"In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin!". Den Wert der Ernährungsweise im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schätzen lernen
Abstract
Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 40-55 Pädagogische Teildisziplin: Empirische Bildungsforschung; Fachdidaktik/fächerübergreifende Bildungsthemen; als elektronischer Volltext verfügbar
Full text
Misslinger, Katharina; Mayr, Helga; Wild, Birgit "In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin!". Den Wert der Ernährungsweise im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schätzen lernen Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 40-55 Quellenangabe/ Reference: Misslinger, Katharina; Mayr, Helga; Wild, Birgit: "In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin!". Den Wert der Ernährungsweise im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schätzen lernen - In: Haushalt in Bildung & Forschung 12 (2023) 4, S. 40-55 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-342826 - DOI: 10.25656/01:34282; 10.3224/hibifo.v12i4.04 https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-342826 https://doi.org/10.25656/01:34282 in Kooperation mit / in cooperation with: https://www.budrich.de Nutzungsbedingungen Terms of use Dieses Dokument steht unter folgender Creative Commons-Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de - Sie dürfen das Werk bzw. den Inhalt vervielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen sowie Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes bzw. Inhaltes anfertigen, solange Sie den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen. This document is published under following Creative Commons-License: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en - You may copy, distribute and render this document accessible, make adaptations of this work or its contents accessible to the public as long as you attribute the work in the manner specified by the author or licensor. Mit der Verwendung dieses Dokuments erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an. By using this particular document, you accept the above-stated conditions of use. Kontakt / Contact: peDOCS DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation Informationszentrum (IZ) Bildung E-Mail: [email protected] Internet: www.pedocs.de
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! HiBiFo 4/2023, S. 40-55 https://doi.org/10.3224/hibifo.v12i4.04 40 ______________________________________________________________ Katharina Misslinger, Helga Mayr & Birgit Wild „In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin!“ Den Wert der Ernährungsweise im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung schätzen lernen Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit der Bewusstseinsbildung für eine nachhaltige Ernährungsweise im Volksschulalter. Durch zielgerichtete, didaktische Zugänge kann bereits bei den Jüngsten der Grundstein für eine nachhaltige Lebensführung gelegt werden, wie die Evaluation eines fächerübergreifenden Projektes darlegt. Das Forschungsdesign, das Interventionsprojekt und resultierende Ergebnisse, sowie ein Ausblick werden in diesem Beitrag vorgestellt. Schlüsselwörter: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Nachhaltige Entwicklung, Ernährungsbildung, Gesundheitsförderung, Interventionsprojekt “There’s sustainability in my snack!”—Learning to appreciate the value of nutrition in terms of sustainable development This article deals with raising awareness for sustainable nutrition in elementary schools. The evaluation of an interdisciplinary project shows that targeted didactic approaches can provide the foundation for a sustainable lifestyle already among the youngest children. Research design, intervention project and results as well as an outlook are presented in this article. Keywords: Education for Sustainable Development, Sustainable Development, nutrition education, health promotion, intervention project ______________________________________________________________ 1 Einleitung In diesem Jahr wurden die Ressourcen der Erde, die der Menschheit rein rechnerisch pro Jahr zur Verfügung stehen, am 2. August aufgebraucht. Der Erdüberlastungstag veranschaulicht, dass global