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Historische Grundlagen der Währungspolitik

Kraus, Otto

Abstract

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Kraus, Otto Article Historische Grundlagen der Währungspolitik Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Kraus, Otto (1965) : Historische Grundlagen der Währungspolitik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 85, Iss. 1, pp. 1-48, https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291070 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die währungspolitischen Zielsetzungen Währungspolitik ist heute ein System von öffentlich-rechtlichen Maßnahmen, durch deren Einsatz bestimmte Ziele innerhalb oder außerhalb der Volkswirtschaft eines modernen Staates erreicht werden sollen. Währungspolitik in modernem Sinne ist daher in erster Linie staatliche Währungspolitik, und nur in den „staatsfreien" Sachbereichen vermag die Währungspolitik privater Institutionen — z. B. der Geschäftsbanken und sonstiger Finanzinstitute — heute noch autonome Funktionen zu übernehmen. Das war nicht immer so; im klassischen Altertum gab es noch kein „geschlossenes Währungsgebiet46 und demzufolge auch keine Trennung zwischen dem inneren und dem äußeren Wirkungsbereiche der Währung. Aus historischen Gründen traf die Entstehung der modernen Währungsgebiete mit jener der europäischen Nationalstaaten zusammen — und aus diesen Gründen setzen historisch weniger interessierte Autoren den inneren und den äußeren Wirkungsbereich der Währungspolitik einfach wesensgleich mit „nationaler"1 bzw. „internationaler"2 Währungspolitik. Diese Einteilung scheint mir jedoch gerade modernen Maßstäben und Gesichtspunkten nicht mehr zu genügen: Wie es heute schon in der EWG eine „innere" (aber keine nationale!) und eine „äußere" Zollpolitik gibt — so kann es eines Tages innerhalb einer Europäischen Währungsgemeinschaft eine gemeinsame Währungspolitik aller europäischen Nationalstaaten innerhalb und außerhalb des „geschlossenen Währungsgebietes Europa" geben — was für ein Sinn wände in diesem Falle der Unterscheidung zwischen „nationaler" und „internationaler" Währungspolitik überhaupt noch zukommen? 1 Helmut Lipfert: Einführung in die Währungspolitik, München 1964. S. 86. 2 H. Lipfert: a.a.O. S. 212 f. I Schmollers Jahrbuch 85,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 2 Otto Kraus Die Währungspolitik ist eben schon ein gutes Jahrtausend älter als es die europäischen Nationalstaaten sind: ihre Zielsetzungen reichen schon bis in das sechste Jahrhundert v. Chr. zurück — so etwa die Kursstabilisierungspolitik des persischen Großkönigs Darius I. (521— 486) oder die ägyptische Währungsstabilisierumg um 212/210 v. Chr. Die Münzreform Solons um 594 v. Chr. war wohl die erste währungspolitische Maßnahme der Weltgeschichte. Es wäre ein seltsamer Zufall, wenn man in einer Welt, in der es so viele Wiederholungen gibt, aus der mehr als zweieinhalbtausendjährigen Geschichte der Währungspolitik nichts lernen könnte. I. Die Ziele der inneren Währungspolitik Im klassischen Altertum gab es — mit vereinzelten Ausnahmen — noch keine räumliche Trennung zwischen der inneren und der äußeren Währungspolitik. Nur in den frühantiken Großreichen in Vorderasien und im spätantiken Ägypten gab es so etwas wie ein staatliches Währungsgebiet, dessen territorialer Umfang über den hellenischen Stadtstaat hinausging. Immerhin war die Stabilisierungspolitik der persischen Krone im sechsten vorchristlichen Jahrhundert nicht auf das Verhältnis zwischen Binnenwährung und Außenwährung gerichtet, sondern sie betraf das Wechselkursverhältnis zwischen den beiden metallischen Grundlagen der persischen Staatswährung — sie ist der erste historische Versuch zur Errichtung einer echten Doppelwährung — das erste währungspolitische Experiment im Zeitalter des Bimetallismus also. Eindeutig dem inneren Wirkungsbereiche der Währungspolitik hingegen diente die Währungsreform unter dem Könige Ptolemaios IV. („Philopator") von Ägypten in den Jahren 212 bis 210; durch den Übergang zu einer reinen Kupferwährung (nach römischem Vorbild) sollte der offenen Preisinflation ein Ende gesetzt werden3. Es handelt sich also um die erste Preisstabilisierung in der alten afro-eurasischen Kulturwelt vor mehr als 2000 Jahren; das zweite Preisstabilisierungsexperiment wurde rund ein halbes Jahrtausend später im spätantiken Imperium Romanum durch das Preisedikt Kaiser Diocletians im Jahre 301 unternommen — aber schon nach dem Tode dieses Herrschers im Jahre 305 wieder aufgegeben. Aber die staatlichen Machtmittel des römischen Verwaltungsapparates genügten nicht, um eine Geldinflation „zurückzustauen"; man konnte wohl die Preise „überwachen" — nicht jedoch Produktion und 3 Vgl. Fritz M. Heichelheim: Wirtschaftsgeschichte des Altertums. Leiden 1938. S. 450. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 3 Verteilung der Handelswaren lückenlos kontrollieren; erst im Jahre 1911 entdeckte der Amerikaner Irving Fisher das sog. „Handelsvolumen" als einen Bestimmungsfaktor des „allgemeinen Preisniveaus44. Immerhin wurde der Einfluß der Währungspolitik auf den inneren Geldwert schon sehr früh erkannt und in der geldtheoretischen Literatur seit 400 Jahren mit zunehmender Sachkenntnis diskutiert. Der währungspolitische Einfluß auf Konjunktur und Beschäftigung hingegen wurde erst durch Sismondi4 (1819) und Malthus5 (1821) entdeckt — aber es sollten noch mehr als 12 Dekaden vergehen, bis das wirtschaftspolitische Postulat der Vollbeschäftigung zur Devise der modernen Währungspolitik auf nationaler und schließlich auch auf internationaler Ebene erhoben wurde; ein konjunkturpolitisches Ziel, das auf die Dauer nur durch eine sinnvolle Koordination von innerer und äußerer Währungspolitik erreicht werden kann. 2. Die Ziele der äußeren Währungspolitik Die neoliberale Konzeption der äußeren Währungspolitik geht bis auf die alte Nivellierungstheorie von David Hume (1752), Henry Thornton (1802) und David Ricardo zurück. Von allen mir bekannt gewordenen Interpretationen der Ricardoianischen Theorie dürfte die von L. Albert Hahn6 wohl die zutreffendste sein: „Die Einlösbarkeit der Noten in Gold aber ist deshalb erforderlich, weil durch sie diejenige Regulierung der Quantität des Geldes herbeigeführt wird, die die Gleichschaltung des Geldwertes im Innern mit dem Geldwert im Ausland verbürgt." Aber selbst Ricardo konnte keinen Grund dafür angeben, aus welchem die von ihm geforderte „Gleichschaltung des Geldwertes im Innern mit dem Geldwert im Ausland64 für die einem solchen Geldwertverbundsystem angehörenden Länder unter allen Umständen vorteilhaft sein sollte. Hatte er die internationale Preisinflation des 16. und 17. Jahrhunderts schon vergessen — oder wußte dieser britische Bankier und Politiker in historischen Dingen ganz einfach nicht Bescheid? Umfaßte der geschichtslose Blick Ricardos etwa nur die zeitgenössische Diskussion um die Wiedereinführung der Edelmetallwährung in den Jahren der napoleonischen Kriege, die durch den hohen Preis der Goldbarren in den Jahren 1809 unid 1810 ausgelöst worden war? 4 Simonde de Sismondi: Nouveaux Principes d'economie politique ou de la richesse dans ses rapports a la population. 1819. 5 Brief von Malthus an Ricardo vom 16. Juli 1821. Abgedruckt in: Piero Sraffa (Hrsg.): The Works and Correspondence of David Ricardo. Vol. IX. Cambridge 1952. S. 18 ff. 6 L. Albert Hahn: Geld und Kredit. Frankfurt 1960. S. 97. 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 4 Otto Kraus Aus welchem Grunde aber ist Ricardo für einen festen Goldpreis eingetreten? Wohl nicht aus denselben Gründen, welche die späteren Protagonisten des Goldstandard-Systems so wortreich ins Feld geführt haben. Sondern ganz einfach deshalb, weil er der Ansicht war, daß sich durch einen festen Goldverkaufspreis der zentralen Notenbank ein Goldagio und mithin eine „Entwertung der Banknoten" für alle Zukunft vermeiden lassen würde. Jedenfalls nicht deshalb, weil er ein Anhänger der Zahlungsbilanztheorie oder der Kaufkrafttheorie des Geldwertes gewesen wäre; zum letzteren hat ihn erst Gustav Cassel gemacht — wie denn auch die Neoliberalen aus der Theorie von Ricardo alles das herausgelesen haben, was -ihren politischen Interessen dienlich sein konnte. Die Stabilisierung der intervalutarischeii Kursrelationen hingegen konnte Ricardo aus dem einfachen Grunde noch nicht verteidigen, weil es zu seiner Zeit noch gar keinen internationalen Goldstandard gegeben hat. Das internationale Goldwährungssystem ist bekanntlich nicht früher als im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden. Zu Ricardos Zeiten stand erst die Einführung der Goldwährung auf der britischen Insel zur Debatte. Andererseits war Ricardo, obwohl Bankier, keineswegs ein Anhänger des Goldfetisdiismus im Stile seiner späten Epigonen Melchior Palyi7 und Michael A. Heilperin8. Diese letztgenannten Autoren sind typische Vertreter einer neomerkantilistischen Währungspolitik, für die das Gold immer noch den wahren Reichtum der Nationen zu bedeuten scheint und die den Aktivsaldo der Warenhandelsund Leistungsbilanz dann als einen Gewinn für das Handelsunternehmen „nationale Volkswirtschaft" betrachten, wenn er mit barem Golde bezahlt wird. Von den wissenschaftlichen Advokaten der Exportindustrie wird eine solche Betrachtungsweise, wenn auch nicht geteilt, so doch wohlwollend toleriert. Das moderne währungspolitische Ziel der nationalen Exportindustrien hingegen ist die Stabilität der intervalutarischen Kursrelationen: Hier scheiden sich die Ansichten der wissenschaftlichen Industriesyndici und die der wissenschaftlichen Volkswirte am schärfsten. II. Geld und Währung Fiir den modernen Warenexporteur ist ja nicht die Form der Bezahlung, sondern allein die Höhe des Erlöses von wirklicher Bedeutung. Und die moderne Form der Bezahlung im internationalen Han7 Vgl. Melchior Palyi: Währungen am Scheideweg. Deutsche Ausgabe. Frankfurt 1960. 