Personales und instrumentales Wirtschaften
Abstract
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Full text
Wernet, Wilhelm Article Personales und instrumentales Wirtschaften Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Wernet, Wilhelm (1956) : Personales und instrumentales Wirtschaften, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 6, pp. 1-33, https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290861 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
641] 1 Personales und instrumentales Wirtschaften Problementfaltung und Problemdiskussion in der Gewerbeforschung, speziell im Handwerksbereich (III) Von Wilhelm f ernet - Göttingen Inhaltsverzeichnis: Gewerbewirtschaftliche Probleme: 1. Ortsbestimmung des Gewerbes im industriellen System S. 1 — 2. Tatsachenforschung im Aufschwung S. 7 — 3. Konkretisierung volkswirtschaftlicher Fragen und Problemkreise S. 13 — 4. Einsatz gewerblicher Theorie S. 30. Die kürzlich an dieser Stelle76 vorgetragenen Überlegungen haben deutlich gemacht, daß die i. e. S. gewerblichen Strukturelemente des modernen Industrialismus definitorisch am zutreffendsten dadurch gekennzeichnet werden, daß die Person des Gewerbetreibenden in den begrifflichen Mittelpunkt rückt. Die Behandlung der gewerbebetrieblichen Problematik hat gezeigt, daß auf Grund wachsender Institutionalisierung des gewerblichen Wirtschaftens, die sich vor allem als technische und organisatorische Instrumentalisierung äußert, ein allgemeiner Prozeß der „Verbetrieblichung" des wirtschaftenden Individuums eingesetzt hat, wodurch Betriebstechnologie und Betriebsökonomie als Forschungsdisziplinen in diesem Bereich möglich und sinnvoll werden. Der Vorgang, in der betrieblichen Sphäre mit kurzen Strichen skizziert, ist nicht minder von volkswirtschaftlicher Relevanz. In gesamtwirtschaftlicher Hinsicht zeichnen sich Sachverhalte und Problemstellungen ab, deren Umrisse dank intensiver empirischer Forschungsarbeit in wachsender Deutlichkeit hervortreten, womit die theoretische Aufgabe heranreift, sie gedanklich zu durchdringen und zu bewältigen. 1. Vom Systemganzen des modernen Industrialismus her gesehen, verdeutlicht die Existenz breiter Schichten von selbständig wirtschaftenden Gewerbetreibenden, die sich (wie gezeigt)77 durch sämtliche volkswirtschaftlichen Funktionsbereiche hindurchziehen, das Ineinandergreifen instrumentaler und personaler Wachstumsund Entwicklungstendenzen, die gleichzeitig wirksam sind. Das ergibt den ökonomisch-gesellschaftlichen Prozeß kontinuierlicher Umschichtungen so76 Schmollers Jahrbuch, 76. Jg. (1956), S. 1 ff. und 143 ff. 77 Ebda., 74. Jg. (1954), S. 64] ff. Sdimollere Jahrbuch LXXVI, 6 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
2 Wilhelm Wernet [642 wohl im Gefüge des Wirtschaftsapparates als auch in den Reihen derer, die ihn bedienen, also der wirtschaftenden Menschen, ihrer Gruppen und Schichten, ganzer Völker und Nationen. Von Zeit zu Zeit pflegt hierin ein vorübergehender Gleichgewichtszustand einzutreten, der dadurch beendet wird, daß neue Antriebskräfte des Systems zum — meist revolutionären — Durchbruch kommen. Als die maßgebliche Antriebskraft des herrschenden Systems stellt sich immer deutlicher und entschiedener die den exakten Naturwissenschaften verpflichtete moderne Technik heraus. Sie erzwingt, wie sich am Strukturwandel des kleinbetrieblichen Gewerbes ablesen läßt, ein einheitliches, durchgehend wirksames Stilprinzip des modernen Wirtschaftens, eben das unter dem systemtragenden, nämlich technischen Gesichtspunkt sogenannte instrumentale Prinzip. Ihm gegenüber sind frühere Stilprinpizien, etwa das kapitalistische mit seinen Gegenpositionen (vor-, nachund antikapitalistisch) in die zweite Linie getreten78. Die ausgedehnten Bereiche vorherrschend personalen Wirtschaftens assimilieren sich dem instrumentalen Grundprinzip in jeweils individuellen Formen; in Goethescher Sprechweise ließe sich vom Instrumentalprinzip sagen, daß es eine „Anverwandlung" der Personalbereiche bewirke oder vollziehe. In dem Bemühen, zu einer konkreten Ortsbestimmung des Gewerbes i. e. S. im Rahmen des Industriesystems zu gelangen, hat es lange Zeit als ausreichend gegolten, als charakteristische Merkmale zu verzeichnen: Kleinbetrieb in räumlicher Dezentralisation. Das B e - triebsgrößenargument ist jedoch insofern brüchig geworden, als die verbindliche Grundlage — Arbeitskraft = Arbeitskraft — ins Wanken geraten ist, auch im kleingewerblichen Bereich. Die Einsicht in diesen Sachverhalt ist schon seit längerem vorhanden, doch hat es bislang an Möglichkeiten gefehlt, daraus praktische Folgerungen zu ziehen und Abhilfe zu schaffen. Nunmehr hat das Statistische Bundesamt einen ersten wichtigen Schritt in dieser Richtung getan und eine Sonderauszählung zur Arbeitsstättenzählung 1950 durchgeführt, die der verstärkten Anpassung der statistisch verwendeten Betriebsgrößen an die tatsächliche Struktur der Wirtschaft gilt79. Zu diesem Zweck wurde das Schema der Hauptzählung mit seinen 10 Betriebsund Umsatzgrößenklassen in 276 Betriebsund 311 Umsatzgrößenklassen aufgelöst, die der jeweilig gegebenen 78 W. Sombarts Monumentaltorso „Der moderne Kapitalismus" vermochte schon im Zeitpunkt der Veröffentlichung die über die hochkapitalistische Stufe hinausweisende Entwicklung nicht mehr überzeugend zu interpretieren. 79 Die Struktur der Arbeitsstätten nach der Zahl der Beschäftigten und der Höhe des Umsatzes. Ergebnisse einer Sonderauszählung zur Arbeitsstättenzählung 1950 (Bearbeiter: Dr. Gerhard D e n n u k a t). In: Wirtschaft und Statistik 8. Jg. N. F. (Stuttgart 1956), S. 289 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
643] Personales und instrumentales Wirtschaften 3 Struktur der Zweige, Gruppen usw. Rechnung tragen, und das derart aufgegliederte Material zum Zweck der Veröffentlichung wiederum in 50 Beschäftigtenund 60 Umsatzgrößenklassen zusammengefaßt. Die Ergebnisse dieser Manipulation sind überaus aufschlußreich und bestätigten vollauf die Vermutung, daß das für alle Bereiche einheitliche Betriebsgrößenschema der Arbeitsstättenzählung 1950 die charakteristische Verteilung von Arbeitsstätten und Beschäftigten verdeckt (a.a.O.). Und zwar gilt dies für die oberen Größenklassen nicht minder als für die unteren, bei denen das übliche Größenschema sich in fast allen Fällen als zu wenig differenziert erweist. Da fast 99 vH. aller Arbeitsstätten mit rund 57 vH. der Arbeitskräfte in Betriebsgrößenklassen unter 50 Personen liegen, kann bei vielen Branchen die Gruppierung frühzeitig abgebrochen werden, während bei Wirtschaftszweigen mit großbetrieblichem Charakter nur die oberen Größenklassen berücksichtigt zu werden brauchen (a.a.O.). Ähnliches gilt für die Gliederung nach dem Umsatz. Somit ist als entscheidender Fortschritt in der statistischen Erfassung der Betriebsgrößenwirklichkeit der Übergang zu branchenindividuellen Größenschemata zu buchen. Für die konkrete wissenschaftliche Durchdringung des Betriebsgrößenproblems ist damit ein fruchtbarer Ausgangspunkt gesetzt80. Da der Aussagewert von Betriebsgrößenverhältnissen im Hinblick auf Strukturprobleme