Raum-zeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens. Soziale und ökologische Potenziale und Risiken im Spannungsfeld von Betrieb und Wohnen.
Abstract
Hans-Böckler-Stiftung
Full text
Raum-zeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens. Soziale und ökologische Potenziale und Risiken im Spannungsfeld von Betrieb und Wohnen. Forschungsbericht Autor*innen: Monika Grubbauer Katharina Manderscheid Mattis Helmrich Charlotte Niewerth
2 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Forschungsprojekt: Raum-zeitliche Dimensionen ortsflexibler Arbeit. Soziale und ökologische Potenziale und Risiken im Spannungsfeld von Betrieb und Wohnen. gefördert von der Hans Böckler Stiftung Projektnummer: 2021-618-2 Forschungsschwerpunkt: Strukturwandel und Innovation Laufzeit: 1.5.2022 bis 31.07.2024 Projektleitung: Prof. Dr. Monika Grubbauer Geschichte und Theorie der Stadt HafenCity Universität Hamburg (HCU) Prof. Dr. Katharina Manderscheid Soziologie, insb. Lebensführung und Nachhaltigkeit Universität Hamburg (UHH) Bearbeitung: Charlotte Niewerth, M.A. (HCU), Mattis Helmrich, M.A. (UHH) DOI: 10.34712/142.72
Inhalt | 3 Inhalt Inhalt ..................................................................................................................... 3 Abbildungsverzeichnis .......................................................................................... 6 Tabellenverzeichnis .............................................................................................. 9 1 Einleitung ......................................................................................................... 11 1.1 Zentrale Konzepte............................................................................. 13 1.1.1 Wohnen und Wohnraum ................................................................ 13 1.1.2 Erwerbsarbeit und Care-Arbeit ...................................................... 15 1.1.3 Homeoffice und ortsflexible Arbeit................................................ 16 1.1.4 Mobilität und Verkehr .................................................................... 17 1.1.5 Alltag, Alltagsorganisation und Lebensführung ............................. 19 1.2 Forschungsfragen .................................................................................... 20 1.3 Inhaltlicher Aufbau ................................................................................. 22 2 Methodisches Vorgehen .......................................................................... 24 2.1 Erhebungsraum: Metropolregion Hamburg ............................................ 25 2.2 Standardisierte Erhebung und Beschreibung der Stichprobe .................. 31 2.3 Qualitative Erhebung und Beschreibung des qualitativen Samples ........ 35 2.3.1 Interviews ....................................................................................... 35 2.3.2 Auswahl der Interviewpartner*innen ............................................. 37 2.3.3 Codierung und Auswertung der Interviews .................................... 42 2.4 Begriffe ................................................................................................... 45 3 Ergebnisse ........................................................................................................ 47 3.1 Arbeiten im Homeoffice ......................................................................... 47
4 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens 3.1.1 Stand der Forschung ....................................................................... 48 3.1.2 Soziale Dimension ......................................................................... 52 3.1.3 Räumliche Dimension .................................................................... 58 3.1.4 Zeitliche Dimension ....................................................................... 64 3.2 Wege und Verkehrsmittelnutzung – Effekte des Homeoffice ................. 72 3.2.1 Stand der Forschung ....................................................................... 72 3.2.2 Unterschiede der Wege nach Haushaltsformen .............................. 75 3.2.3 Räumliche Dimensionen: Wege und Verkehrsmittel nach Wohnstandorten ...................................................................................... 80 3.2.4 Zeitliche Dimension: Unterschiede zwischen Homeofficeund Bürotagen ......................................................................................... 87 3.3 Alltag und Haushaltsorganisation von Paarund Familienhaushalten ....................................................................................... 94 3.3.1 Stand der Forschung ....................................................................... 94 3.3.2 Paare und Familien mit und ohne Homeoffice: Unterschiede in der Arbeitsteilung................................................................................ 99 3.3.3 Räumliche Dimension: Alltagsorganisation und Wohnverhältnisse an innerstädtischen, suburbanen und ländlichen Wohnstandorten .................................................................................... 110 3.3.4 Zeitliche Dimensionen: Überlagerungen und Unterbrechungen von Homeoffice und Care-Arbeit ............................. 117 3.4 Raum-zeitliche Konsequenzen: Rhythmen und Strukturen ................... 126 3.4.1 Wohn-Raum-Zeit: Alltagsorganisation mit Homeoffice im Wohnraum............................................................................................. 128 3.4.2 Weg-Raum-Zeit: Alltagsorganisation mit Homeoffice in der Wohnumgebung .................................................................................... 142
Inhalt | 5 3.4.3 Unterbrechungen und Wege: Typen im Homeoffice.................... 153 3.5 Wohnungssuche mit Homeoffice: Neue Ansprüche an Wohnraum und Umgebung ............................................................................................ 160 3.6 Zusammenfassung der Ergebnisse ........................................................ 166 4. Herausforderungen und Potenziale für die sozial-ökologische Transformation.................................................................................................. 169 4.1 Wohnverhältnisse und Homeoffice-Alltag ............................................ 170 4.2 Verkehrsentwicklung und Mobilitätspraktiken ..................................... 173 4.3 Stadtplanung und Stadtentwicklung ...................................................... 176 5. Fazit und Ausblick ........................................................................................ 180 Literaturverzeichnis .......................................................................................... 182 Anhang 1: Abbildungen und Tabellen .............................................................. 200 Anhang 2: Vorstellung der Interviewpartner*innen .......................................... 207 Anhang 3: Interviewleitfaden............................................................................ 217
6 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Vier Themenblöcke der empirischen Untersuchung. .................... 24 Abbildung 2: Erhebungsraum Metropolregion Hamburg nach siedlungsstrukturellen Raumtypen ................................................................ 27 Abbildung 3: Fallzahlen nach Wohnstandorten in der Metropolregion .............. 34 Abbildung 4: Wohnund Arbeitsverhältnisse nach Wohnstandort ..................... 62 Abbildung 5: Häufigkeit der Homeoffice-Nutzung ............................................ 65 Abbildung 6: Homeoffice-Nutzung nach Wochentagen ..................................... 66 Abbildung 7: Gewünschte zukünftige Homeoffice-Nutzung .............................. 67 Abbildung 8: Zeittypen: Homeoffice-Tag im Vergleich zu Bürotag .................. 68 Abbildung 9: Pausentypen: Homeoffice-Tag im Vergleich zu Bürotag ............. 69 Abbildung 10: Arbeit zu atypischen Zeiten im Homeoffice im Vergleich zu Tagen im Büro.......................................................................................... 70 Abbildung 11: Zeitgewinne im Homeoffice ....................................................... 71 Abbildung 12: Durchschnittliche Wegeanzahl nach Wegezweck und Arbeitstag ...................................................................................................... 77 Abbildung 13: Verkehrsmittel und Wege nach Wohnstandort in der Metropolregion Hamburg ............................................................................. 81 Abbildung 14: Durchschnittliche wöchentliche Pendelminuten nach Verkehrsmittel............................................................................................... 88 Abbildung 15: Anzahl der Wege nach Wegezweck im Tagesverlauf an Bürotag ......................................................................................................... 91 Abbildung 16: Anzahl der Wege nach Zweck im Tagesverlauf an Homeoffice-Tag ............................................................................................ 92
Abbildungsverzeichnis | 7 Abbildung 17: Aufteilung von Care-Arbeit in Paarhaushalten nach Homeoffice-Konstellation ........................................................................... 104 Abbildung 18: Korrespondenzanalytischer Raum der Arbeitsteilung. .............. 107 Abbildung 19: Sozialstrukturelle und räumliche Einbettung. ........................... 108 Abbildung 20: Homeoffice-Nutzung und Arbeitsteilung in Paarhaushalten nach Wohnstandort ............................................................ 111 Abbildung 21: Häufigkeit der Unterbrechungen im Homeoffice nach Tätigkeit. ..................................................................................................... 123 Abbildung 22: Raum-Zeit-Diagramm – Wohnraum ......................................... 129 Abbildung 23: Raum-Zeit-Situationen – Wohnraum ........................................ 130 Abbildung 24: Raum-Zeit-Diagramm – Wohnumgebung ................................ 143 Abbildung 25: Raum-Zeit-Situationen – Wohnumgebung ............................... 144 Abbildung 26: Die vier Homeoffice-Typen ...................................................... 154 Abbildung 27: Zuordnung der Homeoffice-Typen ........................................... 155 Abbildung 28: Zuordnung der Homeoffice-Typen (Kind/kein Kind) ............... 156 Abbildung 29: Kriterien der Wohnstandortwahl vor und nach Beginn der Corona-Pandemie. ....................................................................................... 162 Abbildung 30:Häufigkeitsverteilung täglicher Pendelzeiten ............................. 202 Abbildung 31: Mindmap der Orte Frau Tulpenbaums an einem Bürotag ......... 203 Abbildung 32: Mindmap der Orte Frau Tulpenbaums an einem Homeoffice-Tag .......................................................................................... 204 Abbildung 33: Unterschiede der zeitlichen Strukturen an HomeofficeTagen verglichen mit Bürotagen (Arbeitsbeginn) ....................................... 205 Abbildung 34: Unterschiede der zeitlichen Strukturen an HomeofficeTagen verglichen mit Bürotagen (Pausen) .................................................. 205
8 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Abbildung 35: Unterschiede der zeitlichen Strukturen an HomeofficeTagen verglichen mit Bürotagen (Familienzeit und Freizeit)...................... 206 Abbildung 36: Unterschiede der zeitlichen Strukturen an HomeofficeTagen verglichen mit Bürotagen ................................................................. 206
Tabellenverzeichnis | 9 Tabellenverzeichnis Tabelle 1 Vorauswahl des Samples..................................................................... 38 Tabelle 2 Realisiertes Sample ............................................................................. 39 Tabelle 3: Kurzvorstellung der Interviewpartner*innen nach ausgewählten Merkmalen. ............................................................................ 39 Tabelle 4: Kategorien der Basiscodierung. ......................................................... 43 Tabelle 5: Homeoffice-Nutzung und Gründe für Homeoffice-Nutzung nach demografischen und sozio-ökonomischen Merkmalen (Anteile in Prozent, Daten: eigene Erhebung,)............................................................ 53 Tabelle 6: Gründe gegen die Arbeit im Homeoffice, Mehrfachnennungen möglich (Anteil Nennungen; Daten: eigene Erhebung) ................................ 56 Tabelle 7: Homeoffice-Nutzung und betriebliche Voraussetzungen nach Branchen (Daten: eigene Erhebung). ............................................................ 57 Tabelle 8: Wo wird am häufigsten im Homeoffice gearbeitet? (Daten: eigene Erhebung). ......................................................................................... 59 Tabelle 9: Homeoffice-Nutzung und Gründe für Homeoffice-Nutzung nach räumlichen Merkmalen (Anteile in Prozent, Daten: Eeigene Erhebung)...................................................................................................... 60 Tabelle 10: Geschlechtsspezifisches Wegeverhalten nach Haushaltskonstellation. Eigene Erhebung. .................................................... 79 Tabelle 11: Dauer und Verkehrsmittelnutzung für Arbeitswege nach Wohnstandort und Homeoffice-Nutzung. (Daten: eigene Erhebung). .......... 83 Tabelle 12: Wegeverhalten nach Wohnstandort. (Daten: eigene Erhebung)................................................ Fehler! Textmarke nicht definiert. Tabelle 13: Aufteilung der Erwerbsarbeit nach Homeoffice, Paarhaushalte mit und ohne Kinder. Eigene Erhebung. .............................. 101
16 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens unterschiedliche Teilhabe von Frauen und Männern an Erwerbsarbeit führt auch zu Ungleichheiten hinsichtlich sozialstaatlicher Leistungen (Scheele 2019a, S. 758). Mit dem Begriff der Care-Arbeit wird der Blick auf die konkreten Sorgetätigkeiten gelenkt. Der Fokus liegt hier auf dem Inhalt der reproduktiven Tätigkeit. Care-Arbeit ist also die Arbeit, die beim Sorgetragen geleistet wird: Menschen bereiten ihr Essen zu, erziehen Kinder oder pflegen andere Menschen (Winker 2013, S. 122). Da wir uns in der Studie mit den einzelnen Tätigkeiten beschäftigen, verwenden wir in den meisten Fällen die Begriffe Careoder Sorgearbeit, die wir synonym verstehen. Wenn wir über Care-Arbeit im Zusammenhang mit und in Abgrenzung zur Erwerbsarbeit sprechen, verwenden wir auch den Begriff der unbezahlten Arbeit. 1.1.3 Homeoffice und ortsflexible Arbeit Ortsflexibles Arbeiten bezeichnet eine Form der Erwerbsarbeitsausführung, bei der Tätigkeiten an wechselnden Orten außerhalb der festen Betriebsstätte des/der Arbeitgeber*in verrichtet werden. Dies kann sowohl traditionelle Dienstreisen und Kund*innendienste umfassen als auch Arbeitsformen, bei denen digitale Informationsund Kommunikationssysteme genutzt werden, um von zu Hause, anderen privaten, (halb-)öffentlichen oder zusätzlich angemieteten Räumen aus zu arbeiten (Donath/Engelmann 2023, S. 28). Rechtliche Rahmenbedingungen und klare Begriffsabgrenzungen für diese neuen Arbeitsformen fehlen noch. Verschiedene Begriffe wie mobiles und ortsflexibles Arbeiten, Homeoffice und Telearbeit werden oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Formen der Regulierung beinhalten (BMAS 2023; Donath/Engelmann 2023). Mobiles Arbeiten bezeichnet jede Art von Erwerbstätigkeit, die aus räumlicher Distanz zum Betrieb verrichtet wird, während ortsflexibles Arbeiten darüber noch hinausgeht und das Arbeiten außerhalb der Betriebsstätte an einem selbst gewählten und auch wechselnden Ort bezeichnet. Dies muss aber nicht notwendigerweise die eigene Wohnung sein. In der Literatur werden diese beiden Begriffe jedoch oft synonym genutzt. Homeoffice ist der Begriff, der vor allem im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet wird. Unter Homeoffice wird die mobile Arbeit verstanden werden, die zu Hause, also im „Home“, stattfindet (Donath/Engelmann 2023, S. 29). Telearbeit erfolgt
1 Einleitung | 17 zwar auch zu Hause, der Arbeitsplatz wird jedoch vom/von der Arbeitgeber*in eingerichtet und muss bestimmte Kriterien erfüllen. Diese Arbeitsform ist seit 2016 in der Arbeitsstättenverordnung rechtlich verankert. Andere Formen ortsflexibler Arbeit sind hingegen noch nicht gesetzlich definiert. In § 87 Abs. 1 Nr. 14 BetrVG sind jedoch Mitbestimmungsrechte bei mobiler Arbeit verankert. Danach kann der Betriebsrat bei der Gestaltung mitbestimmen, wenn keine gesetzliche oder tarifliche Regelung besteht. In unserem Bericht verwenden wir den weitverbreiteten Begriff Homeoffice, wenn die Erwerbstätigkeit zu Hause ausgeübt wird. Wir wählen ihn, weil er zum einen alle Formen der Erwerbsarbeit zu Hause umfasst und zum anderen sowohl von uns als auch von den Befragten verwendet wird sowie für die Leser*innen leicht verständlich ist. Wenn Erwerbsarbeit außerhalb des Büros geleistet wird, unabhängig davon, ob dies zu Hause oder an einem anderen Ort geschieht, sprechen wir von ortsflexibler oder mobiler Arbeit. 1.1.4 Mobilität und Verkehr Sowohl Menschen als auch Dinge können ihren Ort im geografischen und im virtuellen Raum dauerhaft und temporär durch Bewegung verändern. Im Gegensatz zum alltagssprachlichen Gebrauch wird in der Mobilitätsforschung in diesem Zusammenhang zwischen Mobilität und Verkehr unterschieden. Während räumliche Mobilität die Möglichkeit der Ortsveränderung und damit die Beweglichkeit meint, ist Verkehr immer mit einer tatsächlich realisierten Ortsveränderung verbunden (Ahrend et al. 2013, S. 2). Mobilität versteht Canzler (2013, S. 922) daher auch als Möglichkeitsraum, der durch die individuellen Optionen der Ortsveränderung bestimmt wird. Mobilität ist demnach als individuelle Eigenschaft von Personen zu verstehen, während Verkehr den kollektiven Prozess der Ortsveränderung umfasst. Dabei sind sowohl Mobilität als auch Verkehr auf entsprechende (im)materielle Infrastrukturen angewiesen (Manderscheid 2022, S. 29–30). Dies können individuelle Verfügbarkeiten über Verkehrsmittel oder Computer-Hardware sein, aber auch Infrastrukturen wie Straßenund Schienennetze oder Breitbandversorgung, die nicht an allen Orten gleichmäßig vorhanden sind. Im Kontext von ortsflexiblen Arbeitsformen interessieren uns insbesondere Wege und Verkehrsmittelnutzungen. In den Verkehrswissenschaften wird der
18 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Einfluss struktureller Bedingungen (wie z. B. die Siedlungsstruktur) auf das Verkehrsverhalten von Individuen untersucht, das sich in messbaren Kennwerten wie z. B. der Anzahl zurückgelegter Wege oder den genutzten Verkehrsmitteln äußert. Die soziologisch orientierte Mobilitätsforschung zielt zusätzlich darauf, auf der Mikroebene die Innenperspektive beforschter Subjekte und deren eigensinniges Handeln zu verstehen (Urry 2012; Scheiner 2016, S. 683). Dementsprechend eignen sich für die Erforschung von Mobilität besonders qualitative Methoden, während Verkehr bzw. Verkehrsverhalten häufig quantitativ untersucht wird. In diesem Bericht verwenden wir die Begriffe Verkehr bzw. Verkehrsverhalten immer dann, wenn es sich um tatsächlich realisierte Wege im Alltag handelt. Diese werden sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene betrachtet. Von Mobilität sprechen wir dann, wenn es um die Möglichkeiten zur Ortsveränderung von Individuen geht. Eine weitere Form der Mobilität, die im Zusammenhang von ortsflexibler Arbeit Relevanz hat, ist die residenzielle Mobilität, die in diesem Bericht auch unter den Begriffen Wanderung oder Umzug angesprochen wird. Hiermit ist eine langfristige Ortsveränderung durch die Verlagerung des Wohnsitzes gemeint (Hradil/Schiener 2014, S. 321). Statistisch werden Wohnsitzverlagerungen oftmals erst dann sichtbar, wenn Grenzen vorher festgelegter räumlicher Einheiten (wie z. B. administrative Gemeindegrenzen) überschritten werden (Kley 2016, S. 482). Der Wechsel des Wohnstandortes stellt in der Regel ein punktuelles Ereignis im Lebensverlauf dar und fällt häufig zusammen mit bedeutsamen Ereignissen, z. B. dem Auszug aus dem Elternhaus, dem Eintritt ins Erwerbsleben oder der Familiengründung (Kley 2016, S. 494). Ortsveränderungen im Rahmen von Wohnstandortentscheidungen treten deutlich seltener auf als alltägliche Wege und die Nutzung von Verkehrsmitteln. Daher unterscheiden sich diese auch bezüglich der zugrundeliegenden Entscheidungsprozesse. Während Alltagsmobilität in hohem Maße habitualisiert und routinisiert stattfindet, d. h. in Form von wiederholt verfestigtem und ohne Reflexion ausgeführtem Verhalten (Manderscheid 2022, S. 102), stellen Wohnstandortentscheidungen komplexe Aushandlungsund Abwägungsprozesse mit zum Teil erheblichem zeitlichen Vorlauf dar (Kley 2016, S. 495).
1 Einleitung | 19 1.1.5 Alltag, Alltagsorganisation und Lebensführung In der Soziologie bezeichnet der Begriff Alltag den Bereich des Lebens, der durch wiederkehrende Handlungen, Routinen und Gewohnheiten geprägt ist (Ernst-Heidenreich 2019, S. 37–72; Schütz 1971). Das Konzept der alltäglichen Lebensführung spielt dabei eine zentrale Rolle, denn es beschreibt die Art und Weise, wie Menschen die verschiedenen Sphären ihres Lebens – Erwerbstätigkeit, Care-Arbeit, soziale Kontakte, Freizeit – zu einem sinnhaften Ganzen integrieren und bewältigen (Jurczyk et al. 2016). Lebensführung wird auch als „Arbeit des Alltags“ (Jurczyk/Rerrich 1993) bezeichnet, was deutlich machen soll, dass das Führen des eigenen Lebens, die Organisation des Alltags als Bearbeitung von Anforderungen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gerade in Zeiten von Umbrüchen in der Arbeitswelt und gesellschaftlichen Krisen eine Herausforderung für die Individuen darstellt. Lebensführung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Alltagsorganisation des Einzelnen, vielmehr ist der Alltag immer verwoben mit und abhängig von dem Alltag anderer Personen. Besonders deutlich wird die Relationalität der Alltagsorganisation in Familien. Hier besteht die Herausforderung darin, die Aktivitäten und Bereiche der Familienmitglieder räumlich und zeitlich aufeinander abzustimmen und zu organisieren und dabei idealerweise auch Zeit als Familie zu finden. Alltagsorganisation findet statt vor dem Hintergrund ungleicher Ressourcen wie Einkommen, Wohnraum und Wohnumfeld, Mobilitätsressourcen oder Unterstützungsleistungen aus sozialen Netzwerken. Gleichzeitig sind Lebensführungen und damit auch die Strategien, mit sich verändernden gesellschaftlichen Anforderungen umzugehen, strukturiert durch internalisierte Vorstellungen und Leitbilder bzw. dem Habitus als inkorporierte gesellschaftliche Strukturen, die das Handeln von Individuen und sozialen Milieus leiten (Bourdieu 1996). Sowohl das Konzept der alltäglichen Lebensführung als auch das des Habitus heben hervor, dass der Alltag den Individuen nur bedingt im Sinne eines zielgerichteten und reflexiven Handelns verfügbar ist. Im Alltag greifen die Individuen auf routinisiertes Handeln, auf Alltagspraktiken zurück, die sie in ihrer Sozialisation erlernt und die sich als normal etabliert haben (Bourdieu 1996; Ernst-Heidenreich 2018). Praktiken des Alltags finden typischerweise ohne große Reflexion statt und es sind gerade diese Routinen, die den Alltag der Menschen stabilisieren und planbar machen. Alltag und Alltagsorganisation hat dabei immer auch eine
20 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens räumliche Dimension, die in der soziologischen Alltagsforschung selten systematisch einbezogen wird. 1.2 Forschungsfragen Ziel des Projektes ist es, die Konsequenzen ortsflexibler Arbeitsmodelle im Hinblick auf raum-zeitliche Dimensionen zu untersuchen. Dabei sollen die sozialräumlichen Wechselwirkungen zwischen den sich wandelnden Arbeitsund Lebensformen einerseits und dem ökologischen Umbau von Siedlungsstrukturen, Verkehr und Mobilität andererseits in den Blick genommen werden. Entsprechend fragen wir danach, wie sich die neuen ortsflexiblen Arbeitsverhältnisse räumlich und zeitlich manifestieren und welche arbeitsund alltagsweltlichen Konsequenzen sich daraus für die Arbeitnehmer*innen ergeben. Ausgehend von den Auswirkungen auf individueller Ebene bzw. der Ebene der Haushalte werden bestehende verkehrliche, siedlungsstrukturelle und soziale Infrastrukturen auf städtischer/stadtregionaler Ebene in den Blick genommen und der Frage nachgegangen, welche übergeordneten Konsequenzen sich durch Homeoffice für die sozial-ökologische Transformation ergeben. Leitend für unsere Untersuchung sind die folgenden drei Forschungsfragen: 1) Welche Vorteile oder Belastungen ergeben sich auf individueller Ebene für Arbeitnehmer*innen und Haushalte, wenn Careund Erwerbsarbeit raum-zeitlich neu organisiert werden müssen? Hierbei ist von Interesse, wie Arbeitnehmer*innen und Haushalte in der Umsetzung ortsflexibler Arbeitsmodelle Careund Erwerbsarbeit räumlich und zeitlich organisieren, welche Rolle hier je unterschiedliche Betriebsund Wohnorte sowie Zugang zu Verkehrsund sozialen Infrastrukturen spielen, welche Bedeutung die Ausstattung des Wohnraums hat sowie welche geschlechtsspezifische Aufteilung von Familienoder Pflegeverantwortung sich erkennen lässt. Empirisch bedeutet dies, Arbeitsteilungen, Alltagsbedarfe, Wohnraumausstattung, Mobilitätsressourcen, Wegebeziehungen und zeitliche Abläufe in den Haushalten zu erfassen und ins Verhältnis zur betrieblichen Tätigkeit zu setzen.
