkommen und Marktsysteme zu analysieren (ebd.)7. Tatsächlich gilt der vermeintliche Widerspruch zwischen den beiden Werken -nämlich zwischen einem moralischen sozialen Menschen in der TMS und einem ökonomischen, an seinem Eigeninteresse orientierten Individuum im WN -, der als das so genannte Adam-Smith-Problem bekannt wurde, längst als gelöst. Die reduktionistischen Klischees über Smith sind aber auch heute noch weit verbreitet und weisen ihn als „geistigen Vater eines mechanistischen, profitorientierten und einseitig materialistischen Wirtschaftsliberalismus" aus (Patzen 1991, 22). Sen (etwa 1986, 1987, 1999a) aber auch viele andere Autoren betonen die Einheit der beiden Werke vehement und versuchen damit vor allem, Smith einer breiteren Öffentlichkeit als vielseitigen und differenzierten Denker ins Bewusstsein zu bringen: „Nur in einer Gesamtschau und mit Hilfe einer analytischen Rekonstruktion kann man Smith' ,Trilogie', seine Ethik wie seine Marktund Staatstheorie, auch in ihrer historischen Dimension letztlich verstehen." (Recktenwald 1987, 8) Das Zusammenspiel von TMS und WN stellt auch Manstetten sehr anschaulich wie folgt dar: ,,Sowohl die TMS als auch der WN lassen sich als Abhandlungen über die Gesellschaftlichkeit des Menschen in verschiedenen Erscheinungsfonnen auffassen. Sie unterscheiden sich indes in ihrer Sicht auf den Menschen: Die TMS sieht ihn gleichsam von innen, der WN dagegen schaut ihm von außen zu. Das bedeutet, daß in der TMS die menschliche Innenwelt im Zentrum der Betrachtung steht und alles Außenweltliche nur in Beziehung auf diese Innenwelt gesehen wird, während im WN die äußerlich sichtbaren Resultate menschlicher Interaktionen in Fonn materiellen Wohlstands das Zentrum der Untersuchung ausmachen." (Manstetten 2000, 236) Die Anthropologie Smiths, so Manstetten, erschließt sich aber eher aus der TMS und so setzt auch Sen bei ihr an, wenn er wichtige Aspekte des Smith'schen Menschenbildes in die enge Sicht des Homo Oeconomicus8, die Smith in der 6 Damit unterstellen die Autoren zugleich implizit eine Trennung von Ethik und Ökonomie, wie sie von Vertretern moderner Ökonomie propagiert wird, was umso erstaunlicher ist, als Samuelson oftmals auf Smiths Vielschichtigkeit hingewiesen hat. 7 Aus anderen modernen Werken über Makround Mikroökonomie, die an den Universitäten viel Beachtung finden, ist der Name Adam Smith und mit ihm jeder Bezug zur Ethik beinahe vollends gewichen (etwa bei Mankiw 2000, Mansfield and Yohe 2000). 8 Andere Autoren sehen das Menschenbild des homo oeconomicus, das sich in der Ökonomie bis heute durchgesetzt hat, in der individualistisch-subjektivistischen Moralwis29
ökonomischen Literatur paradoxerweise zugeschrieben wird, zu integrieren versucht (Sen 1977 /1982a). In seiner Einführung zur Neuauflage der TMS bemerkt Haakonsen, dass die Theory möglicherweise dazu geeignet ist, Verwirrung zu stiften. Die Erwartungen des modernen Lesers könnten von der heutigen Vorstellung von Moralphilosophie geprägt sein. Smiths Verständnis von dieser Disziplin hat aber nichts mit der Suche nach universellen normativen Doktrinen oder einer Theorie des Guten für die Menschheit zu tun. Für Smith besteht die Aufgabe der Moralphilosophie darin, solche Praktiken zu erklären, die gemeinhin als moralisch bezeichnet werden. Er untersuchte zu diesem Zweck jene Bestandteile des menschlichen Verstandes und jene Formen der Interaktion zwischen unterschiedlichen Psychen, die den Ausschlag für moralische Praktiken in der menschlichen Natur geben (Haakonsen 2002, viii). Adam Smith, wie auch dessen Freund David Hume (1711-1776), stehen in der Tradition des Moral Sense. Die Theorie, als deren Begtünder Francis Hutcheson (1694-17 46) und Graf Shaftesbury9 (1671-1713) gelten, will zeigen, dass der Mensch von Natur aus so gut ist, dass der Bezug auf menschliche Interessen nicht zu einem Krieg jeder gegen jeden führen würde und wendet sich somit scharf gegen Thomas Hobbes "0 Leviathan (1651), aber auch gegen Bernard Mandeville und seine Bienenfabel ( 1714 ), die postulieren, dass die menschliche Natur in erster Linie selbstsüchtig ist. Smith und vor allem Hume greifen dieses Moment auf und möchten zeigen, dass dem Menschen ein moral sense oder bei Smith eher eine psychologische Moral zu Eigen ist. Dies druckt sich in der Fürsorge des Menschen um das Wohlbefinden anderer Menschen aus. Was macht also dieser Theorie zufolge eine Handlung aus? Hume und Smith antworten, dass die Motivation zu handeln nicht aus der Vernunft abgeleitet, sondern nur aus den Gefühlen erklärt werden kann. Mit ihrer deskriptiven Moralphilosophie vermeiden die MoralSense-Theoretiker, was George Edward Moore später naturalistischen Fehlsenschaft Thomas Hobbes' fußen: "After centuries of criticism of the subjectivistic and individualistic Hobbesian approach to moral science, economists stubbomly stick to the heritage of Thomas Hobbes who insisted that interest rather than reason ultimately govems human action and consequently the world. As their great ancestor they spoil the green lawns of benevolence described by professional good men with the crab grass of their scepticism -and rightly so." (Kliemt 1990, 1) 9 eigentlich Antony Ashly-Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury 10 Hobbes (1588-1679) stellt seiner Konzeption des Naturzustandes das bezeichnende Zitat „homo homini lupus" (der Mensch ist dem Menschen Wolf) des römischen Dichters Plautus (ca. 250 v.Chr. -ca. 184 v.Chr.) voran. In Hobbes' Naturzustand herrscht Krieg jeder gegen jeden, weshalb es zu einem Gesellschaftsvertrag kommen muss, um ein sicheres Gemeinwesen herzustellen. Dies geschieht durch die Gründung des Staates, was gleichzusetzen ist mit der Übertragung der Macht auf einen Souverän. Dies beschreibt Hobbes in seinem Hauptwerk Leviathan (1651). 30
schluss 11 nannte. Aber auch die petitio principi/ 2 und der infinite Regress werden durch den Verzicht auf das Ableiten von Normen aus dem Faktischen umgangen. 1.3.2. Das Moralsystem 1.3.2.1. Das Prinzip der Sympathie "How selfish soever man may be supposed, there are evidently some principles in his nature, which interest him in the fortune of others, and render their happiness necessary to him, though he derives nothing from it expect the pleasure of seeing it. " 13 Gleich zu Beginn der TMS steht also ein Satz, der uns vom Eigeninteresse des Menschen, das in der Ökonomie allzu große Bedeutung gewonnen hat, wegführt und darauf hinweist, dass der Mensch -so offenkundig dies auch sein mag - Gefühle für seine Umwelt entwickelt. Damit ist die Richtung der Smith'schen Moralphilosophie vorgegeben. Im Zentrum steht das Individuum, das in wechselhafter Beziehung zu seiner Umwelt und somit auch zur Gesellschaft steht. Es ist offenkundig, dass es in der menschlichen Natur Prinzipien gibt, die ihn für das Schicksal anderer interessieren. Hier deutet sich aber zugleich an, dass diese Prinzipien im Zusammenspiel mit dem Eigeninteresse stehen und nicht alleinige Motoren der menschlichen Motivation sind. Das erste Kapitel der TMS benennt so denn auch dieses Prinzip, dass unsere Aufmerksamkeit, unser Gefühl auf das Schicksal anderer lenkt. Es ist das Prinzip der Sympathie, das sich aber keineswegs auf Mitleid (im Sinne von Mitgefühl) beschränkt: "Pity and compassion are words, appropriated to signify our fellow-feeling with the sorrow of others. Sympathy, though its meaning was, perhaps originally the same, may now, however, without much impropriety, be made use of to denote our fellow-feeling with any passion whatever." (Smith 1790 (2002], 13) Damit richtet sich Smith gegen jene, die jegliches Gefühl aus der Selbstliebe abzuleiten versuchen 14 • Sympathie kann nicht als selbstsüchtiges Prinzip verstanden werden, da es hier nicht darum geht, aus der eigenen Perspektive zu fühlen, sondern aus der Position des anderen. Sie ist eine nicht-selbstbezogene Emotion. 11 Der von George Edward Moore geprägte Begriff des naturalistischen Fehlschlusses beschreibt die problematischen Konsequenzen, die sich ergeben, wenn aus Fakten Werturteile begründet werden. Aus Sein darf also kein Sollen abgeleitet werden. 12 Die petitio principii ist ein derartiger Fehlschluss, dass dasjenige, was durch einen Schluss (Argument) bewiesen werden soll, dem Schluss vorausgesetzt ist. 13 Smith 1790 (2002], 11. 14 Smith richtet sich hier gegen Hobbes und Mandeville; Buch VII der TMS widmet Smith den philosophischen Systemen, die das Prinzip der Billigung einer Handlung aus der Selbstliebe ableiten, ein Kapitel (Smith 1790 (2002], 372). 31
Das Prinzip der Sympathie bildet die Grundlage für Smiths Moralphilosophie. Es beschreibt die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen und knüpft gewissermaßen die sozialen Bande einer Gesellschaft. Trapp formuliert wie folgt 15 : ,,Sympathie vollzieht [vielmehr] die Gefühle anderer nach, seien sie lobensoder tadelnswert, angemessen oder unpassend. [ ... ] Sympathie bedeutet bei Smith: Der Mensch erkennt im anderen den Menschen wieder, seine Handlungen mögen anziehend oder abstoßend sein." (Trapp 1987, 66) Sympathie wird dabei im strengen Sinn des Wortes als Mit-Fühlen, also Nachempfinden verstanden und ist nicht, wie auch Trapp meint, gleichzusetzen mit der Billigung einer Handlung: ,,Die Billigung einer Handlung wird ausdrücklich vom Prinzip der Sympathie unterschieden, das keinen bestimmten Inhalt besitzt, formal ist. [ ... ]Moralische Billigung (approbation) besteht darüber hinaus im Bewusstsein der Übereinstimmung mit dem Betroffenen: Wird man inne, daß man selber in einer Situation empfinden würde, was er empfindet, so billigt man seine Gefühle." (ebd.) Dieser Einschätzung widerspricht jedoch folgende Passage bei Smith: "To approve of the passion of another, therefore, as suitable to their objects, is the same thing as to observe that we entirely sympathize with them; and not to approve of them as such, is the same thing as to observe that we do not entirely sympathize with them." (Smith 1790 (2002], 20) Wie ist die Aussage Trapps in Anbetracht dieses Zitats zu verstehen? Macfie (1959, 214f) antwortet, dass Urteile darüber, was angemessen ist, nicht durch reine Emotion erfolgen können, sie müssen mit rationaler Überlegung verknüpft sein. Unser Verständnis von ,,Richtigkeit" spiegelt Smiths ständige Betonung des ,,Passenden" als essentielles Element des Guten wider. Das „Passende" kann aber nur durch Vernunft beschrieben werden und im Verhältnis zu einer Situation. Smith unterstreicht diesen Punkt, indem er hervorhebt, dass unsere moralischen Fähigkeiten nicht mit anderen Neigungen des Menschen verglichen werden können, da nur die moralischen Motive über andere urteilen. Sympathie, oder die korrespondierende Neigung des ,Zuschauers' wird dann als ,,natürliches und ursprüngliches Maß" des richtigen Grades all unserer Affekte beschrieben, aus denen Tugend besteht. Hier, so Macfie weiter, muss lediglich unterstrichen werden, dass der ,Zuschauer' mehr beiträgt als Neigung alleine, indem er nämlich urteilt. Smiths Verwendung des Wortes impartial (unparteiisch)16 hebt genau diesen Aspekt hervor: "Without sympathy, reason may be inhuman and powerless. But without the 'impartial spectator', without reasoning judgement, sympathy is dumb. lt is therefore unfruitful; it 15 So verstanden erinnert der Begriff an unser heutiges Verständnis von Empathie. Er wird aber, wie sich zeigen wird, noch weiter ausdifferenziert und ist eher als formales Prinzip zu verstehen. 16 Zur Besprechung des ,impartial spectators' siehe 1.3.2.3. 32
alone could not search out the 'many inventions' of social institutions or of justice and economy. Alone it could merely feel." (Macfie 1959, 214) Trapp ist daher Recht zu geben, dass Sympathie keine unmittelbare Leidenschaft ist, sondern eher aus „theoretischer Kenntnis" erwächst. Ähnlich argumentiert auch Recktenwald (1986, 22), der von Sympathie als dem Vermögen spricht, das Verhalten des anderen zu beurteilen, indem wir uns vorstellen, was wir selbst in einer ähnlichen Situation fühlen würden. Ob das Verhalten zu billigen ist, hängt von der Angemessenheit oder Unangemessenheit der Neigung im Verhältnis zu ihrem Objekt ab. Es wird aber hier deutlich, dass der Begriff Sympathie mitunter zur Verwirrung führen kann. So zeigt etwa Werhane (1991, 32f), dass Smith den Terminus auf zumindest fünf unterschiedliche Weisen verwendet. Auch sie kommt zu dem Schluss, dass Sympathie im technischen Sinne weder ein Gefühl, noch eine Leidenschaft, sondern viel eher eine Übereinstimmung mit oder ein Verständnis von Gefühlen ist. Die Autorin hebt vor allem die Bedeutung der Imagination in diesem Zusammenhang hervor: "The role of imagination is crucial to understanding of Smith's notion of sympathy and indeed of his whole moral psychology." (Werhane 1991, 33) Auch Werhane argumentiert, dass Sympathie nicht mit Billigung gleichzusetzen ist. Beispielsweise könnten wir mit einem Gefühl „sympathisieren", etwa mit Ärger oder Wut, dass wir nicht gleichzeitig billigen. Wenn wir zugleich ein Gefühl teilen und mit seiner Richtigkeit übereinstimmen, dann billigen wir das Gefühl. Wir können nicht in die Herzen anderer blicken. Wir können die Gefühle anderer daher nur insofern verstehen, als wir verstehen, was wir selbst in einer ähnlichen Situation fühlen sollten. Somit ist sie aber Quelle des moralischen und praktischen Urteils. "Sympathy, therefore, does not arise so much from the view ofpassion, as from that ofthe situation which excites it. [ ... ] The compassion of the spectator must arise altogether from the consideration of what he himself would feel if he was reduced to the same unhappy situation, and, what perhaps is impossible, was at the same time able to regard it with his present reason andjudgement." (Smith 1790 [2002), 15) Dies ist es auch, was Recktenwald ( 1986, 21) meint, wenn er davon spricht, dass diese „Gefühle zwischen den elementaren Instinkten, die der Mensch mit dem Tier teilt, und dem logischen und berechnendem Verhalten des denkenden Menschen, also subrational angesiedelt sind." Der Zuschauer kann die Gefühle, die für unsere Leidenschaften ausschlaggebend sind, nur aus der Distanz reflektieren und so ist seine Sympathie durch die Distanz bestimmt, die die Vorstellung (imagination) überbrücken muss. Daraus folgt, dass Sympathie der Standard ist, mit dem wir die Richtigkeit und Unrichtigkeit der Gefühle anderer beurteilen: "And as we assess others, so, too, they assess us." (Evensky 2005, 114) 33
1.3.2.2. Die Wechselseitigkeit der Sympathie "But whatever may be the cause of sympathy, or however it may be excited, nothing pleases us more than to observe in other men a f ellow feeling with all the emotions of our own breast; nor are we ever so much shocked as by the appearance of the contrary. " 17 Smith erläutert hier das menschliche Verlangen, als Mensch anerkannt zu werden. Wechselseitiges Mitfühlen und Mitempfinden stellen eine wichtige Bestätigung der eigenen Existenz dar. Dies erinnert nicht zuletzt an Kant, bei dem man Person nicht kraft natürlicher Eigenschaften, sondern durch die Anerkennung und Gesetzgebung anderer Personen wird. Der Mensch, so Smith, der sich seiner eigenen Schwäche und des Bedürfnisses nach Hilfe von anderen Menschen bewusst ist, erfreut sich daran zu beobachten, dass diese seine eigenen Leidenschaften teilen, weil er sich dann ihrer Unterstützung sicher sein kann. Genauso untröstlich ist er, wenn er das Gegenteil beobachtet, denn dann ist er ihrer Gegnerschaft sicher. Smith, dessen TMS ja aus Vorlesungen hervorgegangen ist, illustriert seine Äußerungen immer wieder mit anschaulichen Beispielen. So ist es etwa mit der wechselseitigen Sympathie wie mit einem Buch oder einem Gedicht beschaffen, das wir so oft gelesen haben, dass es uns keine Freude mehr zu bringen vermag. Anders aber, wenn wir es einem Freund zur Kenntnis bringen: "To him it has all the graces of novelty; we enter into the surprise and admiration which it naturally excites in him, but which is no longer capable of exciting in us; we consider all the ideas which it presents rather in the light in which they appear to him, than in that in which they appear to ourselves, and we are amused by sympathy with his amusement which thus enlivens our own." (Smith 1790 [2002], 17f) Es ist für das menschliche Verlangen nach Smith aber nicht ausreichend, gebilligt zu werden, man möchte zu Recht gebilligt werden. Dieser Umstand unterstreicht die eindämmende Wirkung des Sympathie-Prinzips auf ein ausuferndes Eigeninteresse: "The man who desires to do, or who actually does, a praise-worthy action, may likewise desire the praise which is due to it, and sometimes, perhaps, more than is due to it. The two principles are in this case blended together. How far his conduct may have been influenced by the one, and how far by the other, may frequently be unknown even to himself. lt must almost always be so to other people. They who are disposed to !essen the merit of his conduct, impute it chiefly or altogether to the mere love of praise, or to what they call mere vanity. They who are disposed to think more favourably of it, impute it chiefly or altogether to the love of praise-worthiness; to the love of what is really honourable and noble in human conduct; to the desire, not merely of obtaining, but of deserving the approbation and applause of his brethren. The imagination of the spectator throws upon it either the one colour or the other, according either to his habits of thinking, or to the favour or dislike which he may bear to the person whose conduct he is considering." (Smith 1790 [2002), 147f) 17 Smith 1790 [2002), 17 34
Die Wechselseitigkeit der moralischen Gefühle nimmt bei Smith eine wichtige Rolle ein, weil damit fest unsere Selbstachtung, also unser Selbstbild verknüpft ist1 8• In ihr können wir uns als gute Menschen begreifen und als solche in das gesellschaftliche Gefüge eingliedern. Dies ist genau dann von Bedeutung, wenn es um die Fundamente dieser Gesellschaft geht. So ist die TMS ja auch ein Werk über die Entstehung und Reifung einer bürgerlichen Ethik, die der Entstehung eines konstruktiven liberalen Systems vorausgeht. Die Reziprozität der Sympathie fasst Evensky wie folgt zusammen: "In sum, as we judge others by our sense of harmony with what we imagine to be their sentiments, we know that they are doing the same in judging us. That judgement matters to us. We desire the harmony of others' sympathy with our own sentiments toward that measure that will enjoy their sympathy. This natural inclination to desire the sympathy of others and thus to seek a harmony of sentiments with them is the foundation of the social regulation of personal behavior." (Evensky 2005, 115) Zugleich hat diese Wechselseitigkeit eine regulierende Funktion. Da der Mensch von Natur aus von seinen Mitmenschen geachtet werden will, so Smith, wird er sein Verhalten dem Urteil des Beobachters anpassen. Da er dieser Anerkennung zudem auch würdig sein möchte, reicht hier freilich nicht eine scheinbare Anpassung. Er unterwirft sein Verhalten dem Urteil einer quasi außenstehenden unparteiischen Instanz. Recktenwald ( 1986, 27) folgend, kann hier argumentiert werden, dass Smith das Problem der mangelnden Information tatsächlicher Beobachter über die Gefühle einer anderen Person erkannt und vor allem elegant gelöst hat. 1.3.2.3. Der unparteiische Beobachter "There is no passion, ofwhich the human mind is capable, concerning whose justness we ought to be so doubtful, concerning whose indulgence we ought so carefully to consult our natural sense of propriety, or so diligently to consider what will be the sentiments of the cool and impartial spectator. " 19 Der impartial spectator oder unparteiische Zuschauer stellt die unbedingte Ergänzung und die Vervollständigung des Sympathie-Prinzips dar. Er ist die Fiktion des gerechten Richters, der über die moralische Billigung einer Handlung bzw. eines Gefühls entscheidet. ,,Smith hat den universalistischen Standpunkt der Moral als den imaginären Standpunkt eines unbeteiligten und unparteiischen Zuschauer veranschaulicht: ,,Wir bemühen uns, unser Verhalten so zu prüfen, 18 Es muss hier erwähnt werden, dass nicht jede Sympathie wechselseitig ist: "Elsewhere in the TMS Smith implies that not all sympathy is mutual sympathy, because we can imaginatively sympathize with any passion of another even if we detest it. Thus sympathy is not identified with approbation because it is more emotionally neutral and can approach or understand all types of feelings and sentiments." (Werhane 1991, 35) 19 Smith 1790 (2002], 47 35
wie es unserer Ansicht nach irgendein anderer gerechter und unparteiischer Zuschauer prüfen würde"', resümiert Ulrich (1997, 63). Während wir anhand der Sympathie die Handlungen anderer beurteilen, richtet der unparteiische Beobachter seinen Blick auf uns. Es handelt sich also um einen perspektivischen Wechsel: „Die moralischen Gefühle stellen den sensiblen Erfahrungshintergrund, die reflektierende Vernunft (unparteiischer Zuschauer) den intellegiblen Reflexionshorizont angemessener moralischer Urteile und ,schicklicher Gemütsbewegungen' dar." (Ulrich 1997, 64). Anders formuliert ist die Sympathie das Mittel, mit dessen Hilfe wir uns in die Rolle einer anderen Person versetzen, um zu überprüfen, ob wir ihre Empfindungen und Motivationen billigen, während der unparteiische Zuschauer jene fiktive Figur ist, in die wir uns einfühlen, um zu überprüfen, ob unsere eigenen Empfindungen und Motivationen gebilligt werden können. Der unparteiische Beobachter ist für Smith somit der unbedingte Gegenpol zu einer ausufernden Selbstliebe. So kann Motivation, die auf Selbstinteresse beruht, von moralischen Handlungen und Urteilen unterschieden werden. Patricia Werhane (1991, 39) argumentiert hier, dass der impartial spectator soziale Sanktionen der Moralität bereitstellt, die als solche die Quelle des Gewissens sind. Er nimmt nämlich sowohl in der Selbstbeurteilung, als auch in der Beurteilung anderer eine wichtige Rolle ein. Er ist die Stimme von ,Vernunft, Prinzip und Gewissen'. Im Gegensatz zu normativen Prinzipien, die sich a priori ableiten lassen, ist der unparteiische Beobachter in der Natur des Menschen angelegt und mit diesem verknüpft. Er ist gewissermaßen eine „anthropologische Grundgegebenheit, ein psychischer Reflexionsmechanismus" (Patzen 1991, 29). Seine Position ist bei Smith Kriterium des Sittlichen. Die Frage nach dem Kriterium des Sittlichen ist denn auch, neben jener nach dem Prinzip der Billigung -das sich aus der Sympathie ableitet -als Grundlage der Moral, eine, die jede Ethik zu beantworten hat. Entgegen der landläufigen Darstellung Smiths als Gegenspieler Kants und Jünger des angelsächsischen Empirismus, wie sie beispielsweise im deutschen Sprachraum von Horst Recktenwald (1974) vertreten wird, spricht etwa Peter Ulrich (1991) von der Kant'schen Seele in Smiths Brust. Der unparteiische Beobachter stellt hier ein gutes Beispiel dar: ,,Ein vemunftsethisches Kriterium der sozialen Vergemeinschaftung der Menschen entwickelt Smith wiederum in verblüffender Übereinstimmung mit Kant auf dem Wege der gedanklichen Verallgemeinerung des interpersonellen Rollentauschs [ ... ) Der bloss faktischen ,Meinung aller wirklichen Zuschauer' wird als kritisches Regulativ das Gedankenexperiment eines universalen Zuschauers entgegengehalten, der sich, über alle subjektiven Standpunkte hinaus, durch einen universal guten Willen, durch ,allgemeines' und ,universelles Wohlwollen' auszeichnet. [ ... ) Diesen vorgestellten überpersönlichen Zuschauer mit universal gutem Willen nennt Smith ,unparteiischen Zuschauer'." (Ulrich 1991, 162) Ulrich erkennt in der Figur des unparteiischen, unbeteiligten Beobachters ein deontologisches Ethikkonzept, das Smith in Übereinstimmung zu Kant und in weite Distanz zu den Utilitaristen und den neoklassischen Ökonomen ( oft als 36
seine Erben bezeichnet) bringt. Im Gegensatz zu ihnen legt er den ethischen Primat auf die moralische Gesinnung. Dies bedeutet, dass der unparteiische Beobachter eine Handlung vor allem auch nach ihrer Absicht beurteilt, ein Aspekt der ja implizit schon im Sympathiekonzept steckt. Versetze ich mich nämlich in die Lage anderer, versuche ich Kenntnis darüber zu erlangen, ob ihre Regungen, Gefühle, Motive im Bezug zur Handlung stehen, die folgt, oder ihnen vorausgeht. Wenn hier auch eine Nähe zu Kant hergestellt wurde, muss dennoch einmal mehr ausdrücklich erwähnt werden, dass der unparteiische Zuschauer eng mit der empirischen Wirklichkeit verknüpft ist und gleichsam der Spiegel ist, den einem die moralische Gesellschaft vorhält. Smith verdeutlicht dies in Anlehnung an Humes Spiegelmethapher: "Were it possible that a human creature could grow up to manhood in some solitary place, without any communication with his own species, he could no more think of his own character, of the propriety or demerit of his own sentiments and conduct, of the beauty or deformity of his own mind, than of the beauty or deformity of his own face. All these are objects which he cannot easily see, which naturally he does not look at, and with regard to which he is provided with no mirror which can present them to his view. Bring him into society, and he is immediately provided with the mirror which he wanted before." (Smith 1790 [2002], 129) Die Richtigkeit des eigenen Verhaltens steht also klar in Relation zur Gesellschaft, denn nur durch diese wird es reflektiert. Inwieweit Ulrich nun Recht zu geben ist, wenn er den unparteiischen Beobachter der empirischen Welt enthebt, ist fraglich, zumal Smith wiederholt hervorhebt, dass dieser Beobachter nichts anderes als die Imaginationsfähigkeit ist, sich selbst in den Augen der anderen, also Teilnehmer der Gesellschaft, die ähnliche Wertvorstellungen, Konventionen etc. wie wir selbst haben, zu betrachten: "We can never survey our own sentiments and motives, we can never form any judgment conceming them; unless we remove ourselves, as it were, from our own natural station, and endeavour to view them as at a certain distance from us. But we can do this in no other way than by endeavouring to view them with the eyes of other people, or as other people are likely to view them. Whatever judgment we can form conceming them, accordingly, must always bear some secret reference, either to what are, or to what, upon a certain condition, would be, or to what, we imagine, ought tobe the judgment of others. We endeavour to examine our own conduct as we imagine any other fair and impartial spectator would examine it." (Smith 1790 [2002], 145) Ähnlich argumentiert auch Werhane (1991, 37), die hervorhebt, dass durch den impartial spectator Moral in einen sozialen Kontext gestellt wird. Sie meint, dass Smith mit dieser Figur eine Erklärung für die Möglichkeit von moralischen Urteilen liefert, die gegenüber Smiths Lehrer Hutcheson und Hume nicht mehr auf der moral sense theory, sondern auf einem common sense beruhen20• 20 Moral wird nach dem ,common sense' eher als impliziter Konsens über moralische Praktiken in einer Gesellschaft verstanden, während sie im ,moral sense' der menschlichen Psychologie innewohnt. 37
1.3.2.4. Das Motiv des Eigeninteresses bei Smith "lt is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker, that we expect our dinner, but from their regard to their own interest. We address ourselves, not to their humanity but to their selflove, and never talk to them of our own necessities but of their advantages. "21 Es ist diese oft zitierte Passage aus dem WN, die Smith den Ruf eines vehementen Verfechters der Verfolgung von Eigeninteresse als Quelle des Wohlstands einbrachte. Sen trug in seinen Erläuterungen zu diesem Motiv in der Ökonomie nicht unerheblich dazu bei, Adam Smith als Moralphilosophen wieder zu entdecken und ihn nicht auf einige solcher Passagen im WN zu reduzieren, in denen er lediglich darlegt, unter welchen Bedingungen die Verfolgung von Selbstliebe für das Individuum sinnvoll sein kann: "The Wealth of Nations is, however, a complex work. Tearing out particular sentences as slogans, e.g. the bit about 'the butcher, the brewer or the baker' does little justice to Smith's views." (Sen 1986, 28) Smiths Schriften über Ökonomie und Gesellschaft, die sich mit Beobachtungen des Leids, der Notwendigkeit von Sympathie und der Rolle ethischer Überlegungen im menschlichen Verhalten auseinandersetzen, wie insbesondere der Gebrauch von Verhaltensnormen, wurden in der Ökonomie weitgehend ignoriert und zumeist als altmodisch betrachtet. Diese enge Sichtweise der breiten Smith'schen Einschätzung menschlichen Verhaltens, die die Smith-Literatur häufig völlig ignoriert, betrachtet Sen denn auch als einen der größten Mängel der zeitgenössischen ökonomischen Theorie: "The support that believers in, and advocates of, self-interested behaviour have sought in Adam Smith is, in fact, hard to find on a wider and less biased reading of Smith. The professor of moral philosophy and the pioneer economist did not, in fact, lead a life of spectacular schizophrenia. Indeed, it is precisely the narrowing of the broad Smithean view of human beings, in modern economies, that can be seen as one of the major deficiencies of contemporary economic theory. This impoverishrnent is closely related to the distancing of economics frorn ethics." (Sen 1987, 28) Dass Smith kein Verfechter eines billigen Egoismusprinzips ist, sollte aus den vorangegangenen Ausführungen bereits klar geworden sein. Umso interessanter scheint aber, welche Bedeutung Smith diesem spezifischen Motiv tatsächlich beimaß und worin es bei ihm überhaupt besteht. Allem voran kann klar gesagt werden, dass Smith der Selbstliebe keinen dominanten Charakter als Prinzip der Billigung zuspricht, im Gegenteil im 7. Buch der TMS Systemen, die die Selbstliebe zum Prinzip der Billigung machen2 2, Unklarheit kontestiert und ihre Erklärung eher als „verworrenes Mißverständnis des Sympathiesystems" interpretiert. 21 Srnith (1986 (1776], 1.2.2, 17) 22 Srnith bezieht sich in dieser Kritik vor allem auf Hobbes, Mandeville und Pufendorf. 38
Bildung ist eine Gegenmaßnahme zur sozialen Verarmung der Massen durch das Prinzip der Arbeitsteilung, denen dadurch vor allem auch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird. Hier nimmt Smith bereits vorweg, was Sen in seinem Armutskonzept später Capability nennen wird, nämlich die Befähigung der Individuen durch eine Erhöhung ihrer tatsächlichen oder potentiellen Möglichkeiten. Die Schärfe des Arguments liegt in der Paradoxie der Arbeitsteilung, die einerseits das ausschlaggebende Moment für eine fortschreitende Wirtschaft und somit die einzige Hoffnung für die Klasse der Arbeiter ist, auf der anderen Seite aber auch die wahrscheinliche Ursache für die mentale, geistige und sogar physische Zerstörung dieser Klasse darstellt (Himmelfarb 1984, 55) Jedoch führen Arbeitsteilung und Tausch auch üblicherweise zu einer wirtschaftlichen Verbesserung beider Handelspartner, erläutert Smith. Er unterstreicht aber, dass sich der hierdurch generierte Wohlstand keineswegs gleich verteilt. Der Reiche wird immer mehr profitieren als der Arme, ein reiches Land stärker als ein armes. Und dennoch ist das Profitstreben des Einzelnen auch für das Gemeinwohl von Bedeutung. Hottinger fasst Smiths Einschätzung so zusammen: ,,Die grundsätzliche Verquickung von Individualund Gemeinwohl zeigt sich im Ökonomischen darin, daß volkswirtschaftlicher Wohlstand einerseits ohne individuellen Wohlstand nicht denkbar ist und anderseits für diesen vielfach die Voraussetzung darstellt" (Hottinger 1998, 151) Obwohl Einzelinteressen mitunter allgemeinen Wohlstand zu produzieren vermögen, gibt es freilich gesellschaftliche Interessenkonflikte zwischen den drei Klassen Grundbesitzer, Lohnarbeiter und Unternehmer. Smith ist der Auffassung, dass die dritte Klasse, also die Kapitalisten, ihre Interessen am besten erkennen und durchsetzen können. Dies gibt Anlass zur Sorge, denn sie sind es, deren Gewinnstreben so stark ausgeprägt ist, dass sie überall versuchen, Privilegien für sich herauszuschlagen und protektionistisch zu agieren. Die Unternehmerinteressen sind von denen der anderen Klassen zu unterscheiden, da sie nicht unbedingt mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden sind und daher auch gegen das Gesellschaftsinteresse gerichtet sein können (Hottinger 1998, 153f). Die Aussicht auf immer mehr Gewinn und Wohlstand führt zu einem überhöhten Selbstinteresse dieser Gilde, der Smith äußerst skeptisch gegenübersteht. Am anschaulichsten kommt diese Skepsis im folgenden Zitat zum Ausdruck: "The proposal of any new law or regulation of commerce which comes from this order, ought always to be listened to with great precaution, and ought never to be adopted till after having been long and carefully examined, not only with the most scrupulous, but with the most suspicious attention. lt comes from an order of men, whose interest is never exactly the same with that of the public, who have generally an interest to deceive and even to oppress the public, and who accordingly have, upon many occasions, both deceived and oppressed it." (Smith 1986[1776),I.11.264, 317) 45