8 Vgl. Michael A. Heilperin: Zurück zum Goldstandard. In: Inflation und Währungsordnung. Erlenbach-Zürich und Stuttgart 1963. S. 47 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 5 delsverkehr ist niun einmal schon seit Jahrzehnten nicht mehr das Gold, sondern die Giralgeldüberweisung — auch „Devise" genannt. Der alte Metallismus hat seine Rolle sowohl in der Geldtheorie als im internationalen Zahlungsverkehr ausgespielt. „Geld ist nicht ein materieller Gegenstand, sondern es ist eine funktionelle Integration, die in ihrem Zusammenspiel eine bestimmte Ordnung des Wirtschaftslebens ermöglicht9." Gewiß ist das prähistorische und das antike Warengeld in erster Linie ein bevorzugtes Tauschgut gewesen — während Münzen vorwiegend und Banknoten ausschließlich als Zahlungsmittel dien(t)en. Der Begriff Integration setzt andererseits voraus, daß es mehrere Funktionen des Geldes und/oder auch der Währung gibt. Historisch ist die multilaterale Zahlung erst viel später entstanden als der bilaterale Tausch — wenngleich die theoretische Zerlegung des direkten Tauschgeschäftes in die „indirekten Vorgänge von Kauf und Verkauf" vielleicht eine allzu abstrakte Betrachtungsweise impliziert. Indessen umfaßt die Zahlungsmittelfunktion des Geldes auch einseitige Leistungen, Opferund Sühnegelder wie Steuerzahlungen. Von entscheidender Bedeutung für das Wirtschaftsleben ist jedoch die Entwicklung des Geldes zum allgemeinen Maßstab für alle wirtschaftlichen Werte geworden — zum „Generalnenner am Markte" in katallaktischer Sicht also. Jedes Tauschigut, welches als Zahlungsmittel an den Märkten Verwendung findet, ist auch Geld im allgemeinen Sinne dieses Begriffes; wo es jedoch verschiedene Arten und Formen des Geldes gibt — wie z. B. in den Anfängen des Münzwesens —, da kann nur eine derselben als generelles Wertmaß oder als „Generalnenner am Markte" fungieren, worauf Heinrich Rittershausen mit Bezugnahme auf eine Stelle bei Walter Euchen10 besonders hingewiesen hat11. Nur diese Geldart bildet die Grundlage für das monetäre Wertrechnungssystem in einem bestimmten Wirtsduaftsraum und kann demzufolge auch als Währung bezeichnet werden. In einer Zeit, da die metallene Münze die einzige Form12 des allgemeinen Zahlungsmittels gewesen ist, konnte auch das „Währungsgeld" nur aus Metall — und zwar aus Edelmetall — bestehen. Allerdings hat es schon sehr früh auch den Unterschied zwischen dem aus Edelmetall geprägten 9 Otto Kraus: Währungspolitik und Konjunktur. In: DAG-Hefte für Wirtschafts-, Sozialund Kulturpolitik, 2. Jg. Nr. 1. Januar 1963. S. 7. 10 Walter Eudzen: Die Grundlagen der Nationalökonomie. Jena 1940. S. 134. 11 Heinrich Rittershausen: Bankpolitik, Frankfurt 1956. S. 57 f. 12 Die in dieser Abhandlung vertretene Abgrenzung des Unterschiedes zwischen den Arten und Formen des Geldes stimmt nicht überein mit den Definitionen, die Albrecht Forstmann in seinem Werk: Geld und Kredit (1. Aufl. Göttingen 1952. S. 78—111 sowie S. 112—121) diesen Begriffen gegeben hat. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 6 Otto Kraus „Währungsgeld" und den aus weniger wertvollen Metallen ausgeprägten „Scheidemünzen" gegeben. Wodurch unterschieden sich nun die Arten des Geldes12 im Zeitalter des „Miinizkapitalismus" — als es nur eine Form des allgemeinen Zahlungsmittels gegeben hat — eben das Metallgeld? Sie konnten sich außer durch ihre Benennung offenbar nur durch Gewicht und Feingehalt voneinander unterscheiden. In den nahezu zweieinhalb Jahrtausenden des europäischen „Münzkapitalismius" — vom siebenten vorchristlichen bis zum siebzehnten nachchristlichen Jahrhundert — waren „Schrot und Korn6613 für die Metallwährungen bestimmend, und das entscheidende währumgspolitische Kriterium wurde durch das Maßunid Gewichtssystem festgelegt14. Von grundsätzlicher Bedeutung ist jedoch die begriffliche Unterscheidung der Zahlunigsmittelfunktion und der Wertmesserfunktion des Geldes, deren Integration zwar möglich und zweckmäßig, aber nicht unbedingt erforderlich ist, um eine Währungsorrframg zu konstituieren. Dieser Sachverhalt wird auch bestätigt durch die folgenden Ausführungen von Walter Euchen: „Doch auch diejenigen irren, die meinen, Geld sei zwar in erster Linie Tauschmittel, regelmäßig übe es aber auch die Funktion als Wertmaß oder Recheneinheit aus. Die Geschichte zeigt, daß in verschiedenen Kulturkreisen und in sehr vielen Jahrhunderten die Spaltung beider Funktionen üblich war, daß ßidi Spaltung und Vereinigung geschichtlich die Waage halten oder sogar die Spaltung überwiegt. Ebensowenig trifft es zu, daß die Spaltung nur eine Sache der Vergangenheit wäre. — Diesen geschichtlichen Tatbestand muß die Nationalökonomie deutlich zum Ausdruck bringen. Sie hat zwei reine Hauptformen der Geldwirtschaft zu unterscheiden: die eine Hauptform, in welcher das Geld auch als Recheneinheit benutzt wird, und die zweite Hauptform, in welcher Geld und Recheneinheit getrennte Größen sind15." Daß die beiden Kardinalfunktionen des Geldes — Geld als Zahlungsmittel und Geld als Wertmesser — in ein und derselben Geldiart integriert sind, darf also keineswegs für selbstverständlich gehalten werden. Wodurch aber kann es zu einer funktionalen Desintegration kommen? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir die räumliche und die zeitliche Desintegration unterscheiden. Wo die räumliche Ausbreitung des Geldes von seinen Ausgabeorten (z. B. Miinzprägestätten) aus durch den Handel erfolgt, werden sich verschiedene Geldsorten an den Kreuzungen der Handelswege und in den Handelszentren begegnen. Jede Geldart kann an verschiedenen Orten als Zahlungsmittel fungieren — allgemeines Wertmaß an dem13 Zur Begriffsbestimmung von „Schrot und Korn" vgl. Otto Veit: Grundriß der Währungspolitik. Frankfurt 1961. S. 80. 14 Vgl. auch Kraus: a.a.O. S. 7: „Denn als ,Generalnenner am Markte4 kann der Geldstoff nicht mehr nur die beliebteste Handelsware 9ein, sondern ein Maßstab, dessen Skala selbst den Tauschwertschwankungen des Marktes entzogen ist." 15 Euchen: a.a.O. S. 134. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 7 selben Orte kann nur eine einzige Geldart sein. Alle Orte, an welchen ein und dasselbe Geld als Wertmesser fungiert, bilden zusammen den Währungsbereich dieses Geldes; — das demzufolge innerhalb des genannten Bereiches als „Währungsgeld" bezeichnet werden kann. Außerhalb seines Währungsgebietes kann dasselbe Geld nur als Zahlungsmittel fungieren, wo es auf Grund seines Tauschwertes angenommen wird; und diesen Tauschwert hatten die Goldund Silbermünzen in allen Ländern, in welchen das Währumgsgeld ebenfalls aus Edelmetall bestand. Auch Münzen verschiedener Herkunft und Prägung wurden wie Handelswaren gegeneinander ausgetauscht — und die Tauschverhältnisse oder Wechselkurse zwischen den Münzen aus demselben Edelmetall wurden ausschließlich durch ihren Goldoder Silbergehalt bestimmt. Bei gleichbleibendem Feingehalt kann sich das Wertverhältnis einer Goldmünze bestimmter Prägung zu anderen Goldmünzen nur mit dem Münzfuß ändern, die Wechselkurse sind also an die Metallgewichtsverhältnisse gebunden; dasselbe ist bei den Wechselkursen zwischen Silbermünzen der Fall. Somit gab es unter den metallischen Zahlungsmitteln eine unmittelbare Wertverbundenheit, die nicht durch die monetäre Zirkulation entstanden war, sondern auf einer gemeinsamen Stoffqualität der Geldzeichen beruhte. Zwischen 675 und 440 v. Chr. wurde noch Elektrongeld ausgeprägt — nicht viel später aber begann die Ausprägung von reinen Goldund Silbermiinzen; es begann die Geschichte zweier Währungssysteme und eines währungspolitischen Dualismus, der erst zweieinhalb Jahrtausende später definitiv entschieden werden sollte. Die Eigenwertbeweigung der Geldstoffe hatte so lange keine unüberwindlichen Schwierigkeiten zur Folge, als die Währungsbereiche noch offen waren — d. h. als die Wertmesser-Funktion aus dem freien Handelsverkehr entstand und nicht durch politische Intervention erzwungen wurde. Der offene Währungsbereich hat keine festen Grenzen, und es gibt daher auch keinen Unterschied zwischen innerem und äußerem Geldwert — sondern nur zwischen dem Wert des Währungsgeldes und jenem der anderen Zahlungsmittel. Andererseits ist bei diesem Stande der Dinge auch noch keine Währungsordnung möglich. Eine Währungsordnumg setzt stabile Wertverhältnisse oder Umtauschrelationen zwischen der Einheit des Währungsgeldes — der Währungseinheit — und den Einheiten aller im Währungsbereiche zirkulierenden Zahlungsmittel voraus. Eine solche Konstanz oder Stabilität der Wechselkurse ist aber beim Edelmetallgeld nur dann möglich, wenn entweder alle Münzen aus demselben Metall bestehen oder wenn die aus einem anderen Metall bestehenden Münzen kein Währungsfeld sind. In allen anderen Fällen besteht immer die GeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 8 Otto Kraus fahr, daß sich Schwankungen im Wertverhältnis zwischen den Edelmetallen auf die aus diesen geprägten Münzen auswirken und die Währungsordnung zerstören. Diese Ordnung ist ein Geschöpf des Staates, der sich schon in frühester Zeit des Geldwesens bemächtigt hat. Bereits um 550 wurden unter König Kroisos von Lydien Silbermünzen mit Bild geprägt; in Athen führte der Tyrann Peisistratos um 542 eine Staatsmünze aus Gold mit dem Bilde der Pallas Athene und ihrer Eule ein, während die hellenischen Münzen im allgemeinen aus Silber geschlagen wurden. Als erste währungspolitische Maßnahme der Geschichte hingegen kann die „Abwertung46 der Silberdrachme angesehen werden, die Athens Staatsmann Solon im Jahre 594 durchgeführt hat; er ließ die Drachme nach einem neuen Münzfuß ausprägen, der ein geringeres Münzgrundgewicht als das äginatische Talent (mit 73 kg) hatte; als neues Münzgrundgewicht wurde durch die Reform von 594 das attische Silbertalent von 26 kg (26 196,3 g) eingeführt und aus diesem 6 000 Drachmen (= 60 Minen) ausgemünzt; somit sank das Gewicht der Silberdrachme von 6,2 auf 4,4 g. Unter dem persischen Großkönig Darius I. (521—586) aber wurde schon eine staatliche Währungspolitik betrieben mit dem Ziele, durch Unterbewertung des Silbers einen Gewinn für die Krone zu erzielen. Nachdem die Technik bis zur