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Neu, wertvoll, kreativ: Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte

Melchior, Alice

Abstract

Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zur interdisziplinär geführten Debatte um die Möglichkeit zur Organisation von kreativen Prozessen. Am Beispiel von pharmazeutischen Forschungs- und Entwicklungsprojekten betrachtet die Arbeit den Stellenwert von Bewertungen in kreativen Prozessen sowie die Leerstelle zwischen zwei disziplinär geprägten Zugängen zu Kreativität. Analysieren die Wirtschaftsgeographie und die Organisationsforschung vor allem die Bedingungen zur Entstehung von Neuem und vernachlässigen dabei die Relevanz des Bewertens, fokussiert eine wirtschaftssoziologische Tradition der "Valuation Studies" hingegen vor allem die Bewertung von Neuem, wobei Bewertungen in Zusammenhang mit Kreativität nur selten adressiert werden. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit drei zusammenhängenden Forschungsfragen nach: Wann im kreativen Prozess findet welche Art von Bewertung statt; wie spielen dabei negative und positive Werturteile zusammen; und wo, also an welchen Orten, wird bewertet? Basierend auf den erhobenen qualitativen Daten (25 Experteninterviews und 116,5h Beobachtungen) werden drei Hauptergebnisse formuliert. Erstens, dass es in kreativen Prozessen immer zu einem Zusammenspiel von Generierung und Bewertung kommt, wobei die Bewertung von Neuem für den kreativen Prozess genauso zentral ist wie die Generierung von Neuem, sodass die beiden integralen Bestandteile von Kreativität vermehrt gemeinsam betrachtet werden sollten. Zweitens, dass negative und positive Werturteile grundlegend unterschiedliche Logiken ausprägen, wobei negative Werturteile unverzichtbare Impulse zur Reinterpretation liefern und somit ein erfolgreiches Durchlaufen des kreativen Prozesses - zumindest für pharmazeutische F&E Projekte - erst ermöglichen. Drittens, dass die Entstehung und Bewertung von Neuem nicht nur sozial, sondern auch lokal situiert passiert, wobei analytisch klar differenzierbare Muster der Generierung, der Bewertung und des Testens erhoben wurden. Dies zeigt wiederum, dass auch im Bereich der analytischen Wissensbasis die Wissensproduktion nicht allein universell-gültigen Protokollen folgt, sondern auch einen performativen Charakter aufweist, der durch die Konstellation der Akteure, ihren persönlichen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen geprägt ist....

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www.ssoar.info Neu, wertvoll, kreativ: Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte Melchior, Alice Veröffentlichungsversion / Published Version Dissertation / phd thesis Zur Verfügung gestellt in Kooperation mit / provided in cooperation with: GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Empfohlene Zitierung / Suggested Citation: Melchior, A. (2021). Neu, wertvoll, kreativ: Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte. (GESIS-Schriftenreihe, 28). Köln: GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.21241/ssoar.72935 Nutzungsbedingungen: Dieser Text wird unter einer CC BY Lizenz (Namensnennung) zur Verfügung gestellt. Nähere Auskünfte zu den CC-Lizenzen finden Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de Terms of use: This document is made available under a CC BY Licence (Attribution). For more Information see: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0 Schriftenreihe Schriftenreihe ISBN 978-3-86819-048-9 (print) ISBN 978-3-86819-047-2 (eBook) ISSN 1869-2869 15,- EUR Band 28 Neu, wertvoll, kreativBand 28 Alice Melchior Neu, wertvoll, kreativ Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zur interdisziplinär geführten Debatte um die Möglichkeit zur Organisation von kreativen Prozessen. Am Beispiel von pharmazeutischen Forschungsund Entwicklungsprojekten betrachtet die Arbeit den Stellenwert von Bewertungen in kreativen Prozessen sowie die Leerstelle zwischen zwei disziplinär geprägten Zugängen zu Kreativität. Analysieren die Wirtschaftsgeographie und die Organisationsforschung vor allem die Bedingungen zur Entstehung von Neuem und vernachlässigen dabei die Relevanz des Bewertens, fokussiert eine wirtschaftssoziologische Tradition der „Valuation Studies“ hingegen vor allem die Bewertung von Neuem, wobei Bewertungen in Zusammenhang mit Kreativität nur selten adressiert werden. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit drei zusammenhängenden Forschungsfragen nach: Wann im kreativen Prozess findet welche Art von Bewertung statt; wie spielen dabei negative und positive Werturteile zusammen; und wo, also an welchen Orten, wird bewertet? Basierend auf den erhobenen qualitativen Daten (25 Experteninterviews und 116,5h Beobachtungen) werden drei Hauptergebnisse formuliert. Erstens, dass es in kreativen Prozessen immer zu einem Zusammenspiel von Generierung und Bewertung kommt, wobei die Bewertung von Neuem für den kreativen Prozess genauso zentral ist wie die Generierung von Neuem, so dass die beiden integralen Bestandteile von Kreativität vermehrt gemeinsam betrachtet werden sollten. Zweitens, dass negative und positive Werturteile grundlegend unterschiedliche Logiken ausprägen, wobei negative Werturteile unverzichtbare Impulse zur Reinterpretation liefern und somit ein erfolgreiches Durchlaufen des kreativen Prozesses – zumindest für pharmazeutische F&E Projekte – erst ermöglichen. Drittens, dass die Entstehung und Bewertung von Neuem nicht nur sozial, sondern auch lokal situiert passiert, wobei analytisch klar differenzierbare Muster der Generierung, der Bewertung und des Testens erhoben wurden. Dies zeigt wiederum, dass auch im Bereich der analytischen Wissensbasis die Wissensproduktion nicht allein universell-gültigen Protokollen folgt, sondern auch einen performativen Charakter aufweist, der durch die Konstellation der Akteure, ihren persönlichen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen geprägt ist. This work adds to the interdisciplinary debate about the possibility of organizing creative processes. Using the example of pharmaceutical research and development projects the significance of valuations in creative process and the gap between two disciplinary approaches are examined. While economic geography and organizational research focus primarily on the conditions for the emergence of novelty and thereby neglect the relevance of valuation, the second approach, which is shaped by an economic sociological tradition, focuses on the valuation of novelty („Valuation Studies“), whereby valuations are rarely addressed in connection with creativity. Against this background, this work explores three related research questions: When in the creative process does what kind of valuation take place; how do negative and positive valuations interact in creative processes; and where, in which places, is valuation happening? Based on the qualitative data (25 expert interviews and 116.5h observations), three main findings are formulated. First, that creative processes always include an interplay of generation and valuation, whereby the valuation of novelty is as central as the generation of novelty, so that the two integral parts of creativity should be considered together more often. Second, that negative and positive valuations exhibit fundamentally different intrinsic logics. In particular, negative valuations provide indispensable impulses for reinterpretation and thus enable a successful course of the creative process – at least for pharmaceutical R&D projects. Third, that the generation and valuation of novelty does not only take place socially but also locally situated, whereby analytically clearly differentiable patterns of generation, valuation and testing were detected. This in turn shows that even in terms of the analytical knowledge base, knowledge production does not exclusively follow universally valid protocols, but also has a performative character, which is shaped by the composition of the group of actors, their personal idiosyncrasies, preferences and aversions. Neu, wertvoll, kreativ. Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte GESIS-Schriftenreihe herausgegeben von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Band 28 Alice Melchior Neu, wertvoll, kreativ. Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte Die vorliegende Arbeit wurde im Fachbereich Stadtund Regionalökonomie der HafenCity Universität Hamburg als Inauguraldissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) angenommen. Alice Melchior Neu, wertvoll, kreativ Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften 2021 Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-86819-048-9 (print) ISBN 978-3-86819-047-2 (eBook) ISSN 1869-2869 Herausgeber, Druck u. Vertrieb: GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften Unter Sachsenhausen 6-8, 50667 Köln, Tel.: 0221 / 476 94 - 0 [email protected] Printed in Germany Nutzungsbedingungen: Dieser Text wird unter einer CC BY Lizenz (Namensnennung) zur Verfügung gestellt. Nähere Auskünfte zu den CC-Lizenzen finden Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de GESIS Schriftenreihe | Band 28 5 Inhaltsverzeichnis 1 Einführung in das Forschungsinteresse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.1 Kreativität in der Wirtschaftsgeographie ........................ 11 1.2 Kreativität in den Valuation Studies ............................ 13 1.3 Forschungsfragen ........................................... 16 1.4 Aufbau der Arbeit ........................................... 19 2 Pharmazeutische F&E Projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21 2.1 Die forschende Pharmaindustrie ............................... 21 2.2 Veränderungen und neue Herausforderungen .................... 23 2.3 Pharmazeutische F&E Projekte als empirisches Beispiel ............ 25 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .28 3.1 Der Begriff der Kreativität .................................... 28 3.2 Vom kreativen Individuum zum kollektiven Prozess ............... 29 3.3 Das kollektive Kreativitätsverständnis ........................... 31 3.4 Phasenmodelle des kreativen Prozesses ......................... 33 3.5 Die Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen ... 38 4 Die Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .40 4.1 Die pragmatische Perspektive ................................. 40 4.2 Die Simultanität multipler Bewertungskriterien .................. 43 4.3 Die situative Einbettung der Wertaushandlung ................... 44 4.4 Negative und positive Werturteile im kreativen Prozess ............ 47 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .49 5.1 Die Relevanz der örtlichen Situation ............................ 49 5.2 Die geographischen Konzepte Kollokation, Nähe und Distanz ....... 55 5.3 Das Konzept der Rahmung ................................... 58 5.4 Vorderund Hinterbühnen als Orte der Generierung und Bewertung . 61 6 Methodik und Forschungsdesign . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .65 6.1 Die qualitative und mikroanalytische Erhebungsstrategie ........... 65 6.2 Die Methodenund Datentriangulation ......................... 70 6.3 Das Kategoriensystem der inhaltsanalytischen Auswertung ......... 73 6 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ 7 Eruierung der theoretischen Grundannahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .76 7.1 Kollektive Kreativität in pharmazeutischen F&E Projekten . . . . . . . . . . 76 7.2 Multiple Bewertungskriterien in pharmazeutischen F&E Projekten .. 78 7.3 Örtliche Situationen in pharmazeutischen F&E Projekten ........... 80 8 Das Zusammenspiel von Generierung und Bewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .83 8.1 Der kreative Prozess pharmazeutischer F&E Projekte .............. 83 8.2 Die aktive Anpassung der Idee ................................. 87 8.3 Re-Interpretationen und variierende Bewertungen ................ 88 9 Die Unverzichtbarkeit negativer Werturteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .91 9.1 Negative Werturteile und ihre Logik des Ausschlusses ............. 91 9.2 Positive Werturteile und ihre Logik der temporären Schließung ...... 94 9.3 Das Zusammenspiel von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen ..... 95 10 Die Orte der Generierung, Bewertung und des Testens  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .98 10.1 Vorderbühnen – Orte der Bewertung ........................... 98 10.2 Hinterbühnen – Orte der Generierung ......................... 100 10.3 Probebühnen – Orte des Testens .............................. 102 10.4 Örtliche Situationen und ihre Funktion im kreativen Prozess ....... 104 11 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .106 12 Diskussion und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Referenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .120 Anhang - Interviewleitfaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .139 Anhang - Beobachtungsleitfaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 GESIS Schriftenreihe | Band 28 13 1 Einführung in das Forschungsinteresse Grabher 2018). Doch wurde diese Einsicht, dass kreative Ideen nicht nur generiert, sondern vielmehr auch als neu und wertvoll bewertet werden müssen in der Wirtschaftsgeographie bisher selten problematisiert oder detaillierter betrachtet (für eine Ausnahme s. z.B. Jeannerat 2013; Fasche 2017; Müller 2019). Somit kam es in den wirtschaftsgeographischen Debatten verstärkt zur Fokussierung der zeiträumlichen Bedingungen zur Generierung von künstlerischem Inhalt oder Wissen, wobei sich mit dem zweiten integralen Bestandteil – der Bewertung von Neuem – bisher nicht systematisch auseinandergesetzt wurde. Eine ähnliche Reduzierung von Kreativität auf die Entstehung von Neuem ist auch in den Studien der Organisationsund sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung zu finden, wobei sich diese weniger auf die Bedingungen (wie in der Wirtschaftsgeographie) als vielmehr auf konkrete Generierungsprozesse fokussiert (für eine Ausnahme s. z.B. Harvey und Kou 2013). Diffizil an der tendenziellen Reduzierung von Kreativität auf die Entstehung von Neuem ist jedoch in beiden Fällen, dass sie nicht zu einem umfassenderen Verständnis von Kreativität beiträgt, sondern vielmehr zur einseitigen Betrachtung. Diese einseitige Betrachtung führt wiederum zur theoretischen Vereinfachung von Kreativität, indem die Notwendigkeit der Bewertung für den kreativen Prozess übersehen wird (vgl. Harvey und Kou 2013). Praktisch bedeutet diese Vereinfachung von Kreativität, dass jede generierte Idee als eine kreative Idee angesehen werden müsste. Dass jedoch nicht jede Idee, die zum Beispiel in einem Meeting generiert wird, neu und wertvoll ist, ist evident. Doch angenommen, jede generierte Idee wäre immer neu und wertvoll, dann bliebe weiterhin das Problem bestehen, aus der Vielzahl der Ideen die vermeintlich kreativste Idee auszuwählen. Dieser Argumentationslinie folgend sollten Bewertungen von Ideen in kreativen Prozessen eine mindestens ebenso große Aufmerksamkeit erfahren wie ihre Generierung. 1.2 Kreativität in den Valuation Studies Aufbauend auf der Argumentation, dass sowohl die Generierung als auch die Bewertung integrale Bestandteile von Kreativität sind (vgl. Amabile 1996; Csikszentmihalyi 1997; Haragdon und Bechky 2006; Brinks et al. 2018), wurde zur vertiefenden Betrachtung von Bewertungen ein zweiter Zugang über die Valuation Studie gewählt. Disziplinär vor allem durch die Soziologie des Bewertens und eine wirtschaftssoziologische Tradition geprägt, identifizierten und analysierten die Valuation Studies bisher vielfältige Bewertungskriterien5 (z.B. Boltanski und Thévenot 2006), unterschiedliche Instrumente, Strategien (z.B. Stark 2009; Aspers und Beckert 2011; Karpik 2011; Beckert und Musselin 2013; Vatin 2013) und Praktiken der Bewertung (z.B. Lamont 2009, 2012) sowie Bewertungsprozesse in unterschiedlichsten Situationen 5 Aus Gründen der Klarheit und Verständlichkeit werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe der Wertsysteme (z.B. Boltanski und Thévenot 2006), Wertordnungen (z.B. Stark 2009) und Maßstäbe (z.B. Karpik 2011), die auf unterschiedlichen analytischen Ebenen zu verorten sind, mit dem Begriff der Bewertungskriterien vereint und reduziert. 14 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ (z.B. Antal et al. 2015). Trotz der sehr interdisziplinären und heterogenen Debatten innerhalb der Valuation Studies ist all diesen Studien gemein, dass sie Bewertungen immer als einen sozialen Aushandlungsprozess und Wert als sozial konstruiertes Ergebnis dieses Aushandlungen verstehen (z.B. Boltanski und Thévenot 2006; Stark 2009; Aspers und Beckert 2011; Lamont 2012; Beckert und Musselin 2013; Antal et al. 2015). An diese Annahme der Wertaushandlung anknüpfend und davon ausgehend, dass kreative Ideen immer neu und gleichzeitig wertvoll sein müssen (z.B. Amabile 1969), sind Bewertungen in kreativen Prozessen besonders komplex, da Neuheit und Wert keine inhärenten Eigenschaften von Ideen sind (vgl. z.B. Simmel [1900] 2003; Hautala und Ibert 2018) und daher nicht einfach quantifiziert werden können (vgl. z.B. Cameron 1963). Vielmehr stellen die Neuheit und der Wert einer Idee konstitutive Elemente dar, die nicht allgemein gültig sind und daher zwischen den Akteuren situativ ausgehandelt werden müssen (vgl. Hautala und Ibert 2018). Die Neuheit von Ideen ist hierbei jedoch meist nicht als absolute Neuheit im Sinne einer historisch erstmaligen Generierung einer Idee zu verstehen, sondern vielmehr als eine Rekombination von schon bekannten Ideen (vgl. Hautala und Ibert 2018). Die Rekombination führt dazu, dass eine schon bekannte Praktik – wie zum Beispiel die virtuelle Kommunikation über eine App – mit einer anderen schon bekannten Praktik – wie beispielsweise der individuellen ärztlichen Patientenberatung und -betreuung – kombiniert werden, so dass durch die Rekombination eine ärztliche „BeratungsApp“ generiert wird. Die Idee der virtuellen Kommunikation per App ist dabei jedoch nur für den Kontext der individuellen ärztlichen Patientenberatung und -betreuung neu, nicht aber im sozialen Kontext, in dem die virtuelle Kommunikation per App schon vorher eine gängige Praktik war. Somit führt die Rekombination zu einer relativen Neuheit der generierten Idee, so dass die Idee in einem spezifischen Kontext wie einer Organisation, einer Region oder in einer epistemischen Gemeinschaft neu ist, aber eben keine historische (absolute) Neuheit aufweist (Hautala und Ibert 2018). Analog gilt dies auch für das konstitutive Element des Werts einer Idee. Eine Idee, die zum Beispiel für eine epistemische Gemeinschaft, eine Region, eine Organisation oder einen Akteur wertvoll ist, kann für eine andere epistemische Gemeinschaft, eine andere Region, eine andere Organisation oder einen anderen Akteur wertlos sein (vgl. Csikszentmihalyi 1997; Hutter und Stark 2015; Hautala und Ibert 2018). Bezogen auf das vorher schon genutzte Beispiel der ärztlichen „Beratungs-App“ kann diese in einer Region mit einer gut ausgebauten und zuverlässigen Infrastruktur für Telekommunikation oder für einen Akteur mit einem mobilen Endgerät wertvoll sein, wohingegen die ärztlichen „Beratungs-App“ in einer anderen Region mit einer schlecht ausgebauten und unzuverlässigen Infrastruktur für Telekommunikation oder für einen anderen Akteur ohne ein mobiles Endgerät wertlos sein kann. Dieses Beispiel zeigt, dass die Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unverzichtbar ist und dass die Valuation Studies mit ihrer Fokussierung auf Bewertungen und Bewertungsprozessen eine zentrale Referenz für die Analyse von Kreativität sein sollten. Außerdem zeigten mehrere Studien (z.B. Stark 2009; Muniesa 2011; Hutter und Stark 2015; Kraemer und Brugger 2017), dass es nicht nur zu einem Aushandlungsprozess kommt, sondern dass die Bewertung einer Idee oder eines Produktes je nach der spe- GESIS Schriftenreihe | Band 28 15 1 Einführung in das Forschungsinteresse zifischen Assemblage von Akteuren, Zeitpunkt und Ort stark variiert. Zum Beispiel führt die unterschiedliche situative Einbettung der Wertaushandlung unter anderem dazu, dass eine Idee innerhalb eines Labor-Meetings (Ort und Zeitpunkt) von den Wissenschaftlern (Bewertende) als positiv bewertet wird, wohingegen die gleiche Idee während einer Projektpräsentation (Ort und Zeitpunkt) bei einem Erstanwender (Bewertende) ein negatives Werturteil erhalten kann. Somit zeigten Studien der Valuation Studies – ähnlich zu den wirtschaftsgeographischen Studien und ihren Erkenntnissen zur Relevanz der situativen Einbettung für die Generierung –, dass die situative Einbettung auf für die Bewertung von Ideen relevant ist. Doch obwohl sich viele Studien der Valuation Studies (z.B. Antal et al. 2015) mit der Bewertung von kreativen Produkten oder mit Bewertungen in kreativen Prozessen auseinandersetzt, bliebt eine systematische Betrachtung der Generierung von Ideen bisher meist aus. Darüber hinaus setzten sich einige Studien der Valuation Studies (z.B. Zhao und Zhou 2011; Orlikowski und Scott 2014; Leary 2017; Esposito und Stark 2019) nicht nur mit abgetrennten Bewertungsprozess auseinander, sondern beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit bestehende Werturteile Einfluss auf spätere Bewertungsprozesse haben. Dabei stellen Zhao und Zhou (2011) unter anderem fest, dass bei der Bewertung von Wein das Werturteil von einem fachkundigen Akteur einen tiefgreifenderen Einfluss auf spätere Bewertungen hat als die bloße Bewertung durch Laien. Zusätzlich zeigt Leary (2017) am Beispiel von Sammelbänden, dass im Verlauf des kreativen Prozesses produzierte Werturteile die Bewertungskriterien der herausgebenden Akteure veränderten, genauso wie die Publizierenden auf Grund von produzierten Werturteilen ihre Einreichungen modifizierten. Einen weiteren Hinweis, dass produzierte Werturteile den weiteren kreativen Prozess beeinflussen, liefert Dewey (1939, S. 33, 48f., 54f.) mit seiner Feststellung, dass erst durch die Wahrnehmung einer Situation als problematisch der Wunsch nach Transformation entsteht, so dass das negative Werturteil (problematische Situation) einen notwendigen Impuls für den kreativen Prozess initiiert. Darüber hinaus stellten auch Studien aus dem Bereich des Lernens fest, dass Akteure (und Organisationen) effektiver aus Misserfolgen als aus Erfolgen lernen (z.B. Christianson et al. 2009; Madsen und Desai 2010; Khanna et al. 2016). Rekurrierend auf diese unterschiedlichen Studien wird daher angenommen, dass positive und negative Werturteile wie die Auszeichnung und das Nicht-Auszeichnen eines Weines durch einen fachkundigen Akteur zwar erkenntnistheoretisch den gleichen Informationswert haben, ein negatives Werturteil, wie die Wahrnehmung einer Situation als nicht ausreichend, jedoch eine andere Logik im kreativen Prozess ausprägt als ein positives Werturteil. Doch trotz der aufgezeigten Hinweise bleibt eine analytische Differenzierung zwi- 16 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ schen negativen und positiven Werturteilen in den Valuation Studies bisher weitestgehend aus6. 1.3 Forschungsfragen Vor diesem aufgezeigten theoretischen Hintergrund mit seinen zwei unterschiedlich disziplinär geprägten Zugängen zu Kreativität und der grundlegenden Annahme dieser Arbeit folgend, dass Kreativität immer die Generierung und Bewertung von Ideen impliziert, werden in der vorliegenden Arbeit drei Argumentationslinien entfaltet7. (1) Erstens wird argumentiert, dass der Verlauf des kreativen Prozesses sowohl die Generierung als auch die Bewertung von Ideen beeinflusst, so dass unterschiedliche Re-Interpretationen und variierende Bewertung der Idee in kreativen Prozessen zu finden sind. Ferner wird (2) zweitens das Argument erarbeitet, dass positive und negative Werturteile unterschiedliche Logiken innerhalb des kreativen Prozesses ausprägen, so dass negative Werturteile nicht einfach als Gegenteil von positiven Werturteilen in kreativen Prozessen verstanden werden können. (3) Drittens wird außerdem argumentiert, dass die situativen Einbettungen sowohl die Bewertung als auch die Generierung von Ideen beeinflusst, so dass die bisherige Erhebung der zeiträumlichen Bedingungen wie räumliche Nähe oder kognitive Distanz für ein vertiefendes Verständnis der zeiträumlichen Zusammenhängen der Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen nicht ausreicht. Als Ausgangspunkte zur Entfaltung dieser dritten Argumentationslinie werden dabei Orte im Sinne von physischen oder virtuellen Kontexten wie Labore oder Konferenzräume gewählt, da kreative Prozesse meist durch mindestens einen physischen oder virtuellen Ort verlaufen und sich so die situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung von Ideen vergleichend analysieren lassen. Über die Entfaltung der drei skizzierten Argumentationslinien hinaus, versucht die vorliegende Arbeit drei Lücken zu relativieren. (1) Erstens soll die implizite Komplementarität zwischen den wirtschaftsgeographischen und sozialwissenschaftlichen Kreativitätsdebatten (tendenziellen Reduzierung von Kreativität auf die Generierung von Neuem) und den Valuation Studies (Generierung von Neuem wird häufig nicht beachtet) mittels einer Verknüpfung der integralen Bestandteile 6 Zum einen wird meist nicht explizit zwischen positiven und negativen Werturteilen differenziert, sondern nur der Einfluss von Werturteilen auf spätere Bewertungsprozesse betrachtet. Zum anderen sind Werturteile meist ambivalent, also im Hinblick auf X gut und in Hinblick auf Y schlecht. Diese Ambivalenz von Werturteilen wird in der vorliegenden Arbeit jedoch insoweit gelöst, indem vereinfachend angenommen wird, dass positive Werturteile immer dann produziert werden, wenn die Idee die herangezogenen Bewertungskriterien erfüllt, wobei gegensätzlich bei Nicht-Erfüllung der Bewertungskriterien immer ein negatives Werturteil produziert wird. 7 Teilweise wurden einzelne Argumente der in der vorliegenden Arbeit skizzierten drei Argumentationslinien sowie einzelne empirische Ergebnisse bereits als Diskussionspapier mit dem Titel Moments of (De)Valuation. Confirmation and Devaluation of Ideas in Creative Processes (Melchior 2019) publiziert. GESIS Schriftenreihe | Band 28 17 1 Einführung in das Forschungsinteresse von Kreativität – Generierung und Bewertung – aufgebrochen werden. Ziel der Verknüpfung ist dabei, eine umfassendere Konzeptualisierung von Kreativität und kreativen Prozessen voranzutreiben und die tendenzielle Reduzierung von Kreativität auf die Generierung von Neuem zu überwinden. (2) Zweitens versucht die Arbeit mit einer analytischen Differenzierung zwischen negativen und positiven Werturteilen8 die aufgezeigte Lücke in den Valuation Studies zu überwinden. Ziel ist hierbei, zum einen die unterschiedlichen Logiken von negativen und positiven Werturteilen in kreativen Prozessen zu identifizieren und zum anderen die Relevanz der Bewertungen von Ideen für den kreativen Prozess hervorzuheben. (3) Drittens wird die wirtschaftsgeographische Betrachtung der zeiträumlichen Bedingungen zur Generierung von Neuem um die zeiträumlichen Bedingungen der Bewertung ergänzt, um so ein erweitertes Verständnis der zeiträumlichen Aspekte von Kreativität zu entwickeln und die spezifische Assemblage der Akteure, des Zeitpunkts und des Orts in der Situation der Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen zu erfassen. Ziel ist hierbei die Erarbeitung eines Konzepts, dass nicht nur die bloße Betrachtung der Bedingungen zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen, sondern vielmehr auch die Betrachtung der Zusammenhänge der Orte und situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen ermöglicht. Zur Entfaltung der aufgezeigten Argumentationslinien und zur Erschließung der aufgezeigten Lücken wurden drei zusammenhängende Forschungsfragen entwickelt. Die erste Forschungsfrage zielt dabei auf das Zusammenspiel von Generierung und Bewertung in kreativen Prozessen ab und versucht die implizite Komplementarität zwischen den disziplinären Zugängen aufzubrechen. Forschungsfrage 1: Inwiefern führt der Verlauf des kreativen Prozesses zur Generierung unterschiedlicher Re-Interpretationen und zu variierenden Bewertungen der Idee? Die zweite Forschungsfrage, die im Zugang über die Valuation Studies verortet wird, setzt sich mit dem Einfluss von negativen und positiven Werturteilen im kreativen Prozess auseinander und versucht unterschiedliche Logiken zu identifizieren. Forschungsfrage 2: Inwiefern prägen negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen aus? Die dritte Forschungsfrage betrachtet die Relevanz der situativen Einbettung und fragt, ob die Orte der Generierung und die Orte der Bewertung nicht analytisch klar 8 Zur Vereinfachung der Problematik der Ambivalenz von Werturteilen wird in der vorliegenden Arbeit davon ausgegangen, dass positive Werturteile immer dann produziert werden, wenn die Idee den herangezogenen Bewertungskriterien entspricht, wohingegen bei Nicht-Erfüllung der Bewertungskriterien immer ein negatives Werturteil produziert wird. 18 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ differenzierbare Muster ausprägen, wobei sie an den wirtschaftsgeographischen Debatten zu Kreativität ansetzt. Forschungsfrage 3: Inwiefern unterscheiden sich die von den Akteuren genutzten (physischen oder virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen und was ist ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein? Als empirisches Beispiel der vorliegenden Arbeit und als Grundlage zur Beantwortung der drei Forschungsfragen wurden pharmazeutische F&E Projekte9 herangezogen. Abgesehen von der bereits erwähnten, aber kaum betrachteten Relevanz von Kreativität in forschungsund wissensintensiven Industrien, wurden F&E Projekte in der forschenden Pharmaindustrie auf Basis von drei Überlegungen ausgewählt. Erstens wurden pharmazeutische F&E Projekte gewählt, da die forschende Pharmaindustrie vom quasi universell gewordenen Imperativ der Kreativität betroffen und einer der wissensund forschungsintensivsten Wirtschaftsmotoren Deutschlands ist (Fischer und Breitenbach 2013; Fahrenkamp 2015; BPI 2019; EFI 2020). Auch ist die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe und Therapien in der forschenden Pharmaindustrie seit Jahrzehnten in F&E Projekten organisiert, so dass pharmazeutische F&E Projekte nicht nur ein integraler Bestandteil der forschenden Pharmaindustrie sind, sondern zusätzlich eine zuverlässige Antriebskraft für pharmazeutischen Fortschritt darstellen (Fischer und Breitenbach 2013; EFI 2020). Daher können pharmazeutische F&E Projekte als ein tragfähiger Ausgangspunkt für die Analyse der Generierung von Ideen in kreativen Prozessen angesehen werden. Zweitens wurden pharmazeutische F&E Projekte gewählt, da sie einen sehr speziellen Kontext für die Betrachtung der Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen bieten. Dabei ist die außergewöhnlich niedrige Erfolgsquote des langjährigen, extrem kostspieligen, stark regulierten und systemisch stark heterogenen kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte einzigartig. