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Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe. Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse

Tagung "Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe" (2023 : Flensburg)

Abstract

Opladen • Berlin • Toronto : Verlag Barbara Budrich 2025, 389 S. Pädagogische Teildisziplin: Sozialpädagogik; Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft; als elektronischer Volltext verfügbar

Full text

Bergold-Caldwell, Denise [Hrsg.]; Blum, Rebekka [Hrsg.]; Dangelat, Marina [Hrsg.]; Grenz, Juno [Hrsg.]; Maurer, Susanne [Hrsg.]; Thon, Christine [Hrsg.] Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe. Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse Opladen • Berlin • Toronto : Verlag Barbara Budrich 2025, 389 S. Quellenangabe/ Reference: Bergold-Caldwell, Denise [Hrsg.]; Blum, Rebekka [Hrsg.]; Dangelat, Marina [Hrsg.]; Grenz, Juno [Hrsg.]; Maurer, Susanne [Hrsg.]; Thon, Christine [Hrsg.]: Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe. Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse. Opladen • Berlin • Toronto : Verlag Barbara Budrich 2025, 389 S. - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-341421 - DOI: 10.25656/01:34142; 10.3224/84743116 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-341421 https://doi.org/10.25656/01:34142 in Kooperation mit / in cooperation with: https://www.budrich.de Nutzungsbedingungen Terms of use Dieses Dokument steht unter folgender Creative Commons-Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de - Sie dürfen das Werk bzw. den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen sowie Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes bzw. Inhaltes anfertigen, solange Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen. 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Kontakt / Contact: peDOCS DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Informationszentrum (IZ) Bildung E-Mail: [email protected] Internet: www.pedocs.de Denise Bergold-Caldwell Rebekka Blum Marina Dangelat Juno Grenz Susanne Maurer Christine Thon (Hrsg.) www.budrich.de ISBN 978-3-8474-3116-9 9783847 431169 Titelbildnachweis: Christine Thon (Extrem) Rechte, rassistische und antifeministische Mobilisierungen versuchen pädagogische und bildungspolitische Themen zu vereinnahmen und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit herzustellen. Der Band befasst sich mit dieser Entwicklung, verdeutlicht positionierte Gegennarrative und analysiert, wie die „Neue Rechte“ emanzipatorische Pädagogik angreift, und eigene autoritäre Erziehungsund Bildungskonzepte formuliert. Die Herausgeberinnen: Denise Bergold-Caldwell, Vertr.-Prof. für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, Institut für Erziehungswissenschaft, Europa-Universität Flensburg Rebekka Blum, Wissenschaftliche Mitarbeiter*in im Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik, Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, Universität Marburg Marina Dangelat, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Geschlechterforschung, Institut für Erziehungswissenschaften, EuropaUniversität Flensburg Juno Grenz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Geschlechterforschung, Institut für Erziehungswissenschaften, Europa-Universität Flensburg Susanne Maurer, bis 2022 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Philipps-Universität Marburg Christine Thon, bis 2025 Professorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Geschlechterforschung, Institut für Erziehungswissenschaften, Europa Universität Flensburg Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe D. Bergold-Caldwell, R. Blum, M. Dangelat, D. Bergold-Caldwell, R. Blum, M. Dangelat, J. Grenz, S. Maurer, Ch. Thon (Hrsg.)J. Grenz, S. Maurer, Ch. Thon (Hrsg.) Verlag Barbara Budrich Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe Denise Bergold-Caldwell Rebekka Blum Marina Dangelat Juno Grenz Susanne Maurer Christine Thon (Hrsg.) Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse Verlag Barbara Budrich Opladen • Berlin • Toronto 2025 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar. © 2025 Dieses Werk ist beim Verlag Barbara Budrich GmbH erschienen und steht unter der Creative Commons Lizenz Attribution 4.0 International (CC BY 4.0): https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Diese Lizenz erlaubt die Verbreitung, Speicherung, Vervielfältigung und Bearbeitung unter Angabe der Urheber*innen, Rechte, Änderungen und verwendeten Lizenz. Stauffenbergstr. 7 | D-51379 Leverkusen | [email protected] | www.budrich.de Die Verwendung von Materialien Dritter in diesem Buch bedeutet nicht, dass diese ebenfalls der genannten Creative-Commons-Lizenz unterliegen. Steht das verwendete Material nicht unter der genannten Creative-Commons-Lizenz und ist die betreffende Handlung gesetzlich nicht gestattet, ist die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers für die Weiterverwendung einzuholen. In dem vorliegenden Werk verwendete Marken, Unternehmensnamen, allgemein beschreibende Bezeichnungen etc. dürfen nicht frei genutzt werden. Die Rechte des jeweiligen Rechteinhabers müssen beachtet werden, und die Nutzung unterliegt den Regeln des Markenrechts, auch ohne gesonderten Hinweis. Dieses Buch steht im Open-Access-Bereich der Verlagsseite zum kostenlosen Download bereit (https://doi.org/10.3224/84743116). Eine kostenpflichtige Druckversion (Print on Demand) kann über den Verlag bezogen werden. Die Seitenzahlen in der Druckund Onlineversion sind identisch. ISBN 978-3-8474-3116-9 (Paperback) eISBN 978-3-8474-3251-7 (PDF) DOI 10.3224/84743116 Umschlaggestaltung: Bettina Lehfeldt, Kleinmachnow – www.lehfeldtgraphic.de Titelbildnachweis: Christine Thon 5 Inhalt Vorwort und Danksagung ................................................................................ 9 I. Zur Einführung Denise Bergold-Caldwell, Marina Dangelat, Juno Grenz Die postmigrantische Gesellschaft als Austragungsort antifeministischer, rassistischer und rechtsextremer Diskurse ....................... 13 II. Antifeminismus und Autoritäre Strömungen als (Trans-)Nationale Phänomene Rebekka Blum Antifeministische Mobilisierungen in transnationaler Perspektive ............... 29 Johanna Sigl, Juliane Lang Frauenund Queerfeindlichkeit in rechtem Gewalthandeln .......................... 43 Viktoria Rösch Tradwives und Rechte Momfluencerinnen – Rechte Bilder von Mutterschaft in den Sozialen Medien ............................................................ 55 Judith Goetz „Inakzeptable Frühsexualisierung“ und „ungustiöse Sexualisierungspropaganda“ – Kinderbuchlesungen von Dragqueens im Visier antifeministischer Angriffe auf sexuelle Bildung .......................... 69 Funda Hülagü Demirbilek Anti-gender Ideology as Social Pathology of Rights? Anti-feminist Mobilization and the Politics of Child Well-Being in Turkey ....................... 87 Jennifer Degner-Mantoan Antifeministische Netzwerke: Die deutsche Männerrechtsbewegung ......... 107 6 Gwenaëlle Perrier Der Bildungsbereich als wirksames Mobilisierungsfeld für Anti-Gender-Aktivist*innen in Frankreich – diskutiert am Beispiel der Kontroverse um eine inklusive, geschlechtergerechte Sprache ................... 125 Rajni Palriwala The Hindutva Educational Project: One Nation, one Religion, one Culture, two Genders ................................................................................... 143 Z. Ece Kaya Wer macht (die) Geschichte? Antiemanzipation und Antifeminismus in der deutschen Pädagogik als herrschaftsimmanente Wissenschaft im Kolonialismus und im NS ....................................................................... 163 III. Antifeminismus und Neurechte Aneignungsversuche des Pädagogischen Juno Grenz Pädagogik als Schauplatz antifeministischer Metapolitik ............................ 183 Meike Sophia Baader Erziehung, Bildung und die Geschlechterpolitik der Neuen Rechten .......... 201 Julian Sehmer, Stephanie Simon Queerfeindliche Mobilisierung von rechts: Kulturelle Deutungskämpfe um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und ihre Bedeutung für Bildung und Erziehung ........................................................ 219 Heike Mauer Antifeminismen in Bildungskontexten als Angriffe auf die Gleichheitsund Partizipationsversprechen von Demokratie ...................... 239 Katja Lell, Burak Şengüler Aşk, Mark ve Ölüm – Rassistische Kontinuitäten, hegemoniale Männlichkeiten und affektive Blickwechsel in Filmbildungsräumen der Migrationsgesellschaft ........................................................................... 259 Elija Horn, Klemens Ketelhut Umkämpfte Kinder und Jugendliche: Trans*, Pädagogik und Politik. ........ 279 7 Lucia Bruns, Esther Lehnert “Even the toughest Nazis came crying to me when they had a broken heart”. Gender-reflective perspectives on the social-pedagogical interaction with right-wing youth in the early 1990s ................................... 295 Thea Stolle Sonderzeichen? Nein danke! – Wie Genderstern & Co aus der Schule verbannt wurden. Eine Analyse von Delegitimierungsstrategien ................ 309 Christine Thon Rechte Diskurse über Familie und Erziehung – hegemonietheoretische Analysen ....................................................................................................... 325 Christopher Fritzsche, Susanne Maurer Ist autoritäre Erziehung schuld am Antifeminismus? Ein Briefwechsel zwischen Sozialpsychologie und Erziehungswissenschaft .......................... 335 Sieglinde Jornitz, Susanne Maurer, Sarah Meyer, Werner Thole Zwischen Analyse und Stellungnahme: Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf die Neue Rechte im Gespräch .......................................... 349 IV. Statt eines Ausblicks Andrea Petö „Bessere Geschichten“ in der Hochschulbildung – Listige Strategien für die Geschlechterforschung oder: Was kann man tun, wenn man nichts tun kann? Kann der Henker ein Verbündeter der Geschlechterforschung sein? ........................................................................ 371 Autor*innenverzeichnis ............................................................................... 385 Herausgeber*innenverzeichnis .................................................................... 389 14 diesem Material (erziehungs)wissenschaftlich umgegangen werden kann. Bereits sehr früh erkannte Christine Thon, dass in dem Zugriff auf Familien und in der Einhegung pädagogischer Konzepte eine neuere Strategie der ‚Neuen Rechten‘ zu verorten ist, die Sarah Meyer (2022) im Kontrast zu den lauten und verbalen Angriffen auf demokratische Ordnungen als ‚leise‘ Metapolitik bezeichnet. Dieses ‚leise‘ metapolitische Projekt gilt es zu analysieren und hegemonietheoretisch zu betrachten, weil es insbesondere die Eroberung des vorpolitischen Raums ist, die eine ‚Kulturpolitik‘ von rechts so erfolgreich werden lässt, wie sie derzeit ist. Mit der Tagung ist es gelungen, einen gemeinsamen Diskussionsraum zu eröffnen, der nicht nur transdisziplinär ausgerichtet war, sondern auch innerhalb der Erziehungswissenschaft Forschung zu Rechtsextremismus und Rassismus sowie Geschlechterforschung in einen Austausch brachte. Das nun vorliegende Buch versammelt die interdisziplinären Beiträge der Tagung, ordnet sie systematisierend ein und wird durch zusätzliche Beiträge erweitert. Rechtsextremismus, rechte Ideologien und auch Antifeminismus haben sich seither weiter normalisiert und antidemokratische Kräfte sind in parteipolitischen Aussagen alltäglich geworden. Auch Zugriffe auf Bildungsinstitutionen und eigene Bildungsentwürfe demokratiefeindlicher Kräfte erfahren eine zunehmende Normalisierung. Der Band changiert daher zwischen Bestandsaufnahme, Reflexion und situierten Gegenentwürfen. Die Systematisierung und letztlich auch die Verknüpfung der verschiedenen Kontexte ist nicht zuletzt der publizistischen, forschenden und Netzwerke knüpfenden Arbeit von Christine Thon zu verdanken, die von außen disparat wirkende Themenstränge und Auseinandersetzungen schnell in einen Zusammenhang brachte und Personen aus verschiedenen Kontexten zur Teilhabe in gemeinsamen Foren einlud. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Multiperspektivität dieses Bandes entstanden, die ihren erziehungswissenschaftlichen Fokus dennoch nicht einbüßt. Der Band leistet einen Beitrag dazu, die Netzwerke, Theoreme und Strategien neurechter und antidemokratischer Akteur*innen in den Feldern Pädagogik, Bildung, Erziehung, Familie und auch darüber hinaus sichtbar zu machen, mit dem normativen Ziel verbunden, die harmlos erscheinenden ‚leisen‘ Metapolitiken aufzuzeigen und Ansätze für mögliche Gegenstrategien zu entwickeln. Anders als die Beiträge von Rebekka Blum und Juno Grenz in Teil 1 und 2 des Bandes, nimmt die vorliegende Einleitung keine systematische Einführung in die Auseinandersetzung rund um Antifeminismus und rechte Ideologien vor; vielmehr verfolgt sie das Ziel, einen gesellschaftstheoretischen Einblick auf Zusammenhänge zu vermitteln und eine Rahmung vorzunehmen. In diesem einführenden Beitrag gehen wir deshalb zunächst auf Entstehungskontexte und Hintergrundbedingungen der Verknüpfung von Ideologien der Ungleichheit bei gleichzeitiger Postulierung der menschlichen Gleichheit ein und verdeutlichen hier, wie vor dem Hintergrund einer postmigrantischen Gesell- 15 schaftsanalyse der rechte Kampf, um Hegemonie zu verstehen ist (1). In einem zweiten Schritt stellen wir verschiedene Zusammenhänge zwischen Rassismus und Antifeminismus dar, besonders um hervorzuheben, wie sie auch aufeinander verweisen können (2) und um sie im dritten Schritt vor dem Hintergrund einer postmigrantischen Gesellschaft zu lesen (3). Abrundend nimmt diese Einführung Bezug auf Gegennarrative und demokratisierende Horizonte, die im Buch ebenfalls angesprochen werden (4). 2 Die Ambivalenz der Moderne Die Moderne erscheint häufig als der Beginn des Gleichheitsversprechens aller Menschen und gleichzeitig wird sie in vielerlei Hinsicht als zentraler Kontext und Beginn verschiedener Ideologien der Ungleichheit betrachtet. Neben explizit kolonialismuskritischen Forscher*innen (Castro Varela/Dhawan 2015; s. Kaya in diesem Band) verweisen auch Geschlechterforscher*innen (Klinger 2006), Gesellschaftstheoretiker*innen (Bauman 2022) und kapitalismuskritische Theorieund Forschungsperspektiven (Althusser 1977) auf die Ambivalenz der Moderne. Die in diesem Zeitraum entstandenen Ideologien der Ungleichheit einerseits und das Versprechen der Gleichheit andererseits, lässt sich als Ambivalenz auch in den Erziehungsund Bildungskonzeptionen der Moderne wiederfinden, die sich in die entstehende Pädagogik konstitutiv einschreibt. Nicht zuletzt deshalb finden rechtsextreme, rassistische und antifeministische Kräfte auch ihren Ausdruck in pädagogischen Kontexten bzw. wird Pädagogik als Vehikel genutzt, um Ideologien der Ungleichheit zu festigen oder zu verbreiten. Denn noch immer kann – auch über pädagogische Maßnahmen – das Gleichheitsversprechen der Moderne in ihr Gegenteil verkehrt und besonders im Hinblick auf rechtsextreme Ideologie zu deren Verbreitung genutzt werden (Rommelspacher 2009). Besonders (extrem) rechte Akteur*innen knüpfen an verschiedene Ideologien der Ungleichheit an – neben Rassismus und Antisemitismus auch Antifeminismus (Salzborn 2018) –, um das Gleichheitsversprechen aufzukündigen und Ungleichheit zu legitimieren. Rechtsextreme Ideologien der Ungleichwertigkeit verfolgen das Ziel, Ungleichheiten zu normalisieren, und versuchen, in das politische, private und kulturelle Feld vorzudringen, um eine Hegemonie hierarchischer Positionen durchzusetzen. Besonders in popularisierten Formen halten diese Ideologien sehr viele Anschlussmöglichkeiten bereit, weil dahinterliegende antidemokratische Prinzipien nicht erkannt oder verkannt werden. Mit Bezug auf Antonio Gramscis Hegemonietheorie lässt sich von einer Aneignungsstrategie der ‚Neuen Rechten‘ besonders im vorpolitischen Feld sprechen. Dort muss das vorbereitet werden, was dann die Machtübernahme ermöglicht, denn ein 16 politischer Wechsel muss auf kulturellem Gebiet vorbereitet werden (s. Baader in diesem Band). Zu diesem vorpolitischen Feld gehören nicht nur Bildungseinrichtungen und Bildung selbst, sondern auch die familiäre Umgebung und das häusliche Umfeld; genau auf diese Bereiche zielen neurechte Akteur*innen ab, indem sie drei Strategien verwenden: Sie gewinnen (Artikulations-) Raum, in dem sie das Feld des Sagbaren verschieben und neue Felder der Unsagbarkeit abstecken (Grenz 2025), sie lösen klare (moralische) Grenzziehungen auf und stellen sich selbst als harmlos und sogar als Opfer dar (ebd.). Diese Strategien sorgen dafür, dass Begriffe wie „Remigration“, „Ethnopluralismus“ und „der große Austausch“ durch diskursive Verschiebungen letztlich auch in der bürgerlichen Mitte verfangen. All diese Begriffe sind zentral für das metapolitische Projekt der ‚Neuen Rechten‘, sie werden inzwischen aber auch zunehmend in vermeintlich neutralen Berichterstattungen und Auseinandersetzungen verwendet. 3 Rassismus und Antifeminismus als ideologische Versatzstücke im Rechtsextremismus Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus sind Teile rechtsextremer und neurechter Ideologien. Alle drei nehmen weniger die individuellen/affektiven Einstellungen Einzelner in den Blick, sondern lassen sich gesellschaftstheoretisch als Dominanzstrukturen einordnen (s. für Rassismus Foroutan 2020: 13). Rassismus ist zudem auf vier Ebenen wirksam: Der individuellen, der zwischenmenschlichen, der institutionellen und der gesellschaftlichen (Mecheril/Melter 2011). Rassismus lässt sich somit als Ordnungsprinzip betrachten, das auf all diesen vier Ebenen eine Wirkung entfaltet und letztlich auch in alltäglichen Zuschreibungen, Verletzungen bis hin zu Tötungen ersichtlich werden kann (Bojadžijev et al. 2025). Auch Antifeminismus und Antisemitismus lassen sich auf diesen vier Ebenen betrachten, die ineinandergreifen und nur analytisch voneinander zu trennen sind. Während Rassismus in der NS-Zeit und davor und auch danach als biologische Unterscheidung hervorgebracht wurde, stellt Etienne Balibar schon in den 1980er Jahren fest, dass der Begriff ‚Kultur‘ oder kulturelle Zuschreibungen einer rassifizierenden und festschreibenden Logik folgen und wir es derzeit eher mit einer „Kulturalisierung von Rassismus“ oder „Kulturalismus“ (Foroutan 2020: 14) zu tun haben bzw. dies im Mittelpunkt einer rassismuskritischen und postmigrantischen Analyse stehen muss. Diese Art des Rassismus geht von grundsätzlich verschiedenen und unveränderlichen Kulturen aus, wobei Gruppen von Menschen homogenisiert und ihnen Eigenschaften oder Mentalitäten zugeschrieben werden (ebd.). Durch den relationalen Charakter von Rassismus ist die Erzeugung von „Anderen“ an spezifische historisch-poli- 17 tische Kontexte geknüpft (ebd.: 16) und verweist immer auf beides: die Veranderten und auf das Selbstbild derjenigen, die die Veranderung vornehmen (Velho/Thomas-Olalde 2011). Wenn deutlich wird, dass die jeweils rassifizierte Gruppe letztlich austauschbar ist, dann wird erkenntlich, dass es beim Rassismus nicht um die Gruppen selbst geht, sondern um ihre Funktion für den Erhalt des Selbstbildes, der Privilegien und der Macht einer Dominanzgesellschaft (Foroutan 2020: 17). Besonders am Begriff und am Umgang mit den sog. Gastarbeiter*innen wird die Funktion „für den Erhalt des Selbstbildes der Dominanzgesellschaft“(ebd.) deutlich, wie Veronika Kourabas (2021) gezeigt hat. Sie arbeitet heraus, dass besonders Personen, die in der Versorgungsarbeit tätig waren, einem Rassismus begegnet sind, der „zwischen Aufund Abwertung“ changierte und in dem „gerade das Wechselspiel beider Elemente für ,Gastarbeit‘ kennzeichnend ist“ (Kourabas 2021: 294). Deutlich wird, dass das Element der Zuordnung mit einem eingeflochtenen hierarchischen Bezug auf das relationale Selbstbild der Dominanzgesellschaft diese Form der Veränderung erst hervorbringt und sie sowohl in einer materiellen wie auch symbolisch-diskursiven Situierung des Ge-Brauchens zurücklässt (Kourabas 2021: 295). Die kategoriale und (begrenzte) Aufwertung bei gleichzeitiger monetärer Abwertung in einer prekären gesellschaftlichen Stellung führt diese Gruppe in eine aktive Form der Arbeitskraftausbeutung und lässt gleichzeitig das Selbstbild der Dominanzgesellschaft intakt, dass Arbeiten wie diese nicht von ihnen ausgeführt werden (müssen). Eine solche Konstruktion unterliegt aber nicht nur rassistischen Ordnungen, sondern sie bedient gleichermaßen antifeministische Konstruktionen. Antifeminismus wird in diesem Zusammenhang als Herrschaftssicherung verstanden (Kurz-Scherf et al. 2009), dem kein Begriff von Feminismus vorausgesetzt werden muss (s. ausführlich dazu auch Blum in diesem Band). Antifeministische Artikulationen – insbesondere in Zusammenhang mit Rassifizierungen – halten in sich selbst das Potenzial bereit, sich gegen Gruppen von marginalisierten Subjekten zu wenden und diese abzuwerten und gleichzeitig eine Aufwertung der autochthonen Gruppe vorzunehmen (s. auch Lell/Şengüler in diesem Band). Wiederum am Beispiel der Gastarbeiter*innen lässt sich auf einer symbolisch diskursiven Ebene zeigen, dass vor allem Frauen „vorrangig als Opfer und Unterdrückte patriarchaler Kulturen homogenisiert“ wurden. Vor allem muslimische oder als muslimisch gelesene Frauen „galten und gelten als negativer Kontrast der weißen, deutschen, bürgerlichen Frau und dienen damit der Selbstvergewisserung als aufgeklärte und vermeintlich geschlechtergerechte Gesellschaftsordnung“ (Messerschmidt 2016: 162f. zit. n. Kourabas 2024: 150). Ulrike Lingen-Ali und Paul Mecheril (2020) verweisen auf den dominanzkulturellen Sinn und die affektiv-praktische Wirksamkeit der Rückständigkeitszuschreibung und stellen heraus, dass diese „nur erfasst werden durch eine Historisierung der Zuschreibungsmuster und eine Analyse historischer 18 (Dis-)Kontinuitäten der entsprechenden Affektlogiken“ (ebd.: 8). Sie verweisen darauf, dass der „imaginierte Körper der Anderen und nicht zuletzt seine Sexualisierung […] zur kulturellen Plausibilisierung der immer auch einen Reiz mit sich führenden Gefahr, die von ihm ausgeht, eine bedeutsame Rolle [spielt]. Diese wird dem Körper der migrationsgesellschaftlichen Anderen, die im Zuge dieses Prozesses zu Anderen werden, nicht zuletzt über migrationsgesellschaftliche Geschlechterdiskurse zugewiesen“ (ebd.: 8f.). Die Affektlogiken gilt es vor allem in der Auseinandersetzung mit Rassifizierungen in ihrem antifeministischen Gewand nachzuvollziehen. Es ist aber auch wichtig, Geschlecht nicht nur in seiner kulturrassistischen Überformung in rechten Diskursen auszumachen, sondern gleichzeitig die Einhegungen und die nach innen gewandten Erwartungshaltungen, Zuschreibungen und Festschreibungen im Blick zu behalten, denn in dieser dichotomen Ordnung erfolgen rechte Zugriffe auf Geschlecht und Geschlechterverhältnisse auch grundsätzlich. 4 Rassismus und Antifeminismus in der Migrationsgesellschaft Die aktuelle gesellschaftliche Situation zeichnet sich durch eine Ambivalenz aus, denn einerseits sind die migrationsgesellschaftlichen Verhältnisse normalisiert worden und doch oder gerade deswegen gleichzeitig auch stark in Frage gestellt worden. Sie werden zum diskursiven Gradmesser einer Debatte um Zugehörigkeitsordnungen, sind aber gleichzeitig von Rassifzierungen, Kulturalisierungen und auch von rechten Ideologien strukturiert und bedroht. Es lässt sich eine Zunahme der Anerkennung von Migration als gesellschaftlicher Realität sehen und gleichzeitig zeigt sich eine Fortführung der Gewalt nicht nur gegenüber rassifizierten Menschen, sondern aktuell kann eine Zunahme der Gewalt gegen die Menschen beobachtet werden, die sich insgesamt gegen Rassismus wenden (Füllekruss et al. 2022: 11f.). Der Begriff Migrationsgesellschaft (Mecheril 2004; Füllekruss et al. 2022) verweist auf die Bedeutung von Migrationsphänomenen, die eine spezifische Konstitution der gesellschaftlichen Ordnungen zeigen. Zugleich wird auf ein Spannungsverhältnis von Migrationsphänomenen im Allgemeinen verwiesen. Es geht um die Herstellung und Wandelung von Grenzen und spezifisch um die Relationalität der Positionierung der Migrationsanderen zu Nicht-Migrationsanderen (Füllekruss et al. 2022: 14). Diese Perspektive verschiebt die Betrachtung von den Migrationsanderen zu Kontexten und Strukturen und die damit einhergehenden „Ermöglichungsund Verunmöglichungsbedingungen“ (ebd.: 15), die auch durch rassistische Strukturen und Institutionen geprägt sind. Migrationsgesellschaftliche Analysen verstehen sich als Gegenteil der 19 Perspektiven, die Begriffe wie Eiwanderungsgesellschaft oder Zuwanderungsgesellschaft nutzen, da die nationalstaatliche Idee in diesen Begriffen mittransportiert wird, wodurch die Migrations-Anderen immer die Migrations-Anderen bleiben und als solche hergestellt werden. Der Begriff Migrationsgesellschaft „geht in Anlehnung an hegemonietheoretische Perspektiven vielmehr von der Brüchigkeit und Kontingenz des stets umkämpften Sozialen aus“ (ebd.: 15), denn in der Instabilität der Ordnungen liegt zugleich auch das Transformationspotenzial (ebd.). Diese Kontingenz und Brüchigkeit werden von neurechten Strömungen und Akteur*innen als etwas Konsistentes und Festes, als eine Art Bedrohung konstruiert. Kommend aus der Kunst und Kulturszene wurde der Begriff Postmigrantische Gesellschaft von einer akteurszentrierten Perspektive zur kritischen Gesellschaftsanalyse transformiert (Foroutan 2021: 47). „Das Postmigrantische verweist auf eine stetige Hybridisierung und Pluralisierung von Gesellschaften, die zwar nicht allein durch Migration erzeugt, jedoch an ihr entlang verhandelt werden. Migration wirkt als zentraler diskursiver Treiber in dieser Gesellschaft und ordnet kulturelle Erzählungen, nationale Narrative und Prämissen der Zugehörigkeit neu“ (Foroutan 2021: 49). Die Neuverhandlungen gesellschaftlicher Ordnungen, die nicht von der Migration an sich ausgehen, sie aber als zentrales auch diskursives Feld verhandeln, sind in diesen Konflikt um Anerkennung und Zugehörigkeit eingewoben. Als treibende Kraft des Kernkonfliktes der postmigrantischen Gesellschaft sieht Foroutan (2021) die „Aushandlung und Anerkennung von Gleichheit als zentralem Versprechen der modernen Demokratien, die sich auf Pluralität und Parität als Grundsatz berufen“ (ebd.: 13), dies wird aber durch die „Omnipräsenz des Migrationsdiskurses verdeckt“ (ebd.: 14). Zentraler Punkt einer postmigrantischen Analyse, ist es deswegen, den „Fokus auf gesellschaftspolitische Kernkonflikte um Anerkennung, Chancengerechtigkeit und Teilhabe zu lenken, die als umkämpfte politische Güter auch von Migrant*innen und ihren Nachkommen beansprucht werden“ (ebd.). Foroutan (2021: 19) hebt drei zentrale Aspekte im Hinblick auf die Erklärung von post-migrantischen Gesellschaften hervor: Zunächst geht es um Gesellschaften, die sich selbst im Hinblick auf Aushandlungsprozesse in der Anerkennung ein Migrationsland bzw. Einwanderungsland geworden zu sein, (neu) positionieren. Als zweites Moment versteht sie darunter Analysen, in denen Migration vordergründig angesprochen und es eigentlich um gesellschaftliche Normen und Wertedebatten geht, wobei hinter der Migrationsfrage andere Kämpfe ausgeblendet werden. Als drittes Moment hebt sie hervor, dass postmigrantische Analysen über die binär codierte Migrationslinie hinaus gehen müssen und hybride Zugehörigkeitslinien in den Fokus rücken. Ein „multiparadigmatische(r) Zugang“ (ebd.), in dem die starke Fokussierung der Ungleichheitsforschung auf die Fragen der sozialstrukturellen und ökonomischen 20 Ungleichheit durch „kulturelle und symbolische, also auch emotional-identifikative Ansätze“ erweitert wird (ebd.: 20). In der postmigrantischen Perspektive wird es möglich Rassismus als gesamtgesellschaftliche Konsequenz zu betrachten (Foroutan 2020: 12) und diese auch als ideologische Versatzstücke in rechten und neurechten Diskursen zu erkennen. In Deutschland ist Rassismus mit Migrationsfragen und der Abwehr entsprechender Pluralisierung geknüpft (ebd.: 17f.): „Die Abstraktion der Pluralität wird plötzlich greifbar im Körper ‚des Anderen‘, nämlich ‚des Migranten‘, der ungefragt Grenzen überschreitet: nationale Außengrenzen ebenso wie identitäre, kulturelle und symbolische Zugehörigkeitsordnungen“ (ebd.). Sie schlussfolgert daraus, dass das normative Paradox der postmigrantischen Gesellschaft sich in einem ambivalenten Verhältnis zwischen dem zentralen Versprechen der demokratischen Gesellschaften auf Freiheit und Gleichheit sowie die Pluralität und die Aushandlung von Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe formiert (ebd.: 18). Um aber die Aufrechterhaltung von sozialen Hierarchien und deren Legitimation vorzunehmen, bedarf es einer „Normabsenkung“: „Rassismus kann also als eklatante Normabsenkung verstanden werden, bei der den nichtdominanten Gruppen die Schuld an ihrer sozialen Benachteiligung zugesprochen wird“ (ebd.). Die derzeitige und schon lange andauernde Zunahme antifeministischer, rassistischer, autoritärer, rechter und rechtsextremer Narrative, Diskurse und Gewalttaten kann deshalb einerseits vor dem Hintergrund gelesen werden, dass diese Normabsenkung spezifisch als hegemoniale Strategie verfangen hat, oder sie kann andererseits vor dem Hintergrund verstanden werden, dass die postmigrantische Gesellschaft schon von Beginn an auf Strukturen und Ideologien der Ungleichheit aufgebaut war, die lange Zeit verdeckt, nun aber ziemlich offensichtlich Früchte trägt. Denn, wie Veronika Kourabas festhält, gab es zwar eine Veränderung des Blicks auf Migration etwa seit den 2000er-Jahren in Deutschland (z.B. erkennbar durch die Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts) (Kourabas 2021: 61). Es lässt sich aber gleichzeitig auch von einer Zunahme rassistischer und rechtspopulistischer politischer Diskurse und die Positionierung von „sog. Volksparteien als Vertreter_innen der gesellschaftlichen Mitte“ sprechen, die nicht nur „offen gegen eine Veränderung Deutschlands durch Flucht/Migration“ (ebd.: 62) sprechen, sondern auch die Zugehörigkeit beispielsweise von Musliminnen offen in Frage stellen. Und nicht nur das, mit der Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) wurde die Tür zu einer erneuten bio-rassistischen Debatte um Intelligenz, Körperlichkeit und Zugehörigkeit in der Mitte der Gesellschaft geöffnet. Obwohl eine Perspektive auf Postmigration es ermöglicht, „Mehrdeutigkeit in Bezug auf identitäre Verortungen, geografische Lebensbezüge, familiale und verwandtschaftliche Konstellationen mitzudenken“ (Lemberger 2019: 171) und es zugleich ermöglicht, den Blick auf die „Verflechtungen“ zu werfen 21 und zu analysieren, wie „struktureller Rassismus beispielweise die postmigrantische Gesellschaft unterläuft“ (ebd.), scheint die Situierung, konfrontiert mit zunehmendem Autoritarismus und Rechtsextremismus, noch eine besondere Tiefenschärfe zu verlangen. 5 Artikulationen und Gegennarrative in der postmigrantischen Gesellschaft Die Perspektive auf eine Migrationsgesellschaft, wie sie Paul Mecheril u.a. vertreten, und die Perspektive auf eine postmigrantische Gesellschaftstheorie, wie sie beispielsweise von Naika Foroutan vertreten wird, begreifen Migration als „integrales und strukturbildendes Merkmal moderner Gesellschaften“ (İkiz-Akıncı/Foroutan 2024: 19). Diese (post-)migrantische Gesellschaft zeichnet sich nach Foroutan durch „Hybridisierung und Pluralisierung von Lebenswirklichkeiten und Identitätskonstruktionen“ (ebd.) aus. Als Faktoren einer gelungenen Transformation verweist Foroutan auf einen „Umgang mit Diversität“, genauso wie einen „Garant von Partizipation(smöglichkeiten)“ und eine „öffentliche Darstellung, sowie politische und soziale Repräsentation“ (ebd.: 20f., kursiv i.O.). Von einer gelungenen Transformation sind wir (nicht nur derzeit) weit entfernt; es lässt sich eher von einer zunehmenden Transformation in autoritäre Strukturen sprechen. Dennoch lässt sich festhalten: „Gesellschaft postmigrantisch zu betrachten, bedeutet, gerade die marginalisierten, nicht erzählten oder systematisch ausgeblendeten Geschichten und Biographien in den Mittelpunkt zu stellen“ (Ohnmacht 2023: 145). Einen solchen Blickwechsel nehmen nicht nur Katja Lell & Burack Şengüler im vorliegenden Band vor. Auch im Beitrag von Ece Kaya finden sich Gegenartikulationen und eine Zentrierung des anderen Blicks in der postmigrantischen Gesellschaft. Die Autorin nimmt eine historisierende Perspektive ein und zeigt, wie die Gewalt vom Kolonialismus zum Nationalsozialismus reicht und wie pädagogische Institutionen sowie erziehungswissenschaftliche Forschung daran beteiligt sind. Denn die Perspektive der postmigrantischen Gesellschaft ermöglicht nicht nur, die gesellschaftlichen Prozesse von Othering in den Blick zu nehmen, sondern auch den Forschungsprozess selbst „gemäß der postkolonialen Intervention“ in den Fokus der Wissenschaftskritik zu setzen (Siouti et al. 2022: 15) und damit die „Situiertheit der Forschung“ (ebd.: 16) (auch der historischen) zu reflektieren. Die den Forschungsprozess leitende Frage ist: „[W]er forscht über wen, wie und in welchem Rahmen?