Ausprägung von reinen Goldmünzen und reinen Silbermünzen fortgeschritten war, gab es parallele Goldwährungen und Silberwährunjgen. Zwischen Münzen gleicher Qualität, d. h. aus demselben Edelmetall und derselben Feinheit, besteht ein natürliches Wertverhältnis, und die Wechselkurse zwischen solchen Münzen fallen mit ihren Gewichtsverhältnissen zusammen. Eine Goldwährung entsteht durch die Bestimmung des Goldgehaltes der Währungseinheit — man nennt diese Relation auch den „ GoldStandard", weil sie das Wertverhältnis der Währungseinheit zu der Einheit jeder anderen Währung angibt, die nach demselben Prinzip an das Gold gebunden ist. Alle durch feste Wertbeziehungen an das Gold gebundenen Valuten bilden zusammen ein intervalutarisehes Festwertsystem, ein System von stabilen Wechselkursen; und solange der Goldstandard jeder einzelnen Währung konstant bleibt, können sich auch die Kurse nicht verändern. Auch in einem System von reinen Silberwährungen kann theoretisch dieselbe Wertstabilität erreicht werden; trotz der relativen Wertbeständigkeit des Silbers in dieser Zeit war jedoch die Wechselkurspolitik kein Grund für die Einführung der europäischen Silberwährung, die im Anfang des 7. Jahrhunderts unter den Merovingiern begann und von Karl dem Großen (768—814) «geordnet wurde. Aus einem (römischen) Pfund von OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 15 der Bank von England) um mehr als die Hälfte gefallen — auf 1 086 170 £ im Februar 1797, während der Notenumlauf auf 9 674 780 £ und die Depositen auf 4 891 530 £ angewachsen waren18. Infolgedessen wurde durch den Parlamentsbeschluß vom 3. Mai 1797 (Bank Restriction Act) die Bareinlösung der Banknoten suspendiert; außerdem erhielten die Noten der Bank von England einen gesetzlichen Zwaingskjurs, zu dem sie bei allen Zahlungen angenommen werden mußten. 2. Zirkulationswert und Stoffwert des Geldes „Die Banknoten wurden dadurch zwar definitives Geld, doch scheute man davor zurück, sie auch zum obligatorischen Geld zu erklären19." Vom Mai 1797 bis zum Mai 1821 war die englische Währung eine reine Papierwährung, und infolge der Vermehrung des Banknotenumlaufes gegen 1808 stiegen die Preise mehr und mehr an, und der Wechselkurs sank. „Unter der Blockade (Berliner Edikt von 1806 und Dekret von Mailand 1807) litt die britische Ausfuhr: So wurde die britische Leistungsbilanz durch Einfuhrüberschüsse und die an die Koalitionsstaaten geleisteten Subsidien passiv. Darunter mußte der intervalutarisdie Kurs des Pfundes um so mehr leiden, als man in Hamburg Wechsel auf England nicht mehr zu ziehen wagte. Im Februar 1811 stand der Wechselkurs für französische Livres auf 17 Livres 16 Cent; während die Münzparität zwischen London und Paris ] Pfund = 25 Livres war20." „Von 77 Shilling und 10,5 Pence steigt die Goldunze auf 90 Shilling im Jahre 1809. Das Pfund wertet nur noch 107 Gran Gold gegen die früheren 123,2521. Im Jahre 1814 betrug das Disagio der Noten gegenüber dem Gold 25 Prozent22." Wenn die einlösbare Banknote noch als eine Art Statthalter von „echtem" Edelmetallgeld — als sog. „Geldsurrogat" — betrachtet werden konnte, so war dies beim uneinlösbaren Papiergeld offensichtlich nicht mehr der Fall. Der Wert von einlösbaren Banknoten kann noch vom Stoffwerte jener Edelmetalle abgeleitet sein, deren Stellvertreter die Banknote ist— beim uneinlösbaren Papiergeld hingegen kann eine solche Verbindung nicht mehr angenommen werden. Zweifellos haben >die großen Banknoteninflationen des 18. Jahrhunderts — die amerikanische zwischen 1775 und 1780, die französische Assignateninflation von 1790 bis 1796 — erheblich zum Verständnis der alten Quantitätstheorie beigetragen; denn diese Theorie war der erste Versuch, den Zirkulationswert des Geldes zu erklären — und das uneinlösbare Papiergeld hatte keinen anderen. Es ist aber 18 Wilhelm Andreae: Geld und Geldschöpfung. Wien 1953. S. 167. 19 0. Veit: a.a.O. S. 365. 20 Andreae: a.a.O. S. 167. 21 Charles Bist: Geschichte der Geldund Kredittheorien von John Law bis heute. Bern 1947. S. 129. 22 Andreae: a.a.O. S. 168. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 16 Otto Kraus auch verständlich, daß gerade die Inflatdonserfahrungen der Stoffwerttheorie einen neuen Auftrieb geben mußten. Niemand wird bezweifeln, daß Gold und Silber auch in gemünzter Form einen Stoffwert haben, der nicht unter dem Wert derselbe» Metalle in Barrenform liegen kann. Den Zusammenhang zwischen Zirkulationswert und Stoffwert des metallischen Währungsgeldes muß man sich nun in der Weise vorstellen, daß die monetäre Verwendung den Edelmetallen gleichsam den allgemeinsten Markt erschlossen hat, den ein wirtschaftliches Gut überhaupt haben kann: Tritt doch das Metallgeld allen anderen Gütern an deren Märkten kaufend gegenüber, so daß die „Geldware" gleichsam zur generellen Tauschware schlechthin avanciert. Demzufolge stellt der Zirkulationswert den allgemeinen Tauschwert oder die Kaufkraft des metallischen Geldes dar; welcher Art ist nun die Beziehung zwischen dem monetären Zirkulationswert und dem Stoff wert der Edelmetalle? Noch im Jahre 1829 vertrat Senior in seinen Vorlesungen die Theorie der Grenzproduktionskosten als Bestimmung&gTund für den Stoffwert des Metallgeldes und erklärte damit, ebenso wie Ricardo, den Wert der Währung>smetalle nicht anders als den Wert aller anderen Handelswaren. Wenn diese Erklärung zutreffen würde, so müßte sie ebenso wie die ganze Grenzko6tentheorie dem prinzipiellen Einwände Gustav Cassels ausgesetzt sein, demzufolge Wert und Grenzkosten eine „symmetrische" Stellung einnehmen — m. a. W. daß die Beziehung zwischen Wert und Grenzkosten umkehrbar ist. Und in der Tat sind ja die Grenzkosten der Produkttion außer von den technischen Bedingungen auch von den ausgebrachten Produktmengen und diese wiederum von der Nachfrage an den Absatzmärkten und d. h. von dem an diesen Märkten erzielbaren Verkaufspreise abhängig. Man geht also nicht fehl, wenn man den Zirkulationswert als die unabhängige, den Stoffwert hingegen nur als die abhängige Variable in der Bestimmungsfunktion des Metallgeldwertes betrachtet. 3. Binnenwert und Außenwert der Währung Der Wert einer Handelsware bestimmt sich nach ihrem Marktpreis in Geldeinheiten — der Wert des Geldes hingegen nach seiner Kaufkraft -auf allen Märkten, an welchen das Geld umläuft. Während jedoch die internationalen Handelsmünzen aus Gold seit dem 13. Jahrhundert in ganz Europa von Land zu Land unbehindert zirkulieren konnten, waren die englischen Banknoten und das französische Staatspapiergeld von vornherein auf die nationalen Währungsgebiete (vgl. oben) beschränkt. Erst seit dem Weltkrieg von 1914/18 verschwand das internationale Währungsgeld definitiv aus dem nationalen GeldOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 17 umlauf in den europäischen Staaten, und es ergab sich jene Trennung zwischen dem inneren und dem äußeren Wertbereiche der Währungen, die den von David Hume (1740, 1752) und von Henry Thornton (1802) beschriebenen „Goldautomatismusi; außer Funktion setzen und den internationalen Wertausgleich des Geldes auf eine neue Basis stellen sollte. Beiide Autoren dachten noch durchaus im Sinne der naiven Quantitätstheorie eine« Jean Bodin (1568) und Bernardo Davanzati (1588). Interessant ist bei dem von Hume an erster Stelle gewählten Beispiel der Ausgang von einer deflatorischen Situation im Inlande; im Gegensatz zium infl-atorischen Preisauftrieb durch das ganze 16. Jahrhundert hindurch war das achtzehnte ein Jahrhundert prekärer Geldknappheit — der Knappheit an Metallgeld (Bargeld) jedenfalls. Aus dieser historischen Situation erklären sich die folgenden Auslassungen: „Nehmen wir an, vier Fünftel des englischen Bargeldes würden in einer Nacht verschwinden. Das Land würde in die Zustände zurückfallen, die unter den Königen Henry und Eduard herrschend waren. Was würden die Folgen sein? Müßte nicht der Preis der Güter und Waren im selben Verhältnis fallen und müßte nicht jede Ware ebenso billig verkauft werden wie in jenen alten Zeiten? Welches Land könnte dann mit uns auf fremden Märkten konkurrieren? Könnte es wagen, seine fabrizierten Waren zu einem Preise zu verschiffen und zu verkaufen, der uns einen genügenden Nutzen lassen würde? Müßte ein solcher Zustand nach einem kurzen Zeitverlauf nicht wieder das Geld ins Land bringen, das wir angenommenen Falles verloren hätten? Müßte er uns nicht bald wieder auf das gleiche Niveau mit den Nachbarländern bringen? Wenn dieses Niveau wieder erreicht wäre, dann würden wir den Vorteil besonderer Billigkeit unserer Dienste und Waren wieder verlieren und der weitere Zufluß von Geld würde gerade durch unseren Reichtum verhindert23." Die naive Annahme einer direkten Proportionalität zwischen dem gesamten Geldvorrat eines Landes und dem Stande der Warenpreise in diesem Lande teilte auch Humes französischer Zeitgenosse Montesquieu in seinem Werke «De l'esprit des Lois» (1748); in dieser Vorstellungswelt kann eine Nivellierung der nationalen Geldvorräte verschiedener Staaten wie ein Ausgleich von Wasserstandshöhen in einem System von kommunizierenden Röhren erfolgen. Allerdings verglich Montesquieu (wie später auch Thornton) bereits die Edelmetallmengen ¡mit den Warenmengen; in diesem Sinne war Hume noch naiver als die Quiantitätstheorie. In seinem berühmten Werk „An Enquiry into the Nature and Effects of the Paper Credit of Great Britain" von 1802 gab Henry Thornton (die folgende Darstellung über die Wirkungsweise des „Geldmeng en-Preis-Mechanismus" a/uf die Außenhandelsbilanz: 23 Henry Thornton: An Enquiry into the Nature and Effects of the Paper Credit of Great Britain, London 1802. S. 311. Zitiert nadi Rist: a.a.O. S. 97. 