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des gewählten Kontexts sind die stark restriktiv wirkenden Bewertungskriterien, so dass in pharmazeutischen F&E Projekten von etwa 10.000 potenziellen Molekülen nach langjähriger Forschung und Entwicklung nur eine einzige Substanz für den Markt zugelassen wird (Fischer und Breitenbach 2013; Tozer 2017; BPI 2019). Zusätzlich ist auch die systemische Heterogenität von Akteuren und Bewertungskriterien ein besonderes Merkmal pharmazeutischer F&E Projekte, so dass bei der Bewertung unklar ist, ob beispielsweise der wissenschaftliche Wert (Wahrheit), der klinische Wert (Patientennutzen) oder der ökonomische Wert (Profit) herangezogen werden sollte. Daher stellen pharmazeutische F&E Projekte einen ganz eigenen systemisch stark heterogenen und restriktiven Kontext zur Betrachtung der Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen dar. Drittens wurden pharmazeutische F&E Projekte gewählt, da sie immer durch mindestens einen physischen Ort – das Labor – verlaufen (vgl. Mel9 Eine detailliertere Betrachtung von pharmazeutischen F&E Projekte ist in Kapitel 2 zu finden. GESIS Schriftenreihe | Band 28 19 1 Einführung in das Forschungsinteresse chior et al. 2020), wobei pharmazeutische F&E Projekte bedingt durch die Heterogenität der Akteure meist an mehreren (physischen oder virtuellen) Orten erforscht und entwickelt werden. Daher bieten pharmazeutische F&E Projekte außerdem einen methodisch beobachtbaren Ausgangspunkt für die vergleichende Analyse der Orte und situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen. Somit wurde mit der Wahl von pharmazeutischen F&E Projekten kein verallgemeinerbarer, sondern vielmehr eine ganz außergewöhnlicher und einzigartiger empirischer Kontext für die Analyse des Forschungsinteresses und zur Entfaltung der aufgezeigten Argumentationslinien gewählt, dessen Grundvoraussetzungen die Relevanz der Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen betont. 1.4 Aufbau der Arbeit Die vorliegende Arbeit ist in zwölf Kapitel untergliedert und wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 wird ein Einblick in den empirischen Hintergrund der Arbeit gegeben, um eine Basis für die Analyse der empirischen Daten zu schaffen. Zur theoretischen Auseinandersetzung mit den Forschungsfragen werden die Kapitel 3, 4 und 5 genutzt. In Kapitel 3 wird der Verlauf des kreativen Prozesses basierend auf einem kollektiven Kreativitätsverständnis (Hargadon und Bechky 2006) genauer analysiert. Kapitel 4 setzt sich mit den unterschiedlichen Logiken negativer und positiver Werturteile auseinander, wobei eine pragmatische Perspektive (z.B. Dewey 1939; Boltanski und Thévenot 2006; Stark 2009; Hutter und Stark 2015) eingenommen wird. In Kapitel 5 wird die dritte Forschungsfrage hinsichtlich der Orte und der situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung von Ideen theoretisch vertiefend betrachtet, wobei das Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977) zur detaillierteren Analyse eingeführt wird. Kapitel 6 stellt die Methodik und das Forschungsdesign der Arbeit vor, wobei aufbauend auf einer multimethodischen Vorgehensweise insgesamt 25 Experteninterviews sowie 116,5 Stunden Daten aus teilnehmender Beobachtung erhoben und mit Hilfe einer Methodenund Datentriangulation analysiert wurden (vgl. Lamnek 1988; Flick 2011a). Anschließend folgen die vier empirischen Kapitel (7, 8, 9 und 10) der Arbeit. Kapitel 7 dient der Eruierung, inwieweit sich die grundlegenden Annahmen des theoretischen Rahmens der Arbeit auf den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte übertragen lassen. In Kapitel 8 wird der ersten Forschungsfrage, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses unterschiedliche Re-Interpretationen generiert und zu variierenden Bewertungen führt, empirisch nachgegangen, wobei eine de facto irreversible Reihenfolge von vier Phasen sowie eine aktive, phasenspezifische und nicht-lineare Anpassung der Idee erhoben werden konnte. Kapitel 9 betrachtet hingegen die unterschiedlichen Logiken von negativen und positiven Werturteilen und stellt dabei fest, dass negative Werturteile neue Explorationspfade eröffnen und für den kreativen Prozess unverzichtbar sind, da sie einen Impuls für Reflexionsund Re-Interpertationsprozesse liefern, wohingegen positive Werturteile den Prozess der Wissensgenerierung eher temporär schließen und Pfadabhängigkeiten ausprägen. In Kapitel 10 wird der Relevanz der situativen 20 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Einbettung empirisch nachgegangen, wobei analytisch klar differenzierbare Muster der Generierung (Rahmung als Hinterbühne) und Bewertung (Rahmung als Vorderbühne) im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte erhoben werden konnten, so dass sich die Orte vor allem hinsichtlich ihrer jeweiligen situativen Einbettung unterscheiden. Zusätzlich konnten im empirischen Material das Phänomen einer Probebühne als Ort des Testens erhoben werden. Ein Resümee der wichtigsten empirischen Ergebnisse und Argumente ist in Kapitel 11 zu finden, bevor in Kapitel 12 die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit diskutiert und Implikationen abgeleitet werden. GESIS Schriftenreihe | Band 28 21 2 Pharmazeutische F&E Projekte 2 Pharmazeutische F&E Projekte In diesem Kapitel wird ein Einblick in den empirischen Hintergrund der Arbeit geben. Hierzu werden in einem ersten Schritt pharmazeutische F&E Projekte in der forschenden Pharmaindustrie in Deutschland skizziert und charakterisiert (Abschnitt 2.1). In einem zweiten Schritt werden relevante Veränderungen sowie daraus resultierende Herausforderung für pharmazeutische F&E Projekte aufgezeigt (Abschnitt 2.2), bevor abschließend in einem dritten Schritt die Wahl von pharmazeutischen F&E Projekten als empirische Grundlage begründet wird (Abschnitt 2.3). 2.1 Die forschende Pharmaindustrie Mit einer der höchsten Reinvestitionsraten in die eigene Forschung und Entwicklung (12-17%) ist die forschende Pharmaindustrie seit mehreren Jahren einer der wissensund forschungsintensivsten Wirtschaftsmotoren Deutschlands (Fischer und Breitenbach 2013; Fahrenkamp 2015; BPI 2019; EFI 2020). Die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe und Therapien ist dabei seit Jahrzehnten in F&E Projekten organisiert, so dass diese nicht nur einen integralen Bestandteil der forschenden Pharmaindustrie, sondern auch eine zuverlässige Antriebskraft für pharmazeutischen Fortschritt darstellen (Fischer und Breitenbach 2013; EFI 2020). Charakteristisch für pharmazeutische F&E Projekte ist dabei unter anderem ihre langjährige Dauer, so dass im Schnitt von anfänglich etwa 10.000 potenziellen Molekülen nach etwa acht bis fünfzehn Jahren nur eine einzige Substanz für den Markt zugelassen wird (Fischer und Breitenbach 2013; Tozer 2017; BPI 2019). Auch sind mit pharmazeutischen F&E Projekten extrem hohe Kosten und eine außergewöhnlich niedrige Erfolgsquote verbunden, so dass Kosten von mehr als einer Milliarde US Dollar pro Projekt entstehen (DiMasi und Grabowski 2007; Light und Warburton 2011; Scannell et al. 2012; DiMasi et al. 2016; Tozer 2017), wobei sie simultan eine Erfolgsquote von nur etwa vier Prozent aufweisen (Banerjee und Siebert 2017, S. 1256) und selbst mehrere positive Testergebnisse letztlich keine Garantie für eine behördliche Zulassung darstellen. Darüber hinaus sind pharmazeutische F&E Projekte in ihrem Verlauf durch eine Vielzahl von Gesetzen wie dem Patentgesetz, den Vorgaben der Ethikkommission und der Arzneimittelsicherheit sowie durch Sicherheitsund Schutzvorschriften in ihrem Prozess stark reguliert. Entsprechend können pharmazeutische F&E Projekte als ein integraler, langjähriger, extrem kostspieliger und stark regulierter Bestandteil in einer der wissensund forschungsintensivsten Industrien in Deutschland beschrieben werden, wobei die Erfolgswahrscheinlichkeit eines pharmazeutischen F&E Projektes gleichzeitig außergewöhnlich gering ist. Des Weiteren kann der Verlauf eines pharmazeutischen F&E Projekts vereinfachend in vier Prozessschnitte differenziert werden (s. Abbildung 1): Target-Identifizierung, Target-Validierung, Klinische Studien, Markt-Zulassung. 22 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ TargetIdentifizierung TargetValidierung Klinische Studien MarktZulassung Quelle: Eigene Darstellung Abbildung 1 Vereinfachte Darstellung der Prozessschritte Die Target-Identifizierung stellt den ersten Prozessschritt pharmazeutischer F&E Projekte dar, wobei das identifizierte Target (Zielmolekül) als Grundlage für die weitere Erforschung und Entwicklung des Projektes dient (Bieger und Reinhold 2011; Khanna 2012; Fischer und Breitenbach 2013). Im zweiten Prozessschritt der TargetValidierung wird das identifizierte Target sowohl in-vitro (im Reagenzglas) als auch in-vivo (in Tiermodellen) validiert, wobei zum Beispiel die Stabilität oder die Wirkung des Targets in mehreren Tiermodellen nachgewiesen werden muss. Klinische Studien stellen den dritten Prozessschritt pharmazeutischer F&E Projekte dar, wobei dieser Prozessschritt in drei klinische Phasen differenziert werden kann (vgl. Bieger und Reinhold 2011; Khanna 2012; Fischer und Breitenbach 2013). In der klinischen Phase I-Studie wird das pharmazeutische F&E Projekt erstmals am Menschen (meist an weniger als 100 gesunden Probanden) getestet, um die Darreichungsform (z.B. Tabletten oder Infusion) des Wirkstoffs sowie seine ungefähre Dosierung festzulegen (BfArM 2013). Daran schließt die klinische Phase II-Studie an, welche als kleine Patientenstudie bezeichnet wird und meist 50 bis 500 erkrankte Patienten umfasst (BfArM 2013). Ziel der Phase II-Studie ist die Prüfung der Wirksamkeit mit Hilfe einer Placebo-Gruppe (Kontroll-Studie) und die Feststellung sowie Erforschung möglicher Nebenwirkungen (BfArM 2013). In der anschließenden klinischen Phase III-Studie, der sogenannten großen Patientenstudie mit mehreren 100 bis mehreren 1.000 erkrankten Patienten, werden die Ergebnisse aus der klinischen Phase II-Studie in einem heterogeneren Kontext überprüft, um Aussagen über Nebenund Wechselwirkungen zutreffen (BfArM 2013). Nach dem erfolgreichen Abschluss der klinischen Studien geht das pharmazeutische F&E Projekt in den vierten Prozessschritt der Markt-Zulassung über. In diesem Prozessschritt wird die behördliche Zulassung des pharmazeutischen F&E Projekts vorbereitet und beantragt10 (Bieger und Reinhold 2011; Khanna 2012; Fischer und Breitenbach 2013). 10 Nach der behördlichen Zulassung des pharmazeutischen F&E Projekts für den Markt schließt sich noch eine klinische Langzeitstudie (Phase IV-Studie) an, die jedoch in der vorliegenden Arbeit zum einen aus theoretischen Gründen (s. Abschnitt 3.1) und zum anderen ressourcenbedingt nicht weiter betrachtet wird. GESIS Schriftenreihe | Band 28 29 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses Differenzierung von Kreativitätsund Innovationsprozessen zumindest theoretisch zu relativieren, liegt der Fokus der Arbeit explizit auf den Kreativitätsprozessen. Als Ausgangspunkte der untersuchten Kreativitätsprozesse werden dabei die Momente gewählt, in dem zum ersten Mal ein Bedarf für eine neue Lösung (Idee) erkennbar und als eine Gelegenheit für weitere Explorationen angesehen wird. Das Ende der betrachteten Kreativitätsprozesse wird hingegen durch den Moment der Marktreife der Idee markiert. Die Implementierung der Idee und alles, was nach dem Moment der Marktreife geschieht, wird nicht weiter betrachtet, da dies dem Innovationsprozess zugeschrieben wird. Übertragen auf das empirische Beispiel pharmazeutischer F&E Projekte bedeutet dies, dass der pharmazeutische Prozess von der Grundlagenforschung bis hin zum Moment der behördlichen Zulassung betrachtet wird. Explizit ausgeschlossen wird dabei die Implementierung des pharmazeutischen F&E Projekts am Markt sowie die nachgelagerte klinische Phase IV-Studie (Breitenbach und Fischer, 2013), die erst nach der behördlichen Zulassung durchgeführt wird. 3.2 Vom kreativen Individuum zum kollektiven Prozess Seit Dekaden setzt sich die sozialwissenschaftliche Kreativitätsforschung vor allem mit dem kreativen Individuum auseinander. Dieses langanhaltende Verständnis von Kreativität als eine individuelle Fähigkeit geht auf den 1950 gehaltenen Vortrag des Psychologen Guilfords zurück, dem es gelang, den vagen Begriff der Kreativität erstmals nach individuellen Denkstrukturen zu spezifizieren (Kurtzberg und Amabile 2001). Darauf aufbauend entwickelten sich drei Hauptstränge der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung (Kurtzberg und Amabile 2001, S. 286f.): (1) Modelle des kognitiven Prozesses, (2) Konzepte individueller Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen sowie (3) Konzeptionen von Kontextvariablen und ihrer Wirkungen auf das kreative Individuum. Den Studien des ersten Hauptstranges, den (1) Modellen des kognitiven Prozesses (z.B. Wallas 1926; Mednick 1962; Perkins 1986; Gick und Holyoak 1987; Novick 1988; Sternberg und Lubart 1993; Amabile 1996) ist gemein, dass sie das kreative Individuum in ihren Analysefokus stellen sowie Kreativität nicht als etwas Spontanes oder Zufälliges, sondern als eine spezifische Kombination aus Wissen, Fähigkeiten und Motivation verstehen (Kurtzberg und Amabile 2001). Zum Beispiel entsteht Kreativität immer dann, wenn branchen-relevante Fähigkeiten und Faktenwissen, kreativitäts-relevante Fähigkeiten sowie eine intrinsische Aufgabenmotivation aufeinandertreffen (Amabile 1996). Die (2) Konzepte individueller Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen (z.B. Barron 1969; Kirton 1976; MacKinnon 1978; Barron und Harrington 1981; Amabile 1983; Sternberg und Lubart 1993; Oldham und Cummings 1996) stellen einen zweiten Hauptstrang der Kreativitätsforschung dar, wobei das kreative Individuum ähnlich wie im Hauptstrang der kognitiven Modelle im Analysefokus steht. Zum Beispiel wird auf Grund des individuellen Problemlösungsstils im zweiten Hauptstrang zwischen adaptierenden und innovierenden Individuen differenziert (Kirton 1976). Adaptoren sind dabei Individuen, die mit einen adapti- 30 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ ven Problemlösungsstil innerhalb von festgelegten Grenzen nach Lösungen suchen, wobei sie inkrementelle Veränderungen produzieren. Innovatoren reformulieren hingegen die Probleme, bevor sie nach Lösungen suchen. Ein dritter Hauptstrang der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung vereint (3) Studien zu Kontextvariablen und ihrer Wirkungen auf das kreative Individuum (z.B. Csikszentmihalyi 1988; Woodman et al. 1993; Oldham und Cummings 1996; Drazin et al. 1999), wobei diese Studien davon ausgehen, dass der Kontext sowohl das kreative Individuum als auch das kreative Ergebnis beeinflusst (Guilford 1950; Csikszentmihalyi 1988). Csikszentmihalyi (1988, S. 325) identifizierte unter anderem drei Haupteinflussfaktoren, die sich sowohl auf das kreative Individuum als auch das kreative Ergebnis auswirken: das Feld, den Kulturbereich und das kreative Individuum selbst. Das Feld mit seinen relevanten sozialen Institutionen bewertet dabei, was als kreativ gilt und was nicht. Die vom Feld als kreativ wahrgenommenen Ideen werden wiederum vom Kulturbereich stabilisiert und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Dabei hat das kreative Individuum die Möglichkeit, Veränderungen im Feld und im Kulturbereich zu bewirken. Gegensätzlich zu den anderen zwei Hauptsträngen der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung steht in diesem Strang erstmals nicht das kreative Individuum, sondern vielmehr eine systemische Betrachtung des Generierungsprozesses von Kreativität im Analysefokus (vgl. Csikszentmihalyi 1988). Ähnlich wie die anderen zwei Hauptstränge der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung schreibt auch der dritte Strang trotz der systemischen Betrachtungsweise das kreative Ergebnis immer einem Individuum zu (vgl. Kurtzberg und Amabile 2001, S. 287). Diese in der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung seit Dekaden vorherrschende individuelle Zuschreibung von Kreativität wurde in der Vergangenheit jedoch vermehrt stark kritisiert (vgl. z.B. Hargadon 2003; Hargadon und Bechky 2006; Sawyer 2007; Sawyer und DeZutter 2009; Garud et al. 2016). Gegensätzlich zu den drei Hauptsträngen wurde argumentiert, dass die meisten kreativen Produkte keinen individuellen, sondern vielmehr einen kollaborativen Charakter aufweisen (Sawyer und DeZutter 2009; Ibert et al. 2018), der zum Beispiel im Abspann von Filmen oder Videospielen (Becker, 1982) offensichtlich wird. Dieser Argumentationslinie folgend wurde daher angenommen, dass Kreativität keinem Individuum, sondern vielmehr einem Kollektiv zugeschrieben werden sollte, da vor allem für die heutigen komplexen Problemstellungen vielmehr das Wissen, die Anstrengungen und die Fähigkeiten mehrere Individuen benötigt werden (vgl. z.B. Hargadon 2003; Hargadon und Bechky 2006; Sawyer 2007; Sawyer und DeZutter 2009; Garud et al. 2016). Zusätzlich zur Kritik an der individuellen Zuschreibung von Kreativität wurde auch Kritik an der Ergebnisorientierung geäußert (z.B. Drazin et al. 1999). Ähnlich zur systemischen Betrachtungsweise des dritten Hauptstrangs der Kreativitätsforschung wird argumentiert, dass Kreativität nicht auf ein Ergebnis reduziert, sondern vielmehr als ein Prozess verstanden werden sollte (vgl. z.B. Csikszentmihalyi 1996; Hargadon 2003; Graud et al. 2016). Grundlage dieser kollektiven Prozessperspektive auf Kreativität ist dabei die Annahme, dass erst durch die komplexe Zusammenarbeit (Hargadon 2003), die verdeckte Zusammenarbeit (Sawyer 2007) oder die GESIS Schriftenreihe | Band 28 31 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses Einbettung in soziale Zusammenhänge (Csikszentmihalyi 1996) kreative Ergebnisse produziert werden können (Ibert et al. 2018). Zum Beispiel ist für die musikalische Improvisation in Jazz-Ensembles (z.B. Figueroa-Dreher 2016) oder dem Brainstorming in der Werbeprojektarbeit (Krämer 2014) mehr als nur ein Individuum notwendig, so dass erst im Prozess der Zusammenarbeit mehrerer Individuen kreative Ideen entstehen (vgl. Ibert et al. 2018). Die Zusammenarbeit der Individuen ist dabei meist in Teams, Gruppen, Organisationen, Projekten, (inter-)organisatorischen Netzwerken, Praxisgemeinschaften oder Communities organisiert und eingebettet (Drazin et al. 1999; Grabher 2002; Sawyer und DeZutter 2009; Dougherty und Dunne 2011; Ibert et al. 2018). Diesen beiden Argumenten folgend, dass Kreativität zum einen nicht einem Individuum, sondern vielmehr einem Kollektiv zugeschrieben und zum anderen Kreativität nicht nur als Ergebnis, sondern vielmehr als Prozess verstanden werden sollte, entwickelte sich ein Verständnis von Kreativität als kollektivem Prozess (z.B. Hargadon und Bechky 2006; Garud et al. 2016; Fortwengel et al. 2017). 3.3 Das kollektive Kreativitätsverständnis Um ein besseres Verständnis von Kreativität als einem kollektiven Prozess zu erhalten, wird nachfolgend das Modell der kollektiven Kreativität von Hargadon und Bechky (2006) genauer betrachtet. Dieses Modell wurde gewählt, da es Kreativität als einen Prozess versteht, bei dem mehrere Akteure zusammenarbeiten, um problematische Situationen zu verstehen und kreative (neue und wertvolle) Lösungen zu generieren (Hargadon und Bechky 2006). Grundlage des Modells der kollektiven Kreativität sind dabei vier soziale Interaktionstypen: „help seeking, help giving, reflective reframing, and reinforcing“ (Hargadon und Bechky 2006, S. 484). Der Interaktionstypus des Hilfe-Suchens (help seeking) beschreibt dabei das aktive Suchen nach Unterstützung und Rat bei anderen Akteuren, um problematische Situationen zu lösen (Hargadon und Bechky 2006). Gegensätzlich dazu beschreibt der Interaktionstypus des Hilfe-Gebens (help giving) die bereitwillige Hingabe von Zeit und Aufmerksamkeit zur Unterstützung des hilfesuchenden Akteurs (Hargadon und Bechky 2006). Dabei beeinflussen sich die Interaktionstypen des Hilfe-Suchens und des Hilfe-Gebens wechselseitig, da die vergangene Bereitwilligkeit eines Akteurs zu helfen, die Entscheidung, ob derjenige potenziell noch einmal nach Hilfe gebeten wird, beeinflusst (Hargadon und Bechky 2006). Das Hilfe-Suchen und Hilfe-Geben bedingen somit, welche Fähigkeiten, Erfahrungen und welches Wissen zur Lösung der problematischen Situation herangezogen werden (Hargadon und Bechky 2006). Der dritte Interaktionstypus ist die reflektierte Re-Interpretation (reflective reframing), bei dem die Akteure ihr Handeln reflektiert an die Kommentare und Handlungen der anderen Akteure anpassen (Hargadon und Bechky 2006). Die reflektierte Re-Interpretation bildet dabei den Kern des kollektiven Kreativitätsprozesses, da Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen neu kombiniert und somit neue und wertvolle Einsichten generiert werden können (Hargadon und Bechky 2006). Der vierte 32 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Interaktionstypus ist die Bestätigung (reinforcing), welche insoweit relevant ist, als dass sie die drei anderen Interaktionstypen einbettet und verstärkt (Hargadon und Bechky 2006). In Kombination führen die vier Interaktionstypen zu einem kollektiven Kreativitätsprozess, bei dem das Hilfe-Suchen und das Hilfe-Geben zu Momenten der reflektierten Re-Interpretation führen, in denen neue und wertvolle Einsichten generiert werden. Dabei kann der Moment der reflektierten Re-Interpretation sowohl in Anwesenheit als auch in Abwesenheit der anderen Akteure entstehen (Hargadon und Bechky 2006). Besonders zu betonen ist dabei, dass unabhängig davon, ob die reflektierte Re-Interpretation in Anoder Abwesenheit passiert, diese erst durch die kollaborative Zusammenarbeit mehrerer Akteure ermöglicht wird, die als kreatives Kollektiv bezeichnet werden. Darüber hinaus produziert die reflektierte Re-Interpretation nicht nur neue und wertvolle Einsichten, sondern führt zusätzlich zu einer Art Unvollständigkeit innerhalb des kreativen Prozesses (vgl. Garud et al. 2008; Ibert et al. 2018). Durch die Re-Interpretation von Wissen und Erfahrungen generieren die Akteure nicht nur kreative Lösungen, sondern simultan neue Perspektiven. Die neuen Perspektiven führen allerdings dazu, dass die anfänglich problematische Situation anders interpretiert werden kann und eventuell sogar neue Problematiken auftreten. Diese Veränderungen während des kreativen Prozesses führen wiederum dazu, dass sich der kollektive Kreativitätsprozess kontinuierlich verändert, so dass der kreative Prozess nicht mehr linear in Anfang, Mitte und Ende differenziert werden kann, da eine neue Perspektive den Prozess beispielsweise aus der vermeintlichen Mitte wieder zurück an den Anfang bringen kann (Garud et al. 2008, 2016; Fortwengel et al. 2017). Die Folge ist ein nicht-linearer Verlauf des kollektiven Kreativitätsprozesses und eine Art von Unvollständigkeit, in dem sich Wissen und Erfahrungen kontinuierlich verändern und anpassen (vgl. Garud et al. 2016; Fortwengel et al. 2017). Die Unvollständigkeit ist dabei jedoch nicht nur eine Folge, sondern vielmehr auch ein Impuls für weitere reflektierte Re-Interpretationen innerhalb des kollektiven Kreativitätsprozesses (vgl. Garud et al. 2008). Ferner unterscheidet sich das der Arbeit zugrundeliegende kollektive Kreativitätsverständnis (z.B. Hargadon und Bechky 2006) vor allem in zwei Aspekten von den drei Hauptsträngen der sozialwissenschaftlichen Kreativitätsforschung. Zum einen wird gegensätzlich zu den ersten beiden Hauptsträngen der Kreativitätsforschung Kreativität nicht als Ergebnis individueller Fähigkeiten verstanden, sondern vielmehr als Ergebnis einer kollektiven Einsicht, primär erzeugt durch die reflektierte Re-Interpretation (Hargadon und Bechky 2006). Zum anderen legen Hargadon und Bechky (2006) anders als der dritte Hauptstrang der Kreativitätsforschung ihren Fokus auf die situative Koinzidenz von Verhaltensweisen und nicht auf die Gruppenund Organisationsvariablen als einen fortwährenden Kontext für Kreativität. Trotz dieser Abgrenzung durch die Betonung der situativen Einbettung und der ReInterpretation knüpft das Modell der kollektiven Kreativität (Hargadon und Bechky 2006) ähnlich wie die drei Hauptstränge der Kreativitätsforschung an das attributive Verständnis von Kreativität als etwas Neues und Wertvolles (z.B. MacKinnon 1978; Amabile 1988) an. Wie bereits expliziert, ist daher sowohl die Entstehung als auch GESIS Schriftenreihe | Band 28 33 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses die Bewertung ein integraler Bestandteil des hier zugrundeliegenden Kreativitätsverständnisses. Insgesamt bietet das kollektive Kreativitätsverständnis (z.B. Hargadon und Bechky 2006) somit einen theoretisch soliden Ausgangspunkt für die Betrachtung der Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen, wobei es zusätzlich mit der Betonung der situativen Koinzidenz die Möglichkeit bietet, die situativen Einbettungen und Orte in kreativen Prozessen mikroanalytisch vergleichend zu analysieren. Außerdem wird angenommen, dass das kollektive Kreativitätsverständnis auf pharmazeutische F&E Projekte übertragen werden kann, da zum einen die komplexen Problemstellungen in der forschenden Pharmaindustrie nicht von einem Akteur alleine gelöst werden können, sondern mehrere Akteure auf Basis der vier Interaktionstypen zusammenarbeiten. Zum anderen wird eine Übertragung des kollektiven Kreativitätsverständnisses angenommen, da die verstärkte Auslagerung von einzelnen Prozessschritten pharmazeutischer F&E Projekte (s. Kapitel 2) annehmen lässt, dass in dem komplexen und langjährigen Prozess nicht nur ein, sondern mehrere kreative Kollektive zusammenarbeiten. 