1.3.3.2. Armut im kapitalistischen System "ls this improvement in the circumstances of the lower ranks of the people to be regarded as an advantage or as an inconveniency to the society? The answer seems at first sight abundantly plain. Servants, labourers and workmen of different kinds, make up the far greater part of every great political society. But what improves the circumstances of the greater part can never be regarded as an inconveniency to the whole. No society can surely beflourishing and happy, ?Jwhich the far greater part of the members are poor and miserable. "3 Wie wird Annut vor diesem Hintergrund im Smith'schen Wirtschaftsund Moralsystem bewertet? Seine Armutsanalysen wurden oft vernachlässigt und insgesamt wenig beachtet, wie Geoffrey Gilbert in seinem Beitrag Adam Smith on the Nature and Causes of Poverty bemerkt: "Often admired, and too often stereotyped, as the great visionary of capitalist abundance, Smith has been much less appreciated for his commentary on poverty." (Gilbert 1997, 273). Auch Himmelfarb macht auf Smith als Armutsforscher aufmerksam: "One subject that did not appear in the chapter titles or subheads was poverty. Y et this was much a theme of the book as wealth itself. Indeed, it may be argued that if the Wea/th of Nations was less than novel in its theories of money, trade, or value, it was genuinely revolutionary in its view of poverty and its attitude toward the poor." (Himmelfarb 1984, 46) So diskutierte Smith etwa die Möglichkeit, dass Hunger durch einen im Marktmechanismus enthaltenen ökonomischen Prozess ausgelöst werden könne, ohne dass ein tatsächlicher Nahrungsmangel herrsche ( Sen 1987, 26 )3'. Dazu könne es etwa kommen, wenn sich partikulare Interessen daraus einen Vorteil erhoffen. Sen erläutert, dass diese Analyse zeigt, wie Menschen so durch einen Prozess in Hunger und Armut geraten, auf den sie wenig Einfluss haben. Sen lässt keinen Zweifel darüber, dass Smiths ethischer Ansatz der öffentlichen Politik, staatliche Intervention zur Unterstützung der Rechte Anner vorausgesetzt hätte. Smith hielt auch nichts von den vorherrschenden Armengesetzen seiner Zeit, durch die 30 Smith (1986 [1776], 96, I.8.35) 31 Sen (1987, 26) zitiert in diesem Zusammenhang folgende Stelle aus dem WN: "But it would be otherwise in a country where the funds destined for the maintenance of labour were sensibly decaying. Every year the demand for servants and labourers would, in all the different classes of employments, be less than it had been the year before. Many who bad been bred in the superior classes, not being able to find employment in their own business, would be glad to seek it in the lowest. The lowest class being not only overstocked with its own workmen, but with the overflowings of all the other classes, the competition for employment would be so great in it, as to reduce the wages of labour to the most miserable and scanty subsistence of the labourer. Many would not be able to find employment even upon these hard terms, but would either starve, or be driven to seek a subsistence either by begging, or by the perpetration perhaps of the greatest enormities. Want, famine, and mortality would immediately prevail in that class, and from thence extend themselves to all the superior classes." (Smith 1986 [ 1776], 90-1) 46
seiner Ansicht nach Hunger kurioserweise oft erst ausgelöst wurde. So war es Armen beispielsweise nicht erlaubt, in ein anderes Arbeitsgebiet abzuwandern. Das Recht auf Selbstbestimmung wurde ihnen somit verwehrt. Öffentliche Armenfürsorge hielt er in diesem Zusammenhang für sinnvoller als verworrene Statuten und Regulierungen (Rauhut 2005, 28ft). Die heutige Diskussion darüber, wie Armut definiert werden müsse und ob sie ein relatives oder absolutes Konzept sei, kannte Smith nicht, der zudem auch nicht die Notwendigkeit sah, diesen Begriff näher zu erläutern. Armut war für ihn eine Mangelerscheinung: "According to Smith, food, clothing and lodging constitute the basic needs of man. If a person lacks these basic needs of man, he or she is poor." (Rauhut 2005, 33) Diese Sicht hatte sehr viel mit den Löhnen und der ökonomischen Sicht der Arbeiter zu tun. Für Smith war eine ausreichende Entlohnung vor allem auch aus wirtschaftlicher Perspektive unabdinglich. Er liefert hier ein ökonomisches Argument, warum Armut bekämpft werden müsse, das vorerst einer ethischen Grundlage entbehrt. Vielmehr geht es ihm um das Arbeitsangebot, dass das Wirtschaftswachstum sicherstellen muss, durch das der nationale Wohlstand schließlich zustande kommt: "Every species of animals naturally multiplies in proportion to the means of their subsistence, and no species can ever multiply beyond it. But in civilized society it is only among the inferior ranks of people that the scantiness of subsistence can set limits to the further multiplication of the human species; and it can do so in no other way than by destroying a great part of the children which their fruitful marriages produce. The liberal reward of labour, by enabling them to provide better for their children, and consequently to bring up a greater number, naturally tends to widen and extend those limits. lt deserves to be remarked too, that it necessarily does this as nearly as possible in the proportion which the demand for labour requires." (Smith 1986 [1776], 97f, I.8.38) Gleichzeitig schwingen bei Smith auch ethische Argumente mit, die er zur Bekämpfung von Armut anführt. So kann in seiner Ausführung keine Gesellschaft florieren und glücklich sein, deren Großteil sich im Elend befindet. Es lässt sich jedenfalls sagen, dass Smith, dem immer unterstellt wurde, er hätte romantische Harmoniephantasien einer natürlichen Ordnung, die alle Einzelinteressen zu einem Optimum für das Gemeinwohl zusammenführt, sich stark für das Los der Schwächsten einer Gesellschaft macht und gerechte Bedingungen für sie einfordert: "lt is but equity, besides, that they who feed, cloath and lodge the whole body of the people, should have such a share of the produce of their own labour as tobe themselves tolerably weil fed, cloathed and lodged." (Smith 1986 [1776], 96, I.8.35) Hier vermischen sich ökonomische mit ethisch-normativen Argumenten. Wir werden später bei Sen sehen, dass er in einer ähnlichen Weise argumentiert, wenn er Zuständen sowohl intrinsischen, als auch instrumentellen Wert zuspricht. Nichts anderes tut Smith: Soziale Sicherheit und die Integration der Armen bilden wichtige Bedingungen für Entwicklung und ökonomischen Wohl47
stand. Zugleich ist Armut aber als solche kein akzeptabler Zustand. Smith erkennt sie als soziales Problem und weiß ob ihrer Spiralwirkung. Armut erzeugt ein Gefühl der Erniedrigung und Scham: 'Thus poverty, as addressed by Smith in 1759, did not subject the individual to hunger, malnutrition, disease, lack of clothing or shelter; rather, it shamed him through a pained awareness of his inferior position in the social scale" (Gilbert 1994, 275). 1.4. Sen und Smith "Development as Freedom is an expansive account of Amanya Sen's decades long involvement with the literature on development. The book is weil written, quite comprehensive in terms of its coverage, and certainly 'Smithian' in character. In fact, Sen quotes from the Wealth of Nations and The Theory of Moral Sentiments so many times that on occasion, this book reads like an adoring chronicle of the wondrous Adam Smith. "32 Dieses Zitat aus Batabyals Buchbesprechung von Development as Freedom zeigt deutlich, wie stark Sen in Smiths Gedankenwelt verwurzelt ist und sich von dessen Werk inspirieren lässt. Analysiert man den Einfluss Adam Smiths auf das Werk Sens, so muss vorerst zweierlei unterschieden werden. Erstens die Aufsätze über Smith und vor allem die Kritik an der vorherrschenden ökonomischen Lehre, in der Sen Smith vor allem deshalb ins Feld führt, um so genannten ,,Mainstream-Ökonomen", die Smith immer wieder zur Untermauerung des eindimensionalen Homo Oeconomicus heranziehen, einen anderen Smith entgegenzuhalten, der ein differenziertes und komplexes Bild der menschlichen Natur zeichnet. Zum zweiten die Smith'schen Elemente, die sich in Sens eigener Ökonomie wieder finden und auch im CA zum Ausdruck kommen. Die Grenzen sind freilich fließend. Insgesamt lässt sich sagen, dass Sens Arbeit stark von Smith beeinflusst ist. Wenn seine Konzepte auch abweichen, so passiert dies in Form der Modernisierung der Smith'schen Gedankenwelt. Es ist Sen, der immer wieder auf die Aktualität und Bedeutung von Smiths Erkenntnissen hinweist: "Economic problems in the wealthy countries as weil as poor ones call for an understanding of the consistency and complementary of the two views [Anm.: self-interest und sympathy] with which Adam Smith is associated. The relation between economic success and moral sentiments is indeed a crucially important practical matter across the world." (Sen 1994, 10) Jensen (2001, 1) nannte Sen daher einen Smithesquely Worldly Philosopher, der "[i]n developing his worldly philosophy, [Sen] moved himself further ahead on a path that had been cleared by Adam Smith". 32 Batabyal 2000, 228 48
1.4.1. Sens Menschenbild "The object is to understand, explain and predict human behaviour in a way such that economic relationships can be fruitfully studied and used Jor description, prognosis and policy. The jettison of all motivations other than the extremely narrow one of self-interest is hard to justify on grounds of predictive usefulness, and it also seems to have rather dubious empirical support. To stick to that narrow path does not seem a very good way of going about our business. " 33 Sen wehrt sich von Beginn seiner Arbeit an gegen die verengte Sicht menschlicher Motivation in der Ökonomie. Argumenten, dass der Homo Oeconomicus ein Modell sei, durch das menschliches Verhalten noch am ehesten antizipiert werden könne, und ohne dass ökonomische Berechnungen nicht möglich seien, entgegnet Sen: "lt is not my intention to suggest that no behavioural model can be useful unless it took note of all these complexities. Obviously, many short-cuts have to be pursued, and the predictive relevance of the different types of ethical considerations have to be correspondingly examined. On the other hand, sticking entirely to the narrow and implausible assumption of purely self-interested behaviour seems to take us in an alleged ,short-cut' that ends up in a different place from where we wanted to go." (Sen 1987, 79) Bei Sen wird nun dieser Homo Oeconomicus, der dadurch charakterisiert ist, dass er auf rationale Weise fiktive Nutzenfunktionen maximiert und dessen einziges Handlungsmotiv das Eigeninteresse ist, um zwei Dimensionen erweitert, um ihn gewissermaßen aus dem Teufelskreis der Eigeninteresse-Maximierung zu befreien: "As we consider departures from ,unsympathetic isolation abstractly assumed in Economics', to use Edgeworth' s words, we must distinguish between two seperate concepts: (i) sympathy and (ii) commitment." (Sen 197711982a, 91) Dies ist der Versuch, die eindimensionale Handlungsstruktur des Individuums aufzubrechen und sie um differenzierte Motivationsebenen anzureichern. Die Begriffswahl verweist auf Smith. Betrachten wir nun den Inhalt der beiden Konzepte Sympathy und Commitment, um herauszufinden, inwieweit dahinter tatsächlich Smith'sches Gedankengut steckt: "The former [Anm.: sympathy] corresponds to the case in which the concern for others directly affects one's welfare. If the knowledge of torture of others makes you sick, it is a case of sympathy; if its [sie!] does not make you feel personally worse off, but you think it is wrong and you are ready to do something to stop it, it is a case of commitment." (ebd.) Wie Sen anmerkt, hat die Begriffswahl wenig Bedeutung, es geht ihm vielmehr um die Unterscheidung des Inhalts. Zugleich wird deutlich, dass Sympathy bei Sen für das deutsche Wort Mitgefühl, und zwar im engeren Sinn steht. Das Wissen um die Qual eines anderen, ruft in mir ein Gefühl des Unwohlseins hervor. Sen klassifiziert Sympathy daher als egoistisches Prinzip, da Schmerz oder 33 Sen (1987), 79. 49
Freude anderer, in uns selbst Schmerz oder Freude hervorrufen. Somit unterscheidet es sich aber deutlich von Smiths Sympathieprinzip, dass wir ja als Imaginationsfähigkeit bzw. als die Fähigkeit, sich vorzustellen, wie man selbst anstelle des anderen fühlen würde, kennen gelernt haben. Sympathie bei Smith dient dazu, das Verhalten anderer durch das Hineinversetzen in sie zu beurteilen. Sens Konzept ist hingegen die psychologische Abhängigkeit des Wohlbefindens eines Individuums vom Wohlbefinden eines oder mehrer anderer. Sympathy verbindet bei Sen also zwei ähnliche Dinge (nämlich das Wohlbefinden unterschiedlicher Personen), während Commitment eine Wahlhandlung zu antizipierten , Wohlbefindensniveaus' in Verbindung setzt: "One way of defining commitment is in terms of a person choosing an act that he believes will yield a lower level of personal welfare to him than an alternative that is also available to him." (Sen 1977/1982a, 92) Könnte man Commitment also mit Verpflichtung übersetzen und wie würde dieser Begriff auf Smith verweisen? Sen versucht hier dem Eigeninteresseprinzip einen Antipoden entgegenzustellen, indem er darauf verweist, dass eine Handlung, die auf Commitment beruht, sich spezifisch gegen das persönliche Wohlbefinden richten kann. Die Person, die so handelt, tut dies auf Basis eines Unrechtsbewusstseins oder Unrechtsempfindens. Dies rückt das Konzept freilich in die Nähe des unparteiischen Beobachters, der ebenso die Kontrollinstanz einer ausufernden Selbstliebe darstellt. Tatsächlich handelt es sich bei Commitment um einen Pflichtbegriff denn: "[ ... ] the action is rather chosen out of a sense of duty rather than just to avoid the illfare resulting from the remorse that would occur if one were to act otherwise." (ebd.) Sen entwickelt beide Begriffe mit Blick auf die moderne Rational Choice Theorie, als deren Kritiker er sich profilieren möchte. Smiths Verpflichtungsmodell und im Ansatz seine TMS geben ihm ein Instrument in die Hand, das Verhaltensmodell, das dieser Theorie zugrunde liegt, anzugreifen. Er modernisiert Smiths Ansatz, um ihn in moderne formalisierte Ökonomie-Ansätze integrieren zu können. Damit kann er sich freilich selbst die Kritik eines in der Ökonomie Einzug haltenden Reduktionismus differenzierter klassischer Ansätze einhandeln. Was ist sein Anspruch? Sen möchte vor allem durch den VerpflichtungsAspekt, die Strukturen dieses Verhaltensmodells aufbrechen34• Dabei ist ihm die Empirie ein Anliegen, die aus diesen Modellen völlig entrückt wird. "[ ... ] commitment does involve, in a very real sense, counterpreferential choice, destroying the crucial assumption that a chosen alternative must be better than ( or at least as good as) the others for the person choosing it, and this would certainly require that models be formulated in an essentially different way." (Sen 1987, 93) Der Mensch bei Sen wie bei Smith ist eben kein rational fool, dessen Verhalten als die Summe von rationalen mechanischen Maximierungskalkülen interpretiert 34 siehe hierzu Kapitel 3.2.3 50
werden kann. Im analytischen Korsett der Rational Choice Theorie ist der rationale Narr derart eingeengt, dass er zwischen so eindeutig unterschiedlichen Fragen wie „Was dient am besten meinem Interesse?", ,,Was sind meine Ziele" oder „Was soll ich tun?" per definitionem dieselbe Antwort geben muss (Sen 2002a, 6) "Commitment [ ... ] drives a wedge between personal choice and personal welfare, and much of traditional economic theory relies on the identity of the two" und ermöglicht eine Einbeziehung von so genannten Metapräferenzen in die bestehende individuelle Präferenzordnung35• Was bedeutet das? In der ökonomischen Nutzentheorie wird angenommen, jedes Individuum hätte eine Präferenzordnung, die seine Interessen, seine Wohlfahrt und allgemein seine Ansicht über das, ,,was getan werden soll" widerspiegelt und sein tatsächliches Wahlverhalten beschreibt. Can one preference ordering do all these things? fragt Sen rhetorisch und kritisiert damit die Unterstrukturierung dieses Ansatzes. In Anlehnung an Harsanyi36 ( 1955) entwickelt er Rangordnungen von unterschiedlichen Präferenzordnungen, die benötigt werden, um moralische Urteile zu fällen. Hierzu ist es nötig, moralische Rangordnungen (der alternativen Rangordnungen) aufzustellen. Das Instrument des Meta-Rankings ist nach Sen eine Technik für unterschiedliche Interpretationen. Es kann zur Beschreibung von Ideologien, politische Prioritäten oder von Klasseninteressen herangezogen werden (Sen 1982a, l00f). Damit werden wir freilich wieder an Smiths Diskussion unterschiedlicher moralischer Rangordnungen in der TMS erinnert. Vivian Walsh (2000) sieht denn in der Idee des Meta-Ranking auch ein Instrument, das Smith'sche Tugendsystem auf moderne Weise zu integrieren: "The idea of meta-rankings [ ... ] offers the theorist an analytical apparatus wherein the self-interest theory, the present aims theory, and sundry moral theories, are simply members of a set of putative rankings that a rational agent can rank. For present purposes, the significance of this development is that the apparatus it provides indicates ways in which Smith's concept of a hierarchy of virtues may be embedded in a present day mode." (Walsh 2000, 11) Die Meta-Rankings bilden also gewissermaßen die Methode, die Sen zur Abbildung eines von unterschiedlichen Motiven angetriebenen Wesens einsetzt. Dadurch wird es ihm möglich, Smith'sche Elemente in einen modernen Rahmen zu überführen. Gleichzeitig muss Sen sich hier freilich die Kritik gefallen lassen, dass er sich der Logik der Standardökonomie unterwirft und lediglich durch moderate Änderungen, den engen Gürtel ein wenig weiter zu schnallen versucht. 35 siehe dazu auch Kapitel 3.2.3.5. 36 Harsanyi (1955) nimmt die Unterteilung in „ethische" und „subjektive" Präferenz vor. Während die erste ausdrückt, was eine Person vom unpersönlichen sozialen Standpunkt aus bevorzugt, steht die „subjektive" Präferenz für die tatsächliche Bevorzugung dieses Individuums, gleich auf welcher Grundlage. Diese Differenzierung ermöglicht es, die Werte eines Individuums zu berücksichtigen, selbst wenn es schließlich anders handelt. 51
1.4.2 Märkte und Entwicklung bei Sen "The rote that markets play must depend not only on what they can do, but also on what they are allowed to do. There are many people whose interests are weil served by the smooth functioning of markets, but there are also groups whose established interests may be hurt by such functioning. If the latter group are politically more powe,fttl and inf/uential, then they can try_ to see that markets are not given adequate room in the economy. "37 Diese Aussage ist eine direkte Anlehnung an Smith, der sich im WN über protektionistische Machenschaften machtvoller Interessengruppen beklagt. Funktionierende Märkte dienten bei ihm dazu, den Einfluss solcher Gruppen von Unternehmern einzudämmen und die Vorteile der wirtschaftlichen Entfaltungskraft einer wettbewerbsfähigen Ökonomie der Mehrheit der Bevölkerung zukommen zu lassen. Smith wie Sen vertreten letztlich die Ansicht, dass freier Wettbewerb unter einem spezifischen institutionellen und gesellschaftlichen Arrangement zu positiven Wirkungen führt. Der Regierung kommt in einem solchen System eine spezifische Bedeutung zu, sie muss dafür sorgen, dass der ökonomische Fortschritt mit den sozialen Bedürfnissen in einer Gesellschaft abgeglichen wird und so eine breite Wirkung entfalten kann. Zudem muss der Staat seine Bürger befähigen und somit ihre Entwicklungs-möglichkeiten sicherstellen: "The market restrictions against which Smith was particularly vocal can be seen, in a broad sense, as „precapitalist" constraints. They differ from public intervention for, say, welfare programs or social safety nets, of which only rudimentary expressions could be found, at his time, in arrangements such as the Poor Laws. They also differ from the functioning of the state in providing such services as public education, of which Smith was very supportive." (Sen 1999a, 120) Märkte dienen bei Sen dazu, Freiheit zu genieren und ihre Effizienz muss in dieser Hinsicht bewertet werden: ,,Ein starker Einsatz der Märkte verbunden mit der Entwicklung sozialer Chancen sollte als Teil eines noch weiter gefassten Ansatzes begriffen werden, der auch Freiheiten anderer Art betont, d.h. demokratische Rechte, Sicherheitsgarantien, Möglichkeiten der Zusammenarbeit usw." (Sen 2002a, 157) Dies ist auch zugleich eine Kritik an der Wohlfahrtsökonomie, die Erfolge von Märkten am nutzenbasierten Pareto-Kriterium misst. Dieser Ansatz ist nach Meinung Sens erneut reduktiv, da die Herausforderungen, denen sich ein Marktsystem gegenüber sieht, zu Problemen der Gerechtigkeit in der Distribution substantieller Freiheiten in Beziehung stehen muss. Ein freiheitsbezogenes Verständnis von Markteffizienz, und dabei denkt Sen an einen differenzierten und vielgliedrigen Freiheitsbegriff38, hat im Vergleich zur wohlfahrtsökonomischen Perspektive unter anderem folgenden Vorteil: "[ ... ) the idea of freedom involves several distinct issues, including processes and procedures as weil as actual opportunities that people have to live the way they would choose. lt 37 Sen 1999a, 120 38 siehe Kapitel 3.3.1. 52
is necessary to distinguish between the different aspects of freedom to have a better understanding of the distinct ways in which the promotion of freedom can be judged." (Sen 1993a, 538) Zudem wird durch diese freiheitsbezogene Analyse der Markteffizienz die Annahme redundant, individuelle Präferenzen und Wahlakte müssten ausschließlich auf das persönliche Wohlergehen gerichtet sein. Diese Prämisse der welfaristischen Analyse entpuppt sich als essentiell irrelevant "not only to the process aspect of freedom, but also for efficiency results in terrns of opportunityfreedom" (ebd.). Der freiheitsbezogene Ansatz ermöglicht so eine perspektivische Verschiebung der technisch-ökonomischen Analyse in Richtung eines integrierten Ansatzes mit spezifischen ethischen und politischen Elementen. Was kann man Sen zufolge hierbei von Smith lernen? "The lessons to draw from Smith's analyses of the market mechanism is not any massive strategy of jumping to policy conclusions from some general ,pro' or ,anti' attitude to markets. After acknowledging the role of trade and exchange in human living, we still have to examine what the other consequences of market transactions actually are. We have to evaluate the actual possibilities critically, with adequate attention being paid to the contingent circumstances that may be relevant in assessing all the results of encouraging markets, or of restraining their operation." (Sen 1999a, 126) Für Sen ist der Marktmechanismus jene entscheidende Institution, die Entwicklung und Freiheit am ehesten hervorbringen und vor allem garantieren und neben allen Mängeln auf bahnbrechende Erfolge verweisen kann. Das kapitalistische System vermag es seiner Ansicht nach sogar, spezifisch ethische Verhaltensweisen hervorzubringen, die für sein Bestehen von Bedeutung sind. Allgemeine Verhaltensregeln spielen hier eine zentrale Rolle und sind zudem für die institutionelle Entwicklung der Gesellschaft unerlässlich, da Institutionen auf interpersonellen Arrangements basieren (Sen 1994 ). Geteiltes Verständnis gemeinsamer Verhaltensmuster, wechselseitiges Vertrauen und die Zuversicht in ethische Grundsätze bilden hier wesentliche Elemente des ökonomischen Erfolgs. Als konkretes Beispiel für eine kapitalistische Gesellschaft, die auf diesen moralischen Codes aufbaut, führt Sen Japan und den ,japanischen Ethos' an. Selbstlosigkeit, regelbasiertes Verhalten und nicht zuletzt die konfuzianische Ethik seien verantwortlich für den ökonomischen Erfolg dieser Nation. Letzten Endes sei es aber unmöglich, die weit reichende Rolle des Phänomens der gemeinsamen Verhaltensregeln in der Generierung des Erfolgs, den der Kapitalismus erzielt hat, zu überschauen. Geoffrey Brennan (1995, 297f) fasst Sens Standpunkt wie folgt zusammen: "Sen's general message is that moral codes represent an important piece of social capital - and that ,[ ... ] the successful operations of an exchange economy depend (for example) on mutual trust and implicit norms. Sen wants to argue against what he sees as an utterly partial reading of Adam Smith" (Brennan 1995, 298) Brennan kann Sens Schlussfolgerungen zwar etwas abgewinnen, sieht das Eigeninteresse-Prinzip aber deshalb nicht ausgehebelt. Man müsse nämlich zwei 53
Ebenen eines potentiellen Wahlakts unterscheiden, wobei auf beiden dieser Ebenen Eigeninteresse eine Rolle spielen kann: "The first is the choice of action, given a particular disposition -with ,disposition' here understood as a particular set of norrns and a mode of calculation. The second level of choice is the choice among such dispositions. Self-interest, so understood, can be applied at both levels -seen either as a disposition, or as the rule for choice among dispositions." (ebd.) Diese Unterscheidung hält er deshalb für wichtig, weil Eigeninteresse als Disposition durchaus "Selbstlosigkeit" sein kann. Es hängt dann von den spezifischen Ergebnissen, die von dieser Disposition erwartet werden, ab, welche man wählt: "lt is much less likely to be self-defeating when honesty and fair-dealing bring no economic reward" (ebd.). So ist nach Meinung dieses Autors auch Smiths Position hinsichtlich des Eigeninteresses zu verstehen: "The critical question for the market as an institutional order is whether it is privately profitable to supply the moral capital that the market needs in order to work weil. Smith's perception, as I read him, is that it does -and on the face ofthings". Auch von anderer Seite wurde an Sens Marktsicht Kritik geübt. So kann etwa aus der Einhaltung von Verträgen zwischen Geschäftspartnern keine systemimmanente Ethik abgeleitet werden, die über das Eigeninteresse hinausgeht. Es lassen sich zudem genügend Beispiele anführen, die das Gegenteil eines „ethischen" Kapitalismus unter Beweis stellen. Zu nennen wären etwa effiziente Vertragsbrüche aus Sicht der Vertragsbrüchigen (etwa Ribhegge 1994, Schäfer et al 2005, 455ff) und opportunisitsches Verhalten (vgl. Ebers und Mark 1999a, Eisenhardt 1989). 1.5. Abschließende Bemerkung Es wurde deutlich, dass Sen seine ganzheitliche Konzeption von einer Ökonomie für den Menschen 39 in der Tradition klassischer Vorgänger verankert wissen möchte. So ist es ihm ein Anliegen, eine alte Verbindung zwischen Ethik und Ökonomie wieder aufzugreifen und in einem modernen Ansatz zu integrieren. Er plädiert für eine differenzierte normative Analyse des menschlichen Wesens, um ökonomische Erkenntnisse zu gewinnen und Bewertungen formulieren zu können. Weder akzeptiert er eine positive ökonomische Analyse auf Basis von realitätsfemen Annahmen über menschliches Verhalten, noch einen normativen wohlfahrtsökonomischen Ansatz, der sich von ethischem Ballast weitgehend freigeschaufelt hat. Was aber erreicht Sen damit, in die moralphilosophischen Fußstapfen Adam Smiths zu steigen? Oder wie Jensen fragt: ,,Who needs Sen when we have Smith? "Jensen antwortet: "[ ... ] we need Sen. We do so, because he can provide us with a particularly provoking and challenging formula for overcoming the modern world's problems of ,remarkable depri39 so der deutsche Titel der Monografie: Development as Freedom ( 1999a) 54
Bei Hutcheson findet sich auch erstmals die Formel der "greatest happiness for the greatest number"45• Die zeitlich nächste, und von Bentham deutlich als solche ausgewiesene, Verbindung, besteht schließlich zu Hume, die, wie Trapp bemerkt, ob dessen in erster Linie deskriptiv-metaethischer Philosophie erstaunen mag. Dennoch finden sich einige Gemeinsamkeiten zwischen Hume und Bentham, wie etwa Humes Betonung von ,pleasure' und ,pain' als Grundlage speziell moralischer Urteile, deren Besonderheit darin liegt, dass sich diese sogar teilweise gegen unsere jeweiligen Eigeninteressen richten.46 2.2.2. Das Prinzip der Nützlichkeit, Pleasure and Pain Bentham beginnt seine Einführung mit einer Erläuterung über jene Gefühle, auf die seiner Ansicht nach alle anderen reduziert werden können: "Nature has placed mankind under the govemance of two sovereign masters, pain and pleasure. lt is for them alone to point out, what we ought to do, as weil as to determine what we shall do" (Bentham 1789 (1996), 11) Dies, so Bentham, müsse anerkannt und als ,,Maßstab für Richtig und Falsch" (Bentham 1992, 55) akzeptiert werden. Auf Grundlage dieser Erkenntnis formuliert er nun das Nützlichkeit-Prinzip. Dieses "recognizes this subjection [Anm: die Herrschaft von ,pleasure' und ,pain'], and assumes it for the foundation of that system, the object of which is to rear the fabric of felicity by hands of reason and law." Damit begründet Bentham also erstmals Nützlichkeit als Kriterium für die Sittlichkeit einer Handlung und setzt somit zugleich den Grundstein für die moderne Ökonomie. Was besagt nun dieses principle of utility auf dem das Bentham'sche System basiert? "By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever, according to the tendency it appears to have to augment or to diminish the happiness of the party whose interest is in question; or, what is the same thing in other words to promote or to oppose that happiness." (Bentham 1789 [1996], 12) Er kreiert also das Nützlichkeits-Prinzip, um zu beurteilen, inwiefern Handlungen das Glücksgefühl (,happiness') von Individuen oder Gruppen zu steigern bzw. Schmerz zu vermindern vermögen. Nutzen wird hier als Eigenschaft von Objekten und Handlungen interpretiert, die „Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück" (Bentham 1992, 56) hervorbringt. Der Begriff Nutzen wird hier also mit Glück gekoppelt, was ein bemerkenswerter Schritt ist. Nützlich ist demnach nur noch, was Glück zu schaffen vermag. Dabei wird nicht zwischen der ,happiness' von Individuen oder Gruppen unterschieden. Das Interesse der Gemeinschaft ist bei Bentham lediglich die Summe der Einzelinteressen: 45 Hutcheson 1725 [1986] 46 siehe zu einer genauen Analyse des Einflusses Humes auf Benthams Utilitarismus Trapp 1992, 21lff. 61
"The community is a fictious body, composed of the individual persons who are considered as constituting as it were its members. The interest of the comrnunity then is, what is it? -the sum of interests of several members who compose it." (Bentham 1789 [1996], 12) Damit wird bereits vorweggenommen, was später ,Glückssumme der Gesellschaft' genannt werden wird. Das Glück der Individuen, aus denen eine Gesellschaft besteht, darf einzig das Ziel und der Maßstab sein, an dem sich der Gesetzgeber orientiert und „dem gemäß [er] -soweit es von ihm abhängt -jedes Individuum dazu bringen soll, sein Verhalten an ihm auszurichten" (Bentham 1992, 75). Dies kann nur dadurch erreicht werden, indem an ,pleasure' oder ,pain' appelliert wird, wobei Bentham vier Ursprünge dieser beiden Gefühlslagen ausfindig macht: "There are four distinguishable sources from which pleasure and pain are in use to flow: considered separately, they may be termed the physical, the political, the moral and the religious: and inasmuch as the pleasures and pains belonging to each of them are capable of giving a binding force to any law or rule of conduct, they may all of them be termed sanctions." (Bentham 1789 [1996], 34) Als physische Sanktionen müssen dabei jene verstanden werden, die etwa durch eigene Ungeschicklichkeit erfahren werden. Anders ausgedrückt, bezeichnen sie also etwa jenes Gefühl, das man empfindet, wenn man auf eine heiße Herdplatte greift. Politische Sanktionen sind solche, die ein Richter als Widerspiegelung des herrschaftlichen Willens verhängt und die gemeinhin als Strafe bezeichnet werden. Moralische Sanktionen kommen zwar nicht durch festgeschriebene Regeln, wie eben politische Sanktionen, zustande, sondern reflektieren allgemeine gesellschaftliche Regeln und werden von Bentham daher auch als vom Volk gutgeheißene Sanktionen bezeichnet. Schließlich versteht man unter Leid und Freude, die auf religiöse Sanktionen zurückgehen, jene, die der praktischen Erfahrungswelt entzogen sind und etwa durch einen außerweltlichen Herrscher gesetzt werden. Bentham zeigt nun, dass sich letztlich alle von ihm beschriebenen Sanktionen auf die physischen reduzieren lassen: "Of these four sanctions the physical is altogether, we may observe, the ground-work of the political and the moral: so it also of the religious, in as far as the latter bears relation to the present life. lt is included in each of those other three. This may operate in any case (that is, any of the pains or pleasures belonging to I may operate) independently of them: none of them can operate but by means of this. In a word, the powers of nature may operate of themselves; but neither the magistrate, nor men at !arge, can operate, nor is God in the case in question supposed to operate, but through the powers of the nature." (Bentham 1789 [ 1996], 37) Damit wird zugleich deutlich, dass pleasure und pain die einzigen realen psychischen Entitäten47 sind. ,,Andere fiktive Entitäten, die sich in der menschlichen 47 Als Entitäten (lat. entitas. Seiendes) bezeichnet man in der Philosophie ontologische Phänomene. Gegenstände, Eigenschaften, Prozesse etc. werden als Entitäten bezeichnet, um von einer nicht weiter spezifizierten Existenz dieser Dinge zu sprechen. 62
