Kodifizierung als Sprachmanagementprozess. Zu einigen Beobachtungen aus der lexikographischen Praxis am Großen akademischen Wörterbuch Deutsch‑Tschechisch
Abstract
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Kodifizierung als Sprachmanagementprozess. Zu einigen Beobachtungen aus der lexikographi‑ schen Praxis am Großen akademischen Wörterbuch Deutsch ‑Tschechisch1 Vít Dovalil, Martin Šemelík– Karls ‑Universität, Prag ABSTRACT Codification as Language Management Process. On Some Observations from Lexi‑ cographic Practice in the Large Academic Dictionary German ‑Czech This study examines selected aspects of codification in the context of bilingual lexicography, with an emphasis on varying noun declension in cases such as des Autors vs des Autoren in German. Based on Language Management Theory, the study provides insights into the dictionary ‑making process of the Large Academic Dictionary German ‑Czech, an online dictio‑ nary currently under development. Using aqualitative, exploratory approach, observation is employed as the primary research method to illuminate the decision ‑making processes involved in such codification. The findings reveal that language management is completed relatively quickly, resulting in outcomes that may be open to debate. KEYWORDS codification; standard; language management; lexicography; dictionary; contemporary German; morphology; noun declension 1. EINFÜHRUNG In der vorliegenden Studie wird eine Analyse der Entscheidungsprozesse bei der Erstellung eines zweisprachigen akademischen Wörterbuchs vorgestellt. Die Unter‑ suchung basiert auf der Sprachmanagementtheorie, die ein Instrumentarium bietet, um das Verhalten von Sprachbenutzern2 gegenüber der Sprache, wie es in Diskursen erscheint, zu analysieren. Am Beispiel der Bewertung konkurrierender Varianten des Autors vs. des Autoren und der Frage, ob diese in das Wörterbuch aufgenommen werden sollen, wird gezeigt, wie ein solches Sprachproblem überhaupt zu einem 1 Die vorliegende Studie geht aus von unserem Beitrag im Rahmen der Konferenz „Kodifizierung der Sprache– Strukturen, Funktionen, Konsequenzen“, der am 26.02.2015 an der Universität Würzburg vorgetragen wurde. Die Autoren arbeiteten an dieser Studie im Rahmen des Programms der institutionellen Basisförderung für Wissenschaft und Forschung an der Karls ‑Universität, Cooperatio, Fachbereich Linguistik. 2 Im Text verwenden wir das generische Maskulinum, welches sich hier auf Personen aller Geschlechter bezieht.
96 BRÜCKEN 31/2 relevanten Thema für das Lexikographen ‑Kollektiv wird. Dieses Kollektiv argumen‑ tiert für eine negative oder nicht ‑negative Bewertung und entscheidet schließlich, in welcher Form der Wörterbucheintrag veröffentlicht werden soll. Ein solcher ethno‑ graphischer Einblick in die „Werkstatt“ eines entstehenden Kodex sowie die Analyse der Entstehung eines Wörterbuchartikels können aus methodischer Perspektive als einzigartig betrachtet werden. 2. KODIFIZIERUNG ALS SPRACHMANAGEMENTPROZESS Klein definiert den Kodex ‑Begriff wie folgt: Zum Sprachkodex einer Sprache gehören alle metasprachlichen Schriften, die für eine Sprachgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als Normautoritäten zur Verfügung stehen und von ihr auch als Normautoritäten wahrgenommen werden. Der Sprachkodex kann sich auf unterschiedliche Ebenen und Instanzen der Sprache beziehen: Aussprache, Schreibung, Grammatik (Wort‑ und Wortformenbildung, Syntax), Lexik, Semantik, Pragmatik. (Klein 2014: 222) Versteht man jedoch unter Kodifizierung einen spezifischen Verlauf eines Sprach‑ managementprozesses, kann man auf eine Auffassung des Kodex verweisen, die sich aus praktischen Überlegungen der Benutzer ergibt. So kann jeder Text, auf den sich Sprecher im Hinblick auf eine erfolgreiche Lösung ihres Sprachproblems beziehen, zu einem Kodex werden. Es handelt sich also nicht um eine objektiv „vordefinierte“ Gattung, sondern um eine situativ bedingte Auffassung. Sprecher können sich nicht nur auf Wörterbücher, Grammatiken oder andere Handbücher berufen, sondern auch– und nicht nur in fremdsprachlichen Kontexten– auf Lehrbücher, deren Ver‑ zeichnisse und darin enthaltene grammatische Übersichten, auf Expertenstudien oder andere Gattungen, um ihre Sprachprobleme zu lösen. Ein Kodex wird also erst in Interaktionen definiert, und zwar intersubjektiv von denjenigen Akteuren, die sich durch ihre metasprachlichen Handlungen auf etwas als Kodex beziehen. Im Ex‑ tremfall, wenn z. B. die Eltern eines Schülers mit der Begründung der Lösung eines grammatischen oder