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Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler mit chronisch somatischen Erkrankungen

Willke, Melanie

Abstract

Sommer, Nicola [Hrsg.]; Müller, Sarah [Hrsg.]; Langnickel, Robert [Hrsg.]: Brücken zur Teilhabe: Wo Krankheit und Schule sich begegnen. Chancen inklusiver Bildung für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen. Bad Heilbrunn : Verlag Julius Klinkhardt 2025, S. 148-156 Pädagogische Teildisziplin: Schulpädagogik; Sonderpädagogik; als elektronischer Volltext verfügbar

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Willke, Melanie Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler mit chronisch somatischen Erkrankungen Sommer, Nicola [Hrsg.]; Müller, Sarah [Hrsg.]; Langnickel, Robert [Hrsg.]: Brücken zur Teilhabe: Wo Krankheit und Schule sich begegnen. Chancen inklusiver Bildung für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen. Bad Heilbrunn : Verlag Julius Klinkhardt 2025, S. 148-156 Quellenangabe/ Reference: Willke, Melanie: Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler mit chronisch somatischen Erkrankungen - In: Sommer, Nicola [Hrsg.]; Müller, Sarah [Hrsg.]; Langnickel, Robert [Hrsg.]: Brücken zur Teilhabe: Wo Krankheit und Schule sich begegnen. Chancen inklusiver Bildung für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen. Bad Heilbrunn : Verlag Julius Klinkhardt 2025, S. 148-156 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-344008 - DOI: 10.25656/01:34400; 10.35468/6197-12 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-344008 https://doi.org/10.25656/01:34400 in Kooperation mit / in cooperation with: http://www.klinkhardt.de Nutzungsbedingungen Terms of use Dieses Dokument steht unter folgender Creative Commons-Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/deed.de - Sie dürfen das Werk bzw. den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen, solange Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen und das Werk bzw. diesen Inhalt nicht bearbeiten, abwandeln oder in anderer Weise verändern. 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Kontakt / Contact: peDOCS DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Informationszentrum (IZ) Bildung E-Mail: [email protected] Internet: www.pedocs.de 148 Melanie Willke Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler mit chronisch somatischen Erkrankungen Abstract Schülerinnen und Schüler mit somatischen chronischen Erkrankungen sind im schulischen Alltag mit vielfältigen Barrieren konfrontiert, die ihre Teilhabe und Bildungschancen beeinträchtigen . Der Beitrag geht der Frage nach, wie Assistive Technologien (AT) gezielt eingesetzt werden können, um diese Barrieren zu verringern . Ziel ist es, verschiedene Kategorien und Einsatzbereiche von AT systematisch darzustellen und ihr Potenzial für schulische Inklusion aufzuzeigen . Anhand zweier Fallbeispiele wird veranschaulicht, wie digitale Hilfsmittel wie Telepräsenz-Avatare oder Augensteuerung individuelle Lösungen für Teilhabeprobleme bieten können . Der Beitrag unterstreicht die Bedeutung multiprofessioneller Zusammenarbeit, individueller Anpassung und kontinuierlicher Evaluation . Er versteht sich als praxisorientierter Impuls zur Förderung inklusiver Bildung durch technologische Innovation . Keywords: Assistive Technologien; Chronisch somatische Erkrankungen; Schulische Teilhabe; Inklusive Bildung; Multiprofessionelle Kooperation Schülerinnen und Schüler mit somatischen chronischen Erkrankungen Schülerinnen und Schüler mit somatischen chronischen Erkrankungen stehen im schulischen Alltag vor besonderen Herausforderungen . Neben