1 Einleitung | 21 2) Wie lässt sich die raum-zeitliche Neuorganisation von Careund Erwerbsarbeit im Hinblick auf die vorhandenen Siedlungsstrukturen, die Ausstattung mit Verkehrsund sozialer Infrastruktur sowie die spezifischen Mobilitätsangebote bewerten? Hierbei ist von Interesse, die im Kontext der ersten Forschungsfrage erhobenen Daten zur Neuorganisation von Careund Erwerbsarbeit mit den Siedlungsstrukturen auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen in Bezug zu setzen. Es sind die Stadtteilebene, die gesamtstädtische Ebene, die Ebene der Metropolregion und des Umlandes in Bezug auf die genutzten bzw. nicht genutzten Verkehrsund sozialen Infrastrukturen und Mobilitätsangebote zu analysieren. Empirisch bedeutet dies, die erhobenen Daten zu Pendelverflechtungen in Bezug auf die verschiedenen räumlichen Ebenen und unterschiedliche Branchen und Betriebstypen zu systematisieren und auszuwerten. 3) Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Befunden für die sozial-ökologische Transformation? Im Sinne einer Zusammenführung und Synthese der beiden vorhergehenden Fragen interessieren hier die Identifikation von Risiken und Problemen einerseits sowie Potenzialen und Lösungsansätzen andererseits. Die Analyse fokussiert erstens auf die strukturelle Interdependenz sozialer und ökologischer Aspekte in der Ausgestaltung ortsflexibler Arbeitsmodelle. Dies ist zweitens in Verbindung mit strukturellen Verteilungsund Teilhabefragen, die sich aus der Alltagsrelevanz von Raumbeziehungen ergeben, zu setzen. Drittens ist hier die grundlegende Wirksamkeit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und raum-zeitlicher Organisation von Careund Erwerbsarbeit zu reflektieren, die in der Planung immer noch zu wenig Berücksichtigung findet. Die erste Forschungsfrage zur individuellen bzw. haushaltsbezogenen Ebene des Homeoffice-Alltags wird mithilfe der quantitativen und qualitativen Datenerhebung bearbeitet. In den einzelnen Schritten werden weitere Unterfragen formuliert und Fokussierungen vorgenommen (Kapitel 2.3). Diese und die zweite Forschungsfrage nach dem Zusammenhang der Neuorganisation von Careund
22 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Erwerbsarbeit und gegebenen Siedlungsund Verkehrsstrukturen werden im Rahmen der Datenauswertung und -analyse untersucht und beantwortet (Kapitel 3). In Kapitel 4 wird der dritten Forschungsfrage nach den Erkenntnissen für die sozialökologische Transformation nachgegangen. 1.3 Inhaltlicher Aufbau Im folgenden Kapitel 2 wird das methodische Vorgehen detailliert beschrieben. Zunächst wird der Erhebungsraum, die Metropolregion Hamburg, mit dem Fokus auf sozialund siedlungsstrukturelle Gegebenheiten sowie Pendelverflechtungen und Wohnungsmarktcharakteristika vorgestellt (Kapitel 2.1). Anschließend wird die standardisierte Befragung methodisch erläutert und die quantitative Stichprobe beschrieben und eingeordnet (Kapitel 2.2). Im nächsten Kapitel 2.3 wird das Vorgehen der qualitativen Erhebung erläutert, wobei auf die Methode der halbstrukturierten Interviews eingegangen und die qualitative Stichprobe charakterisiert sowie die Analyse der Interviewdaten beschrieben wird. Es folgen eine Definition und Klärung zentraler Begriffe, die für das Verständnis der folgenden Analysen und Ergebnisse notwendig sind (Kapitel 2.4). Kapitel 3 widmet sich der Darstellung der Ergebnisse und ist in mehrere thematische Unterkapitel unterteilt, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Forschungsfragen beleuchten. In Kapitel 3.1 wird zunächst der aktuelle Stand der Forschung zum Thema Homeoffice dargestellt, gefolgt von einer deskriptiven Analyse unserer Befragungsdaten mit einem Fokus auf die sozialen, räumlichen und zeitlichen Dimensionen der Arbeit im Homeoffice. Kapitel 3.2 konzentriert sich auf die Effekte des Homeoffice auf Wege und Verkehrsmittelnutzung. Neben dem Stand der Forschung werden die Unterschiede in den Wegemustern je nach Haushaltsform und Wohnstandort sowie zeitliche Strukturen diskutiert. Das folgende Kapitel 3.3 untersucht die Effekte des Homeoffice auf Alltagsund Haushaltsorganisation mit einem Fokus auf Arbeitsteilungen in Paarund Familienhaushalten. Auch hier wird zunächst eine Einbettung in den Forschungsstand vorgenommen, um dann die sozialen, räumlichen und zeitlichen Dimensionen zu beleuchten. In Kapitel 3.4 werden die räumlichen und zeitlichen Dimensionen auf Ebene des Wohnraums und auf Ebene der außerhäuslichen Aktivitäten verschränkt. Auf Basis der qualitativen Daten lassen sich verschiedene Homeoffice-
1 Einleitung | 23 Typen ableiten: Haushalte strukturieren ihren Alltag an Homeoffice-Tagen unterschiedlich und haben unterschiedliche Wegemuster. Abhängig von sozialen Faktoren ergeben sich verschiedene Anpassungen im Alltag, die sowohl Erleichterungen als auch Herausforderungen mit sich bringen. Zum Abschluss des Ergebniskapitels werden Effekte auf Wohnstandortentscheidungen (Kapitel 3.5) vorgestellt und die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst (Kapitel 3.6). Im letzten Kapitel 4 leiten wir aus unseren Ergebnissen Herausforderungen und Chancen für die sozial-ökologische Transformation ab und zeigen Handlungsbedarfe auf Ebene der Wohnraumpolitik (Kapitel 4.1), der Verkehrsentwicklung (Kapitel 4.2) und der Stadtentwicklung (Kapitel 4.3) auf.
24 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens 2 Methodisches Vorgehen Die Datenerhebung besteht aus einer Kombination von quantitativen und qualitativen Befragungsmethoden, die aufeinander aufbauen. In einem ersten Schritt wurde eine standardisierte Online-Befragung unter Arbeitnehmer*innen, die in Betrieben aus homeofficefähigen Branchen beschäftigt sind, durchgeführt. Für die Erstellung des Fragebogens wurde die zugrundeliegende Fragestellung (vgl. Kapitel 1.2) in vier Themenblöcken Wohnverhältnisse, Arbeitsverhältnisse, Haushaltsmodelle und -verantwortungen sowie Alltagsorganisation und Mobilität operationalisiert (Abbildung 1). Aus der quantitativen Stichprobe (n = 956) wurden anschließend 27 Interviewpartner*innen kontrastierend ausgewählt und in leitfadengestützten Interviews, deren Struktur sich auch an den vier Themenblöcken orientierte, vertiefend befragt. So konnten die gewonnenen statistischen Zusammenhänge durch subjektive Erfahrungen und Sinndimensionen ergänzt werden. Zur Einordnung des Erhebungsraums wird im Folgenden (Kapitel 2.1) zunächst die Metropolregion Hamburg vorgestellt und anschließend die standardisierte (Kapitel 2.2) und die qualitative Erhebung (Kapitel 2.3) methodisch erläutert. Quelle: eigene Darstellung Abbildung 1: Vier Themenblöcke der empirischen Untersuchung.
Methodisches Vorgehen | 25 2.1 Erhebungsraum: Metropolregion Hamburg Der Erhebungsraum umfasst die Metropole Hamburg mit einer Bevölkerung von knapp 1,9 Millionen Einwohner*innen sowie die Metropolregion Hamburg, die aus weiteren 17 Kreisen und drei kreisfreien Städten besteht und sich über die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern erstreckt. Insgesamt leben im Erhebungsraum somit 5,5 Millionen Menschen, von denen knapp 2,2 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind (Statistik Nord 2021). Die Wahl des Untersuchungsraums, der über die administrativen Grenzen der Stadt Hamburg hinausreicht, soll zum einen den vielfältigen Stadt-Umland-Verflechtungen Rechnung tragen, die sich auch in zunehmend regionalisierten Lebensweisen widerspiegeln (Kühl/Wörmer 2012). Zum anderen ist es der Anspruch der Studie, nicht nur Aussagen zu städtischen Alltagskontexten zu machen, sondern auch kleinstädtische und ländliche Wohnstandorte in den Blick zu nehmen. Bedingt durch die Eingemeindung der Städte Altona, Harburg und Wandsbek in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeichnet sich Hamburg bis heute durch eine ausgeprägte polyzentrische Stadtstruktur aus. Die Metropolregion ist dagegen auf Ebene der Oberzentren 1 monozentrisch strukturiert. So sind die etwa 50 bis 65 Kilometer entfernten, nächstgelegenen Oberzentren Lüneburg (77.000 Einwohner*innen), Lübeck (218.000 Einwohner*innen) und Neumünster (80.000 Einwohner*innen) bedeutend kleiner als Hamburg. Im Verdichtungsraum der Metropole Hamburg und damit in unmittelbarer Nähe zu den administrativen Stadtgrenzen gruppieren sich die Mittelzentren Ahrensburg, Geesthacht, Norderstedt, Pinneberg und Wedel, die zum Großteil an das hamburgische Uund S-Bahnnetz angeschlossen sind. Für räumlich-siedlungsstrukturelle Auswertungen wird der Untersuchungsraum in diesem Bericht in vier Raumtypen eingeteilt (Abbildung 2). Diese Einteilung erfolgt in Abwägung zwischen räumlicher Differenzierungstiefe und einer ausreichenden Fallzahl für die jeweiligen Raumtypen. Die Hamburger Stadtteile 1 Oberzentren bezeichnen in der Raumordnung und Wirtschaftsgeografie einen zentralen Ort der höchsten Stufe. Diese sind durch spezifische Funktionausstattungen im Bereich Waren, Kultur, Gesundheitsversorgung, Bildung und Verwaltung gekennzeichnet, die über den Grundbedarf hinausgehen.
32 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Form einer Wegeberichterstattung (ex post) für einen Homeoffice-Tag und einen Bürotag erfasst. VI. Ausblick. Abschließende Fragen zum Umfang zukünftiger Arbeit im Homeoffice und Wohnstandortüberlegungen. VII. Angaben zur Person. Abfrage sozio-demografischer Merkmale. Der Fragebogen enthält größtenteils eigens für diese Studie entwickelte, geschlossene Fragen. Eine Besonderheit stellt Themenblock V dar, in dem in Anlehnung an klassische Wegetagebücher bis zu zehn Wege (mit Startzeit und Wegezweck) an zwei Stichtagen (einem Tag im Homeoffice und einem Tag im Büro) abgefragt wurden. Die Feldphase der standardisierten Erhebung fand zwischen Dezember 2022 und März 2023 statt. 9 Für die Erhebung wurden zunächst Branchen identifiziert, die prinzipiell Homeoffice-geeignete Tätigkeiten umfassen: Versicherungen, Banken, Verlagswesen, öffentliche Verwaltung und Planung. Aus dieser Gruppe wurden ausgewählte Betriebe angeschrieben, die in der Metropole Hamburg sowie der dazugehörigen Metropolregion ansässig sind. Auf diese Anfrage hin erklärten 16 Betriebe 10 ihre Bereitschaft, unseren Fragebogen an alle ihre Beschäftigten mit der Bitte um Teilnahme weiterzuleiten. Die realisierte Stichprobe lässt sich entsprechend als Klumpenstichprobe 11 (mit den Betrieben als Klumpen und ihren Beschäftigten als zu untersuchenden Objekten) beschreiben, wobei jedoch aufgrund von Teilnahmeverweigerung keine Vollerhebung der Klumpen erreicht werden konnte und bei Online-Befragungen typischerweise Selbstselektions-Effekte 9 Die standardisierte Erhebung fiel somit in die Zeit, in der die Pandemie-bedingten Maßnahmen weitestgehend aufgehoben waren. Zudem war das im Sommer 2022 für drei Monate eingeführte „9-Euro-Ticket“ nicht mehr erhältlich und das „Deutschlandticket“ noch nicht eingeführt. 10 Die Größe der Betriebe variiert stark und liegt zwischen ca. 20 und 1200 Mitarbeitenden. 11 Für eine Klumpenstichprobe wird die Grundgesamtheit in Teilgesamtheiten – Klumpen – zerlegt, die das zu untersuchende Merkmal enthalten. Die Datenerhebung findet nur innerhalb dieser Klumpen statt. In unserem Fall waren das Betriebe innerhalb der Metropolregion, in denen aufgrund der Tätigkeiten Homeoffice möglich ist. Innerhalb der Betriebe (Klumpen) wurden alle Erwerbstätige befragt (einstufige Klumpenstichprobe).
Methodisches Vorgehen | 33 auftreten (Döring 2023, S. 307). Die Erhebung wurde als Online-Befragung mithilfe der Software LimeSurvey durchgeführt. Insgesamt haben n = 1.100 Befragte den Frageborgen vollständig ausgefüllt, was einer Brutto-Rücklaufquote von etwa 20 Prozent entspricht. Nach Abzug derjenigen Personen, die nicht im Untersuchungsraum der Metropolregion Hamburg wohnen, bleibt eine Netto-Stichprobe von n = 956 Befragten. Die Stichprobe besteht zu 65 Prozent aus weiblichen und zu 35 Prozent aus männlichen Teilnehmenden. Das Durchschnittsalter beträgt 44,7 Jahre, wobei die jüngste Person 19 Jahre und die älteste Person 67 Jahre alt ist. Das Netto-Einkommen wurde in Kategorien abgefragt und beträgt für die Mehrheit 2.500 bis 3.000 Euro. Der Anteil der Personen mit akademischem Berufsabschluss ist mit etwa 32 Prozent deutlich höher als in der Grundgesamtheit der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Metropolregion Hamburg (18 Prozent; Statistik Nord 2021). Der größte Teil der Befragten arbeitet in der öffentlichen Verwaltung (44 Prozent), ein Viertel arbeitet bei Banken, 19 Prozent bei Verlagen und ein geringfügiger Anteil bei Versicherungen (8 Prozent) und freien Stadtplanungsbüros (5 Prozent). Der Anteil an Teilzeitbeschäftigten liegt mit 28 Prozent nur geringfügig unter dem der amtlichen Beschäftigungsstatistik der Metropolregion (31 Prozent; Bundesagentur für Arbeit 2023a). Mit rund 38 Prozent ist der Teilzeit-Anteil unter Frauen in unserem Sample deutlich höher als unter Männern (8 Prozent). Diese Unterschiede finden sich auch in der Beschäftigungsstatistik, wobei der Teilzeit-Anteil bei weiblichen Beschäftigten 50 Prozent beträgt und bei männlichen 14 Prozent (Statistik Nord 2023). Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei 2,4 Personen und damit etwas über dem Durchschnitt in der Metropolregion Hamburg (BBSR 2024). Mit 19 Prozent liegt der Anteil der allein lebenden Personen in unserer Stichprobe sehr deutlich unter dem Anteil der Einpersonenhaushalte an allen Haushalten der Stadt Hamburg (51 Prozent) sowie denen der Umlandkreise (etwa 38 Prozent). Dies dürfte ein Effekt der Konzentration auf Erwerbstätige sein, wodurch u. a. alleinlebende Studierende, Auszubildende oder Rentner*innen nicht Teil der Erhebungsgesamtheit sind. Dagegen leben 31 Prozent der befragten Personen mit minderjährigen Kindern im Haushalt, was über dem Anteil von Haushalten mit Kindern an allen Haushalten in der Metropolregion (etwa 27 Prozent) liegt (BBSR 2024).
34 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Abbildung 3: Fallzahlen nach Wohnstandorten in der Metropolregion Quelle: eigene Darstellung Für räumliche Analysen wurden die Wohnstandorte der befragten Personen über die Postleitzahl abgefragt. Wie Abbildung 3 zeigt, verteilen sich die Wohnstandorte der befragten Personen nicht ganz gleichmäßig über die Metropolregion Hamburg, was mit der Verortung der Betriebe zusammenhängt. Ein Großteil der Befragten wohnt in der Stadt Hamburg, wo elf der 16 teilnehmenden Betriebe ansässig sind. Weitere Schwerpunkte liegen im Landkreis Rotenburg und den Kreisen Steinburg und Dithmarschen, in denen drei der fünf außerhalb von Hamburg verorteten Betriebe ihren Sitz haben. Dabei pendeln 44 Prozent der Befragten von
Methodisches Vorgehen | 35 ihrem Wohnort im Hamburger Umland 12 zu ihrem Arbeitsplatz, der ebenfalls im Umland verortet ist. Innerhalb der Stadt Hamburg pendeln 35 Prozent zwischen Wohnung und Arbeitsplatz und 20 Prozent pendeln von einem Umland-Wohnstandort in die Stadt Hamburg hinein. In der Hamburger Innenstadt wohnen rund 16 Prozent der Befragten, die nach Matthes und Gertz (2014, S. 61) somit sehr gute Möglichkeiten der nahräumlichen Versorgung und die besten Erreichbarkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln haben (vgl. Abbildung 2 in Kapitel 2.1). Jeweils 21 Prozent der Befragten wohnen am Stadtrand und im suburbanen Raum. Der Großteil der Befragten (42 Prozent) lässt sich im ländlichen Raum verorten. 2.3 Qualitative Erhebung und Beschreibung des qualitativen Samples Um tiefere Einblicke zu erhalten und die Alltagsstrukturen der Befragten besser zu verstehen, wurden mit einer kleinen Gruppe der Befragten offene Interviews durchgeführt. Im standardisierten Fragebogen konnten die Teilnehmenden ihre Bereitschaft dazu angeben. Letztlich führten wir 27 Interviews im Zeitraum von Mai bis August 2023 durch. Im folgenden Kapitel beschreiben wir das Sample und das Vorgehen der qualitativen Datenerhebung (Kapitel 2.3.1) sowie die Vorgehensweise bei der Auswertung (Kapitel 2.3.2) und Analyse (Kapitel 2.3.3). 2.3.1 Interviews Die qualitativen Interviews ergänzen und vertiefen ausgewählte Aspekte aus den quantitativen Daten, insbesondere die subjektiven Motive, Rationalitäten und Rahmenbedingungen des Alltags. Der Alltag und seine Routinen an einem Homeoffice-Tag standen bei den Gesprächen im Vordergrund. Wir führten halboffene (semistrukturierte) Interviews mithilfe eines Leitfadens durch. Die Interviews fanden bei den Befragten zu Hause statt. Dadurch erlebten wir die Personen an den 12 Umland meint alle Wohnstandorte, die sich außerhalb der Stadt Hamburg, jedoch innerhalb der Grenzen der Metropolregion befinden (siehe Abbildung 3Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.).
36 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Alltagsorten, über die sie sprachen, und konnten die Erzählungen besser nachvollziehen. Als Eingangsstimulus, der die Person zum Erzählen bringen sollte, und um die Wege und Orte in der Nachbarschaft der Personen besser nachvollziehen zu können, arbeiteten wir mit einer Mindmap (vgl. Abbildungen 33 und 34 im Anhang). Mithilfe von Kärtchen, auf denen Orte und Verkehrsmittel abgebildet waren, setzten die Personen ihre alltäglichen Orte zueinander in Beziehung und erzählten, wie sie dorthin gekommen sind. Wir spielten das einmal für einen Tag im Büro und einmal für einen Tag im Homeoffice durch. Die Mindmaps sind nicht maßstabsgetreu und die Entfernungen zwischen den Orten entsprechen subjektiven Wahrnehmungen der Befragten. Der Interviewleitfaden dient als lenkendes und strukturierendes Element, also als roter Faden für das Interview (Misoch 2019, S. 65). Der thematische Rahmen der Interviews ergab sich aus den Forschungsfragen und den daraus abgeleiteten vier Themenblöcken, die unsere empirischen Erhebungen anleiteten: Wohnverhältnisse, Haushaltsmodelle und -verantwortungen, Alltagsorganisation und Mobilität und Arbeitsverhältnisse (vgl. Kapitel 1.2). Bei der Erarbeitung des Leitfadens erfolgte eine Fokussierung auf Alltagsroutinen und Entscheidungen im Homeoffice. Der Themenblock Arbeitsverhältnisse wurde dementsprechend gestrichen. Zudem wurden die Formulierungen sprachlich an die Alltagssprache angepasst und die Themenblöcke begrifflich spezifischer definiert (Interviewleitfaden im Anhang). Die Interviews orientierten sich demnach an den folgenden inhaltlichen Themenblöcken, ergänzt durch die Einstiegsfrage am Anfang und die Gelegenheit für Anmerkungen und Ergänzungen am Ende. I. Einstiegsfrage. Die Person wurde gebeten, den bisherigen bzw. den letzten Tag im Homeoffice zu beschreiben. Die Mindmap unterstützte dies und diente dazu, die Wege an einem Homeofficeund einem Bürotag exemplarisch zu veranschaulichen. II. Wohnsituation und Arbeitsort zu Hause. In diesem Block wurden räumliche Aspekte thematisiert. Die Befragten wurden gebeten, ihre Wohnsituation und ihren Wohnraum zu beschreiben und zu erläutern, wo und wie die Mitglieder
Methodisches Vorgehen | 37 des Haushalts im Homeoffice arbeiten und welche Anpassungen hierfür gegebenenfalls vorgenommen werden. III. Wohnalltag und Haushaltsorganisation. In diesem Block fragten wir nach den Konsequenzen von Homeoffice-Nutzung im Alltag. Die Befragten sollten beschreiben, wie sich Homeoffice mit der Alltagsund Haushaltsorganisation und insbesondere mit Betreuungsund Pflegeaufgaben vereinbaren lässt. IV. Nachbarschaft und Mobilität. Im dritten Block ging es um Orte und Wege außerhalb des Wohnraums. Wir fragten danach, welche Alltagsorte für die Befragten an Homeoffice-Tagen von Relevanz sind und welche Verkehrsmittel für die Alltagsorganisation an diesen Tagen genutzt werden. V. Konflikte und Herausforderungen. Abschließend fragten wir noch einmal übergreifend, ob Interessenkonflikte oder Herausforderungen durch Homeoffice bei den Befragten gesehen wurden. VI. Anmerkungen und Ergänzungen. Am Ende wurde Gelegenheit für Kommentare und ergänzende Hinweise gegeben. 2.3.2 Auswahl der Interviewpartner*innen Für unseren Untersuchungsfokus auf die räumliche und zeitliche Organisation des Haushalts im Kontext des Homeoffice war es von Interesse, sowohl Paarhaushalte mit als auch ohne Kinder in die Untersuchung einzubeziehen. Auf diese Weise lassen sich Unterschiede aufzeigen und die Verteilung von Hausund Betreuungsarbeit beleuchten. In dem vorliegenden Datensatz aus der standardisierten Erhebung sind vor allem heterosexuelle Paarhaushalte vertreten, sodass auch in der vertiefenden Analyse diese Haushaltsform repräsentiert ist. Ein weiterer für unsere Untersuchung relevanter Faktor ist der Wohnort. Diese beiden Einflussfaktoren, Wohnort und Kinder im Haushalt, waren die Grundlage für die Auswahl der Interviewpartner*innen (Tabelle 1). Wir kontaktierten 16 Paarhaushalte mit Kindern und 16 Paarhaushalte ohne Kinder für ein Interview, wobei jeweils die Hälfte der Angefragten Frauen und die andere Hälfte Männer waren. Es lag eine gleichmäßige Verteilung nach Arbeitsort (Stadt oder Metropolregion) und Wohnort (Stadt oder Metropolregion) vor. In der Erhebungsphase zeigte sich, dass nicht alle Angeschriebenen antworteten und insbesondere Frauen mit Kindern unterrepräsentiert waren. Deshalb wurden in einem zweiten Anlauf explizit Frauen mit Kindern angeschrieben. Hier
38 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens haben wir Alleinerziehende in die Auswahl einbezogen. Um einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen, arbeiteten wir mit einer Aufwandsentschädigung von 100 Euro. Tabelle 1: Vorauswahl des Samples Paarhaushalte Geschlecht Arbeitsort Wohnort 16 Paarhaushalte mit Kindern 8 Frauen 6 Stadt Hamburg 3 Stadt Hamburg 3 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion 8 Männer 6 Stadt Hamburg 3 Stadt Hamburg 3 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion 16 Paarhaushalte ohne Kinder 8 Frauen 6 Stadt Hamburg 3 Stadt Hamburg 3 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion 8 Männer 6 Stadt Hamburg 3 Stadt Hamburg 3 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion Tabelle 2 zeigt das realisierte Sample. Insgesamt interviewten wir 27 Personen: 12 aus Paarhaushalten mit Kindern, davon 8 Frauen und 4 Männer; 11 aus Paarhaushalten ohne Kinder, davon 5 Frauen und 6 Männer; 4 alleinerziehende Frauen. Von den Befragten wohnen 13 in der Metropolregion, davon arbeiten 4 in der Stadt Hamburg und 9 in der Metropolregion. 14 Befragte wohnen und arbeiten in der Stadt Hamburg. In Tabelle 3 werden die Interviewpartner*innen im Hinblick auf relevante Merkmale charakterisiert, die für die Einordnung der Aussagen der Befragten von Bedeutung sind. Die Informationen hierfür sind sowohl den Interviews als auch der Fragebogenerhebung entnommen. Im Anhang findet sich ergänzend eine ausführliche Vorstellung der Interviewpartner*innen (Anhang 2). Für die Darstellung in diesem Bericht wurden alle Personennamen anonymisiert und Details, die Rückschlüsse auf einzelne Personen erlauben würden, verändert oder weggelassen.
