Gehen oder bleiben? Vorzeitige Vertragslösungsneigung in geschlechtsuntypischen Ausbildungsverhältnissen
Abstract
Bielefeld : wbv Publikation 2025, 562 S. - (Berufsbildung, Arbeit und Innovation - Dissertationen / Habilitationen; 90) - (Dissertation, Universität Wuppertal, 2024) Pädagogische Teildisziplin: Empirische Bildungsforschung; Berufs- und Wirtschaftspädagogik; als elektronischer Volltext verfügbar
Full text
Hanel, Sascha
Gehen oder bleiben? Vorzeitige Vertragslösungsneigung in
geschlechtsuntypischen Ausbildungsverhältnissen
Bielefeld : wbv Publikation 2025, 562 S. - (Berufsbildung, Arbeit und Innovation - Dissertationen /
Habilitationen; 90) - (Dissertation, Universität Wuppertal, 2024)
Quellenangabe/ Reference:
Hanel, Sascha: Gehen oder bleiben? Vorzeitige Vertragslösungsneigung in geschlechtsuntypischen
Ausbildungsverhältnissen. Bielefeld : wbv Publikation 2025, 562 S. - (Berufsbildung, Arbeit und
Innovation - Dissertationen / Habilitationen; 90) - (Dissertation, Universität Wuppertal, 2024) - URN:
urn:nbn:de:0111-pedocs-344862 - DOI: 10.25656/01:34486; 10.3278/9783763979110
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-344862
https://doi.org/10.25656/01:34486
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G eschlech tsun t ypische A usbildungsv er hältnisse gelt en als Ansa tz zur
V er r ingerung der G eschlech t erseg r ega tion im B eruf sbildungssy st em.
D ennoch enden sie über dur chschnittlich of t v or z eitig . Die Disser ta tion
v on Sascha Hanel widmet sich diesem w enig er f orsch t en P hänomen und
un t ersuch t, w arum junge F r auen und M änner geschlech tsun t ypische
A usbildungsv er hältnisse v or z eitig beenden möch t en. A uf Basis
theor etischer Er k lärungsansä tz e w er den Er gebnisse einer quan tita tiv en
B efr agung pr äsen tier t, die A uszubildende mit und ohne L ösungsneigung
einbezieh t. I n t er - und in tr ageschlech tliche V er gleiche er möglichen
die Iden tifik a tion struktur eller und subjektiv er Ursachen. Die Studie
v er tief t die Analy se v on v or z eitigen V er tr agslösungen und lief er t
I mpulse für M aßnahmen zur Stabilisierung geschlech tsun t ypischer
A usbildungsv er hältnisse .
Die R eihe B eruf sbildung , A rbeit und Inno v a tion biet et ein F orum für die
g rundlagen- und an w endungsor ien tier t e B eruf sbildungsf orschung . Sie
leist et einen B eitr ag für den wissenschaf tlichen Disk urs über I nno v a tions -
pot enziale der beruflichen Bildung .
Die R eihe wir d her ausgegeben v on P r of .in M ar ianne F r iese ( Justus-Liebig-
Univ ersitä t Gießen), P r of .in Susan S eeber ( G eor g- A ugust -Univ ersitä t
G öttingen) und P r of . Lars W indelband (K ar lsruher I nstitut für T echnolog ie).
S ascha Hanel ist wissenschaf tlicher M itar beit er in der Ar beitsg ruppe
B eruf sbildungsf orschung am I nstitut für Bildungsf orschung
der B er g ischen Univ ersitä t W upper tal und pr omo vier t e zur
v or z eitigen V er tr agslösungsneigung in geschlech tsun t ypischen
A usbildungsv er hältnissen. S eine Ar beits- und F orschungssch w er punkt e
liegen in der empir ischen B eruf sbildungsf orschung , Abbruch- und
Dr oputf orschung , B eruf sor ien tierungs- und Über gangsf orschung so wie
der L ehr er :innenbildung . Er v er fügt über umfang r eiche L ehr er fahrung
so wie Er fahrung in P r ojektar beit und Gr emien tä tigkeit.
90 BERUFSBILDUNG, ARBEIT UND INNOV A TION
Hanel Gehen oder bleiben?
wbv
90
Disser tationen/Habilitationen
S ascha Hanel
Gehen oder bleiben?
Vorzeitige Vertragslösungsneigung in
geschlechtsuntypischen Ausbildungsverhältnissen
Gehen oder bleiben?
Vorzeitige Vertragslösungsneigung in
geschlechtsuntypischen Ausbildungsverhältnissen
Sascha Hanel
Die Reihe Berufsbildung, Arbeit und Innovation bietet ein Forum für die grundlagen- und anwendungs
orientierte Forschung zu den Entwicklungen der beruflichen Bildungspraxis. Adressiert werden insbesondere
berufliche Bildungs- und Arbeitsprozesse, Übergänge zwischen dem Schul- und Beschäftigungssystem sowie
die Qualifizierung des beruflichen Bildungspersonals in schulischen, außerschulischen und betrieblichen
Handlungsfeldern.
Hiermit leistet die Reihe einen Beitrag für den wissenschaftlichen und bildungspolitischen Diskurs über
aktuelle Entwicklungen und Innovationen. Angesprochen wird ein Fachpublikum aus Hochschulen und
Forschungseinrichtungen sowie aus schulischen und betrieblichen Politik- und Praxisfeldern.
Die Reihe ist gegliedert in die Hauptreihe und in die Unterreihe Dissertationen/Habilitationen .
Reihenherausgebende:
Prof.in Dr.in habil. Marianne Friese
Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut für Erziehungswissenschaften
Professur Berufspädagogik/Arbeitslehre
Prof.in Dr.in Susan Seeber
Georg-August-Universität Göttingen
Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung
Prof. Dr. Lars Windelband
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik
Professur Berufspädagogik
Wissenschaftlicher Beirat
• Prof. Dr. Matthias Becker, Hannover
• Prof.in Dr.in Karin Büchter, Hamburg
• Prof. Dr. Frank Bünning, Magdeburg
• Prof. Dr. Hans-Liudger Dienel, Berlin
• Prof. Dr. Uwe Faßhauer, Schwäbisch-Gmünd
• Prof. Dr. Karl-Heinz Gerholz, Bamberg
• Prof. Dr. Philipp Gonon, Zürich
• Prof. Dr. Dietmar Heisler, Paderborn
• Prof. Dr. Torben Karges, Flensburg
• Prof. Dr. Franz Ferdinand Mersch, Hamburg
• Prof.in Dr.in Manuela Niethammer, Dresden
• Prof.in Dr.in Karin Reiber, Esslingen
• Prof. Dr. Thomas Schröder, Dortmund
• Prof.in Dr.in Michaela Stock, Graz
• Prof. Dr. Tade Tramm, Hamburg
• Prof.in Dr.in Ursula Walkenhorst, Osnabrück
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S ascha Hanel
Gehen oder bleiben?
Vorzeitige Vertragslösungsneigung in
geschlechtsuntypischen Ausbildungsverhältnissen
Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) mit dem Originaltitel
„Gehen oder bleiben? Eine empirische Analyse der vorzeitigen Vertragslösungsneigung in geschlechtsuntypischen
Ausbildungsverhältnissen“ vorgelegt von Sascha Hanel am Institut für Bildungsforschung in der School of Education
an der Bergischen Universität Wuppertal.
Tag der Disputation: 02.12.2024
Erstprüfer: Prof. Dr. Sylvia Rahn
Zweitprüfer: Prof. Dr. Klaus Harney
Berufsbildung, Arbeit und Innovation –
Hauptreihe, Band 90
2025 wbv Publikation
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informationsd ienst Er ziehungswissen schaft u nd Bildu ngsforschung und ein Net z
werk wissenschaftlicher Einrichtungen und Bi bliotheken zur F örderung von Ope n
Acce ss in den Erzieh ungs - und Bildung swis sen scha ften .
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Wupp erta l | Z entr al- und H ochs chul bib liot hek Luzern
Dank sagungen
Ein e Di sse rt ati on zu sc hr eib en is t kei n ku rze r La uf, so ndern ei n la nge r We g mit Hö he n
und T ief en . D ass ich di eses Zie l er rei ch en ko nnt e, ve rda nk e ich za hlrei ch en Men schen ,
die mich auf die sem Weg beglei tet und unt ers tüt zt haben. Ihne n gilt mein tief er und
au fri chti ger Da nk.
Mei n bes onde rer Dank gilt meine r Doktor mut ter Frau Prof. Dr. Sylvia Rahn , die
mic h wä hre nd de r ges am ten Prom oti onsze it mit g ro ße r fac hli cher Kom peten z, wert vo l
len Anreg ung en und immer hilfr eic hem Rat begl eit et ha t. Für ihr Vert rau en , ihre ko n
st ruk tive Krit ik und die stets off en e Zu sa mme narb eit bin ich ihr sehr verb unden . Fern er
gil t mein auf ric ht ige r Dank He rrn Pr of. Dr. Klaus Har ne y für die wer tvo lle n Hinw eis e
un d Rats ch lä ge wäh rend der zw ei te n Prom otio ns häl fte sowi e di e Bere it sc ha ft, di e Zwe it
be gut acht ung di eser Arb eit zu über nehm en .
Ein große r Dank geht an al le (eh em ali gen ) Mit arb eit enden der Arbei ts gru ppe Be
ruf sbild ungsf or sch ung, beso nd ers Car ol in Mas Mas un d Marti n Nanz ig , mi t denen ich
übe r di e Jah re nich t nur ein Bü ro , son de rn vi el e gut e Ge spr äch e und sch ön e Mom en te
get eil t habe. Dr. Chr ist oph Fuh rma nn dan ke ich herz lic h für sein e Unter stü tzu ng bei
me th od is ch en Fra gen und di e vie le n gut en Ge sp rä ch e, di e die gem eins am e Zei t so ang e
neh m gem ach t habe n. Allen Mi tar bei ten den der Arb eit sg rup pe Pro fessi ona lis ie run gs
for sc hun g in de r Leh rer *i nne nbi ld ung danke ich für den gew ähr ten Fre ira um un d die
unt erst ütz ende n Wort e zum Ende dies es Disser tati ons proj ekt es. PD Dr. C ori nna Pe
sch el un d Regi na Ocke nfel s bi n ich sehr dan kbar für das sor gf ält ig e Korr ekt urle sen die
se r Ar be it .
Darüber hinaus danke i ch allen St udierend en für ihre Unterstüt zung bei der
Dat ene rheb ung und den viele n Auszu bil dend en, d ere n Teilna hme die Befr agu ng erst
mö gli ch ge mach t habe n.
Schl ießl ich möch te i ch m ich ganz herzlic h be i me iner Familie für ihre Geduld ,
Ermu tigun g und emotio nale U nter stütz ung w ähren d der Promot ions zeit b edank en.
Oh ne euc h hät te ich es ni ch t gesc haff t!
den, die j edoch – und da s ist wich tig zu beto nen – nich t zwinge nd vollz ogen wer den
muss (vgl. Deuer & Ertelt 2 001 : 1420 ). Eine Ausein anderse tzung mit der V ertrag slö
sungs neigun g der Ausz ubild enden bi etet, im Ge gensa tz zu eine r retros pekti ven Per
spekt ive auf vor zeitig e Vertr agslös ungen , die Chanc e, Maßna hmen zur Re duzie rung
und Ve rmeid ung vo n Vertragsl ösung en, z. B. in For m von Beratu ngs- u nd Unt erstü t
zungsange boten, zu entwick eln und einzusetzen (vgl. Fisch er 2002 ; Oehme 200 2 ).
Dami t best eht di e Mögl ichk eit, p räve ntiv a uf mög lich e Vert rags lösu ngen e inzu wirk en.
In ihren empi ris che n Bemüh ung en hat si ch die Be ruf sbi ld ung sfo rsc hu ng bisla ng
vorne hmlich a uf einze lne Aspe kte des Ve rtrags lösun gsgesc hehen s fokuss iert. Da zu
zähle n etwa die A usein ander setzu ngen mit vo rzeit igen V ertra gslö sunge n in spezifi
sc hen Regi one n (v gl . Bun k & Sche lten 19 80 ; Hut h 200 0 ; Re is er 19 92 ; Tis ch ler 1993 ; Wei ß
1982 a ; 1982 b), in sp eziel len Zus tändi gkeit sbere ichen o der Dom änen ( vgl. Bo hling er
200 3 ; Deue r 2006 a; Misc hle r 2014 ; Weiß 198 2 a) sow ie mit bes ond ere n (sozi ode mog ra
fis chen) Merk mal en der A us zub ilden den ( bsp w. förd erb edürf tige ode r so zia l b en ach tei
lig te Jugen dlich e) (vgl. Faßm ann & Fu nk 1997 ; Gran ato, Grieg er & Spre e 19 99 ; Hahn &
Twa rdy 1996 ) . Die Ana lys e der vorze iti gen Beend igu ng ges chlech ts u n typis che r Aus bil
dun gsver häl tniss e ste ll t d emgeg en übe r ein we it geh en des De sid erat dar , zu des se n A uf
klä rung die vor lie gend e Arbei t mit einer teil s explo rat ive n, teils hyp oth esen prü fen den
Vor gehen sw eis e be itr ag en s oll . Dabe i ist es das Z iel, di e Gr ünd e u nd Ur sa che n fü r die –
ggf . erh öhte – Ver tr ags lö sun gs nei gu ng in ge schle ch ts u n ty pisch en Au sbild un gsb er ufe n
auf zuk lären . Da für nimm t di e vo rli eg end e Ar bei t di ese spe zie lle Grup pe von Auszu bil
den den in den Blic k und geht der Fra ge nach , warum jun ge Frau en und Männ er ihre
Ent sch eid ung für eine gesch lec hts un t ypi sch e Aus bil dun g zu rev idi ere n bea bsi cht ige n.
Die subj ektive n Einsc hätzun gen und ge nannte n Gründ e einer mög liche n Vertra gs-
lösun gsne igung der A uszu bilde nden sowie dere n (Ausbild ungs- )Erf ahrun gen s ollen
jed och nur de n Ein sti eg in das ge nan nte Fors chu ngs fel d ge wäh rle ist en: Viel meh r wer
den sowo hl we ibl iche un d män nli che Aus zu bil dend e als au ch Ju gen dlic he mit und ohn e
Vert rag slös ungs nei gung in die Unter such ung einbe zoge n, um die Ebe ne der s ubj ek-
tiven Eins chätz ungen und Grün de zu übers chreit en und durch Int er- und Intra ge
schl echt erver glei che ein deta illi erte s Bi ld der Ursac hen vor zeit iger Vert rags lösu ngen
von Fra uen und Män ner n in geschl ech ts u n ty pis chen Aus bil dun gsv erh ält niss en sow ie
de ren mögl iche r Er klä rung en zu gew inn en.
Zu diese m Zwec k wi rd in ein em erste n Schr itt das Phäno men de r ge sch lec htlic he n
Segr egat ion e rört ert (Kap itel 2 ), sowoh l au f den deutsche n Ar beit smark t (K apit el 2 . 1 )
als auch auf den deutsc hen Ausb ildu ngsm arkt (Kapite l 2 . 2 ) bezo gen und dana ch m it
dem A usma ß vo rzei tige r Vertrag slös unge n in Verb indu ng g ebra cht ( Kapi tel 2 . 3 ) . Im
ans chl ieße nde n K apit el 3 werd en theoret isc he Ans ätze zur E rkl ärun g vorz eit iger Ver
trag slös unge n da rges tell t. Da bei werd en z unäc hst allg emei ne Er klär ungs ansä tze vor
zei ti ger V ert ra gsl ösu ng en vorg est ell t (Kap ite l 3 . 1 ). D ana ch w erd en theo ret ische A nsä tz e
zur Erk lär ung vor zei tiger Ver tra gsl ösu nge n beha nde lt, die da s Gesch lec ht als zen tra les
Ele me nt ihrer Über legun ge n ve rwe nde n (Kap ite l 3 . 2 ), und schl ieß li ch mit de n all gemei
nen Erk lär ungs ans ätz en zusa mme nge füh rt (Kap ite l 3 . 3 ). Das dara uff olg end e Kapit el 4
widm et sich dem em piri schen F orsc hungs stan d, wobei zunächst d ie Erg ebnis se der
14 Einleitung
all geme ine n Ver tra gsl ösun gsf ors chun g dargel egt werde n (Kapit el 4 . 1 ). Der zweite Teil
des Kap ite ls the mat is ier t a nsc hli eße nd die bis he rig en For sch ung ser ge bni sse zur Sit ua
tio n von Fra uen und Män ne rn in gesc hle ch ts u n ty pisch en A usb ildun gs- und Arb eitsv er
häl tn iss en (Kapi te l 4 . 2 ). Nachd em in Kapi tel 5 die bi she ri gen Ausf ühr un gen zur Fo rmu
lier ung der F orsc hung sfr age( n) zus amme ngef ühr t w erde n, wir d i m e mpi risc hen Teil
zun äch st das met hod isc he Vorg eh en darg ele gt (Ka pit el 6 ), bev or in Kapit el 7 die Erge b
nis se der quan tit ati ven Bef rag ung prä sen tie rt und im dara uff olg end en Kapi tel 8 disku
tier t we rden . D ie A rbei t en det in Kapi tel 9 mi t e iner Dis kuss ion der sic h er gebe nden
pra kti sch en Kon seq uen zen zur Ver bes ser ung der Situ ati on von wei bli che n und männ
lic hen Aus zubil de nde n in gesc hl ech ts un t yp isc he n Au sbi ld ung sv erh äl tni ss en.
Einleitung 15
2 Die Geschlechtersegregation des deutschen
Arb eits- und Ausbildungsmarktes
2. 1 Die Geschlechtersegregation des deutschen
Arbeitsmarktes
Die einlei tend geschi lderte hori zontal e Geschlech terseg regati on des Arbeitsmar ktes
wird a nhand v erschie dener Indizes erfasst , die d ie unterschied liche V erteilu ng der
Ges chl ech ter auf all e Beru fe in eine r einz eln en Maßz ahl aus drü cke n (vgl . Acha tz 2018 :
406 ) . Der Dissi mil arit äts inde x (D) von Duncan & Dunca n ( 195 5 ), der dur ch seine weit
verb rei tete und häu fige Anwen dun g eine Vergl eich bar keit mit ein er Vie lza hl wei tere r
Unt ers uc hun gen er mög li cht un d l eic ht zu in ter pre ti ere n ist 1 ( vg l. Ach atz 2 018 : 407 ; Kal
ter 200 1 : 456 ) , weist ein en Wert ebe rei ch zwis che n 0 und 1 auf und gibt den „An tei l von
Fra uen (ode r Män ner n) [an; S. H.] , die ihr en Beruf wech sel n müs ste n, um ein e ausge
wogen e Beru fsstr uktur z u erre ichen , die in j edem Ber uf dem F rauen antei l auf de m
Arb eits mar kt entspri cht “ (Ach atz 2018 : 407 ). Gemä ß der Entwi cklu ng des D iss imil ari
tät si nde x (D) ersc hei nt d ie ber ufl ich e Gesc hle cht erseg reg ation a uf d em Arb eit sma rk t in
Deu tsc hland als se hr persi ste nt. Be rei ts Willm s-H erg et ( 19 85 ) k onn te für de n Z ei tra um
von 1925 bi s 1982 zeige n, dass sic h der Dissi milar itäts index (D ) in 102 betrac htete n
Ber ufsf eld ern nur gerin gfü gig um einen Wert von ca. 58 Proz ent bewe gt (vgl. Will ms-
Her ge t 1985 : 220 ). Hau smann & Klei ner t ( 201 4 : 5 ) zeig en f ür W es tde uts ch lan d, d as s der
Dis sim ila rit äts ind ex (D) im Bere ich der soz ial ver sic her ung spf lic hti g Besc häf tig ten von
66 P roze nt ( 1976 ) auf 58 Proz ent im Jahr 2010 zurüc kge ht. Für den Zeitr aum 1993 bis
2010 ermi ttelt Busc h ( 2013 a: 153 ) für all e Beschäft igungsse gmente in Deutschla nd
eine n le icht en R ückg ang des Diss imil arit äts inde x (D) von 58 Proze nt a uf 5 6 Pro zent .
Ein große r Nachte il des Dis sim ilar itä tsi ndex (D) beste ht jedoch dari n, dass er a ls Maß
der Ge schle chte rsegr egati on des gesam ten Ar beit smark ts bes timmt e Entwickl ungen
ein zel ner Beru fsb ere ich e nicht ber ück sich tig en kann (vg l. Beblo , Heinz e & Wolf 200 8 :
185 ; Hi nz & Schü bel 2001 : 28 9 f. ). In die sem Zusa mm enh an g ze igt Busc h ( 2 013 a: 165 f.),
das s sich die Segreg ati on im Bereic h der hochqu ali fiz ier ten Pro fess ion s- und Manag e
men tber ufe in dem gen ann ten Zeitr aum von 1993 bis 2010 von 26 P roz ent auf 21 Pro
zent vermi nder t, wäh rend sich abe r g leic hze itig die Segr egat ion in hochqu ali fizi ert en
mathe matis ch-t echni schen B erufe n von gu t 30 Pr ozent a uf 35 Prozent v erstä rkt hat .
Um dies en N ach tei l des Dissi milar itä ts ind ex (D) zu umgeh en und vert ie fen de Ei n
bli ck e in di e Ent wickl un g der hori zon tal en Segr eg ati on des Arb eit smark te s zu er lan ge n,
wer de n einze lne Beruf sbere ich e und in der Fol ge die E be ne der e inz el nen Ber ufe ana ly
siert . In die sem Kon text wi rd in Anl ehnu ng an Trautner ( 2008 : 6 26 ) der B egri ff der
1 Gleichzeitig ist der Dissimilaritätsindex (D) auch wiederholt kritisiert worden (vgl. u. a. Charles & Grusky 1995; James &
T aeuber 1985).
Ges chl ech tst ypi k von Beruf en ve rwe nde t, de r zwe ier lei be de ute n kann . Zum einen weist
der Be gri ff da rau f h in, da ss Be ruf e a uf spezi fis che We ise mi t V ors te llu nge n u nd Er war
tun ge n assoz iie rt s ind , wie Frau en und Männ er s ind ode r zu sei n habe n. Dies e Deut un
gen
„beinhalten Annahmen, wonach Männlichkeit und W eiblichkeit mit unterschiedlichen
F ähigkeiten, K ompetenzen und Eigenschaften verbunden sind, die als normal und natür
lich angesehen werden und denen […] unabhängig von den tatsächlichen Qualifikationen
der Individuen eine Bedeutung [ für die Berufsarbeit; S. H.] beigemessen wird“ (A chatz
2018: 403).
Zum ande ren ka nn die Ge sch le cht st ypi k ei ne s Be ruf s, ähnl ich der Gesc hle ch ter se gre ga
tio n, anha nd de s An tei ls wer te s der jewe ilige n Ge sch le cht er gru pp e an de n Bes chäft ig ten
des jew eilig en Ber ufs au sge drü ckt we rde n ( vg l. Ach atz 20 18 : 402 ). Die G esc hle cht st ypi k
eine s Ber ufs kann sow ohl in q uant ita tive r als auch in qualit ati ver Hinsi cht mehr ode r
wen iger star k ausgep räg t sei n. Gemes sen an den Ante ile n wei bli che r und männ lic her
Besc häft igt er werd en übl iche rwei se dre i C lust er unte rsc hied en und als mä nne rdom i
niert e, gesc hlech terin tegr ierte , fraue ndomi niert e Beru fe (vgl . Acha tz 2018 : 405 ) od er
auc h als Männe r-, F ra uen - und Misch ber uf e (v gl. B usc h 2013 a : 117 ) b eze ich ne t. Mit Rot
ter man n ( 2 017 : 105 ) kan n ma n jed och be fü rch ten , da ss die Adj ekt ive „f rauen dom ini ert“
und „män ner dom ini ert“ d ie Asso ziat ion ein es Domin anzv erh ält nis ses der gesch lec ht
lic hen Maj ori tät geg enü ber der Min ori tät wec ken . Gerad e in Beruf en, in dene n Frau en
die Mehr heit bil den, ist di es aber zum eist nic ht der Fal l, weil gem äß der ver tikal en
Seg rega tio n auc h in diese n Ber ufe n Män ner häufi g die höhe ren Statu spo sit ione n ein
nehme n (vgl. Budi g 2002 ; Pric e-Gly nn & Rak ovski 2 012 ; W illia ms 199 2 ). Um so lche
unz utr eff end en A sso zia ti one n zu v erm eid en, führ t Ro tte rma nn ( 2 017 : 10 5 ) d ie Be gri ffe
„mä nn err ei ch“ und „fra uen re ich “ ei n, die es ermö glich en soll en, die quan tit at ive Auft ei
lun g der Gesch lech ter ohne falsc he Konnot atio nen zu bes chre ibe n. Nachfo lgen d wir d
dieser terminol ogische Vorschl ag aufgegriffen und auch in dieser Arbeit zwisch en
fra ue n- und mä nne rr eic hen Ber ufen unter schie de n.
Dab ei ist jed och zu bea cht en, das s es in der Forsc hun g kein e einh eit lic hen Gre nz-
und Schw el len we rte zur Ab gre nzung dies er Grupp en gibt . Al lge mein erfol gt die Zu ord
nun g zu einem männ er- oder fraue nre ich en Beruf über eine quan tifi zie ren de Angabe
der Geschle chte rquo ten , i n d er R ege l ü ber den Anteil der Frauen . E inig e A uto rinn en
und Aut ore n n eh men dan n d en fak tis che n F ra uen ant eil in der Erw er bsb evö lke ru ng a ls
Aus gang spun kt der B est immu ng der G renz wer te seg reg iert er Berufe und verw end en
ein e bes ti mmt e Ban dbr ei te um dies en Au sga ngs pu nkt a ls G ren zwe rte . Dab ei vari ier en
die g ewä hlt en Ba nd bre ite n um d en Ausg ang spu nk t zwi sc hen d en Unter su chu nge n. So
ver wen det etw a Falk ( 20 02 ) Gre nzw ert e, die +/- 10 Proze nt um den Frau ena nte il in der
Erwerb sbevöl kerung streu en, w ährend Hakim ( 199 3 ) die Grenzwerte mit einer Ab-
wei chu ng von +/- 15 Proz ent vom Arb eit sma rkt an tei l d er F rau en fes tle gt . An de re A uto
rinn en und A utore n wählen ein e äquivale nte Ve rteil ung de r Geschlec hter i n der E r
18 Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes
werbsbevölker ung als Ausgangspunkt und k lassifizieren Berufe als männ er- oder
frau enr eic h, wenn der Antei l der Gesch lech tsm inor itä t in dem j ewe ili gen Beruf unter
• 40 % (vgl. European C ommission 2009; H elbig & Leuze 2012),
• 35 % (vgl. B uchmann & Kriesi 2012),
• 1/3 (vgl. S ax & Bryant 2006; T schenett 2015; Ulrich, Krewerth & T schöpe 2004),
• 30 % ( vgl . Bu chm ann , Kr iesi, P fe iff er & Sacc hi 2 002 ; Er tl, Lut ten ber ger & Pae ch ter
201 4 ; Haus mann & Klei ner t 20 14 ; Jac obs 19 89 ; Maka ro va & Herz og 2014 ; Mat the s &
Bie rs ack 2 009 ; Resk in & Roo s 1990 ; Schwi te r et al. 201 4 ; Tra ppe 2 006 ; Wehn er e t al .
201 6 ),
• 25 % (vgl. A braham & Arpagaus 2008; T omaskovic-Devey 1993; T omaskovic-De
vey & Skaggs 2001),
• 20 % (vgl. B undesministerium für B ildung und W issenschaft 1981; R atschinski
2009; T rappe & R osenfeld 2004),
• 15 % (vgl. Althoff 1992) oder
• unter 10 % (vgl. Borkowsky 2000) liegt.
Eine theoret isch begründ ete F estleg ung d es Schwellen wertes exist iert jedoch nicht .
All erd in gs wer den na ch Achat z ( 201 8 : 405 ) urs prü ngl ic h m änn er rei che Tä tig kei ten ne u
bez eic hn et, sob ald d er Fr aue nan tei l übe r ein e M ar ke von et wa 30 % st eig t. Diese r Ü ber
leg un g fol gen d, wi rd auc h in di ese r Arb ei t die 30 %-M ark e als Grenz e fü r die Ident if izi e
run g fr au en- und männ err ei che r Be ruf e zugr und e ge le gt.
Übe r die qual it ati ve und q uan ti tat ive Ges chl echts typ ik der B erufe h in aus i st für d ie
gesc hlec hte rspe zifi sche Segreg ati on d es Arb eits mark ts die Konzent rati on des Berufs
wah lsp ekt rum s bedeu tsam (vg l. Acha tz 2018 : 404 ). Ähnl ich wie die Segr egatio n gilt die
Kon zen tr ati on als wi cht ig er Ind ik ato r f ür die S tab il itä t s ozi al er Res tr ikt ion en für F rau en
auf de m Arbei tsm ar kt, de nn du rch d ie Konze ntr ation in B eru fe, d ie als typ is ch weibl ich
gelt en, werd en b eru flic he E ntsc heid unge n fü r F raue n zu sätz lich limitie rt ( vgl. Busch
2013 a : 132 ; J acobs 1 999 : 12 6 f.). Bu sch ( 2 013 a: 1 67 ) ver deutl icht au f Basi s der Ber ufs-
klassi fikatio n des Statist ischen Bundes amtes und Da ten de s Mikrozensus, dass im
Bet rach tun gsj ahr 2010 v on den insge sam t 334 B eru fen 183 männe rre ich e Berufe , aber
nur 53 frauen rei che Beru fe und 98 gesc hle cht lich aus bala nci ert e Berufe ware n 2 . Auch
Hau sma nn & Klein ert ( 201 4 : 3 – 4 ) halte n es für bem erk ens we rt, da ss unter de n 30 Beru
fen mi t d en me ist en Be sch äf tig ten im Ja hr 2010 auf Ba sis de r Sti chp robe der „I nte grier
ten Arbeits mark tbio gra fien “ ( SIAB ) l edig lic h s iebe n f raue nrei che Berufe waren, wäh
rend e s gle ichze itig 1 4 männerre iche B erufe gab 3 . Dabei wird d ie Kon zent ratio n des
Ber ufe spe ktrum s e ben fa lls mit ei nem Ind ex der „re la tiv en Kon ze ntr ati on“ (R C) erf as st.
Die rela tiv e Konze ntra tio n (RC) gibt an, um wie vie le Proz ent pun kte Frau en stär ker in
Ber ufe n k on zen tri ert si nd als Män ner ( pos iti ves Vo rze ich en ). Ein neg ati ve s V orz eic he n
2 Männerreiche Berufe stellen für Busch (2013a: 117) Berufe dar , die einen F rauenanteil von 0 % bis 30 % aufweisen. F rauen
reiche Berufe umfassen als Äquivalent einen F rauenanteil von 70. 1 % bis 100 %. Geschlechtlich ausbalancierte Berufe
weisen einen F rauenanteil zwischen 30.1 % und 70 % auf.
3 Auch Hausmann & Kleinert (2014: 4) verweisen mit T rappe (2006) auf die gleichen Grenzwerte der Segregation: Bei män
nerreichen Berufen liegt der F rauenanteil zwischen 0 % und 30 %; frauenreiche Berufe weisen einen F rauenanteil von
70. 1 % bis 100 % und geschlechtlich ausbalancierte Berufe einen F rauenanteil zwischen 30.1 % und 70 % auf .
Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeitsmarktes 19
zeig t ein enger es Ber ufs spek tru m für Männer an ( vgl . Acha tz 2018 : 408 ; Busc h 201 3 a:
133 ). Bu sch ( 2 013 a: 172 – 173 ) zeig t in d er bere its e rwä hnten S tud ie, d as s 19 93 Frau en um
13 Pr ozen tpun kte stär ker a uf B erufe konzentr iert war en al s Mä nner. In dem v on ih r
beob ach tete n Z eit raum bis 2010 hat d ie Kon zen trat ion nicht etw a a bge nomm en, son
dern s ich so gar no ch erh öht, s odass 2010 d ie stä rkere Konze ntra tion vo n Frauen im
Verg lei ch zu Männ ern 15 Prozen tpun kte beträg t. Bei der Be tra chtu ng der Konzen tra
tion ist jedoch zu b eac hten , das s das gering ere Beruf swa hlsp ekt rum von Frau en auch
dar in begrün det ist, dass die Dive rsi tät von Frauen beru fen in sta ndar dis ier ten Beruf s
kla ssif ika tion en unters chä tzt wird. Teile der Konzen tra tion könn ten somit stati stis che
Art efakt e se in (vgl . Bu sch 2013 a: 133 ) .
Sel bst wenn d ies der Fal l wä re, b lei bt je doc h fe stz uha lte n, da ss d ie ge sch lec htl ich e
Seg regat ion des Arbe its markt es eine hist ori sch zä hle bi ge und ze ntr al e so zia le Diff ere nz
dar st ell t und n ur weni ge Perso ne n in Beru fen ar beite n, in den en sie die ges ch lec htl ic he
Min der heit b ild en. Aufg run d der f ür Deuts chl and typi sch en stark en Verko ppl ung von
Bes chä ft igu ngs - u nd Be ruf sbi ld ung ssy ste m (vg l. Gotts cha ll 201 8 : 37 2 f. ), tre te n d ie ski z
zie rte n Diffe ren zmerkm ale nic ht ers t an der sogen ann ten zwe ite n Schw ell e, d. h. bei m
Übe rgan g in das Erw erb sle ben, sond ern berei ts im B eru fsbi ldu ngs syst em auf. Im fol
gend en Kapitel wird daher auf die Gesc hle chte rseg reg atio n im Ber ufsb ild ungs sys tem
gen auer einge ga nge n.
2.2 Die Geschlechtersegregation des deutschen
Ausbildungsmarktes
Im de uts ch en Be ruf sbi ld ung ssy ste m her rscht e ine star ke Ge sch lec ht ers egr ega tio n vo r,
die im i ntern atio nalen V ergl eich s ogar st ärker ausge prägt ist als in rein schul ische n
Ausb ildun gssy stem en (v gl. E steve z-Ab e 200 6 : 15 6 – 15 9 ). E s wird vermutet , das s die se
star ke Segr egat ion ein erse its mit dem frühen Zeitpun kt zusa mmen häng t, zu dem in
inst itut iona lisi ert en K onte xte n Be rufs wahl ents che idun gen getr off en w erde n m üsse n.
Dies e En tsc heid unge n we rden in einer P hase des Ju gend alte rs gefä llt, in der sic h Ju
gen dli che sta rk an G esc hle ch ter ste re oty pen u nd gesc hle cht er spe zif isc hen Rol le ner war
tung en or ient iere n (vgl. Eb erha rd, M atth es & Ulric h 20 15 : 2 18 f.; Schw iter et al . 201 4 :
403 ) . Zude m wird durch die e nge Verzah nung des Ausb ild ungs - und Erwerbs ber ufes
eine gesc hlec hts typi sch e Beru fsl aufb ahn verfe stig t, weil in berufl ich organ isie rte n Ar
bei tsm ärk ten Ber ufs wec hse l nur mit erhe bli che m Aufwa nd durc hge füh rt wer den kön
nen (vgl . Schw ite r et al. 201 4 : 404 ; Trapp e & Rose nf eld 2004 : 18 1 ) .
Ins ges amt be ste ht die ges ch lec htl ich e S egr eg ati on des deu tsc he n A usb ild ung ss ys
tems i n zweifacher H insicht . Zunächst ist das in Deutsch land et ablier te Berufsbil
dun gs sys tem nach Pah l ( 20 14 : 376 ) in ein en nicht ak ade mi sch en (Se ku nda rst uf e II) u nd
eine n a kad emis che n ( Tert iär bere ich ) B erei ch dif fer enzi ert. Dabei werden in Deuts ch
land mit dem Begri ff der Beruf sbil dun g umga ngs spra chl ich „die sch ulis che n u nd be
tri ebl iche n Ausbil dun gsf orm en [asso zii ert ; S. H.], die zwisc hen dem allge mei n bilden
den Sch ul wes en u nd Hoc hsc hul e l ieg en “ (Bae thg e, S olg a & Wi eck 200 7 : 1 3 ). Som it w ir d
20 Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes
der Tert iär bere ich nich t al s T eil des Ber ufsb ildu ngss yste ms im e nger en S inn e au fge
fas st (vgl . Kuts cha 2010 : 313 ). In de r Be ruf sbild un gss ta tis ti k wi rd zudem sei t ein iger Zeit
zwisch en d rei Segmen ten des Berufs bildun gssyst ems auf der Sekund arstuf e unter
sch iede n: dem „Duale n System “, dem „Schul ber ufs syst em“ sowi e einem „Über gan gs
segm ent“ (vgl. Hip pach -Sch neid er, Krause & W oll 2007 : 26 – 3 1 ; Pahl 2014 : 376 ) . W äh
rend die Bildungs gänge des Übergangs bereichs keine beru fliche Vo llqualifikatio n
verm itte ln u nd du rch ihre berufsvo rber eite nde bzw. allenfal ls b eruf lich teilqual ifiz ie
rend e Funk tion d er be rufli chen A usbi ldung vorg elage rt sin d (vgl. Schmidt 2 011 : 1 3 ),
ste lle n das S chu lbe ruf ssy ste m 4 und das duale Syst em 5 eine voll qua lif izi ere nde Beru fs
aus bild ung bere it, die anschl ieß end den direk ten Überg ang in das Besc häf tig ungs sys
tem er mögl icht . Aufg rund der h istor isch en Ent wick lung d er Fr auene rwer bsarb eit i n
Deu ts chl an d, deren Ins tit ut ion al isi er ung zu Be gin n de s 20 . Ja hr hun der ts vor wie ge nd in
For m von Schu lbe ruf en erf olg t ist (vgl . Krüge r 1 991 : 155 – 1 58 ; Rahn 2001 : 54 – 7 7 ), b es teh t
auch heut e noch eine Gesch lec hter seg rega tio n zwi sche n den beide n vol lqua lif izi eren
den Syst eme n des Beru fsb ild ung ssy st ems , die sich i n den Einm ünd ung squ oten wi der
spiege lt (vgl. dazu bereit s Krüger 1991 ). So münden im Berichtsja hr 2017 42 % de r
Fra uen in das duale Syst em un d 35 % in das Sc hul ber ufs sys tem ein , wäh ren d die Män
ner zu 55 % in da s du ale Syst em u nd zu 11 % i n das Schu lb eru fss yst em ü ber geh en ( vgl .
See be r et al. 2019 : 3 6 ). Ä hnl ic he Zahle n beric htet auch das Bunde sinst itu t für Ber ufsbi l
dung . Im Be rich tsjah r 2014 ware n 72 . 1 % der A nfäng erin nen un d Anfänger i n sch u
lis che n Ausbi ldu ng en weibl ich , wä hre nd im d ua len Sy st em nur 40 . 5 % der Anf än ger in
nen un d Anfänger we iblich sind ( vgl. B undesin stitut für Be rufsbil dung 2 016 : 2 27 ).
Som it b ekr äftig en die E rg ebn iss e die Eins chätz ung en Zöl ler s ( 201 5 : 5 3 ), die für das Jah r
201 3 ko nst ati ert , da ss F rau en i m du ale n Sy ste m un ter re prä sen tie rt u nd d emg ege nüb er
im Schul beruf ss yst em über rep räsen ti ert sind .
Jens eits diese r G esch lech ters egr egat ion zwische n d en bei den vollqua lifi zie rend en
Syst emen des B eruf sbi ldun gssy stem s i st wei terh in auch innerh alb des dualen System s
eine Gesch lech terse greg ation zu b eobac hten . Werden di e ins gesa mt 32 6 anerkann ten
4 Das „Schulberufssystem“ ermöglicht „die Ausbildung für einen gesetzlich anerkannten Beruf in vollzeitschulischer F orm
in V erantwortung des Schulträgers“ (K onsortium Bildungsberichterstattung 2006: 79). Dabei ist jedoch zu berück sich-
tigen, dass sich hinter diesem Begriff kein einheitliches, sondern ein sehr heterogenes F eld verbirgt (vgl. Bundesinstitut
für Berufsbildung 2017 : 192). F ür die überwiegende Mehrheit der schulischen Berufsausbildungen gilt eine landesrecht
liche Regelung, wobei für eine Vielzahl der landesrechtlich geregelten Ausbildungsberufe eine bundesweite Rahmenver
einbarung der Kultusministerkonferenz (KMK) vorliegt (vgl. Bundesinstitut für Berufsbildung 2017 : 192). Daneben existie
ren jedoch auch außerhalb des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) sowie der Handwerksordnung (HwO) bundesrechtlich
geregelte Ausbildungen, die insbesondere das Gesundheitswesen betreffen (vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der
Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 2013: 10). Somit lassen sich die Bildungsgänge der Berufs
fachschule, die zu einer V ollqualifizierung im Sinne des Schulberufssystems führen, wiederum in zwei Bereiche untertei
len. Zum einen in Bildungsgänge, die zu einem Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf gemäß BBiG bzw .
HwO führen, und zum anderen in Bildungsgänge, die zu einem Berufsausbildungsabschluss führen, der nur über den
Besuch einer Schule erreichbar ist (vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundes
republik Deutschland 2013: 5– 7 ; P ahl 2014: 306).
5 Das duale S ystem, welches als „institutioneller Kern des deutschen Berufsbildungssystems“ bezeichnet werden kann
(Hillmert 2002: 65), ermöglicht „die Ausbildung für einen anerkannten Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz
(BBiG) oder der Handwerksordnung (HwO)“ (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 79). Kennzeichnend für das
duale System ist eine Dualität, die sich jedoch nicht nur auf die zentralen Lernorte (Ausbildungsbetrieb und Berufsschule;
eventuell ergänzt durch überbetriebliche Ausbildungswerkstätten), sondern auch auf die „Dualität von zwei Regelungs-
und Steuerungsmustern“ (Greinert 2001: 186; kursiv i. O.) beziehen (vgl. dazu auch Schelten 2010: 64 –68). Dabei unter
liegt der betriebliche T eil der Ausbildung bundeseinheitlichen Regelungen, während der schulische T eil der Ausbildung
der jeweiligen Kulturhoheit der Bundesländer obliegt (vgl. Schanz 2015: 43).
Die Geschlechtersegregation des deutschen Ausbildungsmarktes 21
Ausbild ungsberu fe des Jahres 2017 auf Basis der vom Bundesin stitut für Berufsbil
dung zur Verfüg ung gestellt en „DAZ UBI- Date nblä tter“ 6 nach ihrem ges chle chtli chen
Antei l zum Stich tag 31 . 1 2 . 201 7 geclus tert 7 , sind bei ei nem Gren zwert vo n unter 30 %
insg esam t 187 Au sbil dun gsbe rufe a ls män nerr eich zu kla ssif izie ren. S omit i st et wa die
Hälf te alle r aner kannt en Aus bild ungsb eruf e im dual en Sys tem die ser Kategori e zuzu
ordne n. Dabei sind mä nnerr eiche B erufe zu m größ ten Tei l in den Zu ständ igkei tsbe
reichen „Handwerk“ und „Indus trie und Ha ndel“ zu finden. Wie der Auswahl der
männ errei chen Beruf e in Tabel le 1 z u ent nehm en ist (ein e vol lstä ndige Über sich t fin
det sich in Tabel le A 1 im Anhan g), werde n im Zu stän digk eit sber eich „Indust rie und
Hand el“ vereinz elt kaufmä nnis che Ber ufe überwie gend von M änne rn aus geüb t ( z. B.
Sport fachm ann/- frau ), während sic h der Groß teil de r männe rreic hen Ber ufe im ge
wer blic h-t ech nis chen Kon text befi nde t. Dazu zähle n Branch en wie die Ele ktr otec hni k,
die Meta llbe arbe itu ng u nd - herstel lung , di e Ba uber ufe , di e Ch emie indu stri e o der die
Leben smitte lherst ellung . I m Zuständ igkeit sberei ch „Handw erk“ sind män nerrei che
Ber ufe ebe nfa lls in zah lre ich en Gewe rke n zu finde n. Hie rzu zäh len das Hol z-, Met all -,
Bau - und Aus bau han dwe rk sowie die Farb tec hni k und das Lebe nsm itt elh and wer k, so
das s in beide n Zustä ndi gke its ber eic hen ein e groß e Bandb rei te unte rschie dli che r män
nerre icher Beru fe zu finde n ist. Z uletz t s ind auch weni ge männer reich e Berufe im
Zust ändi gke itsb erei ch „Lan dwir tsc haft “ v eror tet (z. B. Forstw irt/ -in , Gär tner /-i n o der
Lan dwi rt/ -in ) , w ohi nge gen in den Zus tän dig ke its ber eic he n „F rei e B eru fe“ und „Ha us
wirts chaft “, die tr aditi onell a ls Domä nen der w eibli chen Erw erbs arbei t gelte n, keine
män nerre ich en Ber ufe vorz ufind en sind .
Bei ins gesamt 21 männerreichen Berufen liegt d er Frauenanteil zum Sti chtag
31 . 12 . 20 17 bei 0 . 0 0 %. Inne rha lb der wei teren männ err ei che n Be ruf e ha ben im Jah r 201 7
19143 weib liche Aus zubild ende eine n Ausbildu ngsve rtrag abge schlos sen, was eine n
Antei l von 8 . 5 % an all en neu a bgesc hloss enen Au sbil dungs vertr ägen i n männe rrei
che n Ber ufe n ent spr ich t. Zum Stic ht ag 31 . 12 . 2017 bef ind en sich 489 78 wei bl ich e Ausz u
bild ende in ei nem männer reic hen Beruf; dies e nts pric ht eine m A nte il von 8 . 1 % al ler
Aus zu bil de nde n in eine m männe rreic he n Be ruf .
6 Im „Datensystem Auszubildende “ (DAZUBI) des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) werden die Daten der Berufsbil
dungsstatistik als Ergänzung zum Datenreport des Berufsbildungsberichts aufbereitet. Die Daten werden auf Basis von
Datenblättern zur Verfügung gestellt, die Angaben zu den Neuabschlüssen von Ausbildungsverträgen, Beständen der Aus
zubildenden, Informationen zur Vorbildung der Auszubildenden, aber auch vom Bundesinstitut für Berufsbildung berech
nete Indikatoren, wie die Vertragslösungs- oder die Prüfungserfolgsquote, beinhalten. Die Datenblätter können für be
stimmte Berufe, Berufsgruppierungen, Regionen oder in Form von Zeitreihen abgerufen werden (siehe https://www.
bibb.de/de/ 1864 .php [Stand: 12 . 05 . 2024 ]).
7 Bei insgesamt sechs anerkannten Ausbildungsberufen sind zum Stichtag 31. 12.2017 keine Auszubildenden vorhanden.
Dabei handelt es sich um die folgenden Ausbildungsberufe: Flechtwerkgestalter/-in ; Glas- und P orzellanmaler/-in ; Kauf
mann/-frau im Eisenbahn- und Straßenverk ehr; Leuchtröhrenglasbläser/-in ; Pelzveredler/-in ; V orpolierer/-in Schmuck-
und Kleingeräteherstellung.