den krankheitsbedingten körperlichen Einschränkungen beeinflussen auch kognitive, psychische und soziale Faktoren ihre Bildungschancen erheblich . Häufig müssen diese Schülerinnen und Schüler regelmäßig Ärzt:innen aufsuchen, Medikamente mit potenziellen Nebenwirkungen einnehmen oder sind zeitweise vollständig vom Präsenzunterricht ausgeschlossen . All diese Faktoren können dazu führen, dass sie Inhalte nicht in gleichem Maße erfassen oder erarbeiten können wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler . Assistive Technologien (AT) doi .org/10 .35468/6197-12 149 Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler bieten vielfältige Lösungen, um diesen Schülerinnen und Schülern bestmögliche Unterstützung zu bieten und ihnen den Zugang zu Bildung zu erleichtern . Sie ermöglichen eine individuelle Anpassung des schulischen Alltags und schaffen Bedingungen, unter denen auch chronisch erkrankte Schülerinnen und Schüler aktiv und selbstbestimmt am Unterricht partizipieren können . Was sind Assistive Technologien? Assistive Technologien sind spezielle Hilfsmittel, digitale Werkzeuge oder technische Lösungen, die entwickelt wurden, um Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen in ihrem Alltag funktional zu unterstützen . Ziel dieser Technologien ist es, die individuelle Selbstständigkeit zu fördern, Lernprozesse zu erleichtern und eine möglichst umfassende Teilhabe am schulischen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen . Der Einsatzbereich Assistiver Technologien ist vielfältig–er reicht von Mobilitätsund Kommunikationshilfen über lernunterstützende Tools bis hin zu Anwendungen im Gesundheitsmanagement . Je nach individuellem Unterstützungsbedarf lassen sich verschiedene Kategorien Assistiver Technologien unterscheiden und gezielt kombinieren (Thiele u . a . 2023): •No-Tech-Lösungen: Diese Lösungen erfordern keine technologischen Hilfsmittel, sondern setzen auf organisatorische oder pädagogische Anpassungen . Dazu gehören beispielsweise flexible Unterrichtsstrukturen, die Möglichkeit zur Nutzung von individuellen Lernzeiten oder angepasste Prüfungsformate . Beispielsweise können für eine Schülerin oder einen Schüler mit häufigen Krankenhausaufenthalten Aufgaben und Unterrichtsinhalte digital bereitgestellt werden, sodass sie diese im eigenen Tempo nacharbeiten können . •Low-Tech-Lösungen: Hierbei handelt es sich um einfache, oft mechanische Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern . Beispiele sind ergonomische Sitzmöbel, speziell geformte Stifte für Schülerinnen und Schüler mit motorischen Beeinträchtigungen, Lineale mit Vergrößerungseffekt für sehbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler oder Notizbücher mit extragroßen Linien für Schülerinnen und Schüler mit feinmotorischen Schwierigkeiten . •Mid-Tech-Lösungen: Diese Kategorie umfasst elektronische Hilfsmittel, die mittleren technischen Aufwand erfordern . Dazu zählen beispielsweise digitale Diktiergeräte, adaptive Tastaturen mit größeren oder individuell konfigurierbaren Tasten sowie Joystick-gesteuerte Maus-Alternativen für motorisch beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler . Auch Tablets mit individuell anpassbaren Apps zur Lernunterstützung fallen in diese Kategorie . doi .org/10 .35468/6197-12 150 Melanie Willke •High-Tech-Lösungen: Fortgeschrittene digitale Systeme ermöglichen es, gezielt auf die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern einzugehen . Dazu gehören Spracherkennungssoftware, die es ermöglicht, Texte ohne Tastatur einzugeben, Bildschirmleseprogramme für blinde Schülerinnen und Schüler, Text-to-Speech-Systeme oder Lernsoftware mit