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Ein prokurator aus Carteia

Alföldy, Géza

Abstract

Una inscripción de Carteia enriquece nuestro conocimiento sobre las élites de esta ciudad y sobre la administración, tanto del puerto de Puteoli, como del aprovisionamiento de Roma. Por desgracia, una inscripción tan importante fue publicada de modo insuficiente y se incluyó en “Hispania Epigraphica” y en “Année Épigraphique” con lecturas y comentarios aun más equivocados. El caballero seguramente cumplió todos los grados de las “tres militiae” y concluyó éstas con el mando del “ala II Thracum”; éste fue el motivo por el que el dedicante honró al caballero, su antiguo comandante, en la ciudad natal de éste. Este caballero desempeñó un oficio procuratorio que conocemos también por otras tres inscripciones. La inscripción se fecha aproximadamente en época de Adriano o de Antonino Pío.

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165 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Géza Alföldy † Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg RESUMEN: Una inscripción de Carteia enriquece nuestro conocimiento sobre las élites de esta ciudad y sobre la administración, tanto del puerto de Puteoli, como del aprovisionamiento de Roma. Por desgracia, una inscripción tan importante fue publicada de modo insuficiente y se incluyó en Hispania Epigraphica y en Année Épigraphique con lecturas y comentarios aun más equivocados. El caballero seguramente cumplió todos los grados de las tres militiae y concluyó éstas con el mando del ala II Thracum; éste fue el motivo por el que el dedicante honró al caballero, su antiguo comandante, en la ciudad natal de éste. Este caballero desempeñó un oficio procuratorio que conocemos también por otras tres inscripciones. La inscripción se fecha aproximadamente en época de Adriano o de Antonino Pío. PALABRAS CLAVE: ala II Thracum, caballeros, Carteia, procurador, Puteoli. ABSTRACT: An inscription of Carteia enriches our knowledge of the aristocracy of that town and of the administration of the port of Puteoli as well as of the provision of Rome with food. Unfortunately, the important inscription was published in an inadequate manner and was entered in the Hispania Epigraphica and in the Année Épigraphique with a text and with commentaries which are even more erroneous. The knight certainly went through all the positions in the tres militiae, which he finished as commander of the ala II Thracum; this gave the motivation for the dedicant to honour his former commander in his native place. This man held a procuratorial office, which we also know from three other inscriptions. The inscription belongs approximately in the reign of Hadrian or Antoninus Pius. KEY WORDS: ala II Thracum, Carteia, equestrians, procurator, Puteoli. RECibiDO: 17.10.2011. aCEPTaDO: 24.10.2011. 166 GÉzA ALföLDY Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 im Jahre 2001 kam auf der insel Pantelleia, in der antiken stadt Cossura, die inschrift eines römischen Ritters zutage, der unter anderem -um 112/113als proc(urator)] Aug(usti) ab ann[on(a) ad Pu]teolos tätig war; seine inschrift bereichert unsere Kenntnisse über die Verwaltung des Hafens von Puteoli in einem erheblichen Maße1. schon im darauf folgenden Jahr wurde in der südhispanischen Hafenstadt Carteia (san Roque bei algeciras) ein zweites epigraphisches Dokument mit Erwähnung der gleichen Prokuratur gefunden, das nach einem kurzen Vorbericht von Javier del Hoyo aus dem Jahre 2006 zwei Jahre später von Javier del Hoyo, Darío bernal und Luis iglesias mit einem ausführlichen Kommentar publiziert wurde2 (abb. 1). Der Text ging auch in die Hispania Epigraphica und in die année Épigraphique ein3. Es handelt