One Health, klimafreundlich und gesundheitsförderlich ist teuer – oder doch nicht?
Abstract
Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 28-39 Pädagogische Teildisziplin: Fachdidaktik/fächerübergreifende Bildungsthemen; als elektronischer Volltext verfügbar
Full text
Albert, Stefanie; Lerchbaumer, Maria; Überall, Martina One Health, klimafreundlich und gesundheitsförderlich ist teuer – oder doch nicht? Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 28-39 Quellenangabe/ Reference: Albert, Stefanie; Lerchbaumer, Maria; Überall, Martina: One Health, klimafreundlich und gesundheitsförderlich ist teuer – oder doch nicht? - In: Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 28-39 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-342815 - DOI: 10.25656/01:34281; 10.3224/hibifo.v12i4.03 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-342815 https://doi.org/10.25656/01:34281 in Kooperation mit / in cooperation with: https://www.budrich.de Nutzungsbedingungen Terms of use Dieses Dokument steht unter folgender Creative Commons-Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de - Sie dürfen das Werk bzw. den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen sowie Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes bzw. Inhaltes anfertigen, solange Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen. This document is published under following Creative Commons-License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en - You may copy, distribute and render this document accessible, make adaptations of this work or its contents accessible to the public as long as you attribute the work in the manner specified by the author or licensor. Mit der Verwendung dieses Dokuments erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an. By using this particular document, you accept the above-stated conditions of use. Kontakt / Contact: peDOCS DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Informationszentrum (IZ) Bildung E-Mail: [email protected] Internet: www.pedocs.de
Ist One Health immer teuer? HiBiFo 4/2023, S. 28-39 https://doi.org/10.3224/hibifo.v12i4.03 28 ______________________________________________________________ Stefanie Albert, Maria Lerchbaumer!&!Martina Überall One Health, klimafreundlich und gesundheitsförderlich ist teuer – oder doch nicht? Die Erkenntnis, dass jeder Einkauf Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, die Ökosysteme und den Planeten hat, aber trotzdem leistbar sein muss, kann leicht zu Lethargie und Überforderung führen. Als Ideen und Werkzeuge für Lehrende und Lernende sollen in diesem Beitrag Strategien zur Umsetzung eines One-Health-konformen Einkaufs in Schule und Alltag mitgegeben werden. Schlüsselwörter: One Health Education, nachhaltiger Konsum, Kosteneffizienz, Spannungsfeld Lebensmitteleinkauf, Ernährungsund Verbraucher/-innenbildung One Health, climate-friendly and health-promoting is expensive— or isn’t it? The fact that every purchase has an impact on human health, our ecosystems, and the planet, but must still be affordable, can easily lead to lethargy and overload. Providing ideas and tools for teachers and learners, this paper will present strategies for implementing One Health compliant purchasing in schools and everyday life. Keywords: One Health Education, sustainable consumption, cost-effectiveness, field of tension food purchasing, nutrition and consumer education ______________________________________________________________ 1 Kosteneffizienz und One Health – kein Widerspruch One Health stellt einen ganzheitlichen Ansatz dar, der darauf abzielt die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt in Einklang zu bringen und zu erhalten. Die menschliche Ernährung spielt dabei eine zentrale Rolle (BMZ, 2022; WHO, 2017). So kann eine ernährungsphysiologisch hochwertige Kost aufgrund ihrer potentiell