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Durchhalten bis zur Rente? Einschätzungen von Beschäftigten, Betriebs- und Personalräten

Blank, Florian,Brehmer, Wolfram

Abstract

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Full text

Blank, Florian; Brehmer, Wolfram Research Report Durchhalten bis zur Rente? Einschätzungen von Beschäftigten, Betriebsund Personalräten WSI Report, No. 85 Provided in Cooperation with: The Institute of Economic and Social Research (WSI), Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Blank, Florian; Brehmer, Wolfram (2023) : Durchhalten bis zur Rente? Einschätzungen von Beschäftigten, Betriebsund Personalräten, WSI Report, No. 85, Hans-BöcklerStiftung, Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/299259 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Einschätzungen von Beschäftigten, Betriebsund Personalräten Florian Blank, Wolfram Brehmer In öffentlichen Debatten wird gefordert, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Diese Forderung geht jedoch an der Realität der Beschäftigten vorbei. Viele schaffen es aus gesundheitlichen und sonstigen Gründen nicht, bis zum Rentenalter zu arbeiten. Dieser WSI-Report geht der Frage nach, ob und welche Beschäftigte sich in der Lage sehen, ihre aktuelle berufliche Tätigkeit bis zum Rentenalter durchhalten zu können. Ergänzt wird diese Selbsteinschätzung durch Angaben von Betriebsund Personalräten, nicht nur zur Beschäftigungsfähigkeit, sondern auch zu Handlungsspielräumen der Betriebe zur Unterstützung der Beschäftigten. Datengrundlage sind die HBS-Erwerbspersonenbefragung und die WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Mehrheit der Beschäftigten eher optimistisch ist, ihre aktuelle Tätigkeit bis zur Rente ausüben zu können. Allerdings zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen Beschäftigtengruppen, etwa zwischen Arbeiter*innen, Angestellten und Beamt*innen. Betriebsund Personalräte äußern sich skeptischer zur Fähigkeit der Beschäftigten, bis zur Rente durchzuhalten. Gleichzeitig sehen sie aber Möglichkeiten der Unterstützung – Betriebe könnten mehr tun, um lange Erwerbskarrieren zu ermöglichen. Die aktuelle Situation wird aber als unzureichend eingeschätzt. INHALT 1 Einleitung: Durchhalten bis zur Rente? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2 Selbsteinschätzungen der Beschäftigten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 3 Einschätzungen der Betriebsund Personalräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .13 AUTOREN Die Autoren danken den Kolleginnen und Kollegen in WSI und HBS für ihre Unterstützung. Janek von Stebut hat wichtige Vorarbeiten für diesen Report erstellt. Dr. Wolfram Brehmer Referatsleiter Empirische Strukturanalysen [email protected] Dr. Florian Blank Referatsleiter Sozialpolitik [email protected] WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 3 Viele Menschen können aufgrund belastender Arbeitsbedingungen oder gesundheitlicher Probleme nicht bis zum Rentenalter arbeiten. Körperliche und geistige Belastungen – etwa durch nicht-ergonomische Arbeitsplätze, sich wiederholende manuelle Tätigkeiten oder permanenten Anforderungsund Termindruck – führen dazu, dass sie vor Erreichen der Regelaltersgrenze aus dem Erwerbsleben ausscheiden. In Deutschland ist in den vergangenen Jahren die Beschäftigung Älterer deutlich gestiegen. Das liegt am steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung insgesamt ebenso wie am zunehmenden Anteil Beschäftigter unter den Älteren. Doch nach wie vor liegt die Beschäftigungsquote Älterer unter der der 25bis 50-Jährigen (BA 2022; BiB 2022). Die Erwerbstätigkeit