“ (ebd.). Die Perspektive auf eine postmigrantische Gesellschaft erfordert nicht zuletzt die Annährung an und die unbedingte Nutzung von Transdisziplinarität, um die Grenzen der Ordnungen von Wissensproduktion zu reflektieren. Sie 22 verdeutlicht auch gleichzeitig den wichtigen Einsatz von activist research (ebd.: 17), wie sie auch in (queer-)feministischen, rassismuskritischen und anderen kritischen Forschungen zum Tragen kommt. Eine postmigrantische Leseart bedeutet, eine „epistemologische Wende und [...] eine radikale Infragestellung des binären Denkens zwischen Migrant*innen und Nicht-Migrant*innen“ (Yildiz 2021: 25, kursiv i.O.) vorzunehmen. Eine postmigrantische Lesart bedeutet vor allem ein non-dualistisches Erkenntnisprinzip und eine erkenntnistheoretische Verschiebung (Yildiz 2022: 32). Es gilt das „essenzialisierende Differenzdenken zu entnaturalisieren und als soziale Konstruktionen sichtbar zu machen“, z.B. in Hinblick auf die Betrachtung von Migration und Mobilität (ebd.: 35) oder von Othering Prozesse auch innerhalb der Forschung. „Eine kritische Haltung gegenüber dominanten nationalen Deutungen und der dazugehörigen Geschichtsschreibung ist das Markenzeichen postmigrantischer Studien. Unter postmigrantischer Geschichtsschreibung ist gleichzeitig eine postnationalistische Form der Historiografie zu verstehen“ (ebd.: 47). Die postmigrantische Lesart der Wirklichkeit ist als ein Versuch zu verstehen, die Perspektiven und Erfahrungen jener zur Sprache zu bringen, die im Sinne des dominanten eurozentrischen Weltbildes als ›nicht modern‹, ›nicht zivilisiert‹, ›nicht aufgeklärt‹ und ›nicht emanzipiert‹ verortet wurden und werden. Im Gegensatz zu gängigen nationalen Narrativen wird im postmigrantischen Diskurs nicht nach integrativen Leistungen von Menschen gefragt, die ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft sind, es rücken vielmehr Prozesse von Entortung und Neuverortung, Mehrdeutigkeit und Grenzerfahrungen ins Zentrum (Yildiz 2022: 46). Entsprechend sind Subjektivierungsfragen auch intersektional und dekolonial zu denken (Spies/Tuider 2022; Bergold-Caldwell 2020). Im Sinne der Gegenartikulation und des Empowerments sind diese Artikulationen auch vor dem Hintergrund einer Aneignung und Rückbeziehung zu verstehen, die sich in hybriden Räumen Bahn brechen kann und gleichzeitig als postmigrantische Kompetenz (Akbaba/Wagner 2024) deutlich wird. Mit Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der postmigrantischen Gesellschaft stellen sich Forderungen nach Partizipation und Inklusion, welche als ineinander verschränkt gesehen werden können. Auch in der pädagogischen Praxis werden die gesellschaftlich etablierten Dominanzund Diskriminierungsverhältnisse sichtbar und stellen damit dem transformativen Potenzial der Etablierung von Teilhabe und Inklusion eine Barriere. Das Forschungsprojekt von Bostanci (2023) zu Gelingensbedingungen für Inklusionsprozesse in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen kommt zum zentralen Ergebnis, dass die institutionelle Etablierung von entsprechenden Lernräumen für die pädagogischen Fachkräfte einer der zentralen Faktoren ist. Es braucht Räume, die ermöglichen, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, und zwar auf allen Ebenen, auf individueller, struktureller und historischer Ebene. Das eigene Erleben zu reflektieren, auf der aktuellen und biografischen Ebene, ist notwendig, um das Eingebunden-Sein diese Verhältnisse nachvollziehen zu können (ebd.: 176f.). 23 In diesem Sinne braucht es Räume der aktiven Auseinandersetzung und Reflexion einerseits, es braucht andererseits Ebenen der Auseinandersetzung mit den Verschränkungen und zu guter Letzt auch Ressourcen, um diesen Widersprüchen, Veränderungen und auch der Gewalt begegnen zu können. 6 Gegennarrative und ein Fazit Analysen, die sich mit Rechtsextremismus beschäftigen, tun das häufig nicht vor dem Hintergrund einer postmigrantischen Gesellschaft, in der die Verletzung, Diffamierung und Ausgrenzung der Anderen immer die der Migrations-Anderen bleibt und wenig hinterfragt wird. Mit einer postmigrantischen Perspektive wird jedoch die Normverletzung und -herabsetzung gegenüber Migrations-Anderen deutlich hervorgehoben; eine Perspektive, die wir hier einmal deutlich machen wollten. Mit unserem Aufschlag wollten wir eine weitere Tiefenschärfe bereitstellen, die neben Rassismus auch Antifeminismus als Ideologie begreift, die sich in einer postmigrantischen Gesellschaft, rassistischer Stereotypisierungen bedient. Obwohl die Analysen in diesem Buch größtenteils nicht explizit auf die postmigrantische Gegenwartsanalyse Bezug nehmen, wenn sie hinsichtlich neurechter und antifeministischer Artikulationen und Zuspitzungen Systematisierungen vornehmen, geschieht dies doch vor dem Hintergrund eines vielschichtigen Gesellschaftsverständnisses, zu dem auch eine postmigrantische Perspektive gehört. „There is always a better story“, so hält Andrea Pető in ihrem Abschlussbeitrag des Bandes fest. Trotz des repressiven Verlustes der eigenen Stelle und folgend der Schließung der Gender Studies Zentren in Ungarn und der notwenigen (Wissenschaft-)Migration. Sie stellt sich die Frage: „[W]hat can you do, when you think nothing can be done?“ und sie gibt uns einige Hinweise, die in Zeiten wie diesen, in Zeiten einer kollektiven und diskursiven Verdichtung von autoritären und rechten Narrativen und Strukturen doch noch an die eigene Stimme glauben lässt. Zunächst verweist sie auf eine Strategie des kollektiven Teilens der eigenen Geschichte und des eigenen (vielleicht auch besseren) Durchkommens und verweist auf die politisch-strategische Wirkung dieser Kollektivierung. Sie hält uns an, besonders in diesen Zeiten in öffentlichen Debatten engagiert zu sein und sich nicht zurückzuziehen. Es soll darum gehen, wie Probleme gelöst werden können und weniger darum, in technologischen Fragen zu verharren. Denke über deinen Widerzugang nach, darüber wie du schreiben und sprechen kannst. Sei präsent und pass auf dich auf.… und last but not least: Stop sleepwalking! 30 reaktionären, christlich-fundamentalistischen und rechten Akteur*innen dominierten Demonstrationen „Manif pour tous“. Bis zu hunderttausend Menschen nahmen an den Demonstrationen teil (Ball 2014). Sie dienten als Vorbild für weitere rechte Mobilisierungen in Europa mit ähnlichen Inhalten, z.B. die „Demo für Alle“ in Deutschland, die „Familien Allianz“ in Österreich, „U ime Obitelji“ (‚Im Namen der Eltern‘) in Kroatien; „Aito avioliitto“ (‚Echte Ehe‘) in Finnland; „La Manif Pour Tous-Italia“ (‚Die Demonstration für alle‘) in Italien; „Alianca za Rodinu“ (‚Allianz für die Familie‘) in der Slowakei; und „Coalitie pentru Familie“ (‚Koalition für die Familie‘) in Rumänien (Datta 2021). Im Folgenden wird die Verwobenheit von Antifeminismus mit rechten Entwicklungen auf der Basis theoretischer Analysen eingeordnet. Hier zeigt sich bereits die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit antifeministischer Inhalte über Geschlechterbilder, die in verschiedenen Gesellschaften und Milieus geteilt werden. Anschließend wird die Verschränkung von Antifeminismus mit Rassismus verdeutlicht und herausgearbeitet, warum ein Verständnis von Antifeminismus als eigenständige Kraft und nicht nur als Gegenbewegung zu feministischen Mobilisierungen sowohl inhaltlich sinnvoll als auch notwendig ist, um Ausschlüsse in feministischen Bewegungen nicht zu reproduzieren. Dazu wird das Verständnis von Antifeminismus als Absicherungskraft patriarchaler Verhältnisse vorgestellt. Dieses Verständnis ermöglicht es, die verschiedenen in diesem Kapitel zusammengefassten Beiträge unter dem Dach des Begriffs Antifeminismus zu bündeln und trotz regionaler, zeitlicher und (sub)kultureller Unterschiede die Gemeinsamkeiten der Entwicklungen zu erfassen. 2 Antifeminismus als zentraler Bestandteil von extrem rechtem und autoritärem Denken Antifeminismus als zentrales Element extrem rechter Ideologie zu begreifen, ist noch relativ neu und feministischen Interventionen in der Arbeit und Forschung zur extremen Rechten zu verdanken (u.a. AK FE. IN 2019; Goetz 2018; Haas 2020a; Lang 2017). Die Auseinandersetzung steht auch im Zusammenhang mit rechten Anschlägen, die sowohl antisemitisch und rassistisch als auch antifeministisch motiviert waren. So begründeten die Attentäter von Halle (2019, Deutschland), El Paso (2019, USA), Oslo/Utøya (2011, Norwegen) und Christchurch (2019, Neuseeland) ihre Taten mit dem wahnhaften Glauben an die Gefahr eines „Großen Austauschs“2 (Haas 2020b; Sanders 2020; Kaya i.d.Bd.). 2 Das Verschwörungsnarrativ des ,Großen Austauschs‘ behauptet, dass Masseneinwanderung zu einem Austausch der als weiß imaginierten ,ursprünglichen‘ Bevölkerung Europas oder 31 Doch nicht nur anhand dieser gewaltvollsten Ausprägungen lässt sich erkennen, dass das extrem rechte Weltbild und vor allem die ihm zugrundeliegenden Geschlechterbilder als grundlegend antifeministisch zu verstehen sind. Rechte Weltbilder basieren auf dem Glauben an eine vermeintlich natürliche Ordnung, die allein auf Zweigeschlechtlichkeit beruht. Cis Männern und cis Frauen werden dabei komplementäre Eigenschaften zugeschrieben. So werden Frauen klassisch vor allem mit Attributen wie emotional, passiv und fürsorglich beschrieben und auch in modernisierten Varianten meist als Gegenentwurf (Haas 2020a) zum als kämpferisch, rational und stark geltenden Mann gezeichnet (Virchow 2011). Die extrem rechte Parole, Männer und Frauen seien „gleichwertig, aber nicht gleichartig“, betont die jeweils spezifischen Aufgaben und ihre natürliche Unterschiedlichkeit. Judith Goetz beschreibt es als eine imaginierte Wesensoder Naturhaftigkeit der Geschlechter, die ohne weitere Argumente auskommt (Goetz 2018). Eine „eindeutige“ Geschlechtsidentität ist neben der „ethnischen“ Zugehörigkeit ein Grundpfeiler extrem rechten Denkens und zentral für die Herausbildung einer klaren Identität. Feministische Emanzipationsbestrebungen greifen diese propagierte Eindeutigkeit des Geschlechts und die daraus resultierende Rollenverteilung an. Feminismus wird so zum Feindbild eines rechten Weltbildes, das nur zwei Geschlechter kennt und diese unumstößlich biologisch begründet (Hermann 2020; Schutzbach 2019). Jegliche Veränderung der Geschlechterrollen wird abgelehnt und alle Menschen werden auf ihren Platz, ihre Rolle im zweigeschlechtlich konstruierten Gefüge festgelegt (Blum/Haas 2025). 3 Die gesellschaftliche Verankerung von Antifeminismus Antifeminismus ist, wie gezeigt, einerseits ein zentraler Bestandteil rechter Ideologie. Zum anderen ist Antifeminismus als grundlegende Ideologie in patriarchalen Gesellschaften zu verstehen, die jeweils den aktuellen Status quo im Geschlechterverhältnis absichert bzw. versucht, idealisierte Geschlechterverhältnisse der Vergangenheit wiederherzustellen. Dies geschieht, indem mit einer vermeintlichen Ursprünglichkeit oder Natürlichkeit der Geschlechterhierarchie argumentiert wird (Blum 2021). Das Unbehagen gegenüber der Liberalisierung von Geschlecht und Sexualität ist gesellschaftlich etabliert. Aktuelle Studien belegen die weite Verbreitung antifeministischer Einstellungen in Deutschland. Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung (47,3 % der Nordamerikas führe. Dieser Prozess werde von einer kleinen Gruppe von Menschen, die zumindest implizit als Jüd*innen konstruiert werden, gesteuert und von ‚dem‘ Feminismus vorangetrieben. Der so herbeigeführte ‚Untergang des Abendlandes‘ sei demnach durch (v.a. muslimisch gedachte) Migrant*innen, emanzipierte Frauen und eine vermeintliche politische und mediale Elite verschuldet (Haas 2020b). 32 Männer und 28,7 % der Frauen) stimmt mindestens einer der antifeministischen Aussagen zu, die in der Einstellungsstudie der Universität Leipzig abgefragt wurden (Höcker/Pickel/Decker 2020). Darüber hinaus ist ein Anstieg der Häufigkeit geschlossen antifeministischer Weltbilder von 19 % im Jahr 2020 auf 25 % im Jahr 2022 zu beobachten (Decker et al. 2022). Weil dieses Geschlechterbild gesellschaftlich weit verbreitet ist kann Antifeminismus als Türöffner in die extreme Rechte fungieren (Blum 2021): „So gesehen stehen neonazistische Männlichkeitsund Weiblichkeitskonstruktionen in engem Zusammenhang mit der Herausbildung bürgerlicher (d.h. weißer, deutscher, heteround cissexueller, nicht-behinderter Mittelund Oberschichts-)Männlichkeiten und -Weiblichkeiten, werden aber expliziter und radikaler formuliert und in eine neonazistische Deutung der Welt eingebunden“ (Stuve/Hechler 2015: 52). Darüber hinaus ist Antifeminismus eng mit weiteren Ideologien der Ungleichheit verknüpft, etwa mit Antisemitismus (Hessel/Misiewicz 2020; Stögner 2014) und Rassismus (Bergold-Caldwell/Grubner 2021; Dietze 2016; Jäger 1999). 4 Die Verschränkung von Antifeminismus und Rassismus Die Verschränkung von Antifeminismus und Rassismus zeigt sich an verschiedenen Stellen. Neben der Aufforderung an weiße Frauen, viele Kinder zu bekommen, um dem vermeintlichen „großen Austausch“ entgegenzuwirken, werden weiße Frauen nicht nur in extrem rechten Narrativen vor allem als Opfer „importierter Gewalt“ durch eine vermeintliche „Masseneinwanderung“ dargestellt (Goetz 2018: 255f.). Sexismus und sexualisierte Gewalt auf „die Anderen“ zu projizieren und sie dadurch abzuwerten, ist kein neues Phänomen in der Beobachtung der extremen Rechten (ausführlich dazu AK FE. IN 2019). In den letzten Jahren hatte diese „Ethnisierung des Sexismus“ (Jäger 1999) und damit die rassistische Aufladung und Instrumentalisierung feministischer Positionen in verschiedenen Kampagnen und Wahlkämpfen in Europa Hochkonjunktur. In zahlreichen europäischen Ländern versuchten Gruppierungen ab 2015/16, ihre rassistischen Inhalte durch die Instrumentalisierung von Frauenrechten voranzutreiben. Lang erkämpfte Werte wie Gleichberechtigung müssten gegen einen vermeintlich rückständigen Islam verteidigt und geschützt werden, so die Argumentation (Bergold-Caldwell/Grubner 2021). Die Forderung nach dem „Schutz der einheimischen Frauen und Kinder“ (AK FE. IN 2019: 148) wird häufig mit Forderungen nach einer Verschärfung der Migrationsund Bevölkerungspolitik verbunden und basiert auf klassischen antifeministischen Rollenbildern, in denen die (weiße) Frau von ihrem (weißen) Mann vor dem als bedrohlich behaupteten „fremden“ Mann geschützt werden muss (AK FE. IN 2019; Bergold-Caldwell/Grubner 2021). Ein gene- 33 reller Aufruf gegen (sexualisierte) Gewalt an cis Frauen ist hingegen selten zu finden. Vielmehr wird im Namen von Frauenrechten antifeministisch agiert, indem patriarchale Verhältnisse als Grundlage von (sexualisierter) Gewalt unsichtbar gemacht werden. Durch die Verschiebung auf als fremd markierte „migrantische Männer“ als vermeintlich alleinige Täter wird der Blick weg von strukturell verankerten Gewaltverhältnissen in patriarchalen Gesellschaften hin zu einer vermeintlichen Tätergruppe gelenkt. Statt einer Auseinandersetzung mit diesen bedrohlichen Strukturen findet eine Externalisierung patriarchaler Gewalt auf „die Anderen“ statt (Blum/Haas 2025). Dass es rechten antifeministischen Akteur*innen vor allem um eine rassistische Vereinnahmung dieser Fälle geht, zeigt sich auch daran, dass sie massiv gegen die Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt mobilisieren. Diese Konvention wurde 2011 auf EU-Ebene als verbindlicher Standard festgelegt. Der Ratifizierungsprozess stockt jedoch, da viele Länder Einschränkungen fordern oder sich gänzlich dagegen aussprechen (Zacharenko 2020). 5 Antifeminismus als Absicherung patriarchaler Verhältnisse Häufig wird Antifeminismus vor allem als Gegenbewegung zum „Feminismus“ beschrieben (Kiepels 2013; Roßhart 2008), die durch feministische Errungenschaften erstarkt. In einigen Definitionen von Antifeminismus wird daher zunächst das eigene Verständnis von Feminismus definiert und daraus Antifeminismus abgeleitet (Henninger 2020). Antifeministische Mobilisierungen arbeiten sich jedoch entgegen der Intention einer Definition des Feminismusverständnisses kaum an spezifischen feministischen Verständnissen ab, sondern konstruieren Zerrbilder von Feminismus, die ihre Angriffe vermeintlich legitimieren (AK FE. IN 2019: 26–30). Antifeministische Mobilisierungen weisen im Zeitverlauf durchaus rhetorische Modernisierungen auf, weshalb teilweise auch von Anti-Genderismus gesprochen wird. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass auch aktuelle Entwicklungen, die den Begriff Gender fokussieren, im Kern mit klassischem Antifeminismus verbunden sind (Blum 2019: 106–115). Dies zeigt sich exemplarisch an den Entwicklungen in den USA. Hier wird parallel und von denselben Akteur*innen, insbesondere der Republikanischen Partei, sowohl für die Einschränkung des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen – klassisch antifeministisch – als auch gegen die Rechte von queeren und trans* Personen – modernisierte Varianten – mobilisiert. Dies macht deutlich, dass Antifeminismus und LGBTQIA*-Feindlichkeit im Kern zusammenhängen, da es in beiden Fällen um die Aufrechterhaltung cis-männlicher bzw. heterosexueller Hegemonie geht. Dies ist jedoch keine neue Entwicklung, 34 sondern im antifeministischen Weltbild angelegt (Blum 2023). Ein Beleg mit Fokus auf Deutschland ist, dass der Frauenbewegung bereits im Kaiserreich vorgeworfen wurde, Frauen zu entweiblichen und zu „Zwitterwesen“ zu machen (Planert 1998: 93–95). Dabei handelt es sich um Vorwürfe, die sich sprachlich von heutigen unterscheiden, aber deutlich auf Vorstellungen von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als ausschließlicher Norm beruhen. Wenn Antifeminismus eine Definition von Feminismus vorausgesetzt wird, passiert es zudem schnell, dass nur Personen, die sich diesem Verständnis von Feminismus zuordnen, als Betroffene von Antifeminismus anerkannt werden. Dabei wirkt Antifeminismus auch strukturell und zielt in der Regel darauf ab, FLINTA* und queere Personen auf ihren – im antifeministischen Weltbild – gesellschaftlichen Platz zu verweisen. Während die gesellschaftliche Erwartung an cis Frauen ein „klassisch“ weibliches Auftreten und die Festschreibung auf den privaten Raum und entsprechende Aufgaben wie Careund Fürsorgearbeit bedeutet, kommen queere Personen im antifeministischen Weltbild schlicht nicht vor, was eine Unsichtbarmachung bis hin zu Auslöschungsversuchen bedeutet. Dies äußert sich beispielsweise in Angriffen auf queere Clubs wie 2022 in Bratislava, Oslo und Orlando und auf queere Veranstaltungen wie den CSD (Blum 2023) oder Drag-Lesungen (mehr dazu im Beitrag von Judith Goetz i.d.Bd.). Darüber hinaus ist Antifeminismus, wie beschrieben, eng mit Rassismus, Antisemitismus, Klassismus und anderen Ungleichheitsideologien verknüpft und FLINTA* of color, FLINTA* in Armut und jüdische FLINTA* erleben Antifeminismus auf spezifische Weise. Dies wird jedoch oft übersehen, wenn nur auf konkrete feministische Bewegungen geschaut wird, die ihrerseits oft sehr weiß und akademisch organisiert sind (Gutiérrez Rodríguez/Tuzcu 2021), so dass viele FLINTA* of color sich teils nicht mit dem hegemonialen Verständnis von Feminismus identifizieren (können) bzw. oftmals nicht als Feminist*innen angerufen oder rezipiert werden (Zamani 2023). Wenn Antifeminismus eine Definition von Feminismus vorausgesetzt wird, besteht die Gefahr, dass Ausschlüsse in feministischen Bewegungen reproduziert und auch in Konzepte und Definitionen von Antifeminismus übernommen werden. Dies kann dazu führen, dass FLINTA*, die intersektionale Diskriminierung erleben, nicht als von Antifeminismus betroffen erkannt werden – eine doppelte Exklusion (Blum 2023). Es ist daher notwendig, Antifeminismus als eigenständige Ideologie zu begreifen und Definitionen möglichst allgemeingültig zu formulieren. 6 Der Dreischritt des Antifeminismus Das Ziel, an der Theoriebildung zu Antifeminismus weiterzuarbeiten und Verständnisse zu schärfen, liegt auch meiner Promotion zu Antifeminismus in 35 Westdeutschland zwischen 1945 und 1990 zugrunde, die ich 2024 abgeschlossen habe.3 Anhand von Primärquellen habe ich ein Grundverständnis von Antifeminismus erarbeitet und die Systematik eines „Dreischritts des Antifeminismus“ entwickelt. Die Systematik basiert auf der Erkenntnis, dass patriarchale Verhältnisse sozial konstruiert sind (u.a. Cyba 2008) und daher immer wieder abgesichert werden müssen, um ihre Stabilität zu gewährleisten. Diese Absicherung ist in rechtlichen Rahmenbedingungen und institutionellen Normen verankert, entfaltet ihre Wirkung aber oft so implizit, dass sie für viele unsichtbar bleibt. Um dieses Phänomen zu erklären, habe ich den Ansatz des strukturellen Antifeminismus entwickelt. Wenn patriarchale Strukturen trotz ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit durch Gleichstellungsbemühungen, feministische und queere Bewegungen oder Personen herausgefordert werden, also gegen diese aufbegehrt wird, mobilisiert sich struktureller Antifeminismus zu einer Bewegung, die diese Herausforderung abwehrt. Diese Entwicklungen lassen sich als Dreischritt von Absicherung, Aufbegehren und Abwehr systematisieren, der verdeutlicht, dass Antifeminismus nicht erst als Reaktion auf feministische Bewegungen entsteht, sondern bereits in patriarchalen Strukturen verankert ist, um deren Fortbestand zu sichern. Diese Erweiterung des Verständnisses von Antifeminismus ist wichtig, um der im Begriff Antifeminismus angelegten Vorstellung, Antifeminismus gäbe es nur aufgrund feministischer Bewegungen, Antifeminismus als eigenständige Ideologie entgegenzusetzen, die der Absicherung patriarchaler Verhältnisse dient. Dieses Verständnis ermöglicht es auch, Kräfte und Entwicklungen als antifeministisch zu begreifen, die sich nicht gegen sich dezidiert als feministisch verstehende Personen richten. Darüber hinaus lässt sich diese Systematik – die Absicherung patriarchaler Verhältnisse durch strukturellen Antifeminismus, das Aufbegehren dagegen, z.T. durch schlicht nonkonformes Verhalten, und die Mobilisierung zu einem bewegungsförmigen Antifeminismus, der für viele Antifeminismus erst sichtbar macht – auf unterschiedliche Entwicklungen anwenden. Mit diesem Verständnis lässt sich der gemeinsame Kern antifeministischer Entwicklungen und Mobilisierungen mit einem gemeinsamen Begriff erfassen, trotz zum Teil großer regionaler, zeitlicher und (sub)kultureller Unterschiede. Denn so unterschiedlich die im Folgenden dargestellten Entwicklungen, Netzwerke, Akteur*innen und Mobilisierungen auch sein mögen, sie alle stehen im Zusammenhang mit der Absicherung patriarchaler Verhältnisse und/oder der Abwehr von Infragestellungen durch feministische, gleichstellungspolitische und queere Personen. 3 Die Dissertation wird im Frühjahr 2026 bei Barbara Budrich erscheinen. Die Forschung orientierte sich an Ansätzen der Grounded Theory nach Glaser/Strauss, da diese das Ziel verfolgt, in einem zirkulären Prozess von Datenerhebung, Datenanalyse und Theoriebildung neue Theorien zu entwickeln (Glaser/Strauss 2010). Ausgehend von einem offenen, der Gegenstandsangemessenheit verpflichteten Forschungsprozess wurde klassische Literaturarbeit mit 20 qualitativen Interviews und Archivrecherchen in drei feministischen Archiven kombiniert. 36 7 Absicherung, Aufbegehren und Abwehr anhand der Beiträge im Sammelband Die Struktur des Dreischritts von Absicherung, Aufbegehren und Abwehr ermöglicht es, die unterschiedlichen Beiträge und Ansätze im folgenden Kapitel unter dem Dach des Antifeminismus zu vereinen. Unabhängig von konkreten feministischen und queeren Bewegungen sowie antifeministischen Kräften und Akteur*innen, die jeweils regionale, (sub)kulturelle und zeitliche Spezifika aufweisen, können wir sie als im Kern antifeministisch beschreiben. Dass antifeministische Entwicklungen dabei viele verschiedene Ausprägungen und Ausdrucksformen haben können, wird in der Fülle unserer Beiträge deutlich. Johanna Sigl und Juliane Lang beleuchten in ihrem Beitrag die Verschränkung von extrem rechter Gewalt und Geschlecht. Sie erläutern diese anhand der Notwendigkeit, intersektionale Verschränkungen, wie das Zusammenwirken von geschlechtsspezifischen und rassistischen Tatmotiven, in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus ordnen sie Angriffe auf queere Menschen und die Christopher Street Days in der CSD-Saison 2024 als rechte Artikulationsformen ein, in denen das extrem rechte Geschlechterbild gewaltförmig in Erscheinung tritt. Dabei zeigen sie die Zusammenhänge in den Tatmotivationen, den spezifischen Tatausführungen und -kontexten sowie in den Folgen und Auswirkungen für gewaltbetroffene Frauen und Queers auf und ordnen rechte Gewalt aus frauenund queerfeindlichen Motiven als männliche Resouveränisierungsstrategie ein, die zur Normierung einer binären und heteronormativen Geschlechterlogik beiträgt. Dieser Blick zeigt die Gewaltförmigkeit, die in der Abwehr von Emanzipationsbestrebungen liegen kann und die rechten Weltbildern insgesamt zugrunde liegt. Auch Viktoria Rösch setzt sich mit dezidiert rechten Erscheinungsformen auseinander. Sie analysiert rechte Tradwives und Momfluencerinnen – vermeintlich harmlose Varianten extrem rechter Geschlechterbilder – und zeigt den Einfluss und die Attraktivität (rechter) Mutterschaftsbilder auf. Diese Mutterschaftsbilder können als Absicherung patriarchaler Verhältnisse und Momfluencerinnen als vermeintliche Ausbrüche rechter Frauen aus starren Geschlechterbildern verstanden werden, wobei deutlich wird, dass sie vor allem die Möglichkeit der Partizipation auf Basis der Absicherung patriarchaler Verhältnisse ermöglichen. Die Fixierung auf den vermeintlich privaten Raum wird von Momfluencerinnen nicht ernsthaft unterlaufen, sondern vielmehr durch öffentliche Wiederholung abgesichert. Im Beitrag wird deutlich, dass Tradwives und Momfluencerinnen als Absicherung patriarchaler Verhältnisse zu verstehen sind, die auf der Ausbeutung und Unsichtbarmachung von (weiblicher) Care-Arbeit basieren. In dem Beitrag von Judith Goetz wird wiederum die Abwehr gesellschaftlicher Aufbrüche durch antifeministische Akteur*innen deutlich. Sie analysiert 37 die mediale Berichterstattung in Österreich zu antifeministischen Protesten gegen Drag-Lesungen zwischen März und Juni 2023 und untersucht, wie diese Anfeindungen in bestehende antifeministische Narrative zu sexueller Bildung der Vielfalt eingebettet sind. Dabei können Drag-Lesungen als „progressive Bildungsansätze, die zum Abbau von Diskriminierung und Benachteiligung beitragen wollen“ und damit als Aufbegehren gegen cis-heteronormative Strukturen verstanden werden. Die Proteste gegen diese Lesungen können als Abwehr dieses Aufbegehrens eingeordnet und als Versuch verstanden werden, traditionelle Geschlechterverhältnisse abzusichern. Judith Goetz beleuchtet, wie die Proteste und darin gezielt eingesetzte antifeministische Narrative, wie das Narrativ „Frühsexualisierung“ auch durch die Medienberichterstattung eine weite Verbreitung und Popularisierung erfahren, auch weil in den wenigen Klarstellungen und Richtigstellungen oft ausführliche Erläuterungen zu Hintergründen und Zielen der Drag-Lesungen und sexueller Bildung weitgehend fehlen. Funda Hülagü Demirbilek analysiert antifeministische Mobilisierungen und die Instrumentalisierung eines vermeintlichen Kindeswohls in der Türkei und betrachtet sie unter Fragen der Verschränkung mit autoritären Entwicklungen sowie den Auswirkungen von Neoliberalismus und sozioökonomischer Erosion. Dabei fokussiert sie nicht nur auf die Artikulation, sondern betrachtet antifeministische Entwicklungen als Effekte gesellschaftlicher und struktureller Widersprüche. Dazu nutzt sie das Konzept der „sozialen Pathologien“ aus der Kritischen Theorie, um antifeministische Bewegungen in den Kontext gesellschaftlicher und vor allem kapitalistischer Entwicklungen zu stellen. Demirbileks Ansatz kann dabei als Analyse der Absicherung von Herrschaftsverhältnissen gegen Liberalisierungen durch die Instrumentalisierung des Kindeswohls verstanden werden. Sie zeigt auch, dass dies gelingt, weil Kinder nicht als eigenständige Subjekte, sondern als Eigentum betrachtet werden. Ein gemeinsamer Bezugspunkt der Beiträge von Goetz und Demirbilek ist, dass sie jeweils beleuchten, wie im Namen des vermeintlichen Kindeswohls antifeministische Inhalte durchgesetzt werden. Auch wenn sich Demirbilek auf die Türkei und Goetz auf Österreich konzentriert, wird deutlich, dass antifeministische Artikulationen oft eine ähnliche Rhetorik aufweisen. Jennifer Degner-Mantoan analysiert die Vernetzung verschiedener maskulinistischer Gruppierungen in Deutschland und fokussiert damit auf Vernetzungen in der Abwehr gesellschaftlicher und feministischer Aufbrüche. Dieser Fokus ermöglicht es, antifeministische Mobilisierungen als Effekte gezielter Vernetzung zu verstehen und macht deutlich, wo die Grundlagen für gemeinsame Artikulationen und Mobilisierungen liegen (können). Degner-Mantoan arbeitet heraus, dass die Männerrechtsbewegung einen starken Fokus auf Problemdeutungen und Ideologieproduktion legt, was immer einfacher ist, als konstruktive Ansätze zu entwickeln und sich mit der Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse auseinanderzusetzen. 38 In Gwenaelle Perriers Analyse der Debatten um geschlechtergerechte Sprache in Frankreich wird der Dreischritt von Absicherung, Aufbegehren und Abwehr deutlich. Sie analysiert diese Kämpfe um Geschlechterordnungen in Frankreich auch aus linguistischer Perspektive. Dabei wird deutlich, dass Sprachpolitiken und vor allem der Versuch, Sprache in einer wie auch immer gearteten Ursprünglichkeit festzuschreiben, als Absicherung (patriarchaler) Verhältnisse verstanden werden können. Praxen geschlechtergerechter Sprache können als Aufbegehren und Intervention gegen „antifeministische Normen“ verstanden werden, die wiederum zum Teil aggressiv abgewehrt werden. Dabei wird deutlich, dass diese Abwehr als symbolische Kämpfe im Sinne eines Kulturkampfes gedacht werden können und oft eine lange Kontinuität aufweisen. Gwenaelle Perrier gelingt es, diese Abwehr in den Kontext von Kolonialismus und Nationalismus zu stellen, wenn sie herausarbeitet, dass die „Standardsprache“ auch als „Kitt der Nation“ verstanden wird. Die letzten beiden Beiträge dieses Kapitels zeigen, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit Antifeminismus und Erziehung bzw. Erziehungswissenschaft ist und schlagen damit bereits eine Brücke zum nächsten Kapitel. Rajni Palriwala arbeitet antifeministische Geschlechterbilder im Hindunationalismus heraus und zeigt, wie sich diese in Erziehung und Bildung niederschlagen. Dazu stellt sie zunächst den Hindunationalismus in seinen Grundzügen sowie verschiedene hindunationalistische Organisationen vor. Daran anknüpfend arbeitet sie Männlichkeitserwartungen – „new ideal Hindu man“ – und Weiblichkeitsanforderungen heraus, die zum Teil in einer Aufwertung spezifischer Weiblichkeit liegen und so deren Attraktivität erklären. Auch wenn sich in der spezifischen Artikulation zum Teil große Unterschiede zu Entwicklungen in Europa ausmachen lassen, wird gleichzeitig deutlich, dass Erziehung, Bildung und insbesondere Geschlechterbilder für die politischen Akteur*innen zentral sind und umfassend wirken. So wird auch im Beitrag von Rajni Palriwala der Zugriff auf Kinder über eine allumfassende Zurichtung durch Erziehung und Pädagogik deutlich. Der Beitrag von Rajni Palriwala ist somit als Analyse der Absicherung patriarchaler Verhältnisse auch durch pädagogische Konzepte zu verstehen. Ece Kaya arbeitet die Absicherung von Herrschaftsverhältnissen heraus und zeigt, dass aktuelle Artikulationen eine lange Kontinuität haben, auf Kolonialismus aufbauen und mit Rassismus verwoben sind. Ece Kaya fokussiert dabei auch auf die Absicherung von Herrschaftsverhältnissen durch erziehungswissenschaftliche Strukturen und arbeitet heraus, dass Wissenschaft nicht das „Andere von Herrschaft“ ist, sondern sich in Komplizenschaft mit Herrschaftsverhältnissen befindet. Damit wird die Verstrickung unserer Wissenssysteme mit Kolonialismus, Antifeminismus und anderen herrschaftssichernden Kräften deutlich, der wir uns nicht einfach entziehen können, sondern die einer ständigen Reflexion und Aufarbeitung bedarf. Ece Kayas Beitrag fungiert somit bereits als wichtiger Anknüpfungspunkt für den zweiten 39 Teil des Sammelbandes, in dem antifeministische und neurechte Entwicklungen im Bereich der Pädagogik und aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive näher beleuchtet werden. Literatur AK FE. IN (2019): Frauen*rechte und Frauen*hass: Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. 