interaktiven und multimedialen Inhalten . Diese Technologien können individuell konfiguriert werden, um an spezifische Lernbedürfnisse angepasst zu werden . •High-End-Technologien: Diese beinhalten hochentwickelte Systeme wie die Eye-Tracking-Technologie zur Steuerung von Computern durch Augenbewegungen, robotergestützte Assistenzsysteme oder KI-gestützte Spracherkennung . Solche Technologien sind besonders für Schülerinnen und Schüler mit schwersten körperlichen Einschränkungen von großer Bedeutung, da sie ihnen Zugang zu Kommunikation und Lernen ermöglichen . Einsatzbereiche von Assistiven Technologien Assistive Technologien lassen sich in mehreren funktionalen Anwendungsbereichen verorten . Die folgende Systematik (Samochowiec&Schmidt 2017) bietet eine strukturierte Übersicht: Mobilität und physische Interaktion Viele Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt . Assistive Technologien in diesem Bereich umfassen motorisierte Rollstühle, exoskelettartige Gehhilfen oder adaptive Möbel, die sich der Körperhaltung individuell anpassen . Diese Hilfsmittel ermöglichen mehr Selbstständigkeit und eine bessere Teilnahme am Unterricht . In einem erweiterten Verständnis von Mobilität kann auch das virtuelle Überwinden von Distanzen mit Hilfe von Telepräsenzsystemen angedacht werden: Das Zuschalten von physisch nicht anwesenden Schülerinnen und Schülern, beispielsweise mit Hilfe eines Avatars, ermöglicht die Teilhabe an schulischen Aktivitäten . Wahrnehmung und Sinnesunterstützung Schülerinnen und Schüler mit Sehoder Hörbeeinträchtigungen profitieren von Vergrößerungssoftware-Lösungen, Bildschirmlesegeräten oder BrailleDisplays . Induktionsschleifen und FM-Systeme erleichtern Schülerinnen und Schülern mit Hörbeeinträchtigung das Verstehen von Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern in lauten Klassenzimmern . doi .org/10 .35468/6197-12 151 Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler Steuerung und Kommunikation Schülerinnen und Schüler mit Sprachoder motorischen Einschränkungen können spezielle Kommunikationsgeräte nutzen, die über symbolbasierte oder textbasierte Eingaben Kommunikation ermöglichen . Sprachsynthese-Software hilft, sich im Klassenzimmer verständlich zu machen; spezielle Joysticks oder Mundsteuerungen ermöglichen die Bedienung von Computern und Tablets . Psychische Unterstützung und Emotionsregulation Digitale Tagebücher, Meditations-Apps oder visuelle Strukturierungshilfen wie Piktogramme können Schülerinnen und Schüler im Bereich der Psyche unterstützen . Der strukturierte Einsatz solcher Tools kann helfen, emotionale Belastungen zu reduzieren und eine bessere Selbstregulation zu fördern . Monitoring und Sicherheit Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen benötigen oft kontinuierliche Überwachung ihrer Gesundheit . Tragbare Sensoren können beispielsweise Blutzuckerwerte oder Herzfrequenz messen und Warnsignale senden, wenn ein kritischer Wert erreicht wird . Smarte Alarmsysteme oder GPS-Tracker bieten zusätzliche Sicherheit, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Epilepsie oder anderen potenziell gefährlichen Erkrankungen . Physiologische Unterstützung und Gesundheitsmanagement Technologien wie tragbare Insulinpumpen, Beatmungsgeräte oder individuell angepasste Ernährungstracker können Schülerinnen und Schülern dabei helfen, ihren Gesundheitszustand selbstständig zu verwalten . Diese Hilfsmittel erleichtern es, medizinische Bedürfnisse in den Schulalltag zu integrieren, ohne dass ständig eine Betreuungsperson erforderlich ist . Die Rolle der Akteurinnen und Akteure in Bildungseinrichtungen Eine effektive Implementierung Assistiver