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Zeiteffizienz und Transparenz

Henckel, Dietrich,Weber, Charlotte

Abstract

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Henckel, Dietrich; Weber, Charlotte Book Part Zeiteffizienz und Transparenz Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Henckel, Dietrich; Weber, Charlotte (2019) : Zeiteffizienz und Transparenz, In: Henckel, Dietrich Kramer, Caroline (Ed.): Zeitgerechte Stadt: Konzepte und Perspektiven für die Planungspraxis, ISBN 978-3-88838-087-7, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 23-44, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-0877025 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/196229 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Im Sinne der eigenen „Bewirtschaftung“ der Zeit wäre Transparenz eine wesentliche Grundbedingung für (individuelle) Zeiteffizienz. Die Summe (potenzieller) individueller Zeiteffizienz könnte wiederum einen Beitrag auch zu einer kollektiven Zeiteffizienz leisten. Transparenz stellt sich allerdings nicht von alleine her, sondern muss „produziert“ werden. Dies kann man entweder als öffentliche Aufgabe zur Herstellung gleicher Ausgangsbedingungen, als eine Voraussetzung für zeitliche Gerechtigkeit ansehen. Oder man kann Transparenz (Information) ihrerseits als knappes und damit marktfähiges Gut betrachten. Der Beitrag geht auf die Frage von Zeiteffizienz, die Reichweite und vor allem die Grenzen dieses Konzepts ein. In der Forschung und in der planenden Praxis spielt dieses Konzept explizit keine Rolle. Allerdings hat es implizit in alltäglichen planerischen Entscheidungen eine große Bedeutung. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Instrumenten, um die Möglichkeiten für eine größere Zeiteffizienz zu erweitern. Ein wesentlicher Teil des Beitrages soll – anhand von Beispielen – einen Überblick über das Spektrum dieser Techniken geben. Schlüsselwörter Koevolution Mensch und Technik – Individualerfahrung und Systemverhalten – Raumplanung – Gesellschaftsentwicklung – Verkehrswesen – Transparenz – Zeiteffizienz Time efficiency and transparency Extended Summary Everyday experience teaches us that life in some cities is easier to cope with than that in others. This is substantially influenced by differences in the temporal access to and availability of goods and services, and also by differences in information about access and availability. Structural factors, such as opportunities to use available information for autonomous temporal behaviour, are thus decisive. 25ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ If time is viewed as a scarce resource – to take an economic viewpoint – then improving temporal autonomy and temporal well-being involves creating conditions that minimise the amount of time that the individual has to involuntarily spend on daily chores. The relevance of the topic is made clear by analyses of (examples of) temporal inefficiencies (such as, for instance, queues, poor temporal availability, time spent on commuting) or investigations of methods to improve temporal efficiency and transparency in cities. As well as improving structural conditions, the accessibility of the temporality of supplies of goods and service is of decisive importance. Appropriate information (transparency) makes it possible for individuals to temporally adapt in a self-determined fashion and thus to increase temporal autonomy. At the same time issues of justice become evident, dependent on whether the information is available to all or whether there are barriers to access (caused by the price, the way in which the information is provided, or the actors involved). The paper initially gives an overview of the – limited – concept of temporal efficiency, but argues that this can improve understanding of the city and can allow options for improvement to be identified. Eclectic