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Ethnologie und Soziale Arbeit: über die Vorteile einer Zusammenarbeit für zwei periphere Disziplinen am Beispiel Spanien

Pfeilstetter, Richard

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Richard Pfeilstetter Ethnologie und Soziale Arbeit: Über die Vorteile einer Zusammenarbeit für zwei periphere Disziplinen am Beispiel Spanien This is the pre-copyedited author’s final version of the journal article accepted for publication following peer review. Original citation: Pfeilstetter, R. (2015). Ethnologie und Soziale Arbeit: Über die Vorteile einer Zusammenarbeit für zwei. Pag. 165-180. En Treiber, GneBmeir, Heider (Hrsg.) Ethnologie und Soziale Arbeit ¿Fremde Disziplinen, gemeinsame Fragen?. Budrich UniPress: Leverkusen, 165-179. The version of record is available online at: https://shop.budrich-academic.de/produkt/ethnologie-und-soziale-arbeit/?v=04c19fa1e772 1 Ethnologie und Soziale Arbeit: Über die Vorteile einer Zusammenarbeit für zwei periphere Disziplinen am Beispiel Spanien. Richard Pfeilstetter Universität Sevilla (Spanien) [email protected] Einführung Mein Beitrag adressiert die wissenschaftsgeschichtlichen und wissenschaftspolitischen Hintergründe der Beziehung von Sozialer Arbeit und Ethnologie 1 in Spanien. Nicht theoretische und methodologische Argumente für oder gegen Gemeinsamkeiten von Sozialer Arbeit und Ethnologie stehen in meinem Beitrag im Vordergrund, sondern die soziopolitischen Rahmenbedingungen für die Möglichkeit einer solchen Beziehung. Die Verbindung zwischen Sozialstruktur und Wissenschaft manifestiert sich vor allem in den legalen, institutionellen Bedingungen für Wissenschaft in spezifischen soziopolitischen Systemen und dem partikulären, kulturell gewachsenen Verständnis von Wissenschaft an sich in unterschiedlichen Gesellschaften. Gesonderte nationale Entwicklungslinien von wissenschaftlichen Disziplinen und deren Institutionalisierungsgeschichten an Universitäten prägen auch die Beziehungen zwischen diesen. Aus kulturvergleichender Perspektive kann dann argumentiert werden, dass Unterschiede in der eigenen und der anderen Tradition, sowohl zwischen gleichen 1 In Spanien hat sich für das Fach Ethnologie der Terminus Sozialanthropologie oder oft auch nur Anthropologie durchgesetzt, der inhaltlich meist Sozialund Kulturanthropologie umfasst. Ich werde jedoch für all diese Bezeichnungen die deutsche Übersetzung Ethnologie verwenden. Was die Soziale Arbeit betrifft, gibt es in Spanien, ähnlich wie in Deutschland, eine traditionelle Unterscheidung zwischen Sozialarbeit, trabajo social, und Sozialpädagogik, educación social. Die Bestrebungen beide Teildisziplinen in der Kategorie Soziale Arbeit zusammenzubringen und damit dem internationalen Standard Rechnung zu tragen, sind meiner Einschätzung nach in Spanien weniger fortgeschritten als in Deutschland; ich werde dennoch in meinem Beitrag von Sozialer Arbeit in Spanien sprechen und will mich damit auf beide Fachrealitäten gleichzeitig beziehen. 2 Disziplinen in verschiedenen Ländern als auch zwischen unterschiedlichen Disziplinen im gleichen Staat, nicht objektiven wissenschaftlichen, sondern eben historischen, politischen und kulturellen Kriterien geschuldet sind. Daher könnte ein vergleichender Blick nach Spanien auch erkenntnissfördernd für die Situtation in Deutschland sein. In meinem Beitrag sollen strukturelle Kriterien wie etwa Kolonialgeschichte, Francodiktatur oder das neue demokratische Spanien der regionalen Autonomien als soziokulturelle Konditionen für die Entwicklung von Sozialer Arbeit und Ethnologie in diesem Land nur eine nebengeordnete Rolle spielen. Viel mehr möchte ich mit einem institutionengeschichtlichen Kuriosum aufwarten, das den Verlauf der Beziehung beider Disziplinen