präventiven Wirkung dazu beitragen, den Kostendruck auf das Gesundheitssystem zu vermindern. Auch die Berücksichtigung ernährungsökologischer Aspekte ermöglicht die Erhaltung des Ökosystems als Grundlage für Leben und langfristig Kostenersparnisse in diversen Bereichen. Die sieben Grundsätze der nachhaltigen Ernährung (Von Koerber et al., 2014) sowie die Planetary Health Diet der EAT-Lancet-Kommission (Willett et al., 2019) geben Leitlinien vor, anhand derer eine Ernährung, die dem One-Health-Ansatz entspricht, erleichtert werden soll. Ob diese Konzepte vom Großteil der Gesellschaft umgesetzt werden (können), hängt immer auch vom Preis ab. Im Februar 2023 betrug die Inflationsrate in
Ist One Health immer teuer? 29 Österreich im Vergleich zum Vorjahr 10,9 Prozent (Huber, 2023). Konsumentinnen und Konsumenten bemerkten das vor allem bei Lebensmitteln. So lagen die Preissteigerungen insbesondere bei Milchprodukten, Eiern, Fleisch, Gemüse, Fetten, Ölen, Brot und Getreide deutlich über der Inflationsrate. Die Teuerung von durchschnittlich 16,2 Prozent führte dazu, dass vermehrt zu rabattierten Produkten oder den Discounter-Eigenmarken gegriffen wurde (Huber, 2023; Strasser, 2023). Hohe Lebensmittelkosten führen dazu, dass das Einkaufsverhalten verändert wird und überwiegend energieliefernde, vermeintlich preisgünstige Alternativen im Einkaufskorb landen. Unter diesem Effekt rücken der ernährungsphysiologische Wert der Lebensmittel und die ernährungsökologischen Auswirkungen in den Hintergrund, die Kluft zwischen dem Preis im Supermarkt und den ‚wahren Kosten‘ wird größer. Wie auch mit ‚kleiner Geldtasche‘ eine Ernährung umgesetzt werden kann, die dem One-Health-Ansatz gerecht wird, wird in den folgenden Unterkapiteln erläutert und an evidenzbasierte Empfehlungen angelehnt aufgeschlüsselt. Anschließend werden diese Tipps in zwei Unterrichtskonzepte integriert. 1.1 Fleischkonsum – weniger ist mehr 0,9 bis 1,32 kg Fleisch isst eine Österreicherin bzw. ein Österreicher im Schnitt pro Woche (Rust et al., 2017). Das entspricht nahezu dem Dreifachen der empfohlenen Menge für eine ausgewogene Ernährung. Neben potenziell negativen gesundheitlichen Folgen kommen die ökologischen Auswirkungen hinzu. Der hohe Fleischkonsum benötigt große Wassermengen, trägt durch Veredelungsverluste zu Lebensmittelverschwendung bei und begünstigt den Verlust von fruchtbarem Boden z.B. durch die Rodung von Urwäldern (Chemnitz et al., 2021; Von Koerber, 2014; Willerstorfer, 2013). Auch (tier)ethische Bedenken hinsichtlich Massentierhaltung, Lebendviehtransporten, oder den Einsatz von Tierarzneimitteln sprechen gegen den vermehrten Konsum von Fleisch. Um beim Fleischkonsum den One-Health-Ansatz zu beachten und gleichzeitig kostengünstig zu konsumieren, ist eine Änderung des Fleischkonsums, durch eine Reduktion der Verzehrsmenge, unerlässlich. Das dabei eingesparte Budget kann in weniger Fleisch mit besserer Qualität, welches beispielsweise Veredelungsgewinne erwirtschaftet, z.B. Fleisch aus Alm-/Weidehaltung aus dem Alpenraum, investiert werden. Zudem ist eine Ersparnis auch durch Nose-To-Tail-Verarbeitung und Nutzung weniger nachgefragter Fleischteile, z.B. Rinderschulter anstatt Rinderfilet, möglich (Albert, 2022). 1.2 Lebensmittelverschwendung – nicht alles, was glänzt, ist Gold Im Einkauf verleiten lukrative Lockangebote und Aktionen zum übermäßigen Kauf von Lebensmitteln, welche zuhause (teils originalverpackt) in den Mülleimern landen. Zudem lohnen sich der Blick auf Produkte außerhalb der Augenhöhe oder der
