Jenseits von Stierkampf und Flamenco: Sevilla, Traditionssubjekte und Räume der Erinnerung in Julio Muñoz Gijóns "El asesino de la regañá"
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© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Andersheit –Fremdheit –Ungleichheit Erfahrungen vonDisparatheit in der deutschsprachigen Literatur Band 9 Herausgegeben von PawełZimniak und Renata Dampc-Jarosz
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Wolfgang Brylla /Maike Schmidt (Hg.) Der Regionalkrimi Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen Mit einer Abbildung V&Runipress
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar. Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Universität Zielona Góra. © 2022 Brill | V&R unipress, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich) Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck &Ruprecht, Böhlau und V&R unipress. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Umschlagabbildung: © Ewa Popiłka Vandenhoeck &Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com ISSN 2699-7487 ISBN 978-3-8470-1436-2
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Inhalt Wolfgang Brylla /Maike Schmidt Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen des Regionalkrimis. Zur Einleitung ................................. 9 (Historischer) Überblick über das Genre Regionalkrimi Jochen Vogt (Universität Duisburg-Essen) Regionalität und Modernisierunginder neuesten deutschsprachigen Kriminalliteratur (seit 1990). Nebst einigen Lektüreempfehlungen .... 19 Werner Jung (Universität Duisburg-Essen) Von Essen nach Dortmund und wieder zurück. Ein kleiner Überblick über den Ruhrgebietskrimi.......................... 47 Kartierungen des Regionalkrimis:Genretheoretische Überlegungen Thomas Kniesche (Brown University, Providence/Rhode Island) Das Grauen auf dem lächelnden Land:Erkundung des Kritischen Regionalkrimis am Beispiel von Uta-Maria Heims Glücklich ist, wer nicht vergißt ..................................... 75 Andrea Kreuter (Universität Wien) Überlegungen zu einer Genrepoetologie des Regionalkriminalromans..99 Ina Schenker (Universität Bremen) Spuren der Globalisierung:Ein transkultureller DNA-Abgleich zwischen den Schweinfurter Kriminalromanen von Lothar Reichelund Ulrike Barows Baltrum-Krimis ............................123
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Wolfgang Brylla (Universität Zielona Góra) Morde im Grenzland. Gattungstheoretische Überlegungen zum deutsch-polnischen »Grenzkrimi« ......................147 Tatort:Dorf Bettina Wild (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) / Melanie Wigbers (Pädagogische Hochschule Heidelberg) »Du erfährst nichts, gar nichts.« Das SchweigeninDorfgeschichte und Dorfkriminalroman ..............................175 Cezary Lipin ´ski (Universität Zielona Góra) Frühe deutsche Kriminalgeschichten mit fingiertem Regiotouch am Beispiel von Karl von Holteis Schwarzwaldau (1856) ............189 Globalisierung im Regionalkrimi Sandra Beck (Universität Mannheim) Ermitteln, was der Fall ist:Rassismus. Noah Sows Die Schwarze Madonna. Afrodeutscher Heimatkrimi (2019)................213 Bruno Arich-Gerz (RWTH Aachen University) Der andere Tatort, oder:Von Leipzig und Namibia. (Neo-)Koloniale Afrika-Topoi in deutschen TV-Krimiserien .................235 Melanie Stralla (Bergische Universität Wuppertal) Von Nostradamus bis Mistral:Provence-Krimis zwischen Stereotypisierung und Kulturtransfer ....................247 Jennifer Grünewald (Universität Freiburg) / Hanna Rinderle (Universität Freiburg) Wodka, Wein und Antiquitäten. Zur unterschiedlichen Darstellung fremder und vertrauter Regionen bei Jan Mårtenson ............263 Stadt als Akteur Hanspeter Affolter (Universität Bern) Kein Mitleid für das Opfer.Felix Mettlers Der Keiler (1990) als Zürcher Regionalkrimi .................................291 Inhalt6
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Nikolas Buck (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) Im Dschungel von Spree-Chicago. Zur handlungskonstitutiven Bedeutung des Raums in Volker Kutschershistorischem Berlin-Krimi Der nasse Fisch ......................................317 Elisa Garrett (Universität Bayreuth) Harzkrimi –Lokalität und Lokalpolitik unter dem Deckmantelder Narration ....................................345 Leopoldo Domínguez (Universidad de Sevilla) / Eva Parra-Membrives (Universidad de Sevilla) Jenseits von Stierkampf und Flamenco:Sevilla, Traditionssubjekte und Räume der Erinnerung in Julio Muñoz Gijóns El asesino de la regañá ..371 Autorenverzeichnis ..............................391 Inhalt 7