betrachtet, für die vorherrschende Lebensweise bereits mehr als eine Erde benötigt wird, obwohl nur diese eine zur Verfügung steht (Rieckmann, 2020; Global-Footprint-Network, 2023). Dominierende Lebensund Wirtschaftsweisen haben zu ökologischen Krisen wie der Klimakrise oder der Biodiversitätskrise geführt. Während in einigen Bereichen die planetaren Belastungsgrenzen bereits überschritten sind, stehen wir in anderen knapp davor (UNESCO & DUK, 2021, S. 6; Steffen et. al., 2015). Unser Handeln hat existenzbedrohende Auswirkungen auf die Ökosysteme der Erde und gefährdet unsere Lebensgrundlage. Zu den ökologischen Krisen (Brand & Welzer, 2019) gesellen sich soziale Probleme und
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 41 Herausforderungen. Ressourcen und Welteinkommen sind ungleich und zum Teil ungerecht verteilt und der ökologische Fußabdruck von Menschen in Ländern mit hohem Einkommen übersteigt „deutlich ihre inländische Extraktion“ (Fischer, 2023, S. 197). Sie eignen sich Ressourcen auf Umweltund Sozialkosten anderer an. Nach wie vor leben viele Menschen in Verhältnissen, in denen grundlegende soziale Standards, wie der Zugang zu ausreichender und gesunder Nahrung, zu Gesundheitsversorgung, Arbeitsbedingungen oder Bildung nicht gewährleistet sind (Raworth, 2018, 2020; André et. al. 2020; Rieckmann, 2020; Wulfmeyer, 2020). Die Herausforderung besteht darin, sozio-kulturelle, ökologische und ökonomische Aspekte synergetisch zu betrachten und einen Weg zu finden, um sowohl allen Menschen angemessene soziale Standards zu gewährleisten als auch innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen zu bleiben. Eine entsprechende sozial-ökologische Transformation (Brand, 2014) hin zu einer nachhaltigen Entwicklung ist daher notwendig und dringlich. Die heutige Gesellschaft bewegt sich allerdings auf einem nicht-nachhaltigen Entwicklungspfad (Unteregger, 2018). Unsere Lebensund Wirtschaftsweise ist maßgeblich verantwortlich für die großen globalen Herausforderungen und wie wir uns ernähren, wie wir Nahrungsmittel produzieren und in den Verkehr bringen, tragen enorm dazu bei (Bommert et al., 2016, S. 10f; WWF Deutschland, 2021). Verstärkte Anstrengungen sind daher notwendig, um den ökologischen Fußabdruck der Landwirtschaft zu verringern, den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu verbessern, soziale Gerechtigkeit entlang der gesamten Lieferkette sicherzustellen und eine nachhaltige Ernährungsweise zu fördern (Bommert et al., 2016; Von Koerber, 2015; WWF Deutschland, 2021). Eine nachhaltige Ernährungsweise hat positive Auswirkungen und dies nicht nur auf die menschliche Gesundheit, sondern auch auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Wirtschaft (Bommert et. al., 2016; WWF Deutschland, 2021). Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern es im Rahmen des Unterrichts gelingt, bereits Kinder im Volkschulalter für eine gesunde und planetenfreundliche Ernährungsweise zu sensibilisieren und sie durch geeignete didaktische Zugänge in der Entwicklung einer gesunden Lebensweise zu unterstützen. Dazu wurde ein fächerübergreifendes Ernährungsbildungsprojekt mit Fokus auf Nachhaltigkeit entwickelt und in einer 3. Klasse Primarstufe umgesetzt sowie evaluiert. Nach Überlegungen zum theoretischen Hintergrund werden in diesem Beitrag das Bildungsprojekt, das Forschungsdesign und ausgewählte Erkenntnisse beschrieben. 2 Theoretischer Hintergrund 2.1 Nachhaltige Entwicklung Die bekannteste Definition von nachhaltiger Entwicklung (NE) stammt von der Brundtland-Kommission (United Nations, 1987), die NE als „Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen Generationen befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 42 Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Heinrichs & Michelsen, 2014; Hauff, 1987, S. 46) beschreibt. Diese Definition beinhaltet intraund intergenerationelle Gerechtigkeit, berücksichtigt die globale Perspektive sowie die ökologische, sozio-kulturelle und ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit. NE ist seit dem „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro (United Nations, 1992) globales Leitbild. Im Rahmen diverser Agenden, wie der Agenda 21 (United Nations, 