Ist One Health immer teuer? 30 ‚Quengelzone‘, der reflektierte Preisvergleich zwischen regulären Mengen und Großpackungen sowie das Planen der Speisen bereits vor dem Einkauf. Zuhause gilt es die Lebensmittel richtig zu lagern und auch Reste wie zum Beispiel Schalen weitgehend zu verwerten (Albert, 2022; Macho & Reiselhuber-Schmölzer, 2016). 1.3 Obst und Gemüse – mehr im Hier und Jetzt essen Statt den in ernährungsphysiologischen Leitlinien empfohlenen five a day essen in Österreich lebende Menschen im Schnitt nur zwei Portionen Obst und Gemüse pro Tag (Rust et al., 2017). Der Konsum wäre im Hinblick auf die persönliche und planetare Gesundheit zu steigern und sollte die Hälfte des Volumens der verzehrten Gerichte ausmachen (Willett et al., 2019). Um die finanziellen und ökologischen Kosten möglichst gering zu halten, empfiehlt sich der saisonale und regionale Einkauf. Jedoch ist festzuhalten, dass regionaler Konsum oftmals nur in der Saison des Produkts die nachhaltigere Option ist, da die Bewirtschaftung von Glashäusern bzw. die Lagerung oft mehr emittiert als lange Transportwege (Garnett, 2014; Von Koerber, 2014). 1.4 Vollkorn und Hülsenfrüchte – etwas Ballast(stoff) muss sein Mehr als 50 Prozent des Energiebedarfs sollten durch Kohlenhydrate gedeckt werden. Gleichzeitig wird der Verzehr von mindestens 30 g Ballaststoffen pro Person und Tag empfohlen. Vollkornprodukte sind dafür ideale Quellen. Während Vollkornund Auszugsmehle mittlerweile in etwa gleich viel kosten, sind verarbeitete Produkte aus dem ganzen Korn nach wie vor etwas teurer als Weißmehlprodukte. Beim Preisvergleich lässt sich feststellen, dass sich zum Sparen insbesondere der Griff zu den DiscounterProdukten, z.B. Vollkornspaghetti der Supermarkt-Eigenmarke, anbietet. Diese sind meist billiger als das Auszugsmehl-Produkt der gängigen Marken, gleichzeitig jedoch gesundheitsförderlicher und benötigen in der Herstellung aufgrund des fehlenden zusätzlichen Arbeitsschrittes weniger Energie (Von Koerber, 2014). Bohnen, Erbsen und Kichererbsen stellen eine kostengünstigere Alternative zu tierischen Proteinen dar und leisten einen Beitrag zur Deckung des Ballaststoffbedarfs (ÖGE, o. J.). Außerdem reichern Leguminosen im Anbau den Boden mit Stickstoff an, was einen geringeren Düngebedarf für Folgekulturen bewirkt (Böhm, 2019). 1.5 Wasser statt Softund Energydrinks – der Geldbeutel dankt es Der Großteil des Flüssigkeitsbedarfs sollte durch Wasser gedeckt werden. Dennoch geben österreichische Haushalte monatlich im Schnitt Euro 20,30 für Energydrinks, Limonade, Säfte und Nektar aus (Kronsteiner-Mann & Braun, 2021). Besonders bei Jugendlichen sind derartige Getränke beliebt. Unter ihnen geben 8 % an, täglich Energydrinks zu sich zu nehmen. Zudem greifen 15 % der Mädchen bzw. 18 % der Jungen
Ist One Health immer teuer? 31 jeden Tag zu Softdrinks. (Felder-Puig et al., 2023) Der Konsum ist ernährungsphysiologisch gesehen nicht nötig (Rust et al., 2017) und bietet (insbesondere bei Jugendlichen) eine Möglichkeit der täglichen Kosteneinsparung. Auch Ressourcen, die zur Herstellung dieser Getränke benötigt würden, könnten eingespart werden (Steiner, 2016). 1.6 Bio-Produkte – Prioritäten sinnvoll setzen Produkte aus konventioneller Landwirtschaft sind preislich im Allgemeinen billiger als jene aus biologischer Erzeugung. Allerdings haben sie negative Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität, sowie auf die menschliche Gesundheit - sowohl im Zuge der Produktion als auch beim Konsum. 385 Millionen Menschen erkranken weltweit jährlich an Pestizidvergiftungen, der EU kostet die Behandlung von Krankheiten durch hormonschädliche Chemikalien 151 Milliarden Euro (Chemnitz et al., 2022). Ein Zurückgreifen auf biologisch zertifizierte Produkte wäre demnach sinnvoll. Aufgrund der höheren Kosten und des je nach Produkt deutlich geringeren Ertrags pro Quadratmeter, ist der alleinige Einkauf zertifizierter Produkte aus biologischer Landwirtschaft jedoch nur bedingt realisierbar. Empfehlenswert wäre daher die Bevorzugung von Bio-Produkten bei durch Rückstände stark belasteten Lebensmittel, z.B. Erdbeeren, Spinat, Äpfel, und bei solchen mit ähnlichem Ertrag pro Quadratmeter wie dasselbe Lebensmittel aus dem konventionellen Landbau, z.B. Feldsalat, Rucola, Spargel, Kürbis (Albert, 2022; EWG, 2023). Insbesondere Lebensmittel aus Drittländern sollten bevorzugt in Bio-Qualität gekauft werden, da der Pestizideinsatz außerhalb der EU weniger streng reglementiert wird (Chemnitz et al., 2022; Garnett, 2014). 