Mauthausen, ein Steinbruch mitten in Europa
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M AUTHAUSEN , EIN S TEINBRUCH MITTEN IN E UROPA Hans L ANDAUER Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes Es wird in unser beider Länder in der jungen, politisch interessierten Generation wenige Menschen geben, die den Ort und seine Bedeutung in der jüngeren Geschichte nicht kennen. Ich verbrachte von meiner Haftzeit (6 Jahre, 2 Monate und zwanzig Tage) „nur“ nicht ganz 4 Jahre davon in Dachau, Sie werden aber aus meinen Ausführungen über Mauthausen entnehmen können, daß das „nur“ kein stilistischer Gag war, sondern ernst gemeint ist. Als ich am 5. Juni 1941, mit fünfzig anderen Österreichern der verschiedensten politischen Ansichten – ein Monarchist und ein Pfarrer waren auch darunter – im Polizeigefangenenhaus auf der Elisabethpromenade in Wien meinen roten Schutzhaftbefehl gegenzeichnen mußte, und Dachau als unser Ziel feststand, waren wir alle schockiert. Hatten wir doch alle gehofft, nach Mauthausen zu kommen, sozusagen in der Heimat zu bleiben. Auf ein Lager waren wir ja schon seelisch vorbereitet. Über Dachau hatte ich schon 1933, als 12jähriger, in der Bildzeitung „Der Kuckuck“ einen Artikel mit dem Titel „Auf der Flucht erschossen“ gelesen. Mauthausen, so dachten wir, war ein neues Lager, dort konnte der „Zwirn“ und „Drill“ nicht so hart sein. Welche Fehlspekulation! Wir wußten nicht, daß das „Schleifen“ beim Militär im Verhältnis zu SS-Schikanen geradezu lächerlich ist. Die nationalsozialistischen Konzentrationslager hatten immer zeitspezifische Funktionen: Dienten sie in den Jahren 1933 bis etwa 1936 durch die Inhaftierung der politischen Gegner (vorwiegend Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch Parteigänger bürgerlicher Gruppierungen und Abweichler aus den eigenen Reihen [Anhänger des SA-Führers Röhm wurden im Juli 1934 im KZ Dachau erschossen]) der Stabilisierung der Herrschaft, so waren sie in der zweiten Phase, bis etwa 1942, durch die Einweisung anderer Häftlingsgruppen gekennzeichnet. Sie umfaßten zuerst deutsche Staatsbürger, die sich der nationalsozialistischen Arbeitsdisziplin, die für die Vorbereitung des geplanten Krieges notwendig war, entzogen. Daneben kriminelle Randgruppen, Nichtseßhafte, wie Sinti und Roma, sowie, nach dem Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Paris und der daraufhin inszenierten „Reichskristallnacht“, tausende Juden, die erstmals nur wegen ihres Glaubens, bzw., der nationalsozialistischen Ideologie zufolge, wegen ihrer „rassischen“ Herkunft inhaftiert und in Mauthausen, zu hunderten ermordet wurden.
H ANS L ANDAUER 80 Zu diesem Zeitpunkt lagen in Berlin auch schon die Standortpläne der bestehenden und geplanten KZ auf und wurden, aufgrund der Vielfalt der Häftlinge, deren Kennzeichnung mit verschiedenfarbigen Winkel, die über der Häftlingsnummer an Jacke und Hose angebracht werden mußten, eingeführt. Begründet wurden die Verhaftungsaktionen gegen diese nicht politische Häftlingsgruppe in der zweiten Phase mit „Maßnahmen gegen Asoziale und Sicherung des Vierjahresplanes“, mit anderen Worten: sie war Teil der Kriegsvorbereitungen. 