des industriellen Systems trotz der erwähnten Verbesserung im ganzen gesehen doch fragwürdig geworden ist, dürfte die Umschau nach neuen Richtpunkten lohnend erscheinen. Sie können dann als geeignet gelten, wenn sie dem Wirkungsfeld des beherrschenden Grundprinzips entnommen sind, dessen Ausformungen in die moderne Gegenwart erklärt werden sollen — also dem Walten des Prinzips wachsender Instrumentalisierung menschlichen Wirtschaftens in unserer Zeit. Neben dieser prinzipiellen Bedingung muß selbstverständlich die praktische Voraussetzung erfüllt sein: daß verläßliche Zahlen in der eingeschlagenen Richtung vorliegen. Folgende Vorgänge im Schöße des modernen Industrialismus leiten zu einer zeitgemäßen Ortsbestimmung des Gewerbes auf dem Boden dieses Systems hin: 1. Eine fortwährende Umschichtung selbständig und unselbständig wirtschaftender Menschen aus dem produktioneilen in den distributioneilen und administrativen Bereich der Wirtschaftsgesellschaft ist systemgerechter Ausdruck dafür, daß das Güterhervorbringen dank wachsender instrumentaler Perfektion in steigendem Maße von den Schultern der Werktätigen genommen und auf Mechanismen und Apparaturen übertragen werden kann. Dieser Vorgang ist so alt wie die Industrialisierung selbst, auf ihm 80 Dringend zu wünschen wäre die Anwendung der verfeinerten Größengliederung bei der Aufbereitung der neuen Handwerkszählung von 1956. 1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
4 Wilhelm Wernet [644 beruht die Überlegenheit des Systems über alle anderen in der Geschichte hervorgetretenen Weisen des Wirtschaftens und die unbekümmerte Sieghaftigkeit, mit welcher das industrielle System sich den Erdball erobert. In früheren Phasen mußte zunächst gewerblicher Mutterboden in großem Umfange geopfert werden, um Platz für die neue Methode des Produzierens zu schaffen. Die Ziffern über die seit Jahrzehnten sich vollziehenden Verschiebungen vom Erzeugungsbereich (Landund Forstwirtschaft, Industrie, Handwerk) in die nachgeordneten Bereiche81 des Handels, der Dienste, des Verkehrs und der Verwaltung Umschichtung der volkswirtschaftlichen Funktionsbereiche11) Jahr Erwerbspersonen Jahr überhaupt und zwar in Jahr überhaupt Landund Forstwirtschaft Industrie und Handwerk Handel, Verkehr, öffentliche, private u. häusliche Dienste 1882 1895 1907 1925 1933 1939 16,9 19,8 25.2 32,0 32.3 34,3 Grundzahlen 7.1 7.2 8,6 9,7 9.3 8,9 in Millionen 6,0 7,7 10,0 13,5 13,1 14,4 3.8 4.9 6,6 8,7 9,9 10,9 1882 1895 1907 1925 1933 1939 100 117,0 149,0 189,6 191,3 202,9 Meßzahlen ( 100 100.7 119,9 136.8 130.9 125,2 1882 = 100) 100 127,9 166.7 225,1 218,0 240.8 100 130,6 175,9 233,0 263,2 290,2 a) Die Angaben für die Jahre 1882—1933 sind entnommen aus: Statistik des Deutschen Reichs, Band 458, Berlin 1937, S. 15; diejenigen für 1939 aus: Statistisches Handbuch von Deutschland, München 1949, S. 31. Für 1950 fehlen vergleichbare Zahlen. machen deutlich, daß der instrumentalisierte Produktionsapparat sich mit einem wachsenden Gürtel von Hilfseinrichtungen umgibt, ohne den er seinen eigenen Zweck nicht erfüllen kann. Die Vermutung spricht dafür, daß der begonnene Weg sich fortsetzen wird, wobei es keinen Unterschied macht, ob das technisch sich weiter perfektionie81 J. Fourastie: Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts, KölnDeutz 1954, weist (S. 123 f.) den Umschichtungsvorgang der „aktiven Bevölkerung44 für USA, Frankreich und Deutschland im Zeitraum eines Jahrhunderts nach. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
645] Personales und instrumentales Wirtschaften 5 rende Produzieren heute noch in Fabriken oder Gewerbebetrieben vor sich geht. Auch das Handwerk zählt zu dem produktioneilen Bereich, der laufend Arbeitsmenschen einspart und an die nachfolgenden Stufen weitergibt, es bringt der sich intensivierenden Instrumentalisierung gleichfalls in dieser Form seinen Tribut. Der Blickpunkt ist daher auf die Tertiärbereiche des Wirtschaftens zu richten — hier wird neben wirtschaftlichen Großgebilden laufend neues Gewerbe hervorgebracht, wobei die Betriebsgröße keine selbständige Rolle mehr spielt: sie paßt sich undogmatisch den veränderlichen Gegebenheiten an. Will man die Restbestände an Gewerbe im produktioneilen Bereich vielleicht nicht als systemgemäße Bestandteile des Industriesystems gelten lassen, so wird man doch nicht umhin können, das neu produzierte (sog. tertiäre) Gewerbe als systemgerechtes Glied1 der im Industrialismus vereinigten Wirtschaftsformen zu akzeptieren. 2. Die in allen Wirtschaftsbereichen und Wirtschaftsgruppen anzutreffenden Träger und Vollstrecker personaler Grundsätze und Formen des Wirtschaftens — Kleinlandwirte, Kleinindustrielle, Kleingewerbetreibende, Handwerker, Einzelkaufleute, Dienstleistende, Kleinverkehrtreibende, Gastwirte und Hotelgewerbetreibende, Hausgewerbetreibende und sonstige Gruppen — bilden den Einlaß für das fortgesetzte Einströmen selbständiger Kräfte in das apparative System moderner Industrialismen82. Dieser laufende Zustrom ist, wie sich aus der Statistik ergibt, niemals unterbrochen worden, wohl aber findet die soeben gekennzeichnete kontinuierliche Umschichtung aus dominant-instrumentalen in dominant-personale Bereiche statt. Das bedeutet, daß das apparative industrialistische System, um funktionsfähig zu sein, keiner generellen Eliminierung des wirtschaftenden Einzelnen, d. h. keiner Selbstabschließung gegenüber der nichtapparativen Existenz des Individuums bedarf. Der selbständig wirtschaftende Einzelne ist gewissermaßen als systemgerechter Bestandteil moderner Industrialismen legitimiert. Das bedeutet allerdings nicht, daß er in ökonomisch-gesellschaftlicher Hinsicht unentbehrlich sei; moderner Industrialismus wird auch in kollektiven Formen praktiziert. Die Entscheidung für das wirtschaftlich selbständige Individuum ist mithin eine solche primär politischer, nicht ökonomischer Natur. 82 Das „fortgesetzte Einströmen selbständiger Kräfte" stellt einen komplexen., noch wenig aufgehellten Vorgang dar: gewerbliche Arbeitsstätten verschwinden und werden neu errichtet, bestehende wechseln den Inhaber, andere ändern Betriebszweck und Produktionsrichtung, neue Betätigungsmöglichkeiten rufen neue Gewerbesparten auf den Plan, usw. Über die Umschichtungsvorgänge in einem Teilbereich des Gewerbes vgl.: "Wernet-Petersen, "Wettbewerbsvorgänge im Handwerk, Bremen-Horn 1953, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