Technologien setzt die enge Kooperation aller relevanten Akteurinnen und Akteure im Bildungssystem voraus . Lehrpersonen spielen eine entscheidende Rolle, da sie die Technologien in den Unterricht integrieren und den Schülerinnen und Schülern deren Nutzung erleichtern . Inklusionsund Sonderpädagoginnen und -pädagogen unterstützen den Auswahlprozess geeigneter Technologien und entwickeln gezielte Fördermaßnahmen, um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden . Auch die Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind doi .org/10 .35468/6197-12 152 Melanie Willke maßgeblich beteiligt, indem sie den Einsatz der Technologien zu Hause begleiten und wertvolle Rückmeldungen zu ihrer Wirksamkeit geben . Medizinische Fachkräfte tragen dazu bei, die gesundheitlichen Aspekte der Technologieanwendung zu berücksichtigen und interdisziplinäre Betreuungskonzepte zu entwickeln . Durch diese multiprofessionelle Zusammenarbeit kann sichergestellt werden, dass die Technologien bestmöglich auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind (Krstoski&Schulz 2023) . Erfolgsfaktoren für eine effektive Implementierung Die Wirksamkeit Assistiver Technologien hängt maßgeblich von mehreren zentralen Gelingensbedingungen ab . Zentral ist die kontinuierliche multiprofessionelle Kooperation zwischen Schule, Familie und medizinischem Fachpersonal, um ganzheitliche Unterstützungsstrukturen sicherzustellen (Krstoski&Schulz 2023) . Die eingesetzten Technologien müssen flexibel und passgenau auf die individuellen Lernund Teilhabebedarfe der Schülerinnen und Schüler zugeschnitten werden–standardisierte Lösungen greifen hier meist zu kurz (Leiss&Kutschera 2021) . Die kontinuierliche Evaluation der eingesetzten Hilfsmittel ist ebenfalls entscheidend, um sicherzustellen, dass sie tatsächlich einen positiven Einfluss auf den schulischen und sozialen Alltag der betroffenen Kinder und Jugendlichen haben . Nur durch bedarfsgerechte Anpassung und laufende Weiterentwicklung kann sichergestellt werden, dass Assistive Technologien auch langfristig wirksam und anschlussfähig bleiben (Vierbuchen u . a . 2023) . Fallbeispiel 1: Anna und der Avatar Anna ist 12 Jahre alt und lebt mit Mukoviszidose, einer chronischen Erkrankung, die regelmäßige Krankenhausaufenthalte und längere Phasen der Abwesenheit vom Unterricht mit sich bringt . Diese wiederkehrenden Unterbrechungen des Schulbesuchs beeinträchtigen nicht nur ihren Lernfortschritt, sondern erschweren es ihr auch, stabile soziale Beziehungen in ihrer Klasse aufrechtzuerhalten . Herausforderungen im schulischen Alltag Für Anna ergeben sich durch ihre Abwesenheiten zwei zentrale Herausforderungen: Zum einen verpasst sie regelmäßig wesentliche Unterrichtsinhalte, was zu Lücken im Lernstoff und zu einem erhöhten Leistungsdruck führen kann . Zum anderen ist ihre soziale Integration gefährdet . Die fehlende physische Präsenz im Klassenzimmer erschwert es ihr, an gemeinsamen Erlebnissen teilzuhaben, Freundschaften zu pflegen und sich als Teil der Klassengemeinschaft zu doi .org/10 .35468/6197-12 153 Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler fühlen . Langfristig kann dies zu Isolation und Rückzug führen, was sich negativ auf ihre schulische Motivation und ihr psychisches Wohlbefinden auswirkt . Der Avatar als Lösung Ein möglicher Lösungsansatz ist der Einsatz eines Telepräsenz-Avatars . Dieses technische Hilfsmittel fungiert als stellvertretende Präsenz Annas im Klassenzimmer: Der Avatar–ausgestattet mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher–steht auf Annas Platz im Klassenzimmer und überträgt Bild und Ton in Echtzeit an Anna, die sich beispielsweise