1939, nach Kriegsbeginn, kamen verschiedene Gruppen von ausländischen Häftlingen hinzu – Patrioten aus den besetzten Ländern, die nicht zur Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht bereit waren, und sich vielleicht auch schon im Widerstand gegen diese betätigten. Es waren dies keineswegs nur Linksstehende. In diese Phase fällt auch die Einlieferung der republikanischen Spanier in deutsche KZ – und hier wieder vorwiegend nach Mauthausen –, die man ja auch nicht alle über einen Kamm scheren kann. Es verband sie ihr Einsatz bei der Verteidigung der Spanischen Republik. Wenn in der Erinnerungsliteratur von Mauthausen für sie der Begriff „blauer Winkel“ aufscheint, stimmt dies nur für Mauthausen. In Dachau, auch wenn sie von Mauthausen nach Dachau überstellt wurden, trugen die republikanischen Spanier, wie alle anderen politischen Häftlinge auch, einen roten Winkel mit einem „S“, das sie als Spanier auswies. Ich erwähne dies nur, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde. Auf den Begriff „Noche y Niebla“, Nacht und Nebel, den Montserrat Roig in seinem ausgezeichneten Buch verwendet, werde ich noch zu sprechen kommen. Die dritte Phase in den KZ beginnt mit dem Scheitern des Blitzkrieges in Rußland und der rigorosen Ausbeutung der in den KZ vorhandenen Arbeitskraft für die Kriegsindustrie, und ist durch das Entstehen von riesigen Außenlagern und kleinen Außenkommandos charakterisiert. Die Außenlager entstanden meist neben schon bestehenden kriegswichtigen Industrieanlagen. Kleine Außenkommandos dienten der Erholung höherer SS-Führer. Auf ein solches, Außenkommando Stift St. Lamprecht in der Steiermark, komme ich noch zu sprechen, hatte es doch für 100 Spanier besondere Bedeutung. Lassen sie mich noch einige wichtige Details über den Aufbau und die Funktionsweise aller KZ sagen: Schon 1933 führte der damalige Lagerkommandant von Dachau, SS-Oberführer Eicke, dem später als Inspekteur der Konzentrationslager alle Lager unterstellt waren, eine Lagerordnung ein, die dann für alle Lager zu gelten hatte. Diese Ordnung betraf sowohl die Häftlinge und die Strafen, die über sie verhängt werden konnten (inklusive der Todesstrafe, die „kraft revolutionären Rechts“ verhängt werden konnte und die besonders in Mauthausen oft vollzogen wurde), als auch die Aufgaben der
M AUTHAUSEN , EIN S TEINBRUCH MITTEN IN E UROPA 81 SS-Wachmannschaften und der Gruppe der SS-Männer, die innerhalb des Schutzhaftlagers (also der Häftlingsunterkünfte) Funktionen hatten. Es waren dies der Lagerführer und sein Stellvertreter, meist im Range eines Sturmführers, der Rapportführer, der Arbeitsdienstführer und die große Schar der Blockführer. Sie zählten zum „inneren Kreis“. Die Lagerordnung regelte auch die Pflichten der sogenannten „Funktionshäftlinge“. Rechte gab es für sie keine. Sie waren de facto der verlängerte Arm der SS. In Dachau waren diese Funktionen immer von politischen Häftlingen besetzt. Ihr Aufgabenbereich war spiegelgleich der Organisationsstruktur der für das Lager zuständigen SS-Mannschaft. Dem Lagerführer stand der Lagerälteste, dem Blockführer (meist junge SS-Männer ohne Dienstgrad und keine 25 Jahre alt) der Blockälteste, der meist sein Vater hätte sein können, gegenüber. Dem Rapportführer hatte der Lagerschreiber den täglichen Häftlingsstand, mit Zuund Abgängen, zu rapportieren. Stimmte die Zahl nicht, standen die Häftlinge so lange am Appellplatz, bis der Fehler gefunden war. Der für den Fehler zuständige Funktionshäftling war sich einer Lagerstrafe sicher. Der Arbeitseinsatz führte eine Berufskartei der Häftlinge, die, als der Arbeitseinsatz für die Kriegsindustrie relevant werden sollte, für die Spanier, die noch am Leben waren, auch lebensrettend wurde. Für den Großteil kam er aber leider zu spät. In der ersten Phase war die Arbeit in allen Lagern nichts anderes als organisierte Schikane, die einzig und allein den Zweck hatte, die Häftlinge psychisch und physisch zu brechen, zu vernichten. Sie beschränkte sich in allen Lagern ausschließlich auf den Lagerbereich, wo sowohl die Häftlingslager, als auch die SS-Kasernen für den örtlichen SS-Totenkopfsturmbann zu bauen waren. Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war gleich null. Diese Arbeiten waren beim Eintreffen der ersten Spanier in Mauthausen noch Gang und Gäbe. Der Aufbau hatte wenige Monate nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich, am 8. August 1938, auf einer freien Hochebene neben dem Steinbruch Wiener Graben im Gemeindegebiet von Mauthausen begonnen. Für diese Arbeit wurden 450 sogenannte PSV (Polizeiliche Sicherheitsverwahrung), also nichtpolitische Häftlinge, aus Dachau nach Mauthausen gebracht. Aus dieser Gruppe rekrutierten sich in den folgenden Jahren, als Mauthausen ein selbstständiges KZ und zum „Einlieferungslager“ wurde, natürlich auch die bereits erwähnten Funktionshäftlinge. Das Wort Solidarität war für sie ein Fremdwort. Es herrschte das Recht der Stärkeren. Warum Standort Mauthausen? Ich darf Hans Maršálek zitieren, der in seiner Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen schreibt: „Zweifelsohne gab es außer der grundsätzlichen politischen Terrorfunktion einen Zusammenhang mit Hitlers Plänen, des großangelegten Ausbaues der Stadt Linz.“
H ANS L ANDAUER 82 Dazu benötigte man hochwertigen Granit, und der lag reichlich im Steinbruch Wiener Graben und im Steinbruch der Nachbargemeinde Gusen. Die erste Gruppe republikanischer Spanier, 392 Mann, kam am 6. August 1940 aus dem Stalag XIII A Moosburg nach Mauthausen. Warum es gerade Mauthausen, mit Lagerstufe III war, wo zu diesem Zeitpunkt die Überlebenschancen im Vergleich zu anderen KZ am geringsten waren, läßt sich nicht sagen. In einem Schreiben des Reichssicherheitshauptamtes, Zahl B.Nr.5740/38 - IV A 2, wird zwar auf den Befehl des „Führers“ hingewiesen, „daß alle Rotspanienkämpfer, sowohl Reichsdeutsche und ausgebürgerte Angehörige des Protektorates und des Generalgouvernements ausländischer Nationalität, als auch spanische Staatsangehörige, für die Dauer des Krieges in Schutzhaft zu nehmen sind“, aber warum es für die große Masse Mauthausen wurde, läßt sich aus Dokumenten nicht feststellen. Dies irritiert insofern, weil in den späteren Jahren viele republikanische Spanier, die im Verdacht standen oder in Verdacht kamen, Aktivitäten gegen Deutschland unternommen zu haben und sogar als Nacht-und-Nebel-Häftlinge zu behandeln waren, in KZ der Lagerstufe I und II eingeliefert wurden, und dort wesentlich bessere Überlebenschancen vorfanden. Dies ist eines der vielen Rätsel. Dem Transport aus Moosburg folgten bis 1. August 1942, aus allen Kriegsgefangenenlagern Deutschlands – am 7. April 1941 einer aus Kaisersteinbruch, südlich von Wien – größere und kleinere Transporte. Alles Angehörige der französischen Armee: Angehörige der Marschkompanien, Fremdenlegion oder der unbewaffneten Arbeitskompanien, die ja auch von französischen Offizieren und Unteroffizieren geführt wurden. Die Genfer Konvention kam bei ihnen nicht zum Tragen. Es gibt auch keinen Hinweis, daß beim deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen in Combiègne dieser Punkt zur Sprache gekommen wäre. Ob dies mit der Machtoder Interesselosigkeit Frankreichs zum damaligen Zeitpunkt zu erklären ist, lasse ich dahingestellt. Laut Hans Maršálek wurden insgesamt 7.189 republikanische Spanier in Mauthausen eingeliefert, von denen am 15. März 1945 noch 2.191 in Mauthausen, Gusen oder einem Außenlager lebten. Rund ⅔ waren also verstorben. Die meisten von ihnen starben innerhalb eines Jahres. Wie kam es, daß die Spanier, abgesehen von den Juden, in Bezug auf ihre Einlieferungszahl, die höchste Todesrate hatten? Es kamen einige Komponenten zusammen: — Das Lager war im Aufbau begriffen. — Alle Arbeiten hatten im Laufschritt durchgeführt zu werden. — Es existierte keine, wie immer geartete Solidarität der Funktionshäftlinge, wenn man von sexuell motivierter absieht. — Dazu bestand in Gusen – wohin der größte Teil von ihnen kam – eine geradezu pathologische Animosität von seiten einer starken, sowohl der Zahl,
