Nassers Arabischer Sozialismus
Abstract
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Full text
Weiss, Dieter Article Nassers Arabischer Sozialismus Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Weiss, Dieter (1964) : Nassers Arabischer Sozialismus, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 84, Iss. 4, pp. 419-434, https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291056 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Nassers Arabischer Sozialismus Von Dieter Weiss, Bann 1. Die Verdrängung der Wirklichkeit Nach den letzten ägyptischen Verstaatlichiingsmaßniahmen in der zweiten Hälfte des Jahres 1963, von denen nochmals 450 000 Gewerbetreibende betroffen wurden, hat nunmehr der Staat die Kantrolle über alle Bereiche der Wirtschaft in der VAU übernommen1. Nach der weitgehend freien Wirtschaft der Jaihre 1952—1957 und der „Mixed Economy" bis 1961 verlangten die einschneidenden Soizialisierungsmaßnaihimen nach einer neuen ideologischen Interpretation. Es -stellte sich die Aufgabe, den unklaren Vorstellungen von einem Arabischen Sozialismus einen greifbaren Inhalt ¡au geben. Schon aus Propaganda gründen saih man die Notwendigkeit, von allgemeinen, stark emotional bestimmten Zielen zu einem in der arabischen Welt und in Afrika verständlichen politischen Programm vorzustoßen. Dieser Schritt vom emotionalen Bereich wir rationalen Definition stößt jedoich auf Schwierigkeiten. Die Niegierung realer Gegebenheiten durch das Wunschdealken, das bei der Analyse der ägyptischen Entwicklungsplanung immer wieder sichtbar wird, ist für diese Haltung charakteristisch. Wilfred Cantweil Smith hat dieses Phänomen aus einer allgemeinen Krise (des Islam abgeleitet, der über die religiöse Beziehung des Menschen zu Gott hinaus eine umfassende Gesellschaftsordnung setzt: „It too in its world-widenesis has had something significant and personel and direct to say to different men in very diverse circumstances .. . Yet its emphasis is on moral choice, on the individual and society doing the right, and therefore the effective, thing. In some ways, at least for the community, it has been characteristically a religion of triumph in success, of salvation througih victory and achievement and power2." Wurde der Aufstieg der arahisch-aslamischen Zivilisation als Verwirklichung der idealen menschlichen Gesellschaft unter göttlicher Führung begriffen, so mußte der Verfall das Gefühl hervorrufen, diaß 1 Bulletin des Presseund Informationsamtes der Bundesregierung. Nr. 168 vom 21. 9.1963. 2 Wilfred Cantweil Smith: Islam in Modern History. Princeton 1957. S. 31. Hervorhebungen durch Verf. 27* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
420 Dieter Weiss der AI)lauf der Geschichte gestört sei3. Die allmähliche politische Auflösung, die Beherrschung durch den „westlichen Imperialismus", die Niederlage im Israel-Konflikt demonstrierten die eigene Ohnmacht nach außen. Zugleich vollzog sich unter dem Einfluß westlicher Ideen eine Auflösung der Lebensnorimen nach innen. „Es sind westliche Maßstäbe, nach denen die Araber schwach erscheinen, es 6Índ importierte Kriterien, die ihre Selbstachtung unterminieren4." Die Antwort auf diese Herausforderung ist weithin Apologetik: Der leidenschaftliche Versuch, sich selbst und anderen ¡zu beweisen, daß diese Unterlegenheit gar nicht existiere. „Eine große Anzahl von Moslems halten Apologetik für selbstverständlich und begreifen nicht die Alternative, geschweige denn die Notwendigkeit einer Alternative. Viele im Westen halten rationale Analyse für selbstverständlich und verstehen nicht die Apologetik, geschweige denn das dringende Bedürfnis der Moslems nach Apologetik*5.66 „Einige