Älterer und der Übergang in die Rente haben viele Facetten. Die Arbeitsmarktintegration der Menschen spiegelt ihre Wünsche und Vorstellungen, ihre Fähigkeiten aber auch die Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz zu behalten oder neu zu finden, wider (Richter et al. 2022). In der Forschung wurde unter anderem herausgearbeitet, – dass der Ausstieg aus dem Erwerbsleben durch erhebliche Ungleichheit zwischen sozioökonomischen Gruppen gekennzeichnet ist. Diese Ungleichheit reflektiert Gesundheit, Arbeitsbedingungen und auch die Beschäftigungsfähigkeit (Rohrbacher/Hasselhorn 2022; Brussig 2018). – dass ein großer Anteil der Übergänge in die Rente aus Arbeitslosigkeit erfolgt (Deutsche Rentenversicherung 2022). – dass ein erheblicher Teil der Beschäftigten nicht glaubt, im aktuellen Beruf bis zur Rente durchhalten zu können – das trifft insbesondere auf Personen mit körperlich und psychisch belastenden Arbeitsbedingungen zu (Kistler et al. 2019). – dass Betriebe spezielle Instrumente zur (Weiter-) Beschäftigung Älterer kaum einsetzen (Bellmann et al. 2018). Dieser WSI-Report geht der Frage nach, inwieweit sich Beschäftigte in der Lage sehen, bis zum Rentenalter ihrer Tätigkeit nachzugehen. Dabei wird auf die Daten der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung und der WSI-Betriebsund Personalrätebefragung zurückgegriffen. Die Selbsteinschätzung der Beschäftigten wird so durch Einschätzungen von Betriebsund Personalräten ergänzt. Die Betriebsund Personalräte berichten außerdem über Handlungsspielräume in den Betrieben: Sie beurteilen, ob Betriebe genug tun, um Beschäftigte darin zu unterstützen, ihre Tätigkeit bis zur Rente ausüben zu können. In diesen Einschätzungen werden damit in Bezug auf die Tätigkeit Älterer die Aspekte des „Könnens“ und „Dürfens“ behandelt, wobei das „Dürfen“ die Arbeitsnachfrage und Unterstützungsangebote behandelt (Richter et al. 2022). Die Auswertung bestätigt die Beobachtung der Ungleichheit zwischen Beschäftigtengruppen, was die Fähigkeit, bis zur Rente durchzuhalten, angeht. Zugleich lässt sich aus den Antworten der Betriebsund Personalräte auf erhebliche nicht genutzte Spielräume bei der Gestaltung des betrieblichen Arbeitsumfelds schließen. Diese Ergebnisse sind von großer Relevanz für gegenwärtige Debatten um Fachkräftemangel und Lebensarbeitszeit (etwa Brenke 2022). So wurde das Thema Mitte Dezember 2022 durch eine Datenauswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) wieder auf die Agenda gesetzt (BiB 2022). Als Reaktion darauf bemerkte Bundeskanzler Olaf Scholz in einem Interview: „Es gilt, den Anteil derer zu steigern, die wirklich bis zum Renteneintrittsalter arbeiten können. Das fällt vielen heute schwer“ (zitiert nach ZDF 2022). Aber natürlich ist das Thema auch unabhängig von der aktuellen politischen Aufmerksamkeit wichtig: Gute Gesundheit und die Möglichkeit, lange erwerbstätig sein zu können und selbstbestimmt über das Ende der Erwerbsarbeit zu entscheiden, haben für sich genommen einen hohen Wert. Lange und gelungene Berufslaufbahnen schaffen zudem Einkommen und soziale Integration. Eine hohe Erwerbsbeteiligung Älterer ist zudem aus sozialpolitischen Gründen wichtig. Aus Beschäftigung folgen Ansprüche auf Sozialleistungen – das Einkommen im Alter hängt wesentlich von der Erwerbslaufbahn ab. Zudem ist es angesichts des demografischen Wandels notwendig, eine hohe Erwerbsbeteiligung in allen Bevölkerungsgruppen im erwerbsfähigen Alter zu erreichen, um die Einnahmenbasis der Sozialversicherungssysteme zu stabilisieren (Türk et al. 2018). Dieser WSI-Report ergänzt die bisherigen Studien um Informationen, die durch