Sprache als Grundlage menschlichen Handelns eingebürgert haben, besitzen keinen Sinn, wenn sie nicht auf diese beiden zurückgeführt werden: , Wünsche (desires)', ,Motive (motives)', ,Bedürfnisse (wants)', Hoffnungen (hopes)', und ,Interessen (interests)'. Dies gilt ebenso für andere wichtige Begriffe des menschlichen Denkens. [ ... ] Freude und Leid sind die Antriebskräfte des menschlichen Handelns. Genauer formuliert: Menschliches Handeln basiert auf dem Ziel, Freude zu erlangen und Leid zu vermeiden bzw. zu verringern", fasst Hottinger (1998, 220) die wesentlichen Elemente des Bentham'schen Systems zusammen. Später repräsentieren diese beiden Gefühlsinhalte den Begriff Nutzen nur mehr symbolisch, dennoch gründet sich hier der Nutzenbegriff der modernen Ökonomie. 2.2.3. Die Messbarkeit und Addition von pleasure and pain Da sich der Gesetzgeber nach Bentham also auf die Entitäten pleasure und pain zu konzentrieren hat, scheint es unerlässlich, den unterschiedlichen Wert von Freude und Leid bestimmen zu können und eine Vergleichbarkeit sowohl der eigenen Unterschiede im Empfinden derselben als auch zu Freude und Leid anderer herzustellen. Betrachtet man nun das Individuum, so Bentham, lässt sich anhand von vier ,Instrumenten' feststellen, ob pleasure oder pain größer bzw. geringer sind: "[ ... ] according to the four following circumstances: Its intensity Its duration Its certainty or uncertainty Its propinquity or remoteness. [Nähe oder Feme]" (Bentham 1789 [ 1996], 37) Diese vier sind die Instrumente oder Umstände, nach denen Freude oder Leid jeweils für sich beurteilt werden können. Möchte man aber den Wert der beiden Elemente feststellen, um anschließend eine Handlung bzw. die Tendenz einer solchen beurteilen zu können, die pleasure oder pain auslöst, sollen Bentham zufolge zwei weitere Umstände beachtet werden, nämlich die ,Fruchtbarkeit' bzw. ,Folgenträchtigkeit' (fecundity) von Freude oder Leid „oder die Wahrscheinlichkeit, daß auf sie Empfindungen derselben Art folgen" (Bentham 1992, 79) und zweitens die ,Reinheit' (purity) von Freude oder Leid „oder die Wahrscheinlichkeit, daß auf sie nicht Empfindungen von entgegengesetzter Art folgen" (ebd., 79f). Dabei weist Bentham darauf hin, dass ,Folgenträchtigkeit' und ,Reinheit' eigentlich nicht Eigenschaften von Freude und Leid, sondern Eigenschaften einer Handlung, die die genannten Gefühle hervorbringt, sind. Siebtes Kriterium des Werts von pleasure oder pain ist schließlich ihr Ausmaß, ,,das heißt die Anzahl der Personen, auf die Freude oder Leid sich erstrecken oder (mit anderen Worten), die davon betroffen sind" (Bentham 1992, 80). 63
Bentham führt nun im Folgenden in den Kern der utilitaristischen Ethik ein und beschreibt anhand welcher Kriterien eine Handlung zu bewerten ist. Er spricht anfangs von einer general tendency of an act also einer allgemeinen Tendenz einer Handlung, die Gemeinschaft betreffend: "To make an exact account then of the general tendency of any act, by which the interests of a community are affected, proceed as follows. Begin with any one person of those whose interests seem most immediately tobe affected by it, and take an account, Of the value of each pain which appears to be produced by it in the first instance. Of the value of each pain which appears to be produced by it in the first instance. Of the value of each pleasure which appears to be produced by it after the first. This constitutes the fecundity of the first pleasure and the impurity of the first pain. Of the value of each pain which appears to be produced by it after the first. This constitutes the fecundity of the first pain, and the impurity of the first pleasure. Sum up all the values of all the pleasures on the one side, and those of all the pains on the other. The balance, if it be on the side of pleasure, will give the good tendency of the act upon the whole, with respect to the interest of that individual person; if on the side of pain, the bad tendency of it upon the whole. Take an account of the number of persons whose interests appear to be connected; and repeat the above process with respect to each. Sum up the numbers expressive of the degrees of good tendency, which the act has, with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is good upon the whole: do this again with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is good upon the whole: do this again with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is bad upon the whole. (sie!) Take the balance which if on the side of pleasure, will give the general good tendency of the act, with respect to the total number or community of individuals concemed; if on the side of pain, the general evil tendency, with respect to the same community." (Bentham 1789 [1996],40f/ 8 Was Bentham in dieser Passage ausbreitet, nimmt bereits die gesamte utilitaristische Entwicklung vorweg. Die Aufsummierung von Leid und Freude als Ausdruck gesellschaftlichen Wohlbefindens und die Unterstellung ihrer Messbarkeit sind die Kernelemente der utilitaristischen Ethik und sie sind es auch, die weite 48 An dieser Stelle sei auf die Verworrenheit von Benthams Sprache hingewiesen. Hottinger ( 1998, 205) schreibt: ,,Die Lektüre und das Verständnis Benthams werden durch seinen Schreibstil teilweise erheblich erschwert. Dies gilt insbesondere für die späteren Schriften. Sehr treffend charakterisiert John Stuart Mill in diesem Sinne die Benthamsche Art des Schreibens wie folgt: Er konnte es nicht über sich bringen, im Interesse der Klarheit und um dem Leser die Sache leichter zu machen, nach Art gewöhnlicher Menschen in dem einen Satz etwas mehr als die Wahrheit zu sagen und in dem nächsten das Übermaß zu berichtigen. Alle einschränkenden Bemerkungen, die er für notwendig hielt, mussten durchaus mitten in dem Satze selbst als Parenthesen eingeschachtelt werden. Und da auf diese Weise der Abschluß des Sinnes solange hinausgeschoben und die Aufmerksamkeit durch Nebenideen abgelenkt wird, ehe man noch die Hauptidee gehörig erfaßt hat, so ist es ohne gewisse Übung schwer, seinem Gedankengang zu folgen. Es ist ein Glück, daß so viele wichtigen Teile seiner Schriften von diesem Fehler ganz frei sind." 64
Bereiche der modernen Ökonomie entscheidend geprägt haben. Später wurde diese Methode Benthams als ,hedonistischer Kalkül' bezeichnet (Höffe 1979, 127ft). Hier tritt auch der Individualismus Benthams und allgemein des Utilitarismus zu Tage. Das Gemeinwesen wird ganz im Hobbes'schen Sinn als die Summe der Individuen verstanden, womit auch das allgemeine Glück der Gesellschaft nur als die Summe der individuellen Glückseinheiten verstanden werden kann. Individualund Sozialethik fallen hier zusammen, denn das Ziel politischen Handelns, das allgemeine Wohlergehen zu maximieren, kann dann nur auf den Einzelnen gerichtet sein. So besteht also die Aufgabe des politischen Akteurs „darin, bei der Entscheidung über eine zu treffende Maßnahme zunächst deren voraussichtliche Nutzenwirkungen für jedes einzelne Gesellschaftsmitglied in Form eines Netto-Überschußbetrages an Lust (oder Unlust) zu ermitteln, um anschließend die so gewonnnen individuellen Glücksgrößen zu einem Gesamtbetrag zu addieren, der dann die erwartete gesellschaftliche Wohlfahrtswirkung der Maßnahme repräsentiert" (Bohnen 1964, 320). Es fällt freilich auf, dass hier vorerst die Entitäten (pleasure and pain) und nicht so stark der für den Utilitarismus namensgebende Begriff des Nutzens (utility) auftreten. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Nutzen bei Bentham direkt mit Freude und Leid verknüpft wird und nur anhand dieser beiden gemessen und bewertet werden kann. In der Ökonomie ändert sich später der Inhalt des Terminus Nutzen. Er wird abstrakter und bezeichnet „eine numerische Darstellung der beobachtbaren Entscheidungen einer Person" (Sen 2002, 77). Auf die Entwicklung des Nutzenbegriffs wird im nächsten Abschnitt genauer einzugehen sein. Zusammenfassend kann hier gesagt werden, dass die Messbarkeit von diesem Nutzen (und seine interpersonelle Vergleichbarkeit) das zentrale Element im Werk Benthams ist: .,Die Meßbarkeit des Nutzens stellt den entscheidenden Punkt in Benthams Theorie dar. Lust und Unlust sollen die große Mehrzahl der Empfindungen begleiten und das Material für eine unbegrenzte Anzahl von Urteilen abgeben. [ ... ] Während Bentham einräumte, daß diese Lustund Unlustbeiträge nicht wirklich beobachtbar seien, bestand er darauf, daß man abschätzen könne, in welchem Grade solche Quantitäten unter wechselnden Bedingungen variieren." (Düppen 1996, 101) 2.2.4. Die konsequentialistische Ethik des Utilitarismus Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, wird im Utilitarismus anhand ihrer Folgen (consequences) beurteilt. Damit richtet sich der Utilitarismus direkt gegen deontologische49 Ethiken, wie etwa jene Kants. Handlungen und Normen werden nicht losgelöst und für sich selbst oder aufgrund ihrer Charakteristika als gut oder schlecht, richtig oder falsch bewertet, abgestellt wird hier einzig auf die Folgen dieser Handlung: 49 Unter deontologischer Ethik versteht man eine Pflichtethik. 65
"The general tendency of an act is more or less pernicious, according to the sum total of its consequences: that is, according to the difference between the sum of such as are good, and the sum of such as are evil." (Bentham 1789 [ 1996], 74) Somit vervollständigt das Folgeneben dem Nutzen-, dem hedonistischen und dem universalistischen (auf die Allgemeinheit gerichtetes) Prinzip, die ethische Position Benthams und es lässt sich sagen, ,,[d]iejenige Handlung bzw. Handlungsregel ist moralisch richtig, deren Folgen für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind" (Höffe 1992, 11 ). Wie ist das zu verstehen? Es klingt einfach, zu sagen, wir müssen uns allein auf die Handlungsfolgen konzentrieren, doch lässt dies einige Fragen offen. Inwiefern etwa lassen sich Handlungsfolgen als Ausgangspunkt für weitere Handlungen interpretieren und sind sie dann als solche zu bewerten oder eben als Konsequenzen der vorigen Handlung? Kann die Handlung selbst dabei völlig außer Acht gelassen werden oder müssen auch hier bestimmte Aspekte berücksichtigt werden? Wir wissen jetzt, dass Resultate wichtiger sind als Handlungen, nach wie vor ungeklärt ist aber das Problem, bis wohin es um Folgen geht und wann gewissermaßen ein Ziel erreicht ist, das selbst keine Folgen mehr hat. Bernard Williams bringt das Problem folgendermaßen auf den Punkt: „Niemand kann davon überzeugt sein, daß alles ganz gleich von welcher Art, was einen Wert hat, ihn wegen seiner Konsequenzen hat. Denn wenn dem so wäre, dann käme man nie an ein Ende und würde offensichtlich in einem hoffnungslosen Regreß landen." (Williams 1979, 45) Ein wenig Aufschluss darüber, was bei einer Handlung und der Folgenabwägung beachtet werden muss, gibt Bentham selbst. Neben der Absicht, die eine Handlung leitet, muss vor allem auch die Verbindung zwischen Konsequenzen und Absicht berücksichtigt werden. Nun hängt die Absicht hinsichtlich der Konsequenzen einer Handlung von zweierlei ab: Erstens vom Willen oder der Intention hinsichtlich der Handlung selbst und zum zweiten vom Stand des Verständnisses oder der Wahrnehmung (perceptivefaculty) der Umstände, von denen die Handlung begleitet wird. Diese Wahrnehmung wiederum ist vom Bewusstsein (consciousness) des Individuums, dessen Unbewusstsein (unconsciousness) und seinem falschen Bewusstsein (Jalse consciousness) beeinflusst. Unbewusstsein bedeutet hier, dass gewisse Umstände, die vorhanden sind, vom Individuum nicht wahrgenommen werden, während falsches Bewusstsein die Wahrnehmung von Umständen beschreibt, die tatsächlich nicht existieren (Bentham 1789 [1996], 75). Vier Elemente müssen daher zur Beurteilung einer Handlung (die hinsichtlich einer möglichen Bestrafung untersucht wird) herangezogen werden: "l. The act itself, which is done. 2. The circumstances in which it is done. 3. The intentionality that may have accompanied it. 4. The consciousness, unconsciousness, or false consciousness, that may have accompanied it." (Bentham 1789 [1996), 75) Zudem führt Bentham zwei weitere Kriterien zur Beurteilung der Handlungstendenz an, nämlich das Motiv, aus dem heraus die Handlung entsteht und zweitens die allgemeine Disposition, die die Handlung anzeigt (ebd.). Wobei hier 66
freilich davon ausgegangen wird, dass letztlich nur Freude und Leid wahre Motive sein können: "This motive in prospect, we see, is always some pleasure, or some pain; some pleasure, which the act in question is expected to be a means of continuing or producing: sorne pain which it is expected to be a means of discontinuing or preventing. A motive is substantially nothing more than pleasure or pain, operating in a certain manner." (ebd., 100) Dabei betont Bentham, dass Freude in sich selbst gut ist und vor allem das einzige Gute ist, während es sich bei Leid genau umgekehrt verhält, es also schlecht ist und das einzig Schlechte ist. Anders ausgedrückt haben demzufolge die Begriffe gut und schlecht keine Bedeutung. Ebenso steht es mit der Disposition. Sie ist gut oder schlecht hinsichtlich ihrer Effekte, die sie auf die Vergrößerung des Glücks (happiness) der Gesellschaft hat (Bentham 1996, 125). Letzten Endes ist Benthams Darstellung meines Erachtens verwirrend, weil sie vom Wesentlichen der utilitaristischen Folgeethik ablenkt. Der zentrale Gedanke des Konsequentialismus besteht nämlich darin, dass nicht Handlungen, Umstände oder Absichten einen Wert an sich haben, sondern ein solcher lediglich Sachverhalten zukommen kann und „daß alles andere, was einen Wert hat, diesen hat, weil es zu einigen intrinsisch wertvollen Sachverhalten beiträgt" (Williams 1979, 45). So liegt auch der Wert von Handlungen in ihrer Kausalität. Sie bekommen hier einen maximierenden Inhalt, insofern, als die richtige Handlung diejenige ist, die unter unterschiedlichen Alternativen das Glück maximiert. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass letztlich alle Elemente, die von Bentham zur Beuteilung der Handlungstendenz angegeben werden, nur unter dem Blickwinkel ihrer Auswirkungen auf pleasure und pain zu betrachten sind, die als einzige Elemente für sich als gut oder schlecht bezeichnet werden können. Alle Handlungen werden also in ethischer Hinsicht einzig nach ihren Folgen beurteilt. Es gibt per se keine schlechten oder guten Akte, Motive oder Interessen. Auch die Absichten, die den Handlungen zugrunde liegen, haben dann moralisch gesehen keine Bedeutung mehr. (Hottinger 1998, 258f) 2.2.5. Bentham und die Armut Einigermaßen kurios muten Benthams Reformvorschläge der Armenunterstützung an. Bentham widmete sich einerseits der Natur und den Ursachen der Forderung nach monetärer Unterstützung und formulierte andererseits Grundprinzipien, die die Auszahlung regeln sollten. Zu diesem Zweck verfasste Bentham den so genannten "Table of Cases calling for Relief' und drei „Essays on the Subject of Poor Laws"50 (1796), die er später einem größeren Projekt mit dem Titel Penetocomia or Principles of Legislation and Managment relative to the 50 Die Titel der drei Essays lauten: 1. 'Definitions and Distinctions', 2. 'Fundamental Positions in regard to the making provision for the Indigent Poor' und 3. 'Collateral Uses derivable from a system of Industry Houses'. 67
subject matter of the Poor Laws' einverleiben wollte. Dieses Werk blieb allerdings völlig unvollständig. Seine Arbeit richtete sich vor allem gegen die Gesetzesreform der Unterstützungsleistungen zur Armutslinderung, die vom späteren Premierminister William Pitt (1759-1806) eingeleitet wurde. (Quinn 2001, xi) In einem Schriftstück mit dem Titel Pauper Management Improved ( 1798), in dem Bentham sein Vorhaben zum Management der Armenunterstützung verteidigt, legt er in Ergänzung zu seinem Panoptikum-Projekt Pläne für die Gründung einer National Charity Company dar, die nach dem Vorbild der East lndia Company organisiert werden sollte. Dieses Unternehmen sollte privatwirtschaftlich geleitet und von öffentlicher Hand unterstützt werden, sowie Autorität über die gesamte Masse der armen Bevölkerung verliehen bekommen. Der Plan sah anfänglich einen Bau von 250 so genannten Industriehäusern (industry houses) vor, die bis zu einer halben Million Menschen beherbergen könnten. Jedes dieser Häuser würde Wohnund Arbeitsviertel für etwa 2000 Personen einschließen und jede einzelne dieser Personen stünde unter der permanenten Aufsicht und absoluten Autorität des Governors. "[A] claim as startling as the thought of 500 such houses run by a privately owned company with an exclusive contract for the support and employment of over 10 percent of the population" (Himmelfarb 1984, 79). Das radikale Wesen von Benthams Plan spiegelt sich in dem Vorschlag wider, jede andere Hilfeleistung für Arme -egal ob alt, jung, behindert oder krank -ersatzlos zu streichen und dem Unternehmen somit absoluten monopolistischen Charakter zu verleihen. Dabei müssten sich auch Personen, die nicht um Unterstützung angesucht hatten, den Bedingungen der Company zwangsweise unterwerfen. Hauptursache des Unternehmenswachstums würde die so genannte indigenous class darstellen, bestehend aus denjenigen Individuen, die im Industriebaus geboren werden und somit den Kern des Projekts darstellen. Die Grundidee bestand darin, aus „Schlacke Silber zu machen", indem sämtliche ,Insassen', zu produktiver Arbeit angehalten sein würden. Durch die rigide Lebensund Arbeitsplanung, die unablässige Überwachung und Disziplin, die verlängerte Arbeitszeit, sowie den kontinuierlichen Arbeitseinsatz von Lehrlingen im Alter der höchsten Produktivität, die ab dem fünften Lebensjahr in die industrielle Produktion integriert würden, sollte der Profit auf ein ungeahntes Niveau steigen. Während Bentham im Allgemeinen für seine sozialen Anstrengungen zu Ansehen gelangte, wurde doch allzu oft der Inhalt seiner Reformen übersehen, die wie im beschriebenen Fall geradezu menschenverachtenden Charakter hatten. Himmelfarb fasst dies mit folgenden Worten zusammen: "Even those critics who have found his philosophy unsatisfactory have been content, and more than content, with his practical effort to promote the greatest happiness of the greatest number. But while we called upon to admire and emulate 'the humble, rational, humanitarian spirit of this great man' [Robbins 1965], we are rarely shown the actual working and practical results of that spirit -the reforms themselves." (Himmelfarb 1970, 80) Die totale Einschränkung der Freiheit, die im Übrigen auch völlig dem Smith'schen Verständnis widersprach, begründete Bentham mit einem erhöhten 68
Maß an Sicherheit, das nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch den Betroffenen selbst zugute kommen würde. Diese würden nämlich erst durch zu große Freiheit in ihre Situation geraten und müssten daher wie unmündige Kinder unter Aufsicht gestellt werden. Gegen die Kritik des Freiheitsentzugs bringt Bentham folgendes bemerkenswertes Argument: "One objection -injury to liberty -inhuman to deprive them of their liberty -to confine them within walls -within a walled space -still worse if within the four walls of a hause -to shut them up &c. [ ... ] That these are so many restraints upon liberty, so many deprivations of a certain portion of liberty, and that there is a degree of inconvenience attached to each of these several privations, is beyond dispute. To these inconveniences correspond so many objections against lndustry House[s]: but so are they against government, not against corrupt and tyrannical government only, but against government in the best and purest form of it, whatever that form may be, and not only against government, but against society itself, against every condition of life you can name." (Bentham 2001, 35f) Gegen dieses Argument lässt sich einiges vorbringen. Tatsächlich fand Benthams Masterplan in der Öffentlichkeit auch wenig Beachtung, was ein Hinweis darauf sein könnte, wie befremdlich seine Äußerungen gewirkt haben mussten. Auch seine Vorschläge zum Einsatz und der Erziehung von Kindern muten eher wie Science Fiction, denn wie ernst gemeinte Vorschläge an. So hätte etwa das im Industriehaus aufgewachsene Kind einen ,unzweifelhaften und universalen Wert' und würde durch sexuellen Einsatz zum frühest möglichen Zeitpunkt zum wünschenswerten Wachstum der Bevölkerung beitragen (Bentham 2001). "lt was almost an anticlimax" kommentiert Himmelfarb (1984, 83) die Enthüllung des vollen Ausmaßes des Benthamschen Plans. Durch die Entbehrung der Wünsche und Versuchungen der Außenwelt, würde den Insassen der Company eine starke psychologische Sicherheit zu Teil werden, während ihnen im lndustry House selbst kein Wunsch unerfüllt bliebe: "All of this -the satisfaction of material needs, the opportunity for unlimited sexual gratification, the happiness of blissful ignorance -made his plan, Bentham boasted, a veritable 'Utopia', a Utopia not in the sense that it was too good to be realized but that it was as practicable as it was 'excellent"'. Mit diesen Ausführungen zu Benthams Reformplänen sollte auch verdeutlicht werden, welch groteske Formen das utilitaristische Denken mitunter annehmen kann. Dass Benthams Konzept zu seiner Zeit kaum beachtet und auch heute wenig rezipiert wird, hat nicht zuletzt mit dieser Absurdität zu tun 51 • Dennoch wollte ich nicht darauf verzichten, der Bedeutung der Armut im Utilitarismus und speziell bei Bentham hier Platz einzuräumen. 51 zu den wenigen Analysen der Benthamschen Reformpläne der Armenunterstützung siehe Poyntner ( 1969), Quinn ( 1994 ). 69
2.3. Der Nutzenbegriff im Wandel - Vom Utilitarismus zur Wohlfahrts-ökonomie Der Begriff des Nutzens hat sich in der Entwicklung des Utilitarismus stark gewandelt, was nach Ansicht Ulrich Gähdes unter anderem dazu beigetragen hat, dass sich der Utilitarismus überhaupt solange behaupten konnte. Dieser Autor stellt die Frage, wie es möglich war, dass sich das utilitaristische Programm so „wirkungsvoll gegen Angriffe verschiedenster Art zur Wehr" setzen und „den Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen" konnte (Gähde 1992, 85). Der Bedeutungswandel des Nutzenbegriffs und seine Anpassung als Reaktion auf äußere Kritik sind seiner Meinung nach ein wichtiges Erklärungselement in diesem Zusammenhang. Im Folgenden soll grob gezeigt werden, welchem Bedeutungswandel der Nutzenbegriff auf dem Weg vom Utilitarismus zur Wohlfahrtsökonomie ausgesetzt war und wie er sich von einem hedonistischen subjektiven Konzept immer stärker in eine objektivierte abstrakte Größe wandelte. Amartya Sen hat die unterschiedlichen Bedeutungen von Nutzen in seiner Monografie The Standard of Living (1987) einer kritischen Analyse unterzogen. Dabei unterscheidet Sen zwei Möglichkeiten, die well-being bzw. Lebensstandard vom Nutzen her definieren und die seiner Ansicht nach in der Wohlfahrtsökonomie durcheinander gekommen sind: Nutzen wird demnach einerseits als Wert an sich gesehen, demzufolge „Nutzen in Form bestimmter mentaler Verfassungen das Wertvolle, und zwar das einzige intrinsisch Wertvolle" ist. Zum zweiten wird Nutzen als Bewertungsmethode verstanden, ,,durch das andere als wertvoll erachtete Dinge, beispielsweise materielle Güter, bewertet werden" (Sen 2000, 23). Die Kritik Sens an dem seiner Ansicht nach in jeder seiner Erscheinungen untauglichen Nutzenkonzept soll in diesem Kapitel vor dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte dieses Begriffs berücksichtigt werden. 2.3. 1. Der Nutzenbegriff im klassischen Utilitarismus Als die drei wichtigsten Vertreter des klassischen Utilitarismus gelten Bentham, John Stuart Mill und Henry Sidgwick, dessen Zugang häufig als interessanteste Variante beschrieben wird. Schon zwischen diesen dreien lassen sich erhebliche Unterschiede im Gebrauch der Begriffe utility bzw. korrespondierend happiness feststellen. Wie gezeigt wurde, besteht Nutzen bei Bentham in der Gefühlsbilanz von pleasure and pain, die als Folge von Handlungen hervorgerufen wird. Je positiver diese Bilanz ausfällt, desto größer ist demnach der Nutzen, der daraus gewonnen werden kann. Der gesellschaftliche kollektive Nutzen ergibt sich hiernach aus der Summe der Einzelnutzen, wobei die Nutzenwerte gleich stark gewichtet sind. Dies bedeutet, dass der Nutzen bei Bentham keine qualitativen Merkmale aufweist. Auf den Punkt brachte er dies mit dem berühmten Diktum: "Quantity of pleasure being equal, push-pin is as good as poetry." (Bentham 1830, 253), womit er verdeutlichen wollte, dass es keinen qualitativen Unterschied zwischen Empfindungen gäbe. Damit brockte er sich freilich den Ruf der 70
heitliche Definition und die Positionen in Philosophie, Ökonomie und anderen Disziplinen driften weiter auseinander. Noch dazu wird der Begriff sogar in den Wirtschaftswissenschaften ambivalent verwendet. Da spricht man von Nutzen als der Eigenschaft eines Gutes, aufgrund der es begehrt wird, anderseits wird Nutzen nach wie vor als Befriedigung interpretiert, womit das Konzept des subjektiven Nutzens angesprochen ist. So beschreiben Samuelson und Nordhaus in ihrem Standardwerk Economics das Nutzenkonzept folgendermaßen: "We should not identify utility with any precise psychological function or feeling that can be observed or measured. Rather, utility is a scientific construct that economists use to understand how rational consumers divide their limited resources among the commodities that provide them with satisfaction." (Samuelson und Nordhaus 1992, 83) Zur Darstellung von Präferenzen verwendet die Mainstream-Ökonomie Nutzenfunktionen, die jedem Konsumbündel eine Zahl zuweisen, sodass bevorzugten Bündeln höhere Zahlen zugewiesen werden als weniger erwünschten (Varian 2001, 50)60• Sen und Williams attestieren dem ökonomischen Nutzenkonzept Ungenauigkeit. Einerseits wird hier Nutzen einzig auf Basis von Auswahl definiert, zum anderen muss das Konzept inhaltlich der Maximierungsprämisse gerecht werden 61 : "The choice-based characterisation comes from explicit definition ('revealed preferences'), while the content-characterisation, usually in the form of maximising a person's 'seif interest', or 'well-being', is either introduced through dejining self-interest or wellbeing that way (and is thus used in a tautologous form), or through an explicit or implicit assumption about how people do choose (or would choose under some 'ideal circumstances')." (Sen und Williams 1982, 12) Diese Ambiguität wird nach Meinung der Autoren zusätzlich durch die Doppeldeutigkeit des Begriffs ,,Präferenz" begünstigt, der zum einen die tatsächliche Wahl ausdrückt, zum anderen benennt, was eine Person bevorzugt. Die Wohlfahrtsökonomie beruft sich üblicherweise auf beide Interpretationen, obwohl hierdurch eine starke empirische Annahme darüber getroffen wird, wie Individuen entscheiden bzw. unter idealen Bedingungen entscheiden würden. (Sen und Williams, ebd., ) In ökonomischen Ansätzen wird heute von einem ordinalen Nutzenkonzept ausgegangen. Dies bedeutet, dass Nutzendifferenzen von Güterbündeln sinnlos 60 Den Präferenzen liegen dabei unterschiedliche Annahmen zugrunde: ,,Vollständigkeit: Es wird angenommen, dass alle beliebigen Bündel miteinander verglichen werden können: Für jedes beliebige x-Bündel und jedes beliebige y-Bündel gilt entweder (xl, x2) p (yl, y2) oder (yl, y2) p (xl, x2) [ ... ] Reflexiv: Es wird angenommen, dass jedes Güterbündel mindestens so gut ist, wie es selbst: (xl, x2) p (xl, x2); Transitiv: Es wird angenommen, dass wenn X mindestens so gut wie Y und Y mindestens so gut wie Z ist, dann muss auch X mindestens so gut wie Z sein: (xl, x2) p (yl, y2) und (yl, y2) p (zl, z2), dann gilt auch (xl, x2) p (zl, z2)". (Varian 2001, 33) 61 Danach wird jene Handlung gewählt, die den Nutzen (Selbstinteresse, Wohlergehen, etc.) maximiert. 77
sind, sondern die Größenordnung der Nutzenfunktion lediglich in Hinsicht auf die Reihung unterschiedlicher solcher Bündel von Bedeutung ist. Dies könnte dann etwa so aussehen: Gegeben sind zwei Güterbündel (x 1, x2 ), (y 1, y2 ), wobei gilt u(x1, x2) > u(y1, y2 ). Sind die oben beschriebenen Annahmen erfüllt, lassen sich Nutzenfunktionen zur Darstellung von Präferenzen finden. ,,Der Grundgedanke", so Sen, ,,ist folgender: Wenn jemand eine Alternative x einer anderen, nämlich y, vorzieht, so hat er dann und nur dann einen größeren Nutzen von x als von y. Die Skalierung des Nutzens muß unter anderen dieser Regel folgen, so daß nach dieser Maßgabe die Aussage, eine Person ziehe mehr Nutzen aus x denn aus y, sich im wesentlichen nicht von derjenigen unterscheidet, daß sie, wenn sie die Wahl zwischen den beiden hätte, sich für x entschiede" (Sen 2002, 77). Dargestellt werden diese Funktionen mithilfe von Indifferenzkurven. Stellt sich abschließend die Frage, die Sen zu Beginn seiner Analyse des Nutzenbegriffs anstellt, ob die beiden von ihm unterschiedenen Ansätze (also Nutzen als Wert und Nutzen als Bewertungsansatz) zum gleichen Ergebnis kommen, ,,falls die lndifferenzskalen auf dem Gesamtnutzen basieren", wie man annehmen müsste. Die Bewertung von materiellen Gütern und die Bewertung des Nutzens per se, müssten dann identisch sein. Dem ist aber nicht so: ,,Nehmen wir eine Person, die in Periode I und in Periode II alle Güterkörbe bewertet, aber in Periode I aus jedem Korb mehr Nutzen zieht als in Periode II. In diesem Fall ist es sehr wohl möglich, dass der Nutzwert von Korb II in jeder Periode höher ist, als der von Korb I; dennoch ist der Nutzen, der in Periode I tatsächlich aus Korb I erzielt wurde, höher als der Nutzen der in Periode II tatsächlich aus Korb II erzielt wurde." (Sen 2000, 23) Tabellarisch könnte die Aufstellung dann so aussehen: Tabelle 1: Nutzenverteilungen Periode l Periode// I Periode(/+)// Korb/ 6 3 9 Korb// 8 5 13 14 8 Quelle: Eigene Darstellung nach Sen (2000) Daraus ergibt sich, dass beim Nutzen als Bewertungsverfahren von Gütern, Korb II höher eingestuft werden muss, weil 13 (Gesamtsumme des in Periode II (und 1) aus Korb II gewonnen Nutzens) größer als 9 ist. Dies folgt aus der Pigou'schen Annahme feststehender Präferenzen 62 • Zugleich muss der Nutzen als 62 Pigou (1952, 51, zitiert nach Sen 2000, 23): ,,Wenn wir eine einzelne Person betrachten, deren Vorlieben als feststehend gesehen werden können, sagen wir, dass ihre Dividende in Periode II größer ist als in Periode I, wenn die Dinge, die in Periode II hinzukommen, Dinge sind, die sie mehr wünscht als diejenigen, die in Periode II wegfallen." 78
Wert an sich in der ersten Periode höher sein als in der zweiten (14 > 8). Sen will damit zeigen, dass es für die Bewertung von Lebensstandard von Bedeutung ist, eine genaue Unterscheidung dieser beiden Ansätze (Nutzen als Bewertungsmethode und Nutzen als Wert an sich) zu treffen. 2.3.4. Zusammenfassendes zum Nutzen Mit diesen Ausführungen sollte veranschaulicht werden, welchem Wandel der Nutzenbegriff auf dem Weg in die (Wohlfahrts-)Ökonomie ausgesetzt war und wo Sen kritische Bedenken gegen die unterschiedlichen Nutzeninterpretationen anmeldet. Weder lassen sich Glück oder Wunscherfüllung ohne weiteres messen, noch löst die Überführung des Nutzenkonzepts in eine numerische Darstellung der beobachtbaren Entscheidungen alle technischen Probleme. Die in Abbildung 1 dargestellte Synapse soll noch einmal die unterschiedlichen Definitionen, Interpretationen und Eigenschaften des Nutzenbegriffs bei den unterschiedlichen Autoren überblicksmäßig gegenüberstellen. Abbildung 1: Schematische Darstellung des Nutzenbegriffs ~ Definition Interpretation Messbarkeit Kommensurabilität r Jeremy Bentham Gefühlsbilanz von Psychologischlntrospektives VerQuantitative Verglei- (1789) ,pleasure und hedonistisch fahren/ ehe möglich pain' kardinale Messbarkeit John S. Mill (1863) Gefühlsbilanz PsychologischKompetente TestIntersubjektive Ververschiedener hedonistisch person bestimmt gleiche anhand des Arten von Lust Intensität der NutKonstrukts der komund Leid, die zeneinheiten petenten Testperson, qualitative Unterdie Uber Qualitätsschiede aufweisen unterschiede der Nutzeneinheiten entscheidet Henry Sidgwick Gefühlsbilanz, die Übergang zu Analyse des EntIntersubjektive Ver- (1874) an die Motivatipräferenzscheidungsgleiche ons-kraft gekoptheoretischer verhalten gibt Aufpelt ist Interpretation schluss über Molivationskraft Arthur C. Pigou Nutzen als WunObjektivNutzen gemessen in Intersubjektive Ver- (1920) scher-füllung realistisch (EintreGeldeinheiten -gleiche ten des Zustandes, Preis als Indikator auf den der Wunsch gerichtet ist, von Relevanz) Paul Samuelson Nutzen ist AusPräferenzEmpirische BeobKeine interpersonalen (1938) druck von Präfetheoretisch achtbarkeit von Vergleiche zulässig renzen ,.bekundeten Präferenzen" / ordinaler Maßstab Quelle: Eigene Darstellung 79
Im Folgenden soll nun spezifisch auf Sens Kritik an den drei zentralen Prinzipien der utilitaristischen Methode eingegangen werden, um neben seiner Kritik am allgemeinen Nutzenbegriff nun auch seine Kritik an den Prämissen dieser Methode zu veranschaulichen. Erst hierin wird die radikale Zurückweisung des Utilitarismus in ihrer ganzen Tragweite deutlich. 2.4. Sens Utilitarismuskritik 2.4.1. Die utilitaristischen Bewertungsmethoden Die Liste der Kritiker des Utilitarismus sowohl als Individualals auch als Sozialethik ist lang 63 • Dennoch hat sich der Ansatz bis heute - in gewandelter Form -gehalten. Die allgemeine Kritik Sens am Utilitarismus betrifft sowohl den klassischen als auch neuere Ansätze. Ebenso werden hier einige Kritikpunkte an der Wohlfahrtsökonomie, die viele Prämissen des Utilitarismus übernommen hat, vorweggenommen. Sen fokussiert auf die drei Hauptkomponenten, in die sich die Bewertungskriterien des Ansatzes teilen lassen und die wir bereits von Bentham kennen: (i) das Wohlfahrtskriterium (welfarism), (ii) die Summierung der Einzelnutzen auf einen Gesamtnutzen (sum-ranking). und (iii) Konsequentialismus. Ganz allgemein handelt es sich Sen zufolge beim Nutzen als einziges Kriterium zur Beurteilung von individuellen oder sozialen Zuständen (states of affairs) bzw. zur Rechtfertigung moralischer Urteile um ein allzu informationseinschränkendes und eindimensionales Merkmal. Informationen, die sich nicht direkt auf den gestifteten Nutzen richten (non-utility information), werden bei der Bewertung ignoriert. Dadurch kommt es zwangsläufig zu einem reduzierten Menschenbild des Utilitarismus, das sich in allen drei genannten Komponenten widerspiegelt. So wird etwa nach dem Wohlfahrtskriterium ein Zustand ausschließlich auf Basis der Nutzeninformation, die sich auf ihn bezieht, beurteilt. Jegliche weiterführende Information über die sich in diesem Zustand befindenden Personen wird auf n Nutzeneinheiten reduziert. Die relevante Gesamtinformation wird durch einen n-Vektor von Nutzeneinheiten dargestellt. Ebenso blendet die Summierung von Nutzen persönliche Details systematisch aus: "[ ... ] sum-ranking merges the utility bits together as one total lump, losing in the process both the identity of the individuals as weil as their separateness. The distributional characteristics of the utility vector are also consequently lost. By now persons as persons have dropped fully out of the assessment of states of affairs." (Sen und Williams 1982, 5) Schließlich ist auch der Konsequentialismus nicht dazu geeignet, Personen als solche in die Bewertung einzubeziehen. Er überträgt die Informationsbeschränkung vom Urteil über Zustände auf die moralische Beurteilung aller Variablen (Handlungen, Regeln, Institutionen), da alles ultimativ anhand der Güte der Zustände beurteilt wird. Es gibt in der Beurteilung einer Handlung aber kein intrin63 siehe etwa Höffe 1979 und 1992, Myrdal 1976, Williams 1979, Ulrich 1993, uva. 80