22 Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes
T abelle 1: Männerreiche Berufe innerhalb des dualen Ausbildungssystems – Auszug (Quelle: „Datenbank Auszubildende“ des Bundesinstituts für Berufsbildung auf
Basis der Daten der Berufsbildungsstatistik der statistischen Ämter des Bundes und der Länder (Erhebung zum 31. Dezember), Berichtsjahr 2017)
Berufs
bezeichnung
Zuständigkeits-
bereich 1
Neuabschlüsse
2017, Gesamt
(Bundesgeb.)
Neuabschlüsse
2017, Frauen
(Bundesgeb.)
Frauenanteil Neu
abschlüsse 2017
(Bundesgeb.)
Auszubildende am
31.12.2017
(Bundesgeb.)
Auszubildende
(Frauen) am
31.12.2017
(Bundesgeb.)
Frauenanteil am
31.12.2017
(Bundesgeb.)
Anlagenmech./-in
für Sanitär-, Heiz.-
und Klimatechn.
Hw; IuH 11823 159 1.34% 33474 423 1.26 %
Bäcker/-in Hw; IuH 2781 606 21.79 % 6249 1467 23.48 %
Berufskraftfah
rer/-in IuH 3297 192 5.82 % 7077 378 5.34 %
Brauer/-in und
Mälzer/-in Hw; IuH 384 39 10.16 % 999 102 10.21 %
Chemikant/-in IuH 2082 297 14.27 % 6783 975 14.37 %
Dachdecker/-in Hw 2961 57 1.93 % 6669 114 1.71 %
Elektroniker/-in für
Betriebstechnik Hw; IuH 6576 360 5.47 % 21702 1155 5.32 %
F achinforma-
tiker/-in Hw; IuH 13095 972 7.42 % 32379 2382 7.36 %
F achkraf t für Lager-
logistik Hw; IuH 10560 1251 11.85 % 25047 3036 12.12 %
F achkraf t für V er
anstaltungstechnik IuH 1200 108 9.00 % 3123 288 9.22 %
F orstwirt/-in Lw 642 51 7.94 % 1704 132 7.75 %
Gärtner/-in L w 5022 969 19.30 % 12558 2424 19.30 %
Industriemechani
ker/-in Hw; IuH 12537 789 6.29 % 43977 2703 6.15 %
Koch/Köchin IuH 8679 1890 21.78 % 18873 4266 22.60 %
Kraftfahrzeug
mechatroniker/-in Hw; IuH 21798 924 4.24 % 65163 2616 4.01 %
Landwirt/-in L w 4143 678 16.36 % 9309 1374 14.76 %
Die Geschlechtersegregation des deutschen Ausbildungsmarktes 23
mit der Ma jor it ät ein jew eil s 1 . 4 -fa ch es höh ere s Ris iko ein er vor ze iti gen Vertr agsl ösu ng
(vg l. Rohr bac h-Sc hmidt & Uhl y 2015 : 129 f.). Die erhöh te Anza hl vorz ei tig er Vert rag s
lösun gen von Aus zubil dende n i n gesch lecht s un ty pisch en Ausbi ldung sverh ältni ssen
kan n Beckm ann ( 20 23 : 13 – 14 ) auf Bas is der län gss chn itt lic hen Dat en des „Na tio nal en
Bi ldu ngsp an el s“ (N EPS) n oc h einm al b est ätig en . De mna ch si nd in d en er ste n 1 8 Mo na
te n 11 . 7 8 % de r Fra ue n, ab er nur 7 . 96 % de r Män ner in män ne rr ei ch en Ber ufen vo n ein er
vorz eiti gen Ver trag slös ung betr offe n. I n f raue nrei chen Berufen sind in der gle iche n
Zei tsp ann e hinge ge n 13 . 3 % der Frau en und 20 . 1 % der Männ er mit eine r vorze iti gen
Ver trag slö sung kon fro ntie rt. Äh nli che Befu nd e liege n auc h für die Schw ei z vor. Rot te r
man n ( 20 17 : 119 – 1 33 ) stel lt au f der Gr und la ge amt li che r Dat en de s Schw eizer Bu nde s
amt s für Stat is tik für die Jah re 2008 bis 201 2 fü r fraue n- und män ne rre iche Beru fe gle i
ch er ma ße n f est, das s d ie Ver tr ag slö sung sq uo te der gesc hl ec ht li ch en Mino ri tä t üb er der
je ni gen d er Ma jo rit ät ra ngi ert (v gl . Ro tt erm ann 20 17 : 12 6 – 128 ). Di ese s R es ul tat k ann de r
Au to r au ch auf Ebe ne der ei nzel nen Au sbil dung sber ufe fü r ein e Vi el za hl der frau en- un d
mä nn er re iche n Aus bi ld ungs beru fe be st ät igen (vg l. Ro tt erma nn 20 17 : 129 – 131 ) .
Differ enzier t man die Vertragslö sungsq uoten in der deutsc hen Berufs bildun gs
stati stik anal og für die gesc hlech tssegr egier ten Ausbi ldung sberuf e, die in Kapit el 2 . 2
iden tifi zier t w urde n, e rgib t si ch f ür m änne rrei che Beru fe e in k omp lexe s Bi ld. Dabe i is t
zu berü cksi chti gen, da ss bei zah lrei chen mä nner reic hen Ber ufen di e Vertra gsl ösun gs
quote der Fraue n und in einig en w enigen Fäll en a uch der Männer in der Berufs bil
dungsstatis tik ni cht au sgewiesen ist, sodass kein Verglei ch vor genommen werden
kann (sieh e Tabelle B 1 i m Anhang). Die s ist unter andere m darauf zurüc kzufüh ren,
dass fü r die Be rechnun g der Lö sungsquo te anhand des S chichten modells für jedes
Analysejah r e ine Mindestzah l v on 20 Ausbildungs verträgen pro Teilquote benötigt
wird (vg l. Uhly 20 22 : 48 ). Si nd nicht g enüge nd Ausbi ldung svertr äge für di e jeweil ige
Teilquote vorhanden, kann die Lösungsquote nac h d em üblichen Schi chtenmodel l
nich t b ere chne t w erd en.
Für die Me hrheit d er männ erreic hen Beru fe, für di e eine Lös ungsq uote der b ei-
den Ges chlec hter vo rlieg t, lieg t die Lö sungs quote d er Frau en als geschle chtli cher Mi
norit ät tatsäc hlich obe rhalb der Lö sungsq uote der Män ner. Dies ist fü r 44 von i nsge
samt 7 8 Ber ufen d er Fa ll (si ehe T abel le B 1 im Anh ang) . Tab elle 4 enthäl t eine n Aus zug
der L ösungsq uoten in männerreic hen Be rufen, bei denen die Lö sungsqu ote d er ge
schl echt liche n Min orit ät erhöht ist. Ausgewie sen sind die fünf Berufe mit der größt en
Diff eren z der Lösungs quot en zwi sche n den Geschle chte rn.
30 Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes
T abelle 4: Männerreiche Ausbildungsberufe mit höherer Lösungsquote der geschlechtlichen Minorität nach
der Größe der Differenz der Lösungsquoten zwischen den Geschlechtern – T op 5 (Quelle: „Datenbank Auszu
bildende“ des Bundesinstituts für Berufsbildung auf Basis der Daten der Berufsbildungsstatistik der statis-
tischen Ämter des Bundes und der Länder (Erhebung zum 31. Dezember), Berichtsjahre 2014 bis 2017 (für
Bremen mussten für das Berichtsjahr 2015 die V orjahreswerte verwendet werden, da keine Datenmeldung
erfolgte). Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsbildung)
Lösungsquote
Berufsbezeichnung Gesamt Frauen Männer Differenz
Metallbauer/-in 36.1 51.2 35.8 15.4
Mathematisch-technischer Softwareentwickler/-in 14.3 25.7 12.0 13.7
F achkraf t für Abwassertechnik 8.7 17.7 7.7 10.0
Mechatroniker/-in für Kältetechnik 28.2 37.8 27.9 9.9
Land- und Baumaschinenmechatroniker/-in 15.8 24.8 15.6 9.2
Alle rding s gibt es au ch ein ige m änner reic he Ber ufe, i n den en die Lösun gsqu ote de r
Fra uen je ne der Män ner ni cht übe rst ei gt, son der n – te ils deu tli ch – u nt ers chr eit et . D ies
ist e twa bei den S ervi cekr äfte n fü r Schutz und Siche rhei t so wie den I ndus trie elek tri
ker /-in nen der Fa ll (sieh e Tabe lle B 3 im Anha ng) .
Bei de n frauenreiche n Ausbildungsb erufen zeigt sich ei n ähnliches B ild. A uch
hier s ind die L ösung squo ten der g eschl echtl iche n Mino rität , also d er Männ er, ge gen
über jen er der Fra uen zum eist erh öht (sie he Tabe lle B 2 im A nhang ). Dabe i kann die
Differenz, wie in Tabell e 5 dargestellt , bi s zu 22 . 2 Pro zentpunkte im Beruf „Maß
schn eide r/- in “ erre iche n.
T abelle 5: F rauenreiche Ausbildungsberufe mit höherer Lösungsquote der geschlechtlichen Minorität nach
der Größe der Differenz der Lösungsquoten zwischen den Geschlechtern – T op 5 (Quelle: "Datenbank Auszu
bildende" des Bundesinstituts für Berufsbildung auf Basis der Daten der Berufsbildungsstatistik der statis-
tischen Ämter des Bundes und der Länder (Erhebung zum 31. Dezember), Berichtsjahre 2014 bis 2017 (für
Bremen mussten für das Berichtsjahr 2015 die V orjahreswerte verwendet werden, da keine Datenmeldung
erfolgte). Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsbildung)
Lösungsquote
Berufsbezeichnung Gesamt Männer Frauen Differenz
Maßschneider/-in 23.5 42.7 20.5 22.2
Patentanwaltsfachangestellte/-r 18.9 36.7 16.3 20.4
Zahnmedizinische/-r F achangestellte/-r 30.6 48.5 30.2 18.3
Hauswirtschafter/-in 29.2 44.5 28.0 16.5
Pharmazeutisch-kaufmännische/-r Angestellte/-r 26.2 39.5 25.3 14.2
Gle ichz eit ig gib t es ab er auc h in di ese m Kon tex t Beru fe , in de nen die Lös ungs quo te de r
Män ner als g esc hle chtl ich er Min ori tät niedri ger als die Lösun gsqu ote der Fra uen ist.
Vo n d en 3 4 fra ue nr eic hen Be ruf en, fü r di e Ver trag slö su ng squ oten fü r bei de G es chl ech
ter nach dem Schi cht enmo del l vor lie gen, betr ifft dies fünf Ausbil dun gsb eruf e. Dabei
han de lt es sich um die Beru fe Facha ng est ell te/-r für Me die n- und In for matio nsd ienst e
(w : 5 . 0 %; m: 4 . 0 % ), Mi lc hw ir ts ch af tl ic he /- r Lab or an t/ - in ( w: 11 . 2 %; m: 4 . 2 %) , Fl or is t/ - in
Geschlechtersegregation und V ertragslösungsquoten im dualen System der Berufsausbildung 31
(w: 43 . 0 %; m : 34 . 5 %), P ferdewir t/-in (w : 44 . 5 %; m: 34 . 9 %) und Gol dschmie d/-in
(w : 31 . 7 %; m: 19 . 4 %) , in de ne n di e Ver trag sl ösun gs qu ot e de r Fra uen zw is ch en 1 . 0 % un d
12 . 3 % höhe r al s di e Ver trags lö sun gs quo te der Männe r ist. Im Ver gl eic h zu männ er rei
che n Aus bil dun gsb eru fen ist eine geri nge r aus gep räg te Vertr ags lös ung squ ote der ge
sc hl ec ht li ch en Mino ritä t in fra uenr ei ch en Aus bi ld un gs be ru fe n de ut li ch sel te ne r.
Die Er ge bni ss e a uf de r Ebe ne de r e in zel ne n A usbil du ngs be ruf e bes tä tig en al so die
auf Eben e der Zustän di gkei tsb ere ich e formu lie rte Anna hme , dass es vor neh mli ch die
ges chle ch tli che Mino ri tä t ist, di e vorz ei tig au s dem Aus bil dung sve rhäl tn is aus st eig t, nu r
bedi ngt. Z war i st so wohl für m änne rreic he al s auc h für frau enre iche Beruf e bei der
Meh rzahl der Ber uf e die Lösu ng sq uot e der g esc hl ech tlich en Min oritä t i m Verg le ich z ur
ges chle cht lich en Majo ri tät tat sä chl ich er hö ht . In bei den Tei lg rup pen gi bt es ab er eben so
Aus nah men , in de nen die Lös ung squ ote d er Maj ori tät obe rha lb der Lösu ngs quo te der
Mi nor ität lie gt.
Dass dies zumi ndest teil weis e auch an der St ärke der G esch lecht erse grega tion in
den Berufe n liegen k önnte, läss t eine Auswertung von Altho ff ( 1992 ) auf Basis amt
lich er Sta tist iken des S tat isti sche n Bund esam tes für de n Beri chts zei trau m v on 198 8 b is
1990 ver mute n. In dieser w erd en na ch d em F raue nant eil f ünf Grup pen gebi ldet . Da bei
zeigt sich, das s die V ertrags lösungsr ate von Frauen gegenüb er der L ösungsr ate der
Männe r bei sinken dem Fra uenan teil a nstei gt und diese s Phän omen au ch umg ekehr t
mit sinkendem Männera nteil auftr itt. Anders formulier t: „Mit wachs endem Unte r
schi ed zwische n den Ges chle chte rante ilen , wächst auch der Unters chied der Vertr ags
lösun gsrat en zu Las ten des G eschl echt s, das in der Minderhei t ist“ ( Altho ff 1992 : 27 ).
Dies er Bef und ließ sich für e inen läng eren Zeit raum noch einma l be stäti gen ( vgl. Alt
hoff 2001 : 2 4 ). In de r be rei ts e rwäh nten Unt ersu chun g au f Ba sis der läng ssch nitt lic hen
Daten des „Nation alen Bildungs panels“ (NEPS ) ze igt Beckmann ( 2023 : 14 – 16 ) auf,
dass in fr auenr eiche n Beruf en bis zu ei nem Män nerant eil von 3 5 % die Wahr schei n
lichk eit für ei ne vorz eitige V ertra gslös ung in den er sten sec hs Mona ten nach A usbil
dungs beginn für Mä nner sign ifikan t h öher ist als fü r Frauen. Ent gegeng esetz t ist i n
männer reiche n Berufen die Wahrsc heinlic hkeit einer Vert ragslö sung für Frauen er
höht , w obe i d iese r Gesc hlec hter unt ersc hied allerd ings nicht signif ikan t i st.
Die d ar ges te llt en E rg ebn isse vo n Beckm ann ( 2 023 : 14 – 1 6 ) la sse n ve rmute n, da ss i n
Übe rei nst imm ung mit den Erg ebn iss en von Alth off ( 19 92 ; 200 1 ) auch in der jüng ere n
Ve rga ngenh eit ei n Zusa mm en han g zwis ch en der Höhe der offi ziel len Ver tr ag slö sung s
quo te u nd d er St ärke de r Gesc hle ch ter segre gatio n be st eht . Um d iesen Z us amm enhan g
zu über prü fen, wurd en in de r vo rli egend en Arb ei t bi var iate Korr el ati onen der of fi zie ll en
Ver trags lösun gsquo ten des B un des insti tuts f ür Ber ufsbi ldung fü r das B er ich tsja hr 2 01 7
sowi e ein es Seg rega tio nsni vea us, das aus dem A nte il der Gesch lech ter min orit ät zum
31 . 12 . 20 17 abg ele it et wur de , be re chn et. Es wu rde n n ur solc he Ber ufe i n di e Anal yse au f
gen omm en, für die ein e Vertr ags lös ung squ ot e nach dem Schi chtenm ode ll sep ara t für
bei de G esc hl ech ter ein es Au sb ild un gsb er ufs v orl ie gt. D ie Auswe rtung er folgt s omi t au f
Basi s v on 34 fra uenr eich en und 78 männer reic hen Berufe n, und zwar m it folg end en
Erg ebnis se n: In m änn errei chen Au sb ild un gsb er ufe n be st eht w ed er fü r Fraue n (r = - . 16 ;
32 Die Geschlechtersegregation des deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarktes
p = . 17 0 ) no ch für Män ne r ( r = . 0 1 ; p = . 9 41 ) ein Zu sam menha ng zwi sc hen de r H öhe de r
Ve rtr agsl ösu ngsq uo te und de r Stä rke de r Ges ch lec hter seg rega ti on.
And ers is t die Si tua tio n jed och in fra uenre ich en Beruf en: In die sen k orr eli eren die
Höh e der Ver tra gslös ung sq uot e und die Stä rke der Ge sch lec hters egr eg ati on f ür Fra uen
mod era t mitein and er (r = . 41 ; p = . 015 ) (vgl . Cohen 1988 : 80 ). Für Männer i n fraue nre i
chen Beru fen best eht sogar eine starke Korr elati on z wisc hen der H öhe der Vertr ags-
lös ung squ ote und der Stä rke der Ges chl echter se gre gat ion (r = . 61 ; p < . 00 1 ) (vg l. Coh en
198 8 : 80 ). Die p ositi ve Richt ung de r Kor rel at ion ve rde ut lic ht, da ss die Ve rt rag slö su nge n
umso h öher au sfall en, je s tärk er die Geschl echte rsegr egat ion in d en Berufen au sge
prä gt u nd je k le ine r die ges chl ec htl ich e Mino ri tät in d en B er ufe n ist. Int er ess ant erwei se
ist diese s Erg eb nis nicht nur auf Männe r in fra ue nre ic hen Beruf en be sch rä nkt , son der n
gil t au ch f ür die Fra uen in di es en B eru fen . Di e h öhe re K orr ela tion f ür M änn er v erw ei st
jed och dar auf , dass ihr e Situa tio n in fraue nre ich en Beru fen doc h noch einm al ein e an
der e Qu al itä t au fw eis t.
Zus amme nfa ssen d mehr en sich nac h den dar ge ste llte n Er gebn iss en de r of fizi ell en
Ber ufs bild ung sbe ric hte rsta ttu ng sowi e den weit ere n Forsch ung ser geb niss en die Hin
we ise da ra uf , dass fü r Aus zu bil dend e in gesc hl ec hts un ty pi sch en Au sbil du ngs verh äl tni s
sen ein erh öhte s Ris iko beste ht, ihre Ausbil dung vorz eiti g zu beende n. Im folge nde n
Abs chnit t wi rd nun da rgest el lt, wi e da s e rhöht e Ri sik o ei ner vo rz eit ig en Ve rtr ag slö su ng
de r Min or itä ten in ge sc hle chts u n typ isc he n Aus bild ung sberu fen the oret isc h erk lärt we r
de n könn te .
Geschlechtersegregation und V ertragslösungsquoten im dualen System der Berufsausbildung 33
3 Theoretische Ansätze zur Erklärung
vorzeitiger V ertragslösungen in
geschlechts un typischen
Ausbildungsverhältnissen
3. 1 Allgemeine Erklärungsansätze vorzeitiger
V ertragslösungen
Welc he t heor etis chen Ans ätze kön nen n un d azu beit rage n, v orze itig e Ve rtra gslö sun
gen im Allgem ein en und in gesch lec hts un ty pis che n Ausbil dung sve rhä ltn iss en im B e
son der en zu erk lär en? Neb en Erw art ung s- Wer t-T heo rie n, die sic h e mpi ris ch als bes on
ders frucht bar für d ie E rkläru ng l eistun gsbezo gener Wahle ntsche idunge n erwiesen
hab en (vgl. Eccle s 1983 ; 1994 ; Eccle s & Wigfie ld 2002 ), dürf ten sozi alis ati ons - und pas
sungs theore tisch e Ansätze zum Ve rstän dnis vorz eitige r V ertra gslös ungen bei tragen
(vgl . Sta lder & Schmi d 201 6 ). Diese Ansätz e heb en stä rker als Erwartu ngs -We rt-T heo
rien die B ede utun g u nte rsch ied lich er Eben en der Arbeit sum welt und d ie Ent steh ung
von „Mis fi t“ als Urs achen für be ru fli ch e Ver änder un gen herv or . Wei te rhi n wird spezi el l
mit soz ial isa tio nst heo ret isch en Ansä tze n beton t, dass die Int egr ati on in beruf lich e wie
betr iebli che K onte xte u nd di e damit ve rbun dene R olle ande rer P erso nen a us de r Ar
bei tsu mwe lt eine n zent ral en Erkl äru ngs bei tra g für vorz eit ige Ver tra gsl ösu nge n leis ten
kön nen . Di e d re i the ore tis chen An sät ze werde n dah er im Fo lge nde n dar ge ste llt un d im
Ans ch lus s au fe ina nd er bezog en .
3. 1. 1 Erwartungs- W ert-theoretische Ansätze
3. 1. 1. 1 Das Erwartungs- W ert-Mo dell leistungsbezogenen V erhaltens (Eccles &
Wigfield)
In d er T heo rie fam ili e de r Er war tun gs -We rt- The ori en ( vgl . Es ser 1999 : 24 7 – 2 94 ) hat sich
das Erwart ungs- Wert-M odell leis tungs bezoge ner Wahle ntsche idunge n v on Eccles &
Wigf ield unter and erem bei d er Erkl ärun g v on Beru fswa hle ntsc heid unge n e mpir isc h
bew ährt (vgl . Ecc les 1983 ; 1994 ; Eccl es & Wi gfie ld 2002 ; Wigfi eld & E ccle s 1992 ; 2000 ).
Alle rdi ngs bleibe n die Analys emög lic hkei ten des M ode lls nicht nur a uf die urspr üng
lic he Wahl ent sch eid ung beg ren zt. Vie lme hr, so führ en die Aut ore n in jünger en Arb ei
ten a us, er mögli cht d as Model l auch, d ie Entst eh ung ei ner Rev isi on d er urspr üngli che n
Ent sch ei dun g, in die se m F all di e D urchf ühr ung ei ner vo rze iti ge n V ert ra gsl ösu ng, üb er
die Zeit hinwe g zu erkl ären (vgl . Eccles & Wig fiel d 2020 : 3 ). Wie eine vere inf ach te Va
ria nte des Mode lls in Abbil dun g 1 illu str ier t, werd en leist ung sbe zog ene Wah len tsc hei
dunge n s owie die an schli eßend ta tsächl ich erbr achte Le istun g durch zwei üb ergre i
fen de Fakto ren erk lär t: die persö nli che Erf olg serw art ung ( exp ect anc y) und den subj ekti ven
Wer t ei ne r Au fga be (tas k va lue ) .
Erf olg ser war tun gen def ini ere n Eccle s & Wigfie ld ( 20 02 : 119 ) als „ind ivi dua l’s bel ief s
abo ut how well the y will do on upcom ing tas ks, eit her in the imme di ate or long er- ter m
fut ure “ (vgl. au ch Wi gfi el d 199 4 : 52 ; Wig field & Eccle s 2000 : 70 ). Nach Ec cle s & Wigfi eld
( 200 2 : 119 ) w eis t d as Kon zept der E rfol gse rwar tung damit eine groß e Ähnl ichk eit mit
Band ura s K onz ept der S elbs twi rksa mkei tse rwar tun g a uf (vgl. daz u a uch Stiens mei er-
Pel ste r & Otte rpo hl 2018 : 573 ), wenn gle ich d ie Auto ren a n ander er Stel le (vgl . Wigfi eld
& Eccle s 2000 : 72 ) bet one n, dass sie Erf olg ser war tun gen als dom äne nsp ezi fis ch vers te
hen, währe nd Selbst wirk sam keit ser war tung en häufig konkr eter auf der Ebene einze l
ner Tätig keit en unters uch t werd en. Erfol gse rwar tun gen sind wieder um konzept ion ell
von de n v on Wi gfi eld & Ecc le s ( 20 00 : 70 ) f or mul ier ten „a bil it y b el ief s“ zu dif feren zie ren
(vg l. da zu au ch W igf iel d, To nks & Klaud a 20 16 : 57 ). Le tzt ere sind defin ier t als „the indi
vidua l’s per cept ion of hi s or her c urren t comp etenc e at a giv en activity“ ( Wigfi eld &
Ecc le s 200 0 : 70 ) und ähn el n dam it de m Kon zep t des Fähig ke its se lbs tk onz ept s (vg l. dazu
Stie nsmei er-P elste r & Ot terpo hl 20 18 : 57 3 ). O bwoh l Fähi gkei tsse lbstk onze pt und Er
fol gser war tun gen theo ret isc h get ren nte Konz ept e sind, sind sie empir isch o ft nicht zu
unt er sch ei den (vgl . Eccl es & Wigf iel d 19 95 ; 20 02 : 119 ) .
Neben der Er folgs erwar tung t rägt d er sub jekti ve Wer t eine r Aufgabe da zu bei, dass
die Wahrs cheinl ichke it der Wahl der Auf gabe stei gt oder abni mmt (vgl. Ec cles 2005 :
109 ). Nach Ec cles ( 2 005 : 1 09 – 113 ) können vier v erschie dene F acetten des Au fgaben
wert s untersc hiede n we rden, näml ich Wicht igke it (a ttai nment value) , Inter esse (int eres t-
enjo ymen t valu e) , Nützlic hke it (uti lity value ) u nd Kost en (relati ve cost ) .
Abbildung 1: Das erweiterte Erwartungs-W ert-Modell leistungsbezogenen V erhaltens von Eccles & Wigfield
(Quelle: Stiensmeier-P elster & Otterpohl 2018: 572)
36 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
Die Wichti gkei t beschrei bt die Bed eutu ng, die es f ür die jew eilig e Person hat, eine Auf
gabe e rfolgre ich zu bewält igen ( vgl. E ccles & Wigfield 20 02 : 119 f.; Eccles 2005 : 109 ;
Wigfie ld, T onks & Klauda 2016 : 57 f.), weil sie nach Stien smeier -Pelst er & Otter pohl
( 2018 : 573 ) mit dem Selbstkon zept der jewei ligen Perso n e ng v erknüp ft ist. Verste ht
sich e ine ju nge Fr au od er ein j unge r Mann e twa s elbs t als ei ne Per son, d ie ein en so zia
len B eitr ag le iste n möchte, und g laub t sie, dass das in d em je weil igen Ausbi ldun gsbe
ruf mögl ich ist, wir d dies den sub jekti ven Wert des Au sbildu ngsbe rufs erhö hen und
die Vertrag slö sung snei gung entspr ech end senken.
Inter esse be zieht s ich dem gegen über au f die Fr eude, di e die Pe rson be i der Be ar
beitun g e mpfind et oder zu erleb en e rwart et ( vgl. Eccl es & Wi gfield 200 2 : 120 ; Eccle s
2005 : 111 f.; Wigfie ld, Tonks & Kla uda 2016 : 58 ) . Dami t steh t Inte ress e in eine m enge n
Zusa mmen hang mit der eigent lich en Durchf ühru ng der Aufgabe , jedoch weni ger mit
ihren E rgebn isse n (vgl. Schun k et al. 2 010 : 6 3 ). In di esem K ontext sind be sonde rs be
rufl iche Inter esse n angespro chen . Damit sind berufli che Tätig keite n sowie die Inhalte
des A usbildungsber ufs ver bunden, mit denen man si ch nach diesem Verst ändnis
gern e a use inan ders etzt .
Die dritt e F acett e des Aufgab enwert es stell t die Nützli chkeit da r. Sie ist ein Maß
dafü r, wie sehr d ie Auf gabe zum E rrei chen persön lic her Lebensz iele beiträ gt, was auch
mögli che Kar riere ziele ei nsch ließt (v gl. Ecc les & Wig field 2 002 : 12 0 ; Eccl es 2005 : 112 ;
Schu nk et al . 2010 : 63 ; Wig fiel d, Tonk s & Klau da 201 6 : 58 ) . Im Gege nsatz zu Intere sse
bezi eht si ch die se Face tte de s Aufg aben wert es ehe r auf ex terne F akto ren, d ie dur ch die
Attra ktivit ät der Han dlungs folge n charak teris iert sin d (vgl. Sti ensmei er-Pe lster & Ot
terpohl 2018 : 574 ). Nützlich keit b ezieht sich i m Sinne des G egensta ndsbere ichs d er
vorli egend en Arb eit auf exter ne Beru fsmot ive, w ie die V erein barke it von F amili e und
Beru f o der die Ü bern ahme weite rer soziale r R oll en. Darüber hinaus kann die Absolv ie
rung ei ner ge schl echt s un t ypis chen Be rufs ausb ildu ng für we iter e Karr iere pers pekt iven
nütz lich sein.
Neben diese n drei posit iv formulier ten Fa cette n werden auc h die Ko sten b etrac h
tet, di e sich d urch di e Bearb eitun g der Au fgabe e rgebe n (vgl. E ccles & W igfie ld 2002 :
120 ; Eccles 2005 : 112 f.; Wigfiel d, Tonks & Klauda 2016 : 58 ). Wie Stiensm eier -Pels ter &
Otterpo hl ( 2018 : 574 f.) au sführen , können die Kos ten in d rei Ber eiche d ifferenz iert
werden: Sie entstehen erstens dadurch, dass di e Entscheidung fü r eine Au fgabe di e
Möglichke it verschli eßt, zugleich eine andere Aufgabe zu be arbeiten. Dementspre
chend s ind die K osten u mso höh er, je gr ößer di e Attra ktivi tät der a ltern ative n Aufga
ben ist und je stär ker die Besc hränku ngen durc h d ie gewäh lte Aufga benbe arbeit ung
ausf allen . Zwe iten s ent steh en Ko sten durc h die Anstreng ung, die d ie e rfolg reic he Au f
gabenbe wältigu ng erfordert. Die Durchführun g einer (duale n) Berufsausbi ldung i st
mit ve rschi eden en Anf order ungen verbu nden , die bewält igt we rden m üssen und gg f.
zu Bela stung en führen und je nach Aus bildu ngsbe ruf phy sisch er oder kognit iver Art
sein können. Kosten sind dri tten s em otio nale r A rt. Dazu zäh len etwa Gefühle wie Frus
trati on, E nttä uschu ng un d Angst, ab er auc h Sch am, d ie z. B. bei Mi sserf olg e ntste hen
können . I m Kontex t der D urchfü hrung ein er (gesch lechts un typ ischen ) Berufsa usbil
Allgemeine Erklärungsansätze vorzeitiger V ertragslösungen 37
dung wär en solch e Emoti onen etw a dann zu erw arten, we nn die Aus bildun gsrea lität
nicht mit e igene n Vorstell ungen übere inst immt o der ke in Ler nfor tschr itt er ziel t wird.
Wie Ecc les ( 20 05 : 112 ) erg änz en d au sfü hr t, bezie ht sic h An gst jed och nic ht nur da
rau f, die bear bei tet e Aufga be nic ht zu schaf fen ode r auf mögli che Ver lus te des Sel bst
wer tge fühl s, son der n umfa sst auc h die Ang st vor den soz ial en Fol gen des Erf olg s, der
unt ers chied lic he Reak tio nen ande rer, bedeu tsa me r Pe rso nen herv orruf en kann. Ecc les
ne nnt expl izi t di e Abl eh nu ng du rch Peer s, er wa rte te sexu el le Be läs tigu ng od er Di sk rim i
ni eru ng sow ie en tgeg en geb rach te Wu t von El te rn od er and ere n wich tig en Per so nen (vg l.
Ecc le s 200 5 : 11 2 ). Di e soz ialen Fo lg en kön nten für Au szubi ld end e in ge sch lec hts un ty pi
sch en Ausbi ld ung sve rhä lt nis sen ein relev ant er Koste nf akt or sein, da si e mit der erfol g
rei che n Ausf ühr ung ges ch lech ts u n ty pis che r Täti gke ite n gege n gesc hle cht lic he Ste reo
typ e vers toß en, was nega tiv sankti oni ert werde n könn te. Den Kost en, de ren Wah rne h-
mung d urc h geschl echt ssp ezi fisc he und kultur ell e Soz ial isat ion beei nfl usst wird ( vgl .
Ecc les 200 5 : 113 ) , dürfte som it eine bes ond ere Bed eut ung für die Ent ste hung der Ver
tr ags lösu ngs neig un g zuk omme n.
Neb en die sen bei den Hau ptkomp on ent en des Mod ell s, die in Abbi ldung 1 auf der
rec ht en Seite ange siede lt sind und le is tun gs bez og ene Wahl en tsc he idu ng en wie ta tsä ch
lic h e rbr acht e Lei stun g vor hers age n, beschre ibe n die weiter en Kompon ent en des Mo
dell s die Entst ehung der b eiden Haup tkomp onen ten d urch e in Zu samme nspi el vo n
intern-subjektiven und extern-soziokulturellen E influssgrößen, wobei einig e oben
scho n an ges proc hen wurd en. Wie dar gest ellt , wi rkt das Fäh igke itss elbs tkon zept eher
auf die Erwa rtung sko mpone nte, während das Selb stbi ld s owie kur z- un d la ngfr isti ge
Ziel e eher den Aufga ben wer t bee infl uss en (vgl. Stien smei er- Pels ter & O tte rpoh l 2018 :
572 ) . Wäh rend das Sel bstb ild Überz eugu nge n b ein halt et, welch e P ers on man ist ode r
sei n kann , und somi t Vors tel lun gen in B ezu g auf die Persön lich kei t und eigen e Ide n-
titä t a nge spro chen werden , stel len kurz- und langfr isti ge Ziel set zung en kog niti ve Re
präs enta tion en d esse n da r, w as e ine Per son a nst rebt ode r zu err eich en v ersu cht (vgl .
Sch unk et al. 2010 : 53 ). Da bei ka nn zwi sc hen ku rzf ris ti gen un d l ang frist ige n Z ielen un
ters chied en we rden , die wied erum durc h die darge stel lten Selbs tsch emat a gestaltb ar
sin d ( vgl . Sc hunk e t al . 2 010 : 53 ). Der Auf gab enw er t er gib t s ich wei ter hi n au s a ffe kti ven
Eri nne run gen, die sic h auf ber eit s gemac hte Ere ign iss e in B ezug auf die Aufgab e oder
Tät igk eit bezi ehe n (v gl. Stie nsm eie r-P els ter & Ott er poh l 201 8 : 5 72 ) . Wi e in A bb ild ung 1
ver deu tli cht , si nd so woh l di e aff ekt ive n Eri nne runge n als auch di e Üb er zeu gun gen der
Person in Bezug auf ihr Selbs tbild von weite ren Varia blen abhän gig, nämlic h zum
ein en von der Wahrne hmu ng und Inter pre tat ion unte rsc hie dli cher E rei gni sse , die der
Per so n bis la ng wi der fahre n si nd. Dabe i sin d beson de rs di e kau salen Ursa che nz usc hr ei
bun gen verg ang ene r Ereign iss e und erbrac hte r Leist ung en in For m von Attrib uti one n
von Bedeu tun g, da die se wi cht ig fü r die Eins chä tzu ng un d Ref lexion der ei gen en Ko m
pet enze n und Erw art ung en sind (vgl. S chu nk et al. 2010 : 53 ; Sti ens mei er- Pels ter & Ot
ter poh l 2 018 : 57 2 ) . In die sem Zusa mm enh ang geh t es als o um die Erfa hr ung en, die die
Per son bezoge n auf den Gegenst and sbe reic h der vorli ege nden Arbe it hin sic htli ch der
Ausf ühr unge n g esch lec hts u n typ isc her Tätigke iten gemac ht hat. Zum a nder en ist das
kult urel le Mili eu sowi e d as dami t v erbu nden e s ozia le und kulture lle Umf eld, etwa i n
38 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
For m von Über zeu gun gen un d Verha lte nsw eis en ver sch ied ene r Sozi ali sat ion sag ent en
– wie E ltern o der Pe ers – vo n Bedeutung , wobei besonders besti mmte E rwart unge n
die ser Agent en an die Perso n sowie deren Reak tion auf erbra cht es Leist ungs ver hal ten
zent ral sind (vgl . Stie nsme ier -Pel ster & Otterp ohl 2018 : 572 ). Dar über hinaus ist e s in
die sem Kon tex t au ch r el eva nt, wie die Pers on m it ges ell sch aft lich v erm itt elt en N ormen
und R olle n, wi e Geschlec hter rolle n und Ster eoty pen, umge ht und dies e int erpr etie rt
(vg l. Schu nk et al . 2010 : 53 ). Da mit wir d ange sp roc he n, das s es auc h von Bed eut un g ist,
wel che Ein ste llunge n die weit ere n Pers one n aus dem Umfe ld geg enü ber ges chl ech ts-
un t ypi sch en Täti gke ite n und Berufe n sowie Ges chl ech ter ste reo typ en im Allge mein en
hab en und hin sic ht lic h gesc hl ech tl ich er Ste re oty pe sel bs t ei nne hmen. Ger ad e di es e so
zia le n Ko nte xt e kö nne n ei ne n gr oße n Ei nfl uss au f di e Mo tiv at ion sü ber ze ugu ng en aus
übe n, da di es e Fa kt or en de n Ko nte xt d arst ell en, in de m si ch l eist ung sbez og ene s Ve rh al
te n vo ll zi eh t (v gl . Sc hu nk et a l. 2010 : 54 ).
Neb en der Betra cht ung , wie Wahle ntsc hei dun gen im Konte xt mögl ich er Alter na-
tiv en ge tro ffe n wer den , kan n anh and des Mode lls auch dar geste llt werde n, wi e etwa ig e
Rev ision en der Wahl en tsc he idu ng en – im Fall der vor lie gende n A rbe it die Rev isi on der
Dur ch füh ru ng ei ne s ges chl echts un typ isc hen Aus bil dungs ve rhä lt nis ses durc h ein e vor
zei ti ge Ve rtr ag slö sun g – zus tande komme n. Wie Ecc les & Wigfi eld ( 20 20 : 3 ) dars telle n,
ist d er Pr ozess ch ara kter it er ati v, so dass ge tr off en e En tsc he idu ng en di e Erfah runge n fü r
zuk ünfti ge Ent sch ei dun ge n d ete rmini er en. Wie Ab bil du ng 1 zu ent neh men i st, wir ken
sic h die se ge mac hte n Erf ahr ung en wiede rum auf den Au fga ben wer t sow ie di e Erf olg s
erwa rtu ng aus , soda ss sie sich auf Grund lage der gem acht en Erf ahr unge n verä nde rn
kön nen. I m K ont ext de r v orl iegen de n Ar be it könn en fol gli ch die Erfa hrung en , di e w äh
ren d der gesch lec hts un t ypi sch en Ber ufs aus bil dun g von den Auszu bil den den gem ach t
wer de n, da zu beitr ag en, dass das Int er ess e an einer gesc hle ch ts u n t ypi sch en Beru fsa us
bi ldu ng nach läs st , sie die A bsol vie ru ng ei ner gesc hl ec hts un ty pis ch en Be ru fsa us bi ldu ng
als weniger wichti g und nützlich erachten oder sic h die Kost en, die mit einer ge
sch lech ts un t ypis che n Ber uf sa us bil dung ver bund en sin d, erh öhen . Dami t einh erge he nd
kön nen di e Erf ahrun gen au ch Verän deru nge n in den Erwa rtu ng en in der Form begr ün
den , das s ein e erf ol gre ic he Abs ol vie ru ng der ge sc hle ch ts u n typi sc hen Be ru fsa us bil du ng
weni ger realis tisc h ersc hei nt. Durch sol che Veränd erun gen in Aufgab enw ert und Er
fol gse rwa rtun g kann wiede rum ein Einf lus s auf die urs prü ngli che W ahl ent sch eid ung
ent stehe n, in dem mö gli che an der e Ha nd lun gs alt er nat iven in d en Vo rd erg ru nd rü ck en.
Für die vorlie gen de Arbe it kön nte eine s olch e H and lung salt ern ativ e e twa in der Au f
nah me ein es an der en b er ufl ichen Aus bildu ngsve rh äl tni ss es b est eh en , soda ss d ami t die
Revi sio n d er urs prün glic hen Entsch eidu ng, eine gesc hlec hts un ty pis che Berufsa usb il
dun g zu begi nn en, ang es pro che n wird . Das Er war tun gs- We rt- Mod ell leist ung sbe zog e
ner Wa hle ntsch ei dun gen v on Ecc le s & Wi gf iel d lie fe rt au f d ie se We ise ni cht nu r Ein bl i
cke i n die Entscheidun gsproz esse, die zu einer ge schlec hts un t ypisch en Be rufswa hl
füh ren , son der n auc h Erk enn tn iss e dar übe r, wi e vorz ei tig e Ver tra gsl ös ung en al s Form
der R ev isi on d er ur sprün gl ich en ( Beruf s- ) Bi ldu ngsen tsche id ung d ur ch ne ue Er fa hru n
gen und ver änd erte Ein schät zun ge n des Aufga ben we rts und der Erfol gse rwart ung ent
st ehe n.
Allgemeine Erklärungsansätze vorzeitiger V ertragslösungen 39
Passung sebene im Zeitver lauf auf den „Fit“ oder „Mi sfit“ a nderer Pa ssungseb enen
auswi rkt und die se beein fluss en kann. I n dieser z eitli chen Per spekt ive erfo rdert Pa s
sung folg lich eine kont inui erlic he ( Wiede r-)A npas sung, die sich nich t nur auf den B e
ginn eines Aus bildun gs- oder Arbei tsverh ältnis ses, sonde rn auch auf deren ges amte
Daue r bezi eht ( vgl. C apla n 1987 : 251 f.). Som it bes teht a ber a uch di e Mögl ichk eit, e inen
möglic hen „Misf it“ zu einer Pas sungse bene im zeitl ichen Verl auf zu veränd ern und
durc h A npa ssun g e ine n „ Fit“ herzus tel len.
Für die vorliegende Arbeit bed eutet diese zeit liche Perspektive, dass sich eine
Analyse der Gründe und Ur sachen einer vor zeitigen Vertrags lösungsn eigung nicht
nur au f die Zeits pann e der Absol vieru ng de r Ausbildu ng bes chrä nken d arf. Vielm ehr
sind sowo hl die Phase vor der Ausbi ldun g im Sinne retr ospe ktiv er Passun g sowie Ein
schä tzun gen hinsich tli ch des wei tere n b eruf lic hen wie privat en Lebe nswe ges im Sinne
anti zipa tori sche r Pas sung als m ögli che Ur sach en fü r Ver trag slös unge n zu b erüc ksic h
tige n.
Die versc hie den en Pa ssu ngs eb ene n erla ub en als o ein e diff ere nzier te Bet ra cht ung
de s kom plexe n Ausb il dun gs ge sch ehens und lief ern ein e Heu rist ik, welc he Fak tor en bei
der Analys e der Vertra gsl ösu ngsn eig ung zu berüc ksic hti gen sind. Im Einze lne n s ind
die s g ru nds ät zli ch : 1 . d er jew eil ig e A usb il dun gs ber uf , 2 . d ie bei den zen trale n L er n- und
Arbe its orte (Ausb ildu ngs betr ieb und Beru fss chul e) mit ihren jeweil ige n A rbe its- und
Lern bedi ngun gen s owie 3 . di e do rt je weil s tät igen Pers onen (Au sbild ende , Mi tarbe i
te nde od er Le hrk räft e) .
3. 1.3 Sozialisationstheoretische Erklärungsansätze
Soz ial isa tio nst heo ret isc he Ansä tze zur Erk lär ung vor zei tig er Vert rag slö sun ge n verwe i
sen schl ieß lic h au f die be son de re Bed eutun g ges el lsc ha ftl ich er Wert vor st ell ung en, Nor
men , Ha ndl un gsm us ter und Zi ele , di e übe r An pas su ngs pro zesse der je wei ligen Pers on
int ern ali sie rt werd en . Vo rze iti ge V ert rag sl ösu nge n kö nne n so mit als e ine mis slu nge ne
Ada pt ion an j en e gese ll sch aft li che n Norm en an ges eh en wer den . In beru flich en K ontex
ten stellt dabei die ber ufli che Soziali sat ion ein zentra les Ele ment der A npas sung und
Int egr ati on d er Au sz ubi lde nde n in d ie A rbe its wel t da r, da in den Kont ext en d er Au sbi l
dun gs- und Arb eit sw elt b eso nde re An for der ung en an die Aus zubil den den g est ell t wer
den, die über ihre bis herige n Erfahrun gen hinau sgehen (vg l. K ammeye r-Mue ller &
Wan ber g 2003 : 779 ; Winz en 2007 : 320 ). Die ents pre chen den Pro zes se der „Anei gnu ng
und Verän der ung arbei tsb ez oge ner K enn tni sse , Fäh igk eit en un d Wer tor ien tie run ge n“
(St al der & Sch mid 2016 : 30 ) sowi e der „En tw ick lu ng von damit ve rbu nd ene n ind ivi due l
len Pe rsö nli chkei tss trukt ure n“ (St al der & Sch mid 201 6 : 30 ) werd en a ls ber uf lic he S ozia
lisatio n bezeichnet. Anders formulie rt versteht ma n unter berufl icher Sozialis ation
nac h Le mp ert ( 200 2 : 186 )
die Entwicklung, das heißt die Entfaltung, V erfestigung und V eränderung individueller
P ersönlichkeitsstrukturen in Prozessen der direkten und indirekten A useinandersetzung
(Interaktion) mit sozialen und sozial geprägten M erkmalen beruflicher und betrieblicher
Umweltstrukturen, die dadurch selbst reproduziert, aber auch transformiert werden kön
nen.
46 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
Mit d ieser Defini tion wird die W echsels eitigke it d er Beziehung von Person und Ar
beitsu mwelt betont. Es i st nicht nur die Arbeits umwelt , die auf die Pe rson einwirk t
und di e Pers on zu V erän deru ngen u nd Anp assu nge n ihre r Stru ktur en ver anla sst, son
dern die P erso n wir kt au ch ak tiv auf d ie Ar beits umwe lt ei n und kann som it zu Verä n
deru ngen eben die ser beitrage n (vgl . Mose r, Sou cek & Hass el 201 4 : 450 ; Winz en 200 7 :
320 ). Der Pro zess der beruf lichen Soz ialisa tion kann dab ei in u nters chiedl iche Etap
pen e inget eilt werd en. W ähren d Heinz ( 1 995 : 4 2 ) de n Pro zess der b erufl iche n Soziali
sati on in di e zeit lic hen Et appe n für de n Beru f und du rch d en Ber uf dif fere nzie rt, un ter
scheide n Bamme, Holling & Lempert ( 1983 : 61 ) die Eta ppen vor dem Beruf, in den
Beruf und im Beruf. Wäh rend Sozial isatio n v or d em B eruf sich auf die Entwic klung
berufsbe zogener Interesse n, Fähigkeiten s owie vor beruflic her Erfahrungen b ezieht,
die im Ber ufsfindu ngsproze ss durch u nterschi edliche Parteien wie Famili e, Schule
oder Pe ers auf die Ju gend lich en einw irken , vollz ieht si ch die Sozi alis atio n in den Beruf
in Kont exte n der Beruf sau sbil dung, d. h. in Ausbil dung sbet rieb un d Beruf ssch ule. Di e
daran a nschl ieße nde Pha se der E rwerb stäti gkei t wird d ement sprec hend a ls Sozi alisa
tion im Ber uf be zeic hnet (vgl . Bamm e, Ho llin g & Lem pert 1983 : 61 ) . Dies e Dif fere nzie
rung von B amme, Ho lling & Le mpert ( 1 983 ) heb t noch ein mal den Pr ozess charak ter
der Sozia lisa tion hervo r, der über den Ausb ildu ngsk onte xt hinausg eht und die weitere
Beru fsbi ograf ie umfass t. Da Sozi alisa tion spro zess e nicht per se in ein positi ves Ergeb
nis m ünden, sind prinzi piell Moment e des Schei terns auch in späteren berufli chen
Phasen mö glich. In Verb indung mi t passungs theor etisch en Ansätz en zur Erklä rung
vorzei tiger Vertra gslösu ngen wird die B edeutu ng des zeitlichen Kont extes sowie die
Notw endi gke it der stetige n (Wie der- )Anp ass ung besonde rs bet ont.