wenige . . ., die versuchten, eine kritische Analyse vorzunehmen, wurden sofort niedergeschrien und zum Kompromiß gezwungen. Sie symbolisieren die Niederlage des Geistes im modernen arabischen Erwachen6.66 Diese Haltung hat tiefgreifende Folgen. Die drängenden wirtschaftlichen und politischen Fragen werden selten klar gestellt und beantwortet, sondern aus dem Bewußtsein verdrängt7. Die Aufgabe der geistigen Integrität geht bis zur Verfälschung technisch-wirtschaftlicher Basisgrößen für einzelne Projekte und langfristige Entwicklungsprogramme8. Sie entzieht jeder rationalen Planung den Boden unter den 3 Smith: a.a.O. S. 32. 4 Smith: a.a.O. S. 99. 5 Smith: a.a.O. S. 85. 6 Hisham Sharabi: Political and Intellectual Attitudes of the Young Arab Generation. In: Kerekes: The Arab Middle East and Muslim Africa. London 1961. S. 52. 7 Waither Braune: Der islamische Orient zwisdien Vergangenheit und Zukunft. Bern 1960: „Viele Völker Asiens und Afrikas sind betroffen von der Erfahrung, daß sie zurückstehen hinter dem Okzident. Aber für die Völker des Islam und vor allem für die Araber ist sie kaum erträglich. Ihr ,Buch' sagt ihnen, daß Gott, indem er in ihrer Sprache gesprochen hat, sie hervorgehoben und ihnen die Macht verheißen hat. Der jahrhundertealte Stolz wird zutiefst getroffen durch die Erfahrung der gegenwärtigen geschichtlichen Situation. Deshalb muß sie verborgen bleiben und verdrängt werden. Der Ausdrude dieser Verdrängung sind die nicht endenden, immer nur wachsenden Angriffe auf den Okzident" (S. 164—165). „Wie immer fragwürdig der Okzident auch begegnet, er läßt erkennen, daß er etwas verwirklicht, was der Orient verwirklichen müßte. Ständig ist durch ihn eine Forderung vernehmbar, deren Anerkennung nicht versagt werden kann. Ständig aber ist zugleich gegenwärtig, daß der Orient diese Forderung nicht erfüllen kann" (S. 166—167). „Überall wird von Ordnung und Organisieren geredet, aber wenn man vernimmt, was auf Kanzeln gesagt und in Aufsätzen geschrieben wird, dann sieht man, daß es am Organisieren der Gedanken fehlt und wie einem geordneten Denken ausgewichen wird" (S. 183). 8 Vgl. Dieter Weiss: Die ägyptische Wirtschaftsplanung. In: Schmollers Jahrbuch. 82. Jg. (1962). S. 43 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
Nassers Arabischer Sozialismus 421 Füßen. „Es fehlt jede Fähigkeit zur Selbstkritik. Hinter der selbstsicheren Aggressivität der arabischen geistigen Führuiigsschicht stehen in Wirklichkeit Unsicherheit und Verzweiflung. Zweifel und das gleichzeitige Bedürfnis nach Glaubensgewißheiten setzen dem klaren logischen Denken eine Grenze und machen das Ausweichen in die Unwirklichkeit zu einer zwingenden psychologischen Notwendigkeit9." Dazu tritt der Einfluß des militärischen Denkens, das mit dem Befehl automatisch den reibungslosen Vollzug unterstellt10. „Im materiellen und machtmäßigen Bereich stellt man sehr hohe Ansprüche. Man fordert ein Leben auf einem hohen Konsumstandard für das ganze Volk .. . und man begehrt als Nation geehrt und geachtet zu sein. Man hält dies« Forderung im Lichte von popularisierten Grundideen des europäischen 19. Jahrhunderts für selbstverständlich. Man ist sich aber nicht im klaren darüber, daß ihre Erfüllung selbst im „reichen" Westen nur durch bestimmte geistige Voraussetzungen .Zustandekommen konnte und beständig new erarbeitet werden muß11." 