Methodisches Vorgehen | 39 Tabelle 2: Realisiertes Sample Haushalte Geschlecht Arbeitsort Wohnort 12 Paarhaushalte mit Kindern 8 Frauen 5 Stadt Hamburg 4 Stadt Hamburg 1 Metropolregion 3 Metropolregion 3 Metropolregion 4 Männer 4 Stadt Hamburg 4 Stadt Hamburg 11 Paarhaushalte ohne Kinder 5 Frauen 3 Stadt Hamburg 1 Stadt Hamburg 2 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion 6 Männer 4 Stadt Hamburg 3 Stadt Hamburg 1 Metropolregion 2 Metropolregion 2 Metropolregion 4 Alleinerziehende 4 Frauen 2 Stadt Hamburg 2 Stadt Hamburg 2 Metropolregion 2 Metropolregion Tabelle 3: Kurzvorstellung der Interviewpartner*innen nach ausgewählten Merkmalen Wohnort Haushaltstyp Anzahl Kinder im Haushalt Wohnfläche (pro Kopf) Nutzung Homeoffice (Tage/ Woche) Arbeitsweg Frau Ahorn (Projektmanagerin) Hamburg Paarhaushalt keine 40 m2 2 17 Min. (Fahrrad) Frau Birke (Media Consultant) Hamburg alleinerziehend 3 24 m2 3–4 18 Min. (Fahrrad)
40 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Frau Buche (Sachbearbeiterin) Metropolregion Paarhaushalt keine 40 m2 3–4 60 Min. (Pkw) Herr Douglasie (Grafiker) Hamburg Paarhaushalt 2 29 m2 2 15 Min. (Fahrrad) Frau Eiche (Online-Producerin) Hamburg alleinerziehend 2 30 m2 2 20 Min. (Fahrrad) Herr Esche (Organisationsmanager) Hamburg Paarhaushalt 2 25 m2 gelegentlich 5 Min. (Fahrrad) Herr Fichte (Content-Manager) Hamburg Paarhaushalt 2 22 m2 3–4 15 Min. (Fahrrad) Herr Goldregen (Media Consultant) Hamburg Paarhaushalt keine 38 m2 3–4 20 Min. (Fahrrad) Frau Haselnuss (Verlagskauffrau) Hamburg Paarhaushalt 1 27 m2 3–4 15 Min. (ÖV) Herr Johannisbeerbaum (Laborleiter) Metropolregion Paarhaushalt keine 70 m2 2 5 Min. (E-Bike) Herr Kastanie (Referent) Hamburg Paarhaushalt keine 27 m2 2 30 Min. (ÖV) Frau Kirschbaum (Sozialpädagogin) Metropolregion Paarhaushalt 1 60 m2 2 40 Min. (Pkw) Frau Linde (Projektmanagerin) Hamburg Paarhaushalt 1 31 m2 3–4 30 Min. (ÖV)
Methodisches Vorgehen | 41 Frau Mandelbaum (Mediengestalterin) Hamburg Paarhaushalt 2 35 m2 2 25 Min. (zu Fuß) Frau Nussbaum (Online-Redakteurin) Hamburg Paarhaushalt 1 40 m2 täglich 40 Min. (ÖV) Herr Orangenbaum (Controller) Hamburg Paarhaushalt keine 100 m2 2 60 Min. (Pkw) Herr Pappel (wissenschaftlicher Mitarbeiter) Hamburg Paarhaushalt 1 26 m2 3–4 45 Min. (Fahrrad) Frau Quitte (Versicherungskauffrau) Metropolregion Paarhaushalt keine 45 m2 2 60 Min. (ÖV) Frau Robinie (Verwaltungsfachangestellte) Metropolregion alleinerziehend 2 40 m2 gelegentlich 20 Min. (Pkw) Herr Stechpalme (wissenschaftlicher Mitarbeiter) Metropolregion Paarhaushalt keine 35 m2 2 5 Min. (zu Fuß) Frau Tanne (technische Sachbearbeiterin) Metropolregion Paarhaushalt 1 39 m2 2 45 Min. (ÖV) Frau Tulpenbaum (kaufmännische Angestellte) Metropolregion Paarhaushalt 3 28 m2 täglich 30 Min. (Pkw) Herr Ulme (Finanzreferent) Metropolregion Paarhaushalt keine 35 m2 gelegentlich 40 Min. (Fahrrad) Frau Vogelbaum (Gutachterin Immobilien) Metropolregion Paarhaushalt keine 82 m2 2 25 Min. (Fahrrad)
48 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens einen Überblick über den Forschungsstand zur Arbeit im Homeoffice mit einem Fokus auf soziale und räumliche Ungleichheiten und stellt anschließend die Ergebnisse unserer Erhebung vor. Hierbei werden soziale, räumliche und zeitliche Aspekte beleuchtet und der Frage nachgegangen, wer auch nach Ende der CoronaPandemie im Homeoffice arbeitet. 3.1.1 Stand der Forschung Das in vielen Betrieben während der Corona-Pandemie erzwungenermaßen eingeführte Arbeiten im Homeoffice erwies sich für viele Erwerbstätige als vorteilhaft bei der Organisation von Careund Erwerbsarbeit (Emmler/Kohlrausch 2021, S. 16) und generell des Alltags, sodass auch nach Ende der Pandemie der Anteil der im Homeoffice arbeitenden Erwerbstätigen hoch ist. Doch nicht jeder bzw. jede hat die Möglichkeit oder die Voraussetzungen, im Homeoffice zu arbeiten bzw. dieses erfolgreich zu nutzen, was Konfliktlinien entlang sozialer und räumlicher Dimensionen deutlich werden lässt, die im Folgenden beschrieben werden. Ob überhaupt im Homeoffice gearbeitet werden kann, ist von der Branche und der ausgeübten Tätigkeit abhängig. Dem Statistischen Bundesamt (2024a) zufolge sind die Branchen mit den höchsten Anteilen an im Homeoffice arbeitenden Beschäftigten im Jahr 2022 IT-Dienstleistungen (76 Prozent), Unternehmensberatung (73 Prozent) und Versicherungen und Pensionskassen (70 Prozent). Größere ungenutzte Homeoffice-Potenziale finden sich einer Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung zufolge bei Finanzund Versicherungsdienstleistungen und in der öffentlichen Verwaltung (Emmler/Kohlrausch 2021, S. 6). Gleichzeitig gibt knapp die Hälfte der dort Befragten an, dass sich die ausgeübte Tätigkeit nicht für das Homeoffice eignet (Emmler/Kohlrausch 2021, S. 5). Dies ist besonders in den Branchen Gesundheitsund Sozialwesen sowie im Einzelhandel und Baugewerbe der Fall, in denen kaum jeder zehnte abhängig Beschäftigte im Homeoffice arbeitet (Statistisches Bundesamt 2024a). Niehoff und Holst (2023) sehen starke klassenspezifische Ungleichheiten hinsichtlich des Zugangs zu Homeoffice, des Ausmaßes der Erwerbsarbeit von zu Hause sowie der arbeitspolitischen Qualität dieser Erwerbsarbeit. Die arbeitspolitische Qualität umfasst die technische und ergonomische Ausstattung des Arbeitsplatzes im Homeoffice sowie die vertrauensvolle Steuerung und Einbindung in
3 Ergebnisse | 49 betriebliche Arbeitsabläufe. Demnach sind abhängig Beschäftigte in akademischen Berufen – und hier besonders die technischen Expert*innen (die Autoren bedienen sich des Klassenschemas nach Oesch (2006)) – durch die Erwerbsarbeit von zu Hause privilegiert. Sie haben erstens die größten Chancen, Zugang zu Homeoffice zu erhalten, zweitens längere Zeitabschnitte, um im Homeoffice zu arbeiten, und drittens die besten Arbeitsbedingungen für die Tätigkeit im Homeoffice. Da die Klasse der technischen Expert*innen männlich dominiert ist, erkennen die Autoren, insbesondere was gute arbeitspolitische Bedingungen im Homeoffice angeht, hierin zusätzliche männliche Arbeitnehmende privilegierende Geschlechtereffekte (Niehoff/Holst 2023, S. 323). Neben branchenund klassenspezifischen Ungleichheiten unterliegt die Arbeit im Homeoffice auch weiteren sozialstrukturellen Ungleichheiten. So sind es besonders ältere und berufserfahrenere Beschäftigte, die von der Arbeit im Homeoffice profitieren (Pfnür et al. 2021, S. 47). Im Gegensatz zu Berufseinsteiger*innen sind sie weniger auf die soziale Interaktion mit Kolleg*innen angewiesen und können ihren Arbeitsalltag effizienter strukturieren (Pfnür et al. 2021, S. 87). Zudem gehören berufserfahrene Personen eher zu der Gruppe der besserverdienenden Personen, die häufiger sowie zufriedener und produktiver von zu Hause ihrer Erwerbsarbeit nachgeht als Personengruppen mit geringeren Einkommen (Emmler/Kohlrausch 2021. S. 10; Pfnür et al. 2021, S. 47). Auch die Haushaltskonstellation spielt für die Arbeit im Homeoffice eine wichtige Rolle. Je mehr Personen im Haushalt leben, desto schwieriger ist eine produktive und konzentrierte Arbeit im Homeoffice, insbesondere wenn Kinder im Haushalt leben (Niehoff/Holst 2023, S. 322). Gleichzeitig vereinfacht das Arbeiten von zu Hause gerade für Personen mit betreuungspflichtigen Kindern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Laß/Wooden 2022). Hier zeigt sich jedoch, dass Homeoffice für Mütter häufiger mit Care-Arbeit, insbesondere der Kinderbetreuung, verbunden ist, während Väter Homeoffice eher zur Bewältigung der Erwerbsarbeit nutzen (Ahlers et al. 2021, S. 12; Laß/Wooden 2022, S. 15). Für Alleinlebende bietet das Homeoffice zwar eine ungestörte Arbeitsumgebung, es kann jedoch auch das Gefühl der Einsamkeit verstärken, mit negativen Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit (Pfnür et al. 2021, S. 87). Teilweise verschränkt mit sozialstrukturellen Ungleichheiten sind (wohn-)- räumliche Ungleichheiten. Pfnür et al. (2021) untersuchen den Einfluss von
50 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Wohnlage und Wohnung auf den Arbeitserfolg im Homeoffice. Demnach zeigt sich eine höhere Arbeitszufriedenheit und -produktivität im Homeoffice bei Personen, die in Stadtrandlagen und gehobenen Einfamilienhaus-Gebieten mit guten Nachbarschaftsbeziehungen wohnen, während beengte Wohnverhältnisse in Mehrfamilienhäusern dem Arbeitserfolg im Homeoffice entgegenstehen (Pfnür et al. 2021, S. 68). Gleichzeitig zeigt sich, dass Nutzungsvielfalt und Fußläufigkeit im Wohnviertel von Personen mit Homeoffice geschätzt werden (Zenkteler et al. 2022). Neben der Lage stehen eine hohe bauliche Qualität der Wohnung und eine große Anzahl von Zimmern in Zusammenhang mit dem Arbeitserfolg im Homeoffice. Insbesondere ein separates Arbeitszimmer fördert die Zufriedenheit und Produktivität im Homeoffice, während Homeoffice-Plätze in anderen Zimmern diese eher schmälern (Pfnür et al. 2021, S. 79; Nationale Akademie der Wissenschaften/Union der deutschen Akademien der Wissenschaften 2024, S. 50). Orman et al. (2024, S. 40) weisen zudem darauf hin, dass ältere Menschen, deren Kinder ausgezogen sind, häufiger im Wohneigentum wohnen und hier die Möglichkeit haben, ein Arbeitszimmer einzurichten. Das Arbeiten im Homeoffice ist demnach vor allem für diejenigen ein Gewinn, die über einen hohen ökonomischen Status verfügen und sich in einer privilegierten sozialräumlichen Position befinden (Suckow/George 2023, S. 12). Einige arbeitssoziologische Studien beschäftigen sich mit dem Einfluss, den das Arbeiten im Homeoffice auf Arbeitszeiten und die damit verbundene sog. Work-Life-Balance hat (Lott 2020; Ahlers et al. 2021; Carstensen et al. 2022; Institut DGB-Index Gute Arbeit 2022). So verspricht das Arbeiten im Homeoffice die bessere Vereinbarkeit von Beruf und außerberuflichen Tätigkeiten, da Wegzeiten gespart werden und die Arbeitnehmer*innen sich ihre Arbeitszeiten, Pausenzeiten und Ruhezeiten freier einteilen können. Eine Studie des Instituts „DGB-Index Gute Arbeit“ zeigt, dass im „neuen Normal“ der ortsflexiblen Arbeit deutlich häufiger zu atypischen Zeiten gearbeitet wird, die ständige Erreichbarkeit höher ist und es zu mehr unbezahlter Mehrarbeit außerhalb der vereinbarten Arbeitszeiten kommt. Gleichzeitig verkürzen Beschäftigte im Homeoffice ihre Erholungsund Ruhezeiten und können in der Freizeit häufig nicht von der Erwerbsarbeit abschalten. Verschärft werden diese Entgrenzungstendenzen im Homeoffice, wenn die Arbeitsbelastung hoch ist und Beschäf-
3 Ergebnisse | 51 tigte häufig unter Zeitdruck arbeiten müssen (Institut DGB-Index Gute Arbeit 2022, S. 11). Besonders häufig zeigt sich diese Entgrenzung der Arbeit im Homeoffice bei höher qualifizierten Erwerbstätigen, deren Tätigkeiten mit größeren Handlungsspielräumen und Verantwortlichkeiten einhergehen (Ahlers et al. 2021, S. 19). Auch bei Erwerbstätigen mit zu betreuenden Kindern deuten sich stärker entgrenzte Arbeitszeiten an. So zeigt Lott (2019, S. 4), dass diese Erwerbstätigen mehr Überstunden machen als ohne Homeoffice und gleichzeitig mehr Zeit für Sorgearbeit aufwenden, wodurch weniger Zeit für die eigene Erholung bleibt. Lott (2019, S. 2) verweist zudem darauf, dass es häufig dann zu Entgrenzung kommt, wenn in Betrieben eine „Kultur der idealen Arbeitskraft“ vorherrsche, die den Beruf über das Privatleben stellt und in der von den Beschäftigten erwartet wird, die Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit für mehr Erwerbsarbeit zu nutzen. Insbesondere Beschäftigte mit Sorgeverantwortungen, die hierfür auf flexible Arbeitsarrangements angewiesen sind, laufen somit Gefahr, Karrierenachteile zu erfahren (Lott 2019, S. 3; vgl. Kapitel 3.3.1). Carstensen et al. (2022, S. 202) zeigen jedoch, dass mit der Corona-Pandemie auch ein Akzeptanzwandel in Unternehmen und bei Vorgesetzten stattgefunden hat, da sich ortsflexible Arbeitsarrangements in der Bilanz als positiv erwiesen haben. Ein Schlüssel zum Gelingen von ortsflexibler Arbeit sind betriebliche Regelungen, die nachweislich dazu beitragen können, der Entgrenzung von Erwerbsarbeit im Homeoffice entgegenzuwirken (Lott 2020; Ahlers et al. 2021). Zusammenfassend zeigen die vorliegenden Studien, dass nicht alle Arbeitnehmer*innen gleichermaßen vom Homeoffice profitieren. Ungleichheiten bei Zugang sowie Nutzung von Homeoffice werden auf unterschiedlichen Ebenen deutlich. Erstens ist Homeoffice nur in bestimmten Branchen und Tätigkeitsfeldern sinnvoll nutzbar. Somit profitieren vor allem Hochqualifizierte in technischen und administrativen Berufen von flexiblen Arbeitsmodellen. Damit einher gehen sozialstrukturelle Ungleichheiten, die sich in einer Erleichterung des Zugangs zu sowie der Nutzung von Homeoffice für besserverdienende, berufserfahrene Männer ohne Sorgeverantwortungen äußern. Zweitens zeigt sich, dass Wohnort und Wohnverhältnisse entscheidenden Einfluss auf die erfolgreiche Nutzung von Homeoffice haben. Großzügige Wohnverhältnisse begünstigen das Arbeiten von zu Hause, während beengte Wohnverhältnisse dies erschweren. Drittens zeigen
52 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens einige Studien, dass die flexiblere Arbeitszeitgestaltung im Homeoffice nicht nur die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie erleichtert, sondern vielfach auch zur Entgrenzung der Arbeit beiträgt, insbesondere in Familienhaushalten. Allerdings bezieht sich der Großteil der Studien auf die Zeit der CoronaPandemie, in der viele Arbeitnehmer*innen gezwungenermaßen im Homeoffice arbeiten mussten. Die in der vorliegenden Studie erhobenen Daten stammen aus dem Jahr 2023, in dem die Arbeit von zu Hause nicht von außen erzwungen ist. Im Folgenden werden wir unsere Ergebnisse bezüglich sozialer, räumlicher und zeitlicher Dimension des Arbeitens im Homeoffice darstellen. 3.1.2 Soziale Dimension Wie in Kapitel 3.1.1 einführend dargelegt, werden die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice und der zeitliche Umfang von sozialstrukturellen Faktoren beeinflusst. Nach Ende der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen und der teilweise auferlegten Homeoffice-Pflicht bleibt das Arbeiten von zu Hause Bestandteil vieler Arbeitsverhältnisse. Doch wer nutzt nach Ende der Pandemie die Homeoffice-Möglichkeiten und aus welchen Gründen? Dieser Frage gehen wir in diesem Unterkapitel mit Blick auf sozialstrukturelle Differenzen nach. Unsere Befunde bestätigen die in vielen Studien (z. B. Lott 2020) hervorgehobene Bedeutung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und zeigen, dass insbesondere Personen mit Familienverantwortung auch nach Ende der Pandemie weitverbreitet von zu Hause arbeiten. Gleichzeitig bestätigen unsere Daten, dass höhere Berufsabschlüsse und Einkommen die Nutzung von Homeoffice begünstigen (Niehoff/Holst 2023), wobei betriebliche Voraussetzungen und die Art der Tätigkeit eine wichtige Rolle spielen. Insgesamt arbeiten zwei Drittel (67 Prozent) der von uns Befragten aus prinzipiell homeofficefähigen Branchen (vgl. Kapitel 2.2) wöchentlich mindestens einen Tag im Homeoffice (Tabelle 5). Frauen arbeiten etwas häufiger im Homeoffice als Männer, junge Arbeitnehmer*innen unter 30 Jahren seltener als Personen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Darüber hinaus arbeiten Personen, die in Teilzeit beschäftigt sind, häufiger im Homeoffice als in Vollzeit arbeitende. Zudem bestätigen auch unsere Daten den im Forschungsstand angesprochenen Befund, dass Personen mit akademischen Berufsabschlüssen sowie Personen mit höheren Einkommen häufiger im Homeoffice arbeiten. Überdurchschnittlich
3 Ergebnisse | 53 häufig arbeiten außerdem Alleinerziehende im Homeoffice, während Alleinlebende seltener von zu Hause aus arbeiten. Für Paarhaushalte zeigt sich, dass häufiger nur die Partnerin im Homeoffice arbeitet und seltener nur der Partner, am häufigsten jedoch beide Partner*innen regelmäßig im Homeoffice arbeiten (vgl. Kapitel 3.3.2). Tabelle 5: Homeoffice-Nutzung und Gründe für Homeoffice-Nutzung nach demografischen und sozio-ökonomischen Merkmalen (Anteile in Prozent) Gründe für Arbeit im Homeoffice* n mind. einmal wöchentlich im Homeoffice Vereinbarkeit Privatleben und Beruf langer Arbeitsweg bessere Konzentration und Ruhe Anteil gesamt 953 66 % 80 % 66 % 60 % Geschlecht weiblich 618 68 % 83 % 68 % 61 % männlich 335 64 % 73 % 64 % 58 % Alter 18 bis unter 30 117 50 % 85 % 55 % 55 % 30 bis unter 40 210 70 % 89 % 68 % 66 % 40 bis unter 50 250 70 % 86 % 61 % 54 % 50 bis 65 374 68 % 69 % 72 % 62 % höchster Berufsabschluss Lehre 287 67 % 73 % 70 % 61 % Abschluss an einer (Berufs-)Fachschule 171 58 % 81 % 68 % 58 % Bachelor 109 73 % 83 % 61 % 70 % Master/Promotion 282 71 % 85 % 63 % 60 %
54 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Beamt*innenausbildung 78 67 % 83 % 71 % 48 % wöchentliche Erwerbsarbeitsstunden Vollzeit (> = 35 Std.) 686 65 % 79 % 65 % 62 % Teilzeit (< 35 Std.) 264 72 % 82 % 71 % 55 % Netto-Einkommen bis 1.500 € 94 52 % 84 % 57 % 39 % 1.500–2.000 € 121 65 % 79 % 70 % 52 % 2.000–2.500 € 237 68 % 83 % 68 % 70 % 2.500–3.000 € 189 68 % 81 % 67 % 67 % 3.000–4.000 € 199 68 % 77 % 66 % 57 % 4.000 € und mehr 83 71 % 81 % 61 % 54 % Haushaltsform alleinlebend 179 59 % 68 % 66 % 56 % Paarhaushalt ohne Kinder 365 66 % 78 % 69 % 71 % Paarhaushalt mit Kindern (unter 18) 256 70 % 92 % 64 % 54 % alleinerziehend 45 73 % 88 % 61 % 42 % sonstige Mehrpersonenhaushalte 100 73 % 70 % 66 % 51 % Lesebeispiel: 68 Prozent der befragten Frauen arbeitet mindestens einmal wöchentlich im Homeoffice. Von den im Homeoffice arbeitenden Frauen geben 83 Prozent an, dies aus Gründen der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu tun. *Mehrfachnennungen möglich Quelle: eigene Erhebung Die Gründe, warum Menschen von zu Hause arbeiten und nicht im Betrieb, sind vielfältig und häufig Ausdruck individueller Lebensumstände. Die drei wichtigsten Gründe, die in der standardisierten Befragung genannt werden, sind die bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit außerberuflichen Tätigkeiten, ein
3 Ergebnisse | 55 langer Arbeitsweg und somit weniger Zeit im Verkehr sowie bessere Konzentration und Ruhe im Homeoffice (vgl. Tabelle 5). Der am häufigsten genannte Grund für die Arbeit im Homeoffice ist die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit außerberuflichen Aktivitäten (80 Prozent). Eine bessere Vereinbarkeit gewinnt besonders dann an Bedeutung, wenn zu betreuende Kinder im Haushalt leben und somit Familienverantwortungen bestehen. Der zweitwichtigste Grund ist der Wegfall des Arbeitsweges (66 Prozent), der zu Zeitersparnissen bei der Alltagsorganisation führt. So häufig dieser Grund genannt wird, so wenig lassen sich hierfür Differenzen entlang sozialstruktureller Dimensionen erkennen. Einzig deutet sich ein Zusammenhang mit der wöchentlichen Arbeitszeit an. Personen in Teilzeit, die möglicherweise nur halbtags arbeiten und für die der Arbeitsweg im Verhältnis zur Arbeitszeit eine relativ größere Bedeutung hat, nennen diesen Grund überdurchschnittlich häufig. Der drittwichtigste Grund ist betrieblich verortet; 60 Prozent der Befragten können sich im Homeoffice besser konzentrieren und haben dort mehr Ruhe. Auch hier lassen sich deutliche Unterschiede zwischen Personen mit und ohne im Haushalt lebende Kinder ausmachen. Insbesondere alleinerziehende Personen scheinen das Homeoffice nur selten aus Gründen der besseren Konzentration zu nutzen. Rund 18 Prozent (n = 168) der Befragten arbeiten nie im Homeoffice. Als Grund hierfür wurde am häufigsten genannt, dass die ausgeführte Tätigkeit nicht für das Homeoffice geeignet ist (Tabelle 6). Des Weiteren zeigt sich, dass viele der nicht im Homeoffice Arbeitenden den Betrieb offenbar als geeigneteren Arbeitsort sehen: 43 Prozent bevorzugen die räumliche Trennung von Beruflichem und Privatem, 41 Prozent gehen gerne ins Büro und 38 Prozent arbeiten nicht zu Hause, weil die Kooperation mit Kolleg*innen im Büro einfacher ist. Wie Tabelle 19 (im Anhang) zeigt, werden diese Gründe für die Präferenz des Betriebs als Arbeitsort häufig zusammen genannt. Das macht deutlich, dass es häufig nicht den einen Grund gibt, sondern es sich um ein Zusammenspiel von Gründen handelt. Etwas seltener werden die Gründe genannt, die das Arbeiten von zu Hause aufgrund fehlender Bürogeräte und -materialien (23 Prozent), keines geeigneten Homeoffice-Platzes (21 Prozent) oder mangelnder Konzentration (9 Prozent) als erschwert darstellen. Auch diese Gründe korrelieren teils stark, was darauf hinweist, dass für einen Teil der Befragten das eigene Zuhause gegenüber dem Büro grundsätzlich der weniger geeignete Arbeitsort ist.