M AUTHAUSEN , EIN S TEINBRUCH MITTEN IN E UROPA 83 als auch dem Einfluß nach, Gruppe von Häftlingen, Polen, die in allen republikanischen Spaniern Nonnenschänder und Priestermörder sahen. Wie konnte man überleben? Man brauchte Glück, Glück und nochmals Glück! Dazu aber auch noch Können. Hans Maršálek schreibt hierzu: „Es waren vor allem jene Häftlinge, die irgendwelche Lagerfunktionen (vom Stubendienst bis zu „Putzfleck“ eines SS-Führers, eine Besonderheit die es nur in Mauthausen gab) ausübten. Dem herrschenden Rassenwahn entsprach auch der dunkelhäutige spanische Häftling Carlos Grey Key. Ihn steckte man in eine Phantasieuniform.“ Wichtig war eine Arbeit unter Dach. Daß ein begabter Kunstmaler nicht nur zur Beschilderung der Büroräume des Lagers, sondern auch zur Befriedigung seines SS-Vorgesetzten pornographische Bilder herstellte, verbesserte seine Situation wesentlich. Dem Großteil der republikanischen Spanier blieb dieses Glück versagt. Hatte einer, aus welchen Gründen auch immer, das Pech in die Strafkompanie zu kommen, war er automatisch in der Steinträgerkolonne, die, wie im Paternostersystem, die Steine aus dem Wiener Graben ins Lager schleppen mußten. Die heute so oft zitierten 186 Stufen vom Wiener Graben ins Lager existierten in der Zeit des Aufbaues nicht. Im Winter gab es Schnee und Eis, im Sommer Hitze, da die Felswände wie Parabolspiegel wirkten. Vom 23. Dezember 1940, also dem Vorweihnachtstag, bis Silvester, dem letzten Tag des Jahres, starben dort 241 Häftlinge, davon 201 Spanier. Am ersten Tag des Jahres 1941 erreichte die Zahl der Toten 49, von denen 40 wieder Spanier waren. Ich habe mir die Analyse der weiteren Tage und Monate, in denen das Sterben im gleichen Ausmaß weiterging, aus sichtlich verständlichen Gründen erspart. Es ist aber ersichtlich, daß eine bewußt erzeugte Haltung von seiten der SS-Lagerführung, sowohl der Mauthausens, als auch des Nebenlagers Gusen, gegenüber republikanischen Spaniern und Spanienkämpfern anderer Nationen, geherrscht haben muß. Man hat sicherlich diese Häftlingsgruppe im wahrsten Sinne des Wortes als „Zielgruppe“ vorgegeben. Dies läßt sich aus einer Reihe von Opfern, die in diesem Zeitraum „auf der Flucht erschossen“ wurden, schließen. Einige möchte ich erwähnen: Anton Geider, Eugen Herzfeld und Gottfried Ochshorn. Letzterer arbeitete, zusammen mit Fritz Weiss, im Rahmen der französischen Résistance, in Bordeaux. Enttarnt und am 27. August 1943 nach Mauthausen gekommen, wurde er am 20. Oktober 1943 durch den SS-Mann Martin Bartesch „auf der Flucht erschossen“. Jahrzehnte später wurde der Todesschütze, der sich unter falschen Angaben seine Einreise nach Kanada erschlichen hatte, von dort ausgewiesen und nach Österreich abgeschoben. Über die unrühmlichen Umstände, die sich nach seiner Abschiebung nach Österreich abspielten, möchte ich mich nicht äußern. Wohl aber festhalten, daß unser heutiger Herr Bundespräsident, Dr. Heinz Fischer, im Juni