1992) und der Agenda 2030 (United Nations, 2015) wurde es politisch verankert. Die Agenda 2030 beinhaltet 17 Ziele für eine NE (Sustainable Development Goals), die einen Orientierungsrahmen für menschliches Handeln liefern. Das Konzept „Nachhaltige Entwicklung“ ist aber nicht nur politisches Programm, sondern umfasst ethische und normative Dimensionen (Michelsen & Adomßent, 2014) auf der Basis von Werten wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden oder Nachhaltigkeit. Es bezieht sich darauf, wie Individuen und die Gesellschaft Entscheidungen treffen, leben und wirtschaften sollen oder besser müssen, um die Lebensgrundlagen für Menschen und alle Lebewesen auf dem Planeten Erde dauerhaft und auf eine gerechte Art und Weise zu sichern. Es gibt allerdings unterschiedliche Vorstellungen von Nachhaltigkeit, von NE und davon, wie diese mit „Inhalt gefüllt und in der Praxis umgesetzt werden sollen“ (Grunwald, 2016, S. 23). NE ist somit ein „individueller und gesellschaftlicher Such-, Lernund Gestaltungsprozess mit dem Anspruch der Aushandlung der besten Lösungen unter dem ethischen Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung“ (Stoltenberg & Burandt, 2014, S. 568). Auch wenn Nachhaltigkeit aktuell in aller Munde ist (Pufé, 2017), bleiben Maßnahmen oft an der Oberfläche, strukturelle Probleme werden nicht oder nicht angemessen angegangen und die für die nicht-nachhaltige Entwicklung verantwortlichen Denkund Handlungsweisen werden nicht ausreichend hinterfragt und geändert. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass in der Agenda 2030 Wirtschaftswachstum nach wie vor als konkretes Ziel (SDG 8) genannt ist, wenn auch mit dem Zusatz „nachhaltig“. Das Bevölkerungswachstum und dessen Auswirkungen werden nicht in Frage gestellt (Michelsen & Adomßent, 2014; Bommert et al., 2016), zudem wird der Umwelt sowie allen anderen Lebewesen nach wie vor kein Eigenwert zugestanden und kein entsprechender Rechtsstatus eingeräumt (Andre et al., 2020; Krebs, 2023). Das Modell der Donut-Ökonomie (Raworth, 2018, 2021) zeigt einen möglichen alternativen Zugang. Im Sinne eines starken Nachhaltigkeitsverständnisses geht Raworth (2018, 2021) davon aus, dass die Erhaltung der natürlichen Ressourcen und Ökosysteme für die Menschheit überlebensnotwendig sind und daher dem Handlungsspielraum Grenzen gesetzt sind. Darüber hinaus fordert sie soziale Mindeststandards für alle Menschen – sie bilden das gesellschaftliche Fundament. Die ökologische Decke (planetare Belastungsgrenzen) und das gesellschaftliche Fundament stecken den sicheren und gerechten Handlungsraum für die Menschheit ab. Dies führt konsequenterweise zur Forderung nach einer regenerativen und distributiven Ökonomie, die sich auf Erhalt und Schaffung von Ressourcen und sich selbst erneuernden und
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 43 regenerierenden Systemen (regenerativ), sowie auf die gerechtere Verteilung von Ressourcen und Wohlstand (distributiv) konzentriert (Raworth, 2018, 2021). Abb. 1: Modell „Donut-Ökonomie“ (Quelle: Raworth, 2021, S. 64) Wird dieses Modell auf die Art und Weise übertragen, wie wir uns ernähren und unsere Lebensmittel produziert werden, kann festgestellt werden, dass wir uns weder innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen bewegen noch soziale Mindeststandards gewährleisten. Gerade vorherrschende Ernährungsgewohnheiten haben nachweislich enorme und gleichzeitig unterschätzte globale Auswirkungen (Bommert et al., 2016, S. 10f; WWF Deutschland, 2021). Vorherrschende Ernährungsund Produktionsweisen wirken sich stark auf den weltweiten Flächenverbrauch aus, gefährden die Artenvielfalt und sind für den Rücklauf von Flüssen und Seen mitverantwortlich (WWF Deutschland, 2021). Darüber hinaus hängen, unter Berücksichtigung der gesamten Lieferkette, beinahe 30% der globalen Treibhausgas-Gesamtemissionen mit der Nahrungsmittelproduktion, -versorgung und dem Konsum zusammen (WWF Deutschland, 2021). Eine an NE angepasste Ernährung, der sorgsamere Umgang mit Lebensmitteln und stabilere Ernährungssysteme können Ressourcen in ökologischer, ökonomischer, gesellschaftlicher, gesundheitlicher und kultureller Hinsicht schonen (Bommert et al., 2016; Von Koerber, 2015).