2. Die Konzeption der sozialistisch-demokratischkooperativen Gesellschaft Die allmähliche Entwicklung von den ersten notwendigen Sozialreformen izu einer sozialistischen Wirtschaftsund Gesellschafts'ordnung war kein im voraus geplanter und kontrollierter Prozeß. Entsprechend zögernd folgte den einzelnen Phasen die Herausformung einer politischen Ideologie. Im Jahre 1959 sagte Nasser im Rückblick auf sieben Jahre Regieriuingserfahning: „Heute scheint es mir, daß unser Hauptproblem bei Beginn der Revolution darin bestand, daß wir nichts über die genaue Beideutung einer revolutionären Aktion, ihre Natur und ihre Erfordernisse wußten. Wir fühlten die Notwendigkeit einer Revolution, einer radikalen Erneuerung, aber wir kannten weder Weg noch Methoden, die zu ihrer Verwirklichung führten1*.64 In der Tat enthielt seine Philosophie der Revolution von 1954 noch keine klaren wirtschaftsund gesellschaftspolitischen Vorstellungen. In allgemeinen Wendungen war von den zwei Revolutionen die Rede: „einer politischen Revolution, die den Völkern ihr Selbst9 Sharabi: a.a.O. S. 52. Vgl. a. Smith: a.a.O. S. 152. 10 Charakteristisch ist z.B. eine Bemerkung des ägyptischen Erziehungsministers: „Eine neue Kultur muß geschaffen werden, ja sie ist schon da!" Zit. n. Arnold Hottinger: Die Araber. Züridi i960. S. 376. 11 Hottinger: a.a.O. S. 367. Vgl. Baber Johansen: Geschichte und Gegenwart. In: Der Monat (Februar 1964). S. 80. 12 Nasser in einem Interview am 2. 7.1959. Zit. nach: President Gamal Abdel Nasser's Speeches and Press Interviews 1959. Information Department Kairo (o. J.), (im folg. zit. als Nasser's Speeches 1959). S. 569—570. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
422 Dieter Weiss bestimm ungerecht wiedergibt, und einer sozialen Resolution, die dem Klassenkampf entspringt und eine Herrschaft der Gleichheit errichtet.. . Der Erfolg der politischen Revolution setzt die Einigkeit der Nation und die Opferbereitschaft jedes einzelnen voraus. Das erste Stadium der sozialen Revolution fordert eine Erschütterung der überkommenen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, um die Korruption und den Egoismus zu beseitigen13." Allmählich bildete sich die Vorstellung einer sozialistischen, demokratischen und kooperativen Gesellschaft heraus, die aus den besonderen Erfordernissen der ägyptischen Situation kontinuierlich entwickelt werden sollte. Imimer wieder wurde betont, daß man die Erfahrungen anderer Länder (sorgfältig studieren, jedoch unter keinen Umständen ungeprüft übernehmen werde. Nasser versuchte diesen ersten Versuch einer eigenständigen Wirtschaftsund -Gesellschaftsordnung wie folgt zu charakterisieren: „Sozialismus umfaßt die Abschaffung des Feudalismus, der Monopole, der kapitalistischen Beherrschung von Regierung und Justiz sowie der inund ausländischen Ausbeutung. In seiner positiven Form bedeutet Sozialismus »den Aufbau unserer Wirtschaft nach Richtlinien, die den Bedürfnissen unserer Gesellschaft entsprechen. Er schließt auch die Schaffung sozialer Gerechtigkeit ein14.66 Man wollte ein „System, das sich aus den Interessen der großen Mehrheit und nicht aus denen einer kleinen Minderheit" ergab15. Dlie Konzeption der soziialistisdiidemokratisA^kooperativen Gesellschaft strebte also soziale Gerechtigkeit und politisches Mitbestimmungsrecht für das verelendete, verachtete und unwissende Volk an und repräsentierte die Sozialrevolutionären Ideen der Führung. Über die geeigneten Mittel bestand weithin Unklarheit. Die Furcht vor einem neuen Abhängigkeitsverhältnis führte jedoch schon früh zu einer betonten Ablehnung aller Versuche des Ostblocks, politischen Einfluß zu gewinnen, und zu einer rigorosen Verfolgung der kommunistischen Partei im Inland16. 3. Die gelenkte Demokratie Trotz der Zurückweisung des kommunistischen Herrschaftsanspruches führte die Ablehnung westlicher Vorbilder uinid die Unsicherheit der eigenen Konzeptionen zu einer zunehmenden Anlehnung an östliche Modelle. Dies gilt auch für die allmähliche Herausformung einer gelenkten Demokratie. Die Führung ist sich darüber im klaren, daß 13 Gamal Abdel Nasser: La philosophie de la revolution. Kairo (o. J.). S. 21. 14 Nasser in einer Rede am 27. 2.1959. a.a.O. S. 292. 15 Nasser in einem Interview am 27.1.1958. a.a.O. S. 363. 16 Vgl. Fritz Schatten: Moskau, Peking und die „Dritte Welt". In: Die politische Meinung (Mai 1962). S. 36. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