die HBS-Erwerbspersonenbefragung sowie die WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021 gewonnen wurden. Im folgenden Abschnitt werden zunächst Daten der Erwerbspersonenbefragung präsentiert, die Aufschluss darüber geben sollen, ob sich Beschäftigte in der Lage sehen, ihre Tätigkeit bis zum Rentenalter auszuüben. Daran anschließend werden Einschätzungen von Betriebsund Personalräten dargestellt, die sowohl die diesbezüglichen Fähigkeiten der Beschäftigten als auch die Handlungsspielräume der Betriebe betreffen: Könnten Beschäftigte durch entsprechende Maßnahmen länger ihrer Tätigkeit nachgehen und tun die Betriebe genug? Das Fazit führt die Erkenntnisse zusammen. Ein Anhang informiert über die verwendeten Datenquellen. 1 EINLEITUNG: DURCHHALTEN BIS ZUR RENTE? WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 4 Wie schätzen Beschäftigte die Möglichkeit ein, ihre aktuelle Tätigkeit unter den derzeitigen Anforderungen ohne Einschränkung bis zur Rente ausüben zu können? Diese Frage wurde im Rahmen der HBSErwerbstätigenbefragung an abhängig Beschäftigte gestellt (n = 5.020). 1 Rund 31 Prozent meinen, „auf jeden Fall“ durchhalten zu können. 42 Prozent sind eher optimistisch, rund 20 Prozent eher skeptisch. „Auf keinen Fall“ antworten rund siebenProzent (Abbildung 1). Dabei zeigen sich zwischen den Geschlechtern kaum Unterschiede. In der Auswertung nach Branchen (ohne Abbildung) zeigen sich teils erhebliche Unterschiede, die allerdings außer durch belastende Arbeitsbedingungen auch durch eine Reihe weiterer Faktoren bedingt sein können. Dazu zählen unter anderem die Altersstruktur der Beschäftigten in einer Branche oder andere branchentypische Gegebenheiten 1 Die Frage in der HBS-Erwerbspersonenbefragung lautete: „Glauben Sie, dass Sie unter den derzeitigen Anforderungen Ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ohne Einschränkung ausüben könnten?“ Ausgeschlossen sind von den weiteren Auswertungen Selbständige und mithelfende Familienangehörige, denen diese Frage ebenfalls gestellt wurde. 1,4 Prozent der abhängig Beschäftigten, die die Frage erhielten, machten keine Angabe. Diese sind von den weiteren Auswertungen ebenfalls ausgenommen. wie tarifliche Frühverrentungsregelungen oder die Möglichkeit von Tätigkeitswechseln, die eine Verneinung der Frage nahelegen. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch, wenn nach Arbeiter*innen, Angestellten und Beamt*innen unterschieden wird (Abbildung 2). Es zeigt sich, dass Arbeiter*innen deutlich pessimistischere Einschätzungen äußern als die Angestellten und die – noch optimistischeren – Beamt*innen. Während unter den Beamt*innen die größte Gruppe (42 Prozent) davon ausgeht, „auf jeden Fall“ bis zum Ruhestand ihre Tätigkeit ausüben zu können, sind es bei den Arbeiter*innen weniger als ein Viertel (23 Prozent). Zugleich sind unter den Arbeiter*innen neun Prozent überzeugt, „auf keinen Fall“ die aktuelle Tätigkeit beibehalten zu können – im Unterschied zu nur vierProzent der Beamt*innen. Es zeigt sich zudem ein Zusammenhang zwischen der aktuell empfundenen Arbeitsbelastung 2 und der Erwartung, bis zur Rente arbeiten zu können (Abbildung 3). Liegen „äußerst belastende“ Arbeitssituationen vor, sieht sich die Mehrheit der Beschäftigte in der Situation, „eher nicht“ (32 Prozent) oder sogar „auf keinen Fall“ (28 Prozent) ihre Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben zu können. Umgekehrt sagt über die Hälfte (54 Prozent) der Befragten mit „gar nicht belastenden“ Arbeitssituationen, dass sie ihre Tätigkeit „auf jeden Fall“ durchhalten könnten. Auffällig ist, dass schon bei einer „stark belastenden“ Arbeitssituation die Beschäftigten mehrheitlich davon ausgehen, „eher“ oder „auf jeden Fall“ ihre Tätigkeiten bis zum Rentenalter ausüben zu können. 