1.7 Back to the Basics – gering verarbeitete Lebensmittel kaufen Lebensmittel haben in ihrer natürlichsten Form den geringsten Ressourcenverbrauch bis sie vom Acker oder Stall ins Geschäft kommen. Je stärker sie verarbeitet sind, desto niedriger wird der Gehalt an Vitaminen, Mineralund sekundären Pflanzenstoffen. Gleichzeitig erhöht sich oftmals der Salz-, Zuckeroder Energiegehalt und zum Teil werden auch Zusatzstoffe zugegeben. Der ernährungsphysiologische Wert nimmt demnach ab (BMSGPK, 2023; Von Koerber, 2014). 1.8 Eigene Möglichkeiten erkennen und Grenzen reflektieren Menschen, denen nicht so viel Geld für Ernährung zur Verfügung steht, priorisieren im Allgemeinen die Kaloriendichte (Sättigung) gegenüber dem ernährungsphysiologischen Wert eines Lebensmittels (Macho & Reiselhuber-Schmölzer, 2016). Ebenfalls stehen oftmals wenig Zeit und psychische Kapazität für einen ausgiebigen Einkauf mit Preisvergleichen zur Verfügung. Genussmittel haben ihre Daseinsberechtigung,
Ist One Health immer teuer? 32 bewegen sich aber im Spannungsfeld von Emotionsregulatoren, Genuss und Nachhaltigkeit. Essen dient auch zur Emotionsregulierung, im positiven wie im negativen Sinne. Hochverarbeitete Süßigkeiten und Snacks sind ein wesentlicher Kostenfaktor, sowohl aus gesundheitlicher, als auch ökologischer Sicht. Reduktion von Genussmitteln würde finanzielle Mittel liquidieren, um sozial und ökologisch verträglichere Genussmittel, z.B. Fairtrade, zu bevorzugen. Fest steht aber auch, ein vollständiger Verzicht auf Genussmittel ist kein realistisches Ziel. Ernährungsumstellungen sind oftmals schwierig und gerade eine dauerhafte Adaption kann nur passieren, wenn Essen dennoch entsprechend dem siebten Grundsatz nach von Koerber (2014) genossen werden kann. Schon kleine Veränderungen tragen Wirkung und bieten niederschwellige Möglichkeiten zur Verbesserung der ernährungsphysiologischen und -ökologischen Aspekte. Dabei ist es essenziell, bereits kleine Adaptierungen wertzuschätzen und nicht vorwurfsvoll zu agieren, um der Entstehung von Demotivation durch schlechtes Gewissen oder der Entwicklung von Essstörungen wie Orthorexia nervosa entgegenzuwirken (BMSGPK, 2020). 2 Methodik Im Rahmen der Bachelorarbeit „Klimafreundlich ist teuer.“ – oder doch nicht? Hindernisse und Chancen einer günstigen und gleichzeitig klimafreundlichen Küche im Ernährungsunterricht wurden Empfehlungen ausgearbeitet, die nachhaltige Ernährung mit geringen Kosten ermöglichen sollen. Grundlage dafür stellte digitale als auch gedruckte Literatur aus unterschiedlichen Bibliotheken, Suchmaschinen und -masken dar. Insbesondere wurde auf facheinschlägige Literaturquellen und die Seiten der diversen Fachgesellschaften (z.B. ÖGE, DGE, SGE, BZfE, …) zurückgegriffen. Ebenso wurden Zahlen und Daten aus Statistiken und Datenbanken (z.B. Statistik Austria, FAO) analysiert. Im Rahmen der Recherche wurden im Juni 2023 die Preise unterschiedlicher Lebensmittel(gruppen) in den Webshops der österreichischen Supermarktketten Interspar und MPREIS (Westösterreich) miteinander verglichen. Alle Quellen der ursprünglichen Bachelorarbeit wurden für diesen Artikel überprüft (Stand Juni 2023) und erweitert, um den Bezug zum One-Health-Ansatz zu verdeutlichen. Im folgenden Teil des Artikels werden auf Basis der Erkenntnisse der Bachelorarbeit und insbesondere der ausgearbeiteten Empfehlungen zwei Unterrichtskonzepte für die Sekundarstufe II präsentiert. Sie legen dar, wie One Health in der Schule didaktisch aufbereitet und anhand von Beispielen thematisiert werden kann.