2 Schmollers Jahrbuch 85,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 18 Otto Kraus „Das Prinzip, . . . das ich über diesen Gegenstand entwickeln möchte, ist nach meinem Dafürhalten einfach und verständlich und ist anwendbar auf alle Zeiten und alle Arten von Umlaufsmitteln, die in Gebrauch sein mögen. Wenn in einem Lande nur Metallgeld zirkuliert und durch irgendwelche Zufälle die Geldmenge in diesem Lande im Verhältnis zur Warenmenge größer wird als in anderen Ländern, so möchte ich begreilich machen, daß das Geld in diesem Lande im Vergleich zu den Waren billig oder anders ausgedrückt, die Waren im Verhältnis zum Geld teurer werden. Daraus entsteht ein Gewinn hei der Ausfuhr von Gold und Silber, der jedoch bald infolge dieser Ausfuhren wieder verschwindet. In einem Lande, in dem Papiergeld und Metallgeld zugleich im Umlauf sind, und beide zugleich über Bedarf vermehrt werden, wird sich die gleiche Wirkung einstellen. Es wird vorteilhaft werden, das Metallgeld zu exportieren, und daher wird solch ein Export einsetzen. Drittens möchte ich bemerken, daß in einem Lande, wo nur Papiergeld im Umlauf ist und dieses Papiergeld im Übermaß ausgegeben wird unter der Voraussetzung, daß der Kredit der Emissionsbanken unerschüttert bleibt, dieses Papiergeld im Verhältnis zu seinem Überfluß an Wert verlieren muß. Anders gesagt, die Güter werden im Preise steigen und es wird sich zwangsweise durch Erhöhung der Wechselkurse eine Prämie auf den Export ergeben, die den Export ebenso erleichtern würde wie in den beiden ersteren Fällen angenommen ist und auch im gleichen Maße, wie in diesen Fällen wirksam sein würde. Es wird somit augenscheinlich, daß der Zufluß und Abfluß von Gold nicht . . . ausschließlich von der Handelsbilanz abhängt. Sie hängen auch von der Menge der ausgegebenen Umlaufsmittel ab, wobei ich freilich zugeben will, daß sie von der Handelsbilanz in der Weise abhängig sind, in welcher diese selber von der Menge der ausgegebenen Umlaufsmittel beeinflußt wird24." Schon David Hume kannte die Bedeutung der Wechselkurse für den Ausgleich der Handelsund Zahlungsbilanz; er schrieb 1752 in seinen „Political Discourses" (Anmerkung auf S. 44 der deutschen Übersetzung von 1877 nach der Londoner Gesamtausgabe von 1875): „Wenn wir mehr Güter einführen, als wir ausführen, so wird der Wechselkurs für uns ungünstig, und das gibt der Ausfuhr neuen Mut." In der Zeit der Bankrestriktion indessen war der auswärtige Wechselkurs der einzige freie Marktindex, an dem die Reaktion des Auslandes auf die Geldentwertung im England abgelesen werden konnte. Zwischen 1802 und 1808 war der Notenumlauf in England um etwa 13 Millionen £ jährlich angestiegen, und die Indexziffer der Großhandelspreise stieg von 120 im Jahre 1792 auf 203 im Jahre 1808 und 220 im Jahre 1810. Aber die Grundsatzentscheidungen der englischen Währungsgeschichte wurden letztlich durch außenpolitische Ereignisse herbeigeführt. Nach dem Sturz Napoleons und dem Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 kam es zum Zusammenbruch der Kriegskonjunktur und zur schweren Krise von 1815, die das englische Preisniveau um etwa 20% sinken ließ. Aber auch das Ende der Kontinentalsperre eröffnete dem britischen Warenexport neue Wege nach Europa. Infolgedessen nahm der Aktivsaldo der englischen Handels24 Thornton: a.a.O. S. 277. Zitiert nach Rist: a.a.O. S. 98. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 19 bilanz zu, und das Gold strömte von Europa nach England. Von seinem Tiefstand mit 2 bis 3 Millionen £ um 1814/15 nahm der Goldvorrat der Bank von England laufend zu; er erhöhte sich auf 4,6 Millionen Ende Februar und auf 7,6 Millionen £ Ende August 1816. Dieser Umstand mag den Übergang Englands zur reinen Goldwährung durch das Gesetz von 1816 erleichtert haben. Praktische Bedeutung erhielt die britische Goldwährung erst durch die Wiedereinführung der Goldeinlösung am 1. Mai 1821. Die Notenemission der Bank von England erreichte ihren Höchstbetrag im Jahre 1817. Während jedoch die öffentlichen Kassen angewiesen waren, diese Banknoten bei allen Einzahlungen in unbeschränkter Höhe entgegenzunehmen, blieben die Noten der Bank von England im privaten Verkehr bis 1833 nur ein fakultatives Zahlungsmittel, das dem Gläubiger nicht aufgedrängt werden konnte. Von entscheidender Bedeutung war jedoch die Entwicklung des auswärtigen Wechselkurses. Obwohl der englische Großhandelspreisindex im Jahre 1814 auf den Stand des Jahres 1801 zurückgefallen und niedriger als der amerikanische (allerdings doppelt so hoch wie der deutsche) war — trotzdem also mußte in diesem Jahre (1814) ein Goldagio von 25 ^/o in Pfiunidnoten der Bank von England bezahlt werde<n. „Wodurch ist das Pfund 1819 wieder auf Pari gekommen? Durch eine Verminderung des Notenumlaufes? Mit nichten! Vielmehr einfach durch eine Erhöhung der Wechselkurse, die nach Kriegsende das Gold aus dem Ausland zur Bank von England zurückgebracht haben. Was aber hat die Bank von England getan, um Gold einzuziehen und ihre Noten wertvoller zu machen? Nichts. Sie ist, wie ihre Direktoren eingeräumt haben, ,rein passiv4 geblieben. Dies wird erwiesen durch das nachstehende Zitat aus den Erklärungen eines der Direktoren, namens Pearse, im Unterhaus von 1822 . . . Pearse sagte: ,M. Ricardo hat die Bank des Irrtums und der Indiskretion wegen der zu großen Ausdehnung ihrer Goldankäufe beschuldigt, die infolge des Acts von 1819 erfolgten. In Wahrheit ist die Bank völlig passiv geblieben. Sie hat nur das von den Kaufleuten angebotene Gold erworbent25." 4. Der Sieg der Goldwährung in England Zu der Zeit, da in England die Entscheidung für eine einzige metallische Währungsgrundlage fiel, gab es dort nur Papiergeldumlauf mit Zwangskurs der Banknoten im Inlanide, dagegen frei schwankende Wechselkurse im ausländischen Handelsund Zahlungsverkehr. Nach Jahrhunderten voll unbefriedigender Erfahrungen mit dem Bimetallismus konnte man wohl die theoretische Erkenntnis gewinnen, daß eine einheitliche Wäihrungsordnung nur auf einer einzigen Metallbasis errichtet werden kann. 25 C. Rist: a.a.O. S. 167. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 20 Otto Kraus Obwohl nun Frankreich als erstes Land Europas schon im Hochmittelalter zu einem einheitlichen Währungsgebiet mit einer zentralistischen Münizordnung geworden ist, war jedoch die Überwindung des Bimietallismus und der erste Schritt zum weltweiten Goldwährungssystem «des 19. und 20. Jahrhunderts kein Ergebnis der französischen Währungspolitik. Aber in England hatte es keine so radikale Entwertung wie in der französischen Assignateninflation gegeben; es ergab sich in diesem Lande keine Notwendigkeit, die freie Silberprägung nach ihrer Sistierung am 3. Mai 1797 jemals wieder aufzunehmen. Das Gesetz von 1816 beschränkte weiterhin die Ausprägbarkeit des Silbers und zudem die gesetzliche Zahlkraft des Silbergeldes auf einen Höchstbetrag von 40 Schillingen. Nur das Gold blieb frei ausprägbar und nach Aufhebung des Banknotenzwangskurses für Banknoten im Jahre 1819 auch einziger Wertmaßstab im Lande. Solange nuin Großbritannien das einzige Goldwährungsland gewesen ist, konnte es noch kein System der starren Wechselkurse geben; dieses System entstand erst /durch den Übergang der wichtigsten Welthandelsländer zur Goldwährung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Zunächst stand die britische Geldpolitik vor der Aufgabe, die neue Währungsordnung in England selbst zu stabilisieren. Diese Aufgabe der inneren Währungspolitik mußte gelöst werden in einem System der einlösbaren Goldkernwährung mit freier Bankgeldschöpfiung, wobei man zunächst nur die Notenemission vor Augen hatte. Um das Verhältnis zwischen der Ausgabe von Banknoten und ihrer metallischen Grundlage — der sog. Golddeckung — ging es bei der Diskussion über die englische Bankverfassung, die mit der Auseinandersetzung zwischen „Bankingtheorie" und „Currencytheorie" einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Die praktische Entscheidung, um die es dabei ging, war die Wiederzulassung der freien Konkurrenz in der Notenemission, die ursprünglich ein privates Bankgeschäft gewesen war, im Jahre 1797 jedoch beschränkt werden mußte. Denn die Ausgabe von uneinlösbaren Banknoten konnte nicht als privates Bankgeschäft betrachtet werden, die Uneinlösbarkeit war ein die freie Konkurrenz automatisch beseitigendes Vorrecht, das den Noten der B<aink von England den Charakter eines Zwangspapiergeldes verlieh. Andererseits hatte sich in England infolge der Revolutionskriege ein Zustand ergeben, der theoretisch als eine Trennung von Zahlungsmittel und Währungseinheit bezeichnet werden kann26. Im Jahre 1816, als das Gold zur Währungsgrundlage erklärt wurde, gab es keine Goldmünzen im nationalen Zah26 Vgl. Friedrich A. Lutz: Geld und Währung. Tübingen 1962. S. 28 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 21 lungsverkehr des Inselreiches; als zirkulatorische Zahlungsmittel fungierten lediglich die Banknoten, und diesen fehlte der Status des gesetzlichen Währungsgeldes. Die geldpolitische Diskussion ließ nun erkennen, daß eine Verleihung diese/s Status an die Noten aller Banken schwere Gefahren für den Wert und die Sicherheit des Geldes zur Folge haben müsse; denn die Goldeinlösungspflicht allein sei kein ausreichender Schutz gegen die Gefahr einer zeitweisen Überausgabe („overissue") von Banknoten. Solange die Banken im Gleichschritt vorgehen, kann eine übermäßige Notenemission nicht die Sicherheit der einzelnen Bank und des Geldes ihrer Gläubiger bedrohen, um so mehr jedoch den Außenwert der Valuta als solcher und den Bestand der gesamten Währungsreserven durch Goldexport ins Ausland. Andererseits sei auch keine Garantie gegen Überemissionen einzelner privater Notenbanken gegeben, welche die Gewinnchancen des Emissionskredites höher einschätzen als ihre eigene Liquidität und die Sicherheit ihrer Depositenkunden. Die praktische Lösung war, daß man nur den Noten einer einzigen Bank, nämlich der Bank von England, den Status eines „gesetzlichen Zahlungsmittels" (die sog. „legal tender") durch die „Bank of England Act" von 1833 verlieh. Diese gesetzliche Bestimmung hatte zur Folge, „daß alle Privatbanken seit 1833 ihre eigenen Noten . .. auch in Noten der Bank of England einlösen konnten und infolgedessen keine nennenswerten Goldbestände mehr zu halten brauchten. Hierdurch ergab sich für die Bank of England eine weitere Verstärkung ihrer Monopolstellung. Allmählich wurden nicht nur die Kassenreserven der Privatbanken bei ihr unterhalten, zugleich wurde sie auch zur Sammelstelle der nationalen Goldreserven. Einen gewissen Abschluß fand diese Entwicklung schließlich im Jahre 1854, als die Londoner Großbanken dem Abrechnungsverkehr des Clearing-House beitraten und übereinkamen, die täglichen Salden im Abrechnungsverkehr durch Überweisungen zwischen ihren Konten bei der Bank of England auszugleichen. Damit stand die Bank of England endgültig im Mittelpunkt des englischen Banksystems27." Mit Einschluß des Peelschen Bankgesetzes von 1844 wurde die englisch« Geldverfassung nach zwei Hauptgrundsätzen geregelt: 1. Zentralisierung unid öffentliche Kontrolle der Notenausgabe; 2. Bindung ¡des Emissionsvolumens der Notenbank an ihren Goldvorrat als 'der zentralen Währungsreserve des britischen Banksysteins. Diese Zentralisierung wurde später von allen Notenbanken des Goldwährungssystems übernommen — mit Ausnahme des nordamerikanischen. 