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© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 einfallsreichen Parodie, die für die Leser aus vielen Szenen amerikanischer Krimiserien bekannt sind28,indenen das Polizeioberhauptdaran erinnert, dass er selbst vonh öheren Instanzen zur Rechenschaftg ezogen wird, sollte er den Fall nicht befriedigend lösen, ersetzt Muñoz Gijón in seinem Roman den Bürgermeister durch das Oberhaupt der religiösen Zünfte sowie andere lokale vermutlich einflussreiche Personen wie die Hotelführer und Taxifahrer Sevillas, die in der sehr besuchten Karwoche besondersaktiv in der Stadt sind. --Estamos acojonados. Quedamenos de un mes para la Semana Santa de Sevilla […]he estadohablando con el presidentedelaAsociación de Hoteleros Sevillanos. Me ha pedido explicaciones […]. Yaún tengo que hablar con los hermanos mayoresdetodas las hermandadespara tranquilizarles ycon los taxistas que, honestamente, son los que más miedo me dan (EAR, 16–17).29 Tradition ist so in Sevilla gleich Unkultur, Religiosität und nostalgischer Blick in die Vergangenheit –auch wenn diese anscheinend wenig zu bieten hat. So bleibt im Roman deutlich, dass in der Stadt, trotz jahrzehntelanger Wahlsiege der Linkspartei PSOE, die rechtsorientierte Gemeinschaftimmer noch vorrangig die Mentalität der Stadt prägt, so dass man z.B. Sprüche über Franconicht unzensiertverwendet: »InspectorVillanueva,seréfranco«sagt der Polizeichef,indemer die Ambiguität zwischen dem Adjektiv »franco«, »ehrlich, aufrichtig«, und dem Namen des ehemaligen spanischen Diktators benutzt. Da seine Äußerung auch als »ich werde Francosein« verstanden werden kann, erwidert Villanuevaals moderner Madrider sarkastisch mit den Worten »Espero que no me hable de una reencarnación«, worauf der sevillanische Polizeichef aber auf keinen Fall eingehen will: »El comisario no se para ni de puntillas en el juego de palabras de su colega madrileño« (EAR, 17).30 Die humorvolle Kritik an den rechtsgerichteten bzw. traditionsverteidigenden Bürgern der Stadt äußert sich im Roman auch durchdie Presseherrschaftder Zeitung »ABC«. »ABC«, deren Sevilla-Edition oftdurchtendenziöse Schlagzeilen bestimmtist, ist im Roman alsoffiziellesInformationsorgander Stadt präsentiert 28 Siehe hier z.B. Criminal Minds und Aaron Hotchners Versuche seinerChefin Erin Strauss ständig schnelle Resultate zu bringen, oder in Dexter Batistas und Debra Dexters Berichte an Lieutenant Lagherta. 29 »- -Wir fühlen uns an den Eiern gepackt. Es fehlt weniger als eine Woche zur sevillanischen Karwoche […]. Ich habe mit dem Präsidenten des sevillanischen Hotelverbandes gesprochen, der mich um eine Erklärung gebeten hat […]. Und ich muss noch mit dem Oberhaupt von jeder religiösen Zunftsprechen, um sie alle zu beruhigen, und dann noch die Taxifahrer, die, wie ich zugeben muss, mir die meiste Angst bereiten«. 30 »Inspektor Villanueva, ich werde ehrlich sein«; »ich hoffe, Sie sprechennicht voneiner Reinkarnation«; »der Kommissarbeachtet das Wortspiel seines Kollegen aus Madrid nicht einmal andeutungsweise«. Jenseits von Stierkampf und Flamenco 377
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 und sogar vonden Mordverdächtigen mit Vorliebe ›konsumiert‹.Dabei ist es so, dass das, wasnicht in der Zeitung steht, nicht existiert. Unterstrichen bleibt alles durchdie spotthafteDarstellung einiger wichtiger Persönlichkeiten der Stadt, die, wie bekannt,rechtsorientiert sind. Einer der zentralen Mordverdächtigen, Vertreter der Traditionsgebundenheit und all dem, wasinder Stadt als Anti-Modernität gelten soll, ist der Präsident eines –nicht näher identifizierten –Fußballclubs. Nun gibt es in der Stadt gleich zwei wichtige Mannschaften, Sevilla und Betis, deren Anhänger sowohl der einen als auch der anderen Mannschaftaus allen sozialen Schichten stammen. Jedoch wird es in der Stadt oftmals hervorgehoben, dass die Mannschaftvon Sevilla der Club der Elite ist, während Betis die Arbeiterklasse repräsentiert.31 Don Manuel VerdeFaruso, der fiktiveRomanname des sevillanischen Prominenten, bezieht sich auf Manuel Ruiz de LoperayÁvalos (Sevilla, 1944), Präsident des Real Betis Balompié von1996 bis 2006. Einerseitsähnelt das Wort Faruso dem Namen seiner Firma (»Farusa«), durch die Ruiz de Lopera im Jahr 1992 angeblich 31,88 %der Aktien (36.869) kaufte und sich damit die Kontrolle über die Fußballmannschaftsicherte. 2017 erklärte ein Urteil des Handelsgerichtes Nr. 1die Ungültigkeit des Ankaufes, welches 2019 vonder Audiencia Provincial Sevilla bestätigt wurde. Andererseits gibt es im Roman einige Anspielungenauf die Figur des Unternehmers. So steht z.B. im Text, dass er in der Stadt vermisst wird, seitdem er die Mannschaft verließ (EAR, 70). 