Nassers Arabischer Sozialismus 423 der geplante Aufbau des Landes scheitern muß, wenn ©s nicht gelingt, die aus langer Erfahrung gewachsene traditionelle Abwehrstellung der Bevölkerung gegenüber der Staatsgewalt zu überwinden und ihren Willen zur eigenverantwortlichen Mitarbeit zu wecken. Sie sieht die Notwendigkeit, dem Volk die Möglichkeit einer politischen Mitwirkung zu bieten. Zugleich verlangt sie aber, daß ihr das Volk auf dem von ihr als richtig erachteten Wege widerspruchslos folgt. Die parlamentarische Demokratie wird abgelehnt, da man in dem Parteiensystem ein Werkzeug des Imperialismus sieht, das die nationale Einheit untergraben soll17. Einer der führenden Ideologen der VAR führt dazu aus: „Wir verstehen unter Demokratie heute, daß die finanziellen und ökonomischen Kräfte nicht noch einmal Gelegenheit bekommen dürfen, willkürlich üiber das politische Leben der Gesellschaft zu entscheiden18." Nasser definiert: „Demokratie ist Gerechtigkeit, die Schließung der Kluft zwischen den Klassen. Nicht Herren und Knechte, sondern Freiheit für alle, die unter dem Banner der Menschenwürde zusammenstehen, das über diesem Vaterland flattert. Dies, Brüder, ist der Weg. Das ist unser Ziel. Ein klarer Weg und ein klares Ziel19." Die ständigen Experimente seit der Revolution haben jedoch die Schwierigkeiten bei der Beteiligung des Volkes an der politischen Willensbildung gezeigt. Nachdem ein Versuch des Revolutionsrates, mit dem alten Parlament und seinen Parteien zusammenzuarbeiten, gescheitert war, wurde während der ersten Jahre durch Dekrete regiert20. Die im Juni 1956 durch Plebiszit angenommene Verfassung gab dem Land ein Präsidialsystem mit einer Nationalversammlung. Daneben trat eine Massenorganisation, die Nationale Union. Als eine Art von Einheitspartei hatte sie die Aufgabe, die Kandidaten für die Nationalversammlung auszuwählen21. Die Nationalversammlung wurde nach erheblichen Verzögerungen im Juli 1957 gewählt. Während ihrer kurzen Lebensdauer beschränkte sie sich darauf, Entscheidungen der Regierung zur Kenntnis zu nehmen. Im Zuge des syrisch-ägyptischen Zusammenschlusses zur VAR wurden die regionalen Parlamente aufgelöst. Im März 1958 wurde eine provisorische Verfassung für die 17 President Gamal Abdel Nasser's Speeches and Press Interviews 1958. Information Department Kairo (o. J.), (im folg. zit. als Nasser''s Speeches 1958). S. 283 und S. 387. 18 Kemal el Dine Rifaat: Die Demokratie in der sozialistischen Gesellschaft. In: Magallat (September 1961), Arabisch (A). 19 Nasser in einer Rede am 22. 2.1959. Zit. nach: Nasseres Speeches 1959. a.a.O. S. 42. 20 Fritz Steppat: Nassers Revolution: Ein neuer Anlauf. In: Europa-Archiv. Folge 5 (1962). S. 170. 21 P. J. Vatikiotis: The Egyptian Army in Politics. Bloomington (Indiana) 1961. S.98—99, sowie VAR-Jahrbuch 1963. Kairo (o.J.). S. 15. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