27 Veit: a.a.O. S. 616. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 22 Otto Kraus II. Das internationale Goldwährungssystem 1. Nationale Währung und internationale Zahlungsmittel Seit dem Jahre 1833 gab es in England zwei Arten von Währungsgeld: Erstens das nationale Währungsgeld, die Noten der Bank of England, und zweitens die Goldmünzen, die zugleich als nationales Währungsgeld und als internationales Zahlungsmittel fungieren konnten. Infolge dieser Doppelrolle vollzog sich durch die zwischenstaatliche Bewegung des Münzgoldes auch die Verbindung zwischen dem nationalen Geldkreislauf und dem internationalen Zahlungsverkehr. Aber das internationale Goldwährungssystem entstand erst nach dem Siege der deutschen Waffen über Frankreich im Kriege von 1870/71: Die Einführung der Goldwährung erfolgte 1871 in Kanada, 1873 im Deutschen Reiche, 1873 in Holland, 1878 in Norwegen, Schweden und Dänemark, 1890 in Rumänien, 1892 in Österreich-Ungarn. 1897 in Rußland und Japan, 1899 in Indien, 1900 in den USA und in Peru. 1902 in Portugal und Siam, 1904 in Mexiko. Mit dieser Einführung konnte theoretisch der sog. Gold-Automatismus in Funktion treten. Andererseits war die klassische Theorie des Goldautomatiismus für den Fall einer Goldwährung mit freier Zirkulation von Goldmünzen und einlösbaren Banknoten entwickelt worden— nicht jedoch für eine Goldkernwährung ohne Einlösungspflicht für Banknoten, wie sie 1892 in Österreich-Ungarn, 1924 in Ungarn, im Deutschen Reiche (Bankgesetz vom 30. August 1924) und Deutschösterreich (Schillingrechnungsgesetz vom Dezember 1924), 1925 in der Schweiz und 1928 in Frankreich eingeführt wurde. In diesem nach dem zweiten Weltkrieg wiedereingeführten Währungssystem konnte das Geld nicht mehr aus dem nationalen Geldkreislauf eines Teilnehmerlandes in die Geldzirkulation eines anderen Goldwährungslandes fließen; denn in keinem der an dieses Währungssystem angeschlossenen Länder befand sich das Gold in der Zirkulation. Insoweit keine Goldzahlungen von Zentralbank zu Zentralbank erfolgten, mußte also ©in anderes intervalutarisches Zahlungsmittel die Funktionen des monetären Goldes ersetzen. Die Modalitäten des internationalen Zahlungsverkehrs 6ind dadurch etwas variiert worden, ohne daß sich am Prinzip selbst etwas geändert hätte. Wir werden allerdings sehen, daß durch den Übergang vom Goldautomatismus zum Deviseninterventionismus nicht nur ein Wechsel im technischen Instrument des internationalen Zahlungsverkehrs stattgefunden hat, sondern daß auch ein Wandel hinsichtlich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der "Währungspolitik 23 der währunjgspolitischen Zielsetzung und der Begrenzung ihrer Möglichkeiten erfolgt ist. Vom technischen Gesichtspunkt aus läßt sich die weltweite Ausbreitung des britischen Währungssystems im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts als ein Sieg des Goldes über das europäische und das amerikanische Silber oder über den Birne tallismus betrachten — wie es Melchior Palyi im Rückblick aus dem Jahre 1958 noch getan hat. Der britischen Finanzwelt ging es bei diesem Kampfe wohl nicht allein um die technische Ordnung, sondern um die wirtschaftliche Führung der internationalen Währungspolitik. Nur der Bimetallismus war ja an den fortgesetzten Schwankungen der Wertrelation zwischen den beiden Edelmetallen gescheitert, an der praktischen Unmöglichkeit also, Gold und Silber in ein stabiles Wertverhältnis zu bringen, wie es die sog. Doppelwährung erstrebte; aus diesem Sachverhalt folgt, daß nur ein Edelmetall die Grundlage einer Währungsordnung bilden kann — nicht jedoch, welches von beiden Metallen diese Grundlage sein muß. Es ist sowohl möglich, den Preis des Silbers wie jenen des Goldes in der nominellen Währungseinheit zu stabilisieren; und England hat sich als erster Staat der Welt für die währungspolitische Stabilisierung des Goldpreises entschieden. Daß die wichtigsten Industriehandelsnationen der Welt vor 1914 diesem Beispiel gefolgt sind, war ein Sieg der englischen Banken, die den Goldmarkt der Welt nach London gebracht hatten. Solange das Pfund Sterling in Gold konvertibel war unid blieb, konnten die Notenbanken aller Goldwährungsländer ihre Währungsreserven als Pfundguthaben bei der Bank von England halten — sie brauchten ebenso wie die britischen Privatbanken seit dem Gesetz von 1833 keine eigenen Goldbestände mehr; als Kontoführerin der nationalen Goldwährungsbanken wurde die Bank von England automatisch zum zentralen Clearinghaus im Block der Goldwährungslänider. In diesem weltweiten Währungsblock gruppierten sich die abhängigen Länder um den ^goldenen Kern" des britischen Sterling-Pfundes, mit Hilfe dessen die Bank von England und die Londoner City-Banken Welthandel und Weltwirtschaft beherrschen konnten. Schon im Goldwährungssystem vor dem ersten Weltkriege gab es also eine bargeldlose Abrechnung; die grundsätzliche Möglichkeit einer Substitution des Goldes war bereits erkannt und ihre Vorteile genutzt worden. Für die am internationalen Clearing beteiligten Zentralbanken lag der Vorteil in einer Kostenersparnis infolge der, wenn auch geringen, Verzinsung ihrer Leitwährungsguthaben gegenüber den völlig ertraglosen Goldvorräten. Dem Banksystem des „Leitwährungslandes" hingegen war eine „internationale Giralgeldschöpfung" in dem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 24 Otto Kraus Umfange ermöglicht worden, als die neugeschaffenen Sterling-Guthaben nicht zur „Golideinlösung" präsentiert, sondern im Auslande entweder als Währungsreserven (von den Zentralbanken) oder als kurzfristige Geldanlagen (von den privaten Geschäftsbanken) gehalten wurden. Der Nutzen eines solchen auf dem Vertrauen an die internationale Reservewährung beruhenden Kreditfinanzierungssystems für die englische Bankwelt ist beizeiten erkannt worden. Schon im J«ahre 1901 hatte B. Stickney auf einer Tagung der American Bankers Association in Milwaukee auf folgenden Sachverhalt hingewiesen: „England zieht von allen Ländern der Welt in Form von Zinsen Tribut ein, und das nicht einmäl für die Nutzung seines Reichtums oder Kapitals, sondern nur für die Inanspruchnahme seines Kredits. So paradox es klingen mag, aber es ist buchstäblich wahr, daß England durch seine ausgezeichnete Bankorganisation aus Millionen seiner eigenen Schulden gegenüber anderen Ländern sogar noch Zinsen einstreicht28." Aber schon nach dem ersten Weltkriege war Großbritannien nicht mehr das Hauptgläubigerland der Welt. Obwohl der britische Kapitalexport in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts noch etwas über 100 Millionen £ betrug (allerdings in Kaufkraft der Jahre vor dem ersten Weltkrieg kaum mehr als ein Drittel der durchschnittlichen Vorkriegsemissionen von jährlich 170 Millionen £ zwischen 1908 und 1913), sind die britischen Auslandsanleihen der Jahre 1925 bis 1927 nach Schätzungen des „Economist" zu 45 biß 60 % durch den Zufluß von kurzfristigen Auslandsgeldern nach den englischen Geldund Kapitalmärkten finanziert worden. 2. Nationale und internationale Währungsreserven Im System der klassischen Goldumlaufswährunig mit einlösbaren Zentralbanknoten hatten die Goldbestände der zentralen Notenbanken ursprünglich die Funktion einer nationalen Währungsreserve; sie hatten den Zweck, die Sicherheit der Währung nach innen und nach außen zu garantieren. 1. Die Sicherheit des Binnenwertes war als Schutz der Zentralbanknoten vor einer Entwertung gegenüber dem Golde gedacht; diesem Zweck sollte die Goldeinlösungspflicht für die Zentralbanknoten im Inlanide dienen. Um dieser Einlösungspflicht jederzeit genügen zu können, gab es seit der Peelschen Bank Act von 1844 die verschiedenen Notendeckungsbestimmungen. Noch durch das Bankgesetz vom 30. August 1924 wurde die deutsche Reichsbank zu einer 40prozentigen 28 Schon ein Jahr nach dem Sieg der Goldwährung in den USA wurden die finanzpolitischen Folgen dieses Sieges im amerikanischen Bankgeschäft spürbar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik durchschnitt 1926, 446 im August 1931, 344 im Dezember 1934) begleitet. Nicht das Versagen des internationalen Automatismus, sondern seine Sabotage durch die nationale Währungspolitik der Banque de France in Verbindung mit der „völligen Fehlkonstruktion des Bundesreservesystems"37 in den USA haben nach dem Ausbruch der nordamerikanischen Kreditkrise vom Oktober 1929 eine Dauerkrise der ganizen Weltwirtschaft entstehen lassen und »das Goldwährungssystem der zwanziger Jahre zerstört. Der „klassische" Goldautomatismus ist schon in einer Zeit entstanden, als die staatlichen Hoheitsgrenzen noch keine Mauern gewesen ßind, um die nationalen Währungsräume und Zirkulationsbereiche gegeneinander abzuschließen. Die europäische Edelmetalliinflation des 16. Jahrhunderts hatte sich per saldo nicht ungünstig auf das Wirtschaftsleben in jenen Ländern ausgewirkt, wo man das gute Konjunkturklima TAX nutzen verstand. Dagegen hatte Europa am Beispiel der französischen Assignaten zu Ende des 18. Jahrhunderts die erste nationale Papiergeldinflation vor Augen mit der Folge