sich um eine links und unten gerade geschnittene, oben, an der linken unteren Ecke und rechts abgebrochene Marmortafel mit den Maßen von (49) x (47,5) x 2,3 cm. Die Höhe der sorgfältig gemeißelten, länglichen buchstaben beträgt 3,2 cm, bis auf die 3,8 cm hohe kurze letzte Zeile. Die interpunktionen sind mit kleinen nach unten gekehrten Dreiecken angegeben; in der drittletzten Zeile, wo zwischen den beiden letzten Textteilen ein größerer Freiraum gelassen wurde, erscheint als Worttrenner eine Hedera. Unter der letzten Zeile in der Mitte ist als Verzierung offenbar eine Pelta, also ein halbmondförmiges schild, angegeben, das anscheinend auf die militärische Vergangenheit des Ritters verweist oder vielleicht noch eher das signum jener Truppe war, die der Ritter als Vorgesetzter des Dedikanten kommandierte4. Die Tafel, die in den Thermen Carteias in Zweitverwendung ans Tageslicht gekommen ist, war offensichtlich an einem Postament befestigt, auf dem eine statue stand. Diese muss den Geehrten, wie zumeist üblich, in natürlicher Größe dargestellt haben. Das lässt sich aus der ursprünglichen breite des Monuments erschließen, die wir aufgrund der symmetrischen Komposition der unten eingerückten schriftzeilen auf etwas 1 G. alföldy, “Ein römischer Ritter aus Cossura (Pantelleria)”, ZPE 151 (2005) 193-213 (von hier aE 2005, 678), im Folgenden: alföldy, Cossura. 2 Vorbericht: J. del Hoyo, “La epigrafía de Carteia”, L. Roldán et al. (Eds.), Estudio histórico-arqueológico de la ciudad de Carteia (San Roque, Cádiz) 1994-1999 (sevilla 2006) 465472. ausführliche Publikation: J. del Hoyo, D. bernal, L. iglesias, “Nueva procuratela ecuestre en Carteia. a propósito de un hallazgo epigráfico en el complejo termal”, Habis 39 (2008) 207-216, im Folgenden: Del Hoyo-bernal-iglesias, Carteia. Vgl. noch J. del Hoyo, “La sociedad carteiense a través de la epigrafía”, L. Roldán et al. (Eds.), Carteia ii (Madrid 2003) 343-365. Eine kurze Erwähnung dieser inschrift findet sich schon bei G. alföldy, Cossura 204 anm. 38. Für das hier veröffentlichte Foto der inschrift, das Javier del Hoyo aufgenommen hatte und das von Juan Manuel abascal für die Drucklegung mit dem Computer bearbeitet und verbessert wurde, bin ich diesem zu bestem Dank verpflichtet. 3 HEp 15, 2006, 109 (bearbeitung durch a. Canto) und aE 2008, 666 (bearbeitung durch P. Le Roux). 4 Das ist ein einleuchtender Gedanke von alicia Canto, geäußert in HEp, a.a.O. 167 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 mehr als 60 cm berechnen können, was dem häufigsten Format der statuenpostamente entspricht5. Die Herausgeber haben die inschrift mit folgender Lesung vorgelegt: - - - - - - [¿trib(unus) mil(itum) leg(ionis) VII?] Claudiae P[iae Fid(elis)] proc(uratori) Aug(usti) r[ation(is)] Putiolanae ab ann[on(a)] 5 P(ublius) Perellius Maxi[mus] dec(urio) alae [II] Thracum d(ono) d(edit). 5 Vgl. dazu zuletzt G. alföldy, CiL ii2/14, p. CV. 168 GÉzA ALföLDY Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 Diese Wiedergabe des Textes ist nicht ganz exakt. am anfang fehlt sicher nicht nur die Nomenklatur des Geehrten, für deren Wiedergabe am ehesten zwei Zeilen angenommen werden müssten. Der Ritter hat die tres militiae equestres mit ziemlicher sicherheit ordnungsgemäß absolviert, war also nicht nur Legionstribun, sondern auch Kohortenpräfekt und alenpräfekt. Das alenkommando ergibt sich zunächst daraus, dass es ziemlich unüblich gewesen wäre, wenn der Ritter die beförderung zum sexagenarprokurator unmittelbar nach dem Militärtribunat erhalten hätte6; die tertia militia kann in seinem Werdegang schwerlich gefehlt haben. Dafür spricht auch, dass der Dedikant seines Ehrenmonumentes ein Offizier der ala II Augusta Thracum war (dass es sich hier nicht um