Ein wi chti ger T eilbe reic h der beruf lich en So ziali sati on st ellt d ie or ganis atio nale
Soz ialis ation da r, d ie für die I nt egr ation der neue n Mit arb eiten den von z en tra ler Bede u
tun g ist (v gl . Loh aus & Ha ber mann 2016 : 16 ) . Das zen tral e Ele ment der or gan isa tio nalen
Soz ial isat ion sind „ Anp ass ung spro zes se, die dazu führ en, dass ein Neuei nst eig er den
Ver halte ns erw ar tun ge n der Or gan isati on ge re cht we rden kan n und in de r Lag e ist , ein e
bes tim mte Rol le ode r Funk tio n erfo lgr eic h ausz ufü lle n“ (Wi hle r, Sol ga & Blic kle 201 4 :
374 ). Nach Win zen ( 200 7 : 320 f.) vollz ieh en sich diese Anpas sung spr oze sse auf unt er
sch ied lic hen Ebe nen : Währe nd es auf Eben e der Organ isa tio n darum g eht, die grund
leg en den Wert e und Norme n de r Org ani sa tio n zu inter nal is ier en , ist auf der Eben e der
Ar bei tsgr upp e die In te gr ati on in ei n best ehen des Te am , die Def in it ion de r eige nen Roll e
sow ie die erfo lgr eic he Ausf ühru ng der zuge wie sen en Arbe its auf gab e das zentr ale E le
ment . Auf indivi due ller Ebene ist es wiederu m von Bedeut ung , sich mit den eigene n
Ans prü che n und Bed ürf nis se n ausei nander zuset zen . Dies ver de utl ich t, das s orga nis a
tion ale O rgan isat ion z war e inen von o rgan isat iona ler S eite init iier enden , be gleit eten
und steue rnd en Prozes s dars tel lt, der jed och von Sei ten der neu en Organi sat ions mit
gli ede r akt iv mitg esta lte t wird (vgl. Stal der & Sch mid 201 6 : 31 ). Nach Coope r-T hom as,
Ander son & Cash ( 2012 : 42 f.) können die versc hieden en Anpas sungss trate gien der
neu en Organ isat ion smi tgl ied er in d rei unte rsc hie dli che Kate gori en unter tei lt werde n.
Dab ei han del t es sich ers ten s um Stra teg ien, die auf Ve rän der ung en der eig en en Rol le
ode r der Umw el t abzi el en. Da zu zäh len etwa Ver än der ung en de r Arbe it spr oze sse oder
Allgemeine Erklärungsansätze vorzeitiger V ertragslösungen 47
die Red ef ini tio n der Arbe it sau fg abe . D ie z we ite Kat eg ori e b eha nde lt Str ategi en, wie das
Auf such en vo n Fee db ack , di e sic h a uf Verä nderu ngen de s Sel bs t ode r de r Inf ormat ions
su che be zi eh en. Al s letz te Ka tego rie ne nn en die Au to ri nne n und Au to ren St ra te gie n, di e
ein e geg ens eiti ge Entwi ckl ung von Perso n und Umwe lt ermög lic hen. Daru nte r fallen
St rat egie n wie die Au sh and lung de r eige ne n Arb eit srol le ode r der Au fb au so zia ler Bezi e
hu nge n mit Mi ta rb eit ende n oder Vo rg es et zte n.
Bei Betr ach tung dieser drei Katego rien der unters chie dlic hen Anpa ssun gss trat e
gie n wird deut lic h, dass Sozi ali sat ion i m Allge mei nen wie auch ber ufl ich e und organi
sat io nal e Soz ialis at ion im Spez ielle n als Proz ess zu ver ste he n ist , der in Pha sen verl äuf t.
Nerd ing er ( 20 19 : 85 ) formu lier t i n Anle hnun g an van Maanen & Schein ( 1977 : 58 – 62 )
ein Mode ll der Sozi ali sa tio n ne ue r Mi tar be ite nd er aus Pe rsp ek tiv e de r Or ga nis at ion , da s
drei unter schi edli che Phasen beinha ltet (sieh e A bbil dun g 4 ). Währen d die Phase „vo r
dem E int ri tt“ a lle P roz ess e umfas st, d ie au f diese n Einst ieg v orb er eit en, b ezi eht sic h die
Pha se „Ein tri tt“ auf die Wah rne hmu ng der tats äch lic hen Org ani sat ion sre ali tät und die
Mög lic hke it, das s Erwar tungen mit die ser Rea lit ät in Wide rsp ruc h stehe n könne n (vgl .
Nerd inge r 2019 : 85 f.). Di ese p oten ziell en Wi ders prüc he we rden in de r Pha se „M eta
mor pho se“ aufg elö st, in der die Perso n langf ris tig e Änderu nge n und Anpas sun gen an
die Orga nis atio n vornim mt (vgl. Nerd ing er 2019 : 85 f. ). Diese Eint eil ung der Sozia lisa -
tio nsph ase n ste ht in E ink lan g mit den von Sta lder & Sch mid ( 2016 : 31 f.) for muli ert en
Soz ia lis ati on sph ase n, die j ed och and ers ben ann t sind ( „V orb ere itung a uf d en Ein tri tt i n
die Orga nisa tio n“; „Kon fron tat ion mit der Rea lit ät“ ; „An pas sun g und Stab ilis ier ung “).
Der Ver lau f der einze lnen Pha sen ist jed och nic ht imme r chrono log isc h oder klar von
ein an der abzu grenz en (vgl . As hfo rt h 20 12 : 175 ) .
Abbildung 4: Modell der Sozialisation neuer Mitarbeitender (Quelle: Nerdinger 2019: 85)
Um den Erfol g beruf lic her und orga nis ati ona ler Sozi ali sat ion spr oze sse z u beleu cht en,
werd en zwei Gru ppe n v on Indika tor en unt ers chie den , die als nähe re (proxi male ) und
entfern tere (di stale) Indikato ren bezeichnet w erden. P roximale Soziali sations ergeb
nis se bezi ehe n sich dabe i auf „ ver gl eic hsw ei se rasch u nd unmi tte lba r erfas sb are […] K ri
ter ien“ (Mos er 2004 : 571 ), woru nte r nac h Sta lde r & Schmid ( 2016 : 33 ) „ ein e[… ] gut e[… ]
wahr geno mmen e[…] Passung [‚; S. H.] die Rollenk larh eit (die eig enen Auf gabe n ken
48 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
nen; wiss en, was wann mit wel cher Prio rität zu erle digen ist ), die Aufga benbe herr
sch ung (wiss en, wie man s ein e Arb eits auf gab en erledi gen muss; eige nen Fähig kei ten
ver trau en) , die Akz epta nz durch die Grupp e (ein von der Grup pe gesch ätz tes Mitgl ied
sein ) und die Kenn tnis der Org anis ati onsk ult ur (Ge schi cht e, Wer te und Ziele des Be
trie bs ken nen) “ zu fa ssen sind. Als d istal e Ergebnis se or ganis atio naler Sozi alisa tion ,
dere n E rfo rsch ung eine l äng ere Traditi on aufw eis t ( vgl. Moser 2004 : 577 ), werd en auf
Indiv idual ebene i nsbes onder e die Verb unden heit mi t dem Betr ieb (or ganis ationa les
Comm itm ent) , d ie Arb eits zuf ried enh eit, die A rbei tsl eist ung (Perfo rman ce) sowie Ab
sen tis mus , Kü ndigu ngs abs ich t un d ta ts äch lic he F luk tu ati on b etr ach tet und unte rsu cht
(vgl. B auer e t al. 2007 : 70 8 , 710 ; Bauer & E rdog an 2011 : 57 – 5 8 ; Kam meyer -Mue ller &
Wanb erg 2003 : 780 – 7 81 ; Moser 2004 : 577 – 5 81 ; Moser , Sou cek & Hassel 2014 : 487 – 4 90 ;
Sak s & A shfor th 1997 : 239 ; S ak s, Ugge rsl ev & Fassi na 2 007 : 417 ) 12 . Z wi sch en d en beid en
Gruppe n von Indikatoren gelun gener Sozia lisati on besteht eine Bezieh ung, die d a
dur ch g eke nnz eichn et ist, das s prox ima le S ozi ali satio nse rg ebn iss e auf dist ale Soz ial isa
tio nse rge bn iss e ei nwi rke n k önn en ( vgl . M ose r, S ouc ek & Ha sse l 20 14 : 484 ; Sa ks & Ash
for th 1997 : 24 0 ).
Für die Frage , ob es Mit arbe ite nde n geling t, sich an den Betri eb und umgeke hrt
an zu pa ss en , si nd die erst en Mon at e vo n ze nt ra le r Be de ut un g (v gl. Ba ue r & Erdo gan 20 11 :
58 f.; Kamm ey er- Muell er et al. 2013 : 111 1 ). Dab ei kan n die geli nge nd e Anpa ssu ng an die
ne ue Ar bei tsro ll e d ur ch un ter schi ed li ch e Asp ek te be fö rde rt oder gehe mm t w er de n. Fö r
der lich fü r di e Anp assun g is t ein e ge wis se Ähnl ich ke it mi t de r vor herig en Arbei tsrol le ,
die freiw illig e Wah l die se r neu en Ar bei ts rol le, ein vo rhe rsa gb are r Übe rt rit t in di e neu e
Arb eits rol le sowie genüg end Zeit der Vorbe reit ung auf die neu e Ste lle (vgl. Stal der &
Schmi d 2016 : 33 ). Hing egen bed euten st arke Unt ersch iede zwi schen de r alten un d
neu en Arb eit sro lle, der unfrei wil lige Über gang etwa durch Alter nat ivl osig kei t bei der
Ber ufswa hl , ei n un vo rhe rs ehb arer Über tri tt sowi e eine geri nge Vor ber ei tun gszei t, dass
die A np ass ung an di e ne ue Ar be its ro ll e ers chwe rt wi rd (v gl . Sta lder & Sch mi d 20 16 : 3 3 ).
3. 1.4 Zusammenfassung der allgemeinen theoretischen Erklärungsansätze
vorzeitiger V ertragslösungen
Vor zeiti ge Ve rtr ag sl ösu ng en k ön nen aus Pe rsp ek ti ve d er a ll gem ei nen th eor etisc hen Er
kläru ngsa nsätz e zunächst als Han dlun gsak te ver stand en wer den. D a eine vorz eitig e
Ver tr ags lös ung mit weit rei ch end en Konse qu enz en für den Hand el nde n ver bunde n is t,
dürft e ihr gemäß der Theor ie des gepla nten Verh alten s eine H andlu ngsab sicht zu
gru nde lieg en. I n V erb indun g mit de m v on E ccl es & W igfie ld f or mul ierte n Erwa rt ung s-
Wert-M odell leistun gsbezo genen Wahlver halten s ist die E ntwickl ung ei ner s olchen
Ha ndl ungsa bsic ht davo n abh äng ig, ob di e ur sp rü ngl iche n Erfol gser wa rtu ngen und ihre
Det er min an ten (be ru fli ch e S elb stw irksa mk eit se rwa rt ung , b eru flich es Fäh igk ei tss el bst
konz ept) sowie de r Au fgab enwe rt ( Wich tigk eit , Interes se, Nütz lich kei t, Ko ste n) wä h
re nd der Au sb ild ung auf rec hter ha lte n wer den ode r sich ve rä nd ern .
12 Die Individualebene stellt jedoch nicht die einzige Ebene dar , auf der sich distale Sozialisationsergebnisse vollziehen
können. Wie Sak s & Ashorth (1997 : 239) darlegen, können distale Sozialisationsergebnisse auch auf Ebene der Organisa
tion sowie der Arbeitsgruppe etwa in F orm einer stärkeren Kultur , einer höheren Moral, einer stabileren Mitgliedschaft
oder R eputation untersucht werden.
Allgemeine Erklärungsansätze vorzeitiger V ertragslösungen 49
Solch e Ver ände runge n der Erfol gserw artu ngen u nd Au fgab enwer te ba siere n aus
der P erspektive passung stheoretische r Erk lärungsansätz e auf einer fehle nden P as
sung zwi sche n de n Fä higk eite n un d Be dürf niss en d er Pe rson und den Anf orde rung en
der (A rbei ts- )Umw elt. D er „(M is-) Fit “ bezi eht si ch au f stru ktur elle Fakt oren d es Be rufs
und de s Betriebe s sowi e auf die zen tral en Akt eure, d. h. di e Vorg eset zten, Ausbi lder /-
inne n und Arbei tsko lleg /-inn en usw. Die Passu ngsw ahrn ehmun g wirkt sich dann auf
die Aufgaben (neu )bew ertun g und die Erfolg serwa rtun gen aus. So kann etwa eine feh
lende Passu ng zum Ausbildung sberuf das Inter esse verrin gern und dazu beitra gen,
dass die erfolgre iche Auf gabenbea rbeitung weniger wichtig und nützlich erscheint.
Eine fehle nde P assu ngswa hrne hmung erhö ht zu gleic h die für die e rfolg reic he Au fga
benb ewält igun g ents tehe nden Kosten , da ein ersei ts negative Empfin dung en auf tret en
und anderer seit s grö ßere Anstr engu ngen zur Aufgaben bewä ltig ung erforde rlic h sin d.
Darü ber hinaus wird die Herstel lung einer positi ven Passung aus e ine m s ozia lisa
tion stheo retis chen Blic kwink el da durc h erschwer t, da ss mi t der Aufna hme e ines dua
len Au sbil dungs verh ältni sses e in Sy stemw echs el aus dem al lgem einbi ldend en Sc hul
system zum Be rufsbi ldungss ystem vollzog en wird. Solche Systemwechs el bedingen
eine Inkl usion in das ne ue Syste m, insbe sonder e in den beru fliche n s owie org anisa-
tiona len Kont exten vo n Ausbi ldung sbetr ieb und Be rufssc hule (v gl. Ulri ch 2018 : 2 90 ).
Die Verb indun g von passun gsth eore tisc hen und sozia lisa tion sthe oret ische n Ansätz en
zur E rklärun g vorzeitiger Vertra gslösu ngen b esteht nun d arin, dass beide die Inter
aktio n mit der be rufli chen u nd be trieb liche n Arbeitsu mwelt beton en. D afür s ind wi e
deru m die innerh alb des Beru fs und Betr iebs tät igen Per sone n von besond erer Bed eu
tung, denn sie t ragen erheb lich zur Aufnah me der Auszubildenden in bes tehende
Team struk ture n bei und sind in Au sbil dung skont exte n auch für das Erle rnen und d ie
Bearb eitung v on Arbei tsauf gaben ze ntral. E ine geri nge Inte gratio n in den Ber uf und
den Be trie b kann wiede rum Au swir kunge n auf die Pas sung swahr nehmu ng ne hmen,
indem sie üb er den Aufg abenwe rt sowie di e Erfolgs erwar tung auf die Han dlung sab
sich t w irk t.
3.2 Sp ezifische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger
V ertragslösungen unter b esonderer Berück sichtigung
des Geschlechts
3.2. 1 Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype
„Ge sch lecht “ ist bek ann tli ch eine wirk ung smä cht ige, erwar tun gsb ilden de sozia le Kate
gor ie. Soz ial e Kate gor ien gru ppi ere n Mens che n und str ukt uri ere n durc h die Kate gor i
50 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
sie run g ko gni tiv e Pr oze sse , d. h. die Art un d Wei se, wie über Me nsc hen geda cht wird 13
(vg l. Klau er 202 0 : 23 ; Pete rs en & Six -M ate rna 200 6 : 431 ) . Sozi ale Kat egori sie ru nge n ver
ein fac hen die Inf orm ati ons vera rbe itu ng und red uzie ren dam it die Komp lex itä t der je
we ili gen Si tua tion (vgl . At hen stae dt & Alfe rm ann 2011 : 12 ). Glei ch zei tig ge he n mit die ser
Inf orma tio nsve rei nfac hun g aber auch Inform ati onsv erl ust e einher . So werde n Perso
nen nic ht auf Basis ihr er Indi vid ua lit ät, son der n aufgr un d ih rer Gru ppe nz uge hör igkei t
be urt eilt, was in der Fo lge zu Feh le ins chät zun gen füh re n kan n (vg l. Ath enst aed t & Alf er
man n 2011 : 12 ; Pet ers en & Si x- Mat ern a 2006 : 431 ). Mit die ser Zuo rd nun g von Perso nen
zu Gruppen sind soziale Kat egorisier ungen jedoch n icht abgeschlossen. Viel mehr
sch rei ben sie zusät zli ch typis che Attr ibu te der Gru ppe den Mi tgl ied ern als indiv idu ell e
Eig en sch af ten zu (v gl. At he nst ae dt & A lf erm an n 2 01 1 : 12 ; Pe te rse n & Six -Ma terna 20 06 :
43 1 ).
Dies e t ypi sche n z uges chri ebe nen Charakt eris tik a we rde n a ls Ster eoty pe bez eich
net (v gl. Ha nnov er & Wol ter 2 019 : 2 02 ). G eschl echt erste reot ype si nd als o „the struc -
ture d set s o f beli efs about the p ers ona l a ttr ibut es of women and o f men“ (Ashm ore &
Del Boca 1979 : 222 ; kursi v i. O.), die nach Ecke s ( 2010 : 178 ) s owo hl deskr ipt ive als auch
prä skr ipt ive Mer kma le bein hal ten (vg l. dazu auc h Eagly 198 7 : 13 ; Fisk e & Ste ven s 1993 :
179 – 181 ; Heilma n 2001 : 659 ). Desk rip tiv e Mer kma le umfas sen Vorst ell ung en darüb er,
wie F raue n un d Mä nner sind . De mgeg enüb er be zieh en s ich d ie p räsk ript iven Merk
male darau f, wie F rau en und M änne r zu sein hab en. Deskri pti ve wie präsk rip tive Ge
schl echt erst ereot ype könn en s ich auf k örpe rlic he E rsche inun gsfo rmen (z. B. Männer
sin d gr öße r als F rau en) , Ei gen sch af ten (z . B. Mä nn er sind aggre ssi v, Fr aue n sind ängst
lic h), Fähi gke ite n (z. B. Frau en sind gut in Sprac hen, Männ er sind gut in Mathe mat ik)
sow ie p ers ona le Präf er enz en u nd I nte res sen (z. B. Män ne r int eress ier en s ich für S por t,
Frau en fü r Mode) be zieh en (v gl. D eaux & Lewis 19 84 : 9 9 ; St effe ns & E bert 2016 : 14 ) .
Fer ner ze ige n P lan t e t al. ( 20 00 : 89 ) , das s a uch Emo tione n m it Ges chl ec hte rst ere ot ype n
ver bun den sin d. Dem nac h wird von Fra uen erw art et, das s sie Emo tio nen häu fig er und
stä rke r empfi nde n als Männe r. Ledi gli ch Ärge r und Stolz sin d Emoti one n, die eher als
typ isch männl ic h ge lte n.
Ein G roßt eil d er b ishe rigen Forschun gsbe mühu ngen hat sich in Be zug auf d en
Inhal t der Geschl echte rste reoty pe auf d en Ber eich d er Eig ensch aften f okus siert (vgl.
Ath ens tae dt & Alf erm ann 2 011 : 16 ) und zwar nach Eck es ( 201 0 : 179 ) mit den fol gen den
weitgehend übere instimmende n Erge bnissen: Frauen werden überw iegend Eigen
schaft en w ie E xpress ivität , Einfühls amkeit und Bezi ehungs orient ierung zuge schri e
ben, wäh rend Män ner als in strume ntell , selbs tbewu sst und una bhäng ig gelte n (vgl.
Ath ens taedt & Alfer man n 2011 : 17 ). Na ch dem Ste re oty pen mo del l von F isk e et al. ( 2 002 :
879 ), das p ostuli ert, d ass s ämtlic he Stereotype auf den be iden Polen „Wärme “ und
„Ko mpet enz “ verort et werden könn en, werd en die wei bli chen Eige nsc haf ten und Ver
13 Neben dem Geschlecht bestehen noch weitere soziale Kategorien, die entweder auf anderen äußerlichen Merkmalen, wie
Alter oder ethnischer Zugehörigkeit, oder geteilten Überzeugungen, wie R eligionszugehörigkeit bzw . politischen Orientie
rungen, beruhen (vgl. Klauer 2020: 23; P etersen & Six-Materna 2006: 431). Hinsichtlich der salienten Merkmale sind nach
Fiske (1998: 37 5–377) neben dem Geschlecht insbesondere das Alter sowie die ethnische Zugehörigk eit zentrale Katego
rien. Ein Grund für die stark e V erwendung dieser sozialen Kategorien besteht darin, dass sie auf visueller Ebene recht
leicht erk ennbar und somit schnell verifizierbar sind (vgl. Athenstaedt & Alfermann 2011: 12).
Spezifische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen unter besonderer Berück sichtigung
des Geschlechts 51
haltenswe isen überwiegen d mi t de m Po l „W ärme“ (engl.: „com munion“) und die
männ lich en pr imär mit d em Po l „Kompet enz“ (eng l. „a genc y“) a ssoz iiert (vg l. Ec kes
201 0 : 179 ). Dies kann Asbro ck ( 2010 ) spe zie ll für Deu tsc hla nd noch einmal best äti gen .
Die g lob ale n Gesch lec hte rs ter eot yp e sin d jedoc h zu allg eme in gefas st , um die ze n
tra le Fu nktio n der Kateg ori si eru ng, d . h. d ie K om ple xit ät sre duk ti on der Situ ati on, a llein
zu erfül len. Es ist höc hst unwa hrs che inli ch, dass alle Frau en und Männer d er Weltb e
völ ker ung den ents pre che nde n global en Frau en- und Männ ers ter eot ype n entspr ech en
(vg l. Athen sta edt & Alf erm ann 2011 : 23 ). Daher g ibt es neben den glob ale n Geschl ech
ter st ere oty pen wei ter e Ste reo ty pe für vers chi ede ne Subgr uppen , die de n Glo bal ste reoty
pen dia met ral entg ege nst ehe n könne n (vgl. Ecke s 2010 : 182 ). Exemp lar isc h sei auf den
Typ der „K arr ier efr au“ verw ies en, die al s do min ant , küh l un d sel bst bew usst ch ara kte ri
sie rt wird und sich dami t vo n de n we ibl ic hen Gesc hlech te rst er eo ty pen grav ieren d un te r
sche idet (vgl. E ckes 201 0 : 1 82 ). Die Existenz solcher Subster eoty pe f ührt jed och nich t
daz u, dass ein e Verän der ung der Glo bal ste reo typ e erfol gt, son der n sie trage n viel meh r
zum Erha lt de r Gl oba lst ere ot ype bei, d a di e ver sch ied enen we ibl ich en u nd m änn lic hen
Sub ty pen als Au sn ahm en wahr gen omm en werd en (vgl . Ste ff ens & Eber t 20 16 : 14 ). Es ist
vi elm ehr ein e se hr groß e Anz ah l von Pers on en , die dem Glo bals ter eoty p wid er sp rec hen,
nöti g, um eine ents prec hend e Verä nder ung des a llg emei nen Stereot yps zu bewir ken
(vg l. Steff ens & Eber t 201 6 : 14 ). Diese Resi ste nz der Glo ba lst ere oty pe ist emp iri sch wie
der holt bes täti gt worde n (vgl. exem pl. Hoso da & Sto ne 2000 : 1291 ). Aller din gs konnt e
Twe nge ( 1 997 : 309 – 3 12 ) i n einer M et aan aly se z ei gen , da ss si ch di e von Fr aue n sel bst zu -
ges chr ieb ene „Kom pet enz “ in den letz ten 25 Jahr en erh öht hat, währe nd die von Mä n
ne rn be rich tet e „Wär me “ wei terh in sehr geri ng ist. Hain es , Dea ux & Lof aro ( 20 16 : 358 f.),
die die Ges chl ech tss ter eot ype von 19 83 un d 2014 in den USA mite ina nde r ver gl eic hen ,
kom men zu ähnl ic he n Erg ebni sse n.
Für den hier verfo lgte n Zusamm enha ng ist dies nun insofe rn von Bedeut ung, als
Gesch lecht erst ereot ype au ch ste reoty pe Ber ufsvo rste llung en prä gen (v gl. De aux & Le
wis 1 984 : 9 92 ). Beruf sste reoty pe kö nnen nach H e et al. ( 20 19 : 2 ) als „ste reoty pes a bout
the specif ic profess ions or jobs that peo ple hold, as well as the ind ivid uals who are em
ploy ed in thos e occupati ons“ defi niert werd en. S ie be zieh en si ch in sbeso nder e auf die
den Beru f ausüb enden P erson en und ihr R ollenh andel n (vgl. F riehs et al. 2022 : 460 ).
Ande rs f ormu lier t, b este hen für eine Vie lzah l de r Be rufe ste reot ype Vors tell unge n un d
Erwa rtun gen darübe r, welc he Eig ensc haft en eine P erso n m itb ring en mus s, um prof es
sion ell han deln z u könne n. Gli ck, Wil k & P erre ault ( 1995 : 568 – 5 71 ) hab en in ein er Stu
die Stu diere nde aufg eford ert, so v iele Eig ensch aften v on Personen ein es best immte n
Beru fs zu n enne n, wie ihne n spontan e infal len. D ie Er gebni sse v erdeu tlic hen, d ass j e
nach Beruf eine Vielz ahl d er E igensc haften mit weibli chen und männli chen Stereo
typen assoz iiert ist (vgl. Glick, Wilk & Perreau lt 19 95 : 570 ). Gutek & M orasch ( 1982 :
58 f.) sowie Gute k & Cohen ( 198 7 : 98 f.) verdeu tliche n die Verbindun g, d ie z wische n
den Erwart ungen profe ssione ll h andeln der P ersone n in Berufen und d en Erwartu n
gen an d ie b eiden Gesch lechter best eht. Durc h ein en „ sex-r ole spill over “ we rden die
Ste reot ype der gesch lech tli che n Maj ori tät auf den jewe ili gen Beru f ins gesa mt übert ra
gen. Profess ionel les Hand eln ist in B eruf en, in d enen übe rwie gend Fra uen arbe iten,
52 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
fol gli ch m it w ei bli che n Eigen schaf ten a ss ozi ier t, w ähr end e s in Be ruf en, i n denen ü ber
wie ge nd Männe r arbe ite n, entg ege ng ese tz t is t.
Auf dies e Weise wird Mä nnern in be ruflic hen Kont exten al lgemei n eine höhe re
Kompe tenz zug eschr ieben ( vgl. Ath ensta edt & Alfe rmann 2 011 : 23 ) , währ end Frau en
in priv ate n B erei che n w ie der Lösung von B ezie hung spr oble men oder H aus halt sauf ga
ben eine g rößer e Kompet enz zug esproc hen wird , die jed och gese llsch aftlic h wenig er
ange sehe n sind (vgl. Athenst aed t & Alferm ann 2011 : 23 ) . G ener ell reprod uzie rt der Sta
tus eines Ber ufes den zugru nde liegen den Statu s zwischen den Ges chlech tern eine r
Gesel lsch aft. V erdeu tlich t wird dies durch die Er gebni sse vo n Conway, Pi zzam iglio &
Mount ( 199 6 : 29 – 32 ) . Personen , die in ei nem B eruf mit e inem niedr igen sozi alen Sta
tus a rbei ten, werd en we ibli che E igens chaf ten z uges chrie ben. Umge kehr t werden P er
sone n, die ei nem Ber uf mit ei nem hoh en sozi alen S tatu s nachg ehen , mehr mä nnli che
Eige nsch aft en atte stie rt (vgl. Conw ay, Pizzam igli o & Mount 1996 : 29 – 32 ).
Was bede utet dies nun fü r Au szu bilde nd e in gesc hle ch ts u n t ypi sc hen Ausb ildun gs
verh ält niss en? Durch den „se x-r ole spillo ver “ ents teh t in ges chl echt s un typi sch en Aus
bil dung sve rhä ltn isse n zunäch st eine Diskre pan z zwi sch en den Ver hal ten swei sen und
Eig ensch aft en, di e fü r ei ne profe ss ion el le Beruf sausü bu ng jewei ls erwa rtet werde n, und
den Glob als ter eoty pen von Frau en und Männer n. Da Män ner n in b eru fli che n Kontex
ten über grei fen d ei ne g röße re Komp eten z zu gesc hrie ben wird, d ie w ied erum in Ein
kla ng mi t männl ich en G lob al ste reo ty pen s teh t (vgl. A the nst ae dt & A lfe rma nn 20 11 : 23 ) ,
lieg t die Vermu tung nahe, dass der d urc h d en „sex rol e spil lov er“ entsta nden e Wid er
spr uch sic h für Fr au en noch einma l nega tiv er ausw irk t.
Dab ei i st zu berüc ksi ch tig en, d as s eine Verl etz ung der de skr ipt iven und präs kri pt i
ven Elemen te der Geschl ech tsst ere otyp en für Fraue n u nd Männer mit v ersc hie dene n
Kon seq uen zen ver bun den ist . Wä hre nd a uf ein e Ve rle tzu ng der desk rip ti ven Elem ent e
in der R ege l m it Übe rra sch ung oder Ers tau nen rea gi ert wir d (vgl . Eckes 201 0 : 1 78 ), führ t
eine V erlet zung d er prä skri ptive n Elem ente n orma lerwe ise zu stärk eren S ankti onen
(vg l. Athen staed t & Al fer ma nn 20 11 : 15 , 49 ; Ec kes 2010 : 178 ). Dies e st ärk er e soz ia le Sa nk
tion ieru ng bez eich net Rud man ( 1998 : 629 ) a ls „ bac klas h e ffec t“ (vgl . R udm an & Fair-
child 2004 : 159 ). Nach Moss- Racus in ( 2014 : 259 ) tret en „backl ash effec ts“ dann auf,
wenn mi t der Ver letz ung der St ereo type die b ereit s them atisi erte St atusp ositi on der
beid en Ges chl echt er und die d ami t v erbu nde ne Ges chle cht erhi erar chi e i n der Gesell
sch aft tan giert wird .
Da in beruf lic hen Kon tex ten häu fig män nli che Eig ens cha fte n und Verha lte nsw ei
sen erw art et werd en, sin d im Ber ufs leb en beso nde rs Frau en von „bac klas h effec ts“ be
tro ffe n (v gl. Rudma n & Ph ela n 20 08 : 64 ). Dies i st vo r al lem dann d er F all , wen n Fr aue n
nac h Führ ung spo siti one n str ebe n. Führun gspo sit ion en werden beson der s mit männ
lic hen E ige ns cha fte n und Ver ha lte nsw eis en a sso zi ier t, sodas s ein „la ck of f it“ (H eilma n
1983 ) zwis che n d em weiblic hen Geschl ech t u nd den Anfor deru ngen einer Führu ngs
pos itio n kon stru ier t wir d. Rudman & Phela n ( 200 8 : 65 – 67 ) zeige n, dass bei g ena uere r
Betr acht ung „backla sh effe cts“ in sämtlic hen Phasen der Beschäf tigu ng vork omme n:
bei der Perso nal aus wahl und Eins tell ung , bei Geh alt sver han dlu nge n bis hin zu Bef ör
deru ngen u nd der Eval uatio n von Führu ngsqu alit äten ( vgl. Rudma n & Phelan 2 008 :
Spezifische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen unter besonderer Berück sichtigung
des Geschlechts 53
65 – 67 ). Nac h He ilm an et al. ( 2004 : 417 – 423 ) werde n Fr aue n, di e in mä nne rr eic he n Ber u
fen er folg reic h sind, zwar als kompe tent a nges ehen, glei chzei tig w erde n sie a ber i m
Ver gleic h mi t Män ne rn in verg lei ch bar en Posi tio nen schl ec hte r be urt eilt. Ely & Th om as
( 20 01 : 232 ) zufol ge würde n Fra uen als Eindri ngl ing e in exklus ive männ lic he Kultur en
wahrg enomm en, de ren Ein flus s die mä nnlic he Majo ritä t bekäm pfe, u m den Vo rteil
ihre s Stat us zu sichern und aufr echt zue rhal ten (vgl. Rudman & Phe lan 2008 : 71 ) . D ie
Konse quenze n, d ie sich dara us f ür Frauen in gesc hlech tsunty pische n A usbil dungs-
und A rb eit sve rh ält nis sen ergeb en, l as sen s ich anh and e in er viel zit ierte n Unter su chu ng
von Jaco bs ( 19 89 ) vera nscha ul ich en .
Jac obs betra cht et e die Si tua tio n von Fra uen in gesc hl ech ts u n ty pisch en Arb ei tsv er
hä ltn isse n in eine r läng ss ch ni ttl iche n Pers pe kt iv e über di e Beru fs bi ogr afie . Er besc hr ieb
für die Vere ini gte n Staate n von Ameri ka der 1960 e r- und 1970 e r-J ahr e, dass in fraue n-
und männer rei chen Beruf en eine ers taun lic h hohe indiv idu elle Mobil itä t best eht , die
Fra ue n wie Männ er na ch ei ner gewi sse n Ze it au s ges ch lec hts un typ isc hen Ber ufe n „h e
raus dreh t“ und in gesc hlec hts typi sche Berufe abdr äng t (v gl. Jac obs 198 9 : 4 ; vg l. dazu
auc h B us ch 2 01 3 a: 52 ). D ie ses Ph äno me n wird sei ther D re htü reffe kt („ rev ol vi ng d oo rs“ )
gena nnt (vg l. Jac obs 19 89 ). A ls Ursache fü r dieses „He rausd rehe n“ aus geschl echt s-
un t yp isc hen Beru fen nimm t Jac ob s ein leben slang es Netz so zia le r Kon tro ll e an, das im
frü hkin dli chen Sozi ali sati ons proz ess begi nnt, sich im B ild ung s- und B eru fsb ildu ngs
system fortsetzt und auch am Arbeits platz wirkt (Jacobs 1989 : 52 – 63 ), wo bei „b e
sti mmt e[…] ins tit uti on ell e[… ] Bar rie ren und Gesc hl ech ter ste reoty pe[ …]“ (Busc h-H ei nz
man n 2015 : 574 ) vor all em Frau en in mä nn er rei ch en Beru fen be treff en (vg l. Jac ob s 19 89 :
52 ). Nach Busc h-H einz man n ( 2015 : 5 74 ) führen die b etri ebl iche n E rfah run gen in ge
sc hle chts u n typ isc hen Au sbil dun gs- un d Arbe its verhä ltni sse n dann daz u, dass dur ch die
vor zeit ige n Ver trag slö sun gen die Beru fsw ahl ents che idu ng korrig iert werd en sol l. Mit
and ere n Worte n wäre in solche n Fälle n wenig er dami t zu rec hne n, dass die Ausz ubi l
den den nur d en A us bil du ng sbe tr ieb we chs eln möch te n. S ie d ür fte n a us d en ge nan nten
Grü nden v iel mehr e ine n B er ufs we chs el in e in e gesc hle chtst ypisc he Au sbi ld ung ans tre
be n.
In g esch lec hts u n typ isch en A usbi ldun gs- und Arbeits verh ältn isse n k önne n je doch
nicht nur Frauen von „back lash effect s“ b etroffe n sein, s ondern sie trete n ebenfalls,
wenn auch in e inem gering eren Maße, für Männer auf. Rudm an & Fair child ( 2004 :
162 – 164 ) z eige n etw a in e inem Expe rime nt, d ass M änner , die in w eibli chen Domä nen
Fähi gkei ten bes itze n, von gle icha ltri gen Pee rs sabo tiert we rden un d dadur ch dara n ge
hinde rt werde n, mone täre Bel ohnun gen zu erha lten. N ach Heil man & Wall en ( 201 0 :
666 ) wer den Män ner, die i n frau enreic hen Ber ufen erf olgre ich sin d, im Ver gleich z u
Frau en in fraue nrei chen und Mä nner n in mä nner reic hen Beru fen als wen iger ef fekt iv
und re spek tabel char akter isie rt. Tr otz i hres beruf liche n Erf olges gelt en sie als „ Verli e
rer“ (vgl. Hei lman & Wallen 2010 : 667 ) und ihnen wird ihre Männl ichkei t abgespro
chen oder Hom osexu alität zug eschr ieben (vg l. exempl . R udman & Phela n 2008 : 69 ).
Damit ist die Situa tion von Männern in ge schlechtsu ntypischen Ausbildungs-
und A rbeits verhält nissen durch eine gewis se Ambivalen z gekennzeich net. Willia ms
( 199 2 ) g eht d avon aus , da ss mä nnli che Besc häft igte von eine m ge schl echt s un t ypis chen
54 Theoretische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen
in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen
Ausb ildu ngs- und Ar bei tsve rhäl tnis sogar prof itie ren können und veransc haul icht dies
mit dem Kon zept der gläser nen Rol ltrep pe („g lass escalato r“). Das Konzep t der glä ser
nen Ro lltr eppe b esch reib t das Ph änom en, da ss Män ner in f raue nrei chen B eruf en ehe r
auf höher e Positio nen beför dert werd en, die oftma ls besse r bezahlt sin d und z udem
eher in E inkla ng mit de n präsk ript iven El eme nten mä nnli cher Ge schl echt erst ereo type
stehe n. Die Situa tion v on Män nern i n frau enrei chen B eruf en wäre somit eine a ndere
als jen e von Fr auen i n männ errei chen Be rufen . Letz tere we rden vi elmeh r durc h eine
gläs erne D ecke ( „gla ss cei ling “) dar an geh inde rt, ei nen be rufl iche n Aufs tieg z u voll zie
hen. D emge genü ber wü rden Männ er in fr auen reic hen Be rufe n zume ist oh ne ihr eige
nes Zutu n in leit ende Pos ition en beför dert (vg l. Williams 199 2 : 253 ; 25 6 ). Männ er in
fraue nrei chen B erufe n haben ein ersei ts ver mehr t Vorgesetz te, d ie ihr em eig enen Ge
schlecht entspreche n. Durch d en Minorit ätenstatu s wird eine persönlic he Bindung
zwis chen den mä nnli che n Pe rson en erze ugt, die al s A bgre nzun g z ur w eibl ich en M ajo
rität zu verst ehen ist (vgl. Will iams 1992 : 258 f.). Der gemeinsa me M inorit ätenst atus
leis tet wi eder um ei nen B eitra g zur gläs erne n Rolltrep pe, d a Männer vo n Män nern als
geei gnet e Pers onen f ür Füh rung sauf gabe n erac htet w erde n. Gl eic hze itig werd en Män
ner i n frauenre iche n Berufen aber a uch v on we ibli chen V orge setz ten un d von ihre n
Arb eit skoll egi nne n akzep tie rt un d unt erstü tzt ( vgl . Wil li ams 19 92 : 260 f.). Fr auen schei
nen somi t st ark dara n in ter es sie rt zu sein , dass Männe r de n Weg in fra ue nre ic he Be ru fe
fin den (vg l. Will iam s 19 92 : 260 f.). Gelin gt der mä nnl ic hen Mino ri tät der be ru fli ch e Auf
sti eg in f rau en rei che n Ber uf en hinge gen ni ch t, schei nt auch eine Mehrh eit de r Män ne r
die frau enr eich en Beruf e wieder a ufz uge ben und in ein en gesch lec htst ypi sch en Beruf
ein zumün den (vg l. Rotte rmann 2017 : 97 ).
All erd ing s ha t Wi lli ams 20 Jah re n ach der ur spr üng lic hen Form ul ier ung des Ko n
zep tes der gläs ern en Rolltr epp e ( 201 3 ) ihre Positi on in zwei Hinsic hte n ange pas st. Ei
ner sei ts ve rwe ist die Au tor in da rau f, da ss si ch di e Arb eit swe lt stark verä nde rt ha be un d
die gläs ern e Ro llt repp e au fgru nd dess en n ich t me hr in g leic hem Ausmaß wirk e ( vgl.
Will iams 2013 : 618 ff.). Ande rerse its w ürde n mit der allei nige n Fok ussi erun g auf die
Kat eg ori e des Gesch le cht s and er e rel eva nt e Fak tor en au sge kla mmert , die jedoc h für das
Auftre ten der gläser nen R olltr eppe bedeut sam seien. Mit dem Konstr ukt der Inter
sek tion ali tät wird ein Ansatz zur Beschr eib ung des Geschl ech ts präfer ier t, der weit ere
Katego rien wie ethn ische Zuge hörig keit, Klas se und Sexual ität einb ezieht (vg l. Wil
lia ms 2013 : 614 ; vgl . dazu auch Lenz 2022 ; Marte n & Walg enb ach 2022 ). Dies sei erfo r
derl ich, da Männ er i n fr auen reic hen Beru fen nur dann von der gläsern en R ollt repp e
pro fit ier ten , wenn sie dem Bil d einer heg emo nia len Män nli chk eit 14 ents prä che n. Fra g
lic h ist all erd ing s, ob diese Diff ere nzi eru ng aus der inter nat iona len F ors chu ng eins zu
ein s auf De uts chlan d üb er tra ge n wer den ka nn.
Die V erbi ndun g von „se x role spillov er“ u nd G esch lecht erst atus führ t fe rner zu
ein em Phä nom en, das Fos chi ( 1 99 2 , 2000 ) a ls „dou bl e st andar d“ bez eic hne t. All gemei n
14 Der von Connell in die Geschlechterforschung eingebrachte Begriff der „hegemonialen Männlichk eit“ dient nicht nur als
Rahmen des V erhältnisses zwischen den Geschlechtern, sondern strukturiert auch die Beziehungen von Männern unter
einander , indem andere nicht der Norm entsprechende F ormen der Männlichk eit ausgegrenzt werden (vgl. Meuser 2010:
103). Dabei wird besonders Homosexualität „als Angriff auf die Norm der Heterosexualität“ (Meuser 2010: 10 4) erachtet
und gleichzeitig Homosexualität als stärkste ausgegrenzte F orm von Männlichkeit angesehen (vgl. Meuser 2010: 10 4).
Spezifische Ansätze zur Erklärung vorzeitiger V ertragslösungen unter besonderer Berück sichtigung
des Geschlechts 55
geg enü ber gab en die Ausb ildend en an, das s sie im Mi tte l 118 Tage vor der voll zog ene n
Vert rag slös ung eine V ert rags lösu ng erwogen haben (vgl. Sta lder & Schmid 2006 : 68 ) .
Dur chsc hni ttl ich betr ägt die Dauer des Proze sse s som it zwisc hen drei und vier Mona
ten (vg l. Stal der & Schmi d 2006 : 68 ) , wobei die Nen nun gen gen ere ll star k streu en. Das
Spe ktru m rei cht von spont anen Vert rag slös ung en binnen w eni ger Tage bis zu lange n
Ent sche idu ngs zei trä umen , die im Extre mfa ll über zwei Jahre anda uer n (vg l. Stald er &
Sch mi d 20 06 : 68 f. ).
Aus den s kiz zie rt en E rge bni sse n de s ze itl ic hen P rozes ses der V ert rag slö sun gsent
sch eid ung läs st s ich na ch F rey , E rte lt & Bal zer ( 20 12 : 38 ) sch lie ßen , d ass eine vor zei ti ge
Ver trag slö sun g in der Regel nicht leic htf ert ig vollz ogen w ird , son der n häu fig eine län
gere Vor lauf zeit bes itzt . Nac h De uer & Er telt ( 2001 : 1420 ) läs st s ich die moti vati onal e
Lage in d ieser Ph ase, di e eine r Vertr agslö sung vo rausg eht, al s Neig ung besc hrei ben.
Die se Nei gu ng kan n a ls Fr ühi ndi kat or fü r p ote nzi ell e Ver tra gsl ösu ngen fun gie ren , w o
bei jedoc h wichtig zu bet onen ist, das s nicht jede Vert ragsl ösung sneigu ng zu einer
man if est en Vert rag slö sung fü hre n mu ss. Die Ident ifi zieru ng einer Vert ra gsl ös ung sn ei
gun g m ach t ein e Vert rag slö sung ledi glic h wah rsc hein lic her, eine zwing end e Folg e ist
sie jedo ch n icht (vgl. De uer & E rtel t 2001 : 1420 ). D arüb er h inau s ka nn e ine Vert rags -
lös un gsn ei gun g di eje nigen weni gen Vert ra gsl ösung en nicht erfa ss en, die tatsä ch lic h ad
hoc und spon tan erfo lg en (vgl. Deu er & Erte lt 2001 : 142 0 ).
In die sem Ve rs tän dnis wei st das Kon stru kt der Ver tr ags lösu ngs neig ung ei ne gro ße
kon zept ion elle Nähe zur Ha nd lun gsabs icht auf, wie si e von Ajz en ( 1988 ) in der „The or ie
des ge pla nte n Verh al ten s“ for mul ier t ist (si eh e Kapi tel 3 . 1 . 1 . 2 ) . Abge lei te t aus den ski z
zier ten E rgeb niss en d es ze itli chen Prozesse s de r Vertrag slös ungs ents chei dung kan n
un ter stel lt wer den , das s Ausz ubil den de vo r eine r Vert ra gs lö sun g die Kon se qu en zen di e
ser Hand lun g be den ke n, we il sie sic h de r gru nd leg end en Bedeu tung, die ei nem zert ifi
zier ten Abs chlu ss auf Sek . II -Niv eau für die ge sell sch aftl iche Teilhab e z ukom mt, be
wus st sein dü rft en (vgl. Frey, Erte lt & Ba lze r 201 2 : 45 f.) . Wei ter hin dürf te si ch währe nd
des dar gest ell ten Proz esse s der zusp itz end en Proble mla gen der Bedür fni szus tan d so
wie d ie Mot iv ati on ste ndenz en d er Aus zu bil dende n so ver än der n, d as s de r Aufb au ei ne r
Han dlu ngsab sic ht , in di ese m Fal l der Durch führu ng ei ner vorz eit ig en Ve rtr ags lösun g,
be gün stig t wird .