lexikalischen Problems durch die Lehrkräfte in der Schule nicht einverstanden sind, kann es erst vom Gericht abhängen, welcher Text genau als Teil des Kodex zu betrachten ist.3 Das Phänomen der Sprachkodifizierung ist systematischer in den breiteren sozio‑ linguistischen bzw. soziologischen Rahmen der Sprachplanung im Allgemeinen und der Korpusplanung im Besonderen einzuordnen. Diese Disziplin wird seit Jahrzehnten vor allem in der angelsächsischen Tradition gepflegt. Am bekanntesten ist wohl Einar Haugens Vier ‑Phasen ‑Modell der Sprachstandardisierung, in dem die Kodifizierung die zweite Phase nach der Auswahl von Formen darstellt und der dritten Phase vo‑ 3 Die Linguisten erkennen ein wachsendes Erfordernis, zu analysieren, wie die Kodizes von den Sprechern in der Praxis tatsächlich angewandt werden. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Untersuchung, welche Kodizes für spezifische Nutzergruppen relevant sind und welche nicht. Im lexikographischen Kontext siehe z. B. die Arbeiten wie etwa Mžourková/Křivan (2019), Šemelík/Procházková (2024), Štěpánková/Vodrážkováetal. (2019), Welker (2013a, b), Wiegand (1987) und (1998).
97VÍT DOVALIL, MARTIN ŠEMELÍK rausgeht, die in der Verbreitung kodifizierter Formen in der Sprachgemeinschaft diatopisch, diastratisch und stilistisch besteht (Haugen 1983). In diesem Zusammenhang ergeben sich beispielsweise auch die folgenden Fragen: Nimmt die Nachfrage der Gesellschaft nach Sprachkodifizierung ab? Geht mit dem 21. Jahrhundert die Ära der Kodifizierung zu Ende?4 Die neue Ära– nennen wir sie an dieser Stelle Post ‑Kodifizierungsepoche– könnte also weitreichendere soziale Folgen für das Fachgebiet mit sich bringen. Aus einer engeren soziolinguistischen Perspektive stellt sich die Frage, ob eine Situation, in der Sprecher auf (Neu‑)Kodifizierungen ver‑ zichten können, als Erreichen eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses in der Stan‑ dardisierung einiger spezifischer Sprachen wie des Deutschen interpretiert werden kann, oder eher als Rückzug der Standardisierung als historisches soziokulturelles Problem in einer postmodernen gesellschaftlichen Situation. Die Sprachkodifizierung stellt eine der typischen Verhaltensweisen einer lingu‑ istisch motivierten Gruppe von Sprachbenutzern dar, die den Sprachgebrauch zu erfassen hat. Die Verhaltensweisen bestehen in Beobachtungen des Sprachgebrauchs, in Klassifizierungen der beobachteten Elemente, deren Systematisierungen, Beschrei‑ bungen oder eventuell in empfehlenden Kommentaren für Sprachbenutzer, die an Lösungen verschiedener Zweifelsfälle oder Sprachprobleme interessiert sind. Einen ausführlichen systematischen Überblick über die Klassifizierung, Typen und Entwick‑ lungstendenzen in den aktuellen Kodifizierungsdiskursen liefert McLelland (2021). In diesem Beitrag wird das Potenzial einer soziolinguistischen Theorie erörtert, die auf eine systematische Analyse der metasprachlichen Aktivitäten verschiedener sozialer Akteure abzielt. Das Konzept Sprachmanagement wird von Verhalten der Sprachbenutzer gegenüber der Sprache definiert (Nekvapil 2016; Jernudd/Neustupný 1987). Die Sprachmanagementtheorie (im engl. Original Language Management Theory, weiter LMT) umfasst die folgenden Merkmale (Dovalil/Šichová 2017; Fairbrotheretal. 2018; Kimura/Fairbrother 2020): ● die am sprachbezogenen Verhalten beteiligten Akteure, ihre Interessen, ihren sozialen Status, ihre Macht und ihre (mehr oder weniger komplexen) sozialen Netzwerke; ● das Zusammenspiel zwischen der Mikro‑ und der Makroebene, auf der die sozialen Akteure diese Aktivitäten durchführen; ● den prozesshaften Charakter dieses Verhaltens und seine Unterteilung in mehrere Phasen; ● die Verflechtung der sozioökonomischen, kommunikativen und sprachlichen Ebene von Sprachmanagementaktivitäten. An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass Sprachprobleme von Anfang an einer der Schwerpunkte der LMT waren. Wie Neustupný (1978: 243–257) und Jernudd (1987) 4 Es gibt zumindest einen bedeutenden soziokulturellen oder sozioökonomischen Kontext, der mit Hinweis auf Kodifizierungsarbeiten und ‑forschung die Möglichkeit bietet, die Existenz der Linguistik als öffentlich finanzierte Disziplin zu legitimieren. Vor allem die laienhafte (nichtlinguistische) Öffentlichkeit ist vielleicht immer noch der Meinung, dass die Linguistik, wenn sie für eine bestimmte Sprachgemeinschaft von Nutzen sein soll, gerade in der Erstellung verschiedener Arten von ein‑ und mehrsprachigen Wörterbüchern, Grammatiken und anderen derartigen Handbüchern besteht.
