Europa und die Anderen: Notizen zu Abgrenzung, Konflikt und Verflechtung
Abstract
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Full text
Kocka, Jürgen Article Europa und die Anderen: Notizen zu Abgrenzung, Konflikt und Verflechtung WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Kocka, Jürgen (2023) : Europa und die Anderen: Notizen zu Abgrenzung, Konflikt und Verflechtung, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 179 (1/23), pp. 7-10, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2023/f-25356.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327807 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Europa und die Anderen Notizen zu Abgrenzung, Konflikt und Verflechtung Kontakte mit Anderen haben Europa entscheidend geprägt. Im Wechselverhältnis mit Anderen entstanden der Begriff, die Eigenarten und der immer prekäre Zusammenhalt Europas. Jürgen Kocka beleuchtet schlaglichtartig einige Stationen dieser Geschichte – vom Mittelalter bis zur europäischen Integration und zum russischen Angriff auf die Ukraine heute. Jürgen Kocka Vor allem Konflikte mit der islamischen Welt wie die Kämpfe mit Arabern seit dem 7. und die Kreuzzüge seit dem 11. Jahrhundert förderten das Bewusstsein von einer europäischen Zusammengehörigkeit. Und als 1453 Konstantinopel nach langer Belagerung an die vordringenden Türken gefallen war, klagte Enea Silvio Piccolomini, ein führender Intellektueller seiner Zeit und späterer Papst: „In der Vergangenheit wurden wir in Asien und Afrika, also in fremden Ländern geschlagen … Jetzt aber trifft man uns in Europa, unserer Heimat, unserem Zuhause.“ Kämpfe, Siege und Niederlagen gaben Anlass zur Selbstidentifikation als Europäer. Bis ins 18. Jahrhundert hinein brachte die Furcht vor den vordringenden Türken das sonst sehr uneinige Europa bisweilen dazu, tatsächlich zusammenzurücken und sich in den Schriften seiner Intellektuellen als zusammengehörig zu denken. Mit einigem Recht hat man den Propheten Mohammed als „Gründungsvater“ und einige türkische Sultane als „gewalttätige Geburtshelfer“ Europas bezeichnet. Trotz dieser Kämpfe entwickelte sich schon im 12. und 13. Jahrhundert ein intensiver islamisch-christlicher Kulturund Wissensaustausch, wobei im Wesentlichen die Araber die Gebenden und die Europäer die Nehmenden waren. Über die Araber in Spanien, Sizilien und anderswo erhielt Europa das Papier, die arabischen Ziffern einschließlich der Null, die Kenntnis der im christlichen Europa vergessenen griechischen Philosophen, die arabische Mode. Es gab viel Kontakt durch Übersetzungen, Handel und Reisen, auch viel Bewunderung für Arabien. So waren die Anderen nicht nur Fremde und Feinde, sondern auch Quellen neuer Erfahrung und Anregung, neuen Wissens und Lernens. Vom 15. bis ins18. Jahrhundert überlagerte im Denken der Gebildeten die Idee eines Völker und Staaten umspannenden Europas nach und nach die ältere Idee einer Völker und Staaten umspannenden Christenheit. Als Wille und Vorstellung ist Europa vor allem ein Produkt der Neuzeit. Das lag zum einen am Aufstieg der zunehmend souveränen Territorialstaaten seit dem späten Mittelalter und ihren heftigen Kriegen, gegen die ein europäischer Frieden als Heilmittel gesucht und beschworen wurde. Es lag zum andeTitelthema 7
