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Das Kautschuk-Dispositiv: Der Biopirat Henry Wickham und die globale Gier nach Gummi

Schwegmann, Raphael

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Geographien Südasiens 11 Extended Abstracts der 9. Jahrestagung des AK Südasiens Dieser Beitrag gibt aus postkolonialer Perspektive einen Einblick in die globalisierenden Geographien des Kautschukmarktes im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Am Beispiel des 'Biopiraten' Henry Wickham und seines spektakulären Kautschuksamenraubs im geopolitisch-ökonomischen Schnittfeld von Brasilien, England und Südasien soll so für die gleichzeitige Re-Personalisierung wie ReMaterialisierung von Geschichte und Geographie, oder allgemeiner ausgedrückt: von 'Welt-Machen', geworben werden. Denn wenn es Aufgabe der Wirtschaftsgeographie ist, "Ökonomie sichtbar [zu] machen" (Grimpe 2010), dann stellt sich vor dem Hintergrund des Material Turn und des Practice Turn der letzten Jahre in den Geistesund Sozialwissenschaften die Frage nach den personifizierten Praktiken und den 'reisenden' Materialitäten des Globalisierung-Machens. Am Beispiel des emergierenden Kautschukmarktes kann nachvollzogen werden, wie Ökonomie als normative, Gesellschaft anleitende Ordnung durch das Zusammenspiel von Mensch und Materialität praktisch realisiert wird. Als erkenntnistheoretische Perspektive fungiert hierbei das der Sprachwissenschaft entlehnte Konzept der Performativität (vgl. Austin 1962, Searle 1974), das den praktischen Vollzug, die konkrete Realisierung von – in dem Fall des hier vorgestellten Beispiels: kapitalistischer – Wirklichkeit in den Blick nimmt und damit postkonstruktivistisch argumentiert. Wenn Wirklichkeit vor diesem Hintergrund nicht nur sprachlich realisiert wird, sondern im Zusammenspiel von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren meist unbewusst vollzogen wird, dann lohnt sich zudem ein Blick auf das Konzept des Dispositivs, mit dem Foucault die realitätsmachende Rolle der Interdependenzen von "Gesagte[m] ebensowohl wie Ungesagte[m]" definiert (Foucault 1978: 119 f.). Neben einer wirtschaftsgeographischen Perspektive handelt es sich bei den folgenden Gedanken um einen Beitrag zum aufstrebenden Feld der Rechtsgeographie, wenn rechtliche Ordnungen – u.a. durch die insbesondere strafund wirtschaftsrechtlich relevante Reise der Kautschuksamen – in Mobilitätszusammenhängen sowie in der Konfrontation und bisweilen der Überwindung von Grenzen angefochten, stabilisiert, verändert, in jedem Fall aber jeweils praktisch wirksam und damit, da Bedeutung erlangend, realisiert werden (vgl. Schwegmann 2018). Historische Kulturgeographien normativer Ordnung versuchen vor diesen Hintergründen zu zeigen, wann, wo und vor allem wie Ökonomie und Recht in räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen 'normal' werden, nicht mehr hinterfragt werden, unbewusst 'gemacht' werden (vgl. ebd.). Zugleich soll durch diese Zeilen versucht werden, sich innerhalb globalhistorischer Ansätze zu verorten, wobei das Globale in diesem Fall die normativen wirtschaftlichen und rechtlichen Ordnungen sind, die, lokal unterschiedlich ausgeprägt, globale Wirkmacht entfalten. Globalgeschichte bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die erschöpfende Erfassung des gesamten Globus, d.h. aller Regionen, sondern die Reflexion über global wirkmächtige Themen bzw. Ordnungen in ihren lokalen und regionalen Bezügen (Globalgeschichte als Perspektive, vgl. Conrad 2016: 12). Damit erheben Historische Kulturgeographien des Rechts und der Ökonomie nicht zuletzt den Anspruch, das bislang primär interdisziplinäre Schnittstellenforschungsfeld Law and Economics (vgl. z.B. Parisi 2017a, b, c) postdisziplinär um eine integrierte raum-zeitliche wie kulturtheoretische Perspektive zu erweitern. Bereits Christoph Columbus und die ersten spanischen Eroberer hatten die Ureinwohner Südamerikas mit elastischen Bällen spielen gesehen. Diese stammten aus dem geronnenen Saft eines Baumes, den die Ureinwohner Caa-ut-chou, 'weinender Baum', nannten. In Europa galt das eigenartige Material bis ins 18. Jahrhundert hinein aber lediglich als Reiseandenken