empirical approaches towards analysing temporal (in)efficiency are presented, the significance of information and transparency as preconditions for temporal efficiency are explained, and the ambivalence of different approaches for creating transparency are discussed. Keywords Co-evolution men and technology – personal experience and systemic behaviour – spatial planning – development of society – transportation – transparency – temporal efficiency 1 Einführung Jeder kennt das Gefühl, dass man in einigen Städten das alltägliche Leben einfacher, schneller, mit weniger Aufwand, also effizienter, organisieren kann als in anderen. Häufig spielt das Ausmaß, in dem Informationen über die zeitliche Verfügbarkeit von Gütern und Diensten angeboten werden und zugänglich sind, eine wesentliche Rolle. Staus, überfüllte Verkehrsmittel, lange Warteschlagen, schwieriger Zugang zu Dienstleistungen sind dabei Ausdruck für mögliche Hemmnisse und Verzögerungen und damit Einschränkungen der zeitlichen Effizienz, die in verschiedenen Räumen, Situationen und Zeiten mit unterschiedlicher Intensität auftreten. Daraus ergeben sich Alltagserfahrungen und intuitive zeitbezogene Vergleiche von Städten, die sich bislang allerdings kaum in empirischer Forschung zum zeitlichen Städtevergleich niederschlagen, obwohl Michael Young dies schon 1988 (Young 1988: 52) als ein Forschungsdesiderat bezeichnet hat. Zeit wird in diesem Beitrag als knappe Ressource begriffen. Aus dieser Perspektive auf Stadt zu schauen, ist – wie jede dezidierte Betrachtung – natürlich eine Verengung des Blicks, da nur ein Aspekt, auch nur ein Aspekt der zeitlichen Dimensionen von Städten, in den Fokus gerückt wird: Wir glauben jedoch, mit diesem Blick etwas zum komplexen 26 09 _ ZEITGERECHTE STADT Verständnis von Städten beitragen zu können und letztlich auch zur Verbesserung der (zeitlichen) Lebensqualität. Die hier eingenommene ökonomische Perspektive zielt nicht auf eine Beschleunigung1, sondern auf die Reduzierung unfreiwillig für nicht gewünschte Zwecke verbrachter Zeiten. Eine solche Reduzierung und die Erhöhung der Zeitautonomie sehen wir als einen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität. Daher wollen wir in diesem Beitrag das Konzept der Zeiteffizienz und den Zusammenhang mit zeitlicher Transparenz systematisch entfalten. 2 Das Konzept der Zeiteffizienz Betrachtet man Zeit aus ökonomischer Perspektive als knappes Gut und stellt damit nicht den Erlebnischarakter, sondern die lineare und messbare Dimension von Zeit in den Mittelpunkt, geht es darum, die knappe Zeit in einer Weise zu „bewirtschaften“, dass möglichst wenig Zeit für nicht intendierte Zwecke genutzt werden muss.2 In diesem Sinne könnten Wartezeiten aller Art, Verzögerungen, zeitliche Zugangsbarrieren als Verursacher zeitlicher Ineffizienz angesehen werden. Bezogen auf städtische Dienste geht es um folgende Aspekte: „The first important aspect is the time to get access to the provider of a service and the second aspect is the time it takes to get the service done“ (Henckel/Herkommer 2009, zitiert nach der englischen Version). Zeiteffizienz als ein ökonomisches Konzept zielt auf die Maximierung von Optionen in einer gegebenen Zeit oder die Minimierung des erforderlichen Zeiteinsatzes für einen gegebenen Bereich von Optionen, ganz im Sinn des ökonomischen Prinzips. Die Reichweite potenzieller Optionen hängt ab von der räumlichen Organisation, den institutionellen Rahmenbedingungen, den technologischen Möglichkeiten und anderen, häufig lokal spezifischen Bedingungen – die Nähe zu den „constraints“ (Einschränkungen) im Sinne Hägerstrands (1970) ist offensichtlich. Abhängig von diesen unterschiedlichen Rahmenbedingungen sind jeweils unterschiedlich effiziente Lösungen auf der Basis individueller Entscheidungen möglich. Innerhalb des gegebenen Rahmens entscheidet der Einzelne, wie verfügbare Optionen genutzt