Ist One Health immer teuer? 33 3 Ergebnisse – Umsetzungsmöglichkeiten 3.1 Umsetzungsmöglichkeit (1): Nose-To-Tail und globale Auswirkungen des Konsums am Beispiel Huhn Früher wurden in Mitteleuropa alle Teile eines Tieres verwertet. Heute werden hauptsächlich Edelteile erworben und konsumiert. 85 % der Konsumentinnen und Konsumenten kaufen beispielsweise nur noch einzelne Teile von Hühnern, bevorzugt die Brust. (Chemnitz et al., 2021) Ein großer Teil der in Europa nicht verwerteten Stücke wird z.B. nach Afrika geschifft, wo das Produkt aufgrund des billigen Preises die lokale Wirtschaft negativ beeinflusst (Hirschfelder et al., 2015). Anstatt dies zu fördern, können durch das eigenständige Zerlegen des ganzen Tieres unterschiedliche Gerichte zubereitet, Hühnerfond oder -suppe hergestellt und die Wertschätzung des Lebewesens erhöht werden. Bei Preisvergleichen wird auch deutlich, dass dies Vorteile bringt, gegenüber dem Kauf von Einzelprodukten. 3.1.1 Umsetzungsrahmen für die Sekundarstufe II In Tab. 1 wird ein Konzept für zwei aufeinanderfolgende Einheiten oder einen Schwerpunkttag mit Kochfokus dargestellt. Je nach zur Verfügung stehender Zeit kann die Erarbeitung der Theorie durch Adaption der Stationen kürzer oder länger gestaltet werden. Nach dem Stationenbetrieb ist die Umsetzung in der Küchenpraxis vorgesehen. Idealerweise zerlegen die Lernenden einer Kochgruppe jeweils in Einzelarbeit ein Huhn, um zu sehen, dass dies auch im Alltag möglich ist. Haben die Lernenden jedoch noch nicht genug Erfahrung oder stehen benötigte Mittel nicht zur Verfügung kann dies auch durch die Lehrperson demonstriert werden bzw. je nach Ressourcen in Kleingruppen durchgeführt werden. Tab. 1: Unterrichtssequenz zum Anwendungsbeispiel 1: Nose-To-Tail und globale Auswirkungen des Konsums am Beispiel Huhn WANN WAS/WIE/WER mit WEM WOMIT Themenspezifischer Einstieg Die Lehrperson führt die Lernenden zum Thema hin. Beispiele: Quiz/Umfrage zum eigenen Konsum Hinführung zur Aufgabe Die Lehrperson leitet den Stationenbetrieb ein und teilt die Lernenden in Gruppen auf. Bearbeitung der einzelnen Stationen Die Gruppen bearbeiten versetzt die Stationen: - Lebensmittel Huhn: Zahlen/Daten zum Konsum - Hühnerzucht in Österreich und Europa - Nose-To-Tail: Fleischteile und deren Verwertung - Globale Auswirkungen von Produktion und Konsum - Kostenaspekt: Preisvergleiche und Menügestaltung Stationenbetrieb
Ist One Health immer teuer? 34 Verarbeiten und Auswerten des Gelernten Die Lernenden verbinden in einer Diskussion im Plenum die Inhalte der einzelnen Stationen angeleitet durch die Lehrpersonen und reflektieren ihren eigenen Konsum anhand des Gelernten kritisch. Folge-/Praxiseinheit: Die Lernenden zerlegen unter Anleitung der Lehrperson selbstständig ganze Hühner. Die zerlegten Teile werden beim Kochen zu verschiedenen Gerichten verarbeitet. Mit den Karkassen werden ein Hühnerfond und eine -suppe zubereitet. Eventuell nicht verwertete Teile werden eingefroren und später verwertet. Durch diese Unterrichtssequenz sollen primär die folgenden Lernziele erfüllt werden: § Die Lernenden bearbeiten einzelne Aspekte des Hühner-/Fleischkonsums und bilden reflektierte Meinungen/Gedanken dazu aus. § Die Lernenden beschreiben den finanziellen, ökologischen und sozialen Vorteil der Nose-to-Tail-Verwertung des Huhns. § Die Lernenden zerlegen selbstständig ein Huhn und verwerten jedes Fleischteil in unterschiedlichen Gerichten. Hinweis: Der praktische Teil der Unterrichtssequenz wurde in vereinfachter Form in der sechsten Schulstufe (Sekundarstufe I) ausprobiert. In diesem Fall wurde durch die Lehrperson demonstrativ ein Huhn zerlegt. Die Themen des Stationenbetriebs wurden zum Teil in einer Theorieeinheit zuvor, aber vor allem im Rahmen eines Lehrer-Schüler-Gespräch während dem Auslösen des Tieres besprochen. 