2006 wurde Ruiz de Lopera durchJosé León Gómez im Vorsitz des Clubs ersetzt und anschließend wegen Veruntreuung in der Zeitseiner Präsidentschaftverurteilt. Noch wird die Figur in der Stadt kontrovers diskutiert, wo sie ebenso Verfechter als auch Gegner besitzt.Darüber hinaus besteht der fiktiveManuel VerdeFaruso auf seine alkoholfreien Gewohnheiten, welche mit der realen Person übereinstimmen:32 »Miren, este es el auditorio que tenemos aquí para nuestras fiestas, 31 Eine Idee, die heute oftals überholt angesehen wird, aber bis vorKurzem in der Stadt als gute Unterscheidung beider Mannschaften akzeptiert wurde: Sevilla de clase alta. Betis de trabajadores. URL: http://altanorte.blogspot.com/2018/06/sevilla-clase-alta-betis-trabajadores. html /letzter Zugriff am 25. Januar 2021; El Betis, el equipo de los obreros. URL: http://cole cciondeminiaturasymaquetas.blogspot.com/2010/09/el-betis-el-equipo-de-los-obreros.html /letzter Zugriff am 25. Januar 2021;Medina Delgado, Rafael: Retrospectivaobrera del Real Betis Balompié. URL: http://sevillaperdida.blogspot.com/2017/10/retrospectiva-obrera-delreal-betis.html /letzter Zugriff am 25. Januar 2021. 32 Beispielsweise sagte Ruiz de Lopera in einem Interview:»No he fumado en mi vida, no he bebido en mi vida, no me gusta el alcohol, tomo zumo de naranja […]« (»Ich habe in meinem Leben weder gerauchtnoch Alkoholgetrunken, ich mag Alkoholnicht, ich trinkeOrangensaft[…]« (Espina, José A.: Lopera apareció: »Si entro en el Betis es para hacerlo grande«. URL: https://as.com/futbol/2017/02/27/primera/1488198888_860586.html /letzter Zugriff am 25. Januar 2021). Darüber hinaus hat er, wie im Roman, seinen Wohnsitz im Stadtviertel El Plantinar. Bei der Richterin, auf die sich die fiktiveFigur im Text bezieht(EAR, 31–32), handelt es sich um MercedesAlaya, die 2008 die Untersuchung des Falls Betis-Club überLeopoldo Domínguez /Eva Parra-Membrives378
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 nada de alcohol, eso sí, porque yo solo tomo zumo de naranja, tomen buena nota, solo zumo de naranja, bueno, yagua« (EAR, 31).33 Ebenfalls der Tradition verhaftet ist der zweite Verdächtige des Romans, der folkloristische Sänger José ManuelPoto34,der sich selbstverständlich auf José Manuel Soto bezieht. Muñoz Gijón gibt sich keine große Mühe in der Änderung des Nachnamens, vielleicht erschien »poto«, die populäre Nennungsweise der Epipremmumaureum, einer gewöhnlichen Schlingpflanze, doch allzu attraktiv. Soto ist in den letzten Jahren oftzur Unterstützung der rechtsradikalen Partei VOX in der Presse aufgetreten35 und mittlerweile »offizieller Sänger der Partei« geworden.36 Obwohl der Aufstieg vonVOX nach der Veröffentlichung des Romans geschah, wird Potos/Sotos Ideologie schon im Text burlesk inszeniert. Nachdemervom Inspektor Villanuevaineiner typischandalusischen Wohnung mit Jasmingeruch besucht und nach seiner Meinung über Modernitäten gefragt wurde, zeigt er seinen Hass auf alles Nichtspanische, indem er die neue, ausländische Musik abwertend kritisiert: Hay que ser agresivocon lo que es un pedazo de mierda.Por supuesto que tengo muchos fans que se enfadan con la porquería musical que se hace hoy, pero como todos deberíamos hacer. ¿Sabe usted quién es la Lady Faja esa ocomo se llame?Valiente mamarracha (EAR,50).37 Die Figur Potos verwechselt absichtlichLady GagasNamen mit dem spanischen herabwürdigenden Terminusfür Miederhose (»faja«) und lehnt somitnichtnur alles Ausländische ab, sondern beweist auch eine starke Misogynie in einem nahm. Später wurde sie noch bekannter, als sie an der Aufklärung eines großenKorruptionsskandalsinAndalusien(dem sogenannten Fall ERE) mitwirkte. 33 »Schauen Sie, das ist das Auditorium für unsere Feste. Es gibt keinen Alkohol, das schon, weil ich selbst nur Orangensafttrinke, merken Sie sich dies, nur Orangensaft, ja, und Wasser natürlich«. 34 Cerdeño, Mario: José Manuel Soto lanza ›Soy español‹dedicándosela alos »desgraciados que odian España«. URL: https://www.losreplicantes.com/articulos/jose-manuel-soto-cancionyo-espanol-dedicada-desgraciados-odian-espana /letzter Zugriff am 25. Januar 2021; José Manuel Soto quiere ser Manolo Escobar con su nuevacanción ›Soy español‹.URL: https:// www.elespanol.com/cultura/musica/20180523/jose-manuel-soto-manolo-escobar-cancion-e spanol/309469914_0.html /letzter Zugriff am 25. Januar 2021. 35 Abascal yJosé Manuel Soto, juntos contra Casado. URL: https://www.elplural.com/fuera-de -foco/abascal-jose-manuel-soto-pablo-casado_213209102/letzter Zugriff am 25. Januar 2021. 36 Bueza, Joakin: Cachondeo por el lamento de José Manuel Soto. URL: https://www.elnacio nal.cat/enblau/es/television/jose-manuel-soto-cantante-oficial-vox-lamento_442353_102. html /letzter Zugriff am 25. Januar2021. 37 »Man muss mit dem aggressiv sein, wasein Stück Scheiße ist. Selbstverständlich habe ich viele Fans, die sich über die musikalischen Sauereien, die heute gemacht werden, ärgern. Wiralle sollten dies. Wissen Sie, werdiese Lady Mieder, oder egal wie sie heißt, ist?Was für eine Vogelscheuche«. Jenseits von Stierkampf und Flamenco 379