6 Wilhelm Wernet [646 3. Den statstischen Nachweisen ist noch ein dritter Vorgang im Wirkfeld der Selbstentfaltung des technisch bestimmten Industrialismus zu entnehmen, der die Ortsbestimmung des Gewerbes i. e. S. innerhalb jenes Systems vervollständigt. Es ergibt sich, daß der Instrumentalisierungsprozeß intensiv und extensiv verläuft und sukzessive alle Bereiche des menschlichen Wirtschaftens erfaßt. Gegenwärtig sind diejenigen Betätigungsgebiete personaler Wirtschaftsgebarung an der Reihe, die der Technisierungsvorgang zunächst noch ausgespart hatte: der häusliche, der bäuerliche und der handwerkliche Bereich83. Hier — an den symbolischen Stätten von Haus, Hof und Werkstatt — verlief bis vor kurzem eine deutliche Grenze zwischen den wesenverschiedenen Welten des personalen und des instrumentalen Wirtschaftens in ihren reinen Formen. Inzwischen sind Haushalt, Bauernhof und Handwerkerwerkstatt ebenfalls vom Sog des Apparatismus erfaßt und werden planmäßig und zielstrebig der Instrumentalisierung „angeschlossen" — der Ausdruck gilt im wörtlichen und bildlichen Sinne84. Man wird die eindrucksvolle Konsequenz bewundern dürfen, mit welcher das oben erwähnte einheitliche, durchgehend wirksame Stilprinzip des modernen Wirtschaftens sich durchzusetzen vermag, ohne befürchten zu müssen, Haus, Hof undi Werkstatt würden nunmehr „industrialisiert". Sie werden vermutlich den technischen Fortschritt je auf ihre eigene Weise rezipieren und realisieren, was einen anderen Sachverhalt als den einer Industrialisierung ergibt. Worauf es im vorliegenden Zusammenhang ankommt — das Gewerbe i. e. S., das sich aus selbständigen Gewerbetreibenden vieler Sparten zusammensetzt, steht im Begriff, auch bezüglich seiner Arbeitsund Wirtschaftsweise den Anforderungen an Modernität, d. h. hier an systemgemäßer Einfügung in den apparativen Charakter der Umwelt Rechnung zu tragen. Der Vorgang vollzieht sich, wie es aufgrund gegebener Wesensmerkmale kaum anders sein kann, nicht ohne Reibung und Widerstand. Technizität und Kommerzialität sind den Apparaturen gemäß; nicht so sehr dem Einzelwirtschafter, der gerade jene Lücken im Wirtschaftsprozeß ausfindig macht, wohin der Apparatismus nicht vordringt. Die aktuellen Technisierungsvorgänge haben in der Sphäre der Personalwirtschafter wiederum neue Umschichtungen zur Folge. 88 Über den inneren Strukturund Wesenswandel des Handwerks im Zeichen wachsender Instrumentalisierung und Verbetrieblichung siehe auch: Wernet, W.: Was sagt die heutige Wissenschaft zum Wesen der Handwerkswirtschaft und Handwerkerpersönlichkeit? In: Forschung und Führung im Handwerk. Studienhefte der Evangelischen Akademie Rheinland-Westfalen, Iserlohn. Nr. 5/6. Haus Ortlohn 1956. 84 Ausreichendes Zahlenmaterial zur Verdeutlichung der Vorgänge liegt nicht vor. Im Anschluß an die Handwerkszählung 1956 wird erstmals eine Maschinenerhebung auf repräsentativer Grundlage für diesen Wirtschaftsbereich durchgeführt werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
647] Personales und instrumentales Wirtschaften 7 2. Die neue Situation, wie sie sich im engeren Gewerbebereich der kleinbetrieblich wirtschaftenden Selbständigen ergibt, ist also dadurch gekennzeichnet, daß deren Arbeitsstätten und Wirtschaftsweise in zunehmendem Maße der Technisierung und Kommerzialisierung unterliegen; es hat sich gezeigt, daß beide Vorgänge — wenn auch in abgewandelten Formen — im Rahmen des kleinen und mittleren Gewerbebetriebes vollziehbar sind. Auf diesem Wege eröffnet sich die prinzipielle Möglichkeit zu einer (intensiv und extensiv) wachsenden Integration der Kleinen in das Strukturgefüge und den Funktionszusammenhang des modernen Industrialismus und seinen expansiven Entwicklungsverlauf; sie wird in steigendem Maße praktisch realisiert. Daraus ergibt sich zweierlei: Die Wirtschaftsvorgänge im kleinund mittelbetrieblichen Gewerbebereich erweisen sich mit fortschreitender Instrumentalisierung des Betriebsgeschehens daselbst als zunehmend objektivierbar, d. h. mit den Methoden der neuzeitlichen Wirtschaftsbeobachtung fixierbar; sie können mit fortschreitender Genauigkeit und Zuverlässigkeit meßbar und rechenbar gemacht werden. Früher, als im Gewerbe noch fast ganz in ursprünglich personalen Formen gewirtschaftet wurde, war das nicht der Fall; die exakte Wirtschaftsforschung vermochte diese Subjektbereiche des Wirtschaftens nicht zu erfassen und klammerte sie folgerichtig aus ihren Berechnungen aus. Auf der anderen Seite läßt das Erfordernis, zu vollständigen Zahlenbildern über die gesamtwirtschaftlichen Vorgänge zu kommen, nicht mehr zu, über den schwer durchleuchtbaren Bereich des dezentralisiert wirtschaftenden Gewerbes hinwegzusehen oder sich mit vagen Vermutungen und Schätzungen darüber zu begnügen. Das um so weniger, als der Bereich sowohl z. T. rückläufige als auch z. T. expansive Ten denzen der Entwicklung aufweist. In einer Art Gleichschritt beider Umstände, nämlich dem Bedürfnis nach konkretem Zahlenmaterial und den realen Möglichkeiten zu seiner Befriedigung, ist so in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten eine empirische Tatsachenforschung im Gewerbebereich zustande gekommen, die mit einer stattlichen Reihe von Materialsammlungen und diskussionsfähigen Ergebnissen aufwarten kann85. Die Handelsforschung verfügt dank dem lebhaften Interesse für diesen Wirtschaftszweig seit langem über Einrichtungen und Verfahren zur Beschaffung volkswirtschaftlicher Daten; Ämter, Institute und Verbände arbeiten hierbei nutzbringend zusammen. Die kleinen Gewerbetreibenden des Handels partizipieren über ihre eigene Mit85 Über die Bereitstellung betriebswirtschaftlicher Daten ist bereits früher berichtet: Schmollers Jahrbuch 76. Jg. (1956), erstes und zweites Heft, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
8 Wilhelm Wernet [648 wirkung hinaus an den Leistungen, die eine vielseitige Handelswissenschaft und angesehene Publizistik hervorbringen. Demgegenüber ist es um die wissenschaftliche Durchforschung des übrigen kleinen und mittleren Gewerbes unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit Ausnahme des Handwerks schwach bestellt. Die allgemeinen Bestandserhebungen zur Wirtschaftsstruktur (Betriebsund Berufszählungen) lassen zwar das Vorhandensein breiter Schichten selbständig wirtschaftender Individuen in allen Funktionsbereichen erkennen, von denen wir wissen oder annehmen können, daß sie in anderer Weise als die apparativen Gebilde wirtschaften; ihre Beiträge zum Gesamtergebnis der Wirtschaft gehen aber zum überwiegenden Teil vorläufig noch ungeschieden in die allgemeinen Nachweise ihrer Funktionsgruppe mit ein. Das ist beispielsweise in den meisten Zweigen der weitverzweigten Kleinund Mittelindustrie der Fall. Lediglich auf Umwegen, etwa über die Umsatzsteuerstatistik, sind nähere Aufschlüsse erhältlich. Die erwähnte, zur Veröffentlichung vorbereitete Sonderauszählung zur Arbeitsstättenzählung 1950 dürfte geeignet sein, erstmals einiges Licht in bisher unerschlossene Zusammenhänge zu bringen. Für den Handwerksbereich steht bereits heute ein vielseitiges Instrumentarium zur Aufhellung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge zur Verfügung. Vom Bundesministerium für Wirtschaft (Unterabteilung Handwerk) werden seit Ende 1948 „Handwerkliche Lageberichte" in vierteljährlichen Abständen herausgegeben86, die neben anderem über Produktion und Absatz, lohnund sozialpolitische Fragen, Arbeitsmarktlage, Preise, Kreditund Steuerfragen und Exportleistungen unterrichten. Sie stützen sich auf Unterlagen der Handwerkskammern und zentralen Fachverbände und lassen den Wirtschaftsverlauf im Handwerksbereich in großen Zügen erkennen. Im Zuständigkeitsbereich der statistischen Bundesund Landesbehörden schaffen allgemeine, spezielle und partielle Gesamterhebungen den Rahmen und die Grundlage für die Durchforschung der Handwerksverhältnisse im Bundesgebiet. Von prinzipieller Bedeutung im Hinblick auf die Kenntlichmachung der Strukturelemente des modernen Industrialismus dürfte die gesonderte Erfassung des Handwerks innerhalb der allgemeinen Bestandsaufnahme (Arbeitsstättenzählung)87 von 1950 sein, die 1939 erstmals durchgeführt worden war. Obwohl der gesonderte Nachweis des Handwerks sich nicht über das gesamte Tabellenmaterial erstreckt, sind wertvolle Aufschlüsse über die Zusammensetzung der Wirtschaftszweige aus industriellen und handwerklichen Bestandteilen gewonnen. 86 Der Bundesminister für Wirtschaft: Die Lage des Handwerks im .. . Quartal 19 ... o. O. (Bonn) o. J. Masch.schrift vervielfältigt. 87 Statistik der Bundesrepublik Deutschland. Band 44—47. Stuttgart 1953 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