56 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Tabelle 6: Gründe gegen die Arbeit im Homeoffice Tätigkeit ungeeignet für Homeoffice 43 % Bevorzuge räumliche Trennung von Beruf und Privatleben 43 % Gehe gerne ins Büro 41 % Kooperation mit Kolleg*innen im Betrieb einfacher 38 % Kurzer Arbeitsweg 24 % Fehlende Geräte und Materialien zum Arbeiten zu Hause 23 % Kein geeigneter Arbeitsplatz zu Hause 21 % Kolleg*innen/Vorgesetzte wollen das nicht 13 % Kein konzentriertes Arbeiten möglich aufgrund von Ablenkung 9 % Lesebeispiel: 43 Prozent der Befragten, die nie im Homeoffice arbeiten, geben als einen Grund an, dass ihre Tätigkeit ungeeignet für Homeoffice ist Anmerkungen: n = 168, Mehrfachnennungen möglich. Quelle: eigene Erhebung Inwiefern Homeoffice-Möglichkeiten genutzt werden, hängt nicht nur von sozio-ökonomischen und haushaltsbezogenen Merkmalen der Arbeitnehmer*innen ab, sondern wird auch von betrieblicher Seite entscheidend beeinflusst. Obwohl unsere Stichprobe nur Betriebe aus Branchen umfasst, in denen Homeoffice verbreitet ist, lassen sich Unterschiede hinsichtlich der arbeitsorganisatorischen Verankerung von Homeoffice feststellen. So nutzen Personen, die bei Versicherungen und Verlagen arbeiten, besonders regelmäßig Homeoffice (Tabelle 7). Im Gegensatz dazu arbeiten nur etwas mehr als die Hälfte der bei Banken und in der öffentlichen Verwaltung angestellten Befragten mindestens einmal wöchentlich im Homeoffice, obwohl Homeoffice-Möglichkeiten in Arbeitsverträgen oder betrieblichen Vereinbarungen bereits größtenteils verankert sind. Auch bei der finanziellen Unterstützung seitens der Arbeitgeber*innen, wie etwa durch die Ausstattung mit Büro-Hardware oder den Zuschuss zu Verbrauchs-
3 Ergebnisse | 57 materialien, zeigen sich größere Unterschiede. Drei von vier Arbeitnehmer*innen bei Versicherungen geben an, Unterstützung zu erhalten, während im Bereich öffentliche Verwaltung lediglich 46 Prozent der Befragten Unterstützung erhalten. Am seltensten berichten Beschäftigte bei Verlagen von finanzieller Unterstützung (15 Prozent). Tabelle 7: Homeoffice-Nutzung und betriebliche Voraussetzungen nach Branchen n mind. einmal wöchentlich im Homeoffice kein fest zugeordneter Arbeitsplatz im Betrieb vertragliche Verankerung von Homeoffice finanzielle Unterstützung des/der Arbeitgeber*in Verlage 177 84 % 19 % 76 % 15 % Versicherungen 79 92 % 6 % 85 % 74 % Banken 235 65 % 17 % 86 % 24 % Stadtplanung und Architektur 43 67 % 28 % 63 % 23 % öffentliche Verwaltung 419 55 % 2 % 81 % 46 % Lesebeispiel: Von den in Verlagen arbeitenden Befragten arbeiten 84 Prozent mindestens einmal wöchentlich im Homeoffice, 19 Prozent haben keinen fest zugeordneten Arbeitsplatz, 76 Prozent berichten von einer Verankerung von Homeoffice in Arbeitsverträgen und/oder Vetriebsvereinbarungen und 15 Prozent werden aufgrund von Homeoffice finanziell durch den/die Arbeitgeber*in unterstützt. Quelle: eigene Erhebung
64 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Vorhandensein eines separaten Arbeitszimmers. Die unterschiedlichen Motivlagen deuten allerdings darauf hin, dass bei einer größeren Pro-Kopf-Wohnfläche (oftmals in Haushalten ohne Kinder) konzentrierter im Homeoffice gearbeitet werden kann. Dabei spielt der Zusammenhang zwischen wohnräumlichen Verhältnissen und Wohnstandort eine bedeutsame Rolle: Innerstädtische Wohnstandorte bieten häufig schlechtere Voraussetzungen für Homeoffice, da die Wohnungen tendenziell kleiner sind und seltener in einem separaten Arbeitszimmer gearbeitet werden kann, was häufiger zu Konflikten führt. Gleichzeitig wird Homeoffice in weniger zentralen Lagen, insbesondere im suburbanen Umland, häufiger genutzt, um lange Pendelwege zu vermeiden. 3.1.4 Zeitliche Dimension Der Tagesund der Wochenablauf wird durch das Arbeiten im Homeoffice strukturiert. Wie oft und an welchen Tagen im Homeoffice gearbeitet wird, hängt zum einen von betrieblichen Vereinbarungen ab, zum anderen davon, wie Beschäftigte das Arbeiten im Homeoffice zeitlich in den (Arbeits-)Alltag integrieren können. Dieses Kapitel zeigt zum einen, wie häufig aktuell im Homeoffice gearbeitet wird und wie häufig in Zukunft im Homeoffice gearbeitet werden möchte. Zum anderen wirft es einen Blick auf die zeitliche Strukturierung von Tagen im Homeoffice im Vergleich zu Tagen im Büro und geht damit über bestehende Befunde zu Zeitverwendungen aus vorliegenden Studien (z. B. Lott 2019) hinaus. Ein Drittel der Befragten arbeitet nie oder nur gelegentlich im Homeoffice (Abbildung 5). Zwei Drittel arbeiten einmal oder mehrmals wöchentlich von zu Hause, durchschnittlich etwa 2,5 Tage pro Woche, was sich mit anderen Studien deckt (Follmer/Knie 2024). Montag und Freitag sind die beliebtesten Tage, um im Homeoffice zu bleiben, aber auch zur Wochenmitte arbeiten viele der Befragten von zu Hause (Abbildung 6). Knapp ein Drittel unserer Befragten hat keine festen Homeoffice-Tage und bleibt an unterschiedlichen Tagen zu Hause. Diese zeitliche Flexibilität des Homeoffice wird von vielen Befragten geschätzt, da es die Vereinbarkeit von Beruf und Erfordernissen der Alltagsorganisation unterstützt. Es zeigt sich also, dass die Beschäftigten nach Ende der Corona-Pandemie nicht durchgehend, sondern nur einen Teil ihrer Arbeitszeit im Homeoffice arbeiten. Auch wenn sich die im Homeoffice verbrachte Arbeitszeit im Vergleich zu
3 Ergebnisse | 65 vor der Pandemie insgesamt deutlich erhöht hat, bleibt für die meisten der Betrieb als Arbeitsort nach wie vor relevant. Anmerkung: n = 953 Quelle: eigene Darstellung Dass die aktuellen Arrangements für die Befragten überwiegend zufriedenstellend sind, zeigt sich daran, dass eine Mehrheit auch in Zukunft genauso viel Zeit wie aktuell im Homeoffice arbeiten möchte (Abbildung 7). Von den Personen, die aktuell nie im Homeoffice arbeiten, möchte die Hälfte zukünftig mehr im Homeoffice arbeiten. Nur ein sehr geringer Anteil der Befragten möchte weniger im 4% 4% 15% 35% 9% 7% 9% 18% 66% fünf Tage vier Tage drei Tage zwei Tage ein Tag Alle zwei bis vier Wochen Seltener, nur bei Bedarf Nie Abbildung 5: Häufigkeit der Homeoffice-Nutzung
66 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Homeoffice arbeiten. Tendenziell wünschen sich somit die Befragten für die Zukunft, häufiger im Homeoffice zu arbeiten, insbesondere wenn dies aktuell nicht der Fall ist. Anmerkung: n = 584 Quelle: eigene Darstellung Die zeitlichen Abläufe und Arbeitsroutinen unterscheiden sich an den Homeoffice-Tagen von denen der Bürotage durch den Wegfall des Arbeitsweges, aber auch durch die andere Arbeitsumgebung. Die Hälfte der im Homeoffice arbeitenden Befragten spart an Homeoffice-Tagen bis zu 60 Minuten Zeit durch den wegfallenden Arbeitsweg (vgl. Abbildung 32 im Anhang). Abbildung 8 ordnet die Befragten zu selbst definierten Kategorien zu, je nachdem, wann sie am Morgen eines Homeoffice-Tages im Vergleich zu einem Bürotag aufstehen und anfangen zu arbeiten. Hierzu wurden keine genauen Uhrzeiten abgefragt, sondern lediglich relative Zeitangaben (von viel früher bis viel später). Wie die Abbildung zeigt, unterscheiden sich die zeitlichen Abläufe am Morgen: Ein kleiner Teil der 36% 20% 30% 23% 42% 30% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Abbildung 6: Homeoffice-Nutzung nach Wochentagen
3 Ergebnisse | 67 Personen steht an Homeoffice-Tagen zur selben Zeit auf und beginnt mit der Erwerbsarbeit unverändert wie an Tagen im Büro (etwa 10 Prozent). Ein Großteil der Befragten gehört hingegen zu „Zeitgewinner*innen“ (53 Prozent). Diese stehen zur selben Zeit wie an Tagen im Betrieb oder sogar später auf, fangen aber früher an zu arbeiten. Quelle: eigene Darstellung Etwa ein Fünftel gehört zu den „Schlafgewinner*innen“, die, statt früher mit der Erwerbsarbeit zu beginnen, später aufstehen und somit Schlaf „gewinnen“. Gleichzeitig „verlieren“ diese „Schlafgewinner*innen“ aber keine Arbeitszeit verglichen mit Tagen im Büro. Weitere rund 10 Prozent der Befragten starten im Homeoffice später in den Arbeitstag und nur etwa 5 Prozent stehen früher auf und 5% 5% 5% 56% 58% 46% 39% 38% 49% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% wöchentlich (n = 631) gelegentlich (n = 151) nie (n = 151) aktuelle Homeoffice-Nutzung weniger als aktuell genau so wie aktuell mehr als aktuell Abbildung 7: Gewünschte zukünftige Homeoffice-Nutzung
68 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens beginnen auch früher mit der Erwerbsarbeit. Dieser Blick auf die zeitlichen Unterschiede und Zeittypen macht deutlich, dass die Mehrheit der im Homeoffice arbeitenden Beschäftigten am Morgen mehr Zeit hat und dadurch entweder schon früher mit der Arbeit anfangen oder länger schlafen kann. Dieser Befund ergänzt bestehende Studien, die vorrangig die Gefahr einer Entgrenzung von Arbeit und Freizeit durch die zeitliche Flexibilisierung im Homeoffice sehen (z. B. Institut DGB-Index Gute Arbeit 2022). Anmerkung: n = 780 Quelle: eigene Darstellung Mit der Arbeit im Homeoffice geht auch eine zeitlich flexiblere bzw. andere Arbeitsund Freizeitgestaltung einher. Auf der einen Seite können Beschäftigte an Homeoffice-Tagen die Rhythmen ihrer Erwerbsarbeit besser an ihre Bedürfnisse anpassen. Auf der anderen Seite kann die fehlende Präsenz von Arbeitskolleg*innen mit kürzeren Erholungspausen einhergehen, wenn z. B. die Abbildung 8: Zeittypen: Homeoffice-Tag im Vergleich zu Bürotag
3 Ergebnisse | 69 gemeinsame Mittagspause wegfällt (vgl. Kapitel 3.3.4). Tatsächlich deuten unsere Daten darauf hin, dass etwa ein Drittel der Befragten an einem Tag im Homeoffice weniger und/oder kürzere Erholungspausen macht (Abbildung 9), was sich auch in anderen Studien zeigt (Institut DGB-Index Gute Arbeit 2022). Anmerkung: n = 789 Quelle: eigene Darstellung Im Gegensatz dazu machen etwa 23 Prozent mehr und/oder längere Pausen, während ein weiteres Drittel seine Pausenzeiten im Homeoffice nicht verändert. Etwa 8 Prozent machen im Vergleich zu einem Arbeitstag im Betrieb mehr und kürzere Pausen und nur 4 Prozent weniger, aber längere Pausen. Es zeigt sich zudem ein Zusammenhang zwischen Pausenhäufigkeit und Pausendauer, d. h., diejenigen, die im Vergleich zu einem Arbeitstag im Büro weniger Pausen im Homeoffice machen, verkürzen diese zusätzlich. Dies verdeutlicht, dass ein Großteil der Befragten ihre Arbeitszeit an Homeoffice-Tagen gemäß ihren Bedürfnissen selbstbestimmt einteilt, was auch in anderen Studien so lange als positiv bewertet Abbildung 9: Pausentypen: Homeoffice-Tag im Vergleich zu Bürotag
70 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens wird, wie Regelungen zu Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten eingehalten werden (Ahlers et al. 2021). Anmerkung: n = 651 Quelle: eigene Darstellung Wie Abbildung 10 zeigt, arbeitet ein Viertel der Befragten im Homeoffice eher häufiger und viel häufiger auch abends außerhalb der vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten. Gleichzeitig tun dies rund 40 Prozent der Befragten an HomeofficeTagen eher seltener oder viel seltener als an Bürotagen. Gegenüber anderen Studien wie jener des Instituts „DGB-Index Gute Arbeit“ (2022) können unsere Daten zeigen, dass die zeitliche Entgrenzung von Erwerbsarbeit im Homeoffice insbesondere in den Abendstunden nur für einen Teil der Beschäftigten zuzutreffen scheint. Wie in Kapitel 3.3.4 vertiefend diskutiert, trifft dies besonders häufig auf Personen mit Kindern zu. Die unterschiedlichen zeitlichen Abläufe und Rhythmen an Homeofficeim Vergleich zu Bürotagen resultieren für die Befragten überwiegend in wahrgenommenen Zeitgewinnen (vgl. Kapitel 3.4). Wie Abbildung 11 zeigt, gibt ein großer Anteil der Befragten an, mehr Zeit (48 Prozent) oder sogar viel mehr Zeit für sich zu haben (20 Prozent). Für den/die Partner*in oder Freund*innen steht nicht ganz so viel mehr Zeit an Homeoffice-Tagen zur Verfügung, doch auch hier geben 55 Prozent bzw. 39 Prozent der Befragten an, mehr Zeit als an Tagen im Betrieb 30% 12% 35% 19% 5% 0% 20% 40% 60% 80% 100% "Wenn Sie im Homeoffice arbeiten: Wie häufig arbeiten Sie spätabends (ab 19 Uhr)?" viel seltener eher seltener gleich eher öfter viel öfter Abbildung 10: Arbeit zu atypischen Zeiten im Homeoffice im Vergleich zu Tagen im Büro
3 Ergebnisse | 71 zu haben. Personen mit Kindern gewinnen durch die Arbeit im Homeoffice besonders Zeit für und mit ihren Kindern (vgl. Kapitel 3.3.4). Quelle: eigene Darstellung Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass das Arbeiten im Homeoffice von zwei Dritteln der Befragten regelmäßig mindestens einmal wöchentlich genutzt wird und sich somit als fester Bestandteil der Arbeitswoche etabliert hat. Mit durchschnittlich 2,5 Tagen pro Woche im Homeoffice bevorzugen die meisten ein hybrides Erwerbsarbeitsmodell aus Homeofficeund Präsenztagen. An HomeofficeTagen selbst unterscheiden sich vor allem durch die eingesparten Arbeitswege, aber auch durch die flexiblere Einteilung der Erwerbsarbeit die zeitlichen Abläufe im Vergleich zu Bürotagen. Der Umgang mit dieser größeren Zeitautonomie ist durchaus unterschiedlich und es ergibt sich eine bemerkenswerte Bandbreite an individuell angepassten Tagesstrukturen. Das zeigt sich nicht nur in morgendlichen Zeitgewinnen, sondern auch in der Gestaltung der Pausenzeiten und der Abendarbeit. Im Ergebnis hat ein Großteil der Befragten an Homeoffice-Tagen mehr Zeit für sich oder kann sich mehr Zeit für soziale Beziehungen nehmen, insbesondere für die eigenen Kinder. Die in der Literatur konstatierte Entgrenzung 58% 42% 35% 29% 30% 42% 49% 47% 9% 13% 14% 21% 0% 20% 40% 60% 80% 100% ... Freund*innen? (n = 648) ... Ihre*n Partner*in? (n = 474) ... Ihre Kinder? (n = 244) ... sich selbst? (n = 648) "Wenn Sie im Homeoffice arbeiten: Wie viel Zeit haben Sie für …" viel weniger weniger genauso mehr viel mehr Abbildung 11: Zeitgewinne im Homeoffice
72 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens von Beruf und Alltag im Homeoffice (vgl. Ahlers et al. 2021; Lott 2019) trifft – wie in Kapitel 3.4 vertieft wird – dementsprechend besonders auf Personen mit Sorgeverantwortung zu. 3.2 Wege und Verkehrsmittelnutzung – Effekte des Homeoffice Mit der Nutzung des Homeoffice geht eine größere Flexibilität räumlicher und zeitlicher Abläufe einher. Auf individueller Ebene bedeutet dies neben anderen räumlichen Praktiken eine zeitliche Entgrenzung und einen weniger an festen Erwerbsarbeitszeiten ausgerichteten Alltag mit Konsequenzen für raum-zeitliche Verkehrsmuster. Auf überindividueller Ebene bedeutet dies neue Ansprüche an Wohnquartiere, aber auch die Auflösung kollektiver Taktungen des Verkehrs durch das Pendeln. Dieses Kapitel legt den Fokus auf Wegeund Verkehrsmittelnutzungen an Homeoffice-Tagen und untersucht, inwiefern die raum-zeitliche Flexibilität der Erwerbsarbeit sich auf die Alltagsorganisation auswirkt. 3.2.1 Stand der Forschung Die Verkehrsentwicklung in Deutschland war seit dem Zweiten Weltkrieg bis zur Pandemie geprägt durch eine stetige Zunahme an täglich zurückgelegten Distanzen (Gertz 2013, S. 44; Nobis et al. 2019, S. 29–30). Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Auto, das durch seine Flexibilität für eine hohe individuelle Mobilität gesorgt hat. Diese Entwicklung wurde durch die Umsetzung städtebaulicher Leitbilder wie der autogerechten und funktionsgetrennten Stadt, die eine räumliche Trennung von Nutzungen, insbesondere von Arbeiten und Wohnen vorsahen, politisch gefördert (Häußermann/Siebel 2000; Manderscheid 2012). Insbesondere die flächenintensiven suburbanen Einfamilienhausbebauungen gehen mit entfernungsintensiven Lebensweisen einher (Häußermann et al. 2008, S. 156). Das wird besonders mit Blick auf Berufspendelverkehre deutlich: Seit 1976 hat sich die durchschnittliche Distanz zum Arbeitsplatz auf 16 Kilometer verdoppelt. Dabei werden 63 Prozent der Pendelwege bzw. 73 Prozent der Pendeldistanzen mit dem Auto zurückgelegt (Agora Verkehrswende 2022).
3 Ergebnisse | 73 Aber auch für die außerberufliche Alltagsorganisation setzen suburbane, monofunktional auf das Wohnen ausgelegte Siedlungsstrukturen den Besitz eines oder mehrerer Pkw zur Überbrückung der räumlichen Distanzen voraus. Gleichzeitig tragen diese Siedlungsstrukturen durch den hohen alltäglichen raum-zeitlichen Koordinationsaufwand zur Aufrechterhaltung traditioneller geschlechtlicher Rollenverteilungen in Familienhaushalten bei. Während der Vater als Familienernährer täglich in die Stadt pendelt, übernimmt die Mutter und Hausfrau die CareArbeitsleistung zu Hause (Läpple/Stohr 2006; Frank 2009). Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts lassen sich Prozesse der Individualisierung und der Pluralisierung von Haushaltsund Familienformen beobachten (u. a. Beck 1986), die sich auch in neuen innerstädtischen Wohnortpräferenzen niederschlagen (z. B. Holm 2012, S. 667–670; Frey 2024). Zudem tragen projektorientierte Arbeitsorganisation in wissensund kulturbasierten Dienstleistungsberufen und neuerdings das Homeoffice zu einer weitreichenden Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten und somit Überschneidungen von Privatund Erwerbssphäre bei. Durch die im Homeoffice wegfallenden Pendelwege bzw. die Präsenz zu Hause sieht Carstensen (2020) die Möglichkeit des Abbaus erwerbsbezogener Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, da Homeoffice gerade für Mütter eine höhere Erwerbsbeteiligung erlaubt. Innerstädtische, funktionsgemischte Wohnquartiere ermöglichen eine enge raum-zeitliche Verknüpfung von Arbeit, Versorgung, Freizeit sowie Wohnen und scheinen somit besser als suburbane Wohnstandorte auf die neuen Flexibilisierungserfordernisse der Arbeitswelt ausgelegt zu sein (Läpple/Stohr 2006; Pohl 2009; Zenkteler et al. 2022). Die einfache Erreichbarkeit von Alltagsorten hat einen starken Einfluss auf die täglich zurückgelegten Wegelängen und somit auch auf die Verkehrsmittelwahl (Ewing/Cervero 2010). Einige Studien zeigen, dass sich Alltagswege an Homeoffice-Tagen stark auf das Wohnumfeld beschränken und somit Fahrradnutzung und Zufußwege im Alltag begünstigt werden (Chakrabarti 2018; De Abreu e Silva/Melo 2018; Elldér 2020). Im Kontext der Verkehrsentwicklung liegt der Fokus der Forschung besonders auf den durch das Homeoffice wegfallenden Pendelwegen und damit verbundenen positiven ökologischen Effekten (IEA 2020; Roberto et al. 2023; Shabanpour et al. 2018). Zudem deutet sich durch die Auflösung kollektiver Zeitstrukturen im Pendelverkehr eine kapazitative Entlastung von Verkehrsinfrastrukturen zur sog.
80 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens lich deutliche Unterschiede zwischen Vätern und Müttern hinsichtlich der Sorgearbeit und Haushaltsorganisation. Wir konnten zeigen, dass Homeoffice allerdings das Potenzial hat, diese geschlechterbezogenen Ungleichheiten etwas abzuschwächen, da Väter im Homeoffice einen deutlich größeren Teil der außerhäuslichen Alltagsorganisation übernehmen, als wenn sie im Büro arbeiten. Einer generell egalitäreren Aufteilung der Alltagsorganisation stehen jedoch weiterhin große geschlechterspezifische Ungleichheiten bei den Erwerbsarbeitszeiten, insb. die hohe Teilzeitquote bei Frauen, entgegen (vgl. Kapitel 3.3). 3.2.3 Räumliche Dimensionen: Wege und Verkehrsmittel nach Wohnstandorten Wie in Kapitel 3.2.1 dargestellt, haben Siedlungsstrukturen durch unterschiedliche Grade an Dichte und Funktionsmischung einen erheblichen Einfluss auf das alltägliche Verkehrsverhalten. Die Erreichbarkeit von alltäglichen InfrastrukturBildungsund Freizeiteinrichtungen oder sozialer Kontakte strukturiert zum einen, welche Aktivitäten überhaupt ausgeübt werden, und zum anderen, wie sich hierfür fortbewegt wird. Im Folgenden soll die raum-zeitliche Alltagsorganisation anhand des Verkehrsverhaltens differenziert nach den unterschiedlichen Lagen der Wohnstandorte der Befragten untersucht werden. Es zeigt sich, dass das Verkehrsverhalten nicht nur hinsichtlich der Verkehrsmittelnutzung, sondern auch hinsichtlich der Wegeorganisation deutlich von Siedlungsstrukturen abhängt. Dies ist in der Mobilitätsund Verkehrsforschung kein neuer Befund (Ewing/Cervero 2010). Gegenüber den vorliegenden Studien können wir jedoch detailliert zeigen, wie die zeitliche Flexibilität in der Alltagsorganisation durch Homeoffice je nach Wohnstandort unterschiedlich genutzt wird, sodass die räumlichen Effekte sehr unterschiedlich ausfallen. Abbildung 13 stellt die Zusammenhänge von Verkehrsmittelnutzung, Wegeorganisation an Homeoffice-Tagen und Wohnstandort in der Metropolregion dar. Deutlich zeigt sich die Autoabhängigkeit an suburbanen und ländlich geprägten Wohnstandorten in der außerhäuslichen Alltagsorganisation: Während an innerstädtischen Wohnstandorten nur knapp über die Hälfte (52 Prozent) der Befragten über einen Pkw verfügen und nur etwa 8 Prozent diesen üblicherweise für Arbeitsund Care-Wege (Einkaufsund Begleitwege) nutzen, nehmen die Verfügbarkeit und auch die Nutzung mit abnehmender Zentralität des Wohnstandortes deutlich
3 Ergebnisse | 81 zu. Die schlechteren Erreichbarkeiten durch die geringere Dichte und die ungenügende Busund Bahnanbindung werden durch die Nutzung des Pkw kompensiert. Quelle: eigene Darstellung Im suburbanen Raum kann jedoch für Berufspendelwege ein großer Anteil (44 Prozent; siehe Tabelle 20 im Anhang) an Nutzer*innen des öffentlichen Verkehrs festgestellt werden, was durch die radiale Anbindung dieser metropolnahen Räume an das städtische Bahnnetz bzw. schlechte Parkmöglichkeiten im Stadtzentrum erklärt werden kann. Dagegen spielen öffentliche Verkehrsmittel in ländlichen Räumen im Alltag so gut wie keine Rolle und es wird überwiegend der Pkw Abbildung 13: Verkehrsmittel und Wege nach Wohnstandort in der Metropolregion Hamburg
82 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens genutzt. Auch innerhalb des Stadtgebietes Hamburg zeigen sich eindeutige Unterschiede zwischen innerstädtischen Lagen und Stadtrandlagen. Insbesondere die fußläufige Erreichbarkeit scheint zum Stadtrand deutlich abzunehmen, sodass hier für Einkaufswege und auch Begleitwege zur Schule oder Kita häufiger das Auto verwendet wird. Aus Abbildung 13 wird zudem deutlich, dass die Zahl der Wege außer Haus abnimmt, je weniger zentral der Wohnstandort ist. So unternehmen nur 74 Prozent der Befragten, die in ländlichen Räumen der Metropolregion wohnen, einen außerhäuslichen Weg an Homeoffice-Tagen, während dieser Anteil in der Innenstadt bei 87 Prozent liegt. Ein Großteil dieser Wege in Innenstadtlagen kann auf Einkäufe zurückgeführt werden. So wird in der Hamburger Innenstadt an Homeoffice-Tagen durchschnittlich ein Einkaufsweg zurückgelegt, im dörflichen Raum dagegen nur 0,5 Einkaufswege. Dagegen werden hier sowie im suburbanen Raum im Durchschnitt mehr Begleitwege als in Hamburg gemacht. Diese Unterschiede lassen sich auf unterschiedliche Erreichbarkeiten (etwa von Einkaufsgelegenheiten) sowie Haushaltskonstellationen zurückführen und werden später (Tabelle 12) noch einmal aufgegriffen. Tabelle 11 schlüsselt die mediane Dauer und übliche 15 Verkehrsmittelnutzung für Arbeitswege nach Personen, die regelmäßig mindestens einmal im Homeoffice arbeiten, und Personen, die nie oder nur gelegentlich im Homeoffice arbeiten, auf. Ein in der Literatur nur selten genannter Befund (z. B. Budnitz et al. 2020, S. 2) zeigt sich in unseren Daten deutlich: Über alle Wohnstandorte hinweg zeigt sich eine höhere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (ÖV) von Personen, die regelmäßig im Homeoffice arbeiten, verglichen mit Personen, die nie oder nur gelegentlich im Homeoffice arbeiten. Besonders deutliche Unterschiede ergeben sich für die Bewohner*innen suburbaner Wohngebiete: Während diejenigen, die im Homeoffice arbeiten, zur Hälfte mit dem Pkw, zur Hälfte mit Bus und Bahn fahren, nutzen diejenigen, die nicht im Homeoffice arbeiten, zu zwei Dritteln den Pkw und nur 27 Prozent öffentliche Verkehrsmittel. Dies geht auch mit den 15 Auch wenn man von routinisierten Verhaltensweisen im Alltag ausgehen kann, ist die Verkehrsmittelnutzung für bestimmte Wege nicht immer gleich. Folgende Formulierung haben wir in unserem Fragebogen genutzt: „Welches Verkehrsmittel nutzen Sie am häufigsten für den Hauptteil der genannten Wege? Mit ,Hauptteil‘ meinen wir hier den entfernungsmäßig längsten Teil des Weges.“
3 Ergebnisse | 83 unterschiedlichen Zeitaufwänden einher – Personen mit Homeoffice benötigen an allen Wohnstandorten mehr Zeit für den Arbeitsweg als Personen ohne Homeoffice. Tabelle 11: Dauer und Verkehrsmittelnutzung für Arbeitswege nach Wohnstandort und Homeoffice-Nutzung. Wohnstandort Innenstadt Stadtrand suburbaner Raum ländlicher Raum Hom eoffice kein Hom eoffice Hom eoffice kein Hom eoffice Hom eoffice kein Hom eoffice Hom eoffice kein Hom eoffice n 114 38 147 49 175 63 240 203 Arbeitswegdauer (Median) 25 Min. 20 Min. 40 Min. 30 Min. 50 Min. 35 Min. 30 Min. 15 Min. Pkw 8 % 5 % 17 % 29 % 50 % 64 % 75 % 70 % ÖV 45 % 37 % 61 % 55 % 50 % 27 % 10 % 3 % Fahrrad 38 % 47 % 20 % 12 % 0 % 8 % 11 % 20 % zu Fuß 9 % 11 % 2 % 4 % 0 % 1 % 4 % 7 % Lesebeispiel: 45 Prozent der in der Innenstadt wohnenden Befragten, die mindestens wöchentlich im Homeoffice arbeiten, nutzen überwiegend öffentliche Verkehrsangebote für den Arbeitsweg. Von denjenigen, die seltener oder gar nicht im Homeoffice arbeiten, nutzen nur 37 Prozent den öffentlichen Verkehr für den Arbeitsweg. Quelle: eigene Erhebung
84 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Tabelle 12: Wegeverhalten nach Wohnstandort Wohnstandort Innenstadt Stadtrand suburbaner Raum ländlicher Raum n 134 166 189 289 Ø Anzahl Wege Homeoffice-Tag 2,7 2,3 2,5 2,5 Bürotag 3,4 3,5 3,6 3,8 Holund Bringweg Homeoffice-Tag 14 % 13 % 24 % 23 % Bürotag 10 % 9 % 16 % 18 % Einkaufsweg Homeoffice-Tag 51 % 41 % 40 % 28 % Bürotag 35 % 34 % 31 % 36 % Erledigungsweg Homeoffice-Tag 27 % 25 % 26 % 24 % Bürotag 16 % 20 % 25 % 20 % Freizeitweg Homeoffice-Tag 43 % 33 % 38 % 37 % Bürotag 35 % 27 % 23 % 28% Lesebeispiel: An einem Tag im Homeoffice unternehmen 51 Prozent der Innenstadt-Bewohner*innen und 28 Prozent der Befragten im ländlichen Raum einen Einkaufsweg. Quelle: eigene Erhebung Die Auswertung der geführten qualitativen Interviews (Kapitel 2.3) verdeutlicht, dass das Homeoffice selten den Ausschlag dafür gibt, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, sondern vielmehr Nutzer*innen des öffentlichen Verkehrs eine Gelegenheit bietet, diesen seltener zu nutzen. Bei der Entscheidung
3 Ergebnisse | 85 spielen vor allem Komfortund Zeiterwägungen eine Rolle, wie eine Befragte mit Blick auf ihren Arbeitsweg betont: „[Homeoffice passt] für mich viel besser. Weil man jetzt natürlich, wenn man Elmshorn Hamburg arbeitet, hast du, wenn du schnell bist, von Tür zu Tür, schaffst es in 50 Minuten. Das heißt aber, dass auch keiner der Züge irgendeine Verspätung hat, und das ist bei der Deutschen Bahn nicht so gegeben. Also man freut sich ja eher dann: ,Oh Mann, der Zug ist heute pünktlich angekommen. Das ist auch mindestens schon wieder vier Wochen her, dass das mal war.‘ Es kommt dreimal vielleicht im Monat vor, dass der Zug überhaupt pünktlich ankommt“ (Frau Quitte). Zuletzt soll ein Blick auf die räumlichen Effekte des Homeoffice auf Alltagswege im Hinblick auf unterschiedliche Wegezwecke geworfen werden. Wie Tabelle 12 darstellt, zeigen sich zwischen den Wohnstandorten deutliche Unterschiede im Wegeverhalten für Alltagsaktivitäten: An Homeoffice-Tagen machen Personen, die innerstädtisch wohnen, durchschnittlich die meisten Wege (2,7) und an Bürotagen die wenigsten (3,4). Personen, die an weniger zentralen Wohnstandorten leben, legen dagegen an Tagen ohne Homeoffice deutlich mehr Wege zurück (3,8). Dies deutet auf eine Verknüpfung von außerhäuslichen Aktivitäten mit Bürotagen hin, je weniger zentral gewohnt wird. Umgekehrt ergibt sich an weniger zentralen Wohnstandorten besonders für Familienhaushalte durch Holund Bringwege ein größerer alltäglicher Koordinationsaufwand, was bereits Abbildung 13 deutlich machen sollte. Ein Viertel der Bewohner*innen suburbaner und ländlicher Räume unternimmt an HomeofficeTagen mindestens einen Begleitweg, in der Innenstadt sind es hingegen nur etwa 14 Prozent. Zum einen mag dies mit einem höheren Eltern-Anteil an suburbanen und ländlichen Wohnstandorten (22 bis 24 Prozent mit Kindern unter 10 Jahren) gegenüber städtischen Wohnstandorten (15 bis 17 Prozent mit Kindern unter 10 Jahren) liegen. Zum anderen entstehen diese Begleit-Verpflichtungen, wenn die Wege nicht von den Kindern alleine zurückgelegt werden können. So sind Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte von Kindern insbesondere in ländlichen Räumen mit schlechter Busund Bahnanbindung oftmals vom „Eltern-Taxi“ abhängig, wie eine Mutter folgend beschreibt: „Es ist so, dass wir hier einfach sehr ländlich sind, und unser Sohn ist in einer Musikklasse, die aus dem ganzen Landkreis die Kinder abholt. Und dadurch sind jetzt
86 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens die Verabredungen nicht hier im Ort, sondern die Freunde sind einfachDer nächste wohnt sechs Kilometer entfernt. So, das ist der nächste, engste. Und alle anderen sind noch weiter weg. Und von daher ist das einfach hier die Infrastruktur. Im Sommer geht es auch mal mit dem Fahrrad. Aber ansonsten brauchen wir dann das Eltern-Taxi“ (Frau Kirschbaum). Die größere zeitliche Flexibilität und das Vor-Ort-Sein im Homeoffice ermöglichen es aber auch, dass Holund Bringwege besser als an Bürotagen in die Alltagsund Arbeitsorganisation integriert werden können. Gerade in Notfallsituationen bewährt sich diese größere Flexibilität, wie im folgenden Fall eine Befragte beschreibt: „Dass die Schule anruft: ‚Das Kind hat Bauchschmerzen, das Kind übergibt sich. Kommen Sie bitte jetzt.‘ Da kann ich nicht mit dem Bus losfahren. Das funktioniert nicht. Und da war mir dann natürlich das Homeoffice auch zugutegekommen. […] Dann konnte ich, als das Kind versorgt war, hier noch mal weiterarbeiten. Die Möglichkeit hätte ich natürlich nicht gehabt, wenn es die Möglichkeit des Homeoffice nicht gibt“ (Frau Robinie). Im Gegensatz dazu werden in innerstädtischen Lagen Homeoffice-Tage besonders häufig genutzt, um Einkäufe zu machen. Jeder und jede zweite Innenstadt-Bewohner*in unternimmt an Homeoffice-Tagen einen Einkaufsweg. Die dichtere Versorgungsinfrastruktur ermöglicht kurze Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad, die sich in zeitlich eng getaktete Alltagsabläufe integrieren lassen, wie eine Innenstadtbewohnerin beschreibt: „Der nächste Aldi ist da runter, Edeka ist da runter, mein Bäcker ist hier um die Ecke. Das ist halt alles so, dass ich das zu Fuß machen kann. Und wenn das nicht wäreUnd das spricht nämlich dann auch gegen so einen, gegen die Idee, irgendwo rauszuziehen, wo ich mehr mit dem Auto machen müsste, das würde mich zu viel Zeit kosten. Das könnte ichDann wüsste ich nicht, wo ich die noch hernehmen soll. Also ich gehe ja einkaufen in der Mittagspause, das klappt total gut. Ich habe vorher einen Zettel gemacht, ich husche da rein, husche wieder raus und dann sitze ich wieder am Platz. So. Und das geht aber nur, weil alles um die Ecke ist“ (Frau Birke).