1. Auflage. Berlin: Verbrecher Verlag. Ball, Sam (2014): Protesters take to streets over French govt’s „familyphobia“. In: Francce 24, 05.10.2014. https://www.france24.com/en/20141005-protesters-take-streets-overfrench-govt-familyphobia-paris-manif-pour-tous [Zugriff: 13.05.2025]. Bergold-Caldwell, Denise/Grubner, Barbara (2021): Effekte der diskursiven Verknüpfung von Antifeminismus und Rassismus. Eine Fallstudie zu Orientierungskursen für neu Zugewanderte. In: Henninger, Annette/Birsl, Ursula (Hrsg.): Antifeminismen: ›Krisen‹-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential? 1. Auflage. Bielefeld: transcript Verlag, S. 149–192. Biskupic, Joan (2021): Trump’s appointees are turning the Supreme Court to the right with different tactics. In: CNN politics, 26.07.2021. https://edition.cnn.com/ 2021/07/26/politics/trump-kavanaugh-gorsuch-barrett-supreme-court/index.html [Zugriff: 13.05.2025]. Blum, Rebekka (2019): Angst um die Vormachtstellung. Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus. Hamburg: Marta Press. 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Die Strafverteidigerin Asha Hedayati begreift „Gewalt gegen Frauen [als] Ausdruck von Machtund Abhängigkeitsverhältnissen, die strukturell in unserer Gesellschaft begründet sind“ (Hedayati 2023: 14) und die in rechten Weltbildern eine Zuspitzung erfahren (Clemm 2023). Ungleichheitsverhältnisse allgemein und eine traditionell ungleiche Geschlechterordnung im Besonderen werden in rechten Weltbildern als „naturgegeben“ verklärt. Rassismus begrenzt die gedachte Wir-Gemeinschaft nach außen, eine starre Geschlechterordnung strukturiert die Gemeinschaft in ihrem Inneren. Gewalt dient hierbei der Verteidigung der gedachten Ordnung nach innen wie nach außen. Sie trifft u.a. Frauen, die gängigen Weiblichkeitsanforderungen nicht entsprechen, ebenso wie LGBTIQ*-Personen, die qua ihrer Existenz die binäre Geschlechterordnung unterlaufen. Die Gewalt fußt in antifeministischen, homound transfeindlichen Motiven, wobei sich die einzelnen Ungleichwertigkeitsdimensionen überlagern und mitunter potenzieren können. So berichtet Hedayati davon, dass behinderte Frauen – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – fast doppelt so viel körperliche und zwei bis dreimal so viel sexualisierte Gewalt im Erwachsenenalter erfahren (Hedayati 2023: 167f.). Extrem rechte Angriffe gegen politische Gegner:innen treffen weibliche und LGBTIQ*-Politikerinnen in besonderer Härte: weil sie emanzipierte Frauen oder Queers sind und damit nicht nur als politische Gegner:innen angegriffen, sondern auch für die Abweichung von der Geschlechternorm sanktioniert werden (Lang/Sigl 2023). 4 Rechte Gewalt in geschlechterreflektierender Perspektive Die Verwobenheit von rechter Gewalt mit jener Gewalt, die Frauen und Queers aufgrund ihrer Position im Geschlechterverhältnis trifft, zeigt sich in den Dynamiken, die den Taten zugrunde liegen ebenso wie in den spezifischen Tatausformungen und den Folgen für die Betroffenen. Rechte Gewalt kennt dabei verschiedenste Ausdrucksformen und die Annäherung an rechte Gewalt kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln erfolgen (exemplarisch Köbberling 2018). Wir möchten uns hier auf Formen rechter Gewalt konzentrieren, in denen das Geschlecht der Opfer oder deren geschlechtliche und sexuelle Orientierung eine Rolle für die Tatausübung spielen. Dabei zeigen wir auf, wie die Über- 47 schneidung extrem rechter und geschlechterbezogener Gewalt wiederum spezifische Gewaltfelder hervorbringt, in denen Frauen und Queers zu Betroffenen rechter Gewalttaten werden. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung und der wissenschaftlichen Diskussion wird diese vergeschlechtlichte Analyse rechter Gewaltmotivationen und Gewalttaten meist nach wie vor vernachlässigt. Wenn aber davon auszugehen ist, dass Geschlecht eine Strukturkategorie (vgl. Aulenbacher 2021) für rechtes Denken wie Handeln darstellt, dann wird es nötig, rechte Gewalt unter eben dieser Perspektive zu analysieren. Hierfür greifen wir zum einen auf Tatbeschreibungen zurück, die im Rahmen eines Interviews mit Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle für Betroffene von antisemitischer, rassistischer und rechter Gewalt entstanden sind2, zum anderen nutzen wir exemplarisch ausgewählte Medienberichte über entsprechende Gewalttaten aus dem Jahr 2024 und explizieren die geschilderten Taten in einer intersektionalen Perspektive. In der Darstellung blicken wir zunächst auf rechte Gewalt, in denen die (durch die Täter zugeschriebene) weibliche und queere Geschlechtsidentität der Betroffenen tatauslösend ist. Geschlecht wird hier zu einem zentralen Referenzpunkt für die direkte Gewaltausübung. Hierzu zählen in besonderer Weise auch Taten, die Frauen in ihrem privaten Nahraum angreifen. Im Weiteren fokussieren wir auf rechte Diskursgewalt, die sich gegen die Sichtbarkeit queeren Lebens richtet. Anhand von Beispielen wird deutlich, wie der radikalisierte Diskurs, der mitunter in den Sozialen Medien beginnt, den Nährboden für reale Angriffe bietet. 5 Rechte Gewalt gegen Frauen In einem patriarchal überformten, heterosexuellen männlichen Begehren werden Frauen objektifiziert. Lehnt eine Frau männliche Annäherungsversuche, Ansprüche und Zugriffe auf ihren Körper ab, so fordert das dementsprechend männliches Besitzdenken heraus. Wenn Männer in ihrem Begehren durch Frauen zurückgewiesen werden, erleben sie dies als Kränkung ihrer Männlichkeit. Die in einem solchen Kontext ausgeübte Gewalt gegen Frauen kann damit als männliche Resouveränisierungsstrategie verstanden werden. Besonders gefährdet durch männliche Gewalt ist eine Frau dann, wenn sie sich aus einer Partnerschaft löst, den Mann verlässt (Clemm 2020: 132). Nicht zuletzt die aktuellen Zahlen zu Femiziden und Partnerschaftsgewalt zeigen, dass die 2 Wir beziehen uns im Folgenden auf Interviews mit Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, welche die Grundlage für eine Untersuchung zu den vergeschlechtlichten Dimensionen rechter Gewalt mit Blick auf Brandenburg bildeten (vgl. Lang/Sigl 2023). 48 Bereitschaft von Männern, sich durch Gewalthandeln gegenüber Frauen in ihrem Männlichkeitsbild zu rehabilitieren, steigt (BKA 2024). Zu sehen sind diese Zahlen im Kontext weltweiter geschlechterpolitischer Entwicklungen: auf politischer Ebene findet sich diese in der Verschärfung von Gesetzen u.a. im Feld der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen. Auf der Mikroebene sehen wir weltweit steigende Zahlen an Femiziden und Gewalttaten von Männern an Frauen (Dyroff et al. 2023). Frauen, die sich an eine Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt wenden, erfahren männliche Gewalt in der Intersektion mit rassistischen, antisemitischen oder rechtsextremen Motiven. Auch hier finden sich Fälle, in denen die Männer entweder gewaltvoll agierten, wenn eine Partnerin die Beziehung beendete, oder aber wenn Frauen die Annäherungsversuche eines Mannes direkt zurückwiesen. Beispielhaft berichteten die Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle von einem Fall, in dem ein Mann seiner Nachbarin gegenüber sexuell motiviertes Interesse zum Ausdruck brachte. Die Frau selbst war als weiße Deutsche nicht direkt von Rassismus betroffen, ihr Kind sowie der Vater ihres Kindes jedoch schon. Nachdem die Frau die Annäherungsversuche ihres Nachbarn abwies, schlug sein Interesse in Ablehnung um. Es folgten regelmäßige misogyn konnotierte verbale Angriffe, die unter Bezugnahme auf ihr Kind und den Kindsvater rassistische Ausdrucksformen fanden. Für die Frau, die mit ihrem Kind zusammen die Wohnung bewohnte, bestand die einzige Möglichkeit, der Situation zu entkommen, darin, sich eine neue Wohnung zu suchen. Vorhergegangene Versuche, Unterstützung durch ihre Vermieter:innen zu bekommen, schlugen fehl. Ebenso fehl schlug das Vorhaben, den Vorfall zur Anzeige zu bringen. Die Beamt:innen bewerteten die von ihr geschilderten Situationen als „Nachbarschaftsstreit“ und negierten damit die Misogynie und den Rassismus des Mannes als Tatmotiv. Die Mehrfachbetroffenenheit von Frauen, die neben ihrer Geschlechtszugehörigkeit noch von weiteren Diskriminierungsdimensionen betroffen sind, hebt auch Christina Clemm als Erfahrungswert ihrer Arbeit als Anwältin für gewaltbetroffene Frauen hervor (Clemm 2020: 193). Sie erschwere es den Betroffenen, adäquate Unterstützung zu bekommen – etwa indem, wie hier geschildert, die politische Motivation der Taten nivelliert oder den Frauen und ihren Familien nicht zugehört wird. Viele von rechter, rassistischer und misogyner Gewalt betroffene Frauen machen die Erfahrung, dass das von ihnen Erlebte als Beziehungsgewalt oder Nachbarschaftsstreit entpolitisiert wird. Dies gilt sowohl für Hausverwaltungen und Vermieter:innen wie für die zuständigen Ermittlungsbehörden. Hier ist zu vermuten, dass der weiterhin dominierende entpolitisierende wie emotionalisierende Blick auf Frauen innerhalb der Ermittlungsbehörden die Wahrnehmung der rechten Tatmotivation behindert und es zugleich für sie erschwert, Unterstützung zu bekommen (vgl. Lang/Sigl 2023). 49 Nicht immer stellen sexualisierte Tatmotivationen den Beginn der Angriffe auf Frauen in ihrem Wohnumfeld dar. In anderen Fällen begründet das rassistische Denken der Nachbar:innen die Gewalt. In einem durch die Mitarbeiter:innen der Beratungsstelle im Interview geschilderten Fall sah sich eine junge Frau rassistischer Gewalt durch einen Nachbarn ausgesetzt. Sie war nach ihrer Flucht aus einem Land im nordöstlichen Afrika in ihre erste eigene Wohnung in eine ostdeutsche mittelgroße Stadt gezogen. Direkt nach ihrem Umzug begann der Nachbar, sie rassistisch zu bedrohen. Jedes Mal, wenn sie ihre Wohnung verließ, wurde sie von ihm gefilmt und dabei rassistisch beleidigt. Dies führte nach einiger Zeit dazu, dass sie nur noch unter Begleitung ihre Wohnung verlassen konnte. Sein Verhalten machte es der jungen Frau unmöglich, sich in ihrer Wohnung weiterhin sicher zu fühlen. Auf ihre Beschwerden bei der Hausverwaltung erfolgten keine Reaktionen, so dass sie sich genötigt sah, zu kündigen und sich eine neue Wohnung zu suchen. Die fehlende Unterstützung beschränkt die Möglichkeiten von Frauen, sich gegen Gewalt zur Wehr zu setzen. Was allgemein für die Handlungsräume gewaltbetroffener Frauen gilt, trifft auf mehrfachmarginalisierte Frauen in besonderer Weise zu: „Frauen wehren sich häufig nicht, weil ihnen das gesellschaftlich so beigebracht wurde, und wenn sie es doch tun, werden sie damit bestraft, dass ihnen nicht geglaubt wird, weil sie von dem erwarteten ‚typisch weiblichen‘ Verhalten abweichen“ (Hedayati 2023: 85). Von solchen und ähnlich gelagerten Fälle wussten die Mitarbeiterinnen der Betroffenenberatung mehrfach zu berichten. Dass von rassistischen Angriffen im Wohnumfeld möglicherweise häufiger Frauen betroffen sind, kann auch damit zusammenhängen, dass das Wohnumfeld als häusliche Sphäre in klassischen Geschlechterentwürfen Frauen zugerechnet wird. Zugleich bedeuten Angriffe im eigenen Wohnumfeld das Eindringen in einen privaten Raum, in dem sich Menschen eigentlich geschützt fühlen sollten. An einem Ort, an dem es keine Öffentlichkeit gibt, potenziert sich die Vulnerabilität von Frauen gegenüber rechter und misogyner Gewalt: „Hier sind sie besonders verletzbar und in ihrer Sorge für die Familie und den persönlichen Nahbereich der Gewalt in besonderer Weise ausgesetzt. Die vermeintliche Privatheit des Raumes schützt sie dabei nicht. Ganz im Gegenteil machen sie die Erfahrung, dass ihnen ein Schutz verwehrt wird – indem Außenstehende das Geschehen wahlweise, wie bereits oben beschrieben, als ‚Beziehungskonflikt‘ oder ‚Nachbarschaftsstreit‘ entpolitisieren“ (Lang/Sigl 2023: 102). Rechte Angriffe im Nachbarschaftsumfeld gegenüber Frauen und Kindern benötigen keine sexualisierte Komponente; gleichwohl drücken sie sich aus den geschilderten Gründen geschlechtsspezifisch aus. Aus einer rassistischen Tatmotivation heraus erfolgen Angriffe auf Mütter und ihre Kinder, die sehr bewusst von den Tätern als Nachbarschaftskonflikte inszeniert werden. Diese vermeintlichen Nachbarschaftskonflikte werden durch die Täter rassistisch überladen. Sei es, dass die Lebensweise der neuen Nachbar:innen exotisiert 50 wird oder die Lautstärke der Kinder kulturalisiert wird. Der geteilte soziale Nahraum wird von den Tätern als Bedrohung und Provokation ihres rechten und rassistischen Lebensentwurfs gesehen. Die Spanne der ausgeübten Gewalt reicht dabei von verbalen Bedrohungen im Treppenhaus über mutwillige Sachbeschädigung bis hin zu versuchtem Totschlag und Mord (ebd.). Die Intersektion misogyner Gewalt mit rechten und rassistischen Tatmotivationen und Gewaltartikulationen findet hier auf zwei Ebenen statt: Die dem Rechtsextremismus inhärente Geschlechterideologie unterstützt die Entwicklung von Männlichkeitsbildern, bei denen Gewalt elementarer Bestandteil der männlichen Identität ist. Frauenhass als Teil einer „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ fügt sich ein in ein rechtes menschenverachtendes Weltbild und kann Gewalt gegen Frauen nicht nur legitimieren, sondern auch verstärken. Die doppelte Akzeptanz der Ungleichwertigkeit schreibt sich in die geschilderten Taten ein. Es sind nur wenige Fälle bekannt, in denen es den Betroffenen gelang, die Angriffe als rassistische und rechte Gewalt öffentlich zu machen und dadurch auch politische Unterstützung zu erfahren. In einem solchen Fall wurde durch die Betroffene und ihre solidarische Nachbarschaft auf die rassistische Bedrohung einer alleinerziehenden Frau und ihrer Kinder aufmerksam gemacht. So kam es zu Sachbeschädigung in Form eines verbrannten Kinderwagens sowie zu rassistischen Bedrohungen, die an die Wohnungstür der Familie geklebt worden sind (vgl. Hamburger Abendblatt 2024). Anders als in vielen anderen ähnlich gelagerten Fällen konnte hier durch ein solidarisches Umfeld der betroffenen Frau so viel Öffentlichkeit geschaffen werden, dass die Bedrohungen durch die verantwortlichen Stellen nicht ignoriert werden konnten. Nicht nur Teile der städtischen Politik verurteilten die Angriffe, sondern auch die Wohnungsgenossenschaft äußerte sich öffentlich und sprach ihrer Mieterin Unterstützung zu. Der Familie war es kurze Zeit später möglich, umzuziehen. In vielen ähnlich gelagerten Fällen, die uns von Mitarbeiterinnen der Betroffenenberatungsstelle geschildert wurden, gelingt es indes nicht, die Betroffenen in dieser Weise umfassend zu unterstützen. 6 Queerfeindliche rechte Gewalt Zeitgleich zur Zunahme frauenfeindlicher und femizidaler Gewalt prägen Bilder queerfeindlicher Aufmärsche und antifeministischer Selbstinszenierung das Bild einer sich modernisierenden Rechten. Die ablehnende Positionierung gegenüber diversen Geschlechtsidentitäten und queerem sexuellem Begehren kann als öffentliche Verhandlung über die Deutungshoheit von vergeschlechtlichter Wirklichkeit verstanden werden. Während sich rechte Gewalt, ausgeübt von männlichen Tätern gegen Frauen, häufig im persönlichen Nahraum der Frauen ereignet und eine öffentliche Thematisierung mitunter unterbleibt, 51 prägt das offen queerund transfeindliche Gewalthandeln die Auftritte rechter Gruppierungen in aller Öffentlichkeit. Damit wird diese Art des Gewalthandelns zur rechten Botschaftstat, mit der die Opfer als Repräsentant:innen einer Community angegriffen werden – ganz unabhängig davon, ob sie sich selbst der Community zugehörig fühlen. Die misogynen Taten rechter Männer gegen Frauen und Kinder folgen einer sexistischen und antifeministischen Ideologie und dienen den Tätern zur Wiederherstellung ihrer beschädigten gewaltvollen Männlichkeit. In den rechten queerfeindlichen Taten wird dieser Aspekt abgelöst durch die politische Botschaftsfunktion, die den Taten innewohnt. Hier geht es weniger um die ‚Reparatur einer konkret beschädigten Männlichkeit‘, stattdessen folgen die Taten einem Normierungsdrang – im Sinne einer Vereindeutigung sexueller Identität und der Repräsentation derselben. Dass die Botschaftstaten nicht minder gefährlich für die von ihnen Bedrohten bleiben, zeigt sich an folgendem Beispiel: Im Rahmen gemeinwesenorientierter Sozialer Arbeit wurden in einem Stadtteil in Hamburg in einem Treffpunkt der Offenen Kinderund Jugendarbeit regelmäßig Angebote für queere, nicht-binäre und trans Kinder und Jugendliche organisiert. Auf diese Arbeit wurden rechte Medien aufmerksam und skandalisierten sie über ihre Kanäle in den Sozialen Medien. Im Rahmen der entfachten politischen Hetzkampagne, in der sich Positionen gegen eine vermeintliche ‚Frühsexualisierung‘ mit Queerfeindlichkeit verbanden, wurden auch die Kontaktdaten und die Adresse der Einrichtung geteilt. Dies führte dazu, dass der Treffpunkt im Frühjahr 2024 direkt angegriffen wurde: Unbekannte verübten Sachbeschädigungen auf dem Gelände und legten aus Holzbalken ein großes Hakenkreuz auf das Grundstück. Der Angriff erfolgte im direkten zeitlichen Vorfeld des nächsten angekündigten Treffens für queere, nicht-binäre und trans Kinder und Jugendliche. Die Sozialarbeiter:innen sahen sich in der Folge gezwungen, das Angebot zum Schutz der Kinder und Jugendlichen an einen anderen, nicht öffentlichen Ort zu verlegen (Kutter 2024). Auch die Angriffe und Proteste gegen Christopher Street Day Paraden in verschiedenen deutschen Städten im Sommer 2024 (vgl. Mellea/Dücker 2024) lassen sich unter dem Vorzeichen der öffentlichen Artikulation queerund transfeindlicher Gewalt als Botschaftshandeln verstehen. Hier ließ sich beobachten, dass eine Vielzahl der Demonstrierenden junge, mitunter minderjährige Angehörige neonazistischer Szenen und Subkulturen waren. Dies ist insofern neu, als klassisch antifeministische Kampagnen gegen das rechte Feindbild „Gender“ in der Vergangenheit maßgeblich aus dem rechts-intellektuellen sowie parteigebundenen Spektrum getragen wurden (Lang i.E.). Das Bundesinnenministerium äußerte auf eine Anfrage, dass es „seit Jahren ein steigendes Niveau verbaler Angriffe auf die queere Szene [feststelle]. Insbesondere seit dem Sommer 2024 erkenne man jedoch eine vermehrt ,realweltliche und physisch-gewaltorientierte‘ Fokussierung, zum Beispiel im Rahmen von Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day“ (Reichert 2024, o.S.). 52 Die subkulturelle Rechte gilt seit jeher als gewaltbereit. Den Protesten der jugendlichen Neonazis folgten in mehreren Fällen Gewalttaten gegen Teilnehmende der Paraden: in der brandenburgischen Kreisstadt Oranienburg griffen Unbekannte einen Teilnehmer der Parade an: zwei Unbekannte stießen ihn vom Fahrrad und schlugen ihn auf dem Heimweg von einer Feier nach der Parade bewusstlos (Domscheit 2024). Die unbekannten Täter:innen konnten entkommen, ein Zusammenhang mit der Pride-Parade am Tag zuvor liegt nahe. Im sächsischen Bautzen entschieden sich die Veranstalter des Christopher Street Days dafür, die anschließende Feier nach der Parade abzusagen, aus Angst vor ähnlichen Gewaltszenarien (SZ 2024). Durch ihre äußere Erscheinung erkennbare queere und trans Personen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, körperlich angegriffen zu werden, da sie schon durch ihr bloßes Dasein die heteronormative Geschlechterordnung in Frage stellen. Nicht in jedem Fall lassen sich Aussagen zur ideologischen Verortung der Täter:innen treffen, bei einigen Gewalttaten aber liegt ein extrem rechter Hintergrund nahe. Die öffentlichen Angriffe jugendlicher Neonazis im Sommer 2024 sind der bisherige Höhepunkt einer offen queerfeindlichen Agenda der extremen Rechten und des allgemeinen Anstiegs queerfeindlicher Gewalttaten der letzten Jahre (exemplarisch Lüter et al. 2022). Zugleich sorgte die öffentliche Wahrnehmung rechter Gewalt gegen Queers auch für Momente der gegenseitigen Unterstützung und Solidarisierung: Die Anzahl von Pride-Paraden in Deutschland 2024 stieg und dabei auch die Zahl der daran Teilnehmenden. 7 Fazit Der Wunsch nach Aufrechterhaltung einer heteronormativen Geschlechterordnung dient rechten Täter:innen zur ideologischen Legitimation frauenund queerfeindlicher Gewalt. In mehreren der von uns beschriebenen Tatkonstellationen äußert sich diese als männliche Gewalt. Die Täter bedienen sich dabei männlicher Legitimationsstrategien ebenso wie rechter Ideologiefragmente zur Begründung ihrer Tat (Lang/Sigl 2023: 103). Rechte Gewalt dient in diesen Fällen der Herstellung und Resouveränisierung einer gewaltaffin-wehrhaften, soldatischen Männlichkeit (vgl. Virchow 2010). Jene Bilder einer traditionellen, gewaltaffinen Männlichkeit finden sich in den Ansprachen rechter Akteure an Jungen und Männer (Sauer 2024) – und sie finden ihre Zuspitzung im Gewalthandeln rechter Täter. Der Blick auf die vielfältige Verschränkung von frauenund queerfeindlicher Gewalt mit rechter Gewalt eröffnet Möglichkeiten, die jeweiligen Tatkonstellationen präziser beschreiben und dem Phänomen auch politisch in adäquater Weise begegnen zu können. In Zeiten autoritärer Verrohung, in denen 53 die gesellschaftliche Verhandlung geschlechterpolitischer Themen immer zentraler wird, scheint uns dies sowohl in wissenschaftlicher wie auch zivilgesellschaftlicher Perspektive dringend geboten. Literatur Aulenbacher, Brigitte (2021): Geschlecht als Strukturkategorie: Über den inneren Zusammenhang von moderner Gesellschaft und Geschlechterverhältnis. In: Wilz, Sylvia Marlene (Hrsg.): Geschlechterdifferenzen – Geschlechterdifferenzierungen, Wiesbaden, 3. Auflage, S. 141–169. Becker, Julia C.( 2014): Subtile Erscheinungsformen von Sexismus. https://www. bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/178674/subtile-erscheinungsformen-von-sexismus/ [Zugriff: 12.12.2024]. Bundeskriminalamt (BKA) (2024): Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten. Bundeslagebild 2023. https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/ StatistikenLagebilder/Lagebilder/StraftatengegenFrauen/StraftatengegenFrauen_ node.html [Zugriff: 12.12.2024]. 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Diese drei Beispiele rücken jeweils auf ihre Weise einen spezifischen Aspekt des Verhältnisses von rechtem, weiblichen Aktivismus und Mutterschaft ins Licht. Einerseits gilt Mutterschaft als Norm, andererseits steht sie in Widerstreit zum eigenen politischen Aktivismus, denn trotz Modernisierungen im Rollenangebot für rechte Frauen, fungiert Geschlecht in der Ideologie der extremen Rechten immer noch als „sozialer Platzanweiser“ (Lang 2015: 169). Frauen gelten als für die Reproduktion zuständig, Männer für die Politik. Keine Mutter zu sein ist ebenso begründungsbedürftig wie die eigene politische Betätigung als Frau. Mutterschaft stellt in diesem ideologischen Gerüst einen zentralen Stellenwert dar, die Essenz der Existenz als Frau und zentraler Antrieb für die eigene politische Betätigung. Eine Möglichkeit, das spannungsgeladene Verhältnis aufzulösen, ist es, die eigene (zukünftige) Mutterschaft zum inhaltlichen Kern des politischen Aktivismus zu machen – etwa als Tradwife oder rechte Momfluencerin. Die Tradwife (Kofferwort aus „traditional“ und „(house-)wife“) ist eine Social-Media-Figur. So bezeichnen sich Frauen, die ihr Hausfrauensein in ihren Accounts prominent nach außen tragen. Tradwives verkörpern in erster Linie einen Lifestyle, der nicht vordergründig politisch ist, sondern sich auf das 1 Die Autorin hat dies am 29.08.2022 in ihren Feldnotizen notiert und einen Screenshot des entsprechenden Posts des Telegramaccounts von Brittany Sellner https://t.me/s/brittanysellner erstellt. 62 verstärkt werden, aber auch alternative Deutungen etabliert werden, die veränderte Perspektiven auf Mutterschaft ermöglichen. Exemplarisch möchte ich dies anhand meiner Analyse des Accounts einer jungen Frau aufzeigen, die bereits bei dem rechten Kampagnen-Versuch #120Dezibel (vgl. Wielens 2019) in Erscheinung trat und auf Instagram Teil des rechten Netzwerkes ist. Im Entstehungsprozess dieses Artikels wurde das Profil auf Instagram auf ‚privat‘ gestellt, weswegen ich darauf verzichten werde, das Profil zu benennen und die Bilder zu zeigen. Die Reichweite nach Außen ist dementsprechend nicht mehr gegeben, doch hat sie mit weit über tausend Follower*innen mindestens innerhalb der Szene und angrenzenden Milieus eine gewisse Reichweite. Ich möchte dabei zwei Aspekte hervorheben: (a) die Bildsprache und (b) die Anknüpfung an die Debatte um Attachment-Parenting. Der Account umfasst knapp 330 Beiträge und knapp 30 Highlightstories (Stand 15.08.2024). In ihrer Bio (einer Art Kurzsteckbrief auf Instagram) nennt sie ihr Alter, führt sich als Mutter ein und beschreibt sich als bedürfnisorientiert, naturnah und interessiert an traditioneller Ernährung. Diese Selbstdarstellung zieht sich auch durch die Bilder, die sie präsentiert. Wir sehen eine junge Frau mit langem rotbraunem Haar in der Natur, mal schwanger, mal spielend mit ihren Kindern, die Kinder tragend im Tuch oder auf dem Arm, wir sehen sie stillen. Die Farben der Fotos spiegeln die Jahreszeiten wider. Wir sehen sie in verschiedenen Posen den Kindern zugeneigt, sich kümmernd. Neben den vielen Bildern enthalten die Beiträge teils auch sehr lange Ausführungen über ihren Alltag als Mutter und ihre Gedanken zu Mutterschaft und Familie. Sie thematisiert dort auch immer wieder Anstrengungen, in den Bildern sind diese allerdings nicht präsent. In der Übersicht über das ganze Profil zeigt sich eine visuelle Harmonie und das vollkommene Aufgehen der jungen Frau in der Rolle als Mutter. Die junge Frau orientiert sich an der sogenannten bedürfnisorientierten Erziehung und empfiehlt auch einen Erziehungsratgeber mit dem Titel „artgerecht“. Erziehungsdiskurse wandeln sich und so auch mögliche Anknüpfungspunkte der (extremen) Rechten. Stephanie Simon und Werner Thole haben Bürgerlichkeit und Autorität als zentrale zeithistorisch überdauernde Kennzeichen von Elternratgebern herausgearbeitet, an die die extreme Rechte anknüpfen kann (Simon/Thole 2021). Eine der jüngsten Entwicklungen ist die Integration bedürfnisorientierter Erziehungsansätze, auch bekannt als Attachment-Parenting (Köhler 2022). Ein zentraler Anknüpfungspunkt rechter Akteur*innen liegt in der erziehungsmäßigen Legitimation von Homeschooling und der Erziehung zu Hause (vgl. Köhler 2022: 41, 47). Ähnliche Entwicklungen lassen sich in der Befürwortung von Hausgeburten und anderen reproduktiven Praktiken beobachten, die gezielt vom staatlichen Einfluss ferngehalten werden sollen. Damit geht eine strategische Depolitisierung von Elternschaft einher, in deren Rahmen Mutterschaft und Elternschaft vollständig als private Aufgaben 63 verhandelt werden. Die Anhänger*innen dieser Erziehungskonzepte positionieren sich häufig als Außenseiterinnen und inszenieren ihre Praktiken als widerständige Ansätze gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen. In diesem Kontext wird die Rolle der Mutter gezielt als Gegenentwurf zu staatlich regulierten Erziehungsmodellen konzipiert. Bilder von hingebungsvoller Mutterschaft finden wir in den sozialen Medien auch außerhalb der (extremen) Rechten, ebenso die Bebilderung des bedürfnisorientierten Erziehungsansatzes in alternativen Milieus. Auf dem analysierten Account werden normalisierte Vorstellungen von Familie und Mutterschaft präsentiert. Auch ihre Highlightstories sind für Instagram keine Besonderheit: Von Stoffwindeln, Kinderbüchern, Erstausstattung bis zu ‚Homemaking‘. Der Trend zur Ursprünglichkeit als Gegenbild zur hektischen Moderne und Überflussgesellschaft findet sich auch in anderen Milieus (Stichwort: Slow-Food, DIY, Minimalismus etc.). Die digitale Aufbereitung der eigenen Naturnähe und die Bildsprache der Romantik sind ebenfalls gängige Sujets auf Instagram (vgl. Lickhardt 2021). Der Fokus auf die Kernfamilie fügt sich darüber hinaus nahtlos in den gesellschaftlichen Familismus ein (Notz 2015). In der Kontrastierung zu anderen Bildern auf Instagram wird deutlich, dass die extreme Rechte keine genuin rechten Bilder von Mutterschaft etablieren muss, die über bekannte Rollenbilder hinausgehen. Sie kann auf ein gesellschaftliches Bildwissen zurückgreifen, denn die Romantisierung von Mutterschaft ist bildlich in unserer Gesellschaft eingelassen. 4 Fazit und Ausblick: Bildproduktion und Geschlechterverhältnis In diesem Beitrag wurde deutlich, wie Tradwives und rechte Momfluencerinnen ein Rollenangebot für junge Frauen schaffen und dabei das gesamtgesellschaftliche Bild von Mutterschaft mitprägen. Die Fokussierung auf das Private bietet einen Bearbeitungsmodus für die Care-Krise. Durch die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung bekommen reproduktive Tätigkeiten einen Platz. Tradwives und rechte Momfluencerinnen rekurrieren auf ein idealisiertes Bild von Tradition und schaffen mit ihrem Rollenangebot einen Gegenentwurf zu den Zumutungen des Alltags. Gleichzeit findet über die Bilder eine ästhetische Aufwertung von Care-Arbeit und Mutterschaft statt. Gesamtgesellschaftliche Vorstellungen von Mutterschaft sind untrennbar verwoben mit den visuellen Darstellungen von Mutterschaft ob in Social Media, auf Plakaten oder im Museum. Sie spiegeln einerseits gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wider und bieten andererseits durch ihre Bildhaftigkeit die Möglichkeit, diese zu beeinflussen, denn Bilder entfalten eine ungeheuer 64 normative Wirkkraft. Daher lohnt sich ein Blick auf die visuelle Performanz rechter Mütter, um zu verstehen, wie Mutterschaft als „Trägerthema“ (Reusch 2022) der extremen Rechten funktioniert. Diese Darstellungen greifen auf tief im gesamtgesellschaftlichen Bildwissensvorrat verankerte Vorstellungen zurück – insbesondere auf das Bild der sorgenden Frau, die in ihrer Rolle als Mutter vollends aufgeht. Auf den sozialen Medien treffen die Tradwives und rechten Momfluencerinnen auf ein Umfeld, das in erster Linie individuelle Bearbeitungsmodi von Alltagsfragen und Lifestyleentscheidungen sichtbar macht. Tradwives bieten mit ihrem individualisierten Bearbeitungsmodus letztlich ein Beitrag neben vielen weiteren Bildern. So wird es möglich, das regressive Geschlechterbild als Wahlfreiheit zu framen, obwohl eine aktive Entscheidung innerhalb der Rechten gegen Mutterschafft keine adäquate Wahlmöglichkeit ist. Wie an den eingangs beschriebenen Beispielen sichtbar wurde, besteht ein normativer Zwang zur Mutterschaft. Wenn die Bilder von Mutterschaft, die von Tradwives und rechten Momfluencerinnen in den sozialen Medien verbreitet werden, nicht explizit rechts, sondern Teil einer kollektiven Ikonologie von Mutterschaft sind, stellt sich die Frage nach dem spezifisch rechten Momentum. Ein genauerer Blick auf die Funktion von Mutterschaft für die Weltvorstellung der extremen Rechten zeigt, dass diese trotz aller Bekundungen der Privatheit eine biopolitische Funktion hat. Sie wird unmittelbar mit dem Erhalt der eigenen Gemeinschaft verknüpft, sei es in Bezug auf Volk, Ethnie oder Tradition (vgl. Botsch/Kopke 2018). Der rechte Pronatalismus ist dabei stets auch ein Antinatalismus: Mutterschaft gilt zwar als essenzieller Bestandteil von Weiblichkeit, wird jedoch nur dann anerkannt und idealisiert, wenn sie bestimmten Zugehörigkeiten entspricht – nicht jedoch bei migrantischen oder queeren Personen. Tradwives idealisieren zudem eine asymmetrische Konstellation in einer heterosexuellen Partnerschaft. Auch wenn diese als selbstgewählte Lebensstilentscheidung präsentiert wird, treten dabei doch regressive Elemente jener Geschlechterpolitik zutage, die letztlich im Widerspruch zur Gleichheitsmaxime demokratischer Gesellschaften stehen. Letztlich ist die gesellschaftliche Frage nach der Ausgestaltung des Geschlechterverhältnisses und nach der gesellschaftlichen Organisation von Sorgetätigkeiten (innerhalb vs. außerhalb der Familie, private vs. gesamtgesellschaftliche Aufgabe etc.) eine politische. Bilder von Mutterschaft und Care-Arbeit sind elementarer Bestandteil dieser Auseinandersetzung. Auf Instagram, TikTok und Pinterest aber auch im Fernsehen begegnet uns eine schier endlose Flut von Bildern. Diese wird noch verstärkt durch KI-generierte Visualisierungen, die auf bestehenden gesellschaftlichen Vorstellungen beruhen und letztlich dazu beitragen, althergebrachte Bilder zu festigen (Adeoso et al. 2024). Eine Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Ausgestaltung von Mutterschaft ist ein Ringen um die Bilder von Mutterschaft. 65 Literatur Adeoso, Marie-Sophie/Berendsen, Eva/Fischer, Leo/Schnabel, Deborah (2024): Code & Vorurteil. Über Künstliche Intelligenz, Rassismus und Antisemitismus. Berlin: Verbrecher Verlag. AK-Fe.In, Autor*innenkollektiv »Feministische Intervention« (2019): Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Berlin: Verbrecher Verlag. Bauer, Mareike Fenja/Rösch, Viktoria (2023): Self-Care, Mental Health und Antifeminismus – visuelle Strategien antifeministischer Influencerinnen auf TikTok und Instagram. In: Wissen schafft Demokratie 14, S. 60–77. Becker-Schmidt, R. (2003): Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen: Soziologische Grundlegung, empirische Rekonstruktion. In: gender...politik...online 1, S. 1–18. Blum, Rebekka (2019): Angst um die Vormachtstellung. Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus. 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Bereits zuvor hatten in den USA Lesungen, bei denen Dragqueens in Bibliotheken, Schulen oder anderen öffentlichen Räumen Kinderbücher mit dem Ziel vorlesen, kindgerechte Einblicke in vielfältige Lebensund Liebesweisen zu vermitteln, zu massiven Protesten und sogar Verboten entsprechender Veranstaltungen in einigen Bundesstaaten geführt.2 Dass Dragqueen Story Hours auch im deutschsprachigen Raum zunehmend zum Ziel von konservativen und rechtsextremen Gruppen avancierten, lässt sich jedoch nicht allein als Importprodukt aus den USA bzw. als Folge der Rezeption rechter US-amerikanischer Diskurse erklären. Denn auch hierzulande zählt LGBTIQA+-Feindlichkeit zu den zentralen, wenn auch häufig von der Forschung vernachlässigten, Ideologien entsprechender Akteur*innen und ist auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft tief verwurzelt (vgl. u.a. die Leipziger Autoritarismus Studien 2020, 2022 und 2024 hg. von Decker et al.).3 Auch Angriffe auf sexuelle und geschlechtliche Bildung der Vielfalt, zu denen auch Kinderbuchlesungen von Dragqueens gezählt 1 Im Beitrag werden verschiedene Zitationsstile verwendet. Literaturangaben, die sich auf den Korpus der im Beitrag durchgeführten Medienanalyse beziehen, werden in Fußnoten angegeben. Die übrigen Literaturangaben werden im Text in Klammern als Kurzzitationen dargestellt und im ausführlichen Literaturverzeichnis am Ende aufgeführt. 2 Nossel, Suzanne (2023): The drag show bans sweeping the US are a chilling attack on free speech. In: The Guardian, 10. März. https://www.theguardian.com/culture/commentisfree/2023/mar/10/drag-show-bans-tennessee-lgbtq-rights [Zugriff: 10.08.2024]. 3 Goetz, Judith/Temel, Brigitte (2024). Die LGBTIQ-Feindlichkeit der (extremen) Rechten. In: Der Standard, 22. Juli. https://www.derstandard.at/story/3000000226943/die-lgbtiq-feindlichkeit-der-extremen-rechten [Zugriff: 10.08.2024]. 70 werden können, haben im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition. Dass LGBTIQA+-Feindlichkeit jedoch in den vergangenen Jahren Aufwind bekommen hat, kann als Teil eines umfassenderen antifeministischen Projekts rechter und konservativer Bestrebungen eingeordnet werden, das darauf abzielt, durch emotional besetzte Themen (wie etwa Geschlecht und Sexualität) Bedrohungsund Schreckensszenarien zu verbreiten, um dadurch neue Aufmerksamkeit im medialen und gesellschaftlichen Diskurs zu gewinnen. In dieser Hinsicht versuchen rechtsextreme Parteien und Gruppierungen gemeinsam mit konservativen und christlichen Akteur*innen Dragqueen-Lesungen als Bedrohung, insbesondere für Kinder, aber auch für Familien darzustellen. Dabei ist es ihr Ziel, progressive Bildungsansätze, die zum Abbau von Diskriminierung und Benachteiligung beitragen wollen, zu delegitimieren und traditionelle Geschlechterverhältnisse zu stärken. Antifeministischen Akteur*innen geht es darum, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gerade ihre Mobilisierungen gegen Dragqueen Story Hours veranschaulichen, dass sie diskursive Räume wie die mediale Berichterstattung und die öffentliche Debatte für die Verbreitung und Popularisierung antifeministischer Narrative nutzen können. Insofern wird hier die von Elisabeth Tuider (Tuider 2016, S. 177) bereits 2016 beschriebene „erneute Diskursivierung von sexueller Vielfalt und Sexualpädagogik“ fortgesetzt, durch die „ein normatives Verhandlungsfeld“ geschaffen wird, in dem „sexistische, homound trans*-feindliche Ressentiments wieder als scheinbar normale Alltäglichkeit geäußert werden“ können und „das Sexuelle darin re/normiert“ wird. Gerade weil dieser Prozess noch nicht abgeschlossen scheint, lohnt sich eine genauere Betrachtung der damit verbundenen Debatten. 2 Anliegen des Beitrags Ausgehend von einer diskursanalytischen Betrachtung der medialen Berichterstattung in Österreich während der ersten Hochphase der Proteste gegen Dragqueen-Lesungen, die sich von Anfang März bis Ende Juni 2023 erstreckte, soll im vorliegenden Beitrag der Frage nachgegangen werden, wie sich die Anfeindungen im Kontext bisheriger antifeministischer Narrative rund um sexuelle und geschlechtliche Bildung der Vielfalt einordnen und, welche wiederkehrenden diskursiven Muster sich dabei identifizieren lassen. Dabei begreife ich Kinderbuchlesungen von Dragqueens insofern als Teil sexueller Bildung der Vielfalt, als es bei entsprechenden Events vor allem darum geht, in einer kindgerechten Art und Umgebung Geschichten vorzulesen, die Kindern die Möglichkeit bieten, Einblicke in die Vielfalt möglicher Gender-Performances, Lebensund Liebesweisen zu erhalten. Sowohl die Geschichten in den ausgewählten Büchern als auch die Inszenierungen der 71 Dragqueens selbst ermöglichen es Kindern auf unterhaltsame Weise ein breites Spektrum von Geschlechtsidentitäten und -ausdrücken kennenzulernen. Auch die Akzeptanz gegenüber Menschen, die nicht binär-hierarchischen bzw. (hetero-)normativen Vorstellungen entsprechen, kann so gefördert werden. Dragqueens können Kindern zudem als Rolemodels dafür dienen, die eigene Kreativität und Fantasie im Hinblick auf Selbstausdruck zu entfalten. Sie ermutigen dazu, Individualität entlang der eigenen Wünsche und Vorstellungen zu entwickeln und sich nicht den vorherrschenden Normen unterordnen zu müssen. Kinderbuchlesungen von Dragqueens regen somit vielfältige Lernund Sensibilisierungsprozesse mit Bezug auf Diversität, Anderssein, Inklusion und Gleichberechtigung an; sie können ermutigend und empathiefördernd wirken und Kindern dadurch auch helfen, ihre Umwelt besser zu verstehen, und sich in der Welt zu orientieren (vgl. u.a. Keenan & Hot Mess 2021). Der Fokus dieses Beitrags liegt auf der Analyse der medialen Berichterstattung zu (Angriffen auf) Dragqueen-Lesungen, um sichtbar zu machen, welche rechtsextremen und antifeministischen Diskurspositionen in der Berichterstattung aufgegriffen werden und so in die öffentliche Debatte gelangen. Es soll untersucht werden, wie entsprechende diskursive Muster kontextualisiert und erklärt werden sowie ob bzw. inwieweit Medien zur Aufklärungsarbeit über die Thematik beitragen. Um das Vorhaben zu realisieren, soll in einem ersten Schritt 1) die Geschichte rechter und konservativer Angriffe auf sexuelle Bildung der Vielfalt in Österreich rekonstruiert und anschließend daran sollen 2) die in der Forschungsliteratur zum Thema bisher benannten, zentralen antifeministischen Narrative identifiziert werden. Der Fokus wird dabei auf den Vorwurf der Sexualisierung von Kindern bzw. sechs wiederkehrende diskursive Muster innerhalb des Narrativs gelegt. Anknüpfend daran soll ausgehend von der Medienanalyse, am Beispiel des rechten Kampfbegriffs Frühsexualisierung, 3) aufgezeigt werden, inwiefern selbige in aktuellen Debatten fortgesetzt werden. Im Zuge dessen sollen 4) Versäumnisse der medialen Berichterstattung beleuchtet sowie 5) soll der Frage, wie Bildung in der medialen Berichtserstattung verhandelt wird, nachgegangen werden. 3 Empirisches Material und Methoden Für die Analyse der medialen Berichterstattung über Dragqueen-Lesungen wurde eine kritische Diskursanalyse (KDA) nach Siegfried Jäger (Jäger 2012) gewählt, um die zugrunde liegenden Machtverhältnisse und Ideologien aufzudecken. Das empirische Material dieser Untersuchung umfasst 172 Beiträge aus 19 verschiedenen österreichischen Tageszeitungen sowie acht OTS-Meldungen aus dem Zeitraum vom 1. März 2023 bis zum 30. Juni 2023. Diese 78 sierung“ gewarnt und „mit den Jugendschutzbestimmungen argumentiert“ hatte. Durch die häufige Verwendung des Begriffs, eingebettet in Zitate rechter Politiker*innen, entwickelt sich dessen Eigendynamik, so dass er fortan auch ohne direkte Zitate oder kontextualisierende Erklärungen in den Medien aufgegriffen wird. Die Tiroler Tageszeitung (17.04.2023) nennt beispielsweise „Frühsexualisierung von Kleinkindern“ als Grund, warum „Vertreter der FPÖ, der Identitären um Martin Sellner und Personen aus dem Hooligan-Umfeld [...] gegen die Veranstaltung“ protestiert hatten. Ein ähnlicher Wortlaut ist in Der Standard (22.04.2023) zu lesen, dass „neben rechtsextremen Gruppen wie den Identitären um Martin Sellner auch die Wiener FPÖ und ÖVP gegen [...] angebliche ,Frühsexualisierung‘ getrommelt hätten. Fortgesetzt wird das Narrativ auch, als in Graz Kinderbuchlesungen von Dragqueens stattfinden sollen. Die Kleine Zeitung spricht vom „Tenor: Es würde sich dabei um eine ,inakzeptable Frühsexualisierung‘ handeln“ (21.05.2023) und thematisiert die Sorge, dass es sich „um unangemessene, frühkindliche Sexualisierung handelt“ (22.05.2023). Anhand der Beispiele wird nicht nur die scheinbar selbstverständliche Verwendung des Begriffs – häufig ohne Erklärungen und Kontextualisierungen – deutlich. Das damit verbundene Narrativ erlangt dadurch in der medialen Berichterstattung auch einen weiteren Legitimationsschub – und ebenso die politischen Bestrebungen antifeministischer Akteur*innen. 6.2 Verändert-gleichbleibende diskursive Muster Die Analyse der medialen Berichterstattung zeigt nicht nur die zentrale Rolle des Narrativs der Frühsexualisierung im Zuge der Angriffe auf Dragqueen-Lesungen. Auch eine Fortsetzung der aus der Forschungsliteratur über sexuelle Bildung bekannten diskursiven Muster wird deutlich. So findet sich 1) der Vorwurf einer gezielten Sexualisierung von Kindern, die das kindliche Wohl gefährde, bei nahezu allen Zitaten der FPÖ Akteur*innen zum Thema wieder, oft auch in Verbindung mit der Rede von Kinderund Jugendschutz. Anstatt die vermeintlich negativen Auswirkungen sexueller Bildung auf die Entwicklung von Kindern in Stellung zu bringen, sind ihre Gegner*innen dazu übergegangen, stärker die angeblich dadurch hervorgerufenen Verunsicherungen als Argument anzuführen. So lautet der Titel der PA (16.04.2023): „FPÖ-Nepp: Kinder dürfen in ihrer Geschlechtsidentität nicht verunsichert werden!“. Im weiteren Text heißt es: „Für uns Freiheitliche sowie die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft ist klar, dass es nicht in Ordnung ist, wenn als Frauen verkleidete Männer versuchen, Kinder in ihrer Geschlechtsidentität zu verunsichern.“ Trotz der Verschiebung bleibt die dahinter stehende Absicht dieselbe: Der Vorwurf potentieller Verunsicherungen von Kindern zielt ebenso wie die Behauptung der negativen Entwicklungen darauf ab, Ängste und Sorgen um eine besonders vulnerable Gruppe (Kinder) zu verbreiten und dadurch 79 Dragqueens ebenso wie sexuelle Bildung als Bedrohungen zu konstruieren. In der medialen Berichterstattung wurde der Verunsicherungsdiskurs abseits der Pressemeldungen bislang noch kaum aufgegriffen. Die in der Forschungsliteratur 2) erwähnte Konstruktion von Kindheit als sexualitätsfreiem Raum, basierend auf der Vorstellung einer idealisierten kindlichen Unschuld, schwingt dabei zwar stets mit, wird jedoch nicht explizit zum Thema der Berichterstattung gemacht. Anstelle des 3) Vorwurfs, sexuelle Bildung führe durch eine Propagierung homosexueller Lebensweisen zu einer ,Homosexualisierung‘ von Kindern und Jugendlichen, scheint inzwischen das Feindbild Transgender gerückt zu sein. So finden sich in der medialen Berichterstattung und den Presseaussendungen zahlreiche Angriffe der FPÖ auf die „Transgender-Lobby“, „Transgender-Agenda“ (zit. n. PID Presseund Informationsdienst der Stadt Wien, 24.03.2023), die „linken Transgender-Propagandisten“ (FPÖ Wien Rathausklub, 16.04.2023) oder die „Transgender-Propaganda“ (FPÖ Wien RK, 11.04.2023): „Aber Kinder sollen einfach Kinder sein und nicht mit Transgender-Propaganda zugemüllt“ (FPÖ Wien RK, 14.03.2023) oder für „Transgenderpropaganda missbraucht“ (FPÖ Wien RK, 11.04.2023) werden. Während die von der FPÖ konstruierten Begriffe „Transgender-Irrsinn“ und „Sexualisierungspropaganda“ immerhin fünf bzw. neun Mal in der untersuchten medialen Berichterstattung vorkamen, konnten sich „Transgender-Agenda“ und „Transgender-Propaganda“ (je eine Nennung) nicht durchsetzen. Dennoch verdeutlichen die Beispiele, dass das aktuelle, (leicht) veränderte Feindbild zwar in gegenwärtige Debatten integriert wurde, das diskursive Muster jedoch in gleichbleibender Weise darauf abzielt, die Darstellung vielfältiger Lebensund Liebensweisen grundsätzlich als Bedrohung für Kinder darzustellen. Daran knüpft 4) auch die Büchse-der-Pandora-Argumentation an, mittels derer behauptet wird, die Akzeptanz sexueller Bildung der Vielfalt würde den Weg zur Toleranz von Pädophilie oder ‚Missbrauch‘ ebnen. Eine entsprechende Argumentation zeigt sich in der Zusammenfassung eines Statements von Nepp im Wiener Landtag: „Nepp erwähnte ein Beispiel einer 12-Jährigen in den USA, die sich durch die ,Indoktrinierung‘ veranlasst sah, ihre Brüste abzunehmen, was sie nun bereuen würde. [...] Hormontherapien bei Sexualstraftätern würden abgelehnt, gleichzeitig würde dasselbe Medikament bei Kindern verwendet werden“ (PID der Stadt Wien, 24.03.2023). Auch hier konstruiert die FPÖ unzulässige Automatismen und Vergleiche, die Ängste schüren und falsche Zusammenhänge suggerieren. So dient der irreführende Vergleich von Hormontherapien bei Sexualstraftäter*innen mit deren Anwendung bei Kindern in erster Linie dazu, die medizinische Behandlung von trans*- Jugendlichen in ein negatives Licht zu rücken. Dass es bei den Lesungen lediglich um ein Aufzeigen der vielfältigen Möglichkeiten und nicht um Zwänge geht, wird von der FPÖ bewusst ignoriert. 5) Die Darstellung von sexueller Bildung als unnatürlich, pervers oder pädophil mit dem Ziel, alles von der Heterosexualität Abweichende zu stigmatisieren und abzuwerten, 80 findet sich ebenfalls in aktuellen Diskursen. So berichtet Der Standard (17.04.2023) darüber, dass „LGBTQI-Personen“ im Zuge der Proteste gegen die Lesung am 16.4.2023 „rufschädigend als Pädophile verunglimpft“ wurden. Nepp hatte schon im Vorfeld betont, dass „solche Perversitäten [...] von Kleinkindern ferngehalten werden“ (FPÖ Wien RK, 11.04.2023) müssten. Auch die negativen Zuschreibungen wie „ungustiös“ oder „inakzeptabel“ dienen letztlich der Abwertung der Lesungen sowie der vielfältigen Lebensentwürfe, die dabei thematisiert werden. Auch 6) der Fokus auf heteronormative Zweigeschlechtlichkeit und ‚traditionelle‘ Werte (sowie Geschlechterverhältnisse) wird deutlich. So wird die FPÖ von der Kleinen Zeitung (23.03.2023) damit zitiert, dass sie „Kinder und Jugendliche darin stärken, zum eigenen Geschlecht, derer es ausschließlich zwei gibt“ zu stehen. Zudem brachte die FPÖ einen Antrag ein, „dass der Gemeinderat und Landtag nur zwei Geschlechter anerkennen solle“ (PID Stadt Wien, 24.03.2023). Obgleich die FPÖ in ihren Statements häufig darauf abzielt, sexueller Bildung der Vielfalt ein Aufzwingen bestimmter Lebensweisen zu unterstellen, zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass von ihr selbst ein Gegenmodell zu Vielfalt propagiert wird, das keine Abweichungen zulässt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Angriffe auf Kinderbuchlesungen von Dragqueens in vielerlei Hinsicht an bestehende diskursive Muster anknüpfen und diese in einer neuen Rahmenerzählung adaptieren bzw. aktualisieren. Wenngleich sich bestimmte diskursive Versatzstücke oder Feindbilder geändert haben, bleiben die mit unterschiedlichen rhetorischen Mitteln in den Diskurs eingebrachten Bedrohungskonstruktionen, Abwertungen und Delegitimationen weitgehend gleich. 6.3 Erklärende Kontexualisierungen In einigen wenigen Beiträgen wird das Narrativ der Frühsexualisierung zumindest kontextualisiert oder sogar hinterfragt. Dazu zählen einerseits Beiträge, die erklärende Einordnungen unterschiedlicher Identitäten und Begehrensformen sowie Erwähnungen der LGBTIQA+-Feindlichkeit der extremen Rechten beinhalten, und andererseits Thematisierungen, die erklären, dass es bei den Lesungen weder um Sex noch um Sexualisierung geht. Als Beispiel für den erstgenannten Zugang kann ein früher Kommentar aus Der Standard genannt werden, der den unterschiedlichen Umgang mit Heteround Homosexualität der extremen Rechten und deren Alarmismus zum Thema macht: „Wenn in einem Kinderbuch ein Papa seiner Gattin einen Schmatzer gibt, ist alles gut. Wenn in einem anderen eine Mama der anderen Mama ein Bussi gibt, dann ist das ,Frühsexualisierung‘. Wenn ein der heterosexuellen Mehrheit angehöriger Mensch aus einem der unzähligen Kinderbücher über Vati-Mutti-Kind 81 vorliest, ist das bestens. Wenn eine Dragqueen aus einem Buch vorliest, in dem es um die Vielfalt von Lebensentwürfen geht, ist das ,Sexualisierungspropaganda‘“ (Der Standard vom 10.03.2023). In weiteren Beiträgen kommen Dragqueens selbst für korrigierende Klarstellungen zu Wort. So wird beispielsweise Bernd Heinrich-Piebel alias Samantha Gold in der Kleinen Zeitung (23.03.2023) zitiert: „Ich renne nicht in Strapsen herum und verwirre Kinder. Unser Auftritt hat nichts mit Sexualerziehung zu tun. Die FPÖ wirft Transgender und Drag in einen Topf. Ich bin ein schwuler Mann und fühle mich nicht als Frau“ (23.03.2023). Dragqueen Freya von Kant antwortet in einem Interview in der Kleine Zeitung (18.04.2023) auf die Frage, ob sie nachvollziehen könne, warum „von den Gegnern ja eine angebliche ,Frühsexualisierung von Kleinkindern‘“ kritisiert werde: „Wenn ich so etwas höre, muss ich im ersten Moment lachen, im zweiten bin ich schockiert. Ich habe selbst pädagogischen Hintergrund – und mit Sex haben diese Geschichten nicht im Geringsten zu tun“. Auch in Der Standard (17.04.2023) wird im Nachgang der Lesung am 16.4.2024 zumindest in einem Halbsatz berichtet, dass in der gelesenen Story „vieles drinnen“ gewesen sei, „nur keine Sexualisierung“. In einem anderen Beitrag heißt es, dass die Lesungen als „sexualisierte Bühnenperformances gebrandmarkt“ würden, „auch wenn dort in Wahrheit nur altersgerechte Kinderbücher vorgetragen werden“ (Der Standard, 22.04.2023). Wenngleich die entsprechenden Klarbzw. Richtigstellungen durchweg begrüßenswert sind, fehlen ausführliche Erklärungen zu Hintergründen und Zielen sexueller Bildung weitgehend; auch Expert*innen, die viele der skizzierten Vorwürfe und Argumente entkräften könnten, kommen in der medialen Berichterstattung kaum zu Wort. Wie hilfreich entsprechende Kontextualisierungen für eine sinnvolle Debatte sein könnten, zeigt sich beispielsweise in einem Kommentar der Vorsitzenden im Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren, Petra Birchbauer. Darin kritisiert sie nicht nur die Verwendung des Begriffs, sondern verweist auch auf die präventive Wirkung sexueller Bildung: „Bei solchen Veranstaltungen mit Dragqueens von ‚Frühsexualisierung‘ zu sprechen ist nicht richtig. Was heißt das denn? Dass Kinder zu früh über Sexualität Bescheid wissen? Davor brauchen wir keine Angst zu haben. Aus dem Kinderund Jugendschutz wissen wir, dass eine altersangemessene Sexualerziehung bereits im Kleinkindalter beginnt. Sie ist eine wesentliche Prävention gegen sexuellen Missbrauch“ (Der Standard, 18.04.2023). Aber auch Birchbauers umfassendere Einordnung wird durch das problematische Narrativ der potentiellen Bedrohung eingeleitet: „Können solche Events mit Dragqueens Kindern wirklich schaden?“ DER STANDARD hat zwei Expertinnen aus dem Kinderund Jugendschutzbereich gefragt. (Der Standard, 18.04.2023). Insofern mag es auch nicht verwundern, dass die vielfältigen Möglichkeiten, über Kinderbuchlesungen von Dragqueens Lernprozesse anzuregen, in der medialen Berichterstattung kaum erwähnt werden. So stellt 82 Birchbauers Kommentar, in dem sie auch die Potentiale diversitätsbewusster Bildung unterstreicht, eine der wenigen Ausnahmen dar: „Wenn Kinder etwa Diversität früh kennenlernen, fällt es ihnen leichter, diese einzuordnen. Das macht keine Angst, sondern nimmt sie“ (Der Standard, 18.04.2023). Lediglich in einem Beitrag über Freya von Kant wird der Frage, was Kinder von Dragqueens lernen können, etwas ausführlicher nachgegangen. Sie betont die Vermittlung universeller Werte, den Abbau von Berührungsängsten, aber auch Mehrsprachigkeit und Multikulturalität – sowohl für zugezogene Kinder, aber auch jene der „sogenannten Mehrheitsgesellschaft“. Sie wolle „Identifikationsfiguren präsentieren“, da sie selbst erlebt habe, „wie es ist, wenn immer nur über andere geredet wird, nie über einen selbst“ (Der Standard, 19.04.2023). Und an anderer Stelle führt von Kant aus: „Kinder können von uns viel zu Themen wie Diversität lernen. Viele von uns sind selbst durch ein tiefes Tal der Düsternis gegangen – das macht uns glaubwürdig. Und, nicht zuletzt: Wir Dragqueens und -kings sind natürlich tolle Entertainerinnen!“ (Kleine Zeitung, 19.04.2023). 7 Fazit Der vorliegende Beitrag hat es sich zur Aufgabe gemacht, ausgehend von einer kritischen Diskursanalyse der medialen Berichterstattung über Kinderbuchlesungen von Dragqueens in Österreich der Frage nachzugehen, inwiefern sich die aktuellen Debatten in bereits bekannte antifeministische Narrative rund um sexuelle und geschlechtliche Bildung der Vielfalt einordnen und welche wiederkehrenden diskursiven Muster sich dabei identifizieren lassen. Dabei wurde deutlich, dass die aktuellen Mobilisierungen an eine Vorgeschichte und bestimmte Narrative und diskursive Muster anknüpfen konnten, die bereits zuvor für andere Angriffsziele eingesetzt wurden. Der Hauptteil der Analyse widmete sich der Frage, wie der rechtsextreme Kampfbegriff der Frühsexualisierung in der aktuellen Berichterstattung thematisiert wird und inwiefern sich damit verbundene diskursive Muster verändert haben. Dabei hat sich zunächst gezeigt, dass rechte Akteur*innen über öffentliche Statements versuchen, bestimmte Narrative in den medialen und somit auch öffentlichen Diskurs einzubringen, um diese weiter verbreiten zu können. Durch den Fokus auf die Berichterstattung konnte veranschaulicht werden, welche Diskurspositionen aus rechtsextremen und antifeministischen Milieus in Zeitungsartikeln aufgegriffen werden und dadurch auch in die gesellschaftliche Debatte gelangten. Zwar wurden nicht alle von der FPÖ in Presseaussendungen oder in Gemeindeund Landtagssitzungen konstruierten Begriffe und Narrative in den Medien dann tatsächlich auch übernommen. Dennoch konnte anhand des Beispiels der Frühsexualisierung gezeigt werden, dass durch wiederholte Zitationen von 83 FPÖ Statements in der medialen Berichterstattung die Verwendung des Begriffs eine Eigendynamik erlangte. Die unkritische Übernahme dieser Rhetorik ermöglichte es antifeministischer Akteur*innen, ihre Sichtweisen und Narrative weiter zu verbreiten und zu normalisieren. Darüber hinaus machte die Analyse deutlich, dass der Vorwurf der vermeintlichen Frühsexualisierung weiterhin ein zentrales Narrativ antifeministischer Akteur*innen ausmacht und die in der Forschungsliteratur zum Thema identifizierten diskursiven Muster im Kontext des neuen Angriffsziels Kinderbuchlesungen von Dragqueens fortgesetzt und in die neue Rahmenerzählung integriert wurden. Die zentralen Argumentationslinien blieben dabei im Wesentlichen unverändert, wenngleich sie an aktuelle Debatten angepasst und durch neue Versatzstücke integriert wurden. Auch in aktuellen Argumentationen werden Ängste und Bedrohungen konstruiert, indem die Vermittlung von Wissen über sexuelle Vielfalt und Geschlechteridentitäten als unnatürlich und schädlich dargestellt wird, weil es Kinder überfordere. ‚Traditionelle‘, binäre Geschlechterrollen und Heteronormativität hingegen werden als der richtige Weg zur gesunden Entwicklung von Kindern propagiert. Neu ist der vermehrte Fokus auf Transgender-Themen und Verunsicherungsdiskurse. Mit Begriffskonstruktionen wie „Transgender-Propaganda“ versucht die FPÖ weiterhin Ängste vor einer angeblichen Verunsicherung der Geschlechtsidentität von Kindern zu mobilisieren. Abschließend lässt sich ergänzen, dass umfassende Erklärungen zu sexueller Bildung der Vielfalt und zu den positiven Effekten damit verbundener Lernprozesse für Kinder weitgehend fehlen. Expert*innen, die diese Debatten mit fundierten Informationen hätten bereichern können, kamen kaum zu Wort, was eine differenzierte Diskussion ebenfalls erschwerte. Dragqueens und Veranstalter*innen bekamen zwar gelegentlich die Möglichkeit zur Richtigstellung, doch insgesamt dominiert das problematische Narrativ der Bedrohung von Kindern. Die Analyse macht folglich auch deutlich, dass Medien eine entscheidende Rolle in der Verbreitung antifeministischer – und hier v.a. LGBTIQA+-feindlicher – Narrative einnehmen, weil sie, wie das Beispiel der Dragqueen-Lesungen zeigt, häufig unkritisch und ohne ausreichende Hinterfragung die von rechtsextremen Akteur*innen verbreiteten Narrative übernehmen. Durch die teils unkommentierte Reproduktion rechtsextremer Kampfbegriffe wie Frühsexualisierung werden entsprechende Narrative nicht nur normalisiert, sondern auch Ängste weiter gestärkt. In dieser Hinsicht werden viele Beiträge der Verantwortung nicht gerecht, komplexe Themen wie sexuelle Bildung der Vielfalt differenziert zu beleuchten, da sie es versäumen, ihren aufklärerischen Auftrag ernst zu nehmen und die Öffentlichkeit umfassend und faktenbasiert zu informieren. Durch die verengte Debatte werden letztlich auch Chancen zur Aufklärung und Bildung, die gleichzeitig auch wirksame Strategien in der Zurückdrängung homound queerfeindlicher Einstellungen sind, reduziert. 84 Literatur Baader, M. S. (2020). Neue Rechte – „Umerziehung“, „Genderideologie“ und „Frühsexualisierung“ – Kampfbegriffe in einem neuen Kulturkampf. Erziehungswissenschaftliche Themen im Fokus von Populismus und Neuer Rechter. In U. Binder & J. Oelkers (Hg.), „Das Ende der politischen Ordnungsvorstellungen des 20. Jahrhunderts.“: Erziehungswissenschaftliche Beobachtungen (S. 129–154). Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/ 10.1007/978-3-658-29192-1_9. Dietze, G. & Roth, J. (Hg.). (2020). 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For example, during the 2024 European Parliament elections, the far-right VOX party in Spain placed a baby figure on its campaign posters, inviting people to vote for politicians who would protect children.1 In Brazil, Bolsonaro’s victorious 2018 election campaign propagated that the leftist opposition planned to distribute baby bottles with penis-shaped teats, sparking outrage in working-class neighborhoods despite the obviousness of the lie (Della Torre 2023). In the recently declared Vatican doctrine on human dignity, “gender theory” is considered once more one of the most important attacks on human dignity, along with abortion and surrogacy, which are said to harm children and their inalienable rights from birth (Dicastery for the Doctrine of the Faith Declaration 2024). In some other contexts where anti-gender policies meet pro-natalist policies, as in Hungary, “living for one’s children” is posited as the most sanctioned norm, and those who allegedly “live off their children” are presented as those citizens who are less desirable and excluded from so-called respectable society (Kováts 2020). Echoing these global political strategies and discursive patterns, the anti-gender/anti-feminist mobilization in Turkey has politicized the issue of children in two main ways. First, children are seen as threatened by so-called “perverse ideologies”. This discourse targets non-heteronormative gender identities and relations. It develops a nativist-nationalist attack that 1 For further details on the election campaign of the Vox Party and their use of the discourse of children’s rights, please check their social media channels. https://www.instagram.com/p/C7zl4W4uif-/. 94 constitutes one of the reasons behind non-shared custody decisions, is totally lost from their perspective. Thereby, in these groups’ perception, a child’s right to a caring and safe environment is actually conflated with the right of the father to have authority over his child and/or unhindered access to the child. In that sense, the rights discourse becomes an inverted and flipped adoption of original children’s rights. The notion of rights is used as if particularistic views and/or hetero-patriarchal conceptions of fatherhood are amenable to make universal claims on the rights of children. The already weak and non-effective public measures that are taken to protect children and promote their autonomy are considered as coercive infringements onto private life. 3.2 Displacing the causes of harms The Association reacts to actual child abuse and/or crimes against children only selectively. For example, they especially react in the case of incidents where the harm process involves so-called “alcohol” or “drug” using perpetrators. These factors make it possible for the self-described children’s rights defenders to give a plausible explanation for wrongs against children that associates harm with bad habits. This inevitably blurs other elements that have a greater explanatory potential. A recent case of this attitude was displayed in relation to the murder of the 9-year-old Syrian refugee Gina Mercimek in 2023 in Kilis, Turkey. Gina was subjected to sexual violence before being murdered and the perpetrators were two male adults with Turkish citizenship. The association supported the view that the main cause of this violent murder was the insufficiency of the legally determined sentences, which failed to deter criminals from bad behavior and/or correct them. Neither the intersectional power differences between parties (a 9-year-old refugee girl and two adult men with close connections to local power holders) nor the intoxicating political culture of impunity (see below) were thematized as causes of the crime. Several progressive institutions in Turkey, including civil society organizations and women’s rights advocates, contend that the existing penal legislation is already highly developed and sufficient both for addressing gender-based crimes and serving as a deterrent, and yet they add that significant problems arise during the implementation phase (Human Rights Watch 2022). One such significant problem is granting impunity (e.g. reduced sentences or abatement) to the male perpetrators of several severe crimes against women and non-binary individuals. In Turkey, especially in relation to cases of gender-based violence, courts often hand down reduced sentences based on “good conduct” (i.e., respectful behavior during trial) and “provocation” (e.g., victim’s alleged actions leading to violence). Such legal justifications reinforce patriarchal norms and discourage survivors from seeking justice. The defense 95 of children’s rights by anti-feminist groups deliberately ignores this reality and advocates severe and, if necessary, retributive forms of punishment: e.g. chemical and surgical castration for sexual offenders, or total prohibition of alcoholic drinks and drugs. To sum up, the anti-gender group refers to children’s rights in two main ways. In cases of family breakup, a child’s right to safe and caring environment is conflated with the untethered right of a father to have access to his child – regardless of the father’s tendency to violent behavior. In cases of public harms against children, a child’s right to safety and protection from abuse is reduced to the elimination of bad individual habits (of adults) via harsh measures of punishment. In both cases, the child’s right to well-being is flipped and turned almost upside down to ask either for more uninhibited private licenses over children or for more retributive public measures over the private. This inverted neo-authoritarian understanding, which takes unfettered entitlement to children as justified parental protection and care, or severe punishment as a form of child protection, also creates a permissive basis for justifying other forms of injustice. 3.3 Permissiveness towards injustice The group sees the public ban on marriage before the age of 17 as a form of unwarranted public interference. Teenagers over the age of 12–15 are considered mature enough to enter into marriage contracts. The existing legal provisions to protect children, especially girls, from early marriage are seen as too restrictive and even ignorant of human nature. To cover up and/or rationalize this permissiveness, the groups resort to tactics and strategies that give the impression of exposing elite conspiracies against children. Several international conventions such as the Council of Europe Convention on the Protection of Children against Sexual Exploitation and Sexual Abuse, also known as the Lanzarote Convention (2007), are targeted by the Association on the alleged reasons that they lower the consensual age of sexuality between children to 15 and thus purportedly provide the ground for sexual offenses against children. The Lanzarote Convention is also portrayed as an elite plot against children, allegedly to serve the “global fashion industry” that exploits children’s bodies. The aim of this discourse is to not only cover up their advocacy of early marriage and make it appear harmless, but also to scandalize intimate and healthy adolescent friendships – in the way they are designated and maintained by progressive feminist and children’s rights advocacy groups – and create misleading addresses as perpetrators of social harm to children. 