424 Dieter Weiss VAR vorgelegt. Die Nationale Union wurde beibehalten, ihre Aufgaben durch das Lokalverwaltungsgesetz vom März 1960 präzisiert. Dörfer, Städte und Provinzen erhielten das Recht der Selbstverwaltung. Gewählte Vertreter der lokalen Gliederungen der Nationalen Union sollten zusammen mit Beamten im Rahmen dieser Selbstverwaltung lernen, die öffentlichen Aufgaben als ihre eigenen Aufgaben zu sehen und verantwortlich an ihrer Lösung mitzuwirken. Bis zum Juli 1960 waren die stufenweisein Wahlen von der Ebene der örtlichen Ausschüsse über die Provinzund Regionalgliederungen bis zum Allgemeinen Kongreß der Nationalen Union für die gesamte VAR abgeschlossen. Der Verfassung gemäß ernannte Nasser die Mitglieder der Nationalversammlung je zur Hälfte aus diesem Allgemeinen Kongreß der Nationalen Union und auis den Mitgliedern der aufgelösten Regionalparlamente Syriens und Ägyptens22. Im Herbst 1961 brach die VAR wieder auseinander. Nasser löste daraufhin die Nationale Union auf und ließ im Februar 1962 1500 Delegierte für einen soigenannten Nationalkongreß der Volkskräfte wählen. Im Mai 1962 trat der Nationalkongreß zusammen unid beschloß die von Nasser vorgelegte Nationale Charta, eine Zusammenfassung der Grundlagen und Zielsetzungen des Arabischen Sozialismus, sowie den Plan einer neuen Massenorganisation mit der Bezeichnung „ Sozialistische Arabische Union". Sie stellt eine ständische Repräsentation der verschiedenen Berufsgruppen dar, wobei Arbeiter und Bauern mindestens zu 50 vH in allen Gliederunigen vertreten sein müssen23. Im November 1963 schließlich kündigte Nasser als „Schlußstein des sozialistischen Staatsaufbaues" die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung für Februar 1964 an24, die im März 1964 zustande kam. Voraussetzung einer Kandidatur war die Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arabischen Union, die den meisten Bewerbern verweigert wurde, bis Nasser Ende Februar angesichts des wachsenden Unwillens persönlich eingriff und eine Revision des Verfahrens anordnete. Die Sozialistische Arabische Union ließ daraufhin einige Tausend neue Bewerber zu, setzte aber zugleich eine Verschärfung der Zulassungsbedingungen im Hinblick auf potentielle „Volksfeinde" durch. Diese ständigen Experimente bei der 'Einführung einer Demokratie von oben zeigen, daß die Führung ernsthaft an einer Beteiligung des Volkes an der Mitarbeit im Staat interessiert ist. Sie zeigen aber zugleich den inneren Widerspruch des Unternehmens, der durch permia22 Steppat: a.a.O. S, 170; sowie Vatikiotis: a.a.O. S. 112. 23 Vgl. République Arabe Unie, Texte Complet des Statuts de l'Union Socialiste Arabe. Kairo 1963. 24 Vgl. Die Welt (26.11.1963). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
Nassers Arabischer Sozialismus 425 nente Orgianisationsäaiderungen nicht beseitigt werden kann. Denn wahre Demokratie heißt nach der Definition der Führung, -daß da« Volk ihr auf dem von ihr als richtig erachteten Wege zur Durchsetzung seiner wirklichen Interessen folgt. Zweifel an der Richtigkeit der Konzeption können ex definitione nur von Volksfeinden und Reaktionären vorgebracht werden. Damit aber wird eine offene kritische Mitarbeit erstickt. Die Nationale Union beschränkte sich auf begeisterte Akklamationen der Führungsentscheidungen, olhne das Volk für die aktive Mitwirkung mobilisieren -zu können. Statt größerer Freiheit wählte die Führung nun größere Lenkung. Man erklärte den Mißerfolg der Nationalen Union damit, daß die Organisation allen offengestanden habe und deshalb von reaktionären Elementen unterwandert worden sei25. Wenn man noch einmal alle Anstrengungen unternehme, die Reaktionäre „isoliere"26 und das Volk „bewußt mache", werde man künftig dem Volk die Freiheit geben können, seinen Weg selbst zu bestimmen27. Für den gebildeten Mittelstand, der traditionell Unternehmerschicht und höhere Staatsverwaltung stellt, ist nach den immer weitergreifenden Sozialisierungsmaßniahmen bis hin zum Verbot der Berufsausübung nicht mehr klar erkennbar, inwieweit er sich bereits als der Gruppe der Reaktionäre und Volksfeinde zugehörig zu betrachten und damit überhaupt jeder aktiven Mitarbeit zu enthalten habe28. 