3 Ergebnisse | 87 Für Bewohner*innen in ländlichen Gegenden stellt sich der kurze Einkauf in der Mittagspause aus dem Homeoffice heraus hingegen eher schwierig dar. Statt mit Homeoffice-Tagen werden diese Aktivitäten hier eher mit dem Arbeitsweg an Tagen im Betrieb verbunden: „Meistens sehe ich zu, dass ich solche Sachen dann auch einmal die Woche nur mache. Und dann gleich, keine Ahnung, ein bisschen mehr einkaufe, auch im Bauernmarkt, wenn ich da eh dran vorbeifahre. Also ich versuche, solche Wege dann immer zu optimieren, um einfach zu sagen, du fährst da eh dran vorbei, wenn du aus Hamburg kommst, dann kannst du auch kurz einen Schlenker machen, dann holst du das alles. Und dann hast du im Homeoffice halt mehr Freizeit für dich und deine Hobbys“ (Frau Buche). Insgesamt verdeutlichen die Befunde die komplexe Organisation des Alltags in Abhängigkeit von den gegebenen Siedlungsstrukturen. Die raum-zeitliche Flexibilität in der Alltagsorganisation, die durch das Homeoffice ermöglicht wird, wird je nach Wohnstandort unterschiedlich genutzt. Gerade an weniger zentralen und ländlichen Wohnstandorten werden Aktivitäten wie Einkaufen nicht auf Homeoffice-Tage gelegt, sondern eher in einer effizienten Wegeorganisation mit den Wochentagen verknüpft, an denen zur Arbeit gependelt wird. Währenddessen unterstützt Homeoffice in innerstädtischen funktionsgemischten Quartieren eher eine räumlich und zeitlich flexible Alltagsorganisation, die durch viele Einkaufsund Freizeitwege zu Fuß oder mit dem Fahrrad geprägt ist. 3.2.4 Zeitliche Dimension: Unterschiede zwischen Homeofficeund Bürotagen Durch die Arbeit im Homeoffice verändert sich einerseits der räumliche Kontext, in dem Alltag organisiert wird, andererseits hat diese Veränderung Effekte auf alltägliche Zeitstrukturen. Dies hängt zum einen mit dem Wegfall des Arbeitsweges zusammen, was für viele Arbeitnehmer*innen enorme Zeiteinsparungen bedeutet, zum anderen mit einer größeren Autonomie in der Erwerbsarbeitszeitgestaltung im Homeoffice. Die Literatur zu Homeoffice und Verkehrsverhalten fokussiert vorrangig auf Distanzen und Wegelängen (z. B. De Abreu e Silva/Melo 2018; Caldarola/Sorrell 2022), vernachlässigt damit allerdings die Auswirkungen ortsflexibler Arbeit auf Zeitstrukturen im Alltag. Wir ergänzen diese Befunde, in
88 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens dem wir in diesem Unterkapitel untersuchen, wie das Zusammenspiel von (wahrgenommenen) Zeitgewinnen, erwerbsarbeitszeitlicher Flexibilität sowie veränderten räumlichen Erreichbarkeiten zu neuen Wegemustern führt. Quelle: eigene Darstellung Abbildung 14 visualisiert die im Laufe einer Arbeitswoche realisierten sowie durch das Arbeiten von zu Hause eingesparten Pendelminuten pro Person, je nach genutztem Verkehrsmittel. Die befragten Personen, die üblicherweise mit dem Auto zur Arbeit pendeln, hätten hierfür ohne Homeoffice-Nutzung knapp fünf Stunden Fahrzeit pro Woche benötigt 16 . Durch die Homeoffice-Nutzung können hiervon etwa zwei Stunden eingespart werden, sodass nur noch drei Stunden pro Woche (171 Minuten) im Durchschnitt für das Pendeln mit dem Auto anfallen. 16 Zur Berechnung wurde die tägliche Fahrzeit mit der wöchentlichen Anzahl an Arbeitstagen multipliziert. Die tatsächlich realisierte wöchentliche Fahrzeit ergibt sich durch Abzug der Tage im Homeoffice. 162 212 121 111 113 205 66 48 0 60 120 180 240 300 360 420 480 Pkw (n = 441) ÖV (n = 298) Rad (n = 165) Fuß (n = 39) realisierte Pendelminuten Einsparung durch Homeoffice Abbildung 14: Durchschnittliche wöchentliche Pendelminuten nach Verkehrsmittel
3 Ergebnisse | 89 Deutlich mehr Pendelzeit können die Personen einsparen, die für gewöhnlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Über die Hälfte der ansonsten acht Pendelstunden pro Woche können durch Homeoffice vermieden werden, sodass letztlich nur dreieinhalb Stunden (212 Minuten) hierfür tatsächlich benötigt werden. Weniger zeitintensiv ist das Pendeln für die Personen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kommen, hier besteht allerdings auch ein geringeres Zeitsparpotenzial durch Homeoffice. Der bereits in Kapitel 3.2.3 angesprochene Befund, dass Personen, die viel im Homeoffice arbeiten, ihre Pendelwege üblicherweise mit dem öffentlichen Verkehr erledigen, spiegelt sich in dieser Abbildung wider, mit dem Fokus auf die zeitliche Dimension dieses Zusammenhangs. Auch in den geführten Interviews wurden immer wieder Zeiterwägungen bezüglich des Arbeitsweges vorgebracht: „Also man muss hier zehn Minuten laufen bis zur nächsten Bushaltestelle. Und dann mit der Bahn in die Stadt. Also ich bin eine Stunde unterwegs, ne? Ich arbeite direkt in der Stadt. Also das ist eine Stunde. Und warum soll ich das auf mich nehmen? Nö. Wenn es nicht muss, mache ich es nicht“ (Herr Orangenbaum). In vielen Fällen – insbesondere, wenn mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto gependelt wird – bedeutet die Einsparung des Arbeitsweges für die Befragten eine Entschleunigung des Alltags, die sich insgesamt positiv auf die Lebensqualität auswirkt. So beschreibt Frau Buche eindrücklich, wie sich ihr vormals eng getakteter Alltag, in dem sie von Termin zu Termin „gehetzt“ ist, durch die Lockerung der täglichen Zeitplanung „entstresst“ hat. Der neue HomeofficeAlltag, der sich durch weniger Koordinationsund Mobilitätszwänge auszeichnet, ermöglicht eine selbstbestimmtere Verfügung über frei gewordene Zeitressourcen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass es sich bei Arbeitswegen gerade nicht nur um belastende Zeit handelt, die möglichst zu verkürzen ist, sondern dem Unterwegs-Sein eine eigene Bedeutung zukommt. Für Personen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, bedeutet der Arbeitsweg oftmals auch einen Bewegungsausgleich, der als Teil der Alltagsroutine geschätzt wird. Für Frau Eiche könnte der Arbeitsweg sogar noch länger sein:
96 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens 2020; Carstensen/Demuth 2020; Zinn et al. 2020). Inzwischen wurde aber deutlich, dass es nicht zu einer grundsätzlichen Veränderung der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern kommt. Erste Untersuchungen der Auswirkungen von Homeoffice während der Corona-Pandemie weisen zudem auf Probleme hin, die sich aus der räumlichen und zeitlichen Überlagerung von Careund Erwerbsarbeit ergeben (Lott 2020). In der Literatur finden sich unterschiedliche Ansichten hinsichtlich des Ausmaßes und der Beurteilung der Veränderung der Arbeitsteilung durch Homeoffice, zum Teil auch schon unter Berücksichtigung von längerfristigen Entwicklungen vor der Corona-Pandemie. Während in vielen Studien argumentiert wird, dass Homeoffice eine Chance für eine egalitärere Arbeitsteilung bieten könnte (Maus/Winker 2001; Reimer 2015; Lott/Zucco 2021; Lübcke/Ohlbrecht 2023), konstatieren andere Studien, dass das Arbeiten im Homeoffice eher zu einer Verfestigung oder Beibehaltung der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen führt (Sullivan/Lewis 2002; Lott 2019; Samtleben et al. 2020; Pokorny 2021; Hart et al. 2022; Lübcke/Ohlbrecht 2023). 3 , 4 Mit Blick auf die Pandemie wird für Letzteres argumentiert, dass insbesondere Mütter während der Corona-Pandemie noch mehr Care-Arbeit übernommen haben als zuvor. Kohlrausch und Zucco (2020) sprechen daher von einer 3 Die meisten der hier genannten Studien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, wurden während der Corona-Pandemie durchgeführt. Homeoffice war zwar ein entscheidendes Thema, aber auch andere Faktoren wie Kurzarbeit, Schulund Kindergartenausfälle etc. sind in die Daten eingeflossen. Daher ist davon auszugehen, dass Homeoffice aktuell anders in Anspruch genommen wird und eventuell einen anderen Einfluss auf die Arbeitsteilung hat. Dunatchik (2021, S. 203) weist ausdrücklich darauf hin, dass sie nicht wissen können, welche längerfristigen Folgen die Zunahme von Homeoffice nach der Corona-Pandemie haben wird. Hier können unsere nach der Corona-Pandemie erhobenen Daten einen wichtigen Beitrag zum Stand der Forschung leisten. 4 Die Auswirkungen von Erwerbsarbeit zu Hause auf die Arbeitsteilung wurden bereits vor der Corona-Pandemie untersucht. Damals war mobiles Arbeiten jedoch noch nicht so weit verbreitet. In den meisten Fällen handelte es sich allerdings nicht um Homeoffice, sondern um Telearbeit, welche weniger flexibel ist (Kapitel 1.1.3). Dennoch gab es ähnliche Diskussionen, ob Telearbeit eine Lösung für die Vereinbarkeit von Berufsund Privatleben darstellt und dabei geschlechtsspezifische Unterschiede verringert werden (Maus/Winker 2001; Reimer 2015; Abendroth/Diewald 2019).
3 Ergebnisse | 97 „Retraditionalisierung“ der Geschlechterrollen während der Corona-Pandemie. Auch Allmendinger (2020) argumentiert dahingehend, dass Väter während der Corona-Pandemie deutlich seltener als Mütter ihre Erwerbstätigkeit reduzierten, um die Kinderbetreuung zu übernehmen und mit Homeoffice sogar eine höhere Erwerbsleistung erbrachten. Andere Autor*innen stellen fest, dass die geschlechterbezogenen Ungleichheiten in der Arbeitsteilung während der Corona-Pandemie zwar hoch waren, es aber keine Anzeichen einer „Retraditionalisierung“ zu erkennen gab, da die Verteilung ähnlich wie zuvor blieb (Partheymüller 2021; Globisch et al. 2022; Hart et al. 2022; Lübcke/Ohlbrecht 2023). So übernahmen Väter während der CoronaPandemie zwar mehr Betreuungsarbeit als zuvor, dies änderte jedoch nichts an der ungleichen Arbeitsaufteilung in Doppelverdienerhaushalten mit ähnlichem Homeofficeanteil, da auch Mütter mehr Betreuungsarbeit übernahmen (Dunatchik et al. 2021). Konsens besteht dahingehend, dass unabhängig vom Geschlecht Personen, die im Homeoffice arbeiten, mehr Care-Arbeit übernehmen als Personen, die nicht im Homeoffice arbeiten. Bei Paarhaushalten gibt es eine Verlagerung auf die Person, die mehr im Homeoffice arbeitet. Wenn beide im Homeoffice arbeiten, kommt es zu weniger Veränderungen (Lübcke/Ohlbrecht 2023, S. 189). Die Hauptverantwortung für die Familie bleibt bei den Müttern, auch wenn beide im Homeoffice arbeiten (Carstensen et al. 2022; Lübcke/Ohlbrecht 2023). Arbeitet nur der Vater im Homeoffice, übernimmt er zwar mehr Hausarbeit, seine Beteiligung im Haushalt fällt jedoch nicht so hoch aus wie die der Mutter, wenn sie die einzige Person im Homeoffice ist (Samtleben et al. 2020; Dunatchik et al. 2021, S. 200). Bei einem kleinen Teil der Paare, insbesondere bei Paaren, wo der Mann mehr im Homeoffice arbeitet und/oder weniger erwerbstätig ist als die Frau, findet eine egalitärere Aufteilung der Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern statt (Kohlrausch/Zucco 2020; Samtleben et al. 2020; Globisch et al. 2022). Lott und Zucco (2021) führen aus, dass der Schritt zu einer egalitäreren Arbeitsteilung bzw. zu einer Arbeitsteilung, bei der die Väter die Hauptverantwortung übernehmen, wahrscheinlicher ist, wenn die Väter im Homeoffice arbeiten. Zudem lassen sich geschlechterspezifische Unterschiede bei den Gründen für die Nutzung von Homeoffice feststellen (vgl. Kapitel 3.1.1). Während Mütter im Homeoffice häufig „die Rolle der Strukturiererinnen“ (Lübcke/Ohlbrecht 2023,
98 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens S. 190) übernehmen, um Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt zu vereinbaren, nutzen Väter Homeoffice eher, um selbstbestimmter und länger zu arbeiten (Lott 2019; Deutscher Gewerkschaftsbund/Hans-Böckler-Stiftung 2022). Dabei empfinden Väter eher eine Harmonisierung der Familienund Arbeitsstrukturen durch Homeoffice (Lübcke/Ohlbrecht 2023, S. 190). Mütter empfinden hingegen häufiger eine Doppelbelastung, wenn sie im Homeoffice arbeiten, und sind häufiger von Burn-out betroffen (Lott 2019; Hart et al. 2022, S. 52; Lübcke/Ohlbrecht 2023). Interessant ist auch die Beobachtung, dass bei Vätern Homeoffice die Erwerbsarbeitszeit nicht zu verändern scheint, während es bei den Müttern zu einer Ausweitung der Erwerbsarbeitszeit führt (Arntz et al. 2019). Ein Grund wird in der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen. Die flexiblere Arbeitsorganisation durch Homeoffice, die mit einer größeren Autonomie und Anpassung an Care-Strukturen einhergeht, kann insbesondere für Beschäftigte, die aufgrund von Kinderbetreuung in Teilzeit arbeiten, eine Erhöhung der vertraglich vereinbarten Erwerbsarbeitszeit ermöglichen (Arntz et al. 2019; Carstensen 2020). Darüber hinaus wird auch vermutet, dass Mütter eher das Gefühl haben, sich für die Möglichkeit des Homeoffice gegenüber ihrem/ihrer Arbeitgeber*in revanchieren zu müssen (Pauliks et al. 2023, S. 323). Neben der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung haben auch die finanzielle Situation und die Ausstattung des Wohnraums einen erheblichen Einfluss auf die Ausführung von Homeoffice und die damit verbundene Work-Life-Balance. Vor allem das Vorhandensein eines Arbeitszimmers zu Hause wirkt sich positiv auf die Arbeit im Homeoffice aus, wobei ein Zusammenhang mit dem Einkommen und dem Geschlecht besteht (Pfnür et al. 2021, S. 65–68; Hart et al. 2022, S. 58– 60). Frauen und Personen mit geringerem Einkommen verfügen seltener über ein Arbeitszimmer und arbeiten eher in improvisierten Arbeitsarrangements, die jedoch auch mehr Flexibilität für Care-Aufgaben ermöglichen (Carstensen et al. 2022, S. 205; Hart et al. 2022, S. 63). So zeichnet sich das Bild ab, dass vor allem Frauen sowohl räumlich als auch zeitlich mit einer höheren Flexibilität im Homeoffice konfrontiert sind. Sie arbeiten eher zu Randzeiten, frühmorgens oder spätabends, um die Care-Arbeit zu bewältigen. Zudem arbeiten sie eher improvisiert, dort, wo gerade Platz im Wohnraum ist. Dies kann auf Dauer Folgen haben, etwa
3 Ergebnisse | 99 Einbußen in der Qualität der Erwerbsarbeit und psychische Überlastungen (Carstensen et al. 2022, S. 205). Zusammenfassend zeigt die Forschung, dass Homeoffice für verschiedene Personen unterschiedliche Chancen und Risiken birgt. Eltern haben im Homeoffice andere Herausforderungen als Personen ohne Kinder. Dies kann zu Ungleichheiten zwischen Kinderlosen und Personen mit Kindern auf dem Arbeitsmarkt führen (Lübcke/Ohlbrecht 2023: 192). Hinzu kommt, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen im Homeoffice nicht aufgehoben werden. Was einige Personen als Entlastung beschreiben, weil sie im Homeoffice mehr Ruhe und weniger Unterbrechungen haben, trifft auf Mütter meistens nicht zu. Sie müssen der Doppelrolle als Familienmanagerinnen und Erwerbstätige gerecht werden (vgl. Carstensen et al. 2022). Auch wenn gerade Mütter die Flexibilität und Autonomie des Homeoffice als positiv für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewerten, verbinden sich mit Homeoffice für sie andere Belastungen als bei kinderlosen Personen, die im Homeoffice oft wenig Ablenkung haben. Ob Homeoffice zum Abbau oder zur Verstärkung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern beitragen kann, ist also von unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Faktoren abhängig, sodass Homeoffice nicht per se in die eine oder andere Richtung wirkt (vgl. Abendroth/Diewald 2019). 3.3.2 Paare und Familien mit und ohne Homeoffice: Unterschiede in der Arbeitsteilung Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede in der Aufteilung von Careund Erwerbsarbeit in Paarhaushalten. Insbesondere wenn Kinder im Haushalt leben, wird dies deutlich: Mütter übernehmen typischerweise den Großteil der Care-Arbeit. Die Aufteilung der Careund Erwerbsarbeit steht in Zusammenhang mit der Nutzung von Homeoffice. Im Folgenden wird der Zusammenhang hinsichtlich des Umfangs der Homeoffice-Nutzung und der Verteilung der Arbeit zwischen den Partner*innen anhand unserer Daten herausgearbeitet. Gegenüber dem Forschungsstand bestätigt sich, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bei der Nutzung von Homeoffice bestehen bleibt, die Nutzung von Homeoffice aber dazu führen kann, dass die Person im Homeoffice mehr Care-Arbeit übernimmt, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Darüber hinaus können wir anhand unserer Daten differenziert darstellen, in welchen Haushaltskonstellationen Homeoffice wie
100 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens genutzt wird und in welchem Zusammenhang die Anzahl und die Verteilung der Homeoffice-Tage zwischen den Haushaltsmitgliedern mit der Verteilung von Care-Aufgaben steht. Weitgehend in Übereinstimmung mit dem Forschungsstand zeigen unsere Daten, dass es hinsichtlich der Arbeitsteilung zwischen den Partner*innen einen deutlichen Unterschied macht, ob Kinder im Haushalt leben oder nicht. Wie in Tabelle 13 ersichtlich, sind die Partnerinnen in Haushalten mit Kindern häufig weniger Stunden erwerbstätig als ihre Partner. Lediglich in 23 Prozent der Haushalte mit Kindern ist die Erwerbsarbeit egalitär aufgeteilt und nur in 3 Prozent der Haushalte ist die Frau mehr erwerbstätig. In Haushalten ohne Kinder ist die Erwerbsarbeit hingegen bei 70 Prozent egalitär verteilt. Die Aufteilung der Erwerbsarbeit in Paarhaushalten steht in einem deutlichen Zusammenhang mit dem Umfang der Homeoffice-Nutzung der jeweiligen Partner*innen (vgl. Tabelle 13). Insbesondere bei Haushalten mit Kindern ist der Anteil der Haushalte mit egalitärer Erwerbsarbeitsteilung höher, wenn nur die Partnerin im Homeoffice arbeitet (28 Prozent). Dagegen haben jeweils nur durchschnittlich 21 Prozent der Haushalte eine egalitäre Erwerbsarbeitsteilung, wenn nur der Partner, beide gleich viel oder keine*r im Homeoffice arbeitet. Dies unterstützt den aus der Literatur bekannten Befund, dass Homeoffice Müttern eine größere Erwerbsbeteiligung ermöglicht. Auch in Haushalten ohne Kinder zeigt sich in ähnlicher Weise, dass die Erwerbsarbeitsbeteiligung weniger häufig egalitär ist, wenn nur der Partner im Homeoffice arbeitet (59 Prozent). Wenn keine*r, beide gleich viel oder nur die Partnerin im Homeoffice arbeitet, gibt es häufiger eine egalitäre Beteiligung an Erwerbsarbeit (74 Prozent, 71 Prozent und 72 Prozent). Umgekehrt ist zu erkennen, dass in kinderlosen Haushalten, bei denen der Partner mehr erwerbstätig ist, dies auch überdurchschnittlich oft mit der alleinigen Nutzung des Homeoffice durch den Partner einhergeht (33 Prozent).
3 Ergebnisse | 101 Tabelle 13: Aufteilung der Erwerbsarbeit nach Homeoffice, Paarhaushalte mit und ohne Kinder. ohne Kind im Haushalt kein HomeofficeHaushalt beide Partner*innen im Homeoffice nur Partnerin im Homeoffice nur Partner im Homeoffice gesamt n 77 122 127 73 399 Aufteilung Erwerbsarbeit Mann > Frau 21 % 25 % 23 % 33 % 25 % egalitär 74 % 71 % 72 % 59 % 70 % Frau > Mann 5 % 4 % 6 % 8 % 6 % mit Kind im Haushalt kein HomeofficeHaushalt beide Partner*innen im Homeoffice nur Partnerin im Homeoffice nur Partner im Homeoffice gesamt n 56 101 74 43 274 Aufteilung Erwerbsarbeit Mann > Frau 75 % 75 % 70 % 77 % 74 % egalitär 21 % 21 % 28 % 21 % 23 % Frau > Mann 4 % 4 % 1 % 2 % 3 % Lesebeispiel: In 75 Prozent der Paarhaushalte mit Kind, in denen beide Partner*innen im Homeoffice arbeiten, ist der Mann in größerem Umfang erwerbstätig als die Frau, während in 4 Prozent dieser Haushalte die Frau in größerem Umfang erwerbstätig ist. Quelle: eigene Erhebung
102 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Wie bei der in Tabelle 13 dargestellten Verteilung der Erwerbsarbeit zeigt Tabelle 14 für die Care-Arbeit, dass es auch hier deutliche Unterschiede zwischen Paarhaushalten mit Kindern und Paarhaushalten ohne Kinder gibt. Zudem richtet sich die Care-Arbeitsaufteilung maßgeblich danach, welcher der Partner*innen im Homeoffice arbeitet. So haben 35 Prozent der Paarhaushalte ohne Kinder eine egalitäre Aufteilung der Care-Arbeit. Besonders egalitär ist die Aufteilung in Haushalten, in denen beide im Homeoffice arbeiten (43 Prozent). Wenn nur der Partner regelmäßig im Homeoffice arbeitet, übernimmt dieser vergleichsweise häufig mehr Aufgaben als die Partnerin (37 Prozent). Dies ist sowohl im Vergleich mit Haushalten ohne Homeoffice-Nutzung (21 Prozent) als auch mit Haushalten, bei denen alleine die Partnerin im Homeoffice arbeitet (9 Prozent), deutlich höher. Wenn allerdings nur die Partnerin im Homeoffice arbeitet, dreht sich die Verteilung erwartungsgemäß um, sodass in 68 Prozent dieser Haushalte mehr CareArbeit bei der Partnerin liegt. Ein in den Interviews häufig genanntes Argument ist, dass die Person, häufig die Frau, aufgrund von Homeoffice ohnehin zu Hause ist und sich daher um den Haushalt kümmern könne: „Dadurch, dass ich mehr vor Ort bin, bleiben auch mehr Dinge bei mir kleben. Also alles, was bis 17 Uhr halt anfällt. An beiden Tagen [Büro und Homeoffice], auch wenn ich im Büro bin, bin ich ja letztendlich die Erste, die wieder hier ist“ (Frau Zeder). Sobald ein Kind im Haushalt lebt, übernimmt die Partnerin in allen Homeoffice-Konstellationen mehr Care-Aufgaben (vgl. Tabelle 14). Besonders deutlich zeigt sich dies in Haushalten, in denen nur die Mutter im Homeoffice arbeitet. Bei 87 Prozent der Haushalte übernimmt in diesen Konstellationen die Mutter auch mehr Care-Arbeit. In den Fällen, in denen nur der Vater im Homeoffice arbeitet, wird in 34 Prozent der Fälle mehr vom Vater übernommen. Doch auch bei diesen Homeoffice-Konstellationen überwiegen die Haushalte, in denen die Mütter mehr Care-Aufgaben übernehmen (52 Prozent). Dennoch zeigt sich, dass sich eine Abschwächung geschlechtsbezogener Ungleichheiten hinsichtlich der Aufteilung von Care-Arbeit erkennen lässt, sobald der Mann (auch) im Homeoffice arbeitet.