sisches Interesse an ,,nicht-nützlichen" Eigenschaften, weder jener Individuen, die die Handlung ausführen, noch jener, die sie betrifft. (ebd.) Dieses verarmte Menschenbild bewog Williams zu folgender Aussage: „Ich werde zu zeigen versuchen, [ ... ], daß [nämlich] der Utilitarismus in keiner ernst zu nehmenden Weise darauf hoffen kann, mit der Integrität etwas anfangen zu können. Er kann es aus dem sehr einfachen Grund nicht, weil er nur eine höchst oberflächliche Auffassung von menschlichen Bedürfnissen und Handlungen haben kann und folglich nur eine ärmliche Auffassung davon, was als seine Spezialität gilt, nämlich dem Glück." (Williams 1979, 44) Die Ausrichtung des Utilitarismus an einem einzigen Kriterium, dem Nutzen, führt zudem zu impliziten Annahmen. So wird angenommen, dass der rationale Akteur alle Handlungsentscheidungen an diesem Nutzenkriterium ausrichtet. Rationalität erfordert im utilitaristischen Ansatz, dass alle anderen Kriterien einer Entscheidung (etwa Gerechtigkeit, Moral, etc.) diesem hauptsächlichen Prinzip unterworfen werden müssen. Warum soll ein Individuum nicht intuitiv oder anhand persönlicher Werte, die mit jenen anderer nicht vergleichbar sind, seine Entscheidungen treffen, fragt Sen ( 1979, 465). Ein weiteres allgemeines Problem, auf das Sen und Williams unseren Blick richten, ist die Annahme, dass es im öffentlichen Bereich ein souveränes Entscheidungszentrum geben muss, das bestimmt, was für eine Gesellschaft als ganze innerhalb einer limitierten Zeitspanne richtig ist. Da der Utilitarismus den Nutzen als Kriterium für öffentliches Handeln liefert, muss er einen öffentlichen Akteur voraussetzen, der allgemeine Zustände für die Gesellschaft als ganzes wählt. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich stellt sich dann aber die Frage: "[G]ranted such an agency, does it have to use some one criterion of action?" (Sen und Williams 1982, 2). Im öffentlichen Fall scheint die Antwort klarer und günstiger für die allgemeine Theorie als im privaten, weil die Bedeutung von öffentlicher Rationalität64, wie sie auf komplexe, moderne und offene Gesellschaften angewandt wird, plausiblerweise allgemeine und erklärbare Regeln erfordert. Im öffentlichen Fall besteht vor allem die Frage: Muss es einen einzigen höchsten Akteur geben? In Opposition zum eindimensionalen Utilitarismus und ähnlichen Alternativen, kann es im sozialen Fall sowohl Wertepluralismus als auch einen Pluralismus an Akteuren geben, meinen die Autoren. Im Folgenden soll nun Sens Diskussion der drei Komponenten, die in ihrer Gesamtheit den klassischen Utilitarismus ausmachen, einzeln untersucht und seine Analyse systematisch dargestellt werden. 64 Die Bedeutung von Rationalität, die von Utilitaristen verwendet wird, ist nicht rein abstrakt, sondern drückt die Form öffentlicher Rechtfertigung aus, die für eine bestimmte Form der sozialen Ordnung angemessen ist. (Sen und Williams 1982, 2) 81
2.4.2. Welfarism Das Wohlfahrtskriterium schränkt die Beurteilung von Sachverhalten auf den Nutzen des jeweiligen Zustands ein. Sen definiert welfarism, wie folgt: "Welfarism: The judgment of the relative goodness of alternative states of affairs must be based exclusively on, and taken as an increasing function of, the respective collections of individual utilities in these states." (Sen 1979, 468) Wie bereits erwähnt, wird hier vor allem die mangelnde Information kritisiert, die das Nutzenkriterium über Zustände bereitstellt. Eine hinreichende Beurteilung von Zuständen anhand des generierten Nutzens ist Sens Auffassung nach jedoch nicht möglich. Darf außer dem Nutzen keine weitere Information mehr zur moralischen Beurteilung herangezogen werden, kann dies mitunter zu grotesken Ergebnissen führen. Sen konstruiert zur Überprüfung des Wohlfahrtskriteriums ein Beispiel, indem zwei Paare alternativer Zustände (x, y) und (a, b) identische Nutzeneinheiten haben, sich aber hinsichtlich anderer Merkmale unterscheiden. Nun zum Beispiel: "Consider first the pair (x, y). Let there be two persons r (rich) and p (poor), and let the difference between x and y rest in the fact that in x there is no redistributive taxation, whereas in y some money obtained by taxing r has been passed on to p, even though r continues to remain richer thanp." (Sen 1979, 473) In Zustand x generiert r 10 und p 4 Einheiten, während in Zustand y r 8 und p 7 Einheiten generiert. Der Utilitarismus muss y höher als x einstufen. Sen geht es hier aber nicht um Nutzenverteilungen, sondern in erster Linie um den Zusammenhang zwischen den Rangordnungen zweier Paare, wovon (x, y) eines ist. Betrachten wir also die Alternativsituationen (a, b): "For considering states of affairs a and b, let r be a romantic dreamer and p a miserable policeman. In b the policeman tortures the dreamer; in a he does not. The dreamer has a happy disposition ('the future is ours') and also happens tobe rich, in good health andresilient, while the policeman is morose, poor, ill and frustrated, getting his simple pleasures out of torturing." ( ebd.) In Zustand a generiert r 10 und p 4 Einheiten, in Zustand b r 8 und p 7, womit Zustand b einen höheren Gesamtnutzen aufweist. Der welfarism fordert nach der oben genannten Definition, dass x gegenüber y in der exakt gleichen Weise angeordnet wird, wie a gegenüber b, ungeachtet der non-utility information. Also kann gesagt werden, dass der Zustand der Folter dann und nur dann richtig ist, wenn auch der Zustand der umverteilenden Besteuerung richtig ist und zwar deshalb, weil das Wohlfahrtskriterium alternative Zustände ausschließlich mit dem Blick auf den Nutzen ordnet. Wenn daher in einer möglichen Welt y größer ist als x, muss für eine andere mögliche Welt, in der die Nutzeneinheiten identisch aufgeteilt sind auch gelten, dass b gegenüber a zu bevorzugen ist. Dies sagt in diesem Zusammenhang freilich nichts über die Beurteilung der Folterhandlung des Polizisten, da der welfarism einen Zustand behandelt. Es wird hier also nicht gesagt, der Polizist sollte foltern. Im klassischen Utilitarismus, der eine 82
konsequentialistische Sicht einnimmt, ist jedoch die Verbindung zwischen Handlung und Zustand klar gegeben. Sen räumt aber ein, dass auch ein Handlungskonsequentialist, der den Zustand als ,richtig' interpretiert, nicht gezwungen ist, Folter als gute Handlung zu interpretieren. Voraussetzung hierfür ist lediglich, dass er eine gute Handlung als eine solche als „was ein guter Mann tun würde, selbst wenn es nicht richtig ist" definiert. Einfache Regeln, die dem Zustand ,,Foltern" einen negativen Nutzen zuschreiben, widersprechen dem Welfarismus, da es hier ausschließlich um die Information ,Nutzen' geht. (Sen 1979, 474ft) Der welfarism ist einzig mit der Rangreihung von Zuständen befasst und nicht mit dem Urteil über Handlungen. Dies mag gegen unsere unmittelbare Intuition gehen. Da welfarism nicht aus sich selbst heraus behauptet, dass der Polizist nicht falsch bzw. richtig handelt, muss eine Kritik am selben woanders ansetzen. Sen: "If we find the welfarist position unacceptable, we have to make sure that this finding does not arise from a misunderstanding of it [ ... )"(Sen 1979, 475). Daher muss sich eine moralische Analyse der Urteile hinsichtlich der Ordnung von Zuständen von unseren intuitiven Einstellungen, die wir Handlungen gegenüber haben, distanzieren. Sen diskutiert in seiner Kritik vor allem NichtNutzeninformation, die aus unterschiedlichen Quellen von Nutzen oder unterschiedlicher Motivation, die von ihm ausgeht, entsteht. Die Informationsbeschränkung des welfarism schränkt die Bandbreite von moralischen Unterscheidungen zwischen Ergebnissen stark ein. Der Reduktionismus dieses Ansatzes kann dann besonders hervorgehoben werden, wenn man sich die Übereinstimmung zwischen Fällen ansieht, die identisch hinsichtlich des Nutzens sind, nicht aber hinsichtlich bestimmter Nicht-Nutzeninformationen, wie im beschriebenen Fall. Kritik an Sens Äußerungen zum welfarism kam von Yew-Kwang Ng. Ng stimmt zwar mit Sen darin überein, dass der Mangel an vollständiger Information über individuelle Wohlfahrt problematisch ist, stimmt Sen aber in anderen grundlegenden Punkten nicht zu. So sieht er etwa die Ablehnung des Wohlfahrtskriteriums in erster Linie als formalen Akt, da diese nur unter ,unmöglichen Umständen' gefordert würde. Während man welfarism dann auf einer philosophischen Ebene zurückweisen könnte, würde man sich auf ihn als Basis für das Konzept der Sozialen Wohlfahrtsfunktion in der Wohlfahrtsökonomie und in der ökonomisch-politischen Diskussion, in der solch unmögliche Umstände nie vorkommen, doch berufen müssen. (Ng 1981, 229) Sen widerspricht dieser Einschätzung und argumentiert, dass welfarism auch in der politischen Debatte zu kurz greift: "How should the value of liberty affect the goals of economic planning or constrain choices of economic policy? [ ... ] Should 'social security' for the economically vulnerable be developed even in poor economies, even when that will go against economic growth and the interests of the bulk of the population?" (Sen 1981, 535) 83
Ein weiterer Kritikpunkt Ngs betrifft nicht-nutzenorientierte moralische Prinzipien. Seiner Ansicht nach, lassen sich letztlich auch alle nicht-welfaristischen Werte aus der welfaristischen Moral ableiten: "But if we ask people hard enough why it is wrong, I believe that many people will ultimately come up with a welfarist answer such as the long-run effects on individual welfares through attitude formation." (Ng 1981, 529) Ng geht davon aus, dass Regeln, die allgemein zu einer Erhöhung der sozialen Wohlfahrt beitragen, schließlich zu moralischen Prinzipien werden und dazu neigen, aus sich selbst heraus, hochgeschätzt zu werden. "But in my view, this is confusing the more basic value with less basic values" (ebd.). Er untermauert diese Ansicht, mit einem Beispiel: Warum gibt es Menschenrechte, fragt er, und keine Steinrechte? Weil Steine nicht Freude und Leid empfinden können, schlussfolgert Ng, womit wir seiner Ansicht nach wieder beim welfarism angekommen sind. (Ng ebd., 530f) Sen empfindet dieses Beispiel als weiteren Beweis für das enge Menschenbild des Utilitarismus und bemängelt, dass auch die Wohlfahrtsökonomie durch ihre welfaristische Basis stark in ihrer Sicht vom Menschen beschränkt ist. (Sen 1981, 535) 2.4.3. Sum-Ranking "Sum-ranking: One collection of individual utilities is at least as good as another if and only if it has at least as !arge a sum total" (Sen 1979, 468) Die Summe der Einzelnutzen gilt nach dieser Bedingung als Maß gesellschaftlicher Wohlfahrt. Was sich zuallererst gegen diese Prämisse vorbringen lässt, ist augenscheinlich: Bei der Maximierung der Summe der Nutzeneinheiten steht der Einzelnutzen in keinem Zusammenhang mit der interpersonellen Verteilung dieser Nutzen nach Aggregation. Sen und viele andere Kritiker des Utilitarismus sind der Auffassung, dass sum-ranking daher völlig ungeeignet für die Beurteilung von Ungleichheit in einer Gesellschaft ist. Dennoch wurde der Utilitarismus oft zu genau diesem Zweck herangezogen und hat sich sogar, wie im Zusammenhang mit Pigou weiter unten gezeigt werden wird, den Ruf erworben, ein egalitaristisches Kriterium zu sein. In Wirklichkeit, so Sen, kann die Ungleichheit durch den utilitaristischen Gesamtnutzen aber erhöht werden: .,Es ist wohl hinreichend klar, daß der Utilitarismus im Grunde sehr weit von einem egalitären Ansatz entfernt ist. Deshalb ist es auch schade, daß fast alle Versuche der Ungleichheitsmessung von einem wohlfahrts-ökonomischen Standpunkt aus oder auch Versuche zur Ableitung von optimalen Verteilungsregeln sich auf den utilitaristischen Ansatz gestützt haben." (Sen 1975, 30) Aus moralischer Perspektive ist der Utilitarismus und die Summierung der Einzelnutzen sowohl vom Egalitarismus als auch von Rawls Differenz-Prinzip 65 in 65 Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen nach Rawls zwei Bedingungen erfüllen: siehe Kapitel 3.3. 7. 84
dessen Theory of Justice (1971) kritisiert worden, da Nutzensummen eindeutig indifferent gegenüber Ungleichheit von Nutzen sind. Versucht man, wie Sidgwick, einen Kunstgriff, um diese Indifferenz zu umgehen, indem man postuliert, ,,reine Gleichheit" bedürfe als einzige keiner weiteren Rechtfertigung, verstößt man klar gegen die Summierungsregel. Per definitionem muss es hinsichtlich der Gesamtsumme eine lexikographische Ordnung66 geben, die strenge Priorität gegenüber der Gleichheitsüberlegung hat. (Sen 1979, 470) Ein weiterer Kritikpunkt des sum-ranking betrifft die Frage der Gerechtigkeit. Hinsichtlich der Verteilungsgerechtigkeit muss zwischen der Verteilung zwischen unterschiedlichen Personen und zwischen der Verteilung zwischen unterschiedlichen Zeitperioden im Leben einer Person unterschieden werden. Utilitaristen machen keinen Unterschied. Sie treten beiden Formen mit der gleichen Einstellung entgegen, da sie meinen, Gleichheit von Nutzen zwischen Personen hat keinen größeren intrinsischen Wert als Nutzenverteilung von Zeitperioden für dieselbe Person. Was ist dann aber Ungerechtigkeit im Utilitarismus? Ungerechtigkeit im klassischen Ansatz muss wohl als die Abnahme des Gesamtnutzens verglichen mit dem, was erreicht hätte werden können, definiert werden: „Eine ungerechte Gesellschaft ist danach eine, in der die Menschen in ihrer Gesamtheit eindeutig weniger glücklich sind, als sie sein müßten." (Sen 2002, 77) 2.4.4. Konsequentialismus Bereits der Ausdruck consequentialism scheint ein Indikator für seine Ablehnung zu sein, und dies deshalb, weil er in der Regel von Gegnern des Konsequentialismus verwendet und in erster Linie zwecks Ablehnung zur Sprache gebracht wurde. Sen: "To admit to being a 'consequentialist' is almost like introducing oneself as a 'wog' or a 'frog' or a 'limey', which can be instantly delineating without being descriptively rich." (Sen 2000a, 478) Während der Terminus "konsequentialistische Bewertung" von Sen in einem anderen Zusammenhang, als eine Disziplin verantwortlichen Wahlverhaltens, basierend auf der Bewertung des Akteurs von Zuständen und somit in einem weiteren Zusammenhang, besprochen wurde (Sen 2000a), bezeichnet der Begriff nach Sen im klassischen Utilitarismus .,[ ... ] die These, daß alle Entscheidungen (von Handlungen, Regeln, Institutionen usw.) nach ihren Konsequenzen zu beurteilen sind, d.h. nach den von ihnen erzielten Resultaten. Die Betonung des Folgezustandes richtete sich vor allem gegen die Neigung einiger nor66 Die Methode der lexikographische Ordnung wird verwendet, um aus einer linearen Ordnung für einfache Objekte (z.B. Buchstaben angeordnet nach dem Alphabet) eine lineare Ordnung für zusammengesetzte Objekte (beispielsweise Wörter) zu erhalten. Die lexikographische Präferenzordnung ist demnach eine solche, die der Ordnung in einem Lexikon entspricht. 85
mativer Theorien, gewisse Grundsätze unabhängig von ihren Resultaten für richtig zu halten. In der Tat geht der Utilitarismus noch einen Schritt weiter, er klagt nicht nur Sensibilität für die Folgen ein, sondern schließt aus, daß letztlich etwas anderes als die Konsequenzen ins Gewicht fallen könnte." (Sen 2002, 76) In seiner Kritik lehnt Sen die Folgenbewertung nicht per se ab, er richtet sich einmal mehr gegen die ausschließliche Berücksichtigung von Nutzen und den Ausschluss anderer wichtiger Informationen eines Folgezustands. Dies ist nicht zuletzt ein Resultat des Welfarismus, wie oben gezeigt wurde. Beispielsweise werden bei dieser utilitaristischen Methode seiner Ansicht nach Aspekte wie „Verantwortlichkeit" oder ,,reflektive Folgenabwägung" ausgeblendet. Wenn ein reichhaltiger Konsequentialismus beurteilt werden soll, ist es daher notwendig, ihn von irrelevanten Forderungen, wie jener nach welfarism, zu trennen (Sen 2000a, 50lt). Sen beanstandet wie schon bei den anderen Komponenten des Utilitarismus, dass neben den Nutzeneinheiten eines Folgezustands, Dinge wie beispielsweise die Missachtung von Rechten oder Freiheit anderer Personen keine Rolle spielen können. Es gibt keinen Grund, irgendeinen Teil eines Zustands a priori auszublenden. Die utilitaristische Ethik besteht jedoch darauf, dass Nicht-Nutzeninformationen, wie etwa ,Handlungen' nicht als Wert an sich berücksichtigt werden dürfen, sondern immer nur hinsichtlich des Nutzens, den sie generieren. Zugleich betrachtet Sen es als Fehler, Folgen zu ignorieren, selbst wenn man mit intrinsisch wertvollen Objekten befasst ist: "The case for consequential reasoning arises from the fact that activities have consequences. Even activities that are intrinsically valuable may have other consequences. The intrinsic value of any activity is not an adequate reason for ignoring its instrumental role, and the existence of instrumental relevance is no denial of its intrinsic value. To get an overall assessment of the ethical standing of an activity it is necessary not only to look at its own intrinsic value (if any), but also at its instrumental role and its consequences on other things [ ... ]" (Sen 1987, 75). Viele zeitgenössische Moralphilosophen haben die wesentliche intrinsische Bedeutung jener Überlegungen herausgestrichen, die in der utilitaristischen Ethik lediglich instrumentalen Charakter hatten. Aber selbst wenn man diese intrinsische Bedeutung akzeptiert, argumentiert Sen, bleiben instrumentelle und konsequentielle Analysen insofern notwendig, als wesentliche immanente Faktoren auch eine instrumentelle Rolle spielen können, wenn es darum geht, andere immanent wichtige Dinge zu beeinflussen. Hier kann die Ethik in ihrer Argumentation seines Erachtens von der Ökonomie lernen. In dieser Argumentation zeigt sich sehr stark, dass Sen eine konsequentialistische Beurteilung im Gegensatz zu welfarism und sum-ranking vor allem auch im ökonomischen Zusammenhang für unerlässlich hält. Man wird an dieser Stelle meines Erachtens sehr stark auf den empirischen Bezug von Sens Arbeit aufmerksam. Die Ablehnung eines rein deontologischen Konzepts hängt stark mit der Erfahrungswelt des empirisch arbeitenden Ökonomen zusammen. Obwohl man den Konsequentialismus als solchen ablehnen kann, ist Sen der festen Überzeugung, dass eine Vernachlässigung der Folgen (einer Handlung, Regel, etc.) für eine ethische Beurteilung un86
Robbins, so Sen, allerdings schuldig. Sen, der Robbins' Standpunkt wenig abgewinnen kann, äußert sich denn auch einigermaßen zynisch über dessen Auffassungen zu interpersonellen Vergleichen und ihren normativen Implikationen: "lt is, of course, possible to argue that interpersonal comparisons of utility make no sense and are indeed totally meaningless - a position I find hard to defend, but certainly have no difficulty in understanding. If that position were accepted, then the statement that person A is happier than B would be nonsensical -ethical nonsense just as much as it would be descriptive nonsense. I guess it is a reflection of the way ethics tends to be viewed by economists that statements suspected of being 'meaningless' or 'nonsensical • are promptly taken tobe ethical. The peculiar narrow view of 'meaning' charnpioned by logical positivists -enough to cause disorder in philosophy itself -caused total chaos in welfare economics when it was supplemented by some additional home-grown confusions liberally supplied by economists themselves. Positivist philosophers may have been off beam in taking all ethical propositions to be meaningless, but even they bad not suggested that all meaningless propositions were ethical." (Sen 1987, 31) Über Sens Polemik lässt sich freilich streiten, dennoch gibt diese Stelle einen wichtigen Hinweis auf dessen eigene ökonomische Theorie. Einerseits ist Sen der Auffassung, normative Urteile und die Bewertung von Zuständen seien ureigenster Bestandteil jeder Wirtschaftstheorie, zum anderen glaubt er, dass ein Teil dieser Bewertung im interpersonellen Vergleich bestehen muss. Dieser Vergleich darf sich nicht einzig auf den von ihm so heftig kritisierten Nutzen beschränken, sondern muss auf einer breiteren ,Informationsgrundlage' fußen (Sen 1974). Tatsächlich fand Robbins' Analyse aber großen Anklang und die Welt der Standard-Ökonomen musste sich zumindest mit seinen Äußerungen auseinander setzen. So eröffnete sein Essay schließlich die Entwicklung der New Welfare Economics. Es waren vor allem die Autoren Nicholas Kaldor, John R. Hicks und Paul S. Samuelson, die auf Basis des neuen Konsenses, auf interpersonelle Vergleiche zu verzichten, die Wende zur paretianischen Wohlfahrtsökonomie einleiteten, wobei die ersten beiden im Allgemeinen mit den New Welfare Economics in Zusammenhang gebracht werden, während Samuelson und Bergson eher mit der Entwicklung des Konzepts einer Sozialen Wohlfahrtsfunktion (SWF) befasst waren. Ziel dieser Ökonomen war es, unter Beweis zu stellen, dass eine große Bandbreite ökonomischer Schlussfolgerungen auf Basis von individuellen Präferenzordnungen getroffen werden können und man auf jegliches kardinales Vergleichsmaß verzichten könne. Die so genannten Ordinalisten72 "Would it not be better, I asked myself, quite frankly to acknowledge that the postulate of equal capacity for satisfaction came from outside, that it rested upon ethical principal rather than upon scientific demonstration, that it was not a judgment of fact in the scientific sense, but rather a judgment of value -perhaps, even, in the last analyses, an act of will" (Robbins 1938, 637) 72 Sie haben ihren Name von der ordinalen Messskala, die sie für Nutzenberechnungen heranziehen. Auf Basis einer ordinalen Skala sind keine Nutzenvergleiche mehr möglich, da diese keinen natürlichen Nullpunkt hat und die Abstände zwischen den Maßeinheiten per Definition festgelegt werden. 93
mussten nicht mehr argumentieren, dass ein kardinales Nutzenmaß unmöglich sei, es reichte aus, zu zeigen, dass ein solches nicht notwendig war (Brennan 1993, 133). Die neuere Wohlfahrtsökonomie lässt sich somit in vier Komponenten unterteilen: (i) welfarism, wonach soziale Wohlfahrt als Funktion persönlicher Nutzenniveaus interpretiert wird, sodass zwei beliebige Zustände vollständig auf Basis der persönlichen Nutzeneinheiten dieser Zustände geordnet werden müssen; (ii) Ordinalismus; (iii) Nicht-Vergleichbarkeit von Nutzen und (iv) die Pareto-Präferenzregel, auf die ebenfalls noch eingegangen wird. (Sen 1979c) 2.5.4. lnterpersonelle Vergleiche Sens Kritik einer beschnittenen Information, die durch das Nutzenkonzept wiedergegeben wird, setzt sich auch im Zusammenhang mit interpersonellen Vergleichen fort. So sind etwa Vergleiche von Freude oder der Erfüllung von Wünschen ein irreführender Indikator für interpersonelle Unterschiede des Wohlbefindens. Dies ist vor allem deshalb der Fall, weil unsere Wünsche und Fähigkeiten, Freude zu empfinden, sich stark an die individuellen Umstände anpassen, gewissermaßen um das Leben erträglich zu machen. Auch dieser Kritikpunkt ist bereits bekannt. Dass die utilitaristische Rechnung extrem unfair für Menschen mit nachhaltigen Mangelerscheinungen sein kann, leitet Sen daraus ab, dass stark benachteiligte Personen möglicherweise Wünsche nach radikaler Veränderung ihrer Position verdrängen und ihren Erwartungen anpassen. Somit können Wünsche aber auch nicht als Vergleichsmaßstab fungieren. Dennoch stimmt Sen nicht mit Robbins überein, dass auf interpersonelle Vergleiche aus wissenschaftlichen Gründen verzichtet werden müsse und betont einmal mehr, dass das Argument der Unvergleichbarkeit nur standhält, wenn es sich auf den Vergleich von Gefühlslagen bezieht: "The ,rules' that we follow in describing someone as being better off than another have many other elements, and the possibility of welfare comparisons cannot be reduced simply to the scrutability of our feelings. The problem of comparing the well-being of people has to be dissociated from the insistence on sticking to the utilitarian strait-jacket of comparisons of pleasures or desires." (Sen 1993c, 56) Die Vertreter der New Welfare Economics verzichten zwar auf interpersonelle Vergleiche, bauen aber weiterhin auf das Nutzenkonzept. Durch diesen Verzicht, so Sen, beschränkt die Wohlfahrtsökonomie aber ihre ohnehin schon sehr enge Informationsgrundlage noch stärker, da eine social evaluation nur mehr sehr eingeschränkt stattfinden kann. Das einzige Kriterium für eine Verbesserung der sozialen Situation ist nunmehr das Pareto-Kriterium, auf das ich im Folgenden näher eingehen werde. Hier werden die separaten Nutzen nicht mehr verglichen. Sen argumentiert in seiner Arbeit für interpersonelle Vergleiche zugunsten von Wohlfahrtsvergleichen. Seine Absicht ist es, alternative Interpretationen zum interpersonellen Vergleich vorzubringen, sowie alternative formale Strukturen 94
des Typs der Vergleichbarkeit aufzuzeigen. Aussagen über interpersonelle Vergleiche lassen sich in zwei Gruppen teilen: deskriptive und präskriptive Vergleiche. Robbins stritt die Bedeutung solcher beschreibenden Vergleiche allerdings ebenso ab: "Robb ins ( 1935) could see no way of settling differences of views on interpersonal comparisons ,in a purely scientific manner'. Thus Robbins saw no way in 'comparing the satisfactions of different people' and took interpersonal comparisons to be 'essentially normative"' (Sen 1979a, 184 ). Allein drei deskriptive Interpretationen lassen sich unterscheiden: (i) der behavioristische Ansatz, (ii) introspektive Wohlfahrtsvergleiche und (iii) introspektive als ob Wahl. Eine genaue Beschreibung dieser Ansätze lässt sich in Sens Interpersonal Comparisons of Welfare (1979b) nachlesen. Auch bei der normativen Interpretation von interpersonellen Vergleichen gibt es Unterschiede. Jeder normative Ansatz ist gänzlich relativ zum gewählten Maximanden: "For example, if the maximand is taken to be the utilitarian one of welfare sum, then the consequent interpersonal comparisons are of welfare dijferences. [ ... ] On the other hand, if we take the Rawlsian maximand, viz., the welfare of the worst off individual, then the interpersonal comparison is ofwelfare levels." (Sen 1979a, 191) An diesen Beispielen soll gezeigt werden, dass es nicht bloß eine normative Interpretation von interpersonellen Ver~leichen gibt. Zudem unterscheidet sich die formale Struktur der Vergleichstypen 3, je nachdem welchen Ansatz man heranzieht. Verschiedene Typen und Grade von Vergleichbarkeit können unterschieden werden. Level comparability bezieht sich auf Gesamtnutzenvergleiche, unit comparability zeigt Nutzenunterschiede zwischen unterschiedlichen Situationen auf. Voile Vergleichbarkeit subsumiert die vollständige Möglichkeit beider Vergleichstypen. Nicht-Vergleichbarkeit hingegen schließt beide aus. Zwischen diesen Extremen liegt die Möglichkeit partieller Vergleiche, die grobe Unitoder Level-Vergleiche zulassen, ohne zu präzisieren. Sen erläutert, dass unterschiedliche Probleme unterschiedliche Vergleichstypen benötigen (Sen 1974, 1979a). Hier soll die Reichhaltigkeit der Möglichkeiten interpersoneller Vergleiche unter Beweis gestellt werden, um den New Welfare Economics damit etwas entgegenzuhalten. Sens Meinung nach können die von vielen Autoren konstatierten Schwierigkeiten der Wohlfahrtsökonomie (etwa von Bergson 1938, Samuelson 1947) durch die systematische Zulassung von Vergleichen überwunden werden. Es geht dann lediglich um die Auswahl unterschiedlicher Regeln der sozialen Entscheidungsfindung (Utilitarismus vs. Rawls), sowohl hinsichtlich eines allgemeinen Bewertungsrahmens, als auch bezüglich spezifischer wohlfahrtsökonomischer Aufgaben, wie etwa Vergleich von Armut oder Gleichheit. Anstatt die interpersonellen Vergleiche aufzugeben, verfügt man nun über unterschiedliche lnfonnationsgrundlagen für diese Vergleiche, die unterschiedliche Typen interpersonal vergleichbarer Information erfordern. (Sen 1993c, 56) 73 Sen unterscheidetji11/ comparability, unit comparability und level comparability. 95
Interpersonale Vergleiche von Wohlfahrt dürfen nach Sen nicht auf den Nutzen beschränkt werden. Die Gleichsetzung von Wohlfahrt und Nutzen ist ein Charakteristikum der Old wie der New Welfare Economics, von Bedeutung ist aber, dass es wesentlich reichhaltigere und interessantere Wege gibt, diesen Terminus zu definieren. Im Folgenden werden wir darauf im Detail zu sprechen kommen. Hierin steckt erneut ein Angriff auf Robbins, der in seiner Kritik der wohlfahrtsökonomischen Fundamente von der utilitaristischen Interpretation von Wohlfahrt ausgegangen ist. Vergleichende Beurteilung von Wohlergehen erschöpft sich nicht im Vergleich eines eng definierten Nutzens. Hier kann freilich eingewendet werden, dass Vergleiche von Individuen in einer Gesellschaft auch aus anderen Gründen als jenen von Robbins vorgebrachten problematisch sind. So kann man etwa zu bedenken geben, dass Messvorgänge -in Analogie zur Messung von Hirnströmen -das Objekt der Messung im Moment der Messung verändern. Das Wohlbefinden eines Individuums ist aber, unabhängig von Freude und Leid, in einem dynamischen Prozess befindlich und nicht statisch fassbar. Interpersonale Messungen von Wohlbefinden sind dann, sofern man dieses Argument akzeptiert, nicht viel mehr als theoretische Konstrukte bzw. im Falle einer Messung Momentaufnahmen, die keinen Aufschluss über den tatsächlichen Wohlbefindensprozess einer Gesellschaft geben können. Um hier Erkenntnisse zu bekommen, müsste die Messung -unabhängig von der Definition von Wohlbefinden -dynamisiert werden. Einen derartigen Versuch starteten kürzlich Dolan und White. Ziel ihrer Forschung war die Verbindung von Erwartungsindikatoren mit Erfahrungsindikatoren. Ihre zentrale Annahme besteht darin, dass diese Indikatoren unterschiedliche Aspekte von Wohlbefinden auf unterschiedlichen Stufen des Wohlbefindens-Prozess ,anzapfen'. Nach Meinung der Autoren beeinflussen unsere einzelnen Erfahrungen, und wie wir sie interpretieren, direkt antizipierte zukünftige Ereignisse. Somit beeinflusst die Phase der Bewertung direkt die Phase der Erwartung. (Dolan und White 2006) Der utilitaristische Ansatz der Wohlfahrtsökonomie mit seinem vergleichsweise eindimensionalen Nutzenbegriff wurde auch dafür kritisiert, unpraktikabel zu sein, weil die Information, die für seine Messung notwendig wäre, nicht verfügbar ist. Daher muss sich auch Sen die Kritik gefallen lassen, dass ein differenzierteres Wohlfahrtskonzept möglicherweise nicht in die Praxis umzusetzen ist und als ökonomischer Ansatz der Forderung der feasibility (Machbarkeit) nicht nachkommen kann (etwa Brennan 1993). Allerdings ist Sen der Ansicht, dass Nicht-Nutzeninformation -er nennt als Beispiel etwa gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder Rawls' primary goods -wesentlich leichter zu bekommen sind (Sen 1979b, 549). Im Zusammenhang mit dem CA wird auf diese Kritik dennoch zurückzukommen sein. 96
2.5.5. Das Problem des Pareto-Kriteriums Nach der Zurückweisung interpersoneller Nutzenvergleiche und somit des Prinzips des größten Glücks der größten Zahl, musste ein neues Kriterium zur Bewertung sozialer Zustände und also ein Werturteil eingeführt werden, um die Wohlfahrtsökonomie am Leben zu erhalten. Zu diesem Zweck wurde das nach dem italienischen Ökonomen Vilfredo Pareto 74 ( 1848-1923) benannte ParetoPrinzip herangezogen, das eine Veränderung dann als positiv bewertet, wenn ein Individuum besser gestellt werden kann, ohne ein anderes schlechter zu stellen. Analog wird von Pareto-Optimalität gesprochen, wenn ein Zustand erreicht ist, in dem kein Individuum mehr besser gestellt werden kann, ohne ein anderes schlechter zu stellen. Obwohl es sich beim Pareto-Kriterium um ein Werturteil handelt, spricht man zumeist von der vielleicht „schwächsten Forderung" 75 , da es sehr allgemein formuliert ist und daher breite Zustimmung findet. Es wird unterstellt, dass sich die Begriffe „schlechter gestellt" und „besser gestellt" in der Formulierung des Pareto-Kriteriums dabei auf das individuelle Urteil beziehen, womit die in Betracht gezogene Veränderung auf Basis der subjektiven Beurteilung jedes Einzelnen dieser Veränderung bewertet wird. Dies widerspricht allerdings der mikroökonomischen Annahme, dass Individuen nur mit ihrem eigenen Konsum befasst sind, und unterstellt, dass Individuen auch Präferenzen hinsichtlich der Einkommensverteilung in der Gesellschaft haben (Johansson 1991, 4 ). Pareto-Optimalität wurde oft als "one of the most important concepts of welfare economics" (Ng 1979, 31) bezeichnet. Da das Kriterium ein schwaches Werturteil ist, wurde es häufig mit anderen Werturteilen kombiniert. Zugleich wurde es immer auch heftig attackiert, wozu es nach Ansicht mancher Autoren nur kommen kann, wenn man das Prinzip irreführend interpretiert und zusätzliche Annahmen zugrunde legt, da die dahinter stehende Ethik ("a change is desirable if it makes someone better off without making others worse off') kaum abgelehnt werden kann (ebd.). Dennoch möchte ich mich nun der Kritik am Pareto-Prinzip im Allgemeinen und Sens Ausführungen dazu im Speziellen widmen. Sens Kritik am Pareto-Prinzip richtet sich erneut gegen die Grundlage des Nutzenkonzepts, das die Basis des Prinzips bildet. So wird Pareto-Optimalität häufig mit „ökonomischer Effizienz" gleichgesetzt. Dieser Gebrauch des Terminus ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn Effizienz sich auf den Nutzen bezieht und Verteilungsaspekte dieses Nutzens außer Acht lässt. Die Wohlfahrtsökonomie begibt sich auf diese Weise in eine "narrow box". Ihre Möglichkeit interessante 74 Pareto war Ökonom, Soziologe und Ingenieur und gilt gemeinhin als Vertreter der Lausanner Schule der Neoklassik. Bekannt wurde er vor allem mit seinen soziologischen Schriften zu den Themenkreisen „Ideologiekritik", ,,politischer Systemwechsel" und „Elitenkreislauf'. Seine wichtigsten Werke sind Allgemeine Soziologie (1916) und Manuel d'Economie Politique (1906) 75 Eine faktische oder wertende Annahme wird als schwach bezeichnet, wenn durch sie nicht viel „angenommen" wird und Akzeptanz daher wahrscheinlich ist (Ng 1979, 31). 97