aus dem Krankenhaus oder von zu Hause zuschaltet . Über eine App kann sie sich bemerkbar machen, sprechen und sich sogar im Raum umsehen . Dadurch kann Anna dem Unterricht folgen, Fragen stellen und mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern interagieren . Studien wie jene von Turner et al . (2024) zeigen, dass solche Technologien nicht nur den schulischen Anschluss fördern, sondern auch das Gefühl sozialer Eingebundenheit deutlich stärken können . Notwendige Rahmenbedingungen für eine gelingende Umsetzung Für den erfolgreichen Einsatz eines Avatars in Annas Schule sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen . Technisch muss sowohl die Schule als auch Annas häusliches bzw . klinisches Umfeld über stabile Internetverbindungen und kompatible Endgeräte verfügen . Pädagogisch braucht es Lehrpersonen, die offen für neue Technologien sind und bereit sind, den Avatar aktiv in den Unterricht zu integrieren . Auch die Mitschülerinnen und Mitschüler sollten im Vorfeld über die Funktionsweise und den Nutzen des Avatars informiert und für ein respektvolles Miteinander sensibilisiert werden . Organisatorisch ist es wichtig, klare Zuständigkeiten für die Betreuung und Wartung des Geräts zu definieren . Gleichzeitig können Herausforderungen auftreten –etwa technisches Versagen, mangelnde Akzeptanz oder datenschutzrechtliche Bedenken . Diese lassen sich durch umfassende Schulung des Personals, enge Kommunikation mit der Familie und eine begleitende Evaluation der Maßnahme weitgehend auffangen . Eine enge Kooperation aller beteiligten Akteurinnen und Akteuren–insbesondere zwischen Schule, Familie und ggf . medizinischen Fachpersonen–bildet dabei das Rückgrat des Erfolgs . Fazit: Ein unterstützender Baustein für Teilhabe Der Einsatz eines Avatars bietet Anna die Möglichkeit, trotz ihrer chronischen Erkrankung am schulischen und sozialen Leben ihrer Klasse teilzuhaben . Entscheidend ist jedoch, dass die Maßnahme nicht isoliert, sondern als Teil eines ganzheitlichen Unterstützungsansatzes verstanden wird, der individuell angepasst, interdisziplinär begleitet und kontinuierlich reflektiert wird . doi .org/10 .35468/6197-12 154 Melanie Willke Fallbeispiel 2: Hüseyin und die Augensteuerung Hüseyin ist 15 Jahre alt und lebt mit Muskeldystrophie Duchenne, einer fortschreitenden Erkrankung, die zu einer zunehmenden Schwächung der Muskulatur führt . Infolge dieser körperlichen Einschränkungen wird es für Hüseyin immer schwieriger, konventionelle Schreibgeräte oder Computer mit Maus und Tastatur zu bedienen . Dies wirkt sich unmittelbar auf seine schulische Teilhabe aus, insbesondere bei schriftlichen Arbeiten, Präsentationen und der Nutzung digitaler Lernplattformen . Schulische Herausforderungen durch motorische Einschränkungen Die zunehmende Einschränkung seiner motorischen Fähigkeiten stellt Hüseyin im Schulalltag vor mehrere Herausforderungen . Besonders betroffen sind Aufgaben, die schriftliche Ausdrucksfähigkeit erfordern–etwa das Verfassen von Texten, das Ausfüllen von Arbeitsblättern oder das Bearbeiten von Aufgaben am Computer . Ohne geeignete Hilfsmittel ist seine aktive Mitarbeit im Unterricht und bei Leistungsnachweisen erheblich erschwert . Auch die Nutzung digitaler Medien als Lernressourcen kann schnell zur Barriere werden, wenn Eingabegeräte nicht angepasst sind . Dadurch besteht die Gefahr, dass Hüseyin von Bildungsinhalten ausgeschlossen wird oder deutlich mehr Zeit benötigt, um Aufgaben zu erledigen . Die Augensteuerung als technische Lösung Ein vielversprechender Ansatz zur Unterstützung von Hüseyin ist der Einsatz einer sogenannten Eye-Gaze-Technologie . Mithilfe spezieller