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 44 2.2 Bildung für Nachhaltige Entwicklung Bildung, insbesondere Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) soll Menschen befähigen, „sich verantwortlich und kreativ auf der Grundlage eines fundierten Wissens über komplexe Zukunftsfragen an der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu beteiligen“ (Stoltenberg & Burandt, 2020, S. 573). Im Zusammenhang mit BNE sind zwei Ansätze von Bedeutung: „BNE 1“ (Vare & Scott, 2007) zielt darauf ab, Lernende zu nachhaltigem Handeln zu befähigen und zu animieren – ein Ansatz, der aufgrund der Gefahr der Instrumentalisierung von Bildungsprozessen durchaus kritisch diskutiert wird (Laub, 2021; Jickling, 1992; Huber, 2001), aber in Hinblick auf die Dringlichkeit der Lösung globaler Probleme als notwendig erscheint und mit dem kritisch-emanzipatorischen Ansatz einer „BNE 2“ (Vare & Scott, 2007) zu verbinden ist. „BNE 2“ (Vare & Scott, 2007) zielt darauf ab, dass Lernende im Sinne eines kritisch-emanzipatorischen Ansatzes befähigt werden, kritisch zu denken und entsprechend zu handeln (Vare & Scott, 2007). Die Vereinten Nationen haben in der Agenda 2030 die Bedeutung von BNE mit dem “Ziel 4.7” hervorgehoben: „Sustainable development seeks to meet the needs and aspirations of the present without compromising the ability to meet those of the future“ (United Nations, 187, S. 8). Aus diesen Überlegungen ergeben sich Anforderungen an Bildungsprozesse, die den umfassenden Transformationsprozess der Gesellschaft in Richtung einer Kultur der Achtsamkeit, Teilhabe und Verantwortung für zukünftige Generationen ermöglichen und unterstützen sollen (Stoltenberg & Burandt, 2020; WBGU, 2011). Dazu gehören Lernmöglichkeiten, die auf lebensweltlichen Herausforderungen basieren (Stoltenberg & Burandt, 2021), um den Aufbau von Kompetenzen zu unterstützen, die im Kontext einer NE von besonderer Bedeutung sind (De Haan, 2008; Wiek et al., 2011; Rieckmann, 2018) und gleichzeitig das Gefühl der Selbstwirksamkeit stärken. Übertragen auf den Unterricht in der Primarstufe impliziert dies die Notwendigkeit entsprechender altersgerechter Lehrund Lernarrangements, in denen Kinder nicht nur ihre Werthaltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen reflektieren und entsprechend dem Leitbild Nachhaltigkeit entwickeln können, sondern Gelegenheiten erhalten, Handlungsweisen zu üben und Gewohnheiten zu etablieren sowie entsprechende Kompetenzen zu entwickeln und zu stärken. Frühe BNE legt den Grundstein dafür, lebenslang die Welt mitgestalten zu können und zu wollen (Künzli David, 2007; Rieckmann, 2020; Wulfmeyer, 2020). Allerdings weichen Pädagoginnen und Pädagogen der BNE aufgrund der Komplexität und Mehrdimensionalität oft aus, da zu hohe Anforderungen für den Unterricht erwartet werden (Kaiser, 2020). Kinder können und wollen aber komplex denken (Stoltenberg, 2002; Engdahl, 2017) und daher kann die entsprechende Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements Lernenden einen Zugang zu NE (Künzli David, 2007) eröffnen.
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 45 Lehrund Lern-Arrangements im Sinne von BNE sollen sich prinzipiell an folgenden Kriterien orientieren: BNE stellt sich stets die Frage, wie die zukunftsfähige Gestaltung der Welt stattfinden kann (De Haan, 2008). Im Sinne der Visionsorientierung wird NE als positiver, optimistischer Ansatz und als Chancenzugang angesehen (Künzli David, 2007). Durch eigenes Ausprobieren werden im Rahmen der Handlungs-/Erlebnisorientierung praktische Erfahrungen gewonnen, welche durch die ganzheitliche Beschäftigung mit allen Sinnen eher im Langzeitgedächtnis aufgenommen werden (Unteregger, 2018). Die Problem-/Projektorientierung unterstützt Schülerinnen und Schüler bei der eigenständigen Verantwortungsübernahme und eine gemeinsame Suche nach Lösungen treibt zum aktiven Handeln an (Künzli David, 2007). Die Partizipationsorientierung bestätigt Kindern, wichtig zu sein und selbst etwas bewirken zu können (Reisenauer, 2020). Schülerinnen und