3.4 Phasenmodelle des kreativen Prozesses Um einen vertiefenden Einblick in den Verlauf des Kreativitätsprozesses zu erhalten, werden nachfolgend die Phasenmodelle der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017) und das Modell der relationalen Dynamiken (Ibert und Müller 2015) vergleichend betrachtet. Das Modell der Ideenreise wurde gewählt, da es vor allem die Notwendigkeit der Re-Interpretation für das erfolgreiche Durchlaufen des kreativen Prozesses hervorhebt (Perry-Smith und Mannucci 2017). Zwar sprechen Perry-Smith und Mannucci (2017, S. 53) in ihrem Modell von individueller Kreativität, doch betonen sie, dass die Akteure je nach Phase des kreativen Prozesses unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnisse wie emotionale Unterstützung oder eine gemeinsame Vision ausprägen, was wiederum auf ein kreatives Kollektiv schließen lässt. Gegensätzlich dazu stellen Ibert und Müller (2015, S. 181) in ihrem Modell der relationalen Dynamiken die Kollektivität des kreativen Prozesses explizit heraus, in dem sie die Relevanz der dyadischen Beziehungen für die Entwicklung der Idee betonen und in ihren Analysefokus stellen. Auch wurde das Modell der relationalen Dynamiken (Ibert und Müller 2015) teilweise auf Basis von Daten aus der biotechnologischen Branche entwickelt, wodurch eine gewisse Ähnlichkeit zu pharmazeutischen F&E Projekten angenommen werden kann. Trotz ihrer unterschiedlichen Fokusse stimmen beide ausgewählten Phasenmodellen jedoch darüber überein, dass sie jeweils an die situative Einbettung und Re-Interpretation des kollektiven Kreativitätsverständnisses anknüpfen und den Verlauf des kreativen Prozesses genauer betrachten. Das Modell der Ideenreise Im Fokus des Modells der Ideenreise von Perry-Smith und Mannucci (2017) stehen die Bedürfnisse und Anforderungen, die die Akteure im Verlauf des kreativen Pro- 34 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ zesses ausprägen, wobei sie den kreativen Prozess in vier Phasen gliedern (s. Tabelle 1): Generierung (idea generation), Ausarbeitung (idea elaboration), Verteidigung (idea championing) und Implementierung der Idee (idea implementation). Tabelle 1 Phasenübersicht des Modells der Ideenreise Anforderung & Bedürfnis Bewertende Inhalt & Ziel Generierung Kognitive Flexibilität Der Akteur selbst Konzeptionelle Beschreibung der ausgewählten Idee Ausarbeitung Unterstützung und Feedback Erweitertes Publikum (z.B. Fachpublikum) Ausarbeitung und Weiterentwicklung der Idee Verteidigung Ressourcen für die weitere Entwicklung Investoren, Partner und Erstanwender Relevante Bewertende überzeugen; Idee gegenüber Kritik verteidigen Implementierung Gemeinsame Vision und geteiltes Verständnis Relevante Akteure des Feldes Markteintritt vorbereiten Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Perry-Smith und Mannucci (2017) Die Phase der Generierung ist dabei durch das Bedürfnis und die Anforderung nach kognitiver Flexibilität (z.B. Amabile 1983; Guilford 1968; Mednick 1962) charakterisiert, die die Akteure zur Generierung einer Vielzahl von Ideen benötigen (PerrySmith und Mannucci 2017, S. 55ff.). Aus der Vielzahl an generierten Ideen selektieren die Akteure dann selbständig, welche Idee für sie neu und wertvoll ist, wobei die Phase der Generierung endet, sobald es zu einer konzeptionellen Beschreibung der ausgewählten Idee kommt (Perry-Smith und Mannucci, 2017, S. 56f.). Für die Phase der Ausarbeitung, in der die Idee konkretisiert, weiterentwickelt und das Potenzial der Idee systematisch bewertet werden, benötigen die Akteure anders als in der Phase der Generierung keine kognitive Flexibilität, sondern primär emotionale Unterstützung (z.B. Madjar et al. 2002) und konstruktives Feedback (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.). Ist die Idee so weit, dass sie einem breiteren Publikum wie einem Fachpublikum bei einer Konferenz präsentiert werden kann, dann ist die Phase der Ausarbeitung abgeschlossen (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.). In der Phase der Verteidigung präsentiert der Akteur die Idee potenziellen Investoren, Partnern und Erstanwendern, um Ressourcen für den weiteren kreativen Prozess zu akquirieren (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.). Hierbei ist dem Akteur zum einen daran gelegen, relevante Bewertende von seiner Idee zu überzeugen und zum anderen seine Idee gegenüber harscher Kritik zu verteidigen (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 58). Gelingt es dem Akteur, seine Idee zu verteidigen und die erforderlichen Ressourcen für den weiteren kreativen Prozess zu akquirieren, endet GESIS Schriftenreihe | Band 28 35 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses die Phase der Verteidigung (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.). Die Phase der Implementierung bedarf einer gemeinsamen Vision aller involvierten Akteure sowie eines geteilten Verständnisses der Idee, damit die Idee in einen konkreten Produktionsplan umgesetzt werden kann (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.). Zusätzlich zu den vier Phasen und basierend auf der Annahme der Nicht-Linearität kreativer Prozesse sind dem Modell der Ideenreise drei rekursive Schleifen inhärent (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 65ff.). Erfährt eine Idee innerhalb des kreativen Prozesses eine Zurückweisung zum Beispiel in Form eines negativen Werturteils, dann ist es auf Grund der rekursiven Schleifen möglich, dass die Idee in die davorliegende Phase zurückkehrt (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 66). Dieses Zurückkehren der Idee in die vorherige Phase ermöglicht es dem Akteur, die Idee entsprechend der phasenspezifischen Anforderungen zu modifizieren und zu re-interpretieren (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 66). Neben dieser Möglichkeit zur Re-Interpretation und Anpassung der Idee, betont das Modell der Ideenreise außerdem, dass Relationen, die die Anforderungen und Bedürfnisse in einer Phase fördern, in der nächsten Phase hemmend wirken können und entsprechend durch die Akteure modifiziert werden (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 66ff.). Das Modell der relationalen Dynamiken Analog zu Perry-Smith und Mannucci (2017) differenzieren auch Ibert und Müller (2015) den kreativen Prozess in vier Phase (s. Tabelle 2): Induktion (induction), Validierung (validation), Mobilisierung (mobilization) und Verwirklichung (concretization). Anders als das Modell der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017) betrachten Ibert und Müller (2015, S. 181) nicht die Anforderungen und Bedürfnisse der Akteur im Verlauf des kreativen Prozesses, sondern legen ihren Schwerpunkt auf die Dynamiken der dyadischen Beziehungen. Die Phase der Induktion ist dabei durch kognitive Distanz innerhalb der dyadischen Beziehung gekennzeichnet, die entweder durch funktionale und organisationale Nähe beispielsweise in Kombination mit fachlichen Differenzen oder durch soziale Nähe und organisationale Distanz charakterisiert ist (Ibert und Müller 2015, S. 187, 191). Ähnlich wie in der Phase der Generierung der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.) wird die kognitive Distanz zur Lösung einer für den Akteur als problematisch empfundene Situation benötigt (Ibert und Müller 2015, S. 187). Durch das Fehlen eines definierten Problems kommt es innerhalb der Phase der Induktion zu einer interpretativen Problemsuche (Ibert und Müller 2015, S. 187), wobei die Akteure nach etwas suchen, ohne zu wissen wonach sie suchen, es aber erkennen, wenn sie es finden (vgl. Stark 2009, S. 11). Ähnlich wie in der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.) endet die Phase der Induktion, sobald das gefundene Problem erstmals konzeptionell konkretisiert wurde (Ibert und Müller 2015, S. 185, 187). In der Phase der Validierung versuchen die Akteure analog zur Phase der Ausarbeitung der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.) die Idee weiterzuentwickeln und für einen spezifischen Kontext zu konkretisieren (Ibert und Müller 2015, S. 188). Hierzu benötigen die Akteure zum einen Mento- 36 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ ren, die mit ihrem Zugang zu Ressourcen, Erfahrungen und Reputation – ähnlich wie in der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.) – dem Bedürfnis nach konstruktivem Feedback nachkommen (Ibert und Müller 2015, S. 188, 191). Zum anderen sind nicht-kooperative Beziehungen zu rivalisierenden Akteuren zur Abgrenzung und Weiterentwicklung der Idee in der Phase der Validierung notwendig (Ibert und Müller 2015, S. 188, 191). Abgeschlossen wird die Phase der Validierung mit einem Wirksamkeitsnachweis (Proof of Concept) für einen konkreten Anwendungskontext (Ibert und Müller 2015, S. 185, 188). Im Fokus der Phase der Mobilisierung steht hingegen die Generalisierung der Idee (Ibert und Müller 2015, S. 188f.). Hierzu präsentieren die Akteure ähnlich zur Phase der Verteidigung der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56ff.) ihre Idee potenziellen Erstanwendern und Partnern (Ibert und Müller 2015, S. 188f.). Zusätzlich wird neben der kognitiven Distanz zu Erstanwendern und Partnern eine dyadische Beziehung zu einer „gray eminence“ (Ibert und Müller 2015, S. 189, 191) benötigt, welche sich durch organisationale Distanz auszeichnet und meist durch einen ehemaligen Mentor ausgefüllt wird. Die Phase der Mobilisierung endet, sobald die Akteure die Idee aus dem spezifischen Anwendungskontext der vorherigen Phase in einen größeren Anwendungskontext übersetzen und einen Machbarkeitsnachweis (Proof of Feasibility) der Idee erbringen (Ibert und Müller 2015, S. 185, 188f.). In der Phase der Verwirklichung beseitigen die Akteure letzte Fehler und fixieren eine Idee zur Lösung der anfänglich problematischen Situation (Ibert und Müller 2015, S. 189f.). Damit die Verwirklichung der Idee sowie eine erfolgreiche Markteinführung gelingen, sind vor allem die Beziehungen zu Nutzern, Anteilseignern und der Konkurrenz relevant, um die Robustheit, Benutzerfreundlichkeit, Wiederholbarkeit und Rentabilität der Idee zu erhöhen (Ibert und Müller 2015, S. 185, 189f.). Ähnlich wie in der Phase der Mobilisierung sind dabei zwei der drei relevanten Beziehungen (Nutzer und Anteilseigner) über kognitive Distanz charakterisiert (Ibert und Müller 2015, S. 191). Die dritte relevante Beziehung zu konkurrierenden Akteuren ist hingegen gekennzeichnet durch kognitive Nähe und zugleich unterschiedlichen Interessen (Ibert und Müller 2015, S. 191). Besonders auffällig im Modell von Ibert und Müller (2015) ist dabei die eminente Beschreibung dyadischer Beziehungen, die durch kognitive Distanz oder Rivalität charakterisiert sind. Kognitive Distanz wird dabei meist unterschiedlichen disziplinären Herangehensweisen und Zielen zugeschrieben, wohingegen Rivalität mehr einer interdisziplinären Differenz wie unterschiedlichen Theorieschulen oder Visionen entspricht (Ibert und Müller 2015, S. 188). Exzeptionell ist, dass die vermehrte Beschreibung von kognitiver Distanz oder Rivalität explizit auf multiple Bewertungskriterien innerhalb des kreativen Prozesses hindeutet, so dass die Akteure ähnlich wie im Modell der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 66ff.) sowohl die Idee als auch ihre dyadischen Beziehungen aktiv an die jeweilige Phase anpassen (Ibert und Müller 2015, S. 191ff.). GESIS Schriftenreihe | Band 28 37 3 Der Verlauf des kreativen Prozesses Tabelle 2 Phasenübersicht des Modells der relationalen Dynamiken Charakteristika der Beziehungen Bewertende Inhalt & Ziel Induktion Kognitive oder organisationale Distanz Der Akteur selbst Konzeptionelle Konkretisierung des Problems Validierung Kognitive Nähe und organisationale oder hierarchische Distanz Mentoren und rivalisierende Akteure Erarbeitung eines Proof of Concept (Wirksamkeitsnachweis) Mobilisierung Kognitive oder organisationale Distanz Partner, Erstanwender und „gray eminence“ (z.B. ehemalige Mentoren) Erarbeitung eines Proof of Feasibility (Machbarkeitsnachweis) Verwirklichung Kognitive Distanz oder unterschiedliches Interesse Nutzer, Anteilseigner und konkurrierende Akteure Verwirklichung der Idee am Markt Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Ibert und Müller (2015) Des Weiteren nehmen Ibert und Müller (2015, S. 184) analog zu Perry-Smith und Mannucci (2017, S. 65ff.) an, dass der kreative Prozess zirkuläre Merkmale beinhaltet und keiner deterministischen Abfolge von Ereignissen folgt. Gegensätzlich zu PerrySmith und Mannucci (2017) argumentieren Ibert und Müller (2015, S. 184) jedoch in Anlehnung an Balconi et al. (2010), dass es angebracht erscheint, Elemente des linearen Denkens beizubehalten, um faktisch irreversible Entscheidungen innerhalb des kreativen Prozesses zu ermöglichen. Entsprechend sind im Modell der relationalen Dynamiken (Ibert und Müller 2015, S. 184, 191, 193) lineare Elemente in Form von epistemischen Fakten zu finden. Epistemische Fakten sind dabei Fakten, die, sobald sie produziert wurden, nicht mehr einfach negligiert werden können, so dass sich die Akteure nachfolgend vielmehr auf die epistemischen Fakten beziehen müssen (Ibert und Müller 2015, S. 193). Somit markieren epistemische Fakten in gewisser Weise epistemologische „points-of-no-return“ und verhindern damit, dass Akteure zuvor getroffene Entscheidungen, die zu einem epistemischen Fakt geführt haben, im weiteren Verlauf negligeant revidieren. Entsprechend ermöglichen epistemische Fakten als lineare Elemente innerhalb des kreativen Prozesses faktisch irreversible Entscheidungen. Übertragen auf den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte stellen beispielsweise das Proof of Concept (Wirksamkeitsnachweis), das Proof of Feasibility (Machbarkeitsnachweis) sowie die behördliche Zulassung epistemische Fakten dar, die im nachgelagerten kreativen Prozess nicht negligiert werden können. Zu finden sind die epistemischen Fakten im Modell von Ibert und Müller (2015, S. 191) immer am Ende einer Phase des kreativen Prozesses. Somit produzieren epistemische Fakten im Modell von Ibert und Müller (2015) eine faktisch irrever- 38 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ sible Phasenreihenfolge des kreativen Prozesses, da sie zum einen nicht nur die Voraussetzungen für den Übergang zur nächsten Phase schaffen, sondern damit auch die Rückkehr der Idee in die vorherige Phase behindern. Zum anderen produzieren epistemische Fakten im Modell von Ibert und Müller (2015) eine faktisch irreversible Phasenreihenfolge, da sie simultan de facto irreversible Entscheidungen produzieren, auf denen die nachfolgenden Re-Interpretationen der Idee notwendigerweise aufbauen (vgl. Ibert und Müller 2015, S. 193). Wichtig zu betonen ist hierbei, dass die epistemischen Fakten zwar die Rückkehr der Idee in die vorherige Phase sowie grundlegende Veränderungen im kreativen Prozess beschränken, diese jedoch theoretisch nicht grundsätzlich ausschließen. Übertragen auf die pharmazeutischen F&E Projekte bedeutet diese faktisch irreversible Phasenreihenfolge des kreativen Prozesses, dass die Idee erst die Tests der präklinischen Forschung bestehen muss, bevor die Idee in klinischen Studien getestet werden kann (vgl. Balconi et al. 2010). Zwar kommt es dabei unter anderem zu Rückmeldungen von den klinischen Studien in die präklinische Forschung, doch bleibt die kognitive wie organisatorische Abfolge der Phasen weitestgehend erhalten (Balconi et al. 2010). Somit muss die Grundlagenforschung zwangsläufig immer vor der präklinischen Forschung und diese vor den klinischen Studien erfolgen, bevor es zur behördlichen Zulassung eines pharmazeutischen F&E Projekts für den Markt kommen kann (vgl. Balconi et al. 2010). 3.5 Die Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen Trotz ihrer Differenz hinsichtlich der Rekursivität des kreativen Prozesses (Rückkopplungsschleifen vs. epistemische Fakten) gehen beide Phasenmodelle davon aus, dass Elemente wie relationale Beziehungen, die eine Phase fördern, in der nächsten Phase hemmend wirken können (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017). Dabei passen die Akteure im Verlauf des kreativen Prozesses jedoch nicht nur die relationalen Beziehungen, sondern auch die Idee aktiv an die jeweilige Phase an (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017). Rekurrierend auf diesen Erkenntnissen der beiden Phasenmodelle werden Re-Interpretationen der Idee in der vorliegenden Arbeit folgend als eine Art der Generierung von Ideen angesehen, wobei diese durch die unterschiedlichen Phasen beeinflusst wird. Ähnlich wie die Generierung von Re-Interpretationen ist auch die Bewertung der Idee durch die jeweilige Phase des kreativen Prozesses beeinflusst (Ibert und Müller 2015; PerrySmith und Mannucci 2017). Zum Beispiel kann die Entdeckung einer neuen molekularen Verbindung zu Beginn des kreativen Prozesses aus grundlagenwissenschaftlicher Perspektive wertvoll sein, wohingegen die Entdeckung aus klinischer Perspektive im späteren Verlauf des kreativen Prozesses wertlos ist, solange kein klinischer Nutzen für den Patienten aufgezeigt werden kann. Zusätzlich zu den multiplen Bewertungskriterien treten im Verlauf des kreativen Prozesses auch unterschiedliche Bewertende auf (s. Tabelle 1 und Tabelle 2). Wird die Idee beispielsweise in der Phase der Generierung noch vom Akteur selbst bewertet, erfolgt die Bewertung in der GESIS Schriftenreihe | Band 28 45 4 Die Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen ausgefochten wird, zurückgreifen (Aspers 2018). Die Gemeinsamkeit beider Möglichkeiten liegt darin, dass sie in einem Prozess mit mehreren Akteuren entscheiden, was entweder „gut oder schlecht“ oder was „wertvoll ist und was nicht“ (Aspers 2018, S. 134f. eigene Übersetzung). Komplexer wird die Wertaushandlung in Situationen, in denen keine standardisierten Bewertungskriterien wie Gesetze herangezogen werden können (vgl. Karpik 2011; Kraemer und Brugger 2017). Solche Situationen treten unter anderem dann auf, wenn „Singularitäten“ (z.B. Karpik 2011, Reckwitz 2017) wie Wein (Hennion 2015), Luxusparfüms (Trébuchet-Breitwiller 2015) oder der erste elektronische Klang eines Synthesizers (Pinch 2015) bewertet werden sollen. Die Komplexität der Bewertung in solchen Situationen liegt in den Eigenschaften der Singularitäten begründet, da sie erstens auf Grund ihres spezialisierten Wissens komplex, zweitens in ihre Qualität ungewiss (keine standardisierten Qualitätsmaßstäbe) und drittens auf Grund ihrer Einzigartig nicht vergleichbar sind (vgl. Karpik 2011; Reckwitz 2017). Im weiteren Sinne können daher auch pharmazeutische F&E Projekte als Singularitäten verstanden werden, da sie komplex (hochspezialisiertes Wissen), ungewiss (keine standardisierten Bewertungskriterien) und einzigartig (Verstanden im Sinne der Patentfähigkeit nach § 1 Abs. 1 PatG19) sind. Entsprechend führen pharmazeutische F&E Projekte mit ihrer Mehrdimensionalität, Ungewissheit und Unvergleichbarkeit verstärkt zu komplexen Bewertungssituationen, wobei teilweise standardisierte Bewertungskriterien wie das Patentrecht zur Vereinfachung der Wertaushandlung herangezogen werden können. Zur Veranschaulichung der komplexen Bewertungssituation wird die Bewertung von Ideen als neu und wertvoll im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekt kurz skizziert. Im Bereich der forschenden Pharmaindustrie wird Neuheit dabei meist im Sinne einer Ablösung oder Abweichung von bestehenden Theorien, Medikamente und Therapien verstanden, wobei die Bewertungskriterien für Neuheit im Patentrecht standardisiert wurden. Trotz der Standardisierung der Bewertungskriterien für Neuheit bliebt jedoch eine gewisse Zweideutigkeit und Widersprüchlichkeit bestehen (z.B. Hope 2009; Heller 2010; Dutfield 2017; Leybold 2018), so dass der Aspekt der erfinderischen Praktik unter dem Begriff des geistigen Eigentums innerhalb des Patentgesetzes (z.B. Monk 2009; Pierson et al. 2011; Lemley et al. 2017; Dobusch et al. 2018) stark diskutiert wird. Somit kommt es trotz der standardisierten Bewertungskriterien für die Neuheit pharmazeutischer Ideen zu Meinungsverschiedenheiten und im schlimmsten Fall zu Patentstreitigkeiten (z.B. Lemley et al. 2017, Hondros et al. o.J.). Noch vager und komplexer wird die Situation bei der Bewertung des Werts innerhalb des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte, da 19 Nach § 1 Abs. 1 PatG muss eine Erfindung drei Kriterien für die Patentfähigkeit erfüllen. Erstens muss die Erfindung neu sein. Neu ist eine Erfindung dann, wenn sie nicht zum Stand der Technik gehört und weltweit weder mündlich noch schriftlich in jeder erdenklichen Weise der Öffentlichkeit zugänglich war. Zweitens muss die Erfindung auf einer erfinderischen Praktik beruhen, sich also in ausreichendem Maß vom Stand der Technik abheben, so dass sehr nahe liegende oder kleine Neuerungen nicht ausreichen. Drittens muss die Erfindung gewerblich anwendbar sein, so dass die Erfindung auf irgendeinem gewerblichen Gebiet hergestellt oder benutzt werden kann (DPMA 2018). 46 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ hierfür keine standardisierten Bewertungskriterien zur Vereinfachung herangezogen werden können. Unabhängig von ihrer Komplexität sind Bewertungen außerdem meist sowohl räumlich als auch zeitlich lokalisiert (Hutter und Stark 2015, S. 4). Für die räumliche Lokalisierung werden für Bewertungen meist Orte wie Gerichtssäle, Meetingoder Konferenzräume markiert, wobei diese Orte potenzielle Orte des Streits und der Auseinandersetzung darstellen (Hutter und Stark 2015, S. 4). Für die zeitlich Lokalisierung werden hingegen meist Momente der Bewertung wie Meetings, Konferenzen, Experimente oder eine Abfolge von Besprechungen markiert, wobei diese Momente der Bewertung von Minuten über Stunden, Monate bis hin zu mehreren Jahren andauern20 können (Hutter und Stark 2015, S. 4). Darüber hinaus sind Bewertungen meist jedoch nicht nur räumlich und zeitlich lokalisiert, sondern auch durch die anwesenden Akteure und ihren Bewertungskriterien beeinflusst, so dass Werturteile auf Grund ihrer situativen Einbettung (Assemblage von Ort, Zeitpunkt und Akteuren) stark variieren können (z.B. Stark 2009; Muniesa 2011; Hutter und Stark 2015; Kraemer und Brugger 2017). Die situative Einbettung der Wertaushandlung führt daher unter anderem dazu, dass eine Idee innerhalb eines LaborMeetings (Ort und Zeitpunkt) von wissenschaftlich Forschenden (Bewertende) als positiv bewertet wird, wohingegen die gleiche Idee während einer Projektpräsentation (Ort und Zeitpunkt) bei investierenden Akteuren (Bewertende) ein negatives Werturteil erhält. Zur vertiefenden Betrachtung der situativen Einbettung der Wertaushandlung wird an dieser Stelle die analytische Unterscheidung von Mittel („means“) und Zwecken („ends“) herangezogen (Dewey 1939, S. 25, 40ff.). Können Zwecke in einer Situation als gut oder schlecht bewertet werden, können gleichzeitig auch die Mittel zur Erreichung des Zwecks in die Bewertung einbezogen werden (Dewey 1939, S. 25). Diese analytische Unterscheidung zwischen Zwecken und Mitteln ist dabei temporär, sodass jedes Mittel in einer vorherigen Situation ein Zweck und jeder Zweck in zukünftigen Situationen ein Mittel darstellen kann (Dewey 1939, S. 43ff.). Übertragen auf das Beispiel pharmazeutischer F&E Projekte bedeutet diese analytische Unterscheidung, dass das erfolgreiche Abschließen der klinischen Studien in einer Situation als Zweck (Ziel) und in einer anderen Situation als Mittel zum Zweck der behördlichen Zulassung angesehen werden kann. Damit jedoch kein Zweck-MittelKontinuum entsteht und Zwecke bewertet werden können, wird der Gedanke der Endgültigkeit eingeführt (Dewey 1939, S. 44f.). Dieser Gedanke der Endgültigkeit führt dabei dazu, dass der durch die Wertaushandlung konstruierte Wert endgültig ist (Dewey 1939, S. 45). Endgültig ist der Wert in dem Sinne, als dass der situativ zugeschriebene Wert einen Abschluss der Wertaushandlung darstellt und in einem 20 Hierbei ist es unvermeidlich, dass die Identifizierung des Moments der Bewertung durch den Akteur selbst als auch durch einen Beobachter desto schwieriger und unschärfer wird, je länger der Moment andauert. Trotz dieser Beeinträchtigung bleibt die Möglichkeit, die zeitliche Ausdehnung und den internen Zeitpunkt der Bewertung zu beobachten, sowohl für den Akteur als auch einen Beobachter erhalten (Hutter und Stark 2015, S. 4). GESIS Schriftenreihe | Band 28 47 4 Die Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen Werturteil fixiert wird, wobei die Wertfixierung ein einmaliges und situationsspezifisches Ereignis darstellt (vgl. Dewey 1939, S. 45). Die Wertaushandlung wird hingegen nur temporär stabilisiert, da es auf Grund der Wertfixierung zur Veränderung der Situation und somit zu erneuten Wertaushandlung kommen kann (vgl. Neff und Stark 2004; Garud et al. 2008). Dieser skizzierten Argumentation folgend kann die Bewertung von Ideen daher als ein Prozess des Aushandelns von Wertfixierungen verstanden werden, der eine temporäre Stabilisierung durch situative Verhandlungen zwischen verschiedenen Akteuren erfährt und von den Akteuren für die attributive und situative Zuschreibung von Wert genutzt wird. Die temporäre Stabilisierung der Wertaushandlung produziert dabei außerdem eine Art Unvollständigkeit, die nicht als Bedrohung, sondern – ähnlich wie die generativen Spannungen (s. Abschnitt 4.2; Stark 2009) – als Impuls für neue Wertaushandlungen zu verstehen ist. 4.4 Negative und positive Werturteile im kreativen Prozess Wie bereits erwähnt (s. Kapitel 1), haben positive und negative Werturteile erkenntnistheoretisch den gleichen Informationswert, wobei Studien im Bereich des Lernens (z.B. Christianson et al. 2009; Madsen und Desai 2010; Khanna et al. 2016) zeigten, dass Akteure effektiver aus Misserfolgen als aus Erfolgen lernen. Auch können sowohl in der pragmatischen Perspektive (s. o.) als auch im kollektiven Kreativitätsverständnis (s. Kapitel 3) weitere theoretische Hinweise gefunden werden, die darauf schließen lassen, dass negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken innerhalb des kreativen Prozesses ausprägen. Beispielsweise stellte Dewey (1939, S. 13, 34, 54f.) fest, dass erst durch die Wahrnehmung einer Situation als problematisch (negatives Werturteil) ein Wunsch zur Transformation entsteht und die Suche nach neuen und wertvollen Lösungen angestoßen wird. Ähnlich zu Dewey (1939) zeigten auch die beiden skizzierten Phasenmodellen, dass vor allem zu Beginn des kreativen Prozesses kognitive Flexibilität (Perry-Smith und Mannucci 2017, S. 56f.) und kognitive Distanz (Ibert und Müller 2015, S. 191) relevant sind, so dass beispielsweise Lösungen aus anderen Bereichen auf die eigene Situation übertragen werden können. Auch stellten Studien der Valuation Studies (z.B. Stark 2009; De Vaan et al. 2015; Hutter und Stark 2015) fest, das kreative Ideen als Ergebnis von problematischen Situationen wie Unzufriedenheit, Konflikt oder Spannungen am Arbeitsplatz (z.B. Binnewies und Wörnlein 2011) oder durch das Ignorieren von Wissen (Brinks et al. 2018) entstehen können. Darüber hinaus konnte mit Hilfe der herangezogenen Phasenmodelle (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017) gezeigt werden, dass die Zurückweisung einer Idee in Form eines negativen Werturteils zur Anpassung und Re-Interpretation der Idee während des kreativen Prozesses führt. Anders als negative Werturteile führen positive Werturteile in den Phasenmodellen (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017) hingegen dazu, dass die Idee ohne jegliche Anpassungen in die nächste Phase des kreativen Prozesses übergeht. Zusätzlich zeigten Ibert und Müller (2015), dass positive Werturteile in Form 48 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ von epistemischen Fakten die nachfolgenden Re-Interpretationen der Idee im kreativen Prozess beschränken. Auf diese theoretischen Erkenntnisse rekurrierend können somit hinsichtlich der zweiten Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, zwei Arbeitsthesen abgeleitet werden. Erstens stellen negative Werturteile einen notwendigen Impuls zur Anpassung und Re-Interpretation der Idee innerhalb des kreativen Prozesses dar. Zweitens führen positive Werturteile nicht zu einer Anpassung der Idee, sondern beschränken vielmehr die Möglichkeiten der Re-Interpretation im nachfolgenden Prozess. Daher wird theoretisch angenommen, dass negative Werturteile nicht einfach nur als Gegenteil von positiven Werturteilen verstanden werden können, sondern das positive und negative Werturteile in kreativen Prozessen vielmehr unterschiedliche Logiken ausprägen, welche im empirischen Teil der Arbeit detaillierter analysiert werden. GESIS Schriftenreihe | Band 28 49 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung In diesem Kapitel werden relevante theoretisch Konzepte und Erkenntnisse zur Beantwortung der dritten Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, aufgezeigt und erläutert. Hierzu werden in einem ersten Schritt die Orte und situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen vertiefend betrachtet (Abschnitt 5.1). In einem zweiten Schritt werden Anforderungen an mögliche theoretische Konzepte zur Beantwortung der dritten Forschungsfrage abgeleitet sowie die geographischen Konzepte der Kollokation, Nähe und Distanz hinsichtlich ihres Potenzials beleuchtet (Abschnitt 5.2). Daran anknüpfend wird in einem dritten Schritt das Konzept der Rahmung von Goffman (1971, 1976, 1977) für den mikroanalytischen Vergleich der Orte und ihrer situativen Einbettung im kreativen Prozess herangezogen und in einzelnen Aspekten vertiefend dargestellt (Abschnitt 5.3). Abschließend wird in einem vierten Schritt basierend auf den bisherigen Erkenntnissen ein theoretisches Fazit hinsichtlich der (physischen und virtuellen) Orte, die die Akteure in kreativen Prozessen zur Generierung und Bewertung von Ideen nutzen und den Gemeinsamkeiten ihrer jeweiligen situativen Einbettung gezogen (Abschnitt 5.4). 