H ANS L ANDAUER 84 1987, damals Präsident des Nationalrates, eine Gedenktafel für den ermordeten Gottfried Ochshorn, in dessen ehemaligen Wohnviertel, dem 2. Wiener Gemeindebezirk enthüllte. Fritz Weiss wurde als Theodor Bobec verhaftet und gab nie seine wahre Identität preis. Er wurde mit Hilfe von Freunden, die in der Lagerschreibstube von Mauthausen arbeiteten, kurz nach seiner Einlieferung aus der „Gefahrenzone“ entfernt, nach Buchenwald „abgeschoben“ und ... überlebte. In dieses Bild lassen sich umso schwieriger Invalidentransporte einordnen, die zur damaligen Zeit von Mauthausen nach Dachau kamen. In der Mehrzahl landeten Invaliden ja in Euthanasieanstalten, wo sie ermordet wurden. Die Mauthausener kamen nach Hartheim. Von einem echten Invalidentransport von Mauthausen-Gusen vom 11.9.1942, möchte ich berichten: Es waren 880 Häftlinge aus ganz Europa, darunter 93 Spanier. Ihre körperliche und geistige Verfassung beim Eintreffen in Dachau drückt García Gaitero in seinen bis dato unveröffentlichten Erinnerungen folgendermaßen aus: A eso de las doce de la noche nuestro tren se para, las puertas se abren y un camión con SS y presos con trajes de rayas azules y blancas nos dicen en español y con mucha amabilidad: ‚Ven, ven, español. Despacio.‘ Yo les miraba extrañado y sin saber donde estaba, lo más extraño era que hablaban en español. Y los pregunto: ¿Sois españoles?, y me responden: ‚No, somos hermanos tuyos, somos internacionales‘, y continúo preguntando: ‚¿Dónde estoy?, y me responden: ‚En Dachau, estás en un campo bueno, aquí hay muchos internacionales que te ayudaremos.‘ Desde aquel mismo momento me entraron ganas de vivir, ya que tenía miedo a la que antes deseaba por momentos para terminar de sufrir: la muerte. García Gaitero überlebte Dachau. Er starb am 30. Juni 1949 im Sanatorium von Brevanne. Der Antrag seiner Mutter auf Zuerkennung einer Rente wurde von der Landesrentenbehörde Nordrhein-Westfalen abgewiesen, mit dem Hinweis, daß sich zwischen seinem frühen Tod, im Alter von neununddreißig Jahren, und dem vierjährigen Aufenthalt in deutschen Konzentrationslagern kein Zusammenhang herstellen lasse. Von den 93, bis auf die Knochen abgemagerten Spaniern, die in Dachau ja auch keine Sanatoriumsbehandlung vorfanden, erlebten 44 ihre Befreiung 1945 in Dachau, oder in einem der Außenkommandos. 26 weitere kamen 1943 und 1944 von Dachau aus nach Buchenwald oder Sachsenhausen. Von den über 7.000 jungen, gut genährten Spaniern, die 1940-42 nach Mauthausen eingeliefert wurden, waren 1945 nur mehr 2.000 am Leben, von den 93, bis auf die Knochen Abgemagerten erlebten mehr als die Hälfte in Dachau die Befreiung. Besser könnten die Überlebensbedingungen bei gelebter Solidarität nicht demonstriert werden. Neben Prisciliano García Gaitero möchte ich aus diesem Invalidentransport noch Pascual Castejón Aznar aus Calanda erwähnen. Wenn ich mich recht erinnere, kam er
M AUTHAUSEN , EIN S TEINBRUCH MITTEN IN E UROPA 85 in Dachau in das Kommando Kabelzerlegung. Es war dies ein Arbeitskommando unter Dach, das sich – heute würde man händisches „Recycling“ sagen – mit der Wiederverwertung von Buntmetall aus abgeschossenen Feindflugzeugen und abgeschossenen oder abgestürzten deutschen Flugzeugen befaßte. Heutzutage müßte man bei solcher Arbeit Atemschutzmasken tragen. Für diese Arbeit bedurfte es jedoch keiner Kenntnis der deutschen Sprache. Für die Unterbringung in dieses Kommando sorgte der österreichische Spanienkämpfer Martin Presterl, Schreiber im Arbeitseinsatz. Das Schicksal wollte es, daß gerade er, der hunderten von Häftlingen das Leben rettete, 1948, in Titos Jugoslawien, als „englischer Spion“ zum Tode verurteilt und ebenfalls erschossen wurde. Zurück nach Mauthausen. Einer der Massentransporte von republikanischen Spaniern, der am 24.6.1940 aus Angoulême nach Mauthausen kam, verdient besondere Aufmerksamkeit: Als Herkunftsort führt Maršálek das „Stalag 184 Angoulême“ an. Mir ist ein solches deutsches Kriegsgefangenenlager nicht bekannt. Da aber mit dem Transport ganze spanische Familien, Eltern mit Kleinkindern, ankamen, drängt