zueinander in Spanien in den letzten beiden Jahrzehnten entscheidend geprägt hat. Der eigenständige Studiengang Ethnologie wurde in Spanien erst 1991 implementiert und durch königlichen Erlass in die zentralistisch organisierte spanische Universitätslandschaft eingebettet. Trotz langer, vor allem amerikanistischer und folkloristischer Tradition der Ethnologie an den spanischen Universitäten wurde damals der neue Studiengang nur als verkürztes Hauptstudium auf zwei Jahre ausgelegt, eine Sonderstellung, die die Ethnologie mit keiner anderen eigenständigen Sozialwissenschaft teilte. Dies war hauptsächlich auf die institutionelle Schwäche der Ethnologie im Moment der entscheidenden Universitätsreform im neuen demokratischen Spanien geschuldet. In dieser Prä-Bologna-Ära war ein Diplom in einem sozialwissenschaftlichen Fach, zum Beispiel in Sozialer Arbeit, Zugangsvoraussetzung für den Hauptstudiengang Sozialanthropologie. Seit diesem Moment sind von Jahr zu Jahr mehr Sozialarbeiter_innen in Spanien gleichzeitig Sozialanthropolog_innen. Nicht zuletzt dadurch gibt es heute in Spanien universitäre Fachbereiche in denen Soziale Arbeit und Ethnologie zusammenfallen, beispielsweise an den Universitäten von Málaga, Tarragona oder Navarra, ähnlich wie dies, sogar in größerem Ausmaß, auch in den USA üblich ist. Zum Vergleich ist in Deutschland ein institutioneller Zusammenschluss von Sozialer Arbeit und Ethnologie an Universitäten für die meisten Vertreter beider Disziplinen nicht nur unmöglich, die jeweils andere Disziplin ist noch nicht einmal Gegenstand der jeweiligen fachinternen Debatte. Im Folgenden werde ich zuerst die Eigenarten spanischer Ethnologie und Sozialarbeit kurz anschneiden, danach die Zusammenarbeit beider Disziplinen an Universitäten und 3 deren Auswirkungen auf die Verbindungen beider Professionen detaillierter nachzeichnen und am Ende dafür plädieren, am Beispiel Spanien für gegenseitig nützliche Kollaborationen an Universitäten auch im deutschsprachigem Raum zu lernen. Im Speziellen werde ich dabei auf die Möglichkeiten einer besseren Umsetzung der Bologna Reform durch diesen interdisziplinären Dialog eingehen. Ethnologie und Soziale Arbeit in Spanien: Zwei periphere Disziplinen Im Jahr 2005 erscheint das Werk One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology (Barth et al. 2005), das, wie der Klappentext verrät, die vier großen Denktraditionen der Ethnologie nachzeichnet. Spanien, die wichtige Kolonialmacht vergangener Tage, die den kulturgeschichtlichen Verlauf der Neuzeit geprägt hat wie kaum ein zweites Imperium, hat sich nie im westlichen Wettkampf der nationalstaatlichen Ethnologien entscheidend platzieren können. Die Diaspora der spanischen Intellektuellen während des Bürgerkriegs und der Francodiktatur haben im 20sten Jahrhundert entscheidend dazu beigetragen. Drei der bekanntesten spanischen Ethnolog_innen haben ihre Ausbildung im Ausland erhalten. So studierte etwa Carmelo Lisón Tolosana Ethnologie in Oxford, Angel Palerm und Claudio Esteva Fabregat studierten Ethnologie an der Escuela Nacional de Antropología e Historia (ENAH) in Mexiko. Spanien war daher immer auch eher Produkt als Produzent von Ethnographien. In den 70ern wurde das rurale Spanien ein beliebtes Feldforschungstrainingslager für ausländische Ethnolog_innen. Sogenannte Dorfmonographien wurden zum Beispiel in Andalusien durch Pitt-Rivers (1971) oder im Baskenland durch Greenwood (1976) populär. Umgekehrt spielt die spanische Ethnologie bzw. Amerikanistik im spanischund portugiesisch-sprachigen Raum traditionell eine wichtige Rolle. Dadurch entsteht für spanische Ethnologie oft das Paradox, je nach Kontext, im internationalen Vergleich sowohl als native anthropology oder eben als colonial anthropology wahrgenommen zu werden. Gegenüber