655] Personales und instrumentale^ Wirtschaften 15 strialismus vollständig. Der Ansatzpunkt liegt im Wirkungsbereich des Instrumentalprinzips selbst und damit im Zentrum des herrschenden Systems. Von da ergehen Impulse zu gewerblichem Wirtschaften (im hier dargelegten Sinne) in die verschiedensten Richtungen und finden Aufnahme und Verwirklichung in den Schichten personal wirtschaftender Individuen — oder auch nicht. Im Falle der Realisierung richtet sich der institutionelle Rahmen (Werkstatt, Betrieb, Unternehmung) der Gewerbetätigkeit nach Art und Ausmaß der wirtschaftlichen Verrichtung, die das apparative System — aus welchen Gründen immer — dem Ergänzungsbereich „G ewerbe" aufträgt oder überläßt. So kommt es, daß der Betriebsgröße im Gewerbe keine normative Geltung mehr innewohnt, Gewerbe (Handwerk) nicht« mit Kleinbetrieb identisch ist. Die Größe des Gewerbebetriebes, aber ebenso seine Struktur, seine Ausrüstung, seine Kundennähe und viele andere Merkmale sind nicht mehr absolut gesetzt, sondern ergeben sich als abhängige Varianten aus der Zweckbestimmung, die der Gewerbetreibende als wirtschaftendes Subjekt vorfindet. Wirtschaftliche Zweckbestimmung = ökonomische Funktion entscheidet über dasjenige, was früher als unveränderliche Größe gegolten hat, und relativiert es. Die aktuelle Diskussion volkswirtschaftlicher Probleme des Gewerbes tendiert unausgesprochen in die aufgezeigte Richtung, d. h. zur funktionellen Betrachtungsweise gewerbewirtschaftlichen Geschehens. So gibt Beckermann106 in seinen Standortuntersuchungen und Konjunkturanalysen eine sorgfältig erarbeitete Bestätigung dafür, daß ein in der Wirklichkeit gegebenes Handwerk, beispielsweise dasjenige im Industrierevier an der Ruhr, in ganz ausschlaggebender und eindeutiger Weise von den tragenden Umweltfaktoren bestimmt ist. Sein Erscheinungsbild kann geradezu als eine Funktion (Abhängige) der Kulturlandschaft gelten, in welche es hineingestellt, fast möchte man sagen: hineinkomponiert ist. Kaum einer der Umweltfaktoren ist bedeutungslos: weder die gegebene Agrar-, Industrie-, Verkehrs-, Siedlungsund Sozialstruktur, noch Geologie und Klima, Lebensgewohnheiten und Mentalität der Bevölkerung und anderes mehr; historische Zufälligkeiten spielen ebenfalls eine erhebliche Rolle. Man wird daher der erkenntnistheoretischen Konsequenz nicht ausweichen dürfen, daß die Anwendung mono-ökonomischer Erklärungsprinzipien auf den Handwerksbereich in der Regel nicht ausreichen wird, vollständige Erkenntnisse zu bewirken. 108 Beckermann, Th.: Lebensgrundlagen und regionale Struktur des Handwerks in Nordrhein-Westfalen, a.a.O., S. 68 ff. — Derselbe: Landtechnik u. Landhandwerk, a.a.O., S. 17 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
16 Wilhelm Wernet 1656 Es sind genügend monographische Untersuchungen darüber vorhanden107, in welchem entscheidenden Maße das örtliche, bezirkliche und regionale Handwerk von der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt geprägt ist, in die es hineingestellt ist — was übrigens ein unmittelbarer Ausfluß seiner personalen Grundstruktur ist und im gleichen Maße sich abschwächt, in welchem das personale Grundelement verblaßt; instrumentale Wirtschaftsgebilde (Fabriken usw.) pflegen in der rationalen Zweckhaftigkeit ihrer Anlage von der umgebenden Kulturlandschaft weitgehend unabhängig zu sein (sie haben sie häufig genug denaturiert und verschandelt). Die Verarbeitung der zahlreich vorliegenden Monographien zu einem Gesamtbild der funktionalen Beziehungen zwischen Umwelt und Handwerk ist bisher nicht versucht worden; der Tatbestand als solcher darf dessen ungeachtet als ausreichend gesichert betrachtet werden. Er dürfte für die Erkenntnis des Handwerksproblems insofern belangvoll sein, als die weiter oben erwähnte Systemabhängigkeit des Handwerks (funktionale Abhängigkeit von den gestaltenden Mächten und Kräften des Indus trialismus) ihr Gegenstück in einer ausgesprochenen Milieuabhängigkeit findet. Mir scheint, daß hiermit die maßgeblichen Bezugspunkte für eine analytische Erforschung des Handwerksphänomens festgestellt sind. Beide Abhängigkeiten lassen sich indessen nicht scharf abgrenzen, sie berühren einander häufig und durchkreuzen sich. Das ist beispielsweise bei den Problemkreisen Betriebsdichte, Betriebsgröße, Standort, Beschäftigtengliederung, Auftragsstruktur, Konjunkturverlauf und anderen der Fall. Das will heißen, daß etwa die Betriebsdichte (Zahl der Werkstätten insgesamt und nach Branchen gegliedert auf je 1000 Einwohner) ebenso von Umweltfaktoren wie von industriellen Expansionstendenzen und Marktgegebenheiten beeinflußt wird und abhängig ist, ähnlich die Standortverteilung usw. Die Forschung wird darüber näher zu befinden haben. Systemabhängigkeit und M i 1 i e u a b h ä n g i g k e i t bestimmen gemeinsam das Funktions-undStrukturbild desHandwerks, wobei immer deutlicher zutage tritt, daß die Strukturzüge des Handwerkskörpers den Wandlungen des Funktionsbildes folgen. Zu vermuten ist, daß in dieser Hinsicht alle Zweige des personal wirtschaftenden Gewerbes gleich reagieren und dem dargelegten Grundsatz folgen. Für den Handwerksbereich ist der Sachverhalt ausreichend belegt: Die aufgezeigten generellen Abhängigkeitsverhältnisse wirken nach allen Seiten hin als spezielle Abhängigkeiten fort. 107 ygi# f ernet, W. (Hrsg.): Bibliographie des Handwerks. Verzeichnis der Dissertationen 1945—1952. Göttingen 1955. — Dasselbe 1933—1944. Göttingen 1956. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