5.1 Die Relevanz der örtlichen Situation Wie bereits expliziert, stehen die zeiträumlichen Bedingungen zur Generierung von Neuem im seit Jahrzehnten im Fokus der Wirtschaftsgeographie (s. Kapitel 1). Zu Beginn wurden dabei unter dem Begriff der terrirorial innovatin models (vgl. Moulaert und Sekia 2003) primär räumliche und territoriale Strukturen wie industrial districts (z.B. Marshall 1890; Dei Ottati 2018), new industrial spaces (z.B. Crush und Rogerson 2001), regional innovation systems (z.B. Cooke et al. 1998; Asheim et al. 2015), learning regions (z.B. Cooke 1996; Cooke und Morgan 1998) und Cluster (z.B. Saxenian 1994; Porter 1998) theoretisch wie empirisch vertiefend analysiert. In den 1990er Jahren entwickelte sich dann ein neues Paradigma – eine relationale Grundperspektive (vgl. Bathelt und Glückler 2002). Ziel der in den 1990er Jahren entstandenen relationalen Wirtschaftsgeographie war und ist dabei vor allem die Aufdeckung transkontextueller Relationen, so dass statt den primär räumlichen und territorialen Strukturen vielmehr die Einbettung (z.B. Granovetter 1985; Grabher 1993; Hess 2004) unter anderem von Prozessen und Netzwerken des Lernens und der Wissensgenerierung (z.B. Bathelt und Glückler 2000; Malmberg und Maskell 2002; Glückler et al. 2017) betrachtet und verglichen wurden (vgl. Bathelt und Glückler 2002). Mit der zunehmenden physische Mobilität von Experten (z.B. Faulconbridge et al. 2009; Trippl 2013; Rérat und Jeannerat 2014) und im Zuge der vermehrten Projektifizierung der Arbeitswelt (z.B. Grabher 2002; Lundin et al. 2015) entwickelte sich in den Debatten der relationalen Wirtschaftsgeographie ein verstärktes Interesse an temporären 50 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Konstellationen (vgl. Grabher et al. 2018; Hautala 2018; Melchior et al. 2020), so dass zunehmend zu den Thematiken von temporary (z.B. Bathelt et al. 2004; Maskell et al. 2006; Henn und Bathelt 2015; Comunian 2017) und cyclical clusters (z.B. Power und Jansson 2008; Powell et al. 2012; Fornahl und Hassink 2017), zur (temporary) proximity (z.B. Torre und Rallet 2005; Torre 2011; Huber 2012; Müller und Stewart 2016) sowie zu projects und projects ecologies (z.B. Grabher 2002; Grabher und Ibert 2012; De Vaan et al. 2013; Burke und Morley 2016) geforscht wurde. Zusätzlich rückte die zunehmende Digitalisierung, die stärkere Nutzung von IuK-Technologien und die Zunahme von virtuellen Interaktionen auch virtuelle (temporäre) Konstellationen wie virtuelle Labore (Grabher und Maintz 2007), virtuelle Kollaborationsplattformen (Campos-Castillo 2012), virtuelle Communities (Grabher und Ibert 2014; Hwang et al. 2015; Grabher und Ibert 2017), virtuelle Teams (Glückler und Schrott 2007) sowie die Vorund Nachteile virtueller Interaktionen (z.B. Rallet und Torre 2009; Bathelt und Turi 2011; Cohendet et al. 2014; Strengers 2015) in den Fokus der relationalen Wirtschaftsgeographie. Virtuelle Interaktionen galten dabei jedoch, beeinflusst durch eine Vielzahl von wirtschaftsgeographischen Studien zum Vergleich zwischen virtuellen und physischen Interaktionen (z.B. Faulconbridge et al. 2009; Bathelt und Turi 2011; Aguiléra et al. 2014; Strengers 2015; Nilsson und Mattes 2015; Rutten 2017), lange als ein defizitärer und sekundärer Interaktionsmodus. In den letzten Jahren änderte sich das Verständnis von virtuellen Interaktionen als defizitärer und sekundärer Interaktionsmodus jedoch durch Studien, die vor allem die zusätzlichen Kapazitäten und zunehmend einzigartigen Möglichkeiten von virtuellen Interaktionen für die Wissensgenerierung betonten (vgl. Olsen und Olsen 2003; Hargadon und Bechky 2006; Song et al. 2007; Gulbrandson und Just 2011; Grabher und Ibert 2014; Fortwengel et al. 2017). Dabei forderte das zunehmende Verständnis von virtuellen Interaktionen als ein Kontext sui generis die traditionellen geographischen Konzepte und Auffassungen heraus, so dass unter anderem von einem vorherrschenden physischen Verständnis von Kopräsenz als „being there“ (den gleichen physischen Raum mit anderen Akteuren zu teilen) zu einem sozial konstruktivistischem Verständnis von Kopräsenz als „being aware“ (der Wahrnehmung des gegenseitigen Entrainments zwischen den Akteuren) übergegangen wurde (Grabher et al. 2018) sowie zum Beispiel das zeitgeographische Modell von Torsten Hägerstrand (1970) um eine virtuelle Dimension erweitert wurde (Melchior et al. 2020). Im Zuge der Fokusverschiebung der Wirtschaftsgeographie von permanenten physischen Konstellationen über temporäre physische Konstellation hin zu (temporären) virtuellen Konstellationen stellten mehrere Studien (z.B. Hinds und Mortensen 2005; Faulconbridge 2010; Grabher und Ibert 2014; Nell et al. 2016) fest, dass eine ähnliche situative Einbettung wie die Benutzung des gleichen Laborgerätes eine gemeinsame (virtuelle) Wissensgenerierung auch über geographisch Distanz hinweg ermöglicht. Doch trotz dieser Erkenntnis, dass nicht nur der Interaktionsmodus (physisch oder virtuell), sondern auch die situative Einbettung die Wissensgenerierung beeinflusst (z.B. Rutten und Boekema 2012; Grabher und Ibert 2014; Rutten 2014, 2017), wurde in der Wirtschaftsgeographie bisher weder die situative Einbettung der Wissensgenerierung noch die Wechselbeziehungen zwischen Inter- GESIS Schriftenreihe | Band 28 51 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung aktionen und ihrer situativen Einbettung mikroanalytisch vertiefend betrachtet (für eine Ausnahme s. z.B. Flögel und Zademach 2017; Growe 2019). Dies liegt zum einen daran, dass sich die meisten wirtschaftsgeographischen Konzeptualisierungen wie die creative milieus (Meusburger et al. 2009), die creative cities (Florida 2005) und das Konzept des Buzz (Bathelt et al. 2004) zwar mit unterschiedlichen Maßstäben (lokal und global, Stadt oder Region) auseinandersetzten, dabei jedoch meist territoriale Einheiten betrachteten (vgl. Brinks et al. 2018; Growe 2019). Dabei wurden zwar meist kreative Regionen oder Städte wie das Silicon Valley (Saxenian 1994; Klepper 2010), Bangalore (Lorenzen und Mudambi 2013) oder Detroit (Klepper 2010; Barnes 2018) hinsichtlich ihrer spezifischen situativen Einbettungen analysiert und verglichen, doch lag der Fokus hierbei bisher überwiegend auf den lokal verankerten Makround Mesophänomenen wie intellektuelle Kulturen, Milieus oder Technologieund Wissensnetzwerke (vgl. Hautala und Ibert 2018). Zum anderen fokussieren zwar vor allem Studien zur temporären physischen Nähe die situative Einbettung der Wissensgenerierung auf einer mikroanalytischen Ebene, doch lag das Forschungsinteresse dabei bisher hauptsächlich auf einer spezifischen Art der situativen Einbettung, so dass unter anderem third places (Rallet und Torre 2009) wie Bars und Restaurants (z.B. Slater und Jung Koo 2010; Hawkins und Ryan 2013) oder non-places (Augé 2008) wie Flughäfen (z.B. Pütz 2012; Costas 2013) analysiert wurden (vgl. Growe 2019). Somit kam es in der Wirtschaftsgeographie bisher entweder zur Betrachtung der situativen Einbettung der Wissensgenerierung von meist territorialen Einheiten und ihrem Vergleich auf einer Makround Mesoebene, wobei die Betrachtung der Wechselbeziehungen zwischen Interaktionen und ihren situativen Einbettung auf einer Mikroebene bisher meist unterblieb (vgl. Brinks et al. 2018). Oder, wenn es zur Fokussierung der situativen Einbettungen der Wissensgenerierung auf der Mikroebene kam, wurden bisher vor allem spezifische Arten der situativen Einbettung betrachtet, so dass die Nutzung und der Wechsel zwischen unterschiedlichen situativen Einbettungen während des kreativen Prozesses kaum explizit betrachtet wurde (für eine Ausnahme s. z.B. Flögel und Zademach 2017; Growe 2019). Daher werden, um die Orte und situativen Einbettungen zur Generierung und Bewertung in kreativen Prozessen mikroanalytisch vertiefend zu betrachten, Studien der Wissenschaftsund Technikforschung (STS) herangezogen. Studien der STS wurden zur vertiefenden Betrachtung gewählt, da sich diese seit den 1970er Jahren mit den epistemologischen Voraussetzungen der Wissensgenerierung sowie ihren Konsequenzen mikroanalytisch und empirisch auseinandersetzen (vgl. Niewöhner et al. 2012; Felt et al. 2017). Dabei fokussierten die ersten STS Studien vor allem die Formen und Orte der Wissensgenerierung, wobei sich die sogenannten Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) herausbildeten, die sich ethnographisch mit der wissenschaftlichen Praxis in Laboren auseinandersetzten (vgl. Niewöhner et al. 2012; Smith-Doerr 2017). Kurz darauf entwickelten sich die ersten Ansätze der Actor-Network Theory (z.B. Latour 1987, 1994), die die Trennung von Kultur und Natur aus einer netzwerkorientierten und relationalen Perspektive heraus kritisch hinterfragten (vgl. Niewöhner et al. 2012). Nach den 1980er Jahren betrachteten STS Studien vor allem die Rolle von Wis- 52 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ senschaft und Technologien in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen hinsichtlich ihrer epistemologischen und ontologischen Auswirkungen (vgl. Niewöhner et al. 2012). Im Zuge der Globalisierung kam es in den STS Studien zunehmend zu Vergleichen von Orten und situativen Einbettungen. Ferner entwickelte sich ein zunehmendes Interesse an der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in den Studien der STS, so dass sowohl die Zusammenarbeit von kleineren Gruppen wie Forschungsgruppen (Hackett 2005; Hampton und Parker 2011), collaborative circles (Farrell 2001; McLaughlin 2008) oder kohärenten Gruppen (Parker und Hackett 2012, 2014) sowie die Zusammenarbeit in den entstehenden Science of Team Science (Hall et al. 2012; Stokols et al. 2008) bis hin zu Partnerschaften von Universitäten und Industrien betrachtet wurden (vgl. Sismondo 2008; Felt et al. 2017; Hackett et al. 2017; Smith-Doerr 2017). Zusätzlich setzten sich die STS Studien im Zuge der zunehmenden Nutzung von IuK-Technologien auch mit den Veränderungen der Wissensgenerierung (z.B. Knorr Cetina und Bruegger 2002; Fecher und Friesike 2014; Kabo et al. 2014; Meyer und Schroeder 2015; Hackett und Parker 2016; Preda 2017) auseinander, mit der Folge, dass Wissens-, Informationsund Cyberinfrastrukturen (z.B. Atkins 2005; Boullier 2014; Edwards et al. 2013; Slota und Bowker 2017) analysiert sowie Algorithmen (z.B. Gillespie 2011; Seaver 2012; Sandvig et al. 2014) betrachtet wurden. Insgesamt verschob sich somit der Fokus der STS Studien von den Orten der Wissensgenerierung und den Mikropraktiken der Akteure im Labor einerseits hin zu einer zunehmenden Betrachtung der Rolle von Wissen und Technologien auf einer Mesound Makroebene wie in demokratischen Institutionen, sozialen Bewegungen, Städten oder Informationsinfrastrukturen und andererseits hin zu jeglichen Untersuchungsgegenständen, bei denen Akteure an der Schaffung von Wissen und der Neuordnung von Materialität beteiligt sind wie dem Klimawandel, der Bevölkerungsalterung, der ökologischen Gerechtigkeit und der Sicherheit (vgl. Niewöhner et al. 2012; Felt et al. 2017). Da jedoch der konzeptionelle Rahmen der Arbeit (kollektives Kreativitätsverständnis und pragmatische Perspektive) sowie die dritte Forschungsfrage eine mikroanalytische Betrachtung der Orte und der situativen Einbettung der Generierung und Bewertung von Ideen opportun machen, wird nachfolgend vor allem auf die Laborstudien zurückgegriffen. Im Fokus der ethnographischen Untersuchungen zur wissenschaftlichen Praxis in Laboren (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) stand vor allem der Einfluss der situativen Einbettung auf die Art und Weise wie die Akteure Daten sammelten und analysierten, Maschinen benutzten, Experimente durchführten und die Gültigkeit von Ergebnissen beurteilten (vgl. Henke und Gieryn 2008; Sismondo 2008). Lynch (1985) analysierte in seiner Studie dabei vor allem den Aspekt, wie die Akteure das weitere Vorgehen auf Grund der produzierten Daten verhandelten und rechtfertigten. Hierbei zeigte Lynch mit seinen ethnographischen Erhebungen von hervorgebrachten Behauptungen und Widerständen die Fluidität von Beurteilungen in der wissenschaftlichen Praxis auf (vgl. Doing 2008). Knorr Cetina (1981a) setzte sich hingegen mit dem Verlauf des kreativen Prozesses – angefangen bei der Generierung bis hin zur Fixierung einer Idee in einer wissenschaftlichen Publikation – auseinander und betrachtete dabei unter anderem GESIS Schriftenreihe | Band 28 53 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung die Art und Weise wie die Akteure ihre Macht nutzten, um Zugang und Kontrolle über Ressourcen und Publikationen zu erhalten (Knorr Cetina 1981a, S. 44ff.; vgl. Doing 2008). Dabei stellte Knorr Cetina (1981a, S. 94ff.) unter anderem fest, dass der von ihr beobachtete nicht-lineare kreative Prozess in den abschließenden Publikationen nicht wiederzufinden war, sondern vielmehr ein linearer Prozess von Hypothese, Experiment und Ergebnis in den Publikationen suggeriert wurde (vgl. Doing 2008). Mit einer anderen Studie zu den epistemischen Kulturen der Molekularbiologie und der Teilchenphysik zeigte Knorr Cetina (1999) außerdem, dass nicht nur die produzierten Daten und beobachteten Phänomen im Labor, sondern auch die wissenschaftliche Praxis an sich trotz des Strebens nach Konsistenz und Universalität idiosynkratisch und lokal verankert ist (vgl. Hackett et al. 2017; Huising und Silbey 2017). Ähnlich zu Knorr Cetina (1981a, 1999) konnten auch Latour und Woolgar (1986, S. 105ff.) zeigen, dass nicht nur die produzierten Daten, sondern auch die beobachteten Phänomene im Labor von den Akteuren konstruiert wurden, da Eingaben und Parameter extrahiert und verfeinert oder für bestimmte Zwecke erfunden wurden. Außerdem waren die Akteure darauf bedacht, äußere Einflüsse auf die wissenschaftliche Praxis abzuschirmen (vgl. Hackett et al. 2017). Analog zu Knorr Cetina (1981a) stellten Latour und Woolgar (1979, 1986) dabei fest, dass die wissenschaftliche Praxis nicht aus den Begriffen Hypothese, Beweis und Schlussfolgerung besteht. Erweiternd zu Knorr Cetina (1981a) konnten Latour und Woolgar (1979, 1986) außerdem zeigen, dass sich die wissenschaftliche Praxis vielmehr in lokalen, stillschweigenden Aushandlungen, ständig wechselnde Interpretationen und unbewusst institutionellen Gesten darstellt (vgl. Doing 2008). Insgesamt zeigten die Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) somit, dass die wissenschaftliche Praxis durch den spezifischen Moment, den materiellen oder virtuellen Ort sowie durch ihre spezifische Einbettung in Wissensund Technologienetzwerke beeinflusst ist, so dass je nach situativer Einbettung unterschiedliche Ideen generiert und variierende Werturteile produziert werden. Trotz der sich seit den Laborstudien unter anderem durch eine vermehrte Nutzung von IuK-Technologien veränderten wissenschaftlichen Praxis, zeigten einige Studien der STS (z.B. Henke und Gieryn 2008), dass die generierten Ideen und produzierten Werturteile nach wie vor ihr situative Einbettung reflektieren, so dass die situative Einbettung für die Entstehung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen weiterhin relevant ist (vgl. Amsterdamska 2008; Felt et al. 2017). Auch zeigten Studien der STS (vgl. z.B. Amsterdamska 2008) ähnlich zu einigen wirtschaftsgeographischen Studien (vgl. z.B. Hautala und Ibert 2018), dass die Zusammenarbeit zwischen Akteuren sowie die Verbindung von Akteuren und Ressourcen weiterhin durch die situative Einbettung ermöglicht und beeinflusst21 wird. Des Weiteren setzten sich einige STS Studien (z.B. Kohler 2002; Henke und Gieryn 2008) im Zuge 21 Eine Auseinandersetzung wie nicht nur die situative Einbettung, sondern auch das Arbeitsobjekt die Praktiken der Akteure im kollaborativen Prozess beeinflusst ist im Artikel „Hägerstrand online“: Ein methodisches Konzept zur Analyse raumzeitlicher Trajektorien in Kollaborationen von Melchior et al. (2020) zu finden. 54 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ der Globalisierung erneut mit den Orten der Wissensgenerierung auseinander und konnten ähnlich zu Studien der Wirtschaftsgeographie (z.B. Grabher und Ibert 2014) zeigen, dass eine multilokale Zusammenarbeit (auch über größere geographische Distanzen hinweg) von Forschungseinrichtungen und Wissenschaftlern möglich ist, wenn sich die situativen Einbettungen ähneln. Zwar ändern sich die einzelnen Standorte im multilokalen kreativen Prozess, doch zeigten die Studien (z.B. Kohler 2002; Henke und Gieryn 2008), dass sich die situative Einbettung zur Generierung und Bewertung von Ideen an einem Standort nicht dramatisch von der situativen Einbettung an anderen Standorten unterschieden. Basierend auf dieser Erkenntnis wurde außerdem argumentiert, dass die multilokale Wissensgenerierung erst durch die Standardisierung der situativen Einbettung ermöglicht wird (vgl. Kohler 2002; Henke und Gieryn 2008). Zusätzlich zu der weiterhin aktuellen Relevanz der situativen Einbettung zeigten die Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) außerdem, dass die wissenschaftliche Praxis immer lokal verankert ist (vgl. Doing 2008; Henke und Gieryn 2008; Sismondo 2018). Beispielseise zeigten Latour und Woolgar (1986, S. 45ff.) in ihrer Studie in einem biologischen Labor, dass es in dem Labor zwei Hauptbereiche – die Werkbank und das Büro – gab. Die unterschiedliche Materialität der Orte führte innerhalb des Labors dabei dazu, dass an der Werkbank vor allem geschnitten, gemischt und markiert wurde, wohingegen das Büro von den Akteuren zum Lesen und Schreiben genutzt wurde (vgl. Farías und Blok 2017). Ähnlich zu Latour und Woolgar (1979, 1986) stellte auch Livingstone (2003) in seiner historisch-vergleichenden Analyse wissenschaftlicher Orte fest, dass Akteure unterschiedlich Orte für verschiedene Praktiken nutzten, so dass den Orten spezifische Funktionen zugeschrieben werden konnten. Außerdem konnte Livingstone (2003, S. 27ff.) zeigen, dass ein Ort mehrere Funktionen erfüllen kann, in dem die Akteure ein und denselben Ort sowohl zur Generierung als auch zur Bewertung von Ideen nutzen. Dabei stellte Livingstone (2003) fest, dass für die Bewertung von Ideen die Anwesenheit Dritter wie der Öffentlichkeit notwendig war, wohingegen erst der Ausschluss von Dritten die Entstehung von Ideen ermöglichte (Livingstone 2003, S. 27ff.). Die Anwesenheit Dritter war für die Bewertung insoweit notwendig, als dass beispielsweise nur die Öffentlichkeit den generierten Ideen den Status von „Wissen“ (positives Werturteil) zuschreiben konnte (Livingstone 2003, S. 23f.). Damit die Anwesenheit Dritter jedoch nicht zufällig entstand, wurde der Zugang zu diesen Orten, die sowohl zur Generierung als auch zur Bewertung genutzt wurden, sorgfältig kontrolliert (Livingstone 2003, S. 23). Ähnlich zu der Erkenntnis Latours (1983), dass die wissenschaftliche Praxis immer performativ ist, konnte Livingstone (2003, S. 24f.) außerdem zeigen, dass die situative Einbettung für die Bewertung von Ideen durch die Akteure nicht nur konstruiert, sondern darüber hinaus auch inszeniert wurde (vgl. Felt et al. 2017). Zum Beispiel passten Wissenschaftler ihre Experimente nicht nur an die ihnen bekannten Bewertungskriterien Dritter an, sondern inszenierten ihre Experimente während der Anwesenheit Dritter bewusst hinsichtlich derer Bewertungskriterien, um so die Chance auf ein positives Werturteil zu erhöhen (Livingstone 2003, S. 24f.). Zusätzlich zeigten Studien der STS (z.B. GESIS Schriftenreihe | Band 28 61 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung len und Regelstrukturen auf der Hinterbühne nicht wahrnehmen können, so dass es für jede Hinterbühne Mechanismen der Zugangskontrolle gibt (Goffman 1976, S. 105f.). Ein möglicher Mechanismus einer Zugangskontrolle kann die geographische Trennung der Vorderund Hinterbühne sein (vgl. Goffman 1976, S. 105). Durch den Ausschluss der anderen Rollen, kann auf der Hinterbühne über die Inszenierung und Darstellung der Rolle auf der Vorderbühne kommuniziert werden, so dass häufig Fragen und Vorschläge zu den jeweiligen „Standpunkten, Handlungsrichtungen und Positionen“ sowie „Vorund Nachteile der zur Verfügung stehenden Vorderbühne“ diskutiert und analysiert werden (Goffman 1976, S. 117, 160f.). Argumentativ zugespitzt kann daher gesagt werden, dass die Vorderbühne von den Akteuren vor allem zur (Selbst-)Darstellung der Rolle während des interaktiven Zusammenspiels mehrere Rollen genutzt wird, wohingegen die Hinterbühne eine vertrauliche Atmosphäre zwischen den zusammenarbeitenden Akteuren einer Rolle schafft, die den Akteuren zur verborgenen Vorbereitung der (Selbst-)Darstellung ihrer Rolle auf der Vorderbühne dient. 5.4 Vorderund Hinterbühnen als Orte der Generierung und Bewertung Insgesamt zeigten sowohl Studien der Wirtschaftsgeographie (vgl. z.B. Hautala und Ibert 2018), Studien der STS (vgl. z.B. Amsterdamska 2008) als auch das Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977), dass die situative Einbettung sowie der Ort für die Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen relevant sind. Vor allem die Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) sowie die wirtschaftsgeographischen Studien zur multilokalen Wissensgenerierung (z.B. Hinds und Mortensen 2005; Faulconbridge 2010; Grabher und Ibert 2014; Nell et al. 2016) stellten dabei fest, dass die situative Einbettung Akteure und Ressourcen (auch über Distanz) verbindet und so die Entstehung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen sowie die wissenschaftliche Praxis beeinflussen. Ferner zeigten auch andere STS Studien (z.B. Kohler 2002; Henke und Gieryn 2008), dass erst die Standardisierung der situativen Einbettung eine multilokale Wissensgenerierung ermöglicht. Ähnlich zu diesen Erkenntnissen hinsichtlich der Standardisierung der situativen Einbettung zur multilokalen Wissensgenerierung geht auch Goffman (1976) davon aus, dass es Standarisierungen von situativen Einbettungen für Interaktionssituationen gibt, die sich beispielsweise in der Rahmung einer Situation als Meeting oder Pitch25 widerspiegeln. Darüber hinaus zeigt das Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977), dass erst durch die situative Einbettung der Interaktion eine Interpretation möglich wird und die Akteure durch die Standardisierung erwartbares und erwartetes Verhalten ableiten können. Zusätzlich lassen die Ergebnisse der Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 25 Ein Pitch ist die Bezeichnung einer mündlichen Präsentation des pharmazeutischen F&E Projekts durch das Projektteam zur Akquise von Ressourcen vor potenziellen Investoren, Partner oder Erstanwendern. 62 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ 1985) auch in einem aktuelleren Arbeitskontext darauf schließen, dass die Praktiken der Akteure trotz einer gewissen Standardisierung der situativen Einbettung idiosynkratisch und lokal verankert sind (vgl. Amsterdamska 2008; Felt et al. 2017; Hackett et al. 2017; Huising und Silbey 2017), so dass beispielsweise verschiedene Akteure in räumlicher Trennung unterschiedliche Praktiken des kreativen Prozesses ausübten, so dass an der Werkbank andere Praktiken genutzt wurden als im Büro (Latour und Woolgar 1986). Ähnlich zu Latour und Woolgar (1986) betont auch Livingstone (2003), dass der Ort Einfluss auf die Praktiken der Akteure hat, wobei er anders als Latour und Woolgar (1986) nicht den materiellen Kontext der Praktiken, sondern vielmehr die situative Einbettung der Praktiken betrachtete. Auch Goffman (1971, 1976, 1977) zeigte mit seinen Kategorien der Vorderund Hinterbühne, dass der Ort sowohl Einfluss auf die Interaktionen als auch auf das Verhalten der Akteure nimmt. Basierend auf den eben skizzierten Erkenntnissen lassen sich sowohl Merkmale der Vorderbühne als auch Merkmale der Hinterbühne in den situativen Einbettungen zur Bewertung und Generierung von Ideen in kreativen Prozessen erkennen. Die situativen Einbettungen der Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen weisen dabei aus zwei Gründen auf eine Vorderbühne hin. Erstens ist für die Bewertung von Ideen die Anwesenheit von Dritten notwendig, so dass beispielsweise nur die relevante Öffentlichkeit den Erkenntnissen des Forschenden den Status von Wissen zuschreiben kann (Livingstone 2003, S. 23f.). Dabei nimmt die relevante Öffentlichkeit die Rolle der Bewertenden ein, wohingegen der Forschende die Rolle des Bewerteten zugeschrieben bekommt. Zusätzlich deutet auch die Erkenntnis der Valuation Studies (z.B. Hutter und Stark 2015), dass die situativen Einbettungen von Bewertungen meist sowohl räumlich zum Beispiel als Gerichtssäle, Meetingoder Konferenzräume als auch zeitlich als Anhörungen, Meetings, oder Konferenzen markiert sind, darauf hin, dass für Bewertungen ein Zusammenspiel von mindestens zwei Rollen erforderlich ist, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem spezifischen Ort zusammen kommen müssen. Zweitens lassen sich auch Hinweise auf die grundsätzliche Einhaltung der Regelstrukturen und der zugeschriebenen Rollen sowie Anzeichen einer Informationskontrolle in den situativen Einbettungen der Bewertung finden. Unter anderem zeigten die Laborstudien von Latour und Woolgar (1979), Knorr Cetina (1981a) und Lynch (1985), dass Wissenschaftler versuchen, ihre Daten im Sinne der Bewertungskriterien der Dritten möglichst positiv darzustellen, was sowohl auf eine Informationskontrolle als auch auf eine möglichst positive (Selbst-)Darstellung und Einhaltung der Rolle hinweist. Die situativen Einbettungen der Entstehung von Ideen weisen vor allem Merkmale einer Hinterbühne auf. Zum Beispiel lässt sich die für eine Hinterbühne typische Koordinierung und Abstimmung der zusammenarbeitenden Akteure zur Darstellung ihrer Rolle gegenüber Dritten sowohl in den Beschreibungen der situativen Aushandlungen und wechselnden Interpretationen während des kreativen Prozessen in den Laborstudien (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) als auch bei Livingstone (2003) finden. Zusätzlich zeigen auch die beiden skizzierten Phasenmodelle des kreativen Prozesses (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017), dass die einzelnen Phasen des kreativen Prozesses mit ihren unterschied- GESIS Schriftenreihe | Band 28 63 5 Örtliche Situationen der Generierung und Bewertung lichen Bewertenden und Bewertungskriterien dazu führen, dass die Akteure die Idee an die phasenspezifischen Bewertungskriterien anpassen und so unterschiedliche Re-Interpretationen der Idee produzieren. Auch lässt sich das Merkmal der Zugangskontrolle in den situativen Einbettungen der Generierung wiederfinden, da zum Beispiel der Zugang zu den Laborräumen nur autorisierten Akteuren gestattet ist (vgl. Livingstone 2003) und Dritte meist nur temporären Zugang zu Konferenzoder Verwaltungsräumen und keine eigene Zugangsberechtigung für die Labore erhalten (vgl. Gieryn 1998). Zusätzlich lassen vor allem auch die Beschreibungen von Latour und Woolgar (1979) sowie die Erkenntnisse von Knorr Cetina (1981a) darauf schließen, dass Wissenschaftler zur Wissensgenerierung äußere Einflüsse aktiv abschirmen (vgl. Hackett et al. 2017). Rekurrierend auf die aufgezeigten Argumente und theoretischen Erkenntnisse wird daher angenommen, dass die Akteure in kreativen Prozessen Hinterbühnen vor allem zur Generierung und Vorderbühnen vor allem zur Bewertung von Ideen nutzen. Dabei zeigten vor allem Studien der STS (z.B. Livingstone 2003; Henke und Gieryn 2008), dass nicht unbedingt der Ort, sondern vielmehr die situative Einbettung als Vorderoder Hinterbühne beeinflusst, ob der Ort in der jeweiligen Situation zur Generierung oder zur Bewertung von Ideen genutzt wird. Darauf aufbauend können hinsichtlich der dritten Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, zwei Arbeitsthesen abgeleitet werden: Erstens, dass die von den Akteuren während des kreativen Prozesses zur Bewertung genutzten (physischen und virtuellen) Orte stets eine situative Einbettung als Vorderbühnen aufweisen und zweitens, dass die Orte (physischen und virtuellen) die zur Generierung (Re-Interpretation) von Ideen genutzt werden, immer eine situative Einbettung als Hinterbühne aufweisen. Darüber hinaus wird zusätzlich angenommen, dass nicht der (physische oder virtuelle) Ort an sich, sondern vielmehr die situative Einbettung beeinflusst, welche Funktion der Ort im kreativen Prozess zugeschrieben bekommt. Zum Abschluss des theoretischen Teils der Arbeit (Kapitel 3, 4, 5) können die abgeleiteten Arbeitsthesen hinsichtlich der drei Forschungsfragen wie folgt zusammengefasst werden: Für die erste Forschungsfrage, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses zur Generierung unterschiedlicher Re-Interpretationen und zu variierenden Bewertungen führt, wird angenommen, dass die Phasen des kreativen Prozesses mit ihren unterschiedlichen Zielen und Bewertungskriterien zur aktiven Anpassung der Idee, zur Generierung von unterschiedlichen Re-Interpretationen sowie zu variierenden Werturteilen führen (s. Kapitel 3). Hinsichtlich der zweiten Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, wird davon ausgegangen, dass negative und positive Werturteile innerhalb des kreativen Prozesses unterschiedliche Logiken ausprägen, wobei negative Werturteile einen Impuls zur Re-Interpretation initiieren und positive Werturteile die Möglichkeiten der Re-Interpretation innerhalb des kreativen Prozesses beschränken (s. Kapitel 4). Für die dritte Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur 64 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, wird angenommen, dass Akteure weniger einen spezifischen (physische oder virtuelle) Ort als vielmehr die situative Einbettung als Hinterbühne zur Generierung und die situative Einbettung als Vorderbühne zur Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen nutzen. GESIS Schriftenreihe | Band 28 65 6 Methodik und Forschungsdesign 6 Methodik und Forschungsdesign In diesem Kapitel werden das Forschungsdesign sowie das methodische Vorgehen der Arbeit dargelegt. In einem ersten Schritt werden hierzu die multimethodische Erhebungsstrategie sowie die zwei gewählten Erhebungsmethoden und ihr jeweiliges Sample kurz beschrieben (Abschnitt 6.1). In einem zweiten Schritt wird die verwendete Methodenund Datentriangulation detaillierter erläutert (Abschnitt 6.2), bevor abschließend in einem dritten Schritt das entwickelte Kategoriensystem für die inhaltsanalytische Auswertung skizziert wird (Abschnitt 6.3). 