Aussagen zu treffen, wird Sens Ansicht nach, durch Pareto-Optimalität als einziges Kriterium der Beurteilung sozialer Zustände und der Annahme der Eigennutzmaximierung als Basis für (ökonomische) Entscheidungen, stark eingeschränkt. Ein wichtiger Lehrsatz der Wohlfahrtsökonomie in diesem engen Korsett ist das so genannte ,,Fundamentale Theorem der Wohlfahrtsökonomie". Dieses Theorem setzt die Ergebnisse eines Marktgleichgewichts bei vollkommener Konkurrenz zur Pareto-Optimalität in Relation. Hier wird gezeigt, dass unter bestimmten Bedingungen jedes Wettbewerbsgleichgewicht zugleich Pareto-optimal ist bzw. jeder Pareto-optimale Zustand zugleich ein perfektes Marktgleichgewicht ist. Für Sen ist dies ein bemerkenswert elegantes Ergebnis, das zudem tiefe Einsichten in die Funktionsweise des Preismechanismus gibt, indem es die wechselseitigen Vorteile von Handel, Produktion und Konsum auf Basis der Verfolgung von Eigeninteresse erklärt (Sen 1987, 34f). Dennoch kann hier ein wichtiger Kritikpunkt vorgebracht werden: "Despite its general importance, the ethical content of this welfare economic result is, however, rather modest. The criterion of Pareto optimality is an extremely limited way of assessing social achievements, so that the part of the result which claims that a perfectl y competitive equilibrium, under the specified conditions, must be Pareto optimal, is correspondingly limited." (Sen 1987, 35) Die umgekehrte Behauptung, dass jeder Pareto-optimale Zustand für eine bestimmte Ausgangsverteilung ein allgemeines Gleichgewicht impliziert, scheint Sen ansprechender, weil die Annahme vernünftiger anmutet, dass der beste Zustand zumindest Pareto-optimal sein muss, sodass dieser auch durch den Wettbewerbsmechanismus erreicht werden können muss. Für die Anwendung im öffentlichen Bereich stellt sich freilich immer das Problem der Informationsbeschaffung. Während die Wohlfahrtsökonomie dem Konzept des Marktgleichgewichts eine wichtige Rolle zuschreibt, strebt Sen ein solches in seiner Arbeit nicht an. Er argumentiert zudem, dass eine Bewegung von einem Paretooptimalen zu einem nicht-Pareto-optimalen Zustand nicht zwangsläufig zu einer Reduktion des aggregierten Nutzens führen muss (Rauhut und Hatti 2005, 286). Das Pareto-Optimum, so lässt sich Sens Position zusammenfassen, ist kein geeignetes Instrument, um soziale Probleme hinreichend zu analysieren: ,,Die Pareto-Optimalität bedeutet also nur, daß es keine Verbesserung gibt, die einen besser stellt, ohne irgendeinen anderen schlechter zu stellen. Wenn die Massen der Armen nicht besser gestellt werden können, ohne den Überfluß der Reichen zu beschneiden, dann wäre die Situation trotz der Disparität zwischen reich und arm paretooptimal." (Sen 1975, 19) Die Kritik an der limitierten Fähigkeit des Pareto-Kriteriums, soziale Zustände zu bewerten, ist freilich nicht neu. Eine dieser Schwächen zeigt sich etwa darin, dass das Prinzip nicht dazu verwendet werden kann, Veränderungen zu beurteilen, von denen manche profitieren, während andere verlieren. Kaldor führte daher einen Kompensationstest (compensation test) ein, der besagt, dass eine Veränderung wünschenswert ist, wenn die Gewinner die Verlierer hypothetisch für 98
ihre Verluste entschädigen (Kaldor 1939). Demnach trägt eine Aktivität zu Pareto-Optimalität bei, wenn der maximale Betrag, den die Gewinner zu geben bereit sind, den minimalen Betrag, den die Verlierer zu akzeptieren bereit sind, übersteigt. Die tatsächliche Entschädigung wird hier nicht gefordert. Weder das Pareto-Kriterium, noch der Kompensationstest erfordern interpersonelle Nutzenvergleiche von Individuen, "instead we look at individuals' ranking, in terms of better than or worse than, of different social states" (Johansson 1991, 5). Allerdings können viele Veränderungen auch durch einen Kompensationstest nicht beurteilt werden. So liefert der Kompensationstest häufig widersprüchliche Ergebnisse. Sen kritisiert daher neben anderen (Scitovsky 1941, Samuelson 1950, Gorman 1955) die Inkonsistenz, zu der der Kompensationstest führt. Ein grundlegenderes Problem scheint ihm allerdings die potentielle Entschädigung und er gibt zu bedenken " [ ... ] why the mere possibility of compensating the losers should be adequate to establish a social improvement even if the compensation is not, in fact, to be paid". Es mutet geradezu ironisch an, dass sich unter den Verlierern möglicherweise die Elendsten einer Gesellschaft befinden und ihnen mitgeteilt wird, dass eine Entschädigung ihrer Schlechterstellung zwar möglich ist, dies aber tatsächlich nicht zur Diskussion steht. Wenn andererseits die Verlierer wirklich entschädigt werden, dann ist das Gesamtergebnis eine Pareto-Verbesserung. In diesem Fall wäre ein Kompensationstest als Ergänzung zum Pareto-Prinzip allerdings nicht mehr notwendig: "So the compensation criteria are either unconvincing or redundant. The Pareto principle can scarcely be extended to cover judgments of distribution without actually making interpersonally comparative distributionaljudgments." (Sen 1987, 33) Kritik an Kaldors Kompensationstest war zuvor schon von Baumol ( 1946) und Little ( 1957) vorgebracht worden. ,,Die Annahme Kaldors, schon Kompensationsmöglichkeit kennzeichnet die neue Situation als besser, folgt nach Little aus der Verkennung der unterschiedlichen Einkommensbedeutung für Arm und Reich" (Ehlert 1968, 19). In einer anderen Hinsicht, und hierauf zielt ein weiterer Kritikpunkt Sens, lässt sich das Pareto-Prinzip als schwache Form des welfarism interpretieren. Während im welfarism Nicht-Nutzeninformationen allgemein für die Beurteilung sozialer Wohlfahrt unnötig sind, kann man auf diese in der paretianischen Wohlfahrtsökonomie nur in dem speziellen Fall verzichten, in welchem die Nutzenordnungen aller Individuen übereinstimmen. Wenn jeder Einzelne mehr Nutzen aus x als aus y generiert, dann ist jede weitere Information obsolet. Das ParetoPrinzip erklärt dann den Zustand x dem Zustand y als sozial überlegen. So zeigt Sen am Beispiel „persönliche Freiheit", dass die Forderung nach NichtNutzeninformation sich sowohl gegen welfarism als auch gegen das ParetoPrinzip richtet. Es stellt sich heraus, dass das Pareto-Prinzip mit einer relativ milden Forderung nach persönlicher Freiheit inkompatibel ist. Freiheit benötigt notwendigerweise die Einbeziehung von Nicht-Nutzeninformationen. Sen stellt klar, dass die Bevorzugung libertärer Rechte nicht unter allen Umständen er99
wünscht ist, in manchen Fällen aber sinnvoll sein kann (Sen 1979b, 550). Die Absicht ist es, jedem Individuum zumindest eine soziale Entscheidung zuzugestehen. Dies ist die schwache Liberalismusbedingung. Als Beispiel nennt Sen die Streichung der eigenen Wände mit rosa Farbe. Sen formuliert nun ein allgemeines Theorem, das besagt, dass es keine soziale Entscheidungsfunktion gibt, die zugleich folgende drei Bedingungen erfüllt: "Condition U (unrestricted domain): Every logically possible set of individual orderings in the domain of the collective choice rule [ ... ) Condition P: If every individual prefers any alternative x to another alternative y, then society must prefer x to y [ ... ) Condition L (Liberalism): For each individual /, there is at least one pair of alternatives, say (x, y), such that if this individual prefers x to y, then society should prefer x to y, and if this individual prefers y to x, then society should prefer y to x." (Sen 1970a, 153) Sen versucht zudem unter Beweis zu stellen, dass die Bedingungen auch dann nicht erfüllt werden können, wenn die Liberalitätsbedingung weiter abgeschwächt wird und sich nunmehr auf zwei Individuen bezieht. Sen geht es in dieser Beweisführung vor allem darum, zu zeigen, dass selbst ganz grundlegende liberale Wertvorstellungen mit dem Pareto-Prinzip in Konflikt geraten. So müssen sich also Ökonomen, die das Pareto-Prinzip ernst nehmen seiner Konsistenzprobleme mit liberalen Werten bewusst sein (Sen ebd., 157). Eine Konsequenz des Liberalitätsparadoxons wäre die Verwerfung des Pareto-Prinzips. Man könnte argumentieren, dass nicht nur die bloße Präferenz eines Individuums von Bedeutung ist, sondern auch die Ursache dieser Präferenz. Beispielsweise könnten Präferenzen ignoriert werden, die aus einer besonderen Neigung erwachsen, anderen gute Ratschläge für ihr eigenes Wohl zu erteilen. Dagegen kann eingewendet werden, dass der kollektive Entscheidungsmechanismus nicht mit komplizierter Information, wie Kausalitäten von individuellen Präferenzordnungen, operieren kann. ( 1970, 84f) Der Beweis, den Sen in The Impossibility of a Paretian Liberal bringt, blieb freilich nicht unwidersprochen. So richteten sich etwa Beiträge von Ng ( 1971) und Hillinger und Lapham ( 1971) gegen Sens formale Definition von Liberalismus: "[ ... ] liberalism does not mean that one may do whatever he likes; one is permitted to do anything he likes only if he does not significantly affect others. The remaining possible Pareto inefficiency due to the practice of liberalism may be regarded as a cost of enforcement ofthe general rule." (Ng 1971, 1400) Osborne (1975, 1283) fügt dem hinzu, dass selbst wenn die Definition von Liberalismus akzeptiert wird, die Behauptung eines Konflikts zwischen Liberalismus und Pareto-Kriterium nicht hält 76 • Diese Kritik stützt sich jedoch auf einen ganz bestimmten Freiheitsbegriff, den die New Welfare Economics traditionellerweise ,negativ' verwendet: "[ ... ] justification of an exclusive reliance on market allocations has been based upon an appeal to one type of liberty, of the negative 76 weitere Beiträge zu dieser Debatte: Bernholz (1974), Blau (1974), Peacock und Rowley (1972), Gibbard (1974), Seid) (1975), Farell (1976), Sen (1975, 1976), Stevens und Foster (1978) u.a. 100
kind [ ... ] and it has been argued that market transactions are expression of negative freedom" (Dasgupta 1986, 26 zit. nach Rauhut und Hatti 2005, 287). Das Liberalitätsparadox ist freilich schon Teil einer anderen, mit der Wohlfahrtsökonomie eng verwandten Disziplin: der Social Choice Theorie, auf die hier allerdings nicht weiter eingegangen werden soll. 2.5.6. Verteilung und Ungleichheit Fragen der Einkommensverteilung und der mit ihr im Zusammenhang stehenden Ungleichheit der Gesellschaft, sind wichtiger Bestandteil der Wohlfahrtsökonomie. Die Ansätze, die zur Messung und Beurteilung von Verteilungsproblemen und Ungleichheit herangezogen wurden, sind vielfältig, die Literatur kaum überschaubar und wildwüchsig. Dies war nicht immer so in der Wohlfahrtsökonomie und das Thema wurde lange vernachlässigt. In diesem Abschnitt kann ich mich nur einem kleinen Ausschnitt des Problems widmen und werde wiederum versuchen, die zentralen Kritikpunkte Sens nachzuzeichnen und anschaulich zur wohlfahrtsökonomischen Debatte in Beziehung zu setzen. Wozu setzt sich die Wohlfahrtstheorie überhaupt mit einer optimalen Verteilung bzw. mit Ungleichheit auseinander? Während Kaplow argumentiert, dass Ungleichheitsmessung für normative Zwecke nicht notwendig ist, da direkte soziale Wohlfahrtsmaße einer solchen überlegen und zudem leichter abzuleiten sind (Kaplow 2005), ist Einkommensverteilung nach Meinung anderer Autoren vor allem deshalb von Bedeutung, um die Frage, bei welcher Güterverteilung ein Allokationsoptimum erreicht werden kann, zu beantworten (Külp und Knappe 1984, 77). Damit setzt sich die Diskussion, ob Wohlfahrtsökonomie normativ oder positiv ist, auch in der Ungleichheitsbetrachtung fort. Während einerseits aus der Identifikation des Verteilungsoptimums politische Empfehlungen abgeleitet werden sollen, halten andere allein deskriptive Aussagen zur Verteilung für brauchbar. Für Sen ist indes unstrittig, dass Ungleichheit sowohl präskriptive als auch beschreibende Komponenten hat. So kann das Konzept kaum von seiner deskriptiven Bedeutung losgelöst werden. Dieser Dualismus hat seiner Ansicht nach schwerwiegende Konsequenzen für die „ethische Messung" von Ungleichheit. Die Schwierigkeit, rein deskriptive Ungleichheitsmaße beispielsweise auf individuelle Wohlfahrtsdaten anzuwenden, besteht darin, dass das Ausmaß, in dem man Wohlfahrtinformation messen kann, wesentlich geringer ist, als etwa jenes von Einkommensdaten (Sen 1977a, 87). Daher beschränkt sich die deskriptive Sicht von Ungleichheit zumeist auf diese. Auch durch die Bedingung rein ordinaler Wohlfahrtsvergleiche wird die Anwendung von deskriptiven Standardmaßen der Wohlfahrtsungleichheit verunmöglicht, da jede Aussage zu deskriptiver Ungleichheit willkürlich würde, zumindest solange vollständige Rangordnungen 101
verlangt sind. Sen argumentiert daher für so genannte partielle Rangordnungen, die durch eine Lorenz-Dominanz-Relation77 gegeben sind. Wie bereits in 2.5.2. besprochen, wird etwa von der älteren Wohlfahrtsökonomie unter Annahme des abnehmenden Grenznutzens eine egalitäre Einkommensverteilung gefordert. Dem liegt die Annahme gleicher Nutzenfunktionen und produktionsniveauneutraler Umverteilungsprozesse zugrunde, sodass die Gesamtsumme der Einkommen aller Individuen durch Redistribution nicht beeinflusst wird. Es lässt sich „auf diese Weise so lange durch weitere Redistributionen ein Nutzenzuwachs für die gesamte Volkswirtschaft erzielen, als das Einkommen der jeweils belasteten Personen größer ist als das Einkommen der begünstigten Personen" (Külp und Knappe 1994, 79). Damit besteht das Nutzenmaximum bei vollkommener Gleichverteilung. Diesem Ansatz liegen allerdings sowohl kardinale Messung als auch interpersonelle Vergleiche zugrunde. Hier treten nun unterschiedliche Probleme auf. Sens Kritik an gleichen Nutzenfunktionen aller Individuen wurde bereits angesprochen. Durch diese kann aber beispielsweise verschleiert werden, dass bereits die geringste Zunahme der Gesamtnutzensumme dazu dienen würde, selbst Verteilungsungleichheiten der eklatantesten Art auszugleichen. Die utilitaristische Gleichheitsforderung ist für Sen überhaupt nur eine zufällige Entdeckung, da die Grenznutzen gleichgesetzt werden und somit auch die Gesamtnutzen bei gleichen Nutzenfunktionen identisch sind. Vor dieser Kritik steht aber Sens radikale Ablehnung der Bedingung gleicher Nutzenfunktionen: "This is, however, egalitarianism by serendipity: just the accidental result of the marginal tail wagging the total dog. More importantly, the assumption would be frequently violated, since there are obvious and well-discussed variations between human beings. John may be easy to please, but Jeremy not. If it is taken tobe an acceptable prior-principle that the equality of the distribution of total utilities has some value, then the utilitarian conception of equality -marginal as it is -must stand condemned." (Sen 1980, 202) Tatsächlich vereinfacht diese Annahme zu stark und somit hätte auch die Anerkennung individueller Heterogenität schwerwiegende Konsequenzen für den utilitaristischen Ansatz. Werden die Unterschiede in der Betrachtung berücksichtigt, so hat dies mitunter zur Folge, dass auch die Betrachtung der gleichen Grenznutzen und der gleichen Gesamtnutzen auseinander fällt. Während die erste eine Interpretation der gleichen Behandlung von Bedürfnissen widerspiegelt, bezieht sich die zweite auf eine Interpretation der Gleichbehandlung der Gesamtinteressen. Mitunter, lässt sich zusammenfassend sagen, führt das utilitaristische Konzept zu grotesken Ergebnissen. Wenn beispielsweise ein Krüppel A aus einem gegebenen Einkommensniveau nur halb soviel Nutzen ziehen kann, wie eine Person B, dann würden die Utilitaristen nach ihrer Verteilungslogik B 77 Eine Einkommensverteilung y' heißt nach dem Kriterium der Lorenz-Dominanz gleichmäßiger als die Einkommensverteilung y, wenn die Lorenzkurve von y' nie unter der Lorenzkurve von y verläuft. 102
2.5.7. Armut und Armutsmessung in der Wohlfahrtsökonomie Auch zur Analyse von Armut und ihrer Messung kann die Wohlfahrtsökonomie mit ihrem Standardinstrumentarium wenig beitragen. So fehlt ihr etwa vollkommen die Fähigkeit, Aussagen über Armutsursachen treffen zu können. Mit dem Pareto-Kriterium steht die äußerst schwache Forderung, dass die Ärmsten durch (wirtschaftliche, politische, etc.) Veränderungen nicht schlechter gestellt werden dürfen. Auch durch die unterschiedlichen sozialen Wohlfahrtsfunktionen lässt sich hier nicht viel analysieren, da sie wiederum nur auf Nutzeneinheiten fokussieren und Fragen der Gerechtigkeit u.a. systematisch ausblenden. Die soziale Wohlfahrtsfunktion (in welcher Form auch immer) ist zudem auf eine Dimension gerichtet, somit kann eine Analyse von Armut und Wohlfahrt als multidimensionales Phänomen gar nicht durchgeführt werden (Bergh 2005, 305). Außerdem macht der Verzicht auf interpersonelle Vergleiche die Armutsanalyse schwierig und lässt lediglich eine absolute Sicht von Armut zu. Diejenigen Ökonomen, die sich dennoch auf Basis der Wohlfahrtsökonomie mit Armut auseinandersetzten, mussten ihr Instrumentarium erweitern, um überhaupt zu vernünftigen Aussagen zu kommen. Auch hier sei einmal mehr auf Atkinson hingewiesen, mit dessen Studien zu Armut in Europa und seiner Entwicklung von Sozialindikatoren für die EU ich mich weiter unten auseinanderzusetzen habe. Sen befasst sich erstmals in den 70er Jahren mit der Problematik der Armutsmessung, bevor er sich schließlich mit dem Thema intensiv seit Beginn der 80er Jahre bis heute auseinandersetzt. Hierauf soll aber erst in Kapitel 4.2. näher eingegangen werden. 2.6. Abschließende Bemerkung Was in diesem Teil veranschaulicht werden sollte, ist einerseits die Entwicklung der Wohlfahrtsökonomie aus dem Utilitarismus und zum zweiten die Kritik Sens an (i) den utilitaristischen Prämissen, (ii) dem Nutzenkonzept in all seinen Erscheinungsformen und (iii) der eingeschränkten Informationsbasis der Wohlfahrtsökonomie. Im ersten Teil, in dem die philosophischen Wurzeln von Sens Ansatz untersucht wurden, versuchte ich zu zeigen, dass Sen seine Theorie auf einem differenzierten Bild des Menschen bauen möchte, wie ihn Aristoteles und Smith verstanden haben. In der Wohlfahrtsökonomie und im Utilitarismus ist dieses Menschenbild abhanden gekommen und übrig blieb ein verkümmertes, auf wenige Eigenschaften reduziertes Kunstwesen, das die soziale Wirklichkeit unzureichend widerspiegelt. Das ist es aber nicht allein, was den zentralen Punkt der Sen'schen Kritik ausmacht. Was er auf hohem abstraktem Niveau angreift, ist die Unzulänglichkeit der utilitaristischen Methode (die der Wohlfahrtsökonomie zugrunde liegt), wichtige soziale Probleme zu analysieren. Ökonomische Ungleichheit und Armut werden von Sen als strukturelle und alarmierende gesellschaftliche Probleme auch und gerade der industrialisierten entwickelten 109
Länder begriffen und minutiös der wissenschaftlichen Analyse unterworfen. Sen nimmt die Kritik, die von außen an die ökonomische Theorie herangetragen wird, nämlich, dass sich diese Disziplin in zunehmenden Maß mit abstrakten Detailproblemen auseinandersetzt und den Kontakt zur wirklichen Welt längst verloren hat, ernst. Sein Anspruch liegt in der Entwicklung von Lösungen realer und drängender Fragen. Dies ist das Leitmotiv in seiner Arbeit und darauf lässt sich letztlich auch seine Kritik reduzieren: Welche Möglichkeiten bieten die utilitaristischen Instrumente der Wohlfahrtsökonomie, das Nutzenmodell etc. zur Evaluierung realer Probleme und welche Schwächen sind diesen Konzepten immanent? Damit ist die Antwort meines Forschungsinteresses, inwiefern Sens Theorie eine radikale Abkehr der Standardökonomie darstellt, auf den Weg gebracht. Ein Teil der Beantwortung liegt in der Kritik Sens selbst. Zwei Schritte, die für den weiteren Verlauf der Arbeit wichtig sind, wurden in diesen ersten beiden Teilen gesetzt: Erstens die Einordnung Sens in eine philosophisch-ökonomische Tradition und zum zweiten die Darstellung und Interpretation seiner grundlegenden Kritik an der utilitaristischen und paretianischen Wohlfahrtsökonomie. Auf dieser Basis ist es nun möglich, Sens Konzeption systematisch zu analysieren und vom Blickwinkel der Armutsproblematik aus einer kritischen Auseinandersetzung zu unterziehen. Orientierung und Kritik bilden somit den Ausgangspunkt für Sens Alternative, die nun einfach nachvollzogen werden kann. Es deutet sich hier allerdings bereits an, dass Sen den Pfad der Wohlfahrtsökonomie nicht allzu weit verlässt. Wie sich zeigen wird, ist auch sein CA letztlich in dieser Disziplin verankert und funktioniert nach ihrer Logik. Sen geht es nur bedingt um einen radikalen Paradigmenwechsel. Sein Anspruch -und dieser Begriff ist der Drehund Angelpunkt in Sens Theorie -ist es, die Informationsbasis zu erweitern. Zu diesem Zweck muss er freilich vorerst zeigen, inwiefern diese im utilitaristischen Ansatz zu eingeschränkt ist. Seine Anmerkungen zu welfarism, consequentialism und sum-ranking geben darüber, wie in 2.3 gezeigt wurde, Aufschluss. Atkinson honoriert diese Bemühungen wie folgt: "By emphasizing the richness of human motives, the institutional complexities of development, the subtleties of social goals, he has stimulated research on topics that take one weil beyond narrow textbooks boundaries. [ ... ] Finally, Sen has been willing to tackle uncomfortable subjects, and to challenge conventional economics. Indeed he does so with relish." (Atkinson 1999, 188) Im Folgenden wird nun Sens eigener Ansatz und die Prämissen, die er diesem voranstellt, vorgestellt und schließlich einer systematischen Kritik unterzogen. Schlüsselbegriffe wie Rationalität, Freiheit und Gerechtigkeit spielen hierbei eine nicht unwesentliche Rolle und bilden die Grundlagen für das Konzept der Capabilities. Sodann kann zu meinem zweiten Forschungsinteresse, inwiefern nämlich dieser Ansatz als Basis für die Messung von Armut in der EU herangezogen und welche Komponenten hierfür ergänzt werden müssen, übergeleitet werden. 110
III. SENS KONZEPTION EINER ÖKONOMIE FÜR DIE MENSCHEN 3.1. Einleitung Im dritten Teil dieser Arbeit, soll nun Sens Konzeption einer „Ökonomie für den Menschen" vorgestellt und einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Im vorangegangen Teil II wurden hierfür die Grundlagen gelegt. Sens Kritik des Utilitarismus und der Wohlfahrtsökonomie sind wichtige Elemente im Verständnis seines holistischen Theoriegebäudes. Dieses kann meines Erachtens in zwei grobe, miteinander verwobene Teile untergliedert werden, nach denen sich der Aufbau dieses Teils richten soll. Zum ersten ist da Sens Verhaltensmodell, mit dem er an neoklassischen Konzepten anknüpft, grundlegende Annahmen der Neoklassik allerdings verwirft. Sen ist darum bemüht, dem Menschen als komplexes Wesen mit mehrdimensionaler Entscheidungsstruktur in der Verhaltensanalyse gerecht zu werden und karikiert den Homo Oeconomicus in einem berühmt gewordenen Aufsatz (Sen 1977) als "rational fool". Sein Hauptkritikpunkt richtet sich hierbei auf das Konzept instrumenteller Rationalität, das den Menschen auf einen mechanistischen Maximierungsautomaten reduziert. Maximiert wird das Eigeninteresse dieser rationalen Maschine, die weder Ethik, noch soziale Normen kennt. Den Fokus legt Sen auf Inhalt und Struktur von Entscheidungen. In der Standardökonomie werden diese anhand von Präferenzordnungen erklärt. Der Wahlakt steht dabei für die Bekundung genau jener impliziten Präferenz, die das Wohlbefinden bzw. Eigeninteresse des Entscheidungsträgers maximiert. Für Sen ist dies eine unhaltbare Hypothese. In Kapitel 3.2.1. und 3.2.2. sollen nun einleitend Rationalitätsund Präferenzkonzept der Standardökonomie vorund der Kritik Sens gegenübergestellt werden. Kapitel 3.2.3. untersucht Sens Bemühung, das neoklassische Verhaltensmodell zu erweitern und den Begriff der Rationalität umzudefinieren. Dabei geht es ihm vorerst um eine Einbindung des Wahlakts in den sozialen und normativen Kontext des Individuums (3.2.3.2.). In weiterer Folge müssen zudem unterschiedliche Inhalte der Motivation berücksichtigt werden. Sen führt zu diesem Zweck die Begriffe Sympathy, Commitment (3.2.3.3.) und später ldentity (3.2.3.4.) ein und erweitert die unmittelbare Präferenzordnung um eine weitere Ebene, die MetaPräferenzordnung (3.2.3.5. ). Den zweiten großen Brocken des Sen'schen Theoriegebäudes bildet sein Capability-Approach (fortan CA), der als Evaluierungsrahmen für gesellschaftliche und ökonomische Arrangements konzipiert ist. Hier werden eingangs die zentralen Begrifflichkeiten -Capabilities und Functionings (3.3.2.) sowie Well-being und Agency (3.3.4) -geklärt und ihre Funktionen in Sens Modell untersucht. 111
Außerdem wird in diesem Unterkapitel Sens Unterscheidung von Freiheit (zu etwas) und Verwirklichung (achievement) (von etwas) eingeführt (3.3.5.), die mit dem Dualismus von Capabilities und Functionings korrespondiert. Während das einzig normative Kriterium der Wohlfahrtsökonomie das Pareto-Prinzip ist, kommt mit der Einführung des Capability-Konzepts Sens Absicht einer stärkeren Bewertung der states of affairs zum Ausdruck. Zentrum des Ansatzes ist der Mensch an sich. Ein ökonomisches System muss danach bewertet werden, welche grundsätzlichen Freiheiten und Möglichkeiten der Verwirklichung es dem Einzelnen eröffnet. Sen erachtet diesen Aspekt der Freiheit als intrinsischen Wert, der selbst nicht mehr der Zweck-Mittel-Logik des Homo Oeconomicus unterworfen werden kann. Im letzten Kapitel des Teils III schließlich (3.4.), geht es um die Frage des normativen Fundaments des CAs. An dieser Stelle wird Gerts Theorie der Moralität erörtert und für ihre Einbeziehung in den Capability-Rahmen argumentiert. Damit soll das offene Modell normativ abgedichtet und als moralischer Evaluierungsrahmen etabliert werden. Dieser Schritt ist nicht zuletzt eine Restriktion des Freiheitsbegriffs innerhalb des CAs, die sich als notwendig erweist, um den eigenen Prämissen gerecht zu werden. Einleitend soll nun aber auf Sens ökonomisches Verhaltensmodell und seiner Kritik an den konventionellen Definitionen der Begriffe Rationalität und Präferenzen eingegangen werden. 3.2. Das ökonomische Verhaltensmodell bei Sen 3.2.1. Rationalität 3.2.1.1. Grundlegendes Der Begriff der Rationalität spielt in der ökonomischen Theorie seit jeher eine wesentliche Rolle und ist einer der zentralen Begriffe ihres Verhaltensmodells. Sen setzt sich in unterschiedlichen Arbeiten mit der Rationalitäts-Annahme kritisch auseinander und versucht, das Konzept aus seiner Rigidität zu lösen, um es in einen breiteren Zusammenhang zu stellen. Er und andere Kritiker des Rational Choice Ansatzes (Elster (1979, 1983), Foley (2006), Hamilton (1999. 2000), Hirschman (1982), Olson (1965), Schelling (1984), u.v.a) versuchen dadurch ein realitätsnäheres Menschenbild zu entwerfen, das der Heterogenität, Komplexität und vielschichtigen Natur des Menschen gerechter wird und dieses in der ökonomischen Theorie zu verankern. Die Konzepte Sens, die in diesem Kapitel diskutiert werden, beziehen sich u.a. auf seine Arbeiten On Ethics and Economics (1987a) und Rationality and Freedom (2002a), sowie auf den erstmals 1977 erschienen Beitrag Rational Fools, aber auch andere Artikel wie Behaviour and the Concept of Preference ( 1973), Rationality and Social Choice ( 1995). 112
Das Konstrukt des rationalen Akteurs ist in der modernen Ökonomie äußerst einflussreich und bildet gewissermaßen das Fundament ihres Theoriegebäudes 83 . Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort rationalitas (Denkvermögen) ab und wird auf unterschiedlichste Art bestimmt. Verstand Descartes unter Rationalität noch die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Kant das Vermögen der autonomen Gesetzgebung, wird im ökonomischen Zusammenhang im Allgemeinen zumeist eine Ziel/Mittel-Beziehung und die Bewertungen dieser Beziehung unterstellt84. Im Speziellen verbirgt sich hinter dem Begriff in der ökonomischen Theorie die Annahme, dass ökonomisches Verhalten aus Handlungen von Individuen besteht, die darauf gerichtet sind, durch konsistente Auswahl ihre Zielfunktionen zu maximieren (Ramb 1993, 5). In den ausgeklügelten Modellen der rationalen Wahl, wird dem Individuum eine Zielmenge unterstellt und eine Handlung als rational bewertet, weil sie diejenige ist, durch die diese Ziele am besten erreicht werden. Es handelt sich um einen instrumentellen Begriff, da es um die Wahl des optimalen Mittels zur Erreichung eines vorgegebenen Zwecks geht. Häufig wird darauf hingewiesen, dass sich die philosophischen Grundlagen des instrumentellen Rationalitätsbegriff bei Hume finden (Pauer-Studer 2006). Während eine direkte Verbindung der modernen Ökonomie zu Hume und zur schottischen Aufklärung bestimmt gezogen werden kann, sehen andere Autoren (etwa Kliemt 2001), die Rational Choice Theorie bei Spinoza begründet. 85 ; 86 83 Rationalität als Grundlage der Ökonomie folgt vor allem der Tradition der politischen Philosophie, wie sie von Hobbes und Locke begründet wurde. Politische und ökonomische Organisationen werden demnach als notwendiges Ergebnis der Interaktion natürlicher rationaler Individuen interpretiert, die sich im Widerstreit um knappe Ressourcen befinden. Foley (2003, 1) fasst dies folgendermaßen zusammen: "The whole point of the Hobbes-Locke ,discourse' (to use the jargon of post-modernism) is to rationalize the existing inequalities of power and economic well-being that arise from the institutions of modern society as being unavoidable consequences of the interaction of naturally constituted rational individuals confronting each other as equals, given the natural and unalterable conditions of human existence. Economic science has a place in this grand project onl y insofar as it can relate itself to the same philosophical foundations." 84 Auch Kant kennt allerdings instrumentelle Rationalität, die bei ihm im hypothetischen Imperativ zum Ausdruck kommt. 85 Folgendes Zitat wird von Kliemt angeführt, das Spinoza als den ersten Rational Choice Theoretiker entlarven soll: "Now it is a universal law of human nature that no one ever neglects anything which he judges to be good, except with the hope of gaining a greater good, or from the fear of a greater evil; nor does anyone endure an evil except for the sake of avoiding a greater evil, or gaining a greater good. Thal is, everyone will, of two goods, choose that which he thinks the greatest [ ... ] and of two evils, that which he thinks the least. I say advisedly that which he thinks the greatest or the least, for it does not necessarily follow that he judges right. This law is so deeply implanted in the human mind that it ought tobe counted among the eternal truths and axioms. [ ... ) As a necessary consequence of the principle just enunciated, no one can honestly forego the right which he has over all things, and in general no one will abide by his promises, unless under the fear 113
3.2.1.2. Die Kritik der instrumentellen Vernunft Viele Autoren stimmen darin überein, dass das Konzept einer instrumentellen Rationalität angepasst werden und vor allem dem Faktor der Unsicherheit bei Entscheidungsfindungen größere Bedeutung eingeräumt werden muss. Diese Vorschläge gehen häufig mit einer grundlegenden Kritik am Konzept der instrumentellen Rationalität einher. Das Individuum, so wird argumentiert, ist klar sozial eingebunden und seine Handlungen sind wesentlich offener und kreativer, als das instrumentelle Modell unterstellt (Hargreaves Heap 1993). Das Konzept der instrumentellen Rationalität wurde als mangelhaft empfunden. Aus diesem Grund suchte man nach erweiterten Inhalten des Begriffs, die das Individuum in ein unentwirrbares Geflecht sozialer Prozeduren, Regeln und Normen setzen und die gemeinsamen Prozeduren und die inneren Inkonsistenzen, die der Akteur fühlt, interpretieren 87 • Gary Becker, einem Pionier der Rational Choice Theorie (fortan RCT) zufolge, kann alles menschliche Verhalten als nutzenmaximierend betrachtet werden (Becker 1976) 88 • Wie ist der Begriff nutzenmaximierend aber zu verstehen? Deutet er auf maximierendes Verhalten generell hin, oder handelt es sich speziell um die Maximierung der Erfüllung von Eigeninteresse? Diesem Unterschied wird in der modernen Ökonomie, vor allem durch den Einfluss der Revealed Preferences, in der Nutzen lediglich als der Maximand einer Person definiert wird, keine Beachtung geschenkt. Zur Verteidigung der RCT führt Sen die of a greater evil, or the hope of a greater good ... Hence though men make promises with all the appearances of good faith, and agree that they will keep to their engagement, no one can absolutely rely on another man's promise unless there is something behind it. Everyone has by nature a right to act deceitfully, and to break his compacts, unless hebe restrained by the hope of some greater good, or the fear of some greater evil." (Spinoza, 1670/ 1951, Theological political treatise) 86 Andere Definitionen von Rationalität verkomplizieren die Beziehung zwischen Handlung und Zielen. Handlung wird hier als Entscheidung für oder Erforschung und Kreation von Zielen interpretiert und nicht als die Wahl des effektivsten Mittels zur Erreichung vorgegebener Ziele. Menschen sind dieser Definition folgend nicht vollständig entschlossen, weniger autonom aber aktiver. Modelltheoretisch lässt sich dieses Verständnis von Rationalität freilich schwieriger darstellen (Hargreaves Heap et al 1992, 1). 87 Hargreaves Heap warnt allerdings vor einer einseitigen Interpretation des Rationalitätsbegriffs: "lt would be foolish, however, to claim that fully formed additional senses of rationality have emerged in economics or to claim that there is no rote for instrumental rationality. Nevertheless, it would be equally foolish to ignore the seeds of these alternative visions in the literature." (Hargreaves Heap 1993, 87) 88 Becker verfolgt damit einen radikalen Ansatz, der menschliches Verhalten prinzipiell als ökonomisches Maximierungsverhalten interpretiert. Ein Individuum handelt diesem Verständnis zufolge ausnahmslos instrumentell-rational und nutzenmaximierend. Becker wies in seinen Beiträgen auf den Nutzen der Ehe für das Individuum oder den Nutzen von Kindern für ihre Eltern hin. Seine bekanntesten Werke sind The Economic Approach to Human Behavior (1976) und Human Capital: A Theoretical and Empirica/ Analysis, with Special Reference to Education (1993). 114