eine ala I, III oder IIII Thracum handelt, haben die Herausgeber der inschrift -wohl unter berücksichtung des symmetrischen Zeilenaufbausgewiss zutreffend angenommen). Die Editoren meinten zwar, dass es unsicher bleibt, welche beziehung zwischen dem Geehrten und dem Dedikanten bestand, sie zogen jedoch richtig auch die Möglichkeit in Erwägung, dass der unbekannte Ritter Präfekt der genannten Reitertruppe war7. Das ist sicher vorauszusetzen. Publius Perellius Maximus war nämlich angesichts seines ausgesprochen afrikanischen Gentilnamens gewiss kein bürger von Carteia, was die Editoren der inschrift nicht ausschließen wollten, sondern ein afrikaner8, möglicherweise aus Karthago, wo ein Perellius Maximus vorkommt9. Dass er dem Prokurator -unzweifelhaft in dessen Heimatstadteiner statue setzte, lässt sich schwerlich anders erklären als so, dass er dort den früheren Kommandeur seiner Truppe ehrte, und zwar vermutlich zu dem Zeitpunkt, als dieser seine Laufbahn abschloss, oder noch eher in dem Moment, in dem der Ritter sein alenkommando beendete und den auftrag für die Prokuratur in Puteoli erhielt10. Diese Kombination passt gut zu der Tatsache, dass die ala II Augusta Thracum, in der Publius Perellius Maximus eine Reiterabteilung führte, in der 6 Das hat auch alicia Canto zu HEp 15, 2006, 109 richtig vermerkt, aber daraus die falschen schlüsse gezogen, siehe unten. Ein solcher Fall -ein ausnahmefallist allerdings durch die inschrift CiL ii2/14, 1160 bezeugt. 7 Del Hoyo-bernal-iglesias, Carteia 215, wo sie unnötigerweise darüber spekulieren, dass es sich auch um zwei Freunde handeln konnte. 8 Nach der Datenbank EDCs findet sich der Name Perellius im Römischen Reich in 29 inschriften. Von fünf ausnahmen abgesehen stammen alle aus Nordafrika, hauptsächlich aus der africa proconsularis. in den fünf außerhalb africas gefundenen inschriften wurden z. T. zweifellos auch afrikaner genannt wie P. Perellius Maximus in Carteia. Zur starken Verbreitung des Gentilnamens Perellius in den afrikanischen Provinzen vgl. CiL Viii 5, 1, p. 54. selbst Del Hoyo-bernal-iglesias, Carteia 214 betonen richtig, dass der Name Perellius fast ausschließlich nur in den afrikanischen Provinzen vorkommt, sie ziehen daraus jedoch nicht die richtigen schlüsse. 9 iLafr 373. 10 Diese letztere Möglichkeit hat schon alicia Canto zu HEp 15, 2006, 109 aus gutem Grund erwogen. 169 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 Provinz Mauretania Caesariensis stationiert war11. Freilich muss der Ritter auch die prima militia, ein Kohortenkommando, innegehabt haben. Es gab zwar Ritter, die ohne vorherige bekleidung einer Kohortenpräfektur einen Legionstribunat übernahmen. Diese waren aber normalerweise Männer, die nur den Militärtribunat bekleideten, um damit das Prestige eines ritterständischen Offiziers zu erwerben, und danach keine Reitertruppe kommandierten: Der Posten eines Legionstribunen als stabsoffiziers war mit erheblich weniger Verantwortung und auch mit weniger Gefahren verbunden als das Kommando einer 500 Mann starken Truppe. in der inschrift aus Carteia müssen die drei ritterlichen Offizierstellen jedenfalls in einer unregelmäßigen Reihenfolge angegeben worden sein. Eine Möglichkeit wäre die Reihenfolge Kohortenpräfektur - alenpräfektur - Legionstribunat. Es ist aber wahrscheinlicher, dass in der inschrift an erster stelle die alenpräfektur genannt wurde, da der Dedikant das Kommando seiner eigenen Truppe am anfang der aufzählung der Dienststellungen seines Vorgesetzten erwähnen wollte, um diese Einheit, in der er selbst diente, hervorzuheben. Ähnliche Unregelmäßigkeiten in der Wiedergabe des ritterlichen cursus honorum kommen auch in anderen hispanischen inschriften vor12. alles in allem können wir