657] Personales und instrumentales Wirtschaften 17 Di© erzwungene Anpassung des handwerklichen Wirtschaftens an Erfordernisse des industrialistisdien Systems, neuerdings durch individuelles Mitgehen der Betriebsinhaber und berufsgemeinschaftliches Handeln von Berufsorganisationen mit staatlicher Hilfe initiativ gefördert, schreitet etwa seit dem Währungsschnitt mit progressiver Beschleunigung fort und ergreift alle Bereiche handwerklicher Existenz. Das trifft außer auf die Grundsätze und Methoden des Wirtschaftens und den institutionellen Rahmen nicht zuletzt auf die geistig-seelische Haltung der Handwerkerschaft zu; der habituelle Anpassungsprozeß wird zwar in seiner Ausbreitung noch teilweise durch die bekannte Überalterung in den Reihen der Selbständigen gehemmt, greift aber dort immer tiefer, wo die jüngere Generation das Heft in die Hand nimmt. Da im Vergleich zu den effektiven, auch der Durchschnittsintelligenz des Gewerbetreibenden erkennbaren und realisierbaren Chancen des Industrialismus zugunsten gewerblicher Individualbetätigung die lediglich potentiellen Chancen wachsen, aber zu ihrer Erschließung größerer Wendigkeit, nicht selten auch besserer Berufskenntnisse und größerer Kapitalien bedürfen, so ist die schneller ablaufende physische Regenerierung der Selbständigenschicht von erheblicher Bedeutung. Soziologische Klärungen dieser Sachverhalte tun daher dringend not, wofür die Handwerkskammern und Berufsverbände empirisches statistisches Material in wachsender Breite zur Verfügung halten108. Die in den sekundärstatistischen Aufzeichnungen der Organisationsstellen vorhandenen Informationsquellen stehen der wissenschaftlichen Bearbeitung offen. Wohl am deutlichsten tritt die wachsende Integration des Gewerbewesens in den Systemzusammenhang des Industrialismus auf dem Gebiet des Konjunkturgeschehens hervor. Das vorhandene Beobachtungsmaterial älteren und neueren Datums läßt die zunehmende Reagibilität des Handwerksbereiches gegenüber konjunkturellen Bewegungen, darüber hinaus ein teilweise anders geartetes Reagieren als früher erkennen. Beides hängt einmal mit dem gewandelten Funktionenbild, zum anderen mit den veränderten Betriebsstrukturen zusammen. Jenes ist stark von der Ausbreitung gewerblicher Aufträge zu Lasten der privaten Kundenversorgung und von der Zunahme direkter und indirekter Handelsfunktionen beeinflußt; die Strukturveränderungen der Betriebe sind vor allem durch höhere Kapitalintensität und stärkeren technischen Instrumentalcharakter gekennzeichnet. 108 Vgl. Deutscher Handwerkskammertag: Jahresbericht 1. April 1955 bis 31. März 1956. Als Manuskript gedruckt, o. O. (Bonn) o. J. (1956), S. 222 ff. und frühere Berichte. Schmollers Jahrbuch LXXVI, 6 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
18 Wilhelm fernet [658 Das Essener Wirtschaftsinstitut109 unterscheidet unterschiedliche Konjunkturabläufe sowohl unter dem Gesichtspunkt der Betriebsgröße (sprich: Kapitaleinsatz und Technikausstattung) als auch unter dem der Branchendifferenzierung. Man wird als weiteren Gesichtspunkt die Regionalstruktur hinzunehmen dürfen, die im Handwerksbereich (anders als in der Industrie, von Sonderfällen wie Grenzlandverödung abgesehen) konjunkturelle Ausschläge ermöglicht, die allerdings zum großen Teil auf betriebliche und fachliche Differenzierung zurückgeführt werden können. Das Institut bildet zur schärferen Präzisierung der Vorgänge drei Teilbereiche: Investitionsgüter-, Konsumgüterund Baugewerbe und zeigt die Bedingungen für entsprechende Sonderkonjunkturen innerhalb des Handwerksbereiches auf. Es ist aber nicht so, daß der jeweilige Verlauf mit dem korrespondierenden Industrie-Teilbereich ohne weiteres übereinstimmt; im Investitionssektor bleibt das Gewerbe beispielsweise einmal hinter dem industriellen Verlauf zurück, ein andermal eilt es ihm voraus. Früher teilweise unbekannte Einflüsse machen sich jetzt auch im Handwerksbereich geltend: Liquiditätsprobleme, wachsende Lagervorräte, das Teilzahlungsgeschäft u. a. mehr. Da Eigeninvestition und Export im Handwerk eine geringe Rolle spielen, schälen sich als konjunkturbestimmende Momente in der Hauptsache folgende heraus: Investitionsvolumen der öffentlichen Hand (Bautätigkeit), Investitionsentscheidungen der Wirtschaft, Einkommensentwicklung und -Verteilung der Bevölkerung, Konsumbereitschaft und Verbrauchsgewohnheiten der privaten Abnehmer. Generell fördert der Konjunkturanstieg den Zug zum größeren Betrieb auch im Handwerk, dessen Realisierung auf verschiedene Weise erfolgen kann: durch fachliche Spezialisierung, Angliederung von Nebenbetrieben, Errichtung von Filialgeschäften oder Kombination von Vorgängen solcher Art. Im Baugewerbe ist die Investitionsrate besonders hoch und die Herausbildung leistungsfähiger Mittelbetriebe besonders lebhaft. Der hiermit geleistete Beitrag zu einer Wirtschaftslehre des Handwerks läßt weitere lehrreiche Aufschlüsse über das konjunkturelle Verhalten der im Handwerk zusammengefaßten Individualwirtschafter und Personalbetriebe erwarten. Was die konjunkturell relevanten Umschichtungen der Abnehmerschaft im ganzen betrifft, so schätzt das DIWBerlin110 den Vorkriegsanteil der privaten Abnehmer auf 60 vH., den der gewerblichen Verbraucher unter Einschluß des Wohnungsbaus auf 109 Den Sachverhalt interpretiert im gleichen Sinne Oehler, W.: Strukturzüge der niedersächsischen Handwerkswirtschaft. Bremen-Horn 1953, S. 31 ff. 110 Wochenbericht Nr. 18/1956: Leistung und wirtschaftliche Verflechtung des Handwerks im Bundesgebiet. Vom 4. 5.1956. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
659] Personales und instrumentales Wirtschaften 19 40 vH. des Umsatzes der Handwerkswirtschaft; der Privatabsatz ist 1950 auf 55 vH. und 1955 auf etwa 48 vH. zurückgegangen, die übrigen Leistungen haben sich entsprechend erhöht. Die Umschichtung geht in erster Linie auf das Konto Baugewerbe, während etwa die Nahrungsmittelgruppe fast ausschließlich an Privatkundschaft liefert, das Metallhandwerk etwa zur Hälfte. Indessen würde es voreilig sein, für die Zukunft eine lineare Fortsetzung dieser Entwicklung zu erwarten; die empirische Konjunkturforschung wird konkret nachzuweisen haben, wie die Kurve der „Absatzstruktur" weiterhin verläuft. Die Vermutung spricht dafür, daß eine Reihe wichtiger Vorgänge im Schöße der Handwerkswirtschaft über das bisher angenommene Maß hinaus von den Wandlungen der Absatzstruktur abhängt und beeinflußt wird. Zunächst einmal werden Betriebsgröße und betrieblicher Aufbau davon berührt, die wichtigsten Daten darüber sind allgemein bekannt111. Ein sprechender Hinweis dazu: in Nordrhein-Westfalen, wo die Tendenz zur Verdrängung des privaten durch den gewerblichen Abnehmer besonders stark wirksam ist, hat von 1951 auf 1952 die Zahl der Handwerksbetriebe mit mehr als 20 000 DM Jahresumsatz um rund 4000 Einheiten zugenommen, diejenige der Kleinstund Kleinbetriebe ging gleichzeitig um rund 7700 Einheiten zurück112. Der empirischen Forschung ist die Aufgabe gestellt, nähere Aufschlüsse gerade über die Ursachen des Verschwindens handwerklicher Betriebe zu erarbeiten, auf welches die verschiedensten Umstände hinwirken können. Mit globalen Angaben hierüber ist heute kaum noch etwas gewonnen, insbesondere bleiben die Wettbewerbsvorgänge innerhalb der Handwerkerschaft verdeckt. Es dürfte aber ein Anliegen wirklichkeitsnaher Erkenntnis sein, Ablösungsund Verdrängungsprozesse außerhandwerklichen Ursprungs von Aufstockungsund Konzentrationsvorgängen zu trennen, die sich im Handwerksbereich selbst abspielen. Damit hängen wiederum die bislang ebenfalls allzu pauschal behandelten Problemkreise der Betriebsdichte und Beschäftigtendichte in Verbindung mit der Standortproblematik des Handwerks zusammen. Die Betriebszahlen, d. h. der jeweilige Bestand an Arbeitsstätten, werden kaum noch zur Beurteilung der „Lebensfähigkeit" des Handwerks herangezogen, jedenfalls nicht als Kriterium sine qua non. Das kann nicht bedeuten, daß dieser Gesichtspunkt für die Aufhellung der Handwerksprobleme uninteressant geworden wäre — im Gegenteil. Eine ausreichend differenzierte Streuung der Betriebsstätten im 111 Fortlaufende Angaben darüber enthält auf Grund der jeweils neuesten Ermittlungen: Deutsches Handwerksblatt, Halbmonatsschrift für Handwerkspolitik, Handwerkswirtsdiaft und Handwerkskultur. Bonn 1949 ff. Verlagsamt Alfeld/Leine. 112 Siewert, W.: Strukturwandlungen des Handwerks im Rahmen der Wirtschaftsentwicklung, a.a.O., S. 20. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