2 Die Frage lautete: „Wie belastend empfinden Sie alles in allem Ihre derzeitige Arbeitssituation?“ 5,6 Prozent der Befragten schätzten ihre Arbeitssituation als „äußerst belastend“ ein. 16,5 Prozent gaben eine „stark belastende“ Arbeitssituation an. 35,9 Prozent gaben eine „etwas belastende“, 25,2 Prozent eine „kaum“ und 16,9 Prozent eine „gar nicht“ belastende Arbeitssituation an. Aus den Fallzahlen in Abb. 3 lassen sich abweichende Anteilswerte ermitteln, was daran liegt, dass die Fallzahlen nicht gewichtet sind. 2 SELBSTEINSCHÄTZUNGEN DER BESCHÄFTIGTEN Abbildung 1 „Glauben Sie, dass Sie unter den derzeitigen Anforderungen Ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ohne Einschränkung ausüben könnten?“ – Selbsteinschätzung der Beschäftigten Angaben inProzent – auf jeden Fall – eher ja – eher nein – auf keinen Fall Quelle: HBS-Erwerbspersonenbefragung, nur abhängig Beschäftigte (4.950), Angaben gewichtet 30,7 42,2 20,4 6,7 WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 5 Abbildung 2 „Glauben Sie, dass Sie unter den derzeitigen Anforderungen Ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ohne Einschränkung ausüben könnten?“ – Selbsteinschätzung der Befragten nach Beschäftigtengruppen: Arbeiter*innen, Angestellte oder Beamt*innen Angaben inProzent Arbeiter*innen (751) Angestellte (3.905) Beamt*innen (294) – auf jeden Fall – eher ja – eher nein – auf keinen Fall Quelle: HBS-Erwerbspersonenbefragung, nur abhängig Beschäftigte (4.950), Angaben gewichtet 22,9 39,1 29,0 9,0 42,2 40,6 13,7 3,6 31,6 42,9 19,1 6,4 Abbildung 3 „Glauben Sie, dass Sie unter den derzeitigen Anforderungen Ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ohne Einschränkung ausüben könnten?“ – Selbsteinschätzung der Beschäftigten nach Einschätzung der aktuellen Arbeitssituation Angaben inProzent – auf jeden Fall – eher ja – eher nein – auf keinen Fall Quelle: HBS-Erwerbspersonenbefragung, nur abhängig Beschäftigte (4.934), Angaben gewichtet 30,7 18,6 17,1 24,4 35,4 54,4 42,2 22,1 40 47,8 47 32,3 20,4 31,7 31,1 22,9 14,3 9,8 6,7 27,6 11,8 4,9 3,3 3,5 020 40 60 80 100 insgesamt äußerst belastend (303) stark belastend (833) etwas belastend (1.777) kaum belastend (1.226) gar nicht belastend (795) Einschätzung der derzeitigen Arbeitssituaion als... WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 6 Im vorausgegangenen Abschnitt wurde gezeigt, dass sich die Selbsteinschätzungen der Beschäftigten teils deutlich danach unterscheiden, in welcher beruflichen Stellung und unter welchen Arbeitsbedingungen sie tätig sind. Wie beurteilen Betriebsund Personalräte die Situation und wie schätzen sie die Möglichkeiten der Betriebe ein, die Situation zu verbessern? Arbeiten bis zur Rente – Einschätzungen der Betriebsund Personalräte In der WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021 wurden die Vertreter der Beschäftigten gebeten, den Anteil der Beschäftigten, die ihre jetzige Tätigkeit unter den derzeitigen Anforderungen ohne Einschränkung bis zum 67. Lebensjahr ausüben können, zu schätzen. 