ohne praktischen Nutzen. Um 1770 entdeckte der Engländer Priestley dann, dass sich Bleistiftstriche mit Kautschuk-Stückchen entfernen ließen, woraufhin er diese als 'Radiergummis' verkaufte. Um 1800 fertigten US-Amerikaner aus südamerikanischem Rohgummi Wärmflaschen, Rettungsringe und Schuhe; auch Regenmäntel und Hosenträger folgten bald. Doch die Funktionalität dieser Produkte war wärmebzw. kälteabhängig: Im Sommer verklebten sie, im Winter wurden sie hart. Dieses Problem löste 1839 der Eisenwarenhändler Charles Goodyear in New York durch einen Zufall, als ein Stück Kautschuk zusammen mit etwas Schwefel- Geographien Südasiens 11 Extended Abstracts der 9. Jahrestagung des AK Südasiens pulver auf eine heiße Herdplatte fiel und zu einem hitzeresistenten, widerstandsfähigen, aber gleichwohl hochgradig elastischen Stoff 'vulkanisierte', was die Nachfrage nach Kautschuk – und diesen gab es in jener Zeit nur in Amazonien – in exponentielle Höhen schießen ließ. Einen weiteren Schub erfuhr die Gier nach Gummi durch die Erfindung des Luftreifens von Dunlop (1888), wodurch die Fahrradund vor allem auch die Automobilindustrie stark vorangetrieben wurden (vgl. z.B. Dean 1987, Musgrave & Musgrave 2007, Ponting 2007). Henry A. Wickham (1846-1928) war in dieser Zeit der Hauptakteur einer der spektakulärsten Spionagebzw. Schmuggelfälle der Wirtschaftsgeschichte. In Folge der oben skizzierten Entwicklungen wurde das global wirkende brasilianische Kautschukmonopol gerade in England ob der großen Abhängigkeit und steigender Preise aufgrund der hohen Nachfrage nach Kautschuk durch die Industrie mit wachsender Verzweiflung betrachtet. In dieser Situation gelang es Wickham 1876, 70.000 Samen des Kautschukbaumes Hevea brasiliensis, von Wickham als Orchideensamen deklariert, erst aus den brasilianischen Urwäldern am Rio Tapajoz herausund schließlich ganz außer Lande zu schmuggeln. Nachdem die Pflanzenkeime in den königlichen Gärten von Kew bei London austrieben, wurden 2.000 von ihnen schließlich in verschiedenen britischen Kolonialgebieten Südund Südostasiens, zunächst in Ceylon, später dann im botanischen Garten von Singapur, in Borneo und in Indien eingepflanzt. Die Kautschukpflanzen gediehen dort gut, sodass das brasilianische Kautschukmonopol schließlich gebrochen werden konnte: Durch den Wickham'schen Samenraub verloren die brasilianische Gummibarone aufgrund der niedrigeren Preise des 'britisch' produzierten Kautschuks in Südund Südostasien während und nach der Zeit des Ersten Weltkrieges stetig an Marktanteil. Henry Wickham gilt seitdem als einer der größten Biopiraten der Geschichte, wurde 1920 für seine Verdienste in England geadelt und wird in Brasilien nach wie vor als Erzfeind des Landes hochgradig verachtet (vgl. ebd.). Henry Wickham, aber auch der Rohstoff Kautschuk wie auch die an dessen Verbreitung bzw. Mobilisierung entlang der gesamten Wertschöfpungskette beteiligten Menschen, orientalisierende Diskurse, Infrastrukturen und Technologien leiteten kapitalistische Wirtschaft umfangreich an, vollzogen sie: Menschen, da von den sklavenähnlich und rassistisch unterjochten Gummizapfern, den Seringueiros, auf den Kautschuk-Estradas des Amazonas-Gebietes über lokale Gummibarone bis hin zu den global denkenden Eliten des British Empire in Politik und Wirtschaft viele menschliche Akteure beteiligt waren. Orientalisierende Diskurse, da Kautschuk als Fortschrittsverheißung und Steuerungsmedium zur identitätsstiftenden Selbstbezeichnung in ökonomischen Verteilungsund Wettbewerbsfragen zwischen Nord und Nord, Nord und Süd und Süd und Süd avancierte, vgl. Said 1978. Infrastrukturen (z.B. Häfen) und Technologien (z.B. Dampfschiffe) komplettierten das Kautschuk-Dispositiv, an dem sich die personifizierten Praktiken und 'reisenden' Materialitäten des Globalisierung-Machens zeigen; in jener Zeit produzierten die mit den Räumen der Kautschukproduktion, -distribution und -konsumtion verbundenen Imaginationen, aber auch die sie im Zuge der Kautschukmobilisierung hervorbringenden menschlichen Praktiken des Kautschuk-in-Bewegung-Setzens sowie vielerlei schlicht materielle 'Dinge' (z.B. den Kautschuk transportierende Schiffe, aber nicht