Aller dings ist das V erhä ltnis v on vor zeiti ger Ver trags lösun gsnei gung u nd Han d
lung sabs ich t no ch n ich t ab schl ieße nd g ekl ärt. Während die Handlun gsa bsic ht a ls kon
kretes Erge bnis der I ntenti onsbil dung angeseh en w erden kann, ist der Neigun gsbe
grif f als weich erer Indi kato r zu verste hen, der diffus ere und abstrak tere Vors tell ungen
eines eint reten den Er eign isses bein halte t (vgl. daz u auch Matt hes 2 019 : 2 7 ). Z unäch st
entst eht als o eine Te ndenz zu r Auflö sung de s Ausbi ldung svert rags, di e sich da nn zu
eine r Handl ungsa bsic ht ver dich tet. Mit der Ber ücks icht igung der Vert rags lösu ngsne i
gung als Früh indi kato r für potenzi elle Vertra gslö sung en (vg l. daz u auc h Deuer 2006 a:
115 ) besteht die Mögl ichke it, bereits in dieser Phase War nsig nale wahrzun ehme n, um
in der Fo lge pr även tive Ma ßnah men ei nzul eite n und so mö glic herw eise ei nen Te il der
62 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
Vertr agslös ungen ab zuwend en (vgl. Fr ey, Erte lt & Balze r 2012 : 38 ; Sch mid 2010 : 80 ).
Dahe r s oll in der vorlieg ende n A rbei t d ie vorz eiti ge Vert rags lös ungs neig ung als abhän
gige Variab le ana lysi ert werden .
4. 1.2 Zeitpunkt und Initiative zu einer vorzeitigen V ertragslösung
Rech tli ch b etr acht et kann ein Au sbi ldun gsve rhä ltni s d urch Kündig ung nach § 22 des
Ber uf sbi ldu ng sge set zes (BB iG) währ end der Pro be zei t sow oh l von Auszu bi lde nde n als
auch von den Ausbi lden den jeder zei t o hne Einha lten einer Kündi gung sfr ist vorzei tig
bee nde t werd en. Danac h ist ein e Künd ig ung des Au sbi ldu ngs ver trags sei tens der Au s
bil dende n nur noch a us ei ne m wicht igen Gr un d ohne da s Einh alt en e iner Kü nd igu ngs
fri st möglic h. Die Auszub ild end en haben demg egen übe r die Mögl ich kei t, das Ausbil
du ngs ve rh ält ni s au ch na ch de r Pro beze it mi t ein er Künd ig ung sf ri st vo n vie r Woche n zu
kündi gen, wenn sie a) die Beru fsausb ildun g a ufgebe n o der b) sich für eine and ere
Ber ufs tät igk ei t ausb ild en las sen wol len . Währ end des Ausbi ldu ngsve rla ufs ste hen de n
bei den Vert rag spa rteie n som it un ter sc hie dli che Mögl ichke ite n zur Aufl ösu ng de s Aus
bil dungs ve rt rag es z ur Ve rfügu ng . Für die Seit e der Ausb ild enden s ind sie nach d er Pr o
bez eit be gr enz t. Dar üb er hina us dürf te n di e Fo lge n vorz ei ti ger Ver tra gslö sun gen fü r di e
bet roffe ne n Pa rte ie n je na ch Ze it pun kt un tersc hi edl ich gra viere nd se in ( vg l. Mi sch le r &
Schi ener 2016 : 40 8 ). Wie wird nun konkret von dies em R echt srah men Gebr auch ge-
ma cht ?
Inform ationen darübe r, wann Ausbil dungsv erträge vorzei tig au fgelöst werden ,
kan n ma n zun äc hst de r jährl ich e rho ben en Be ruf sbild ung sst atist ik entne hm en. I m Be
ric hts jahr 2 017 der Beruf sbi ldu ngs sta tist ik sind 33 . 6 % der vorze iti g bee nde ten Ausb il
dung sver hält niss e wä hren d de r P robe zeit dur chge führ t wo rden . Im weitere n Verlau f
des er sten Au sbil dungs jahr es nach der Pr obeze it wur den we itere 3 2 . 8 % der Ausbil
dung sve rträ ge gelö st. Somit ent fall en auf das e rste Ausbil dun gsja hr etw a z wei Drittel
der i m Jahr 2017 vorgeno mmen en Ver trag slös unge n. De r Anteil d es zw eite n Ausbil
dun gsj ahr es betr ägt 23 . 6 %, dan ach ver rin ger t sich die Quot e auf 8 . 3 % im dritt en Aus
bil dun gsj ahr und 1 . 7 % im viert en Ausbi ldu ngs jah r, welc hes jedo ch nich t in all en Aus
bil dung sbe ruf en zu abso lvi ere n ist (vgl . Bundes ins tit ut für Ber ufs bil dung 2019 : 157 f.).
Erg ebn iss e von auf reg io nal en St ich pro ben basie ren den Befr agu ngsstu di en be stä
tigen d ieses a us der am tlich en Beru fsbi ldung sberi chter statt ung gew onne ne Bild . So
leg en Huth ( 2000 : 35 f.), Bohl inge r ( 2002 b : 8 ), Sch öng en ( 2003 : 6 f.), Stald er & Schm id
( 200 6 : 37 ) , Bess ey & Ba ckes -Gell ner ( 2 008 a : 11 ) sowie P ieni ng, Ha uschi ldt & R aune r
( 20 10 : 17 ) dar, dass Ausbil dun gsv ert räge im ersten Aus bild ung sja hr am h äuf igs ten ge
lös t werde n, wäh ren d im weite ren Aus bil dun gsv erl auf das Ausma ß der Vert rag slö sun
gen imm er we ite r a bni mm t. Erg änz end ze ige n S chö ng en ( 20 03 : 6 f.), Sta lde r & Sch mid
( 20 06 : 37 ) un d Pie nin g, Haus chi ldt & Raun er ( 2 010 : 17 ), da ss zw is che n 2 % un d 6 % de r
Ver trag slö sung en bereit s erfo lge n, bevor die A usb ildu ng überha upt begon nen wurde .
Bohlin ger ( 2 003 : 45 ) be gründet die Abnahme der vorzeit igen Vertrag slösung en
im Verl auf der A usbil dung mi t dem „Wu nsch, f ür das Ge leist ete ein en Absc hluss z u
erha lten “. Die sowo hl v on Ausb ilde nden wie Auszub ilde nden geleist eten Investi tion en
und Be mühu ngen so llen n icht u mson st gewe sen se in, so dass ei ne zun ehme nde Ko m
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 63
prom iss- und Lösun gsbe reit schaf t bei Konfli kten oder Pro blem en zug unst en des Aus
bildun gserf olgs beste ht (vgl. Boh linger 20 03 : 45 ). Glei chzei tig weist di e hohe Anzahl
vorz eiti ger Ve rtra gslö sung en in nerh alb de s erst en Aus bild ungs jah res im S inne d er so
zialis ationst heoret ischen Erkl ärungsa nsätze auf die hohe Bedeut ung b erufli cher wie
betr iebl iche r Integra tion hin. Geli ngt diese Inte grat ion beson ders in den ersten Mona
ten ni cht, erhöh t sich die W ahrs chein lichk eit, dass d ie Mit arbei ter/ -inne n die Organ i
sati on wie der verlass en (vg l. Baue r et al . 2 007 : 711 – 71 3 ).
Die A nalys e des Zeit punkt s, zu dem d er Au sbild ungs vertr ag im Verla uf de r Aus
bild ung au fgel öst w ird, sagt j edoc h noch nichts da rübe r aus, welche Pa rtei für d ie In i-
tiier ung der V ertra gsaufl ösung v erant wortl ich ist . Für die B eantw ortun g diese r Frag e
hat der W estde utsch e Hand werks kamme rtag ( 2 002 : 26 f.) in sei ner Unt ersuc hung zu
den Gründ en für Ausbi ldung sabbrü che im nordr hein-w estfä lische n H andwe rk nach
dem er sten A usbil dungs jahr 4 00 von e iner V ertra gslös ung be troff ene Ju gendl iche s o
wie 30 0 Ausb ilden de unter ande rem da nach ge fragt , welc he Par tei den W unsch nach
einer Vertr agslö sung g eäuße rt hat . Aus Si cht de r Juge ndlic hen si nd etw a zwei D ritte l
aller F älle au sschl ießli ch auf i hren Wu nsch er folgt . Ledi glich 1 6 % gaben an, da ss die
Vertr agslö sung a ussch ließ lich vo n den Berufs bilde nden g ewüns cht wo rden s ei. Na ch
Aussa ge der v erbli ebene n 18 % der J ugend liche n war di e Vertr agsl ösung d er gemein
same Wunsc h beider Vertr agspar tner. Ein ande res Bild ergib t s ich jedoch , w enn die
Ausbi lderin nen und Ausb ilder be fragt wer den. Mit 33 % der Nennungen is t die Ver
trags lösun g aus ihrer Si cht we it häu figer a ussc hließ lich vo n Betriebss eite g ewüns cht.
Auf Initia tive der Jugend lichen gin gen hingeg en 4 5 % d er V ertrag slösun gen zurück ,
währ end 19 % d er Vertrags lösu ngen auf beiders eiti gen Wunsch getäti gt worden seien.
Zu ähn liche n Ergebniss en gel ange n Pien ing, H ausc hildt & Raune r ( 2010 : 15 f.). Auch
in di eser Stichpr obe m it 15 9 ehemaligen Ausz ubilden den u nd 208 Ausbildende n in
von Vert rags lösu ngen bet roff enen Bet rieb en des Kamm erbe zirk s der IHK Osnabr ück-
Emsl and hingen die genan nten Quoten erhebl ich davon ab, we lche Vertra gsse ite Aus
kunf t ü ber die Initiat ive zur Ve rtra gslö sun g ge ben sollte. Gleich zeit ig ist die Verteil ung
der beid en Vert ragsp arteie n auch vo n der jewe ilige n Branc he des Aus bildu ngsbe rufs
abhän gig. So könn en Pienin g et al. ( 2012 : 45 ) in einer we itere n Regiona lstud ie darle
gen, dass d ie Ei nschätz ungen, auf wen d ie Vertragslö sung z urückz uführen ist, zwi
sche n den Bra nche n („Grü ne Beru fe“ 1 5 , Hand werk , Indu stri e und Hand el) bi s zu 16 %
betrage n können (vgl. Piening et al. 2 012 : 45 ; vgl. dazu au ch Piening, Hau schildt &
Raun er 201 0 : 34 ).
Stal der & Schmi d ( 2006 : 6 7 ) konn ten in der bereits erwähn ten Vol lerh ebun g d er
vor zei tig en Ver tra gsl ösu nge n im Kanto n Bern die Ant wor ten zur Fra ge des Ent sch eids
der Vert rag slösu ng d er b eid en b et eil igt en P art ei en d ire kt g ege nü ber ste lle n. D ab ei z eig t
sich , d ass sic h in ledigl ich 65 % der Fäl le d ie beid en bete ilig ten Parteie n e inig waren,
wer als Ausl öse r fü r di e Ve rtr agslö su ng anges eh en werde n kann . Es ist so mi t ni cht ohne
Wei tere s durch nacht räg lic he Befra gung en valid e zu verm itte ln, auf wesse n Betrei ben
die vorz eitig e Be en dig un g von Aus bil du ngs ve rhä lt nis se n zu sta nd e ko mmt .
15 In der Stichprobe beinhalten die „Grünen Berufe“ die Ausbildungsberufe Gärtner/-in, Landwirt/-in und Pferdewirt/-in
(vgl. Piening et al. 2012: 23 f.).
64 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
4. 1.3 Gründe und Ursachen vorzeitiger V ertragslösung
Neben dem Zeitpu nkt u nd d er F rage, auf wessen Initi ative die Ausbil dungsv erträg e
gelöst werd en, stand das „Warum “ im Mittelpunkt des Forsc hungsin teress es. Dabei
sind zur Auf klär ung der Ursac hen vorzeit iger Beendi gung en von Ausbil dung sver hält
nisse n in der Fors chun gspra xis hä ufig ei nzel ne Ver trags parte ien, z umeis t die Auszu
bild ende n und selte ner die Aus bilde r/- innen , retro spek tiv zu den Grün den für die vor
zeit igen Vertr agsl ösun gen befragt worde n ( z. B. Bohlin ger 2003 ; Pien ing , H ausc hild t &
Raun er 201 0 ; Stal der & Sc hmid 20 06 ; We stde utsc her Ha ndwe rksk amme rtag 2 002 ; vg l.
dazu auch Bohli nger 2002 b: 11 ). Wenige Unter such unge n stellte n dab ei die Ursachen
zusch reib ungen beide r Par teien einan der g egenü ber un d nur punkt uell w urde n auc h
die Einschä tzu ngen der L ehre r/- inne n d er Ber ufss chul en erh oben .
Die Ergeb nisse dies er Forsc hungsp raxis ver deutli chen, das s vorzeiti ge Vertra gs
lösu ngen zumeist nicht n ur a uf e inen einzeln en G rund zurückz ufüh ren sind , so nder n
viel fälti g be gründ et w erden (vgl . Boh ling er 20 02 a: 409 f.; Böhn & Deutsc her 2 022 : 7 – 9 ;
Faßma nn & F unk 19 97 : 3 47 – 34 9 ; Sc hönge n 200 3 : 7 – 1 1 ; St alder & Sch mid 20 06 : 5 1 – 64 ;
Vock 2000 : 35 , 51 f.; Westde utsc her Han dwer kska mmert ag 200 2 : 12 – 2 1 ). Die s ist nicht
zulet zt desha lb der Fall, weil si ch hinte r dem form alen Akt d er Vertr agslö sung völ lig
unter schied liche Phä nomen e verberg en können (v gl. Uhly 201 5 : 20 ). Bet rachte t m an
die Aus sagen , die die Pa rteie n als Grü nde ein er vorzeitig en Vert ragsl ösung an geben ,
zeigen sich ern eut e rhebli che Unters chiede in den Wahrne hmunge n dieser Gründe
und Ursach en zwischen den betei ligten Parte ien und eine große Übere instimm ung
inner halb der jew eilig en Parte i ( vgl. Boh linge r 2002 b: 9 f.; Mischler & Sch iener 201 6 :
406 ). So nennen die eh emalige n Auszubildende n überwiegend A spekte im Zusam
menha ng mit der be trieb liche n Ausbil dung, w ie zum Bei spiel un günst ige Arbe itsbe
dingunge n, mangeln de Ausbild ungsquali tät oder Kon flikte mit den an der bet rieb
lich en Ausbi ldun g betei ligt en Akteu ren (vg l. Misch ler 2014 : 45 f.; Uhl y 2015 : 20 f.). Von
Seiten de r Ausbild enden we rden diese betriebl ichen Grü nde einer vorzeitig en Ver
tragsl ösung demg egenü ber nur selte n genannt. Für sie ste llen vielm ehr die Leist un
gen un d die A usbi ldu ngsb erei tsch aft de r Aus zubi lden den i n Betr ieb u nd Be rufs schu le
sowi e beru fswa hlbe zoge ne Asp ekte d ie zen tral en Ur sach en ein er vor zeit igen V ertr ags
lösun g dar (vgl. U hly 20 15 : 21 ). Die oft wid ersp rüchl ichen Aussa gen de r an einer Ve r
trags lösung be teilig ten Part eien weis en darau f h in, dass di e „Begrün dungen al s sub
jektiv g efärbte In terpretationen und D eutungsmuster zu ve rstehen s ind“ (Schm id
2010 : 74 ) . So kann – diese r Einsch ätzun g von Uhly ( 201 5 : 20 ) ist zuz ustimm en – aus
rückbli ckenden Bewert ungen v on Vertragslös ungen nicht d irekt auf Ursachen b zw.
„obj ekti ve Grü nde“ geschl oss en werd en. Es handel t s ich stattd esse n u m Rech tfer tigu n
gen vergang ener Ereign isse, die offenk undig die Gefahr gege nseiti ger S chuldz uwei
sung en in sich b erge n.
Der Forsc hun gsst and zu den Gründ en und Urs ache n der V ert rag slös ung en wird
als o du rc h Be fra gun gs stu die n de r v on V ert rag sl ösu nge n be tr off ene n Ak teu re im Q uer
sch nit tde si gn d omi nie rt . Di e au sge werte ten Samp les sin d un te rsc hie dli ch g roß, h äuf ig
han del t es sich um Re gio nal stu die n (v gl. exem pl. Grei lin ger 201 3 , H uth 2000 , Mi sch ler
201 4 ) oder die Dom äne n varii ere n (vgl. exe mpl . Bohli nge r 2003 ; Deu er 2006 a), d. h. die
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 65
Sti chp roben s ind n ur selt en deut sch la ndw eit r ep räs ent ati v. G le ich zei ti g la sse n die De u
tung en des Vertra gslö sung sge sche hens durch die Auszu bild ende n u nd Aus bild ungs
veran twor tlich en kei ne Rückschlü sse au f die ta tsäch lich en Ursachen de r vorzeitig en
Ver tra gsl ösung en z u. Die s w ürd e i dea ler wei se ein Län gss ch nit tde sig n u nd m indes ten s
vor aus setz en, dass m an die Einsc hätz ung en der Jugen dlic hen , die ihr en Ausbi ldu ngs
vert rag nicht erfül len, mit der Kontro llg rupp e jene r ver glei cht , d ie die A usbi ldu ng ab
schl ieße n ( vgl. dazu auch Bookman n e t al. 2014 : 3 f.; Rohrba ch-S chmi dt & U hly 201 5 :
108 ).
Die w enigen Unters uchung en, di e sich einem solch en Design an nähern, sind
zum eist i m Kontex t größe rer Fors chun gsp roj ekt e entsta nde n, wie es i m bereit s darge
ste llte n Proje kt „LEVA “ aus der Schw eiz der Fall ist (vgl. Stal der & Sch mid 2006 ), oder
nut zen ber eit s vorh and ene län gss chn itt lic he Date nsä tz e für Sekun där ana lys en. So ver
wen det etwa Keck ( 1984 ) die IAB -Lä ngss chn itt unte rsu chu ng „Jugen dlic he beim Über
gang vom Bildung s- in d as B esch äfti gun gssy stem “, w ähre nd B eich t & Walden ( 201 3 )
auf d ie Date n der „B IBB -Üb ergan gss tu die 2 011 “ zurüc kgr ei fen . Darüb er hi na us best eht
in den letz ten Jahr en vermeh rt die Mög lich kei t, große längs sch nitt lic he Panels tud ien ,
wie das „Na tional e Bild ung spa nel “ (NEP S) in Deut sch lan d (vgl . Bloss feld, von Mau ric e
& S chne ider 2011 ) ode r d ie „ TRE E-St udie “ 16 aus der S chwe iz (vgl . T REE 2016 ) für die
Ana ly se vor ze iti ge r Vert rag slösu ng en zu ver we nde n. Mit ei ner solch en Dat en gru ndl age
bes teht die Mögli chke it, mult iva riat e Analys en zu den Deter mina nte n vor zei tige r Ver
trags lösu ngen du rchz uführ en und s omit ve rtie fende E rgebn isse z u erha lten, die die
rei n deskr iptiv e Eb en e de r Gr ünd e ei ner vor zei ti gen Vert ra gsl ös ung über steig en .
Die b egre nzte n Erkennt nisse zu den Ur sach en vo rzei tige r Vertrag slösu ngen füh
ren nun nicht dazu , dass eine Auseina nder setz ung mit der subjek tive n Bew ertu ng der
Ausbil dungss ituatio n obsolet geword en w äre. Vielme hr l iefern sie wicht ige Anhalts
punkte für die Ermit tlung mögl icher Frühw arnsig nale drohen der Vertra gslösu ngen.
Dies ist auch des halb der Fall , da es ü berr asch end wäre , we nn ni cht zumi ndes t ei n Te il
der gena nnt en G ründ e au ch u rsäc hli ch f ür v orze itig e V ertr agsl ösun gen ist . Im Folgen
den wird dah er die Befun dlag e zu den Grü nden vor zeit iger Ver trag slös unge n – im Be
wusst sein, da ss sie nic ht mit ihr en Ursac hen zu ver wechs eln sind – det ailli ert darg e
stel lt und durch weiterr eich end e F orsc hung sar beit en ergä nzt .
V or der Ausbildung: Berufs- und Betriebswahl der Jugendlichen sowie Selektion
durch den Ausbildungsbetrieb
Wie die obe n beschri ebene n p assun gs- und sozi alisa tions theor etisch en Ansä tze zur
Erkl äru ng vorz eit iger Vertra gsl ösun g e rwa rten lassen , ist eine s org fält ige Berufs - u nd
Aus bil dun gsp lat zwa hl der Jug end lic hen off enb ar eine wic hti ge Vora uss etz ung für den
erf olgre ich en Ein sti eg in das Aus bil dun gsver hä ltn is sowi e de n Ve rbl ei b in Ausb ild un gs
beru f und -betr ieb (vgl. Bohli nger 2002 b : 10 f. ; N eue nsch wan der, Stald er & Süs s 1 996 :
21 ). So si nd Jug endl iche , die vor d er Au sbil dung der Üb erze ugun g sind, die rich tige
16 Die Schweizer TREE-Studie (T ransitionen von der Erstausbildung in Erwerbsleben) ist eine Längsschnittuntersuchung,
die die Ausbildungs- und Erwerbsverläufe von Jugendlichen nach der Sekundarstufe I beobachtet. Die erste K ohorte
wurde auf Basis der ersten Schweizer PISA-Studie lanciert und startete im Jahr 2000. Die Beobachtung einer zweiten
Kohorte begann 2016 (vgl. TREE 2016: 4).
66 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
Ber ufs- und Betrie bswa hl getrof fen zu hab en, nach Beginn der Aus bil dung nach weis
lich zufried ener und haben e her die Abs icht , ih re A usbi ldun g a uch erfo lgre ich abzu
sch ließe n (v gl. Näg ele & Neu ens ch wan de r 20 15 : 65 f. ).
Im B eruf swah lpro zess sind na ch Schm id ( 2010 : 75 ) je doch diverse Herausf orde
rungen vorh anden, die die B erufs - und Ausbildungs platzw ahl d er Ju gendli chen er
schw ere n. Dazu zähl en etwa der frühe Zeitp unkt , zu dem d ie Entsche idu ng einer Be
ruf s- u nd A usb il dun gs pla tzw ah l getr off en w erd en m us s, die Ins tab ili tät der beru fli ch en
Int eres sen und event uel le Unsich erh eit en bezüg lich der eigen en Fähig kei ten, etwa ige
fals che Vo rste llun gen üb er di e Arbeitsw elt i m Allgemei nen s owie über d ie in s Auge
gef asst en Beruf e im Beson der en, fehle nde sozi ale Unter stü tzu ng sowie das begren zte
Aus bil dun gspla tza nge bot in bes tim mten B eru fen un d R egi one n, die die Wah lmö glich
keit en der Jugendl ich en begr enze n ( vgl . S chmi d 2 010 : 75 ). Folg lich ist e s w enig über
rasc hend , dass in den be reit s erw ähnt en Be frag ungs stud ien z u den Gründen v orze i-
tig er Vertr ags lös ung en beruf swa hlb ezog ene G rün de in erhebl ich em Umfan g genan nt
wer den.
Aus Perspektive der Jugen dlichen umf assen berufswahlbezog ene Gründe in den
Unte rsuch unge n von Ertelt, Meined rink & Sei del ( 1999 : 1288 ) und Schönge n ( 200 3 : 8 )
jewei ls etw a ein Dritt el, wäh rend in der U nter suchu ng von Beich t & Walden ( 2 013 : 9 )
sogar über d ie Hä lfte d er Ju gendlic hen an geben, dass ihnen der Be ruf ni cht z usagt
bzw. e infac h nic ht das Richt ige se i. Dar über h inaus erkl ären z wisch en 15 % und 46 %
der Ju gendl iche n, das s sie f alsch e Vorstellu ngen v on ihr em Aus bildu ngsb eruf g ehabt
hätten , was ebenfalls auf eine nicht gelun gene Berufs orient ierung der Jugend lichen
hinweis t (vgl. Ernst & Sp evacek 2012 : 13 ; G reiling er 2013 : 60 ; Westd eutsche r Hand
werksk ammerta g 2002 : 39 ). Di ese Ergebni sse w erden durch weite re Studien bekräf
tigt. Während bei Er nst & Spevace k ( 2012 : 13 ) 11 % der Jugend lichen angaben , dass
unzurei chende Informa tionen zum Au sbildu ngsberu f die vorzeit ige Ve rtragsl ösung
verurs acht haben, nen nen bei Stalde r & Schmid ( 2006 : 53 ) 24 % r espekt ive 28 % d er
Jugen dliche n m angel nde Kennt nisse zum Au sbildu ngsbe ruf und zum Ausb ildung s
betr ieb als G rund für d ie vor zeit ige Vertrag slö sung .
Auc h aus der Persp ekt ive des Aus bil dun gsp ers ona ls sind fal sch e Beruf svo rst ell ung en
und m angelnd e Kenntnisse des A usbildu ngsber ufs un d -betriebs der J ugendl ichen
wic hti ge G rün de fü r die Beend igu ng de r Ausbi ld ung sve rhä ltnis se (vgl . Gr eil ing er 20 13 :
55 ; Stal der & S chmi d 20 06 : 55 ; Westdeu tsch er H andw erkk amme rtag 2002 : 4 1 ) – un d
dies , obwohl di e Jug endl iche n dem Wisse n übe r Ber ufe s elbst eine hohe Bede utun g
bei mes sen . So beton en etwa die Bef rag ten in der Unt ers uch ung von Pra ger & Wiela nd
( 2005 : 9 ), da ss eine z entra le Einf lussg röße de r Beru fswah lents cheid ung die e igene n
Erlebniss e und Erfa hrungen im entsprec henden Berufsfe ld da rstellen. Um solche
Erle bni sse und Erfahr unge n z u b eför der n u nd eine n K onta kt zum jeweil igen Berufs
fel d he rzu ste llen, wird in der Be ruf so rie nt ier un gsf or sch ung der Ab sol vi eru ng von Pra k
tik a, die als da s „w ich tig ste [… ] In str um ent für das Ke nne nlern en eine s Be ruf es “ (B ein ke
202 0 : 427 ) gel ten , eine posi tiv e Wirku ng für den Zug ang zu Ausb ild ung sbe ruf en zuge
sch rie ben (vg l. Eber har d 2012 : 77 f.). Aller din gs ist der Beit rag von Pra kti ka für die Ver
mei dung von Vertra gsl ösu ngen nich t abs chl ieße nd geklär t (vgl. Bohlin ger 2004 : 1 ). Es
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 67
gil t nämlic h, dass „ein e hohe Anzah l der Jugend lic hen , die ihr e Ausbi ldu ng nach dem
erst en A usbi ldun gsja hr vorz eiti g be ende n, P raxi serf ahru ngen vor Beginn der Aus bil
dun g [ge; S. H.] sam mel t [hab en; S. H.]“ (Bohl ing er 200 4 : 3 ). Gemä ß der Unter suc hun g
des Wes tde uts che n Hand wer kka mme rta ges ( 20 02 : 19 f.) haben 45 % der von ein er Ver
tra gslö sun g betro ffen en Juge ndl iche n ein Prakti kum im Ausbi ldun gsb etr ieb und 17 %
ein P rak ti kum i m Aus bildu ngs ber uf, abe r in e in em ande ren B etr ieb , durch ge füh rt (vgl .
dazu au ch Bohl inger 2 004 : 3 ) . In der St udie vo n Greil inge r ( 2013 : 44 ), di e von ei ner
Ver tra gsl ösu ng bet rof fen e Juge ndl ich e aus Hand wer ksb eru fen in Münche n und Obe r
bayer n befra gt, abs olvie ren sog ar 75 % der Ju gendl ichen v or Ausb ildun gsbeg inn ein
Praktikum in ihrem Ausbildungsbe ruf. Bohlinger ( 2004 : 4 ) s chlussfolg ert entspre
che nd, dass die v on einer Vertr agsl ösu ng betrof fen en Jugend lich en somit „kein esf alls
aussc hließl ich unin formi erte, ben achte iligte un d d esint eress ierte Jug endli che“, son
der n zu ein em g roß en Teil ü ber i hren Ausb ild ung sberu f wie auch zu ein em g er ing ere n
Teil übe r ihren Ausb ildun gsbet rieb info rmier t seien . Praktik a stelle n folgl ich wede r
eine probl eml os ver lau fend e Ausb ild ung noch die Verme idun g eine r vor zeit ige n V er
tra gs lös un g si che r (v gl . Bo hli nge r 2004 : 10 ).
Das s A usz ub ild en de eine Aus bil dung i n i hre m W uns ch ber uf abs olv ier en kön ne n,
gil t desh al b au ch weni g üb er ras chend als ein „zen tra ler Ei nf lus sfakt or“ (L an ge 2019 : 11 7 )
des Ve rtr ag slö sungs gesch ehens 17 . Aus e ine r fehl ende n Real isi erung de s Wuns ch ber uf s
kan n ein e geri nge Ident if ika tio n mit dem Ausbi ldu ngsbe ruf re sul tie re n, die wiede rum
die Lei stu ngs mot iv ati on redu zie ren und so die Mögl ich kei t eine r vorz eit ige n Vert rag s
lös ung zu beför dern v erm ag ( vg l. F re y & E rt elt 201 3 : 44 8 ). Dab ei s ch wa nkt der Ant ei l der
Aus zub ild end en, die ihre n Wuns chb er uf nic ht rea lis ier en kon nte n, zwi sch en den Stu
die n erh ebli ch und ran gie rt zwisch en 21 % und 45 % (vg l. Beicht & W ald en 2013 : 5 – 7 ;
Bei nke 201 1 : 65 ; Gre ili nge r 2013 : 60 ; Pieni ng, Hausc hil dt & Raune r 2010 : 21 ; Sta lde r &
Sch mid 200 6 : 95 ; West deu tsc her Han dwerk kam mer tag 200 2 : 21 ) . Bec kma nn, Wic ht &
Sie mba b ( 2023 : 668 – 671 ) könne n auf Basis der Län gss chn itt dat en des „Na tio nal en Bil
dung span els“ (NEPS) für Deutsch land zeigen, dass be i e iner fehlend en R eali sie rung
des ange stre bte n Ber ufs eine ansc hli eße nde beruf lic he Kompr omi ssbi ldu ng hinsi cht
lic h des so zia le n S ta tus un d d er Ge sch le cht st ypi k (fr au enr ei che r; män nerre ic her Be ruf )
zu eine r vorzei tig en Vert rag slö sun g der aufge nom men en Beruf sau sbi ldu ng beit rag en
ka nn. All er din gs zei gen sic h Un te rsc hied e zw is che n den Gesc hle chte rn. Wäh re nd dies e
Zusa mme nhä nge für M änn er sch wäc her ausgep räg t s ind und sie eher ein e Kom pro
miss bil dun g der Gesch lech tst ypi k in Form ges chle cht s un typi sch er Berufs ein trit te an
neh men , find en sich bei Fr aue n deutl ich ere Zusam men hän ge. So ste igt bei Fra uen in
den erst en sech s Mon at en na ch de m Sta rt der Be ruf sausb ildu ng di e Wah rs che inli chk eit
ein er Ver trags lösu ng bei eine r Ko mp ro mis sbil dun g der Ge sc hl ech tsty pik und der dami t
ver bu nde nen Aufn ahm e ei nes gesc hle ch ts u n ty pi sch en Ausbi ld ung sve rhält nis ses deu t
lich an. Gleich zeitig wird durc h die Aufnahme eines Ausbi ldungs verhäl tnisse s mit
eine m höhe ren als ange str ebte n sozi ale n S tat us die Wahrsc hei nlic hke it der Vertra gs
lö sun g von Fr au en gem inde rt (v gl. Be ck ma nn, Wi cht & Si em ba b 2023 : 671 ).
17 F ür den Zusammenhang der Realisierung des Wunschberufs und der Ausbildungszufriedenheit siehe exempl. DGB-Ju
gend 2022: 61.
68 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
Die hohe Bede utung ber ufswah lbezo gener Grü nde und Ursac hen für die Auf-
lös un g v on A usbil du ngs ver träge n w ir d du rch Un tersu ch ung en , di e A us zub il den de mit
vorz eiti ger V ertr agsl ösun g mi t Auszubi lden den, die von kein er vo rzei tige n Ve rtra gs
lös ung bet rof fen sin d, vergl eic hen , klar gest ütz t. Nach Kec k ( 1984 : 254 ) haben Jug end
li che mi t vorz eiti ge r Vert ra gs lös ung größ ere Schw ie ri gk eit en be i der Ber ufs- und Au sb il
dungspla tzwahl, verfü gen zum Zeitpunkt ihres Schulabgangs häufiger ü ber keine
gen auen V ors te llu ngen h ins ic htl ich ihre r zukü nft igen B eru fs tät igkei t, sin d h ins ichtl ic h
der a nges treb ten A usbi ldun gsbe rufe flex ibler und unen tsch iede ner, werd en we nige r
von ih ren El ter n und Pee rs un ter stütz t u nd hab en häu fi ger ei ne Aus bil du ng beg onn en,
die nic ht i hre m Wu nschb eruf en tspri ch t. B eic ht & W al den ( 20 13 : 8 ) z eig en g ar, d ass das
Ris iko eine r vorz eitig en Ve rtr agslö sung f ür A us zub ilde nde , die n ic ht i n ihre m Wuns ch
ber uf aus ge bil det werd en, d re im al so h och ist wie für Ju ge ndl ic he , die ihre n Wunsc hbe
ruf realis iere n k onn ten. Rohrba ch-S chm idt & Uhly ( 2015 : 124 ) wei sen schließ lic h a uf
Basi s ihr er Analys e d er Daten der B eru fsb ildu ngs stat ist ik zu 330228 Ausbi ldu ngs ver-
trä gen der Ber ich ts jah re 20 08 bi s 2011 nach, dass da s Risi ko ei ner vorze iti ge n Ver tra gs
lösung umso m ehr zu nimmt, je län ger de r Übergang vo n der allgem einbild enden
Sch ul e in die dual e Ber ufs aus bi ldu ng ni cht reibu ng slo s fun kti onier t. Mi t jed em Al ter s
ja hr meh r ste ig t das Lös un gs ris iko um etwa 0 . 8 Pro zen tpun kt e an.
Die W ahl d es Aus bild ungs beru fs ste llt f ür di e Jugendl ichen jedo ch be kann tlich
nic ht die ein zige He ra usf ord erung währ end des Üb erg an gs von der Schu le in den Au s
bil dun gsmar kt dar . In der duale n Aus bil du ng müs se n die Ju gen dli ch en vie lme hr auch
ein en Au sbi ld ung sbetr ieb find en b zw . sich ggf . zwis chen m eh rer en B etrie ben ents ch ei
den. Im V ergl eic h z ur Ber ufsw ahl ist d ie Betrieb swa hl all erdi ngs weit weni ger unter
suc ht ( vgl . Sc han k 20 11 : 35 ) . Einz eln e Er geb nisse l ieg en gl eichw oh l vo r. Si e zei gen, da ss
die J ugendl ichen ihre Betrieb swahl vielfä ltig begrün den. I n der Unter suchun g von
Deu er ( 2 006 a: 15 9 ) mit Au szu bi lde nd en aus de m b ad en- wü rtt em ber gi sch en Ein zelha n
de l stel le n ins bes onde re der po si ti ve Ruf de s Aus bil dung sb etr iebs , gute Ka rr ie re cha ncen
und die Ausb il dun g im Wun sch bet ri eb zu re ali sie re n die en tsc hei den den Krit eri en für
die Betri eb swa hl da r. Di ese Aspe kte spiel en in der Unt ers uch un g von Greil ing er ( 2 013 :
45 ) hing ege n eine wenig er bede uts ame Roll e. Dort werd en vielm ehr d ie Abso lvi eru ng
ei nes Pra kt iku ms im Ausb il dun gsbe tri eb, fe hl en de Wahl al ter nati ven sow ie die Empf eh
lung des soz iale n Umfe lde s als Gründe für die Betrie bsw ahl genann t ( vgl . Grei lin ger
20 13 : 45 ).
Wer den in Stu die n wie deru m Auszub ild ende , die von eine r vor zeit ige n Ver tra gs
lös ung bet rof fen sin d, mit Aus zub ild end en ohn e vorze iti ge Ver tra gsl ösu ng ver gli che n,
zei gen Neu ens chw and er , St ald er & Süs s ( 1 996 : 2 5 ), dass Aus zub ild en de m it v orz eit iger
Ver tra gsl ösu ng b ei de r Wa hl ih res Ausb ild ung sbe tri ebs weni ger star k auf das An seh en
und de n R uf sowie die Kr ise nsi ch erh eit de s A usb il dun gsb etr iebs gea cht et hab en als d ie
Ausz ubil dend en mit kont inui erli chem Ausbild ungs ver hält nis (vgl . Ne uens chw ande r,
Sta ld er & Süss 199 6 : 25 ) . Auch ha ben di e Ausz ubi ld end en , die von ein er V ertra gsl ösung
bet ro ffe n sin d, and er s als di e Ausz ub ild end en ohne Ver tr ags lö sun g, grö ße re Sch wi eri g
kei ten im Bewer bun gspr oze ss und werde n bei der Bet rieb swa hl ebe nfa lls wenige r so
zia l un te rst üt zt (vgl. Kec k 19 84 : 254 ) .
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 69
Neben d en Beru fswah lproz essen a uf Seit en der Ju gendl ichen hä ngt die En tste
hun g eines Aus bil du ngs ver häl tni sse s aber bek ann tli ch auc h von der Bewe rbe rau swa hl
der Aus bildu ngsb etrie be ab. Deren Aus wahlv erhal ten ist b ei der Ur sache nsuch e für
vor zei tig e Vertr ags lös ung en in der Forsc hun g bisla ng nur am Rande the mat isi ert wor
den (vg l. Boh linge r 2002 c: 50 ) . Die we nigen v orlie gend en Ergebniss e zeigen jed och,
das s die bet rie bli che Selek tion der A us zub ild en den seh r wohl Ein flu ss a uf d as V ertra gs
lösu ngsg esch ehen hat. Ch rist ( 2013 ) weis t au f de r Ba sis des BIB B-Qu alif izie rung spa
nels , ein er jäh rlic hen (Wied erho lun gs-) Bef ragu ng mit 2 000 repräs ent ativ en Betrie ben
in Deu tsc hland , nac h, da ss die grund sät zlich en Mot iv e der Bet ri ebe , Jug end li che au szu
bild en, sich s tati stis ch auf das Vertra gslö sun gsge sche hen auswirk en. Haben Betr iebe
eine inves titi ons orie nti erte Sicht weis e auf Ausbil dung , die betont , d ass eine erf olg rei
che Ausbil dung eine Inv esti tio n i n d ie Zuk unf t d arst ell t u nd den eigene n Fach kräf te
nac hwuc hs sicher t, sinkt das Ris iko der vorz eit ige n Vert rag slö sung , und zwar um d as
3 , 2 -Fa che erh ebl ich . Bei ein er prod ukt ion sor ie nti ert en Ausb ild un gsm oti vat ion , die un
ter str eic ht, dass Aus zub ild end e währen d der Ausbi ldu ng Ertr äge erw irt sch afte n, stei gt
das Risiko hing egen um d as 1 , 7 -Fache geg enüber Betri eben ohne diese Sich tweise.
Auc h Betrie be, der en Ausbi ldu ngs ber eit sch aft kost eno rie nti ert mot ivi ert ist und somi t
die D urch führ ung der A usbi ldun g unt er B erüc ksic htigu ng v on Ko sten - un d Nutzen
asp ek ten b eto nt, weise n gegen üb er Betr ie ben , für die das nich t gilt, e in 1 , 6 - fac h hö heres
Ris iko ein er Ver tra gsl ösu ng auf (vg l. Chr ist 201 3 : 4 ). Die sen Bef und kön nen Roh rb ach -
Sch mid t & Uhly ( 201 5 : 125 ) in ihre r Unters uch ung auf Bas is von 33022 8 Ausbi ldu ngs
verträ gen d er B erufsbi ldungs statis tik d er Be richts jahre 2008 bis 2011 bestät igen. In
ein em inves tiv en Ausbi ldu ngs mode ll herrs che n stabil ere A usb ild ung sver häl tni sse vor
und das Ri sik o e ine r v or zei tig en Ve rtr ags lös un g i st sig nif ik ant ger ing er (vg l. Roh rba ch -
Sch midt & Uhly 2015 : 12 5 ).
Ande re Studi en fokuss iere n die von Betri ebe n ein ges etzt en Rekrut ier ungs str ate
gien . Für die Sch weiz habe n Stalde r & Schmi d ( 2006 : 9 6 – 9 8 ) unter suc ht, welc he Vor
gehe nswe ise die in den Betr iebe n v erant wort lich en P erso nen bei der Selekti on i hrer
Aus zub ild end en anwe nde n und ob sie bei Jug end lic hen , die spät er vo n ein er Ve rtr ag s
lös un g be tr off en ware n, and er s vorge gan gen si nd . Dies sche int abe r überw iegen d nicht
de r Fal l zu sei n. Le digl ic h 17 % der Be tr ie be si nd bei eine r, 10 % der Betr iebe bei zw ei oder
meh r S el ekt ionsm aß nah men von i hr em ü bl ich en Ver fa hre n a bg ewi chen ( vg l. S ta lde r &
Sc hmi d 2006 : 97 ). For sblo m, Neg rin i, Gur tn er & Sc hu ma nn ( 201 4 ) ge he n in ih rer Un ter
such ung der Frage nach, ob s ich die Au sbil dung sbet rieb e, die von Vertra gslö sung en
bet rof fen sind, vo n jene n, in den en kei ne Ve rtr ags lös ung en vo rli ege n, hin sic htl ich der
verw ende ten Selekti onsm aßna hmen unter sche iden . A uf Basi s von 335 Ausbil dung s
be tri eben in den Beru fe n „Ko ch/K öc hin “ und „M ale r/Ma le rin “ komm en die Au tor inne n
und Autor en zu dem Er geb ni s, da ss Ma ler bet riebe , in de nen eine Vertr ags lös ung getä
tig t wurde , sign ifik ant wen ige r häuf ig Bewe rbu ngs gesp räc he und Bet rie bsbe suc he als
Sele ktio nsm aßna hme einset zen (vgl. Forsbl om, Negrini , Gur tner & Schuma nn 2014 :
194 f.). Für das Beru fsf el d „Koc h/K öch in“ konnt en die se Er geb nis se jed och nicht repli
zie rt werd en. Die Unte rsuch ung des Wes tdeut sc hen Hand wer kk amm ertag es ( 2 002 : 2 3 )
zei gt für Deu tsc hla nd, dass die Bet ri ebe bei der Ausw ahl der sp äte r von eine r Ver tra gs
70 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
lös ung bet roffen en Jug end lic hen ehe r auf mot iva tio nale und persö nli che Fak tor en ge
acht et haben und demgeg enü ber beruf lic he Erkenn tnis se und Vorerfa hru ngen s owi e
sch uli sch e Kenn tn iss e nach ran gig betra cht et wur den . Ins ges amt haben nur knapp die
Häl fte der Juge ndli che n ( 48 %) den Vorst ell ung en und Erwar tung en der Betri ebe ent
spr ochen ; die ande re Hälf te ist trot z an fän glich er Bed en ken der Bet rie be ein ges te llt wor
den (vgl. Westd eut sch er Ha ndw erk kam mer tag 2002 : 23 ). We rde n die einze lne n unt er
schied lichen Rekruti erungsm aßnahme n hinsichtlic h ihres Direktheits grads bei de r
Ans prach e d er J ugend liche n g ecl uster t, kom men Rohr bach- Sc hmi dt & U hly ( 201 6 : 393 )
auf Basi s des BIB B-Qua lifizi erung spanel s zu dem Er gebnis , dass Be triebe , die aus
sch ließ lic h direkt e Rekrut ier ungs maß nah men (z. B. Durc hfü hrun g von Prakti ka oder
Inform ationsv eranst altung en in Schu len oder auf Ausbild ungsme ssen) verwe nden,
ein e um 58 % ger in ge re Anza hl an Vertr agsl ösu ng en zu ve rze ichn en habe n als Betri ebe,
die ausschl ieß lich indire kte Rekruti eru ngsm aßna hmen (z. B. Stellen anze igen in Z ei
tu nge n, Onl ine -Ste ll enb örse n od er so zial en Netz wer ken) verw en den .
Stal der & Schm id ( 2016 : 5 5 ) verm uten aufgru nd d er über scha ubar en Anza hl an
Unt ersuc hun gen jed oc h, das s vo rze iti ge V ert ra gsl ös ung en we nig er mi t Art u nd Anz ah l
de r bet ri eb li che n S ele kt io ns maß nahm en zusa mme nhän gen , sond ern eher mit de r Qua
lit ät der jew ei lig en S el ekt ionsv er fah re n sowi e der Si tu ati on a uf d em A usb ildun gs mar kt.
Dies wird durch die A nal yse von R ohr bach -Sch mid t & U hly ( 2015 : 125 ) auf Basi s der
Date n de r Be rufs bild ungs stati stik klar ge stüt zt: Die Wahr sche inlic hkei t ei ner vorz ei-
tig en Vert rag slö sung nimmt zu, wenn die Situa ti on auf de m Au sbi ld ung sma rkt für die
Jug endli chen günst ig ist und die Ausb il dun gsbet riebe Schw ierig keite n habe n, ih re Aus
bi ldu ngsp lät ze zu be se tze n.
Nebe n d er A usb ildu ngsm otiv atio n d er Ausb ildu ngsb etr iebe und de n un ter schi ed
lich en Rekruti erun gsstr ateg ien, die die Betr iebe bei der Sele ktio n der Auszu bild ende n
verwe nden , können v ersch iede ne Stu dien unte rstre iche n, da ss st ruktu rell e Merkmale
des Aus bild ungs betr iebs ebenfa lls ein en E inf luss auf vorzei tige Vertrag slö sung en neh
men. Ei n zentrales s trukt urell es Ele ment de s Ausb ildun gsbet riebs stell t dabe i die Be
trie bsgr öße dar. S o w eise n d ie Unte rsuc hung en von Schönge n ( 2003 : 6 ), Deue r ( 2006 a:
125 ) , Piening, Haus chil dt & R auner ( 201 0 : 9 f.) und Pieni ng et al. ( 201 2 : 33 ) dara uf hin,
dass mit z unehme nder Be triebs größe d as Ausma ß der vor zeitig en Vert ragslö sunge n
abni mmt und bes onde rs klei nere Bet rieb e von vorze itig en Vertr ags lösu ngen bet roff en
sind . D emg egen über gelang t Chri st ( 20 12 ) auf Basis des „B IBB -Qua lifi zier ung span els“
2011 z u augen sche inli ch and eren E rgeb niss en. Er ka nn zei gen, da ss der A ntei l an Aus
bild ungs betr iebe n, die von mindes tens ein er Vertra gslö sung bet roff en sind, in große n
Betr iebe n ab 200 Beschäf tigt en mit knapp 27 % am stä rkst en ausg epr ägt ist. M it abne h
mende r Betriebsg röße s inkt de r Anteil an Au sbild ungsb etrie ben, d ie von m indes tens
eine r Vertrags lösu ng betrof fen sind, und erreic ht in klei nen Betri eben (bis 19 Beschä f
tigt e) ei nen T iefs tand von 1 3 . 7 % (vgl. C hris t 201 2 : 2 ) . All erdi ngs i st zu berü cksi chti gen,
dass mit zu nehme nder Bet riebs größe auc h die durc hschn ittli che Anzah l von Ausz u
bildenden ansteigt und da durch die Wah rscheinli chkeit eine r vorzeitige n Vertrags
lösun g zunim mt (vgl . Chri st 2012 : 1 ; vgl. d azu auc h Boock mann et al. 2014 : 5 ). Da her
steh t d ies es Erge bni s n icht im Wider spru ch zu den vorher igen Befund en.