Notwendigkeit an, systematische Erklärungen für Regelmäßigkeiten im menschlichen Verhalten, die in einem Maximierungs-Rahmen integriert werden können, bereitzustellen. Er kritisiert auf der anderen Seite die Ausblendung wichtiger Motivationen und Entscheidungsgrundlagen, die u.a. Adam Smith und Immanuel Kant analysiert haben. Sen nennt den Begriff Rational Choice Theory daher auch irreführend, weil sich dahinter eine ,kümmerliche Sicht von Vernunft und Rationalität' verbirgt (Sen 2005, 5). Wenn moralisch oder sozial begründetes Verhalten in der RCT berücksichtigt wird, dann geschieht dies unter Anwendung komplexer instrumenteller Argumente, die letztlich wieder mit durch Selbstinteresse geleitetem Verhalten verknüpft werden. Auswahlverhalten, das auf moralischen oder sozialen Prinzipien beruht, wird in diesem Rahmen als intelligentes Verfolgen von egoistischen Zielen interpretiert: "This has given the explanatory role of RCT an almost forensic quality, focusing on the detection of hidden instrumentality, rather than any acknowledgement of direct ethics." (Sen 2002a, 28) Sen streitet die Aussagekraft eines solchen Modells ab und plädiert für die Einbeziehung von ethischen Motivationen in das Rationalitätskonzept, die seines Erachtens für die Analyse menschlichen Verhaltens unerlässlich sind. Er argumentiert zudem, dass der Rationalitätsbegriff inhärente Unschärfen bzw. Mehrdeutigkeiten aufweist, die sowohl mit als auch ohne Unsicherheit auftauchen. Sen kritisiert nicht das Konzept per se, sondern seinen Universalitätsanspruch. Dabei räumt er ein, dass eine Kritik moderner Ökonomie zwar auf der Gleichsetzung tatsächlichen Verhaltens mit rationalem Verhalten aufbauen kann, die gegenteilige Annahme, nämlich jene von Irrationalität in menschlichen Handlungen, allerdings zu noch größeren Irrtümern führen kann, oder wie Wiesenthal ( 1987, 9) formuliert: ,,Ist Rationalität erwiesenermaßen kein generell geltendes Leitprinzip der Entscheidungsfindung, so ist es Irrationalität erst recht nicht." Zwei wesentliche Punkte stellt Sen seiner Kritik des orthodoxen Rationalitätskonzepts voran: "First, it is possible that a view of rationality may admit alternative behaviour pattems, and when that is the case, the assumption of rational behaviour alone would not be adequate in pinning down some 'required' actual behaviour, even with the ultimate objectives and constraints fully specified. Second, the issue of identifying actual behaviour with rational behaviour (no matter how rationality of behaviour is defined) must be distinguished from the issue of the content of rational behaviour as such. [ ... ] The two together have been utilized to characterize the nature of actual behaviour through the twin process of: (1) identifying actual behaviour with rational behaviour; and (2) specifying the nature of rational behaviour in rather narrow terms." (Sen 1987a, llf) In der ökonomischen Theorie wird der instrumentelle Rationalitätsbegriff unterschiedlich definiert. So fokussiert Sen, der das Konzept der Rationalität als breites Feld verstanden wissen will, auf zwei Inhalte, die seiner Meinung nach Ausdruck eines reduktionistischen Denkens sind: 1.) Rationalität als innere Konsistenz von Entscheidungen 115
2.) Rationalität als Maximierung des Eigeninteresses Der erste Ansatz beurteilt die Beziehung zwischen Wahlentscheidungen in unterschiedlichen Situationen und vergleicht, was aus unterschiedlichen Alternativen ausgewählt wird. Die Anforderung der Folgerichtigkeit betrifft aber nur die Wahl selbst und stellt keine Beziehung nach außen her. Das bedeutet, dass verschiedene Wahlhandlungen verglichen werden, statt die jeweilige Auswahl mit ihrem Ziel zu vergleichen. Axiome der „inneren Konsistenz" wie etwa das Axiom der bekundeten Präferenz (Revealed Preference) sind der Wahlfunktion insofern inhärent, als sie keine Beziehung nach außen herstellen, sondern ausschließlich Korrespondenz zwischen unterschiedlichen Teilen einer solchen Funktion erfordern (Sen 1993b, 495). "A person who always chooses the things he values least and hates most would have great consistency of behaviour, but he can scarcely count as a model of rationality. Thus the internal consistency view fails altogether as a sufficient condition of rationality. But can it, nevertheless, make sense as a necessary condition?" (Sen 2002a, 20) Auch diese Frage verneint Sen. Der Ansatz ist seines Erachtens grundlegend falsch, da konsistentes Verhalten unbedingt anhand der Motivation des Entscheidungsträgers beurteilt werden muss. Würde man aber eine solche Beziehung herstellen, wäre die Bedingung der inneren Konsistenz verletzt. Der Punkt ist, so Sen, dass es keine innere Möglichkeit gibt zu entscheiden, ob ein bestimmtes Verhaltensmuster konsistent ist oder nicht. Insbesondere versagen die Konsistenz-Bedingungen bei Wahlentscheidungen mit unvollständigen Präferenzen oder bei Entscheidungen, die trotz nicht gelöster innerer Konflikte getroffen werden müssen. Das Konzept scheitert auf allen Ebenen, konzeptionell wie praktisch: "Statement A and not-Aare contradictory in a way that choosing x from {x, y} and y from { x, y, z} cannot be. If the latter pair of choices were to entail respectively the statements (1) x is a better alternative than y, and (2) y is a better alternative than x, than there would indeed be a contradiction here (assuming that the content of 'being better than' requires asyrnrnetry). But those choices do not, in themselves, entail any such statements. Given some ideas as to what the person is trying to do so (this is an external correspondence), we might be able to 'interpret' these actions as implied statements. But we cannot do that without invoking such an external reference. There is no such thing as purely internal consistency of choice." (Sen 1993b, 499)89 Der zweite Ansatz, der Rationalität als die Verfolgung von Eigeninteresse versteht, hatte erheblichen Einfluss in der vorherrschenden Schule der modernen Ökonomie. Seine Annahmen vereinfachen auf radikale Weise die Modellierung ökonomischen Verhaltens. Im Gegensatz zur ersten Interpretation erfordert dieser Ansatz aber eine externe Beziehung zwischen den Entscheidungen, die eine Person trifft und ihrem Eigeninteresse. Dennoch ist auch an dieser Interpretation 89 Ausführlich bespricht Sen die Problematik der „inneren Konsistenz" in seinem Aufsatz Interna/ Consistency o.fChoice (1993). 116
vieles zu kritisieren. Sen fragt, warum es ausschließlich rational sein sollte, dem eigenen Interesse zu folgen. Zu argumentieren, alles andere als die Maximierung egoistischer Ziele müsse irrational sein, erscheint erstaunlich. Diese Sicht menschlichen Handelns blendet ethisches Verhalten systematisch aus und trennt es von den Wertvorstellungen der Individuen. Ein Ziel erreichen zu wollen, von dem begründeterweise angenommen werden kann, es sei optimal, kann freilich Rationalität beinhalten ohne notwendiger Weise auf Eigeninteresse gerichtet zu sein. Es ist daher sinnvoller anzunehmen, Menschen würden tatsächlich egoistische Ziele verfolgen, als Rationalität unbedingt mit der Maximierung dieser Ziele gleichzusetzen (Sen 1987 a, 18). Universale Selbstsucht als Erfordernis für Rationalität ist in Sens Augen völlig absurd: "To try to use the demands of rationality in going to battle on behalf of the standard behavioural assumptions of economic theory (to wit, actual self-interest maximisation) is like leading a cavalry charge on a lame donkey." (Sen, 1987a, 18) Sen argumentiert, dass diese beiden Standardansätze der Rationalität unzureichend sind, da sie der Rolle der Vernunft nicht genügend und vor allen Dingen keine explizite Aufmerksamkeit schenken. Vernunft erfordert, so Sen, möglicherweise mehr als bloße Konsistenz. Auf der anderen Seite gibt es in der Standardliteratur kein hinreichendes und überzeugendes Argument, warum die Vernunft einer Person ausschließlich in der Verfolgung ihrer Eigeninteressen bestehen soll: "The intemal consistency approach can bring in reasoning only indirectlyonly to the extent (andin the form) that is allowed by the nature of the consistency conditions imposed. The self-interest approach refuses to admit reasoned choice to pursuit of any goals other than self-interest. Both approaches seil reasoning very short indeed, in characterising rationality." (Sen 1985a, 110) 3.2.2. Präferenzen und Entscheidungen 3.2.2.1. Grundlegendes Das Konzept der Präferenzen ist eng mit der Rationalitätsbedingung in Verbindung zu sehen und dient der modernen Mikroökonomie aber auch moralphilosophischen Ansätzen als Grundlage der Analyse von menschlichem Verhalten. Wichtige Wurzeln hat das Konzept in der Nutzentheorie sowie in der Spieltheorie. Zudem bildet es die Basis für unterschiedliche Entscheidungstheorien, etwa für die Rational, aber auch für die Social Choice Theory, mit denen sich Sen eingehend auseinandergesetzt hat. Da sich hinter den Begriffen Präferenzen und Auswahl eine ungeahnte Menge an Literatur verbirgt, die bereits 1938 durch Samuelsons Aufsatz A Note on the Pure Theory of Consumer's Behaviour in Gang kam und sich in unterschiedlichen Disziplinen verzweigt hat90, kann und 90 etwa in der Consumer's Choice Theory, der Wohlfahrtsökonomie, der Theorie der Firma, etc. 117
soll hier nur ein äußerst grober und lückenhafter Überblick über das Konzept und speziell Sens Auseinandersetzung damit und seine Beiträge dazu gegeben werden. Ganz unerwähnt darf Sens Beschäftigung mit dem Thema freilich nicht bleiben, da auch diese einen Teil der Grundlagen seines alternativen Ansatzes bildet und die Grundbegriffe daher zum weiteren Verständnis erläutert werden müssen. Warum ist Sen an individuellen Präferenzrelationen interessiert? Zum ersten hält er das Konzept für die Analyse von kollektiven Entscheidungsprozessen für wichtig, weil die Wirkungsweise unterschiedlicher Regeln des kollektiven Auswahlverfahrens stark von der Anordnung individueller Präferenzordnungen abhängt. Umgekehrt werden auch die individuellen Präferenzen durch die gesellschaftliche Natur beeinflusst. Wiederum bewegt sich Sen hier im Rahmen der Standardökonomie und versucht erneut ihr enges Korsett aufzubrechen und Konzepte zu entwickeln, in denen beispielsweise tatsächliche Präferenzen von moralischen Präferenzen unterschieden werden können. So kann eine Person etwa die Ansicht vertreten, den Partner zu hintergehen sei moralisch falsch, während sie zum gleichen Zeitpunkt für ihren Nachbarn entflammt und innerhalb eines bestimmten ( oder auch längeren) Zeitraums die Alternative „den Nachbarn begatten" der Alternative „mit dem Partner Pilze suchen" vorzieht, eine Präferenz, die gewissermaßen auf Willensschwäche -Sen spricht von akrasia -zurückzuführen ist. Um ein Beispiel zu wählen, das näher an unserem Thema liegt: Jemand ist zwar prinzipiell für die Linderung von Armut von staatlicher Seite, gleichzeitig bevorzugt er aber einen geringeren Einkommenssteuersatz gegenüber einem höheren. Hier wird die Geschichte freilich komplizierter. Sen geht es darum, den Menschen nicht losgelöst als "insular economic man persuing his self-interest to the exclusion of all other considerations" (Sen 1970, 6) zu begreifen, sondern seine Handlungsweisen und Entscheidungen in Wechselwirkung mit seinem sozialen Umfeld zu interpretieren. Drei allgemeine Punkte lassen sich Sens spezifischer Kritik, die im nächsten Kapitel erörtert wird, voranstellen: 1. Interpretationsambiguität von Präferenzen: Präferenzen scheinen keine festgelegte Bedeutung zu haben und wurden in der Literatur unterschiedlich interpretiert (z.B. Wünsche, Werte, binäre Relationen etc.). Sen führt an, dass die Standardökonomie alle Bedeutungen als kongruent betrachtet. Diese vielfache Deutung des Begriffs hat ihren Grund darin, dass sich alle Interpretationen am Individuum als relevanten Entscheidungsträger ausrichten. Diese Ähnlichkeit der Konzepte ist ein wichtiger Punkt, löscht die unterschiedliche Bedeutung der Ansätze aber nicht aus, die sich schließlich auf ganz unterschiedliche Aspekte des Individuums beziehen. 91 91 "A theory of human behavioreven on economic matters -calls for much more structure and many more distinctions." (Sen 2002a, 304) 118
können. Die Motive variieren dabei von Selbstinteresse über Altruismus bis hin zur Angst der sozialen Stigmatisierung und schließlich sozialer Verantwortung und dem Respekt vor allgemeinen gesellschaftlichen Regeln. Während soziale Verantwortung freilich als ultimative Präferenz interpretiert werden kann, wird spätestens hier deutlich, dass die Gleichsetzung von Präferenz und Wohlergehen kaum mehr aufrechtzuerhalten ist und das dualistische System von Auswahl, Präferenz und Präferenz und Wohlergehen aufgegeben werden muss. Im folgenden Kapitel wird daher nochmals auf das Konzept der Metapräferenzen eingegangen, dass Sen zur Lösung dieses Problems anbietet. 3.2.3. Sens Erweiterung des ökonomischen Verhaltensmodells 3.2.3.1. Rationalität im Verständnis Sens Ausgangspunkt des Sen'schen Rationalitätsbegriffs bildet die oben erörterte Kritik der instrumentellen Vernunft, die mitunter zu recht grotesken Ergebnissen führen kann, wie folgendes Beispiel noch einmal veranschaulichen soll: "Consider a person whom we find busy cutting off all his toes with a blunt knife. We ask him why he is being so imprudent, and he replies that it is indeed his goal to get rid of his toes because that is what he 'feels like'. 'Have you examined', we ask him, 'what the consequences of not having any toes would be?' He replies, 'No, I have not, and I am not going to, because cutting off my toes is definitely what I desire; it is my principal objective and I understand I am entirely rational so long as I pursue my objective intelligently and systematically. "' (Sen 2002a, 39) Wir benötigen daher, neben der intelligenten und systematischen Verfolgung von gegebenen Zielen ein weiteres Kriterium für Rationalität. Ansonsten müsste auch der Heckenschütze, der die Anzahl seiner willkürlich ausgewählten Opfer zu maximieren versucht, als einwandfrei rational betrachtet werden. Für Sen macht ein solcher Rationalitätsbegriff aber keinen Sinn. Er fordert daher die Präferenzen und Ziele einer kritischen Beurteilung und Überprüfung zu unterziehen. Neben dieser Anforderung müssen zudem die anderen Werte und Prioritäten überprüft werden, die nicht direkt von den expliziten Zielen erfasst werden. Beispielsweise können wir aufgrund von sozialen Gegebenheiten Restriktionen auferlegen, die unsere Ziele verändern. Rationalität erfordert daher nach Sen, dass sowohl unsere Ziele als auch unsere Werte (die sich nicht direkt auf diese Ziele beziehen) einer genauen Überprüfung und Beurteilung standhalten. Vernünftigerweise kann ein Individuum demnach auch nach der Logik oder den Zielvorstellungen einer Gruppe handeln und wird nicht aus seinem sozialen Kontext isoliert. Zusammenfassend stellt Sen fest, dass die Definition von Rationalität als Maximierungsaufgabe wichtig für das Verständnis eines großen Teils der RCT ist, die Vernunft jedoch weiter reicht und eine kritische Überprüfung der Ziele und Werte, die jedem Maximierungsverhalten zugrunde liegen, erfordert. Ethische Überzeugungen können schließlich auch zu einer selbst auferlegten Einschränkung führen. Ein Umstand, der unbedingt berücksichtigt wer125
den muss (Sen 2002a, 42). Sens Definition von Rationalität fasst Pressman wie folgt zusammen: "But Sen does not want tobe just critical. More constructively, he proposes a pragmatic view of rationality. Being rational has to do with ref!ecting about one's options and the consequences of one's actions, and having good reasons for one's choices. Having good reasons for one's decisions is the essence of rationality for Sen." (Pressman 2003, 122) Um daher eine Entscheidung als rational bezeichnen zu können muss ihr "systematic reasoning and scrutinized choice" vorausgehen. Maximierungs verhalten ist für Sen bestenfalls eine notwendige, niemals jedoch eine hinreichende Bedingung für Rationalität, da diejenige Person, die sich mit einem stumpfen Messer ihre Zehen abschneidet, in keinem Konzept als rational erachtet werden sollte: "Rationality cannot be just an instrumentell requirement for the pursuit of some given - and unscrutinized -set of objectives and values." (Sen 2002a, 39) Sens Verständnis von Rationalität ist im Kern ein ethisches. Rationalität besteht seines Erachtens nicht lediglich in der Wahl des „besten" Mittels zur Erreichung eines Ziels. Die Ziele selbst müssen ethisch reflektiert werden. Rationale Überlegung ist "an intermediate process between the identification of a problem and alternatives for addressing it, and the practical choices itself' (Marin 2005, 303). Für Sen wird die empirische Frage, wie das tatsächliche Verhalten einer Person zu ihrem Verständnis von Rationalität steht, vom Standardansatz nicht behandelt. Man kann daher sagen, dass Sen in der Traditionen derjenige steht, die Rationalität als reflexiven Prozess verstanden und sie tatsächlich als praktische Vernunft aufgefasst haben, die sie in der ökonomischen Theorie nur mehr ansatzweise ist. Zusammenfassend kann Sens Rationalitätsbegriff wie folgt charakterisiert werden: "First, it is to be framed with reference to plausible 'ends' of development rather than means or procedures. [ ... ] Secondly, the rational scrutiny is to be a kind of critical reflection on the kind of society or culture that people value. [ ... ) Critical reflection means the examination of existing customs and traditions and the value of continuing them, as weil as examination of possible innovations that will change them. Thirdly, ethical rationality is to engage public discussion and judgment [ ... ] as a means of generating appropriate weights." (Alkire 2002, 92) 3.2.3.2. Der Wahlakt Der Wahlakt (= das Entscheidungsmoment) ist jener Moment, in dem in der Standardökonomie Präferenz und Rationalität zusammenfallen. Rationalerweise wird jeder Akteur gemäß diesem Ansatz jene Alternative wählen, der er den Vorzug gibt. Im Augenblick der Wahl maximiert der Akteur demnach seinen eigenen (erwarteten) Nutzen. Somit kommt dem Auswahlakt in der Analyse von Maximierungsverhalten fundamentale Bedeutung zu. Hinzu kommt die Unausweichlichkeit oder mögliche Dringlichkeit der Entscheidung. Ein Entschei126
dungsträger muss gegebenenfalls innere Konflikte austragen, bevor die Entscheidung getroffen wird, da er häufig nicht vollständig über alle Folgen seiner Handlung informiert ist und sich somit am Punkt des Wahlaktes einer unvollständigen Ordnung seiner Präferenzen gegenübersieht. Sen macht zu dieser grundsätzlichen Problematik einige Anmerkungen: "The influence of the choice act on preferences, and in particular the dependence of preference on the identity of the chooser, can go with rather different motivations and may have several alternative explanations. The comprehensive descriptions may be relevant in quite different ways and for quite distinct reasons." (Sen 1997c, 747) Als Erklärungsansätze kämen (i) Reputation und indirekte Effekte (z.B. Erwartung zukünftiger Vorteile auf Basis eines „guten Rufes") (ii) soziale Verpflichtung und moralische Imperative (iii) direkte Wohlfahrtseffekte (Wohlergehen einer Person kann direkt durch ihre Entscheidung beeinflusst werden) und (iv) konventionelle Verhaltensregeln infrage. Sen geht es darum zu zeigen, dass je nach Art der Situation der Entscheidungsprozess unterschiedlich zu bewerten ist. Die treibende Kraft der Entscheidung bedarf daher einer Analyse. Während Verhaltensregeln in der Erklärung mancher Autoren evolutionär bedingt sind (Hayek 1980), muss auch die bewusste Verfolgung einer bestimmten Ethik hierbei in Betracht gezogen werden. Sens Absicht ist wiederum ein breiteres Präferenzkonzept, das mitunter auch das Verständnis von Spielen und Strategien erhöhen kann. Somit gewinnen Verhaltensregeln und das common knowledge über Normen Bedeutung. Hier spielt vor allem auch der Begriff Verantwortung eine Rolle, der auf unsere Wahl hemmend oder fördernd wirken kann, jedenfalls aber berücksichtigt werden muss, um überhaupt verstehen zu können, wie es zum Wahlakt kommt. Auf der anderen Seite mag auch die ,Herde' ihren Einfluss auf unsere Wahlmomente üben. Sich einer Herde anzuschließen, so Sen, macht den Wahlakt weniger bestimmt und deutlich (Sen 1997c, 751). Zwei Einflusstypen auf Wahlakte, die eng mit dem Auswahlprozess zusammenhängen, unterzieht Sen in Maximization and the Act of Choice ( 1997 c) einer genaueren Analyse: (i) Wählerabhängigkeit (chooser dependence) und (ii) Menüabhängigkeit (menu dependence). Wählerabhängigkeit besagt, dass Entscheidungsträger durch unterschiedliche Verhaltenseinflüsse -wie oben dargestellt - Wahlakte setzen, die nicht notwendigerweise ihrer Maximalpräferenz entsprechen. Sen nennt das Beispiel des Apfelkorbes der herumgereicht wird. Der letzte Apfel im Korb wird häufig abgelehnt werden, da man nicht der Unbescheidenheit oder ähnlichem bezichtigt werden möchte. Allerdings spielt hier auch häufig der Begriff Verantwortung eine Rolle, die auf Vertrauen beruht. Menüabhängigkeit bedeutet, dass Entscheidungen von der Anzahl der Alternativen und der Art und Weise, wie diese dargeboten werden, abhängen. Logischerweise kann man sich nicht für eine Kaktusfeige entscheiden, wenn lediglich eine Kaki und eine Mispel zur Auswahl stehen. Dahinter steht aber, wie Broussolle erläutert, ein anderes Problem: Eine Frau, die sich zwischen einer Kaki und einer Mispel - um bei unserem Beispiel zu bleiben -für eine Mispel entscheidet, 127
könnte sich in einer anderen Situation, in der alle drei genannten Friichte zur Auswahl stehen, aber für eine Kaki entscheiden. Dies wäre allerdings inkonsistent, da hier die Konsistenzbedingung im Standardansatz verletzt wird (Broussolle 2005, 608t). Es lassen sich etliche ähnliche Fallbeispiele konstruieren, die alle in einer Verletzung einer Bedingung enden. Die Menüabhängigkeit wird nämlich vom Schwachen Axiom, das Samuelson vorgeschlagen hat, ignoriert. Ein Aspekt, den Sen im Zusammenhang mit der Menüabhängigkeit hervorhebt, ist die Möglichkeit der Autonomie: Beurteilt man die Autonomie einer Person, ist es nicht ausreichend, die tatsächliche Wahl aus mehreren Alternativen dieser Person in Betracht zu ziehen, es geht auch um die Möglichkeit dieser Wahl selbst. Andererseits können wir durch das Auswahlmenü Erkenntnisse erlangen und aus einer nicht vollständig informierten Situation heraus mehr über den Vorgang und die Hintergrunde selbst erfahren. Sen, der immer ein anschauliches Beispiel parat hat, formuliert so: "For example, if invited to tea (t) by an acquaintance you might accept the invitation rather than going home ( 0), that is, pick t from the choice over { t, 0), and yet turn the invitation down if the acquaintance, whom you do know very weil, offers you a wider menu of either having tea with him, or some heroin and cocaine (h), that is, you may pick 0, rejecting t, from the !arger set {t, h, 0}. The expansion of the menu offered by this acquaintance may teil you something about the kind of person he is, and this could affect your decision even to have tea with him." (Sen 1997c, 753) Außerdem kann das eigene Menü zur Beurteilung der Möglichkeiten anderer Personen herangezogen werden und bildet somit ebenfalls eine Erkenntnisquelle. Dem Argument, dass Menüabhängigkeit zwar faktisch richtig ist, bei individuellen Entscheidungen aber keine Rolle spielt, da das Individuum eine Entscheidung aus einem gegebenen Menü treffen muss und nicht zwischen Menüs zu entscheiden hat, entgegnet Sen zweierlei: Erstens ~ibt es Wahlsituationen, die unsere zukünftigen Wahlmöglichkeiten beeinflussen 5 und die etwa bei strategischen Entscheidungen von Bedeutung sind. Zweitens geht es nicht darum, inwiefern der Entscheidungsträger selbst involviert ist, sondern ob Menüabhängigkeit in der Analyse von Entscheidungsverhalten beriicksichtigt werden soll (Sen 2002a, 171). Wichtig ist hier, dass das Menü die Rangordnung der Präferenzen verändern kann, was für die Voraussage von Entscheidungsverhalten wesentlich ist. Es kann festgehalten werden, dass, um Wahlakte verstehend interpretieren zu können, in jedem Fall der Prozess, in dem die Entscheidung stattfindet als auch das die Auswahl bestimmende Menü beriicksichtigt werden müssen. Zusätzlich beeinflusst häufig die Notwendigkeit der Wahl, auch unter nicht vollständiger Rangordnung der Alternativen, die Entscheidung. Wer die Entscheidung zu treffen hat, spielt genau so eine Rolle, wie unter welchen Umständen sie getroffen wird und welche Kombination von Alternativen zur Verfügung steht. Dieselbe 95 siehe etwa Kreps (1979), Koopmans (1964) 128
Präferenzrelation kann dieselben Elemente (x, y, z) unterschiedlich reihen. Dies im Auge zu behalten ist wichtig für das Verständnis einer rationalen Wahl und von Maximierungsverhalten. Schließlich ist der Wahlakt besonders wichtig, wenn die Entscheidung im Interesse anderer getroffen wird. Sen unterstreicht, dass das Vorhandensein von auf Vertrauen basierender Verantwortung erfordert, dass bestimmte Standardaxiome der Choice Theory aufgrund der Bedeutung der Wahlakte neu formuliert werden müssen. Er zeigt zudem, dass Verantwortungsund Pflichtgefühl gegenüber anderen häufig die Form selbst auferlegter Beschränkungen der Wahlmöglichkeiten annehmen, anstatt -wie häufig postuliert wird -in binären Präferenzrelationen inkorporiert zu werden. Selbst auferlegte Beschränkungen hinsichtlich der Wahl können allerdings durch konstruierte binäre ,als-ob' -Präferenzen in einem menüabhängigen (im Gegensatz zu einem menüunabhängigen) Format dargestellt werden, wie Sen in zwei formalisierten Theoremen zeigt (Sen 1997c, 770). Die Unterschiede, die durch diese Beschränkungen entstehen, können jedenfalls sowohl für die ,,Psychologie" der Wahl als auch grundlegend für ökonomisches, politisches und soziales Verhalten wichtig sein. 3.2.3.3. Sympathy und Commitment Die Allgegenwärtigkeit selbstsüchtigen Verhaltens als Motor menschlicher Handlung und Entscheidung scheint Sen also eine fragwürdige Annahme zu sein. Sie mündet letztlich darin, den Menschen als rational fool, als rationalen Narren zu sehen, der unfähig ist, die unterschiedliche Bedeutung von Begriffen wie persönliches Wohlbefinden, privates Eigeninteresse, Ziele und Pläne, individuelle Werte oder unterschiedliche Gründe, für etwas, das jemand vernünftigerweise wählt, zu verstehen. Somit wird implizit die Freiheit der Gedanken verleugnet. Rationalität hängt von Freiheit ab und zwar nicht nur, weil rationale Wahl ohne Freiheit der Wahl inhaltsleer wäre, sondern auch weil ein Rationalitäts-Konzept die Verschiedenheit von Gründen, die vernünftigerweise eine Wahlentscheidung beeinflussen können, enthalten muss. Freiheit muss sodann auf einer überlegten Beurteilung zweier unterschiedlicher Optionen basieren. Sen nennt dies den grundlegenden Gebrauch von Rationalität zur Wertschätzung der Freiheit. In den traditionellen Rational Choice-Ansätzen wird Freiheit Sens Ansicht nach implizit verleugnet. Den Menschen in der beschriebenen Weise auf einen Mechanismus zu reduzieren, sodass es für ihn keinen Unterschied mehr zwischen privatem Eigeninteresse, persönlichem Wohlbefinden, Zielen und Plänen, individuellen Werten oder unterschiedlichen Gründen für sensible Entscheidungen gibt, heißt, ihn unfrei zu machen und ihn als rationalen Narren zu charakterisieren. 129
Sen unterscheidet zwischen unterschiedlichen Präferenzen. Er führt die Unterscheidung von Sympathy und Commitment 96 ein. Sympathy beschreibt jenes Gefühl, das aufkommt, wenn die Sorge um andere, direkt das eigene Wohlbefinden betrifft. Commitment hingegen kann als ethisches Gefühl charakterisiert werden. Das Wissen um Folter in Nordkorea mag mein persönliches Wohlbefinden zwar nicht direkt beeinträchtigen, dennoch halte ich die Folter in diesem Land für falsch. Handlungen, die auf Commitment beruhen, können als nicht-egoistisches Verhalten klassifiziert werden. Dies führt zu Komplexität in der Analyse dieses Verhaltensmusters. Motivation hingegen, die auf Sympathy beruht, kann als egoistisch interpretiert werden. Sie setzt die Wohlfahrt unterschiedlicher Personen in Verbindung. So kann das Wohlergehen meines Bruders beispielsweise direkten Einfluss auf mein eigenes Wohlergehen haben. Anders Commitment, das meine Entscheidung mit meiner zukünftigen Wohlfahrt in Verbindung bringt: Eine Wahlhandlung etwa, die aus zwei Alternativen, jene auswählt, von der geringere Wohlfahrt zu erwarten ist, kann auf der Grundlage von Commitment getroffen worden sein. Darunter fallen keine Handlungen, die aufgrund von Informationsmangel gegen das Eigeninteresse gesetzt werden. Kompliziert wird die Analyse des Wahlverhaltens, wenn eine Entscheidung zwar auf Basis von Commitment getroffen wird, mit der Maximierung des erwarteten persönlichen Wohlfahrtsniveaus aber zusammenfällt. In diesem Fall muss das Konzept in einen breiteren Rahmen gestellt werden: "This broader sense may have particular relevance when one acts on the basis of a concern for duty which, if violated, could cause remorse, but the action is really chosen out of the sense of duty rather than just to avoid the illfare resulting from the remorse that would occur if one were to act otherwise. (Of course, even the narrower sense of commitment will cover the case in which the illfare resulting from the remorse, if any, is outweighed by the gain in welfare)." (Sen 1982, 92) Bezieht man den Faktor Unsicherheit (die erwartete Wohlfahrt betreffend) in das Konzept ein, bedarf die Definition von Commitment einer Modifikation: Diese hängt von der Reaktion des Individuums auf die Unsicherheit ab. Commitment schließt hier eine Handlung ein, die zu geringerer erwarteter Wohlfahrt führt, als eine verfügbare Alternative, auch jene Wahlentscheidungen, die entgegen der eigenen Präferenzen getroffen werden. Hier wird die herrschende Annahme durchbrochen, dass die gewählte Alternative für den Entscheidungsträger besser sein muss, als die vernachlässigte. Erwiese sich dies als signifikant, so Sen, müssten viele ökonomische Modelle neu formuliert werden. Commitment entspringt der Moral, der Religion, politischen oder ethischen Grundsätzen und ist dadurch charakterisiert, dass es den Strang zwischen persönlicher Wahl und persönlichem (erwarteten) Wohlbefinden durchtrennt. Die traditionelle ökonomische Theorie beruht auf der Gleichsetzung dieser Termini. Akzeptiert man Commitment als möglichen Inhalt einer Wahlhandlung, wird der 96 siehe auch Kapitel 1.4.1. 130
grundlegende Unterschied zwischen Wahlverhalten und Wohlfahrt deutlich. Der Glaube, dass Individuen als freie und rationale Akteure in der Lage sind, anders zu handeln, als es die Verfolgung des persönlichen Wohlergehens zuließe, wurde -wie erwähnt -unter anderen von Adam Smith vertreten (Sen 1994a, 386). Mit den hier vorgestellten Konzepten versucht Sen den „ökonomisch-rationalen Akteur" aus seiner Abgeschiedenheit (privacy) zu entlassen, da diese Konzeption des Individuums sowohl empirisch unrealistisch als auch theoretisch irreführend ist. Dennoch müssen hinsichtlich dieser Privacy einige Aspekte unterschieden werden, die in der Standardökonomie oft unsauber auseinander gehalten werden: Sen unterscheidet (i) self-centered welfare: das persönliche Wohlergehen hängt einzig vom eigenen Konsum ab und involviert nicht Sympathie oder Antipathie für andere, (ii) self-welfare goal: das einzige Ziel des Akteurs, ist die Maximierung seiner eigenen Wohlfahrt (Wohlfahrt anderer hat hier keine unmittelbare Bedeutung) und (iii) self-goal choice: jeder Entscheidungsakt einer Person wird umgehend von der Verfolgung des eigenen Ziels geleitet. Die drei Aspekte müssen unterschieden werden, weil sie sich mitunter gegenseitig ausschließen. Beispielsweise kann ein persönliches Ziel soziale Gerechtigkeit sein und somit das Axiom self-welfare goal verletzen, während es andererseits sowohl (i) als auch (iii) entsprechen kann. Auf der anderen Seite kann eine Entscheidung von Zielen anderer Personen geleitet sein und sich somit gegen selfgoal choice richten. Verhalten, das auf Sympathy beruht, verletzt hingegen Axiom (i), das explizit die Einbeziehung der Wohlfahrt anderer ausschließt. Commitment wiederum kann sich gegen self-goal choice, das persönliche Ziele in den Vordergrund stellt, richten. Pflichtgeleitetes Verhalten besteht gerade in einer Selbstbeschränkung. (Sen 1985d, 348f)97 Die praktische Bedeutung von Commitment sieht Sen etwa in der Diskussion über die optimale Allokation öffentlicher Güter aber auch in einer Reihe von anderen ökonomischen Zusammenhängen, wie etwa bei Problemen der Arbeitsmotivation. Hierbei spielen soziale Bedingungen eine wichtige Rolle. Sen verdeutlicht, dass viele Probleme in diesem Bereich damit zu tun haben, dass Arbeitsmotivation außerhalb eines Systems von Belohnung und Strafe und die Existenz von Commitment und sozialen Beziehungen in der Arbeitswelt in traditionellen Modellen vernachlässigt werden. Ethik und Moral haben hier eine große Bedeutung und können nur in einem kulturellen Kontext verstanden werden. Bestrebungen einer Organisationsleitung, ungeachtet dieser Einflussvariablen, ein Anreizsystem einzig und allein auf Basis der persönlichen Gewinnmaximierung zu etablieren, werden im luftleeren Raum verpuffen (Sen 1977). 97 Zu einer ausführlichen Kritik von Sens Commitment-Konzept siehe Khalil (1999). 131