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 Roman, in dem Frauennur, wenn überhaupt, eine zweitrangige Rolle spielen, wie es natürlich in einem traditionsreichen Sevilla nicht anders sein könnte. Des Weiteren erscheineninMuñoz Gijons Werk andere Persönlichkeiten der Farandula,u.a.die fiktiven CharaktereJosé Luis, wahrscheinlich Rafa Almarcha, künstlerischer Leiter der lokalen Musikgruppe »Siempre así«38 (»Siempreigual« im Roman) sowie Musikproduzent vonsevillanischen Sängern, z.B. José Manuel Soto selbst; Susy Marin Mayoral (Vicky Martín Berrocal), Tochter des Stierkampfunternehmers José Luis Martín Berrocal, die zur spanischen socialite vor allem seit ihrer misslungenen Heirat mit dem bekannten Stierkämpfer Manuel Díaz González »El Cordobés« gehört; José und Carlos (eigentlich Jorge und César Cadaval), die das in Spaniensehr berühmte Komiker-Duo »Los Morancos (im Roman »LosGachones«) vonTriana« bilden. WieimText pflegt Jorge seinen Körper im Fitnessstudio und ist mit einem amerikanischen Mann verheiratet, während César, anders als sein Bruder, ein begeisterter Anhänger vonFCSevilla ist. Die Figur Carlos ist, ähnlich der realen Person, rechtsorientiert und gehörtim Roman zur »masonería de rancios« (EAR, 97)39 der Stadt, die die verschiedenen Morde plant, vonder er allerdings wegen versuchtem Verrat entführt wird. Als Foltermethode wird Carlos auf skurrile Art in einem Versteck mehrmals ein Video eines lokalenDerbys gezeigt, in dem seine geliebte Fußballmannschaft vomStadtrivalen geschlagen wurde: El hombre le vuelveacolocar la mordaza con desprecio. Lo levanta de la silla ylovuelve acolocar frente alatele. Aún más cerca,Oliveira vuelveapegarle [al balón] desde la frontal. Otra veznollega Palop. Detrásdelamordazaelhumorista ríe histérico con los ojos inyectadosensangre ycomienza acantar el gol entre risas ylágrimas (EAR, 133).40 Neben Carlos/César Cadaval lassen sich in der Opfergruppe weiterebekannte Figuren erkennen, wie Susana Abalde und Jürgen Mayer, die u.a. für die zwei größten und umstrittensten Architekturprojekteder Stadt in den letzten Jahren verantwortlich sind. Im Vergleich zu den vorherigen Charakteren werden die beiden ohne Pseudonym in den Roman eingeführt.Dies ist ebenso der Fall bei der Benennung anderer berühmter Persönlichkeiten Sevillas wie des »ABC«- JournalistenÁlvaro Burguillos, der auch in anderen Teilen der Krimiserie auftritt, des StierkämpfersFranciso Rivera Ordóñez oderseiner Ex-Schwieger38 Siempre así. URL: https://www.siempreasi.es /letzter Zugriff am 25. Januar 2021. 39 »Altadelige Maurerei«. 40 »Mit Verachtung legt der Mann ihm wieder den Knebel in den Mund. Er hebt ihn vomStuhl hoch und setzt ihn vorden Fernseher.Noch besser sieht er wie Oliveira vomoberen Ende des Spielfelds [den Ball] schlägt. Noch einmal kommt Palop nicht hin. Hinter dem Mundknebel lacht der Komikerhysterisch mit blutunterlaufenen Augen und beginnt unter Gelächter und Tränen das Torzubesingen«. Leopoldo Domínguez /Eva Parra-Membrives380
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 mutter, der 2014 verstorbenen María del Rosario Cayetana Fitz-James Stuarty Silva, bekanntals Herzogin vonAlba. Fiktion und Realität überschneiden sich ständig in einem Werk, in dem, wie bereits erwähnt, der Raum zugleich eine zentrale Rollespielt. Der Hinweis auf Sehenswürdigkeiten und symbolträchtige Orte sowie die Beschreibung der neuen architektonischen Bauten und Veränderungen führen dazu, dass der literarische Text nicht nur dem Leser einen umfassenden Überblicküber die topographische Karte Sevillas ermöglicht, sondern auch ein wertvolles historisches Dokument darstellt. Während sich die Einheimischen mit den zahlreichen Anspielungenauf die Stadt vergnügenund anhand der Figurendiese wieder erkunden können, gelingt es dem Autor, einem allgemeinerenPublikum die andalusische Hauptstadt, wenn auch übertrieben und humoristisch dargestellt, in ihrer Essenz und mit ihren Besonderheiten zu beschreiben. Darüber hinaus wird der städtische Raum in Muñoz Gijons Werk in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Jenseits eines Kampfes zwischen den Gegenkräften, den sogenannten »modernitos«41 (Modernisten)und »rancios«42 (Altadeligen), bei dem die Selbstdarstellung der Stadt auf dem Spiel steht, wird Sevilla, wie in der Tradition der Flaneur-Literatur, mit einer weiblichen Figur verglichen43, die (wieder) erobert werden möchte: Sevilla, nuestra enamorada, llevasiendo mucho tiempoatacada. Unas veces gritándolo en nuestra cara como con ese absurdoproyecto de las Setas, yotras más ensilencio. ¿Por qué no había de comenzar adefenderse ya?Y,sobre todo, ¿por qué temeraquien viene a salvaguardar lo que queremosque perdure?