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 71
Vertragslösung themat isiert (max. 25 %) (vgl. Ernst & Spevacek 2012 : 13 ; Neuen
schw ande r, Stald er & Süs s 1996 : 34 ; Pien ing, Hau schi ldt & Rauner 201 0 : 21 ; Westd eut
sche r H and werk skam mert ag 2002 : 46 f.) .
Wei ta us we nig er bedeu tsam si nd au s Per spekt iv e der Auszu bilde nde n de mge ge n
üb er Konf li kt e de r Ausz ubi lden den mit wei te ren Per so ne ngr uppe n. Dies bet ri ff t so wo hl
die Kon fli kte der Aus zub ildend en mit Leh rkr äft en aus den Ber uf ssc hul en ( 5 % – 15 %)
als auc h in eine m noch ger ing er en Maß e die Konf li kte mi t Klass en kam era din nen un d
Kl ass enkam erad en (vgl . Erns t & Spe vac ek 201 2 : 13 ; Gre il in ger 201 3 : 58 f. ; Neue nsch wan
der , Stal der & Süss 199 6 : 34 ; Wes tde ut sch er Han dwe rks kam mer tag 200 2 : 46 ; vgl . dazu
au ch Pie ni ng , Haus chil dt & Raun er 20 10 : 21 ; Sch ön gen 20 03 : 10 ).
Das e igene ( Lei stung s-) Ver hal te n wird von d en Juge nd lic hen amb iva le nt beur te ilt .
So werd en Disz ipl inpr oble me ode r F ehlv erha lte n s owie mangel nde Motivat ion einer
seit s mi t e inst elli gen Pro zent wert en a ls weni g b edeu tsam für das Vertra gslö sung sge
sche hen ein gesc hätz t ( vgl. Greilin ger 201 3 : 5 8 f.) . An dere rse its beur teil en die Jug end
liche n ihr V erhal ten durch aus kriti sch. So sehe n b is zu 46 % der Juge ndlich en ihre
eige nen sc hlec hten L eist unge n sowi e zwi sche n drei und v ier v on zeh n bef ragt en Ju
gend lich en i hre geri nge Anst reng ungs bere itsc haft in der Beru fssc hule als Grund f ür
eine vorzeit ige Vertrag slös ung an (vgl . B erwe ger et al. 2 013 : 29 ; Greili nger 2013 : 58 f.;
Neu en sch wan de r, Sta lde r & Süs s 1996 : 34 ; Stal de r & S chmid 2 00 6 : 51 , 5 3 ) . Demen tspre
che nd fühlen sich Juge ndli che mit vorze itig er Vertr ags lösu ng auch signi fika nt stärk er
bel astet als Jugen dlich e oh ne Vert rag sl ösu ng (vgl . St ald er & Schm id 200 6 : 106 f. ).
Für die Ausb ilde rinn en u nd A usbi lder ist das (Leistu ngs- ) Ve rhal ten der Aus zubi l
dend en für d ie Begrün dung vorze iti ger Vertra gsl ösun g im berufs schu lis chen Konte xt
hin ge gen zent ral. Dabei nen nen sie Diszi plinp ro ble me oder Fehl ver halte n ( 1 8 %) , Üb er
ford erung ( 24 % bzw. 3 3 %), s chle chte schu lisch e Lei stun gen ( 36 % bz w. 57 %) sow ie
moti vat iona le Aspekte , wie allgem ein fehlen de Motivat ion oder ein e geri nge Anstre n
gun gsb ere its cha ft in der Beru fss chu le ( 50 %) (vgl. Gre ili nge r 2013 : 53 f., 58 f.; Stald er &
Schmi d 2006 : 53 – 5 5 ; Westd eutsch er Handw erksk ammer tag 2002 : 47 f.). D emgeg en
übe r wir d den Ausbi ldu ngsb edi ngu ngen in der Beru fssc hul e von den Ausbil der inne n
und Ausb ilde rn l edig lich eine ge ring e Be deut ung zuge schr iebe n (v gl. Wes tdeu tsch er
Han dwerk ska mmert ag 2002 : 46 – 47 ).
Fas st man die darge ste llt en Ergeb nisse zusa mme n, wird deut lic h, dass auch wäh
ren d der Ausb ild ung Ris iko pot enz ial e best ehe n, die den Aus bil dun gse rfo lg neg ati v be
ein flu ss en kön nen . Dab ei kommt dem Au sbi ld ung sbe tri eb ein e grö ßer e Bed eut ung al s
der Beru fss ch ule zu. Au f Sei ten der Au szu bilde nd en si nd es insbe sonde re Motiv at ion s- ,
Lei st ung s- u nd Verha lte nsasp ekt e, die mit vorz eit ig en Ver tr ags lös ungen in Ver bin du ng
steh en. Auf Seiten der Ausb ildu ngsb etr iebe lassen sich bestimm te A rbe its- und Aus-
bildu ngsb eding ungen i denti fizi eren, d ie mit v orzei tigen Vertr agslö sunge n asso ziier t
wer den . Konkre t hande lt es sich um ein n ega tiv ere s Betri ebs kli ma, das sich in den Be
zieh ung en zu Ausbild eri nnen und Ausb ild ern sowie Arb eits kol legi nne n u nd Arb eits
koll ege n mani fes tier t. Zudem wird die Vermi ttlu ng von A usb ildu ngs inha lte n bemä n
78 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
gel t, die mit feh len den Par tiz ipa tio nsm ögl ich kei ten und man gel nde n fach lic hen sow ie
pädagog isch-did aktische n Kompete nzen der Ausbilder innen un d Ausbild er einher
geh t.
Neben der Ausbildung: Persönliche Gründe und personenb ezogene Merkmale der
Jugendlichen
Über die bislang gena nnten Fak toren hina us scheine n persönli che Gründe der Ju
gend lich en wic htig f ür das Ve rtr agsl ösung sges cheh en zu se in. In A bhän gigk eit da von,
was gen au unte r persö nlich e Gründ e gefas st wird , varii ert ihr S telle nwert be i der Be
gründ ung vorzei tiger Ver tragsl ösunge n z wische n einem Fünfte l d er in der Unter su
chun g v on S tald er & Sc hmi d ( 2 006 : 52 f.) e rfas sten Begründ unge n u nd v ier Fünftel n i n
der Unte rsuch ung des Wes tdeut schen Ha ndwer kskam mertag es ( 200 2 : 38 ) (vg l. dazu
auch Ernst & Spe vace k 2012 : 12 ; 14 ; Schön gen 2 003 : 8 ). Z udem v arii ert d ie Bed eutu ng
solc her persön lich en Grün de ein mal mehr j e nach befrag ter Person engr uppe .
Aus Persp ekti ve der (ehem alig en) Auszu bild ende n kommt gesun dhei tlic hen Pro
blem en ein e ver glei chswe ise h ohe B edeut ung z u. De r Anteil s chwan kt al lerd ings z wi
sche n 18 % in der Schwe izer Stud ie von Sta lder & Sch mid ( 2006 : 52 f.) und 55 % in der
Unte rsuc hung vo n Erns t & S peva cek ( 20 12 : 13 f.), wob ei letz tere no ch ein mal zwi sche n
gesu ndhe itl iche n P robl eme n, die aufgrun d d es ber ufli chen Kontex tes und unabhä ngi g
davo n au fge tret en s ind, untersc hei den (vgl . da zu auch Beicht & Wa lde n 20 13 : 8 f.; Grei
ling er 2013 : 60 f.; Mi schl er 201 4 : 46 ; We stde utsc her Han dwer kska mmer tag 20 02 : 39 f.).
In Be fragung en de r Ausbilderi nnen und Au sbilde r werden gesundheit liche Gründe
hinge gen nu r selten gen annt ( vgl. Gr eili nger 2 013 : 55 f.; Stalder & S chmid 2006 : 5 3 f.;
West deut sch er Hand werk ska mmer tag 2002 : 41 ) .
Ähnlich inkonsist ent sind d ie Einschätzungen zur Bedeutung von Sch wanger
schaft und Eltern schaft. Sie spielen in den U ntersuch ungen vo n Stalder & Schmid
( 2006 : 53 ) so wie Gre iling er ( 2013 : 59 ) nur eine äu ßerst g ering e Roll e, währ end die ser
Aspek t in der Studie von Bei cht & Walden ( 2 013 : 8 – 9 ) von Fr auen mit 31 % und von
Männe rn mit 9 % deutlich h äufig er gen annt w ird. D ie Aus bilde rinne n und Ausbil der
sehen in die sem A spekt wiede rum ü berha upt ke inen G rund für da s Vertragsl ösun gs
gesc hehe n (vgl . G rei ling er 2013 : 55 ; Stalder & Schmid 2006 : 55 ).
Die Aus bil der inn en und Aus bil der sch rei ben hin geg en fin anz iel len Sch wie ri gke i
ten und vor all em fami liä ren und son sti gen pri vat en Prob lem en der Jug end lic hen ein e
höhe re Be deut ung f ür V ertr agsl ösun gen z u als die Jug endli chen dies selbst t un (v gl.
Bei ch t & Wa lden 2013 : 8 f.; Erns t & S pev ace k 2013 : 13 f.; G rei li nge r 2013 : 5 5 ff.; Stal de r &
Schmid 2006 : 53 ; 55 ; Westdeutscher Hand werkskamm ertag 2002 : 39 , 4 1 ). Schmid
( 20 10 : 80 ) beto nt in die sem Zusa mme nha ng, dass e in schl ech tes Verh ält nis zu den El
tern keine dire kte Ursa che für die Vertra gslö sung sei, s onde rn s ich als vermitt elnd es
Ele ment auf die Mot ivat ion der Jugend lic hen auswi rke n kön ne. In Über ein sti mmun g
mit Neuen sc hwa nd er et al. ( 20 05 : 107 – 10 9 ) wei st si e auf die große Bedeu tung ein er posi
tiven u nd inta kten Bez iehun g zu den Elt ern für de n Ausb ildung serfo lg der Jug end
lic hen hi n, der si ch gerad e d an n z eig t, wen n Sch wie rigke ite n u nd Pr obl em e i n der Au s
bildung auftrete n und die Jugendli chen von ihren El tern Unt erstützu ng bei de ren
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 79
Bewältigung erhalten. A us Sicht der Betrieb e kommen noch Suchtp robleme und
Schw ierig keite n mit d er Pol izei o der auc h die r äumli che Mo bilit ät der J ugen dlich en
hinzu . Seitens de r Juge ndlic hen si nd die s wied erum z u vern achlä ssig ende Fa ktor en
(vg l. Er nst & Sp evace k 20 13 : 13 f.; Grei lin ger 2 013 : 55 ; 60 ; S tal der & Sc hmid 2006 : 5 3 ; 55 ;
Wes tdeut sch er Han dwe rk ska mm ert ag 2002 : 39 ; 41 ).
Fer ner wird in der Vertra gsl ösun gsf ors chun g auc h der Einf luss pers onen bez oge
ner Merk mal e auf das Vert rag slös ung sge sch ehe n dis kut ier t. Währe nd etwa die Ergeb
nis se d er B eru fs bil dun gssta tis ti k (vgl. Bun de sin sti tut für Beru fsb ild un g 2019 : 161 , 2022 :
143 ) dar auf hi nwe ise n, das s aus län di sch e A us zub ild end e (oh ne deuts che St aat san ge hö
rig kei t) h äuf ig er von vo rze iti ge n Ver trags lös ung en b etr of fen s ind , ve rwe ise n Rohrb ach -
Schmi dt & Uhly ( 2015 : 124 ) dara uf, dass die St aatsan gehör igkeit fü r d as Vertr agslö
sung sge sch ehen nur eine unterg eord net e Rol le spielt . In ihrem multi vari ate n Mod ell,
das w eit ere pe rsone nbe zog ene und re gi ona le Einf lus sgr öße n berüc ksi ch tig t, zeige n die
Ergeb nisse viel mehr, das s s ich „die Lösu ngswa hrsche inlic hkeite n [ …] von Perso nen
ohne deuts che Staats ang ehör igk eit […] k aum von d er Refere nzgr upp e u nte rsch eid en“
(Ro hrba ch- Schm idt & U hly 2015 : 124 ) . Amb iva lent sind weite rhi n auc h die bishe rig en
Ergebnisse hinsichtlich des Migration shintergrun ds de r Aus zubildende n. Pi ening,
Hau sch ildt & Rauner ( 201 0 : 11 ) zeige n für den Bezirk der IHK Osna brü ck- Ems land ei
ners eits , d ass der Migrat ions hint ergr und für das Ve rtr agsl ösun gsge sche hen nur eine
unte rge ordn ete Rolle spi elt. Beich t & Walden ( 2013 : 6 f.) könn en and erer seit s in ihre r
Stu di e auf Bas is de r BIBB -Über gan gsstu die 2011 ver deutl ich en, dass für Aus zub il den de
mit einem Migrat ion shi nter gru nd ein e erhö hte Wahrs chei nli chk eit für e ine Vertr ags
lös un g be ste ht .
Zudem wi rd dem Sc hulabschl uss gemäß Berufsb ildungss tatistik eine wichtige
Rolle für das Vertrag slösungsg eschehen zugeschrie ben (vgl. Bu ndesinsti tut für Be
rufs bild ung 2019 : 161 , 2 022 : 143 ). Dabei fäl lt die Lösung squo te umso höher aus, je nied
riger d er all gemei ne Schu labsc hluss der Aus zubil dende n ist (v gl. daz u auch B eich t &
Wald en 2013 : 5 ; Deue r 2006 a: 12 5 ). Dies kön nen Rohr bach -Sch midt & Uhly ( 201 5 : 124 )
sowie Uhly ( 2015 : 58 ) in multivari aten Model len be stät igen. Aller dings beton en Ro hr
bach-S chmidt & U hly ( 2015 : 124 ), dass nich t der Schulabsch luss alleine für das Ver
trag slös ungs gesc hehe n veran twor tlic h ist, son dern er im Zu ge der Seg ment ieru ng des
dual en System s erst im Zusa mmen hang mit ander en Aspek ten, wie etwa der Reali sie
rung des Wun schb erufs , bed euts am wir d. So ha ben in ih ren Analyse n Aus zubil dend e
mit Ha upts chul absc hlus s kein h öher es Ver trag slös ungs risi ko, wen n sie in e inem A us
bild ungs beru f ausge bilde t werde n, der übe rwie gend von Au szub ilde nden mi t mindes
tens mittle rer Reife absolvi ert wird ( vgl . R ohrb ach- Sch midt & Uhl y 2 015 : 1 29 ).
Risi kofak tore n für den Ausbi ldun gser folg sind also neben der beruf lich en Or ien
tieru ng und der Si tuati on währe nd der Aus bildu ng auch in de r priva ten und per sön
liche n Lebe nswel t der Aus zubil dende n zu ver orten . Dazu z ählen ge sundh eitl iche As
pekte, fin anzielle wi e private Schwierigkei ten sowie eine anstehende E lternschaft.
Weite rhin wer den der Mig ratio nssta tus und der Sc hulab schlu ss der Aus zubild enden
als Risik ofakto ren für den Ausb ildun gserfo lg disku tiert, wo bei die bish erige Befu nd
lage zu di ese n b eide n Merk male n i nko nsis tent ist.
80 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
4. 1.4 Anschlussmöglichkeiten nach vorzeitigen V ertragslösungen
Für das Ver stän dni s des Vertr ags lösu ngs ges che hens ist es nich t nur wichti g, aus wel
chen Gründe n A usbi ldun gsve rträ ge vorz eiti g b eend et werd en, sondern auch, wel che
Folgen sich aus ei ner sol chen Vertragslösu ng erge ben. G rundsätzlich stehe n den
Juge ndlic hen nach der vorz eitig en B eendi gung eines Au sbil dungs verh ältni sses viel e
Ansc hlu ssmö glic hke iten zur Verfüg ung. Manc he dieser Mögli chke iten befi nden sich
auße rha lb des (Be ruf s-) Bildu ngs syst ems . Bei ents prec hen den Vorau sse tzun gen kön
nen die Ju gen dl ic hen etwa ein (Fa ch-) Ho chs chul stu di um au fne hmen. Ande re münd en
al s ung eler nte Arb eit skra ft in den Arbe it sma rk t ei n. Inne rh alb des (Ber ufs -) Bil dun gssy s
te ms kö nn en die Ju gen dlic hen Bild ungs gä nge des Üb er ga ng ssy stem s bes uche n ode r im
Sch ulb eruf ssy ste m eine n vollq ual ifi zie ren den Ber ufs abs chl uss erw erb en. Auc h inner
hal b des dual en Sys tem s sind ver sch ied ene Ans chl uss opt ion en mögl ich . Hier kön nen
die Juge ndli che n ein e Ausbil dung in einem komp lett ande ren Ausb ild ungs ber uf auf
neh me n (B eru fswec hse l) ode r ledig lic h den Ausb ild un gsb etr ie b wechs eln und die Aus
bi ldu ng im gl eic hen Au sb ild ungs ber uf for ts etz en (Be tr ieb swec hse l).
Gen aue Zahl en dazu, wie groß der Anteil an Jugen dli chen ist , die nach eine r vor
zeit igen V ertr agslö sung wiede r eine duale Berufsau sbil dung a ufne hmen, lieg en auf
gru nd de r gerin gen Anz ahl lä ngs sch ni ttl ich er Un tersu chu ng en nur wenig e vor. Für die
Schw eiz gibt Sch mid ( 2012 : 244 – 24 6 ) an, dass bis 24 M onat e n ach der V ert rags lös ung
72 % der vo n e ine r Ver tra gsl ös ung bet ro ffe nen un d b efr ag ten Jug end liche n w ied er ein e
Ausbi ldung au f Sekund arstu fe II-N iveau be gonnen ha ben. Dab ei haben 2 6 % e inen
Bet rie bs- und 22 % eine n Aus bi ldu ngs wec hse l (We chsel i n ein ande res Beruf sfe ld oder
Aufn ahme e iner s chuli sche n Ausb ildu ng auf Sekun dars tufe I I) vor genom men 2 0 (zu
den vers chiede nen Ansc hluss mögli chkei ten in der Schw eiz sieh e Schmid & Sta lder
200 7 : 8 6 – 92 ) . Für Deu tsc hla nd zei gt d ie U nte rsuch ung des We std eut sc hen Han dw erk s
kamme rtags ( 200 2 : 25 ), das s 33 % der vo n einer Ve rtragsl ösung bet roffene n
Ausz ubi lden den den Ausbil dun gsbe tri eb gew ech selt und die Ausbi ldu ng im gleich en
Ausb ildu ngsb eru f fo rtge set zt h aben . 2 7 % d er „ echt en Abbr eche r“ (all e Pe rso nen, die
nach einer Vertra gslö sung keine n B etri ebsw ech sel vorgeno mme n h aben ) a bso lvie ren
eine Au sbild ung in ein em ande ren Aus bildu ngsbe ruf, we itere 3 0 % plane n die Auf
nahme e iner ne uen dualen Berufsausbil dung (v gl. Westdeutsch er Handwerkskam
mer tag 20 02 : 87 , 91 ). In de r U nte rsu chung von Sch öngen ( 20 03 : 12 ) h abe n 50 % der vo n
ein er V ert ragsl ösu ng bet ro ffe nen Jug en dli che n im Ansc hlu ss w ied er e in e duale Ber uf s
ausbildung aufgenommen. Darüber hinaus absolvieren 8 % eine Ausbildung an
(Be ruf s-) Fac hsch ule n und 4 % bes uch en zur Verbe sse run g ihres Bil dun gsab sch lus ses
wie der e ine ( ber uf sbi lde nde ) Schul e. De mna ch s ind 6 2 % der bet ro ffe nen J uge nd lic hen
weit erhin im (B eruf s-) B ildu ngssy stem vero rtet. Zu äh nlic hen E rgeb nisse n gel ange n
auc h Beich t & Wald en ( 201 3 : 10 ).
Ein e ntsch eide nder Einfl ussf aktor für d ie Wa hrsc heinl ichk eit, n ach d er Ve rtrag s
lösun g wiede r eine vo llqual ifizi erend e Beruf sausb ildun g aufzu nehmen , stell t die Ge
20 In der Schweiz besteht zusätzlich noch die Möglichkeit, innerhalb des Berufsfelds in eine Ausbildung mit höherem (Auf
stieg) oder niedrigerem (Abstieg) Anforderungsniveau zu wechseln. In diesen F ällen können die meisten Auszubildenden
in ihrem bisherigen Ausbildungsbetrieb verbleiben (vgl. Schmid & Stalder 2007 : 20).
Allgemeine F orschungsergebnisse zu vorzeitigen V ertragslösungen 81
schle chtsty pik des Ausb ildun gsber ufs dar. Be ssey & Backe s-Gel lner ( 200 7 : 15 f.) bel e
gen, dass das R isik o, ke inen Wied erein stie g in eine vollq uali fizi erend e Au sbild ung z u
real isie ren, für Fra uen in männ erre iche n Berufe n 21 sign ifik ant erhö ht ist. Für Män ner
in fraue nreich en Beruf en schei nt dies hin gegen nic ht der Fall zu se in (vgl. Be ssey &
Backe s-Gell ner 2007 : 1 5 f.). Nac h Ansicht de r Autori nnen sin d s ensib lere Reak tione n
von Frauen auf Mo bbing am Arbeit spla tz ode r dass Männer in fr auen reich en Ber ufen
wenig er schik aniert we rden, mö gliche Er kläru ngen für di esen Befu nd (vgl . Bessey &
Back es-Ge llne r 2007 : 16 ). De nkbar wär e aber auch, da ss es für d ie mä nnli chen Ausz u
bilden den l eichte r ist, sich an frauenreiche Ber ufe u nd d as we iblich e Arbeitsum feld
anzu pass en (vg l. Bes sey & Back es-G ell ner 2007 : 16 ).
Die hä ufig e Realisie rung v on An schlu ssmö glich keite n inn erhal b des duale n Sys
tems ist we nig überras chend. Zum einen verfüg en nicht alle Jugendliche n über die
Voraus setzun gen, die zur Aufnah me e ines (Fach -) H ochschu lstudi ums berech tigen,
soda ss ihnen diese r Anschlu sswe g verschlo ssen ist. Zum ander en dürfte für eine Viel
zahl der Ju gendl ichen die Be deutu ng, die ein em erfol greic hen Absc hluss auf Se kun
dars tufe II -Niv eau für die we iter en beruf lich en Pers pekt iven wi e auch der ges ellsc haft
lichen Tei lhabe zukom mt, durchaus bewusst se in (vgl. Eber hard 2012 : 19 f.; L even,
Hurre lmann & Quenz el 2019 : 187 , 1 90 ). Ei n solcher Abs chlus s kann ü ber ei ne erfolg
reich e (dual e) Berufsausb ildun g reali siert u nd dürf te entspreche nd häuf ig ange streb t
werd en. Bet rach tet ma n nur die Au szub ilde nden , die nach d er Vert rags lösu ng im dua
len Sy stem d er Ber ufsau sbild ung ve rblei ben, z eigt G reili nger ( 2019 : 13 ), d eren U nter
suchun g sich auf Daten der Handw erkska mmer der Pfalz bezieh t, da ss k napp 80 %
der Jugendlichen das Handwerk ver lassen und somit einen B erufswech sel vorneh
men. Von den im Handwe rk verblieb enen Jugend lich en hab en 75 % der Jugend lich en
einen Betrieb swechse l vollzogen (vgl. Greilin ger 2 019 : 13 ). U hly ( 2013 : 5 ) formuliert
demgegenü ber, dass etwa 60 % der im dualen System ver bleibenden Jugendlichen
eine n B etr iebs wech sel vollzi ehen und d en Aus bild ungs beru f beib ehal ten.
Allerdi ngs is t noch sehr wenig d arüber bekannt, in we lchen Fällen ein Berufs-
oder ein Be trie bswec hsel von d en (e hemal igen ) Auszubil dend en ang estr ebt wi rd. U m
dies zu verste hen, wären die versch iede nen Anschlus sopt ionen mit den Gründen und
Ursa chen v orze itig er Ve rtrag slös ungen in Be zieh ung z u setzen. Dabei wäre zu er war
ten, dass bestim mte Gründe und Ursac hen die Wahrsch einlic hkeit für eine der An
schlu ssopti onen erhö hen oder sen ken. Erst e Hinwei se auf dies e Differe nzier ung lie
fern Kröt z & D euts cher ( 20 22 : 1 0 – 13 ). In ihr er St udie mit 562 A uszu bil dend en, d ie si ch
im Beruf „Industr iekaufma nn/-frau “ qualifi zieren, zeigen di e Autori nnen auf, dass
größ tent eils a nder e Prädi ktor en auf di e Neig ung zum W echs el des Au sbil dung sber ufs
als zu m Wechsel de s Ausbildungs betrieb s gelten. Allerdings konzen trieren sich die
Autori nnen überwie gend auf A spekte der Ausbild ungsqu alität sowie die Kompet en
zen, M otiva tion u nd soz iodem ograf ische n Merkmale d er Ausz ubild ende n, soda ss für
zahl reic he wei tere potenz iell e Ursa chen vorzei tige r V ert rags lösu ngen die e nts prec hen
den A nalys en n och a usste hen. Grun dsätz lich dürf te fü r die Frag e, ob ein Beruf s- od er
21 F rauen- und männerreiche Berufe sind in dieser Untersuchung Berufe, in denen der Anteil der Geschlechtsma jorität
mindestens 60 % beträgt (vgl. Bessey & Backes-Gellner 2007 : 16).
82 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
Betrieb swechsel angestr ebt wi rd, entscheiden d sein, welche Form de r Veränderung
nach Ansich t d er (ehe mali gen ) Au szu bild ende n d ie gege bene Proble mko nste llat ion zu
löse n verspr icht . Um dies e Kons tella tion bei der weit eren Analyse zu ber ücks ichti gen,
wird im Folge nden von ber ufs- und bet rieb sbez ogene n Ver trag slösu ngen gespro chen .
Nach dem in d iese m Kapi tel der allg eme ine Forsch ungs sta nd zu vorzei tige n Ver
tra gs lös un gen darg ele gt wurde , wi rd im folge nden Ka pit el die Sit ua tio n vo n Fra uen und
Män ner n in ges chl ech ts un t ypi sch en Au sbi ldu ngs ve rhä ltn iss en fo kus sie rt. Di es erf ol gt,
da im Anschl uss an d ie theore tis chen Überl egu ngen in Kapi tel 3 . 2 ein e beso nde re Si
tuat ion erwart et wir d, die aus d er Pos itio n e ine r g esc hlec htli che n M ino ritä t r esu ltie rt.
Die se Pos iti on kann wie der um ein en Ein fl uss auf die Ausb ild ung eine r vorz eitig en V er
trag slös ung hab en, der en A usge stal tun g du rch die Rezepti on des Fors chun gss tand es
ver deu tli cht werd en so ll. Da für d ies e spe zie lle Grup pe je doc h nu r wen ige Forsc hun gs
erge bnis se v orli egen , we rden sie durch d ie E rgeb niss e zu r Si tuat ion von Frau en u nd
Männe rn i n geschlec hts un typisc hen Arbei tsverh ältnis sen ergän zt. Diese Ergä nzung
wird dadu rch ermö glic ht, dass in D euts chla nd ei ne K oppl ung von A usbi ldun gs- und
Arb eit smark t b es teh t (si ehe Ka pit el 2 . 3 ) und d aher bei de Fe lde r str uktur ell mi tei nan der
ver gleic hba r sind .
4.2 Geschlechts un typische Ausbildungs- und
Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung
Ank nüpfe nd an das von Kant er ( 197 7 ) for mul ierte Kon ze pt des Toke ni smu s sind Per so
nen in geschl ech ts u n ty pisc hen Ausb ild ung s- und Arbeit sve rhä ltn iss en im B etr ieb be
so nd er s vis ib el . Im Si nn e soz iali sa ti on st he or et is ch er An sätz e is t sow oh l für die vo rb er uf
lich e Pha se der berufl ich en Ori ent ieru ng als auch den b eruf lic hen und b etri ebl iche n
Ei nst ie g währ end der Aus bildu ng zu erw art en, dass die se Sich tbar kei t beso nd ers sta rke
Kon seque nzen für die Ausz ubi ldend en in gesc hl ech ts un typ is ch en Ausb il dun gs ve rhä lt
nis se n hat . Die s ste ht auch im Einkl an g mit den pas su ngs the or eti sc hen Erklä ru ngs an
sät zen vor zei tig er Ver tra gsl ösung en, sod ass nun der For sc hun gss tan d zu gesch lec ht s-
un ty pisc hen Ausb ild ungs - un d Ar beit sver hält niss en vor alle m im Hinblic k au f di ese
be id en Phas en dar gest el lt wir d.
4.2. 1 Einmündung in geschlechts un typische Ausbildungs- und
Arbeitsverhältnisse
Ges chl echts spe zi fis che n Beruf sw ahl en gehe n häufi g gesch lec ht sty pis ch e Be ruf sas pi ra
tio ne n vor aus . Wie etwa Sch witer et al. ( 2014 : 412 ) für die Sch we iz an han d von 32 beru fs
biogr afisc hen Inte rview s zeigen kö nnen, si nd die inte rview ten Pers onen übe r ihren
gesa mte n Proz ess der Ber ufsf ind ung mit z ahl rei chen Mecha nis men, die von den Au-
torinne n und Aut oren jed och nicht genauer benannt werden, ko nfronti ert, die d ie
Gesch lecht ergre nzen der Be rufe auf recht erhal ten und som it zu eine r Stabi lisie rung
geschle chtsspe zifische r Berufs verläuf e beitra gen. Als Folge zi ehen die meisten der
inter viewt en Pers onen ges chlec hts un t ypisc he Beru fsfeld er gar nic ht erst in Be trach t
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 83
(vgl . Sch wite r et al. 20 14 : 4 12 ). Zu ä hnli chen Erg ebni ssen gela ngen Rahn & Hartko pf
( 20 16 ) in ih re r U nt ers uch un g a uf Ba sis ei nes Be ruf sor ienti eru ngs panel s, einer re gio na
len Volle rheb ung der Ber ufso rie ntie run gsp roze sse eines gesam ten Jahrg angs von der
Kla sse 8 bis zum Überg ang in die Sek unda rst ufe II und in das Berufs bil dun gss yste m.
Von den Jug end lic hen , die in der Kl ass e 8 ihre Beruf sw üns che geäuß ert haben , sin d in
die ser Unte rsu ch ung ledi gli ch 2 % an ei nem gesc hle chts un typis che n Be ruf inte res sie rt
gew esen (n = 58 ) (vg l. Rahn & Har tko pf 2016 : 119 ). Dabei ist her vor zuhe ben , das s sic h
junge F rauen s ignif ikant h äufig er eine n typi schen m änner reich en Beruf wüns chen.
Die gesch lecht s un ty pische Be rufso rienti erung ist be i j ungen Mä nnern als o deutlic h
sch wä che r aus ge prä gt als bei junge n Fr aue n (vg l. Rahn & Hartk opf 2016 : 120 ). Hinsi ch t
lic h der Re ali sierun g der gesch lec hts un t yp isc hen Beruf swü nsc he ze ige n Sch wit er et al.
( 20 14 : 409 ) auf Basi s der „TREE- Dat en“ für die Schw eiz , dass der Anteil an Frau en, die
im Ja hr 2 000 eine n männerr eich en Be ruf anti zipi ert u nd i m Jah r 20 07 t atsä chlic h in
ein em männ erreic hen Ber uf gea rbe ite t haben , 2 . 8 % (n = 22 ) betr ägt . Bei Männ ern , die
eine n fra uen reic hen Beruf im J ahr 2000 angest reb t hab en und i m Jahr 2007 in e ine m
solc hen e rwerb stät ig wa ren, ist d er An teil mit 3 . 3 % (n = 20 ) ge ring fügig höhe r. Ei ne
stärkere Orientierung an gesch lechts un typisch en Berufsa spirationen identifiziere n
Dries el-Lan ge & Hany ( 200 5 : 26 ) für eine äl tere Grup pe von Juge ndlich en. Anha nd
einer Stich prob e von 386 Obe rstu fensc hüle rinne n und -schü lern könne n sie zeigen ,
das s an Gymnas ien und Ges amt sch ule n immer hin 10 % der Abit uri ent inn en und Abi
tur ie nte n ge sc hle ch ts u n t ypi sc he Beruf sw üns che hab en.
Grund sätzli ch stell t sich allerd ings die Frag e, ob die Zunah me an geschl echts -
un typ ische n (Berufs -) Orie ntier ungen auf da s A lter der Ju gendl ichen zur ückge führt
wer den kann ode r eh er d urc h an der e Fa kto ren , w ie e twa das B ild ung sni veau de r El te rn
ode r ei ne ge lin gende B eru fso ri ent ier ung , be din gt i st. H elb ig & Leuz e ( 2 012 : 10 8 ) ge lan
gen etw a auf Date nb asi s der „PIS A- Erg änz ungss tud ie “ (PIS A-E ) 2006 z u dem Erge bnis,
dass junge Fraue n dann verstärkt eine n männerrei chen Beruf aspir ieren, wenn sie
höher en sozi alen Sch ichte n entst ammen , bess ere Math emati knote n haben un d den
Natur wissen schaft en einen höh eren Wert für den spä teren Beru f beimess en. Dem
gegen über präf erier en junge Mä nner häu figer fra uenre iche Ber ufe, wenn de r V ater
eben fall s ei nen frau enre iche n Be ruf ausüb t, d en N atur wiss ensc haft en e in g erin gere r
Stelle nwert für de n späteren Beruf beigeme ssen wird u nd sie gute Noten im Fa ch
Deu tsc h (unab hän gig von der Not e in Mathe mat ik) und /od er schl ec hte Not en im Fach
Math ema tik (unabh ängi g von der N ote im Fach Deutsch ) habe n (vgl . Helb ig & Leu ze
201 2 : 108 ) .
Flores et al. ( 2 006 ) en twickel n auf B asis ei ner Untersuchun g mit 30 2 mexiko-
ame rik ani sch en männ lic hen Jug end lic hen ein Mod ell der ges chl ech ts u n ty pis che n Be
rufsw ahl aus f amili ärer Pe rspek tive. D emnac h haben g eschl echts un typ ische B erufs -
intere ssen ei nen signifikant en Einfluss au f die Wa hl eines gesch lechts u n typisc hen
Ausbi ldung sberu fs. Die ge schle chts un typ ische n Beruf sinte resse n werde n wiede rum
von der Selb stw ir ks amk ei ts übe rzeu gun g fü r ei ne ge sc hle ch ts un t ypis che Karr ie re beei n
flu sst , wobe i dies e von fami liä r gest eue rte n Sozi ali sat ion spr ozess en (Acc ult ura tion Le
vel ) sow ie von de r elt erl ich en Unte rst üt zun g abh än gen (vgl . Flo res et al. 2006 : 226 ). Da
84 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
rüber h inaus id entifiz ieren s ie einen direkte n Einfluss des ge schlech ts un typ ischen
Beru fes des Vaters , also des gleich gesc hle cht lich en Eltern tei ls, auf die Wahl eines ge
sc hle chts u n typ is che n Beru fs (v gl. Flo res et al. 200 6 : 22 6 ). Buc hman n & Krie si ( 2 012 : 275 )
kön nen die B ede utu ng der elter lic hen Unters tüt zung für die Wahl eines geschl ech ts-
un t ypisc hen Beru fs au f B asi s der er sten u nd dr itten Erh eb ung swell e d er S chw ei zer K in
der- und Jug endl äng ssch nit tstu die „COCON “ (Com pet ence and Cont ext ) für Männer
jed och nicht bestät ige n. Der Effek t zeig t sic h alle rdi ngs bei jung en Frauen , die in ein
gesch lecht s un ty pisch es Ausb ildun gsve rhält nis einm ünde n (vgl. Bu chman n & Krie si
201 2 : 26 9 ). Ma kar ova , Aes chl ima nn & Her zog ( 2016 a) wie de rum beleg en anh an d eine r
Unt ers uch ung mit 361 Schül eri nne n aus der deu tsc hsp rac hig en Schw eiz , da ss beson
ders die Eltern als Vorbild er i m B eruf swah lpro zess betrac htet werden. Dabei w ähle n
Fra uen in ge sc hle ch ts u n t ypi schen A usb ildun gs ver hä ltn issen s ign if ika nt h äu fig er ih re n
Vate r al s Vo rbil d, w ähre nd w eibl iche Auszubi lden de i n ge schl echt styp isch en A usbi l
du ngs verh ält niss en ihr e Mut ter und Sch west er öft er al s Vor bild ans ehen (v gl. Ma ka ro va ,
Aes chli man n & Her zog 2016 a: 9 ). Neb en der Fam ili e kön nen noch weit ere Perso nen
gru ppen als Vorb il der fung ier en und ein e ges chlec hts u n ty pisch e Ber ufsw ahl befö rde rn .
So k ön nen Bec kma nn, Es te la E st eve & Gr ana to ( 20 23 : 20 f. ) f ür den I T- Ber eic h und d en
dam it in Verbi ndu ng st ehe nde n ges ch lec hts un typ isc he n Beru fswah len von Fra uen auf
Bas is ei ner Sti chpr obe mit 24 3 Schü le rin ne n und S chü lern z ei gen , dass si ch d ur ch A us
bil dung sbo ts ch aft er sowo hl die Ken nt nis se über den Ber uf der/ des Fach in for matik ers/-
in als auc h die Neig ung , diese n Beru f zu ergre ife n, bei Mäd che n stär ker erh öht als bei
Junge n und dadu rch zu ein er Redu zieru ng der Ges chlec hteru nters chie de in dies en
Kon str ukte n beige tra gen werd en kann (vgl . Beckm ann , Est ela E ste ve & Gra nat o 202 3 :
20 f.). Zu ähnlic hen Erkennt nissen gela ngen Dresche r, Häckl & Schmi eder ( 2020 :
25 7 – 2 59 ) auc h für den MI NT- Bere ic h.
Im Vergle ich von Auszu bilden den in gesch lechts un typi schen und gesc hlecht s-
typ isc hen Ausb il dun gsv erh äl tni sse n ve rde utl ich en Schw ite r et al. ( 2014 : 41 3 – 4 14 ) in der
be rei ts er wähn ten St udie zu dem , das s di e Juge ndli che n, die im Jah r 2000 im Al te r von 16
Ja hre n ei ne n ges ch lec hts u n ty pisc hen Beru f prä fe ri ert en und im Ja hr 20 07 au ch in eine m
ges chlec ht s un ty pis chen B eru f a rb eit et en, übe r be ssere Kom peten ze n im Lese n sowi e in
Math emat ik verf ügte n a ls i hre Peers, die zu beiden Zeit punk ten geschle chts typi sche
Asp irat ion en auf wie sen. Beme rk en swe rt ist fern er, da ss die Elte rn der Juge nd lic hen, die
zu beiden Zeitp unk ten gesch lech ts un typ isch e Arb eits ver hält nis se präferi ere n bzw . in
die sen b eschä ft ig t sin d, eine n h öh ere n sozi ale n Sta tu s h aben und ü be r e in höhe res A us
maß an kul tur elle n Güte rn ver füg en (vgl . Schw ite r et al. 201 4 : 413 – 41 4 ). Let ztl ich wei st
di e Gru pp e de r wei blich en jun gen Erwa chse ne n mit gesc hl ec hts un ty pi sch em Ber ufs ver
lau f in Bezug auf ihr e Selb ste ins chä tzun g im Fach Mat hem ati k sowie ihr e allg eme ine
Sel bs twi rk sam ke its üb erz eu gun g im Ve rg lei ch z ur Fr aue ng rup pe m it ty pisch en Ve rl äu
fen ü berdurchsch nittliche Werte auf, währen d die gesch lechts un typ ische Männer
gru ppe im Vergl eic h zur Männe rgr upp e mit typis che n Verlä ufe n niedr ige re Wert e au f
wei st. Die Aut ori nne n und Auto ren int erp ret ier en dies es Erge bni s so, dass neben den
vor hand ene n Kompe ten zen die Ein sch ätzu ng der eig enen Fäh igk eit en für die Beru fs
ein mün dun g ein e Sch lüs se lro lle spiel t (vg l. da zu au ch Co rre ll 2001 : 1719 – 172 3 ) un d Ju
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 85
gen dli che mi t ge sch le cht s un ty pis che n Verlä ufe n mehr Resso ur cen mit bri nge n als je ne
mi t ges chle cht styp is che n Verl äuf en (vg l. Schw ite r et al . 201 4 : 413 – 4 14 ) 22 .
Abr aha m & Arpag aus ( 2 008 : 220 ) gel ang en auf Dat enbas is all er Jug end lic hen , die
im Jah r 2004 das erste Aus bil dungs jah r an eine r Schu le mit ber ufl ich er Gr und bil dun g
im Kant on Züri ch in de r Sc hw eiz bes uc ht habe n, zu wid ersp rüc hlich en Erg eb ni sse n. So
sin d i n star k seg regi ert en Aus bild ung sber ufe n Juge ndl iche mit sch wach en Schull eis
tun gen übe rrepr äs ent ie rt, u nd zw ar un abh än gig d avo n, ob s ich di e Ju gen dlich en in d ie
sen Beru fen in ein em Ma jor itäte n- od er Mi nor itäte nst at us be fin den, we il di ese Juge nd
lich en in geschl echt lic h a usb alan cie rten Beruf sfel der n, die nach Ans icht der Auto ren
übe r attra kti ver e Arbei tsb edi ngu nge n und Geha lts mög lic hke ite n verfü gen , keine Aus
bil dun gsp lat zst ell en finde n (vgl. Abr aha m & Arpa gau s 2008 : 220 ). Aller din gs konn ten
Sch wit er et al. ( 2014 : 414 ) die sen Befu nd, wona ch leis tun gss ch wäc her e Jug en dli che ins
ges amt i n die se gm ent ierte n und hi ng ege n die le is tun gsstä rk ere n Jug endli ch en in neu
tr ale Be ru fs fe lde r ein münd en, ni cht best ätig en .
Rah n & Ha rtk opf ( 20 16 : 127 ) ha ben auf Basis ihre r det ailli er ten Info rma tione n zu m
beru flic hen Orie ntie rung s- und Über gang spro zess auch Einzel beob acht unge n zu ge
sch lec hts u n ty pis che n Berufs wah len und Über gän gen vorg eno mme n und formul ier en
die Hypo th ese , da ss das Be ruf sp res ti ge als „wi ch tig e inter me diä re Vari abl e be i de r Wah l
ges chl ech ts un t ypi sch er Ber uf swa hle n z u b erü cks ic hti gen “ ( Rah n & Har tko pf 201 6 : 127 ;
Her v. S . H. ) ist. Insb eso nd ere w en n der gesch lec hts un typ is che A us bil dun gs ber uf e ine n
nie dr ige n Pr es tig ew ert aufw ei st, sche in en Einmü nd ung sp roz ess e in ges chl ec hts un typ i
sch e Beruf sau sbi ldu nge n eher nic ht auf komp ete nte n Beru fsw ahle n und ents pre che n
den Beru fswü nsc hen zu basier en. Über gän ge in ges chle cht s un typ isch e Berufe käme n
dann nicht n ur a ls E rgeb nis geli ngen der beru flic her Orie ntie rung spro zess e, sond ern
auch als „Notlös unge n“ z usta nde (vgl . R ahn & Ha rtko pf 2 016 : 128 – 129 ). W ie D ries el-
Lang e & Hany ( 20 05 : 23 ) i n d er ber eits genann ten Studie zeigen , t rif ft dies nicht aus
sch ließ lic h, aber ins bes onde re auf die gesch lec hts u n ty pis chen Einm ündu ngs pro zess e
jung er Män ner zu , da „v or all em die jeni gen Ab ituri ente n, die einen typis chen w eib
lic hen Ber uf anst reben, daz u [nei gen ; S. H.] , […] weni g über sic h selb st nach zud enk en“
(Dri ese l-La nge & Hany 200 5 : 23 ) . D ies e Eins chät zun g kann Beckm ann ( 2023 : 16 f.) in
der bere its darg ele gte n Unt ers uch ung auf Basis d er NEPS -Dat en bekrä fti gen . Die dor -
tigen Erge bnisse zeig en, dass Männe r, die in einen geschlech ts un ty pische n Ausbil
dungsb eruf e ingemün det si nd, be sonder s aufgrund un erfüll ter Be rufswün sche das
Aus bi ldu ng sve rh ält ni s vo rze it ig beend en .
Zusam menfa ssend i st herv orzuh eben, d ass die Bi ldung g eschl echts un typ ische r
Berufs wünsch e und die Aufnahme gesch lechts un typi scher Ausb ildung sverhä ltniss e
22 Interessanterweise weisen jedoch nicht nur diejenigen Jugendlichen, die im Jahr 2000 einen geschlechts un typischen Beruf
präferiert haben und im Jahr 2007 in einem solchen arbeiten, sondern auch die Jugendlichen, die einen W echsel von
geschlechtstypischen Berufen im Jahr 2000 zu geschlechts un typischen Berufen im Jahr 2007 vollzogen haben, eine höhere
Ressourcenausstattung auf als die Jugendlichen mit konstant geschlechtstypischen V erläufen. Besonders deutlich zeigt
sich dies bei den Männern. W enn Männer als 16-Jährige einen frauentypischen Berufswunsch äußern, aber sieben Jahre
später in einem männertypischen Beruf tätig sind, gleicht ihr Ressourcenprofil jenem der männertypischen Gruppe. Män
ner hingegen, die ausgehend von einem männertypischen Berufswunsch später einen frauentypischen Beruf ausüben,
weisen mit Ausnahme ihrer mathematischen Selbsteinschätzung in allen Ressourcendimensionen von sämtlichen Grup
pen mit Abstand die höchsten W erte auf. Auch bei den F rauen zeichnen sich die W echslerinnen durch eine höhere Res
sourcenausstattung aus als jene F rauen, die konstant frauentypische Berufe angeben (vgl. Schwiter et al. 2014: 415).
86 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
sel tene Ereig ni sse dars te lle n. Dabe i dürf ten beso nders drei Aspe kte di e Wa hrs ch ein li ch
keit eines gesch lech ts u n typ isc hen Ausbil dun gsve rhäl tni sses beein flu ssen : erst ens Be
ruf sin ter ess en und d ami t ve rbu nde ne K omp et enz en, die i n die se n Ber uf sfe lde rn e rfo r
derlich sind, zwei tens Unt erstützu ng und Ori entierun g des pri vaten Umf elds und
and er er Per so nen gru ppen un d drit tens di e Ein sch ätz ung der eig enen Fä hig kei ten, etw a
in Form von Selbst wirk sam keit serw artu ngen . D arüb er hina us komm t d ie Aufn ahme
ein es gesc hle chts u n t ypi sc hen Ausb il dun gsver häl tniss es nich t nu r al s Fo lge eine r gelu n
genen be rufli chen Or ientie rung zu stand e, sond ern sie ste llt ins beson dere für j unge
Männ er au ch ei ne „N otlö sung “ dar, wenn keine an dere Ausb ildu ngso ptio n realisie rt
wer de n ka nn.