3 Ergebnisse | 103 Tabelle 14: Aufteilung der Care-Arbeit in Abhängigkeit von HomeofficeNutzung, Paarhaushalte mit und ohne Kinder kein Kind im Haushalt kein HomeofficeHaushalt beide Partner*innen im Homeoffice nur Partnerin im Homeoffice nur Partner im Homeoffice gesamt n 85 134 120 73 412 Aufteilung CareArbeit Mann > Frau 21 % 22 % 9 % 37 % 21 % egalitär 39 % 43 % 23 % 38 % 35 % Frau > Mann 40 % 36 % 68 % 25 % 44 % Kind im Haushalt kein HomeofficeHaushalt beide Partner*innen im Homeoffice nur Partnerin im Homeoffice nur Partner im Homeoffice gesamt n 62 109 80 44 295 Aufteilung CareArbeit Mann > Frau 10 % 17 % 3 % 34 % 14 % egalitär 19 % 22 % 10 % 14 % 17 % Frau > Mann 71 % 61 % 87 % 52 % 69 % Lesebeispiel: In 17 Prozent der Paarhaushalte mit Kind, in denen beide Partner*innen im Homeoffice arbeiten, übernimmt der Mann mehr CareAufgaben als die Frau, während in 61 Prozent dieser Haushalte die Frau mehr Care-Aufgaben übernimmt. Quelle: eigene Erhebung
104 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Anmerkung: Paarhaushalte, in denen der Mann häufiger im Homeoffice arbeitet (n = 106); Paarhaushalte, in denen die Frau häufiger im Homeoffice arbeitet (n = 167) Quelle: eigene Darstellung Abbildung 17: Aufteilung von Care-Arbeit in Paarhaushalten nach HomeofficeKonstellation
3 Ergebnisse | 105 Anmerkung: Paarhaushalte, in denen beide Partner*innen gleich häufig im Homeoffice arbeiten (n = 201); Paarhaushalte, in denen niemand im Homeoffice arbeitet (n = 124) Abbildung 17 zeigt die Aufteilung der Care-Arbeit innerhalb der befragten Paarhaushalte. Dargestellt sind einzelne Tätigkeiten in Abhängigkeit davon, welche Person mehr im Homeoffice arbeitet. Wie bereits dargelegt, zeigt sich eine Tendenz zur egalitäreren Verteilung von Care-Aufgaben, wenn der Partner mehr oder beide gleich viel im Homeoffice arbeiten. Wenn beide gleich viel im Homeoffice arbeiten, werden in der Regel Care-Aufgaben gemeinsam übernommen. Allerdings übernehmen Frauen häufiger die Tätigkeiten des Haushaltsmanagements, die Betreuung der Hausaufgaben der Kinder und das Wäschewaschen. Reparaturen werden auch in diesem Typus nur vom Partner übernommen. Wenn der Partner mehr im Homeoffice arbeitet, werden auch das Haushaltsmanagement und die Hausaufgabenbetreuung gemeinsam übernommen. Nur das Wäschewaschen
112 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Wohnlagen, wo zudem überdurchschnittlich häufig Kinder im Haushalt leben. Großzügigere und damit familienfreundlichere Wohnverhältnisse an suburbanen Wohnstandorten gehen somit einher mit einer traditionelleren Aufteilung von Erwerbsund Care-Arbeit, welcher die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, entgegenkommt. Dies hat insbesondere damit zu tun, dass besonders im suburbanen Raum Pendelwege viel Zeit in Anspruch nehmen (vgl. Kapitel 3.2.3). Wie die Forschung (z. B. Orman et al. 2024) zeigt, wirken sich nicht nur das Arbeitszimmer und eine komfortable Wohnsituation positiv auf die Arbeit im Homeoffice aus, sondern auch das Wohnen im Eigentum. Dies begründet sich darin, dass im Eigentum die Möglichkeit besteht, den Wohnraum nach den eigenen Bedürfnissen anzupassen und sich diesen anzueignen. In den Interviews finden sich bestätigende Aussagen, so sagen Herr Douglasie und Herr Stechpalme, dass sie keine größeren Umbauten vornehmen, weil sie zur Miete wohnen: „Das wäre mit sehr, sehr, sehr großem Aufwand verbunden. Also wir könnten Wände einziehen. Das müsste man dann wahrscheinlich aber erst mit dem Vermieter abklären. Das ist ja eine Mietwohnung, kein Eigentum, und von daher scheue ich mich da so ein bisschen vor dem Aufwand“ (Herr Douglasie). Das Vorhandensein eines Arbeitszimmers variiert je nach Wohnort. Paarhaushalte mit und ohne Kinder am Stadtrand verfügen häufiger über ein Arbeitszimmer (54 Prozent) als Paarhaushalte in der Innenstadt (37 Prozent). Wenn ein Arbeitszimmer vorhanden ist, treten weniger Konflikte im Homeoffice auf (vgl. Kapitel 3.1.3). Der Vorteil eines vorhandenen Arbeitszimmers wird in den Interviews bestätigt. Insbesondere bei gleichzeitiger Anwesenheit anderer Haushaltsmitglieder ist eine Konzentration durch räumliche Trennung besser möglich. Als großer Vorteil wird gesehen, dass im Arbeitszimmer Sachen liegen gelassen werden können, die Tür geschlossen werden kann und Ruhe möglich ist. In manchen Fällen ist die Konzentration dann sogar besser als im Büro, da es im Büro zu mehr Ablenkung kommen kann, zuallererst durch die Kolleg*innen. „Ich sitz in einem großen Büro in Hamburg mit sechs Plätzen und da ist dann natürlich auch so ein Rein und Raus und dann wird es unterbrochen und dann will ja doch mal einer, wenn es nur Klönschnack ist, mal eben schnell undDann ist man
3 Ergebnisse | 113 so. Raus und so dieses fokussierte Arbeiten fällt mir persönlich hier zu Hause viel einfacher als im Büro“ (Frau Buche). Personen mit Arbeitszimmer und ohne Ablenkung zu Hause legen ihre Erwerbsarbeitsaufgaben so, dass sie die konzentrierten Arbeiten zu Hause im Homeoffice erledigen. Im Büro werden hingegen Tätigkeiten erledigt, die weniger Konzentration erfordern, wie z. B. sich mit Kolleg*innen besprechen oder drucken. Unterbrechungen oder Ablenkungen durch andere Personen gibt es bei diesen Haushalten im Homeoffice in der Regel nicht, da entweder zu dieser Zeit niemand zu Hause ist oder genügend Raum zum Ausweichen vorhanden ist. Normalerweise ist bei diesen Personen konzentriertes Arbeiten im Homeoffice zufriedenstellend möglich und es bedarf diesbezüglich nur wenig Koordination im Haushalt. Lediglich bei Abweichungen im Alltag werden Absprachen getroffen und es entstehen Herausforderungen bei der räumlichen Nutzung des Wohnraums. Solche Herausforderungen treten beispielsweise auf, wenn die Kinder aufgrund von Ferien, Besuch oder Krankheit zu Hause sind, da oft u. a. das alte Kinderzimmer als Homeoffice-Arbeitsplatz genutzt wird. Bei Besuch wird das Zimmer dann den Kindern überlassen und ins Büro ausgewichen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn keine Betreuung notwendig ist oder andere Personen wie Partner*in oder Großeltern die Betreuung übernehmen. Frau Vogelbeerbaum beschreibt näher, warum sie ins Büro ausweicht, wenn ihre ausgezogene Tochter zu Besuch kommt: „Also es ist tatsächlich so, wenn ich arbeite da oben, dann schläft da keiner. Also dann würde es ja bedeuten, dass ich die morgens um sechs dann rausschmeiße oder um sieben. Das, wie gesagt, ist nicht die Uhrzeit meiner Kinder, wenn die zu Hause sind. Aber das ist eigentlichhat sich jetzt so, dassEs hat auch schon Tage gegeben, wo ich gesagt habe: ,Okay, ich bin heute nicht im Homeoffice‘, oder wenn sie da sind, dann arbeite ich eben in der Firma“ (Frau Vogelbeerbaum). Je zentraler die Lagen, desto weniger Haushalte verfügen über ein Arbeitszimmer und desto mehr Konflikte treten im Homeoffice auf (Tabelle 15). In innerstädtischen Lagen berichten 22 Prozent der Haushalte von Konflikten im Zusammenhang mit der Arbeit im Homeoffice, am Stadtrand sind es nur 10 Prozent. Besonders konfliktreich ist die Homeoffice-Situation in Haushalten mit Kindern in innerstädtischen Lagen (47 Prozent). Hier fehlt es häufig an ausreichend Platz für die Ausführung der Erwerbsarbeit.
114 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Tabelle 15: Konflikte im Homeoffice im Vergleich Haushalte mit und ohne Kind kein Kind im Haushalt gesamt Hamburg – Innenstadt Hamburg – Stadtrand suburbaner Raum ländlicher Raum n 106 126 104 194 530 Konflikte im Homeoffice nein 78 % 90 % 89 % 88 % 87 % ja 22 % 10 % 11 % 12 % 13 % gesamt 100 % 100 % 100 % 100 % 100 % Kind im Haushalt Hamburg – Innenstadt Hamburg – Stadtrand suburbaner Raum ländlicher Raum gesamt n 32 47 67 98 244 Konflikte im Homeoffice nein 53 % 81 % 73 % 76 % 73 % ja 47 % 19 % 27 % 24 % 27 % gesamt 100 % 100 % 100 % 100 % 100 % Lesebeispiel: 22 Prozent der in der Innenstadt wohnenden Personen ohne Kinder und 47 Prozent der dort lebenden Personen mit Kindern berichten von Konflikten im Homeoffice. Quelle: eigene Erhebung In den Interviews wird die schwierige Situation von Haushalten mit Kindern, die zusätzlich durch räumlich beengte Wohnverhältnisse belastet sind, noch einmal bestätigt: Befragte, die aufgrund von mangelndem Platz und Kindern im Haushalt Schwierigkeiten haben, ungestört im Homeoffice zu arbeiten, müssen mehr Absprachen in Bezug auf Homeoffice treffen bzw. funktioniert der
3 Ergebnisse | 115 Wohnalltag nur mit Doppelnutzungen von Räumen. 5 Solche Aushandlungen finden einerseits auf einer räumlichen Ebene statt, indem Türen geschlossen und Zettel an die Tür gehängt werden, wenn nicht gestört werden soll. Andererseits finden diese auch auf einer zeitlichen Ebene statt, beispielsweise beim Ausweichen ins Kinderzimmer, das während der Schulzeit nicht benutzt wird. Schon an diesen Beispielen wird deutlich, dass sich die Ebenen gegenseitig bedingen und für zeitliches Ausweichen auch der Raum dafür benötigt wird (vgl. Kapitel 3.4.2). Hinzu kommt, dass Homeoffice ein gewisses Maß an Repräsentativität des Wohnraums erfordert, da die Anschaulichkeit des Raumes im Zoom-Ausschnitt für die Erwerbsarbeit oft wichtig ist. Dies macht bei kleineren Wohnräumen Aushandlungsprozesse notwendig. Die Entscheidung, wer welchen Raum bekommt, hängt häufig davon ab, wer den repräsentativeren Raum benötigt, und wird je nach Tätigkeit sogar gewechselt. Die Partnerin von Herrn Kastanie hat zum Beispiel den repräsentativeren Raum für Homeoffice und er wechselt dorthin, wenn er eine wichtige Besprechung hat oder seine Partnerin nicht da ist: „Wir waren hier halt auch schon, wo ich noch studiert habe und sie schon gearbeitet hat. Und da war es halt dann einfach so. Drüben sieht es ein bisschen repräsentativer meistens aus und so was und deswegen hat sie dann damals den bekommen […] Also wenn zum Beispiel ich auch mal im Homeoffice bin und meine Freundin in der Arbeit oder so, dann bin ich auch drüben“ (Herr Kastanie). Insbesondere in Haushalten mit Kindern ist nicht nur die Raumaufteilung innerhalb der Wohnung entscheidend für das Funktionieren des Homeoffice, sondern auch die Wohnumgebung spielt eine wesentliche Rolle, wie die Interviews zeigen. Obwohl das Arbeiten im Homeoffice in solchen Haushalten oft mit Konflikten verbunden ist, wird Homeoffice von Müttern und Vätern positiv bewertet, da es die Vereinbarkeit von Haushalt und Beruf erleichtert (vgl. Kapitel 3.3.1). Dies wird in den Interviews oft darauf zurückgeführt, dass die Befragten während 5 Eine Doppelnutzung besteht dann, wenn ein Raum verschiedene Funktionen und Nutzungen erfüllt, entweder zu unterschiedlichen Zeiten oder gleichzeitig. Ein typisches Beispiel in diesem Kontext ist z. B., dass in der Nacht ein Raum als Schlafzimmer genutzt wird und am Tag als Arbeitszimmer, ein weiteres Beispiel ist die gleichzeitige Nutzung der Küche als Arbeitszimmer, wo dann auch andere Tätigkeiten neben der Erwerbstätigkeit ausgeübt werden.
116 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens ihrer Erwerbsarbeit im eigenen Wohnumfeld sind, wo sich ihre alltäglichen Orte befinden. Ein Spannungsfeld ergibt sich insbesondere in zentralen Wohnlagen. Einerseits ist die Wohnung oft zu klein, um konfliktfrei im Homeoffice zu arbeiten, und eine größere Wohnung wird gewünscht. Andererseits ist die Lage für das Funktionieren des Alltags von entscheidender Bedeutung und ein Umzug ins Umland, wo es eventuell günstigeren Wohnraum gibt, wird nicht in Betracht gezogen (vgl. Kapitel 3.5). Insbesondere in Bezug auf die Care-Wege wird in den Interviews deutlich, dass diese vor allem deshalb funktionieren, weil kurze Distanzen zurückgelegt werden können. Frau Birke kommentiert dies wie folgt: „Also wir haben das Glück, dass wir alles, was wir brauchen, im Viertel haben, und das wird auch sonst nicht klappen. Ich habe kein Auto, ich habe nur ein Lastenfahrrad ohne E-Antrieb und damit kutschiere ich alle Kinder, damit kutschiere ich meine Einkäufe, damit mache ich alles. Das heißt, es muss halt in Gehoder maximal Fahrraddistanz sein. Und das habe ich“ (Frau Birke). Homeoffice kann demnach für die Organisation des Alltages von innerstädtischen Haushalten in gewissem Maße einen positiven Beitrag leisten, da die Wege an Homeoffice-Tagen kürzer sind als an Bürotagen, wie auch Frau Birke weiter ausführt: „Dadurch, dass ich jetzt weniger Holund Bringzeiten habe, wenn ich im Homeoffice bin, entspannt das die Lage für mich und damit eben auch für die Kinder.“ Ein zentraler Wohnstandort in funktionsgemischten innerstädtischen Quartieren wirkt sich nicht nur auf die Wege und Verkehrsmittelwahl aus (vgl. Kapitel 3.2), sondern geht häufig auch mit einem dichteren sozialen Netzwerk und informellen Betreuungsangeboten im Wohnumfeld einher. So betont Herr Fichte das gute Netzwerk in seinem Stadtteil, vor allem mit einer befreundeten Familie, mit der man sich manchmal mit der Kinderbetreuung abwechselt. Frau Birke löst das Platzproblem in ihrer kleinen Innenstadtwohnung, indem sie ihre Kinder nachmittags auf den nahegelegenen Spielplatz schickt, um sich in Ruhe ihrer Erwerbsarbeit widmen zu können. Das funktioniert aber nur, weil sie den Spielplatz von ihrer Wohnung aus sehen kann. Das heißt, sie ist ungestört, kann aber im Notfall reagieren: „Wenn sie irgendwie schreien, kann ich das hören, wenn ich darauf achte. So, dann kann ich da rüber flitzen und dann ist es gut.“
3 Ergebnisse | 117 Insgesamt zeigt sich, dass die verschiedenen Wohnverhältnisse und -orte die Ausführung von Homeoffice maßgeblich beeinflussen. Vor allem die Größe der Wohnung und die Möglichkeit, ein Arbeitszimmer einzurichten, werden beim Homeoffice positiv bewertet. Besonders in zentralen Lagen fehlt es bei vielen Haushalten jedoch an Wohnfläche für das konfliktfreie Arbeiten im Homeoffice. Diese Befunde verdeutlichen die dort angespannte Wohnsituation und die Flächenknappheit. Wobei gerade die zentrale Lage und die Nähe zu städtischen Infrastrukturen den Alltag im Homeoffice in vielen Fällen erheblich erleichtern. Dies stellt besonders für Haushalte mit Kindern eine Entlastung dar, obwohl diese Haushalte oft vor Herausforderungen aufgrund des engen Wohnraums stehen. 3.3.4 Zeitliche Dimensionen: Überlagerungen und Unterbrechungen von Homeoffice und Care-Arbeit Mit der Verlagerung der Erwerbsarbeit an den Wohnort verändern sich nicht nur die räumlichen Bedingungen, sondern auch die zeitlichen Tagesund Wochenstrukturen der Befragten (vgl. Kapitel 3.1). Careund Erwerbsarbeit sowie Freizeit finden nun an einem Ort statt, wodurch eine zeitliche Verdichtung entsteht, die es ermöglicht, dass eine Tätigkeit leichter für die andere unterbrochen werden kann oder gleichzeitig stattfindet (vgl. Kapitel 3.4). Die Forschung weist darauf hin, dass Homeoffice eine räumlich und zeitlich flexiblere Erwerbsarbeit und damit eine bessere Anpassung an Care-Strukturen ermöglicht und dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Nutzung dieser Flexibilität gibt (Carstensen et al. 2022; Lübcke/Ohlbrecht 2023). Auf Basis unserer Untersuchung können wir diese Befunde durch detaillierte Aussagen zu den Unterschieden in den Zeitstrukturen eines Bürotages im Vergleich zu einem Homeoffice-Tag untermauern und neue Einblicke in die Unterschiede zwischen verschiedenen Haushaltstypen, insbesondere Haushalten mit und ohne Kinder, geben. Durch die zeitliche Anpassung der Erwerbsarbeitszeit an Homeoffice-Tagen kann die Tagesstruktur besser an den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Haushaltsmitglieder orientiert werden, wodurch mehr Zeit für Aktivitäten außerhalb der Erwerbsarbeit bleibt. Tabelle 16 zeigt, wie sich die zeitliche Strukturierung des Alltags an Homeoffice-Tagen von Bürotagen unterscheidet. Dabei
118 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens werden die Mittelwerte der abgefragten Items 6 zwischen Personen mit im Haushalt lebenden Kindern und ohne Kinder verglichen (vgl. Abbildungen 35, 36, 37 und 38 im Anhang). Tabelle 16: Unterschiede der zeitlichen Strukturen an Homeoffice-Tagen verglichen mit Bürotagen 6 Die Befragten konnten jedes Item auf einer Skala von –2 (viel früher, viel weniger etc.) bis +2 (viel später, viel mehr etc.) bewerten. Die Mittelwerte geben daher keine genauen Zeiten an, sondern stellen Tendenzen dar. Kind im Haushalt? n Mittelwert Std.-Abweichung Wann stehen Sie morgens auf? kein Kind 457 0,72 0,91 Kind 193 0,34 0,77 Wann fangen Sie an zu arbeiten? kein Kind 459 -0,56 0,93 Kind 190 -0,77 0,86 Wie häufig arbeiten Sie spätabends (ab 19 Uhr)? kein Kind 458 -0,55 1,21 Kind 193 -0,14 1,22 Wie oft machen Sie Pausen? kein Kind 460 -0,08 0,88 Kind 193 -0,21 0,90 Wie lang machen Sie Pausen? kein Kind 460 -0,14 0,87 Kind 192 -0,26 0,89 Wie häufig arbeiten Sie auch einmal, wenn Sie sich krank fühlen? kein Kind 456 0,72 0,92 Kind 192 0,94 0,83 Wie viel Zeit haben Sie für sich? kein Kind 456 0,91 0,83 Kind 192 0,66 0,75 kein Kind 308 0,74 0,79
3 Ergebnisse | 119 Lesebeispiel: Personen ohne Kinder im Haushalt stehen an Homeoffice-Tagen später (+0,72) auf als an Bürotagen, fangen jedoch früher (-0,56) an zu arbeiten. Personen mit Kindern stehen an Homeoffice-Tagen nur etwas später (+0,34) auf als an Bürotagen, aber fangen deutlich (-0,77) früher an zu arbeiten. Anmerkungen: Die Mittelwerte stellen keine objektiven Zeitangaben wie Stunden dar, sondern ergeben sich aus einer Skala von -2 bis +2, während 0 keinen Unterschied zwischen Homeoffice-Tag und Bürotag bedeutet. Quelle: eigene Erhebung Es wird ersichtlich, dass die Befragten durch Homeoffice mehr Zeit für sich, ihre Kinder und ihren Partner bzw. ihre Partnerin und Freund*innen haben. Personen mit Kindern geben an, die durch Homeoffice gewonnene Zeit im Alltag besonders ihren Kindern zu widmen (vgl. Abbildung 37 im Anhang). Frau Buche beschreibt, wie sie an Homeoffice-Tagen entspannter ist und wie sie die Zeit an diesen Tagen besser nutzen kann: „Wir setzen uns dann meistens hier draußen dann noch hin, trinken erst mal einen Kaffee zum Runterkommen zum Feierabend und so. Und dann geht so das Privatleben los. Und dann hat man, wie gesagt, man hat viel mehr Zeit, im Garten was zu machen. Man hat viel mehr Zeit für sich selber, für seinen Partner, für die Familie, mit den Hunden“ (Frau Buche). Des Weiteren zeigt Tabelle 16, dass im Homeoffice tendenziell später aufgestanden und früher mit der Erwerbsarbeit begonnen wird, was sich auf den Wegfall des Arbeitsweges zurückführen lässt (vgl. Kapitel 3.1.4). Auffällig ist, dass Haushalte mit Kindern bereits morgens an Homeoffice-Tagen andere zeitliche Abläufe haben als Haushalte ohne Kinder. So wird die durch den Wegfall des Wie viel Zeit haben Sie für Ihren/Ihre Partner*in? Kind 166 0,49 0,61 Wie viel Zeit haben Sie für Ihre Kinder? kein Kind 52 0,38 0,66 Kind 192 0,86 0,71 Wie viel Zeit haben Sie für Ihre Freund*innen? kein Kind 456 0,52 0,75 Kind 192 0,26 0,65
120 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Arbeitsweges gewonnene Zeit von Personen mit Kindern im Vergleich zu Personen in kinderlosen Haushalten weniger dazu genutzt, länger zu schlafen, als vielmehr dafür, deutlich früher mit der Erwerbsarbeit zu beginnen (vgl. Abbildung 35 im Anhang). Auch in den Interviews wird dargelegt, dass Homeoffice einen Vorteil bietet, da bereits vor dem ersten außerhäuslichen Weg mit der Erwerbsarbeit begonnen werden kann – bevor die Kinder in die Kita oder die Schule gebracht werden müssen oder sogar während die Kinder noch schlafen. Auf diese Weise ist es möglich, früher Feierabend zu machen. In einigen Fällen ist dies die einzige Möglichkeit, die erforderliche Anzahl von Erwerbsarbeitsstunden zu erreichen, bevor die Kinder wieder von der Kita oder der Schule abgeholt werden müssen. Für Frau Robinie stellt diese zeitliche Flexibilität einen ganz besonderen Vorteil des Homeoffice dar, wie sie betont: „Ich bin ein Morgenmensch, also produktiv zwischen sechs und zehn. Das sind Zeiten, die fehlen mir einfach. Und wenn ich dann im Homeoffice arbeiten kann, bin ich viel flexibler. Dann habe ich schon einiges geschafft, bevor die Kinder das Haus verlassen, bevor die Kinder überhaupt die Treppe runterstolpern. Und es ist für mich sehr entspannend, bin ich ganz ehrlich“ (Frau Robinie). Wie Tabelle 17 zeigt, wird im Homeoffice tendenziell nicht nur später aufgestanden, sondern vor allem erfolgt der erste außerhäusliche Weg später als an einem Bürotag. An einem Tag im Büro findet dieser üblicherweise zwischen 6 Uhr und 10 Uhr statt, sowohl mit als auch ohne im Haushalt lebende Kinder. An einem Tag im Homeoffice verlagert sich dieser Weg mehr in den Tag hinein. So findet bei Haushalten ohne Kind der erste Weg am häufigsten zwischen 12 und 14 Uhr statt (23 Prozent), was wahrscheinlich in den meisten Fällen die Zeit der Mittagspause ist. Bei Haushalten mit Kindern erfolgt der erste außerhäusliche Weg tendenziell früher. 35 Prozent der Befragten mit Kindern legen diesen an einem Homeoffice-Tag zwischen 6 und 8 Uhr zurück. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass diese Haushalte auch an einem Homeoffice-Tag ihre Kinder zur Schule oder in die Kita bringen müssen.