einer hemmungslosen Entwertung der eigenen Währung, deren Wechselkurs bis auf den Nullpunkt sank. Demzufolge schien noch zu Ricardos Zeiten das Papiergeld die währungspolitische Gefahr Nummer Eins zu s<ein und die erste Aufgabe einer gesunden Geldund Kreditpolitik darin zu bestehen, die Gefahr einer übermäßigen Papiergeldausgabe zu bannen. Die äußere Währungspolitik hingegen wurde in erster Linie durch die Handelsinteressen bestimmt. Den Außenhandelskaufleuten war in erster Linie an stabilen Wechselkursen gelegen, weil die Sicherheit der Kalkulation in erster Linie von der Beständigkeit dieser Umrechnungskurse in die Währungen der Handelspartnerländer abhängig war. Ein gleichmäßiges Steigen oder Fallen der Preise im Inund Ausland« konnte in der damaligen Welt die Stabilität der Außenhandelsgrundlagen weniger gefährden als ein Schwanken dieser Kurse. Dasselbe Interesse an der Wechselkur&stahilität ergibt sich aus den internationalen Kreditbeiziehungen, vor allem aus den langfristigen; denn jede Kursschwankung verändert difc internationalen GläubigerSchuldnerpositionen. In einer Zeit scharfen Wettbewerbes auf den Gebieten der gewerblichen Güterproduktion, des Handels unid Verkehrs war Stabilität ein erstrebenswertes Ziel der allgemeinen Wirtschaftspolitik, zudem setzt eine scharfe Preiskalkulation die Stabilität der Kalkulationsgrundlagen 37 George N. llalm: Geldpolitik und Marktwirtschaft — Ein Jahrhundert amerikanischer Erfahrungen. In: Wilhelm Meinhold (Hrsg.): Internationale Wahrungsund Finanzpolitik. Berlin 1961. S. 129. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Otto Kraus voraus. Das einzige, was sich mit Hilfe der damaligen Währungspolitik erreichen ließ, war jedoch die Ausschaltung des Kursrisikos. Die Kursstabilität und die unbeschränkte Konvertibilität ließen den Wirtschaftsraum aller GQld Währungsländer 'zusammen als ein einziges Währungsgebiet erscheinen, ähnlich wie der Wirtschaftsraum einer Zollunion innerhalb der Zollsdiranken als ein einziges Freihandelsgebiet erscheinen mag. In dieser währungspolitischen Konzeption ist der Goldautomatismus nichts anderes als ein Effekt zur gleichmäßigen Verteilung der zirkulierenden Geldmenge auf das vereinigte Währungsgebiet. Der automatische Selbstvollzug des internationalen Preisausgleiches und des internationalen Ausgleiches der Geldversorgung zwischen den einzelnen Goldwährungsländern durch das Verhalten der nur ihrem Eigeninteresse folgenden Wirtschaftsobjekte hat etwas von der unbeirrbaren Objektivität jener Naturvorgänge an sich, die unbeeinflußbar von menschlichen Wunschvorstellungen nach Gesetzen ablaufen, die der Mensch zu entdecken, nicht aber zu verändern vermag. Im theoretischen Denkmodell erscheint der Goldautomatismus als ein subjektiver Willkür entzogenes und von politischer Einflußnahme unabhängiges Wirtschaftsgeschehen; dieses Denkmodell ist das Ergebnis einer „funktionalen4" Betrachtungsweise, weichte die Zusammenhänge erklären und die Bewegungen verständlich machen will, die sich auf Grund bestimmter Veränderungen in den Ausgangsgrößen vollziehen. Bei der funktionalen Beziehungsanalyse gibt es also bestimmte Voraussetzungen, die als vorgegebene „Daten" des Systems betrachtet und selbst keiner weiteren Analyse unterzogen werden. Andererseits liegt gerade in diesen „Daten46 der Einfluß von politischen Faktoren auf das System; denn es läßt sich zeigen, daß diese Daten nicht ohne eine politische Entscheidung -zustande kommen, noch geändert werden können. Auch die Entstehung des Systems der festen Wechselkurse selbst und seine Metamorphose vom klassischen „Goldstandard44 zum modernen „Devisenstandard44 ist ja das Ergebnis einer gantzen Reihe von politischen Entscheidungen gewesen, wobei jeder Beitrittsentschluß eines neuen Teilnehmerlandes mit einer Entscheidung über die Höhe seines Wechselkurses (zunächst nur in Gold und später auch in der internationalen Leitwährung) verbunden war. Wie weit die politische Willkür bei dieser Entscheidung gehen und vom theoretischen „Gleichgewichtskurs44 abweichen kann, zeigte sich vor allem bei der Neuordnung des europäischen Währungssystems nach dem ersten Weltkriege; und es wurde weiterhin auch die Möglichkeit einer „antiOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 33 automatischen" Währungspolitik durch ein einzelnes Teilnehmerland demonstriert. Im Lichte dieser Erfahrungen und der politischen Unsicherheitsfaktoren, die dabei zutage getreten sind, kann uns heute der Automatismos nicht mehr als ein absolut zuverlässiges Instrument zur Herstellung und Aiufrechterhaltung des währungspolitischen Gleichgewichtes erscheinen. Vor 30 Jahren vollzog sich — in einigen Ländern unter dramatischen Ereignissen in der Innenpolitik — ein Wechsel des währungspolitischen Standpunktes: Schon die jahrelange Krise der Weltwirtschaft hatte den Glauben an die wohltätigen Wirkungen der monetären Mechanik zerstört; denn der internationale Mechanismus hatte sich nicht als relativ kurzfristige Angleichjung an einen bestimmten Preisstand im Handelspartnerlande erwiesen. Der Prozeß hatte nicht nach einer einmaligen Preisanpassung in einem stabilen Preisgleichgewicht an den Warenmärkten sein Ende gefunden, sondern er hatte sich in einem kumulativen Preisdruck, in einer sog. „Deflationsschiraube" oder ,,-spirale" noch jahrelang fortgesetzt, ohne daß sein Ende schon abzusehen gewesen wäre, als die Regierungen im Deutschen Reiche, in Großbritannien und in den USA antideflatorische Maßnahmen ergriffen. Die Theorie vom automatischen Ausgleich der Warenpreise und der Geld Versorgung in einem Goldstandardsystem ist aus einem statischen Denkmodell abgeleitet — unid ihr Thema ist die Wiederherstellung eines statischen Gleichgewichtes, das durch die einmalige Preisinflation in einem Teilnehmerlande vorübergehend gestört wurde. Zu diesem Zweck genügt eine „korrektive Deflation" im ursprünglichen Inflationslande bis zur Herbeiführung der Preisgleichheit mit den an/deren Ländern des Systems — ein Ziel, dessen Erreichung durch eine leichte „Ricardo-Inflation" in diesen Ländern zugleich erleichtert und beschleunigt wird. Unter statischen Voraussetzungen kann sich kein dauerndes Ungleichgewicht der Handelsund Zahlungsbilanzen ergeben; ein fundamentales Ungleichgewicht der Handelsbilanz war für die klassische Theorie noch gar nicht existent. Das zentrale Anliegen dieser Theorie ist die Verteilung der Güterproduktion auf das gemeinsame Wirtschaftsund Währungsgebiet nach dem Prinzip der komparativen Kosten — ein Prinzip der Standortwahl nach den relativ besten Produktionsbe dingungen, und das heißt nach den geringsten Kosten; dieses Prinzip der optimalen Allokation führt zwar dazu, daß alle verwendeten Produktivkräfte mit dem größtmöglichen Naturalertrage genutzt werden, aber es führt nicht dazu, daß alle vorhandenen Produktionsfaktoren Verwendung finden. In der klassischen Außenhandelstheorie spielt das Geld als Zahlungsmittel keine selbständige Rolle mehr — von den beiden Grund3 Schmollers Jahrbuch 85,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 34 Otto Kraus funktionell fdes Geldes ist eine nahezu vollständig eliminiert —, und auch die Wertimesser-Funktion erscheint in der Arbeitswertrechnung Ricardos als im Grunde überflüssig. Dieses „Wegziehen des Geldschleiers66 mag zwar den Zugang zur Erkenntnis der güterwirtschaftlichen Gleichgewichtsbedingungen erleichtern, aber man läuft dabei Gefahr, jene Voraussetzungen zu bagatellisieren, die für ein währungspolitisches Gleichgewidit von wesentlicher Bedeutung sind. Dazu gehört z. B. die freie Flexibilität von Warenpreisen, Löhnen und Gehältern nach unten. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so hat eine Verminderung der marktwirksamen Nachfrage keine einfache Preisund Lohndeflation, sondern eine Unabsetzbarkeit von produzierten Gütern und von Faktorleistungen zur Folge; Warenbestände und Vorräte häufen sich, und die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Dieser Prozeß kann sich fortsetzen und kumulativ werden, wenn die ihn auslösenden Faktoren längere Zeit hindurch in Wirksamkeit bleiben und/oder keine Gegenkräfte in Aktion treten, die ihn aufhalten bzw. zur Umkehrung bringen. Einen ganzen Komplex von Ursachen hatte die große Depression der Weltwirtschaft von 1929 bis 1933, die mit dem Zusammenbruch der Börsenspekulation in New York begann und sich in einer Kreditkrise fortsetzte. Es ist in Wirklichkeit nicht einzusehen, aus welchem Grunde die Stabilisierung der Wechselkurse zwischen verschiedenen Ländern nur auf dem Umwege über die Stabilisierung des Goldpreises in den Währunigen dieser Länder möglich sein sollte. Es ist nicht etwa von Natur aus leichter, den Wert des Goldes stabil zu halten als den Wert einer fremden Valuta in den Einheiten der eigenen Währung. Was man dazu braucht, ist in beiden Fällen ein ausreichender Stabilisierungsfonds — nicht mehr und nicht weniger. Bei der Goldumlaufswährung mit Inländerkonvertierbarkeit muß dieser Stabilisierungsfonds aus Gold bestehen; die Einlösungspflicht der Zentralbank macht die „Golddeckung66 für einen Teil des Banknotenumlaufes erforderlich. Wenn keine Einlösungspflicht der Zentralbank besteht, so kann eine partielle Golddeckungspflicht der Zentralbank nur den einen Sinn haben, den Banknotenumlauf auf ein bestimmtes Vielfaches ihres Goldbestandes zu begrenzen. Zweifellos ist die Furcht vor einer neuen Banknoteninflation der Hauptgrund für die 4-Oproizentige Golddeckunigsbestimmung des deutschen Reichsbankgesetzes vom 30. 8. 