6.1 Die qualitative und mikroanalytische Erhebungsstrategie Dem theoretischen Rahmen und dem Forschungsinteresse der Arbeit folgend, soll mit dem erarbeiteten Forschungsdesign sowohl die Generierung und Bewertung von Ideen als auch ihre Orte und situativen Einbettungen in kreativen Prozessen rekonstruierend und vertiefend erfasst werden. Daher wurde eine qualitative und mikroanalytische Erhebungsstrategie erarbeitet, die zum einen die notwendige Detailtiefe und Granularität der Daten fördert und sich zum andern zur Erhebung und Verfolgung eines dynamischen Prozesses und Veränderungsobjekts – dem pharmazeutischen F&E Projekt – eignet (vgl. Latour 1987; Mason et al. 2019). Als Basis der Erhebungsstrategie wurde der methodische Situationismus (z.B. Knorr Cetina 1981b; Stark 2009; Hutter und Stark 2015) gewählt, da er zum einen durch das Verständnis von Situationen als Realität sui generis die Möglichkeit bietet, konkrete Situationen mit ihren eigenen Dynamiken mikroanalytisch zu erheben (vgl. Goffman 1964; Knorr Cetina 1981b; Woermann 2017). Zum anderen wurde der methodische Situationismus gewählt, da er nicht nur die ex post Erhebung rekonstruierender Phänomene, sondern auch die Erhebung prozessbegleitender und situationsbezogener Daten ermöglicht (vgl. Goffman 1964; Knorr Cetina 1981b; Woermann 2017). Zusätzlich wird mit der Wahl des methodischen Situationismus den vorgeschlagenen analytischen Strategien Deweys (1939) zur Analyse von Bewertungen in ihren „kulturellen Umgebungen“ (situativen Einbettung) entsprochen. Daran anknüpfen wurde zur Erhebung der qualitativen und mikroanalytischen Daten ein multimethodisches Vorgehen aus einer Kombination von Experteninterviews und teilnehmenden Beobachtungen gewählt. Die in der qualitativen Wirtschaftsgeographie häufig genutzte Methode der Experteninterviews wurde zum einen auf Grund des teilweise rekonstruierenden Forschungsinteresses und zum anderen auf Grund der Möglichkeit zur Erhebung von differenzierten Meinungsäußerungen und Zusammenhangsinterpretationen (z.B. Behnke et al. 2006; Gläser und Laudel 2009) gewählt. Nachteilig an Experteninterviews ist jedoch, dass das Interview nicht ausschließlich auf den Wissensaustausch beschränkt ist, sondern immer auch durch persönliche Interessen und einen spezifischen institutionellen Kontext (z.B. berufliche Funktion, betriebliche Regularien) beeinflusst wird (Mieg und Näf 2006; Gläser und Laudel 2009). Die Nachteile von Experteninterviews wie zum Beispiel die subjektiven Einflüsse und der nicht klar 66 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ abgrenzbare Geltungsbereich der erhobenen Aussagen wurden zugunsten des Vorteils toleriert Zugang zum Spezialwissen der Akteure über das zu rekonstruierende Phänomen der Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen zu erhalten (vgl. Behnke et al. 2006; Mieg und Näf 2006; Gläser und Laudel 2009). Für die Durchführung der Experteninterviews wurde ein Interviewleitfaden26 genutzt, wobei die Problematik, dass trotz der offenen Gesprächsführung das Interview durch das Forschungsinteresse gehemmt und kontrolliert wird, zugunsten des Vorteils einer systematischen Vergleichbarkeit der Daten hingenommen wurde (vgl. Schnell et al. 2005; Bogner et al. 2009). All diese mit den Experteninterviews einhergehenden Problematiken, bleiben trotz ihrer für die vorliegenden Arbeit überwiegenden Vorteilen der Datenerhebung bestehen und können durch die Methodenund Datentriangulation (s. Abschnitt 6.2) nur teilweise relativiert werden, so dass diese Problematiken bei der Interpretation der Ergebnisse mit bedacht werden sollten. Die ethnographische Erhebungsmethode der teilnehmenden Beobachtungen (Geertz 1973) wurde hingegen gewählt, um zum einen prozessbegleitende und situationsbezogenen Daten sowie zum anderen Informationen und Zusammenhangsinterpretationen, die die Akteure im Experteninterview nicht explizieren konnten, zu erheben (z.B. Girtler 2001; Münst 2010; Hautala und Jauhiainen 2014; Thierbach und Petschick 2014). Für die Durchführung der teilnehmenden Beobachtungen wurde ein Beobachtungsleitfaden27 erarbeitet, mit dessen Hilfe das Beobachtete in Feldnotizen, Interaktionsund Bewegungsprotokollen festgehalten wurde (vgl. Girtler 2001). Hierbei kam es jedoch zwangsläufig zu einer selektiven und subjektiven Reduktion der sozialen Komplexität (vgl. Schöne 2005; Münst 2010), wobei dieser Nachteil der Feldnotizen, Interaktionsund Bewegungsprotokolle zugunsten des Vorteils der Granularität der prozessbegleitenden und situationsbezogenen Daten toleriert wurde. Ähnlich wie bei den Experteninterviews, wurde versucht die Nachteile und Grenzen von teilnehmenden Beobachtungen mit Hilfe der Datenund Methodentriangulation (s. Abschnitt 6.2) zu relativieren, wobei die grundlegenden Problematiken dadurch nicht aufgelöst, sondern nur abgeschwächt werden konnten. Des Weiteren implizierte das empirische Feld pharmazeutischer F&E Projekte zwei erschwerende Bedingungen für die Durchführung von teilnehmenden Beob26 Insgesamt wurden für den Leitfaden mehrere Themenblöcke entwickelt, wobei die Thematik der Bewertung von Ideen nicht explizit als eigener Themenblock konzipiert wurde, sondern im gesamten Interview mit einfloss. Auch wurde der Leitfaden situativ an den Akteur und den Verlauf des Experteninterviews angepasst (s. Anhang – Interviewleitfaden). Ausnahmen, in denen der Interviewleitfaden nicht genutzt wurde, waren die zwei Folgeinterviews mit dem Start-up und die in die teilnehmenden Beobachtungen eingebetteten Interviews. 27 Als Schwerpunkte für die teilnehmenden Beobachtungen wurden die Praktiken der Akteure, der Inhalt und der Verlauf von Interaktionen sowie die situativen Einbettungen und Orte der Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte gewählt (s. Anhang – Beobachtungsleitfaden). Die angefertigten Protokolle folgen dabei dem chronologischen Verlauf des Beobachteten. GESIS Schriftenreihe | Band 28 67 6 Methodik und Forschungsdesign achtungen. Erstens wurde die Problematik des Zugangs zum empirischen Feld (Münst 2010) durch die hohen Geheimhaltungsund Sicherheitsstandards und durch eine starke Konkurrenz zwischen pharmazeutischen F&E Projekten erschwert. Die erschwerte Problematik des Zugangs zum empirischen Feld konnte jedoch mit der Unterzeichnung von mehreren Geheimhaltungsund Verschwiegenheitserklärungen, einer ärztlichen Bestätigung der Eignung zum Aufenthalt im Labor, Verhaltensund Sicherheitsunterweisungen sowie einem eigenen Laborschlüssel weitestgehend relativiert werden. Zweitens wurde die Erhebung und sinnvolle Interpretation des Beobachteten durch das empirische Feld erschwert, da hierfür ein sehr spezifisches Hintergrundwissen über pharmazeutische F&E Projekte notwendig war. Mit Hilfe der Informationen aus den Experteninterviews sowie mit immanenten (aus der Beobachtung heraus entstehenden) Nachfragen konnte jedoch ein entsprechendes Hintergrundwissen für eine sinnvolle Interpretation des Beobachteten erarbeitet werden, auch wenn einzelne Nuancen erhobener Diskussionen auf Grund der fehlenden fachlichen Ausbildung teilweise vermutlich nicht vollständig erfasst werden konnten. Insgesamt können mit der multimethodischen Vorgehensweise sowohl Meinungsäußerungen und Zusammenhangsinterpretationen von Experten als auch prozessund situationsbezogene Daten erhoben werden als auch simultan der Aufforderung nach einer Methodentriangulation (Denzin 1970) von Experteninterviews und teilnehmenden Beobachtungen durch das Journal „Valuation Studies“ (Kjellberg et al. 2013) entsprochen werden. Mit Hilfe des erarbeiteten Forschungsdesigns konnten dabei insgesamt 25 Experteninterviews und 116,5 Stunden Daten aus teilnehmenden Beobachtungen als empirisches Datenmaterial erhoben werden28 (s. Tabelle 3, 4, 5). Sample der Experteninterviews Mit einer bewussten und kleinen Auswahl wurden insgesamt 25 Experteninterviews erhoben. Für das Sample wurde dabei dem Streuungsprinzip eines möglichst großen Unterschiedes gefolgt, um die methodischen Problematiken der kleinen und bewussten Auswahl bestmöglich zu relativieren (vgl. Behnke et al. 2006). Hierzu wurde zum einen über die Art der Unternehmen (s. Tabelle 3) sowie über die Funktion der Akteure (s. Tabelle 4) gestreut29. 28 Die Erhebung der Daten fand parallel zur Mitarbeit im DFG-Projekt „Organized Creativity – Practices for Inducing and Coping with Uncertainty“ (DFG FOR 2161) statt, so dass es teilweise zu Überschneidungen kam. In diesen Fällen wurden die Interviews und Beobachtungen sowohl im Sinne des DFG-Projekts als auch im Sinne der vorliegenden Arbeit durchgeführt. 29 Über die Art der Unternehmen wurde gestreut, um möglichst alle im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte beteiligten Unternehmensarten abzubilden (s. Kapitel 2). Über die Funktion der Akteure wurde hingegen gestreut, da angenommen wurde, dass die Akteure auf Grund ihrer Funktion unterschiedliches Spezialwissen besitzen (vgl. Mieg und Näf 2006; Gläser und Laudel 2009). 68 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Tabelle 3 Streuung über die Art der Unternehmen Art der Unternehmen Anzahl der Unternehmen Anzahl der Interviews Wissenschaftliche Institutionen 6 1030 Pharmaunternehmen 5 931 Start-ups 1 332 Zuliefererund Dienstleisterfirmen 2 2 Mentorennetzwerke 1 1 Quelle: Eigene Darstellung Tabelle 4 Streuung über die Funktion der Akteure Funktion der Akteure Anzahl der Akteure Anzahl der Interviews Projektleitung und Management 16 16 Wissenschaftlich Forschende 9 833 Mentoring 3 1 Quelle: Eigene Darstellung Dabei lässt sich in beiden Streuungen eine Verzerrung der Daten feststellen, in der die Kategorien „Wissenschaftliche Institutionen“ und „Pharmaunternehmen“ bei den Unternehmensarten und die Kategorie „Projektleitung und Management“ bei der Funktion der Akteure überrepräsentiert sind. Beide Verzerrungen wurden jedoch bewusst erzeugt, da zum einen wissenschaftliche Institutionen und Pharmaunternehmen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte besonders präsent sind (s. Kapitel 2) und zum anderen da Akteure der Projektleitung und des Managements in den teilnehmenden Beobachtungen nicht primär fokussiert wurden. Wichtig ist hierbei jedoch zu betonen, dass die angesprochenen Problematiken des Samples der Experteninterviews – die bewusst kleine Auswahl und die deutliche Verschiebung hin zu bestimmten Falltypen – trotz des hier skizzierten Umgangs nur abgeschwächt und nicht aufgelöst werden konnte. Anschließend wurden die als Au30 Fünf der Interviews wurden in einem wissenschaftlichen Institut erhoben. Außerdem wurde ein Interview zusammen mit einem Kollegen der DFG-Forschergruppe „Organized Creativity – Practices for Inducing and Coping with Uncertainty“ (DFG FOR 2161) geführt. 31 Fünf der Interviews wurden in einem Pharmaunternehmen erhoben. 32 Alle Interviews wurden in einem etwa halbjährigen Abstand mit demselben Start-up geführt. 33 Vier der Interviews wurden mit mehreren Forschenden geführt, wobei in drei der vier Fälle einzelne Forschende erneut interviewt wurden (z.B. Folgeinterviews). GESIS Schriftenreihe | Band 28 69 6 Methodik und Forschungsdesign diodatei34 aufgezeichneten Experteninterviews anonymisiert und entsprechend der Standardorthografie transkribiert35, bevor sie inhaltsanalytisch zusammen mit den Daten aus den teilnehmenden Beobachtungen ausgewertet wurden (s. Abschnitt 6.3). Für die anonymisierte Kennzeichnung der Experteninterviews wurde der Streuung über die Funktion der Akteure gefolgt, so dass die Interviews als IP (Interview mit Projektleitung und Management), IW (Interview mit wissenschaftlich Forschenden) und als IM (Interview mit Mentorennetzwerk) nach ihrer chronologischen Abfolge mit fortlaufenden Nummern gekennzeichnet wurden. Eine Ausnahme dieser Kennzeichnungslogik stellen die Folgeinterviews dar, wobei in diesem Fall die Kennzeichnung als IW1 (Erstes Interview mit wissenschaftlich Forschenden) zusätzlich durch die Buchstaben a, b, c in ihrer Abfolge ausgewiesen wurden. Sample der teilnehmenden Beobachtungen Mit stationären und multilokalen Arten der Beobachtung wurden insgesamt 116,5 Stunden Daten aus teilnehmenden Beobachtungen erhoben (s. Tabelle 5). Um die Problematik des relativ geringen Beobachtungszeitraums zumindest abzuschwächen, wurden dabei nicht nur unterschiedliche Arten der Beobachtung wie das Shadowing36 genutzt, sondern zusätzlich auch über unterschiedliche zeiträumliche Kontexte wie Labore, Veranstaltungen eines Mentorennetzwerks, einer Entscheidungsrunde sowie über feld-konfigurierende Events37 gestreut (s. Tabelle 5). Für das Sample wurde dabei basierend auf der Annahme, dass die Generierung und Bewertung von Ideen sowie deren Orte und situativen Einbettungen vor allem im Labor zu beobachten sind, eine empirische Verzerrung hinsichtlich der Kategorie „Labore“ erzeugt. Während der Durchführung der teilnehmenden Beobachtungen38 wurde stets darauf geachtet, den Einfluss durch den Forscher möglichst gering zu halten, um nur wenige bis keine Irritationen bei den beobachteten Akteuren hervorzurufen. Auch hier konnten ähnlich wie bei den Experteninterviews die methodischen Schwierigkeiten des Samples – relativ geringer Beobachtungszeitraum und Verschiebung hin zu bestimmten Falltypen – mit dem eben skizzierten 34 Ein Interview konnte aus Geheimhaltungsgründen nicht als Audiodatei aufgenommen werden, so dass das Interview mit Hilfe von handschriftlichen Notizen festgehalten wurde. 35 Der Standardorthografie entsprechend wurden Dialekte und verschluckte Silben geglättet, wohingegen Laute wie „äh“ oder „hm“ sowie der Valerus der Sprache nicht transkribiert wurden (vgl. Behnke et al. 2006). 36 Das Shadowing ist eine Form der multilokalen Beobachtung, bei der dem beobachteten Akteur schattenhaft gefolgt wird (z.B. Bendel 2006; Müller et al. 2011). 37 Feldkonfigurierende Events werden hier als Veranstaltungen verstanden, bei denen es den Akteuren möglich ist, sich ihres gemeinsamen Anliegens bewusst zu werden und so die Feldstrukturierung zu beeinflussen (Lampel und Meyer 2008; Schüßler et al. 2015). 38 Gemeinsam ist allen Beobachtungen, dass sie sich nach den fünf Dimensionen Friedrichs (1982, S. 272) als offen, teilnehmend (aktiv), schwach strukturiert und als Fremdbeobachtungen in einer natürlichen Beobachtungssituation beschreiben lassen. 70 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Umgang nur relativiert, nicht aber gelöst werden. Anschließend wurden die erhobenen Daten digitalisiert, anonymisiert und zusammen mit den Transkripten der Experteninterviews inhaltsanalytisch ausgewertet (s. Abschnitt 6.3). Für die anonymisierte Kennzeichnung der Daten aus den teilnehmenden Beobachtungen wurde dabei der Streuung über die zeiträumlichen Kontexte gefolgt, so dass die teilnehmenden Beobachtungen als BL (Beobachtungen Labor), BM (Beobachtung Veranstaltungen Mentorennetzwerk), BE (Beobachtung Entscheidungsrunde) und als BF (Beobachtung feld-konfigurierendes Event) mit fortlaufenden Nummern nach ihrer chronologischen Abfolge gekennzeichnet wurden. Tabelle 5 Übersicht der teilnehmenden Beobachtungen Beobachtung Dauer Ort Art Datentypen Labore 79h Labor, Büro, Mikroskopraum Stationäre Beobachtung Interaktionsund Bewegungsprotokoll, Feldnotizen Meetingraum, Konferenzraum Stationäre Beobachtung Interaktionsund Bewegungsprotokoll, Feldnotizen Orte, die der Akteur aufsuchte Shadowing (multilokal) Interaktionsund Bewegungsprotokoll, Feldnotizen Veranstaltungen des Mentorennetzwerks 21,5h Meetingraum, Konferenzraum Stationäre Beobachtung Interaktionsprotokoll, Feldnotizen Entscheidungsrunde des Mentorennetzwerks 8h Meetingraum, Konferenzraum Stationäre Beobachtung Interaktionsprotokoll, Feldnotizen Feld-konfigurierende Events 8h Veranstaltungsraum, Konferenzraum Stationäre Beobachtung Feldnotizen Quelle: Eigene Darstellung 6.2 Die Methodenund Datentriangulation Analog zu der im theoretischen Teil der Arbeit genutzten interdisziplinären Triangulation (Janesick 1994), in dem Ansätze aus verschiedenen Fachdisziplinen zur Erklärung eines Phänomens herangezogen werden, wurde für die Erhebung der empirischen Daten eine Methodentriangulation (Denzin 1970) von Experteninterviews und teilnehmenden Beobachtungen genutzt. Impliziert durch die Methodentriangulation kam es in der vorliegenden Arbeit außerdem zu einer Datentriangulation GESIS Schriftenreihe | Band 28 77 7 Eruierung der theoretischen Grundannahmen Raum [Großraumbüro]. Es gibt Leute, die schon diese Experimente gemacht haben, die gewisse Fehler gemacht haben und das kann man weitergeben.“ (IW5) Aber auch die Akteure der Projektleitung und des Managements wiesen in ihren Interviews vermehrt darauf hin, dass das aktive Zusammenbringen von Akteuren zur Förderung des Hilfe-Suchens und Hilfe-Gebens für die reflektierte Re-Interpretation (Generierung) von Ideen in pharmazeutischen F&E Projekte besonders relevant ist (z.B. IP2; IP3; IP6; IP8). „Und gerade dafür sind eben diese Meetings besonders gut. Und eben auch mit einer Gruppe in einem Team zu sitzen, dass die vielen verschiedenen Erfahrungen auch zusammenkommen.“ (IP2) Denn erst die kollaborative Zusammenarbeit mehrerer Akteure als kreatives Kollektiv ermöglicht die Generierung von neuen und wertvollen Einsichten im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte (vgl. IP2; IP3; IP6; IP8; IW1a; IW2; IW3; IW4; IW5; IW6). Im Verlauf des Projekts arbeitet dabei jedoch meist nicht nur ein kreatives Kollektiv, sondern „in der Regel immer drei bis vier verschiedene“ (IP3) kreative Kollektive zusammen, wobei sich die kreativen Kollektive aus unterschiedlichen Disziplinen wie Rechtswissenschaften, Medizin, Chemie, Biologie, Physik und den Ingenieurswissenschaften zusammensetzen und sich ihre Zusammensetzung im Verlauf verändern kann (vgl. IM1; BM9; IP11; IW4). Dass mehrere kreative Kollektive in einem pharmazeutischen F&E Projekt zusammenarbeiten, liegt – wie eine Managerin erklärt – unter anderem daran, dass es im Verlauf des kreativen Prozess unterschiedliche Phasen mit verschiedenen Anforderungen gibt, die meist von je einem kreativen Kollektiv gelöst werden (IP6). Eine strikte Trennung zwischen den jeweiligen kreativen Kollektiven gibt es meist jedoch nicht, vielmehr kommt es zu fließenden Übergängen zwischen den kreativen Kollektiven, so dass zum Beispiel ein Akteur aus der Forschung mit in die Entwicklung geht und ein „Entwickler wieder zusammen mit der Produktion arbeitet, um auch diesen Übergangsprozess mit zu begleiten“ (IP6). Zusätzlich zu den Hinweisen, dass im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte nicht nur ein, sondern mehrere kreative Kollektive mit Hilfe der Interaktionstypen zusammenarbeiten, konnten außerdem auch Hinweise auf einen sich modifizierenden kreativen Prozess im empirischen Material gefunden werden (z.B. IP1; IP2; IP3; IP4; IP6; IP15; IW1c). Zum Beispiel berichtete ein Wissenschaftler, dass die Idee seines Projektteams „aus vielen einzelnen Komponenten besteht“, wobei sie im Verlaufe des kreativen Prozesses an „vielen dieser Komponente gedreht und [diese] weiterentwickelt“ haben, um so einem neuen Bewertungskriterium zu genügen (IW1c). Zusätzlich äußerte ein anderer Interviewpartner, dass sich nicht nur die Idee für das pharmazeutische F&E Projekt und die Bewertungskriterien, sondern auch das Ziel des pharmazeutischen F&E Projekts während des Verlaufs des kreativen Prozesses verändern kann: 78 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ „Man findet meistens nicht den geraden Weg zum Ziel, sondern über Umwege, in der Regel. Da muss man halt aufpassen, dass man halt nicht total sich hier verknäuelt und total vom Weg abkommt, sondern dass man irgendwie doch wieder zum Ziel kommt oder zumindest vielleicht nicht zu demselben Ziel, aber vielleicht ergeben sich vielleicht neue Ziele, die man da definieren kann. Das kann auch sein.“ (IP3) Insgesamt lassen sich somit sowohl die Interaktionstypen als auch mehrere kreative Kollektive im empirischen Material wiederfinden. In Kombination der skizzierten empirischen Hinweise wird daher angenommen, dass die Akteure im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte in mehreren kreativen Kollektiven mit Hilfe der vier Interaktionstypen zusammenarbeiten und sich der kreative Prozess modifiziert, so dass Ideen im Verlauf des kreativen Prozesses angepasst und unterschiedliche Bewertungskriterien herangezogen werden. Daran anknüpfend wird in Kapitel 8 die erste Forschungsfrage, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses zur Generierung unterschiedlicher Re-Interpretationen und zu variierenden Bewertungen führt, für Projekte der forschenden Pharmaindustrie detailliert beantwortet. 7.2 Multiple Bewertungskriterien in pharmazeutischen F&E Projekten Zur theoretischen Annäherung an die zweite Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, wurde eine pragmatische Perspektive auf Wert und Bewertungen gewählt (s. Abschnitt 4.4). Theoretisch wurde daher angenommen, dass in jeder Situation multiple Bewertungskriterien simultan existieren und die Akteure den Wert situativ aushandeln müssen. Im empirischen Material konnten sowohl Hinweise auf die Simultanität multipler Bewertungskriterien als auch auf situative Wertaushandlungen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte gefunden werden. Hinsichtlich der Simultanität multipler Bewertungskriterien konnten empirisch mehrere unterschiedliche Äußerungen erhoben werden. Zum Beispiel betonten die Vortragenden bei den Veranstaltungen des Mentorennetzwerks, dass während des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte meist unterschiedliche Zielvorstellungen und Definitionen von Erfolg simultan existieren, wobei sie sich meist auf die Differenzen zwischen dem Projektteam und potenziellen Investoren, Partnern oder Erstanwendern bezogen (z.B. BM1; BM5; BM7; BM9). „Es gibt unterschiedliche Ziele beziehungsweise Definitionen von Erfolg. Risikokapitalgeber wollen Geld machen, du eventuell ein Unternehmen aufbauen.“ (BM5) Die wissenschaftlich Forschenden sowie die Akteure der Projektleitung und des Managements betonten hingegen vermehrt die unterschiedlichen Herangehensund Denkweisen innerhalb des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekt (z.B. BL1; BL10; BL11; IP7; IW1b; IW4). Hinsichtlich der Herangehensweisen berichtete eine technische Assistentin während eines ad hoc Interviews bei einer teilnehmen Beobachtung, dass sich das Herangehen an Projekte je nach Fachdisziplin der La- GESIS Schriftenreihe | Band 28 79 7 Eruierung der theoretischen Grundannahmen borleitung unterschiedet, so dass in einem früheren Labor mit einem Biochemiker als Leiter die Versuche stark geplant wurden, wohingegen in dem jetzigen Labor mit einer Medizinerin als Laborleitung alles spontaner und intuitiver abläuft (BL10). Zusätzlich zu den divergierenden Denkund Herangehensweisen ließen sich im empirischen Material Äußerungen finden, die drauf schließen lassen, dass nicht nur zwischen dem Projektteam und potenziellen Investoren, Partnern oder Erstanwendern, sondern auch innerhalb des Teams Spannungen und unterschiedliche Bewertungen auf Grund der Simultanität multipler Bewertungskriterien auftreten können, wie ein Manager explizierte: „Für mich sind klinische Studien immer Zahlen auf dem Papier. Und der Kollege aus der Medizin, der kennt halt den Patienten und der sagt irgendwie, keine Ahnung; Ich lese eine Zahl, guck mal hier 20 Prozent Hauptnebenwirkungen Rash Grad 2, ist ja nicht viel. Dann sagt der, pass auf, die kommen aber rein und irgendwie, das ist ganz schlimm, 80 Prozent der Haut juckt und ist gerötet. Das ist für einen Patienten schon schwierig.“ (IP7) Zur Lösung dieser Spannungen verhandeln die Akteure den Wert der Idee situativ (z.B. BE1; BE2; IP13), wobei sie zur Vereinfachung der situativen Wertaushandlungen unter anderem standardisierte Bewertungskriterien wie Gesetze oder Wettbewerbe nutzen (z.B. BM1; IP2; IW1a). Dabei führte das Gewinnen eines Wettbewerbs zum Beispiel dazu, dass zum einen dem pharmazeutischen F&E Projekt ein gewisser Wert zugeschrieben wurde und zum anderen dieser durch den Gewinn des Wettbewerbs zugeschriebene Wert eine Außenwirkung entfaltet und meist nicht weiter hinterfragt wurde (IW1a; IW1b; IW1c). Ähnliches konnte auch für die Wertzuschreibung durch den Erhalt eines Patents erhoben werden, wobei zum Beispiel potenzielle Investoren meist nach der Patentierung der Idee fragten, dieses Patent jedoch, sobald es vom Patentamt erteilt wurde situationsunabhängig akzeptierten (z.B. BM9; BM10). An diesen Beispielen wird erkennbar, dass die Spannungen zwischen den multiplen Bewertungskriterien mit Hilfe von Gesetzen oder Wettbewerben situativ gelöst werden können, wobei in diesen Fällen die situativ produzierten Werturteile von anderen Akteuren ungeachtet der situativen Einbettung der Bewertung anerkannt42 werden. Doch nicht in jeder Situation können standardisierte Bewertungskriterien wie Gesetze zur Vereinfachung der situativen Wertaushandlung herangezogen werden. Beispielsweise können Daten von klinischen Studien meist nicht mit Hilfe von standardisierten Kriterien bewertet werden, so dass das Werturteil – wie im obigen Zitat expliziert – stark variiert (z.B. IP7). Denn, obwohl Daten im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte als eine Art Beweis verstanden werden (z.B. BM8; IP9; IP16; IW1a; IW1b; IW1c), ist ihre Interpretation und Bewertung stark von der situativen Einbettung beeinflusst. So hat der Zeitpunkt (z.B. BM3; BM6; BM8; IM1; IP2), der Ort (z.B. BL12; BM1; IP13; IP15), die anwesenden Akteure (z.B. IP7) oder 42 Ausnahmen sind vorhanden, zum Beispiel, da Patente nicht für jede territoriale Einheit gelten, Patente auslaufen, Regularien sich verändern und auch Wettbewerbe einen territorialen Bezug haben können (z.B. BM1; IP2; IP7; IP13; IP15; IW1a). 