Zentral-Europa und Nordamerika nimmt man die Stellung einer Peripherie ein, man ist Gegenstand intellektueller Kolonisierung, die Präsenz von spanischen Ethnolog_innen in den führenden englischsprachigen Publikation ist gering, die Finanzierung von Forschung wesentlich kleiner als bei anderen, wirtschaftlich 4 stärkeren Ex-Kolonialmächten. Dagegen ist die spanische Ethnologie in Lateinamerika, als Ethnologie einer ehemaligen Kolonialmacht, Teil der westlichen Ethnologien. Es gilt in Lateinamerika nach wie vor als prestigeträchtig, seine Doktorarbeit an einer spanischen Universität zu schreiben, Publikationen von spanischen Ethnolog_innen nehmen auf dem spanischund portugiesisch-sprachigen Markt eine wichtige Stellung ein und ethnologische Forschung in Lateinamerika wird vom spanischen Entwicklungsministerium gefördert. Eine Monographie über die neuere Geschichte einer nationalstaatlichen spanischen Ethnologietradition in einer Form, wie sie Dieter Haller 2012 für die BRD vorgelegt hat, gibt es in Spanien nicht. Die zunehmende Internationalisierung der Ethnologie und das völkerkundlich geprägte Interesse für nichteuropäische Kulturen in Deutschland unterscheidet sich von einer Sozialanthropologie in Spanien, die sich in der PostFranco-Ära mit dem Studium des ruralen Spanien beschäftigt und volkskundliche Traditionslinien der Folklore wieder freilegt. Dazu hat unter anderem der Geschichtsethnologe Julio Caro Baroja (1914-1995) beigetragen. Claudio Esteva Fabregat spricht kürzlich in einem Interview von den spanischen Ethnolog_innen noch heute als Ethnolog_innen der Ruralität (Esteva Fabregat und Lagunas: 5. Mai 2012). Damit einher geht eine Regionalisierung und Dezentralisierung der universitären Institute. Bis heute wird in weiten Teilen der Ethnologie in Spanien davon Abstand gehalten, den staatlichen Rahmen Spanien als Kriterium für eine wie auch immer geartete Projektionsfläche von Inhalten zu verwenden. Einige tun dies zwar vorsätzlich trotzdem, was aber als Reaktion auf diesen allgemeinen Trend gewertet werden kann. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Federación de Associaciones de Antropología del Estado Español (FAAEE), die Dachorganisation der Anthropologischen Gesellschaften des spanischen Staates. Sie besitzt keine eigene Internetpräsenz und hat im alltäglichen akademischen Betrieb und in der professionellen Praxis keinerlei Bedeutung. Der Grund hierfür liegt unter anderem in der angespannten soziopolitischen Situation in Spanien in der Regionen um politische und ökonomische Freiheiten kämpfen. Diese Dynamik macht nicht an den Hochschultoren halt. Ein Großteil der Ethnolog_innen arbeitet an volkstümlichen Themen, die Schlagwörter sind ethnische Identitäten und living heritage innerhalb des spanischen Staates. Die Einzigartigkeit von baskischen (Azcona 1984), andalusischen (Moreno 1993), katalanischen (Esteva Fabregat 2004) Völkern, Identitäten und Ethnien sind – wie die sukzsessiven Jahreszahlen der Publikationen 5 belegen – nach wie vor ein Herzstück der spanischen Ethnologie. Durch regionale politische Abspaltungsprozesse vom spanischen Staat ist die aktive und passive Verquickung von innenpolitischen spanischen Themen mit den Forschungsfeldern der Ethnologie intensiver als in anderen europäischen Ländern. Wenn man so will, könnte das eine Differenz sein, die die spanische Ethnologie von anderen unterscheidet. Elías Zamora spricht bereits Anfang der neunziger Jahre bezüglich der verschiedenen Versuche eine andalusische, katalanische, galizische oder baskische Sozialanthropologie in der Vergangenheit zu beschreiben von Gründungsmythen der spanischen Ethnologie (Zamora 1993). Die Verbindung von nationalem Idealismus und Forschungsinteressen unter vielen spanischen Ethnolog_innen unterstreicht