25 VAR-Jahrbuch 1963. S. 16. 26 Isolierung wird definiert als „Entzug der politischen Redite und die Entfernung aus allen politischen Organisationen einschließlich der Gewerkschaften, Genossenschaften und Berufsverbände. Man unterscheidet zwei Gruppen: die Isolierung der Feinde der sozialistischen Volksrevolution sowie die Isolierung jeder Person, deren Interessen während der gegenwärtigen Phase des sozialistischen Aufbaues im Widerspruch zu denen des Volkes stehen. Betroffen sind insbesondere alle Grundeigentümer, die unter die Agrarreformgesetze von 1952 und 1961 fielen; alle Personen, die von den Verstaatlichungsmaßnahmen getroffen wurden; die Feinde der Revolution, die unter Sequester gestellt wurden; alle Personen, die sich schuldig gemacht haben, die öffentliche Meinung zugunsten der politischen Korruption beeinflußt zu haben; alle Personen, die ihre Stellung in den öffentlichen und privaten Organisationen dazu mißbraudit haben, persönliche Profite zu realisieren oder die Prinzipien zu untergraben, die diesen Organisationen zugrunde liegen." Zit. nach: Anouar Abdel-Malek: Egypte, Société Militaire. Paris 1962. S. 183. 27 Vgl. die Erklärung des Regierungssprechers Abdel Kader Hatem v. 8.11. 1961, sowie Heikai, in: AI Ahram (6. u. 7.11.1961). Zit. n. Steppat: a.a.O. S. 171—172. 28 Vgl. die Diskussion in der ägyptischen Presse über die „Krise der gebildeten Klassen". In: AI Ahram (2., 10., 12., 13., 14., 16. und 19. Juni 1961); AI Akhbar (23. Juni 1961); AI Ahram (23. und 24. Juni 1961); AI Akhbar (29. Juni 1961); AI Ahram (30. Juni und 7. Juli 1961); Rose el Youssuf (10. Juli 1961); AI Akhbar (20. Juli 1961); AI Ahram (21. Juli 1961); Nasser in einer Rede in Alexandria am 22. Juli 1961; ferner Günter Johne: Die Industrialisierungspolitik des neuen Ägypten unter besonderer Berücksichtigung der Wirtschaftsordnung. Diss. Berlin 1962. S. 194—195; sowie Abdel-Malek, a.a.O. S. 191 ff. — Typisdi für den Stil dieser Diskussion ist folgender, in AI Ahram vom 12. Juni 1961 abgedruckte Beitrag: „Trotz der politischen Bewegungen vor der Revolution konnten weder die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
426 Dieter Weiss Obwohl der Mangel an qualifizierten mitdenkenden Kräften den entscheidenden Engpaß in der ägyptischen Entwicklung darstellt, wird einer Zusammenarbeit mit den wenigen vorhandenen aktiven Gruppen damit jede Vertrauensgrundlage entzogen. 4. Die Nationale Charta Die vom Niatkmalkongreß der Volkskräfte am 30. Juni 1962 einstimmig angenommene Nationale Charta sucht das gesamte politische wirtschaftliche und soziale Leben auf eine geschlossene ideologische Grundlage zu steilen. Als sechs Grundsätze der Revolution werden „die Liquidierung des Kolonialismus", „die Liquidierung des Feudalismus", „die Beendigung der Herrschaft des Kapitals über die Staatsmacht", „die Aufrichtung der sozialen Gerechtigkeit", „die Bildung einer kraftvollen nationalen Armee" und die Errichtung einer „gesunden Volksherrschaft" gienannt29. Die Beseitigung einer korrupten Monarchie durch die Revolutionsoffiziere wird — entgegen Nassers bitteren Äußerungen über die Lethargie der Massen unmittelbar nach der Revolution30 — in eine Volkserhebung umgedeutet. „Dieses Moslem-Bruderschaft noch die Wafd-Partei noch die Kommunisten eine befriedigende Konzeption anbieten. Sie wurde erst durch Gamal Abdel Nasser geschaffen. Folglich haben wir keine revolutionäre Philosophie außer der des Präsidenten. Diese Tatsache verwirrt viele, die glauben, daß Nasser redit hat, und zugleich Kritik üben möchten. Diese Situation schafft einen inneren Widerspruch, der dazu führt, daß die gebildeten Klassen unproduktiv abseits stehen. Dieser innere Widerspruch könnte dadurch gelöst werden, daß man den gebildeten Klassen erlaubt, ihre Gedanken vorzutragen und Kritik zu üben." — Einen milderen Vorläufer des Isolierungsgesetzes hatte es bereits im April 1954 gegeben. Vgl. Vatikiotis: a.a.O. S. 92. Vgl. auch die Diskussionen im Vorbereitungskomitee des Nationalkongresses der Volkskräfte vom 29. 