80 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ auch die Klassifizierung des pharmazeutischen F&E Projekts als first-in-class oder best-in-class43 (z.B. BM10; IM1; IP11; IP12) einen starken Einfluss auf die Interpretation und die Bewertung der Daten. Insgesamt können somit die zentralen Aspekte der pragmatischen Perspektive – Simultanität multipler Bewertungskriterien und situative Wertaushandlung – für den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte auf Basis des empirischen Materials aufgezeigt werden. In Kombination der gefundenen empirischen Hinweise wird daher angenommen, dass in pharmazeutischen F&E Projekten multiple Bewertungskriterien simultan vorherrschen und zu Spannungen führen, so dass der Wert einer Idee im kreativen Prozess von den Akteuren situativ ausgehandelt wird. Anknüpfend an diese Annahme wird in Kapitel 9 die zweite Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, empirisch detailliert beantwortet. 7.3 Örtliche Situationen in pharmazeutischen F&E Projekten Für die Beantwortung der dritten Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, wurde das Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977) herangezogen. Theoretisch wurde hierbei angenommen, dass die situative Einbettung die Generierung und Bewertung von Ideen beeinflusst. Ferner wurde angenommen, dass es zu Standardisierungen von situativen Einbettungen kommt, so dass Akteur die Interaktionssituation rahmen können (s. Kapitel 5). Im empirischen Material konnten dabei sowohl Hinweise auf eine Rahmung von Interaktionssituationen, unterschiedliche Standardisierungen von situativen Einbettungen sowie Hinweise auf den Einfluss der situativen Einbettung auf den kreativen Prozess identifiziert werden. Hinsichtlich der situativen Einbettung konnten im empirischen Material dabei zwei unterschiedliche Arten von Hinweisen gefunden werden. Zum einen konnten Hinweise erhoben werden, die einen territorialen Aspekt der situativen Einbettung andeuten, wobei zum anderen auch Hinweise gefunden wurden, die darauf schließen lassen, dass Akteure bestimmte situative Einbettungen von Orten für die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte nutzen. Beispielsweise expliziert ein Interviewpartner den territorialen As43 Die Klassifizierung eines pharmazeutischen F&E Projektes als first-in-class bedeutet, dass es bisher noch kein Behandlungskonzept für diese spezifische Krankheit auf dem Markt gibt, wodurch ein hoher medizinischen Bedarf vorhanden ist (vgl. IP12). Die Klassifizierung als best-in-class Projekt hingegen bedeutet, dass man zum Beispiel einen Wirkstoff, ein Medikament oder ein Behandlungskonzept am Markt ersetzen möchte, wobei man nicht „doppelt so gut“, sondern vielmehr „zehn Mal besser [...] oder signifikant billiger“ (IM1) sein muss. Bei einer best-in-class Bewertung handelt es sich also um eine relationale Bewertung in Bezug zu bereits Bestehenden, wohingegen eine first-in-class Bewertung relationsunabhängig geschieht. GESIS Schriftenreihe | Band 28 81 7 Eruierung der theoretischen Grundannahmen pekt der Einbettung und seinen Einfluss auf den kreativen Prozess am Beispiel des „Co-Packing“44 von Medikamenten: „Ich hatte das mal bei einem, es ging, in Deutschland darf man das leider nicht, aber ich habe das bei [Name des Medikaments] bei einem Hepatitis-C Medikament, kennengelernt. Das ist in Deutschland so, das sind drei verschiedene Wirkstoffe. Die müssen einen morgens nehmen und die anderen beiden abends nehmen. Das sind quasi in Deutschland zwei separate Packungen. Und in Amerika ist das erstmal ein so ein Blister. Den können Sie sich aus der Schachtel rausziehen. […] Das heißt, der Patient weiß immer, wenn das Ding leer ist, dann habe ich die Medikamente genommen, so wie ich sie müsste. Darf man in Deutschland nicht, weil es da rechtliche Rahmenbedingungen gibt.“ (IP7) Weitere empirische gefundene Beispiele für den Einfluss des territoriale Aspekts auf den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte sind der territoriale Erwerb von Patenten (z.B. IP13) sowie die unterschiedlichen nationalen Krankenkassen-Systeme (IP7; IP15). Dabei zeigen all diese Beispiele übereinstimmend, dass die territoriale Verortung Einfluss auf die Generierung und Bewertung von Ideen hat. Empirische Daten, die hingegen darauf hinwiesen, dass Akteure bestimmte situative Einbettungen von Orten im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte nutzen, ließen sich vor allem bei den Beobachtungen in den Laboren erheben. Zum Beispiel wechselten Akteure bedingt durch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit häufig die Orte innerhalb des Laborgebäudes (vgl. Melchior et al. 2020), wobei besonders häufig das Großraumbüro zum Austausch von Wissen und Erfahrungen genutzt wird, wie ein Wissenschaftler expliziert: „Ja, ziemlich oft in unserem Großraumbüro, wo zwei Personen anfangen zum Beispiel ein Gespräch zu führen und dann stoßen sie auf ein Problem und sagen: Oh [Name einer Person] komm, vielleicht kannst du uns ja helfen. Und daraus kommen gewisse Ideen.“ (IW5) Auch suchten die Akteure bedingt durch ihre Arbeitspraktiken45 – mit Bakterien, Viren, Tieren und Menschen – Orte mit spezifischen Einbettungen wie Virenoder 44 Co-Packing meint hierbei, dass zum Beispiel zur Behandlung von Hepatitis-C alle drei benötigten Wirkstoffe in einer einzigen Packung verkauft werden können und nicht separate Packungen benötigt werden. 45 Eine detailliertere Auseinandersetzung mit der Kopplung zwischen Akteur und Objekt während des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte lässt sich im Artikel „Hägerstrand online“: Ein methodisches Konzept zur Analyse raumzeitlicher Trajektorien in Kollaborationen von Melchior et al. (2020) finden. 82 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Bakterienlabore (BL1), in S2-Labor46 (BL10), einen Reinraum47 (IP14) oder spezielle Mikroskopräume (z.B. BL1; BL9; BL11) auf. Dabei konnte empirisch festgestellt werden, dass die Orte sowohl die Interaktionen als auch die Praktiken der Akteure beeinflussten, so dass beispielsweise die typische Praktik des Wechselns des Mediums in einem Labor am Platz und in einem anderen Labor an der Hood (sterilen Bank) durchgeführt wurde (BL3). Zusätzlich konnte auch ein Einfluss des Orts auf die Testergebnisse der Experimente erhoben werden, so dass ein Experiment, das in einem anderen Laborraum desselben Gebäudes noch funktionierte, in einem anderen Laborraum trotz der Durchführung durch denselben Akteur unvorhergesehen nicht mehr funktionierte (BL9). Den territorialen Hinweisen als auch den Hinweisen, dass Akteure bestimmte situative Einbettungen von Orten für unterschiedliche Praktiken nutzen, ist gemein, dass sie die Relevanz des Orts und der situativen Einbettung für die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte erahnen lassen. Außerdem konnten im empirischen Material unterschiedliche Standardisierungen von situativen Einbettungen erhoben werden, so dass die Akteure die Interaktionssituationen beispielsweise als Konferenzen (z.B. BL4; IW5), Labor-Meetings (z.B. BL1; BL7; IP3), Pitches48 (z.B. BE1; BE2; BM6) oder als Begutachtung (IP14) rahmten. Insgesamt kann somit sowohl die Relevanz der situativen Einbettung als auch die grundlegende Annahme der Standardisierung von situativen Einbettungen und der Rahmung von Interaktionssituationen aus dem herangezogenen Konzept der Rahmung auf Basis des empirischen Materials aufgezeigt werden. In Kombination der gefundenen empirischen Hinweise wird daher angenommen, dass örtliche Situationen den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte beeinflussen, wobei unterschiedliche Rahmungen erhoben werden konnten. Rekurrierend auf dieser Annahme wird in Kapitel 10 die dritte Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, empirisch detailliert analysiert. Des Weiteren konnten auch die Annahmen, die zur Auswahl von pharmazeutischen F&E Projekten als empirische Grundlage für die Analyse des Forschungsinteresses führten – die außergewöhnlich niedrige Erfolgsquote (vgl. BM9; BM10; IP3; IP15), die hohen Investitionen und langjährige Dauer (vgl. IP13; IP15; IW1a) sowie die starke Regulierung des kreativen Prozesses (vgl. BE1; BM10; IP13; IW4) – im empirischen Material wiedergefunden werden. 46 Ein S2-Labor ist ein Labor mit der biologischen Sicherheitsstufe 2. Die Sicherheitsstufe 2 beinhaltet unter anderem die Arbeit mit Salmonellen, Herpes-Erregern oder Grippeviren, so dass S2-Labore meist Zugangskontrollen und Einrichtungen zur Eindämmung von infektiösen Gasen und Flüssigkeiten haben (Chemie-Lexikon 2019a). 47 Ein Reinraum oder auch Reinstraum genannt, ist ein Raum, in dem die Partikel-Kontamination unter bestimmten Werten gehalten werden, wobei es unterschiedliche Reinraumklassen gibt (Chemie-Lexikon 2019b). 48 Ein Pitch ist die Bezeichnung einer mündlichen Präsentation des pharmazeutischen F&E Projekts vor Bewertenden wie potenziellen Investoren, Partner oder Erstanwendern. GESIS Schriftenreihe | Band 28 83 8 Das Zusammenspiel von Generierung und Bewertung 8 Das Zusammenspiel von Generierung und Bewertung In diesem Kapitel wird empirisch analysiert, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte zur Generierung von unterschiedlichen ReInterpretationen und variierenden Bewertungen führt. Hierzu wird in einem ersten Schritt der kreative Prozess mit Hilfe der Auswertungskategorie Phase detaillierter betrachtet (Abschnitt 8.1). Anknüpfend wird in einem zweiten Schritt mit der Auswertungskategorie Phasen-Adaption analysiert, ob die Akteure die Idee aktiv an den vorher identifizierten Phasen des pharmazeutischen F&E Projekts anpassen (Abschnitt 8.2). In einem dritten Schritt wird ein empirisches Fazit hinsichtlich der theoretisch abgeleiteten Arbeitsthesen zur ersten Forschungsfrage formuliert. Ferner wird in diesem Schritt außerdem die erste Forschungsfrage, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses zur Generierung von unterschiedlichen Re-Interpretationen und variierenden Bewertungen führt, empirisch beantwortet (Abschnitt 8.3). 8.1 Der kreative Prozess pharmazeutischer F&E Projekte Im empirischen Material konnten insgesamt vier idealtypische Phasen des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte identifiziert werden. Hierbei ließen sich die Phasen hinsichtlich ihres Inhalts und Ziels, den vorherrschenden Bewertungskriterien und den bewertenden Akteuren in Grundlagenforschung, Präklinische Forschung, Klinische Studien und Markteintritt differenzieren (s. Tabelle 7). 84 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Tabelle 7 Phasen des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte Inhalt & Ziel Exemplarische Bewertungskriterien und Bewertende Empirische Beispiele Grundlagenforschung Inhalt: Mechanismus verstehen Ziel: Grundkonzept der Idee erstellen Kriterien: Validität; Transparenz Bewertende: Projektteam; Akteure der Arbeitsgruppe; Fachzeitschriften „Also, da ging es zunächst erstmal darum, überhaupt diesen Signalweg zu verstehen ein Stück weit, sodass man das irgendwie einschätzen kann, welche Komponenten spielen da eine Rolle, dass man auch was in der Hand hat, was man analysieren kann.“ (IP3) Präklinische Forschung Inhalt: Generierung eines Patientennutzen Ziel: Übersetzung in einen spezifischen klinischen Anwendungskontext Kriterien: Medizinischer Bedarf; Klinische Anwendbarkeit Bewertende: Akteure von Mentorenund Förderprogrammen „[...] der erste Tierversuch [ist] entscheidend. Wenn mein Molekül nicht wirkt, ist es mir auch egal warum. [...] Ich will vor allem dem Patienten helfen und nicht jeden Mechanismus verstehen.“ (IP15) Klinische Studien Inhalt: Erfolgreicher Abschluss der klinischen Studien Ziel: Übersetzung in einen größeren klinischen Anwendungskontext Kriterien: Vorschriften der Arzneimittelsicherheit; Möglichkeit der Kommerzialisierung Bewertende: Pharmaunternehmen; Risikokapitalgebende „Diese Arzneimittelsicherheit ist ein Teil oder eine Funktion in der Pharma, [...] [die] eine Rolle spielt. [...] die Qualität der Daten und Dokumente [...], wie viele Patienten man braucht [...], welche Effekte da signifikant sind. [...] [da] hat man natürlich diverse Pläne, die letztendlich festlegen, wie muss denn eine klinische Studie aussehen [...]“ (IP9) Markteintritt Inhalt: Erfolgreicher Abschluss des Zulassungsprozess Ziel: Vorteilhafte Platzierung auf dem Markt Kriterien: Vorschriften der behördlichen Zulassung; Konkurrenzfähigkeit Bewertende: Akteure der Zulassungsbehörden und Krankenkassen „Für Großbritannien scheint es wohl einfach zu teuer zu sein ein halbes Jahr mehr Lebenszeit für 50.000 [USD]. Da war die Forschung allerdings schon abgeschlossen. Es wurde nur die Marketingstrategie angepasst.“ (IP15) Quelle: Eigene Darstellung GESIS Schriftenreihe | Band 28 85 8 Das Zusammenspiel von Generierung und Bewertung Während der Phase der Grundlagenforschung versuchen die Akteure mit Hilfe einer interpretativen Suchweise und kognitiver Flexibilität den zugrundeliegenden Mechanismus ihrer Idee zu verstehen (z.B. IP3; IP15; IW2). Dabei endet die Phase der Grundlagenforschung, sobald es den Akteuren gelingt, die Idee zu definieren und zu konkretisieren (z.B. IP3; IP4; IP8). Relevante Bewertende in der Phase der Grundlagenforschung sind beispielsweise das Projektteam, Akteure der Arbeitsgruppe sowie relevante Fachzeitschriften (z.B. BL2; BL4; BL8; IP14). In der präklinischen Forschung verfolgen die Akteure hingegen primär das Ziel der Ausarbeitung und Entwicklung der Idee für einen konkreten klinischen Anwendungskontext49, um einen Nutzen für Patienten zu generieren (z.B. IM1; IP4; IP6; IP15). Damit die Übertragung der Idee aus dem Labor in einen spezifischen klinischen Anwendungskontext gelingt, versuchen die Akteure, zum einen konstruktives und unterstützendes Feedback und zum anderen Zugang zu Ressourcen und Reputation zu akquirieren, wozu sie beispielsweise Mentorennetzwerke, Förderprogramme und Wettbewerbe (z.B. IM1; IP14; IW1a) nutzen. Ein relevantes und von den Bewertenden in der Phase der präklinischen Forschung häufig genutztes Bewertungskriterium ist dabei beispielsweise der Grad des medizinischen Bedarfs (z.B. BE1; BE2). Erfolgreich beendet wird die Phase der präklinischen Forschung mit einem Proof of Concept (Wirksamkeitsnachweis) in meist zwei oder drei Tiermodellen (vgl. IM1; IP1; IP13). Zum ersten Test am Menschen kommt es in der Phase der klinischen Studien (IW3). In dieser Phase müssen die klinischen Phase I-, IIund III-Studien50 erfolgreich abgeschlossen werden, wobei die Idee aus ihrem spezifischen klinischen Anwendungskontext in einen größeren klinischen Anwendungskontext übertragen wird. Ein besonders relevantes Bewertungskriterium sind in der Phase der klinischen Studien die Vorschriften der Arzneimittelsicherheit (IP9). Neben den restriktiven Bewertungskriterien der Arzneimittelsicherheit stellen in der Phase der klinischen Studien meist auch Pharmaunternehmen oder Risikokapitalgebende relevante Bewertende dar, die ihre eigenen Bewertungskriterien heranziehen. Pharmaunternehmen und Risikokapitalgebende sind für die Phase der klinischen Studien insoweit relevant, als dass vor allem finanziell schwächere Unternehmen wie beispielsweise Start-ups oder öffentliche Forschungseinrichtungen die hohen Investitionen für die klinischen Studien51 nicht alleine aufbringen können (z.B. IP3; IP4; IP14). Beendet wird die Phase der klinischen Studien, sobald die klinischen Phasen I-, IIund III-Studien erfolgreich abgeschlossen sind und ein Proof of Feasibility (Machbarkeitsnachweis) produziert wurde. In der Phase 49 Das Hauptziel der präklinischen Forschung ist die Übersetzung der Idee aus dem Labor in einen spezifischen klinischen Anwendungskontext und wird von den Interviewten meist mit dem Begriff der „Translation“ (z.B. IM1; IP15) oder der Beschreibung „from Bench to Bedside“ (IP4) beschrieben. 50 Eine detailliertere Erläuterung der einzelnen klinischen Studien ist in Kapitel 2 zu finden. 51 Die klinischen Studien erfordern Investitionen von rund 10 Mio. USD für Phase I-, 30 Mio. USD für Phase IIund 80 Mio. USD für Phase III-Studien (IP4). 86 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ des Markteintritts steht der behördliche Zulassungsprozess52 und eine vorteilhafte Platzierung des pharmazeutischen F&E Projekts am Markt im Vordergrund, so dass die Idee von der Konkurrenz abgegrenzt und eine eigene Vision der Idee für den Markt entwickelt werden muss (z.B. IP1; IP2; IP6). Damit dies gelingt, beseitigen die Akteure letzte Mängel der Idee, damit die Idee unter anderem den behördlichen Zulassungskriterien und den Bewertungskriterien der Krankenkassen entspricht (z.B. IP6; IP15). Zusätzlich lassen sich für alle vier identifizierten Phasen des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte Analogien zu den Phasenmodellen von Ibert und Müller (2015) sowie von Perry-Smith und Mannucci (2017) aufzeigen (s. Abschnitt 3.4). Die Phase der Grundlagenforschung kann auf Grund des Ziels der Konkretisierung der Idee und der Notwendigkeit einer interpretativen Suchweise sowohl mit der Phase der Induktion (s. Tabelle 2; Ibert und Müller 2015) als auch mit der Phase der Generierung (s. Tabelle 1; Perry-Smith und Mannucci 2017) verglichen werden. Das Bedürfnis nach konstruktivem Feedback und der notwendige Zugang zu Ressourcen in der präklinischen Forschung entsprechen hingegen der Phase der Ausarbeitung (s. Tabelle 1; Perry-Smith und Mannucci 2017). Zusätzlich stellen Mentoren in der Phase der präklinischen Forschung ähnlich wie in der Phase der Validierung (s. Tabelle 2; Ibert und Müller 2015) relevant Bewertende dar. Das aktive Suchen nach Investoren und Partnern für die Durchführung der klinischen Studien kann wiederum mit der Phase der Mobilisierung (s. Tabelle 2; Ibert und Müller 2015) verglichen werden. Simultan bedeutet das Akquirieren von Investoren jedoch auch, dass die Idee aktiv beworben und gegenüber harscher Kritik verteidigt werden muss, was der Phase der Verteidigung (Perry-Smith und Mannucci 2017) ähnelt. Für die behördliche Zulassung ist in der Phase des Markteintritts eine gemeinsame Vision sowie eine klare Abgrenzung gegenüber der Konkurrenz notwendig, was wiederum mit der Phase der Implementierung (s. Tabelle 1; Perry-Smith und Mannucci 2017) sowie mit der Phase der Verwirklichung (s. Tabelle 2; Ibert und Müller 2015) verglichen werden kann. Insgesamt konnten somit für jede Phase des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte sowohl Analogien zum Modell von Perry-Smith und Mannucci (2017) als auch zum Modell von Ibert und Müller (2015) erhoben werden. Ferner konnte im empirischen Material eine Vielzahl an „Gesetzen, Regularien und [...] Guidelines“ (IP2) wie beispielsweise das Gesetz zu Arbeitnehmererfindungen (vgl. IP13), das Patentgesetz (z.B. BF2; BM1; IP13; IW1a), Regularien der Ethikkommission und Vorschriften der Arzneimittelsicherheit (z.B. BL1; IM1 IP7), Richtlinien zum Schutz der Idee durch Verschwiegenheitserklärungen (z.B. IP6; IP7; IP13), Sicherheitsund Schutzvorschriften in den Laboren (z.B. BL1; BL3; BL10) sowie Richtlinien zur Qualitätssicherung (z.B. IP2; IP14) identifiziert werden. Die Gemeinsamkeit all dieser Regularien ist dabei, dass sie sowohl den Verlauf des kreativen Prozesses als auch die Arbeitsabläufe in pharmazeutischen F&E Projekten 52 Je nach Land oder Region sind verschiedene Behörden für die Zulassung zuständig. In Deutschland ist es die Bundesanstalt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) oder das Paul-Ehrlich-Institut (z.B. IP14). GESIS Schriftenreihe | Band 28 93 9 Die Unverzichtbarkeit negativer Werturteile der Wissenschaftlerin] bereits die Färbung vorbereitet. Kurzer Austausch zur anstehenden Färbung. […] A: „Na auch wenn wir nichts rausbekommen, ist das ein Ergebnis. Zumindest ist es keine Färbung, bei der wir schon vorher wissen, was bei rauskommt.“ (BL11) In diesem Ausschnitt wird nochmal deutlich, dass negative Werturteile nicht zwangsläufig zum Abbruch von Projekten führen, sondern vielmehr spezifische Möglichketen der Anpassung ausschließen. ----- Nachmittags im Mikroskopraum ----- N. [Name der Wissenschaftlerin] erzählt mir, dass diesmal keine Probe einen Waschrand hat [Problematik vom Tag davor]. Allerdings markiert der Antikörper nicht gut genug die positiven Zellen, wie sie mir auf den Fotos zeigt. […] N: „Daher wollen wir jetzt eine Co-färbung machen.“ (BL11) Anders als im Viagra-Beispiel kommt es hier nicht zu einer radikalen Re-Interpretation, sondern zu einer inkrementellen Re-Interpretation, so dass das Experiment in modifizierter Form wiederholt wird, wobei nicht per se die Entstehung von neuem Wissen, sondern vielmehr das aktive Anpassen an bisher nicht erfüllte Bewertungskriterien im Fokus steht (z.B. IW1c; IW4; IW5). Gemeinsam ist beiden Arten der ReInterpretation, dass die Akteure versuchen, die problematische Situation (negatives Werturteil) zu lösen, indem sie „den Dreh finden, dass es weiter geht“ (IP3). Auch bieten beide Arten der Re-Interpretation die Möglichkeit, die Idee auf Basis der vergangenen Erfahrungen zu modifizieren, so dass negative Werturteile, wenn sie nicht in vereinzelten Fällen zum Abbruch des Projekts führen, neue Explorationspfade eröffnen und einen Impuls zur reflektierte Re-Interpretation liefern. Die reflektierte Re-Interpretation stellt dabei wiederum den Kern der kollektiven Kreativität dar (s. Abschnitt 3.3), so dass auf Basis des empirischen Materials angenommen werden kann, dass negative Werturteile in pharmazeutischen F&E Projekten das erfolgreiche Durchlaufen des kreativen Prozess überhaupt erst ermöglichen. Insgesamt wird daher angenommen, dass negative Werturteile mit ihrer Logik des Ausschlusses von Möglichkeiten – trotz der restriktiven Bedingungen in der forschenden Pharmaindustrie – nur vereinzelt zum Abbruch von Projekten führen, sondern vielmehr einen Impuls für radikale oder inkrementelle Re-Interpretationen initiieren. Daran anknüpfend wird außerdem angenommen, dass negative Werturteile in pharmazeutischen F&E Projekten nicht nur ubiquitär, sondern für den kreativen Prozess unverzichtbar sind. 94 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ 9.2 Positive Werturteile und ihre Logik der temporären Schließung Gegensätzlich zu negativen Werturteilen werden positive Werturteile immer dann produziert, wenn die Idee den herangezogenen Bewertungskriterien entspricht, wobei Reflexionsund Re-Interpretationsprozesse die Chancen auf ein positives Werturteil im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte erhöhen (s. Abschnitt 8.2). Mit dem erfolgreichen Anpassen und dem damit produzierten positiven Werturteil lässt sich im empirischen Material auch simultan eine Wert-Fixierung beispielsweise in Form einer Publikation (z.B. IW4), eines Patents (z.B. IP6) oder eines Proof of Concepts (z.B. IM1) erheben, wobei die Akteure verschiedenste Ressourcen wie Biomaterial, Geld und Zeit zur Erreichung einer Wert-Fixierung investieren (z.B. IW1c; IP14; IP16). Allen erhobenen Wert-Fixierungen war dabei gemein, dass sie den nachgelagerten kreativen Prozess hinsichtlich der Möglichkeiten zur Re-Interpretation einschränkten und im weiteren Verlauf sogar zu einer Art Pfadabhängigkeit58 (vgl. Liebowitz und Margolis 1995) führten, wie die nachfolgenden zwei Zitate aus etwa halbjährlich geführten Interviews mit einem Start-up verdeutlichen: „[…] wir sind […] mit einem Kandidaten gestartet […] mit [dem] wir erfolgreich waren [Proof of concept]. Nur jetzt müssen wir auch die Dinge liefern, die die Idee begründen.“ (IW1b) „[…] wir haben […] an vielen dieser Komponenten gedreht und weiterentwickelt und versucht die upzuscalen […] Aber am grundsätzlichen Konzept […] hat sich nichts geändert.“ (IW1c) In diesen Beispielen wird erkennbar, wie das positive Werturteil und die damit einhergehende Wert-Fixierung (Proof of Concept) zur Einschränkung der Re-Interpretation führt und im weiteren Verlauf auch eine Pfadabhängigkeit ausprägt, da das einmal fixierte Grundkonzept nicht mehr hinterfragt wird. Ähnliches konnte auch für die Zulassung von klinischen Studien erhoben werden, da hier positive Testergebnisse und definierte Parameter aus der präklinischen Phase eingehalten werden müssen, so dass es während der klinischen Studie nur zu sehr eingeschränkten Re-Interpretationen kommen kann59 (z.B. IP6; IP16; IW3). Zusätzlich konnte auf Basis des empirischen Materials festgestellt werden, dass die produzierten Wert-Fixierungen den nachgelagerten Prozess nicht nur einschränkten und im weiteren Verlauf nicht mehr hinterfragt wurden, sondern dar58 Die Pfadabhängigkeit ist dabei eine Pfadabhängigkeit zweiten Grades, da die Entscheidungen, die zur Erzeugung eines epistemischen Faktes führen, auf Basis unvollständiger Informationen getroffen werden müssen, um so den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte voranzutreiben (vgl. Liebowitz und Margolis 1995). 59 Eine grundlegende Veränderung der Parameter und Zielindikation ist natürlich trotzdem jeder Zeit möglich, wobei dann neue präklinische und klinische Studien durchgeführt werden müssen. Zusätzlich ist bei der Zulassung von pharmazeutischen F&E Projekten zwischen der Klassifizierung als first-in-class und best-in-class Projekten zu unterscheiden. GESIS Schriftenreihe | Band 28 95 9 Die Unverzichtbarkeit negativer Werturteile über hinaus auch nicht mehr negligiert werden konnten (z.B. IP4; IP6; IP11; IW1a; IW2; IW5), was einem epistemischen Fakt60 im Sinne von Ibert und Müller (2015) entspricht (s. Abschnitt 3.4). Dies führte unter anderem dazu, dass beispielsweise das situativ ausgehandelte Patent (epistemischer Fakt) nicht nur nicht mehr hinterfragt, sondern vielmehr auch durch andere Akteure situationsunabhängig anerkannt wurde und es zu keiner erneuten Wertaushandlung kam (z.B. BM9; BM10). Ein anderes Beispiel ist die Publikation von positiven Daten aus Tierexperimenten (epistemischer Fakt), die den situativen Wert der Idee fixiert, so dass das medizinische Fachpersonal den präklinischen Wert des pharmazeutischen F&E Projekts in der klinischen Phase situationsunabhängig anerkennt (IP16). Insgesamt wird daher auf Basis des empirischen Materials angenommen, dass positive Werturteile mit ihrer Logik der temporären Schließung die Re-Interpretationsmöglichkeiten im nachgelagerten Prozess einschränken und im Verlauf des pharmazeutischen F&E Projekts eine Art Pfadabhängigkeit ausprägen. Darüber hinaus wird angenommen, dass positive Werturteile am Ende einer jeden Phase simultan eine Wert-Fixierung produzieren, die als epistemischer Fakt verstanden werden kann und dadurch eine gewisse Außenwirkung erzielt, so dass der situativ ausgehandelte Wert von Dritten situationsunabhängig anerkannt wird. 9.3 Das Zusammenspiel von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen Zusätzlich zu den unterschiedlichen Logiken im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte konnte außerdem ein Zusammenspiel von negativen und positiven Werturteilen in Form von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen erhoben werden. Die Wert-Fixierung ist dabei als das Ereignis der phasenspezifischen Wertzuschreibung definiert, wohingegen das Ereignis der Ent-Wertung, das Obsolet-Werden des vorher zugeschriebenen Werts beschreibt. Wie bereist expliziert (s. Abschnitt 8.1), ändert sich mit dem Übergang in die nächste Phase das Ziel, die Bewertenden und die Bewertungskriterien des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte (s. Tabelle 7), so dass dadurch die situative Einbettung für die Generierung und Bewertung von Idee modifiziert wird (s. Abschnitt 8.3). Der Übergang in die nächste Phase führt dabei dazu, dass der vorher phasenspezifische und in Form eines epistemischen Fakts fixierte Wert obsolet wird (z.B. BE1; BM1; IP1; IP11; IP15). Dieses Ereignis des Obsolet-Werdens des Werts führt wiederum dazu, dass die Akteure den vorher fixierten Wert aktiv überwinden müssen, um die Idee an die neuen phasenspezifischen Bewertungskriterien anzupassen. Daher initiiert die Ent-Wertung und das damit implizierte negative Werturteil eine neue Re-Interpretation und Anpassung der Idee, die im besten Falle zu einem po60 Wie bereits näher erläutert (s. Abschnitt 3.4), stellt ein epistemischer Fakt, ein Faktum dar, welches nach seiner Generierung nicht mehr einfach negligiert werden kann (Ibert und Müller 2015). Daher stellen nicht alle vorläufigen Zwischenergebnisse einen epistemischen Fakt dar, sondern nur die Zwischenergebnisse, die zur Fixierung des phasenspezifischen Werts der Idee führen. 