ren an der Spaltung der westlichen Kirche im 16. Jahrhundert und den daraus folgenden blutigen Religionskriegen, in denen die Hoffnung auf die einheitsstiftende Kraft eines allumfassenden Christentums verloren ging. Es lag drittens an der europäischen Expansion in nicht europäische Teile der Welt, im Vergleich zu denen sich Europa als Europa identifizierte. Es lag schließlich viertens an einer sich seit der Renaissance herausbildenden und in der Aufklärung kulminierenden säkularisierten, grenzüberschreitenden Kultur der Gebildeten an den Höfen, den Universitäten und in den Bürgerstädten Europas. In den utopischen Ideen vom europäischen Frieden durch europäischen Zusammenschluss, mit denen einige Autoren seit dem späten 16. Jahrhundert auf die vielen Kriege zwischen den europäischen Staaten und Konfessionen reagierten, hatte Europa ganz unterschiedliche Grenzen. Der französische Herzog von Sully zum Beispiel entwarf 1638 einen Plan, der zahlreiche gemeinsame Institutionen und Verträge zur innereuropäischen Konfliktlösung vorsah. Er wünschte sich Ungarn mit einem Teil des Balkans als Bollwerk gegen die Türken und Polen als Vorwerk gegen Moskowiter und Tataren. William Penn, der englische Quäker, entwarf als Antwort auf die Kriege des französischen Königs Ludwig XIV. den Plan eines europäischen Fürstenund Staatenbundes. Dabei schloss er ausdrücklich nicht aus, dass auch Russland und die Türkei zum Zwecke der Verhinderung von Krieg zu Europa gehören könnten. Der aufgeklärte Kleriker Abbé de Saint–Pierre wiederum rechnete in seinem „Traktat zum ewigen Frieden“ 1712 zwar Russland zu Europa, nicht aber die Türkei. Umgekehrt wandte sich der französische Revolutionär und Konsul der Republik Joseph Delaunay 1794 in seinem „Plan zur Wiederherstellung des allgemeinen Friedens in Europa“ gegen jeden antitürkischen Kreuzzug und vertrat die Auffassung, man müsse den Türken helfen und sie für Europa gewinnen – gegen die Russen, die er nach ihrer Machterweiterung im 18. Jahrhundert als ernste Bedrohung Europas ansah. Aus all diesen Plänen ist nichts geworden. Aber sie zeigen, aus welchen Motiven Europa-Ideen auch entstanden, als friedenssehnsüchtige Antworten auf die vielen Kriege in diesem über Jahrhunderte kriegerischsten aller Kontinente. Sie zeigen, wie die Definition der Grenzen Europas, jedenfalls nach Osten und Südosten, mit dem jeweiligen Zweck und der sich ändernden politischen Einschätzung schwankte: politisch gesetzt, nicht geografisch vorgegeben, konstruiert. Und sie zeigen, dass zur beabsichtigten Inklusion immer auch ausgrenzende Exklusion dazugehört. An der Unterwerfung anderer Weltteile, ihrer Ausbeutung und Kolonisierung nahmen die europäischen Völker seit dem 16. Jahrhundert sehr unterschiedlich teil. Aber vermittelt über die Diskussionen der Intellektuellen, die Entdeckungen der Wissenschaftler und die öffentliche Meinung war diese Expansion trotzdem ein gesamteuropäischer Prozess, durch den die europäische Selbstbeschreibung – im Vergleich zu Anderen – erneut zum Thema wurde und sich gründlich veränderte. Europäische Intellektuelle beschrieben ihren Weltteil jetzt aufgrund seiner Wissenschaft, seiner technischen Fähigkeiten, seiner militärischen Kraft, seiner politischen Verhältnisse und dann auch seiner Jürgen Kocka ist Senior Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Von 1988 bis 2009 war er Professor für die Geschichte der industriellen Welt an der Freien Universität Berlin und von 2001 bis 2007 Präsident des WZB. j[email protected] Foto: © Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte/ Holger Wegemann, alle Rechte vorbehalten. „In verschiedenen utopischen Ideen vom europäischen Frieden hatte Europa ganz unterschiedliche Grenzen“ 8 | Mitteilungen Heft 179 März 2023
wirtschaftlichen Tüchtigkeit als überlegen. Das führte bisweilen zu extremer Selbstüberheblichkeit und zu gewagten historischen Konstruktionen vom Aufstieg Europas und Abstieg Asiens. Es gab aber auch nüchterne Varianten des Selbstvergleichs, in denen etwa durch den Kontrast mit Asien die innere politische Vielfalt und die Begrenzung politischer Herrschaft durch die Trennung von staatlicher und geistlicher Gewalt als europäische Eigenarten herausgearbeitet wurden. Aber der Vergleich konnte auch in europäische Selbstzweifel und Selbstkritik münden, wie es im Medium der Literatur, zum