(EAR, 77)44 In einem Verweis aufdie tartessische Vergangenheit der Stadt wird Sevilla als »reina de Tarssis« (EAR, 75)45 bezeichnet sowie mit einer »bella doncella« (EAR, 41 Als Inspektor Villanuevaseinem PolizeiassistentenJiménez erklärt, dass »todas las víctimas podrían catalogarse dentro de un mismo grupo, gente joven, innovadora en cualquier ámbito que, de algunamanera, amenazaron alaparte más rancia de la ciudad« (»alle Opfer innerhalb derselben Gruppeeingestuftwerden [könnten], junge und in allen Bereichen innovative Leute, die gewissermaßen den konservativsten Teil der Stadt bedrohten«) (EAR, 63). 42 Julio Muñoz Gijón: Con mis historias los modernitos se ríen ylagente rancia lo ve como homenaje. URL: https://www.cope.es/programas/herrera-en-cope/noticias/julio-munoz -gijon-con-mis-historias-los-modernitos-rien-gente-rancia-como-homanaje-20190423_399 675 /letzter Zugriff am 25. Januar 2021. 43 Laut Parkhurst Ferguson verbindet Balzac das Flanieren mit (männlichem)fleischlichem Wissen. Der Flaneur bei Balzac betrachtet die Stadt Paris als »weibliches Geschöpf«, »Königin«, »Freundin« oder »Ehefrau« (Parkhurst Ferguson, Priscilla: Paris as Revolution: Writing the Nineteenth-Century City. Berkeley: University of California Press 1994, S. 92). 44 »Sevilla, unsere Geliebte, wird seit langem attackiert. Manchmal wird es vorunseren Augen gebrüllt, wie mit diesem absurden Projekt der Pilze, und manchmal stiller. Warum musste man nicht beginnen,umsich einmal zu verteidigen?Und vorallem, warum musste man den befürchten, der gekommen ist, um das zu bewahren, waswir wollen, das bleibt«. 45 »Königin aus Tarssis«. Jenseits von Stierkampf und Flamenco 381
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 76)46 verglichen. Der geschilderte Blick auf die Stadt geht im Text überdie gegenwärtige Perspektivehinaus.Indiesem stellt man fest, dass es nebender Vorstellung der letzten Transformationsprozesse und Modernisierungsversuche der Stadt47 gleichzeitig –und vielleicht als Folge davon –eine Suche nach den Spuren der Stadtgeschichte gibt. Zusammen mit dem Erbe vonden Tartessern48 sowie den Römern49 und den Mauren50 ist der Raum Sevillas, wie anderer Städte Andalusiens auch, vondem 46 »Hübsche junge Frau«. 47 Die bedeutendstenVeränderungendes Stadtraums Sevillas im letzten Jahrhundertstehen im Zusammenhang mit der Ibero-Amerikanischen Ausstellung von1929, welche der Stadt vor allem den neu gestaltetenParque MaríaLuisa mit der vonAníbal González Osorio entworfenen Plaza de España und der Plaza de América bescherte, und der sog. Expo 92. Neben den neuen über den Guadalquivirerrichteten Brücken, wie u.a. die Centenario-Brücke,die Barqueta-Brücke oder die Alamillo-Brücke des kontrovers diskutierten spanischen Architekten Santiago Calatrava, wurden anlässlich der zweiten Weltausstellung der Flughafen und der Hauptbahnhof Santa Justa zusammen mit der Express-Fahrstrecke Madrid-Sevilla gebaut. Nach der sevillanischen Märtyrerin Justa benannt, die gemeinsam mit ihrer Schwester Rufina auch Schutzpatronin vonSevillas Kathedrale ist, wurde der Bahnhof in der neuen Gestaltung der Stadt als Eingangstor Sevillas konzipiert. Es ist kein Zufall, dass eine der ersten Episoden in MuñozGijos Roman genau an diesem Platz stattfindet. In dieser Szene wird Inspektor Villanueva, der mit einem Hochgeschwindigkeitszug (AVE) nach Sevilla gekommen ist, vonJiménez abgeholt. Der Bahnhof kann als Symbol des modernenSevillas interpretiert werden, der sowohl den Zugang zum übrigen Spanien und der Welt ermöglicht und junge Leute sowie Investoren aus anderenTeilen anlockt, als auch zu einer umfassenderen Öffnung der städtischen Grenzen und somit der Gefahr des Verlustes des Lokalen in allen Arten und Erscheinungsformen führte. Diese Zweideutigkeit in Bezug auf die Transformationsimpulse der Stadt wird im Roman deutlich thematisiert. Darüber hinaus wurden bereits im 21. Jahrhundert weitere und nicht weniger umstrittene Bauarbeiten ausgeführt wie die StraßenbahnMetrocentro (2007), das Stadtbahnnetz Metro Sevilla(2009), der Metrosol Parasol (2011) und der erste Wolkenkratzer Sevillas (2015), der auchTorre Sevilla, CajasolTower oder Pelli Towergenannt wird. Diese entweder abgeschlossenen Strukturen oder Bauprojekte werden im literarischen Text aufgelistet. 48 Laut den Griechen waren die Tartesser die älteste Kultur des Abendlandes. Sie siedelten sich in den heutigen Gebieten vonSevilla,Huelva, Badajoz und der portugiesischen Algarvean. Die Bezeichnung Tartesser bezieht sich auf den Fluss »Tharsis«, später vonden Römern »Betis« (Baetis) genanntund anschließend vonden Mauren in »Gualdalquivir« (al-wa¯ dalkabir) umbenannt (Martínez, Pepe: Los Tartessos en Sevilla. URL: https://www.visitarsevil la.com/que-ver/rutas-tematicas/tartessos /letzter Zugriff am 25. Januar 2021). 49 So wird z.B. unter den topographischen Referenzen auf den »acueducto«(EAR, 32) Caños de Carmona hingewiesen, der zu den Überresten des Römischen ReichesinSpanien gehört, und die römischeBezeichnung der Stadt, »Hispalis« (EAR, 12) wird in der ersten Mitteilung des Mörders an die Polizeibenutzt. 50 Die Mauren eroberten die Stadt 712, machten sie zur Hauptstadt einer Provinz und änderten den Namen vonHispalis zu Is ˇbı¯ liya, woraus sich der heutige Name Sevilla ableitet. Unter der Herrschaftder Almohaden wurde sie zur bedeutendsten Stadt in al-Andalus –der arabische Name für die bis 1492 muslimisch beherrschten Teile der Iberischen Halbinsel. Das prestigeträchtigste Bauwerk der islamischen Periode in Sevilla wardie große Moschee, deren Minarett, 1196 mit einer Höhe von82Meter erbaut, im unteren Teil der »Giralda« noch erhalten ist. Auch der »Torre del Oro« (Gold-Turm), der Teil einer Sperranlagegegen Leopoldo Domínguez /Eva Parra-Membrives382