3.1.2 Reflexion: Transfer in den Alltag und globale Auswirkungen Das vorgestellte Konzept spricht neben dem zweiten Sustainable Development Goal (SDG) Kein Hunger auch SDG 1 Keine Armut, SDG 8 Menschenwürde und Wirtschaftswachstum und SDG 12 Nachhaltiger Konsum und Produktion an. Mit Blick auf den One-Health-Ansatz liegt der Fokus insbesondere auf den globalen Zusammenhängen und dem (unbewussten) Eingreifen in fremde Systeme, aber auch auf dem Vermeiden von Lebensmittelverschwendung im privaten Haushalt. Die Herstellung eigener Suppen und Fonds mit den Karkassen bringt zudem gesundheitliche Vorteile, da aufgezeigt wird, dass die Salzbeigabe eigenständig gesteuert und Zusatzstoffe vermieden werden können. Ziel der Sequenz ist es, Lernenden die Angst vor der Verwertung des ganzen Tieres und dessen Zerlegung zu nehmen. Ist dies der Fall sind die Lernenden weniger abgeneigt, dies auch zuhause, vor allem später im eigenen Haushalt, zu praktizieren. Vor allem das Aufzeigen des finanziellen Vorteils kann dabei, neben dem Bewusstsein für die globalen Auswirkungen unseres Konsums, eine große Motivation darstellen.
Ist One Health immer teuer? 35 3.2 Umsetzungsmöglichkeit (2): One Health am Beispiel Getränke Eine Reduktion des Konsums von Softund Energydrinks bietet gesundheitliche Vorteile und hohes Sparpotenzial. Als besonders wohltuend und vermeintlich ‚gesund‘ werden Near-Water-Drinks vermarktet, wobei diese oft einen versteckten Zuckergehalt aufweisen und zum Teil viermal so teuer sind wie herkömmliche Mineralwasser (Arbeiterkammer Salzburg, o. J.). Bewusstseinsbildung ist nötig, um den sinnund genussvollen Einsatz dieser Getränke zu reflektieren (Koppenhöfer, 2005). 3.2.1 Umsetzungsrahmen für die Sekundarstufe II In Tab. 2 wird ein Konzept zur Erarbeitung von Getränken für vier Unterrichtseinheiten ohne Küchenpraxis dargestellt. Problemorientiert setzen sich die Lernenden dabei kritisch mit dem Getränkeangebot in Supermärkten auseinander und analysieren dieses nach unterschiedlichen Aspekten orientiert am One-Health-Ansatz und den Dimensionen der nachhaltigen Ernährung nach von Koerber (2014). Tab. 2: Unterrichtssequenz zum Anwendungsbeispiel 2: One Health am Beispiel Getränke WANN WAS/WIE/WER mit WEM WOMIT Vorbereitung Flipped classroom Die Lernenden studieren die Begriffe hypoton, isoton und hyperton. Bei Bedarf wird auch die Osmose wiederholt, wobei diese aus dem Biologieunterricht der 9./10. Schulstufe bekannt sein sollte. Einstieg Die Lernenden suchen in einem Online-Supermarkt Beispiele für hypotone, isotonische, hypertone Getränke. Online-Supermarkt Hinführung zur Aufgabe Die Lehrperson stellt die Frage, welche Getränke optimale Durstlöscher im Alltag sind. Daraufhin wird im Plenum diskutiert, was diese klassifiziert. Es werden Kriterien gesammelt und festgehalten. Erarbeitung 1 Die Lernenden vergleichen und bewerten in Gruppen Getränke nach je einem Kriterium (z.B. Energie-, Mikronährstoffgehalt, Menge des zugesetzten Zuckers, …) Auswerten und Zusammenführen der Ergebnisse Die Lernenden präsentieren ihre Ergebnisse und stellen sie einander gegenüber. Gemeinsam wird ein Bewertungssystem (Entscheidungsbaum oder -raster) für Getränke entwickelt, welches die Einordnung nach den unterschiedlichen Kriterien darstellt.