3 Im Durchschnitt gaben die Betriebsund Personalräte an, dass knapp über die Hälfte (51 Prozent) der Beschäftigten ohne Einschränkung durchhalten könne. Rund 42 Prozent der Betriebsund Personalräte gab an, dass die Mehrheit der Beschäftigten in ihren Betrieben nicht bis zum Rentenalter durchhalten könne. Auch in den Einschätzungen der Betriebsund Personalräte zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Betrieben: Zunächst zeigt der Vergleich zwischen Branchen deutliche Abweichungen vom Mittelwert (Abbildung 4). Eine mögliche Interpretation der Unterschiede zwischen den relativ weit gefassten Branchen liegt in den unterschiedlichen Arbeitsbedingungen. So schneiden der öffentliche Dienst sowie Dienstleistungssektoren, die häufig mit einem höheren Qualifikationsniveau verbunden sind, im Durchschnitt besser ab als Branchen, die durch einen höheren Anteil an manueller Arbeit oder personenbezogenen Dienstleistungen geprägt sind. 4 Dennoch ist die Interpretation schwierig, da – wie auch oben mit Blick auf die Selbsteinschätzung durch die Beschäftigten argumentiert – auch die Altersstruktur der Beschäf3 Die Frage lautete: „Was meinen Sie, wie viel Prozent der Beschäftigten würden unter den derzeitigen Anforderungen ihre jetzige Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr ohne Einschränkung ausüben können?“ Bei rund der Hälfte der Befragten wurde eine abweichende Formulierung genutzt: „Was meinen Sie, wie viel Prozent der Beschäftigten würden unter den derzeitigen Anforderungen ihre jetzige Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr nicht ohne Einschränkung ausüben können?“ Im Folgenden wird der gewichtete Durchschnitt der Angaben aus beiden Varianten bezogen auf die Beschäftigten, die ohne Einschränkung ihre Tätigkeit ausüben können, verwendet. 4 Bei der Interpretation der Branche „Landund Forstwirtschaft, Fischerei“ ist zu berücksichtigen, dass einerseits die Branche mit relativ wenigen Fällen besetzt ist, andererseits auch hier nur Betriebe ab 20 Beschäftigten und Betriebsoder Personalrat befragt wurden, was eher untypisch für die Branche ist. tigten in einer Branche oder branchentypische tarifliche Frühverrentungsregelungen die Einschätzung der Betriebsräte beeinflussen können. Zudem scheint mit der Betriebsgröße ein Zusammenhang zu bestehen – je größer der Betrieb, desto geringer schätzen die Betriebsund Personalräte den Anteil der Beschäftigten ein, die ohne Einschränkung durchhalten können (ohne Abbildung). Ebenso zeigt sich bei Betrieben der Privatwirtschaft ein Zusammenhang mit der Tarifbindung (ohne Abbildung). Liegt ein Tarifvertrag vor, ist der Anteil der Beschäftigten, die nach Einschätzung der Betriebsräte ohne Einschränkung ihre Tätigkeit bis zum Alter von 67 verrichten können, niedriger als in nicht tarifgebundenen Betrieben. Eine Erklärung für dieses kontraintuitive Ergebnis könnte sein, dass tarifgebundene Betriebe in der Privatwirtschaft eher Wirtschaftszweigen angehören, in denen traditionell belastende Arbeitsbedingungen vorlagen (und teils bis heute vorliegen), die die tarifliche Regulierung notwendig machten. Eine weitere Erklärung liegt in den Wirkungen der Tarifverträge, die teils Regelungen zum Altersübergang (wie etwa zur Altersteilzeit) vorsehen 5 und dadurch ein Problembewusstsein auf betrieblicher Ebene schaffen sowie den Berufsausstieg eines Teils der Beschäftigten vor Erreichen der Regelaltersgrenze gewissermaßen als normal erscheinen lassen können. Entsprechend scheint es auch plausibel, dass in den Antworten der Betriebsräte das „Können“ und „Müssen“ in Bezug auf das Arbeiten bis zur Rente ineinander übergehen: Wo keine Möglichkeit eines früheren Ausstiegs besteht, ist die Einschätzung des „Durchhalten-Könnens“ der Beschäftigten mutmaßlich durch das „Müssen“ (mangels echter Alternativen) beeinflusst. Auch abhängig von der Beschäftigtenstruktur ihrer Betriebe kommen die Betriebsund Personalräte zu unterschiedlichen Einschätzungen darüber, welcher Anteil der Beschäftigen bis zur Rente arbeiten kann. Insbesondere die Qualifikationsstruktur der Belegschaft scheint eine Rolle zu spielen (Abbildung 5): Ein hoher Anteil an hochqualifizierten Tätigkeiten führt dazu, dass Betriebsräte weniger Probleme sehen. Bei einem hohen Anteil einfacher oder Hilfstätigkeiten wird dagegen die Lage problematischer gesehen. 