4.2.2 Die Situation von Frauen und Männern in geschlechts un typischen
Ausbildungs- und Arbeitsverhältnissen
Die Situation von F rauen in männerreichen (Ausbildungs-) Berufen
Die Ausbi ldun gs- und Beru fss itu atio n von Fraue n, die in eine n män nerr eic hen Beruf
ein gem ündet si nd , wir d in de n vo rli ege nd en Studi en sehr un ter schie dli ch besc hri ebe n.
Vor a lle m im Li cht e quali tat iver Unte rsu chu ngen mit ents pre che nd k lei ner en S tic hpr o
ben ist die Lag e de r Fr aue n in männ err ei che n Be ruf en dive rge nt . So hat ein Groß te il der
int erv iew ten Per son en aus zwe i qual ita tiv en Unt ers uch ung en von Ber gma nn & Sorg er
( 2010 ) sowi e Schn eewei ß ( 2016 ), die m it 40 bz w. 8 Frau en aus ( Ober- ) Öste rreic h in
tec hn isc he n Ber ufe n Int er vie ws du rch gef ührt ha ben , ber ic hte t, da ss si e kei ne Pr obl em e
bei m Sta rt in eine m männer rei che n tec hni sch en Beruf erleb t und auc h die Unte rst üt
zun g der Vorge set zten als posi tiv e mpf un den h abe n (vgl. B er gma nn & Sorg er 2 010 : 35 ).
Dar üb er hin aus sind ihn en wed er Dis kr imi nie runge n noch Vorur te ile be geg net und sie
hab en auch kein er lei nega ti ve Situ ati one n erle bt (vgl. Schn eewei ß 20 16 : 78 ).
Alle rdin gs wer den di ese p osit iven E rfah rung en nic ht von alle n Frau en get eilt ( vgl.
Schn eewei ß 201 6 : 78 f.) und selbst die Frauen, die sich in der Unter such ung von Berg
mann & Sorger ( 201 0 : 35 ) zunäch st positi v geäuße rt haben, form uli eren bei konkr eten
Nach frag en z ur Ak zept anz der m ännl iche n Ko lleg en e in we nige r gü nsti ges B ild. Let zt
lich sp iege lt der For schu ngss tand au ch Ausg renz ung spra ktike n in männ erre iche n Be
rufen wid er, dere n Bandbre ite von eher su btilen bi s zu deutl ichen bzw . offene n F or
men rei cht (v gl. Hei ntz et al. 199 7 : 43 ). Subti lere Fo rmen de r Ausgrenzu ngspr aktik en
beste hen et wa in e inem „ pater nalis tisc he[n; S . H.] Ta usch v on Ko opera tion ge gen De
voti on“ (Hein tz et al. 1997 : 43 ) oder in der „Du rchs etzu ng einer infor mell en Arbeit stei
lung, die F rauen auf d ie unsichtbar en und weniger an erkannt en Ar beiten verwei st“
(Hei ntz et al. 199 7 : 43 ).
Die offen en Ausgr enz unge n, etwa in F orm von Vorurt eil en und Dis krim ini eru n
gen , vermi tte lt übe r Gesc hle cht ers ter eot ype (vg l. Hei ntz et al. 1997 : 43 ; Scho lbe ck 2002 :
17 ) , äuße rn si ch etw a in der Anz wei fe lun g der b eru flich en K ompet enz en der Fra uen. So
hab en etwa in der ber eit s genan nte n Unter suchun g von Berg man n & Sor ger ( 20 10 : 37 )
run d die Hälf te d er inte rview ten Fra uen ang ege be n, dass sie m it anz ügl ichen Ä uß eru n
gen um gehen m üsse n, ihnen die be rufl iche Ha ndlu ngsfä higke it abg espro chen w ird
oder Akzep tanz probl eme b ei un terge bene n Mitarbei tern beste hen. Diese Erge bnis se
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 87
psy chis che Belas tun g, die die männl iche n Pol izi sten – z umi nde st so – nicht erfa hren .
Eva ns & Ste pto e ( 200 2 : 4 86 f.) h ab en i n ei nem Ve rgl eic h v on F rau en und Män ner n in je
ein em fraue nrei che n (Krank enp fle ger /-in ) und män ner rei chen ( Buc hha lter /-i n) Beruf
wei ter hin fest ges tel lt, dass emot ion ale Bel ast ung in Form von Angst bei Buchh alt eri n
nen im Ve rglei ch zu d en ander en Grupp en am st ärk ste n ausge prä gt ist. Topho ve n et al.
( 20 15 : 253 f.) zeig en auf B asi s der erste n Welle der Stud ie „lidA – leben in der Arbe it“,
eine r deutsc hen Kohor ten stud ie zu A rbe it, Leben und Gesund hei t mit 6585 Perso nen
der Jahrg äng e 1959 u nd 19 65 , die zum 31 . D eze mbe r 20 09 so zia lversi ch eru ngs pfl ich tig
bes chä fti gt waren , dass Fraue n in män ner rei che n Berufe n sowoh l in V oll zei t- als auch
in Teilz eit - oder sogar bei geri ngfü gig er Besc häf tigu ng häuf ige r depres siv e Sympto me
auf we ise n als F ra uen in f rauen rei ch en Ber ufe n. Ja nss en & Backe s-G el lne r ( 201 5 : 81 – 83 )
fin den auf Bas is d er W elle 1 991 / 19 92 der Str ukt ure rhe bun g d es B un des ins tit ut s fü r Be
rufsbildung sowie des In stituts f ür Arbei tsmarkt- und Beru fsforschung für West
deu tsc hla nd zwi sch en Fra uen in m änn erreic hen un d F rau en i n f rau enr ei che n Be ru fen
zwa r kei ne s ign ifi kan te n Unt ers chi ede in der allg eme ine n Ar bei tsz ufr ied en hei t, es zei
gen s ich aber dann Differen zen, wen n verschi eden e Dimensi onen der Arbe itsz ufri e
den he it bet rac ht et wer de n. So sin d Frau en in män ner re ich en Ber ufe n s ignif ika nt unz u
fried ener m it dem A rbei tskli ma und den Au fgabe ninha lten . Mit i hrem E inkom men
sin d sie jedo ch zuf rie den er a ls F rau en i n fraue nreic hen Ber ufe n (vgl . Janss en & Backe s-
Gell ner 2015 : 8 1 – 83 ). D ies deu tet dara uf h in, das s Fr auen in männ err eich en B eruf en
erfa hrene n egat ive Ges chle chter stere otyp e gege n ein h öhere s Eink omme n in die sen
Berufen abwägen. Für di e hier besonders interessierende n Auszubild enden in ge
sch lec hts un typ isc hen Aus bi ldu ngs ver hä ltn iss en ste ll en T eu sch ler , M aka ro va & Ne uen
sch wand er ( 2019 : 41 ) anh and eine r quersc hni ttl iche n Befrag ung von 470 Perso nen aus
der Sc hw eiz fe st, da ss Fr auen in ge sc hle cht s u n ty pis che n Ausbi ldu ngs ve rhä ltn is sen un
zuf ried ene r mit ihr em Beruf sind als Fraue n in gesc hlec hts typ isc hen Ausb ildu ngs ver
häl tniss en.
Bes on der s n ac hte il ig sch ei nt e s für das psy ch oso zi ale Woh lb efi nd en der Fra ue n i n
män nerr eic hen Beruf en zu sein, wenn die beiden oben beschr ieb ene n Str ateg ien des
„Do ing Gende r“ und „ Und oin g Gend er“ nicht dazu führe n, dass die D isk rep anz zwi
sche n män nlic h ko nnot iert er Be rufs roll e und weiblich kon noti erte r Geschle chts roll e
aufgelös t w erden kann. Es könn en Geschlech tsrollen konflikte entstehen, die nac h
Kob erg & Chusmi r ( 1991 : 461 ) dann vorl ieg en, „wh en the incon sis ten cy betw een one ’s
inte rna l va lue s a nd t he exte rna l de man ds impo sed by soc iety are due l arge ly to one’ s
bio log ica l sex“. Ges chl ech tsr oll en kon fli kte bes chr eib en somi t nega tiv e emoti ona le Zu-
stä nd e ( vgl . O’N eil 200 8 : 36 3 ), „t hat occ ur wh en a pe rs on is not tre ate d as s he /he wi she s
bec ause of her/ hi s gend er, or the re may be inco ng ru iti es be twe en a pers on ’s sel f-c once pt
and s ocie tal gend ered expe ctat ions “ (W olfr am, M ohr & Bo rcher t 20 09 : 116 ; vgl. dazu
auc h Chu smi r & Kob erg 1986 : 398 ). Fü r ber ufl ich e Kon tex te deute n bis he rig e Unt ers u
chu ngen von Ko ber g & Chu sm ir ( 1 991 : 461 ) dar auf h in , d as s G eschl ec hts rolle nk onf li kte
mit ein er nied rig ere n Arbei tsz uf rie den hei t, nied rig ere m Engag eme nt am Arbei tsp lat z
oder erh öhter Fluk tuationsneigu ng in Verbindung stehen. Allerdings ist d er For
sch un gss tan d für Fra ue n in mä nn err eic hen Ber uf en hi er inkon si ste nt . Ein ers eits ko m
94 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
men Kob erg & C husm ir ( 198 9 : 787 ) in ihrer Unte rsuc hung mit 20 0 m ännl iche n u nd
weib lich en A nges tell ten m it u nd oh ne l eite nde Posi tion aus dem Groß raum Denv er
(Col orad o) zu dem E rgeb nis, dass Frau en, d ie in Mana geme ntpo siti onen und d amit
männ lich konn otie rten Ber eich en ar beit en, eine n höheren Ges chlec hts rolle nkon flik t
auf weise n als Fra uen, di e nic ht in e ine r solch en Po si tio n besch äf tig t sind. Z u äh nli ch en
Erge bnis sen g elang en au ch Lu haor g & Zivian ( 199 5 ) in ihrer Unte rsuc hung mit 1 49
we ibl ichen un d männ li che n Per so nen au s Kana da. Di e Auto rin nen könn en zei ge n, das s
Fraue n, d eren Gesch lecht srolle norie ntieru ng m it der Gesch lechts typik ihre s Berufs
übe reins ti mmt , wenig er Ge schle ch tsr ol len konfl ik te er fah ren al s Per sonen , die ein e so l
che Passu ng nicht aufwei sen (vgl. Luha org & Zivia n 199 5 : 614 f.). Ande rers eit s ste lle n
Kob erg & Chusm ir ( 1991 : 463 f. ) in ihr er Unter suc hun g mit 262 Fraue n und Männer n
aus d em Sü dos te n der U SA fü r Fra ue n in mä nne rreic he n Ber ufen ke ine e rhö ht e Wah r
neh mun g von Gesch lec hts rolle nko nfl ik ten fest. An alo g kon nte n Rust emeye r & Thri en
( 20 01 : 37 f.) in i hre r Unt ers uch ung mit 630 weib lic hen und män nli che n Per sone n für
Deuts chla nd zeigen, da ss die Tätigk eit für F rauen i n ein em geschlech ts un typis chen
Ber uf ni ch t d az u f ühren mu ss , d as s v er stä rkt G es chl ec hts ro lle nkonf li kte er le bt wer den .
Zusa mmenf asse nd ka nn di e Si tuati on vo n Fr auen in mä nner reich en B erufe n al s
ambi vale nt beschri eben werde n. Einers eits werde n Fra uen in män nerr eich en Berufen
durc haus als „ kultu rell e Störfak toren “ (Pl icht & Sc hreye r 200 2 : 4 ) angesehe n und sin d
mit untersc hiedlichen Formen der Benachteiligung un d D iskriminie rung konfron
tiert, die sich negativ auf die Gesundheit der Frauen aus wirken können. Zudem
schein t die Arbeit in eine m männerrei chen Beruf die Verein barkeit mit der Mutter
rolle zu ersc hweren . Anderers eits versp rechen män nerre iche Beruf e ein höheres be
rufl iche s Anse hen und bieten die M ögli chke it, ein hö her es Eink omme n z u g ene rier en.
Die Situation von Männern in frauenreichen (Ausbildungs-) Berufen
Nach Willia ms ( 19 92 ) Konzept der gläs erne n R oll trep pe wäre zu e rwar ten, dass sic h d ie
Situ atio n v on Män nern in frauenr eic hen Ber ufen positi ver darstel lt, als dies f ür Fra uen
in männerreiche n Ber ufen nach der oben skizzierte n Be fundlage der Fall zu sein
scheint . Sie un terlieg en zwar grundsä tzlich den gleichen Me chanisme n, die Kanter
( 1977 ) zunäc hst für Fr auen in mä nnerre ichen B erufe n formul iert ha t, alle rding s sind
Männer in fra uenreichen Berufen mit and eren Barrieren konfronti ert und erleb en
auch andere Konseq uen zen (vgl. Hein tz et al. 1997 : 5 1 ).
Ander s als we iblic he Bes chäft igte in männe rreic hen Ber ufen, die in i hren be ruf
liche n Arbe itsko ntext en oft mals vo n ihren männ liche n Kollegen au sgegr enzt u nd be
nachte iligt werden , finden Männer in frauenr eichen Beru fen o ffenba r häufiger eine
posit ive Arbei tsumg ebung vor. Si mpson ( 20 04 : 358 ) iden tifiz iert für die int erview ten
Männe r ein en sog enan nten „Komf ortzo nen- Effek t“ in fraue nrei chen B eruf en, de r be
sagt, d ass Männ er eine e ntspan nte und k limat isch ang enehm e Zusam menar beit mi t
der weibli chen Majo ritä t empfind en. Die positiv e Arbeits atmo sphä re manifes tier t sich
sowo hl im Hinb lick auf d ie Vo rges etzte n, d ie wi ederu m häu fig Männe r sin d, a ls au ch
auf di e Arbe itsk olle ginn en, die e s selb st als po siti v erac hten , dass M änne r in frau enre i
che Be rufe einmü nden ( vgl. W illi ams 19 95 : 9 0 f., 93 , 95 , 98 f.). Fraue n scheinen s omit
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 95
die ges chlec htli chen Gr enzen i hrer B erufe n icht s o stark zu vert eidig en, wie dies te n
denzi ell von M änner n getan w ird. Na ch Wett erer ( 2 002 : 80 ) hängt d ies dam it zusa m
men, d ass ei n zunehmen der Mä nnera nteil in die sen Be rufe n mit weiter en lan gfri stig
posi tiven Konsequ enze n für die gesamte Berufs grupp e asso ziier t wird. Mit steig ende r
Männer quote werden ein P restige zuwachs sowie eine bessere Entlo hnung erwarte t,
was wieder um zu einer steigende n Attraktivi tät dieser Beru fe s owohl für Frauen als
auch für M änn er führ en kan n ( vgl. Wette rer 2002 : 80 ).
Die pos iti ve Sit uat ion vo n Männe rn in fra uen rei che n Beru fen bez ieh t sich jed oc h
ni cht nu r auf die Arb eits atm osph äre . Sie we rde n von de n Frau en in die se n Beru fe n auch
bei der Arb ei t und gene rel l im Ar be its umfel d ak tiv unte rs tüt zt (vgl . Wil lia ms 1995 : 9 4 f.).
Dies en Bef und kann Tayl or ( 20 10 : 204 ) i n d er oben b ere its erwähnt en Unt ersu chu ng
bes tätig en. Männ er i n frau enr eiche n B eru fen erha lte n n ic ht nu r m eh r sozi ale n Supp ort
als Fra uen in m änner reic hen Ber ufen , sonde rn auc h als Mä nner in männe rreic hen
Be ruf en.
Dan eben kö nne n Män ner in frau en re ic hen Be ru fe n oftm al s dav on pro fi ti er en, da ss
mit den ihn en zuges chrie benen män nlich en Stere otype n positi ve Assoz iatio nen im
Hin blic k auf Beru flic hke it ve rk nü pft si nd. Fl og e & Mer ri ll ( 19 86 : 942 ) ver deut lic hen etwa
anh and ein er In te rvi ew stu di e mit m änn li che n Kr ank en pfl egern u nd wei blich en Är zt en
im No rdo ste n der USA, da ss mä nnl ic hen Krank enp fl ege rn von vers chi ede ne n Bez ugs
gru ppe n, wi e ihre n Vorg ese tz ten ode r Pat ien ten , verm ei ntl ich „m ask uli ne“ Merkm ale ,
wie A utor ität , Kom pete nz o der F ühru ngsq ualit äte n, zu gesp roch en we rden . Selbst in
fra uenre ichen Be ruf en würde n s ie d ad urc h a ls die „b ess eren“ Be sch äf ti gte n ang ese he n.
Sch witer , N entwi ch & K eller ( 2 02 1 : 2 20 5 f. ) kom men an han d i hrer q ualit ative n U nte rsu
chung mi t 26 männ liche n Erzie hern un d Krank enpfl egern au s der Sch weiz zu ve r
gle ichb are n Ergebn iss en. Sie zeige n, dass Männe r die Vort eil e, die sie in Beruf en mit
einem hohen F rauena nteil g enieße n, bewusst wah rnehme n. Zudem konnten zwei
unt ers chied lic he De utu ngs mus ter iden tif iz ier t werd en, mit den en sie ihre pr ivi leg ier te
Sit uat ion in sol che n Ber ufe n rec ht fer tig en. Eine rse its beton en sie die vo rte ilh aften kör
perl ich en Vor auss etzu nge n m änn lich er Arb eitn ehm er in fra uen reic hen Berufe n u nd
and er ers eit s ih re pe rsö nl ich en gu ten Arbe its lei st ung en (vgl. Schwi ter, Ne ntw ic h & Kel
ler 2 021 : 22 06 – 22 08 ). Ku rz: Die güns tig e Situ at ion v on M än ner n in fr aue nreic he n Beru
fe n gilt na ch ihn en al s Aus druc k der mer it ok rat isch en Log ik de s Arbe itsl ebe ns un d nic ht
al s Resu lt at pos itiv er Dis krim in ier ung.
Allerdings ist auch di e Situa tion de r Männer in frauenreiche n Beruf en nich t
durc hweg p osit iv. Ni cht a lle M änner in fr auen reich en Be rufen werd en vo n ihren Vor
gesetz ten un d Arbeitskolle ginnen bevorz ugt be handelt . Schon Williams ( 1 995 : 9 2 f.)
hebt etwa her vor, dass Vorg ese tzte homose xuel le Män ner weniger wohlwo lle nd beha n
deln als h eter osex uel le M änn er, und Wigfie ld ( 200 9 : 16 f.) zeigt in ihr er Inte rvie wst udie
mit 17 afroameri kanisch en K rankenp fleger n, dass deren Be ziehun g zu ihren Vorge
setzte n oftmals angesp annt, teilw eise durch offen e Diskrimin ierung geprä gt i st u nd
sie hä ufig b ei Bef örder ungen von ih ren Vo rgese tzten übers ehen w urden . Darüber hi
naus bericht en die afroame rika nisch en Kra nken pfleg er, dass sie von ihren Arb eitsk ol
legin nen küh l beha ndelt w erden u nd die Arbeits kolle ginne n vers uchen , eine Di stanz
96 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
zwisch en beiden Gru ppen zu etabl ieren, was den Auf bau angen ehmer Arbe itsbez ie
hung en er schw ert (v gl. W igfi eld 2 009 : 1 5 f.) . Auch Chan g & Jeo ng ( 2 021 : 3 06 ) s chil dern
anhand ihr er qualit ativen Stu die mit 10 männli chen Krank enpfle gern aus Südko rea,
dass sich diese aufgrun d ihr es Minorit ätens tatu s ung erec ht von ihren Arbei tsko llegi n
nen und -koll egen beha ndel t fühlen, da sie hauptsä chli ch für körperl iche Arbe it einge
setzt wü rden und i hnen feh lende s Einfü hlungs vermö gen und fe hlende A npass ungs-
fähigkei t unterste llt wird. Si mpson ( 200 4 : 357 f.) ber ichtet in der bereits erwähnten
Stud ie, dass Männ er in fr auenr eich en Beruf en zwar die Vortei le des Autori täts effe ktes
geni eßen, die s jedoch d ie K ehrse ite habe, dass sie häuf ig v or hö here beru flic he An for
derun gen geste llt werd en. Ähnl iche Beo bacht ungen ber ichte t bereit s Willi ams ( 1995 :
97 ), in deren Studie d ie Befragten diese Behan dlung jedoch nicht als problem atisch
empf inde n. Nac h Chang & J eong ( 2021 : 307 ) er fahr en auc h männl ich e Krank enpf lege r
sexuel le Belästigu ng, die j edoch nicht immer als solch e erkannt werde, weil das Be
wuss tsein daf ür fe hle, dass Männ er Op fer v on s exuel ler B eläs tigu ng se in kö nnen (vgl .
Chan g & Jeong 2021 : 307 ).
Fas st ma n die Ei ndr üc ke aus den div ers en Unte rsu chu ngen zu sam me n, so sc hei nt
vor alle m der Kon tak t mit Kun din nen und Kunde n oder Klien tin nen und Klien ten ein
Konfl iktp otenz ial fü r Männ er in frauenr eiche n Beru fen zu b ergen ( vgl. H eintz e t al.
1997 : 49 ; Chang & Jeong 2021 : 306 ; Essi g & Sop arno t 2019 : 396 ) . Ana log argume nti ert
sch on Willi ams ( 1 992 : 2 61 f.) in ih rer In ter vie ws tud ie mi t 7 6 M änner n u nd 23 Fr aue n in
vier klassisc hen frauenreic hen Berufen (Kran kenpfleger /-in; Grundsch ullehrer/- in;
Bib lio thek ar/ -in ; Sozia lar beit er/ -in ), dass Männ er in frauen rei che n Beruf en oftma ls in
ihre m außerber ufli chen U mfel d Konflikt en, V orurt eile n und Disk rimin ieru ngen be
geg nen 2 3 (vgl. dazu auch Willia ms 1995 : 101 – 107 ). Damit verbu nde n ist die Konfr onta
tio n mit neg ati ven Ster eot ype n, die zu sta rke n Belast ung en führ en und die Motiva tio n
der Männ er, in diese n Berufe n weite rzu arb eit en, redu zie ren kann ( vgl . Willi ams 1992 :
261 f.). Die häufi gst en und stärks ten d ies bez ügl ich en Erfah run gen mach en Männe r in
den „mos t fe mal e-i de nti fie d sp eci alt ies “ (W il lia ms 1 992 : 26 3 ), d. h. i nsb es ond ere in de n
Tät igk ei ten , die in en gen un d int im en Ko nta kt zu F rau en und K in der n ste hen (v gl . W il
liams 19 92 : 261 f.). Dabei werd en diese n Männern of tmals Ho mosexu alitä t o der gar
Päd oph ilie u nte rst ell t (vgl. Cros s & Bagil hol e 2002 : 212 ; Rolf e 2005 : 25 ; Simp son 2005 :
373 ; Will iam s 1992 : 261 f. ). Cro ss & Bag il hol e ( 200 2 : 214 ) wei sen in ihre r Inte rvi ew stu die
mit zehn Män nern in f raue nre iche n Beru fen aus d en englisc hen „East Midlan ds“ da
rau f hin, das s sich die se Männ er des hal b Geda nke n darüb er mac hen , wie ande re Män
ner aufgr und der ges chl ech ts u n typis ch en Arb ei tss itu ati on üb er ih re Se xua lit ät de nke n.
Etw a die Häl fte der inte rvi ewt en Männe r versch lei ert dah er ihre genau e beruf lic he Tä
tig keit gege nüb er ander en Männe rn oder hält sie gänzli ch gehei m (vg l. Cross & Bag il
hol e 200 2 : 214 ). Simpso n ( 2005 : 372 ) zeigt in ihr er Interv iew stud ie mit 40 männli che n
Ang este llt en in den Ber ufen Grund sch ulle hre r/-i n, Flugbe gle iter /-i n, Biblio thek ar/ -in
und Kranken pfle ger/ -in aus de m V erei nig ten Kön igre ich, dass die män nlic hen Inter
23 An dieser Stelle ist zu betonen, dass Williams (1992: 261) zu dem außerberuflichen Umfeld auch Klientinnen und Klienten
sowie Kundinnen und Kunden zählt.
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 97
vie wte n ihr e män nli ch en Fr eun de un d Bek ann ten als wen ig er ak zep tie ren d und unter
stü tz end wahr nehme n al s ih re weib lic he n Pe ers .
Im Sinn e des von C onnel l ( 200 5 ) formuliert en Bil des der „h egemo niale n Männ
lichkeit “ werden Abweichun gen vom Ma skulinit ätsideal , dessen zentrales Merkmal
eine hete ros exue lle O rien tier ung dars tell t (vg l. M euse r 201 0 : 1 02 ), sank tion iert und Ab
wert unge n wie Aus gren zung en vorg eno mmen . D iese Mechan isme n v oll zieh en sich in
der Rege l über Femin isier ungsp rozess e: „Wer dem Id ealbi ld nicht en tspri cht, ist ho
mose xuell oder e in ve rweib lich ter Sc hwäc hling “ (Heintz e t al. 1997 : 53 ; vg l. da zu auc h
Meuser 2010 : 1 03 f.). S omit s tellt d ie Diskrepanz zwischen maskul iner Ge schlech ts
rolle und der w eibli ch ko nnot ierte n pro fess ionel len B eruf sroll e für Männ er in frau en
reichen Berufen eine besonder e Herausforder ung dar. Versc härfend kommt h inzu,
dass frauenreiche Beruf e meist geri ngeres Beru fsprestig e und auch eine geringere
Entlo hnun g verheißen . Let ztere s wird vor a llem d ann zu eine m Prob lem, wenn M än
ner übe r eine po tenzi elle Vat ersch aft nac hdenk en bzw. e ine Fam ilie grü nden (m öch
ten). Wi e Schwite r e t al. ( 2014 : 419 ) in der be reits ski zzier ten Studi e schild ern, geh en
mit ein er ges chle chts un ty pisc hen Ber ufsw ahl ni cht zwa ngsl äufi g abwe iche nde Fam ili
enrolle n einher, sodass es Jug endlich en in g eschlech ts un typ ischen Ausbildun gsver
hält niss en schwi erig ers chei nt, ihre Be rufst ätig keit mi t ihren Vors tell unge n von Fami
lie und E lterns chaft zu vereinb aren. Für Männer in frauen reichen Beru fen, die sich
selbs t in der Rol le des Fa milie nernä hrers se hen 24 , stell t sich da mit die F rage, ob d ies
mit der Entlohn ung in ein em f raue nre iche n B eruf möglich ist (v gl. Schwite r et al. 2014 :
420 ). Als mögli che Lösun g die ser P robl emati k ber icht en di e intervie wten Männ er en t
wede r vo n de r Mö glic hkei t de r ber ufl iche n We iter qual ifiz ieru ng o der eben von der Op
tion de s Berufswechsel s (vgl. Schwiter et al. 2 014 : 42 0 ; vgl. dazu au ch Wehner et al.
2016 : 3 2 f.) .
Letzt lich re agier en Männ er in frauenre ichen B erufe n ähnli ch auf di e gesc hilde r
ten H eraus ford erung en wi e die weibl iche Minde rhei t in männer reich en Be rufe n (vgl.
dazu a uch Kel an 201 8 ). Die erste Strat egie im Sinne eines „ Undoi ng Gen der“ b esteh t
darin , die Unte rschi ede i n den ster eotyp en Er wartu ngen zwis chen d en Ge schl echte rn
zu minimieren un d einer weiblic h konnotierten professio nellen Berufsrol le zu en t
sprec hen (vgl. So biraj et al. 2 010 : 139 f.). So identifi ziert Lup ton ( 2000 : 4 4 f.) in seine r
Inter view studi e mit n eun Mä nnern aus fra uenre iche n Beru fen, d ass di e Inte rview ten
ihre Männlichkeit in einem fr auenreiche n B eruf anpassen, indem sie off enkundig
männ lich e Ver halt ens weis en ve rmei den o der w eibl ich e Ver halt ensw eise n in i hre M as
kulinität integrieren. Ähnlich agier en die intervi ewten Krankenpfleger und Grund
schul lehre r in der Unter suchu ng von Pullen & S impso n ( 2009 ). Sie d istan ziere n sich
teilw eise von e iner n ormi erten Vors tellu ng de r Männlich keit und b etone n ihre „weib
liche S eite“, d . h. etwa i hre Fürsorglichke it (vgl. Pullen & Simpson 2009 : 57 4 f., vgl.
dazu auch Cro ss & B agi lhol e 2 002 : 219 f.) .
Die zw eite S trategi e von Männern in fr auenreic hen Be rufen im Sinne des v on
West & Zim merm ann ( 19 87 ) for muli erte n Konze pts des „D oing Ge nder “ best eht dem
24 F ür eine ausführliche Darstellung der V orstellung der V aterschaf t in Bezug auf traditionelle Geschlechterrollen bei Auszu
bildenden in der Schweiz siehe Schwiter 2011: 224 f.
98 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
gegenü ber da rin, geschle chtlich e Unterschie de zwischen Männern und Frauen her
vorzu heben und zu beton en, um dadur ch ihre Masku linitä t z u erhalten (vg l. Sobira j
et al. 2010 : 138 ). Nach Simpson ( 2004 : 3 59 – 36 1 ) bede utet die s konk ret, das s bspw. d ie
eige ne Arb eit u mben annt w ird, u m mög lich e Asso ziat ione n in Be zug au f Weib lich kei t
zu m inim ier en. So b ezei chne n e inig e de r vo n Si mps on ( 2004 : 35 9 ) i nte rvie wten Biblio
theka re ihre n Beruf al s Infor mation swiss ensch aftle r oder For scher , um erfor derli che
technis che Fäh igkeite n zu be tonen. Vergleic hbares wird au ch in de r Untersuchung
von Wil liam s ( 1995 ) be rich tet. Do rt nenn t sich ein Soz iala rbei ter (ber ufsr echt lich ni cht
unprob lemati sch) Psycho therape ut ( vgl. Willia ms 1 995 : 128 f.). Zwei tens werden sol
che A rbeit sinh alte hervo rgeh oben, die e her „ männ lich“ konn otie rt sin d (vg l. Si mpso n
2004 : 360 ). Flugb eglei ter he ben etw a die Sicher heits anfor derun gen al s männ liche Fa
cett en des B eruf s herv or und gr enze n sie ge gen di e eher „ weib lich en“ Se rvic eauf gabe n
ab (vgl . Simp son 20 04 : 360 ). Ana log akz entui eren in der Unt ersuc hung v on Will iams
( 1995 : 126 ) die Bi bliothekar e d ie Bedeutung technologisch er und digitale r Facetten
ihre s Berufs , die auch als Begr ündu ng für die Zunahm e an Männ ern in die sem Ber uf
gilt . Dri tten s schl ießl ich wird Distanz zu den weibli chen Kompo nent en des jewei lige n
Berufs auf gebaut (vg l. S impson 200 4 : 3 60 ). Simps on ( 2004 : 360 ) besc hreibt , dass B i
bliothek are die Bibli otheksas sistentin nen als eine wenig karriereorientie rte Gruppe
von Zwe itver diene rn beze ichn en, wäh rend in d er Kra nkenp flege d ie jewe ilige n Fach
gebi ete a ls Tä tigk eitsf elde r für Frau en u nd Mä nner kate goris iert werd en. D abei ist die
allgemein e Krankenpfl ege eher „weib lich“, während e twa die Intensivmedizin und
Notf allv erso rgun g eh er m ännl ich kon noti ert ist ( vgl . Si mpso n 20 04 : 360 ) . Zu dem weis t
Willia ms ( 1995 : 13 0 ) d arauf hin , dass Männer in fra uenrei chen Beru fen geschl echts -
homoge ne Gruppen b ilden, die e in unterschied liches Maß a n Formalität aufweis en
und Frauen aussc hließe n. Äh nliche Beob achtun gen m acht Faulst ich-Wie land ( 2016 :
103 ) sow ohl für we ibliche als auch mä nnliche Auszubilde nde in ges chlechts un typi
sche n Ausbil dung sverh ältn isse n. Im Falle der männ liche n Auszub ilde nden in frau en
reic hen Be rufe n gehe das häuf ig mi t einer ne gativ en Be urte ilung weib lich er Kom mu
nikationsformen und Ge sprächsthemen einher (vgl . Faulstich-Wieland 2016 : 111 ),
sodass der Zusam menschluss in hom osozialen Räum en eine gemeinsam e S phäre
scha ffe, die eine identi täts sic hern de Funk tio n h abe.
Zu sam menf ass end kö nn en di e beid en vorg est ellt en Stra teg ien de s „D oin g Gen der “
un d „Un doin g Gen der“ nach Sobi ra j et al. ( 2 010 : 139 ) als „W ec hs els piel zur er fo lgr eich en
Ver mei dung von Kon fli kte n inner hal b des Indiv idu ums ver sta nde n werde n“. Auc h in
dies em F all könn ten bei erfo lgslo ser Bear beit ung der Disk repan z Ge schl echt srol len
ko nfl ikte en tste hen , wobei sich die Fo rs chu ngsl ag e ähn li ch am biva len t wi e fü r Fr auen in
män ne rre ich en Beru fen dar ste llt . So er fah ren in der be rei ts darg ele gt en Unter suchu ng
von Luh aor g & Zivia n ( 199 5 : 614 f.) Männ er wen ige r Gesch lechts rol len kon fli kte , wenn
deren Gesc hlech tsro lleno rient ieru ng mit der G eschl echt stypi k ihres Ber ufs ü berei n
stimmt. Demgegenü ber le gen di e Erge bnisse der U ntersuchung en von Kober g &
Chu smi r ( 199 1 : 463 f.) und Rustem ey er & Thri en ( 20 01 : 37 f.) nah e, das s Män ner in ge
sc hle chts u n typ is che n Be ruf en kein e höh er e Wah rne hmun g von Ge sc hle chtsr olle nko nf
lik te n aufwe ise n. All er din gs ist in diese m Kont ext zu beto nen , dass die Dat eng rundl age
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 99
in den aller mei ste n Unte rsu chu ngen aus erw ac hse nen Per sonen be ste ht. Ob diese Er
geb nisse auch au f j ün ger e A lt ers grupp en über tr age n w er den könn en, ist j edoch krit isc h
zu hinterfr agen, da besond ers innerhal b d er Phase der Ado leszenz zah lreiche ge
schle chtsb ezog ene En twick lungs aufga ben vo n den Jugend liche n zu bewälti gen si nd
und in di ese r Ph ase ein stark er gesc hl ech tsb ez oge ner Konf or mit äts dru ck herr sc ht (vgl.
Tra utne r 19 96 : 165 ; 2008 : 63 9 ). Im Rahm en ein er der weni ge n Un ter suchu ngen , di e sich
mit män nlic hen Gesc hlec htsr olle nkon flik ten innerhal b d er Adol esze nz ausei nand er
setz t, könne n Watts Jr. & Bo rder s ( 2005 : 271 – 275 ) anha nd einer quali tat iven U nte rsu
chu ng mi t e lf mä nnl ich en Ju ge ndl ic hen zw isc hen 1 4 und 18 Jah re n a us No rth Ca rol in a,
USA , zei gen , das s sol che Gesc hlech tsr oll enk onf lik te auftr ete n kön nen . Für männ lic he
Au szu bild end e in fra ue nre iche n Ber ufen ist di es desh al b nic ht aus zus chli eß en.
Im H inblick auf das psychis che Wohlbe finden von Männer n in fraue nreich en
Ber ufen ergi bt sich ebenf alls ein unkla res Bild . Qia n & Fan ( 201 9 : 2088 ) iden tif izie ren
kei ne n Ei nfl us s der Männ erquo te auf da s em oti onale Wohl be fin de n män nlich er Arbe it
neh mer. Auch in der Unter suc hun g von Topho ven et al. ( 201 5 : 254 ) zeigt sich im Ver
gle ich zu Män ner n in männe rre ich en Beru fen kei n Zusam me nha ng zwis che n depre s
siven Symp tomen und der Arbei t in einem f rauenr eichen Ber uf. Nach Bryng elson,
Bac chu s Hertz ma n & Fritz ell ( 201 1 : 62 2 f.) ist e s für sch wedis che M änn er in s tar k segre
gier ten frau enre iche n Berufe n (Frauen ante il > 80 %) s ogar unw ahrsc hein lich er L ang
zei t zu erkrank en als für Männe r in nicht segreg ier ten Beruf en. Aller ding s fin det Lid
wall ( 2021 : 1662 ), eben fall s f ür Schw eden , d ass für Män ner in frau enre iche n B eruf en
das R isik o ei ner K rank schr eibu ng h öher ist als f ür M änne r in nich t segregi erte n Be-
rufen, wob ei d as K ranken stand risiko gen erell eher geri ng a usfäll t. Evans & S tepto e
( 200 2 : 487 ) könne n in diesem Z usamm enha ng für d en fra uenre iche n Beru f der/des
Kranke npflege rs/-in zeige n, da ss männliche Krank enpfleg er im Vergl eich zu ihren
weibl ichen A rbeit skoll eginn en höhe re kran kheit sbedi ngte Fe hlzei ten habe n. Ande rs
ste llt sic h dies wie der um in der Unt ers uch ung von Lim ina na- Gra s et al. ( 2013 : 141 ) dar .
In i hrer Stud ie m it j ewei ls 98 spanisch en K rank enpf lege rinn en un d 98 Krankenp fle
gern haben die Kranke npfleger eine bess ere Selbstein schätzung hins ichtlich ihrer
Gesun dheit und ber ichten von ei nem gerin geren Med ikamen tenko nsum und eine r
höhe ren körp erli chen Akt ivit ät a ls di e Kr anke npfl eger inne n. I m Hi nbli ck a uf di e Ar -
bei tsz ufr ieden hei t vo n M änn ern in ges chl ech ts u n typi sch en B er ufe n kö nnen J ans sen &
Bac kes -Ge lln er ( 20 15 : 83 – 86 ) in der dar gel egt en Unt ers uch ung zei ge n, dass Män ner in
fra uen rei che n Be ruf en so woh l in de r Ge sam tei nsc hät zun g al s auc h den vers chi ede nen
Dime nsi onen der Arb eit szuf rie denh eit niedr iger e Wert e auf weis en. Teusc hler , Maka
rov a & Neue ns chw and er ( 2019 : 41 ) fi nde n wie der um in der be rei ts dar ge leg te n Unte rs u
chun g aus der Sch weiz kein e Unte rsc hied e zwi sche n män nlic hen Auszu bild end en in
fra uenre ich en und männ err eiche n Be ru fen .
Zusamm enfass end ist für Männe r in frauenrei chen Beruf en zu vermut en, dass
sie in nerha lb des v on ihn en gew ählt en frau enre ichen B eruf s mehr heitl ich mi t größe
rer Akzep tanz aufg enomme n w erden als di es bei Fraue n i n m änner reiche n Berufen
der F all i st. S omit könn en Mä nner in fr auen reich en Be rufe n oftmals aufgr und der i h
nen zugesch rie bene n m ännl ich en Gesc hlec hte rste reot ype Vortei le erzi elen . Alle rdin gs
100 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
begegn en i hnen auch Vorurt eile und Diskri minier ungen, die überw iegend aus dem
außer berufl ichen Umf eld stamm en. Zudem fä llt es den Männ ern in diese n B erufe n
offe nbar schwe rer, ihre Beru fsr olle mit j ener des Fami lien vate rs zu vereinb aren .
V ergleich der Situation von Frauen und Männern in geschlechts un typischen
Ausbildungs- und Arbeitsverhältnissen
Verg leic ht m an a bsch ließ end die Sit uati on v on F raue n un d Mä nner n i n geschl echt s-
un t ypi schen A usb il dun gs- u nd Ar be its ver hä ltn iss en, wi rd deut lic h, dass s owo hl F rau en
als auch Männ er von Benac htei ligu nge n b etr offe n sind . Alle rdi ngs nehmen diese Be
nac htei lig ung en zwisch en den Ges chle cht ern unte rsch ied lich e Formen an und gehe n
zum eis t von vers chi ede nen Per son eng rup pen aus . Für Frau en zeig en sic h die Bena ch
tei ligu nge n häu fig inner hal b ihres betrie bli che n Arb eit sumf eld s, etwa im Konta kt mit
Vor ge set zte n o de r Arbe its kol legen . Dabe i sind Fra ue n häuf ig mit Akz ep tan zpr ob lem en
und der Abspra che von erf ord erli che n Kom pete nze n kon fro ntie rt, die sich in entsp re
chenden verbalen Äußer ungen, geringerer sozia ler Un terstützung oder dem Aus
schl uss aus Arbeit svol lzü gen zei gen. Weiter hin bes tehe n f ür Frau en weit ere offener e
For me n de r Au sgr en zun g, die si ch in dis kr imi niere nd en und se xue ll belä sti gende n Ve r
halt enswe isen ausd rücke n. Al s Fol ge di eser vers chied enen Form en de r Diskrimi nie
run g und Benac hte ili gun g könne n ein höher er Leis tun gsd ruc k und ein höher es Bela s
tungsempfind en entste hen, die sich auch n egativ au f die Gesundheit der Frauen
aus wir ken kön nen . Männe r sind dage gen im betr ieb lic hen Arb eit sko nte xt selt ene r mit
solc hen Be nach teili gung en kon fron tiert . Ein Großt eil d er Män ner e rfähr t in b etri eb
lic hen Arb eit sko nte xten viel meh r posi tiv e Reak tio nen , die sich etwa in eine m posit iven
Arb eit sklim a und u nte rs tüt zen de n Ver ha lte nsw eisen de r Kolle g/- in nen u nd Vorge se tz
ten ausd rüc ken . Benach tei lig ung en erleb en sie statt des sen verm ehr t mit Kund/- inn en
ode r Kli ent /-i nne n und in ihrem auße rbe ruf lic hen Umfe ld, wobe i die Ben ach tei ligu n
gen übe rwie gend vo n ande ren Män nern g eäuße rt werd en. Di ese Ben achte ilig ungen
kön ne n auc h für Män ne r zu zusät zlich en Bela stu nge n und neg at ive n ge sun dhe it lic hen
Fol ge n fü hre n, die ein vorze iti ges Aus schei den a us dem frau enr eic hen Ber uf b efö rdern
dür ften.
Neb en diesen unter sch ied lich en Forme n der Benac hte ilig ung ist die For tset zun g
der ges chle chts un ty pisc hen Ausbild ungs - u nd A rbei tssi tua tion sowohl für Frauen als
auc h fü r Män ner dad urc h er sch wer t, d ass eine zukü nft ige Fami lie npl anu ng bei be iden
dur ch aus mi t tradi ti one lle n Gesch lec ht erv ors tellu nge n einhe rge ht . Die se tr ad iti one ll en
Gesch lech tervo rstel lunge n, die fü r Frau en in der verstä rkten Ü berna hme der H aus-
und Care arbeit sow ie f ür M än ner in de r Ro ll e de s Fa mil ien er näh rer s be ste he n, d ürf ten
in ge schle chts un ty pisch en Au sbil dungs - und Arbe itsv erhäl tnis sen j edoch nich t ohne
Weit eres zu real isie ren sein. S o st eht in männ erre iche n Be rufe n e twa das ver brei tete
Bil d des Voll zei ta rbe itn eh mer s in Ko nfl ikt mit d en zei tli ch en Ress ou rce n, d ie für Haus -
und Carearb eit notwen dig sin d, wohi nge gen in frauenr eic hen Berufen die V erdi enst
mög lic hke ite n of tma ls z u ger ing sind , um d ie Ro lle des Fa mil ien ernäh rer s aus zuü be n.
Als Lösu ng für dies es Spann ungsv er häl tn is von ge sch le cht s u n ty pi sch er Beru fsr olle und
tra dit ion ell er Fam ili enr oll e stehe n unte rsc hie dli che Mög lic hke ite n zur Ver füg ung , wo
Geschlechts un typische Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse – Stand der F orschung 101
bei eine Opt ion die A ufg ab e de s ge sch lec hts un typi schen Aus bil dun gs- bzw . Ar bei tsv er
häl tn iss es dars tel lt.
Zulet zt reag ieren Fr auen und Mä nner in ge schle chts u n typi schen Au sbild ungs-
un d Arbe it sv erh ältn is sen in te re ss ant erwe is e rech t ähn lic h au f die ges ch il der ten Hera us
for der ung en , wobe i Stra teg ien des „Undo in g Gend er“ und „Doin g Gend er“ ver wen det
we rde n. Wä hren d beim „U nd oi ng Gen der“ st ere ot yp e Erwa rtun ge n und ges ch le cht lich e
Di ffe re nz en mini mie rt bzw . ve rwi scht werd en , ist das „Doi ng Gend er “ da dur ch geke nn
zei ch net , das eigen e Ge sch lec ht zu beto nen und ges ch lec htl ic he Di ffe re nze n her vor zu
heb en. Bei de Strat egi en sind jed och risi kob eha fte t, soda ss sie im Wec hse lsp iel zu ver
we nde n sin d, um inn erp sych isc he Ko nf li kte so wi e nega ti ve Fol ge n im Ar be it sk ont ext zu
ve rme iden .
102 V orzeitige V ertragslösungen in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen im Spiegel
empirischer F orschungsergebnisse
5 F orschungsfragen und -annahmen
Di e empi ri sc he Ana lyse vor zeit ig er Ver tr ag sl ösu ngen in ges chle cht s un t yp isc hen Aus bil
dung sver hält niss en is t al les i n al lem – wie die vor steh ende n Ausführ unge n ve rdeu t
lich en – weit geh end ein D esid era t. Zwar legen sowoh l d ie Ber ufsb ild ungs sta tist ik als
au ch vers chi eden e Ei nze lstu die n nahe , da ss vorz ei tig e Vert ra gsl ösun gen in ge sch lech ts-
un t ypi sch en Ausb il dun gsb eru fen übe rzu fäl lig häu fig vor kom men (vg l. Bund esi nst itu t
für Ber ufs bil dun g 2012 ; Rohrb ach -Sc hmi dt & Uhly 201 5 ; Rott erm ann 201 7 ), all erd ing s
ist noch kaum etwas darüb er b ekannt , welche Ursach en d afür verant wortli ch s ind.