11. bis 4.12. 1961. AbdelMalek: a.a.O. S. 181. 29 Vgl. VAR, Charta. Kairo 1963 (im folg. zit. als Charta), offizielle deutsche Übersetzung. S. 5. 30 Vgl. Nasser: La philosophie de la révolution. a.a.O. S. 17: „Ich glaubte, daß die gesamte Nation schon vor dem 23. Juli nur auf den ersten Funken gewartet hatte, um in geschlossenen Reihen dem großen Ziel zuzustürmen. Ich glaubte, daß wir nur das erste Zeichen zu geben brauchten, und daß uns die begeisterten Massen in wenigen Stunden mit einem heiligen Marsch auf das große Ziel zu Hilfe kommen würden. Mehr noch, — manchmal war meine Phantasie bis zu dem Punkt erregt, wo ich den donnernden Jubel der in geschlossenen Formationen herannahenden Massen schon zu hören glaubte. — Aber die Realität sah ganz anders aus. Die Ereignisse nach dem 23. Juli waren enttäuschend. Der erste Funke wurde ausgelöst. Die Avantgarde stürmte die Festung der Tyrannei und entthronte Faruk. Und wir warteten auf diesen heiligen Marsch, in geschlossenen Reihen. . . . Wir warteten lange. — Massen ohne Ende wälzten sich heran. Aber wie sehr unterschied sich die Wirklichkeit von den Illusionen. Es gab keine Einheit und keine Ordnung. Es gab keinen heiligen Marsch mehr. Und ein unheilvolles Bild der Gefahr begann sich abzuzeichnen. In diesem Augenblick wurde ich von Schmerz und Bitterkeit zerrissen und verstand, daß die Aufgabe dieser Avantgarde nicht beendet war, sondern daß sie gerade erst begonnen hatte/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
Nassers Arabischer Sozialismus 433 5. Die permanente Revolution Die ägyptische Revolution ist nach einer Definition Nassers aus dem Jahre 1959 eine permanente Revolution: „Ein Staatsstreich oder revolutionäres Abenteuer kann in wenigen Stunden oder Tagen durchgeführt werden. Eine Revolution benötigt viel mehr Zeit. . . Haben wir die Revolution beendet? Die Antwort ist: Noch nicht. Die Revolution ist noch nicht am Ziel. Ich habe das Gefühl, daß wir erst an der Schwelle der Revolution stehen und daß die radikalen Umwandlungen, die sich in unserer Gesellschaft vollziehen müssen, noch ausstehen. Sie beginnen gerade erst69." Die Revolution, die als nationale und demokratische begann und sich zunächst auf alle fortschrittswilligen Kreise, insbesondere auf die gebildeten städtischen Mittelschichten stützen konnte, glitt im Konflikt der Sozialrevolutionären Ideen der ungeduldig vorwärtsdrängenden Offiziersgruppe und der Wirklichkeit während eines Jahrzehnts in einen autoritären Staatssozialismus ab. Geringe Neigung zu nüchternem analytischen Denken, mangelnde Kompatibilität der politischen Zielsetzungen, Fehler der Planung, ausbleibende Erfolge bei der Realisierung der Programme, wachsende Ungeduld der Führung, ein weiteres Vordrängen des Staates, eine zunehmende Radikalisierung und eine immer geringere Bereitschaft, reale Gegebenheiten als solche anzuerkennen, kennzeichnen den circulus vitiosus, der den Prozeß auf den totalen Staatsdirigismus zutrieb. Der wachsende Widerstand der betroffenen Gruppen und eine allmählich zunehmende Unzufriedenheit der Massen, die auf die ausbleibenden Früchte des Arabischen Sozialismus warten, erzwingen einen schrittweisen Abbau