Kameras, die die Blickrichtung des Nutzers erfassen, kann ein Computer nahezu vollständig durch Augenbewegungen gesteuert werden . Die Blickbewegung dient dabei als Mauszeiger, während Blinzeln oder längeres Fixieren eines Punktes als Klick interpretiert wird . Diese Technologie ermöglicht es Hüseyin, Texte zu schreiben, Programme zu bedienen oder im Internet zu recherchieren . Ein Nutzen dieser Technologie liegt in der Sicherstellung der Selbstständigkeit im Lernprozess: Hüseyin kann Aufgaben in seinem eigenen Tempo bearbeiten, sich aktiv am Unterricht beteiligen und seine Gedanken in schriftlicher Form ausdrücken . Dadurch wird seine schulische Teilhabe nicht nur gesichert, sondern aktiv gefördert . Rahmenbedingungen für den erfolgreichen Einsatz Für die erfolgreiche Nutzung der Augensteuerung müssen bestimmte Rahmenbedingungen an Hüseyins Schule geschaffen werden . Zunächst braucht es eine entsprechende technische Ausstattung: einen leistungsfähigen Computer, eine kompatible Eye-Tracking-Kamera sowie geeignete Software zur Texterfassung und Navigation . Entscheidend ist zudem die Unterstützung doi .org/10 .35468/6197-12 155 Assistive Technologien für Schülerinnen und Schüler durch Lehrpersonen, die bereit sind, Materialien barrierefrei zur Verfügung zu stellen, Aufgabenformate anzupassen und flexibel mit zeitlichen Vorgaben umzugehen . Auch die Klasse sollte in das Vorhaben einbezogen werden, um Offenheit und Akzeptanz für die neue Technologie zu fördern . Herausforderungen können etwa durch mangelnde Erfahrung mit der Technologie, technischen Supportbedarf oder Datenschutzfragen entstehen . Diese lassen sich jedoch durch gezielte Fortbildungen, externe Beratung sowie technische Begleitung durch Fachstellen oder IT-Fachkräfte adressieren . Fazit: Augensteuerung als Zugang zu Bildung Für Hüseyin bedeutet der Einsatz der Augensteuerung die Möglichkeit, aktiv am Unterricht teilzunehmen . Mit ihrer Hilfe kann er schriftliche Aufgaben eigenständig bearbeiten, sich im digitalen Raum bewegen und seine Gedanken im schulischen Kontext ausdrücken . Damit bleibt er fachlich eingebunden und kann Lernerfolge erzielen, ohne auf ständige Unterstützung angewiesen zu sein . Entscheidend ist jedoch, dass die Technologie nicht isoliert zum Einsatz kommt, sondern eingebettet ist in ein Umfeld, das Barrieren erkennt und flexibel auf seine Bedürfnisse eingeht–sei es durch angepasste Aufgabenformate, zeitliche Entlastung oder eine Sensibilisierung der Klasse . Fazit und Ausblick Assistive Technologien eröffnen vielfältige Potenziale zur Förderung schulischer Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit somatischen chronischen Erkrankungen . Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur inklusiven Bildung, indem sie passgenaue Lösungen für individuelle Barrieren bereitstellen und eine gleichberechtigte Partizipation am schulischen Leben ermöglichen . Der technologische Fortschritt–insbesondere in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Robotik und adaptive Assistenzsysteme–lässt erwarten, dass künftig noch differenziertere und wirksamere Lösungen entstehen, um bestehende Barrieren weiter zu reduzieren . Eine erfolgreiche Implementierung Assistiver Technologien erfordert die kontinuierliche Zusammenarbeit aller beteiligten Akteurinnen und Akteure–insbesondere von Lehrpersonen, Fachexpertinnen und -experten, medizinischem Personal, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern selbst . Entscheidend ist dabei eine bedarfsgerechte, flexible und evaluierte Anpassung der eingesetzten Hilfsmittel, um langfristig wirksame und nachhaltige Teilhabe zu ermöglichen . doi .org/10 .35468/6197-12