werden. Die Rahmenbedingungen können Effizienz begünstigen oder erschweren. Ob jemand die Potenziale für zeitliche Effizienz auch tatsächlich nutzt, bleibt aber das Ergebnis individueller Entscheidungen. Eine zentrale Rahmenbedingung zum Erreichen / zur Förderung zeitlicher Effizienz ist die Kenntnis über die zeitliche und räumliche Struktur und Verfügbarkeit der Optionen, also zeitliche und räumliche Transparenz. Damit ist die Verfügbarkeit und einfache Zugänglichkeit von Informationen über die Strukturen der Stadt gemeint, die es den Stadtbürgern ermöglicht, informiert zu handeln. 1 Also durchaus anders als von Karl Marx erwartet: „1.1. Im Kapitalismus wird Ökonomie der Zeit nicht benutzt zur Verkürzung der Arbeitszeit, sondern zur Steigerung der Produktion“. 2 Eine solche Effizienzbetrachtung könnte leicht als ein Plädoyer für Smart-City-Konzepte gedeutet werden, denn diesen Konzepten liegen weitreichende Effizienzvorstellungen zugrunde (z.B. Konieczek/Naeth 2016). Die mit allen Smart-City-Konzepten verbundene Verfügbarkeit einer Vielzahl von Daten (Big Data) ermöglicht teilweise auch eine Verbesserung der Voraussetzungen für zeitliche Effizienz, auch wenn selten explizit von den zeitlichen Dimensionen die Rede ist. Es wäre eine lohnende Erweiterung, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen expliziter Zeiteffizienz und Smart-City-Ansätzen genauer auszuleuchten. 27ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ Lediglich auf Effizienz zu achten, garantiert aber noch nicht die Lösung von Problemen sozialer Selektivität, also der Verteilung von Chancen innerhalb unterschiedlicher Rahmenbedingungen. Daher sind Entscheidungen über die Gestaltung der Rahmenbedingungen und über die institutionelle Struktur politische Entscheidungen mit weitreichenden Folgen für die zeitliche Verteilung und die Optionalität individueller Zeiteffizienz (vgl. Henckel/Thomaier 2016) und berühren damit auch die Frage nach der zeitlichen Gerechtigkeit unterschiedlicher Arrangements. Eines der zentralen Probleme des Konzepts der Zeiteffizienz ist die Differenzierung zwischen individueller und kollektiver Zeiteffizienz. Dafür sind verschiedene Gründe maßgeblich: > Es können konfligierende Zeitinteressen bestehen, wenn die Erhöhung der Zeiteffizienz des einen auf Kosten ihrer Reduzierung des anderen geht. Dann sind implizite oder explizite Prioritätsentscheidungen erforderlich. > Wenn keine Transparenz besteht, kann ein unkoordiniert gleichgerichtetes Verhalten zu einer Verschlechterung der Situation führen. (Dabei kann ein unkoordiniert gleichgerichtetes Verhalten u.  U. auch durch bestimmte Formen der Erhöhung der Transparenz ausgelöst werden, z.  B. kann die Information über Stauzonen ohne geeignete Ausweichrouten zu einer Verlagerung des Staus führen, wenn folglich alle Verkehrsteilnehmenden auf die gleiche alternative Route ausweichen.) Die Aggregation von individueller Zeiteffizienz führt also nicht zwangsläufig zu kollektiver Effizienz. Dennoch könnte die (fiktive) Summe der „nutzlos“ – im Sinne von unfreiwilliger, nicht intendierter Zeitnutzung – verbrachten Zeit als ein Indikator für die zeitliche Ineffizienz (einer Stadt) angesehen werden, sodass unterschiedlicher Zugang zu Dienstleistungen und damit unterschiedliche soziale und räumliche Verteilungen zeitlicher Zugangschancen eine entscheidende Rolle für die Bewertung spielen. Maßnahmen zur potenziellen Erhöhung der Zeiteffizienz können unterschiedlicher Art sein – planerisch-strukturell, organisatorisch, substitutiv oder informationell (vgl. Tabelle 1). Die Möglichkeiten, die zeitliche Effizienz von Städten zu verbessern, sind vielfältig und sollen im Folgenden kurz systematisiert, vor allem aber mit praktischen Beispielen illustriert werden: > Alle städtebaulichen und infrastrukturellen Maßnahmen, die darauf zielen, Zugänglichkeit zu erhöhen – dazu gehören mithin Netzkonzeptionen des Verkehrs, insbesondere des öffentlichen Nahverkehrs. Ein eindrucksvolles Beispiel für eine solche Veränderung wären Planungen in Paris, das radial auf die Innenstadt ausgerichtete schienengebundene Verkehrsnetz um eine Ringlinie zu ergänzen,3 um die 3 Die Autoren meinen, einen Hinweis auf eine solche Planung gelesen zu haben, konnten das aber nicht verifizieren. 