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 starken Einfluss der katholischen Kirche, den Traditionen und der populären Kultur des Landes, wie den Stierkämpfenoder der Aprilmesse, besondersgeprägt. Der Einfluss der christlichen Religion auf die Stadt zeigt sich nicht nur an den Orten, an denen einigeder Morde durchgeführt werden als Gegenreaktion auf die Impulse eines modernen bzw. säkularisierten Teils Sevillas, sondernauch in der Art und Weise sowie den Utensilien, die vomTäter benutztwerden. Der Roman beginnt in der Basilika der María Santísima de la EsperanzaMacarena, die paradigmatisch für die tiefe Verehrung der Karwoche und die religiösen Bilder in Sevilla steht. Jedes Jahr wird die Prozession mit der Skulptur der Jungfrau am Morgen des Karfreitagsandiesem Ort im Fernsehen übertragen. Nach einem mehrstündigen Umzugdurch die Straßen der Stadt und vonTausenden vonGläubigen verfolgt, wird sie in die heilige Stätte zurückgeführt. Das Gebäude ist Sitz der Brüdergemeinde der Esperanza Macarena.51 Vorden Bildern der Nuestra Señora del Santo Rosario und des Nuestro Padre Jesús de la Sentencia, die zusammen mit dem der Esperanza Macarena in dieser Bußstation stehen, bekreuzigt sich in Muñoz Gijons Werk die Zeugin, Elisenda Trastamara, wie gewohnt, bevor sie den Toten entdeckt. Sie fällt in Ohnmacht und findet sich in den Armen des »consiliario primero« (EAR, 7), des Stellvertreters des Bischofs der Stadt in der Brüdergemeinde, wieder, nachdem sie zu sich kommt. Darüber hinaus ist das Opfer mit einem Zingulum52 an einem Balken aufgehängt, während der Mörder in einem Versteck mit einem Rosenkranz auf seinem Oberschenkel im Schein einer roten Osterkerze und im Dunst vomWeihrauchsitzt. Der Text ist feindliche Schiffe war, stammtinseinen Grundmauern noch aus dieser Zeit (13. Jh.). Ein weiteres Zeugnisder Präsenzder Maurenin der Stadtist der»Arco delPostigo delAceite«, der Teil der antiken arabischen Mauer war. Im Jahr 1107 gebaut und im 16. Jahrhundert restauriert, verlief die Mauer durch den heutigen Plaza del Cabildo im Arenal-Viertel, wo man auch noch einen kleinen Mauerabschnitt finden kann (Arco del Postigo del Aceite. URL: https://www.andalucia.org/de/sevilla-kultureller-tourismus-arco-del-postigo-del-aceite / letzter Zugriff am 25. Januar 2021). Diese drei aus arabischer Zeit stammenden Bauwerke werden neben Sevillas Stierkampfarena »La Maestranza« (in demselben Arenal-Viertel gelegen und im 19. Jahrhundertbeendet) in Muñoz Gijóns Roman paradoxerweise vom rechtsgerichteten und ausländerfeindlichen Mörder aufgezählt und als Relikte der Stadt, im Gegensatz zu den neuen Bauten, wahrgenommen, als er die erwähnte Figur Susana Abalde zu töten versuchte:»--›La giralda es chocolate. Turrón la Torre del Oro. El Postigo es un piñonate yunflan la plaza de toros‹.Aversipega ahí la Torre Pelli, so puta« (»- -›Der Giralda-Turm ist Schokolade. Der Gold-Turm Turron. Die Postigo ist wie kandierte Pinienkerneund die Stierkampfarena ein Karamelpudding‹.Denkst du, der Pelli Towerpasst zu diesen, du Nutte!«) (EAR, 88). 51 Im andalusischen Barockstil gebaut, wurde die Basilika im März 1949 vomKardinal Sevillas, Pedro SeguraySáenz, gesegnet. Die Ursprünge der Brüdergemeindegehen bis auf das Ende des 16. Jahrhunderts zurück (La Basílica. URL: https://www.hermandaddelamacarena.es/la -basilica /letzter Zugriff am 25. Januar 2021). 52 Das Zingulum ist der Gürtel, mit dem die katholischen Kleriker ihr liturgischesUntergewand während des Gottesdienstes verknoten. Dieser wird ebenso vonder Brüdergemeinde während der Prozessionengetragen. Jenseits von Stierkampf und Flamenco 383