Schüler können bei der Entstehung von Wissen selbst beteiligt sein (Stoltenberg, 2005) und sind nicht nur „Objekte der Belehrung“ (Reisenauer, 2020, S. 6). Dabei zielt BNE im Sinne einer transformativen Bildung, auf die Veränderung von menschlichem Denken, Fühlen und Handeln ab (Singer-Brodowski, 2016, S. 14). Jeder Mensch erlernt im Laufe seines Lebens bestimmte Sichtweisen auf sich selbst und auf die Welt. Mezirow nennt diese individuellen Überzeugungen „Bedeutungsperspektiven“ (Blum et al., 2021). Sie sind emotional verankert und deshalb schwer beeinflussbar (Blum et al., 2021; Singer-Brodowski, 2016). Im Rahmen von BNEInterventionen sollen Lernende erkennen, hinterfragen und versuchen zu wandeln (Singer-Brodowski, 2016). Eine alltagstaugliche Ernährungsund Gesundheitsbildung im Sinne einer NE ist Voraussetzung für eine Transformation dieser Bedeutungsperspektiven in Richtung nachhaltiger Ernährungskultur und verantwortungsbewusster Lebensweise einer Gesellschaft. 2.3 Ernährungsbildung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung Ernährung (und somit eine Ernährungsweise) bezieht sich nicht nur auf den Verzehr von Lebensmitteln, sondern schließt vorund nachgelagerte Prozesse und deren Wechselwirkungen und Nebenfolgen wie beispielsweise Produktion, Verpackung, Transport, Lagerung oder Entsorgung mit ein (Godemann & Bartelmeß, 2017, S. 694f). Eine Ernährungsweise im Sinne einer NE berücksichtigt die fünf Dimensionen einer nachhaltigen Ernährung (Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheit und Kultur). Von Koerber (2015) definiert dazu Lösungsgrundsätze, wie beispielsweise eine vorwiegend pflanzliche Ernährung, Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung und gering verarbeitete Nahrungsmittel. Bei Produktion, Einkauf und Verbrauch werden regionale sowie saisonale Aspekte ebenso berücksichtigt wie Fairness und Anbauweise (biologisch versus konventionell). Empfohlen wird zudem die Schonung von Ressourcen sowie das Kochen zuhause (Von Koerber, 2015).
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 46 Ernährungsbildung soll, eingebettet in das Leitbild einer NE, bereits in der Primarstufe den Zugang zu einer nachhaltigen Ernährungsweise ermöglichen. Durch ausgewählte, geeignete Zugänge und Methoden im Rahmen eines Projektes, können Kinder ihren Weg zu einer nachhaltigen Lebensführung finden. 3 Interventionsprojekt „Meine Schuljause“ 3.1 Projektbeschreibung „In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! Den Wert einer Ernährungsweise im Sinne der NE durch ein fächerübergreifendes Projekt schätzen lernen“ ist ein empirisches Forschungsprojekt, in dessen Rahmen ein schulisches Interventionsprojekt über vier Wochen (à 3-4 Unterrichtsstunden pro Woche) durchgeführt wurde. An diesem Interventionsprojekt nahmen 15 Kinder einer dritten Klasse Primarstufe teil. Im Kontext der „bewussten nachhaltigen“ Schuljause fokussierte es auf folgende Themen: § Ernährungsgewohnheiten § Müllvermeidung § Saisonalität und Regionalität § Verständnis für die Leitidee Nachhaltigkeit und dem Konzept einer nachhaltigen Entwicklung Im Rahmen des Interventionsprojektes wurde anhand einer Einzelfallstudie untersucht, welche didaktischen Zugänge für BNE (mit Fokus auf die Ernährungsbildung) geeignet sind und inwiefern es durch entsprechende Bildungsangebote gelingen kann, Kindern den Wert einer nachhaltigen Ernährung erfahrbar zu machen. Im Rahmen der Studie wurden Antworten auf folgende Fragen gesucht: 1. Welche didaktischen Zugänge bieten sich an, um das Thema „Nachhaltige Ernährung“ in den fächerübergreifenden Unterricht der Primarstufe zu integrieren? 2. Inwieweit kann ein fächerübergreifendes Interventionsprojekt zu einer bewussteren Ernährungsweise im Sinne einer NE beitragen? 3.2 Forschungsdesign Um die Forschungsfragen beantworten zu können, wurde neben einer systematischen Literaturrecherche zur Erfassung von Ausgangslage und theoretischer Fundierung anhand einer Datenund Methodentriangulation (Schründer-Lenzen, 2013) geforscht. Dabei wurden philosophische Gespräche als Forschungsmethode durchgeführt: Die Gespräche fanden in Kleingruppen à fünf Kinder jeweils vor und nach der Intervention am ersten und am letzten Projekttag statt. Vorbereitete Leitfragen dienten zur