96 4 Structural Hypocrisy of the Capitalist Social Formation in Turkey on Child Well-Being The capitalist social formation under the rule of the Justice and Development Party (AKP) in Turkey has been governed by two different modes of social power since the early 2000s. On the one hand, in line with the ethos of progressive neoliberalism as defined by Nancy Fraser (2016), human life, including the well-being of children, has been normatively valued – but of course within the limits of the neoliberal imaginary of “family values” (Cooper 2020) and the further privatization of care. Consequently, children’s rights are largely formulated as rights pertaining to the private sphere. On the other hand, again like the “cannibalistic” (Fraser 2023) neoliberal register of social power, human life including the well-being of children has been materially devalorized: life is subject to destructive powers of the market and marketization. Furthermore, devalorization processes operate in an intersectional modality, whereby children are exposed to diverse harms depending on their social position. These diverse harms are, however, only sporadically recognized by the ruling power. In most cases and fields of injustice, big segments of society as well as the ruling power stay either silent or de-mobilized. The cases that drive most public outcry are scandalized cases of sexual offense against children. This combination of an already problematic process of valuation with a disavowed process of devalorization creates a sui generis condition of structural hypocrisy, which acts as a social dynamic that further conditions societal cognition and consciousness. Let me unpack these three arguments, respectively the two modes of social power and the ideological implications of their hypocritical coexistence. 4.1 Valuing through Privatization The Turkish President Erdoğan himself was able to mobilize a considerable sum of social support in the early 2000s thanks to his claims that the primary aim of a state is to make human life cherish. As such, he was also polemicizing against the state security tradition in 1990s Turkey that put state survival over human security. In 2005, Turkey adopted the Child Protection Law, which is built on the United Nations Convention of Rights of a Child. With the late 2000s and early 2010s, the AKP governments have seemingly become more assertive in including children in social policies. To that end, the Ministry of Family and Social Policies introduced a series of public announcements and advertisements to sensitize the public as well as inform caregivers about their duties on children’s rights. 97 The Ministry has since then claimed to support children before all with the motto of “Children First” (2011). In public service advertisements that followed this new policy era, the Ministry has encouraged children personally to call a national help number in case they are witnesses of domestic violence and/or if they fear it. This valuation and encouragement, however, has stayed largely symbolic. For example, legal experts underline that the involvement of the Ministry of Family Affairs in child protection cases (e.g. against child abuse at home or at school) is considered to be mostly ineffective, either because the Ministry remains mostly reluctant and ill-prepared to get involved or when it does get involved, this involvement remains contingent and conjuncture-driven (A.D., personal communication, 18.08.2023). However, the most important reason for the symbolic activation of the Ministry is the planned replacement of public protection mechanisms by private organizations and the privatization of public responsibility through the responsibility of heteronormative family individuals for the child’s well-being. In fact, the Ministry is very active in organizing private support and yet reluctant to expand public resources. The notions of public responsibility and public power to create the necessary mechanisms that would support children’s well-being have been largely replaced by so-called civil responsibility, which means giving greater social power to unaccountable and religiously motivated groups to organize the public sphere where children are supposed to be under the protection of public power. This includes compulsory primary and secondary education facilities, dormitories and/or any other recreational schools (Emanet 2023). This was a shocking case during the healing process after the earthquake in Southeast Turkey in 2023. Several surviving children, who had lost their parents and close relatives, were entrusted to (legally outlawed) religious sects and their private institutions (Birgün 2023). In line with this privatization modality, strengthening heteronormative family values have been deemed essential to the reproduction of neoliberal-neoconservative society in Erdoğan’s Turkey. In public service ads that followed the “Children First” policy era, for example, on the foster care system it is said, “We can of course provide the child with sports services, but he also needs to play football with his father” (2011). Nevertheless, beyond discursive encouragement and advertisement, it is also due to the force of material circumstances that a child’s general well-being has become a family affair and a task for private commitment. The pronatalist policies that are supported by the state in Turkey, such as the IVF treatments or the de facto restriction of abortion surgeries or medication provided in public hospitals, leave a limited room especially to mothers living in poverty and/or with no access to private hospitals for a free choice about having a child or not. Overall, the normative valuation of children in Turkey posits children’s rights mainly as a “right to be born” and to be cared for by heteronormative family and/or private institutions such as religious sects and civil society organizations. 98 4.2 Disavowed De-valorization Despite all these (already problematic and limited) discursive or symbolic valuations, several reports and expert opinions based on objective indicators show that the percentage of children with high life satisfaction in Turkey is drastically low. A recent report prepared by the United Nations Children’s Fund (UNICEF 2020) ranked the country to have the lowest percentage of children with “reasonable” satisfaction among the OECD countries. Turkey was ranked the second country to have the highest fatality rate among kids aged 5 to 14, reporting a 1.96 percent mortality rate. The assessments, based on children’s own accounts, also show that there are several other dimensions of well-being that adversely affect children in Turkey. In their pioneering research on children’s voice on well-being, Pınar Uyan-Semerci and Emre Erdoğan (2014: 37) demonstrate that from children’s perspective, happiness is also closely related with fair treatment and non-discrimination at school, a more love and appreciation-oriented togetherness with friends and a more equal relation with the parents. In other words, from the children’s point of view, it is very important to be recognized and respected as autonomous individuals with intrinsic self-worth, and yet the organization of social life is far from meeting this important demand. The education system is heavily marketed, and public schooling is so badly affected that this increases inequalities among children and impoverishes the quality of school life. Working-class children who want to be successful at school must rely on sectarian religious communities and associations for teaching material support and/or for extracurricular activities. Yet, the activities of these communities are also lacking transparency and accountability (Emanet 2023). For the last decade, several incidents happened which involved cases of sexual(ized) violence against children in those communities and/or serious child neglect. Moreover, many working-class children are involved in income-generating activities to help their families (Uyan-Semerci/Erdoğan 2022). Some are unofficially laboring with their families in seasonal agricultural work and thus cannot attend school (Dayioğlu/Kirdar/Koc 2024). Others are officially integrated into the labor force under the scheme of apprenticeship programs and yet are subjected to severe workplace exploitation (Korkmaz 2025). In both cases, children are heavily harmed. In the case of fieldwork, the situation might be even worse for the girls who along with their mothers are usually in charge of housework and sibling care as well. In the case of apprenticeship programs, which also involve refugee and displaced child workers, the rate of occupational accidents is high. The Syrian children refugees living in Turkey also suffer from significant abuse and exploitation as they are pushed to and/or must engage in informal jobs in the textile and similar labor-intensive small production sectors (Dayioğlu/Kirdar/Koc 2024). 99 To sum up, this short portrait of the child-well-being politics in Turkey points to a structural hypocrisy, a state of two-facedness which ideally values and yet materially devalorizes children. This hypocrisy is structural because there are no universal and genuinely developed public welfare policies that aim at redressing the harms the children suffer from. There is a self-contradictory talk and practice of valuing children, which indeed functions as an ideological mechanism that deeply affects the societal/public perception on children’s rights. This contradictory combination of valuation through privatization and disavowed devalorization exerts a tremendous orienting pressure on social schemas of thinking and understanding. 4.3 Devalorizing while Valuing: The Implications for the Social “Mind” In Gramscian thought, hegemony operates by establishing a specific pedagogic relation with the already ambiguous consciousness of the dominated masses (Patnaik 1988). It indeed educates masses in certain ways of seeing and perceiving. In the same way, I would argue that the co-existence of valuation and devalorization creates a specific impairing pedagogy. The very fact that these two apparently contradictory social processes can coexist and be sustained in this coexistence, without necessarily causing a crisis of political legitimacy, points to a “pathology of normality” (Harris 2019). Despite the pervasive talk of value, children are tangibly, continuously and diversely devalorized. In other words, the contradiction is neither questioned, exposed, nor contested at a general and systemic level. On the contrary, in the absence of an emancipatory commitment—one that seeks to bridge the gap between cherished values and harmful practices by actively addressing the harm—the real contradiction solidifies into structural hypocrisy. The longer such a contradiction is normalized without effective challenge, the more it deepens problems of reasoning or rationality. The normalization of structural hypocrisy, I would argue, generates a disconnect, which in turn among many other expectable pathological reactions or social disorders – such as the general dethematization of social harms, e.g. in the case of child labor in Turkey – causes a special social pathology: the pathologization of rights. The structural hypocrisy in the field of children’s well-being corrupts societal consciousness and performances, because by disavowing the cherished values in practice, it also “undermines the intrinsic value of these values” (Brown 2018). The rights are either indeed disrespected in concrete or deemed as private responsibilities. This process of trivialization and privatization deprives children’s rights of their universally agreed content and normative power. They turn children’s rights into an empty signifier that can be filled with different contents and even with their very opposite. This relativization 100 facilitates the use of children’s rights as a political weapon that also disguises social injustices. This is also because the routinization of political hypocrisy makes it possible to imitate it: to use symbolic politics as a smokescreen for social injustice/for forms of injustice and deprivation. Rather than exposing the structural hypocrisy, the children’s rights discourse serves to further obscure it. However, I would like to underline that although structural hypocrisy affects the whole society, not all social groups are affected in the same way by this disconnect and its pedagogic power. In other words, different social groups reproduce or also refute this corrupting process in their own political performances in various ways. In the words of the new generation adherents of the Critical Theory tradition, there is a “dynamic adaptation” (Thompson 2019: 101) process. This adaptation and the shape of it differs from one social group to another because of the societal positions these groups occupy. Societal positions are understood here as non-static and situated locations, which are defined by intersecting class, gender, sexuality, ethnic relations but also by political affiliation and worldviews. Some social groups do not only normalize structural hypocrisies in their own ways and methods but also “raise [their ways of normalization] as a virtue” (Harris 2019: 722). This means that they find great comfort and joy in their ways of adapting to and/or accommodating structural hypocrisies. Those who possess such a tendency in the case of children’s well-being politics, I would argue, are especially groups that are already engaged in political ideologies such as religious extremism or exclusionary nationalism, which produce gendered, racialized and/or class-based justifications for reigning social structures of inequality. These groups already tend to possess a flipped notion of civil and/or personal rights: masculinist rights as untethered private or particularistic entitlement to have power over and/or ownership of something (be it other personal beings, animals and/or ecological entities such as land and water). The structural hypocrisy and the normalization of it permits them to make a virtue out of this flipped understanding. In other words, those groups use and usurp the rights discourse as the hypocritical climate both teaches and enables them to mimic it as an opportunistic virtue cover for their own political and interest-oriented agendas. In the case of anti-feminist groups who use and usurp the discourse of children’s rights, this manifests itself in the following three ways that again refer to symptoms described in the previous part: In the absence of a political commitment to universal rights and their realization and due to the privatization of children’s care and protection, these rights are easily resignified and even turned upside down to refer to the neo-authoritarian parental rights over children. The anti-feminist groups’ usurpation of children’s rights creates a confusion of minds and hearts about the real causes and perpetrators of the harms children suffer from. On the one hand, they portray public remedies that are designed to address child vulnerabilities as atrocities against fathers/parents. Rather than criticizing child vulnerability, 101 they address and attack the legal and/or universal normative frameworks that allow for a generalized problematization of vulnerability. On the other hand, they use the discourse of children’s rights to justify their misogynist and/or anti-feminist attitude towards divorced mothers. As such, they also create a moralist orbit, which draws several people in like a magnet– and not necessarily sectarian and/or religious ones – who are trying to make sense of their perceived victimhood such as fathers and/or divorced men. The children’s rights discourse also sublimates the rage and anger these groups possess towards women (i.e. their ex-partners). Moreover, as children’s rights lose their normative anchor, which would normally establish clear, open and universally binding relationships between forms of abuse and their causes, it becomes easier to obscure and/or shift the real causes of abuse. As such, the discourse of children’s rights – in its pathological form – not only provides some temporary relief to those seeking explanations and/or easy solutions, but also provides a free check on a range of practices ranging from moralist to vigilantist actions. In other words, in the absence of available progressive social and political tools, the pathologization of the rights discourse provides a free check on regressive-moralist and/or rebellious-vigilantist modes of re-connecting with perceived injustices. One of the excuses given by the mob that lynched Syrian refugee workers in Turkey in Kayseri in the summer of 2024 was the alleged abuse of a child by a Syrian man (Gazete Duvar 2024). Finally, a recurrent structural hypocrisy also incites these groups to weaponize the discourse of children’s rights for their own political objectives: 1) to attack their self-declared opponents such as feminist and/or LGBTQI+ rights advocates; 2) to cover their own corrupt and abusive behavior towards children. Such a weaponization becomes most effective – effective in the sense of getting out of marginal political positions and mainstreaming itself – as it does not operate by denying rights straightaway and/or disavowing injustices. On the contrary, it operationalizes a discourse of children’s rights by developing a discursive toolkit that makes the so-called adversaries (e.g. feminist/queer activists) the real exploiters. They thus entrench structural hypocrisy rather than challenge it. 5 Concluding Remarks In this essay, I argued for the need to deepen the existing feminist analyses on the instrumentalization of children’s rights by the anti-gender mobilization with respect to the social wrongs that plague the lives of children in concrete. Such a framework helps contextualize this instrumentalization and point to its structural determinants. The main thesis is that the perspective provided by the 102 social pathology discussions introduces different levels of social reality and provides a more holistic analysis of the recent retrogressive phenomena. It invites us to reflect on the socio-ontological sources of a social phenomenon: “what makes this possible?” or in the case of this essay, “what makes children’s rights to be politicized in this anti-genderist way possible?” This essay answers this question with the help of the Turkish case by saying that structural contradictions that are not addressed turn into structural/political hypocrisies that create pathological ways of seeing and perceiving. Structural hypocrisies have a pedagogical, mind-forming power. They create and/or incite the fertile ground for the eruption of pathologies of mind. Social pathologies as second order disorders, as Zurn (2011) defines them, deny in various ways the true nature or quality of social wrongs that drive structural hypocrisies. They either obscure and/or for example dethematize them. Some social groups, already under the influence of political ideologies of inequality, adapt to these social injustices in a dynamic way, which not only obscures the social injustice but also creates a virtue out of their method of adaptation. In effect, they create a pathological version of the children’s rights discourse. In doing so, they both entrench the existing structural hypocrisy and create conditions for usurping the rights discourse for their own interests and socio-political goals. The structural hypocrisies that plague contemporary capitalist social formations exercise a pathological formative power over social consciousness. Anti-gender ideology is such a pathology of rights. This argument needs to be further discussed and substantiated through comparative research in different national contexts. First, because, this essay is limited to the Turkish case and the limited analysis of data on the Turkey-centered anti-feminist groups needs to be enriched by material from diverse contexts. Second, when it comes to exploring structural and/or material conditions, the existing literature on ideology critique tends to point to the alienating forces of the capitalist market, ranging from self-estrangement to commodification processes. However, the capitalist market does not exist in a political void. It is always mediated by a political-ethical field, which adds further layers to the alienating powers unleashed by the capitalist market. Third, more research is needed because in order to show how structural contradictions and/or materially conditioned social injustices become pathologies of the mind, it is necessary to reveal the exact ideological mechanisms, practices and transmission belts through which social contradictions turn into social pathologies. Such a research agenda is necessary not only to advance scientific robustness, but also to help develop progressive counter-strategies that would expose and combat these formative mechanisms or “ugly” pedagogies. Regarding political strategies, the ideology-critique developed above, even if indirectly, hinted at the importance of political legitimation crises for a successful discrediting of pathologization processes. Of course, there is no prescription for 103 the making of a successful legitimation crisis, which unmasks all hypocrisies and reconnects first-order experience of injustices with a vigorous (re)cognition of them. As Nancy Fraser (2015) underlines, there is a difference between legitimacy deficits and legitimation crises. For the latter, a stronger counterhegemonic force is required—one that not only upholds progressive values and universal norms but also enhances their immanency and practical applicability. Finally, the political nature of children’s rights is distinct and categorically different from that of women’s rights, for example. Children are not recognized as natural spokespersons for their own rights, making children’s rights particularly vulnerable to usurpation. To address this limitation and re-center children within emancipatory thinking, further feminist research is needed – especially studies that explore shifts in the societal and intergenerational significance of children and childhood. References Archer, Margaret (1998): Realism and morphogenesis. In: Archer, Margaret/Bashkar, Roy/Collier, Andrew/Lawson, Tony/Norrie, Alan (Eds.): Critical realism. London: Routledge, pp. 356–382. Birgün (2023): Cocuklar Menzil Cemaatine Teslim. https://www.birgun.net/haber/ cocuklar-menzil-cemaati-ne-teslim-423942 [Access: 05.05.2024]. Brown, Wendy (2018): Neoliberalism’s Frankenstein: Authoritarian freedom in twenty-first century “democracies”. In: Critical Times 1, 1, pp. 60–79. 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Fraser, Nancy (2015): Legitimation crisis? On the political contradictions of financialized capitalism. In: Critical Historical Studies 2, 2, pp. 157–189. Fraser, Nancy (2016): Progressive neoliberalism versus reactionary populism: A choice that feminists should refuse. In: NORA-Nordic Journal of Feminist and Gender Research 24, 4, pp. 281–284. 110 Beck et al. (2021) gehen davon aus, dass sich in den vergangenen Jahren Kontext, Inhalte und Strategien maskulistischer Akteur_innen veränderten. Männerrechtsorientierte Vereine hätten zugunsten von väterrechtlichen Lobbyist_innen und Anti-Gender-Aktivist_innen an Relevanz eingebüßt.6 Strategisch werde zunehmend auf die Anpassung und Umdeutung geschlechterpolitischer Begriffe und hegemonialer Gleichheitsdiskurse gesetzt (ebd.: 8; Gesterkamp 2020), aber auch Diskurspiraterie, Reframing von Diskursen und Provokation gehören zum Repertoire (Beck et al. 2021: 23). Postund antifeministische, biologistische sowie anti-etatistische und wissenschaftsfeindliche Argumentationsmuster sowie familistische Gemeinschaftsideale (Notz 2015) bilden den Kern maskulistischer Ideologieproduktion (Gesterkamp 2012). Damit verbunden ist der Wunsch nach einer patriarchalen Resouveränisierung (Forster 2006) sowie eine Ablehnung staatlicher Eingriffe (durch Familiengerichte, Jugendämter oder Bildungseinrichtungen) in die ‚private Sphäre‘ der Familie (Beck et al.: 2021: 32ff.). Hinrich Rosenbrock stellt zudem fest, dass die Männerrechtsbewegung eine inhaltliche Nähe insbesondere zur Neuen Rechten aufweist und deren Ressourcen zum Teil für sich nutzt (Rosenbrock 2012a: 132). Neben profeministischen, institutionalisierten Männerberatungsstellen sowie therapeutischen und kommerzialisierten Beratungsund Coachingangeboten gibt es einige maskulistische Anlaufstellen. Vereine wie MANNdat, AGENS (Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechter-Demokratie), das Forum Soziale Inklusion (FSI), der Väteraufbruch für Kinder (VafK) oder die Interessensgemeinschaft Jungen–Männer–Väter (IG-JMV) betreiben Öffentlichkeitsund Lobbyarbeit, bieten regionale Vernetzungsgruppen an und sind an der Organisation des seit 2015 stattfindenden Genderkongress in Nürnberg beteiligt (Beck et al. 2021). Austausch, Vergemeinschaftung und Ideologieproduktion finden jedoch vor allem online statt – auf Social Media, Blogs, in Foren oder durch bewegungsnahe alternative Medienportale. Das Netz entsprechender Internetseiten wird als ‚Manosphere‘ (Ging 2019; Johanssen 2023) bezeichnet. Neben männerund väterrechtsorientierten Akteur_innen zählen hierzu auch Gruppierungen wie Pick Up-Artists (Schutzbach 2018), Men Going Their Own Way (MGTOW) (Lin 2017; Jones/Trott/Wright 2020) und Incels (involuntary celibates) (Kaiser 2020; Kracher 2020). 6 Männerrechte stellen hierbei einen Sammelbegriff für verschiedene Männer betreffende Anliegen und Problemdeutungen (s.u.) dar. Väterrechte sind einer von vielen Pfeilern männerrechtlicher Anliegen, der häufig von eigenständigen Organisationen bearbeitet wird. Anti-Genderismus ist eine Spielart des Antifeminismus, die sowohl in Teilen der Männerrechtsbewegung als auch bei christlich-fundamentalistischen und radikalfeministischen Akteur_innen zu finden ist. 111 2.2 Maskulismus als soziale Bewegung Soziale Bewegungen zeichnen sich aus durch einen (informellen) Netzwerkcharakter (1), die Ausbildung einer kollektiven Identität und kollektiv geteilter Deutungsrahmen (2), das Streben nach gesellschaftlichem Wandel (3) und darauf abzielendes Protestverhalten (4) (della Porta/Diani 1999: 16; Rucht 1995: 11; Roth/Rucht 2008: 638). Sie sind ein relationales Phänomen, d.h. sie handeln die eigenen Grenzen und Zugehörigkeiten, Problemdeutungen und Verantwortlichkeitszuschreibungen, Strategien und Ziele ständig neu aus und sprechen Anhänger_innen und Unterstützer_innen, aber auch Opponent_innen in einer Weise an, die auf die (De-)Mobilisierung verschiedener Zielgruppen hinwirkt (Rucht 2005: 197). Die deutsche Männerrechtsbewegung besteht aus Einzelpersonen, Vereinen und informellen Gruppen, die netzwerkartig miteinander verbunden sind. Um moralische Ressourcen zu generieren, muss sie insbesondere die Legitimität ihrer Anliegen kommunizieren (Roth/Rucht 2008: 25; Rucht 1984: 616) bzw. die Illegitimität ihrer politischen Gegner_innen betonen, eine starke Solidarität untereinander entwickeln und Verbündete finden, die ihre Interessen auch über den Wirkungskreis der Bewegung hinaus verbreiten. Die aus dem Netzwerk entstehenden Bewegungsgemeinschaften (Staggenborg 1998; Hassan/Staggenborg 2015) sind in ihrer ideologischen Prägung, thematischen Schwerpunktsetzung und Organisationsform durchaus verschieden: Es gibt informelle (Unterstützungs-)Netzwerke, institutionalisierte und auch parteinahe Strukturen (Beck et al. 2021). Mit Hilfe eigener alternativer Medien lassen sich Inhalte über die Bewegungskanäle hinaus verbreiten und neue Unterstützer_innen generieren. Die Bewegung kann aber auch auf Befürworter_innen in den hegemonialen Medien zählen, die über die Benachteiligung von (cis) Männern und die vermeintlichen Verfehlungen ‚des Feminismus‘ berichten oder auch zentralen Akteur_innen der Männerrechtsbewegung über Interviews und Gastbeiträge eine Plattform geben (Aigner 2012). Thematisch problematisiert die Männerrechtsbewegung zu unterschiedlich starken Anteilen eine Benachteiligung von (cis) Männern u.a. bezüglich Bildung, Arbeit, Gesundheit, Partnerschaft, Elternschaft und Erziehung. Antifeminismus und eine (cis)männliche Opferhaltung dienen als geteilter Deutungsrahmen, der eine kollektive Identifikation ermöglicht. Ideologisch reicht das Spektrum von (links-)liberalen bis hin zu extrem rechten Einstellungen und Weltdeutungen. Die verschiedenen Gemeinschaften können als Teil einer ‚Bewegungsfamilie‘ (della Porta/Rucht 1995: 232) verstanden werden, die sich zunächst über den Einsatz für Männerrechte definiert. Innerhalb der Bewegungsfamilie lässt sich zwischen diversen Gruppierungen unterscheiden, die miteinander kooperieren, konkurrieren oder auch in Konflikt zueinander stehen. Darüber hinaus lassen sich situationsspezifische Bewegungskoalitionen, d.h. zeitlich begrenzte Kooperationen, beobachten, während derer Ressourcen geteilt und 112 Aktionen gemeinsam koordiniert werden (McCammon/Moon 2015: 326f.). Dies ist bspw. der Fall, wenn einzelne Organisationen der Männerrechtsbewegung sich mit christlich-fundamentalistischen oder auch verschwörungsideologischen Akteur_innen verbünden, wie bei Protesten gegen eine Pädagogik der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt (Oldemeier et al. 2020) oder auch im Rahmen der Coronaproteste (Blum/Rahner 2020). 3 Netzwerke als Bewegungsressource Das Internet und neue Technologien bieten Möglichkeiten der schnellen, zeitund ortsunabhängigen, kostengünstigen, vergleichsweise niedrigschwelligen und massentauglichen Kommunikation sowie eine Vielzahl an Handlungsrepertoires für Bewegungsakteur_innen (Dolata/Schrape 2015: 17ff.; Rucht/Teune 2017: 21; Illgner 2018: 254; Fielitz/Staemmler 2020: 433). Netzwerke lassen sich mit wenig Aufwand aufbauen und pflegen. Sie stellen nicht nur eine Ressource von Bewegungen dar, sondern bieten auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf Gelegenheitsstrukturen (Diani 1996; Cinalli/Füglister 2008). Darüber hinaus können sie ein kollektives Bewusstsein fördern, mit dem die eigene Position und Weltdeutung (insbesondere im Falle radikaler Gruppierungen) weniger alleinstehend erscheint (Ackland/Gibson 2013: 231ff.; Veilleux-Lepage/Achambault 2019: 23). Personalisierte Kommunikationsformen wie Social News Aggregatoren und Mikroblogs ergänzen kollektives Handeln, das wiederum von Onlineplattformen koordiniert und gebündelt werden kann (Bennett/Segerberg 2012: 743ff.). So entstehende Koalitionen mobilisieren wiederum größere Mengen an Akteur_innen (Earl/Kimport 2011: 148ff.). Gleichzeitig besteht die Gefahr einer Abschottung in homogene, virtuelle Gemeinschaften und einer Radikalisierung von Online-Communities (Caiani/Parenti 2013: 3ff.), wie in Teilen der Manosphere (Horta Ribeiro et al. 2020; Rothermel 2020). 