1924 gewesen — aber auch in den USA wurde am 30. Januar 1934 zwar die Inländerkonvertierbarkeit des Dollar, nicht jeidoch die 25prozentige Golddeckungspflicht für den Banknotenumlauf aufgehoben. Noch im Jahre 1931 hat Frankreich durch die Umwandlung seiner Sterlingguthaben in Gold die Pfundabwertung vom 21. September OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 35 (1931) veranlaßt. Durch die Konversion seiner eigenen Devisenreserve in eine reine Goldreserve sabotierte Frankreich das durch die Konferenz von Genua im April 1922 kreierte Devisenreservesystein. Dies mag als ein anachronistisches Verhalten gedeutet werden; in einer Zeit indessen, da die Sicherheit des Geldes weniger durch Entwertung als durch Zahlungsunfähigkeit der Schuldner bedroht war, konnte nur die liquideste Anlage als die sicherste angesehen werden, und das war die älteste Form des internationalen Währungsgeldes. Denn aus welchen Gründen sollte Gold liquider sein als Devisen? Zweifellos ist das Gold die einzige Währungs-grundlage internationaler Herkunft; und seine Menge ist nicht — wie das Devisenangebot — durch die Gedldpolitik des Herkunftslandes (der Devisen) manipulierbar. Demzufolge kann das Vertrauen in die Goldwährungsordnung durch nichts erschüttert werden als durch eine Abwertung des Goldes, für die es aber seit dem 16. Jahrhundert kaum mehr ein Beispiel gibt. Wenn man freilich — wie das neuerdings geschieht — den Wert des Goldes mit anderen „Sachwerten" vergleicht, so ist die nominale „Wertbeständigkeit" des Goldes durchaus keine Beständigkeit seines realen „Tauschwertes"; denn der „reale Tauschwert" des Goldes fällt mit der Kaufkraft jeder Währung, in deren Einheiten der Nominalwert des Goldes stabil ist. Eine Hauptfunktion des „klassischen Goldautomatismus" war jedoch der sog. „Selbstausgleich der Zahlungsbilanz". Zur Zeit von Ricardo wurde das Gold zum einzigen internationalen Barzahlungsmittel, und seine Zirkulation im nationalen Zahlungsverkehr der Goldwährungsländer verhinderte die Entstehung eines chronischen Defizites der Zahlungsbilanzen, wie es heute bei Inflationsexportländern üblich ist. In einem System der internationalen Goldzahlungen zwingt der als Folge einer internen Inflationierung alsbald eintretende Goldabfluß jedes potentielle „Inflationsland" auf die Dauer zu monetärer Disziplin, und die durch den Goldverlust ausgelöste „korrektive Deflation" macht das ehemalige Inflationsland im internationalen Handel wieder konkurrenzfähig. Dieser Automatismus funktioniert nicht mehr, wenn an die Stelle des Goldes Devisen treten, deren Entstehung und Vermehrung keiner prinzipiellen Beschränkung unterliegen. Devisen sind internationale Zahlungsmittel nationaler Herkunft, nämlich Giralgeld in der Nationalwährung ihres Entstehungslandes. Sie können dort zur Finanzierung von Warenund Leistungsimporten „geschöpft" werden durch einfache Gutschrift in den Büchern der Außenhandelsbanken und zur Bezahlung von Warenimporten in einem Ausmaße Verwendung finden, das durch nichts begrenzt ist als durch die Annahmebereitschaft des exportierenden Landes. Prinzipiell ist durch diese Modifikation 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 36 Otto Kraus aus dem ursprünglich ¡zweigleisigen „Goldautomatisimus" eine Einbahnstraße geworden. Erst als im Oktober 1929 mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börsenspekulation eine Kettenreaktion abzurollen begann, welche die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen sollte, zeigten sich die Unmöglichkeit der monetären Umkehr und ihre verhängnisvollen Folgen. Sie begann wie alle Vertrauenskrisen mit Kreditkündigungen und dem Versuch der Gläubiger, ihre Guthaben aus der Kreditform in die Bargeldform überzuführen. Wäre diese Absicht gelungen, so hätte eine Reduktion sowohl des nationalen wie des internationalen Kreditvolumens in genauer Umkehrung des Weges erfolgen müssen, auf dem sie entstanden waren. Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, wurde das Kreditvolumen nicht auf diese Weise reduziert, und wo die Reduktion gelang, mußte das Geldvolumen in demselben Maße schrumpfen. Barabhebung von Bankguthaben bedeutet vom Standpunkt des Gläubigers aus „nur"4 eine Umwandlung von Giralgeld in Notalgeld, volkswirtschaftlich ist sie mehr als das; nämlich eine Giraligeldvernichtung, da die abgehobenen Bankguthaben effektiv verschwunden sind und im weiteren Zahlungsverkehr fehlen. Nur dann, wenn im Umfange der Bargeldabhebungen eine Neuschöpfung von Zentralbankgeld stattfindet, kann die durch das Verhalten der Bankengläubiger ausgelöste Geldvernichtung kompensiert und eine deflatorische Wirkung vermieden werden. Eine solche kompensierende Notalgeldschöpfung aber hat in den USA nicht stattgefunden. 2. Wirtschaftliche Gleichgewichtsstörungen und Währungspolitik Die Störungen des wirtschaftlichen Gleichgewichtes lassen sich unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten und einteilen. Die älteren Autoren haben vom phänomenologischen Standpunkte aus ihren Maßstab genommen und demzufolge zwischen Störungen des kurzfristigen und solchen des langfristigen Gleichgewichtes unterschieden. In der modernen Betrachtung überschneidet sich dieser Gesichtspunkt mit einem anderen, der vom Unterschied zwischen den Kreislaufvorgängen und den Wachstumsprozessen ausgeht. Während der wirtschaftliche Kreislauf vor allem durch die Konjunkturtheorie ins Auge gefaßt und untersucht worden ist, haben die Wachstumstheoretiker das Phänomen der wirtschaftlichen Entwicklung auf lange Sicht und die Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur zum Objekt ihrer Analysen ^gemacht. Dieses Prinzip wurde allerdings dadurch durchbrochen, daß man auch in der Konjunkturtheorie sog. Zyklen von verschiedener Wellenlänge zu unterscheiden begann: Nach dem kurzfristigen Rhythmus, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 37 auf dessen Untersuchung sich der Konjunkturtheoretiker Clement Juglar (1860) noch beschränkte, folgte die Entdeckung eines mittelfristigen (durch Joseph Kitchin 1923) und eines langfristigen (durch N. D. Kondralieff 1926) Rhythmus der Konjunkturen. Infolgedessen kann die bloße Zeitdauer nicht mehr als Kriterium des Unterschiedes zwischen Konjunktur und Wachstum verwendet werden. Da sich also die Zeitdauer nicht als brauchbares Unterscheidungsmerkmal erwiesen hat, bedarf es theoretischer Maßstäbe, um Kreislauf und Entwicklung der Volkswirtschaft auseinanderzuhalten und gegeneinander abzugrenzen. Was läge nun bei unserem Untersuchungsthema näher, als den (Einfluß der monetären Faktoren zum Angelpunkt unserer Analyse >zu machen? Sind die Störungen des Kreislauf gleichgewichtes monetär oder güterwirtschaftlich verursacht? In der Konjunkturtheorie war diese Frage zeitweise heftig umstritten; so wenig es Ziel dieser Untersuchung sein kann, diese alte Streitfrage im Sinne eines methodologischen „Kausaknonismus" zu entscheiden, ist jedenfalls die Währungspolitik von der „monetären Konjunkturtheorie" mehr befruchtet worden als durch jene Anregungen, die sie von der „Disproportionalitäten-Theorie66 seit deren Begründung durch Jean Baptiste Say empfangen konnte. Ihren größten Auftrieb erhielt die monetäre Betrachtungsweise durch die Krise der Weltwirtschaft in den dreißiger Jahren, die in erster Linie eine internationale Kreditkrise und erst in den Auswirkungen derselben eine Krise des damaligen Welthandels gewesen ist. Freilich hatten die Strukturwandlungen der Weltwirtschaft auch Veränderungen in der internationalen Konjunkturpositiom der wichtigsten Wirtschaftsländer zur Folge, welche den „internationalen Ausgleich der Konjunkturen64, wie er um die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Regel geworden war, mehr und mehr erschweren sollten. Vielleicht wäre die allgemeine Krise der kapitalistischen Industriewirtschaft nach den Prophezeiungen von Karl Marx schon ein halbes Jahrhundert früher eingetreten, wenn es damals für die infolge der Bevölkerungsvermehrung überfüllten Arbeitsmärkte in Europa nicht das Ventil der Auswanderung nach dem nordamerikanischen Kontinent und für die Erzeugnisse der europäischen Industrie nicht die Absatzmärkte in Übersee gegeben hätte. Aber gerade in diesen Jahrzehnten entstand ein ungeheurer Menschenbedarf für die Besiedlung des nordamerikanischen Halbkontinentes vom Atlantik zum Pazifik und ein Kapitalbedarf, der nur aus europäischen Quellen gedeckt werden konnte. Mithin gab es für die europäischen Erwerbslosen genug Arbeitsmöglichkeitein und für das anlagesuchende Risikokapital genug lohnende Investitiorosgelegenheiten auf der Welt, und auch für ein zeitweiliges „Überangebot66 an Erzeugnissen konnten Absatzmärkte in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 38 Otto Kraus der Neuen und in der Alten Welt erschlossen werden (wenngleich der britische Kattunexport nach Indien mit dem Zusammenbruch der indischen Textilindustrie bezahlt werden mußte)38. Andererseits ist ein internationaler Konjunkturausgleich nur solange möglich, als sich Länder mit konträrer Phasenlage im Konjunkturablaufe gegenüberstehen. Eine derart konträre Phasenstellung kann indessen nicht als ein Naturzustand angesehen werden; sie hat sich im 19. Jahrhundert lediglich infolge des historischen Vorsprunges der westeuropäischen (insbesondere der britischen) vor der europäischen Industrialisierung ergeben. Schon im Jahre 1857 traf das Ende des ersten Investitionsbooms im nordamerikanischen Eisenbahnbau mit einer europäischen Depression zusammen, und die Technisierung der Landwirtschaft während des ersten Weltkrieges sowie die Ausdehnung der Anbauflächen in den USA, in Kanada und Australien hatten die Weltagrarkrise der Jahre 1920 bis 1924 zur Folge. Schon diese weltweite Agrarkrise konnte nicht mehr durch die Methode der „klassischen Medizin" geheilt werden, wie Präsident Calvin Coolidge erkannte; auch auf dem industriellen Sektor setzte sich damals eine Politik der Preisstabilisierung durch, welche die marktwirtschaftlichen Folgen der technischen Rationalisierung abfangen und die Entstehung von technologischer Arbeitslosigkeit bis zum Jahre 1929 verhindern konnte39. Unter erstmaliger Anwendung der „open market policy" stieg das Kreditvolumen in den USA bis 1929 im Jahresdurchschnitt um 6 0/o40. Die durch Zinssenkung (im August 1927 von 4% auf 3V2°/o) und Ankäufe von Staatsanleihen durch die Federal Reserve Bank betriebene Politik des billigen Geldes wirkte sich aber nicht nur auf die gesamte Nachfrage an den Märkten der Waren und der Arbeit, sondern weit mehr noch auf die Wertpapiermärkte aus. Als diese Überspekulation nur noch durch Lombardkredite der privaten Geschäftsbanken finanziert wurde, mußte sie schließlich zusammenbrechen. Zweifellos hätte es jedoch zu keiner kumulativen Deflationsspirale mit anschließender Dauerdepression der amerikanischen Volkswirtschaft bis zur weltweiten Kreditund Absatizkrise kommen müssen, wenn die von den Gläubigern der privaten Geschäftsbanken geforderte Umwandiun/g von Depositengeld in Bargeld41 durch Hilfestellung des Federal Reserve System gefördert oder erleichtert worden wäre. Auch in der Außenwirtschaftspolitik zeigte die Regierung der Republikani38 Jawarhal Nehru: The Discovery of India. New York 1946. S. 297—299. 