5 Beispiele in der Privatwirtschaft sind der Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente für Beschäftigte der Metallund Elektroindustrie in Baden-Württemberg oder der Tarifvertrag Lebensarbeitszeit und Demografie der chemischen Industrie. Der genannte Tarifvertrag aus der Metallindustrie verweist bei der Regelung der Anspruchsberechtigung auch direkt auf belastende Arbeitsbedingungen. Im öffentlichen Dienst gilt der Tarifvertrag zu flexiblen Arbeitszeitregelungen für ältere Beschäftigte. 3 EINSCHÄTZUNGEN DER BETRIEBSUND PERSONALRÄTE WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 7 Abbildung 4 Anteil der Beschäftigten, die nach Einschätzung der Betriebsoder Personalräte ohne Einschränkung ihre jetzige Tätigkeit bis zum Alter von 67 ausüben können, nach Branchen Angaben inProzent Quelle: WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021 (3.621 Betriebe), alle Angaben außer Fallzahlen gewichtet 51,3 43,8 47,6 47,6 50,8 51,5 52,8 54,5 56,2 62,4 64,9 insgesamt Handel, Verkehr und Lagerei, Gastgewerbe produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit unternehmensnahe Dienstleistungen Baugewerbe Kunst, Unterhaltung und Erholung; sonstige Dienstleister Information und Kommunikation Landund Forstwirtschaft, Fischerei Finanzund Versicherungsdienstleister öffentliche Verwaltung Abbildung 5 Anteil der Beschäftigten, die nach Einschätzung der Betriebsoder Personalräte ohne Einschränkung ihre jetzige Tätigkeit bis zum Alter von 67 ausüben können, nach Anteil der Hochqualifizierten unter den Beschäftigten bzw. nach Anteil der Beschäftigten mit einfachen oder Hilfstätigkeiten Angaben inProzent – einfache Tätigkeiten/Hilfstätigkeiten – hochqualifizierte Tätigkeiten Lesehilfe: In Betrieben mit 75 % und mehr Hochqualifizierten an der Belegschaft geben Betriebsoder Personalräte an, dass 67,5 % der Beschäftigten unter den derzeitigen Anforderungen ihre jetzige Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr ohne Einschränkung ausüben können. Quelle: WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021 (3.621 Betriebe), alle Angaben außer Fallzahlen gewichtet 51,3 48,0 55,0 58,7 67,5 53,8 47,9 43,2 39,6 insgesamt 0 bis unter 25 % 25 bis unter 50 % 50 bis unter 75 % 75 % und mehr Anteil der Hochqualifizierten bzw. Beschäftigten mit einfachen oder Hilfstätigkeiten an der Belegschaft WSI Report Nr. 85, Juni 2023 Seite 8 Diese Befunde – insbesondere die Branchenund Größeneffekte – werden auch in einer Regressionsanalyse bestätigt, in die auch weitere Variablen zur Beschäftigtenstruktur, zur Tarifbindung und Mitbestimmung einbezogen wurden. Die Möglichkeit zur Unterstützung Die Einschätzungen der Betriebsund Personalräte zeigen Probleme auf, auf die Betriebe allerdings reagieren können. Denn Beschäftigte können darin unterstützt werden, ihre bisherigen Tätigkeiten weiter ausüben zu können. Eine andere Möglichkeit wäre, ihnen andere Tätigkeiten zuzuweisen, bzw. sie zu anderen Tätigkeiten im Betrieb oder Unternehmen zu befähigen. Die Möglichkeit der Unterstützung sehen auch die Betriebsund Personalräte. Ein Teil der Betriebsund Personalräte wurde gefragt, ob es Betroffenen eher möglich wäre, unterstützt durch betriebliche Maßnahmen ihre Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr auszuüben. 