28 09 _ ZEITGERECHTE STADT Erschließung großräumig zu verbessern. Aber auch Standortstrategien und -konzepte zur Standortverteilung öffentlicher und/oder privater Dienstleistungsinfrastruktur, also der kommunalen Planer, der Planer von Infrastrukturbetreibern sowie der Planer der Privatwirtschaft, sind in diesem Zusammenhang zu nennen. > Organisatorische Maßnahmen zur Vereinfachung des Zugangs und/oder zur Beschleunigung der Bereitstellung und Abwicklung von Dienstleistungen. In diesen Kontext gehören u.  a. Priorisierungen (z.  B. Busspuren oder andere Bevorrechtigungen) oder alle Formen einer effizienten Organisation von Warteschlangen. Häufig sind hiermit allerdings erhebliche Umverteilungswirkungen oder trade-offs zwischen verschiedenen Zielen verbunden. Zu den organisatorischen Maßnahmen gehören auch Beschleunigungen von Genehmigungsregeln (z.  B. bei Bauanträgen (Henckel 2006)). > Koordinatorische Maßnahmen und Synchronisierungen, die beispielweise darauf zielen, die Abwicklung unterschiedlicher Aktivitäten zu erleichtern. Die Integration von öffentlichen Dienstleistungen im Sinne einer one-stop agency oder die Koordination von Zeiten privater Dienstleistungen (Öffnungszeiten) untereinander oder zwischen öffentlichen und privaten Dienstleistungen können in dieser Weise interpretiert werden. > Maßnahmen zur Bereitstellung von Substitutionsmöglichkeiten, die darauf zielen, notwendige Ko-Präsenz, die bei vielen Dienstleistungen bislang üblich war, durch Telekommunikation zu ersetzen, um Wege und Wartezeiten zu vermeiden. Dazu gehören Angebote des e-government, die es ermöglichen, bislang nur durch persönliche Anwesenheit durchzuführende Aufgaben über das Internet zu erledigen. Beispiele dafür können die Einreichung von Anträgen aller Art sein (z.  B. Anmeldung auf dem Einwohnermeldeamt, Kreditanfragen, Telekonferenzen). > Maßnahmen zur Erhöhung des Informationsniveaus und der Transparenz als Voraussetzung der individuellen Umsetzung von Zeiteffizienz. Ein höheres Niveau der Information über die zeitliche Struktur von Angeboten oder ihre aktuelle Performance erlaubt es, das eigene Verhalten – u.  U. sogar kurzfristig – an die spezifischen Situationen anzupassen und damit „Zeitverluste“ zu vermeiden (z.  B. Umfahrung von Staus, Wechsel des Weges bei Ausfall öffentlicher Verkehrsmittel, Wahl eines anderen Dienstleisters). Auch wenn wir uns in diesem Beitrag vor allem auf die (In)Effizienz des alltäglichen städtischen Lebens konzentrieren, ist das Konzept durchaus in unterschiedlicher zeitlicher Reichweite zu denken: Unfreiwillige Wartezeiten auf einen Arzttermin, einen Studienplatz, eine Baugenehmigung, die längeren Dauern von Handlungen aufgrund der Gegebenheiten räumlicher Strukturen können als sehr unterschiedliche Beispiele von zeitlichen Ineffizienzen über längere Perioden angesehen werden. In diesem Sinne sind in Tabelle 1 die Maßnahmen auch in kurzund langfristig differenziert. Zeitliche Effizienz und Transparenz sind eng verknüpft mit den ökonomischen Konzepten der externen Effekte und der Gütertheorie. In der klassischen Gütertheorie werden die Güter danach kategorisiert, ob eine Rivalität im Konsum besteht (der Konsum 29ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ Langfristig Kurzfristig Planerisch, strukturell Ausbau/Veränderung von Infrastrukturnetzen Flächennutzungsstrategien Standortstrategien und -konzepte Organisatorisch Priorisierungen (Busspuren, congestion charges, Mindestbesetzungen von Fahrzeugen, fast lanes, special