39 Allerdings stieg der Index der industriellen Produktion (1923/25 = 100) im Jahre 1929 auf 225; der Beschäftigungsindex nur auf 104,7. 40 C. 0. Hardy: Credit Policies of the Federal Reserve System. 1932. S. 314. 41 Halm: a.a.O. S. 129. Otto Kraus: Geld-Kredit-Währung. Berlin 1958. S. 93/94. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 39 sehen Partei völlige Verständnislosigkedt für die Rolle ihres Landes in der Weltwirtschaft42. 3. Internationale Geldschöpfung und Weltinflation Die Weltwirtschaft ist heute einem kumulativen Prozeß ausgesetzt, der sich in umgekehrter Richtung vollzieht: Die „chronische Inflation"43 — mitunter auch „säkulare Inflation"44 genannt — ist das Gespenst, vor dem heute Sparer unld Festbesoldete bangen und das die armen Rentner das Schlimmste befürchten läßt. Wie aber ist es dazu gekommen? Noch vor kaum 15 Jahren mußte sich die Deutsche Bundesrepublik der 30,5prozentigen Pfundabwertung vom 18. September 1949 am nächsten Tage mit einer 20,6prozentigen DM-Abwertung anschließen, weil anderenfalls eine Erhöhung des Passivsaldos der westdeutschen Handelsund Zahlungsbilanz katum zu viermeiden gewesen wäre. Den Interessen der Exportwirtschaft ist damals mit einer Promptheit Rechnung getragen worden, zu der man sich seither nicht wieder entschließen konnte; denn schon im März 1951 ist die deutsche Außenwiirtschaftsbilanz (Warenhandel und Dienstleistungen) aktiv geworden, und im Juli desselben Jahres überstiegen die Devisenguthaben des Zentralbanksystems erstmals die Verbindlichkeiten aus der Abwicklung des Auslandsgeschäftes. Schon durch das Gesetz vom 28. Juli 1952 erfolgte der Beitritt der deutschen Bundesrepublik zum Internationalen Währungsfonds. Sie übernahm mit Wirkung vom 14. August 1952 auch die sog. Devisenankaufspflicht zu festen Wechselkursen — aus der sich weiterhin die Anfänge unserer „importierten Inflation" ergeben haben. Vor allem haben sich durch die Entwicklung der bargeldlosen Methoden im internationalen Zahlungsverkehr Finanzierungsmöglichkeiten ergeben, welche eine Inflationsimportierung weit über jenes Maß hinaus gestatten, das der „Automatismus" zwischen Goldumlaufswährungen zu erreichen erlaubt hatte. Wie wir gesehen haben, ist der Import einer Goldinflation durch die Goldreserven des Goldexportlandes A nach oben hin begrenzt. In der Tat hat es in Europa seit 300 Jahren keine Edelmetallinflation mehr gegeben. 42 Halm: a.a.O. S. 130: „Nachdem die amerikanische Depression zu einem Fallen der Einfuhr um fast 70 Prozent geführt hatte, wurde die Lage der anderen Länder dadurch noch weiter empfindlich erschwert, daß die kurzfristigen Auslandskredite zurückgezogen, die amerikanischen Schutzzölle erhöht und der Dollar abgewertet wurde — alles Maßnahmen, die genau das Gegenteil von dem waren, was man von einem Gläubigerland hätte erwarten sollen, dessen Einfuhr plötzlich katastrophal zu sinken begann." 43 F. Lutz: a.a.O. S. 207—209. 44 Werner Hofmann: Die säkulare Inflation. Berlin 1962. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 40 Otto Kraus Einer importierten Deviseninflation hingegen ist nach oben hin keine Grenze gesetzt; denn die Zahlungsfähigkeit des Auslandes mit Devisen eigener Schöpfung ist absolut unbeschränkt. „Die Länder, deren Valuten anderen Ländern als Deckungsreserven willkommen sind, können Zahlungen an diese anderen Länder durch bloße Bankgutschrift leisten. Haben etwa deutsche Exporteure Zahlungen von Importeuren in Amerika zu empfangen, so wird ein Dollarbetrag eines Amerikaners einem Deutschen bei einer amerikanischen Bank gutgeschrieben. Das deutsche Kreditsystem erhält Liquiditätsreserven. Das amerikanische Kreditsystem hat aber insoweit keine Liquidität verloren45." Nehmen wir nun an, daß der amerikanische Importeur seinen „Dollarbetrag" als so,g. „abgeleitetes" Bankguthaben („derived deposit" nach Ch. A. Phillips46) erhalten hat, so ist eine „Geldschöpfung ausländischer Geschäftsbanken zur Bezahlung von inländischen Exporteuren mit Devisen des Warenempfangslandes seitens der ausländischen Importeure"47 erfolgt. Diese Zahlungsweise „bedeutet, daß zur Finanzierung des ausländischen Warenimportes und damit des inländischen Warenexportes eine unmittelbare Gdralgeldsdiöpfung im Auslande genügt"48. Mit dieser Finanzierungsart des internationalen Warenund Dienstleisturogsverkehrs ist jedoch eine internationale Inflationsquelle entstanden, die jeglicher Kontrolle und Begrenzung spottet. Denn offenbar entfällt hier vollständig die „korrektive Deflation" im Wareneinfluhrlande, das seine Wareneinfuhren nicht mehr durch Goldexporte zu bezahlen braucht, sondern dien Gegenwert ganz einfach durch Giralgeldschöpfung in eigener Währung bereitstellen kann. Bei einem System stabiler Devisenkurse können sich die Handelspartnerländer nicht einmal durch freie Wechselkursgestaltung gegen den Zwangsimport einer Deviseninflation schützen. Das Paradoxe dieser Situation läßt sich nur durch eine reichlich phantastische Vorstellung illustrieren: Nehmen wir an, daß die Exporteure von amerikanischen Waren nach Deutschland im Juli 1922 mit einem Umrechnungskurs von 4,20 Papiermark hätten vorlieb nehmen müssen anstatt mit dem wirklichen Wechselkurs von 420 Mark; was wäre die Folge gewesen? — Nun, Amerika hätte entweder auf seinen Warenexport nach Deutschland verzichtet oder denselben weit unterhalb seines „realen Wertes" verschenken müssen; wie hoch aber be45 Otto Veit: Referat anläßlich der gemeinsamen Sitzung der süddeutschen Bezirksbeiräte der Deutschen Bank vom 2. Dezember 1963: „Solidarische Währungspolitik". Manuskript S. 7. 46 Ch. A. Phillips: Bank Credit. New York 1920. S. 33 f. spricht von „derived" deposits oder auch von „derivate liabilities". 47 Kraus: a.a.O. S. 184. 48 Otto Kraus: Währungssysteme und Währungspolitik. In: Meinhold (Hrsg.): a.a.O. S. 77, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 Historische Grundlagen der Währungspolitik 4? Die geldpolitische Disziplin ist seit der industriellen Revolution die einzige Schranke gewesen, durch welche die maßlose Gier der modernen Industriegesellschaft im Zaume gehalten werden konnte. Sollte die Entwicklung zur industriellen Weltgesellschaft auch diese letzte Schranke durchbrechen und das einzige Antitoxin gegen die Maßlosigkeit des individuellen und kollektiven Profitstriebens vernichten? 2. Die internationale Konjunktur Die währungspolitische Konzeption des klassischen Liberalismus hatte auch einen konjunkturpolitischen xA<spekt: den weltwirtschaftlichen Aus,gleich der nationalen Binnenkonjunkturen. Nun besteht zweifellos eine im allgemeinen mit zunehmender Größe der integrierteil Wirtschaftsräume zunehmende Ausgleichstendenz der ökonomischen Gesamtbewegung. Aber diese Tendenzen wirken in ganiz verschiedener Weise je nach Art der Integration und der Größe der relativ selbständig bleibenden Wirtschaftsgebiete. In einer Währungsunion, welche die innere Wirtschaftspolitik der nur durch fixe Wechselkurse miteinander verbundenen Volkswirtschaften „selbständig" läßt, müssen zwangsläufig die kleineren und schwächeren Teilnehmerstaaten ins Schlepptau der größeren und stärkeren Mitgliedsländer geraten, wie die historische Erfahrung gezeigt hat. Diese Entwicklung vollzog sich mit zunehmendem Kumulativeffekt in den sieben Jahrzehnten zwischen 1857 und 1927. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Industrieeuropa und Nordamerika noch annähernd über gleich große Wirtschaftspotentiale verfügten, erhielten die USA seither ein zunehmendes Übergewicht. In der ersten Hälfte (dieses Zeitraumes wurde diese Entwicklung allerdings noch von einem Ausgleichsphänomen überlagert, das infolge der Zeitdifferenz zwischen der europäischen und der nordamerikanischen Industrialisierung entstanden war. Als die industrielle Revolution im nordamerikanisdien Halbkontinent begann, war England bereits die Industriewerkstätte der Welt geworden. In den Zeiten der zyklischen Depressionskrisen wurde der Export von Menschen und von Industriewaren zum Ablaßventil für die auf d«n britischen Inseln beschäftigungslosen Industriearbeiter und für den Absatz der englischen Fabriken. Im Zuge der Besiedlung und wirtschaftlichen Erschließung der als europäische Kolonialländer in die Weltgeschichte eingetretenen Riesenräume vom Atlantik zum Pazifik mußte sich dieses Verhältnis allmählich ändern, und den ersten Auftakt zur Auswirkung dieser strukturell bedingten Phasenänderung im konjunkturalen Status der beiden Großwirtschaftsräume zueinOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30 48 Otto Kraus ander zeigte «ich in der Krise des nordamerikanischen und des mitteleuropäischen lEisenbahnbaues im Jahre 1857. Trotzdem sollten noch 72 Jahre vergehen, bis die weltwirtschaftliche Gleichschaltung der Konjunkturen eine Dauerdepression vom Umfange ider großen Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte. An ihren sozialen und politischen Folgen scheiterte schließlich auch die klassische Goldwährung, und die Gleichgewichtskonzeption, die ihre theoretische Grundlage war, mußte aufgegeben werden. Das Ergebnis unserer Untersuchung ist, daß politische und ökonomische Theorien kein eigenständiges Dasein führen und nicht in der Metaphysik, sondern in der sozialen Lebenswirklichkedt zu Hause sind und mit dieser Wandlungen und Metamorphosen erfahren. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.85.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:37:30