Pilar Sanchiz (1993). Verstärkend wirken auf diesen Trend neben ideellen und politischen Motiven auch materielle Gegebenheiten. Eriksen (2000: 33) weist daraufhin, dass ethnologische Feldforschung in fernen Ländern kostspielig ist und der verstärkte Blick der Ethnolog_innen auf die eigene Gesellschaft, die Feldforschung zu Hause, unter anderem auch darauf zurückzuführen sei, dass nicht alle Ethnolog_innen eine ausreichende Finanzierung für ihre Forschung zur Verfügung haben. Dies möchte ich auch speziell für die spanische ethnologische Forschung unterstreichen. Sicherlich gilt es abschließend die traditionell starke Präsenz von Lateinamerikastudien zu nennen und den größer werdenden Anteil an Forschungslinien, die sich mit dem internationalen Mainstream der Ethnologie vergleichen lassen. Hintergrund dafür ist unter anderem, dass der Staat zunehmend die akademischen Aufstiegsmöglichkeiten an Publikationen in internationalen high impact journals knüpft. Beide Feststellungen eignen sich aber wenig, um ein dezidiertes Alleinstellungsmerkmal der „spanischen Ethnologie“ zu konstruieren. Die Soziale Arbeit erlebt im neuen demokratischen Spanien einen Wandel vom paternalistischen System sozialer Hilfe, in dem viele soziale Problemlagen vom Staat kriminalisiert wurden, hin zu einem Wohlfahrtsstaat nach westlichem Vorbild. Sie entwickelt sich dadurch seit den 80er Jahren wie in anderen europäischen Ländern zu einer wissenschaftlichen Disziplin. Sozialleistungsverpflichtungen des Staats gegenüber seinen Bürgern sind in der neuen demokratischen Verfassung festgeschrieben (B.O.E. 2 29/12/1978: Kapitel III). Seit 1983 wird die Ausbildung von Sozialarbeiter_innenn an 2 Boletín Oficial del Estado (B.O.E.) ist das staatliche Gesetzblatt, dessen Inhalt mit Veröffentlichung rechtlich verbindlich wird. 6 Universitäten organisiert. Seit den 1980er Jahren versteht man in Spanien unter Sozialer Arbeit primär Einzelfallhilfe in dezentralen staatlichen Hilfeeinrichtungen, professionelle Administration der ökonomischen Transferleistungen des Staates und die Prüfung von Bedürftigkeit (Sanz 2001: 22-23). Hilfeleistungen mit psychosozialem, erzieherischem Charakter oder Gemeinwesenarbeit werden bis heute eher anderen Hilfeprofessionen zugeschrieben. In den 90er Jahren wird jedoch versucht der starken Bürokratisierung der Sozialen Arbeit und deren Reduzierung auf eine Sozialtechnologie entgegenzuwirken. Sukzessive werden Volontariat und Teilhabe von Bürgerinitiativen an den staatlichen Sozialaufgaben gefördert oder integrative, multidisziplinäre Sozialprojekte angestoßen (Sanz 2001: 30-31). Trotz der traditionellen Zentralität der katholischen Kirche in Staat und Gesellschaft ist durch das Fehlen des Subsidiaritätsprinzips, wie es in Deutschland exisitiert, deren Anteil an sozialen Dienstleistungen geringer als der der Kirchen in Deutschland. Das Umsetzen von Sozialrechten der Bürger in konkrete Soziale Arbeit ist in Spanien Aufgabe von Staat, den autonomen Regionen und Kommunen. Im Jahr 2004 arbeiten 80% der im Berufsverband organisierten Sozialarbeiter_innen direkt für die öffentliche Hand (Castillo 2009: 50). Die Soziale Arbeit in Spanien lässt sich auch über die spezifischen sozialen Problemlagen des Landes im europäischen Kontext beschreiben. Spanien hat nach Griechenland die zweithöchste Jugendarbeitslosigkeitsquote Europas. Im Juli 2013 sind 56% arbeitslos gemeldet. Die strukturelle Armut großer Teile der Bevölkerung, auch schon vor der Bauund Bankenwirtschaftskrise von 2008, massive Einwanderung aus Lateinamerika und ein starkes Stadt-Land-Gefälle mit großen Metropolen an den Küsten und gering besiedeltem Inland, prägen viele der spezifischen sozialen Problemlagen, mit denen die Soziale Arbeit in Spanien umgeht. Diesen Herausforderungen treten