annehmen, dass am anfang der inschrift insgesamt fünf Zeilen verloren gegangen sind. Demnach war das statuenpostament ungefähr 80 bis 90 cm hoch, was mit den üblichen Maßen solcher Postamente wiederum im Einklang steht13. Der Legionstribunat wurde von den Herausgebern in einer in mehrfacher Hinsicht fehlerhaften Weise angeführt. Der Rangtitel TRib, vor dem das Frage-icht fehlerhaften Weise angeführt. Der Rangtitel TRib, vor dem das Fragezeichen in ihrer Transkription gänzlich überflüssig ist, muss natürlich nicht im Nominativ, sondern im Dativ aufgelöst werden14. Die Ergänzungen [¿trib(unus) mil(itum) leg(ionis) VII?] | Claudiae P[iae Fid(elis)] sind schon insofern unzutreffend, als in der verlorenen Zeile vor der Nennung der Truppenbeinamen nicht LEG, sondern LEGiONis gestanden haben muss, um zu einer entsprechenden Zeilenlänge zu gelangen; eine ganz einfache zeichnerische Rekonstruktion kann das sofort verdeutlichen. Wie die Editoren richtig schreiben, handelt es sich entweder um die legio VII Claudia oder um die legio XI Claudia. sie bevorzugen jedoch die erste Lösung mit der absurden behauptung, dass die inschrift, die sie an den anfang des 2. Jahrhunderts setzen wollen, den Namen der legio XI Claudia 11 J. E. H. spaul, Ala2. The Cavalry Units of the Pre-Diocletianic Imperial Roman Army (andover 1994) 231-233; M. Zachariade, “alae Thracum”, M. Mayer, G. baratta, a. Guzmán almagro (eds.), XII Congressus Internationalis Epigraphiae Graecae et Latinae. Provinciae Imperii Romani Inscriptionibus Descriptae. Barcelona, 3-8 Septembris 2002 (barcelona 2007) 1509-1511. 12 Lehrreich sind in dieser Hinsicht die inschriften der Provinzialflamines der Hispania citerior aus Tarraco, die eine ritterliche Laufbahn absolvierten: in CiL ii2/14, 1111 steht der Militärtribunat vor der Kohortenpräfektur, in CiL ii2/14, 1128 die sexagenarprokuratur vor der Nennung des amtes des praefectus fabrum, wobei die ritterlichen militiae unerwähnt blieben. 13 Vgl. dazu anm. 5. 14 Das hat schon alicia Canto zu HEp 15, 2006, 109 angemerkt. 170 GÉzA ALföLDY Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 nicht enthalten haben kann, da diese Legion von Trajan im Jahre 106 den beinamen Pontica bekommen habe, für den es im Text keinen Platz gibt. sie berufen sich hierfür auf den klassischem Legio-artikel von Emil Ritterling. Wie sie auf diese idee kamen, bleibt ein Rätsel: an Ritterlings zitierter stelle15 steht darüber kein Wort, und die genannte Legion hat den beinamen Pontica nie geführt16. Was die weiteren beinamen der fraglichen Legion betrifft, zeigt wiederum eine einfache zeichnerische Rekonstruktion, dass die erste teilweise erhaltene Zeile der inschrift nur dann ausgefüllt ist, wenn dort beide Ehrenbeinamen in der nicht abgekürzten Form eingesetzt werden17. Unter den buchstaben CLaVDiaE hätte man keineswegs überall einen Punkt setzen sollen, um zu zeigen, dass die beschädigten buchstaben nur aus dem Kontext identifiziert werden können, was in der Hispania Epigraphica alicia Canto und in der année Épigraphique Patrick Le Roux wiederholten: Die meisten von diesen buchstaben lassen sich einwandfrei bestimmen. Le Roux hat den anfang des Textes in seinem Kommentar in der Form - - - - - | Claudiae P(iae) [- - -] noch weiter verdorben: Die abkürzung des beinamens pia auf den anfangsbuchstaben ist durch nichts zu begründen, und was soll vor und nach den beinamen Claudia pia gestanden haben, wenn nicht der Name und die Ziffer einer Legion bzw. der von dem attribut pia untrennbare beiname fidelis? Le Roux hat sich hier offenbar von alicia Canto irreführen lassen, die in der Hispania Epigraphica meinte, dass der beiname Claudia nicht auf eine Legion, sondern auf eine Reitertruppe zu beziehen sei, die beispielsweise