access rules, automatisierte Geschwindigkeitsregulierung) Warteschlangenorganisation, Anmeldesysteme, Zeitfensterregelungen zeitbasierte Preise zeitbasierte Entscheidungsregeln bei Anträgen (z.B. Bauanträge) Warteschlangenorganisation automatisierte Geschwindigkeitsregulierung Substitutiv Substitution von Ko-Präsenz durch Telekommunikation, Onlinedienste, holographische Telekonferenzen Ausweichrouten Informationell Veröffentlichung der Strukturen (Pläne, Fahrpläne, Standortstrategien bzw. deren Umsetzung) Bereitstellung aktueller Informationen auf Portalen, in Apps Tab. 1: Maßnahmentypen zur Erhöhung der (potenziellen) Zeiteffizienz – Beispiele / Quelle: Eigene Zusammenstellung des Gutes durch den einen schließt den Konsum durch den anderen aus) oder nicht und ob das Ausschlussprinzip (nur wer i.  d.  R durch Entrichtung des Preises zugangsberechtigt ist, bekommt das Gut) anwendbar ist (oder angewendet wird) oder nicht (vgl. z.  B. Mankiw 2004: 247). Maßnahmen zur Ermöglichung von Zeiteffizienz können 36 09 _ ZEITGERECHTE STADT Transparenz kann sich dabei auf unterschiedliche Aspekte beziehen: > Die Art, der Umfang, die räumliche und zeitliche Verteilung der Bereitstellung eines Gutes oder einer Dienstleistung. Hierbei handelt es sich um strukturelle und längerfristig gültige Informationen über die Bereitstellung und ihre (übliche) zeitliche Struktur. Es geht also um die dauerhafte und „durchschnittliche“ Information zur Etablierung von Verlässlichkeit und Routinen. > Die Performance in der Bereitstellung einer Dienstleistung. Hier geht es um operative und kurzfristige Informationen über den Status des Dienstes (Verfügbarkeit, Verzögerungen, Substitute etc.), die kontinuierlich zur Verfügung gestellt werden, sodass individuelle Anpassungsleistungen zeitlicher Art sofort möglich sind. Beide Arten der Transparenz, der Informationsbereitstellung eröffnen unterschiedliche Anpassungsstrategien in der Nutzung der Güter und Dienstleistungen, vor allem bezogen auf die zeitliche Perspektive der Anpassungsmöglichkeiten. Die Verfügbarkeit der Information ist allerdings selbst ein knappes Gut, über dessen Bereitstellung entschieden werden muss: Wer stellt die Information zu welchen Kosten zur Verfügung und wer muss die Kosten tragen? Handelt es sich um Informationen der öffentlichen Hand, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden, oder um privatwirtschaftlich bereitgestellte und kostenpflichtige Informationen? Die Selektivität von Transparenz hat weitreichende Konsequenzen für die Verteilung (potenzieller) Effizienz und damit für eine zeitliche Verteilungsgerechtigkeit. Da die Bereitstellung von Information Kosten verursacht, ergibt sich die ökonomische Frage, welches Ausmaß an Transparenz wünschenswert und (ökonomisch) sinnvoll und möglich ist. Neben der Verfügbarkeit der Information ist auch die Chance potenzieller Nutzer, die Informationen in Anspruch nehmen zu können, zu berücksichtigen. In dem Maße, wie die technischen (Verfügbarkeit von Smartphones) und intellektuellen (Fähigkeiten, die Geräte zu bedienen, Zugang zu den Informationen zu finden und sie auch interpretieren zu können) Voraussetzungen ungleich verteilt sind, ergeben sich zusätzliche Selektivitäten in der potenziellen Zeiteffizienz – und damit weitere Gerechtigkeitsfragen. In etlichen Städten gibt es mittlerweile öffentliche Anzeigen über die Durchflussgeschwindigkeit des Straßennetzes oder zumindest Angaben zu Stauzonen. Durch die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die weite Verbreitung von Smartphones, die automatische Generierung von Daten im Prozess der Bereitstellung von Gütern und Diensten sowie die Entwicklung entsprechender Programme zur Analyse und Bereitstellung der Daten (Apps) sind kurzfristige Informationen über den Status eines Dienstes (Verzögerungen von Zügen, Ausfall, Staus) und eventuelle Substitutionsmöglichkeiten (alternative