Beispiel in den „Lettres Persanes“ von Montesquieu der Fall war und viele Nachfolger fand: In diesen Beschreibungen und Erzählungen deckte der scharfe Blick eines fiktiven Besuchers aus Amerika, Asien oder Afrika europäische Schwächen auf, etwa europäische Künstlichkeit, brutalen Kolonialismus und europäische Dekadenz oder auch mangelndes Raffinement. Spiegelbildlich erschienen dann die Bewohner der anderen Erdteile als edel, natürlich und jung, oder aber als verfeinert und zivilisiert. Und manchmal verbanden sich Selbstbewusstsein und Selbstkritik, wie beispielsweise beim Marquis de Condorcet. Bissig konfrontierte der französische Aufklärer die edle Zivilisierungsrhetorik der Europäer mit dem brutalen Eigennutz ihrer Kolonialpolitik. Er rief sie auf, ihre Grundsätze ernst zu nehmen und die Rechte, Freiheiten und Interessen auch der fremden Völker zu respektieren. Er verlangte von ihnen, in Afrika und Asien „die Grundsätze und das Beispiel der Freiheit, die Aufklärung und die Vernunft Europas (zu) verbreiten“. Vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert nahm die Neigung zu europäischer Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit kräftig zu. Entsprechende Äußerungen finden sich selbst bei den größten Geistern. So freute sich Friedrich Schiller 1798, nachdem er sich mit Berichten über Reisen nach Syrien und Ägypten beschäftigt hatte, „in Europa geboren zu sein. Es ist doch wirklich unbegreiflich, daß die belebende Kraft im Menschen nur in einem so kleinen Teil der Welt wirksam ist, und jene ungeheuren Völkermassen für die menschliche Perfektibilität ganz und gar nicht zählen“. Und Hegel meinte in seinen „Vorlesungen über die Geschichtsphilosophie“ (ca. 1819), „die Orientalen“ hätten nur gewusst, dass Einer frei sei; die griechische und römische Welt habe gewusst, dass Einige frei sind; „wir aber“ wüssten, dass alle Menschen frei sind, „alle Menschen an sich, das heißt der Mensch als Mensch“. Er war überzeugt: „Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Asien der Anfang.“ Zwar gab es auch Pessimismus und Untergangsprognosen. Aber insgesamt überwog im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in der HochZeit von Kolonialismus und Imperialismus, ein ausgeprägtes Überlegenheitsbewusstsein der Europäer. Immer häufiger ging es mit dezidierter Abwertung anderer Kulturen und Bevölkerungen einher, zunehmend mit rassistischen Argumenten und Verzerrungen. Anders als früher hatten die Europäer um 1950 und in den folgenden Jahrzehnten wenig Grund, ihre Überlegenheit zu feiern. Zu tief war ihr Fall in der Geschichte, ihre Selbstzerstörung in den vorangehenden Jahrzehnten. Diese ihre Schwäche war eine wichtige Bedingung ihres beginnenden Zusammenschlusses. Doch auch jetzt spielten dezidierte Absetzung von Anderen und Krieg eine integrierende Rolle. Der Beginn der ökonomisch-politischen Integration Europas war eng mit dem Kalten Krieg verbunden. Zum einen war der dominant werdende Gegensatz zur Sowjetunion das Hauptmotiv für die amerikanische Politik, sich intensiv um die Neuordnung des westlichen Europas zu kümmern und Weichenstellungen in Richtung Kooperation zu erzwingen, ohne die der Integrationsprozess vermutlich nicht in Gang gekommen wäre. Zum anderen erleichterte die scharfe Absetzung vom Osten es der entstehenden westeuropäischen Gemeinschaft, ein sie legitimierendes, sinnstiftendes Selbstverständnis zu entwickeln. Als Teil einer großen freiheitlichen, demokratischen, rechtsstaatlich-parlamentarischen Alternative zur kommunistischen Diktatur gewann sie historische Bedeutung. „Für Hegel war Europa das Ende der Weltgeschichte“ Titelthema 9