3 Ergebnisse | 121 Tabelle 17: Startzeit des ersten außerhäuslichen Weges an Homeoffice-Tagen verglichen mit Bürotagen Tag im Büro Tag im Homeoffice ohne Kind mit Kind ohne Kind mit Kind n 576 269 441 231 vor 6 Uhr 8 % 8 % 1 % 1 % 6 bis 8 Uhr 59 % 64 % 14 % 35 % 8 bis 10 Uhr 29 % 26 % 8 % 19 % 10 bis 12 Uhr 1 % 0 % 7 % 4 % 12 bis 14 Uhr 0 % 0 % 23 % 12 % 14 bis 16 Uhr 1 % 0 % 10 % 10 % 16 bis 18 Uhr 1 % 0 % 22 % 15 % 18 bis 20 Uhr 1 % 0 % 15 % 3 % 20 bis 22 Uhr 0 % 0 % 0 % 0 % gesamt 100 % 100 % 100 % 100 % Lesebeispiel: An einem Tag im Büro starten 59 Prozent der Befragten ohne Kind und 64 Prozent der Befragten mit Kind ihren ersten Weg zwischen 6 und 8 Uhr. An einem Tag im Homeoffice tun dies 14 Prozent der Befragten ohne Kind und 35 Prozent der Befragten mit Kind. Quelle: eigene Erhebung Unsere Daten weisen nicht nur auf eine zeitliche Verschiebung der Erwerbsarbeitszeiten im Homeoffice hin, sondern auch auf eine Veränderung der Pausendauer (vgl. Abbildung 36 im Anhang). Im Homeoffice werden von einem Großteil der Befragten im Vergleich zu einem Bürotag weniger und kürzere Pausen eingelegt (Kapitel 3.1) Die Interviews bestätigen diese Unterschiede in der Tagesstruktur hinsichtlich der Pausenzeiten und der Pausendauer und geben Einblicke in die Gründe. Es wird hier häufig als Grund genannt, dass die Abläufe und damit auch die Pausen im Büro vor allem durch die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen bzw. die Zeitstruktur im Betrieb vorgegeben sind. Im Homeoffice fallen diese Vorgaben teilweise weg und die Abläufe müssen stärker selbst strukturiert
128 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens 3.4.1 Wohn-Raum-Zeit: Alltagsorganisation mit Homeoffice im Wohnraum In Gesellschaften der Gegenwart ist die Wohnung auf Haushaltsund Betreuungsaufgaben sowie Freizeitaktivitäten und Entspannung ausgerichtet (Kapitel 1.1.1). Durch die Verlagerung der bezahlten Arbeit in das Zuhause findet diese nun im selben räumlichen Kontext wie unbezahlte Arbeit, private Termine und Freizeit statt. Wie diese Tätigkeiten räumlich und zeitlich ausgeführt werden und miteinander in Beziehung treten und sich gegebenenfalls gegenseitig beeinflussen, untersuchen wir mithilfe des Raum-Zeit-Diagramms „Wohnraum“ (Abbildung 22). Wir können die Befunde zur räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung im Homeoffice aus der Forschung (Carstensen et al. 2022; Lübcke/Ohlbrecht 2023) bestätigen. Darüber hinaus zeigen unsere Ergebnisse, welche Alltagssituationen von dieser Flexibilität profitieren und welche hingegen neue Strukturierungen benötigen, um Erwerbsarbeit zu Hause ausüben zu können. Auf Basis der Interviews haben wir eine Zuordnung der Tätigkeiten 7 an einem Homeoffice-Tag auf einem Zweiachsendiagramm vorgenommen. Die horizontale Achse „Raum“ beschreibt, wie viel Raum der Person für die Tätigkeit zur Verfügung steht und ob dieser Raum für die Ausführung der Tätigkeit geeignet ist oder nicht. Die vertikale Achse „Zeit“ bezieht sich auf das Zeitempfinden der Person bei der ausgeführten Tätigkeit und darauf, ob sie gefühlt viel oder wenig Zeit dafür aufwenden muss. Anhand der Selbstaussagen der Interviewteilnehmenden haben wir die einzelnen Tätigkeiten an einem Homeoffice-Tag den jeweiligen Achsen zugeordnet. Dabei wurde im Sinne der jeweils spezifischen „Raum-Zeit-Situationen“ untersucht, in welchem Verhältnis der vorhandene Raum zur verfügbaren Zeit steht und umgekehrt. Das sich daraus ergebende Raum-Zeit-Diagramm „Wohnraum“ zeigt ein eindeutiges, aber auch erwartbares Bild: Ein adäquater Raum bzw. genügend Platz im Wohnraum bedeutet, dass die Person den Raum besser nutzen und damit ihre Zeit effizienter einteilen kann (Abbildung 22). Die auszuführenden Tätigkeiten 7 Es wurden alle Tätigkeiten erfasst, die von der Person an einem Homeoffice-Tag ausgeführt und von denen uns in den offenen Interviews berichtet wurde. Das heißt, es handelt sich sowohl um berufliche Tätigkeiten, wie z. B. die Ausübung der Erwerbstätigkeit auf einem Yogakissen, als auch um private und Care-Tätigkeiten, wie z. B. Wäschewaschen oder Kochen.
3 Ergebnisse | 129 wie Careoder Erwerbsarbeit können zufriedenstellender und störungsfreier erledigt werden. Bei einem nicht geeigneten Raum bzw. zu wenig Platz innerhalb der Wohnung kann die Zeit weniger gut genutzt werden, z. B. wenn Ablenkungen entstehen. Die Tätigkeiten der Interviewteilnehmenden lassen sich nur den beiden Feldern zuordnen, in denen sich räumliche und zeitliche Aspekte der Situation jeweils beide positiv oder beide negativ ergänzen und dabei in Wechselwirkung stehen. Quelle: eigene Darstellung Anschließend zeigt Abbildung 23 alle im Homeoffice ausgeführten Tätigkeiten im zeitlichen Verhältnis zur Erwerbsarbeit. Wie in Kapitel 3.3.4 bereits diskutiert wurde, ist eine zeitliche Verschiebung der Tätigkeiten an Tagen im Homeoffice zu beobachten. Private Tätigkeiten und vor allem Care-Tätigkeiten im Wohnraum werden an Homeoffice-Tagen stärker über die Zeit verteilt. Die Kategorie nebenbei bezeichnet eine Gleichzeitigkeit von Careund Erwerbstätigkeiten, während zwischendurch eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit beschreibt. Abbildung 22: Raum-Zeit-Diagramm – Wohnraum
130 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Diese Gleichzeitigkeit bzw. Unterbrechung kann einerseits als störend für die Ausübung der Erwerbsarbeit oder belastend durch zusätzliche Aufgaben im Haushalt (– negativ), andererseits als erleichternd für die Bewältigung des Alltags empfunden werden (+ positiv). Quelle: eigene Darstellung Die Art und Weise, wie der Wohnraum im Einzelfall an die Bedürfnisse angepasst wird, ist unterschiedlich und hängt von den räumlichen Gegebenheiten, den Haushaltsmitgliedern, den dort stattfindenden Aktivitäten, aber auch von den individuellen Präferenzen der Personen ab. In vielen Fällen werden, wie in Kapitel 3.3.3 bereits erläutert, ein eigener Arbeitsplatz und ein nutzbares Arbeitszimmer als die am besten geeignete räumliche Situation erlebt. Einige Befragte wählen aber auch bewusst die Küche oder das Wohnzimmer als Orte der Erwerbsarbeit, um die Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Beruf zu verbessern. Neben Anpassungen innerhalb der Wohnung werden auch zeitliche Arrangements aufgrund der Arbeit im Homeoffice getroffen und an den Alltag angepasst. Teilweise finden z. B. Betreuungsaufgaben sowie Erwerbsarbeit gleichzeitig statt und überlagern sich. In anderen Fällen werden explizite Vereinbarungen getroffen, die diese Tätigkeiten zeitlich voneinander trennen. Für das Arbeiten im Homeoffice werden also räumliche und zeitliche Anpassungen der Wohnsituation und der Haushaltsorganisation vorgenommen, die einander bedingen. Im Weiteren werden die Zusammenhänge, Abhängigkeiten und jeweiligen Arrangements dargestellt und anhand des Interviewmaterials (Kapitel 2.3) veranschaulicht. Dabei betrachten wir zunächst, wie eine Überlagerung von Abbildung 23: Raum-Zeit-Situationen – Wohnraum
3 Ergebnisse | 131 Careund Erwerbsarbeit im Wohnraum umgesetzt wird oder welche Strategien der Abgrenzung erlernt und eingesetzt werden. Wohnraum als Knotenpunkt: Überlagerung von Careund Erwerbsarbeit Wohnen ist so eng mit Care-Arbeit verbunden, dass die räumliche und zeitliche Überlagerung der damit einhergehenden alltäglichen Praktiken oftmals unhinterfragt bleibt (Kapitel 1.1.2). Im Wohnraum finden ständig Tätigkeiten gleichzeitig statt: Beim Entspannen auf dem Sofa wird nebenbei bei den Hausaufgaben geholfen oder das Kleinkind im Wohnzimmer betreut, während des Abwasches wird gleichzeitig mit den Eltern telefoniert oder mit der Partnerin über den Tagesplan gesprochen. Zu der Gleichzeitigkeit bzw. der Gleichörtlichkeit von Care-Arbeit, Freizeit und Erholung im Wohnraum kommt nun die Erwerbsarbeit im Homeoffice hinzu. In den Interviews wird deutlich, dass die Befragten durchaus reflektieren, wie sie die Careund Erwerbsarbeit, die an Homeoffice-Tagen innerhalb der Wohnung zusammenfallen, räumlich trennen können bzw. ob eine Nutzungsüberlagerung sinnvoll ist oder nicht. Es finden sich zahlreiche Überlegungen, wie diese räumliche und zeitliche Überlagerung gestaltet und zwischen allen Haushaltsmitgliedern ausgehandelt werden kann. Eine klare räumliche und zeitliche Trennung scheint vorwiegend in Haushalten ohne Kinder möglich zu sein, in denen es keine ungeplanten Unterbrechungen gibt und/oder die über die räumlichen und finanziellen Ressourcen verfügen, ein eigenes Arbeitszimmer einzurichten (Kapitel 3.3.3). Dadurch können sich die Partner*innen oder Familien zeitlich so abstimmen, dass Störungen trotz räumlicher Nähe vermieden werden. Bei ausreichendem Platz ist auch eine funktionale Trennung der Tätigkeiten möglich. Haushaltsbezogene Aufgaben wie Wäschewaschen werden dann beispielsweise gezielt in die Mittagspause und in einen anderen Raum, häufig den Keller, gelegt. In den Fällen, in denen eine solche räumliche und zeitliche Trennung im Wohnbereich geschaffen wurde, scheint das Homeoffice in der Haushaltsorganisation weniger präsent zu sein und keine weiteren Absprachen zu erfordern. So nehmen zum Beispiel weder Frau Tanne noch Herr Orangenbaum viel von der Arbeit ihrer Partner*innen im Homeoffice wahr. Frau Tanne bringt ihrem Mann manchmal das Essen ins Arbeitszimmer, wenn sie gekocht hat, aber eigentlich
132 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens haben beide ihren eigenen Rhythmus. Bei Herrn Orangenbaum, dessen Partner ebenfalls das Homeoffice nutzt, liegen die beiden Arbeitszimmer in der Wohnung auf verschiedenen Stockwerken, sodass beide bei der Ausübung der Erwerbstätigkeit ungestört bleiben: „So, also von daher ist es überhaupt kein Problem bei uns. Also mein Arbeitszimmer ist unten, seins ist oben. Also von daher weiß ich manchmal auch gar nicht, ob er im Homeoffice ist oder nicht“ (Herr Orangenbaum). Gegenüber den Haushalten, die eine klare Trennung von Careund Erwerbsarbeit praktizieren, zeichnet sich die raumzeitliche Organisation der meisten Familienhaushalte durch eine Überlagerung dieser Tätigkeiten aus. Als Beispiel wird von den Befragten die räumliche und zeitliche Überschneidung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung genannt, die überwiegend als Erleichterung dargestellt wird. So beschreibt Frau Robinie beispielsweise, dass sie am liebsten im Esszimmer arbeitet, obwohl sie über einen eingerichteten Telearbeitsplatz verfügt. Sie bevorzuge diesen Ort, weil sie dort flexibler sei. Die zentrale Lage des Esszimmers ermögliche ihr, bei Bedarf einzugreifen und so neben der Erwerbsarbeit gleichzeitig die Kinderbetreuung zu übernehmen: „Aber schon für mich zur Sicherheit, ich muss zentral da sein, wenn die Große kocht und die Küche brennt. Das möchte ich nicht erst mitkriegen, wenn das Erdgeschoss in Flammen steht“ (Frau Robinie). Solche Arrangements, die dazu dienen, Careund Erwerbsarbeit räumlich und zeitlich zu verbinden, werden durch die Anschaffung von entsprechenden Geräten und Ausstattungselementen ausgestaltet. Die Befragten erzählen, dass sie z. B. ein Yogakissen angeschafft haben, um im Wohnzimmer auf dem Boden erwerbsarbeiten zu können. Umgekehrt kann es aber auch sein, dass bewusst auf zusätzliches technisches Equipment verzichtet wird, um sich flexibler im Wohnraum bewegen zu können, wenn sich auch andere Personen dort aufhalten. Insbesondere im Krankheitsfall wird die Möglichkeit des Arbeitens im Homeoffice als Erleichterung wahrgenommen, da sich die Person gleichzeitig um eine andere Person innerhalb der Wohnung kümmern kann. Frau Yucca konnte sich vor allem während der Corona-Pandemie um ihren kranken Mann kümmern, als
3 Ergebnisse | 133 sie vollständig von zu Hause aus arbeitete. Ohne ihre Anwesenheit wäre die Pflege ihres Mannes schwierig gewesen. Wenn die Tochter von Frau Weide krank ist, lässt sie sie schlafen und beginnt zu Hause mit der Erwerbsarbeit, bis ihre Mutter die Tochter abholt und betreut. Auch Herr Douglasie und Frau Robinie können spontan entscheiden, ob sie im Homeoffice arbeiten, wenn Kinder krank sind. Neben der grundsätzlichen Option der Betreuung ermöglicht die Präsenz in der Wohnung eine neue zeitliche Organisation der Care-Arbeit. Bei Herrn Douglasie können die Kinder nach der Schule einfach nach Hause kommen, wenn er im Homeoffice arbeitet, so könne er ein Auge auf sie haben und seine Frau länger arbeiten. Herr Douglasie und Frau Robinie betonen, dass sie durch Homeoffice früher mit der Arbeit beginnen können, weil die Kinder sich nebenbei fertig machen. Nicht nur im Zuge von Betreuungsarbeit ist eine räumliche und zeitliche Überlagerung von Careund Erwerbsarbeit im Homeoffice zu beobachten und wird als Erleichterung für den Alltag beschrieben. Ebenso tragen kleinere Haushaltsund Erholungsaktivitäten, die nebenbei oder zwischendurch erledigt werden können, weil sie nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen oder neben der Erwerbstätigkeit ausgeführt werden können, dazu bei. Im Interviewmaterial finden sich entsprechend Berichte, dass während Telefonaten für die Erwerbsarbeit u. a. die Spülmaschine ausgeräumt, bestimmte für die Gesundheit förderliche Liegeund Sitzpositionen eingenommen oder bereits das Abendessen zubereitet wird. Frau Mandelbaum lässt sich ihre Lebensmittel liefern, dafür sei Homeoffice ebenfalls von Vorteil, weil die Lieferungen problemlos während der Erwerbsarbeit angenommen werden können. Im Homeoffice können ihren Aussagen zufolge grundsätzlich Pakete entgegengenommen oder Handwerker*innen empfangen werden, ohne die Erwerbsarbeit beenden zu müssen. Eine der häufigsten Haushaltstätigkeiten, die während eines Homeoffice-Tages erledigt werden, ist das Wäschewaschen. Ein oft genannter Grund ist, dass die Erwerbsarbeit hierfür nicht zwingend unterbrochen werden muss. Wenn Frau Birke berufliche Telefonate führt, bei denen sie nur zuhören müsse, hänge sie nebenbei die Wäsche auf. Weitere Gründe, die Wäsche an einem Homeoffice-Tag zu erledigen, sind die Vorteile in der zeitlichen Strukturierung der Woche oder des Tages. Wenn die Wäsche tagsüber erledigt wird, muss sie nicht mehr abends oder
134 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens am Wochenende gemacht werden und es stehen am Wochenende keine Wäscheständer in der Wohnung. Auch Überlegungen zur kostenund energiesparenden Nutzung von Tageszeiten und Wettersituationen spielen eine Rolle. Für manche Befragten ist es sinnvoll, tagsüber zu waschen, denn zum einen sei die Wäsche im Homeoffice nicht unbeaufsichtigt und könne mit Strom aus der eigenen Solaranlage betrieben werden, zum anderen sei es äußerst praktisch, die Wäsche je nach Wetter drinnen oder draußen aufzuhängen, wie Herr Goldregen bestätigt: „Also was ich tatsächlich mache und was ich superangenehm finde, ist, dass man halt die Maschine, Wäsche anschmeißt. Das hätte ich früher immer irgendwie auf das Wochenende gelegt und das finde ich eigentlich herrlich, dass das eben nicht am Wochenende ist, und durch den fehlenden Platz hier steht dann halt auch mal der Wäscheständer in der Wohnung. Das heißt, ich kann, gerade wenn es ein schöner Tag ist, Fenster aufreißen, Maschine anschmeißen, aufhängen, trocknen und dann auch wieder abhängen“ (Herr Goldregen). Zusammenfassend zeigen unsere Befunde sehr eindrücklich, dass Careund Erwerbsarbeit sowie private Tätigkeiten durch Homeoffice räumlich und zeitlich näher aneinanderrücken, was die alltägliche Ausführung in vielen Fällen erleichtert. Die Präsenz der Person im Wohnraum ermöglicht die gleichzeitige Ausübung von Careund Erwerbsarbeit bzw. erleichtert die Unterbrechung der Erwerbsarbeit. Dennoch findet im Wohnraum oftmals eine räumliche Trennung der Tätigkeiten statt, um diese jeweils zufriedenstellender ausführen zu können. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen der positiv beschriebenen räumlichen und zeitlichen Nähe, die Care-Arbeit erleichtert, und der Schwierigkeit dieser Überlagerung, vor allem die Konzentration bei der Erwerbsarbeit betreffend. Erwerbsund Care-Arbeit im Wohnraum: Strategien der räumlichen und zeitlichen Organisation Da in den wenigsten Fällen beides, eine klare räumliche und zeitliche Trennung von Erwerbsund Care-Arbeit, möglich ist, werden überwiegend entweder räumliche oder zeitliche Arrangements getroffen. Diese werden jeweils im Folgenden dargestellt.
3 Ergebnisse | 135 Räumliche Arrangements im Wohnraum werden getroffen, wenn die Anwesenheit zu Hause wichtig ist und gleichzeitig eine Trennung zur Care-Arbeit gewünscht wird. Maschinen wie Geschirrspüler, Waschmaschine oder das Befüllen des Swimmingpools laufen im Nebenraum oder Garten, und so kann Care-Arbeit auch gleichzeitig, aber räumlich getrennt von der Erwerbsarbeit stattfinden. Gerade bei der Betreuungsarbeit zeigen sich die Relevanz der räumlichen Trennung im Wohnraum für die Erwerbsarbeit und zugleich die Erleichterung der Kinderbetreuung durch die Anwesenheit zu Hause. So kann bei Bedarf schnell eingegriffen werden, auch wenn sich Kind und Elternteil nicht im selben Raum aufhalten. Zudem ermöglicht die räumliche Trennung in vielen Fällen ein konzentriertes Arbeiten. Tür schließen, klopfen oder andere räumliche Arrangements spielen für die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit hier eine wichtige Rolle. Frau Tulpenbaum erklärt, dass die Kinder oder auch ihr Partner immer vorher anklopfen oder eine WhatsApp-Nachricht schreiben, sonst wären sie bei einer Zoomkonferenz direkt im Bild, wenn die Tür geöffnet wird. Außerdem haben sie eine Essensglocke, die nicht vom Computermikrofon erfasst wird. Auf diese Weise weiß sie, wann es Essen gibt, ohne dass ihre Kolleg*innen im Zoom-Meeting die Glocke hören. Vereinbarte Signale oder Textnachrichten stellen also eine Verbindung zwischen den Räumen bzw. den Haushaltsmitgliedern her, die sich gleichzeitig, jedoch räumlich getrennt im Wohnraum aufhalten. Durch bestimmte räumliche Arrangements ist allein das Vor-Ort-Sein oft ausreichend für die Betreuung, insbesondere wenn die Kinder etwas älter sind. Im Homeoffice kann eine betreuende Person für ihre Kinder ansprechbar sein, selbst wenn sie in einem anderen Raum sitzt. Frau Eiche berichtet, dass, obwohl ihre Kinder schon älter sind, Homeoffice sinnvoll ist, um ihre Kinder im Auge zu haben und ihnen sagen zu können, wenn sie etwas im Haushalt oder Hausaufgaben machen sollen. Es gefällt ihr auch, dass sie durch Homeoffice ihre Kinder häufiger sieht und nicht nur abends nach der Erwerbsarbeit. Ähnlich äußert sich Frau Tulpenbaum: Ihr Partner und sie seien im Homeoffice für die Kinder da, auch wenn sie arbeiteten. Seit sie beide im Homeoffice seien, gehe ihre Tochter nicht mehr in den Hort. Frau Zeder erklärt, dass, auch wenn ihr Sohn sie nicht die ganze Zeit braucht, er zu ihr kommen kann, wenn er reden möchte.
136 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens „Aber ich bin da und ich bin präsent. Und das alleine, glaube ich, ist für beide Parteien wirklich eine Win-win-Situation. Weil ich mich ja jederzeit, wenn dann wirklich was istOder es ist Redebedarf und das ist ja durchaus mal, dann ist es eben auch kein Problem, mich auszuloggen und zu sagen: ,Ich mache meine Mittagspause jetzt und nicht in der halben Stunde‘“ (Frau Zeder). Eine räumliche Trennung im eigenen Wohnraum ist jedoch nicht immer möglich. Alternativ kann eine zeitliche Trennung von Erwerbsarbeit und anderen Tätigkeiten eine Strategie der Alltagsorganisation sein. Insbesondere wenn Kinder im Haushalt leben, wird von einigen Befragten auf die Bedeutung zeitlicher Absprachen und Arrangements verwiesen. Diese seien wichtig, da Unterbrechungen der Erwerbsarbeit die Konzentration schwächen können. Zeitarrangements entstehen zum einen durch selbst gewählte Unterbrechungen der Erwerbsarbeit und zeitliche Anpassungen an die Care-Arbeit. In einigen Haushalten wird die Erwerbsarbeit unterbrochen, um z. B. gemeinsam zu Abend zu essen, und danach wieder aufgenommen, wenn die Kinder im Bett oder anders beschäftigt sind. Die Eltern trennen also die Erwerbsarbeit von der Kinderbetreuung, indem die Erwerbsarbeit zeitlich neu strukturiert und von der Kinderbetreuung abgegrenzt wird. So zeigt sich auch in den quantitativen Daten, dass vor allem Eltern im Homeoffice häufiger abends arbeiten als Personen ohne Kinder (Kapitel 3.3.4). Zum anderen entstehen zufriedenstellende Arrangements durch zeitliche Absprachen und Vereinbarungen zwischen den Haushaltsmitgliedern. Einige Haushalte haben Vereinbarungen, dass die Kinder während der Erwerbsarbeitszeit eigenen Tätigkeiten nachgehen, wie der Nutzung von Medien nach der Schule oder Hobbys wie Malen. Die Eltern verändern also nicht die zeitliche Einteilung ihrer Erwerbsarbeit, sondern stellen sicher, dass die Erwerbsarbeit nur im Notfall unterbrochen werden muss. Frau Mandelbaum erzählt, dass sie in der Regel noch erwerbsarbeiten muss, wenn die Kinder nach Hause kommen und ihre Kinder deshalb eine Beschäftigung brauchen: „Also das haben wir so geregelt, dass, wenn die Kinder nach Hause kommen, haben die ihre Medienzeit. Eine Stunde. Und dann sind die auch nicht gesehen. Also dann kann ich auch ganz in Ruhe noch einen Call machen“ (Frau Mandelbaum).