6 Nur 16,5 Prozent der Betriebsund Personalräte, in deren Betrieben zumindest einige Beschäftigte nicht durchhalten können, verneinen diese Frage generell – die anderen gehen in unterschiedlichen Abstufungen davon aus, dass mit geeigneten Maßnahmen eine Verbesserung der Situation erzielt werden könne (vgl. Abbildung 6). Diese Abstufung zeigt allerdings auch, dass mehr als die Hälfte der Betriebsund Personalräte davon ausgeht, dass die Lage der Beschäftigten nicht oder nur für „einige oder wenige“ Beschäftigte verbessert werden könne. Auch mit Blick auf die Handlungsspielräume sind wieder deutliche Branchenunterschiede sichtbar – offensichtlich unterscheiden sich die Branchen nicht nur nach den Ausgangsbedingungen, sondern auch danach, welche Wirkung Maßnahmen haben können (Abbildung 7). Auffällig ist, dass gerade in den beiden Branchen, in denen viel manuelle Arbeit unter freiem Himmel geleistet wird, Betriebsund Personalräte am ehesten angeben, dass Verbesserungen gar nicht möglich sind. Skepsis (keine Änderungen möglich/Änderungen möglich nur für wenige) scheint in Branchen mit einem hohen Anteil an manuellen Tätigkeiten generell ausgeprägter zu sein. Auffällig sind weiterhin die Unterschiede nach dem Qualifikationsprofil der Tätigkeiten. Während in Betrieben mit einem hohen Anteil an hochqualifizierten Tätigkeiten die Betriebsund Personalräte erhebliche Potenziale sehen, Beschäftigte bis zum 6 Befragt wurden nur die Betriebsund Personalräte, bei denen zumindest ein Teil der Beschäftigten ihre Tätigkeit nicht bis zum 67. Lebensjahr ausüben kann. Außerdem wurden 157 Fälle aufgrund eines Filterfehlers im CATIProgramm nicht berücksichtigt. Die Frage lautete: „Wäre es für diese Beschäftigten eher möglich, ihre Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr auszuüben, wenn das durch entsprechende betriebliche Maßnahmen stärker als bisher unterstützt würde?“ Renteneintritt im Betrieb zu beschäftigten, ist das bei den einfachen Tätigkeiten/Hilfstätigkeiten deutlich seltener der Fall (Abbildung 8). Es zeigt sich auch ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Betriebsund Personalräte zu den Potenzialen des Betriebs und dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat. Berichtet der Betriebsoder Personalrat von häufigen Versuchen des Arbeitgebers, die Arbeit der Beschäftigtenvertretungen zu behindern, wird gleichzeitig eher die Möglichkeit gesehen, dass betriebliche Maßnahmen es Beschäftigten ermöglichen könnten, bis zum 67. Lebensjahr ihre Tätigkeit auszuüben. Und ebenso gilt, dass je schlechter das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat beurteilt wird, desto eher Verbesserungsmöglichkeiten gesehen werden (ohne Abbildung). Wird schließlich die Frage nach den Möglichkeiten des Betriebs, die Beschäftigten zu unterstützen, in Beziehung gesetzt zu der Einschätzung, wie viele Beschäftigte durchhalten können, wird deutlich, dass die beiden Aussagen miteinander verbunden sind: Je eher die Betriebsund Personalräte davon ausgehen, dass Beschäftigte durch betriebliche Maßnahmen unterstützt werden können, desto höher schätzen sie zugleich den Anteil derjenigen ein, die bis zur Rente ihre Tätigkeit ausüben können (ohne Abbildung). Abbildung 6 „Wäre es für diese Beschäftigten eher möglich, ihre Tätigkeit bis zum 67. Lebensjahr auszuüben, wenn das durch entsprechende betriebliche Maßnahmen stärker als bisher unterstützt würde?“ Angaben inProzent – Ja, für alle oder fast alle Beschäftigten – Ja, für viele Beschäftigte – Ja, aber nur für einige oder wenige Beschäftigte – Nein Quelle: WSI-Betriebsund Personalrätebefragung 2021 (3.178 Betriebe), Angaben gewichtet. Nur Betriebe und Dienststellen mit Beschäftigten, die nach Einschätzung der BR/PR nicht bis zum 67. Lebensjahr ohne Einschränkung arbeiten können. 13,1 28,5 41,9 16,5