Wed er wiss en wir , ob und inwie fe rn sich die häu fig eren vorz eit ige n Vert rag slö sun gen
in geschle cht s un t ypi sch en Aus bild ung sver häl tnis sen , wie es unter ander em nac h der
The orie d es ge pla nten V erhal tens ( Ajzen ) z u e rw ar ten wä re ( siehe Ka pit el 3 . 1 . 1 . 2 ), d urch
die Auspr ägu ng ein er sog en ann ten Vertr ags lös un gsn eig ung berei ts vor ab an kün dig en
(vg l. D euer 20 06 a), n och welch e beru fli chen Pe rs pe kti ve n die ju nge n M ens ch en mi t der
Bee nd igu ng ihres Ausb ild ungsv erh ältni ss es ve rbi nden. Mit an der en Worte n is t auf Ba
si s des bis her igen Fors chu ngss tan des of fen , welc he Ansc hlu ss lö sun gen na ch der Au fl ö
sun g de s Aus bil dungs vertr ages pr äfe ri ert werd en , d. h. ob eine Ve rt rag sl ös ung sn ei gun g
eh er auf ei ne n Beru fs- oder ei nen Bet rie bswe chs el ziel t.
Der begre nzt e Ke nnt nis sta nd zu diese m The ma is t vo r all em da rau f zur ück zuf üh
ren , das s sich die bishe rig en For sc hun gsb emühu nge n zu vor zei tig en Ver tr ags lö sun gen
im Allge mei nen und gesc hle cht s un t ypi sch en Ausbi ldu ngs ver häl tni ssen im Spezi ell en
übe rwi ege nd auf die Rek ons trukt ion der für ein e V ert rag slö sun g v er ant wor tli ch en s ub
jekt ive n G rün de und Meinun gen der B etro ffe nen konzen trie rt haben (vg l. Uhl y 2 015 ;
sie he Kapit el 4 . 1 . 3 ). Die ta tsä chl ic hen Urs ac hen vo rze iti ger Ve rtr ags lösun gen li ege n a n
ges ic hts des selt ene n Ve rg lei ch s mit dem Vert rag slösu ng sge sc heh en in ges ch lec ht sty pi
sch en Ausb ild un gsv er häl tn iss en und de m Man gel an Längs schni tt stu di en hinge ge n im
Dun ke ln.
Die v orliege nde A rbeit geht daher der ü bergeor dneten Frage nach, in w elchem
Ausmaß und aus w elchen Gründ en Fr auen und M änner in g eschlec hts un t ypische n
Ausbi ldungs verhä ltnis sen eine vo rzeit ige Vertr agslö sung in Er wägung zi ehen. Da bei
wird erst ens das Aus maß der vor zeitigen Vertragslö sungsnei gung untersucht ( For
schu ngsfr age 1 a ) und durc h einen sys temat isch en Ver glei ch mit der V ertr agslö sung s
neig ung in ge schl echt styp isch en Aus bild ungs verh ältni ssen geprü ft, ob die Vertrags lö
sungsneigun g in geschlechts un typischen Ausbildungsverhältnissen nachweislich
höhe r ist als bei jen en Ausz ubil dend en, die si ch für ein en Beruf en tsch iede n haben , in
dem ihr Gesc hlech t die Majori tät bild et ( Forsc hungs frage 1 b ) . Vor dem Hin tergru nd
der in Kapitel 2 . 3 re ferierten Befunde sollte die Te ndenz zur vorzei tigen Vertrags
lösu ng umso hä ufig er zu beob acht en sein , je wenig er Besc häft igte de r Ausbi ldun gsbe
trie b hat und je stärk er die Gesc hlec hter segr egat ion in dem jewe ilig en Ausb ildu ngsbe
ruf aus gepr ägt ist ( vgl. Al thof f 1992 , 20 01 ; Boo ckma nn et al. 2014 ; Rohrb ach- Schm idt &
Uhly 20 15 ; sieh e dazu au ch Kapi tel 2 . 3 ) . Zweit ens wird u nters ucht, ob d ie Aufl ösung
Anza hl der Au szu bild end en (we ibli ch + männ lich ) in den Berufe n zum 31 . 12 . 2017 ab
ste igen d geo rdn et. Ansch lie ßen d wurd e festge ste llt, wie groß der Ante il der Aus zub il
den den in ges chl ech ts u n typ isc hen Ausb ild ung sver häl tni sse n war , der übe r die jew eils
30 am stä rks te n bes et zte n fr aue n- und männe rre ichen Be rufe errei ch t wur de . Für m än
nerr eic he Ber ufe wurde die Anzah l d er Frauen zum 3 1 . 12 . 20 17 in den 185 männ err ei
chen B erufe n gleich 100 % gesetz t. In de n 30 au sgewä hlte n männ errei chen B eruf en
kon nt en 76 . 0 % Frau en er rei cht wer den . In den aus ge wäh lt en 30 frau enr eic hen Ber uf en
war en es s oga r 9 8 . 8 % de r Mä nne r. In Tab ell e 6 und Tab ell e 7 sin d d ies e Be rufe a ufs tei
gen d na ch dem An te il der ge sch lecht li che n Mi no rit ät darg est el lt.
T abelle 7 : Männerreiche Berufe der Stichprobe – Sortierung nach F rauenanteil zum 31. 12.2017
Nr . Berufsbezeichnung Auszubildende am 31.12.2017 – Bundesgebiet
Gesamt Frauen Frauenanteil
1 Maurer/-in 8172 69 0.84 %
2 Anlagenmechaniker/-in für Sanitär-, Heiz- und
Klimatechnik 33474 423 1.26 %
3 Land- und Baumaschinenmechatroniker/-in 8436 132 1.56 %
4 Dachdecker/-in 6669 114 1.71 %
5 Metallbauer/-in 16185 300 1.85 %
6 Zimmerer/Zimmerin 8151 198 2.43 %
7 Konstruktionsmechaniker/-in 8862 324 3.66 %
8 Kraftfahrzeugmechatroniker/-in 65163 2616 4.01 %
9 Elektroniker/-in für Betriebstechnik 21702 1155 5.32 %
10 Berufskraftfahrer/-in 7077 378 5.34 %
11 F einwerkmechaniker/-in 8391 471 5.61 %
12 Zerspanungsmechaniker/-in 19947 1224 6.14 %
13 Industriemechaniker/-in 43977 2703 6.15 %
14 Maschinen- und Anlagenführer/-in 7308 453 6.20 %
15 Mechatroniker/-in 26802 1887 7.04 %
16 F achinformatiker/-in 32379 2382 7.36 %
17 V erfahrensmechaniker/-in für Kunststoff- und
Kautschuktechnik 6591 513 7.78 %
18 W erkzeugmechaniker/-in 11391 906 7.95 %
19 Elektroniker/-in für Automatisierungstechnik 6687 591 8.84 %
20 F achlagerist/-in 10458 933 8.92 %
21 Elektroniker/-in für Geräte und S ysteme 7290 720 9.88 %
22 F achkraf t für Lagerlogistik 25047 3036 12.12 %
23 Tischler/-in 17451 2139 12.26 %
24 Chemikant/-in 6783 975 14.37 %
25 Landwirt/-in 9309 1374 14.76 %
26 F ahrzeuglackierer/-in 5343 789 14.77 %
27 Maler/-in und Lackierer/-in 14205 2241 15.78 %
28 Gärtner/-in 12558 2424 19.30 %
29 Koch/Köchin 18873 4266 22.60 %
30 Bäcker/-in 6249 1467 23.48 %
110 Methode
Durchf ührung der Untersuchung
Für d ie Da tenerh ebung wurden Berufs kolleg s in Nordrh ein-Wes tfalen ermit telt, die
den Beruf sschul unterr icht für die ausge wählte n Ausbildu ngsber ufe anbiet en. In der
Regel ist der U nter richt dabe i nac h dem Fach klas senpr inzi p organis iert 2 6 , so dass sich
eine Be frag ung im Kla ssen verb and anb iete t. Die Bef ragt en dies er Beru fsko lleg s befan
den sich zum Zeitpunkt der Befr agung in einem Ausbildu ngsprozess, in dem sie
unte rsch iedl ich e Er fahr unge n m ache n, d ie n ach Deu er ( 2006 a) z u e iner mehr od er w e
nige r ausge präg ten Ver trag slös ungs neig ung füh ren (kö nnen ). Die vo rzei tige Ve rtra gs
lösu ngsn eigu ng gilt es daher in der nac hfol gend en empiri sche n Analys e statist isch als
abhä ngig e Vari able zu „e rkl ären “ ( sie he Kapi tel 4 . 1 . 1 ).
Da der Kontak t zu den Berufs koll egs zum Zeitpu nkt der Befrag ung aufgrun d der
Coro na-Pa ndem ie ers chwer t war, wurden Studier ende geschul t und als Vermit tler/ -in
nen ein geset zt. Die S tudi erend en hatten aufgrund vo n Anst ellun gen als V ertre tungs
lehr kraf t o der Abso lvie rung eines P raxi sse mest ers bere its Kont akt zu den betr effe nde n
Beruf skoll egs au fgeba ut. Die ser Kon takt f ührte z u eine r höhe ren Ber eitsc haft de r Be
rufsko llegs, die Bef ragung dur chzuf ühren 2 7 . F ür die Studi erende n bestand die Mög
lich keit, die Da ten f ür ein Fors chung sproj ekt o der ei ne Ma ster- Thes is zu n utzen . Um
mögl iche Verg leic he zwisc hen den Gesch lech tern vorz uneh men, wur de die komple tte
Klass e und nicht nur d ie Aus zubi ldend en in gesch lecht s un t ypisc hen A usbil dungs ver
hält niss en bef ragt .
Beschreibung der Stichprobe
Die auf d iese Weise erhobe ne Bru ttos tich pro be wurd e in ein em mehr sch ritt ige n P ro
zess berein igt . Z u B egin n wurd en dur ch die Onlineb efr agun g 1 717 Fälle err eich t, von
den en 1479 Fäl le die Bef rag ung abg esc hlo sse n haben . Der erst e Schr itt der Dat enb ere i
nig un g bet rif ft di e in der Stich pr obe vertr etene n Aus bil dungs ber ufe. Es wu rde n 27 Fä lle
aus dem Date nsa tz ausge sch loss en, d ie sich auf eine n Ber uf vorb ere iten , der nicht der
ang estr ebt en Stich pro be entsp rach , oder die kei nen Ausbi ldu ngs ber uf angege ben hat
ten .
Im z weite n Sc hrit t so llte n jene Fä lle ident ifiz iert und elim inie rt we rden , di e den
Frag ebo gen nicht ernsth aft bearb eite t hab en. Dafür wurde zunäch st die Bearb eit ungs
zei t des Frag ebo gen s betr ach tet und sog ena nnt e „Spe eds ter “ ermi tte lt. Dab ei han del t es
sich um Pe rson en, d ie den Frag ebog en in eine r sehr kurzen B earbe itun gsze it au sge
fül lt h abe n. E s ka nn dah er n ich t da von aus geg ang en w erd en, das s di e F rag en s org fäl tig
gel ese n u nd bearbe ite t wur den (vgl. Th eob ald 2017 : 319 ). Le ine r ( 201 9 ) hat v ers chi ede ne
Ind ikat ore n zur Id ent ifik ati on vo n Date n mit ger ing er Qua lit ät mi tein and er ver gli che n
und g elan gt zu dem Erge bnis, dass die rela tive Bea rbeit ungs gesc hwin digke it i m Ver
gle ich der ve rsc hie den en Ind ikat ore n d en höc hst en Bei trag zur Ide nti fiz ier ung von Da
26 Anzumerken ist in diesem K ontext jedoch, dass es den Berufskollegs aufgrund verfahrensrechtlicher Regelungen möglich
ist, verschiedene Ausbildungsberufe auf Klassenebene zusammenzuführen. Dies erfolgt oftmals im Kontext der berufs
feldbreiten Grundbildung, in denen die Inhalte des ersten Ausbildungsjahres verschiedener Ausbildungsberufe überein
stimmen.
27 Aus Gründen der Anonymisierung wird auch auf eine Darstellung der befragten Berufskollegs verzichtet. Eine entspre
chende Liste liegt jedoch den Gutachtern sowie der Prüfungskommission vor .
Untersuchungsdesign und Ablauf der Untersuchung 111
ten mit ger ing er Qua lit ät lei ste t (vgl . Lein er 201 9 : 241 ). Als Gre nzwert der relat ive n Bear
beitu ngsges chwind igkei t in Form d es „relat ive speed ind ex“ empfi ehlt Lein er ( 2019 :
242 ) ein en W ert v on 2 . 0 , der nich t üb erst iege n werden soll te. Dies er E mpfe hlung fol
gen d wurd en 38 wei ter e Fäll e aus de m Date nsa tz ent fer nt, de ren „r ela tiv e spee d inde x“
sic h ober hal b des Wer tes von 2 . 0 bewegt .
Drit tens wurde n f ehle nde Werte („M issi ngs“ ) in den Blick gen omme n, die zu Ver
zerrung en un d in d er Folge zu fehlerh aften Schlüss en und Entsc heidung en führen
könn en (vgl . Döri ng & Bor tz 201 6 : 585 ; Göthl ich 2009 : 119 ) . Gena uer gesagt wurde zu
nächst für j ede b efragte Perso n der Anteil der fehlend en Werte im Sinne des Item-
Nonre spons e betra chtet . Call egaro , Lozar M anfre da & Vehovar ( 20 15 : 131 ) e mpfeh len
für Onl ine-B efra gunge n, das s minde stens 50 % der F ragen beant worte t sein m üssen ,
damit eine befrag te Pe rson nicht aus d em D atensat z ausgeschl ossen wird. Zu e iner
ähnlic hen Gr enzset zung gelangt auch die America n Association for Public Opini on
Resear ch (AAPOR ) i m H inbli ck a uf schri ftlich e Befragu ngen (Amer ican Assoc iatio n
for Publi c Opinion Rese arch 2016 : 29 ). Neben diese r eher liberal en Grenzs etzu ng sind
jedo ch auc h res trik tive re Gre nzwe rte de nkba r. Di e vorl iege nde Ar beit o rien tier t sic h in
Anle hnun g an Rot h & S witz er ( 19 95 : 10 10 ) an ei ner so lche n stre nger en Gre nze, d. h. es
wurd en in sges amt 3 0 Pers onen mit e inem A ntei l von fehl ende n Wer ten üb er 30 % a us
dem D atensat z eliminiert . Für diese 30 %-Gre nze s pricht weiter hin a uch, dass mul-
tiple Im putat ionen n ur bis zu e inem max imale n Missi ngant eil von bi s zu 30 % mög
lich sind (vg l. Spie ß 2010 : 1 28 ).
Als weitere r I ndikator un zureichend er Datenqual ität wurden in ein em vierten
Schritt die Antwort muster de r befragt en Person en betrachtet. Diese als „Response-
Sets “ (Jandura 2018 : 210 ) bez eich neten Must er haben unters chie dlic he Formen, wobe i
„Straig htlining “ gerade in Onl ine-Umf ragen v erbreite t ist ( vgl. Ja ndura 2 018 : 21 1 f.).
Stra ight lin ing meint die Tenden z, „to use an ident ical respon se cate gor y f or all items in
a set“ ( Herzo g & Bac hman 19 81 : 551 ). Als F olge ka nn die d amit ve rbund ene fe hlend e
Differ enzieru ng in nerhal b einer Fragenmat rix d ie Reliabili tät u nd V aliditä t der Ant
wort en beeinträ chti gen (vgl. Kim et al. 2019 : 215 ). Demgege nübe r argu ment iere n Reu
ning & Plutzer ( 2020 : 440 ), da ss auc h ein e val ide F orm d es Str aigh tlini ng ex isti ert. Sie
verwe isen ex empla risch da rauf, d ass Per sonen , die nie mals Opf er von Mo bbing w ur
den, ei ne Itembatterie z u Viktimisierung serfahru ngen kon sequent mit „nie“ beant
wort en ( vgl . Re unin g & Plutzer 2020 : 4 40 ). Allerd ings kann ei ne s olc he v alid e F orm des
Stra ightl ining nur d ann e ntste hen, wenn die I tems a lle i n die glei che R ichtu ng ge polt
sind. Bei der Verwend ung gegenp oliger Items wird ein sehr große r Teil der validen
Strai ghtl iner en tfer nt, so dass vo n den restli chen S traig htlin ern an genom men we rden
kann , dass sie die I temba tter ie ni cht m it der nötigen S orgfa lt be antw ortet habe n. De s
halb wird die Imp lement ierung von geg enpoli gen Items empf ohlen (vg l. Reunin g &
Plutzer 2020 : 444 ) 28 . Diesen Ausführ ungen f olgend wurde d as Straightlini ng in d er
vorli egend en Arb eit anh and von z wei It embat terie n über prüft , die ge genpo lige It ems
28 Eine Ausnahme bildet die Mittelkategorie eines Skalenformats mit ungerader Anzahl an Antwortmöglichk eiten, wie 5-
stufige Likert-Skalen. In diesem F all führen gegenpolige Items nicht zu einer Reduktion valider Straightliner (vgl. R euning
& Plutzer 2020: 444).
112 Methode
beinha lten. Eine Itembat terie enthäl t eine Skala mit sechs Items, von denen jeweils
drei in ei ne Ri chtu ng ge polt sind . Die zwei te um fass t drei Ska len u nd 17 Item s, d avon
sind zwei Item s m it gegenl äufige r Polung. Da die S kal en jedoch keine gegent eili gen
Aus sagen , s onder n l edigl ich gege nteil ige Polu ng en a ufwei sen, d ie sic h a uf unter schie d
lic he Face tten d es Kons tr ukt es bezi eh en, ist ein e An al yse der Skal enpun kt e je nse its de r
Ex trem wer te nur sch we r mö gl ic h. Die Bean two rtun g zw ei er gege np ol ige r Item s, die un-
ter sch ied lich e Facet ten des Kons tru kte s abdec ken , kann anhan d der mit tle ren S kal en
pu nkt e nich t als vali de Ant wort aus ges chlos sen werd en, sod ass si ch auf ein e Anal yse der
bei den Extre mw ert e der Skala be sch rän kt un d ein mö gli che s Str ai ght lin ing unter sucht
wir d. Zu diese m Zwe ck wu rde gezäh lt, wie hä ufi g der jewei li ge Sk ale npu nk t inn erh alb
der Item bat te rie gewä hlt wurd e. We nn aussc hl ieß lic h ein Ska len punkt in ein er de r bei
den Ite mba tte rie n gewä hlt wur de, lag ein Str aig htl ining vor und die Per son wur de aus
de m Date ns at z ausg esch los sen. Di es tra f auf 10 Fäl le zu.
Im letzte n Schrit t wur de eine Person ausg esch los sen , die in ein em Freif eld man
geln de Teilna hme bere its cha ft sig nal isie rt hat, und einig e wen ige Fälle mit nic ht plau
sib le n Al ter sa nga be n en tfe rn t.
Der ausge wertet e Nettod atensa tz umfas st somit 137 3 Persone n, was 79 . 97 % der
Ausg angs sti chpr obe entspri cht . A uf dies er Basis wurd e e ine Missin g-An alys e durc hge
führt , um das Ausma ß u nd eine mö gliche Mu sterv erteil ung der feh lenden We rte zu
anal ysie ren. Wie Ta bell e D 1 im Anha ng v erd eutl icht , we ist keines der Item s e ine Über
schr eitun g der von Lüc k & Landr ock ( 2019 : 465 ) for muli erten 5 %-Gre nze auf, die eine
beso ndere Analys e der ents prec hend en Vari able n bedar f. Darü ber hinaus ver deut licht
die folgend e Abbildung 7 , d ass das g esamte Ausma ß der fehlenden Werte 0 . 8 % be
träg t u nd als gering einzus tuf en ist.
Abbildung 7 : Gesamtzusammenfassung der fehlenden W erte (Quelle: eigene Darstellung)
Im Umg ang m it di esen f ehle nden Werte n stellen T abac hnik & Fide ll ( 2 007 : 6 3 ) da r,
dass bei ei ner geringe n M issi ngqu ote von unter 5 % die unt ersc hied lich en Verf ahr en
zur Behand lung fehlen der Werte seh r ä hnl iche Ergebn iss e a ufwe isen (vgl. dazu auch
Untersuchungsdesign und Ablauf der Untersuchung 113
Lüd tk e et al. 200 7 : 1 06 , 107 ; e xpl izit für R eg res sio ns ana lys en sie he Urb an & May erl 2018 :
441 f.). Da si ch na ch der D atenb ere ini gu ng sowoh l die fe hle nd en Werte ei nze ln er Varia
ble n als auch das ges amt e Ausma ß der fehl end en Wer te unte rha lb der gen ann ten 5 %-
Gre nz e be weg en , wi rd auf ei ne Imput ation von Wert en verzi ch tet .
Von den 1373 Pe rson en der N ettos tichp robe s ind 48 2 weib lich ( 3 5 . 1 %) und 891
männlich ( 64 . 9 %) . Das durchschnittliche Alter de r Befragten beträgt 21 . 4 Jahre
(SD = 4 . 28 ) . Bei B et rac ht ung der Ko nte xt mer kma le des Au sbi ldu ngsve rhä ltnis ses befin
den sich z unäc hst 10 . 9 % d er Befr agte n ( n = 150 ) in eine m s ehr frühen Sta dium ihrer
Aus bil du ng und in der Pr obe zei t. Wei ter e 33 . 1 % (n = 455 ) b ef ind en sic h im ers te n A us
bil dungs jah r nach der Pr ob eze it . 37 . 8 % (n = 519 ) abso lv ier en zur Ze it der Be fra gung das
zwe ite Aus bild ung sja hr, 17 . 8 % (n = 244 ) näher n sich dem Absch lus s des Ausbi ldu ngs
ver häl tni sses und sin d i m dri tte n A us bil dun gsj ah r. 0 . 4 % (n = 5 ) der Bef ra gte n a bso lvi e
ren zur Zei t der Befra gun g das viert e Aus bil dung sja hr. Darüb er hinaus sind hinsi cht
lich der Bet riebsg röße 22 . 6 % der Befragten (n = 310 ) in einem Kle instb etrie b (bis 9
Mit arb eiter /- in nen) tä tig . 25 . 3 % (n = 347 ) arbei ten i n ein em Klein be tri eb ( 10 bis 4 9 Mit
arbe iter /-i n ne n). 1 4 . 8 % (n = 203 ) ab solv iere n di e Ausbild ung in e inem mitt lere n Be
trieb ( 5 0 bis 249 Mitarbei ter/-in nen). In Großbetri eben sin d 37 . 2 % der Be fragten
(n = 509 ) be sch äf tig t.
Hi nsi chtli ch der für di es e Arbe it zent ral en Kate gor ie der Ges chl echt sty pik bef ind en
sic h 243 Be fr agt e in ein em gesc hl ech ts u n t ypi sch en Aus bil du ngs ve rhä ltn is , 11 30 führ en
ein e Au sbi ldu ng in ein em gesch lec hts typis che n Au sbi ldu ngs verhä ltn is durch . De r An
teil an Auszub ildend en i n geschlec hts un ty pische n A usbild ungsver hältni ssen in der
Sti chpro be be tr ägt s omi t 17 . 7 %, die Q uot e der A usz ubild en den i n gesch lec htsty pi sch en
Aus bil dungs ver hä ltn iss en ents pre ch end 82 . 3 %. Inner hal b der ge sch lec ht s un typ is che n
Aus bil dun gsve rhä ltn iss e sind 119 Per son en weib lic h und 124 Per son en männ lic h. Die
Verte ilung inn erhal b der gesc hlecht s un ty pische n Ausbi ldungs verhä ltnis se nach Ge
schl echt ist somit ziemlich ausgegli chen (wei blic h: 4 9 . 0 %; männ lich : 51 . 0 %). In g e
schl ech tsty pisc hen Ausb ildu ngsv erh ältn iss en beträg t das Verhä ltni s von M änn ern zu
Fr aue n etwa zwei zu ein s (m änn lich : 67 . 9 %; wei bl ic h: 32 . 1 %).
Be tr ac ht et man di e Ve rt ei lu ng der Gesc hl ec ht er auf der Be ru fs eb en e, sin d 2 3 der 30
aus gewäh lten männ er rei ch en Beru fe im Sa mp le vert re ten (si eh e Ta be lle 7 ). Die Ber ufe
entstammen ausschließlich den Zuständigkeitsbereichen des Handwerks (Dach
de cke r/- in ; Fe in we rk mec ha ni ker /-i n ; Mal er/- in un d Lac ki er er/ -in ; Tisc hle r/- in ) so wie
Indust rie und Handel (Berufsk raftfa hrer/- in ; Che mikant /-in ; Elektro niker/- in fü r
Ge rä te und Syst eme; Koc h/ Kö chin ; Ve rfah rens mech anik er/- in fü r Kun st st of f- und Kaut
schukt echni k; Werkzeug mechan iker/- in ) . Der größte Teil der Berufe kann beiden
Zu st än di gk ei tsb erei chen zug eo rd ne t we rd en (Anl agen me ch an ik er /- in fü r Sa ni tär -, He i
zun gs - und Klima te chn ik ; Bäc ker /-in ; Elekt ronik er/ - in fü r Bet riebs tec hn ik; Fach inf or
ma ti ke r/ - in ; Fac hk ra ft für La gerl og is ti k; Fa ch la ge ri st /- in ; Fa hrze ug la ck ie re r/ - in ; Ind us
tri eme cha nik er/ - in ; Kon st ruk tio nsm ech ani ker /- in ; Kraft fah rze ugm ech atroni ke r/- in ;
Lan d- un d Baum asc hinen mech atr onike r/- in ; Me cha tr on ike r/-i n ; Ze rs pan ungsm echa
ni ke r/ - in ). So mi t is t eine gew is se Ban dbre ite an Ber ufen in de n be id en zen tral en Zu st än
di gk ei ts bere iche n män ne rr eich er Be ru fe rea lisi ert wor de n.
114 Methode
T abelle 8: Anzahl der Personen in männerreichen Ausbildungsberufen nach Geschlecht
Geschlecht
weiblich männlich Gesamt
Anlagenmechaniker/-in für Sanitär-, Heizungs-
und Klimatechnik 1 11 12
Bäcker/-in 3 10 13
Berufskraftfahrer/-in 6 38 44
Chemikant/-in 7 48 55
Dachdecker/-in 5 43 48
Elektroniker/-in für Betriebstechnik 3 26 29
Elektroniker/-in für Geräte und S ysteme 1 5 6
F achinformatiker/-in 2 15 17
F achkraf t für Lagerlogistik 7 16 23
F achlagerist/-in 1 1 2
F ahrzeuglackierer/-in 6 26 32
F einwerkmechaniker/-in 2 10 12
Industriemechaniker/-in 22 121 143
Koch/Köchin 3 22 25
Konstruktionsmechaniker/-in 4 11 15
Kraftfahrzeugmechaniker/-in 15 115 130
Land- und Baumaschinenmechatroniker/-in 0 1 1
Maler/-in und Lackierer/-in 6 35 41
Mechatroniker/-in 12 93 105
Tischler/-in 6 65 71
V erfahrensmechaniker/-in für Kunststoff- und
Kautschuktechnik 1 8 9
W erkzeugmechaniker/-in 3 37 40
Zerspanungsmechaniker/-in 3 10 13
Gesamt 119 767 886
Ein ig e Ber ufe sind st ärk er in der Sti chp ro be ve rtr ete n als ande re (s ieh e Tab ell e 8 ). Her
vorzu heben sind die Be rufe „Indu strie mechan iker/ -in “, „Kraf tfahr zeugme chatr oni
ker /- in “ und „Mech atr oni ker /- in “, die zwis che n 12 % und 16 % der Pers one n in män
ner reich en Be ru fen u nd zw is che n 10 % u nd 1 8 % de r Fr aue n in ge sc hle chts u n t ypi schen
Au sbi ldun gs ver hält nis sen umf ass en.
Bei den frau enre ich en B eruf en s ind zwöl f de r 30 ausgewä hlte n B eruf e ve rtre ten
(si ehe Ta bel le 6 ). D ar unt er sin d B eru fe aus de m Z ust änd igk eit sbere ich Han dwe rk (Au
gen optik er/ -in ; Foto gra f/-i n ; Frise ur /- in ), Ind ustri e un d Ha nde l (Ges tal te r/- in für visu
ell es Ma rketi ng; K auf mann/ -f rau f ür To urism us und Frei zei t), d em öf fentl ich en Di en st
(Verwa ltungsf achang estellt e/-r) sowie der B eruf „ Kaufma nn/-f rau fü r Büromanage
ment“, der verschiedenen Zuständigkeitsbe reichen zugeor dnet werden kann. Der
grö ßte T eil g ehö rt mi t fünf Beruf en zu d en freie n Beruf en. S omi t konnt e auch hier eine
gew iss e Ban dbr ei te an unter sch ied li che n B er ufe n u nd Kon te xte n i n der St ich pro be rea
lis ie rt we rde n, deren Konze ntrat io n abe r, wie Tabe lle 9 zu ent nehme n ist , st ärk er au sge
Untersuchungsdesign und Ablauf der Untersuchung 115
prä gt ist. So sind beim Ber uf der/ des Kauf man ns/ -f rau für Bür oma nag eme nt über ein
Dritte l ( 36 . 3 %) der Perso nen in frauen reich en B erufe n und die Hälfte ( 50 . 0 %) der
Män ner in gesc hle ch ts u n t ypi sc hen Ausb il dun gsver häl tniss en zu fin den.
T abelle 9: Anzahl der Personen in frauenreichen Ausbildungsberufen nach Geschlecht
Geschlecht
weiblich männlich Gesamt
Augenoptiker/-in 29 14 43
F otograf/-in 7 3 10
F riseur/-in 29 8 37
Gestalter/-in für visuelles Mark eting 9 3 12
Kaufmann/-frau für Büromanagement 115 62 177
Kaufmann/-frau für T ourismus und F reizeit 0 1 1
Medizinische/-r F achangestellte/-r 69 4 73
Pharmazeutisch-kaufmännische/-r Ange
stellte/-r 11 2 13
Rechtsanwaltsfachangestellte/-r 21 3 24
Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte/-r 4 1 5
V erwaltungsfachangestellte/-r 49 21 70
Zahnmedizinische/-r F achangestellte/-r 20 2 22
Gesamt 363 124 487
6.2 Erhebungsinstrumente und er fasste V ariablen
Im fol gend en Abs chnit t werd en das angewa ndte Erhebu ngsin stru ment und die damit
erhobene n Variab len beschrieben so wie die e ingesetz ten Skalen der Unt ersuchun g
vorg este llt. Für ei ne syste mati sche Dar stel lung wer den die una bhän gige n Variab len in
Blöcken, angelehnt an di e theoretis chen Überlegungen aus Kapi tel 5 , beschrieben.
Sämtlich e Itemform ulierunge n und Kennwerte können d em Skalenh andbuch (A n
hang C) entnom men werden . E ine Übersi cht der verwen deten Skal en i nklusi ve B ei
spie lite ms fin det sich a m Ende des A bsc hnit ts in Tab elle 11 .
Erhebungsinstrument
Als Erh ebu ngs ins tru men t wurd e ein Onlin e-F ragebo gen ent wic kel t, der übe r die Platt
for m SoSc i Surv ey ( www .s osc is urv ey. de ) ange fer tig t wurd e. S oS ci Sur vey ste llt für nic ht
kom me rzi el le Unter su chu ng en koste nl os und wer befre i ei nen Befr agung ss erv er bere it,
der in Deut schl and ansä ssi g is t u nd s omit eine Da tens chu tzko nfor mitä t na ch Date n
schutz -Grund verord nung (DSGVO ) und Bundesdate nschutz gesetz (BDS G) g ewähr
lei stet . Gegenü ber den klass isch en Forme n standa rdi sier ter Befr agu nge n, wie per sön
lic h-m ünd lic hen Bef rag ung en (vgl . Stock é 2019 ) , telef oni sch en Befr agu nge n (vgl. Hüf -
ken 2019 ) ode r sch rif tlich -p ost al isc hen Befr agu ng en (vg l. Reub and 2019 ), ha ben Onlin e-
Befragu ngen mehr ere Vorteile. Daz u zählen neben der zeitliche n und räu mlichen
116 Methode
Una bhän gig keit sowi e der Verw endu ng von bes timm ten medi alen Inha lten vor allem
die Ver mei dun g von Fehle rn bei der Daten ein gab e (vgl. Wag ner -Sc hel ewsk y & Her ing
201 9 : 788 f.). Nach Absc hl uss der Befra gung könne n die Da ten dir ekt als Date nsa tz eine s
gängi gen St atis tikpr ogram mes ve rarb eitet w erde n. Dies biete t zeitökono misc he Vor
tei le und redu zie rt den finan zie lle n Aufwa nd (vgl . Wagne r-S che lew sky & Herin g 2019 :
789 ).
Der Frage boge n wur de in zwei unt ers chie dli chen Layo uts zur Verf ügu ng gestell t
und kon nte auf dem Sma rtp hon e oder Comp ute r bear bei tet wer den . Für beide Var ian
ten de s Frag eboge ns exi stie rt ein e ntspr eche nder U RL-Li nk sow ie ein Q R-Cod e, mit
den en die jew eil ig e Fr ag ebo gen ver si on a uf ger ufe n w erd en kon nte . A uf der ers ten Sei te
erh iel ten die Bef rag ten Inf orm ati one n zum Gege nst and sbe rei ch des Frag ebo gen s. Da
bei w urde beto nt, d as s die Befra gu ng dara uf abzi el t, die pers önl iche Wahr neh mu ng der
Bef rag ten hins ich tli ch ihrer Ausb ild ung sow ie deren Zufr ied enh eit dami t zu erfa sse n.
Wei terhi n wur de da rau f hin gewie se n, da ss ke ine Rück sch lü sse auf ihr e Per son mög lic h
sin d un d wed er ihre Ausb ild er/- in nen no ch ih re Lehre r/ -i n ne n Inf or mat io nen über die
Ant wor te n d er Bef rag te n e rfa hre n. Die Te iln ahm e a n d er Bef rag ung wa r f ür die Aus zu
bil dende n fr eiw illig und anon ym.
Abhängige V ariablen: Dimensionen der vorzeitigen V ertragslösungsneigung
Die zen tra le abhän gig e Varia ble der vorl ieg end en Arbe it stel lt die vorze iti ge Vert rag s-
lö su ng sn eigu ng da r. Ihr e Oper atio nali sier ung ori en ti er t s ic h an ei ne m vo n Deu er & Wi ld
( 20 19 ) entwi ckelt en Me ssi nst rumen t zur St udi ena bbruc hne ig ung im dual en Stu di um,
das fü r die vor lie gen de Arbei t adap tie rt wu rde . Dafü r wur de ein e Unte rsc heidu ng von
Deu er ( 20 06 a : 115 ) übern omm en, die zwis che n eine r ber ufsb ezo gen en und e ine r b e
tri ebsbe zo gen en Abbru chnei gu ng di ff ere nz ier t. Die Be gri ff e „St ud ien gang“ und „A us
bildun gsstätt e/Prax isstätt e“ wur den in den It emform ulierun gen du rch di e Begriffe
„A usb ildu ng sb eru f“ un d „A us bi ld ung sbet ri eb “ er se tz t. Mi t d ie ser U nter sc he idu ng wir d
di e i ns ti tu ti on el le Fo rm , die typi sch für ane rk an nte Ausb ildu ngsb eruf e nac h BBiG /HwO
ist , aufg egr iffen , die die Lo gik des Beru fsbil dungs syste ms wide rspie ge lt (vgl . Ha rn ey &
Ra hn 200 0 : 733 f. ). Gl ei ch zei tig wer de n dami t die be id en Ans chlu ss mög lich ke it en abg e
bil det , die inn erh alb des dual en (Ausb ild ung s-) Sys tem s zur Ver füg ung steh en (sie he
Ka pi te l 4 . 1 . 4 ). Das urs pr ün gl ic h vi er st uf ig e Sk ale nfor ma t ( 1 = „j a“ , 2 = „eh er ja“, 3 = „e he r
ne in “, 4 = „ ne in “) wu rd e über nomm en.
Unabhängige V ariablen: Beschreibung der Ausbildungssituation
Die unabhä ngigen Var iablen ori entier en s ich an d en v erschi edenen Ele menten des
heu ri st isc hen Mode lls aus Kapi tel 5 u nd gesta lte n sie inh al tli ch a us. Die Vor ste ll ung de r
una bh äng ige n V ari ab len erf ol gt dah er gru ppi ert na ch den E le men te n des heur ist ische n
Mod ells . Die Antwo rtf orm ate wurde n für eine Vielz ahl der Ska len verei nhei tli cht , um
die Komp lexi tät der Befra gun g zu reduz ier en. Für diese Skale n stand somit ein sechs
stu fig es Antw ort for mat zur Ver füg ung ( 1 = „sti mmt nic ht“ bis 6 = „sti mmt völ lig “). Ab
weic hunge n von dies er Ver einh eitli chun g wer den b ei der Vors tell ung de r jew eili gen
Ska le n da rge st ell t.
Erhebungsinstrumente und erfasste V ariablen 117
Merkmale der Auszubildenden
Als soziodemogr afische Merkmale der Auszubildend en wurden das biologische Ge
sc hl ec ht , da s Alt er sow ie der Migr atio ns hint ergr und e rh ob en . Di e Erhe bung des bio lo gi sc he n
Ge sch lech ts wa r erfo rder li ch, um da s Ges ch le cht al s ein e ze ntr ale Var ia ble fü r die fo lgen
de n A na ly se n z u b er üc ks ic hti gen u nd gle ich zeit ig ei ne Zuor dn un g z u f ra ue n- un d m än
nerreic hen Berufen bzw. geschle chts un t ypische n und ges chlecht stypisc hen Aus bil
dun gsve rhä ltn isse n vor neh men zu k önne n. Daher wurde das bio log isch e Ges chle cht
anh and ei ne r di cho tome n Va ria blen erfa ss t ( 1 = „we ibl ich“; 2 = „mä nnlic h“), dere n Fo r
mul ieru ng Rah n, Brü gg ema nn & Hart ko pf ( 20 14 ) ents ta mmt . Das Alt er und de r Migr a
tio nsh int erg ru nd der Aus zub ild end en wur den erf ass t, da bei bei den Mer km ale n Hin
wei se auf eine n Zusa mme nha ng mit vorz eit igen Vertr agslös un gen vor lie gen b zw. im
Ko nte xt g esch le cht s un t yp is che r Be ru fs wa hl en so wi e der S it ua tio n in g es ch lec hts u n t yp i
sch en Arbeit sve rhä ltni sse n von Bede utu ng sind (si ehe Kapit el 4 . 1 . 3 , Kap ite l 4 . 2 . 1 und
Kap ite l 4 . 2 . 2 ) . Das Alter der Ausz ubild end en li egt als metr ische Va ria ble vor. Ad apt ier t
nac h Beet z et al. ( 201 3 ) konn ten di e Be fr agt en bei der Au ssage „Ic h bi n … Jahr e al t“ das
Alt er eig en stä ndi g eint ra gen . Der Mig rat io nsh int erg rund der Be fra gte n wurd e nac h der
De fi ni ti on des St at is ti sc he n Bun de sa mt s 2 9 anha nd de s Geb urts land es de r/ de s Ausz ubil
de nd en u nd beid er Elte rnte il e e rh ob en. Dafü r w ur de n d re i V ar iab len v on Ra hn , B rü gg e
man n & H artkop f ( 201 4 ) adap tie rt. Um den Umfa ng des Fra geb oge ns nich t weite r zu
erh öhe n, wur de für die bzw . den Ausz ubilde nden, die Mut ter sow ie den Vat er jew eil s
er fr ag t, in we lc he m Lan d die se Pe rs on ge bo re n is t. Al s Ant wo rt mö gl ic hk ei te n ste he n zur
Wah l: 1 = „De uts ch lan d“ sow ie 2 = „in ein em and ere n Land und zwar“ . Bei der zul etzt
gen ann ten Ant wortm ögl ich kei t konn te das ent spr ech ende Gebu rt sla nd noc h über ein
Fr ei te xt feld ein getr age n we rden .
Leis tung smoti vati onal e Mer kmal e wur den a ls pe rson enbe zoge ne Me rkma le de r
Aus zub ild end en auf ge nom men , um die intr in sis che Ein sat zbe re its cha ft der Aus zub il
den den abz ubild en (si ehe Kapi te l 4 . 1 . 3 ). Die mot ivat ion al e Fac ette in Form der Lei stun gs
mot iva tion w urd e anhand eine r Skala von Heinz er & Reic hen bac h ( 20 13 ) oper ati ona li
si ert , die si ch exp li zi t auf ber ufl iche Kon te xt e bezi eht. Für di e vorl ie ge nde Un te rs uch ung
wur den die Form uli erun gen d er acht Item s übern omm en. Bei eine m Item wurde der
Be gri ff „M itar bei ter/ - in “ durc h den Beg riff „A usz ubil den de/- r“ ers etzt .
Leist ungs bezog ene Me rkma le wur den an hand der le tzte n Zeugnisno ten i n den Fä
cher n De utsc h un d Mat hema tik erho ben (sie he K apit el 4 . 1 . 3 und Kapi tel 4 . 2 . 1 ). F ür b eide
Fäch er stand eine separa te Drop-do wn-A nzei ge zur Verf ügun g, in dene n jeweils glatt e
Schu lnot en (vo n 1 bis 6 ) ange klic kt wer den konnten .
Zul et zt wu rde mit dem beruf li che n Fäh igk ei tss elb stkon zep t ein Merk mal in die An a
lys e aufg eno mme n, das sic h sowoh l auf die Mot iva tio n als auch die Lei stu ng der Aus -
zub ild end en aus wir ken kan n (sie he Kapi te l 3 . 1 . 1 ). Das ber ufl ich e Fähi gke its sel bst kon
zep t wur de auf Basi s der Kon str uktio n des aka dem ische n Fäh igk eitss elbs tko nz ep ts von
Di ck häu ser et al. ( 200 2 ) erho be n u nd auf die Si tua tion der be ru fl ich en Aus bi ld un g ada p
ti ert , soda ss di e ver schi ed en en, dor t for mu li er te n B ez ug sn or men berü cksi ch ti gt we rd en
29 https:/ /www .destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Glossar/migrations
hintergrund.html [Stand: 12.05.2024]
118 Methode
kon nten . Um das beruf lic he Fäh igk eits sel bstk onz ept auf eine kompa kte Weise abzu-
bilden , wurde f ür d ie v orlieg ende Unters uchung eine Ausw ahl der ursprü nglich en
22 Ite ms get rof fen. Da die Sk ala , die sic h auf kei ne Bez ugs norm bezi eht, den an der en
Dim ensio nen üb ergeo rdnet ist , wurd e si e für die Oper ati onal isi er un g ei ne r ko mp akt en
Ska la de s be rufli chen Fähi gkei tss elbst konze ptes nich t ber ück sicht igt. Aus den drei sic h
auf ein e Bezu gsn orm be zi eh end en Ska len wur de n je we ils Ite ms auf Bas is der Fakt orla
du ng en der St udie 3 der Publ ikat ion vo n Di ckhä us er et al. ( 2 002 ) ver we nd et . Di es e St ud ie
wur de al s Ref ere nz au sge wäh lt , da die It ems fü r Schü le rin nen und Sch üle r for mul ier t
un d so mi t fü r di e Be frag te n de r vorl ie gend en Arbe it ver stän dlic he r wa ren al s It emfo rm u
li eru ngen f ür Stu dier en de, di e in Stud ie 1 und St ud ie 2 d er Or ig in alp ubli ka tio n V er we n
dung finden. Da die soziale Bezugs norm mit Abstan d di e gr ößt e Va rian zau fklä rung
bes itzt, wur den dre i It em s mi t de n höchs ten Fa kto rladu ngen ausg ewä hlt. Aus den Sk a
len zur ind ividu ell en sow ie zur kri ter iumsb ezo gen en Bez ugs nor m wurd en jew eil s die
bei den It em s mi t den höchs te n Fa ktorl adung en ent no mme n. Die Ite mf orm ul ier ungen
wur den vom Geg ens tan ds ber eic h Sch ule auf den Geg ensta nds ber eich Aus bil dung an
gep asst. Daf ür wur de der Begr if f „S ch ule “ durc h den Begr if f „A us bil dung sbe ru f“ sowi e
„me ine Mitsc hüler (in ne) n“ durch „ande re Auszu bil dende “ ers etz t. Di e End pun kte des
Antw ortf orma ts unte rsch eid en s ich zwis che n de n ei nze lnen Items. Die Ska lenb reit e
wu rd e auf ein se chss tu fi ge s For ma t geän dert , dam it di e Ska le nb re it e in der vor li eg en de n
Be fr ag un g mö gl ic hs t ei nh ei tlic h is t.
Kontextmerkmale des Ausbildungsverhältnisses
Als Kon textm erkma le des Au sbild ungsv erhält niss es wurd en die Be zeich nung de s Aus
bild ungs beru fs mitt els Drop -dow n-An twor tfor mat und da s Segre gati onsni vea u des Ausbi l
dung sber ufs erf asst . In Kapitel 2 . 3 wurde d arg eleg t, d ass zwi sche n de r Hö he d er offi ziel
len Vert rags lösu ngsq uote und dem Grad der Seg rega tion ein Zusa mmen han g bes teht .
Im Ansc hlus s a n K ant ers ( 19 77 ) Tokenis mus- Konz ept (siehe Kapitel 3 . 2 . 2 ) ist w eite rhin
davon a uszug ehen, d ass mit z unehm ender A nzahl an Pers onen de r gesc hlech tlich en
Minorität die negativen Erfahr ungen der M inoritätengru ppe ab nehmen. Auszubil
dende in ge schle chts un typ ische n Aus bildu ngsv erhäl tniss en mi t einem starken S egre
gati onsni veau wären dem nach stärker mit nega tiven Erfahr unge n und Kon seque nzen
aufgrund ihres Minoritätensta tus konfrontiert als die geschlechtliche Minorität mit
eine m we nig er s tark en S egre gat ions nive au. Die Ope rati onal isie rung des Se greg atio ns
nivea us erfo lgte ä quiva lent zu r Ausw ahl der relev anten A usbil dungs beruf e (sie he Ka
pite l 6 . 1 ) übe r den Antei l der gesc hlec htli chen Mi nori tät inne rhal b des Ausb ildu ngsb e
rufs. D a sich d ie Segregation j edoch üb er die Z eit verändern kan n, wurden für die
Stärk e des Segre gati onsni veau s nicht die Auszu bild enden zahle n zum 31 . 12 . 201 7 , son
dern akt uell ere Zahl en zum 31 . 1 2 . 20 20 auf Basi s der DAZUBI -Dat enbl ätte r 30 des Bun
desi nstit uts f ür Be rufsb ildu ng ve rwend et. D a zunächst die r elev anten Ausb ildu ngsbe
rufe mi t einer Seg rega tion sgre nze von 30 % zum 31 . 12 . 2017 id enti fizi ert wur den, sol lte
sich d ie Stärke des S egreg ation sniv eaus zw ische n 0 . 1 % und 29 . 9 % bewegen . Die un
ter e Gr enz e er gib t si ch da ra us, dass Ausb ild ung sberu fe zum 31 . 12 . 20 17 , die aussc hli eß
30 F ür eine Erläuterung der DAZUBI-Datenblätter siehe F ußnote 6.
Erhebungsinstrumente und erfasste V ariablen 119
ren (s ieh e Ka pit el 3 . 1 . 2 ). Hinsi cht li ch des b er ufl ich en Leben sw ege s wur de zunäc hst da s
Merk mal „ Besch äfti gung sab sich t ( nach der A usbi ldu ng) “ aufgen omme n. Dam it wurd en
im Sin ne ein er ant izip ier ten Passung swa hrne hmu ng gezi elt die w eit eren beruf lich en
Lau fbah nvo rst ell ung en der Aus zub ild ende n abgebi lde t. Dafür wurd en zwei Items for
mul iert , die eine weitere Besch äft igun g in Ausbil dung sbe ruf und A usb ild ungs bet rieb
umfa ssen : „I ch m öcht e ge rne wei ter in m eine m de rzei tige n Au sbil dung sber uf a rbe i
ten“ ; „I ch möch te g erne weiter in m eine m d erze itig en A usbi ldun gsb etri eb a rbei ten“ .