die ala Claudia nova gewesen sein könne; dies sei eine Ergänzung, die angeblich “más lógica” ist. Davon kann freilich überhaupt keine Rede sein, zumal wir überhaupt keine Reitertruppe mit dem Kaiserbeinamen Claudia kennen, die auch die beinamen Claudia pia fidelis geführt hat18. in der zweiten erhaltenen Zeile ergänzten die Erstherausgeber zweifellos richtig proc(uratori) Aug(usti) r[ation(is)], nur den Punkt haben sie unter dem R am Ende vergessen, denn von diesem buchstaben ist lediglich die untere Endung einer senkrechten Haste erhalten. alicia Canto hat sich hier wieder geirrt, indem sie in der Hispania Epigraphica behauptet, dass dieser stark beschädigte buchstabe kein R, sondern nur ein a oder ein M gewesen sein kann, “lo que complica leer r(ationis)” (wobei mit der Wiedergabe dieses Wortes die von den Erstherausge15 Del Hoyo-bernal-iglesias, Carteia 213 mit Verweis auf E. Ritterling, “Legio”, RE Xii 2 (1925) 1628. in Wirklichkeit spricht Ritterling an dieser stelle nicht von der legio XI Claudia, sondern von der VII Claudia, von einem Legionsbeinamen Pontica ist hier überhaupt keine Rede. 16 Dass die legio XI Claudia je den beinamen Pontica erhalten hätte, sagt Ritterling in seinen ausführungen über die benennungen dieser Einheit (a.a.O. 1705) mit keinem Wort. 17 so hat die inschrift an dieser stelle bereits Manfred Clauss in der Datenbank EDCs verbessert. 18 Den Kaiserbeinamen führten unter den Reitertruppen nur die ala I Claudia Gallorum Capitoniana und die ala I Claudia nova miscellaena, die jedoch nicht mit den Ehrenbeinamen pia fidelis ausgezeichnet wurden, siehe J. E. H. spaul, ala2 (anm. 11), 80-81 und 89-91. 171 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 bern gebotene Transkription verfälscht wird). Patrick Le Roux ist auch an dieser stelle alicia Canto auf den Leim gegangen: Hier steht nach ihm “plus probablement le N de Aug(usti) n(ostri)”. Ein blick auf die Paläographie der inschrift genügt, um zu erkennen, dass hier die gleiche untere Endung einer vertikalen Haste jener Form zu erkennen ist wie in dieser inschrift auch sonst beim R, während die linke schräghaste des a sofort über deren schmalen Fuß beginnt. absurd ist auch folgende Meinung von Le Roux: “Le féminin implique probablement stationis ab annona”. Wo soll in der inschrift das Wort stationis Platz gehabt haben? Vor dem adjektiv Putiolanae ist nur die Ergänzung r . [ation(is)] möglich. Der Rangtitel proc(urator) Aug(usti) r . [ation(is)] Putiolanae ab an[on(a)] ist zwar -vorläufigein hapax legomenon, aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch der durch die inschrift aus Pantelleria bezeugte Rangtitel proc(urator)] Aug(usti) ab ann[on(a) ad Pu]teolos nur einmal vorkommt. Die prokuratorischen inhaber dieses amtes sind sonst noch durch zwei weitere inschriften belegt, in denen der Rangtitel wiederum jeweils anders lautet. in einer inschrift aus Puteoli von der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert wird iulius sulpicius successus, vir egregius, patronus der stadt Puteoli und procurator portus Puteol(anorum) erwähnt19. Unlängst ist in der afrikanischen stadt Uchi Maius die inschrift des Prokurators Q. Marcius Macrinus aus der Zeit des severus alexander zutage gekommen, dessen amt mit den Worten procura[t]io sexagenaria Puteolis ad annonam beschrieben wird20. Offenbar hatten die inhaber dieses amtes freie Hand, den amtstitel zu variieren21. Der Gebrauch des Wortes ratio in unserem Kontext bedarf freilich eines kurzen Kommentars, was in der spanischen Originalpublikation ausblieb. Wir kennen eine ganze Reihe ähnlicher prokuratorischer amtsbezeichnungen, in denen das Wort ratio die bedeutung “Geschäftsführung” oder “amt” hat. Nicht nur die Dienststellung des 19 aE 1972, 79, mit dem Kommentar von H.