Sozialarbeiter_innen gegenüber, die meist selbst arbeitslos oder in befristeten, prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Ihr Arbeitgeber, der Staat, ist durch Autonomiebestrebungen, Wirtschaftskrise und Korruptionsskandale geschwächt und kann nur bedingt dem wohlfahrtsstaatlichem Anspruch Spaniens nach kontinentaleuropäischem Vorbild gerecht werden. Es fehlt etwa eine finanzielle Grundsicherung für Mittellose vergleichbar mit der deutschen Sozialhilfe. Viele neue soziale Transferleistungen wie etwa Kindergeld oder Mietzuschüsse für junge Menschen wurden in den letzten Jahren wieder zurückgenommen. Diese strukturelle 7 staatliche Unterversorgung kultiviert wiederum traditionelle, nicht professionelle Hilfeformen die den Einzelnen (wieder) in die Schicksalsgemeinschaft von Familie, Nachbarschaft, Freundschaft, Klasse, Ethnie oder Geschlecht zurückwerfen. Die zentrale Herausforderung für die Soziale Arbeit in Spanien ist es, einen Großteil der Bevölkerung, der weder geregeltes Einkommen zu Verfügung steht, noch sich als mündige Bürger_innen wahrnehmen und wahrgenommen werden (Sanz 2001: 40), mit begrenzten öffentlichen Mitteln überhaupt zu erreichen. Ethnologie und Soziale Arbeit in Spanien: eine strukturelle Liaison In Spanien existierte im Prä-Bologna-Hochschulsystem eine rund zwanzigjährige institutionalisierte Verbindung von Sozialer Arbeit und Ethnologie an Universitäten. Diese war und ist wesentlich für die grundsätzliche Beziehung beider Disziplinen, da sich an den Hochschulen die jeweiligen professionellen Eliten konzentrieren und reproduzieren, welche wiederum das Selbstverständnis von Disziplinen stark beeinflussen. Die Ethnologie war im Spanien der ausgehenden 80er Jahre eine an Universitäten schwach ausgeprägte Disziplin. Es existierte lediglich die Möglichkeit einen Schwerpunkt innerhalb des grundständigen Studiums der Geschichte zu absolvieren. Diese Spezialisierung im Fach Ethnologie als Teil der Amerikanistik wurde wiederum nur an drei Universitäten in Spanien angeboten: in Madrid, Barcelona und Sevilla. Vor diesem Hintergrund war es nicht verwunderlich, dass während der großen Universitätsreform von 1988 gegen Ende der Transition 3 die Forderungen der Ethnologie kein Gehör fanden. Seitens der wenigen spanischen Ethnolog_innen wurde die Einführung eines grundständigen Studiengangs der Sozialanthropologie gefordert, wie dies in den meisten anderen europäischen Ländern üblich war. Diese Position fand keine politische Mehrheit. Das Ergebnis war ein Kompromiss, der 1991 (B.O.E. 28/09/1991) gesetzlich wirksam wurde und die Schaffung eines neuen universitären Grades, vergleichbar mit dem deutschen Magister, in Sozialanthropologie vorsah. 3 Als transición bezeichnet man in der Historiographie die Zeitspanne des friedlichen Übergangs zu einer parlamentarischen Demokratie in Spanien nach dem Tod des Diktators Franco. Diese folgte der Initiative des neuen Staatsoberhauptes, König Juan Carlos und einer neuen, durch Referendum abgesegneten Verfassung, die den Ausgleich regionaler und ideologischer Interessen nach Jahren des Bürgerkriegs und Diktatur anstrebte. 8 Jedoch wurde diese licenciatura als Hauptstudiengang mit einer reduzierten Regelstudienzeit von zwei Jahren angelegt. Es gab nun also einen eigenständigen universitären Abschluss Ethnologie, den Charakter einer Zusatzqualifikation verlor die Disziplin jedoch nicht. 1993 wurden dann die universitären Grade festgelegt, die zur Aufnahme eines Hauptstudiums in der Ethnologie berechtigen sollten. Dies waren Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Krankenpflege (ein Diplomstudiengang in Spanien) und Lehramt (B.O.E. 13/01/1993). Daneben gab es eine Vielzahl an sozialund geisteswissenschaftlichen Studiengängen, denen nach dem erfolgreichen Abschluss des Grundstudiums ein Übertritt zur Ethnologie erlaubt wurde. Zwölf Jahre später und sechs Jahre vor der Ersetzung dieses Studiengangs durch die neuen Bachelor und Masterprogramme wurde die Regelung geändert. 