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 reich an religiösen Orten, Elementen sowie Figuren, dieder Stadt eine spezifische Eigentümlichkeit verleihen.53 Auch bestimmte Vorfälle in Bezug auf die Karwoche Sevillas, die sogar verfilmt wurden (z.B. in Alejandro Amenábars Nadie conoce anadie,1999) und jetzt zur urbanenKultur und zahlreichen Stadtlegenden gehören, werden thematisiert: De una pequeña televisión de tubo, que llevahoras encendida, salen gritos de pánico. Se ve lo mismo una yotra vez: aquella madrugada en la que el terror recorriólaespina dorsal de la SemanaSanta de Sevilla.Esuna retransmisión de Onda Giralda en VHS (EAR, 11).54 Neben den Bemühungen des Täters, dieses in der Stadt verwurzelte religiöse und folkloristische Erbe hervorzuheben und zu bewahren, versucht er, lokale Erfindungen55 sowie fast spurlos verschwundene Überreste anderer Epochen zurückzugewinnen.56 In diesem Sinne definiert Priscilla ParkhurstFerguson57 den Flaneur als eine in der Stadt zwischen zwei Zeitpunkten gefangene Figur, nämlich zwischen der Gegenwartsebene, die sich ständig verändert, und der Vergangenheit, die in Form vonmateriellenÜberresten bestehen bleibt. So wirken die letzten Transformationsprozesse der Stadt wie die Errichtung der Straßenbahn Metrocentro, des Metrosol Parasol oderder Pelli Towerals Katalysatoren, welche das Auftauchen dieses im Text fiktiven Charakters sowie dessen Verbrechen vorantreiben und rechtfertigen. Sevillaist zwar weit entfernt vonder Bedrohung, »immerfort zu werden und niemals zu sein«, wieesKarl Scheffler58 im Hinblick auf eine Großstadt wie Berlin formulierte, aber es ist genauso der Identitätsverlust bei der Umgestaltung der andalusischen Hauptstadt, der die Auseinandersetzung der Figur mit dem urbanen Raum auslöst. In einer Art »Heimat53 Die Bedeutung der Religiosität und der Einfluss der Karwoche lassen sich sogar in der Gastronomie der Stadt entdecken. So werden z.B. Läden und Kneipen, die zumeist in der Wirklichkeit existieren, sowieGetränke entweder mit kirchlichen Ornamenten verziert (»Garlochí«;EAR, 69) oder mit religiösen Namen (»sangre de cristo«[Christusblut]; EAR, 66) versehen. 54 »Aus einem kleinenRöhrenfernseher, der seit Stunden eingeschaltet ist, werden vonAngst ergriffene Schreie ausgestrahlt. Es wird das gleiche immer und immer wieder gezeigt: Jenes Morgengrauen, in dem der Terror die Wirbelsäule der Karwoche Sevillas durchquerte. Es ist eine Onda Giraldas VHS-Übertragung«. 55 Z.B. »agerul« (EAR, 122), ein Fettentferner, oder »zotal« (EAR, 141), ein Desinfektionsmittel, welche in umliegenden Städten Sevillas hergestellt werden. 56 Z.B. ist das Papier »Galgo« Parchemín (EAR, 11) ein qualitativ hochwertiges Büropapier, das vonder Papierfabrik Tolosana hergestellt wurde. Das Unternehmen ging pleite und wurde verkauft. Deshalb ist dieses heute sehr schwer zu finden.Ineinigen Lädenwird es als Sammlerartikel verkauft. 57 Vgl. Parkhurst Ferguson, Priscilla: Paris as Revolution,S.80. 58 Scheffler, Karl: Berlin,ein Stadtschicksal. Berlin: Erich Reiss 1910, S. 267. Leopoldo Domínguez /Eva Parra-Membrives384
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 kunde«59 strebt der Mörderdanach, nicht nur seine Erinnerungen festzuhalten, sondern auch gegenüber den Veränderungen seiner Selbstbetrachtung des Raumes gewalttätig zu agieren. Dieser Begriff der Heimatkunde, durch den Muñoz Gijón mit weiteren Vorläufern des Flanierens, wie Arthur Eloesser oder Franz Hessel, in Beziehung gebrachtwerden kann, deutetzugleichan, wie wichtig historische Bezüge sowie Beschreibungen der Orte im literarischen Werk für den sevillanischen Autor sind: Es por la tarde en los relojes pero ya se ha hecho de noche en el cielo.[…]Camina pensativo por la calle Tetuán. No deja de mirar las caras de la gente. No sabe adóndeir. […]Hay un callejón que sale alaizquierda. Ve gente en la puerta. Aunlado del callejón está una tienda Zara, enfrente un pequeño bar, ›Blanco Cerrillo‹(EAR, 115).60 Anders als Hessel, der mit einem kindlichen, absichtslosen Blick auf die Stadt sah, ist in El asesino de la reganá die kritischeBeurteilung des Autors zu erkennen. Seine Meinung ist vorallem durchdie Figur Jiménez erfassbar, der tatsächlich der gleichen Ansichtist wie der Mörder, seinen Methoden jedoch nicht zustimmt. Bspw. widerlegt er die Behauptung des Inspektors Villanueva, als er den konservativsten Teil der Stadt mit dem Wort »rancia« (»altadelig«) bezeichnet, während sein Begleiter diesen für »clásica, decente, normal, vamos« (EAR, 65) hält.61 Des Weiteren ist Jiménez mit dem gewöhnlichen Flaneur, so Honoré de Balzac, zu verbinden. In Physiologie du mariage (1826) setzt Balzac dem gewöhnlichen Flaneur den Künstler-Flaneur entgegen. Im Gegensatz zu 59 Laut Keidel bemerkt Arthur Eloesser in seinemSammelband Die Straße meiner Jugend (1919), dass »ihn Berlin erstindem Moment als Heimat zu interessieren beginnt, als diese ihn durch die massiven Veränderungen des Stadtbildes zu entgleiten droht« (Keidel, Matthias: Die Wiederkehr der Flaneure. Literarische Flanerie und flanierendesDenken zwischen Wahrnehmung und Reflexion. Würzburg: Königshausen &Neumann 2006, S. 28). Auch in Franz Hessels Spazieren in Berlin (1929) findet der Autor ein ähnliches Konzept des literarischen Erzählens. 