3.1 Soziale Netzwerkanalyse Die soziale Netzwerkanalyse liefert relationale Daten über die Einheiten, Beziehungen und Abgrenzungen eines Netzwerks (Serdült 2002: 127f.). Betrachtet werden einzelne Verbindungen von Individuen sowie die allgemeine Netzwerkstruktur (Snow/Zurcher/Ekland-Olson 1983: 118), welche als Form sozialen Kapitals und damit als Bewegungsressource interpretiert werden (Diani 2005: 340; Schmidt 2006: 38f.). Wie eingangs beschrieben, liegt bisher keine Studie vor, die das Netzwerk der Männerrechtsbewegung erfasst. Zwar konnte eine breite Anschlussfähigkeit maskulistischer Ideologiefragmente und Narra- 113 tive festgestellt werden (u.a. Ganz/Meßmer 2017; Mayer/Ajanovic/Sauer 2018; Höcker/Pickel/Decker 2020; Kaiser 2020; Näser-Lather/Oldemeier/ Beck 2019; Kalkstein et al. 2024), ein Überblick über die Akteurslandschaft und deren Verbindungen über die eigenen Kanäle hinaus aber stellt ein Forschungsdesiderat dar. Die Online-Netzwerkanalyse nutzt Hyperlinks (Park 2003; Park/Thelwall 2003), um Kommunikationsstrukturen aufzudecken (Baggio/Antonioli Corigliano 2009: 309f.). Verlinkungen können als Affinitätsbeziehungen, als Kommunikationsund Koordinationspfade sowie als Unterstützungsangebote betrachtet werden (Burris/Smith/Strahm 2000: 215) und haben verschiedene Funktionen: Sie dienen der Rekrutierung, Informationsverbreitung, Solidarisierung, Koalitionsbildung und Ressourcenteilung (Diani 1996; Diani/Mische 2015).7 Netzwerke basieren zunächst auf zwei zu betrachtenden Einheiten: Knoten (nodes) und Kanten (ties/edges). Bei der Online-Netzwerkanalyse stellt jede Webseite einen Knoten dar. Die Verbindung zwischen zwei Webseiten ist die Kante. Eine Webseite fungiert also als Knoten im virtuellen Netzwerk, der über Links Pfade zu anderen Knoten herstellt. Erhoben wurde in diesem Fall ein ego-zentriertes Netzwerk (Gamper 2020: 109), d.h. es wird mit einem oder mehreren Startknoten begonnen, deren Beziehungen dann schrittweise erhoben werden. Die Verbindungen wurden gerichtet erfasst, es wurde also zwischen eingehenden und ausgehenden Verlinkungen (Inlinks und Outlinks) unterschieden. Die Erhebung erfolgte binär und statisch, so dass nicht die Häufigkeit der Verlinkungen zwischen Knoten dokumentiert wurde, sondern allein die Tatsache, dass eine Verbindung zwischen ihnen besteht. Die Daten basieren auf einer einmaligen Erhebung, die sich über den Zeitraum Dezember 2022 bis März 2023 erstreckte.8 Bei der Auswertung wurden folgende Messwerte9 berücksichtigt: 7 Einschränkend gilt, dass über die hyperlinkbasierte Netzwerkanalyse nur diejenigen Akteur_innen erfasst werden, die eine Internetpräsenz haben und nur jene Beziehungen und Inhalte aufgedeckt, die die Akteur_innen öffentlich preisgeben. Darüber hinaus stellt die Netzwerkanalyse bloß einen punktuellen Einblick in die Strukturen der Bewegung dar. Das gleiche Vorgehen zu einem anderen Zeitpunkt oder das Nutzen einer anderen Erhebungssoftware kann andere Ergebnisse liefern. Nicht zuletzt können während der Erhebung und Auswertung diverse Fehler auftreten (Borgatti et al. 2022: 43ff.). Es handelt sich hier daher um einen eingeschränkten Blick auf das Netzwerk der Männerrechtsbewegung, der dennoch eine grundlegende Übersicht und eine Basis für aussagekräftige Untersuchungen der Informationskanäle und (Online-)Ressourcen liefert. 8 Die Datenerhebung und -auswertung wurde mit der freien Programmiersprache R und der Applikation RStudio durchgeführt und teils durch die Netzwerkanalyse-Software Gephi ergänzt. Diese wurde auch zur Visualisierung des Netzwerks herangezogen. 9 Zur Analyse wurden verschiedene Verfahren genutzt, die einführend bei Borgatti et al. (2020), Luke (2015) und Thelwall (2004) beschrieben werden. Die nachfolgenden Ausführungen sind dort im Detail nachzulesen. 114 • Dichte des Netzwerks: Wie stark sind die Akteur_innen miteinander vernetzt? • Durchschnittliche Pfadlänge & Diameter (längster Pfad): Wie viele Schritte liegen zwischen den Akteur_innen, d.h. wie schnell fließen Informationen? • Degrees: Anzahl der (eingehenden und ausgehenden) Verlinkungen – Wie stehen Akteur_innen mit anderen in Verbindung? • Clusterkoeffizient: Wie offen oder geschlossen ist das Netzwerk? Lassen sich geschlossene Subgruppen finden? • Modularität: Wie durchlässig sind einzelne Subgruppen? • Assortativität: Vernetzen Akteur_innen sich auf Basis bestimmter Merkmale? • Globale und individuelle Zentralitätsmaße: Gibt es Akteur_innen, die besondere Rollen im Netzwerk einnehmen, und wenn ja, welche sind dies? 3.2 Schritte der Datenerhebung und -analyse Ausgehend vom oben skizzierten Forschungsstand zur Männerrechtsbewegung habe ich sieben Akteur_innen zum Ausgangspunkt genommen, von deren Webpräsenzen aus ich händisch eine Wanderung über die jeweiligen Verlinkungen unternommen habe, um so weitere Startknoten für die Netzwerkanalyse zu finden. Außerdem habe ich das Bundesforum Männer als einen Akteur aufgenommen, der aus pro-feministischer Perspektive agiert, während für die anderen Akteur_innen auf Basis bisheriger Forschung eine antifeministische Positionierung angenommen wird (Beck et al. 2021: 7ff.; Claus 2014; 16ff.; Kemper 2011a: 36ff.). Insgesamt ergaben sich so elf Startknoten. Darunter befinden sich die Homepages der bekanntesten deutschen Männerund Väterrechtsvereine (u.a. MANNdat, AGENS, Forum Soziale Inklusion, Väteraufbruch für Kinder) sowie verschiedene, meist von Einzelpersonen bespielte Weblogs. Daneben wurden Kampagnen und Aktionsbündnisse, die eine Schnittstelle zwischen der Bewegung und anderen zivilgesellschaftlichen und politischen Akteur_innen darstellen, in das Sample aufgenommen (u.a. die Initiativen Genug Tränen und Familienschutz) sowie der deutsche Genderkongress als eine (zumindest in der Außendarstellung) international ausgerichtete, von Bewegungsakteur_innen getragene Tagung. Außerdem wurden die Knoten auf den Dimensionen politische Orientierung10, thematischer Schwerpunkt 10 Unterschieden wurde zwischen (links-)liberalen, konservativen und extrem rechten Akteur_innen. Diese verstehe ich als Sammelbegriffe, die eine erste grobe Einordnung ermöglichen sollen, daher wurde keine weitere Ausdifferenzierung vorgenommen. Ausschlaggebend für die Einordnung waren sowohl die Selbstverortung der Akteur_innen (sofern 115 und Akteursart kategorisiert, um einen Überblick zu bekommen, über welche Strukturen die Bewegung verfügt (Organisationen, Beratungsstellen, Blogs, …), ob es feste Themenschwerpunkte gibt und welcher politischen Orientierung die Akteur_innen am ehesten zuzuordnen sind. Mit dem Paket RCrawler (Khalil/Fakir 2017) habe ich einen einfachen Crawl11 für jede der elf Webseiten durchgeführt. Anschließend wurden alle Webseiten, die von mindestens zwei der Startknoten verlinkt wurden, in einen zweiten Crawl aufgenommen und in einen dritten all jene, die vier oder mehr Inlinks aufwiesen. Das erhobene Netzwerk mit 1.095 Knoten und 1.738 Kanten ist aufgrund von Ausreißern und fehlenden Werten nur wenig aussagekräftig. Daher wurden im Anschluss an Erhebung und Auswertung mehrere Reduktionen des Netzwerks vorgenommen. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Netzwerkanalyse nach einem ersten Reduktionsschritt auf alle Knoten mit zwei oder mehr Inlinks vorgestellt und anschließend allgemeine Aussagen zum Netzwerk der Männerrechtsbewegung auf Basis aller Reduktionsschritte getroffen. 3.3 Ergebnisse Das Netzwerk reduzierte sich im ersten Reduktionsschritt auf 237 Knoten und 809 Kanten. Jedoch sind weniger als zwei Prozent der Knoten direkt miteinander verbunden. Der Diameter beträgt acht Schritte, die durchschnittliche Pfadlänge 3,4 Schritte. Informationen brauchen also vergleichsweise lange, um von einem Ende des Netzwerks zum anderen zu gelangen. In der grafischen Darstellung (Abb. 1) sind ein sehr gut vernetztes Zentrum sowie einige stark vernetzte Knoten erkennbar, die zum Teil im Zentrum, zum Teil peripher liegen. Dies deutet auf verschiedene Communities hin, die jedoch miteinander in Austausch stehen. Der Clusterkoeffizient beträgt 0,159. Die Knoten im Netzwerk tendieren somit nur in geringem Maße dazu, geschlossene Gruppen zu bilden. Mit dem Algorithmus von Blondel et al. (2008) lassen sich sechs Communities mit einer Modularität von 0,397 ausfindig machen. Das bedeutet, die verschiedenen Communities stehen in Austausch miteinander und überlappen sich, statt klar voneinander abgegrenzt zu sein. Niedrige Assortativitätswerte deuten ebenfalls darauf hin, dass Ähnlichkeiten in Bezug auf die vorgestellten Merkmale keinen Einfluss auf die Beziehungen der Knoten haben – liberale und rechte Akteur_innen, Vereine, Blogs und alternative vorhanden) als auch Fremdverortung durch Forschung, Recherchen und Enzyklopädien. Bei Uneindeutigkeit wurde die Webpräsenz auf sprachliche Codes und Rhetorik untersucht (Populismus, Feindbilder, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) oder in seltenen Fällen als nicht zuzuordnen markiert. 11 Ein Webcrawler ist ein Computerprogramm, das automatisch das Internet bzw. in diesem Fall einzelne Webseiten durchsucht und analysiert. 116 Medien und Akteur_innen mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten stehen miteinander in Austausch. Im Durchschnitt verfügt jeder Knoten über 3,4 Verbindungen innerhalb des Netzwerks, wobei die meisten weniger als fünf eingehende und weniger als drei ausgehende Verlinkungen aufweisen. Es gibt wenige Ausreißer mit besonders vielen Outlinks, die Inlinks sind dagegen gleichmäßiger verteilt. Die Zentralisationsmaße zeigen eine hohe Popularität einzelner Knoten (s. Tab. 1), sowie dass einige Knoten besonders nah zu allen anderen stehen und besonders einflussreich sind. Dass einzelne Knoten eine Brückenfunktion einnehmen, ist dagegen eher unwahrscheinlich (s. Tab. 2). Abbildung 1: Nach Blondel et al. (2008) gruppierte Übersicht des Netzwerks Quelle: Eigene Darstellung 117 Tabelle 1: Übersicht der Knoten mit den meisten Inund Outlinks Inlinks Outlinks https://genderama.blogspot.com (23) https://jungsundmaedchen.wordpress.com (111) https://allesevolution.wordpress.com (18) https://patriarchat.wordpress.com (54) https://man-tau.net (17) https://wgvdl.com (47) https://manndat.de (16) https://emannzer.wordpress.com (47) http://cuncti.net (14) https://genderama.blogspot.com (43) Quelle: Eigene Darstellung Tabelle 2: Übersicht der Knoten mit den höchsten Zentralitätswerten Closeness Centrality (1) Eigenvektor Centrality (2) Betweenness Centrality (3) https://jungsundmaedchen.wordpress.com https://genderama.blogs pot.com https://genderama.blogs pot.com https://patriarchat.wordpress.com https://allesevolution.wordpress.com https://jungsundmaedchen.wordpress.com https://genderama.blogs pot.com https://man-tau.net https://agensev.de https://emannzer.wordpress.com http://cuncti.net https://patriarchat.wordpress.com/ https://wgvdl.com https://manndat.de https://manndat.de Quelle: Eigene Darstellung Liberale Akteur_innen sind kaum Teil der direkten Routen zwischen anderen Knoten. Zentraler sind dagegen Akteur_innen, die eher dem konservativen bis (extrem) rechten Spektrum zugeordnet werden können (1). Besonders schnell erreichen einige Blogs sowie das alternative Nachrichtenportal Cuncti andere Akteur_innen. Sie sind somit besonders einflussreich (2). Gut vernetzt sind neben zwei maskulistischen Blogs zwei der größten deutschen Männerrechtsvereine (3). Die Korrelation der Zentralitätsmaße ergibt einen (sehr) starken positiven Zusammenhang. Dies spiegelt sich auch in der Übersicht der Zentralisationsmaße: Unter den fünf zentralsten, populärsten und einflussreichsten Knoten befinden sich auch nach weiteren Reduktionsschritten immer wieder 118 die gleichen Akteur_innen. Diese können als Kern des Netzwerks beschrieben werden. 4 Fazit & Ausblick Das erhobene (unbereinigte) Netzwerk reicht über die Männerund Väterrechtsbewegung hinaus. Neben Bewegungsakteur_innen und alternativen Medien existieren Verbindungen zu anderen politischen Akteur_innen, zu Sympathisant_innen und Opponent_innen, diversen Beratungsstellen und öffentlichen Einrichtungen. Es gibt einige besonders gut vernetzte Akteur_innen. Insgesamt ist die Dichte des Netzwerks jedoch eher gering. Die Netzwerkanalyse diente als erster Schritt, um einen Überblick über die Akteur_innen der Männerrechtsbewegung und deren Beziehungen zu gewinnen. Deutlich wurde, dass das Netzwerk aus wenigen, dafür umso aktiveren Akteur_innen besteht. Die Strukturen sind kaum formalisiert. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Männerrechten und Antifeminismus, die eine ideologische Klammer für die Bewegungsfamilie darstellen. Trotz politisch unterschiedlicher Verortung weisen die zentralen Akteur_innen in ihren Verlinkungen zumindest eine Offenheit für die (extreme) Rechte auf. Liberale Akteur_innen weichen mit jedem Reduktionsschritt zugunsten konservativer und extrem rechter Akteur_innen. Dies deckt sich mit der Abnahme institutionalisierter Strukturen zugunsten von Einzelpersonen betriebener Weblogs. Konkrete Hilfsund Unterstützungsangebote für Männer wie psychologische und medizinische Beratung, Präventionsangebote, Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt, Sozialberatungen oder Straffälligenund Obdachlosenhilfen werden kaum bis gar nicht verlinkt und verschwinden nach nur wenigen Reduktionsschritten gänzlich. Fraglich ist, warum institutionalisierte Angebote im Netzwerk kaum präsent sind. Anti-etatistische Vorstellungen und ein allgemeines Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen, die stets unter Feminismusverdacht stehen, können eine mögliche Erklärung sein. Darüber hinaus lässt sich fragen, wie hoch die Bereitschaft ist, über die Textproduktion hinaus aktiv zu werden, um eigene Strukturen aufzubauen. Wenn bspw. der Ausbau von Frauenhäusern mit dem Mangel an vergleichbaren Angeboten für (cis) Männer in Frage gestellt wird, könnte sich darin eine verletzte Anspruchshaltung (Kimmel 2017) zeigen. Thematisch verschiebt sich der Schwerpunkt mit jedem Reduktionsschritt zugunsten maskulistischer und antifeministischer Inhalte. Dies bestätigt den Befund, dass Antifeminismus und eine (cis)männliche Opferhaltung fester Bestandteil der kollektiven Identität der Männerrechtsbewegung sind und die heterogenen Gemeinschaften der Bewegungsfamilie zusammenhalten. Interessant ist darüber hinaus, dass zwar Familie und Elternschaft auch in diesem 119 Rahmen verhandelt werden, Akteur_innen, die einen Fokus auf das Thema setzen, jedoch kaum präsent sind. Aus den bisherigen Erkenntnissen lässt sich folgern, dass die Männerrechtsbewegung einen starken Fokus auf Problemdeutung und Ideologieproduktion legt, jedoch wenig eigene Problemlösestrategien entwickelt. Der Aktivismus ist geprägt von Abgrenzung und Empörung und lässt somit wenig Raum für konstruktive Ansätze. Vorhandene Ressourcen werden aufgrund ideologischer Differenzen nicht wahrgenommen. Die Männerrechtsbewegung schafft es somit bisher nicht, nachhaltige Bündnisse einzugehen und die eigenen Inhalte über ein begrenztes Unterstützungsnetzwerk hinaus zu etablieren. Literatur Ackland, Robert/Gibson, Rachel (2013): Hyperlinks and networked communication: a comparative study of political parties online. In: International Journal of Social Research Methodology 16, 3, S. 231–244. A.G. Gender-Killer (Hrsg.) (2005): Antisemitismus und Geschlecht. Von »maskulinisierten Jüdinnen«, »effeminierten Juden« und anderen Geschlechterbildern. 1. Aufl. Münster: Unrast. Aigner, Isolde (2012): ›Schrumpfmänner‹ im ›lila Imperium‹ – antifeministische Denkmuster im medialen Diskurs. In: Kemper, Andreas (Hrsg.): Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum. 1. Aufl. 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Im Herbst 2017 wurden Lehrer*innen, die das Manifest „Nous n’enseignerons plus que le masculin l’emporte sur le féminin“ (siehe oben) unterzeichnet hatten, von Abgeordneten sogar mit Sanktionen bedroht.Sind die oft sehr heftigen Reaktionen und auch die Dauer dieser Debatte als Beispiel für eine ‚französische Besonderheit‘ zu verstehen, die aus einer manchmal als ,viszeral‘ bezeichneten, also aus einer tief empfundenen, emotionalen und geradezu leibkörperlichen Bindung an die Sprache besteht? Sind die Französ*innen nicht sogar dafür bekannt? So schreibt etwa Dubois (2003: 461): „In dieser ‚Nation der Grammatiker‘ [...] ist die Rechtschreibung ein ‚Nationalsport‘, dessen ‚Meisterschaften‘ einen beeindruckenden Erfolg verzeichnen..“3 – Westlich des Rheins haben schließlich auch schon andere Debatten, z.B. über Regionalsprachen oder Anglizismen, getobt ... Aber wie ist es dann zu erklären, dass auch in Brasilien, Deutschland, Schweden, Österreich, Italien, Argentinien oder der Schweiz das Bestreben der Förderung geschlechtergerechter Sprache so hitzige Debatten auslöst? Ein Vergleich der Kontroversen um die versuchte Etablierung geschlechtergerechter Sprache in Frankreich mit den entsprechenden Auseinandersetzungen in anderen nationalen Kontexten ist durchaus aufschlussreich. Zwar gibt es in Frankreich tatsächlich bestimmte Sprachideologien, die dazu beitragen, die Akzeptanz von geschlechtergerechter Sprache zu blockieren (1). Wenn man die Debatte über geschlechtergerechte Sprache allerdings nur im Hinblick auf die Beziehung der Französ*innen zu ihrer eigenen Sprache analysiert, so werden die beiden wichtigsten politischen Funktionen dieser Debatte ausgeblendet: Denn in Frankreich wie auch in vielen anderen Ländern wird die Ablehnung geschlechtergerechte Sprache oft als Teil eines breiteren Widerstands des konservativen Lagers gegen den Wandel von Geschlechternormen und gegen Feminismus insgesamt inszeniert (2). Die Analyse der Entwicklung der in der französischen Debatte mobilisierten Argumente ist hier instruktiv. Denn die Kontroverse konnte auch deshalb so lange andauern, weil die Kritiker*innen geschlechtergerechter Sprache ihre 2 Die Académie française ist eine kulturelle Institution, die im 17. Jahrhundert gegründet wurde und ursprünglich damit beauftragt war, die französische Sprache mit Regeln auszustatten. Heute ist sie eher eine Institution, die zur Verbreitung der französischen Literatur und Sprache beitragen soll. Ihre Legitimität ist jedoch umstritten, insbesondere auf linguistischer Ebene, was mit dem sehr geringen Anteil von Linguist*innen in ihren Reihen zusammenhängt. 3 Im französischen Original heißt es : «Dans cette ‘nation de grammairiens’ […], l’orthographe est constituée en un ‘sport national’ dont les ‘championnats’ recueillent un impressionnant succès.». 127 Argumente erneuern konnten, indem sie sie einerseits an einen Diskurs anknüpften, der zu einer neuen Form des Antifeminismus gehört und der speziell auf den Bildungsbereich bezogen ist. Zu diesem Diskurs mobilisiert die Antigender-Bewegung in Frankreich seit Anfang der 2010er Jahre (3). Andererseits konnte an einen antiintellektualistischen Diskurs angeknüpft werden, der auf die Delegitimierung von kritischem Wissen insgesamt abzielt und der seit 2020 von einem Teil der politischen Rechten und extremen Rechten vertreten wird (4). 1 Zwei Sprachideologien, die in Frankreich besonders stark vertreten sind In anderen frankophonen Ländern und Regionen wie der Schweiz, Belgien oder Québec (Bosvieux-Onyekwelu 2020; Moron-Puech/Saris/Bouvattier 2020) scheint die Regulierung der geschlechtergerechten Sprache durch die damit befassten Behörden weniger Kontroversen auszulösen. Laut der Linguistin Ann Coady (2020) ist es die in Frankreich besonders ausgeprägte Präsenz zweier linguistischer Ideologien, verstanden als ‚kulturelle Vorstellungen von der Natur, der Form und dem Zweck einer Sprache und von Sprache allgemein‘ (Gal/Woolard 1995: 130), die die Virulenz der Debatte in Frankreich erklären können. Die erste dieser Ideologien ist die Vorstellung einer ‚Standardsprache‘, die in einem vertikalen Konzept der ‚Sprachverbreitung‘ von einer ‚Sprachbehörde‘ legitimiert wird und für die Sprecher*innen verbindlich sein soll. Diese Standardsprache sei „von Natur aus besser (schöner, eleganter, logischer) als alle anderen Varianten und [müsse] daher geschützt werden“ (Coady 2020: XI–XII). Diese Ideologie wird in Frankreich insbesondere von den Mitgliedern der Académie française genährt, die den Mythos einer einst universell gefeierten Sprache aufrechterhalten, welche den Geist der Aufklärung und der Universalität in das Europa des 18. Jahrhunderts und dann während der Kolonialzeit auch in die ganze Welt getragen habe. Auf etwas diffusere Weise wird dieser Mythos auch von der konservativen französischen Presse gepflegt. Der Linguist Alain Bentolila formuliert es z.B. so: „Wir Franzosen legen großen Wert auf die Verbindung zwischen Sprache und Denken – einem starken und präzisen Denken –, während die frankophonen Länder ein eher utilitaristisches Verhältnis zur Sprache haben. Wir sind das Volk der Aufklärung. Wir haben nicht die gleiche Geschichte ...“. (Pech 2018). Trotz ihrer geringen offiziellen Befugnisse und ihrer schwachen Argumente spielt die Académie française weiterhin eine in symbolischer Hinsicht sehr dominante Rolle als Hüterin der französischen Sprache (Viennot et al. 2015). Die vorherrschende Ideologie einer ‚Standardsprache‘, die geschützt werden sollte, beeinflusst aber nicht nur die Institutionen, sondern auch die Vorstellungen der französischen Bürger*in- 128 nen, die in Bezug auf geschlechtergerechte Sprache „konservativer als der Rest der Frankophonie“ sind (Abbou et al. 2018a). Die zweite linguistische Ideologie, die die Akzeptanz geschlechtergerechter Sprache blockieren kann, ist Ann Coady zufolge die Ideologie von der Sprache als ‚Kitt der Nation‘. Während die Sprache in etlichen anderen europäischen Staaten vor allem im 19. Jahrhundert als Instrument zur Erzeugung, Bestärkung und Verbreitung eines Nationalgefühls und damit zur Legitimierung der entstehenden Nationalstaaten eingesetzt wurde (Thiesse 2001), so diente in Frankreich die Bekräftigung der Einheit der französischen Sprache schon in der Vergangenheit politischen Ambitionen: Bereits 1539 trug die Verordnung von Villers-Cotterêts, mit der Französisch als einheitliche Verwaltungssprache bestimmt wurde, zur Durchsetzung und Etablierung eines zentralisierten Staates bei. Während der Französischen Revolution wurde eine regelrechte Sprachpolitik (Candéa/Véron 2019: 174) eingeleitet, und in der Dritten Republik dann noch aktiver verfolgt. Um ‚die Erzählung von der Nation‘ zu nähren, wurde eine Politik der sprachlichen Vereinheitlichung – gegen die Regionalsprachen – praktiziert, für die die Schule eine zentrale Rolle spielte. Die Stärke der Ideologie der Sprache als ‚Kitt der Nation‘ ist auch heute noch spürbar – ob man dabei nun an die Bedeutung der Frankophonie im Kontext der Außenpolitik denkt, um ‚die Größe Frankreichs‘ zu bekräftigen (Erfurt 2018), an den deutlichen Widerstand gegen die Ratifizierung der Europäischen Charta zu den Regionalsprachen oder an die Reaktionen bestimmter Politiker*innen auf die Forderungen nach einer geschlechtergerechten Sprache. So bekräftigte der ehemalige Bildungsminister Jean-Michel Blanquer in seiner Rede vor der Nationalversammlung am 15. November 2017 die Macht des zentralistischen Staates in sprachlichen Angelegenheiten und drohte zum wiederholten Male mit der Gefährdung des republikanischen Universalismus: „ich werde natürlich darauf achten, dass es nur eine Grammatik gibt, so wie es auch nur eine Sprache und eine Republik gibt“4. In Frankreich besteht die umstrittene Dimension der geschlechtergerechten Sprache also in erster Linie darin, dass sie die Autorität des Staates in sprachlichen Angelegenheiten in Frage stellt. Die Debatten bieten insofern die Möglichkeit, ein von bestimmten Eliten getragenes vertikales Sprachverständnis zu reaffirmieren, und zugleich Forderungen zivilgesellschaftlicher Akteur*innen im Kontext eines zentralisierten Staats zurückzuweisen. 4 Http://www.assemblee-nationale.fr/15/cri/2017-2018/20180055.asp#P1095007. 129 2 Ein euphemistisches Feld für den ‚gewöhnlichen Antifeminismus‘5 Obwohl sich die Medienberichterstattung über die französische Kontroverse um geschlechtergerechte Sprache oft nur auf den französischen Fall konzentriert hat, sollte man – angesichts ähnlicher Debatten in anderen Ländern – diese Kontroverse nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt einer französischen Sprachspezifik betrachten. So stieß etwa in Brasilien Dilma Rousseffs Entscheidung, statt des üblichen Titels presidente demonstrativ die weibliche Form presidenta zu verwenden, auf heftige Kritik und erregte den Zorn insbesondere von Teilen der gesellschaftlichen und politischen Eliten (Paz/Pelúcio/ Borba 2020). Ähnliche Reaktionen waren in Italien zu beobachten, als Laura Boldrini, die ehemalige Präsidentin der Abgeordnetenkammer, das Thema geschlechtergerechte Sprache und die Feminisierung von Titeln in die öffentliche Debatte einbrachte. In Deutschland äußerten sich mehrere Linguist*innen, Literat*innen und Persönlichkeiten aus dem Bildungsbereich alarmiert zu den vermeintlichen Gefahren, die feministische Forderungen und staatliche Initiativen für eine geschlechtergerechte Sprache für die Gesellschaft angeblich mit sich bringen würden (Hergenhan 2020). In Schweden wiederum wird die Förderung und Verwendung des neutralen Pronomens hen in der dritten Person Singular problematisiert: Auch hier prangern manche Linguist*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen die Verwendung dieses Pronomens als gefährlich für die schwedische Sprache und ihre Sprecher*innen an (Le Bouteillec 2020). Wie lässt sich all das erklären? Ein Vergleich der jeweiligen Diskurs-Konstellationen ist erhellend, da er die antifeministische Dimension der Debatten deutlich macht. Folgende Befunde werden dabei deutlich: 1. Überall dort, wo die geschlechtergerechte Sprache umstritten ist, finden die Debatten in einem Kontext statt, in dem die Norm der Gleichheit der Geschlechter und der Sexualitäten an öffentlicher Anerkennung gewinnt. In Frankreich fällt die 2017 eröffnete Kontroverse z.B. in eine Zeit, in der mehrere Maßnahmen verabschiedet wurden, die eine wachsende institutionelle Legitimität feministischer Anliegen, und neuerdings auch LGBTQI-Anliegen, in verschiedenen Bereichen manifestieren: Das betrifft den Bereich der politischen Repräsentation ebenso wie den der Arbeitswelt, die Wirtschaft ebenso wie den Bildungsbereich, nicht zuletzt die Institution der Ehe und Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. In all diesen Bereichen erlässt der Staat Gesetze und verabschiedet Policy-Programme, die darauf abzielen, Geschlechtergleichheit zu stärken. Beispiele für den Fall Frankreich sind die 1999 und 2000 verabschiedeten Gesetze zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Politik, die in den folgenden Jahren noch erweitert wurden, um das 5 Der wesentliche Inhalt dieses Abschnitts ist dem folgenden Artikel entnommen: Loison/Perrier/Noûs 2020. 130 Prinzip der Parität zu stärken; die Einführung von Quoten in der Wirtschaft und die Einführung von Bildungsprogrammen zur Sensibilisierung von Kindern für die Gleichstellung von Mädchen und Jungen. Ein vergleichbarer Kontext ist auch in anderen Ländern zu beobachten, in denen geschlechtergerechte Sprache umstritten ist. In Brasilien folgt der Widerstand eines Teils der politischen Klasse und der Medien gegen den Begriff presidenta auf Initiativen der Regierung von Dilma Rousseff in Bezug auf die Rechte von Frauen und von Gruppen, die in Bezug auf Sexualität und Geschlecht marginalisiert werden (Paz/Pelúcio/Borba 2020). In Deutschland „haben sich die Sprachdebatten repolitisiert, seit 2018 ein Gesetz verabschiedet wurde, das die Existenz eines dritten Geschlechts anerkennt“ (Wieder 2019). 2. Geschlechtergerechte Sprache wird überall besonders von konservativen Personen und Gruppen bekämpft, die auch noch an anderen Fronten als der Sprache in einen Kampf gegen Gleichstellung involviert sind. So wurden die zahlreichen Gesetzesvorschläge, die in Frankreich seit 2017 in die Nationalversammlung und den Senat eingebracht worden sind, um die Verwendung geschlechtergerechter Sprache zu verbieten oder einzuschränken, stets von Akteur*innen forciert, die sich in verschiedenen parlamentarischen Debatten öffentlich gegen die Förderung geschlechtlicher und sexueller Gleichstellung positioniert haben. Der französische Abgeordnete Julien Aubert, Mitunterzeichner eines Gesetzesvorschlags zum Verbot geschlechtergerechter Sprache im öffentlichen Dienst6 hat sich z.B. auch öffentlich dazu bekannt, 2019 in den Reihen von „La Manif pour tous“ („Demo für alle“) gegen den Entwurf des Bioethikgesetzes mitdemonstriert zu haben (Forcari 2019). Dieser Entwurf sah in seinem Artikel 1 die Öffnung der assistierten Reproduktion auch für lesbische Frauenpaare vor. Derselbe Abgeordnete hatte sich überdies in den Parlamentsdebatten über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare als Gegner eines solchen Vorschlags hervorgetan. Agnès Thill, ebenfalls eine Unterzeichnerin von Gesetzesvorschlägen gegen geschlechtergerechte Sprache, wurde 2019 aus der Partei „La République en Marche“7 ausgeschlossen, weil sie sich im Rahmen der Debatten über die Fortpflanzungsmedizin homofeindlich geäußert hatte. In Deutschland trat die CSU, die ultrakonservative ‚Schwesterpartei‘ der CDU, in ihrem Wahlprogramm vom September 2017 dafür ein, die öffentliche Finanzierung von Forschungen zu geschlechtergerechter Sprache und von Geschlechterforschung allgemein zu streichen. Auch die – inzwischen als verfassungsfeindlich eingestufte – rechtsextreme Partei „Alternative für Deutschland“ versuchte von Anfang an über die Länderparlamente die Einführung geschlechtergerechter Sprache aufzuhalten bzw. wieder 6 Gesetzesvorschlag Nr. 3922 zum Verbot der Verwendung geschlechtergerechter Sprache für juristische Personen, die mit einer öffentlichen Aufgabe betraut sind, 23. Februar 2021. 7 „La république en marche“, zuvor „En marche“, ist die politische Partei, die von Emmanuel Macron 2016 gegründet wurde, Auch wenn die Partei angibt, sie sei weder rechts noch links, kann sie auf der rechten Seite des politischen Spektrums eingereiht werden. 131 abzuschaffen (Hergenhan 2020). In Schweden kommt die Kritik am neutralen Pronomen hen zu einem großen Teil „von antifeministischen Gruppen, die in Internetforen aktiv sind und einen vermeintlichen ‚Staatsfeminismus‘ anprangern, sowie von rechtsextremen Gruppen“ (Le Bouteillec 2020: XV-XVI).3. In öffentlichen Stellungnahmen gegen geschlechtergerechte Sprache wird vielfach auf rhetorische Muster zurückgegriffen, wie sie seit langem für das Repertoire antifeministischer Diskurse typisch sind. Zahlreiche Beiträge in der französischen Debatte über geschlechtergerechte Sprache prangern z.B. die vermeintliche Inkompetenz ihrer Befürworter*innen an – ein klassisches Motiv antifeministischer Polemik. So z.B. ein Journalist von Causeur8 im Jahr 2020, der die feministische Aktivistin Typhaine D. als „Dummkopf“ bezeichnet (Desrimais 2020). Andere machen sich über die Debatte lustig, indem sie beispielsweise eine berühmte Fabel des bekannten Schriftstellers La Fontaine9 parodistisch gendern: „Maître.sse corbe.au.lle sur un arbre perché…“ (Meister.in Kolkrabe.rin auf einem Baum…)10. Andere wiederum sexualisieren die Debatte, anstatt sie inhaltlich zu führen. Marc Fumaroli von der Académie française schrieb 1998: „tranchons entre recteuse, rectrice et rectale“11 (Lasst uns zwischen Rektorin, Rektörin und rektal unterscheiden). Diese drei Diskursstrategien, die für einen „gewöhnlichen Antifeminismus“ (Descarries 2006) charakteristisch sind, werden seit jeher dafür eingesetzt, feministische Forderungen zu delegitimieren. Die Gegner*innen geschlechtergerechter Sprache sind auch der Meinung, dass es keinen Sinn mache, das Französische ändern zu wollen, weil es nicht sexistisch sei. Sie erklären beispielsweise, dass das Geschlecht von Wörtern (Genus als grammatische Kategorie) nichts mit dem Geschlecht von Individuen zu tun habe, oder auch, dass das Maskulinum ‚neutral‘ sei (Bosvieux-Onyekwelu 2020), und widersprechen damit zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema. Dieses ‚sprachliche Argument‘ kann durchaus als Variante einer klassischen Argumentationsstrategie des Antifeminismus verstanden werden, die darin besteht, Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu untertreiben oder sogar zu leugnen (Devreux/Lamoureux 2012: 17). Die Verzerrung bzw. die Desinformation, die mit dieser Negation verbunden ist, besteht darin sich zu weigern, „die Vorherrschaft anzuerkennen, die männlichen Werten und Praktiken eingeräumt wird“ (Descarries 2006: 144). Diese Weigerung wird hier sozusagen auf das sprachliche Feld angewandt. 8 Causeur ist eine französische Zeitschrift, die der reaktionären Rechten zugerechnet wird (ein Begriff, den sie laut der Website Wikipedia möglicherweise selbst für sich beansprucht hat). 9 Jean de la Fontaine war ein im 17. Jahrhundert lebender berühmter französischer Schriftsteller, dessen Gedichte oft im Schulunterricht behandelt werden. Er wird als ,klassischer Autor‘ betrachtet. 10 „Écriture inclusive: des manuels scolaires tentent l’expérience“, Franvetvinfo.fr, 27. September 2017. 11 „La querelle du neutre“, Le Monde, 31 juillet 1998. 132 Doch wenn die Gleichheitsnorm im öffentlichen Raum an Legitimität gewinnt, wie es heute in allen Ländern der Fall ist, in denen sich eine geschlechtergerechte Sprache entwickelt, ändern sich die Argumentationsstrategien der Antifeminist*innen in Reaktion darauf ebenfalls. 