1990/91 kam der europäischen Integration der Gegensatz zur Sowjetunion als Motor und Sinngebung abhanden. Aber für ihre geistige Verfassung und politische Dynamik war weiterhin die Absetzung von Anderem wichtig: Zwar kam die europäische Integration vor allem aus politisch-strategischen und wirtschaftlichen Erwägungen in Gang. Aber im Hintergrund wirkte, dass die großen Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts – wie schon die frühneuzeitlichen Kämpfe – immer wieder zu viel beachteten Aufrufen von Intellektuellen und Schriftstellern für die Einigung Europas im Dienste des Friedens geführt hatten. Die Hoffnung, Katastrophen wie die totalitären Diktaturen, die Weltkriege, den Holocaust und die mit ihnen verbundenen Verwüstungen in Zukunft zu vermeiden, war ein zentrales Motiv für die Monnet und Schuman, die Spaak, De Gasperi und Adenauer, als sie sich um 1950 auf den Weg der europäischen Integration begaben. Und für viele Bürgerinnen und Bürger der osteuropäischen Staaten, die der EU seit 2004 beitraten, sind die Unterdrückung und Verfolgung durch den stalinistischen Kommunismus zentrale Bestandteile ihres historischen Bewusstseins. In Zukunft vor solchen Gefahren und Leiden geschützt zu sein, gehört zu dem, was sie von Europa und ihrem Beitritt zur Europäischen Union erwarteten. Beide Stränge der Erinnerung stehen oft in Spannung zueinander. Aber sie können sich auch zu einem antitotalitären und kriegskritischen Fundus des historischen Wissens und Gedenkens verbinden. Damit lebt ein prinzipiell Anderes im Erinnerungsbestand der EU weiter: als Motivation, als Legitimation, als kontrastierender Befund, der sie historisch verortet und damit stärkt. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist zuletzt der Krieg nach Europa zurückgekommen. Er bringt vor allem Zerstörung, Leid und große Gefahr, auch weit über die Ukraine hinaus. Aber zugleich scheint er die EU und den europäischen Zusammenhalt zu stärken. Wenn sich dies bestätigt und als nachhaltig erweist, steht es in einer Jahrhunderte langen Tradition, in der Kriege unterschiedlicher Art – und die Sehnsucht nach Frieden als Reaktion – entscheidend zur Identität Europas beigetragen haben. Allerdings: Nicht nur durch Kämpfe und Absetzung von Anderen entstand Europa, sondern auch durch Verflechtung mit Anderem. Europa nahm vieles von außen in sich auf, durch Ausbeutung und Raub, Lernen und Anverwandlung, Tausch und Transfer, Migrationen und Reisen: vom südamerikanischen Silber und der indischen Baumwolle über den Kompass, das Schießpulver und das Porzellan aus China bis zu verfassungspolitischen Vorbildern oder den Bildern, Moden und Träumen aus Kulturen, die als anders wahrgenommen und als exotisch imaginiert wurden, mit tiefen Einflüssen auf europäische Musik, Literatur, Kunst und Unterhaltung. Die Habgier von Europäern war unersättlich, ihre Neugier aber auch. Weltoffenheit und Aufnahmefähigkeit gehörten zu Europas größten Stärken. Der Beitrag ist die gekürzte und aktualisierte Fassung eines Aufsatzes von Jürgen Kocka für einen Sammelband zu Europa: „Europa und die Anderen“. In: Arnd Bauerkämper/Hartmut Kaelble (Hg.): Europa – Visionen und Praxis im 20. und 21. Jahrhundert. Berlin: Metropol 2022, S. 27-50. Literatur Bauerkämper, Arnd: „Auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur? Der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust und die stalinistischen Verbrechen im Gedächtnis der Europäer seit 1945“. In: Claudia Fröhlich/Harald Schmid (Hg.): Jahrbuch für Politik und Geschichte. Band 5. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2014, S. 43-65. Kaelble, Hartmut: Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Campus 2001. Langewiesche, Dieter: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne. München: C.H. Beck 2019. Strath, Bo (Hg.): Europe and the Other and Europe as the Other. Brüssel: Peter Lang 2000. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 10 | Mitteilungen Heft 179 März 2023