20 Wilhelm Werne t [660 Räume berührt unmittelbar die volkswirtschaftliche Grundfunktion des Handwerks und läßt daher keine beliebige Einschränkung zu. Das wird von den Konkurrenztheoretikern allzu leicht übersehen, wie es übrigens auch im Einzelhandel belangvoll ist113. Der Entwicklungsverlauf ist in beiden Bereichen gegenwärtig verschieden: im Handwerk geht die Gesamtzahl der Betriebe seit 1949 ständig zurück, im vorwiegend kleinbetrieblichen Einzelhandel tritt dagegen ein sehr erheblicher Nettozugang zutage114. Teilweise wird man zur Erklärung dieser Diskrepanz den großen Befähigungsnachweis im Handwerk heranziehen dürfen; es liegen aber auch unterschiedliche ökonomische Sachverhalte vor, die darauf schließen lassen, daß die Wettbewerbsvorgänge in beiden Bereichen verschiedenartigen Charakters sind. Weitere Klarheit darüber wird erst zu erwarten sein, wenn es möglich sein wird, eine Wirtschaftslehre des Handwerks derjenigen des Handels (Seyffert) zu konfrontieren. Die fast durchgehend auftretende kontinuierliche Zunahme der durchschnittlichen Betriebsgrößen im Handwerksbereich bedarf vordringlich einer systematischen Durchprüfung nach Ursachen und Wirkungen und der sachkundigen, unschematischen Interpretation, da sich hinter dem scheinbar einheitlichen Gesamtbild recht unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Vorgänge verbergen. Für eine Globalbetrachtung mögen folgende Vergleichsziffern aufschlußreich sein: im Zeitraum 1949 bis 1953 stand einem Rückgang im Bestand an Handwerksbetrieben um 8 vH. eine Zunahme der Beschäftigten um 18 vH. und eine solche der Umsatzwerte um 60 vH. gegenüber115. Verstärktes Interesse wird die Forschung künftig der Beschäftigtenbewegung im Bereich der personal wirtschaftenden Gewerbetreibenden zuwenden, da hierdurch die Abhängigkeit der Kleinen von der Dynamik des industriellen Gesamtsystems in einer Weise demonstriert wird, die unmittelbar an ihre Grundstruktur und Wesensart rührt. Das will heißen, daß die berufliche Substanz der Einzelwirtschafter infolge Ablösung der persönlichen Technikverrichtung durch Mechanismen und Apparatismen sowie infolge Substitution des Berufsfachmannes durch zugeordnete Betriebskräfte (technischer und kaufmännischer Verrichtung) und (angelernte oder ungelernte) Hilfskräfte subjektiv und objektiv zurückgedrängt wird oder sogar in Verlust geraten kann. Es handelt sich um einen (wiederum sehr 113 Selbständige Überlegungen hierzu bei Fleck, W.: Wissenschaftliche Absatzführung, ihr Gegenstand und die Mittel zu ihrer Verbreitung. In: Internationales Gewerbearchiv, 4. Jg., S. 64 ff. St. Gallen 1956. 114 DIW, Wochenschrift Nr. 17/1955: Struktur und Bedeutung der deutschen Handwerkswirtschaft. Vom 29.4.1955. 116 Siewert, W.: Strukturwandlungen des Handwerks im Rahmen der Wirtschaftsentwicklung, a.a.O., S. 20. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
661] Personales und instrumentales Wirtschaften 21 komplexen und keineswegs gleichläufigen) Vorgang von allergrößter Tragweite wirtschaftspädagogischer, berufspolitischer, ökonomischer, sozialer, berufsständischer und gesellschaftlicher Natur. Die Aufzählung lediglich der wichtigsten Wirkungsrichtungen umreißt einen Themakreis der Gewerbeforschung außer von prinzipieller Wichtigkeit auch von besonderer Aktualität, und zwar für die Allgemeinheit nicht minder als für die betroffenen Kreise; mit der fortschreitenden Umwandlung des manuell-empirischen Habitus früherer Handwerkergenerationen in eine stärker intellektuell bestimmte Grundhaltung gerät unser ganzes System der Berufserziehung und beruflichen Ausbildung in Bewegung; ohne daß vorläufig ein direkter Zusammenhang bestünde, wirft hier bereits die kommende Automation bestimmter Wirtschaftsvorgänge ihre Schatten voraus. Wenden wir den Blick vorübergehend auf die Milieuabhängigkeit des Handwerks, die im übrigen cum grano salis auch für die anderen Zweige des dezentralisiert und personal wirtschaftenden Gewerbes besteht, so rückt hier die Standortproblematik von selbst in den Vordergrund. Es liegen zahllose ältere und jüngere Einzelbeiträge zur Standortfrage des Gewerbes vor, denen mangels systematischer Verarbeitung aufgrund theoretischer Überlegungen bis vor kurzem die Verdichtung zu allgemeinen Erkenntnissen versagt geblieben ist. Nunmehr hat Beckermann116 entscheidende Vorarbeit für eine systematische Standortkunde des Handwerks geleistet, die wiederum als Vorstufe zu einer wissenschaftlichen Standortlehre gelten kann, die es gleichzeitig mit dem übrigen Teil des Gewerbes im hier behandelten Sinne zu tun haben wird. Der Autor geht insbesondere den von ihm so genannten Gebietstypen; (industrielle und ländliche Bezirke) und Siedlungstypen (zentrale Städte, vielseitige und einseitige Industriestädte, vielseitige und einseitige Landkreise usw:) nach, zeigt mittelbare und unmittelbare Einflüsse derselben auf, stellt die für das Handwerk speziell wirksamen Standortfaktoren heraus, untersucht die Absatzradien und gelangt für die zwei Hauptkategorien von Handwerkszweigen — Konsumgüterund Investitionsgüterzweige — zu systematisch geordneten Ergebnissen von eindrucksvoller Prägnanz. Wie nicht anders zu erwarten, spielen die rechenbaren Elemente in diesem Standortbild keine dominierende Rolle, von exakt meßbaren Faktoren im Sinne Alfred Webers zu schweigen. Dafür ergeben sich prägnante Beziehungen zum gegebenen Kulturund Wirtschaftsraum, die außerordentlich bildhaft und einprägsam sind. In der (noch ausstehenden) Verknüpfung mit dem Begriffsapparat und den Systemgedanken einer theoretisch gerichteten Handwerksforschung 116 Beckermann, Th.: Lebensgrundlagen und regionale Struktur des Handwerks in Nordrhein-Westfalen, a.a.O., S. 68 ff, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