3 ‚Geschlechtergerechte Sprache in der Schule‘ als Gegenstand und Artikulationsarena für einen Diskurs, der Geschlechtergleichheit ablehnt In den Debatten um geschlechtergerechte Sprache in Frankreich und anderen Ländern (z.B. Deutschland, Schweden und Brasilien) wurden auch andere Argumente vorgebracht, die die Institutionen Schule und Hochschule sowie die Schüler*innen und ihr Wissen in den Mittelpunkt stellen. Damit unterschieden sie sich von den Argumenten, die von Gegner*innen geschlechtergerechter Sprache in früheren Phasen der Kontroverse vorgebracht wurden. So zielten in Frankreich mehrere der zahlreichen eingebrachten Gesetzesvorschläge, mit Hilfe derer die Verwendung geschlechtergerechter Sprache verboten oder zumindest eingeschränkt werden sollte, speziell auf den schulischen Bereich ab. Der bereits erwähnte Abgeordnete Julien Aubert von der Partei „Les Républicains“12 reichte bereits 2017 einen Gesetzesvorschlag13 ein, in dem die Regierung aufgefordert wurde, die Einführung geschlechtersensibler Sprache in Schulen zu verhindern. Der Abgeordnete Roger Chudeau von der Partei „Rassemblement National“14 reichte seinerseits einen Gesetzesvorschlag ein, dem zufolge die sogenannte „inklusive Schreibweise“ („écriture inclusive“) in schulischen und hochschulischen Dokumenten und Publikationen aller Art sowie in Zivil-, Verwaltungsund Handelsakten verboten werden sollte15.Welcher Art genau sind die Argumente, die auf Schule und Wissen bezogen sind? Und wie lässt sich erklären, dass sie in Frankreich erst ab Herbst 2020 in den Vordergrund rückten, obwohl die entsprechende Kontroverse in diesem Land ja bereits 2017 eröffnet wurde – nach der erwähnten Veröffentlichung eines 12 „Les républicains“ ist eine konservative politische Partei am rechten Rand des politischen Spektrums, die bis vor kurzem die größte rechtsgerichtete politische Partei in Frankreich darstellte. Ihr Wählergewicht hat sich mit dem Aufkommen des Macronismus und dem Erstarken der extremen Rechten abgeschwächt. 13 Gesetzesvorschlag Nr. 381, in dem die Regierung aufgefordert wird, die Einführung geschlechtergerechter Sprache in Schulen zu verhindern. 14 „Rassemblement National“ ist der neue Name der „Front National“ und stellt die wichtigste politische Partei der extremen Rechten in Frankreich dar. 15 Gesetzesvorschlag Nr. 777 über das Verbot der sogenannten „inklusiven“ Schreibweise in Schulund Universitätsveröffentlichungen und -dokumenten, sowie in Zivil-, Verwaltungsund Handelsakten, der in der Nationalversammlung am 31.01.2023 eingereicht wurde. 133 von Lehrer*innen unterzeichneten Manifests, sowie eines Schulbuchs, das bestimmte Formen geschlechtergerechter Sprache verwendet? Mit anderen Worten: Wie lässt sich die Entwicklung der Argumente gegen geschlechtergerechte Sprache in Frankreich verstehen und interpretieren? Und was zeigt uns eine entsprechende Analyse im Hinblick auf die politische Funktion der Debatte über geschlechtergerechte Sprache in Frankreich? Zunächst einmal wurde wiederholt die Idee formuliert, dass geschlechtergerechte Sprache und inklusive Schreibweise, deren Gebrauch sich (angeblich) auf akademische Kreise und feministische Aktivist*innen beschränke, in doppelter Hinsicht ausgrenzend seien: gegenüber Personen mit geringeren Bildungsabschlüssen als Akademiker*innen, gegenüber Kindern, die dadurch beim Lernen ‚in Schwierigkeiten gebracht‘ würden –beispielsweise Schüler*innen mit Problemen wie Dyslexie oder Dysphasie16 –, sowie gegenüber Kindern und Personen mit spezifischen kognitiven Beeinträchtigungen oder mit Sehbehinderungen. Das Argument, die Verwendung geschlechtergerechter Sprache ‚im Namen der Verteidigung der Rechte von Kindern mit Behinderungen‘ abzulehnen, findet sich auch in der Regierungspolitik wieder. Das zeigt insbesondere ein Rundschreiben vom 5. Mai 2021, das sogenannte ‚Rundschreiben Blanquer‘ (nach dem Namen des ehemaligen Bildungsministers) über die Regeln für die Feminisierung in Verwaltungsakten des Bildungsministeriums. Hier heißt es: „Die Komplexität und Uneinheitlichkeit [geschlechtergerechter Sprache] stellen ... Hindernisse für den Erwerb der Sprache wie der Lesefähigkeit dar. Solche künstlichen Klippen sind besonders unangebracht, wenn sie die Bemühungen um Schüler mit Lernschwierigkeiten behindern, die an öffentlichen Schulen mit dem Ziel der Inklusion unternommen werden.“ Die Wiederaufnahme dieser Argumentation lässt sich auf zweierlei Weise erklären. Zum einen ist das Argument quasi ein Echo auf eine Rhetorik, die seit den 2010er Jahren in mehreren Ländern weit verbreitet ist und dazu dient, öffentliche Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung diverser Geschlechter und Sexualitäten zu delegitimieren. Sie stützt sich auf die Figur, gemäß derer ‚Kinder als unschuldige Opfer schulischer Indoktrination‘ gelten. Überdies würden ihre Eltern dabei in ihrer Erziehungsfreiheit behindert (Kuhar/Paternotte 2018). Diese international zirkulierende Idee wird in verschiedenen Ländern regelmäßig von Gegner*innen der Geschlechtergerechtigkeit und sexuellen Gleichstellung angeführt, um öffentliche Programme zur Förderung der Gleichstellung zu disqualifizieren (Kuhar/Paternotte 2018; Paz et al. 2020; Schmincke 2017). Wie Kuhar und Paternotte betonen, erscheint die ‚Figur des kindlichen Opfers‘ als ein Mechanismus, der ‚moralische Paniken‘ aktivieren kann (Thompson 1998 in Kuhar/Paternotte 2018). Dadurch, 16 Siehe Gesetzesvorschlag 4003, der am 23. März 2021 in der Nationalversammlung eingereicht wurde und darauf abzielt, die Verwendung geschlechtergerechter Sprache in öffentlichen Verwaltungen und Organisationen, die mit einer öffentlichen Dienstleistung betraut sind oder öffentliche Zuschüsse erhalten, zu verbieten und zu ahnden, S. 4. 134 dass sie geschlechtergerechte Sprache als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung darstellen und so eine ‚moralische Panik‘ auszulösen suchen, verfolgen die Aktivist*innen der Anti-Gender-Bewegung das Ziel, Besorgnis in der Bevölkerung zu erregen und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Die ‚westliche Konstruktion der kindlichen Unschuld‘ ist laut Kuhar und Paternotte (2018) ein besonders effektives Framing, um große Teile der Bevölkerung anzusprechen. Zwar wird in der französischen Debatte über geschlechtergerechte Sprache nicht so sehr mit einer Gefahr für die Geschlechtsidentität gedroht, wie es sonst in internationalen Debatten häufig der Fall ist17, sondern eher mit der Gefahr erhöhter Schwierigkeiten beim Lernen in der Schule. Die Hervorhebung dieses Arguments trägt jedoch dazu bei, das Misstrauen gegenüber der (staatlichen) Institution Schule zu schüren und die Vorstellung zu verbreiten, dass diese mit einer ‚Erziehung zu Geschlechtergleichheit und sexueller Vielfalt‘ potenziell schädlich für Kinder sein könnte. In Frankreich ist der Rückgriff auf dieses Argument Teil einer Reihe von öffentlichen Debatten, die seit Anfang der 2010er Jahre von verschiedenen Aktivist*innen der Anti-Gender-Bewegung, von Journalist*innen und Politiker*innen inszeniert wurden und auf die Institution Schule und die Eltern von Schüler*innen abzielten, um öffentliche Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung zu delegitimieren (Gallot/Pasquier 2018). So wurde 2010 z.B. ein Kurzfilm für die Grundschule, der einen Kuss zwischen zwei Fischen mit männlichen Vornamen zeigte und auf diese Weise der Homophobie entgegenwirken wollte, letztlich nicht ausgestrahlt, nachdem der Vorwurf erhoben worden war, der Film befördere Homosexualität bei Kindern. 2011 wurden die neuen Biologielehrpläne, die ein Kapitel mit dem Titel „Mann oder Frau werden“ enthielten, zunächst von katholischen Vereinigungen und später auch von rechten Parlamentarier*innen kritisiert, die gegen die ‚Gender-Theorie‘ mobilisierten. Schließlich wurde 2014 ein Schulversuch – das Pilotprojekt „ABCD de l’égalité“, das gemeinsam vom Ministerium für Bildung und vom Ministerium für Frauenrechte getragen wurde und darauf abzielte, Geschlechterstereotypen zu bekämpfen und die Gleichstellung von Mädchen und Jungen zu fördern – abgebrochen. Dies geschah in einem politischen Kontext, der nicht zuletzt von massiven Mobilisierungen gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geprägt war. Angesichts solcher Ereignisse wird klar, dass die Gegner*innen geschlechtergerechter Sprache, die die Kontroverse über eine inklusive Schreibweise in die Schule hinein tragen, die Aufmerksamkeit eines Publikums auf sich ziehen wollen, das bereits für andere Auseinandersetzungen um Genderfragen in der Schule mobilisiert worden ist. Insbesondere kann mit der Aufmerksamkeit von Organisationen wie den 17 In Schweden vertrat die Kolumnistin „Elise Claeson die Ansicht, dass die Verwendung des Pronomens hen schädlich sein könnte, insbesondere für kleine Kinder. Da Kinder von Natur aus zum Konservatismus neigten, könne die Vorstellung, dass es ein ‚Dazwischen‘ gebe, sie bei ihrer Entdeckung von Geschlecht und Sexualität stören“ (Le Bouteillec 2020: XVI). 135 „wachsamen Eltern“ („parents vigilants“18) gerechnet werden. 2022 wurde diese Gruppe von Éric Zemmours rechtsextremer Partei „Reconquête“ ins Leben gerufen. Sie mobilisiert seitdem gegen die Thematisierung von Genderfragen in der Schule19. Auf der Webseite der Gruppe betreffen zwei der 14 Aussagen, die die verschiedenen Themen illustrieren, auf die die Aufmerksamkeit von Eltern gelenkt werden soll, die Verwendung geschlechtergerechter Sprache20. Sie wird als Zeichen für ein ‚Abgleiten‘ der Institution Schule interpretiert.Das Schreckgespenst der Schulschwierigkeiten für Kinder mit Behinderungen kann aber auch in ganz anderen politischen Kreisen Widerstand hervorrufen. Mit der (unbewiesenen) Unterstellung, dass das Streben nach Geschlechtergleichheit andere Ungleichheiten (zwischen sozialen Klassen, zwischen nicht behinderten und behinderten Menschen) hervorbringe, greifen Kritiker*innen geschlechtergerechter Sprache auf ein klassisches Verfahren der reaktionären Rhetorik zurück, das Albert O. Hirschmann (1991) in seinem Buch „Rhetoric of reaction: perversity, futility, jeopardy beschrieben hat. Als ‚pervers‘ werden die angeblich moralisch fragwürdigen Auswirkungen von Gleichstellungsmaßnahmen etikettiert. Diese rhetorische Strategie zielt darauf ab, die Bestrebungen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter zu delegitimieren, indem man ihnen andere Herausforderungen gegenüberstellt. Eine solche Strategie wurde in Frankreich bereits Ende der 1990er Jahre bei den Debatten über Geschlechter-Parität in der Politik angewandt. Damals wurden entsprechende Maßnahmen mit dem Argument kritisiert, dass sie die Ungleichheit zwischen den sozialen Klassen im politischen Feld nicht berücksichtigten. Auf diese Weise wurde ermöglicht, das Prinzip der Geschlechtergleichheit nicht offen in Frage stellen zu müssen. Vielmehr wurde das Ausschlussargument umgekehrt und gegen die Bekämpfung von Ausschluss qua Geschlecht zum Einsatz gebracht. Geschlechtergerechte Sprache will ja gerade der Unsichtbarmachung oder Herabwürdigung des Weiblichen sowie queerer und nicht-binärer Identitäten in der Sprache entgegenwirken und die egalitäre Repräsentation aller Menschen in der Sprache ermöglichen. Wenn das konservative Lager behauptet, diese Sprache sei das Privileg einer akademischen und 18 Das Äquivalent dazu in Deutschland wären die „besorgten Eltern“. Siehe: https://www.besorgte-eltern.net/. 19 Auf ihrer Website stellen sich die „wachsamen Eltern“ als ein Kollektiv vor, das insbesondere auf die „zahlreichen militanten Linksextremisten und ‚Wokes‘ [aufmerksam machen will], [denen] es gelingt, die dekonstruktivistische Ideologie bis in die Schulbücher, in die Lehrpläne zu verbreiten“. 20 „Ich bin Lehrer an einem Gymnasium (…), wo die ideologische Indoktrination permanent ist: inklusive Schrift, LGBT-Entgleisungen oder Druck von Seiten der Gewerkschaften. Wenn wir ihren Thesen widersprechen, müssen wir mit hinterhältigen Repressalien wie geleerten Mülleimern in unseren Spinden oder Drohungen auf unseren Messengern rechnen“ (Sylvain, Lehrer). – „In einem Gymnasium haben Lehrer das Gedicht ‚La Corneille et la Renarde‘ („Die Rabe und die Füchsin“) umgeschrieben und die Schüler aufgefordert, es zu lernen, indem sie das für ihren Geschmack ‘zu männliche’ Werk von La Fontaine vernichteten“ (Bruno, Angehöriger eines Schülers). [Website abgerufen am 30. Januar 2025]. 142 Loison, Marie/Perrier, Gwenaëlle (2022): Un « langage excluant » ? Solidité, sincérité et enjeux des arguments d’opposition à l’écriture inclusive. In: Travail, genre et sociétés, 47, 1, p. 153–156. Moron-Puech, Benjamin/Saris, Anne/Bouvattier, Léa/Translated by Garnier, Lucy (2020): State normalization of inclusive language A review of differences between France and Quebec. In: Cahiers du Genre, 69, 2, p. 151–176. https://shs.cairn.info/ journal-cahiers-du-genre-2020-2-page-151?lang=en. Paz, Diego/Pelúcio, Larissa/Borba, Rodrigo/Translated by Garnier, Lucy (2020): The gender of the nation and ,the [cru]x of the matter‘ Linguistic controversies in the Brazilian political context. In: Cahiers du Genre, 69, 2, p. 177–203. https://shs. cairn.info/journal-cahiers-du-genre-2020-2-page-177?lang=en. Pech, Marie-Estelle (2018): Dans le monde francophone, la France dernier héraut de sa grammaire. In: Le Figaro, 7 septembre 2018. 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Despite the often misogynistic and conservative views they advocate and the palpable gender-based violence they enable, how are women visible in them, even passionate in their support? A growing body of work has turned to these questions and paradoxes, as does this article. The rightist upsurge has followed the depredations of neo-liberal and finance capital with increasing social and economic inequalities. Many areas and groups are unable to obtain the livelihoods and community life they had or meet their aspirations. They actively scapegoat ‘othered’ social groups as the culprits and a threat to a purported past of social, familial and gender harmony. Majoritarian and supremacist political formations – some with a long if shifting presence – propound this, essentialising socio-cultural boundaries and a national ethos. In India, the Rashtriya Swayamsevak Sangh (henceforth RSS or Sangh), established in 1925, embeds its explanations for current predicaments in its narratives of tradition, history, religious conflict and injuries to the Hindu nation. Caste, ethnic and other identities and an anti-feminist thrust in gender and social relations are imbricated. Even a brief incursion into rightist projects confronts us with complexity and diversity, globally and in any one country. This article rests on the premise that historical, empirical and processual specificities are crucial to understand their sway. Quick generalisations, often based on comparison with European 1 My appreciation for the Pedgen team for organizing this important conference and publication. Many thanks to team members and to friends in India, whose careful reading and comments have made the paper stronger, though many of their concerns could not be addressed. 144 fascism and national socialism admired by the Sangh’s early mentors and founders, may obscure the dynamics. Unfortunately, space limitations demand that many dimensions, trajectories and details be elided. This article moves beyond visible economic processes and behind political parties to look at pedagogical processes within the RSS. Contests over ideas take place in many domains–in formal political processes and campaigns, in state institutions, in media, in cultural performances and artefacts, in research institutions and intellectual work, and more. In each arena, the dynamics of teaching-learning link those who speak/perform with those who hear/watch. The RSS had explicitly framed itself as an educational project of affect and organisation. It deploys words and symbols that evoke meanings and emotions with a logic other than that of rational debate, even as the latter is both asserted and sniffed at. This is evident in one of the “civic and moral lessons” in an RSS activist’s diary: “Rational arguments separate people from us. It is not necessary to convince people of the need of the RSS. Our arguments should appeal to the heart. To succeed in RSS work, we should attract society with a sweet tongue. We should avoid a hot temper and debate” (Andersen/Damle 1987: 95, 96). After outlining some central tenets of the RSS, this article discusses its pedagogical spaces, infrastructure, work and strategies, the content and processes of teaching-learning. It draws on a diverse range of writings and disciplines, particularly ethnographies, memoirs, and reportage, as well as personal encounters and conversations. It looks at everyday practices and the common sense of the organisation, members, and sympathisers. A focus on its central gender constructs follows–the militant, aggressive Hindu male (despite the ‘sweet tongue’) protecting the Hindu-Indian nation, supported by the domesticated Hindu women, undergirded by a Brahmanical Hinduism. Taking this further, the Rashtriya Sevika Samiti (henceforth Samiti) is discussed. It was formed in 1936 as the first affiliate and female counterpart to the exclusively male parent Sangh. RSS ideas and practices pervade all its affiliates, perhaps with shifts in accent. Among the affiliates engaged in education is Vidya Bharati (1977; henceforth VB), a network of formal and non-formal institutions, some of which had long been run by the RSS (Nair 2009). Pedagogical practices in VB and other schools and its curricula are discussed. These three sites form an arc of teaching and constructions of society and gender now being pushed into public education and examinations by the ruling party, despite resistances not elaborated here. There are other right oriented political formations in India, many rooted in Hindu or other religious groups, but the RSS is undoubtedly the largest. Said to be the largest NGO in the world, it guides a ‘family’ of affiliates – the Sangh Parivar (Sharda 2018). It was estimated that in 2016 there were 1.5–2 million regular RSS swayamsevaks (volunteer members). They met in around 57,000 daily shakhas (local branches), and weekly and monthly branches, distributed over 36,293 locations. Alumni and affiliate members add up to several millions 145 (Andersen/Damle 2019: xi). Its growth surged from when its members first had a significant presence in the central government. Affiliates are active in diverse domains: the Vishwa Hindu Parishad (1964 – VHP) mobilising Hindu sadhus for religious campaigns, Seva Bharati in social work, the Samiti (1936) and Vidya Bharati mentioned earlier and the current ruling party, the Bharatiya Janata Party (BJP). It is the largest and richest political party globally with almost total control over the mass media in the country and a viral presence in social media. The Parivar runs an English weekly, a Hindi daily, a vernacular news service, an online portal and publishing houses (Andersen/Damle 2019). The sheer volume of membership numbers, funds and multiplicity of locations, organisations and activities gives the RSS and its ideology a tremendous materiality. This has been made by and for activists’ sustenance and commitment. 1 The RSS and Hindutva At its inception early in the last century, the RSS described itself as an educational project of character building of Hindu men, to alert and ‘awaken’ them to fight a supposed ‘threat’ of marginalisation; this is the case despite a Hindu majority population and its predominance in state and cultural institutions, as well as in policy and governance instruments. It was through gradual change and organisation rather than direct involvement in the electoral-political process that the RSS said it would transform the political and social direction of a country struggling against foreign rule and make a Hindu Rashtra or Hindu nation-state (Kanungo 2002). An internal debate as to whether it should directly participate in electoral politics was resolved by cooperation with like-minded parties and setting up a political party affiliate. This boosted its numbers and power, but it continues to call itself a cultural and not a political organisation. Streams of Hindu nationalists, including the Sangh Parivar, have coalesced around the term Hindutva2 or self-assertive Hinduness constructing a singular political Hinduism. This presupposes who is a Hindu and what Hindu religion and culture are. The RSS and Parivar ideologues tend to equate Hinduism with a particular sect, perhaps the largest – sanatandharm. Simultaneously, they navigate sectarian boundaries and differences working to create an idea of one unified Hindu community, embracing all they name as Indic religions. They 2 This was coined by V.D. Savarkar, never a member of the RSS but admired by its founder. He was an atheist and anti-religion with a chequered history within the anti-colonial struggle. He was an accused in Mahatma Gandhi’s assassination but, citing lack of sufficient evidence of direct involvement, was discharged. He has gained iconic status within the Hindu Right, leading the present regime to hang his portrait in Parliament near those of other freedom fighters. 146 argue that Hinduism is the culture of the Indian nation-state, a Hindu Rashtra of all those whose sacred sites fall within its geographical borders. As Sarkar (1993) argues, it is an endless circling of faith and politics. Scholars remind us that “Hindutva is not a monolithic cultural construct. It has varied over time [and…] the context within which it has been articulated” (Banerjee 2005: 75). Some of the Parivar, too, assert plurality (Andersen/Damle 2019). Paraphrased below are some constant tenets delineated by a multi-disciplinary group of scholars. Hindu, and Hindus alone...are the original inhabitants and sole creators of...[the] society and culture [of the Indian nation]. Hinduism is uniquely catholic and tolerant, and hence superior to any other faith, but its tolerance has often been mistaken for weakness. The Hindu nation has been repeatedly conquered by aliens, particularly Muslims and then the Christian British, and must acquire strength through RSS sangathan [organisation] to counter all present and future threats...all cultural traditions [within India must]...Hinduize themselves.... It was the Western form of knowledge...that systematized and popularized the idea that India lacked a homogeneous civilization and a single community. ‘Pseudo-secular’ nationalists...perpetuated it...within the ‘pseudo-secular’ constitution...only a...Hindu Rashtra will afford protection to non-Hindus... [as against] ‘pseudo-secularists’ who ‘appease(d)’ Muslims in their pursuit of a politics of ‘vote banks’ (Basu et al. 1993: 37). In sum, the great harmonious Hindu society and culture of the past, simultaneously tolerant, assimilative and unitary, of the original inhabitants and ancient nation were denigrated and weakened by the depredations, ideas and culture of intolerant Muslim and Christian ‘invaders’ and rulers. Hindus who have learnt the truth must hold the reins of governmental power if Hindus are to live the life they deserve and if India, that is Bharat, is to be great again. A core element in the RSS world view and strategy is that the Hindu nationalist must be intellectually, morally and physically trained and organised, ready to fight for the Hindu-Indian nation; it has been emasculated by philosophies and the practice of non-violence, such as of Gandhi (who remains a prime bete noire) and Buddhists (Banerjee 2005).3 Propagated in obvious and subtle ways, theirs is a staunchly binary sexual and gendered construction of the family4 for social harmony, though some advocates deny this by citing policies for the ‘third gender’ and the presence of queer heroes in the epics.5 3 Emperor Ashoka, third century BCE. 4 This was seen recently in the government arguments against same-sex marriage in the Supreme Court. 5 Which are downplayed if not made invisible. 147 2 Organization and training in the RSS: Learning Hindutva These tenets are concretised in the Sangh’s activities and teachings. Across writings by ideologues and members of the RSS (Sharda 2018) or affiliates, disenchanted earlier members (Meghwanshi 2020; Kelkar 2011), journalists and film-makers (Vachani 2022), ethnographers (Valiani 2011; Ghassem-Fachani 2012; Mathur 2008), political scientists (Andersen/Damle 1987; 2019; Kanungo 2002) and historians, literary and cultural theorists (Basu et al. 1993), one finds commonality on the form and content of its explicit pedagogy.6 Differences emerge on sub-texts, experiences of socially diverse participants and directions being taken. The organisational spine of the RSS is a network of local neighbourhood units named shakha of 10–20 Hindu men, and a hierarchy of carefully chosen and trained full-time leaders/teachers/preachers/organisers (pramukhs, pracharaks, sanghchalaks, sarsangchalak) with divided and increasing responsibilities over ideological education, organisational matters and area covered. From 1979, Muslims could formally join (Andersen/Damle 2019: 82) and a Muslim affiliate has been formed. Sharda (2018) claims that there are Christian and Muslim senior workers and many long-time swayamsevaks, but the few reports and personal testimonies of non-Hindus are of those who left. Ideally, boys join the RSS as pre-adolescents, for “you can educate young children and inculcate good value systems (samskaar) in them more easily” (Sharda 2018: 94). Shakha members are slotted into four age groups: 6 to 10 years, 10 to 14 years, 14 to 28, and 28 or older. They meet daily – morning, early evening, or at night – as per participants’ convenience.7 Held in open, public spaces, mostly within or near residential areas, the sessions are visible to passersby. This embeds the RSS in neighbourhood and community life. Increasing presence in fields, parks and spaces attached to state educational institutes further normalises it. For Golwalkar,8 the daily shakha was akin to meditation and ensured habit, conviction and loyalty (Kanungo 2002). It was and remains the central ‘character-forming’ pedagogical process. Starting and concluding a shakha session, members stand in age-ordered lines saluting the bhagwa dhwaja (saffron flag)– it is the Sangh’s Guru. The Sangh prayer speaks of bowing to the holy Motherland of Hindus and to God; it asks that volunteer-swayamsevaks be resolute and heroic to protect their faith and achieve victory of their organised power 6 Individual citations are given only where there are differences or particularities. 7 Along with weekly, monthly and e-shakhas for diaspora members, this is a new flexibility, partly to deal with membership attrition (Andersen/Damle 1987: 87). 8 Golwalkar, the head of the RSS after the founder Hegdewar, is known as Guruji or respected teacher. 148 to make the Hindu nation prosperous. The activities are designed to create community as in the celebration of selected Hindu and RSS constructed festivals. Rituals, games and physical exercise provide fun and laughter, and encourage bonding and cooperation and build courage. Past and current members speak of the attraction of the activities for boys, especially for those from ‘chaotic’ homes and poor neighbourhoods, where open space, physical education trainers and any equipment were absent or inaccessible. Training through “a series of performances of regulated violence,” (Valiani 2011: 142) reference purported ancient Hindu traditions and histories of brave Hindu warriors and rulers. The physical drills are basic and militaristic – wielding bamboo or wooden sticks (lathi), tridents and swords. According to an ex-member, Sanjeev Kelkar, sympathetic to what he says are the original RSS teachings, “Militarism was synonymous with discipline, splendour and power, not fascism” (2011: 11). Even with better or improved infrastructure, the regularity and ‘discipline’, the ideology of ‘character-building’, the community/welfare activities that members may participate in and, increasingly, the important ‘contacts’ that can be made lead parents to send their sons to the shakha (as I heard over the years from family members and university students). Vachani suggests that “the didactic component in the sharirik [physical] programme is subtle with the primary aim of tiring recruits and preparing them to be receptive for the ideological messaging that occurs in the boudhik (intellectual) sessions” (2022: 85). There may be no direct denigration of Muslims, but the games involve role-play with the sub-text of defeating the other – the Muslim enemy – with proper strategy and inner strength (Vachani 2022: 84– 86). Stories of Hindu and other Indic heroes, who fought or escaped ‘cruel’, ‘oppressive’ Muslim rulers and were victorious despite betrayals by Muslims build an anti-Muslim worldview. In the discourses and songs, recitation of the names of Hindu-Indian heroes, Vedic sages and contemporary scientists, non-Muslim and non-Christian freedom fighters, places of pilgrimages and rivers and mountains call into being an eternal Hindu nation. A few ‘great’ women are named, claiming that Hinduism always “respected” women (see later). Swayamsevaks learn RSS principals, morals and its history of India as a Hindu nation – an idealised past, where myth, epic and fact coalesce. Only those corrupted by western ideologies can deny this past (Basu et al. 1993). Hindu disunity and lack of courage in facing Muslim oppressors, and the need for the organised Hindu unity of the RSS to change their plight, weave through the discourse. “The RSS appeal is the basic simplicity of its ideological message, preached in a style that deliberately avoids complexities and debates, and inculcated simultaneously via a whole battery of rituals and symbols. No major intellectual effort, or mastering of difficult texts, is required” (Basu et al. 1993: 36). Sharda, too, emphasises this: “The very process of induction is so simple and fun [sic] that before one realises, he is adopted into the saffron brotherhood. The intellectual inputs come much later and they are 149 not anywhere near heavy stuff like Dialectic Materialism ... Since these inputs are based on Hindu ethos and ancient traditions, understanding and appreciating them is much easier. They strike a chord immediately in one’s heart. I don’t know of many people who joined RSS as active volunteers after being convinced about its philosophy and ideology” (Sharda 2018: 95). Though proud of the intellectual lessons, he says that the regular swayamsevak can find it repetitive, but that they have become more varied (Sharda 2018: 100). Andersen and Damle (1987) had noted the high attrition among members,9 but also an ability to sustain high levels of commitment. Loyalty is central to the pedagogy. Those who remain, and even some who leave, note the intensity of the male bonds formed through shakha activities, informal interaction and personalised care in any difficulty. Some say that the warmth and friendship rather than the substance of the world view ensure loyalty, even of those long inactive. Kanungo (2002) says a common vocabulary is formed that enhances a sense of community and brotherhood. The uniform of white shirts and brown trousers is part of this.10 This is furthered by the broadly homogeneous class and caste compositions of locality-based branches, congruent with urban neighbourhoods. The internal homogeneity has another critical element. Radically different experiences or other points of view are not heard – on history, Hinduism, religious and political conflict or gender. The ‘discussion’ is one-way, led by the pracharak or ‘teacher’ of the day. Questions are preferably kept to informal, one-to-one interactions and should not contest the teacher. This is not dissimilar from local schools. Following relocation, a swayamsevak is provided support and warned against interaction with ‘dangerous’, anti-Hindu elements (Megwanshi 2020). Discipline is paramount in the pedagogy of building character, Hindu unity and strength to fight the Others. Yet, according to Valiani (2011), the punishment for indiscipline is gentler than that seen in local schools and seems unnecessary. Possibly, the incorrigibly defiant are gently ejected or ostracised (Vachani 2022); Sharda denies the last and ‘rebellious’ Meghwanshi and Kelkar left on their own volition. Three dimensions of discipline, of the microphysics of power, are relevant here. The first is the subtle governmentality of a systematised branch of knowledge (Foucault 1997). In the RSS, systematisation of Hindu faith is without a coherent and singular Hindu theology, allowing for opportune accretions in rituals, symbols and myths to reach across sects. Shifts in the Sangh encouraged forms of worship, seen dramatically in the Ramjanmabhoomi campaign 9 For diverse reasons, including family and livelihood demands on time, loss of interest, unmet or new aspirations, interpersonal conflict, migration, ideological distancing and discrimination due to caste or religion. Some leave because they find the Parivar’s Hindutva is not militant enough (Purohit 2023). 10 A shift from loose shorts to trousers is recent. 