3.2.3.4. Identität In seiner jüngsten Monografie Identity and Violence (2006) überarbeitet Sen sein Identitäts-Konzept, das die Motivationsstruktur des Individuums um eine zusätzliche Komponente anreichern soll und von ihm u.a. in Goals, Commitment, and Identy (1985d) und in Reason Before ldentity (1998) entwickelt wurde. Mit dem Konzept der Identität bestärkt Sen seinen Anspruch, die Ökonomie mit einer vielschichtigen Verhaltenstheorie zu unterfüttern und einmal mehr gegen die vereinfachende Annahmen des selbstzentrierten Individuums anzukämpfen. Zwar räumt er ein, dass wir eine kanonische Struktur brauchen, die einfach genug ist, um in theoretischen und empirischen Analysen Verwendung zu finden. Dennoch ist zugleich eine Annahmenstruktur erforderlich, die sich nicht völlig gegen die reale Welt richtet. Wir müssen die Notwendigkeit eines anspruchsvollen Urteils einsehen, indem wir die Komplikationen, die ohne zu große Verluste vermieden werden können, von den Komplexitäten unterscheiden, die für eine vernünftige und brauchbare Analyse nicht außer Acht gelassen werden dürfen (Sen 2002a, 206f). Zwei wichtige Eigenschaften von Identität hebt Sen hervor: Zum ersten müssen Identitäten als plurale Identitäten verstanden werden, die nebeneinander existieren können. Die Bedeutung einer Identität bzw. ihr Gewicht zerstört die andere nicht, die neben ihr existieren kann. Zweitens muss bestimmt werden, in welchem Zusammenhang welche Identität Vorrang bekommt. In der ökonomischen und gesellschaftlichen Analyse wurden diese Punkte Sen zufolge aber zu wenig berücksichtigt, weshalb es auch hier oft zu unterschiedlichen Arten von Reduktionismus kam: Zum einen wird der Begriff der Identität vollends vernachlässigt und der Einfluss des Identitätsgefühls auf die Motivationsstruktur der , vollständigen' Individuen spielt somit keine Rolle, während das andere Extrem, nämlich die Gleichsetzung des Individuums mit dem Kollektiv -Sen spricht von „singulärer Zugehörigkeit" -dem Begriff ebenso wenig Bedeutung beimisst. Im ersten Reduktionismus finden wir den Homo Oeconomicus wieder, der in einem ethikfreien und gesellschaftslosen Raum seine individuellen Interessen zu einem Maximum kumuliert und, wie besprochen, Verhaltensgrundlage zahlreicher ökonomischer Modelle darstellt. Wie Sen bemerkt, hat sich dieses Bild etwa in der Entwicklung der Spieltheorie und neueren Ansätzen ein wenig verändert. Auch die Zuzählung zu einer Gruppe hält Sen nicht für zielführend. ,,Jeder von uns hat in seinem Leben in unterschiedlichen Kontexten an Identitäten vielfältiger Art teil, die sich aus seinem Werdegang, seinen Assoziationen und seinen sozialen Aktivitäten ergeben" (Sen 2007, 38), bemerkt er in Gegenpositionen zur ,singulären Zugehörigkeit'. Es sind unterschiedliche Kollektive, die bei unserer Identitätsbildung bzw. bei der Entwicklung unterschiedlicher Identitäten Einfluss ausüben können. Wir stehen im Spannungsfeld unterschiedlicher Gruppen und Kategorien, weshalb die Idee einer Zugehörigkeit zu einer einzigen Gruppe nicht plausibel erscheint. Unsere Aufgabe besteht darin, rational abzuwägen, welche Identitäten wichtig sind und welche relative Bedeutung die unterschiedlichen 132
Identitäten haben. Das Entscheidungsverhalten wird stark durch sie beeinflusst. Um ein solches also fruchtbar interpretieren zu können, müssen wir Kenntnis über die Einflüsse auf und Beschränkungen unserer Wahlmöglichkeiten erlangen. Sen bringt das Beispiel der Sicht der Anderen: Wir sind darin beschränkt, Einfluss auf andere zu üben, wie sie uns sehen wollen und sie zu überzeugen, dass wir anders sind. Das Wahlverhalten unterliegt also gewissermaßen bestimmten Zwängen. Dies thematisiert auch Max Frisch in seinem Roman Stiller. Der Held dieses Romans versucht, seine Umgebung unbeirrt davon zu überzeugen, dass er nicht derjenige ist, für den sie ihn halten. ,,Ich bin nicht Stiller", ruft er ganz zu Beginn und wiederholt es unermüdlich. Er gerät geradezu in Verzweiflung darüber, an eine Identität gekettet zu sein, die er nicht mehr will. In einer eindrucksvollen Stelle klagt der Protagonist: ,,Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; -diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, um jedes Wunder (was ich nicht erzählen kann, das Unaussprechliche, was ich nicht beweisen kann) zuschanden zu machen -nur um sagen zu können: ,Ich kenne dich'". (Frisch 1954) Somit wird die Bedeutung des sozialen Kontexts und der Situationsbezogenheit im Entscheidungsprozess deutlich. Wichtig ist für Sen die soziale Bedeutung der Identität, die über ihre intellektuelle hinausgeht: ,,[ ... ] auch die kontingente soziale Bedeutung [muss] berücksichtigt werden. Vernunft ist nicht nur bei der Wahl der Identität gefordert, sondern auch der soziale Kontext und die davon abhängige Bedeutung der Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Kategorie müssen in die Überlegung einbezogen werden." (Sen 2007, 42) Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Klassifikation und Identität. Klassifikation begründet nicht automatisch Identität, kann aber unter bestimmten (äußeren, sozialen, etc.) Umständen zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl und später zu einem Identitätsgefühl führen. Während dieser Unterschied also klar sein sollte, ist eine weitere Differenz zu erwähnen, die den Begriff der Identität selbst wiederum aufspaltet. Sen unterscheidet ,kontrastierende Identitäten', die innerhalb von verschiedenen Gruppen einer Kategorie (z.B. Nationalität, Beruf, Geschlecht) entstehen können, und ,nichtkontrastierenden Identitäten', die trotz Gruppenunterschieden keine Kontraste bilden, weil diese Gruppen anhand von willkürlich herangezogenen Kriterien eingeteilt werden. Hier kann es mitunter zu Loyalitätskonflikten kommen, je nach dem, welcher Gruppe man den Vorrang gibt (ethnischer Herkunft, Religion, etc.). Wichtig scheint Sen auch der Hinweis, dass wir durch unsere Identitäten nicht determiniert sind. Zwar können unterschiedliche kulturelle Einstellungen Einfluss auf uns üben, dies beraubt uns aber nicht der Reflexionsmöglichkeit und des Abwägens unterschiedlicher Positionen. Hierin spiegelt sich Sens Rationalitätsdefinition als „überlegtes Abwägen, kontemplatives Reflektieren". Somit bleibt auch durch Einflüsse dieser Art die Wahlfreiheit aufrecht. Zudem 133
können die unterschiedlichen Kulturen selbst verschiedene Standpunkte und Einstellungen vertreten. Sen wendet sich somit gegen Vertreter des Determinismus, die das Auffinden einer Identität als Entdeckung interpretieren (Sen 2007, 45). Er gibt aber zu bedenken, dass unserer Wahl aus einer belasteten Position heraus getroffen wird. Damit spricht er die kulturelle und gesellschaftliche, aber auch institutionelle Prägung jedes Individuums an, das ,,nicht aus dem Nichts irgendwohin springt", aber trotzdem eine Veränderung graduell vollziehen kann. Dass soziale Identitäten das individuelle Verhalten beeinflussen, ist kaum zu widerlegen. Soziale Normen, kulturelle Regeln etc. formen das Individuum. Die Gemeinschaft und die Menschen, mit denen man sich identifiziert und die jemandes Wissen und Verständnis, aber auch seine Ethik und Normen prägen, spielen also eine zentrale Rolle im Leben des Individuums. So stellt sich nun bloß noch die Frage, welche Autorität diese soziale Identität ausübt und wie sie entsteht. Sen wendet sich hier gegen die Kommunitaristen, deren zentrales Thema die Gemeinschaft und die gesellschaftliche Prägung ist und die davon ausgehen, dass Entscheidungen erst auf Basis einer vorgeprägten Gruppenidentität getroffen werden. Dies, so Sen, hätte sehr konservative Implikationen, wenn man etwa von traditionellen Ungleichheiten, wie der Behandlung von Frauen in sexistischen Gesellschaften, ausgeht. Pluralität, Wahlmöglichkeit und Vernunft als Einflussfaktoren einer Identität zu verleugnen, kann somit zur Quelle von Unterdrückung, aber auch von Gewalt und Brutalität werden. Die Sichtweise einer Gruppenidentität, die der vernünftigen Abwägung vorausgeht, lehnt Sen daher ab (Sen 1998, 17ff). Freilich kann es wenig Zweifel darüber geben, dass Gemeinschaften und Kulturen erheblichen Einfluss auf die Weise, wie eine Person eine bestimmte Situation beurteilt, haben und so muss Sens Ansicht nach jeder erklärende Ansatz lokales Wissen, rationale Normen und spezifische Wahrnehmungen und Werte, die in einer solchen entstehen, einbeziehen. Dennoch wird die Rolle von Wahlfreiheit und Vernunft dadurch nicht unterminiert, wie Sen hervorhebt: "lt is certainly true that the way we reason can weil be influenced by our knowledge, by our presumptions, and by our attitudinal inclinations regarding what constitutes a good or bad argument. This is not in dispute. But it does not follow from this that we can reason only within a particular cultural decision, with a specific identity." (Sen 1998, 23) Sen bleibt seinem Rationalitätsansatz somit treu und hebelt ihn nicht durch ein alles dominierendes Identitätskonzept aus. Er führt dafür unterschiedliche Gründe an: Selbst wenn bestimmte kulturelle Einstellungen unsere vernünftigen Abwägungen beeinflussen, heißt dies nicht, dass sie sie auch bestimmen. Unsere rationalen Entscheidungen und Überlegungen sind den unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt und wir müssen diese Fähigkeit nicht aufgeben, bloß weil wir uns mit etwas oder jemanden identifizieren. Ein weiterer Grund, nämlich die innere Verschiedenheit von Kulturen, wurde bereits erwähnt. Der Zweifel bleibt aber ein Instrument unserer Vernunft oder wie Sen formuliert: ,,[ ... ] die Fähig134
Vor diesem Hintergrund kommen auch Sens Überlegungen eine tiefere Bedeutung zu. Sein Verdienst liegt darin, klarzumachen, dass es einen Unterschied zwischen Präferenz und Auswahl, sowie zwischen Auswahl und individuellem Wohlergehen gibt. Um dies zu erreichen, unterscheidet Sen Sympathy und Commitment. Dass Sympathy leicht unter das traditionelle Verhaltensmodell subsumiert werden kann, räumt Sen selbst ein. Was eingefleischte Vertreter der RCT mit dem Commitment-Aspekt anfangen, scheint da schon interessanter. Wie aber kann Sens Commitment einbezogen werden, das den Ansatz der Maximierung von Präferenzen entkräften soll, dem gemäß egal ist, ob die Präferenzen eigennützig oder altruistisch sind. Demnach kann nämlich von nutzenmaximierenden Verhalten gesprochen werden, wenn ein Individuum lediglich gemäß seiner Präferenzordnung agiert (Schultheiss 1999). Damit greift Sens Kritik an den klassischen Rationalitätsdefinitionen aber nicht, da die präferierte Alternative nicht zwangsläufig einen Lustgewinn mit sich bringen muss. Die Idee von Mitund Pflichtgefühl ist dann darin bereits enthalten. Anders formuliert würden viele moderne Ökonomen Sens Standpunkt zustimmen, dass menschliche Motive divers und komplex sind. Dennoch würden sie argumentieren, dass ihr modernes Nutzenkonzept hinsichtlich der Selbstbezogenheit oder NichtSelbstbezogenheit menschlicher Motivation neutral ist und daher jedes beliebige Motiv abdeckt. Nutzen kann dann als neutraler Begriff verwendet werden, der alles beliebige bezeichnet, das Menschen maximieren (Kliemt 1990, 14). Diesem Argument kann allerdings entgegengehalten werden, dass die Analyse auf diese Weise völlig abstrakt bleibt. Sen ist ja, wie gezeigt wurde, auch darum bemüht, den Standardansatz auszudifferenzieren und zu zeigen, dass unterschiedliche Interpretationen von Selbst-Interesse (self-centered goal, selfwelfare goal, self-goal choice), die alle im Standardansatz zum Einsatz kommen, möglicherweise unterschiedliche Konsequenzen haben und sich vor allen Dingen widersprechen. Andererseits muss es für die Analyse auch möglich sein, Verhalten zu berücksichtigen, das bewusst gegen das eigene (psychische, physische, intellektuelle) Wohlergehen entscheidet. Hier wird die Bedeutung von Commitment klarer. Sen verfolgt damit die Absicht, Verhalten zu erklären, das rationalerweise gegen die Maximierung eines Nutzens gerichtet ist (unabhängig davon, worin dieser besteht). Der Rational Choice Ansatz, wie er von Becker entwickelt wird, ist seines Erachtens zwar in der Lage innerhalb des Selbstinteresse-Konzepts unterschiedliche nicht-selbst-zentrierte Überlegungen aufzunehmen, dies lässt aber Gründe, die eine Person dazu bringt andere Ziele zu verfolgen, als jene, die sie zur Erreichung ihrer eigenen Wohlfahrt definiert, unberücksichtigt. Genauso steht es um Verhaltensweisen, die über die Verfolgung der eigenen Ziele hinausgehen. Das ist der springende Punkt und so rechtfertigt Sen den Commitment-Aspekt. Verhalten muss dann nicht mehr deckungsgleich mit der Verfolgung der eigenen Ziele und speziell der eigenen Wohlfahrt sein (Sen 2005, 8). Commitment ist aber nicht wichtig, um die Erfordernisse der Ra141
tionalität zu charakterisieren, sondern auch um Verhaltensunterschiede in unterschiedlichen Gesellschaften und Zeitabschnitten zu erklären: "The admission of committed behavior within a theory of rationality, not only enriches our conceptual understanding of rationality, but also helps us to understand actual behavior better, througb taking note of the varying role of commitment in different social circumstances." (ebd., 8) Schließlich verweist Sen, wie in Kapitel 1.4. gezeigt wurde, auf Adam Smith, der den Standpunkt vertrat, menschliche Handlungsweisen würden durchaus über die exklusive Verfolgung des Eigeninteresses hinausgehen und auf einer Vielzahl unterschiedlicher Motive basieren 103 • Ethisches Verhalten und die Orientierung an moralischen Grundsätzen darf nach Sens Auffassung eben nicht unter den Individualnutzen subsumiert werden. Auch wenn er damit nicht alle Ökonomen überzeugen wird, bleibt es ein starkes Argument, das letzten Endes seine Wurzeln in der antiken Philosophie hat. Es lässt sich daher sagen, dass Sen neben Jon Elster und anderen wichtige und reichhaltige Beiträge zur Problematik der Rationalität und Präferenzen in der Ökonomie geliefert und in jedem Fall eine Diskussion in Gang gesetzt hat, die das eigentliche Ziel einer Ökonomie für die Menschen in den Vordergrund rückt. 3.3. Sens Capability Approach 3.3.1. Grundlegendes Der CA ist die logische Konsequenz von Sens Kritik an Standardansätzen der Wohlfahrtsökonomie aber auch an anderen Ansätzen, die sich mit Wohlfahrt und Gerechtigkeit auseinandersetzen 104 • Seine philosophischen Wurzeln finden sich, wie gezeigt wurde, unter anderem bei Aristoteles und Adam Smith, allerdings integriert der Ansatz neben diesen auch Gedanken von John Stuart Mill und Karl Marx. Manche Autoren sehen den CA zudem in Verwandtschaft mit unterschiedlichen Entwicklungstheorien, wie etwa dem , basic goods' approach, dem ,basic needs approach ', aber auch mit der ,prudential values theories' (Pressman und Summerfield, 2002, 432). Die Kritik an der Mainstream-Ökonomie betrifft sowohl das Bild vom Menschen als Homo Oeconomicus als auch die Informationsgrundlage der Bewertung seiner Handlungen. Wie gezeigt wurde, müssen Begriffe wie Nutzen, Rationalität und Präferenzen entweder völlig abgeschafft oder aber grundlegend anders definiert werden, um aus der ökonomischen Disziplin das zu machen, was sie Sens Ansicht nach sein soll: Eine Ökonomie für den Menschen. So ist der CA nicht zuletzt der Versuch, eine wirklichkeitsnähere Wirtschaftswissenschaft zu begründen, aber auch ein Bewusstsein für eine neue politische Ökonomie in 103 siehe Teil I 104 In Kapitel 3.3. 7. werde ich nochmals speziell auf Sens Auseinandersetzung mit John Rawls zu sprechen kommen. 142
der Tradition der klassischen Autoren zu wecken. Dazu ist die utilitaristische aber auch die aus ihr entstandene paretianische Wohlfahrtsökonomie in ihrer traditionellen Form nicht im Stande. Es wurde eingehend dargestellt, woran diese Disziplin nach Sens Auffassung scheitert: Die Wohlfahrtsökonomie operiert auf einer zu engen Informationsbasis, wo Wohlergehen mit Nutzen gleichgesetzt und Nutzen als einzige Information zur Beurteilung sozialer Zustände herangezogen wird. Dies führt zu unterschiedlichen Problemen, vor allem auch deshalb, weil der Begriff Nutzen in der Theorie unterschiedlich definiert wird, nämlich als a) Glück, b) Wunscherfüllung und c) Wahlverhalten. Für Sen ist jede dieser Interpretationen unzureichend, und für die Definition von Wohlergehen nicht geeignet, da hier wichtige Faktoren unberücksichtigt bleiben 105 • Im Übrigen bildet aber auch Wohlergehen als einzige Informationsgrundlage für menschliches Verhalten kein geeignetes Konzept, da es zwar wichtige Information bereitstellt, andere aber völlig ignoriert. Menschen lassen sich neben ihrem persönlichen Wohlergehen auch von anderen Motiven leiten. Es ist daher sinnvoll zwischen dem Wohlergehens-Aspekt und dem Agency-Aspekt -der Möglichkeit Ziele zu erreichen, die man schätzt -zu unterscheiden. In moralischen Analysen kann die Sicht des Menschen nicht auf ein Wesen reduziert werden, das lediglich seinem persönlichen Wohlergehens-Aspekt folgt, man muss dem Agency-Aspekt einen Eigenwert beimessen. Die beiden Aspekte sind verwandt, aber nicht identisch. Wie zu zeigen sein wird, haben manche Typen von Agency sogar negativen Einfluss auf das individuelle Wohlergehen (z.B. Pflichterfüllung) und können daher nicht unter dieses subsumiert werden (Sen 1985). Der CA stellt somit den Versuch dar, den utilitaristischen Ansatz durch eine komplexere Alternative zu ersetzen, indem er dem eindimensionalen NutzenKonzept einen differenzierteren und pluralistischen Rahmen gegenüberstellt. Dieser operiert mit so genannten Functionings und Capabilities to function. Functionings werden als der Status quo des ,Seins' und , Tuns' eines Individuums definiert (z.B. gesund sein, sich frei bewegen etc.) und beschreiben daher einen Seinszustand. Functionings messen Wohlfahrt auf Basis von Ergebnissen im Gegensatz zu Ressourcen, die einen rein instrumentellen Charakter haben. Wohlfahrtsmessung auf Basis von Functionings berücksichtigt auch Güter und Dienstleistungen, die nicht auf dem Markt angeboten werden. Beispielsweise seien hier Produkte aus der Heimproduktion angeführt. Der CA stellt somit eine output-basierte Theorie dar (Robeyns 2000, 10). Kuklys beschreibt dies am Beispiel eines Individuums, das ähnlich einer Firma, einen Output produziert. Die Ressourcen (Einkommen, Gebrauchsgüter, etc.) stellen den Input dieser Produktion dar. Das Output-Niveau wird zwar durch das Input-Niveau bestimmt, aber auch durch technische Faktoren, die die Umwandlung von Inputs in Outputs beeinflussen, geprägt (z.B. individuelle Intelligenz, persönliche Behinderungen, physischer Zustand etc.). Diese sind die nicht-monetären Nebenbedingungen der 105 siehe Kapitel 2. 3. 143
Entscheidungsfindung (Kuklys 2005, 5). Sen nennt diese technischen Bedingungen conversion factors. Der Ansatz berücksichtigt menschliche Heterogenität bereits vor der Wahlentscheidung und geht daher über das Konzept unterschiedlicher Präferenzordnungen hinaus. So kann gezeigt werden, dass eine Person, selbst wenn sie die gleichen Ressourcen wie eine andere besitzt, etwa aufgrund einer Behinderung ein geringeres Wohlfahrtsniveau aufweist. (Sen 1985). Worin werden Güter nun durch die Faktoren umgewandelt? Prinzipiell werden Güter durch converson factors in Capabilities transformiert. Allerdin~s können sie auch direkt in Functionings (als realisierte Capabilities) aufgehen' 6• Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle sagen, dass der Ansatz ein Rahmen für die Bewertung individueller Wohlfahrt ist und als solcher die theoretische Basis für Ungleichheit, Armut und politische Analysen bilden kann. Die Wohlfahrt einer Person wird anhand ihrer Functionings und Capabilities bewertet. Durch diese Art der Bewertung erhält man ein differenziertes Bild vom Wohlergehen einer Person, das durch ressourcenbezogene Maße wie Einkommen oder Ausgaben nicht gewährleistet wird. Die U.N. hat den Ansatz zur Beurteilung von Entwicklung im Human Development Index adaptiert. Hierbei werden die Lebenserwartung bei der Geburt, Bildung und ein modifiziertes BNP pro Kopf analysiert (UNDP 2004 ). Auch hierauf werde ich noch detaillierter zu sprechen kommen. Im Folgenden sollen nun die einzelnen Bestandteile des CA und seine Terminologie untersucht, sowie Sens Gesamtkonzeption in Verbindung mit dem bereits Vorgebrachten deutlich werden. 3.3.2. Capabilities und Functionings Functionings und Capabilities sind die grundlegenden Begriffe des CA. Sie stehen in einer engen Relation und unterscheiden sich lediglich durch den Grad ihrer Realisierung. So sind Functionings in die Lebenswirklichkeit umgesetzte Capabilities. Sen spricht von ihnen als Leistung eines Individuums: Sie reflektieren ,doings and beings'. Die Functioning spiegelt den „Status" dieser Person wider. Die Möglichkeit, mit einem gegebenen Güterbündel (Brot, Reis, etc.) eine Functioning zu erzielen (z.B. gut genährt zu sein), hängt von einer Reihe persönlicher und sozialer Faktoren ab (Größe, Alter, Geschlecht, Gesundheit, Zugang zum Gesundheitssystem, Wissen über Ernährung, Bildung, klimatische Bedingungen, etc.). Eine Functioning bezieht sich daher auf den Gebrauch, den eine Person von den Gütern macht, die ihr zur Verfügung stehen oder in Sens Worten: "A functioning is an achievement of a person: what he or she manages to do or to be. lt reflects, as it were, a part of a 'state' of that person. lt has to be distinguished from the commodities which are used to achieve these functionings. For example, bicycling has to be distinguished from possessing a bike. lt has to be distinguished also from the happiness 106 siehe zur Veranschaulichung Abbildung 2 144
generated by the functioning, for example, actually cycling around must not be identified with the pleasure obtained from that act. A functioning is thus different from (1) having goods (and the corresponding characteristics), to which it is posterior and (2) having utility (in the form of happiness resulting from that functioning), to which it is, in an important way, prior." (Sen 1985, 10) So kann das Wohlergehen einer Person hinsichtlich ihrer ,Seinsqualität' gesehen werden. Leben kann demnach als zusammenhängende Functionings betrachtet und persönliche Errungenschaften als Functionings-Vektor interpretiert werden. „Der Anspruch besteht darin", erklärt Sen, ,,dass Functionings konstitutiv für das Sein einer Person sind, und eine Beurteilung von Wohlbefinden muss daher die Form einer Bewertung dieser konstitutiven Elemente annehmen" (Sen 1992, 39). Functionings bilden die Grundlage und den primitivsten Teil des Ansatzes. Einige sind von existentieller Bedeutung. So etwa die Functioning, ausreichend ernährt zu sein, seinen Durst ausreichend zu löschen etc. Andere sind komplexer beschaffen und dennoch kann ihnen von den Individuen ein hoher Wert beigemessen werden. Sen nenn hier etwa ,Selbstachtung haben' oder ,sozial ausreichend integriert sein'. Die Individuen unterscheiden sich aber stark darin, mit welchem Wert sie die unterschiedlichen Functionings gewichten. Diese unterschiedliche Gewichtung muss jedenfalls bei der Beurteilung individuellen oder sozialen Vorteils (advantage) berücksichtigt werden. (Sen 1993, 31) Gemeint ist in diesem Zusammenhang der Vorteil oder auch der Erfolg einer Person. Man kann diesen Begriff aber auch als erweitertes Nutzen-Konzept lesen. Wohlergehen lässt sich als Index der Functionings einer Person interpretieren. Dies bedeutet, dass es auf ihrer Basis bewertet werden muss. Nur anhand der verwirklichten Functionings lässt sich klar sagen, wie es um das persönliche Wohlbefinden dieser Person bestellt ist. Es wird hier noch gezeigt werden, dass an dieser Stelle weiter ausdifferenziert werden muss. Dennoch geht der Begriff Functioning über den reinen Wert eines Gebrauchsguts und den Nutzen, den ein solches stiftet, hinaus. Ein Gebrauchsgut hat unterschiedliche Eigenschaften. Beispielsweise hat ein Buch von Sen die Eigenschaft, Information über ein bestimmtes Thema, wie etwa den CA zu vermitteln. Daneben hat ein solches Exemplar aber noch andere Eigenschaften. So kann einem etwa der Besitz eines Buches des Nobelpreisträgers Sen ein gewisses Ansehen einbringen und in weiterer Folge dazu führen, dass man mit anderen Personen zusammentrifft, die sich ebenfalls Ansehen davon erwarten, sich für diesen Autor zu interessieren. Somit hat das Gut also auch eine soziale Eigenschaft. An einem bestimmten Punkt erhöht der Besitz von -sagen wir -Development as Freedom die Fähigkeit des Besitzers, in einer bestimmten Weise zu funktionieren. Er kann von nun an ohne Informationsmangel leben, genießt ein gewisses Ansehen in einem Kreis von Sen-Interessierten usw. Will man nun aber Functionings zweier Personen vergleichen, so reicht es nicht aus, die Anzahl von Sen-Büchern, die jeder besitzt oder gelesen hat (oder gar beides), dazu heranzuziehen. Ausschlaggebend ist die Umwandlung von Eigenschaften eines Gebrauchsgutes in persönliche 145
Functionings (Sen 1985, 25f). Diese hängt wiederum von unterschiedlichen sozialen und individuellen Faktoren ab, die sich einerseits auf physische Eigenschaften, anderseits auf soziale Verhaltensweisen und Fähigkeiten beziehen 107 • Die Beurteilung des Wohlergehens erfordert folglich eine Bewertung des Functionings-Vektors, der ihr, Tun' und ,Sein' widerspiegelt. Der Begriff Functioning selbst hat Aristotelischen Ursprung. Er bezieht sich auf die Funktionsweise eines Menschen. Die Analogie des Begriffs zur Technik lässt sich dadurch erklären, dass der Mensch, wie eine Maschine, reibungslos funktionieren soll. Zugleich ist er eine Abkehr vom mechanistischen Menschenbild, da ein Individuum im Gegensatz zu einem technischen Gerät nur dann ,rund' laufen kann, wenn seine zutiefst menschlichen Bedürfnisse sichergestellt sind. Aristoteles' Untersuchung bezieht sich auf das menschliche „Gut" und er interpretiert das Leben im Sinne von Aktivität. Wie Aristoteles sagt auch Sen, dass Funktionen grundlegend für das Sein einer Person sind. Aristoteles kommt im Zusammenhang mit einer Diskussion über öffentliche Aktivität auf den Begriff zu sprechen. Ziel politischen Planens, so der Philosoph, ist die Distribution von Bedingungen, die es dem Individuum ermöglichen, ein gutes und menschliches Leben zu wählen und zu führen. Wie Nussbaum erläutert, zielt diese distributive Aufgabe danach, "to produce capabilities" und "making people able to function in certain human ways" (Nussbaum 1988, 1). Dieses Funktionieren des Menschen ist für Aristoteles das erste, was gesichert werden muss. Dieser Gedanke verbindet ihn mit Sens CA bzw. wird von diesem aufgenommen: "[ ... ] Amartya Sen has argued, like Aristotle, that we cannot properly estimate the worth of distributable goods until we have an account of the functionings towards which these goods are useful." (Nussbaum 1988, 11) Damit wird zugleich deutlich, welchen Vorteil der Functionings-Ansatz gegenüber anderen Bewertungsmodellen von Wohlergehen hat. Im Gegensatz zum Ressourcen-Ansatz, der den Besitz von Gebrauchsgütern bzw. die Höhe des verfügbaren Einkommens dazu heranzieht, ist eine Functioning kein Mittel für einen Zweck, sondern als solche erstrebenswert. Sie weist also intrinsischen Wert auf. Sen bezieht sich hier auf Marx' Bild des Warenfetischismus (1977). Auch dem Nutzen-Konzept ist eine Bewertung auf Functioning-Basis vorzuziehen, 107 Sen nennt eine Vielzahl solcher Faktoren. Einige seien hier genannt: ,,[ ... ] (1) meta-bolic rates, (2) body size, (3) age, ( 4) sex (and, if a woman, whether pregnant or lactating), (5) activity levels, (6) medical conditions (including the presence or absence of parasites), (7) access to medical services and the ability to use them, (8) nutritional knowledge and education, and (9) climatic conditions. In the case of achievements involving social behaviour and entertaining friends and relatives, the functioning will depend on such influences as ( l) the nature of the social conventions in force in the society in which the person lives, (2) the position of the person in the family and in the society, (3) the presence or absence of festivities such as marriages, seasonal festivals and other occasions such as funerals, (4) the physical distance from the homes of friends and relatives" (Sen 1985, 26). 146
weil mentale Anpassungen einer Person an ihre Lebenssituation keinen Einfluss auf ihr Functionings-Niveau haben. Die mentale Anpassung (oft als adaptive Präferenz bezeichnet) ändert nichts am Seinszustand, der durch Functionings beschrieben wird und impliziert auch nicht, dass die Person die Beseitigung ihres Mangels nicht begrüßen würde. Der Nutzenbegriff scheitert letztlich an dem ihm innewohnenden Subjektivismus. Adaptive Präferenzen haben auf das Functionings-Niveu keinen Einfluss und sind daher mit Bezug auf die Analyse des Wohlergehens neutral. Hierin liegt der Vorteil des Functioningsgegenüber dem Nutzenkonzept. Dieses Argument beruht freilich auf einer ganz bestimmten (relativ eng definierten) Vorstellung von Nutzen 108 • Sen vertritt die Ansicht, dass das NutzenKonzept die Bewertung zu vermeiden versucht, indem Bewertung einfach mit Nutzen (in Form von Glück bzw. Wunscherfüllung) gleichgesetzt wird. Der Functioning-Ansatz nimmt hier eine Trennung vor. Die Beurteilung von Wohlbefinden erfolgt auf zwei Stufen: Zuerst wird die Functioning-Erzielung spezifiziert, anschließend wird diese einer Bewertung unterzogen. Sen verweist darauf, dass bei einer solchen Bewertung, auf die ich weiter unten im Detail zu sprechen komme, nicht notwendigerweise vollständige Präferenzordnungen generiert werden müssen. Er spricht von einer "tyranny of ,required completeness'", die starke Auswirkungen auf viele Messprobleme in der Ökonomie hatte 109 • Viele ökonomische und soziale Relationen, so Sens Argument, sind partiell und unvollständig. Auch Wohlergehen kann unter eine solche Kategorie subsumiert werden 110 • Wenn es beispielsweise um Vergleiche bestimmter Gruppen geht, etwa um Vergleiche der ganz Armen oder der Reichen oder von armen Ausländern etc., oder bei einer Beurteilung des sozialen Wandels, dann stellt die partielle Rangordnung jedenfalls ein sinnvolles und vor allem auch aussagekräftiges Instrument dar: ,,Wir haben keinen Grund", bringt es Sen (2000, 55) auf den Punkt, ,,die Erkenntnisse zu verschmähen, die wir auf diese Weise gewinnen, auch wenn die differenzierten Aspekte der relativen Gewichtung noch nicht geklärt sind". Praktisch betrachtet bedeutet die Bewertung von Armut, Lebensstandard oder Ungleichheit eine Verschiebung von monetären Bewertungsmaßstäben, wie etwa dem Bruttoinlandsprodukt oder dem Pro-Kopf-Einkommen, hin zu einer Betrachtung der tatsächlichen Funktionsweise eines Menschen unter Bedingung dieser Ressourcen. Es geht um die tatsächlichen Lebensbedingungen der Bevölkerung und nicht um rein ökonomische Zahlen, die oft ein Zerrbild der tatsächli108 siehe Sen (1980-81) 109 siehe Kapitel 3.2.2. 110 Das Argument im Wortlaut: "lt can quite easily be the case that while functioning vector A represents a higher level of well-being than C or B, the latter two may not be rankable vis-a-vis each other. There is nothing illegitimate or defeatist in recognizing that the valuation rankings of well-being may have gaps." (Sen 1985, 31) 147
chen Lebensqualität auswerfen. Wie hoch ist die Lebenserwartung in einem Land? Wie hoch ist die Alphabetisierungsrate? Wie groß ist der Hunger? Haben Frauen de facto Nachteile in einer Gesellschaft? Solche Fragen sind unter Berücksichtigung von Functionings entscheidend, wobei es im Zusammenhang mit Functionings immer darum geht, was tatsächlich erreicht wurde. Sie stehen damit direkt im Kontext zu den Lebensbedingungen einer Person, als deren Aspekt sie interpretiert werden können. In der Beurteilung von Entwicklung und Lebensstandard reichen die erzielten Functionings als Informationsbasis allerdings nicht aus. Eine Analyse auf ihrer Basis wäre beinahe so unvollständig wie die alleinige Berufung auf den Individualnutzen. Um die grundlegende Bedeutung des Freiheitsbegriffs zu unterstreichen, der dem Ansatz zugrunde liegt, führt Sen daher den Begriff Capability ein, der auf die Freiheit von Individuen oder Gruppen verweist, bestimmte wertvolle Functionings zu erzielen. Der Begriff bezieht sich somit auf die Freiheit eines Menschen, ein bestimmtes Leben führen zu können und die Möglichkeit zu haben, eine Form des Lebens aus vielen verschiedenen Optionen zu wählen, die dieser schätzt. Sen definiert sie folgendermaßen: "lt represents the various combinations of functionings (beings and doings) that the person can achieve. Capability is, thus, a set of vectors of functionings, reflecting the person's freedom to lead one type of life or another. Just as the so-called 'budget set' in the commodity space, the 'capability set' in the functioning space reflects the person's freedom to choose from possible livings." (Sen 1992, 40) Eine Capability spiegelt daher die Möglichkeit eines Individuums wider, eine gegebene Functioning zu erreichen. Eine Person mag beispielsweise die Capability haben, Hunger zu vermeiden, kann sich aber dazu entschließen zu fasten oder in Hungerstreik zu gehen (Sen verwendet den Begriff capability sehr weit). Die Capability ist eine Menge von ,functioning n-Tupel' und repräsentiert die verschiedenen alternativen Kombinationen von Seinsund Handlungsformen, von denen das Individuum eine auswählen kann. Angenommen, eine Functioning wird durch einen Punkt in einem Raum repräsentiert, dann ist die Capability die Menge dieser Punkte und repräsentiert die alternativen Functioning nTupel, von denen ein n-Tupel gewählt werden kann (Clark 2006). Die Capability spiegelt die Freiheit wider, eine , wertvolle' -ich werde noch darauf zu sprechen kommen, was wertvoll in diesem Zusammenhang bedeutet -Functioning zu erzielen. Sie stellt auf Freiheit als solche ab, nicht auf die Mittel zur Freiheitserlangung und macht die tatsächlichen Alternativen, die einem Individuum zur Verfügung stehen, ausfindig. Der Begriff Capability kann als Spiegelung substantieller Freiheit verstanden werden. Während Functionings grundlegende Bestandteile des Wohlergehens sind, stellen die Capabilities die Freiheit einer Person dar, Wohlergehen zu erlangen. In anderen Worten geht es hier um die echten Möglichkeiten des Individuums, sich in der von ihm gewünschten Weise zu verwirklichen. Capability 148