zuletzt auch der Kautschuk und die aus ihm resultierenden Produkte selbst) eine zunehmend globale Ökonomie. Dies geschah im Wechselspiel von gesellschaftlicher Fremdund Selbstreg(ul)ierung (vgl. Foucault 2004a, b) in hochgradig ökonomisierender Integration im Sinne einer mobilen, global wirkmächtigen Heterotopie (Foucault 2005): Der exotische Gegenraum disziplinierte eine global kommodifizierte Gesellschaft durch diskursiv, aber eben auch praktisch aufund ausgeführte, somit performative Fortschrittsverheißung. An diesem Beispiel zeigt sich letztlich, wie normative b/orders, also sowohl normativ wirkende Grenzen wie auch allgemein normative Ordnungen im Sinne von kapitalistischen Rechtsund Wirtschaftsregimen im Zuge raum-zeitlicher Mobilisierung globalisierend Macht entfalten, indem sie die oben skizzierten Mensch-Umwelt-Beziehungen (Mensch im Sinne aller am Kautschukmarkt direkt oder indirekt Beteiligten; Umwelt im Sinne von Kautschuksamen, aber auch im Sinne von domestizierter Natur, gerodetem Regenwald in Südasien zum Zwecke neuer Kautschukanbaugebiete, aber auch mit Blick auf all die neu aufgezogene Infrastruktur zur globalen Mobilisierung und Nutzung von Kautschuk incl. der Nutzung von Flüssen und maritimen Räumen) nicht nur beeinflussen, sondern selbst stabilisierend hervorbringen, schlicht vollziehen. Zudem zeigt sich die Macht des Einzelnen (hier der Biopirat Wickham) wie jene der Dinge (in diesem Fall Kautschuksamen). Beide, sowohl Mensch wie auch Materialität, wirkten als Globalisierer bzw. Ökonomisierer in einem aufstrebenden, kolonial arrangierten Markt zeitund räumlich weitreichender Nord-Süd-Beziehungen mit vielfältigen Implikationen für spätere, postkoloniale Asymmetrien. Durch den hier vorgestellten re-personalisierten und re-materialisierten 'Dispositiv-Blick' auf die komplexen Geographien und Geschichten des Kautschukmarktes lassen sich, wie gezeigt, vergangene, aber gewiss ebenso aktuelle global-lokale Hervorbringungen von wirtschaftlich gerahmter Welt analytisch tiefschürfend und interdisziplinär-integrativ fassen. In weiterführenden Forschungen verdienen die im Zuge dieses Beitrags aufgeworfenen Gedanken gleichwohl auch vor der noch unscharfen Schablone Geographien Südasiens 11 Extended Abstracts der 9. Jahrestagung des AK Südasiens zukünftiger Technik-Gesellschaft-Verfassung, insbesondere mit Blick auf potentielle (Un-)Möglichkeiten der Übertragbarkeit auf weitere zu erwartende Digitalisierungsschübe, nähere Be(tr)achtung. Austin, J. L. (1962): How to Do Things with Words. Oxford. Conrad, S. (2016): What is Global History? Princeton, Oxford. Dean, W. (1987): Brazil and the Struggle for Rubber: A Study in Environmental History. Cambridge. Foucault, M. (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin. Foucault, M. (2004a): Naissance de la biopolitique. Cours au Collège de France (1978-1979). Paris. Foucault, M. (2004b): Sécurité, Territoire, Population. Cours au Collège de France (1977-1978). Paris. Foucault, M. (2005): Die Heterotopien / Der utopische Körper: Zwei Radiovorträge. Übersetzt von Bischoff, M. Frankfurt a.M. Grimpe, B. (2010): Ökonomie sichtbar machen. Die Welt nationaler Schulden in Bildschirmgröße. Eine Ethnographie. Bielefeld. Musgrave, T. und W. Musgrave (2007): An Empire of Plants: People and Plants that Changed the World. London. Parisi, F. (Hrsg.) (2017a): The Oxford Handbook of Law and Economics. Volume 1: Methodology and Concepts. Oxford. Parisi, F. (Hrsg.) (2017b): The Oxford Handbook of Law and Economics. Volume 2: Private and Commercial Law. Oxford. Parisi, F. (Hrsg.) (2017c): The Oxford Handbook of Law and Economics. Volume 3: Public Law and Legal Institutions. Oxford. Ponting, C. (2007): A New Green History of the World: The Environment and the Collapse of Great Civilizations. New York. Said, E. W. (1978): Orientalism. New York. Searle, J. R. (1974): Speech Acts. An Essay in the Philosophy of Language. Cambridge. Schwegmann, R. (2018): Macht-(W)Orte. Kulturelle Geographien des Rechts und der Ökonomie am Beispiel südasiatischer Migrationsgeschichten. Bielefeld. Raphael Schwegmann (Dr. Dr.) HafenCity Universität Hamburg Überseeallee 16, 20457 Hamburg [email protected]