22 Wilhelm Wernet [662 erscheinen die vorgelegten Ergebnisse geeignet, die Problematik einer Standortlehre des Gewerbes lösbar zu machen. Freilich sollte hierfür auch die empirische Basis erweitert werden, da ausreichendes Vergleichsmaterial zu Kontrollzwecken noch fehlt. Kehren wir damit zu den Auswirkungen der Systemabhängigkeit auf den Handwerkskörper zurück. Die laufende Vergrößerung der Handwerksbetriebe — die Durchschnittsgröße liegt für das Gesamthandwerk117 im Schnitt jetzt bei 4,5 bis 5 Personen je Betrieb, bleibt in bestimmten Berufsgruppen dahinter zurück und geht in anderen darüber hinaus — bedeutet in den meisten Fällen mehr als ein bloß additives Wachstum, bei welchem mehr Gesellen und Lehrlinge um den Meister geschart sind als früher. In dieser letzteren Weise pflegte sich der ausschließlich personal geartete Werkstattbetrieb des alten Handwerks zu vergrößern, solange die Handwerkstechnik die Grenzen des Werkzeughaften nicht überschritten hatte. In welchem Maße solches inzwischen geschehen ist, deutet die betriebliche Verwendung maschineller Antriebskräfte an, die 1949 bei 3,7 PS je Arbeitsstätte lag und damit mehr als 1 Pferdestärke je Kopf der Beschäftigten betrug118. Neuerdings dürfte darin ein weiterer Fortschritt erzielt sein. Die wachsenden Betriebsgrößen aufgrund höherer Beschäftigtenzahlen kommen heute in der Regel im Wege technischer Intensivierung des Betriebsgeschehens und damit in Verbindung mit steigender Kapitalintensität zustande. Das hat zur Folge, daß die mit betrieblichem Kapitaleinsatz verknüpften Probleme nun auch im Bereich des personalen — vorläufig noch vorwiegend personalen — Wirtschaftens, wo sie bislang (häufig zu Unrecht) ein unentwickeltes Dasein geführt haben, ans Tageslicht treten, gewissermaßen virulent werden. Das Tor zur Einbeziehung der Werkmannsarbeit des Handwerkers in die Entfaltung der Produktivität ist aufgestoßen, in jenen Vorgang mithin, der die gegenwärtige Phase der industriellen Dynamik vorwiegend kennzeichnet. Die Wirtschaftsleistungen des Handwerks wachsen in neue Formen, neue Dimensionen, neue Beurteilungsmaßstäbe und Problemstellungen hinein. Schon früher119 ist versucht worden, über die Investitionen des Handwerks Klarheit zu gewinnen, um diese Seite der Handwerkstätigkeit in ein volkswirtschaftliches Gesamtbild einfügen zu können. 117 Die Ergebnisse der jährlich durchgeführten Berechnungen werden laufend im Deutschen Handwerksblatt (Bonn 1949 ff.) veröffentlicht. Iis Di^ Wochenbericht Nr. 22/1954: Zur Situation des Handwerks im Bundesgebiet. Vom 28. 5.1954. 119 Institut f. Konjunkturforschung: Kapitalbildung und Investitionen in der deutschen Volkswirtschaft 1924 bis 1928. Sonderheft 22 der Vierteljahrshefte zur Konjunkturforschung. Berlin 1931. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
663] Personales und instrumentales Wirtschaften 23 Unter Verzicht auf die Ermittlung der gesamten Anlagewerte zu einem bestimmten Zeitpunkt ist festgestellt worden, daß 1924 bis 1928 in der Handwerkswirtschaft rund 705 Millionen RM für Neuund Umbauten, Inventarvermehrung, Anschaffung von Maschinen usw. investiert worden sind (a.a.O. S. 130). Die in der absoluten Höhe überraschende Summe ergibt bei Umrechnung auf damals 3,4 Millionen Beschäftigte (im Reichsgebiet) eine Quote von rund 200 Mark je Kopf, schrumpft also auf nicht mehr als rund 40 Mark je Kopf im Jahresmittel zusammen. Gleichzeitig wurde ein Lagerzuwachs von rund 566 Millionen RM festgestellt, was eine Gesamtinvestition in fünf (konjunkturell schlechten bis mittelguten) Jahren von rund 1,27 Mrd. RM ergibt. Damals wurde kommentiert: „Diese Investition stand im Zusammenhang mit der im ganzen verhältnismäßig günstigen Entwicklung der Umsätze, wodurch ein Anreiz zu einer gewissen Ausdehnung des Betriebes gegeben war; vielfach setzte sogar die Umsatzzunahme eine solche Ausdehnung geradezu voraus" (ebda). Von besonderem Interesse dürfte der nachgewiesene konjunkturelle Rhythmus der Investitionstätigkeit sein (a.a.O. S. 131): 1926 = 116 Mill. RM Die Schätzung von Siewert120, der für 1936 den Anlagewert (Betriebsund Geschäftssausstattung) des Gesamthandwerks mit rund 1,5 Mrd. RM beziffert, dürfte im Hinblick auf die obigen Größenordnungen sicherlich zu niedrig gegriffen sein, indessen sind weitere Berechnungsversuche nicht bekannt geworden. Es wird auch kaum möglich sein, auf repräsentativer Grundlage zu realistischen Ergebnissen zu kommen, da die praktischen Verhältnisse zu heterogen sind. Wenn Siewert weiterhin die Anlagewerte aus 1936 mit 9 vH. des Umsatzwertes vom gleichen Jahre beziffert und für 1953 einen entsprechenden Anteil von 16 bis 18 vH. annimmt (a.a.O. S. 12), so muß die Treffsicherheit dieser, zugestandenermaßen groben Schätzung offen bleiben. Im Zusammenhang hiermit ist auch versucht worden, den jährlichen Handwerksbedarf an Investitionsgütern zu ermitteln, indem eine Relation zum jährlichen Warenund Materialeinsatz hergestellt wurde121; doch erscheint es fraglich, ob die geeignete Methode hierzu schon gefunden ist. Immerhin ist angedeutet, daß der Handwerkskörper auf dem Investitionskonto der Volkswirtschaft mit einem be120 Sie wert, W.: Strukturwandlungen im Handwerk im Rahmen der Wirtschaftsentwicklung, a.a.O., S. 4. 121 DIW, Wochenbericht Nr. 18/1956: Leistung und wirtschaftliche Verflechtung des Handwerks im Bundesgebiet. Vom 4. 5.1956. 1924= 57 Mill. RM 1925 = 165 Mill. RM 1927 = 210 Mill. RM 1928 = 157 Mill. RM OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
24 Wilhelm Wernet [664 achtlichen Betrag zu Buche steht und daß infolgedessen die Bemühungen um eine weitere Klärung fortgesetzt werden müssen. Gehen dergestalt laufend wachsende Kapitalanteile in die Wirtschaftsleistung des Handwerks ein, die zu ihrem Teil den zahlenmäßig schwer bestimmbaren Kreditbedarf für mittelund langfristige Zwecke begründen, so gewinnt die Frage nach den Vorleistungen, die die Handwerkswirtschaft laufend beansprucht, nicht minder an Interesse. Frühere Berechnungen darüber sind vom Enquete-Ausschuß122 versucht worden, der bei einem geschätzten Handwerksumsatz von etwa 20 Mrd. RM (1926) auf einen geschätzten Einsatz an Werkstoffen (Rohund Hilfsstoffen) von 10 bis 12 Mrd. RM gekommen ist. Das DIW123 schätzt die vom Handwerk beanspruchten Vorleistungen (Roh-, Halbund Fertigerzeugnisse, Dienste) für 1950 auf etwa 13 Mrd., für 1954 auf etwa 19 Mrd. DM. Der Gesamtumsatz hat 1950 rund 24,5 Mrd. und 1954 rund 37,0 Mrd. DM betragen124; der Materialund Wareneinsatz würde hiernach 1950 etwa 53 vH. und 1954 etwa 51 vH. der Umsatzwerte ausgemacht haben. Mögen die Schätzungen und Berechnungen noch auf unsicherer Grundlage ruhen — sie dürften mit zunehmender Rechenhaftigkeit des handwerklichen Wirtschaftens an Zuverlässigkeit gewinnen und dazu beitragen, bisher unerkannt gebliebene Vorgänge der Volkswirtschaft zu entschleiern. Es liegt in der Natur der vorwiegend in personalen Formen erbrachten Wirtschaftsleistungen des Handwerks, daß ihre Quantifizierung, d. h. Reduzierung auf eine gemeinsame Vergleichsbasis größten Schwierigkeiten begegnet und teilweise überhaupt undurchführbar ist. Nicht zuletzt aus diesem Grunde entziehen sich bestimmte Teile des Handwerksbereiches der quantitativen Theorie, sie bringen keine exakt meßbaren Leistungen hervor. Sie entziehen sich aber auch schon der stofflichen Fixierung nach Stüdezahl, Maß oder Gewicht. Dazu zählen die Dienstleistungen aller Art, die Reparaturund Pflegearbeiten an mobilen und immobilen Sachgütern, aber auch die Hervorbringung individueller Einzelleistungen beispielsweise kunsthandwerklicher Art. Daher wird es niemals möglich sein, den vollen Beitrag des Handwerks zum Gesamtprodukt befriedigend anschaulich zu machen. Was an Möglichkeiten verbleibt, das Hervorgebrachte meßbar, rechenbar und vergleichbar zu machen, ist auf die Erfassung der geleisteten Arbeitsstunden und der getätigten Umsätze begrenzt. Hier122 Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungsund Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft: Das Deutsche Handwerk. 1. Band (Generalbericht). Berlin 1930, S. 316. 123 DIW, Wochenbericht Nr. 17/1955: Struktur und Bedeutung der deutschen Handwerkswirtschaft. Vom 29. 4.1955. 124 Deutscher Handwerkskammertag: Jahresbericht, a.a,0., S. 224. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