60 »Es ist Abend in den Uhren, aber im Himmel ist es bereitsdunkel geworden. […]Nachdenklich läufterauf der Tetuán-Straße. Er hört nicht auf, in die Gesichter der Leute zu starren. Er weiß nicht, wohin er gehen soll. […]Esgibt eine Gasse, die nach links abbiegt. Er sieht Leute in der Tür. An einer Seite der Gasse befindet sich ein Zara-Laden und gegenüber eine kleine Kneipe, ›Blanco Cerrillo‹«. 61 »Klassisch, anständig, ganz normal«.Auch bezüglich der Modernisierungsversuche Sevillas kommentiert er: »A mí tampoco me vuelven loco muchas de las chifladuras que se hacen, pero, hombre, no es para ponerse así […]« (»Auch mich machen viele der Spinnereien, die stattfinden, nicht verrückt, aber, na ja, es ist nicht so, dass man sich so verhält […]«) (EAR, 26). Muñoz Gijón erklärteselbst, sein Roman sei als Kritik am klassischsten Teil der Stadt und ihren Traditionen, aber gleichzeitig als AufwertungSevillas sowieAndalusiens Gewohnheiten zu verstehen (Julio Muñoz Gijón: Con mis historias los modernitos se ríen ylagente rancia lo ve como homenaje. URL: https://www.cope.es/programas/herrera-en-cope/noticias/julio-mu noz-gijon-con-mis-historias-los-modernitos-rien-gente-rancia-como-homanaje-20190423_ 399675 /letzter Zugriff am 25. Januar 2021). Jenseits von Stierkampf und Flamenco 385
© 2022 V&R unipress | Brill Deutschland GmbH ISBN Print: 9783847114369 – ISBN E-Book: 9783847014362 dieser erstenFigur, die sich lediglich den Genüssen62 (jouissances)der Stadt hingibt –»Sí, sí, perdona«, sagt Jiménez dem Inspektor, »que ha pasado una tía por ahí ymehedespistado« (EAR, 60)63 –ist der andere in der Lage, die Sehnsucht mit dem Wissen zu ergänzen. Dieses ermöglicht ihm, sowohl die Selbstkontrolle als auch die Dominanz im urbanen Raum zu behalten: »Deben ser siete máculas. Ydespués, debeser lo de la madrugá. Quedan trece días ycuatro operaciones por cerrar, no puedes dormirte« (EAR, 61).64 Zuletzt schöpfen diese beiden Formen des Flanierens andere mögliche Praktiken in der Stadt nicht aus. Wieder Journalist dem Inspektor am Ende des Romans erzählt, ist Sevilla nicht nur »una ciudad compleja« (EAR, 117)65,sondern auch »una ciudad con muchos hijos« (EAR, 117).66 Die südspanische Stadt wird hier nicht nur als Bühne gezeigt, auf der ein heftiger Kampf um die Orientierung des Ortes tobt, sondern gleichzeitigauch als verschlüsselter Raum dargestellt. Erneut wird die Stadt Sevilla mit einer weiblichen Figur und die Entzifferung bzw. die Eroberungdieser mit einem sexuellen Verlangen oder Liebesverhältnis verglichen.Obgleich Villanueva den Fall zur Aufklärung bringt, 62 Parkhurst Ferguson, Priscilla: Paris as Revolution,S.92. 63 »Ja, ja, Entschuldigung,ein Weib kam gerade an mir vorbei und ich bin durcheinander«. Außerdem gibt es im Text mehrere Beispiele, in denen Jiménez als »echter« Sevillanerdie Arbeit unterbrechen will, um in einer der vielen Kneipender Stadt die lokaleKüche zu genießen. 64 »Es müssen sieben Makel sein. Und danach das vonder madrugá. Es bleiben nur noch dreizehn Tage und vier Operationen abzuschließen. Sei wachsam!« Mit »madrugá« (aus dem spanischen madrugada,Morgengrauen) wird die Nacht vonGründonnerstag auf Karfreitag bezeichnet. Bei den traditionellen Feierlichkeiten zur Karwoche in Spanien und besonders in Andalusien finden in dieser Nacht die berühmtesten und bei den Gläubigen beliebtesten Prozessionen statt. Ferner ist neben der Verwendung religiöser Begriffe,vor allem in Bezug auf die Karwoche in Sevilla, in Muñoz Gijons Roman außerdem die Anwendung vonFachbegriffen des Stierkampfs bemerkenswert, der ebenso in der Kultur Andalusiensund Sevillas verwurzelt ist, wie bspw. »a portagayola« –wenn der Stierkämpfer, normalerweise kniend, in der Arena den Stier empfängt –(EAR,16) oder »Parecen [die regañás sehen aus wie] banderillas« –welche auf die beim Stierkampf verwendeten Lanzen hindeuten –(EAR, 56). Es sind insgesamtsieben geplante Mordeinder Vorzeit der sevillanischenKarwoche: »SERÁN 7 REVUELTAS,7LATIGAZOS«(ES WERDEN7REVOLTEN,7PEITSCHENHIEBESEIN; EAR, S. 19). Im schon erwähnten Interview erklärteMuñoz Gijón (2019), er hätte sich vomUSamerikanischen Thriller Sieben (1995) inspirieren lassen. Außerdem spielt er mit dieser Zahl als kabbalistisches Symbol für den Raum: »[…]elsiete es un número claveenlaciudad.Una de las calles más bonitas es la de las Siete Revueltas, […]laExpo, fue en el 92, 9menos 2da también 7. Una de las hermandades con más tradicióndelaciudad es […]lahermandad de las Siete Palabras. Ya para los precristianos era un número mítico […]« (»die sieben ist eine Schlüsselzahlinder Stadt. Eine der schönsten Straßen Sevillas ist die der Sieben Revolten, […]die Expo, sie fand 92 statt, aus 9minus 2ergibt sich 7. Eine der traditionellsten Brüdergemeindeder Stadt ist die der Sieben Wörter.Bereits für die Christen in frühester Zeit war sie eine mystische Zahl […]« (EAR, 71). 65 »Eine komplexe Stadt«. 66 »Eine Stadt mit vielen Kindern«. Leopoldo Domínguez /Eva Parra-Membrives386