wurde daher auch mit , Verwirklichungsmöglichkeit' übersetzt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Sens Sprache hier etwas sperrig wird. Dies liegt freilich nicht zuletzt an der Bedeutungsgeladenheit seiner Termini und veranlasst ihn im Übrigen zur Bemerkung in der für ihn typischen ironischen Art: "Capability is not an awfully attractive word. lt has a technocratic sound, and to some it might even suggest the image of nuclear war strategists rubbing their hands pleasure over some contingent plan of heroic barbarity" (Sen 1993, 30). Der Versuch, so kann man schließen, einen Terminus zu finden, um einen neuen Ansatz für Wohlergehen und individuellen Vorteil zu finden, der auf der Möglichkeit einer Person basiert, wertvolle Dinge tun bzw. wertvolle Lebenszustände erreichen zu können, war aber nicht unbedingt dazu geeignet, eines von vielen verbrauchten Schlagwörtern mit ihren unterschiedlichen Assoziationen heranzuziehen. Der Freiheitsaspekt des Capability-Begriffs hat nach Sen vor allem zwei Gründe: Es muss im Zusammenhang mit Entwicklung und Lebensstandard festgestellt werden, inwiefern Freiheit bzw. spezifische Freiheiten vergrößert wurden. Dies ist der evaluative Aspekt. Der zweite Aspekt betrifft die Effektivität: Ist die Handlungsfreiheit der Menschen ausreichend, um Fortschritt zu gewährleisten? Sen betrachtet eine ungehinderte Handlungsfreiheit als den ,,Hauptmotor der Entwicklung". Sie ist einerseits selbst grundlegender Teil von Entwicklung und trägt anderseits dazu bei, auch andere Freiheiten zu gewährleisten. Sen zusammenfassend: ,,Was Menschen positiv erreichen können, hängt von den ökoncmischen Möglichkeiten, den politischen Freiheiten, den sozialen Kräften und jenen Bedingungen ab, ohne die das alles nicht möglich wäre: gute Gesundheit, Schulbildung, Förderung und Pflege von Initiativen. Die institutionellen Rahmenbedingungen werden ebenfalls dadurch beeinflußt, inwieweit die Menschen ihre Freiheiten ausüben können, das heißt durch ihre Freiheit, an jenen sozialen und öffentlichen Entscheidungen mitwirken zu können, die den Fortschritt dieser Möglichkeiten befördern." (Sen 2002, 15) Damit wird zugleich die Weite des Capability-Begriffs spürbar. Im engen Sinn ist der Freiheitsbegriff auf die Wahlmöglichkeit bezogen, sich für ein Leben nach dem individuellen Geschmack entscheiden zu können, wobei auch die Breite des Capability-Sets entscheidend ist. Capabilities beziehen sich aber nicht nur auf die persönliche Lebensform, sondern auch auf andere Ziele, die jemand aus gutem Grund verfolgt. Sie konstituieren somit einen wichtigen Teil des individuellen Lebens (Sen 1993, 33). Freilich gehen mit dieser Definition einige Probleme einher, die man sich vergegenwärtigen muss: Soziale Einflüsse der Umgebung, Konventionen und andere Dinge müssen berücksichtigt werden und auch die Frage, wie weit die Freiheit überhaupt gehen kann, bedarf einer Klärung. Muss es hier normative Beschränkungen geben, oder ist hier ein radikalliberaler Freiheitsbegriff am Werk? Wozu ist Capability als Perspektive überhaupt von Bedeutung und warum beschränkt man sich nicht auf das Erlangte? Schließlich ist die primäre Komponente des CA der Capability-Begriff. Sen 149
antwortet neben allem bereits Besprochenen, dass er die Bandbreite erweitert und eine perspektivische Varietät anbietet. Jede Functioning ist als erzielte Capability ja ohnehin Teil des Capability-Sets. Die Infonnationsbasis ist somit eine wesentlich breitere und eine Bewertung von Lebensstandard und -bedingungen wird differenzierter. Zwei Überlegungen, die eine Erweiterung der FunctioningPerspektive um Capabilities gerechtfertigt erscheinen lassen, führt Sen an: Das Interesse liegt nicht nur in der Bewertung der Erzielung von Wohlergehen (wellbeing achievement), sondern ebenso in der Freiheit, Wohlergehen zu erlangen (well-being freedom). Zum zweiten hat (Wahl-) Freiheit für die Erlangung von Wohlergehen einer Person intrinsischen Wert. Sen weist darauf hin, dass dieser Aspekt in der Standardtheorie keine Beachtung findet, weil der Beitrag einer Alternativenmenge immer bezüglich ihres wertvollsten Elements beurteilt wird. Die Möglichkeit zu wählen, ist aber bereits ein Wert an sich und muss bei einer Analyse von Lebensstandard immer als solcher behandelt werden. 3.3.3. Formalisierung des CA Sen hat sich neben der philosophisch-ökonomischen Diskussion auch um eine grundlegende Formalisierung seines Ansatzes bemüht' 11 , die hier kurz dargestellt werden soll. Diese Formalisierung bildet die Grundlage einer Vielzahl von ökonometrischen Modellen, die auf dem CA aufbauen und zum Ziel haben, den Ansatz auf dieser technischen Ebene weiterzuentwickeln und zu operationalisieren (z.B. Gaertner und Xu 2006, Krishnakumar 2007; Kuklys 2005; Lelli 2001). Darauf aufbauend können später Indikatoren konstruiert und empirische Analysen durchgeführt werden. x; Vektor der Gebrauchsgüter, die eine Person i besitzt; c(x;) Funktion, die diesen Vektor in einen Vektor von Eigenschaften, die diese Güter haben, konvertiert' 12 ; f(c(x;)) = Funktion, die den Vektor c(x;) von Eigenschaften in einen Vektor von Functionings (b;) konvertiert; b; Vektor des Seins der Person i (z.B. gut ernährt, gut gekleidet, mobil sein etc.) fi (.) persönliche „Gebrauchsfunktion" von i, die eine Gebrauchsform von Gütern, die i vollziehen kann, widerspiegelt (i-spezifisch); Da es verschiedene Möglichkeiten gibt, wie eine Person diese Gebrauchsgüter in Functionings umwandeln kann, ist jede Person in der Lage eine f; aus einer Menge von F; zu wählen; 111 nach Sen (l 985) 112 Der Ansatz, Eigenschaften von Gütern statt nur der Güter zu analysieren wurde von Gorrnan (1980) und Lancaster (1966) entwickelt. 150
sich Einflüsse des Lebenslagen-Ansatzes 173 und des Ansatzes der relativen Deprivation an den Indikatoren ablesen, wenn auch auf diese nicht explizit verwiesen wird. Die Einbeziehung von Gesundheit, Lebensqualität und Bildung deutet allerdings auch auf eine Orientierung am CA, auf den sich beispielsweise auch die Armutsund Reichtumsberichterstattung der Bundesrepublik Deutschland explizit bezieht (Volkert 2005). Wie gezeigt wurde, definiert der CA Armut als einen Mangel an Capabilities und interpretiert Einkommen lediglich als einen - wenn auch wichtigen -Aspekt dieses Mangels (Sen 2002). Eine Berücksichtigung dieses Ansatzes stellt ideologisch betrachtet bereits einen neuen Zugang zum Armutsproblem dar, da das Individuum mit seinen Wahlmöglichkeiten und seiner persönlichen Freiheit in den Mittelpunkt gerückt wird und nicht mehr einzig seine wirtschaftliche Situation. Wie gezeigt wurde 17 4, räumt Sen im Übrigen selbst ein, dass das Konzept der sozialen Ausgrenzung mit seiner Definition von Armut als Mangel an Capabilities verwandt ist. Beide Perspektiven geben ein multidimensionales Bild von Armut (Sen 2000, 2ff). Die Indikatoren Lebenserwartung, Bildung und Gesundheit aber auch Arbeit können daher als sanfter Übergang von einem rein monetären Armutsbegriffs hin zu einem sozialen Verständnis dieses Problems interpretiert werden. Zudem soll sich das Indikatorenbündel auf die Ergebnisse und nicht auf die Mittel von Sozialpolitik beziehen (Kraus und Ritz 2006, 154), was einen weiteren Hinweis auf eine Paradigmenverschiebung gibt. Während außerdem die Wahl für eine Armutsgrenze, die relativ zu einem bestimmten Einkommensniveau gesetzt wird, dazu führt, dass es zwischen den alten und neuen EU-Mitgliedstaaten keinen signifikanten Unterschied bezüglich der Armutsquote gibt, geben die verschiedenen nichteinkommensbezogenen Indikatoren Aufschluss über die unterschiedliche soziale Performance der EU-25 (vgl. Cantillon 2005) und spiegeln Armut in ihren unterschiedlichen Erscheinungen wesentlich exakter wider, als dies ein rein monetäres Konzept vermag. Es muss hier aber festgehalten werden, dass diese erste Orientierung am CA dem Ansatz keineswegs gerecht wird, sondern lediglich bruchstückhaft einige Elemente einbezieht und die aktuelle Methodik um diese 173 Geprägt wurde der Begriff der „Lebenslage" bereits 1931 von Otto Neurath, der vor allem als Organisator des Wiener Kreises bekannt wurde. Neurath entwickelte den Ansatz als Alternative zum Nutzen-Konzept, da sich Nutzen aus seiner Sicht nicht unmittelbar erfassen und operationalisieren lässt (Leßmann 2006, 30) und daher für eine Bestimmung der sozialen Situation ungeeignet ist. Bestandteile einer Lebenslage sind nach Neuraths Verständnis „Wohnung, Nahrung, Kleidung, Arbeitszeit usw. [ ... ]" (Neurath 1920, 58). Der Ansatz wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt und wird heute gemäß der Definition Gerhard Weissers verwendet: ,,Als Lebenslage gilt der Spielraum, den die äußeren Umstände dem Menschen für die Erfüllung der Grundanliegen bieten, die ihn bei der Gestaltung seines Lebens leiten oder bei möglichst freier und tiefer Selbstbesinnung und zu konsequenten Verhalten hinreichender Willenstärke leiten würden" (Weisser 1972: zitiert nach Allmendinger 1999: S. 20). 174 siehe 4.2.3. 253
ergänzt. Wie eine mögliche Implementierung des CA aussehen könnte, wird , Gegenstand des abschließenden Teils VI dieser Arbeit sein. 5.4.2. Neue Entwicklungen der Indikatoren Tabelle 7: Umfassende Indikatoren Schlüsseldimensionen la Armutsrisiko lb Armutslücke 2 Einkommensungleichheiten 3 Gesundheitsergebnis; Ungleichheit im Bereich Gesundheit 4 Ergebnisse im Bereich Bildung und Humankapitalbildung 5 Zugang zum Arbeitsmarkt 6 Finanzielle Nachhaltigkeit der Sozialschutzsysteme 7a Angemessenheit der Pensionszahlungen (relativer Einkommensmedian älterer Leute) 7b Angemessenheit der Pensionszahlungen (Aggregierte Ersatzrelation) 8 Ungleichheiten im Zugang zum Gesundheitssystem 9 Verbesserter Lebensstandard aufgrund von Wirtschaftswachstum 10 Beschäftigung älterer Arbeiterinnen 11 W orking Poor 12 Partizipation am Arbeitsmarkt 13 Regionale Kohäsion 14 Mehr Gesundheit (noch nicht entschieden) Breakdowns Nach Alter: Insgesamt, 0-17, 1864,65+ Nach Alter: Insgesamt, 0-17, 1864,65+ Keine Bei Geburt, mit 45, mit 65; Nach Geschlecht Nach Geschlecht Nach Alter: 0-17, 18-59; Nach Geschlecht (nur 18+) Nach Geschlecht Nach Alter: Gesamt,0-17, 18-64, 65+; Nach Geschlecht Nach Alter: 55-59, 60-64 Nach Geschlecht Nach Geschlecht Nach Geschlecht und Alter: 15-24, 25-54, 55-59, 60-64, gesamt Quelle: European Commission 2006) Im Jahr 2006 kam es im Zuge der Umstrukturierung der Lissabon-Strategie auch zu einer Modifikation bzw. Rationalisierung der Indikatoren. Im Juni dieses Jahres wurde ein gemeinsames Indikatorenset für die Koordination von Sozialschutz und sozialer Eingliederung beschlossen. Darunter fallen 14 umfassende Indikatoren und 12 Kontextindikatoren mit denen die in diesem Jahr akzeptierten übergreifenden Ziele „sozialer Zusammen254
halt" und „Interaktion mit den strategischen Wachstumsund Beschäftigungszielen von Lissabon" aufgearbeitet werden sollen. Die Indikatoren umspannen, wie erwähnt, die Bereiche Armut/soziale Ausgrenzung, Gesundheit und Langzeitpflege sowie Renten. Das überspannende Indikatoren-Set soll Indikatoren enthalten, die eine Verbindung zwischen den politischen Maßnahmen und den Ergebnissen im Bereich des sozialen Zusammenhalts herstellen. Zudem sollen sie Ausmaß und Natur der sozialpolitischen Intervention widerspiegeln (EC 2006, 6). Schließlich soll das Portfolio die zentralen Prioritäten jedes Bereiches in ausgeglichener Weise zum Ausdruck bringen. Die Kontextinformation wird zur Beurteilung der Indikatoren herangezogen. Sie bezieht sich sowohl auf Vergangenheit als auch auf Trends. Die Kontextdaten können durch Zusatzinformation ergänzt werden, die vor allem für den nationalen sozioökomischen Rahmen relevant erscheint. Folgende Kennzahlen werden herangezogen (ebd., 14): (1) BIP-Wachstum (2) Beschäftigungsrate nach Geschlecht, Arbeitslosenrate nach Geschlecht und Schlüssel-Altersgruppen (3) Lebenserwartung bei Geburt und im Alter von 65 Jahren (4) Anteil abhängiger alter Menschen (gegenwärtig und erwartet) (5) Verteilung der Bevölkerung nach Haushaltstypen, inklusive kollektiver Haushalte (6) Öffentliche Schulden in% des BIP (gegenwärtig und erwartet) (7) Sozialschutzausgaben (gegenwärtig, nach Funktion und netto) (8) Arbeitslosenhaushalte nach Haushaltstypen (9) ,,Making-work-pay"-Indikatoren (Arbeitslosenfalle, Inaktivitätsfalle, Niedriglohnfalle) ( l 0) Sozialhilfeempfängerinnen als Anteil an der Armutsgefährdungsschwelle von 3 Arbeitslosen-Haushaltstypen: Singles, allein erziehende Eltern, Paare mit 2 Kindern (11) Armutsgefährdungsrate vor Sozialtransfers ( außer Pensionen): 0-17, 18-64, 65+ (12) Erwartete Veränderung der theoretischen Einkommensersatzrate für 20042050 mit Information über Pensionstypen-Schemata und erwartete Veränderung der öffentlichen Pensionsausgaben von 2004-2050 Hinzu kommen die Einzelindikatoren für die drei Aktionsbereiche. Dabei bleibt der methodologische Rahmen, wie er für die Laeken-Indikatoren entwickelt wurde, unverändert und richtet sich weiterhin nach der Logik primärer und sekundärer Indikatoren „für eine umfassende Bestandsaufnahme und für die drei 255
Aktionsbereiche (soziale Eingliederung, Renten, Gesundheit und Langzeitpflege)" (Kommission 2007b ). Die Primärindikatoren für den Bereich Armut und Ausgrenzung wurden auf 11 maßgebliche Indikatoren reduziert, die „die festgelgten Ziele in all ihren wichtigen Dimensionen erfassen" (ebd.). Zudem einigte man sich auf 3 Sekundärund 11 Kontext-Indikatoren. Die ursprünglich vereinbarten Indikatoren werden aber auch weiterhin von EUROSTAT publiziert (Kommission 2006, 1 ff). Die neuen Indikatoren sind ein wesentlicher Bestandteile zur Erreichung der von der Kommission vorgegebenen Ziele, wobei die Primärindikatoren Leitindikatoren sind, "which cover the broad fields that have been considered the most important elements in leading to social exclusion" (EC 2006, 16). Die Sekundärindikatoren haben unterstützende Funktion und sollen die Natur der Armut detaillierter beschreiben. Die Liste orientiert sich an den Laekenlndikatoren, wobei einige ursprünglich primäre zu sekundären Indikatoren geworden sind, andere in das alle Bereiche umspannende Portfolio aufgenommen und wieder andere, die redundant erschienen, aus der Liste entfernt wurden. Zudem scheinen manche Indikatoren sowohl im Gesamtportfolio als auch in den Bereichsindikatoren auf. Die neuen Primärindikatoren können durchaus als Fortschritt zu den Laekenlndikatoren interpretiert werden. Materielle Deprivation und Wohnen sind wichtige Neuerungen, die die Armutslagen tiefer ergründen können und deren Kausalkomponente für soziale Ausgrenzung wichtige Hinweise liefert. Auch das Wohlbefinden von Kindern wurde als wichtige Komponente erkannt. Indem man auf diese Zielgruppe gesondert fokussiert, lassen sich weitere Informationen über das Ererben und die Ausbreitung von Armut in persönlichen Biografien gewinnen. Politische Maßnahmen können dann zielgerichteter ansetzen: Der Entwicklungsverlauf eines Menschen -und hier kann die Verbindung zum CA erneut gezogen werden -ist ausschlaggebend für zukünftige Potentiale und sollte nicht unterschätzt werden. Die drei Sekundärindikatoren liefern zudem Information über 1. Armutsrisiko nach unterschiedlichen Merkmalen 175 , 2. Personen mit niedriger Bildung und 3. schlechte Leseund Buchstabierleistungen von Schülerinnen. Damit wird zusätzliche Information über zentrale Aspekte der Armenpopulation generiert. Das Bildungsniveau hat sich in allen europäischen Ländern als grundlegend für weitere Möglichkeiten erwiesen und muss daher auch innerhalb der Indikatoren eine prominente Stellung einnehmen. Mit dem neuen Portfolio wird hierfür der richtige Schritt gesetzt. Gleichzeitig kann kritisiert werden, dass durch die Zusammenfassung der drei Teilbereiche gegen alle Beteuerungen von Seiten der Union, der Armutsproblematik innerhalb der Union Priorität entzogen wurde. Zudem lässt der Begriff der sozialen Kohäsion eine 175 Merkmale, nach der das Armutsrisiko aufgesplittert wird: Haushaltstyp; häufigster Aktivitätsstatus; Wohnverhältnis (Miete oder Eigentum); Streuung um die Armutsrate: 256
weite Interpretationsspanne zu, womit die Bedeutung des Problems sowohl politisch, als auch gesamtgesellschaftlich unterminiert zu werden droht. Tabelle 8: Primär-Indikatoren seit 2006176 Primär Alter-Breakdown Gender-Breakdown EU: gemeinsam festgelegter EU-Indikator NAT: gemeinsam festgelegter nationaler Indikator Pl EU: Armutsgefährdungsrate 0-17, 18-64, 65+ Ja (ab 18+) + illustrative Schwellenwerte P2 EU: Persistenz der Armutsge0-17, 18-64, 65+ Ja (ab 18+) fährdung P3 EU: Relativer Median Armuts0-17, 18-64, 65+ Ja (ab 18+) gefährdungslücke P4 EU: Langzeitarbeitslosenrate Nein Ja P5 EU: Bevölkerung in arbeitslosen 0-17, 18-59 Ja (nur 18-59) Haushalten P6 EU: Frühschulabbrecherinnen Nein Ja nicht in Ausbildung oder Training befindlich P7 NAT: Beschäftigungslücke von Nein Ja Immigrantinnen PS EU: materielle Deprivation 0-17, 18-64, 65+ Ja (muss noch entwickelt werden) P9 Wohnen (muss noch entwickelt 0-17, 18-64, 65+ ja werden) PlO Unbefriedigte Pflegebedürftig- -- keit nach Einkommensquintil (muss noch entwickelt werden) Pl 1 Wohlbefinden von Kindern (muss noch entwickelt werden Quelle: European Commission 2006 5.5. Abschließende Bemerkung Dieser Exkurs bildete die logische Überleitung zu einer Untersuchung des CA im europäischen Kontext. Ohne ein Wissen über die Vorgänge innerhalb der EU in Forschung und Politik, wird auch eine Überlegung zu einer Implementierung des CA, die salopp formuliert „was bisher geschah" berücksichtigen muss, ohne Verständnis bleiben. Vor dem Hintergrund der theoretisch geführten Debatte, die ich im ersten Teil dieser Arbeit entfaltet habe, ging es in diesem Teil in erster Linie darum, einen 176 Noch nicht entwickelte Indikatoren sind kursiv dargestellt. 257
Überblick über die europäische Entwicklung der Auseinandersetzung mit Armut zu bekommen. Der politische Kontext bildet hierbei auch den Referenzrahmen für eine Operationalisierung des CA. Wichtig schien hier die Forderung nach Mehrdimensionalität und der Bezug auf nicht-monetäre Aspekte im Herangehen an Armut. Die politische Entwicklung in der Union zeigt, dass es einen Konsens gibt, Armut nicht mehr einzig als Einkommensarmut zu definieren. Die gesamte Debatte um den Terminus „soziale Ausgrenzung" führt deutlich eine Verschiebung hin zu einem dynamischen, mehrdimensionalen Verständnis von Armut vor Augen. Gleichzeitig bleibt die Messungsgrundlage für Armut und Armutsgefährdung im engeren Sinne das durchschnittlich gewichtete Medianeinkommen. Dies muss bei einer Implementierung eines Capability-basierten Ansatzes im Kopf bleiben, der Armut ja auch im engen Sinn und als absolutes Konzept als Capability-Mangel definiert. Auf die Schwierigkeiten, dieses Konzept in der Praxis zu implementieren, wird im nächsten und abschließenden Teil spezifisch einzugehen sein. Eine Frage, die sich hier neben allen anderen Problemen stellt, ist, ob das EU-SILC und sein Design dazu geeignet sind, Capabilities im Sen'schen Sinn zu filtern und Capability-Indikatoren hervorzubringen. Hier bedarf es sicherlich einiger Änderungen, denen eine genaue Analyse der Fragestellungen dieses Instruments vorausgehen muss. Klar ist aber schon jetzt, dass individuelle Befragungen alleine keinesfalls ausreichen werden, um auf effiziente Weise Möglichkeiten-Sets von Individuen, Gruppen, aber auch Regionen, skizzieren zu können. Dies wird allerdings eher Gegenstand einer möglichen Folgeuntersuchung sein. Im VI. und letzen Teil dieser Arbeit geht es um grundlegende konzeptuelle Fragen der Implementierung, Sicherlich muss hier zwischen einem idealisierten, aber kaum realisierbaren Ansatz auf der einen und einem, die vorherrschenden Praktiken beriicksichtigenden, pragmatischen Kompromiss auf der anderen Seite, abegewogen werden. Die wichtige und zentrale Frage bleibt aber: Wie lässt sich Armut als die tatsächliche Situation des Mangels an Möglichkeiten, aber eben auch an einer reibungslosen Funktionsweise der Individuen innerhalb der EU, auf realitätsnahe Weise abbilden? Erst wenn diese Frage geklärt ist, wird man sich politische Schritte überlegen können, die der ganzen Tiefe des Problems gerecht werden können. Dieser Anspruch ist freilich hoch, dennoch bin ich der Ansicht, dass Sen mit seinem Ansatz auch für die Praxis ein Konzept entwickelt hat, das die Tiefgriindigkeit der Armutsspirale zu erfassen in der Lage ist. Sen hat das Problem aus einer anderen Perspektive betrachtet und klarsichtige Schlussfolgerungen gezogen, die bereits viel Anklang gefunden haben und nun auch in Europa mehr Gehör finden sollen. 258
VI. EIN CAPABILITY-KONZEPT FÜR DIE EU 6.1. Einleitung Nach den vorangegangen Überlegungen und einer Auseinandersetzung mit der Entwicklungsgeschichte des CA, sowohl in theoretischer als auch in empirischer Hinsicht, soll in diesem Teil nun ein empirisches Konzept entwickelt werden, das es der EU erlaubt, stärker Capabilities und Functionings im Zuge der Armutsdebatte in den Fokus zu rücken. Das Konzept soll zwei Anforderungen erfüllen: Es muss zum ersten in einem starken aber konsensual orientieren normativen Rahmen verankert werden, der durch Gerts Theorie der Moralität vorgegeben ist. Hier geht es vor allem um eine moralische Rechtfertigung relevanter Capabilities und Functionings, aber auch um konkrete normative Einschränkungen der individuellen und kollektiven Freiheitssets im Rahmen der EU. Die Filterung der relevanten Capabilities muss mit dem Blick auf Gerts Moralitätsrahmen durchgeführt werden. Daneben muss ein solcher Ansatz auch normative Orientierungskriterien für öffentliches Handeln bereitstellen. Zum zweiten muss das Konzept praktische Anforderungen erfüllen, die es für eine empirische Armutsmessung brauchbar machen. Die Gratwanderung zwischen diesen beiden Aspekten ist nicht immer einfach, muss aber im Auge behalten werden, wenn der Ansatz sowohl wissenschaftlich gehaltvoll, als auch empirisch nutzbar sein soll. Einleitend wird in Kapitel 6.2. nun nochmals auf die Problematik des relativen Armutsbegriffs mit seinem Fokus auf Einkommen eingegangen. Dabei soll gezeigt werden, wie der CA hier einen perspektivischen Wandel herbeiführen kann. Daraus leiten sich die ersten Überlegungen einer neuen, am CA orientierten Armutsdefinition ab, die in 6.3. konkretisiert werden soll. Grundgedanke dieser Definition ist, die einkommensbasierte Begriffsbestimmung zu überwinden und spezifische Ausprägungen einer Capability-Armutsgrenze zu konstituieren. Die Operationalisierung des CA, die in 6.4. ihren Ausgang nimmt, greift auf diesen Armutsbegriff zurück. Erster Schritt ist die Begründung eines Grundbefähigungsniveaus, das dem absoluten Kern des Armutskonzepts Rechnung tragen soll und sich an Sens Basic Capabilities orientiert. In Kapitel 6.4.2 wird daran anschließend anhand von Transformationstabellen gezeigt, welche Capability-Dimensionen auf EU-Ebene impliziert sind, bzw. welche sich aus Dokumenten und Einigungen exfiltirieren lassen und somit über ausreichende (demokratische) Legitimität verfügen. In der Auseinandersetzung mit den applikativen Anforderungen der Operationalisierung wird vorerst ein 259
Idealtyp entwickelt, in dem die Capability-Dimensionen operationalisiert werden sollen. Erst darin anschließend wird eine Inventur des Möglichen vollzogen und überprüft, wie der Ansatz auf Basis des vorhandenen Datenmaterials und als Ergänzung des Vorgehens der EU umgesetzt werden kann. Dabei ist von Interesse, inwiefern die derzeitigen Erhebungsinstrumente für diesen Zweck angepasst werden können bzw. welche Zusatzinformation aus den bereits erhobenen Daten hinsichtlich des Armutsproblems zu gewinnen ist. Die in diesem Teil entworfene Operationalisierung ist als explorativer Versuch zu verstehen, eine Möglichkeit vorzuführen, wie ein perspektivischer Wandel, der sich am Capability-Ansatz orientiert, vollzogen werden kann. Sie soll einen Denkanstoß dazu leisten, Sens Vorstellungen über das Wesen der Armut im Rahmen der Europäischen Union zu verbreiten und ist nicht als fertiges Rezept anzusehen. Eine tatsächliche praktische Umsetzung bedarf des exzessiven interdisziplinären Diskurses und der Zusammenarbeit von Forschung und Politik auf nationaler und europäischer Ebene. Die einzelne Forscherin kann hier einen Anstoß geben, vermessen wäre es allerdings, die Notwendigkeit des öffentlichen Diskurses unter Betroffenen, Expertinnen und Entscheidungsträgerinnen zu negieren und zu suggerieren, über aller Probleme Lösung zu verfügen. 6.2. Der CA im Rahmen der EU 6.2.1. Die Unzufriedenheit mit relativen Einkommensarmutsmaßen Wie in Teil V dieser Arbeit gezeigt wurde, ist die EU selbst längst von einem rein einkommensbezogenen Armutsansatz abgerückt. Wir haben gesehen, dass es durch den Begriff der sozialen Ausgrenzung gelang, ein mehrdimensionales Modell für die Bewertung von Mangelerscheinungen im EU-Raum zu integrieren und mit ihm wichtige Aspekte persönlicher, aber auch kollektiver Entbehrungen besser ausleuchten zu können. Eingeleitet wurde dieser Prozess durch Townsends Konzept der relativen Deprivation, mit dem der Autor zum Ausdruck brachte, dass der alleinige Fokus auf Einkommen nicht zielführend sei. Wir wissen, dass Einkommen instrumentell von Bedeutung ist, aber aus den genannten Gründen keinen hinreichenden Rahmen zur Capability-Bewertung liefert. Dennoch wird im europäischen Rahmen großes Gewicht auf diese Ressource gelegt, wie sich auch an den Strukturindikatoren ablesen lässt 177 • Einkommen 177 Im März 2000 forderte der Europäische Rat von Lissabon die Europäische Kommission auf, jährlich Berichte über die Fortschritte in den Bereichen Beschäftigung, Innovation, Wirtschaftsreform, sozialer Zusammenhalt und Umwelt zu erstatten. Die Strukturindikatoren gestatten es, eine quantitative Bewertung vorzunehmen und die Leistungen der Mitgliedstaaten auf diesen Gebieten zu vergleichen. Die Zahl der Strukturindikatoren ist im Laufe der nächsten drei Jahre stark gestiegen; 2003 waren es schließlich 42. Die Kommission wollte diese Liste auf 14 Indikatoren verkürzen, um ihre politischen Aussagen im Frühjahrsbericht an den Europäischen Rat leichter darzustellen. Mit den vom Rat 260
ist ein wichtiges Mittel für viele Ziele und reflektiert bestimmte Aspekte hinsichtlich der Erreichung zahlreicher Functionings, für die andere Indikatoren nicht verfügbar sind. Neben dem Einkommen als isolierten Indikator, führte aber auch die Relativität der EU-Armutsmaße immer wieder zu Kritik. Sens zentraler Punkt, dass ein relativer Mangel an Gütern einen absoluten Mangel an Capabilities nach sich zieht, hat auch andere Autorinnen, die sich am CA als Bewertungsgrundlage für Armut orientieren, dazu bewogen, Alternativen aufzuzeigen (z.B. Atkinson 2003, Burchardt und Vizard 2007, Salais und Villeneuve 2004). So ermöglicht das EU-Konzept beispielsweise nicht die Identifizierung von primärer absoluter Einkommensarmut, deren Grenze bei jenem Einkommen anzusiedeln ist, das mindestens zur Deckung grundlegender Bedürfnisse benötigt wird (Volkert 2006). Dieser Kritik zufolge versagen die EU-Armutsmaße, wenn der allgemeine Wohlstand bei gleicher Verteilung absinkt und Hunger und schlechte Ernährungsstandards folgen. Die Möglichkeit einer Wiederkehr primärer Armut sollte aber bedacht und Bedrohungen für Gesundheit und Leben stärker berücksichtigt werden. Die relative Einkommens-Armutsgrenze ist also nicht aussagekräftig genug: "We are not able to teil whether or not a household with incomes below one of these European income thresholds has sufficient means to live decently or not." (Volkert 2006, 364) Um die EU-Bewertung aus einer Capability-Perspektive zu untersuchen, muss außerdem überprüft werden, inwiefern das EU-Konzept dazu geeignet ist, wichtige Capabilities und Wohlbefinden im Allgemeinen zu beurteilen. Zudem lässt sich gegen die relative Einkommensarmut das politische Argument einwenden, dass sie auf isolierte Verteilungen fokussiert und sich somit a priori der Möglichkeit beraubt, EU-Minimalstandards zumindest auf die langfristige Zielagenda zu setzen. Wenn die Europäische Union aber mehr als ein gemeinsamer Wirtschaftsraum sein will, dann müssen auch ein grundlegender Lebensstandard und ein Minimum an sozialer Sicherheit innerhalb ihrer Grenzen gewährleistet sein. Im folgenden Abschnitt soll daher gezeigt werden, inwiefern der CA auf EUEbene bisher schon Verwendung fand und welche Aspekte von den unterschiedlichen Autorinnen hervorgehoben werden. vorgenommenen Änderungen sieht die Liste wie folgt aus: Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt (BIP); Arbeitsproduktivität; Beschäftigungsquote; Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer; Bildungsstand junger Menschen (Altersgruppe: 20-24); Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE); Relatives Preisniveau; Unternehmensinvestitionen; Armutsrisikoquote nach Sozialtransfers; Streuung der regionalen Beschäftigungsquoten; Langzeitarbeitslosigkeit; Gesamtemissionen von Treibhausgasen; Energieintensität der Wirtschaft; Frachtverkehrsvolumen im Verhältnis zum BIP. 261
6.2.2. Der CA als supplementäres Konzept Raveaud und Salais (2001) orientieren sich am CA, mit dem Ziel ein allgemeines europäisches Maßnahmenprogramm gegen Ausgrenzung zu erarbeiten. Zwei Anforderungen stellen sie diesem Ziel voran: Es soll erstens mit den Gründungsprinzipien der EU und den existierenden Verträgen kompatibel sein und zum zweiten den Mehrwert Europas innerhalb der Logik des Subsidiaritätsprinzips maximieren. Damit sind wichtige Stichwörter für die politische Debatte gegeben. Bei einer Implementierung des CA, die auf unterschiedlichen Ebenen abläuft, darf dieses letzte Niveau nicht außer Acht gelassen werden, wenn das Ergebnis einen Mehrwert gegenüber aktuellen Konzepten haben soll. Raveaud und Salais sind vor allem mit der politischen Ebene befasst und interessieren sich für die politischen Implikationen der Capability-Perspektive. Ausgehend vom Konzept sozialer Ausgrenzung zeigen die Autoren eingangs anhand von Capabilities, wie technischer Wandel und Entwicklung zu wachsender Ausgrenzung führen. Die Absicht öffentlichen Handelns muss sein, sicherzustellen, dass der technische Wandel nicht die Capabilities der am schlechtesten Gestellten bedroht. Dabei muss auf die individuellen Umwandlungsfaktoren Rücksicht genommen werden. Reveaud und Salais formulieren allgemein. Sie schärfen aber das Bewusstsein, dass ein perspektivischer Wandel nötig ist. Sie treten für eine gemeinschaftliche Politik zur Reduzierung von Capability-Mängeln und Ausgrenzung ein und stellen die Prinzipien von Subsidiarität und Proportionalität dabei nicht infrage: "The Community's task is to deploy the most suitable array of resources to support and supplement the action of the member states. In social matters this array does not include, in principle, decision-making and action programmes; it focuses on 'softer' measures, such as encouraging co-operation and social dialogue [ ... ]" (Reveaud und Salais 2001, 69) Nach Meinung der Autoren soll gemeinschaftliches Handeln nicht nationale Systeme unterminieren, sondern vor allem unterstützend wirken. Zu diesem Zweck formulieren sie einige Capability-basierte Politikziele: "A. Screening the experience built up by actors through a capability approach; B. Developing indicators of quality of inclusion; C. Achieving a more efficient and situated operation of existing European funds. " ( ebd., 71 Of) Alle Proponentinnen eines Capability-Tum in der EU 178 sind sich einig, dass eine perspektivische Verschiebung, wie sie auch in dieser Arbeit vertreten wird, unbedingt notwendig ist, um das Armutsund Ausgrenzungsproblem in seiner Tiefe zu fassen und sicherzustellen, dass die Maßnahmenplanung im Stande ist, die Problemfelder zielgenau anzuvisieren und konkret tätig zu werden. Vor allem das auch von Sen (1997d) erkannte Problem der Arbeitslosigkeit scheint in einer reichen supranationalen Volkswirtschaft wie der EU von besonderer Dringlichkeit. Dass dies auch von der Kommission eingesehen wird, lassen die Strukturindikatoren zur sozialen Eingliederung erkennen. Allerdings ist auch 178 Burchardt, Mayes, Reveaud, Salaise, Villeneuve, Volkert u.v.a. 262
Tabelle 10: Bewertungstabelle der Grundbefähigungen 0 1 2 3 4+ Ernährung keine unter Minimum über höher Minimum Minimum Schutz kein unter Minimum über höher Minimum Minimum Behausung keine unter Minimum über höher Minimum Minimum Kleidung keine unter Minimum über höher Minimum Minimum Integration keine unter Minimum über höher Minimum Minimum Grundbildung keine unter Minimum über höher Minimum Minimum Quelle: angelehnt an Klasen (2005) Grafisch lässt sich dies wie folgt darstellen, wobei auffällt, dass manche Individuen in den meisten Dimensionen über dem Minimum liegen und teils nur hinAbbildung 10: Grundbefähigungen Grundbefähigungen 8-------------- ----- 7 6 5 4 3 2 I 0 -l-----------------~--- Grundbefähigungen Quelle: eigene Darstellung -Person 1 - Person2 -Person 3 -Minimum sichtlich eines oder zweier Aspekte das Grundbefähigungsniveau unterschreiten. Hier muss ausdrücklich unterstrichen werden, dass schon die Unterschreitung einer Dimension ausreichend ist, um als absolut arm zu gelten, da bereits existenzbedrohende Folgen entstehen können. Ein hohes Maß an Bildung kann unter Umständen Mängel bei anderen Grundbefähigungen nicht verhindern. Dadurch kann veranschaulicht werden, dass jede 269
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