96 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ sitiven Werturteil und zu einer erneuten phasenspezifischen Wert-Fixierung führt. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass das Obsolet-Werden und das aktive Überwinden des vorher fixierten Werts nicht dazu führt, dass die epistemischen Fakten nicht mehr existieren, vielmehr werden im Verlauf des kreativen Prozesses mehrere epistemische Fakten produziert, die simultan existieren. Auch kommt es durch die vier Phasen des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte zu mehreren WertFixierungen sowie zu mehreren Ent-Wertungen, die neue Wertaushandlungen und Re-Interpretationen zur Folge haben (z.B. IP4; IP6; IP14; IP15; IW1a). Erkennbar wird das empirisch erhobene Zusammenspiel von Wert-Fixierungen und Ent-Wertungen im Interviewausschnitt eines Projektleiters, der den Verlauf eines pharmazeutischen F&E Projekts wie folgt skizziert: „Zu dem Zeitpunkt als ich dort ankam, war das Projekt gerade am Sterben. Die Leitstruktur war einfach nicht optimierbar. Also die Idee wurde damals von einem Startup gekauft. Und nach 6, 7, 8 oder 9 Lernzyklen61 kam man einfach nicht weiter. Zu der Zeit gab es aber ein ganz neues Team, welches eine Bibliothek aufbauen sollte und die waren ganz heiß darauf das zu tun. Also dachten wir uns, was soll es, sollen sie doch unsere Rohstoffe bekommen und damit irgendwas machen. […] Und dann war es Zufall, dass genau eine Verbindung dabei war, die wir nicht erklären konnten. […] Dann hat es etwa ein halbes Jahr gebraucht bis zum ersten Tierversuch. [...] Das Molekül hat auch gut gewirkt, dass Problem war nur, dass es sehr toxisch war. [...] Aber die Ergebnisse der Synthetisierung waren dabei nicht eindeutig. [...] Und dann habe ich das unabhängig nachgekocht. [...] Jetzt war es weniger toxisch und man konnte es oral, also durch den Schnabel verabreichen.“ (IP15) Zusätzlich zum Zusammenspiel von negativen und positiven Werturteilen in Form von Wert-Fixierung und Ent-Wertung wird in diesem Narrativ ersichtlich, dass Bewertungen ein zentraler Bestandteil des kreativen Prozesses pharmazeutischer F&E Projekte sind. Insgesamt können somit auf Basis der empirischen Ergebnisse beide aus der zweiten Forschungsfrage abgeleiteten Arbeitsthesen bekräftigt werden. Die erste Arbeitsthese kann empirisch unterstützt werden, da gezeigt werden konnte, dass negative Werturteile neue Explorationspfade eröffnen und für den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte unverzichtbar sind, da sie einen Impuls für Reflexionsund Re-Interpertationsprozesse liefern. Positive Werturteile hingegen schließen den Prozess der Wissensgenerierung eher temporär und prägen im Verlauf des Prozesses Pfadabhängigkeiten aus, so dass auch die zweite Arbeitsthese empirisch bestärkt werden kann. Daran anknüpfend kann hinsichtlich der zweiten Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, empirisch gesagt werden, dass negative 61 Lernzyklen sind Frage-Antwort-Schleifen zwischen Chemikern, die das Molekül synthetisieren, und Biologen, die diese Moleküle testen und dann ihre Testergebnisse an die Chemiker zurückgeben, die sie interpretieren und die notwendigen Änderungen vornehmen. GESIS Schriftenreihe | Band 28 97 9 Die Unverzichtbarkeit negativer Werturteile und positive Werturteile mit ihren differenten Logiken – der Logik des Ausschlusses und der Logik der temporären Schließung – den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte unterschiedlich beeinflussen und stimulieren, so dass negative Werturteile nicht einfach nur als Gegenteile von positiven Werturteilen verstanden werden können. Darüber hinaus konnte außerdem gezeigt werden, dass erst das Zusammenspiel von Wert-Fixierungen und Ent-Wertungen den kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte vorantreibt, wobei vor allem negative Werturteile trotz der restriktiven Bedingungen für die forschende Pharmaindustrie unverzichtbar sind. Des Weiteren kann rekurrierend auf das Zusammenspiel gesagt werden, dass der Wert eines pharmazeutischen F&E Projekts kein kohärentes Ganzes darstellt, sondern während des kreativen Prozesses vielmehr von den Akteuren ausgehandelt, fixiert, ent-wertet, aktiv überwunden und modifiziert wird. 98 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ 10 Die Orte der Generierung, Bewertung und des Testens In diesem Kapitel wird empirisch analysiert, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Entstehung und Bewertung von Neuem in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist. Hierzu werden in einem ersten Schritt die Orte und situativen Einbettungen der Generierung mit Hilfe der Auswertungskategorie Orte der Generierung vertiefend betrachtet (Abschnitt 10.1). In einem zweiten Schritt werden die Orte der Bewertung und ihre situativen Einbettungen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte mit Hilfe der Auswertungskategorie Orte der Bewertung genauer beleuchtet (Abschnitt 10.2). Mit Hilfe der induktiv erarbeiteten Auswertungskategorie Orte des Testens werden in einem dritten Schritt die Orte genauer analysiert, die die Akteure zum Testen von Idee nutzen (Abschnitt 10.3). In einem vierten Schritt wird ein Fazit hinsichtlich der theoretisch abgeleiteten Arbeitsthesen formuliert sowie die dritte Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, für pharmazeutische F&E Projekte beantwortet (Abschnitt 10.4). 10.1 Vorderbühnen – Orte der Bewertung Sowohl bei den Beobachtungen als auch in den Interviews ließen sich vor allem physische Orte der Bewertung identifizieren. Nur ein einziger Interviewpartner stelle eine virtuelle Plattform als Ort der Bewertung dar. Meist waren es jedoch physische Meetingund Konferenzräume, die von den Akteuren zur Bewertung genutzt wurden. Auffällig bei den Äußerungen der Akteure war, dass diese die Orte meist als bei einem Pharmaunternehmen (BM3; IW1b), bei einer Konferenz (z.B. IW5), bei einer Bundesbehörde (IP14) oder als vor dem Management (IP11; IP15; IP16) beschrieben. In diesen Beschreibungen wird erkennbar, dass die Orte der Bewertung von den Akteuren im kreativen Prozess meist aktiv aufgesucht werden müssen. Gemein war allen erhobenen Orten der Bewertung, dass sie die Charakteristika einer situativen Einbettung als Vorderbühne – unmittelbarer Ort des Interaktionsgeschehens, Einhaltung grundsätzlicher Regelstrukturen, Darstellung der Rolle und eine Informationskontrolle – aufwiesen (s. Abschnitt 5.3). Zur Illustration dieser Eigenschaften wird ein Zitat herangezogen, welches in einem Interview im Anschluss an ein Labormeeting erhoben wurde, in dem die Laborleiterin von der Bewertung der Projektidee bei der für die Zulassung zuständigen Bundesbehörde berichtet: „Also man hat einen sehr formalisierten Anmeldeprozess, der auch nicht über „Ich ruf da mal an und frag nach einem Termin“, sondern da wird einem Formular 1 zugeschickt und dann Formular 2. Und dann wird man gebeten ein Vorbereitungsskript zu schreiben. Und dann steht da nur, das soll 2025 Seiten lang sein.“ (IP14) GESIS Schriftenreihe | Band 28 99 10 Die Orte der Generierung, Bewertung und des Testens In diesem Ausschnitt wird deutlich, dass schon im Vorfeld der eigentlichen Bewertung grundsätzliche Regelstrukturen wie das Ausfüllen der Formulare eingehalten werden müssen, wobei gleichzeitig die Rollen der zu Bewertenden (Forscherteam) und der Bewertenden (Akteure der Bundesbehörde) für die Akteure erkennbar werden. Gleichzeitig kommt es beim Ausfüllen der Formulare und dem Schreiben der Vorbereitungsskizze zur Informationskontrolle, da zum einen die Bundebehörde Informationen für die Bewertung einholt und zum anderen das Forscherteam (vermutlich) versucht die Idee dabei bestmöglich darzustellen. Daran anschließend berichtet die Laborleiterin von der konkreten Bewertungssituation: „[…] unser kleines Team wurde immer unsicherer die Tage vorher. Dann waren wir da […]. Das war wie so ein Tribunal. Da saßen irgendwie acht Leute, die sich dann alle nacheinander vorstellten. Alle sehr ernst und sehr wenig zugewandt.“ (IP14) In diesem Teil der Beschreibung wird deutlich, dass auch wenn die Rollen schon vorher zugeschrieben wurde, die jeweilige Rolle der Akteure durch das sozial-räumliche Arrangement am Ort der Bewertung nochmal verdeutlicht wurde. Außerdem wird erkennbar, dass es erst bei der Bundebehörde zum unmittelbaren Interaktionsgeschehen und zum Zusammenspiel der Rollen von Bewertenden und Bewerteten kommt. Dass das sozial-räumliche Arrangement am Ort der Bewertung die Rollen als Bewertende und Bewertete trotz der vorherigen Zuschreibung nochmals vergegenwärtig, konnte vor allem auch in der zweitägigen Entscheidungsrunde des Mentorennetzwerks beobachtet werden (BE1; BE2). Hier war es beispielsweise so, dass die bewertenden Akteure bereits im Raum saßen, bevor die zu bewertenden Akteure von einer Person des Mentorennetzwerks aus dem Warteraum abholt und zum Ort der Bewertung gebracht wurden (BE1, BE2). Dabei betrat der Akteur, der die Idee pitchen sollte, den Raum durch eine Tür im vorderen Bereich, um vor den Bewertenden auf eine Art Bühne zu treten (BE1, BE2). Die anderen Teammitglieder betraten den Raum durch eine Tür im hinteren Bereich und setzten sich auf bereitgestellte Stühle hinter die bewertenden Akteure. Sobald die Türen wieder geschlossen waren, wurden die bewertenden Akteure sowie die zu bewertenden Projektteams vom Leiter der Veranstaltung nochmals zusätzlich explizit auf ihre Rolle, die Regelstrukturen und den Ablauf der Interaktion hingewiesen, um Irritationen und potenzielles Fehlverhalten der beteiligten Akteure zu vermeiden (BE1; BE2). Außerdem konnte vertiefend zur bereits in den Zitaten aufgezeigten Eigenschaft der Informationskontrolle zusätzlich die Relevanz dieser Eigenschaft einer Vorderbühne für die zu bewertenden Akteure im empirischen Material aufgezeigt werden. Hierbei konnte sowohl das Zurückhalten von Informationen (z.B. BL4; IP1; IW4) als auch das aktive Einholen von Informationen zu den vermuteten Bewertungskriterien und den Bewertenden (z.B. BM5; IP1; IW1b) erhoben werden, um so die Chance auf ein positives Werturteil zu erhöhen und die Idee bestmöglich darzustellen. Beispielsweise wurde während eines Meetings zur Besprechung von Konferenzbeiträgen von der Laborleiterin darauf hingewiesen, dass sie zwar zeigen wollen, was sie für „tolle Sachen machen, aber eben auch nicht zu viel“ (BL4), so dass Teile von Experi- 100 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ menten und Ergebnisse in den Konferenzbeiträgen weggelassen wurden, um so die Chance auf ein positives Werturteil zu erhöhen. Zusätzlich wies die Laborleiterin darauf hin, dass es wichtig sei, sich bewusst zu machen, an wen und für welches Publikum man den Konferenzbeitrag verfasst, damit der Beitrag möglichst gut an die Bewertenden und ihre Bewertungskriterien angepasst ist (BL4). Dieser Aspekt des Einholens von Informationen über die Bewertenden und ihre Bewertungskriterien wurde auch von einer Expertin während ihres Vortrags bei einer Veranstaltung des Mentorennetzwerks betont: „Mach eine Recherche über den Investor. Wie passt das Unternehmen zu Deiner Strategie? Sei dir bewusst, zum wem du sprichst. Wer ist der Investor? Wer entscheidet? Wer bezahlt oder schreibt den Scheck? Wen kümmert es? Das ist die wichtigste Frage. Und google alle von ihnen, google, was sie privat machen.“ (BM5, eigene Übersetzung aus dem Englischen) Insgesamt wird daher angenommen, dass Akteure im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte unterschiedliche, aber meist physische Orte wie Meetingund Konferenzräume zur Bewertung von Ideen nutzten und diese Orte im Verlauf des Prozesses aktiv aufsuchen. Hinsichtlich der situativen Einbettung dieser Orte kann auf Basis des empirischen Materials gesagt werden, dass die Orte der Bewertung immer eine situative Einbettung als Vorderbühne aufweisen, wobei grundsätzliche Regelstrukturen eingehalten, Informationen kontrolliert und das unmittelbare Zusammenspiel der Rollen durch das sozial-räumliche Arrangement vergegenwärtigt wird. 10.2 Hinterbühnen – Orte der Generierung Anders als die Orte der Bewertung mussten die erhobenen Orte der Generierung von den Akteuren meist nicht aktiv aufgesucht werden, sondern waren vielmehr Orte der alltäglichen wissenschaftlichen Arbeit wie Labore (z.B. BL1; BL9), Büros (z.B. BL1; IW6) und Mikroskopräume (z.B. BL3; BL12). Ähnlich wie bei den Orten der Bewertung (s.o.) konnten auch für die Orte der Generierung Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer situativen Einbettung im empirischen Material erhoben werden, wobei es in diesem Falle die Eigenschaften der Hinterbühne wie ein Mechanismus der Zugangskontrolle, das „aus der Rolle fallen“ und die Koordinierung und Abstimmung der zusammenarbeitenden Akteure (s. Abschnitt 5.3) war. Zur Illustration wird diesmal ein Auszug aus einer teilnehmenden Beobachtung in einem Labor herangezogen: ----- Im Büro des Laborleiters ----- B. [Name der Wissenschaftlerin] tritt ein und schließt die Tür. B. [Name der Wissenschaftlerin] und C. [Name des Laborleiters] setzten sich an den kleinen runden Tisch vorne im Büro. B. [Name der Wissenschaftlerin] legt die ausgedruckten statistischen Grafiken auf den Tisch und zählt mögliche Gründe auf, warum das Experiment nicht die erwarteten Ergebnisse hat. GESIS Schriftenreihe | Band 28 101 10 Die Orte der Generierung, Bewertung und des Testens […] C: „Das ist sehr komisch.“ B: „Ja, das habe ich auch gedacht.“ C: „Ist so wie es ist. Die Daten sind so wie sie sind.“ B: „Was machen wir jetzt?“ […] C: „Du hast es inhaltlich gut gemacht. Nicht frustriert sein.“ B: „Frustrierend ist es trotzdem.“ (BL1) In diesem Ausschnitt wird erkennbar, dass die Wissenschaftlerin noch vor dem Beginn der Diskussion die Tür bewusst hinter sich schließt, um so ungewollte Mithörer und Unterbrechungen zu vermeiden, was einer Zugangsbeschränkung entspricht. Im ersten Teil der Diskussion geht es dann vor allem darum neue Re-Interpretationen für die Ergebnisse zu generieren und Möglichkeiten der Anpassung zusammen zu entwickeln. Im späteren Verlauf sind dann nicht nur die wissenschaftlichen Daten, sondern auch die emotionale Eingebundenheit der Wissenschaftlerin Gegenstand der Interaktion, was einem „aus der Rolle fallen“ gleichkommt. Vertiefend konnte außerdem festgestellt werden, dass es zwischen den Orten der Bewertung und den Orten der Generierung meist zu einer geographischen Trennung kam, wobei jedoch auch zusätzliche Mechanismen der Zugangskontrolle wie eigene Schlüssel, ein Portier oder Schließberechtigungen für das Laborgebäude oder einzelne spezielle Laborräume beobachtet werden konnten (z.B. BL1; BL3; BL5). Auffällig ist hierbei, dass alle erhobenen Mechanismen physische Zugangskontrollen darstellten, was wiederum dazu passt, dass im empirischen Material kein virtueller Ort der Generierung erhoben werden konnte. Auf Nachfrage erwähnten jedoch einige Interviewte, dass die Möglichkeit zur virtuellen Generierung von Ideen generell bestünde, sie jedoch die physische Anwesenheit an einem physischen Ort bevorzugen (z.B. IW4; IW5; IP8). Die erhobenen (physischen) Zugangskontrollen ermöglichten den Akteuren dabei das Verlassen ihre zugeschriebene Rolle wie ein Akteur in der Funktion als Monitor und Projektleiter einer Zuliefererund Dienstleisterfirma sein unterschiedliches Verhalten erklärt: „Wenn ich Monitor [Vorderbühne] bin, muss ich halt die Vorgaben überprüfen und es muss alles exakt übereinstimmen mit den Regularien. Als Projektleiter [Hinterbühne] muss ich halt immer das Projekt im Auge behalten und dann muss ich halt auch schon mal vielleicht Fünfe gerade sein lassen. Oder eben anfangen, mir Dinge einfallen zu lassen, wie man das denn so lösen kann, dass die Regularien noch eingehalten sind, aber trotzdem das Projekt weitergehen kann.“ (IP2). 102 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ Hier wird erkennbar, dass die Zugangskontrolle vor allem das „aus der Rolle fallen“ sowie abweichendes Verhalten ermöglicht, so dass Ergebnisse und Probleme diskutiert (z.B. BE1, BE2; BL3; BL12; IW1c; IW5), Vorund Nachteile einer potenziellen Vorderbühne kollektiv abgewogen (BL2) und die Argumente für die (Selbst-) Darstellung auf der Vorderbühne abgestimmt und vorbereitet werden können (z.B. BL4; BM5). Auf Basis des empirischen Materials wird daher angenommen, dass die Akteure im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte vor allem Orte der alltäglichen wissenschaftlichen Arbeit zur Generierung von Ideen nutzen. Zusätzlich kann hinsichtlich der situativen Einbettung dieser Orte gesagt werden, dass sie die Eigenschaften einer Hinterbühne ausweisen, wobei es immer einen Mechanismus der Zugangsbeschränkung gibt, so dass „aus der Rolle gefallen“ und Re-Interpretationen generiert werden können. 10.3 Probebühnen – Orte des Testens Zusätzlich zu den Orten der Bewertung und Generierung konnten im empirischen Material auch Orte identifiziert werden, die die Akteure zum Testen von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte nutzten. Die situativen Einbettungen dieser Orte wiesen dabei sowohl Eigenschaften einer Vorderbühne als auch einer Hinterbühne in leicht abgewandelter Form auf. Ähnlich wie bei der situativen Einbettung als Vorderbühne kommt es an den Orten des Testens zum unmittelbaren Interaktionsgeschehen, wobei zugeschriebene Rollen und grundsätzliche Regelstrukturen eingehalten werden (z.B. BL4; BM8; IM1). Anders als auf der Vorderbühne kommt es jedoch zu keiner expliziten Bewertung mit alle ihren Konsequenzen, vielmehr wird von den bewertenden Akteuren konstruktives Feedback erwartet (z.B. BL4; BM2; BM8; IM1). Auch ließen sich zwei Eigenschaften der Hinterbühne, die Koordinierung und Abstimmung der zusammenarbeitenden Akteure sowie eine Zugangskontrolle, in allen situativen Einbettungen zum Testen von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte finden. Ähnlich zu den Eigenschaften der Vorderbühne konnte auch hier eine relevante Modifizierung dieser Eigenschaften erhoben werden, so dass weniger eine gemeinsame Generierung von Ideen im Fokus steht als vielmehr das konstruktive Feedback für die Anpassung und Re-Interpretation der Idee hinsichtlich späterer Bewertungskriterien (z.B. BM2; BM3; BM8). Ferner wiesen die situativen Einbettungen zum Testen immer auch einen Mechanismus der Zugangsbeschränkung auf, wobei anders als auf der Hinterbühne bewusst ausgewählten Akteure Zugang gewährt wurde (z.B. BM2; BM3; BM8; IM1). Durch diese Modifizierungen der Eigenschaften ähnelt die Interaktionssituation zum Testen von Ideen vielmehr einer Generalprobe, zu der ausgewählte Akteure Zugang haben, so dass die situative Einbettung zum Testen zwischen der verborgenen Vorbereitung der Rolle auf der Hinterbühne und der (Selbst-)Darstellung der Rolle auf der Vorderbühne verortet und daher nachfolgend als Probebühne bezeichnet wird. Zur Illustration dieser situativen Einbettung als Probebühne wird ein Zitat einer Interviewpartnerin herangezogen, die beschreibt, warum die Orte zum Testen von Ideen im GESIS Schriftenreihe | Band 28 109 11 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse Rollen verließen (s. Abschnitt 10.2). Zusätzlich zu den örtlichen Situationen der Generierung und Bewertung konnten empirisch auch Orte des Testens identifiziert werden. Dabei wiesen die situativen Einbettungen des Testens zum einen genau wie die Vorderbühne eine klare Rollenzuschreibung von Bewerteten und Bewertenden auf, wobei es jedoch zu keiner expliziten Bewertung mit alle ihren Konsequenzen kam, sondern vielmehr konstruktives Feedback von den bewertenden Akteuren erwartet wurde. Zum anderen wiesen die Orte des Testens genau wie die Hinterbühne immer einen Mechanismus der Zugangsbeschränkung auf, wobei anders als auf der Hinterbühne bewusst ausgewählte Akteure Zugang gewährt wurde. Durch ihre Verortung zwischen der Vorderund Hinterbühne wurde dieser Art der situativen Einbettung als Probebühne bezeichnet. Ferner konnten im empirischen Material auch vereinzelt funktionale Überschneidungen an Orten erhoben werden, so dass in diesen Fällen derselbe Ort sowohl zur Generierung, zur Bewertung oder zum Testen von Ideen genutzt wurde. Zur Vermeidung von Irritationen oder Fehlverhalten wurde in solchen Fällen die jeweilige situative Einbettung des Orts sowie der Wechsel zwischen den Bühnen explizit vergegenwärtigt. Rückbinden an die dritte Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen und virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren situativen Einbettungen gemein ist, kann gesagt werden, dass sich die Orte in pharmazeutischen F&E Projekten vor allem hinsichtlich ihres jeweiligen Settings unterscheiden. Wird die örtliche Situation als Hinterbühne zur Generierung von Neuem genutzt und ist dazu weitestgehend vor kritischen Bewertungen geschützt, wird die standardisierte Einbettung als Vorderbühne für kontrollierte Akte der Bewertung genutzt, wobei hierzu die Anwesenheit Dritter (bewertender Akteure) notwendig ist. Zusätzlich konnte außerdem das Phänomen der Probebühne empirisch identifiziert werden, auf denen sich in der Entwicklung befindliche Ideen getestet werden könne, ohne dass dabei bereits alle Konsequenzen der testhaften Bewertung getragen werden müssen. Im Vergleich der erhobenen örtlichen Situationen zeigte sich dann außerdem, dass es an manchen Orten zu funktionalen Überschneidungen kam, so dass zusätzlich angenommen wird, dass nicht nur der spezifische Ort, sondern auch seine situative Einbettung beeinflusst, ob an dem Ort Ideen generiert, getestet oder bewertet werden. Empirisches Fazit Rekurrierend auf die oben zusammengefassten Ergebnisse der empirischen Analyseschritte können insgesamt drei empirische Haupterkenntnisse formuliert werden. Das empirische Ergebnis, dass es in Projekten der forschenden Pharmaindustrie immer zu einem Zusammenspiel von Generierung und Bewertung kommt, wobei die Bewertung für den kreativen Prozess mindestens genauso zentral ist wie die Generierung von Neuem, stellt eine erste empirische Haupterkenntnis dar. Eine zweite empirische Haupterkenntnis sind die grundlegend unterschiedlichen Logiken von negativen und positiven Werturteilen, wobei negative Werturteile unverzichtbare Impulse zur Re-Interpretation liefern und somit ein erfolgreiches Durchlaufen des 110 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ kreativen Prozesses – zumindest für pharmazeutische F&E Projekte – erst ermöglichen. Das Ergebnis, dass die Entstehung und Bewertung von Neuem in Projekten der forschenden Pharmaindustrie nicht nur sozial, sondern auch lokal situiert passiert und analytisch klar zwischen Muster der Generierung, der Bewertung und des Testens differenziert werden kann, stellt die dritte Haupterkenntnis der empirischen Analyse dar. GESIS Schriftenreihe | Band 28 111 12 Diskussion und Implikationen 12 Diskussion und Implikationen In diesem abschließenden Kapitel werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit diskutiert und Implikationen abgeleitet. Hierzu werden in einem ersten Schritt die empirischen Erkenntnisse der Arbeit auf Basis der herangezogenen theoretischen Konzepte diskutiert, bevor in einem zweiten Schritt die Problematiken und Herausforderungen der Arbeit aufgezeigt und der Umgang mit ihnen skizziert wird. Daran anknüpfend wird der Beitrag der vorliegenden Arbeit zu den drei aufgezeigten Forschungslücken genauer betrachtet, wobei theoretische und methodische Implikationen abgeleitet werden. Diskussion zur ersten Forschungsfrage Zur theoretischen Annäherung an die erste Forschungsfrage, inwiefern der Verlauf des kreativen Prozesses zur Generierung unterschiedlicher Re-Interpretationen und zu variierenden Bewertungen der Idee führt, wurde ein kollektives Kreativitätsverständnis (z.B. Hargadon und Bechky 2006) gewählt (s. Kapitel 3). Zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Verlauf des kreativen Prozesses und darin ablaufenden Bewertungen wurde das Modell der Ideenreise (Perry-Smith und Mannucci 2017) sowie das Modell der relationalen Dynamiken (Ibert und Müller 2015) herangezogen. Die wesentlichen Befunde des theoretischen Rahmens bestätigend, konnte im empirischen Material vier Phasen sowie eine nicht-lineare Anpassung der Idee erhoben werden. Das zirkuläre Element der nicht-linearen Anpassung führte dabei nicht nur zur Generierung unterschiedlicher Re-Interpretationen, sondern zusätzlich zu einem sich modifizierenden kreativen Prozess. Die Annahmen des kollektiven Kreativitätsverständnisses (vgl. Garud et al. 2008; 2016; Fortwengel et al. 2017; Ibert et al. 2018) bestärkend führte die Nicht-Linearität wiederum zu einer Art Unvollständigkeit des Projekts. Zusätzlich konnte im empirischen Material allerdings auch einer de facto irreversible Phasenreihenfolge festgestellt werden, so dass der Verlauf des kreativen Prozesses, anders als im kollektiven Kreativitätsverständnis angenommen, in Anfang, Mitte und Ende differenziert werden konnte. Die de facto irreversible Abfolge der Phasen wurde dabei im empirischen Material vor allem durch epistemische Fakten, die in gewisser Weise epistemologische „pointsof-no-return“ darstellten, verstärkt. In Kombination beider empirischen Ergebnisse – der nicht-linearen Anpassung und der de facto irreversiblen Phasenreihenfolge – wird daher angenommen, dass der kreative Prozess pharmazeutischer F&E Projekte ähnlich wie im Phasenmodell von Ibert und Müller (2015, S. 184) sowohl zirkuläre (nicht-lineare) als auch lineare Elemente aufweist. Die linearen Elemente in Form von epistemischen Fakten ließen sich dabei genau wie im Phasenmodell von Ibert und Müller (2015, S. 185, 193) meist am Ende einer Phase finden, wohingegen die zirkulären Elemente in Form der nicht-linearen Anpassung vor allem innerhalb der einzelnen Phasen erhoben werden konnten. Die erhobene Kombination aus zirkulären und linearen Elementen führt in Projekten der forschenden Pharmaindustrie somit einerseits zu einer de facto irreversible Reihenfolge von Grundlagenforschung, 112 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ präklinischer Forschung, klinischen Studien und der Phase des Markteintritts und andererseits simultan zu einer nicht-linearen Anpassung der Idee innerhalb der einzelnen Phasen des kreativen Prozesses. Insgesamt kann somit auf Basis der empirischen Daten und anknüpfend an die theoretische Annäherung über das kollektive Kreativitätsverständnis (z.B. Hargadon und Bechky 2006) und die zur Vertiefung herangezogenen Phasenmodelle (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017) argumentiert werden, dass es im Verlauf des pharmazeutischen F&E Projekts zu einen Zusammenspiel von Entstehung und Bewertung von Neuem kommt, wobei im kreativen Prozess unterschiedliche Re-Interpretationen generiert und variierende Werturteile produziert werden. Mit Hilfe der beiden skizzierten Phasenmodelle (Ibert und Müller 2015; Perry-Smith und Mannucci 2017) konnte dabei ein detaillierterer Einblick in den Verlauf und in die einzelnen Phasen des kollektiven Kreativitätsprozesses erarbeitet werden, wobei das Modell von Ibert und Müller (2015) für die Abbildung von Projekten der forschenden Pharmaindustrie aus einer zeitlichen vom Ergebnis her organisierten Betrachtung (von der Idee zum Produkt) auf Grund der erhobenen Rekursivität (linearer und zirkulärer Elemente) des kreativen Prozesses treffender erscheint als das Modell von Perry-Smith und Mannucci (2017). Diskussion zur zweiten Forschungsfrage Für die zweite Forschungsfrage, inwiefern negative und positive Werturteile