der Freiheiten und eine zunehmende Machtfülle des Staatsapparates. Die inneren Widersprüche des Systems fordern totalitäre Lösungen heraus. Die begrenzten Ressourcen und der wachsende Bevölkerungsdruck stellen die Führung vor fast unlösbare Aufgaben. Das traditionelle, in langen Perioden der Unterdrückung gewachsene Mißtrauen der einfachen Bevölkerung gegenüber jeder Form staatlicher Autorität steht einer dynamischen Mitarbeit an der Verbesserung ihres eigenen Schicksals entgegen. Alle leidenschaftlichen Appelle der Führung an den revolutionären Willen der Massen versinken nach einem kurzen Ausbruch frenetischer Akklamation in der ihr regelmäßig folgenden allgemeinen Lethargie. Vor der Revolution schreckte das ganze Volk vor der Übernahme von Verantwortung zurück, seit 1952 hat sich an dieser Situation wenig geändert. 69 Nasser in einem Interview am 2. 7. 1959. Zit. nach: Nasser''s Speeches 1959, a.a.O. S. 568. 23 Schmollers Jahrbuch 84,4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09
484 Dieter Weiss Die Führung versucht, die Eigenkräfte des Volkes durch eine Verbindung von materiellen Versprechungen und staatlichem Druck zu mobilisieren. Sie versucht, die politische und wirtschaftliche Mitarbeit der Massen zu gewinnen und unterwirft sie zugleich einer straffen Kontrolle. Sie versucht ihnen begreif lieh zu machen, daß sie nicht eine der vielen autokratischen Regierungen sein will, wie sie in Ägypten als historisch vertraute und normale Herrschaftsformen einer hydraulischen Gesellschaft hingenommen werden. Diese Konzeption politischer und wirtschaftlicher Entwicklung unter staatlicher Führung erscheint als einzig gangbarer Weg, die als notwendig erachteten Veränderungen schnell durchzusetzen, steht aber im immanenten Widerspruch zu idem Ziel, zu. dem diese Veränderungen hinführen sollen. Die Führung will die lethargischen Massen zu Selbständigkeit, Initiative und Verantwortung erziehen, hält sie zugleich aber unter umfassender staatlicher Aufsicht, um zu verhindern, daß ihr der Prozeß der Veränderung aus den Händen gleitet. Dem Versuch einer Dynamisaerung der traditionellen Gesellschaft geht eine „Isolierung" der wenigen tatsächlich vorhandenen aktiven unternehmerischen Kräfte voraus. Unter dem ständigen Einfluß der Propaganda scheinen die Massen in Bewegung zu kommen. Die wilden Streiks in einigen Textilbetrieben im Juli 1963 sind für die neue Situation symptomatisch. Die Arbeiter verlangten den ihnen gesetzlich zustehenden Gewinnanteil, der jedoch nicht ausgezahlt werden konnte, da nach den Verstaatlichungen keine Gewinne mehr erwirtschaftet worden waren. Die Führung zögerte einige Tage und ließ die Streikführer dann verhaften70. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten stellt sich die Frage, ob es zu einer Ablösung jugoslawischer Vorbilder durch radikalere Modelle kommt. China wirbt für die Formel: „Der klassische Typus einer Revolution in den imperialistischen Ländern ist die sowjetische Oktoberrevolution. Der klassische Typus in den kolonialen und halbkolonialen Ländern ist die chinesische Revolution71.64 Nach welcher Richtung der Prozeß sich weiterentwickeln wird, ist ungewiß. Die ägyptische Sozialrevolution hat ihre Endstufe offensichtlich noch nicht erreicht72. 70 Vgl. Die Welt (30.6.1963). 71 Vgl. Schatten: a.a.O. S. 38; Die Welt (17. 12. 1963); Harald Vodce, Pekings Vorstoß zum Nil (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 12. 1963) ; Middle East News, Nachrichten, Nr. 162/63 (Dezember 1963). 72 Vgl. Charles Issawi: Egypt in Revolution. London, New York, Toronto 1963. S. 62. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.4.419 | Generated on 2023-04-04 11:35:09