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 47 Orientierung und ließen dennoch Raum für eine offene Gesprächsführung. Als Gesprächsimpuls und um Kinder anzuregen, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, wurden in der Mitte des Philosophier-Kreises Dinge (zum Beispiel Brotdosen, Alufolie, Trinkflaschen, unterschiedlich verpackte/unverpackte Lebensmittel, …) platziert. Im Verlauf des Interventionsprojektes wurden fächerübergreifende Unterrichtssequenzen mit regelmäßigen Reflexionsphasen der Lernenden vorbereitet und im Team durchgeführt. So konnten neue Erkenntnisse vertieft und reflektiert umgesetzt werden. Der Großteil des Projektes fand im Klassenraum statt, teilweise wurde auch ein Ausweichraum, der Turnsaal oder die Schulküche beansprucht. Die Lernenden hielten ihren Lernprozess und gewonnene Erkenntnisse in einem Lernjournal, dem „Forscher:innentagebuch“, fest. Der Inhalt der Lernjournale lieferte zusätzliche empirische Daten, die im Rahmen der Studie ausgewertet wurden. Abb. 2 und 3: Deckblatt und Überblicksseite des Lernjournals (Quelle: eigene Darstellung)
In meiner Jause steckt Nachhaltigkeit drin! 54 Kindern und Jugendlichen (S. 3–25). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-29750-3 Rieckmann, M. (2018). Learning to transform the world: Key competencies in Education for Sustainable Development. Issues and trends in education for sustainable development, 39, 3959. Rieckmann, M. (2020). Bildung für nachhaltige Entwicklung – Von Projekten zum Whole-Institution Approach. In S. Kapelari (Hrsg.), Vierte „Tagung der Fachdidaktik“ 2019: Interdisziplinäre fachdidaktische Diskurse zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (S. 11–44). Schründer-Lenzen, A. (2013). Triangulation – ein Konzept zur Qualitätssicherung von Forschung. In B. Friebertshäuser, A. Langer, A. Prengel, & H. Boller (Hrsg.), Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (4., durchges. Aufl, S. 149–159). Beltz Juventa. Singer-Brodowski, M. (2016). Transformative Bildung durch transformatives Lernen. Zur Notwendigkeit der erziehungswissenschaftlichen Fundierung einer neuen Idee. ZEP: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 39(1), 13–17. Steffen, W., Richardson, K., Rockström, J., Cornell, S. E., Fetzer, I., Bennett, E. M., Biggs, R., Carpenter, S. R., De Vries, W., De Wit, C. A., Folke, C., Gerten, D., Heinke, J., Mace, G. M., Persson, L. M., Ramanathan, V., Reyers, B., & Sörlin, S. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science, 347(6223), 1259855. https://doi.org/10.1126/science.1259855 Stoltenberg, U. (2002). Nachhaltigkeit lernen mit Kindern: Wahrnehmung, Wissen und Erfahrungen von Grundschulkindern unter der Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung. Klinkhardt. Stoltenberg, U., & Burandt, S. (2014). Bildung für nachhaltige Entwicklung. In H. Heinrichs & G. Michelsen (Hrsg.), Nachhaltigkeitswissenschaften (S. 557– 594). Springer. TNE (2008). Referenzrahmen für Ernährungsund Verbraucherbildung in Österreich. http://www.thematischesnetzwerkernaehrung.at/ ?Berichte%2C_Publikationen_und_Downloads___Publikationen_TNE. UNESCO, & DUK. (2021). Bildung für nachhaltige Entwicklung. Eine Roadmap. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000379488, UNESCO. (2020). Education for sustainable development: A roadmap. UNESCO. https://doi.org/10.54675/YFRE1448 United Nations. (1987). Our Common Future. Report of the World Commission of Environment and Development. https://sustainabledevelopment.un.org/content/ documents/5987our-common-future.pdf United Nations. (1992). Agenda 21. https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/Agenda21.pdf, United Nations. (2015). Transforming our world: The 2030 Agenda for Sustainable Development. https://sdgs.un.org/2030agenda
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