-G. Pflaum. Die richtige Datierung dieser inschrift verdanken wir G. Camodeca, “Puteoli porto annonario e il commercio del grano in età imperiale”, Le ravitaillement en blé de Rome et des centres urbaines des débuts de la république jusqu’au Haut Empire (Naples-Rome 1994) 103-128, dort bes. 113-114. Vgl. alföldy, Cossura 204. Del Hoyobernal-iglesias, Carteia 213-214 haben sich bei der Erwähnung dieser inschrift nach aE 1972, 79 in einer unverständlichen Weise vertan: Nach ihnen gehört diese inschrift nach dem dort angegebenen Konsuldatum in das Jahr 176. in der aE heißt es jedoch klar verständlich, dass die Konsuldatierung zu einer früheren inschrift gehört, an deren stelle die inschrift des sulpicius successus nach dem Kommentar von H.-G. Pflaum in der aE zwei Jahrhunderte später eingemeißelt wurde. 20 Den Hinweis auf diese inschrift verdanke ich attilio Mastino, der die inschrift in den demnächst zu erscheinenden akten der im Jahre 2007 in Paris abgehaltenen französisch-italienischen Rencontre für die Epigraphik publiziert. Es ist aufschlussreich, dass dieser Ritter zuvor oder anschließend das amt eines Prokurators [per Afr]icam at (!) frum(entum) innehatte; als inhaber dieses amtes organisierte und dirigierte er also die afrikanischen Getreidelieferungen in die Häfen italiens, auch nach Puteoli. 21 Es ist bezeichnend, dass der amtskollege des aus Pantelleria bekannten appuleius in der Verwaltung des Hafens von Ostia um 112/113, M. Vettius Latro, sein amt nicht ähnlich bezeichnete wie appuleius sein eigenes: Er nannte sich procurator annonae Ostiae et in portu, offenbar um zu betonen, dass er durch den ausbau des neuen, trajanischen portus von Ostia besondere Verdienst erworben hatte. siehe dazu alföldy, Cossura 207-211 und zur amtsbezeichnung ebd. 213. 172 GÉzA ALföLDY Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 procurator rationis privatae ist hier zu nennen, der in Rom oder in den Provinzen für das Privatvermögen der Kaiser zuständig war22; genannt werden müssen auch die Ämter des procurator rationis castrensis23 und des procurator rationis ornamentorum24, von denen der eine für die kaiserliche Hofhaltung, der andere für die Dekoration des kaiserlichen Hofes zuständig war. Es sei hier noch vermerkt, dass die letzte Zeile der inschrift aus Carteia von den Editoren unzweifelhaft richtig mit den auflösungen d(ono) [d(edit)] wiedergegeben wurde. Demgegenüber schreibt Patrick Le Roux in der année Épigraphi-Demgegenüber schreibt Patrick Le Roux in der année Épigraphique: “À la fin, de préférence d(ecreto) d(ecurionum)”. Das ist überhaupt nicht ein-. Das ist überhaupt nicht ein-Das ist überhaupt nicht einzusehen: Wie hätte der Dekurionenrat von Carteia auf die idee kommen können, zu beschließen, dass ein ehemaliger Untergebener eines ritterlichen amtsträgers diesen mit einem Monument ehren soll? Natürlich musste es sich in einem solchen Fall um die eigene initiative des Dedikanten handeln. Die inschrift aus Carteia lässt sich also -einschließlich der plausiblen, aber natürlich nicht mit vollständiger sicherheit erschließbaren anordnung der anfangszeilen-folgendermaßen wiederherstellen: [- - - - - -] [- - - - - -] [praef(ecto) alae II Thracum] [praef(ecto) coh(ortis) - - -] 5 [trib(uno) mil(itum) legionis -2/3-] Cauda p[iae fidelis] proc(uratori) Aug(usti) [ation(is)] Putiolanae ab an[on(a)] P(ublius) Perellius Maxi[mus] 10 dec(urio) alae [II] Thracum d(ono) [d(edit)]. Zur sprache der inschrift sei angemerkt, dass die schreibweise Putiolanae statt Puteolanae, für die sich nach den Editoren in den gängigen Repertorien keine Parallelen finden lassen25, recht häufig, hauptsächlich in der Maskulinform Putiolanus, aber auch in der Femininform Putiolana vorkommt, zumal der Gebrauch 22 siehe die Liste der belege bei H.