sich mir der Verdacht auf, daß es sich hierbei um Insassen eines französischen Flüchtlingslagers spanischer Republikaner gehandelt hat, derer Vichy sich „á la française“ entledigen wollte. Montserrat Roig hat meine Vermutung schon vorweg genommen. Auf diese Personen trafen nicht einmal die von der GESTAPO im Fernschreiben des Reichssicherheitshauptamtes vom 25. September 1940, Zahl 5740/38 - IV A 2, festgelegten Festnahmegründe zu; darin heißt es nämlich unter Punkt „a) die mit der Waffe gegen die Franco-Truppen gekämpft haben“. Wie immer es sei. Die Familien wurden erst in Mauthausen getrennt. Angeblich sollen die männlichen Jugendlichen, man könnte sie auch Kinder nennen, – der Jüngste, Felix Quesada aus Prat de Llobregat, war 13, und Josep Alcubierre aus Tardienta, sowie Manuel Gutierrez Sanz, waren gerade 14 Jahre alt – die Wahl gehabt haben, beim Vater, also in Mauthausen zu bleiben, oder mit den Müttern und anderen Kleinkindern einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen. Enric Ferrer aus Amposta blieb beim Vater, Enric Ferrer i Berenguer, und dieser war einer der ersten Toten. Von den überlebenden Jugendlichen bildeten etwa 40 später das sogenannte Poschacher-Kommando. Sie arbeiteten zuerst als Häftlinge im örtlichen Steinmetzbetrieb „Poschacher“, wurden 1944 aus dem KZ entlassen und als Zivilisten im selben Betrieb als Arbeiter dienstverpflichtet. Vor ihrer Entlassung lebten sie eine Zeit lang in einer Zwitterstellung: Geschlafen wurde noch im Häftlingslager, die Bewachung bei der Firma Poschacher wurde jedoch immer lockerer. Diesen Umstand nützte der Häftling Francisco Boix, der als Fotograf im Häftlingskommando Erkennungsdienst eingeteilt war, um fotografisches Beweismaterial, das er sich dort illegal angeeignet hatte, aus dem Lager zu schaffen. Einer der „Po-
H ANS L ANDAUER 86 schacher-Buben“ konnte die Bilder und Negative bei der Mauthausener Familie Pointner verstecken. Sie dienten beim Nürnberger Prozeß als Beweismittel gegen die Hauptkriegsverbrecher. Ab 1943 ergriff Deutschlands Kriegsindustrie auch voll das Konzentrationslager Mauthausen. Albert Speer war am 9. Februar 1942 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition berufen worden. In Schlier-Redlzipf, etwa 70 Kilometer südwestlich von Mauthausen, entstand ein Raketenund Brennkammerprüfstand, in Steyr, etwa 25 Kilometer südlich, wurden Panzer erzeugt, und in der Seegrotte bei Mödling, das damals zu Groß-Wien gehörte, wurden Teile der „Wunderwaffe“ V 1 produziert, um nur einige Außenkommandos zu erwähnen, in denen auch Spanier waren. Die ab Beginn 1943 – einige auch als Nacht-und-Nebel-Häftlinge – eingelieferten Spanier, hatten bereits eine wesentlich höhere Überlebenschance. Traf man doch vielleicht schon einen integrierten, erfahrenen Landsmann, vielleicht sogar einen aus der „patria chica“, einen Nachbarn, einen Kameraden, mit dem man im Bürgerkrieg in der gleichen Einheit war und der, wenn schon nicht mehr, zumindest Ratschläge geben konnte: Banale Dinge wie „Männchen bauen“, von der SS Abstand halten, nicht auffallen – alles Dinge, die für das Überleben von Wichtigkeit waren. Nun zum Nacht-und-Nebel-Erlaß. Der war keine Erfindung der GESTAPO oder der SS, sondern kam vom Chef der Wehrmacht, Keitel, persönlich. In einem Auszug vom 4.8.1942 aus dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt heißt es: Häftlinge, die unter den Keitel-Erlaß fallen, ist aufgrund einer Anordnung des Führers verfügt worden, daß Personen, die sich in den besetzten Gebieten gegen das Reich vergehen, aus Abschreckungsgründen ins Reich überstellt werden. Falls dies aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, werden