671] Personales und instrumentales Wirtschaften 31 Seyfferts „Wirtschaftslehre des Handels" ist erstmals 1951 erschienen139 und brachte den Ertrag einer gedanklichen Reifezeit von rund anderthalb Jahrzehnten (Vorwort). Die Lehre, aus betriebswirtschaftlicher Grundeinstellung heraus entwickelt, umfaßt das gesamte Gebiet des Handels und seine Problematik (ebda.), ordnet also die Einzelhandlungen in das allgemeine Funktionsbild Handel ein. 98 vH. davon (im Handwerk 95 vH.) sind Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten (S. 238). Seyffert betrachtet das personal geführte Fachgeschäft als die Grundform jedes Einzelhandels und weist den übrigen Betriebsformen, die in ihren Grundsätzen auf dem kapitalintensiven Großbetrieb aufbauen oder seine Betriebsmethoden übernehmen, akzessorische Bedeutung zu (ebda.). Diese Grundform ist ihrer ganzen Struktur und Aufgabe nach mittelständisch, d. h. ein Kleinoder Mittelbetrieb, dessen Leiter noch in engster Fühlung mit den einzelnen Betriebsvorgängen steht, der das Ganze auch in den Einzelheiten überblickt und häufig auch den Kreis der Kunden persönlich kennt. Die Konsumtionsversorgung beruht im Grundsatz auf der Dezentralisation des Einzelhandels (ebda.). Es handelt sich mithin im Bereich der Gütervermittlung genau um jenen Sachverhalt, der hier über die Grenzen der Funktionsbereiche (und erst recht der organisationsrechtlichen Zuständigkeiten) hinweg als ein volkswirtschaftlicher Tatbestand sui generis aufgefaßt ist, der in seiner Eigenart um so auffälliger hervortritt, je stärker die Apparatisierung das übrige Wirtschaftsgeschehen vom Konsumenten entfernt. Was den personalen Grundzug des Wirtschaftens in kleinen, überschaubaren und damit der hominellen Prägung ausgesetzten und zugänglichen Dimensionen betrifft, so liegt gegenüber dem Handwerk zweifellos ein beträchtlicher Unterschied vor. Verkaufen ist im Prinzip immer ein personaler Vorgang, auch wenn er im großen Etablissement stattfindet, und die Bemühungen der neu hinzutretenden Betriebsformen des Handels um die Verbesserung des Kundendienstes beweisen, daß Personalität des Verkaufens als dessen Charakteristikum und Lebenselement wohl erkannt ist. Demgegenüber kann das Produzieren im technischen Sinne bis zum Extrem entpersönlicht und instrumentalisiert werden, woraus sich für das Handwerk deutlichere Folgerungen ergeben als für den Handel. Dieser Abstand, der sich soziologisch nicht minder deutlich als ökonomisch abzeichnet, ergibt sich auch in der grundlegenden Arbeit von Gutersohn, der das Wesen des Gewerbes und die Eigenart seiner Leistungen in der freien Marktwirtschaft zusammenhängend behandelt140. Ausgangspunkt hierfür ist die Erkenntnis, daß die selb139 Seyffert, R.: Wirtschaftslehre des Handels. 2. Aufl. Köln-Opladen 1955. 140 Gutersohn, W.: Das Gewerbe in der freien Marktwirtschaft, Band I. Zürich und St. Gallen 1954. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
32 Wilhelm fernet [672 ständig Erwerbenden und ihre „Geschäfte" ihre besonderen, von den übrigen Betriebsgrößen und Formen abweichenden Probleme haben, die nicht minder als jene nach Lösungen verlangen (Vorwort). Es geht Gutersohn ebenfalls um die ökonomische Einordnung des Gewerbes i. e. S. in das Gesamtsystem, nicht nur um die Begründung soziologischer Postulate. Wesen und Eigenart des Gewerbes und seiner Leistungen werden, vornehmlich am Beispiel des Handwerks demonstriert, in der Differenzierung der Leistungen auf der Basis individualisierender Qualitätskonkurrenz gesehen: „Den Kern des handwerklichen Schaffens bildet . . . die Deckung unterschiedlichen, wechselnden oder nur vereinzelt auftretenden Bedarfs" (S. 124). Dementsprechend ergibt sich für den i. e. S. gewerblichen Handel die idealtypische Umschreibung „als jene auf eigene Verantwortung betriebene Warenvermittlung, die auf unmittelbar persönlichen Leistungen beruht, um damit vorzugsweise differenzierten Bedarf zu befriedigen" (S. 161). Handwerk und kleinbetrieblicher Einzelhandel haben mithin „denselben Wesenszug" „zum gemeinsamen Grundstock" (S. 160), dasselbe trifft für die profanen Dienstleistungen zu (S. 164). Die „aufgedeckte Wesensverwandtschaft von Handwerk, Kleinhandel und kleineren Dienstleistungsbetrieben" (S. 172) mündet in die Feststellung: „Das Gewerbe steuert . . . eine eigene Art von Gütern zur Versorgung bei und bewahrt sich insofern für die Volkswirtschaft eine besondere Bedeutung; es kann idealtypisch als Gegenstück zur vereinheitlichten Serienerzeugung und zur Massenvermittlung von Waren und Diensten gelten" (S. 173). Wie man sieht, geht es Gutersohn — wenn auch betont in idealtypischer Weise — um den gleichen Sachverhalt, der hier mit der Gegenüberstellung von dominant-personalen und dominant-instrumentalen Wirtschaftsweisen — allerdings in realtypischer Bedeutung — zur weiteren Diskussion gestellt ist. Für die ausführlichere Würdigung des „Gewerbes in der freien Marktwirtschaft" fehlt leider an dieser Stelle der Platz. Im Gegensatz zum früheren Handwörterbuch der Staatswissenschaften141 ist im neuen Handwörterbuch der Sozialwissenschaften der grundlegende Beitrag über das Handwerk142 ebenfalls von historischen Einkleidungen und historisierender Auffassung befreit und einer ökonomisch-soziologischen Betrachtungsweise zugeführt. Darin kündigt sich nicht minder die veränderte Grundeinstellung zum Phänomen Handwerk an, die ein Ergebnis sowohl der realen Entwicklungsvorgänge 141 Vgl. 4. Auflage, Bd. 5 (Jena 1923) Beitrag „Handwerk" von Wilden, S. 130 ff. — 3. Auflage, Bd. 5 (Jena 1910) Beitrag „Handwerk" von Stieda, S. 377 ff. 142 Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Stuttgart - Tübingen - Göttingen 1952 ff. Artikel „Handwerk" von Fritz Voigt, Lieferung 1, S. 24 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
673] Personales und instrumentales Wirtschaften 33 wie eines Standortwechsels der wissenschaftlichen Forschung ist. Auch Voigt spricht von einem „Grundgehalt der handwerklichen Wesensform" (S. 24) und zeigt gleichzeitig die großen Differenzierungen in sehr unterschiedliche Strukturtypen auf, „wie sie sonst keine andere gewerbliche Organisationsform in sich birgt" (S. 26). In der Tat ist damit das Leitthema der Gewerbeforschung angeschlagen: zu ergründen und klarzustellen, wie sich die vorindustrielle, personale Wesensart des Handwerks im ökonomischen Prozeß verhält, der sichtlich zur instrumentalen Systemeinheit hinstrebt, ohne doch (an irgendwelchen Stellen) des direkten Bezuges zum Menschen in dessen individueller Existenz entraten zu können. Schmollere Jahrbuch LXXVI, 6 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.6.1 | Generated on 2023-04-04 11:22:59