3 Ergebnisse | 137 In Haushalten, in denen es zu einer starken räumlichen und zeitlichen Überlagerung von Tätigkeiten im Wohnraum kommt und eine zufriedenstellende Arbeit im Homeoffice nicht möglich ist, wird das Büro als Arbeitsort umso wichtiger. Oft werden Ablenkungen durch Kinder als Störfaktor für konzentriertes Arbeiten genannt. Herr Esche berichtet, er kann sich zu Hause nicht konzentrieren und geht deshalb lieber ins Büro. Zu Hause verspürt er das Bedürfnis, seiner Partnerin mit dem Baby zu helfen. Auch Frau Eiche arbeitet manchmal lieber im Büro, um nicht mit ansehen zu müssen, wie ihre Kinder „herumhängen“. Frau Linde geht ins Büro, wenn ihr Kind krank ist. Ihr Partner kümmert sich dann um das Kind. Dies geschieht vor allem, weil sie im Kinderzimmer arbeitet, das dann gebraucht wird, aber auch, weil sie glaubt, dass sich ihr Partner so besser um das kranke Kind kümmern kann. Die Befragten betonen, dass es für Care-Aufgaben sehr wichtig ist, über eine gewisse Flexibilität zu verfügen. Care-Aufgaben sind oft nicht vorhersehbar und es muss spontan reagiert werden können. Dies klappt nur, wenn eine eigene Einteilung der Homeoffice-Tage möglich ist, um je nach Bedarf entscheiden zu können, ob die Erwerbsarbeit im Homeoffice oder Büro erledigt wird (vgl. Kapitel 3.1.4). Nicht alle Befragten können spontan entscheiden, wann sie im Homeoffice oder im Büro arbeiten. Frau Ahorn beschreibt, wie positiv es aus ihrer Sicht ist, dass sie ihre Homeoffice-Tage flexibel wählen kann: „Also ich setz das so flexibel ein und wenn ich mal einen Arbeitgeber wechseln würde, würde ich immer versuchen, dass ich das weiterhin so flexibel machen kann, dass ich keinen festen Homeoffice-Tag haben muss, sondern dass ich sagen kann: ,Ach, heute komme ich und heute komme ich auch nicht.‘ Und dass es dann trotzdem so völlig normal ist und dass ich aber auch mal eine Woche da sein kann und mal ne Woche nicht da sein kann“ (Frau Ahorn). Insgesamt zeigen unsere Befunde, dass die Überlagerung von Careund Erwerbsarbeit einerseits den Alltag erleichtert und in manchen Fällen überhaupt erst die Möglichkeit schafft, Careund Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Andererseits wird in der Wohnung versucht, zeitlich und/oder räumlich eine Trennung herzustellen, um für die einzelnen Tätigkeiten die notwendige Konzentration aufbringen zu können. Beim Arbeiten im Homeoffice finden häufig verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig statt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn mehrere Personen zu
144 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens der Zeitachse angeordneten Situationen (+ Raum) zeichnen sich durch eine Erweiterung des räumlichen Radius und neu anfallende Wege aus, die unterhalb der Zeitachse angeordneten Situationen (– Raum) sind durch wegfallende Wege und einen verringerten räumlichen Radius gekennzeichnet. So lässt sich feststellen, dass durch Homeoffice vor allem die Pendelwege vor und nach der Erwerbsarbeit wegfallen. An Homeoffice-Tagen beginnen Wege also in der Regel zu Hause. Zwar wird die Zeitersparnis durch den Wegfall des Arbeitsweges zumeist als Gewinn beschrieben. Es fällt damit aber auch die Möglichkeit weg, die Arbeitswege an Bürotagen mit anderen Wegen zu kombinieren oder den Arbeitsweg bewusst als Bewegungszeit oder soziale Zeit zu nutzen (vgl. Kapitel 3.2.4). Dafür entstehen im Homeoffice neue Wege während der Erwerbsarbeit, da Orte im Wohnumfeld bequemer aufgesucht werden können (Abbildung 25). Quelle: eigene Darstellung Die aufgesuchten Orte und Wege bzw. die Bewegungsradien der Befragten generell unterscheiden sich also an Homeofficeund Bürotagen. Dies liegt vor allem daran, dass sich der Alltag an einem Homeoffice-Tag bei vielen im Wohnumfeld abspielt, während sich die Wege an einem Bürotag häufiger auf Orte in der Nähe der Arbeitsstätte oder auf dem Weg dorthin konzentrieren. Die Wegelängen und das Wegeaufkommen an Homeoffice-Tagen variieren bei den Befragten je nach Wohnund Bürostandort bzw. Alltagsaktivitäten und Care-Verantwortungen (vgl. Tabelle 3). Wie diese Unterschiede aussehen, vertiefen wir in den folgenden Kapiteln: Erstens fällt der Arbeitsweg vor und nach der Erwerbstätigkeit weg, zweitens entstehen Wege im Wohnumfeld in Erholungspausen und bei Unterbrechungen der Abbildung 25: Raum-Zeit-Situationen – Wohnumgebung
3 Ergebnisse | 145 Erwerbstätigkeit und drittens verlagern sich Wege gänzlich in andere Umfelder, wenn nicht zu Hause im Homeoffice gearbeitet wird. Vor und nach der Erwerbsarbeit: Wegfall des Pendelns Vor und nach der Erwerbsarbeit fällt beim Arbeiten im Homeoffice der Arbeitsweg weg. Die Befragten gewinnen durch den Wegfall des Pendelweges Zeit. Allerdings unterscheidet sich die subjektive Wahrnehmung und auch die Bewertung des Arbeitsweges variiert: Während die einen den Arbeitsweg als willkommene Bewegung und hilfreiche Strukturierung des Alltags sehen, empfinden ihn andere als stressig und zeitaufwendig. Für Letztere hat der Wegfall des Arbeitsweges einen weiteren Vorteil, da er zusätzliche Freizeit ermöglicht und zur WorkLife-Balance beiträgt (vgl. Kapitel 3.2.4). Auf beide Phänomene wird im Folgenden näher eingegangen. Dabei ist anzumerken, dass auch diejenigen, die den Arbeitsweg als positiven Bestandteil ihres Alltags sehen, die Zeitersparnis durch den Wegfall des Arbeitsweges im Homeoffice stets positiv bewerten, wie Herr Orangenbaum, der dies besonders deutlich zum Ausdruck bringt: „Für mich passt das super, weil ich mir den Arbeitsweg erspare. Hin und zurück. Zwei Stunden. So, und das sind einfach zwei Stunden, die ich dann für mich zur Verfügung habe“ (Herr Orangenbaum). Der Wegfall des Arbeitsweges ist der Punkt, der in der raum-zeitlichen Betrachtung der Wegebeziehungen der Haushalte im Alltag am meisten auffällt, denn für einen Großteil der Personen bedeutet er eine Zeiteinsparung von einer Stunde täglich (vgl. Kapitel 3.2.). Die Befragten sehen darin mehr Zeit für sich selbst, aber auch für die Kinder und Familie. Frau Haselnuss führt aus, dass sie als Mutter davon profitiert, da sie durch Homeoffice mehr Zeit hat, die sie ihrem Kind widmet. Frau Buche schildert, wie gestresst sie ohne Homeoffice war und dass sie das Gefühl hatte, nach der Arbeit von einem Termin zum nächsten zu „hetzen“ und abends extrem angespannt nach Hause zu kommen, ohne Zeit für sich selbst zu haben, noch nicht einmal für Kosmetik oder Friseur*innenbesuche: „Und ich war nachher wirklich teilweise so versucht, eng mit der Zeitplanung, dass ich nachher für mich selber gar nichts mehr gemacht habe. Also es war wirklich-
146 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Man hat nur noch getaktet und nur noch funktioniert. […] ich mache um 15 Uhr jetzt einfach hier [im Homeoffice] Schicht und setz mich auf die Terrasse, trinke einen Tee und gucke einfach nur ins Grüne. Das ist dann schon viel wert“ (Frau Buche). Im Fall von Frau Buche wird besonders deutlich, wie entlastend es für sie ist, eine klare Einteilung zu haben, welche Wege sie an Homeoffice-Tagen und welche sie an Bürotagen zurücklegt. Sie organisiert ihre Wege nach dem Ort ihrer Erwerbstätigkeit. So erledigt sie bestimmte Besorgungen auf dem Weg ins Büro oder besucht an diesen Tagen ihre Mutter in Hamburg und legt Termine wie Arztund Physiotherapiebesuche oder Einkäufe in der Nachbarschaft auf die Homeoffice-Tage. Dadurch habe sie kürzere Wege und mehr Zeit für sich, die Familie und den Garten. Viele Befragte berichten, dass es für sie eine Erleichterung ist, nach der Erwerbsarbeit im Homeoffice direkt zu Hause zu sein. So sei es zeitlich entspannter, nach der Arbeit zu Hause Dinge zu erledigen, sich zu verabreden oder Termine wahrzunehmen. Auch morgens sei es angenehmer, direkt mit der Erwerbsarbeit beginnen zu können, ohne einen Weg zurücklegen zu müssen. In vielen Fällen kann aus diesem Grund früher mit der Erwerbsarbeit begonnen werden. Mehrere befragte Eltern heben als großen Vorteil des Homeoffice hervor, dass sie mit der Arbeit beginnen können, bevor sie ihre Kinder in die Schule oder in den Kindergarten bringen, also bevor sie den ersten außerhäuslichen Weg zurücklegen. Allerdings wird der Wegfall des Pendelweges nicht nur als Zeitgewinn gesehen. In manchen Fällen wird genau diese Wegzeit ins Büro als positiv beschrieben und Wegketten in Verbindung mit dem Arbeitsweg spielen eine entscheidende Rolle in der Alltagsorganisation der Befragten. So sagt Frau Mandelbaum explizit, dass sie den Weg vom Büro nach Hause nutzt, um den Kopf freizubekommen. Frau Haselnuss merkt sogar an, dass sie gerne einen längeren Arbeitsweg hätte, um das Radfahren als Training bezeichnen zu können. Vor allem Eltern verbinden das Holen und Bringen ihrer Kinder häufig mit dem Arbeitsweg, was an Homeoffice-Tagen dann von zu Hause erledigt wird. Diese zusätzlichen Wege an Homeoffice-Tagen werden durchaus positiv bewertet. Eine Mutter beschreibt, dass sie die Zeit im Auto, wenn sie ihren Sohn abholt und zum Fußball bringt, als Mutter-Sohn-Zeit schätzt. Auch Frau Linde sagt, dass
3 Ergebnisse | 147 sie in der Nähe des Kindergartens sehr gut einkaufen kann und dann nach dem Abholen gerne mit ihrem Kind zum nächsten Spielplatz geht. Zusätzlich berichten viele Befragte, dass der Wegfall des Arbeitsweges zu weniger Bewegung an Homeoffice-Tagen führt, was teils durch zusätzliche Freizeitwege kompensiert wird (vgl. Kapitel 3.2.2). In einigen Fällen werden absichtlich längere Wege in den Tag eingebaut, um sich an einem Homeoffice-Tag zu bewegen. So geht Frau Ahorn manchmal zu einem Supermarkt, der weiter entfernt liegt, um einen Spaziergang zu machen. Andere Personen gehen nach einem Tag im Homeoffice gerne spazieren, um sich zu bewegen. Frau Eiche legt ihren Sport bewusst auf einen Homeoffice-Tag, zum einen, weil sie dann einen kürzeren Weg zum Sport habe, zum anderen, weil sie nach einem Arbeitstag im Büro zu erschöpft sei, vor allem, wenn sie mit dem Fahrrad ins Büro fahre. An Homeoffice-Tagen bekämen einige ohne Extrawege weniger Bewegung und frische Luft als an Bürotagen. Herr Stechpalme meint, das sei sicher nicht gut für seine Gesundheit. „Tatsächlich im Homeoffice teilweise auch glaube ich ein bisschen zu wenig so was für die Gesundheit angeht. Da kommt es teilweise dann wirklich vor, dass ich nur vom Bett vor den Laptop, dann mal, ja, in der Pause kurz Richtung Küche, aber während der Arbeit, ja, sind da glaube ich gar nicht so viele Wege, die ich zurücklege“ (Herr Stechpalme). Insgesamt zeigt sich, dass der Wegfall des Arbeitsweges eine Zeitersparnis und eine Entlastung im Alltag mit sich bringt. Allerdings wird der Arbeitsweg gerade in Familienhaushalten genutzt, um ihn mit Besorgungen oder Holund Bringwegen zu kombinieren. Es können dafür an Homeoffice-Tagen zusätzliche Wege anfallen, wenn die Alltagsorte in der Umgebung liegen. Als besonders vorteilhaft für die Organisation der Wege wird die Kombination von Homeofficeund Bürotagen genannt, da diese eine ideale Verteilung der Wege auf die jeweiligen Tage ermöglicht. Die Wege werden so geplant, dass sie möglichst wenig zeitlichen Aufwand verursachen. Unterbrechungen während der Erwerbsarbeit: Wege im Wohnumfeld Während der Arbeitszeit im Homeoffice werden Unterbrechungen eingelegt, die mit Wegen verbunden sind. Orte außer Haus werden an Homeoffice-Tagen oft
148 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens zu anderen Zeiten aufgesucht als an Bürotagen. Einerseits können durch die Verlagerung der Erwerbsarbeit in die Wohnung Alltagsorte im Wohnumfeld flexibler und schneller erreicht werden. Die Tätigkeiten können besser an Öffnungszeiten, persönliche Bedürfnisse und Betreuungszeiten angepasst werden. Andererseits liegen nicht alle Alltagsorte in der Wohnumgebung, sodass die Verlagerung der Erwerbsarbeit in das Wohnumfeld nicht immer kürzere Wege bedeutet. Im Folgenden wird auf die zeitliche Verschiebung von Tätigkeiten eingegangen und darauf, wie der Haushalt mit Homeoffice dadurch neu organisiert wird. Besorgungen wie Lebensmitteleinkäufe, die vor der Nutzung des Homeoffice am Wochenende oder nach der Erwerbsarbeit erledigt wurden, werden nun teilweise an Homeoffice-Tagen in Arbeitspausen erledigt. Neben dem Einkaufen werden Termine für Check-ups, regelmäßige Arztbesuche oder Krankengymnastik offenbar gezielt auf Homeoffice-Tage gelegt. Die Befragten ziehen hier oftmals den Vergleich zu einem Tag im Büro, an dem dies nur mit einer Krankmeldung möglich wäre. Dass Terminvereinbarungen flexibler gestaltet werden können und Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit aufgrund kürzerer Wege vom Wohnort aus weniger lang ausfallen, wird hier positiv hervorgehoben. „Also für mich ist die Flexibilität halt super. Dann kann ich mir halt meine, keine Ahnung, Arzttermine, die hier in der Gegend sind, einfach auf meinen HomeofficeTag legen, weil dann habe ich nicht so weite Wege“ (Frau Mandelbaum). Die Befragten haben durch die kürzeren Wege im Homeoffice werktags mehr Zeit. Neben mehr Zeit für sich und die Familie bedeutet dies auch mehr Zeit für Care-Arbeit, die so an Werktagen erledigt werden kann (Kapitel 3.4.1). Dies hat zur Folge, dass am Wochenende weniger Care-Arbeit geleistet werden muss, so Frau Haselnuss: „Die Arbeit an sich hat sich ein bisschen mehr in die Woche verlagert. […] so ist es natürlich auch am Wochenende ein bisschen entspannter“ (Frau Haselnuss). Flexibilität und Unterbrechungsmöglichkeiten an Homeoffice-Tagen sind für Pflege und Betreuungsaufgaben entscheidend. Wenn im Homeoffice gearbeitet wird, kann z. B. die Erwerbsarbeit flexibler für Holund Bringwege unterbrochen werden. Ein häufig genannter Vorteil des Homeoffice ist die Möglichkeit, sich
3 Ergebnisse | 149 nach Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit zu Hause wieder an den Computer setzen zu können. So sei es für Frau Birke hilfreich, wenn sie nach dem Abholen der Kinder noch eine Stunde zu Hause Homeoffice machen könne. Frau Weide merkt an, dass Homeoffice die Kinderbetreuung erleichtert bzw. erst ermöglicht, da das Betreuungsangebot für ihre Tochter zeitweise nur bis 15 Uhr angeboten wurde. Ohne die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, wäre es ihr als Alleinerziehende nicht möglich, einer Vollzeitstelle nachzugehen. Bei vielen Familien wird darauf geachtet, dass die Tätigkeiten der Kinder in der Wohnumgebung sind und bleiben, um die Holund Bringwege besser in den eigenen Alltag integrieren zu können. Insbesondere an Homeoffice-Tagen erfolgen die Wege dann innerhalb des Wohnumfeldes. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die Tagesund Wochenzeitstrukturen, sondern auch auf die Verkehrsmittelwahl (Kapitel 3.2.2). Frau Birke erzählt, dass sie die kurzen Wege im Homeoffice nur mit dem Lastenfahrrad zurücklegt und wie hilfreich das für die Organisation des Alltags ist, sodass sie für die Hobbys ihrer Kinder keine längeren Wege in Kauf nehmen würde: „Wenn jetztMein Großer möchte jetzt unbedingt Fußball spielen. Keine Chance, in irgendeinen Verein zu kommen. Aber jetzt mal gesetzt der Fall, ein Fußballverein sagt: ,Super! Dienstag, Donnerstag Training in ... [Kleinstadt in der Metropolregion]‘, ja? Würde ich sagen: ,Sorry, kann ich nicht, kann ich nicht. Kann ich nicht.‘ Also dann müsste ich sagen: ,Okay, hör zu, wenn du das unbedingt machen willst, musst du alleine fahren. Aber ich kann dich nicht ne Stunde da nach Norderstedt raus gurken. Das geht nicht.‘ Und ja, deswegen. Also, ich glaube, es ist viel ...viel die kurzen Wege, dass das alles so funktioniert, wie es funktioniert“ (Frau Birke). Die Ausübung von Erwerbsarbeit in der Wohnung bringt hinsichtlich der Alltagswege keine Zeitersparnisse, wenn diese Orte nicht im Wohnumfeld liegen. So können Wege am Homeoffice-Tag auch länger sein, z. B. wenn die für berufliche Tätigkeiten, private Erledigungen oder Freizeitaktivitäten aufgesuchten Orte näher am Büro als am Wohnort sind. Frau Kirschbaum erzählt zum Beispiel, dass sie am Homeoffice-Tag längere Wege zu ihren Klient*innen hat, weil diese in der Nähe des Büros wohnen. Deshalb versucht sie, die Termine auf Bürotage zu legen, was aber nicht immer möglich ist. In anderen Fällen werden längere Wege
150 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens zurückgelegt, wenn es um Orte der Kinder geht, beispielsweise die am besten geeignete Schule oder ein gesundheitsförderliches Hobby. Gerade diese Wege erfordern Abstimmungen und Absprachen für eine gute zeitliche Integration in den Tagesablauf. Frau Haselnuss berichtet von ihrem bis ins Detail geplanten Ablauf beim Abholen und Bringen ihres Sohnes: „Dienstags ist es regulär eigentlich so, dass die Schule so lange geht, dass er es nicht schaffen würde, nach Hause zu kommen und dann noch gleich wieder zum Training zu kommen. Und deswegen treffen wir unsDas ist so ein bisschenDa komme ich ihm entgegen, da hat er Schulschluss. Er fährt dann mit dem Bus in die Richtung vom Sportverein. Ich komme mit dem Auto zum Sportverein, und jetzt werden Sie lachen, er zieht sich im Auto um“ (Frau Haselnuss). Lange Wege werden zwar manchmal explizit gewählt oder als wertvoll empfunden, etwa wenn es um Zeit mit dem Kind oder um die eigene Bewegung und Gesundheit geht. Dennoch zeichnet sich insgesamt die Tendenz ab, dass lange Wege möglichst vermieden oder so gelegt werden, dass sie in Kombination mit anderen Wegen zurückgelegt werden können. Das heißt, die Wege werden entweder auf einen Tag im Büro oder auf einen Tag im Homeoffice gelegt, je nachdem, wie sie sich kombinieren und integrieren lassen. Hierfür eignet sich das hybride Modell mit jeweils zwei bis drei Tagen Büro und Homeoffice (bei einer FünfTage-Woche), das die meisten Befragten der quantitativen Erhebung nutzen (vgl. Kapitel 3.1.4), am besten. In Paarhaushalten besteht zudem die Möglichkeit der Aufteilung der Wege nach Passung mit anderen Wegen. Vor allem die Betreuungsund Besorgungswege werden häufig nach Homeofficeund Büroarbeit aufgeteilt. So sagt Frau Linde, dass ihr Mann, wenn er ins Büro geht, die Wege mit dem Kind übernimmt. Frau Vogelbeerbaum geht durch das Homeoffice weniger einkaufen. Das mache jetzt häufiger ihr Mann auf dem Heimweg. Frau Haselnuss hingegen geht, seit sie im Homeoffice arbeitet, häufiger einkaufen, weil der Supermarkt in Wohnungsnähe liege. Insgesamt zeigt sich, dass Homeoffice eine flexiblere Nutzung der Zeit und Möglichkeiten zur leichteren Unterbrechung der Erwerbstätigkeit eröffnet. Durch die Nähe zu wichtigen Einrichtungen im Wohnumfeld können Besorgungen während der Mittagspause erledigt werden. Ebenso können Arzttermine und Care-
3 Ergebnisse | 151 Verpflichtungen einfacher wahrgenommen werden. Darüber hinaus finden sich vor allem bei Paarhaushalten spezifische Aufteilungen von Wegen abhängig von Arbeitsorten und -wegen. Hingegen bedeutet bei Personen ohne Care-Verpflichtungen Arbeiten im Homeoffice häufig weniger körperliche Bewegung, was teilweise gezielt durch zusätzliche Wege kompensiert wird. Woanders vor Ort: Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsortes Grundsätzlich geht mit der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, auch die Option einher, außerhalb der eigenen Wohnung den Arbeitsplatz einzurichten. Dies wird von manchen Befragten genutzt, da ein anderer Ort Abwechslung in der Arbeitsumgebung bringt oder ermöglicht, die Lohnarbeit mit Tätigkeiten außerhalb der eigenen Wohnung zu verbinden. Teilweise wird diese Alternative auch wahrgenommen, um Personen über einen längeren Zeitraum zu besuchen. Besonders markant ist in diesem Zusammenhang die Gelegenheit, Betreuungsaufgaben und Pflege von Familienmitgliedern an anderen Orten wahrnehmen zu können. Auf die Unterschiede in der Inanspruchnahme der Ortsflexibilität wird im Folgenden näher eingegangen. Die örtliche Flexibilität des Arbeitens im Homeoffice wird in vielen Interviews als Erleichterung für Care-Aufgaben und für die Freizeitgestaltung gesehen. Auch wenn sich die meisten Befragten einen festen Arbeitsplatz zu Hause einrichten und dort z. B. über einen zweiten Bildschirm oder einen bequemen Arbeitsstuhl verfügen, wird von mehreren Personen erwähnt, dass es in bestimmten Situationen von Vorteil ist, den Ort der Erwerbsarbeit flexibel zu wählen. Andere wiederum sagen, dass sie gar nicht an einem anderen Ort arbeiten können, weil sie ihren eingerichteten Arbeitsplatz brauchen. Personen ohne Betreuungsoder Pflegeverantwortungen nutzen die Möglichkeit der flexiblen Wahl des Erwerbsarbeitsortes vor allem, um entweder an ihren Urlaub ein paar Tage anzuhängen und am Urlaubsort ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen oder um ihren Arbeitsplatz für eine bestimmte Zeit ganz an einen anderen Ort zu verlegen, entweder in ein eigenes oder gemietetes Ferienhaus, meist auf dem Land. In den Interviews wird hier von „Workations“ gesprochen, einer Kombination aus Urlaub und Arbeit. Solche Modelle sind vor allem für Haushalte ohne Kind möglich, da die Personen raum-zeitlich flexibler sind.
152 | Raumzeitliche Dimensionen ortsflexiblen Arbeitens Frau Ahorn betont, dass ihr Mann und sie „Workations“ aber nur an einem Ort machen, wo sie wissen, dass das Internet gut ist. Es sei auch immer mit etwas Aufwand verbunden, da sie das ganze Equipment mitnähmen. Familien sind hingegen auf die Kinderbetreuung zu Hause angewiesen, wie auch Herr Esche betont: „Man oder ich bin da nichtoder wir sind ja jetzt nicht so flexibel oder sonst istWenn man Einzelperson ist oder als Paar, dann ist man ja flexibler und kann sagen: ‚Lass uns mal da hingehen, lass uns da mal hingehen.‘ Aber hier, wenn wir irgendwo jetzt woanders sind, müssen wir ja die Versorgung der Kinder gewährleisten. Die Betreuung“ (Herr Esche). Personen mit Pflegeverantwortung nutzen die flexible Wahl des Erwerbsarbeitsortes vor allem, um in den Wohnräumen der zu pflegenden Personen auch ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. In den Interviews wird hier an erster Stelle die Pflege oder Unterstützung im Haushalt der Eltern genannt. Für einige ist dies eine jährliche Gelegenheit, für einige Wochen bei den Eltern zu sein, vor allem, wenn diese etwas weiter entfernt wohnen. Herr Kastanie mietet sich in dieser Zeit immer einen Co-Working-Space in der Nähe der Wohnung seiner Eltern an, da es in der Vergangenheit zu Konflikten kam, wenn er von deren Wohnung aus arbeitete, die Eltern aber z. B. Staub saugen wollten. Dennoch könne er so Zeit mit seinen Eltern verbringen und ihnen bei bestimmten Dingen helfen. Manchmal wird Homeoffice in Ausnahmefällen genutzt, um bei den Eltern auszuhelfen. In der auf das Interview folgenden Woche wollte Herr Douglasie zum Beispiel bei seiner Mutter erwerbsarbeiten, weil sie krank war. Als wie wertvoll er die Möglichkeit einschätzt, an einem anderen Ort erwerbstätig zu sein, wenn eine zu betreuende Person Unterstützung benötigt, beschreibt er im Interview sehr deutlich: „Es wird irgendwie, kommende Woche wird es so sein, dass ich zu meiner Mutter reisen muss, weil sie gerade irgendwie erkrankt ist, und ich werde dann von dort aus arbeiten und das ist überhaupt kein Problem. […] also das finde ich, finde ich super, dass man da, dass ich da so flexibel bin“ (Herr Douglasie). Insgesamt zeigt sich, dass die Möglichkeit, ortsflexibel zu arbeiten, als bedeutende Erleichterung für Care-Aufgaben wahrgenommen wird. Besuche bei Eltern, insbesondere wenn diese weiter entfernt wohnen, lassen sich so besser
3 Ergebnisse | 153 organisieren. Auch die Erledigung von Pflegeaufgaben in anderen Haushalten, beispielsweise bei Krankheitsfällen, wird durch diese Flexibilität vereinfacht. Es gibt aber neben Care-Aufgaben auch andere, v. a. freizeitbezogene Gründe jenseits der eigenen Wohnung ortsflexibel zu arbeiten. Abhängig vom gewählten Ort, gibt es unterschiedliche räumliche und zeitliche Voraussetzungen, die die Ausübung der Erwerbsarbeit beeinflussen. So stehen Personen, die beim ortsflexiblen Arbeiten Pflegeaufgaben wahrnehmen, vor anderen Herausforderungen als Personen, die eine Auszeit von ihrem Zuhause nehmen wollen und etwa am Urlaubsort ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen. 3.4.3 Unterbrechungen und Wege: Typen im Homeoffice Aufbauend auf der vorangegangenen Betrachtung der raum-zeitlichen Situationen im Wohnraum und im Wohnumfeld in Kapitel 3.4.1 und 3.4.2 werden im Folgenden Typen herausgearbeitet, die dazu dienen, diese Situationen weitergehend zu kontrastieren und zu systematisieren. Uns interessierte hierbei, wie sich die Haushalte hinsichtlich der zeitlichen Ausgestaltung ihrer Alltagsorganisation bei Homeoffice-Nutzung unterscheiden und mit welchen räumlichen Bezügen dies einhergeht. Hierfür greifen wir auch auf Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln zurück, in denen räumliche und zeitliche Dimensionen von Wegeführungen und Verkehrsmittelnutzung (Kapitel 3.2.2 und 3.2.3) sowie Alltagsorganisation und Care-Arbeit (Kapitel 3.3.2 und 3.3.3) diskutiert wurden. Hinsichtlich der Typisierung stützen wir uns methodisch auf die Studie „Emergent time-spaces of working from home: Lessons from pandemic geographies“ von Orman, McGuirk und Warren (2024). Die Autor*innen untersuchten darin, welche Anpassungen die Arbeitnehmer*innen im Zuge des Homeoffice während der Corona-Pandemie in ihrem Wohnraum vornahmen. Die Handlungen der Befragten wurden von den Autor*innen hinsichtlich zeitlicher und räumlicher Dimension eingeordnet. Die zeitliche Dimension erfasste ein Kontinuum von strukturiert bis fragmentiert, die räumliche Dimension ein Kontinuum von fest bis mobil (Orman et al. 2024: 7). Wir übernehmen für unsere Typisierung diese beiden Dimensionen, erweitern die Betrachtung jedoch auf den städtischen Raum und beziehen die außerhäuslichen Wege mit ein. Wir fokussieren bei den von uns herausgearbeiteten vier Typen auf zwei Aspekte, die bei der Auswertung der quantitativen und qualitativen Daten nach