Routen oder Verkehrsmittel) verfügbar, sodass man unmittelbar sein Verhalten anpassen, die zeitliche Effizienz – trotz negativer Bedingungen – relativ verbessern kann. 37ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ Abb. 3: Anzeigen zur jeweils aktuellen Belastung des Schnellstraßennetzes in Shanghai / Quelle: Eigenes Foto Das mögliche Ausmaß der Transparenz wird von verschiedenen Seiten begrenzt: > Verfügbarkeit der Daten: Viele Daten werden nicht erhoben und/oder nicht verarbeitet. > Öffentliche Bereitstellung der Daten: Daten sind nicht öffentlich zugänglich (auch nicht für Forschung) aus Datenschutzoder Sicherheitsgründen (z.  B.: vergleichbare Daten wie für den Notruf sind auch für die Polizei verfügbar, werden aber nur intern genutzt) oder aus Gründen von Geschäftsgeheimnissen und Wettbewerbsschutz. Nur wenige Städte stellen systematisch Erreichbarkeitsdaten zur Verfügung. > Aufwand der Datenbereitstellung: Die Erhebung, Aufbereitung, Analyse und Bereitstellung der Daten ist selbst ein kostenträchtiges Unterfangen. Insofern ist auch zu klären, in welchem Verhältnis der Aufwand für die Bereitstellung im Verhältnis zu den Erträgen der Nutzung dieser Daten stehen – und wie Kosten und Nutzen verteilt sind oder verteilt sein sollten. Das Ausmaß von Transparenz dürfte daher für verschiedene Daten seinerseits ein Feld intensiver Auseinandersetzungen und Interessenkonflikte sein, weil es um Eigentumsund Nutzungsrechte an Daten, um unterschiedliche Vorstellungen, was öffentlich zugängliche Information sein sollte und was nicht, und um Fragen der Kostenträgerschaft geht. 38 09 _ ZEITGERECHTE STADT Selbst wenn Transparenz eine wichtige Voraussetzung für zeitliche Effizienz ist, ist trotz der „Euphorie der Sichtbarkeit“ (Holert 2000: 19) auch ihre Ambivalenz in Rechnung zu stellen: Transparenz kann – etwa bei einem Stau – zur Verlagerung des Problems führen. Wenn beispielsweise jeder individuell gleich handelt, um seine Zeiteffizienz zu steigern, wird kollektiv der Stau verlagert; die Verfügbarkeit mehrerer Apps mit widersprüchlichen Informationen kann die Entscheidungsfähigkeit behindern. Langfristig Kurzfristig Strukturell > Chronotopkarten (für Systeme) > Erreichbarkeitsanalysen für London (Atos/Ptal - Transport for London 2010a, b) > Isochronen für zahlreiche ÖPNV-Systeme weltweit (Mapnificent) > Fußläufige Erreichbarkeit von Angeboten (Walkscore) > Städtische Steuerungszentralen (bei öffentlicher Verfügbarkeit der Informationen)11 > Systematische Zeit (distanz)anzeigen (Boulevard Peripherique, Paris; Haltestellen) > Anzeigen zu verfügbaren Parkplätzen Operativ > Fahrpläne, Werkzeuge zur Routenoptimierung > Mapnificent > Walkscore > Städtische Steuerungszentralen, in denen Datenflüsse in Echtzeit zusammenlaufen (urban dash boards) > Chronotopkarten (für Orte) > Alle Arten von Apps > Systematische Zeitanzeigen > Anzeigetafeln zum Verkehrsfluss in Städten Tab. 3: Maßnahmen zur Erhöhung der zeitlichen Transparenz / Quelle: Eigene Zusammenstellung 11 Vgl. Kitchin/Lauriault/McArdle (2015). 39ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ 5 Verteilungsfragen Mit dem Versuch, die Zeiteffizienz zu erhöhen, sind aufgrund der dafür zu erfüllenden Voraussetzungen zwangsläufig auch Verteilungsfragen verbunden, weil es nur in den seltensten Fällen möglich ist, Verbesserungen für alle gleichzeitig zu erzielen. Selbst eine in der Summe höhere Zeiteffizienz (insgesamt weniger unintendiert verbrachte Zeit) dürfte mit räumlichen und sozialen Selektivitäten verbunden sein (Tabelle 4). Diese Selektivität kann unterschiedlich entstehen, nämlich: > intendiert, wenn systematisch durch die Art der Maßnahmen bestimmte Gruppen oder Räume bevorzugt werden (dabei muss die Intention nicht immer offenkundig sein oder werden), (vgl. Tabelle 5) oder > nicht intendiert, wenn die Bevorzugung/Benachteiligung ein unvermeidbarer Nebeneffekt (struktureller und/oder finanzieller Rahmenbedingungen) ist (vgl. Abbildung 4). Abbildung 4 zeigt – in Abhängigkeit von unterschiedlichen Schutzklassen – erhebliche Unterschiede in der Erreichung der angestrebten Zielzeit. Abb. 4: Eintreffzeiten Berliner Rettungswagen 2007 nach Postleitzahlbezirken / Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Sonderauswertungen der Berliner Feuerwehr aus Einsatzdaten (2006) für das Fachgebiet Stadtund Regionalökonomie. 