150 (discussed later), reaffirm the central core of a Hindu-India nation-state to be achieved through the organised assertion of manly Hindu strength, aggression and dedication (Banerjee 2005: 87). The same is true of changes in its espousal of electoral politics and groups organised. Two further meanings of discipline are necessary and explicit: obedience to Sangh authority without questioning and discipline through practice. Swayamsevaks must accept the directions and authority of the pracharaks and sanghchalaks in the strategies and ways to achieve Hindu Rashtra, on who their enemies are and the idea of the true Hindu man ready for ‘self-avenging’ and ‘defensive’ violence. Observing lathi practice by individuals outside a shakha session, Valiani (2011) found improvisation and innovation. It must be said, however, that this was not in the Sangh’s moral, social and ideological tenents, but within the discipline and search for “physical and moral self-mastery”. Valiani argues that “somatic and moral processes of daily physical culture were intertwined, processes through which militant subjects have been formed and routines of violence are sustained as a social and ‘ethical’ practice” (165). In the embodied morality of the RSS person, they could deny that their ‘macabre acts of violence’ in 2002 Gujarat (supported in government statements) were merely an expression of ethnic hatred. Their ‘performances’ were, according to the activists, without conscious thought; this seemed to enable them to live with their actions, even to forget them, a forgetting noted also by Ghassem-Fachandi (2012). Even if condemned, the collective acts of violence produced collective and effervescent claims of putting training into righteous practice. 3 The new ideal Hindu man Silence, symbol and ambiguity are important in the pedagogical style and the understanding learnt through the prayers, stories, histories and games cannot be interrogated through the internal frame. Interpretive authority is with the ‘teachers’. Some aspects are constant: a good Hindu man contrasts with the inherently hateful, lustful and violent Muslim man. The ideal Hindu man and woman are dichotomous in biology and ensuing ways of being. Men and the ideal Hindu women – domestic, virtuous and maternal – have distinct roles in making the Hindu nation. Hindu men, especially santandharmis, must fulfil the duties of varnaashramdharma – the conjoined caste-family system, in which men move through life stages of celibate student, householder and ascetic retirement. Banerjee (2005) elaborates an ideal man in Hindu nationalism that is somewhat in conflict with the last – the male Hindu soldier (Kshatriya caste) and the warrior-monk, who leave home and society for the greater cause of the nation. The whole-timer swayamsevak is its embodiment–the celibate male 151 warrior, the controlled and restrained volunteer for the nation. The non-domestic but chaste female warrior is also invoked, strategically. Views on caste and class are equivocal. Social divisions weaken the unity and strength of the Hindu nation, but class and caste give a division of labour that is functional, as do gender divisions. Caste endogamy, i.e. the practice of marrying within one’s own caste, is valorised, but ‘Untouchability’11 is abjured (at least in rhetoric). A new recruit is not asked about his caste (Sharda 2018), though caste identity cannot be hidden in a neighbourhood group. Dalits who left the RSS in anguish over caste discrimination did not speak of experiencing it in the local, daily shakha (Meghwanshi 2020). Its sociality and games that involve touch help in this. A concerted outreach to non-upper castes and co-opting their local deities and heroes as true defenders of the faith have brought them into the Sangh and the BJP (Narayan 2006). They have been promoted in the last, but denied leadership in the Sangh itself (Meghwanshi ibid.). A Brahmanical upper caste ethos and ways of being persist in defining the advocated practices of the organisation. Hindu cohesion is promoted through sanskritisation, where ‘lower’ castes and classes adopt the rituals and practises of higher Hindu castes, and by encouraging adherence to ‘sanatani’ (traditional, orthodox) Hindu ways. The ‘work’ of Seva Bharati and Vidya Bharati Samskara Kendras (Civilising Centres) is to „impart good values to children who don’t get a chance to have such an education”, because they live in slums (Sharda 2018: 188–189). For Sharda (2018), a sense of equality and self-respect is promoted by conducting mass devi pooja (goddess worship) of girls from slums and inviting children from an orphanage for Diwali (important Hindu festival) dinner at home. Others could describe such initiatives as patronising charity that reiterates the superiority of the benefactor. Shifting representations of sacred figures and gods, over time and between Parivar affiliates, capture the gender and emotional directions. In its first decades, there were no images of gods in a shakha, other than the paramount saffron flag and, at the most, a poster of Goddess Durga as Mother India forming the background of a map of Akhand Bharat. This changed with the Ramjanmabhoomi campaign to build a temple to the god Ram, which the VHP led. One move in the RSS was from Ram as Maryada Purushottam or ideal man to God. A second was God Ram transformed “from a tranquil, tender and serene god to an angry, punishing one, armed with several weapons” come to save his infant self, replacing “the almost androgynous, unmuscled and somewhat disengaged body” (Kapur 1993: 75, 103). He appears without earlier companions – his consort, the goddess Sita, and their devotee, the god Hanuman. In portrayals of the latter, he, too, is no longer depicted as gentle and worshipful, but as an angry and ferocious warrior. The earlier greeting of a simple recital of Ram’s name or Siyaram, which evoked the tender and androgynous unity of 11 The social group with the lowest status in hierarchical Hindu society are the Dalits. They are called and meant to be ,untouchable‘ and ,casteless‘. 254 Kuhar, Roman/Paternotte, David (2017): Anti-Gender Campaigns in Europe: Mobilizing against Equality. Illustrated Edition. London, New York: Rowman & Littlefield Publishers. Lembke, Ulrike (2023): Verfassungswidrige Sprachverbote. In: Verfassungsblog. https://doi.org/10.17176/20231124-213811-0 [Zugriff: 28.03.2025]. Lenz, Ilse (2013): Geschlechterkonflikte um die Geschlechterordnung im Übergang. Zum neuen Antifeminismus. In: Appelt, Erna/Aulenbacher, Brigitte/Wetterer, Angelika (Hrsg.): Gesellschaft. Feministische Krisendiagnosen. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 204–226. Ludwig, Gundula (2016): Das „liberale Trennungsdispositiv“ als staatstragendes Konstrukt. Eine queer-feministische hegemonietheoretische Perspektive auf Öffentlichkeit und Privatheit. In: Politische Vierteljahresschrift 57, 2, S. 193–216. https://www.jstor.org/stable/24877848. 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Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der Musikkultur und -praxis von türkeistämmigen Arbeitsmigrant*innen, die in den 1960er und 1970er Jahren als sog. ,Gastarbeiter*innen‘ nach Deutschland gekommen sind und montiert dafür Archivmaterialien aus den 1960er bis 2000er Jahren mit aktuell geführten Interviews mit den Musikstars der Szene, begleitet von zahlreichen Musikeinlagen. Darüber hinaus wirft der Film einen gegenwärtigen Blick auf die vielfältige (über die türkeibezogene Migration hinausgehende) Musikkultur der Migrationsgesellschaft Deutschland heute.1 Unsere leitende These ist, dass Filme, die die migrationsgesellschaftliche Realität thematisieren und alle Subjekte der Migrationsgesellschaft adressieren – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise – notwendigerweise für Irritationsund Störungsmomente sorgen, die auch als Blickwechsel verstanden werden können (vgl. Rodonò 2022; Lell/Zahn 2024: 130). Was passiert, wenn Filme, die Blickwechsel produzieren, im öffentlichen Raum gezeigt werden, 1 In der Rezeption in Deutschland wurde der Film begeistert aufgenommen und durch zahlreiche Preise geehrt (Grimme Preis 2024, Prädikat besonders wertvoll der deutschen Filmund Medienbewertung, Panorama Publikumspreis der Berlinale 2022, u.v.m.) Gleichzeitig sind uns konservative bis rechte Stimmen im Diskurs aufgefallen, die dem Film gegenüber negativ eingestellt sind und ihn als Anlass nehmen, um von „Ressentiments gegen Deutsche“ zu sprechen (vgl. Filmhaus Köln 2023a). 260 der gleichzeitig auch immer von affektiven antifeministischen, rechten Politiken geprägt ist? Wie lässt sich eine affektiv aufgeladene Abwehrhaltung der Zuschauer*innen vor dem Hintergrund migrationsgesellschaftlicher Perspektiven betrachten? Wir orientieren uns an Theorien ästhetischer Bildung, welche Bildung nicht als Wissensoder Kompetenzvermittlung verstehen, sondern das sinnlich-verkörperte Erfahren von Filmen, ihre Medialität und Materialität, ihre Beziehungsweisen als Bildungsprozesse analysieren (vgl. Zahn 2012). In diesem Sinne sind ästhetische Bildungsprozesse mit Film an seine Aufführung gebunden, fragil und ephemer. Film als ein körperlich-leibliches Ereignis entzieht sich einer reibungslosen sprachlichen Aneignung sowie einem kognitiven ‚Verstehen‘, sondern bringt uns als Zuschauende an Grenzen des Benennund Verstehbaren. Anknüpfend daran fragen wir: Wie schafft es Aşk, Mark ve Ölüm, voreilige, identifizierende Lesarten sowie Abwehrreaktionen angesichts mehrdeutiger affektiv-ästhetischer Filmerfahrungen aufzuschieben und so vielleicht Bildungsprozesse zu initiieren? Im Folgenden werden wir zunächst unser Verständnis von Antifeminismus, Rassismus und Diskursen zur Migration darlegen (1). In einem zweiten Schritt stellen wir die Denkfiguren des Blickwechsels und der situierten Spurenlese im Kontext diskriminierungskritischer Filmbildung vor (2), um dann – ausgehend von unserem Filmbeispiel und einer ausgewählten Vermittlungssituation – bildungstheoretische Implikationen für diskriminierungskritische Filmbildung in der Migrationsgesellschaft zu skizzieren (3). 2 Antifeminismus – Rassismus – Migration Antifeministische Diskurse und Überzeugungen sind grundlegender Bestandteil rechter Ideologien, beschränken sich jedoch nicht ausschließlich auf die (extreme) Rechte, sondern erfahren zunehmend Resonanzen in der Breite der Gesellschaft (vgl. Lang/Peters 2018). Die Ergebnisse der Leipziger Autoritarismusstudie von 2022 zeigen, dass antifeministische Einstellungen in Deutschland zugenommen haben und „[...] bis zu einem Viertel der Deutschen antifeministischen und sexistischen Aussagen [...]“ (Kalkstein et al. 2022: 253) zustimmt. Antifeministische Narrative wirken nach Meiering et al. (2018) als „Brückennarrativ“ und ermöglichen aufgrund ihrer diskursiven Flexibilität, Bündnisse mit unterschiedlichsten antidemokratischen Akteur*innen. Nicht nur werden antifeministische Mobilisierungen zunehmend mit rassistischen Denkfiguren verknüpft, wie Bergold-Caldwell und Grubner herausstellen (2020: 149), auch kann das antifeministische Denken in starker Korrelation zu dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit gestellt werden (vgl. Kalkstein et al. 2022: 248ff.). Mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit wird 261 „jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis [bezeichnet] [...], welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll)“ (Connell 2015: 130). Es beschreibt also „[…] jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt“ (ebd.).2 Für unsere Auseinandersetzung wollen wir das Konzept der weißen hegemonialen Männlichkeit in Bezug auf die Chiffre der Migration aufgreifen, denn es gibt eine enge Verknüpfung von Migrationsund Geschlechterdiskursen, die unter anderem rassistische und antifeministische Strukturen aufweisen (vgl. Bergold-Caldwell/Grubner 2020). Migration wird von Foroutan (2018) als Chiffre für verschiedene, aber miteinander verbundene Kämpfe für die vielfältige Demokratie bezeichnet, in denen auch Geschlechter-, Sexualitäts-, und Begehrensfragen artikuliert werden (vgl.: 18). Bezogen auf Geschlechterdiskurse zeigt sich unserer Auffassung nach, dass nicht-weiße Männlichkeiten als ,gefährliche‘ Männlichkeiten ins ,Außen‘ verschoben und zum Migrationsanderen gemacht werden (vgl. Scheibelhofer 2018). Weiße hegemoniale Männlichkeiten hingegen sind mit der Idee von Nationalstaatlichkeit verknüpft und verweigern es – auf der Suche nach ,Reinheit‘ und Eindeutigkeit – Prozesse der kulturellen Hybridisierung anzuerkennen, die durch die Migrationsbewegungen schon immer Teil der Aushandlung um Nationalstaaten waren (vgl. Mecheril/Messerschmidt 2016: 149f.; zum Begriff „kultureller Hybridisierung“ vgl. Mecheril 2023). Obwohl es Migration „zu allen historischen Zeiten und fast überall gegeben“ hat (Mecheril 2016: 9), werden Migrationsphänomene in gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Diskursen selten als Normalfall, sondern vielmehr als krisenhafte Ausnahmeerscheinung betrachtet (vgl. Aksakal/Wolfesberger 2023).3 Castro Varela (2015) beschreibt in Bezug auf die BRD die 2 Nach Connell (2015) entstand die hegemoniale Männlichkeit als dominantes Muster männlicher Identität im Verlauf der Entstehung moderner Gesellschaften nach der feudalen Ära. Sie ist eng verbunden mit dem Konzept des bürgerlichen Individuums, das cis-männlich und weiß konnotiert ist. Obwohl das Konzept der hegemonialen Männlichkeit im Zuge eines globalisierten Finanzkapitalismus stärker flexibilisiert und dynamisiert wird und nicht zwangsläufig an Weißsein und Cis-Männlichkeit geknüpft sein muss (vgl. Connell 2005: 72), „[…] verändert sich nichts Grundlegendes an dem kulturellen Ideal hegemonialer weißer Männlichkeit, das Weiblichkeit und marginalisierte Männlichkeit unterordnet“ (Bereswill/Neuber 2013: 104). In diesem Zusammenhang verweist Connell darauf, dass jede Gesellschaft eine dominante Form von Männlichkeit aufweist, die als Referenzrahmen für Weiblichkeit sowie andere Ausformungen von Männlichkeiten fungiert. Hegemoniale Männlichkeit gründet auf einer Doppelstruktur, aus der heraus homosoziale Strukturen unter Männlichkeiten sowie heterosoziale Strukturen zwischen Männlichkeiten und Weiblichkeiten heraus definiert werden. 3 Ein Rückblick auf die politische Affirmation Deutschlands zur eigenen Migrationsgeschichte zeigt, dass diese erst sehr spät eingetreten ist, da bis in die späten 1990er Jahre vehement abgestritten wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Auch wenn die Migrationsgeschichte Deutschlands nicht erst mit den Anwerbeabkommen der sogenannten Gast- 262 „Leugnung der Einwanderungsrealität als wirkmächtige Lebenslüge“ (657), die zur Problemkonstruktion der Migrationsdiskurse beigetragen hat und auch bis heute in transformierter Weise anhält. Diese Diskurse haben auch einen Einfluss auf vergeschlechtlichte natio-ethno-kulturelle Identitätsbildungsprozesse, die zwischen Wir und Nicht-Wir trennen und im Rahmen hegemonialer Männlichkeit affektiv und emotional aufgeladen und wirkmächtig sind. Aus der Perspektive einer diskriminierungskritischen, ästhetischen Filmbildung, interessiert es uns insbesondere, die Affekte und Emotionen zu untersuchen, die in diesem Kontext eine Rolle spielen. In mehreren Studien wurde die Bedeutung von Emotionen und Affekten für rassismuskritische Bildungsprozesse betont und wir denken, dass dies auch und besonders in der ästhetischen Bildung eine Rolle spielen sollte (vgl. Bönkost 2017; Adusei-Poku 2018). Aus einer affekttheoretischen Perspektive können rassistische und weiß cis-männlich hegemoniale Strukturen als affektiv und emotional aufgeladen beschrieben werden (zu Rassismus und Affekt vgl. İnan (2023)). Vor dem Hintergrund männlich konnotierter Geschlechtsanforderungen, werden bestimmte Gefühle delegitimiert (Verletzlichkeit, Schwäche, Trauer, Unsicherheit, u.a.), bzw. müssen überwunden werden, andere wiederum werden erlaubt, gar privilegiert und bestärkt (Wut, Aggression, Hass, u.a.) (vgl. Strick 2021: 65; Stuve/Debus 2012: 50f.). Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationsdynamiken in Richtung Gleichstellung und Antidiskriminierung werden affektiv aufgeladene Ängste, Unsicherheiten und Vorstellungen von Rollenverlusten von weißen cis-männlichen Menschen von antifeministischen und neuen rechten Gruppierungen aufgefangen (vgl. Strick 2021: 444f.). In der Forschung wird betont, dass rechter Populismus insbesondere auf eine affektive Politisierung setzt, um bestehende, aber gemäßigte heterosexistische und rassistische Einstellungen durch die Mobilisierung von Affekten zu radikalisieren (vgl. Kalkstein et al. 2022; Sauer 2020). Dabei spielen Gefühle, wie ,Liebe zur Heimat‘, Angst vor ,Fremdheit‘, etc. eine Rolle, die mit affektiven Konstruktionen von Zugehörigkeiten einhergehen (vgl. Mecheril/Messerschmidt 2016; vgl. Werner 2020: 105f.). In diesem Zusammenhang werden Migrationsbewegungen als gesellschaftliches Problem, als etwas ,Fremdes‘ oder ,Bedrohliches‘ stigmatisiert (vgl. Aksakal/Wolfesberger 2023). Rassifizierte und migrantisierte Männlichkeiten werden zur Projektionsfläche für ,importierten Sexismus‘, weiße Cis-Männlichkeiten werden als Retter rassifizierter/migrantisierter Frauen vor rassifizierten/migrantisierten Männern stilisiert (vgl. Dietze 2019; Hark/Villa 2017: 19f.). Für diese affektiv aufgeladenen (Migrations-)politiken sind arbeitergenerationen in den 1950er und 1960er Jahren einsetzte, so hatten diese Ereignisse nachträglich einen starken Impetus auf die nationalrechtliche Entwicklung. 263 insbesondere die spezifischen Wahrnehmungsweisen von (audio-)visuellem Material u.a. in Sozialen Medien relevant.4 3 Filmbildung – Blickwechsel – Situierte Spurenlese Uns interessiert es vor diesem Hintergrund, Formate der Filmbildung in (selbstorganisierten) Kinoräumen zu untersuchen und darüber nachzudenken, wie diese Widerstand und Transformation ermöglichen können.5 Mit Rodonò (2022) gehen wir davon aus, dass „Film und das Kino Imaginationsund Verhandlungsräume sind, die das Politische und das Soziale nicht bloß abbilden oder bestätigen. Film hat das Potential, die Architekturen eben dieses Politischen und Sozialen zu befragen und alternative gesellschaftliche Entwürfe denkbar und spürbar zu machen“ (2). Das Nachdenken über Filme im Kontext der Filmbildung geht also nie nur von ,dem‘ Film als solchem, sondern auch immer von dessen spezifischen Aufführungssituationen aus. Filmvermittlungsräume können Begegnungsweisen zwischen Menschen und Filmen schaffen und so differente Subjektivierungsweisen und möglicherweise auch (Film-)bildungsprozesse anregen. Diese spezifischen Begegnungsweisen verstehen wir als Möglichkeitsräume, die dazu führen können, dass in Gesprächen ein ,Dazwischen‘ entsteht, welches funktionalistische und binäre Positionierungslogiken verlangsamt, ein Zuhören und Sprechen ermöglicht, dass immer wieder emphatisch wird und Offenund Unabgeschlossenheiten stehen lassen kann. In Anlehnung an den transformatorischen Bildungsbegriff gehen wir davon aus, dass Filmbildungsprozesse es Subjekten ermöglichen können, ihre Denkund Wahrnehmungsgewohnheiten zu transformieren und anders*6 zu werden (vgl. Zahn 2012; Koller 2023). Filmbildung ist also keinesfalls nur als die Aneignung eines Wissens über Filme zu verstehen: Dokumentarfilme können durchaus ein spezifisches Kontextwissen über (historische) Gegebenheiten, wie die türkeibezogene Arbeitsmigration nach Deutschland und die Musikkultur oder auch zeichenbasiertes 4 Die Vernetzung der neuen Rechten basiert auf den Möglichkeiten der Vernetzung durch Soziale Medien und auf Videoplattformen und findet somit insbesondere im Feld des (Audio-)Visuellen statt, bspw. in Vlogs, Reels, Memes (vgl. Bogerts/Fielitz 2019). Wie rechte, antifeministische Affektpolitiken in Soziale Medien funktionieren, untersucht bspw. Heider (2022) entlang von einzelnen Videos von Influencern der Identitären Bewegung oder siehe dazu auch die Ausstellung Alt-Right Komplex im Hartware Medien Kunstverein (Arns/HMKV 2019). 5 Obwohl wir diesen Aspekt nicht in unserem Text diskutieren können, möchten wir an dieser Stelle darauf hinweisen, dass in einer Kultur der Digitalität (Stalder 2016) auch Kinoräume immer schon von Diskursen und Praktiken der Digitalität – und somit auch von postdigitalen Kulturen der extremen Rechten durchdrungen sind. 6 Zur Schreibweise von „anders*“ vergleiche Boger (2020). 270 ‚Wissens über‘, bei der das zu-erkennende Objekt (die Geschichte) klar vom erkennenden Subjekt getrennt ist, vielmehr scheint die Vergangenheit durch die Gegenwart, durch die sie wahrgenommen wird, geprägt und ist in dieser verschachtelt. Den Blickwechsel untersuchen wir nicht nur in einer Analyse des Films selbst, sondern entlang von zwei Filmvermittlungssituationen: ein Filmscreening der Filmreihe Spätsommerkino (organisiert vom Filmhaus Köln) in der Kinderund Jugendeinrichtung Offene Tür Die Villa in Chorweiler/Volkhoven, sowie ein Filmscreening im Rahmen des Seminars Reality Bites – Dokumentarfilme im Gespräch (in Kooperation mit der Universität zu Köln, dem Filmhaus Köln und der dfi–Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW). In beiden Filmscreenings konnten wir eine affektive Resonanz der im Film angelegten Blickwechsel in den jeweiligen Filmaufführungssituationen beobachten: Die körperliche Affizierung war spürbar und zeigte sich besonders in den Nachgesprächen, die von vielen Wortmeldungen, Tränen und Lachen begleitet wurden. Menschen, die rassistische Diskriminierungen erfahren, reagierten häufig aufgeregt, berührt, begeistert. Neben den identifikatorischen Momenten, konnten wir auch Widerstand, Wut, Schuld und andere Gefühle beobachten, die wir den beschriebenen Blickwechseln zuschreiben und die uns bereits aus der rassismuskritischen Arbeit an Weißsein bekannt sind (vgl. Bönkost 2017; Linnemann 2023). Wir wollen unsere Erfahrungen des Filmscreenings von Aşk, Mark ve Ölüm, welches im Rahmen der Filmreihe Spätsommerkino, die im September 2023 in Chorweiler/Volkhoven in Köln stattgefunden hat in diesem Text hervorheben. Das Spätsommerkino war als ein Filmbildungsangebot konzipiertes, partizipatives Projekt zwischen dem Filmhaus Köln und anderen Akteuren der Stadt angelegt und hatte das Ziel, ein von Jugendlichen des Stadtteils kuratiertes Filmprogramm zu zeigen. Das Filmprogramm fand auf einer öffentlichen Fläche – einem Park –, die vom ansässigen Bürger*innenverein verwaltet wurde, statt und konnte von allen Anwohner*innen und Gästen besucht werden. Ohne die Rezeption und Diskussion des Films in den Filmveranstaltungen in einer Dichte darstellen zu können, möchten wir uns vor dem Hintergrund des Konzepts der affektiv aufgeladenen, hegemonialen Männlichkeit besonders auf das Nachgespräch, welches im Anschluss an eines der Filmscreenings stattgefunden hat, konzentrieren. Das Filmscreening war Teil der Veranstaltung (Re-)Claim?! – Aktionstag für Vielfalt im Kölner Norden und fand in einem Wohnzimmer in der Villa statt, welches so gut gefüllt war, dass Menschen auf dem Boden sitzen oder stehen mussten. Der Hintergrund des Aktionstags war ein vorzeitiger Abbruch der Kooperation nach dem ersten Filmscreening (Aşk, Mark ve Ölüm) seitens des Bürger*innenvereins, womit zwei weitere Filmscreenings nicht mehr stattfinden konnten. Die Begründung seitens des Bürger*innenvereins war, dass der Film „Ressentiments gegen Deutsche“ schüre und es Hinweise auf 271 „gewaltbereite Gegner*innen des Filmprogramms“ gebe. Darüber hinaus wurde dem Filmhaus rückgemeldet, dass es Anzeigen durch Bürger*innen bei der Polizei gegeben hätte. Recherchen und Rückfragen zeigten, dass keine solche Meldungen bei der Polizei eingangen waren und es darüber hinaus auch keine anderen Hinweise auf Gewalt o.Ä. gab (vgl. Filmhaus Köln 2023a). Die weiteren Filmscreenings mussten in der Folge aus dem öffentlichen Raum in die Räumlichkeiten der Villa verlegt werden. Die Solidaritätsveranstaltung (Re-)Claim?! – Aktionstag für Vielfalt im Kölner Norden) fand einige Zeit später statt, bei der der Film Aşk Mark ve Ölüm erneut gezeigt wurde und die außerdem von einem Publikumsgespräch und einer anschließenden Podiumsdiskussion sowie weiteren unterschiedlichen Programmpunkten zivilgesellschaftlicher Akteur*innen gerahmt war (vgl. Filmhaus Köln 2023b). Die Aushandlung wurde auch durch Posts auf Facebook und in anderen Sozialen Medien kommentiert. Vor dem Hintergrund der Vorkommnisse herrschte eine engagierte, aufmerksame und solidarische Stimmung (vgl. Filmhaus Köln 2023b). Menschen waren gekommen, nicht nur um den Film zu schauen, sondern weil sie mit dem Vorgehen des Bürger*innenvereins nicht einverstanden waren und ein Zeichen setzen wollten. Im Raum entstand während des Filmscreenings zumindest bei uns ein Gefühl von Zugehörigkeit und des gemeinsamen Wunsches einer ,Aufarbeitung‘ der Ereignisse. Eine der ersten Aussagen nach dem Filmscreening wurde von einem interessiert wirkenden, ca. 70-Jährigen weiß und deutsch zu positionierenden Mann geäußert: Er drückte zunächst seine Sympathien für den Film aus, machte aber deutlich, dass er mit der Darstellung der Ereignisse im Film nicht einverstanden war; entschieden wies er eine schlechte Behandlung der ,Gastarbeiter*innen‘ durch die ehemalige Regierung und Zivilgesellschaft zurück. Die darauffolgenden Äußerungen anderer Zuschauender versuchten, die Aussage zu relativieren, indem sie auf die Begrenzungen der filmischen Form referierten: ein Dokumentarfilm könnte nun mal immer nur einige Perspektiven erzählen. Deutlich wurde, dass dieses Gegenargument aber nicht den Kern der Anklage traf, denn es wurde weiter diskutiert, warum der Film denn so ,einseitig‘ erzähle und warum die ,anderen‘, ,integrierten‘ Perspektiven ausgelassen wurden.11 Dass die ,Normalität‘ einer ,ausgewogenen‘ oder ,objektiven‘ Berichterstattung in der ersten Aussage bereits mit einem weißen Blick gleichgesetzt wurde, blieb nur am Rande thematisiert. In der darauf folgenden Diskussion entspannen sich immer wieder Argumentationsstrukturen, die wir kennen, wenn es um Rassismus und die weiße Zurückweisung/Ignoranz von rassistischen Strukturen geht: nicht nur sehen sich weiße Menschen, die mit der Idee von strukturellem Rassismus konfrontiert werden, 11 Vor dem Hintergrund eines „Intergrationsdispositivs“ (Bojadžijev 2018) verweist die Aussage auf Herrschaftsund Disziplinierungsverhältnisse. Integration wird verstanden als eine Bringschuld von Migrationsanderen, die eine Selbstunterwerfung unter die Mechanismen eines natio-ethno-kulturell codierten ,Wirs‘ einfordert (vgl. Mecheril 2018: 322). 272 als Opfer, da zu Unrecht beschuldigt, vielmehr bringen sie rassifizierte Menschen in die Rolle, in der sie auf Basis ,persönlicher‘ Evidenzerfahrungen beweisen müssen, dass es Ausländerfeindlichkeit und Rassismus gibt. So gab es subjektive, emotional aufgeladene Äußerungen, warum es so wichtig ist, diese Perspektiven zu zeigen, warum sie mit Erfahrungswelten von Zuschauenden resonieren und Identifikationspotentiale bieten. Bemerkenswert war es, dass das Gespräch weitergesucht wurde und durchaus auch ein Begegnungsraum entstand, in Momenten in denen Wut und Freude über den Film versprachlicht werden konnten, ohne dass respektloses oder offen rassistisches Verhalten dominiert hätte. Die in den Blickwechseln vollzogenen audiovisuellen Umkehrungen von Machtverhältnissen innerhalb von unhinterfragbar geglaubten Wissensbeständen sorgten für Irritation und führten zu Widerständen. Denn dass das migrantisch situierte Wissen (vgl. Güleç/Schaffer 2017) des Films (und auch der Zuschauer*innen in der Villa) weniger wahr zu sein scheint, hängt nicht mit der zwangsläufigen Auswahl und Begrenzung des Formats des Dokumentarfilms zusammen, sondern mit der Normalisierung und auf Basis eines gesetzten und kollektiv eingeübten weißen Blicks, der bestimmte Sprecher*innen, bestimmte Blickweisen fraglos als ,normal‘ und ,objektiv‘ konnotiert, andere dagegen als ,fehlerhaft‘ oder ,unvollständig‘ markiert. 5 Fazit Durch die Analyse der Filmvermittlungssituation wurde deutlich, dass Aşk, Mark ve Ölüm nicht ,nur‘ Rassismus adressiert, sondern auch einen Blick-zurück auf eine weiße, westdeutsche Männlichkeit – heute und in der BRD der 1960–1970er Jahre – wirft, der aufwühlen kann, weil er die verfestigten und affektiv aufgeladenen Selbstbilder einer ,starken‘ Männlichkeit befragbar macht – und somit bestehenden machtvollen Positionen von (nicht-)rassifizierten, migrantisierten, vergeschlechtlichten Subjekten ins Wanken bringen kann. In Anknüpfung an migrationsspezifische Diskurse in Deutschland spielt hier auch ein Blickwechsel auf das sog. ,Wirtschaftswunder‘ in Nachkriegsdeutschland eine Rolle: Dies, so erzählt es auch der Film, ist zum großen Teil durch die kapitalistische Ausbeutung von billigen Arbeitskräften u.a. aus der Türkei ermöglicht worden, sodass weiße deutsche Menschen, und vor allem ältere Männer davon profitierten. Dieser Blickwechsel fordert ein weißes, cis-heteronormatives, leistungsbezogenes, national-stolzes Männlichkeitsbild heraus und produziert darin affektiv aufgeladene Reaktionen, wie sich im Nachgespräch gezeigt hat. Obwohl der Film nicht direkt in Bezug auf antifeministische Bildrhetoriken (wie bspw. #TradWife, vgl. Rösch in diesem Band) lesen lässt, erlaubt die hier vorgestellte Analyse der Vermittlungssituation in Verknüpfung von rassistischen und heterosexistischen Perspektiven, eine Kritik 273 am Topos der heterosexuellen, weißen Kernfamilie der Nachkriegs-BRD und an deren Männlichkeitsund Geschlechterverhältnissen zu formulieren. So können Filmvermittlungssituationen Ansatzpunkte für Analysen bieten, entlang derer sich komplexe, intersektional situierte Film-Erfahrungen untersuchen lassen; die Räume eröffnen, in denen im besten Fall komplexe, affektive Aushandlungsprozesse stattfinden können. Der Versuch, die different situierten Blickweisen artikulierbar zu machen, kann solche hybriden Aushandlungsräume entstehen lassen und Möglichkeiten bieten, durch Blickwechsel eigene situierte und rassifizierende Blickweisen zu reflektieren – durch und mit den Filmen sowie im Gespräch mit anderen Teilnehmenden – und sich relational Positionierungen im ,Dazwischen‘ zu erarbeiten (vgl. Lell/Zahn 2025 i.E.). Diese relationalen Positionierungen sind aber nicht als freundliches Nebeneinander zu denken, sondern von Entzogenheit, Verunsicherung und Irritation gekennzeichnet. Sie fordern in ihrem Blick-zurück einen normalisierten weißen Blick heraus und zeigen die Partialität und Situiertheit eines vermeintlich neutralen, weißen, BRD-deutschen und männlichen Blicks auf, wie dies in der Diskussion in der Villa zeitweise gelungen ist. In dem Aushalten eines ,Dazwischens‘ kann sich das manifestieren, was Mecheril als „Migrationsgesellschaften“ beschrieben hat: sich durch Migration beständig konstituierende, gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse (vgl. Foroutan/İkiz 2016: 138), Phänomene wie transnationale Zwischenwelten, Mehrfachzugehörigkeiten und hybride Identitäten, die Vermischung von Sprachen und kulturellen Praxen, aber auch Differenzkonstruktionen, Fremdheitsdiskurse und Formen rassistischer Diskriminierungen (vgl. Mecheril 2016: 12f.). 12 Filme, die einen weißen Blick konfrontieren, Ungewissheiten und Hybridisierungen schaffen, können in Filmvermittlungssituationen Blickwechsel hervorrufen, die relationale gesellschaftlich transformative Bildungsprozesse auszulösen vermögen. Somit bietet im Rahmen einer rassismuskritischen Filmbildung nicht alleine die Erfahrung von Alterität und Fremdheit durch Filme Anlässe für Bildungsprozesse, sondern die spezifische Erfahrung von Blickwechseln in einer dynamischen und relationalen Filmvermittlungssituation. Diese verunmöglicht es, rassistisch konnotierte Vorstellungen ,des Fremden‘ – das Nicht-Wissen als ein Gar-nicht-erst-Wissen-Wollen zu kultivieren, sondern fordert auf, die eigenen Denkund Blickstrukturen in Bewegung zu bringen, sie als Partielle und Situierte wahrzunehmen.13 12 Um solche Situationen herzustellen, braucht es allerdings das ,Commitment‘ einer Gruppe, einen rassismuskritisch geleiteten und moderierten Raum, in dem Menschen die Verantwortung füreinander erkennen und die Begegnung suchen (vgl. auch die strukturellen Dimensionen einer diskriminierungskritischen Filmbildung vgl. Lell/Zahn 2024: 195–222). Die Kulturarbeiter*innen des Filmhauses sowie die Akteur*innen vor Ort haben es unserer Meinung nach geschafft, eine solche Situation bei der Filmveranstaltung herzustellen. 13 Güleç & Schaffer (2017) unterscheiden zwischen der Kultivierung eines Nicht-Wissens als Teil einer ,belohnten‘ weißen Ignoranz, die rassistische Strukturen aufrechterhält, und einem Noch-nicht-Wissen; die Irritationen, die der Film bieten kann, können als Anlässe für ein 274 Filmographie Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod (R: Cem Kaya, 2022, 96 Min.). wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtOTRiZDhmZjMtYT NiOC00MzlmLTlkOTYtZDg1ZWVmYTg2NjBl [Zugriff: 09.05.2025] Mauern – Duvarlar – Walls (R: Can Candan, 2000, 84 Min.) https://www.bpb.de/mediathek/video/305232/duvarlar-mauern-walls/ [Zugriff: 09.05.2025] Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf (R: Edith Schmidt, David Wittenberg, 1974, 49 Min.). Literatur Adusei-Poku, Nana (2018): Alle müssen alles lernen oder: emotionale Arbeit. 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