2005 wurde es jedem Diplomoder Magisterinhaber erlaubt, das Studium der Sozialanthropologie aufzunehmen. Zur Begründung argumentierte der Gesetzgeber dass „wegen seinem [des Ethnologiestudiums] multidisziplinären Charakter“ und „der Uneinheitlichkeit der Abschlüsse, die augenblicklich zugangsberechtigt sind“ (B.O.E. 28/02/2005; eigene Übersetzung) eine diesbezügliche Änderung vorzunehmen sei. So nimmt die Ethnologie in Spanien über 20 Jahre lang – von 1991 bis ca. 2011, je nach Hochschule – eine Sonderstellung gegenüber anderen universitären Disziplinen ein; diese war wiederum das Erbe ihrer marginalen Stellung an den Universitäten gegen Ende der 80er Jahre. Sie muss ihre Inhalte auf zwei Jahre Lehrzeit komprimieren und rekrutiert ihren Nachwuchs ausschließlich aus Studenten fachfremder Disziplinen, die meist bereits Inhaber eines universitären Grades sind. Eine der stärksten Gruppen von Studienanfängern kommt seitdem aus dem Bereich der Sozialen Arbeit zur Sozialanthropologie. In den Jahren 2000-2003 sind mehr als ein Viertel der Studierenden der Ethnologie Diplom-Sozialarbeiter_innen oder Sozialpädagog_innen (Comisión Estatal del Grado de Antropología 2005: 66). Diese Gruppe wird nur von Diplom-Krankenpflegern übertroffen. Zusammen stellen diese beiden helfenden Berufe regelmäßig mehr als die Hälfte aller Ethnologiestudenten in Spanien. Zur gleichen Zeit sind in einer nicht-repräsentativen Befragung von Studienabsolvent_innen der Ethnologie auf dem Arbeitsmarkt 12,3% in der Sozialen Arbeit beschäftigt. Sie sind damit die zweitstärkste Gruppe nach den Krankenpfleger_innen mit 15,6% (Subcomisión Perfiles Profesionales 2008: 14). Dies war die erste große Veränderung, die die Ethnologie in Spanien seit der 15 außeruniversitären Arbeitsmarkt ihres Faches tendenziell wenig zu tun. Die Revolution als die Bologna von Befürwortern im positiven und Kritikern im negativen Sinne an die Wand gemalt wurde, ist ausgeblieben (Pfeilstetter 2012). Innovation in diesem Sinne könnte bedeuten, Ethnolog_innen an den Praxisseminaren für Sozialarbeiter_innen teilnehmen zu lassen und umgekehrt Kurse für wissenschaftliches ethnographisches Arbeiten dezidiert für Sozialarbeiter_innen anzubieten. Wenn sich Ethnologie und Soziale Arbeit in Lehre und Praxis durchdringen wie dies in Spanien seit zwei Jahrzehnten der Fall ist, führt das, wie unser Beispiel zeigt, nicht etwa zu einer Konfusion der Zuständigkeiten oder einem Abhandenkommen der eigenen Fachidentitäten. Dies wäre vielleicht bei einer Zusammenlegungen mit den ungleicheren Partnern Soziologie hier, Pädagogik dort, zu vermuten. Vielmehr führte die Kooperation in Spanien zu einer gegenseitigen Stärkung gemeinsamer Interessen an den Hochschulen und auf dem Arbeitsmarkt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede können dabei, je nach Kontext, fachpolitisch genutzt werden, um eigene Positionen gegen strukturell stärkere Disziplinen wie etwa Soziologie, Pädagogik, Psychologie, Recht, Wirtschaft, etc. durchzusetzen. Der einst als unwissenschaftlich verschrieene ‘Frauenberuf’ Soziale Arbeit und das scheinbar philantropische Orchideenfach Ethnologie kämpfen um das Promotionsrecht, um ein staatlich anerkanntes Stellenprofil Ethnologie im öffentlichen Dienst, um individuelle und kollektive Menschenrechte. Vielleicht liegen ja gerade in dieser zentralen Gemeinsamkeit der eigenen Marginalisierung und dem Interesse für die Marginalisierten genau die Synergien, die beide Disziplinen auch im deutschsprachigen Raum füreinander entdecken könnten. 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