40 09 _ ZEITGERECHTE STADT Als sozial selektiv kann immer der Kauf von „Extraeffizienz“ angesehen werden: Expresszüge London Airports, Hubschrauberpendeln, Motorradtaxis Paris, software sorted geographies (Graham 2004). Alle Formen der räumlichen Veränderungen, vor allem infrastruktureller Anpassungen, dürften die „Effizienzpotenziale“ verschieben, selbst wenn insgesamt im „Nettoeffekt“ ein Effizienzgewinn festzustellen ist. Soziale Selektivität durch Räumliche Selektivität durch Intendiert > Sonderdienstleistungen auf der Basis von Zugangsschranken (z.  B. Bezahlung) wie Motorradzubringer > Alle Formen von Premium Network Spaces12 (schnelle Zubringer, schnelle Telekommunikationsnetze) > Netzrekonfigurationen mit relativen Erreichbarkeitsverschiebungen zwischen Teilräumen (Ringlinie Paris, Verlagerung Flughafen Berlin) Nicht intendiert > Ungleiche Verteilung der Eintreffzeiten der Notrufwagen (wenn soziale und räumliche Kriterien sich überlagern) > Ungleiche Verteilung der Eintreffzeiten der Notrufwagen13 (wenn soziale und räumliche Kriterien sich nicht überlagern) > Ungleiche Zugänglichkeit zum Telekommunikationsnetz, unterschiedliche Kapazität der Netze > Ungleicher Zugang zu Apps aufgrund spezifischer Netzkonfigurationen Tab. 4: Beispiele potenzieller Verteilungswirkungen effizienzverbessernder Maßnahmen / Quelle: Eigene Zusammenstellung 12 Vgl. Graham/Marvin 2001. 13 Siehe Abbildung 4 zu den Eintreffzeiten der Notrufwagen in Berlin nach Schutzklassen. Hier kann nicht auf Entstehung und Kriterien der Schutzklassen eingegangen werden. Es ist aber offensichtlich, dass damit zentrale Fragen der Zeitgerechtigkeit berührt werden: Materiell: Wie ist die Verteilung der Zugänglichkeit? Prozessual: Wie kommen die Entscheidungen über Kriterien und Verteilung zustande? 41ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ Gerade auch mit Blick auf die Verteilungsfragen muss sich die Intention, durch gezielte Maßnahmen die zeitliche Effizienz von Städten zu erhöhen, mit einer Reihe offener Fragen auseinandersetzen, die sich alle darauf beziehen, ob durch die Maßnahmen relevante Veränderungen auftreten: > in den Unterschieden im Zugang zu Infrastruktur und Diensten > im Tages-, Wochen-, Jahresverlauf > in den räumlichen und sozialen Selektivitäten > in Ausweichund Substitutionsstrategien > in Kompensationsmöglichkeiten Tagestarif 8.00 bis 19.00 Uhr Nachttarif 19.00 bis 8.00 Uhr Wochenendtarif 8.00 bis 19.00 Uhr Wochenendtarif 19.00 bis 8.00 Uhr Paris / Paris ab 35 € ab 45 € ab 50 € ab 65 € Paris / Orly ab 55 € ab 67 € ab 80 € ab 100 € Paris / Roissy CDG ab 75 € ab 90 € ab 130 € ab 130 € La Défense / Roissy CDG ab 75 € ab 90 € ab 150 € ab 180 € La Défense / Orly ab 75 € ab 90 € ab 110 € ab 130 € Orly / Roissy CDG ab 90 € ab 115 € ab 125 € ab 200 € Tab. 5: Premium Dienstleistungen – Beispiel Motorradtaxis (Paris) / Quelle: Eigene Darstellung nach Motolead Prestige (2014) 6 Fazit Es gibt eine längere Diskussion darüber, warum Ökonomen die Stadt mögen (u.  a. Glaeser 1996; Krugman 1999: 200 f.) und warum die Stadt eine besonders effiziente Siedlungsform ist (Glaeser 2011). Städte sind die Orte größter Diversität und produzieren deswegen durch Dichte und die Schaffung von Kopräsenzmöglichkeiten und 42 09 _ ZEITGERECHTE STADT externen Effekten die Voraussetzungen für Innovation, Produktivität, kulturelle Vielfalt etc. – und damit auch zeitliche Vielfalt. Deswegen können Städte als „Raumzeitsparmaschinen“ interpretiert werden (Henckel 2006). Aber, um im Bild zu bleiben, Maschinen können eben besser oder schlechter funktionieren. Große Städte verlangen ihren Bürgern mehr Zeitaufwand für die Erledigung von Alltagswegen ab als kleinere, bieten aber auch mehr Vielfalt. Große Unterschiede bestehen zwischen verschiedenen Großstädten. Damit werden auch trade-offs zwischen Zeitkosten, Raumsparen und Produktivität erkennbar. Solche Unterschiede in den Blick zu nehmen, eine Vergleichsperspektive zu eröffnen und damit zum Verständnis von Stadt beizutragen, ist ein Ziel des Artikels. Das zweite Ziel ist es, Voraussetzungen von zeitlicher Effizienz und Instrumente zu ihrer Verbesserung zu identifizieren. Zeiteffizienz hat allerdings so viele Facetten und Bedingungen, dass es nicht möglich ist, die Zeiteffizienz zu bestimmen, sondern bestenfalls ein Mehr oder Weniger im Vergleich zu identifizieren. Die Suche nach der zeiteffizienten Stadt ähnelt der Suche nach der optimalen Stadtgröße, eine lange Debatte in der Stadtforschung – es gibt nicht die optimale Größe, weil die Optimalitätsbedingungen von der betrachteten Infrastruktur, den Einzugsbereichen, den ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen abhängen und damit historisch und lokal spezifisch und wandelbar sind (Capello 2004). Das heißt analog, Zeiteffizienz variiert über Stadtgrößen, Dichte, Morphologie, Infrastrukturbereitstellung, soziale und ökonomische Faktoren, regulative und technische Rahmenbedingungen und ist damit ebenfalls lokal und historisch spezifisch. Dennoch ist unserer Überzeugung nach der analytische Fokus gewinnbringend, weil aus dem Vergleich Bedingungen für ein Mehr oder Weniger gewonnen werden können, die es ermöglichen, zu lernen und zumindest kleine Schritte der Verbesserung einzuleiten – wie die Illustrationen, insbesondere für den Verkehrsbereich, eindrücklich belegen. Die Vielfältigkeit der relevanten Faktoren öffnet auch den Blick dafür, dass eine Konsistenz in unterschiedlichen Zieldimensionen kaum möglich sein wird – es gibt immer trade-offs, Unvereinbarkeiten etc. sozial, räumlich und ökonomisch. Das macht Prioritätsentscheidungen erforderlich – mit Verteilungsfolgen. Daran muss sich wiederum die Forderung anschließen, dass diese Folgen Gegenstand politischer Auseinandersetzung sein müssen. Aufgabe der Stadtplanung im weitesten Sinne ist es, möglichst gute Rahmenbedingungen für Zeiteffizienz zur Verfügung zu stellen – strukturell und informativ – und dieses immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Zeiteffizienz schafft Möglichkeiten der Erhöhung der Selbstbestimmung über Zeit, Transparenz schafft Nutzungsmöglichkeiten und bietet Anpassungschancen unter (schwierigen) Bedingungen. Diesen Möglichkeitsraum der zeitlichen Nutzung von Gütern und Dienstleistungen breit aufzuspannen und sichtbar zu machen – im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit am besten ohne Zugangsbarrieren und Selektivitäten – kann einen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität in der Stadt leisten. Darüber hinaus kann diese Art der Betrachtung einen Beitrag zum Verständnis von Stadt und zum Vergleich von Städten zu leisten. 43ZEITEFFIZIENZ UND TRANSPARENZ Literatur Beitzer, H. 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Forschungsschwerpunkte: Technologischer Wandel und Raumentwicklung, Zeitstrukturen und Raumentwicklung, Zukunft der Arbeit, Wirtschaftsförderung, Sicherheit in der Stadt, Verlust der Nacht – Lichtverschmutzung, gebäudeintegrierte Landwirtschaft, unsichtbare Stadt. Charlotte Weber (*1991), B.  Sc. Urbanistik, Studentin im Master-Studiengang Stadtund Regionalplanung und studentische Mitarbeiterin am Institut für Stadtund Regionalplanung an der TU Berlin (FG Stadtund Regionalökonomie). Derzeitige Arbeitsschwerpunkte: Zeitstrukturen/Zeitpolitik, Nacht und urbane Gerechtigkeitsfragen.