-G. Pflaum, Les carrières procuratoriennes équestres sous le Haut-Empire romain (Paris 1960/61) iii 1327-1328. 23 H.-G. Pflaum, Les procurateurs équestres sous le Haut-Empire romain (Paris 1950) 100, die belege bei dems., Les carrières procuratoriennes équestres (anm. 22), iii 1327. 24 CiL Vi 8950 = iLs 1771. 25 Del Hoyo-bernal-iglesias, Carteia 215. 173 EIN PROKURATOR AUS CARTEIA Habis 43 (2012) 165-175 - © Un i v e r s i d a d d e se v i l l a - i.s.s.N. 0210-7694 des i statt des E, also der itazismus, in der oft vulgarlateinischen sprache der inschriften der römischen Kaiserzeit Gang und Gäbe ist26. Der aus dem Namen der Hafenstadt Puteoli abgeleitete adjektiv, entsprechend der ebenfalls bezeugten Namensform Putioli27, erscheint in den inschriften auch in der Form Putiolanus28, und in einer Votivinschrift aus Pátka auf dem Territorium von aquincum in Pannonien lautet der Name des in Puteoli mit besonderer Hingabe verehrten Gottes serapis ebenfalls Putiolanus29. Der aus dem Namen von Puteoli gebildete Personenname kann ebenso Puteolanus wie Putiolanus sein30. Die Form des Rangtitels mit der ablativischen Konstruktion ab annona entspricht dem Wortgebrauch der inschrift aus Pantelleria, in der wir einer ähnlichen grammatikalischen Konstruktion begegnen31. Wir lernen mit dem ignotus jedenfalls einen römischen Ritter kennen, der in Carteia unzweifelhaft als prominenter bürger dieser stadt mit einem Monument geehrt wurde. alicia Canto äußerte in der Hispania Epigraphica allerdings, wie sie sagt, “quasi ludens”, eine andere -leider muss man wieder sagen: völlig absurdeMeinung. Demnach sei der ignotus kein anderer als der aus Cossura bekannte Prokurator von Puteoli mit dem Namen Appuleius (sein Cognomen ist in der fragmentarischen inschrift aus Pantelleria nicht erhalten). auch dieser könne in seiner inschrift mit dem Rangtitel pr[aef(ecto) Alae Claud(iae)] bezeichnet worden sein wie angeblich auch der ignotus in Carteia; sein sohn -mit dem Gentilnamen Appuleiushieße mit dem Nachnamen nicht [In]sulanus wie von mir ergänzt, sondern [Barbe]sulanus, er sei also ein bürger der stadt barbesula in der baetica gewesen. Dafür sprechen soll auch seine Quirina tribus, die diejenige von barbesula sei. Deshalb könne man annehmen, dass “M. Appuleius de Pantelleria fuera bético, de Carteia o de Barbesula, y que por aquí (la placa apareció reutilizada) recibió su homenaje, antes de partir hacia su nuevo destino en Puteoli”32. Das schlägt dem Fass den boden aus. Woher stammt nun der Ritter: aus barbesula oder doch aus Carteia? Für die Ergänzung des Namens der ala Claudia nova in der inschrift 26 Vgl. etwa H. Dessau, iLs iii 2, p. 820-821: “i pro E”. 27 G. Camodeca, Tabulae Pompeianae Sulpiciorum. Edizione critica dell’archivio puteolano dei Sulpicii (Roma 1999) Nr. 25, 76 und 83 (aE 1973, 146, 139 und 140) 28 CiL iV 1699; aE 1985, 310. 29 siehe G. alföldy, “Epigraphica Pannonica iii. inschriften aus dem Gebiet der Eravisker und vom Territorium von aquincum”, Specimina Nova 18 (2004) 34 (Verbessung von RiU 1491). Der pannonische Dedikant hat diesen Kult allem anschein nach als soldat der in der Nachbarschaft von Puteoli stationierten misenatischen Flotte kennengelernt, in der viele Pannonier dienten. 30 beide Namensformen werden erwähnt bei i. Kajanto, The Latin Cognomina (HelsinkiHelsingfors 1965) 191. Die Namen Putiolanus/Putiolana finden sich in folgenden inschriften: CiL Vi 5979. 21953. 25242. 36047, CiL Viii 2622. 9172. 9173, CiL XiV 1305. 2449, CiL XVi 9, iLs 7844, inscr. it. i 1, 57, aE 1985, 821 = RMD 133. 31 Zu solchen Konstruktionen bei der angabe von Funktionen vgl. alföldy, Cossura 202. 32 a. Canto zu HEp 15, 2006, 109.