Neb en der Bes chäft ig ung sab sicht wurd e hin si cht li ch de s ber uflic he n Leb en swe ges
die ber uflic he Sel bst wi rks amk eit se rwa rtu ng be rüc ksi cht ig t, wel che al s Z iel der ber uflic hen
Aus bi ldu ng ange seh en we rd en kann (s iehe Kapi tel 3 . 1 . 1 und Ka pit el 4 . 2 . 2 ). F ür di e Ope
rati ona lisi erun g d er ber ufli chen Selbs twir ksam kei tser wart ung wurde auf sechs Ite ms
zurückgegr iffen, die ebenfalls der bereits darges tellten Untersuc hung von Ne uen
schw ande r e t al. ( 2018 ) entnomm en wurd en. Für die vorlie gend e Un ter such ung wur
den die Itemfo rmu lie rung en weitg ehe nd überno mme n. Bei den Item s Nr. 1 und Nr. 6
wur de ledi gli ch das Wort „Leh re“ dur ch das Wo rt „Ausb ildun g“ erse tzt .
Die Erw artungen des zukün ftigen pri vaten Le bensweges der Ausz ubildenden
wurden mit dem M erkmal „ Ausb ildung sertrag serwart ungen “ erfas st. S ie u mfassen ex
trinsische Beru fsmotive, die für eine zukünf tige weitere Beschäf tigung im Ausbil
dungsberu f und Ausbildu ngsbetrie b b edeutsam sin d. Dabei wurd en besonders die
Verein barkei t von Familie und Beruf sow ie d ie z ukünft igen Verdi enstmö glichk eiten
berüc ksic htigt (sie he Ka pitel 4 . 2 . 2 ). Im Sinn e des Erwar tung s-Wer t-Mo dells leis tungs
bezoge nen Verhal tens von Eccle s & Wig field ( 200 2 ; 2 020 ) (sieh e K apitel 3 . 1 . 1 . 1 ) wird
mit den Ausbild ungsertragserw artungen die Wer t-Komponente weiter spezifizier t.
Für die Oper ati onal isi eru ng wurde a uf eine Skal a mit ach t Items aus dem Frage bog en
zur Erfa ssung der Moti vat io n fü r die Wah l de s Leh ramts st udi um s (F EMO LA ) (v gl. Pohl
man n & Mö lle r 2 010 ) zur ück ge gri ffe n, di e f ür die vo rli ege nde U nte rsu chu ng an gep ass t
wur de. Die Item form uli eru nge n der Ska la „Nütz lic hke it“ wur den auf den Gegen sta nd
ang epa sst . Die vor ans teh end e Formu lie run g „Ich habe das Lehra mts stu diu m gewäh lt,
wei l …“ wurde dur ch „Ic h bin mir sich er, das s ich als ausg ele rnt e Fach kra ft in mein em
Aus bil dun gsb eru f …“ erset zt. Die bei den Ite ms „… ich in kein em ande ren Ber uf so viel
Fer ien habe wie i m Le hre rbe ruf “ un d „… ich a ls L ehr er/ in r ege lmä ßi g ein fest es Geha lt
bekom me“ wurd en entf ernt, da si e sich sp ezifi sch auf den L ehrbe ruf bezi ehen. Di e
Gru ndl ogi k der ande ren se chs Ite ms wur de bei beh alt en und led igl ich an die For mul ie
run g de s ei nl eit en den Satz es ange pas st.
Ein weiter es Merkmal erfas st die ( anti zip iert e) Famili enpl anun g , welche die allg e
mei ne Ei ns chä tzu ng de r Ver einba rke it vo n Fam ili e un d Ber uf w eit er sp ezi fi zie rt (s ieh e
Kap itel 4 . 2 . 2 ). Dabe i bes teh t die Verm utu ng, dass die Aktiv ieru ng einer (ant izi pie rten )
Fam ilie npla nun g best imm te (tradit ion elle ) soz iale Rolle n, wie d ie des F amil ien ernä h
rers, ak tivier t. Die Aus übung die ser (tra ditio nelle n) sozia len Roll en steht im Wi der
spr uc h zu gesc hle ch ts u n typi sc hen Ausb il dun gs ver hä ltn is sen und kann dami t di e Wa hr
sch ein lic hkeit eine r v orz ei tig en Ver tra gsl ösu ng erh öhe n (v gl . Sc hw ite r 20 11 : 18 1 ff ., 2 19 ,
224 f.; Sch wit er et al. 2014 : 419 f.). Die Ope rat ion alis ier ung erfo lgt e anh and eine r sel bst
126 Methode
for mu lie rte n Var iab len mit dem Frage tex t: „Möch te n Sie spä te r einm al Kin de r habe n? “.
Als Antworten standen folgen de Möglic hkeiten zur Verfügu ng: 1 = „ja“, 2 = „nein“,
3 = „Ich hab e be rei ts ein Ki nd bzw. mehr er e Kin der“, 8 = „d as weiß ich ni ch t“.
Soziale Einbettung in das private Umfeld
Sowoh l die beruf liche Orien tieru ng vo r Begi nn der Ausbi ldun g als a uch di e Situatio n
währ end d er Au sbild ung w erde n in der Re gel n icht alle ine d urch die A uszu bilde nden
erfa hren , sonder n durch ihr priv ates Umf eld begl eit et. Das priv ate Umfe ld kann somi t
indir ekt Ein fluss a uf das A usbil dungs gesch ehen ne hmen un d entw eder al s nütz liche
Resso urce o der al s zusä tzli che Bel astu ng für d ie Aus zubil dende n wirken. Im K onte xt
der b erufl iche n Orientie rung stell en ge schle chts un typ isch e Berufswa hlen eine V erle t
zung der prä skript iven Elem ente von Ges chlec hterst ereoty pen dar. Die se Verle tzung
führt zu unte rschie dliche n Reaktion en (siehe Ka pitel 3 . 2 . 1 und Kapitel 4 . 2 . 1 ). Da das
priv ate Um feld eine wich tige Resso urce im Pr ozess der b eruf liche n Ori enti erung dar
stell t (vgl. z. B. Beierle 2013 : 48 f.; Misc hler & Ulri ch 2018 : 9 f.), wurde g emesse n, wie
unter stütze nd die Reakt ion des priv aten Umfe ldes auf die get roffen e Berufs wahlen t
schei dung au sfäll t. Dies w urde al s unter stütz ende Re aktio n des pri vaten U mfeld s auf die
Beruf swahl be zeich net. Für d ie Opera tiona lisie rung wur de auf die Untersu chung v on
Buhlma n ( 2007 ) z urückge griffe n und die dort vorher rschen den I tems adapti ert. Für
die vor lieg ende A rbei t wurde de r Wortl aut au f den Gege nsta ndsb erei ch ang epas st. Die
neue Formulie rung der Fr age la utet: „Wie st ehen I hre Fa milie und Fr eunde Ihrem
Ausbil dungsb eruf gegen über?“ Das Antw ortfor mat wurde auf ein sechs stufig es F or
mat geä nder t, dami t d ie Skal enbr eite zu den bi sher vorges tell ten Ant wort form aten ein
heitlic h ist. Die E ndpunkte des A ntwortf ormats lauten 1 = ablehn end und 6 = unter
stüt zend. Eine zus ätzl iche Kategor ie wur de für den Fall, dass die Person im Leb en der
Befra gten n icht exist iert, beibe halt en. Di e Eltern wur den al s get rennt e Personen grup
pen behan delt , da die se eine beson dere Roll e im Ber ufsw ahlpr ozes s allgem ein und im
Konte xt gesc hlech ts un ty pisch er Beru fswah len im Besond ere n e inn ehm en (vg l. Buc h
mann & Kri esi 2012 : 275 ; Fl ores et al. 2006 : 226 ; Makar ova, Aes chlim ann & Herz og
2016 a : 9 ). Weit ere Verw andte wur den nach Ge schle cht unte rschi eden und an schli e
ßen d zusam menge fas st . Die Peerg rou p der Befr agt en wurd e ebenf alls nach G esc hl ech t
get ren nt und als get ren nte Pe rsone ngr upp en beh andel t. Zul etz t w ur de die /de r L ebe ns
gefä hrt e/- in bzw . d ie/d er Ehefrau /-m ann als weite re Pers one ngru ppe aufgef ührt . Die
Trennun g der Per sonengr uppen na ch Geschlecht er folgte, da Hinwei se darauf be
ste he n, das s di e Rea kti on zwisc he n den Gesch le cht er n in Ab hän gi gke it vo m Ges chl echt
der Befr agten unte rschi ed lic h au sfä llt (v gl. Paa & Mc Whi rter 2000 : 35 – 3 8 ).
Mit de n Merk mal en „ so zia le Un ter stü tzu ng der Elter n “ sow ie „ so zia le Un ter stü tzu ng
der Fre und e “ wurd en mögl iche Res sou rce n abgeb ild et, die bei auf tre tend en Schw ier ig-
kei te n w ähr end d er Aus bil dung häu fi g a kti viert we rde n ( vgl. Bes en er 201 1 : 176 f.). Bei de
Gru pp en kön nen ei ne n p os iti ve n E in flu ss auf da s Aus bi ldu ng sge sc heh en aus üben, de r
der Tend enz eine r vorzei tig en Vertr ags lös ung sne igu ng entge gen wir kt. Die Items ent
sta mme n der bere its dar ges tel lte n Unter suc hung von Fres e ( 1989 ). Das Vor geh en ent
Erhebungsinstrumente und erfasste V ariablen 127
spri cht d er s ozia len Unte rstüt zun g der/des Aus bild ers/- in sowi e der soziale n Unt er-
stützun g der Arbeitskolleg /-in nen . Das vie rstufige Antwortfo rmat ( 1 = „gar nicht“;
2 = „we ni g“ ; 3 = „z ie mli ch“; 4 = „ vi el “) wur de üb erno mm en.
Überprüfung der Skalenqualität
Um die Qu alität de r Skalen zu überpr üfen, wu rde ein zw eistufig er Analyseprozess
durchgefü hrt. Zunächst wurde die in terne Struktur der Skala bet rachtet und über
prüf t, o b si ch di e St rukt ur d er a us de r Li tera tur adap tier ten Skal en r epli zier en l ässt . Be i
selbs t entwick elten Ska len dien te diese s V orgeh en zur Iden tifika tion ein er zugru nde
liegen den S kalens truktur . Als Methode w urde eine Hauptk omponen tenanal yse (mit
Vari max-R otati on) v erwen det. Die V arima x-Ro tatio n stellt ei n orthogon ales Rotat ions
verfa hren da r, wel ches u nkorr elier te roti erte F aktor en erze ugt un d die Ge samtv arian
zaufk lärun g der Faktore n nicht verä ndert (vgl. R udolf & Buse 2 020 : 3 55 ). Da s spezifi
sche Kriterium der Varimax- Rotation besteht in der Maximierung der quadrierten
Faktor ladunge n, so dass mit d ieser Rotati onsmet hode eine Struktu r angestrebt wird,
die auf eine m Faktor mö glic hst hohe Fak torl adun gen eini ger Vari able n und mögli chst
geringe Faktorl adungen der übrigen Variablen er zeugt ( vgl. Bo rtz & Sc huster 2010 :
419 – 422 ; Rudol f & Buse 2020 : 355 ) .
Für eine H auptkomponen tenanalyse sind hohe Korrelat ionen eine Vorausset
zung (vgl. Backhau s e t al. 2 021 : 416 ). Die Entsch eidu ng daf ür wurd e a nha nd des Kaiser-
Meye r-Ol kin( KMO )-Kr iter iums getroff en, welc hes nach Cleff ( 2015 : 22 0 ) a ls d as aktu ell
beste Prüfver fahren gilt. Bei geringen partiell en Korrelatio nen ka nn nach Backhaus
et al. ( 2021 : 4 23 ) davon ausge gangen wer den, dass die Varia blen durch eine geme in
same Vari anz g eken nzei chnet sind, di e wiederu m auf einem ge meins amen zugr unde
lieg enden Faktor beruht . Ger inge partiel le Korrelat ione n führ en zu hohen Werten des
KMO-Kr iteri ums, welc hes wiede rum einen We rt zwisc hen 0 und 1 annehm en kann.
Kaise r & Ri ce ( 19 74 : 11 2 ) fo rmuli eren Bewer tunge n hinsicht lich d es KM O-Kri teriu ms,
wobei Werte unte rhalb von 0 . 5 als untragbar bezeichnet werden. Unt erhalb diese r
Grenze von 0 . 5 sollte nach Cle ff ( 2015 : 220 ) sowie Backhaus et al. ( 2021 : 4 23 ) ke ine
Haup tkom pon ente nana lyse mit den vorlieg ende n Date n d urch gef ührt werden .
Für die Bestim mung der A nzah l d er Haup tko mpon ente n b este hen mehrere Mög
lichke iten. In der vorl iegend en Arbei t wurde dafür das Kai ser-Gu ttman -Krite rium in
Verbindung mit S cree-Tests herangezogen . Das Kaiser-Gut tman-Kriterium besagt,
dass nu r Fakto ren für di e weit ere Anal yse ver wende t werde n solle n, dere n Eigen wert
größe r als 1 ist . Der Vor teil bes teht da rin, da ss ein gr ößerer V arian zante il aufgenom
men wird, als es ein er z-st anda rdi sier ten Aus gang svar iab len möglich ist ( vgl. Backha us
et al. 2021 : 447 f.; Cl eff 2015 : 224 ; Rudol f & Bus e 2020 : 353 ) . Da d ie ses Ve rfa hre n jed oc h
die Anz ahl der Fak tor en bei ein er g rö ßer en A nzahl von Aus gan gsv ariab len übe rsc hät zt
(vgl . Bus e & Rudol f 2020 : 353 ) , wurd en ergänze nd Scree- Test s vorg eno mmen . Dies es
heu ris tis che Vor geh en betr ach tet die Eig enw ert e der Fakto ren auf ein em Koor din ate n
syst em und identif izie rt den Ber eich in der Ab folg e d er Eige nwer te, der sich deut lich
von den vor her ig en Ei gen wer ten unter sch eidet. Dies er Be rei ch is t dur ch ei nen „Kni ck“
oder „Elle nbogen “ gekennze ichnet (vg l. B ackhau s et al. 2 021 : 448 ; Bort z & Schus ter
128 Methode
2010 : 4 15 f.; Cleff 2015 : 2 24 f.; Rudolf & Buse 2020 : 351 f.). N ach Back hau s et al. ( 202 1 :
448 ) wird empf ohl en, die A nzahl a n Fakto ren z u extra hi ere n, di e sich li nk s des „K nic ks“
bzw . de s „E ll enb og ens “ be fi nde n.
Nach der Bestim mun g der Haupt kom pone nten wurd en die Fakt orl adun gen be
tr ac hte t. Es wurd e un te rsu cht, ob Me hr fa chl adun ge n vor ko mm en un d wie ho ch di e Aus
prä gu nge n der ei nz eln en Fak torla du nge n der Va ria blen war en . Im Ansc hluss an Back
ha us et al. ( 20 21 : 45 1 ) wu rd en nu r Ladu ngen fü r eine n Fak to r größ er al s 0 . 5 ber üc ks ic ht igt,
Var iab len mit ger ing ere n Ladun gen wur den aus ges chl ossen. Wen n eine Vari abl e eine
Lad ung von größe r als 0 . 5 au f meh rer en Fakto re n auf wi es, wurd e sie jedem dies er Fa k-
tor en zuge ord net, wa s jed och die ans chlie ße nde Inte rpr et ati on der Fak tor en ersch we rt.
In e inem zweit en An alyses chritt wur de die interne Konsis tenz als Method e der
Reli abili tätsp rüfu ng ver wend et. Al s Maß der i ntern en Kon sist enz wu rde i n der vorli e
genden Arbeit „McDon alds Omega“ (vgl. McDon ald 1970 ; 1999 ) genutzt , da s na ch
Dunn et al. ( 2014 : 405 ) se lbst bei Erfü llung der Vor auss etzun gen von Cron bach s Alpha
robuste re Reliabilitä tseinsc hätzung en ermöglicht (vgl. d azu au ch Revelle & Zinbarg
2009 ; Z inb arg et al. 2005 , 2 006 ) 31 .
Zu sät zlic h zur int ern en Ko ns is te nz wur de n die Tren nsch är fen de r einz elne n Item s
ang egeb en. Die sogena nnt e Ite mtr enn schä rfe besc hre ibt, „wie gut ein ein zeln es Item
das Zie lko nst rukt des Test s miss t bzw. wie hoc h das Item mit dem Ges amt wer t korr e
lie rt“ (Dö ring & Bo rtz 2 016 : 47 7 ). M it Dö ri ng & Bo rtz ( 201 6 : 4 78 ) w urd en T ren nschä rf en,
die klein er als . 30 sin d, als probl ema ti sch er ach tet und das It em ggf . von weite ren Ana
ly sen au sg es chl osse n.
Au f Bas is die ser Qua li tä tsp rü fun g ko nnt e di e Qua li tät der ver we nde te n Ska le n als
z uf ri ede ns te ll en d bi s g u t b e ze ic hn et we rd e n. Na ch de m K ai se r- Me ye r- Ol ki n (K M O) -K ri te
ri um wa re n al le S k al en fü r e in e Ha up tk om po ne nt e n an al yse ge ei gn et , wo b ei in ei ne m Fa ll
( B es ch äf ti g u n gs ab si ch t (n ac h de r Au s b i ld un g) ) da s KM O - K ri te ri um ge na u au f de m Gr en z
w er t v o n . 5 0 0 la g . In al le n Fä l l e n, i n de n e n si c h di e Sk a l e n an be r e i ts v e rö ff en tl i c ht en In st ru
m e n t e n or ie nt ie r en , ko nn te di e S ka le ns tr uk tu r re pl iz ie rt we rd en . I n d e n s el bs t k o ns tr u ie rt e n
Sk ale n wu rd e üb erw ieg en d ei ne Ein -Ko mp one nte n-S tru kt ur rea lis ier t. Die ei nz ige Au s
n a h m e w ar en It em s, d ie da s g e s c h l e c h t sb e zo ge n e A us bi ld un gs er le be n de r A us z u bi ld e nd e n
w i d e rs pi eg el n. In d ie se m F al l z ei gt en d i e Er ge bn is se e i n e Zw ei -K om po ne nt en -L ö s u n g .
31 Eine Berechnung des Koeffizienten „McDonalds Omega“ ist in SPSS standardmäßig nicht implementiert. Hayes & Coutts
(2020) haben jedoch für SPSS ein Makro programmiert, das die Berechnung von „McDonalds Omega“ direkt in SPSS
ermöglicht. Dieses Makro wird für die Berechnung von „McDonalds Omega“ in der vorliegenden Arbeit verwendet. Da
McDonalds wie Cronbachs Alpha W erte zwischen 0 und 1 annehmen kann, bleiben die im Diskurs verbreiteten Kon ven-
tionen hinsichtlich der Bewertung der Reliabilität bestehen (für solche Konventionen siehe etwa Krohne & Hock 2015: 68).
Erhebungsinstrumente und erfasste V ariablen 129
T abelle 11: Übersicht der verwendeten Skalen
Skalenname Anzahl Items Beispielitem McDonald’ s ω Quelle
Berufsbezogene V ertragslösungsneigung 4 Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihren
Ausbildungsberuf zu wechseln? .88 Deuer & Wild 2019; Deuer 2006a
Betriebsbezogene V ertragslösungsneigung 4 W ürden Sie Ihren jetzigen Ausbildungsbetrieb
wiederwählen? .83 Deuer & Wild 2019; Deuer 2006a
Leistungsmotivation 8 Bei der Arbeit zeige ich gerne vollen Einsatz .92 Heinzer & Reichenbach (2013)
Berufliches F ähigkeitsselbstkonzept 6
Mit den Aufgaben in meinem Ausbildungsberuf
komme ich…
schlechter zurecht als andere Auszub. ↔ besser
zurecht als andere Auszub.
.88 Dickhäuser , Schöne, Spinath &
Stiensmeier-Pelster (2002)
Interesse (am Ausbildungsberuf ) 6
Ich bin mir sicher , den Ausbildungsberuf gewählt
zu haben, der meinen persönlichen Neigungen
entspricht
.77 Schiefele, Krapp, Wild & Winteler
(1993)
Reflektierte Berufswahlentscheidung 3
Bei der W ahl meines Ausbildungsberufs …
… war ich sicher , die richtige Entscheidung getrof
fen zu haben
.68 Eigenkonstruktion
Reflektierte Betriebswahlentscheidung 3
Bei der W ahl meines Ausbildungsbetriebs …
… wusste ich schon zieml. genau, was mich in d.
von mir bevorzug. Betr . erwartet
.68 Eigenkonstruktion
Bedeutsamkeit d. Arbeitsaufgaben 3 Mein Arbeitsbereich ist auf meine Arbeitsergeb
nisse angewiesen .78 V elten & Schnitzler (2012)
Vielfalt & Anforderungspassung d. Arbeitsaufga
ben 6 In der Ausbildung habe ich die Möglichkeit, viele
verschiedene F ähigkeiten anzuwenden .83 V elten & Schnitzler (2012)
Handlungsspielraum bei d. Bearbeitung d.
Arbeitsaufgaben 3 Ich kann mitbestimmen, in welcher Reihenfolge
ich meine Aufgaben bearbeite .71 V elten & Schnitzler (2012)
F achkompetenz d. Ausbilders/-in 8 Meine Ausbilderin/mein Ausbilder gestaltet ihre/
seine Anleitungen anschaulich .87 V elten & Schnitzler (2012)
F eedback durch d. Ausbilder/-in 8 Über meine F ortschritte informiert mich meine
Ausbilderin/mein Ausbilder sachlich .86 V elten & Schnitzler (2012)
F ürsorglichkeit d. Ausbilders/-in 4 W enn mir etwas nicht gefällt, kann ich mit meiner
Ausbilderin/meinem Ausbilder darüber reden .87 V elten & Schnitzler (2012)
Soziale Unterstützung d. Ausbilders/-in 5 Wie sehr unterstützen diese Personen Sie, sodass
Sie es in Ihrer Ausbildung leichter haben .93 F rese (1989)
130 Methode
(F ortsetzung T abelle 11)
Skalenname Anzahl Items Beispielitem McDonald’ s ω Quelle
Kollegiale Zusammenarbeit 6 Meine Arbeitskolleginnen und -kollegen küm
mern sich um mich .88 V elten & Schnitzler (2012)
Soziale Unterstützung d. Arbeitsk olleg/-in nen 5
Wie sehr sind die Personen bereit, sich Ihre Pro
bleme im Zusammenhang mit Ihrer Ausbildung
anzuhören?
.91 F rese (1989)
Soziale Integration in die Arbeitsgruppe 4
Ich fühle mich häufig wie ein Außenseiter , wenn
ich mit meinen Arbeitsk olleginnen und -kollegen
zusammen bin
.82
Neuenschwander , Hofmann,
Jüttler , Schumann & Kaqinari
(2018)
Geschlechtsbezogene soziale Benachteiligungen 8 In meiner Ausbildung werde ich als F rau/Mann
sexuell belästigt .87 Eigenkonstruktion
Geschlechtsbezogene Leistungsnormen 3 In meiner Ausbildung muss ich mehr leisten als
die F rauen/Männer , um akzeptiert zu werden .73 Eigenkonstruktion
Passungswahrnehmung 5 Meine jetzige Ausbildungssituation …
… passt zu meiner Person .84
Neuenschwander , Hofmann,
Jüttler , Schumann & Kaqinari
(2018)
Belastungserleben 3 Meine Ausbildungstätigk eit ist mental belastend
für mich .80 Eigenkonstruktion
Überforderungserleben 4 Ich muss bei meiner Ausbildung Sachen machen,
die mir zu k ompliziert sind .78
Schumann, F orsblom, Negrini &
Gurtner (2014); V elten & Schnitz
ler (2012)
Beschäftigungsabsicht (nach der Ausbildung) 2 Ich möchte gerne weiter in meinem derzeitigen
Ausbildungsberuf arbeiten .72 a Beetz et al. (2013)
Ausbildungsertragserwartungen 6
Ich bin mir si ch er, dass ich als au sg ele rn te Fachk r.
in meine m Ausb ild un gsb er uf …
… Fa mil ie und Beruf gut verei nbare n ka nn
.89 Pohlmann, Möller (2010)
Berufliche Selbstwirk samkeitserwartung 6
Beruflichen Schwierigk eiten in meiner Ausbil
dung sehe ich gelassen entgegen, weil ich mich
immer auf meine F ähigkeiten verlassen kann
.83
Neuenschwander , Hofmann,
Jüttler , Schumann & Kaqinari
(2018)
Soziale Unterstützung d. Eltern 5 Wie sehr sind die Personen bereit, sich Ihre per
sönlichen Probleme anzuhören? .91 F rese (1989)
Soziale Unterstützung d. F reunde 5
Wie sehr können Sie sich auf folgende Personen
verlassen, wenn es in Ihrer Ausbildung schwierig
wird?
.89 F rese (1989)
Erhebungsinstrumente und erfasste V ariablen 131
Die Fakt orla dung en waren fa st durch gäng ig zufri eden stel lend bis gut . An zwei Stell en
wurd en jed och Faktorl adun gen unterh alb des Grenz wert es von . 50 ( vgl. Backha us et al.
2021 : 451 ) erre icht. So w ies das Item Nr. 12 („Ich arbei te g erne mit vielen Männ ern/
Frauen zusammen“) au s dem Kontext des geschlechtsb ezogenen Ausbil dungserle
bens d er Aus zubi lden den ei ne Lad ung vo n λ = -. 17 auf H aupt komp onen te 1 und λ = . 40
auf Hauptko mpo nent e 2 auf. Im zwe iten Fall err eich te das Item Nr. 7 („D as Lern en von
neue n Sache n in mei nem Ausbild ungsb eruf fällt mir… leic hter als frühe r ↔ schw erer
als früher “) der Skala „be ruflic hes Fähig keitss elbstk onzept “ eine L adung von λ = . 43 .
Beid e I tem s w urde n für weitere Analys en aus gesc hlos sen.
Die interne Kon sistenz der Sk alen war ebenfalls gegeben. McDo nalds Omega
wies ebenfal ls ü berwieg end z ufried enstell ende bis g ute K ennwer te auf. In fast allen
Fälle n kon nte de r in d er Li terat ur eta blie rte Gr enzw ert fü r die inter ne Ko nsist enz v on
. 70 (v gl. et wa Bla nz 201 5 : 256 ; Krohne & Ho ck 201 5 : 68 ) errei cht we rden . Im Fa lle de r
Skal a „Beschä ftigu ngsa bsich t (n ach d er Au sbil dung )“ ko nnte mitt els d es ve rwen deten
Makro s kei n Wer t für McDo nalds Omeg a berechne t wer den. In dies em Fall wur de als
Not lö sun g ei n We rt fü r Cr on bac hs Alpha bere ch net , au ch wenn die Ris iken hi nsi chtli ch
der man gel nde n Vora uss etz ung ser fül lun g beka nnt sin d. Cro nba chs Alp ha err eic hte in
die sem Fall einen Wert von α = . 72 . Für die bei den Skal en „refle kti ert e Ber ufs wahl ent
sch eidu ng“ und „refle kti ert e Bet rieb swa hle ntsc hei dun g“ erreic hte McDo nald s Omega
jew ei ls ein en Wert von ω = . 68 . Die Wer te liege n som it min im al unt er hal b des ver breit e
ten Gre nzw ert s von . 70 . Alle rdi ngs ver suc hen die bei den Ska len , ein recht het ero gen es
Mer km al auf eine kompa kt e Wei se abz ubild en . Dah er wur de die err eicht e Rel ia bil it ät in
die se m Fall als ausr ei che nd e rac ht et und die beid en S kal en für a ns chl ieß en de Anal ys en
wei te rve rw end et .
Eine absch ließ ende B etra chtun g der Item trenn schä rfen zeigt e ausschli eßli ch zu
fried enstel lende b is gute Ke nnwer te. Kein e Itemt rennsc härfe b ewegt e sich unt erhal b
des f ormul ierte n Gre nzwer tes v on . 30 (vgl . Döring & B ortz 2016 : 478 ). Es mu ssten da
her ke ine wei teren Korrektu ren vo rgenomm en werden. Eine vollständige Übersic ht
der E rgebn isse und K ennw erte ist d em Sk alenh andb uch i n Anhang C zu en tnehm en.
6.3 Auswertungsmethoden
Die Da ten wur den ü ber wi ege nd mit tel s der Sof twa re IB M S PSS St ati sti cs 29 (St at ist ic al
Pac kag e for Soc ial Sci enc e) ausge wer tet . Verein zel te Anal yse n, die mit SPSS nicht be
rech net werden konnt en, wurden entwed er mitt els der S tati sti ksof twa re R u mge setz t
oder s elbst stän dig be rechn et. Be i der Auswer tung d er Dat en wer den ne ben de n üb
lich en deskri pti ven Verfah ren (vgl. Bambe rg, Baur & Kra pp 2017 : 3 ), d . h. der Bere ch
nung von Mit telw ert en und Standa rda bwe ichu nge n, auc h b iva riat e Anal yse n u nd die
fo lge nden Aus wert un gsv erfa hre n du rch gefü hrt .
132 Methode
(Z weifaktorielle) V arianzanalyse und van-der- W aerden- T est
Zwe ifa kto ri ell e Va ria nz ana lys en w erd en in d er f olg end en Arb eit verw en det , um die auf
desk ript iver Eben e identif izie rten Erge bniss e de s Ausmaße s der Vertrags lösu ngsn ei
gun g sowi e der Ausb ild un gss itu at ion sta tis ti sch abz usi ch ern (vg l. H ube r et al. 2014 : 43 ) .
Unter den zah lrei chen Va rian ten der Varia nzana lyse e rmögl icht e ine zwe ifak torie lle
Var ianza nal yse ne ben der Berü cks ic hti gu ng von zw ei einze ln en Fakto ren, im vor lie gen
den F all si nd di es „Geschlech t“ (weiblich/ männli ch) s owie „ geschle chts un typisc hes
Ausb ild ungs ver hält nis “ ( nei n/ja ), auc h d ie Analyse eines Intera kti onse ffe ktes , der die
Kombi nati on einzelner Fakto rstuf en dar stell t (vgl . Back haus e t al. 2021 : 21 1 ; Bortz &
Sch ust er 2010 : 241 ). Anhan d diese s Inter akti ons eff ekt es könn en die vier zentr ale n Un
tersuchung sgruppen (Frauen in geschle chts un typis chen Ausbildungs verhältnis sen,
Frau en in gesc hlec hts typi sche n A usbi ldun gsve rhä ltni ssen , M änne r i n g esch lech ts un -
typ isc he n A usb ild un gsv erh ält nisse n, Män ne r i n g esc hl ech tst ypi sc hen Aus bi ldu ngs ver
hält nis sen) abgeb ilde t werd en. Da anhan d d er zweifak tor iell en Varianz ana lyse allei ne
nich t d arge ste llt wer den kann, auf welche Kombina tion en der Faktor stuf en ein signi
fikan ter Inter aktion seffe kt zurüc kzufüh ren ist, wer den im Ansch luss Simp le-Ef fect-
Ana lysen durc hg efü hr t (v gl. Bibb y 2010 ; Mit che ll 2021 : 22 4 f. ).
Vor ab sind die Voraus set zun gen der Verfa hre n zu prüfe n. Neben der metr isch en
Ska lie ru ng der ab hän gi gen Va ria ble n sow ie der k ate go ria len St ufu ng der F akt oren sin d
die s die Norm alv ert eilu ng der Residu en der Kriter ium svar iab len sowi e die Vari anz ho
mog eni tät bzw. Hom oske das tiz itä t in den jewe ili gen Fakt ors tuf en (vgl . Backha us et al.
2021 : 179 , Bor tz & Sch ust er 2010 : 205 , Jan ssen & L aat z 2017 : 345 ). Beide Beding ung en
wur den vo rab je we ils üb erp rüf t 3 2 , wob ei ei ne feh le nde Va ria nzh om oge nit ät die gr avi er
ende re Verl etzu ng der Vorauss etz unge n d arst ellt . I m F alle einer Ver letz ung der Nor
malv ertei lung sanna hme si nd ke ine An passu ngen vorge nomm en wor den, d a die Va
ria nz ana lys e als robu st gege n eine Ve rletz ung d ieser V ora us set zun g gilt , falls n ac h dem
zen tra len Gre nzw ert sat z die Stic hpr obe n n > 50 lieg en (vg l. Lüps en 2021 : 39 ). Bei ein er
feh len den Var ian zho mog eni tät sin d demge gen übe r alter nat ive Ver fah ren zur zwe ifa k
tor iel len Vari anz ana lys e nötig , die auf wenige r stark en Vorau sse tzu nge n basie ren . Ge
mäß Lüp sen ( 20 17 ) eig net sic h in diesem Fal l der Test von van der Wae rde n ( 1953 ), der
von Ma ns our i & Cha ng ( 1995 ) au f meh rfa kto riell e Des ign s er wei ter t wur de. D ieser Te st
ist gege nüb er hete rog enen Var ianz en robu st und weist ein e relati v hohe Power , insbe
sond ere bei Zel lenb ese tzun gsz ahle n n > 10 , auf (vgl. Lüpsen 2017 : 22 f.). Eine entspr e
che nde Vor aus set zun gsp rüf ung in Form von feh len dem Pai rin g (vgl. Lüp sen 202 1 : 29 ,
42 f.) wu rde ebenf alls durch gefü hrt . E ine Besch reib ung des gena uen Ablauf s des van-
der -Wa erd en- Tes ts finde t sich bei Lüps en ( 202 1 : 68 – 71 ). Bei eine m signi fik ant en Inter
akt ion sef fek t sind auch im Fall des van -de r-W aer den -Te sts tie fer geh end e Analy sen nö
tig. Lüpsen ( 202 0 : 55 f.) empfiehlt in diese m Fall, einzelne Gruppenverg leiche
durch zufüh ren. Jede r Gruppe nverg leich er forder t wiede rum einen ei genen va n-der-
Wae rd en- Te st (vgl. Lüp sen 2020 : 55 f.).
32 Da ungleiche Zellenbesetzungen in der vorliegenden Arbeit festzustellen sind, wurde der Levene- T est zur Überprüfung
der V arianzhomogenität auf Basis des Gruppenmedians durchgeführt (vgl. Brown & F ortsyth 1974: 364 –366).
Auswertungsmethoden 133
Logistische R egressionen
Um die Variab len der Au sbild ungs situ atio n näher zu analys iere n, die kein metr isch es
Skalenn iveau aufweise n, wurden logistische Regres sionen berechne t. Die Variab len
ohne zw eistu fige s Antwo rtfor mat wu rden zu vor anh and des Media ns dich otomi siert .
Ledigl ich bei der Variab len „Ausbi ldungs zeitpu nkt“ wurde aufg rund der großen Be
deutun g des erste n Ausbildungs jahres für das V ertrags lösungs gesche hen ( vgl. U hly
2015 : 46 – 49 ) die Probezeit und der R est des e rsten Ausbi ldungsj ahres auf der e inen
Seite sowie die weitere n Ausbildung sjahre auf der a nderen Seite zusam mengefa sst.
Anal og zum V orge hen de r Vari anza naly se wur de das Ge sch lech t (weib lic h/mä nnli ch),
das ge schl ech ts un typi sche A usbi ldun gsve rhä ltni s (nei n/ja ) sowi e der en In tera ktio n als
Prä di kto ren i n da s R egr ess io nsm ode ll e ingef ügt . Die Vora uss et zun gen d er l ogist isc he n
Reg ressi on (vgl . Ru dol f & Buse 2020 : 214 f.) wurde n üb er prü ft.
Im Falle eine s signifik anten Interaktionseffe ktes sind auch in d iesem Konte xt
weit erfüh rend e Analyse n notwend ig. D a die beid en P rädik tore n jew eils nur zwei Aus
präg unge n ann ehme n könn en, i st für tief erge hend e Anal yse n des I nter akti onse ffek tes
eine Chi -Quad rat-V erteil ung ers tellt un d mitte ls Chi-Q uadra t-Tes t überp rüft wor den,
ob sich die Vert eilu ng zwi sche n d en jew eili gen Gruppe n s igni fika nt unt ersc heid et (vgl.
Bort z & S chu ster 2010 : 13 7 – 14 0 ; J anss en & Laat z 20 17 : 260 f.). Di e Vo raus setz unge n de s
Chi- Quadr at-T ests wurd en eb enfa lls v orab über prüf t und ware n ge geben (vgl . Bo rtz &
Schu ster 2010 : 141 ).
Multiple lineare Regressionen
Zur A na lys e der versc hie de nen A spe kte de r Au sbi ldu ngssi tua ti on als stat ist isc he D ete r
min anten der beruf s- und betr ieb sb ezo ge nen Vert ragsl ös ung sn eig un g we rde n mu lti ple
line are Regres sio nen durchg efüh rt. Diese Regres sion en bieten den V ort eil, die Bezi e
hun g u nd mög lic he Ver änder ung en zwi sch en den ver schie den en Ein flu ssf ak tor en auf
grund einer b lockwe isen Ei nführu ng in d as Regression smodell berück sichtig en zu
könn en (vg l. Ru dolf & Buse 2020 : 67 ) . Als Krit eriu msvar iabl en fu ngier en di e ber ufs-
bezo gen e und betri ebs bezo gen e Ver trag slö sung sne igu ng. Als Prä dikt ore n wer den die
ver sch ie den en Varia ble n zur Be sch rei bun g der Au sbi ldung ssi tua ti on blo ckwei se in das
Regr ess ion smod ell aufge nom men . Die einze lnen Blöc ke orient iere n sic h an den heu
ris ti sch en Mode llv orste ll ung en der vo rl ieg en den Arbe it (si ehe Kapi te l 5 ) .
Bev or di e Reg res si ons ana ly sen durch ge füh rt wu rde n, er fol gte eine en tsp rec he nde
Prüfu ng d er Vorau ssetzu ngen inne rhalb jed er Subgru ppe. Dazu zäh len linea re Be-
zie hu ng zw isc he n den Vari abl en, Ausr eiß er , Una bhä ngigk eit der Re sid ue n, Mu lti ko lli
near ität der Prädik tore n, H omo sked asti zitä t de r R esid uen und Nor malv erte ilun g d er
Res idu en (v gl. Ba ckh aus et al. 20 21 : 10 1 ; Kuc kar tz et al. 201 0 : 244 ). Da eine Vie lza hl ver
sch ied ene r Prädik tor en in das Reg ressio nsm ode ll aufg enom men w urd e, sind dar übe r
hina us möglic he Sup pres sion sef fekt e unte rsu cht worden . S upp ress ion seff ekt e l ieg en
da nn vo r, we nn die Vor hers age le is tun g eine s Prä di kt ors durc h die geme insam e Vari anz
mit ander en Prä dik tore n unt erdr ück t wird (vgl. Rudo lf & Bus e 2020 : 61 – 63 ). Für jed e
Un ter such ung sgru pp e wurd e ein e Korr elat io nsm atri x ange fert igt . Dab ei wu rden di e Va
ria ble n im Ska len niv eau ve rwe nde t, in dem sie spät er in die linea re Reg res sio n ein fli e
134 Methode
ßen . Das bedeu tet , Varia ble n, die kein met ris che s Skale nni vea u aufwe ise n, wurd en in
ein nomi na les Skal en niv eau übe rs etz t, inde m s ie dich ot omi sier t wur de n. Ent spre che nd
der unter schie dlich en Skale nnive aus wurde n v ersch ieden e Arten von Korr elati onen
durc hge führ t (vgl . Leon hart 2008 : 90 ) 33 . Eine Übe rpr üfun g m ögl iche r Supp ress ion en
wurde anh and der jewe iligen Ko rrelatio nsmatrix vorgenomm en. Eine Sup pression
kan n dann vor lie gen , wenn zwe i unab hän gig e Vari abl en hoch mit ein ander, abe r nich t
mit d er abhängige n Variablen korre lieren. Aller dings sind keine allgem eingül tigen
Grenzw erte v orhand en, a b wann bspw. eine solche hohe Korrela tion vorlieg t. Eine
Or ien tier ung ge ben aber di e zur In ter pret at ion de s Kor re lat ions koe ffiz ie nte n von Co hen
( 1988 : 79 – 8 1 ) m itgete ilten Konve ntione n. D emnach lieg t eine hohe Korrelati on v or,
wen n r > . 50 , k ein e K or rel at ion wir d dan n an genom me n, wenn r < . 10 . I n d en Fä lle n, in
den en eine Suppr ess ion verm ute t wurde, ist im Anschl uss die ents pre che nde Regr es
sion e inmal mit pot enti ellem Suppr esso r und ei nmal o hne po tenzi elle n Supp ress or
durc hge führ t w orde n. Die Erg ebni sse wurden anschli eßen d v erg lich en, um den Ein
fl uss de s pot en zie llen Sup pres so rs zu beu rt ei len .
33 Pearson-Produkt-Moment-Korrelation und punktbiseriale Korrelation wurden in SPSS berechnet. Die Berechnung der
(punkt-)tetrachorischen Korrelation erfolgte mittels der Statistiksoftware R. Es wurde dafür das Package „correlation“ (vgl.
Makowski et al. 2022 , 2020 ) verwendet.
Auswertungsmethoden 135
typis chen Ausbil dungs verhäl tniss en ( F( 1 , 1367 ) = 5 . 259 ; p = 0 . 22 ; p artiel les η 2 = . 004 )
sow ie v on F rau en i n ge sch le cht stypi sc hen i m Verg lei ch z u Mä nne rn i n ge sch le cht stypi
sche n Au sbil dung sver hält niss en ( F( 1 , 136 7 ) = 4 . 089 ; p = . 043 ; p art iell es η 2 = . 003 ). Di e
Eff ekt stä rke n der beid en sig nif ika nte n Grup pen unt ers chi ede sin d als geri ng ein zus tu
fen. Weite re Gruppe nunt ers chie de besteh en bez ügl ich der R efl ekti ert hei t d er Berufs
wa hl nic ht .
- 148 -
Abbi l du ng 9
Pr oz e nt u a l e Ve rt e i l ung d e s W un s c hb e ruf s n a c h G e s c hl e c ht u n d G e sc hl e c ht st y p i k d e s Au s b i l d u n gs ve rh ä l t n i sse s
Di e fo l g l i c h sc h l e c ht e r e be ru fl i c h e Or i e nt i e rung von Mä n ne rn i n ge sc hl e c ht s un t ypi sc he n
Ausbi l dungsve rhä l t n i sse n sc h l ä gt si c h a u c h i n de r R e a l i si e r ung de s W unsc hbe r ufs ni e de r .
Abbi l dung 9 z e i gt di e p roz e n t u a l e Ve rt e i l ung d e r vi e r Un t e rs u c hungsgr uppe n a u f di e vi e r
Ant wort m ö gl i c hke i t e n be i d e r F r a ge na c h d e m W uns c h b e ruf. M ä nne r i n
ge sc h l e c h t s un t ypi sc he n Ausbi l dungsv e r hä l t ni sse n ha b e n i m Ve rg l e i c h z u de n a n de r e n Grupp e n
i hre n B e r uf hä ufi g e r a l s Not l ö sung (1 1.3 %) und se l t e ne r a l s e i nz i ge n W u nsc hbe r uf (14.5 % )
e rg ri ff e n. Di e t e st st a t i st i s c h e An a l yse m i t t e l s l o gi st i sc he r R e gr e s si o n z e i gt e i ne n si gni fi ka nt e n
Ha u pt e ffe kt de s Ge sc hl e c ht s und e i ne n I nt e ra kt i onse ffe kt (si e h e T a b e l l e F 2 i m Anha ng), de sse n
Aufs c hl üsse l ung m i t t e l s Kre uz t a b e l l e und C hi - Qua dra t -T e st T a be l l e 13 z u e n t ne hm e n i st .
Ana l og z u de n Gr uppe nu nt e rsc h i e de n de r re fl e kt i e rt e n B e ru fs wa hl e nt sc he i d ung ha be n Mä nne r
i n ge sc hl e c ht s un t ypi sc he n Au sbi l dungsve r hä l t ni s se n si g ni fi ka nt se l t e ne r e i ne n i nt e re s s a nt e n
B e ruf ode r i hr e n W un sc hbe r uf re a l i si e r e n kö nne n a l s Mä nne r i n g e sc hl e c ht s t ypi sc he n
Ausbi l dungsve rhä l t n i sse n. Di e gi l t a n a l og a uc h für Fra u e n i m G e ge ns a t z z u Mä nn e r n i n
ge sc h l e c h t st y pi sc he n Au sbi l dungsv e r hä l t ni ss e n , wobe i be i de E f fe k t e kl e i n bl e i be n.
Abbildung 9: Prozentuale V erteilung des W unschberufs nach Geschlecht und Geschlechtstypik des Ausbil
dungsverhältnisses
Die folg lich sc hlech tere ber uflic he Orie ntier ung von Män nern in ge schle chts u n typi
sch en Ausbil dun gsv erhä ltn iss en schläg t sich auch in der Realis ier ung des Wunsch be
ruf s n ied er. Abb ild un g 9 zei gt die pro zen tua le Ver tei lu ng d er vie r U nte rsu chung sgr up
pen auf die vier Antw ortmög lic hke ite n bei der Frage nach dem Wuns chb eru f. Männ er
in ge sch lec ht s un typ isc hen Ausbi ldu ngsver hä ltn iss en ha ben im Ver gle ich zu den an de
ren Gruppe n ihren B eruf häufi ger als Notlös ung ( 11 . 3 %) und selten er a ls e inzige n
Wun sc hbe ruf ( 14 . 5 %) e rg rif fen . Die tests ta tis tis ch e An aly se mitt el s lo gis tis ch er Regr es
sion zeig t einen signi fikant en Haupt effekt de s Geschle chts und eine n Interak tions
eff ekt (si ehe Tab ell e F 2 im Anh ang ), dess en Auf sch lüs sel ung mit tel s Kreuz tab ell e und
Chi -Qua dra t-T est Tabe lle 13 zu entne hmen ist. Anal og zu den Grupp enu nte rsch ied en
der reflek tierte n B erufsw ahlent scheid ung haben Männ er i n geschlech ts un ty pisch en
Ausbil dungsv erhält nissen sig nifika nt seltener eine n interessa nten Beruf oder ihren
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