unterschiedliche Logiken in kreativen Prozessen ausprägen, wurde eine pragmatische Perspektive auf Wert und Bewertung (z.B. Boltanski und Thévenot 2006; Stark 2009; Hutter und Stark 2015) als Ausgangpunkt für die theoretische Annäherung gewählt. Darauf aufbauend wurden die zentralen Aspekte der pragmatischen Perspektive – die Simultanität multipler Bewertungskriterien und die situative Einbettung der Wertaushandlung – genauer betrachtet, wobei zusätzlich die analytische Unterscheidung von Mitteln und Zwecken und der Gedanken der Endgültigkeit zur vertiefenden theoretischen Analyse genutzt wurde. Empirisch konnte den Hinweisen aus dem theoretischen Rahmen entsprechend grundlegend unterschiedliche Konsequenzen von positiven und negativen Werturteilen im kreativen Prozess identifiziert werden. Ähnlich zu den Ergebnissen einzelner Studien aus dem Bereich des Lernens (z.B. Christianson et al. 2009; Madsen und Desai 2010; Khanna et al. 2016), wonach Akteure effektiver aus Misserfolgen als aus Erfolgen lernen, konnte empirisch gezeigt werden, dass negative Werturteile trotz der restriktiven Bedingungen für die forschenden Pharmaindustrie nicht notwendiger Weise zum Abbruch des Projekts führen, sondern vielmehr einen unverzichtbaren Impuls zur Re-Interpretation implizierten. Diese empirisch erhobene Unverzichtbarkeit negativer Werturteile ähnelt auch den Erkenntnissen der skizzierten Phasenmodelle, bei dem vor allem das Modell der relationalen Dynamiken (Ibert und Müller 2015) die zentrale Bedeutung kognitiver Distanz und relationaler Rivalität in kreativen Prozessen hervorhebt. Auch entspricht die identifizierte Logik des Ausschlusses durch negative Werturteile den Feststellungen, dass zum einen erst durch die Wahrnehmung einer Situation als pro- GESIS Schriftenreihe | Band 28 113 12 Diskussion und Implikationen blematisch (negatives Werturteil) ein Wunsch zur Transformation (Dewey 1939, S. 33, 48f., 54f.) entsteht und zum anderen, dass Spannungen und Konflikte eine zentrale Bedingung zur Schaffung von Neuem sind (z.B. Stark 2009; De Vaan et al. 2015; Hutter und Stark 2015). Für positive Werturteile konnte empirisch hingegen analog zu den Erkenntnissen des Phasenmodells von Ibert und Müller (2015, S. 193), dass epistemisch Fakten im nachfolgenden kreativen Prozess nicht einfach negligiert werden können, eine Logik der temporären Schließung erhoben werden. Zusätzlich konnte ähnlich zu Ibert und Müller (2015) auch gezeigt werden, dass epistemische Fakten, sobald sie einmal produziert waren, situationsunabhängig existierten. Beeinflusst durch die unterschiedlichen Logiken der Werturteile und die Simultanität multipler Bewertungskriterien konnte im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte auch ein Zusammenspiel von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen erhoben werden. Kongruent zu Stark (2009, S. 11, 28) konnte dabei einerseits gezeigt werden, dass die Simultanität multipler Bewertungskriterien die Möglichkeit bietet, Neues zu generieren und reflexiv durch unbekanntes Terrain zu navigieren. Andererseits konnten im empirischen Material auch mehrere restriktive Bewertungskriterien erhoben werden, die den Akteuren vergleichbar zu Boltanski und Thévenot (2006, S. 74ff.) als eine Art universalistische Bewertungsund Rechtfertigungsgrundlage dienten. Beispielsweise konnte empirisch gezeigt werden, dass restriktive Bewertungskriterien nicht nur als Grundlage der Wertaushandlung, sondern darüber hinaus auch als Grundlage für kalkulierende Handlungen wie beispielsweise zur Ausrichtung des Projekts als first-in-class Projekt genutzt wurden. In Kombination der empirischen Ergebnisse wird daher angenommen, dass die Simultanität multipler Bewertungskriterien im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte sowohl eine zentrale Bedingung zur Schaffung von Neuem (Stark 2009, S. 11ff., 17ff., 25ff., 35) als auch auf Basis von restriktiven Bewertungskriterien eine Art universalistische Bewertungsund Rechtfertigungsgrundlage (Boltanski und Thévenot 2006, S. 74ff.) darstellt, die sowohl das reflexive Navigieren durch unbekanntes Terrain (Stark 2009, S. 11) als auch kalkulierende Handlungen (Boltanski und Thévenot 2006, S. 77) ermöglicht. Des Weiteren konnte anhand des Zusammenspiels von negativen und positiven Werturteilen gezeigt werden, dass anders als theoretisch angenommen (z.B. Drazin et al. 1999; Godechot 2009; Lingo und O‘Mahony 2010; Ibert et al. 2018), die Veränderung der situativen Einbettung durch den Übergang in die nächste Phase nicht zu einer Wiederbelebung des situativ ausgehandelten Kompromisses zwischen den multiplen Bewertungskriterien führte. Vielmehr konnte empirisch eine Wert-Fixierung in Form eines epistemischen Fakts erhoben werden, so dass es beim Übergang in die nächste Phase des kreativen Prozesses zwar zur Veränderung der situativen Einbettung und zur Ent-Wertung der Idee kam, der situativ fixierte Wert jedoch nicht neu verhandelt, sondern vielmehr aktiv überwunden wurde. Analog zum Gedanken der Endgültigkeit (Dewey 1939, S. 25, 43ff.) konnte mit dem Zusammenspiel von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen außerdem gezeigt werden, dass die Wert-Fixierung meist am Ende einer Phase zwar die jeweilige phasenspezifische Wertaushandlung abschloss, den Wert des Projekts jedoch nur temporär stabilisierte. Ähnlich zu der Annahme einer Art Unvollständigkeit des kollektiven Kreativitätsprozesses (vgl. Ga- 114 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ rud et al. 2008, 2016; Fortwengel et al. 2017; Ibert et al. 2018) konnte empirisch außerdem gezeigt werden, dass auch der Wert eines pharmazeutischen F&E Projekts kein kohärentes Ganzes darstellt, sondern von den Akteuren vielmehr ausgehandelt, fixiert, ent-wertet, aktiv überwunden und modifiziert werden muss. Somit kann auf einer pragmatischen Perspektive (vgl. Boltanski und Thévenot 2006; Stark 2009; Hutter und Stark 2015), der Betrachtung der Simultanität multipler Bewertungskriterien, der situativen Wertaushandlung sowie auf den empirischen Daten basierend argumentiert werden, dass negative und positive Werturteile in pharmazeutischen F&E Projekten grundsätzlich unterschiedliche Logiken ausprägen, wobei negative Werturteile durch ihren Impuls zur Re-Interpretation für den kreativen Prozess unverzichtbar sind. Die Fokussierung der Simultanität multipler Bewertungskriterien und die Betrachtung der situativen Wertaushandlung verhalfen dabei außerdem zur Identifizierung eines Zusammenspiels von Ent-Wertungen und Wert-Fixierungen, wobei die multiplen Bewertungskriterien sowohl zur Generierung von Neuem (vgl. Stark 2009) als auch als universalistische Bewertungsund Rechtfertigungsgrundlage für kalkulierende Handlungen (Boltanski und Thévenot 2006) genutzt wurden. Beeinflusst durch das Zusammenspiel von negativen und positiven Werturteilen kam es dabei jedoch nicht wie theoretisch angenommen zu einer Wiederbelebung von situativ ausgehandelten Kompromissen (z.B. Drazin et al. 1999; Godechot 2009; Lingo und O‘Mahony 2010; Ibert et al. 2018), sondern vielmehr zu einer aktiven Überwindung des vorher fixierten Werts, so dass die jeweilige phasenspezifische Wertaushandlung abgeschlossen, der Wert der Idee jedoch nur temporär stabilisiert wurde. Diskussion zur dritten Forschungsfrage Zur Annäherung an die dritte Forschungsfrage, inwiefern sich die von den Akteuren genutzten (physischen oder virtuellen) Orte zur Generierung und Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen unterscheiden und was ihren jeweiligen situativen Einbettungen gemein ist, wurden vor allem die wirtschaftsgeographischen Debatten um Nähe, Distanz und Kopräsenz genutzt. Ergänzend wurden Studien der STS Studies herangezogen, um die zweiträumlichen Bedingungen der Entstehung und Bewertung von Neuem vertiefend zu betrachten, wobei vor allem auf die Laborstudien (Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981; Lynch 1985) und ihre Arbeitsplatzethnographien zurückgegriffen wurde. Für die mikroanalytische Erhebung der örtlichen Situationen wurde das Konzept der Rahmung von Goffman (1976) mobilisiert, da die wirtschaftsgeographischen Konzepte der Kollokation, Nähe und Distanz auf unterschiedliche Art und Weise (teilweise) nicht ausreichten, um die Nutzung und den Wechsel zwischen unterschiedlichen situativen Einbettungen, Orten und Interaktionen vertiefend zu betrachten (s. Abschnitt 5.2). Mit der mikroanalytischen Betrachtung der situativen Einbettung von Interaktionen und der Fokussierung der Orte von Interaktionen erfüllt das Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977) die formulierten Ansprüche für den mikroanalytischen Vergleich. Allerdings betrachtet das Konzept der Rahmung ausschließlich Interaktionen in unmittelbarer GESIS Schriftenreihe | Band 28 115 12 Diskussion und Implikationen physischer Präsenz, so dass für die vorliegende Arbeit um virtuelle Interaktionen erweitert wurde, so dass sowohl physische als auch virtuelle Orte (z.B. virtuelle Labore) und ihre situativen Einbettungen im kreativen Prozess betrachtet werden konnten (s. Abschnitt 5.3). Anders als theoretisch vermutet (vgl. Campos-Castillo 2012; Grabher und Maintz 2007; Grabher et al. 2018) konnte im empirischen Material nur ein einziger virtueller Ort der Bewertung und kein virtueller Orte der Generierung erhoben werden, obwohl einige Interviewte jedoch die Möglichkeit der virtuellen Entstehung von Neuem auf Nachfrage bestätigten, simultan jedoch äußerten, dass sie die (temporäre) physische Anwesenheit zur Generierung von Ideen bevorzugen. Physische Orte der Generierung und Bewertung konnten hingegen auf Basis des empirischen Materials mehrfach erhoben werden, wobei vor allem Labore, Büros und Mikroskopräume zur Generierung und Meetingoder Konferenzräume meist zur Bewertung genutzt wurden. Auffällig ist herbei, dass es vor allem funktionelle Orte sind, die die Akteure in pharmazeutischen F&E Projekten zur Entstehung von Neuem nutzen, was unter anderem an der engen Kopplung zwischen Arbeitsobjekt (z.B. Zellen, Viren, Bakterien) und Akteur liegen kann (vgl. Melchior et al. 2020). Hinsichtlich des Einflusses der situativen Einbettung auf die Entstehung und Bewertung von Neuem konnten die wesentlichen Befunde einiger wirtschaftsgeographischer Studien (z.B. Grabher und Ibert 2014) sowie die Ergebnisse der Laborstudien (Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981a; Lynch 1985) empirisch bestätigt werden. Ähnlich zu Livingstone (2003, S. 18, 25ff.) konnte dabei empirisch gezeigt werden, dass nicht nur die situative Einbettung die Generierung und Bewertung von Ideen beeinflusst, sondern dass die Akteure hierzu bewusst unterschiedliche situative Einbettungen nutzten. Ähnlich zu einigen STS Studien (vgl. Kohler 2002; Henke und Gieryn 2008) konnte dabei eine Standardisierung dieser situativen Einbettungen festgestellt werden, wobei die örtlichen Situation zur Bewertung einer Vorderbühne (Goffman 1976, S. 100), die zur Generierung einer Hinterbühne (Goffman 1976, S. 104) und die zum Testen einer Probebühne entsprachen. Ferner konnte ähnlich zu den Ergebnissen von Livingstone (2003, S. 23f.) und einigen STS Studien (z.B. Henke und Gieryn 2008, S. 360f.) funktionale Überschneidungen an einzelnen Orten empirisch erhoben werden, so dass derselbe Ort sowohl zur Generierung, Bewertung oder zum Testen von Ideen genutzt wurde. Kongruent zu den theoretischen Annahmen (vgl. Goffman 1976, 1977; Lenz 1991; Hettlage 2007) wurde dabei die jeweilige situative Einbettung sowie der Wechsel zwischen den situativen Einbettungen durch die Akteure oder die Veränderung des sozial-räumlichen Arrangements vergegenwärtigt. Dabei zeigten die empirisch gefundenen funktionalen Überschneidungen ähnlich zu den Erkenntnissen einiger STS Studien (z.B. Kohler 2002; Amsterdamska 2008; Henke und Gieryn 2008), dass nicht nur der spezifische Ort, sondern auch seine situative Einbettung als Vorder-, Hinteroder Probebühne die Funktion des Orts im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte beeinflusst. Insgesamt kann somit auf Basis wirtschaftsgeographischer Studien (z.B. Livingstone 2003; Grabher und Ibert 2014), der Erweiterung durch Studien der STS Studies (z.B. Latour und Woolgar 1979; Knorr Cetina 1981; Lynch 1985), dem Konzept der Rahmung (Goffman 1971, 1976, 1977) und den empirischen Daten argumentiert 116 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ werden, dass sich die Orte der Generierung und Bewertung vor allem hinsichtlich ihrer jeweiligen situativen Einbettung unterscheiden, wobei zusätzlich analytisch klar differenzierbare Muster der Generierung, der Bewertung und des Testens erhoben werden konnten. Darauf aufbauende kann außerdem argumentiert werden, dass auch im Bereich der analytischen Wissensbasis die Wissensproduktion nicht allein universell gültigen Protokollen folgt, sondern auch einen performativen Charakter aufweist, der durch die Zusammensetzung der Akteuren, ihren persönlichen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen geprägt ist. Grenzen und Herausforderungen Bevor auf Grundlage der oben diskutierten Ergebnisse jedoch Implikationen abgeleitet werden, werden nachfolgend zuerst die theoretischen, methodischen und empirischen Grenzen und Herausforderungen der vorliegenden Arbeit betrachtet. Die theoretischen Grenzen ergeben sich dabei vor allem aus der themenspezifischen Konstruktion des konzeptionellen Rahmens. Dabei führte dieses Vorgehen zum Einbezug von sehr unterschiedlicher Literatur und unterschiedlichster Debatten, so dass es im theoretischen Rahmen zu kleineren und größeren Brüchen auf Grund unterschiedlicher disziplinärer Forschungstraditionen kommt. Beispielsweise wurden wirtschaftsgeographische Debatten, die disziplinär vor allem systemische Aggregate analysieren, durch Erkenntnisse der STS Studies ergänzt, die sich traditionell primär mit (Arbeits-)Praktiken auseinandersetzen (s. Abschnitt 5.1). Zusätzlich wurde für beide disziplinär-geprägten Zugänge zu Kreativität über die Wirtschaftsgeographie (s. Abschnitt 1.1) und über die Valuation Studies (s. Abschnitt 1.2) auf Verkürzungen und Reduzierungen zurückgegriffen. Für ersteren wurden beispielsweise weniger die Brüche zwischen den Debatten der knowledge production, knowledge creation, knowledge exchange, learning und Kreativität als vielmehr ihre übergeordneten Gemeinsamkeiten bei der Generierung von Wissen oder künstlerischem Inhalt betont. Ähnliches gilt auch für den disziplinär-geprägten Zugang über die Valuation Studies mit seinen acht Hauptsträngen (s. Abschnitt 4.1) sowie für die gewählte pragmatische Perspektive, in der zwar punktuell ein Unterschied zwischen dem französischem und amerikanisch geprägten Pragmatismus aufgezeigt wurde, für die nachfolgende Argumentation dann aber vor allem die Gemeinsamkeiten hervorgehoben wurden (s. Abschnitt 4.2). Diese theoretische Problematik, dass weniger die Brüche zwischen den Forschungstraditionen diskutiert, sondern vielmehr auf Verkürzungen und Reduzierungen zurückgegriffen wurde, ist der Herausforderung eines themenspezifisch-konstruierten und trotzdem kohärenten konzeptionellen Rahmens geschuldet. Dabei wurde sich in der vorliegenden Arbeit für einen themenspezifisch-konstruierten und trotzdem kohärenten konzeptionellen Rahmen und gegen die diskursive Auseinandersetzung mit den kleinen und großen Brüchen entschieden, da vor allem die implizite Komplementarität zwischen den Debatten zur Generierung und den Debatten zur Bewertung von Neuem aufgebrochen und miteinander verknüpft werden sollten. GESIS Schriftenreihe | Band 28 117 12 Diskussion und Implikationen Dem konzeptionellen Rahmen und dem Forschungsinteresse entsprechend wurde ein multimethodisches Vorgehen auf Basis des methodischen Situationismus gewählt, wobei für die empirische Erhebung Experteninterviews und teilnehmenden Beobachtungen kombiniert wurden. Mit der Wahl einer qualitativen und mikroanalytischen Erhebungsstrategie wurden jedoch auch Problematiken des subjektiven Einflusses, einem nicht klar abgrenzbaren Geltungsbereich (vgl. Behnke et al. 2006; Mieg und Näf 2006; Gläser und Laudel 2009) sowie die unvermeidbare selektive und subjektive Reduktion der sozialen Komplexität (vgl. Girtler 2001; Schöne 2005; Münst 2010) erkauft. Insgesamt konnten die Problematiken einer qualitativen Erhebungsstrategie in der vorliegenden Arbeit nicht gelöst werden. Um jedoch wenigstens die jeweiligen Grenzen und Problematiken der gewählten Erhebungsmethoden abzuschwächen wurde eine Methodenund Datentriangulation genutzt, die die Erkenntnismöglichkeiten erweiterte, eine systematische Verknüpfung der unterschiedlichen Daten ermöglichte und gleichzeitig eine Möglichkeit zum Umgang mit unterschiedlichen Logiken der Erhebungsmethoden (Akteure versus Situationen) aufzeigte (s. Abschnitt 6.2). Darüber hinaus wurde bei den Experteninterviews über die Art der Unternehmen und über die Funktion der Akteure gestreut, um so die Problematik einer kleinen bewussten Auswahl bei den Experteninterviews zu relativieren. Auch wurde bei den teilnehmenden Beobachtungen sowohl mit stationären und multilokalen Formen der Beobachtung gearbeitet sowie unterschiedliche zeit-räumliche Kontexte wie Labore, Veranstaltungen und Entscheidungsrunden zur Erhebung genutzt wurden, um das methodische Problem eines relativ geringen Erhebungszeitraums abzuschwächen. In beiden Fällen kam es jedoch zu einer (teilweise bewusst erzeugten) ungleichen Verteilung der Falltypen (s. Abschnitt 6.1). Zusammenfassend konnten somit zwar einige methodische Problematiken abgeschwächt werden, doch bleiben die Reduktion der sozialen Komplexität, eine geringe Fallzahl, ein relativer kurzer Beobachtungszeitraum sowie eine ungleiche Verteilung der Falltypen für die vorliegende Arbeit als methodische Grenzen und (teilweise) ungelöste Herausforderungen bestehen. Darüber hinaus implizierte auch das empirische Feld der forschenden Pharmaindustrie mit seinen extreme Vertraulichkeitssowie Sicherheitsanforderungen und der Notwendigkeit von substanziellem Vorwissen zur Interpretation der Daten zwei besondere empirische Herausforderungen (s. Abschnitt 6.1). Der erschwerte Zugang zum empirischen Feld konnte jedoch insoweit relativiert werden, als dass Experteninterviews zur Akquise von Zugängen zu teilnehmenden Beobachtungen und vice versa genutzt wurden und mit der Unterzeichnung von mehreren Geheimhaltungsund Verschwiegenheitserklärungen, einer ärztlichen Bestätigung der Eignung zum Aufenthalt im Labor, Verhaltensund Sicherheitsunterweisungen und einem eigenen Laborschlüssel ein weitestgehend uneingeschränkter Zugang hergestellt werden. Die zweite Herausforderung des spezifisches Hintergrundwissen konnte insofern relativiert werden, als dass Informationen aus den Experteninterviews sowie immanente Nachfragen bei den teilnehmenden Beobachtungen für eine sinnvolle Interpretation genutzt wurden. Zwar bleibt zu vermuten, dass einzelne Nuancierungen von Argumenten trotz der Aneignung eines substanziel- 118 GESIS Schriftenreihe | Band 28 Alice Melchior | Neu, wertvoll, kreativ len Vorwissens während der teilnehmenden Beobachtungen vom Beobachter nicht erfasst werden konnten, dieses aber für eine Interpretation der Daten im Sinne des Forschungsinteresses ausreichte. Zusätzlich wurde mit der Wahl der forschenden Pharmaindustrie ein Beispiel gewählt, dass zwar seit Jahrzehnten vom quasi universell gewordenen Imperativ der Kreativität betroffen ist, dessen Grundvoraussetzungen jedoch einen sehr speziellen Kontext für die Analyse des Forschungsinteresses darstellen. So können pharmazeutische F&E Projekte zwar als Motor des branchenspezifischen Fortschritts mit anderen F&E Projekten in wissensund forschungsintensiven Industrien wie der Automobilindustrie, der Luftund Raumfahrttechnik oder der Branche der Elektronik und Optik (vgl. EFI 2020) verglichen werden, doch bleibt der kreative Prozess durch seine außergewöhnlich niedrige Erfolgsquote65 und seine teilweise stark restriktiven Bewertungskriterien auch im Vergleich zu nicht wissensund forschungsintensive Industrie wie der Filmproduktion oder Risikokapitalgebern einzigartig. Somit ist der kreative Prozess pharmazeutischer F&E Projekte mit seinen systemisch stark heterogenen und restriktiven Grundvoraussetzungen insgesamt nur schwer mit anderen kreativen Prozessen vergleichbar, doch bietet dieser im Gegenzug einen ganz außergewöhnlichen und einzigartigen Kontext für die Analyse des Forschungsinteresses, der die Relevanz der Bewertung von Ideen in kreativen Prozessen betont. Beiträge und Implikationen Trotz der oben aufgezeigten theoretischen, methodischen und empirischen Problematiken der vorliegenden Arbeit, können insgesamt drei Hauptbeiträge der Arbeit zu den aufgezeigten Lücken sowie theoretische und methodische Implikationen abgeleitet werden. Erstens konnte mit der Verknüpfung der bisher meist separiert betrachteten Diskurse um Kreativität (Entstehung oder Bewertung) mit der vorliegenden Arbeit ein erster Ansatz zur Überwindung der tendenziellen Reduzierung von Kreativität auf die Generierung von Neuem sowohl für die wirtschaftsgeographische als auch für die sozialwissenschaftliche Kreativitätsforschung erarbeitet werden. Auch konnte mit dem theoretischen Aufbrechen der impliziten Komplementarität gezeigt werden, dass erst durch die gemeinsame Betrachtung der integralen Bestandteile von Kreativität – Generierung und Bewertung – eine umfassendere Konzeptualisierung von Kreativität und kreativen Prozessen vorangetrieben werden kann, die die Komplexität von kreativen Prozessen abzubilden vermag. Zweitens konnte mit der vertiefenden Betrachtung von Bewertungen und der analytischen Differenzierung zwischen negativen und positiven Werturteilen gezeigt werden, dass negative und positive Werturteile grundlegend unterschiedliche Logiken im kreativen Prozess ausprägen, wobei negative Werturteile unverzichtbare Impulse zur Re-Interpretation 65 Ein Interviewpartner sprach von einer Fehlerquote von 99%, was einer Erfolgsquote von einem Prozent entspricht und damit noch niedriger ist als die in der Literatur identifizierten vier Prozent. GESIS Schriftenreihe | Band 28 125 Referenzen Farías, I., & Blok, A. (2017). STS in the City. In U. Felt, R. Fouché, C. A. Miller, & L. Smith-Doerr (Hrsg.), The Handbook of Science and Technology Studies (S. 555-581). 4. Auflage. Cambridge, London: MIT Press. Fasche, M. (2017). Making Value and Career Building in the Creative Economy: Evidence from Contemporary Visual Art. Cham: SpringerBriefs in Geography. Faulconbridge, J. (2010). 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Tätigkeiten der Akteure Protokolliert werden sollten im besten Fall: Tätigkeitsbeschreibung Handgriffe/ Bewegungen der Akteure Verhalten der Akteure Immanente Nachfragen nach den Tätigkeiten, wenn Besonderheiten auffallen oder einzelne Aspekte nicht nachvollzogen werden können. Inhalt und Verlauf von Interaktionen Protokolliert werden sollten im besten Fall: Wer interagiert mit wem? Wie läuft die Interaktion ab? Was ist der Inhalt der Interaktion? Abwägen zwischen einer direkten und indirekten Protokollierung Situativ relevante erscheinenden Aspekte/ Aussagen möglichst wörtlich festhalten Gibt es Unterbrechungen oder mehrere Sequenzen der Interaktion? Immanente Nachfragen nach dem Inhalt der Interaktion, wenn Besonderheiten auffallen oder einzelne Argumente nicht nachvollzogen werden können. Situative Einbettung der Orte Protokolliert werden sollten im besten Fall: Bezeichnung des Orts (z.B. Konferenzraum) Räumliche Merkmale des Ortes Anwesende Akteure Welche Tätigkeit steht im Fokus der Akteure? Veränderungen der Assemblage von Akteuren und Dingen Nach der Beobachtung Zeitnahe Aufbereitung der Feldnotizen, Interaktionsund Bewegungsprotokolle - Digitalisierung der Daten Schriftenreihe Schriftenreihe ISBN 978-3-86819-048-9 (print) ISBN 978-3-86819-047-2 (eBook) ISSN 1869-2869 15,- EUR Band 28 Neu, wertvoll, kreativBand 28 Alice Melchior Neu, wertvoll, kreativ Die Generierung und Bewertung von Ideen im kreativen Prozess pharmazeutischer F&E Projekte Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zur interdisziplinär geführten Debatte um die Möglichkeit zur Organisation von kreativen Prozessen. Am Beispiel von pharmazeutischen Forschungsund Entwicklungsprojekten betrachtet die Arbeit den Stellenwert von Bewertungen in kreativen Prozessen sowie die Leerstelle zwischen zwei disziplinär geprägten Zugängen zu Kreativität. Analysieren die Wirtschaftsgeographie und die Organisationsforschung vor allem die Bedingungen zur Entstehung von Neuem und vernachlässigen dabei die Relevanz des Bewertens, fokussiert eine wirtschaftssoziologische Tradition der „Valuation Studies“ hingegen vor allem die Bewertung von Neuem, wobei Bewertungen in Zusammenhang mit Kreativität nur selten adressiert werden. Vor diesem Hintergrund geht die Arbeit drei zusammenhängenden Forschungsfragen nach: Wann im kreativen Prozess findet welche Art von Bewertung statt; wie spielen dabei negative und positive Werturteile zusammen; und wo, also an welchen Orten, wird bewertet? Basierend auf den erhobenen qualitativen Daten (25 Experteninterviews und 116,5h Beobachtungen) werden drei Hauptergebnisse formuliert. Erstens, dass es in kreativen Prozessen immer zu einem Zusammenspiel von Generierung und Bewertung kommt, wobei die Bewertung von Neuem für den kreativen Prozess genauso zentral ist wie die Generierung von Neuem, so dass die beiden integralen Bestandteile von Kreativität vermehrt gemeinsam betrachtet werden sollten. Zweitens, dass negative und positive Werturteile grundlegend unterschiedliche Logiken ausprägen, wobei negative Werturteile unverzichtbare Impulse zur Reinterpretation liefern und somit ein erfolgreiches Durchlaufen des kreativen Prozesses – zumindest für pharmazeutische F&E Projekte – erst ermöglichen. Drittens, dass die Entstehung und Bewertung von Neuem nicht nur sozial, sondern auch lokal situiert passiert, wobei analytisch klar differenzierbare Muster der Generierung, der Bewertung und des Testens erhoben wurden. Dies zeigt wiederum, dass auch im Bereich der analytischen Wissensbasis die Wissensproduktion nicht allein universell-gültigen Protokollen folgt, sondern auch einen performativen Charakter aufweist, der durch die Konstellation der Akteure, ihren persönlichen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen geprägt ist. This work adds to the interdisciplinary debate about the possibility of organizing creative processes. Using the example of pharmaceutical research and development projects the significance of valuations in creative process and the gap between two disciplinary approaches are examined. While economic geography and organizational research focus primarily on the conditions for the emergence of novelty and thereby neglect the relevance of valuation, the second approach, which is shaped by an economic sociological tradition, focuses on the valuation of novelty („Valuation Studies“), whereby valuations are rarely addressed in connection with creativity. Against this background, this work explores three related research questions: When in the creative process does what kind of valuation take place; how do negative and positive valuations interact in creative processes; and where, in which places, is valuation happening? Based on the qualitative data (25 expert interviews and 116.5h observations), three main findings are formulated. First, that creative processes always include an interplay of generation and valuation, whereby the valuation of novelty is as central as the generation of novelty, so that the two integral parts of creativity should be considered together more often. Second, that negative and positive valuations exhibit fundamentally different intrinsic logics. In particular, negative valuations provide indispensable impulses for reinterpretation and thus enable a successful course of the creative process – at least for pharmaceutical R&D projects. Third, that the generation and valuation of novelty does not only take place socially but also locally situated, whereby analytically clearly differentiable patterns of generation, valuation and testing were detected. This in turn shows that even in terms of the analytical knowledge base, knowledge production does not exclusively follow universally valid protocols, but also has a performative character, which is shaped by the composition of the group of actors, their personal idiosyncrasies, preferences and aversions.