diese Personen unter Schutzhaftverhängung in ein Konzentrationslager eingewiesen. Da es Sinn und Zweck dieses Erlasses ist, Angehörige, Freunde und Bekannte über das Schicksal der Häftlinge im Ungewissen zu lassen, dürfen sie keinerlei Verkehr mit der Außenwelt haben. Nicht immer wurden Außenkommandos nach kriegswirtschaftlichen Notwendigkeiten gegründet. Ein typisches Beispiel ist das Außenkommando St. Lamprecht in der Steiermark. Ursprünglich von Dachau aus ins Leben gerufen und administriert, wurde es später – ebenso wie das Außenkommando Loiblpaß – Mauthausen zugeordnet. Bei St. Lamprecht handelte es sich um ein von den Nationalsozialisten 1938 enteignetes Benediktinerstift. Es kam unter die Verwaltung eines österreichischen „Alten Kämpfers“, der gute Beziehungen zum Chef des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, Oswald Pohl, hatte. Zusammen mit den ebenfalls beschlagnahmten Klöstern Seckau und Vorau, ebenfalls in der Steiermark liegend, baute SS-Obersturmbannführer Erhart, so hieß dieser Mann, die Liegenschaften zu einem Jagdrevier für höhere SSund Parteiführer aus. Für die leichteren, landwirtschaftlichen Arbeiten, die in solchen Ökonomien nötig sind, wurden 30 Bibelforscherinnen aus dem Frauen-KZ
M AUTHAUSEN , EIN S TEINBRUCH MITTEN IN E UROPA 87 Ravensbrück eingesetzt. Sie stammten aus ganz Europa. Hundert männliche Häftlinge, vorwiegend Polen, bauten nebenbei, auf Klostergründen, eine Siedlung. Als Mauthausen das Lager zugeordnet wurde, kamen als SS-Bewachungsmannschaft Oberschlesier, die der polnischen Sprache mächtig waren. Einer von ihnen machte, nachdem er ein Gespräch, das er als Fluchtvorbereitung ansah, belauscht hatte, davon Meldung. Die Folgen waren katastrophal: Am 29. Juni 1943 wurden 14 Häftlinge nach Mauthausen gebracht, wo 9 von ihnen auf dem Appellplatz von Hunden regelrecht zerfleischt wurden. Der Rest starb später in der Strafkompanie. Die restlichen (etwa 80) Häftlinge, wurden am nächsten Tag aus St. Lamprecht weggebracht. Zwei Tage blieb das Außenkommando St. Lamprecht ohne männliche Häftlinge. Dann wurde es mit 99 Spaniern wiedererrichtet. Alle wurden 1945 in St. Lamprecht befreit, da es zu einer Evakuierung des Lagers nicht mehr kam. Sie sehen also, wie eng Glück und Unglück, Leben und Sterben, im Lagerarchipel Mauthausen nebeneinander lagen. Es konnte für Spanier aber auch andersherum gehen, wie uns der Fall von Joaquim Amat-Piniella und Josep Arnal zeigt. Beide waren in Mauthausen im Kommando „Effektenkammer“. In dieser wurden die Privatsachen der eingewiesenen Häftlinge in Papiersäcken untergebracht und, ähnlich der Arbeitskleidung von Bergarbeitern, auf einem Schnürboden gehortet. Innerhalb des Lagers wurde, sowohl mit Kleidungsstücken, als auch mit Wertsachen, lebhafter Handel betrieben, bis die Sache aufflog. Auch hier waren die Folgen furchtbar: Alle Nichtspanier des Kommandos wurden im Bunker ermordet. Nur Amat und Arnal wurden verschont und landeten im Steinbruch. Aufgrund ihrer vorherigen Tätigkeit hatten sie sich jedoch schon einen so großen und einflußreichen Freundeskreis aufgebaut, der sie später aus der mehr als mißlichen Lage befreien konnte. Ich komme zum Schluß. In einem der vielen Erinnerungsbücher über Spanier in nationalsozialistischen Konzentrationslager wird ein gewisser Joan Martorell mit den Worten „los catalanes que fueron a Dachau encontraron allí a muchos deportados republicanos que habían sido translados de Mauthausen“ zitiert. Seine Unterschrift scheint auch in meinem schönsten Geschenk, das ich von meinen spanischen Schicksalsgenossen nach der Befreiung 1945, in Dachau bekommen habe, auf.