98 BRÜCKEN 31/2 betonen, kann die LMT als Theorie der Sprachprobleme betrachtet werden.5 Der Ausgangspunkt der Theorie besteht darin, zwischen zwei Aspekten des Sprachge‑ brauchs zu unterscheiden: Zum einen werden Äußerungen und andere kommuni‑ kative Handlungen produziert, zum anderen können diese Äußerungen und andere kommunikative Handlungen zu Objekten des Verhaltens gegenüber der Sprache im weiteren Sinne werden. Die erstgenannten Aspekte betreffen die Prozesse der Sprach‑ produktion und ‑rezeption, während die letztgenannten metasprachlicher Natur sind. Die Kodifizierung stellt somit ein exemplarisches Beispiel von Sprachmanage‑ ment dar. Auf die Kodifizierung ist innerhalb der LMT der Begriff des organisierten Managements zu beziehen, der sich auf die Makroebene der Kommunikation bezieht, die über die unmittelbaren Interaktionen hinausgeht. Dementsprechend sind die Handlungen der Kodifizierung als organisiertes Management trans ‑interaktional, in sozialen Netzwerken höherer Komplexität angesiedelt und reich an theorie‑ wie ideologiebasierten Interventionen. Darüber hinaus wird über die Managementakte kommuniziert, wobei der Gegenstand des organisierten Managements neben der in den Interaktionen verwendeten Sprache auch die Sprache als System ist (d. h. langue in der strukturalistischen Terminologie). Das Problem, wie die Dynamik der metasprachlichen Aktivitäten zu erfassen wäre, durch die das Verhalten gegenüber der Sprache in Diskursen realisiert wird, ist eine der größten methodologischen Herausforderungen für die Soziolinguistik. Die LMT schlägt vor, diese Dynamik in mehrere Phasen zu unterteilen. Was dem gesamten Prozess zugrunde liegt, sind die Erwartungen der sozialen Akteure und/oder die Aufmerksamkeit, die sie verschiedenen sprachbezogenen Phänomenen widmen (Nek‑ vapil 2016). Wenn diese Erwartungen erfüllt werden, wird kein Managementprozess ausgelöst. Der Prozess beginnt in dem Moment, in dem eine Abweichung von diesen Erwartungen auftritt oder wenn ein Phänomen die Aufmerksamkeit eines sozialen Akteurs erregt. Abweichungen oder andere Phänomene können zur Kenntnis genom‑ men werden oder auch nicht. Wenn eine Abweichung nicht bemerkt wird, beginnt der Managementprozess nicht, denn eine nicht bemerkte Abweichung entspricht aus subjektiver Sicht einer nicht existierenden Abweichung.6 Sobald ein Phänomen oder eine Abweichung von der Erwartung bemerkt wird, kann der Prozess in die nächste Phase der Bewertung eintreten. Ein bemerktes Phänomen kann bewertet werden, muss es aber nicht. Wenn es bewertet wird, kann diese Bewertung positiv oder negativ ausfallen oder irgendwo zwischen diesen beiden Polen des Kontinuums 5 Diese Behauptung sollte natürlich nicht dahingehend missverstanden werden, dass die Theorie fertige Lösungen von Sprachproblemen anbietet. Für die Konzeptualisierung und Klassifizierung solcher Probleme siehe Lanstyák (2021). 6 Der englische Terminus noting, der in dieser Studie mit dem Ausdruck Bemerken übersetzt wird, sollte nicht mit dem englischen Terminus noticing verwechselt werden. Noting deutet auf eine diskursive Aktivität hin, bei der eine Äußerung erzeugt und anderen Teilnehmern mitgeteilt wird, während noticing in erster Linie einen psychologischen Wahrnehmungsakt bezeichnet, der nicht unbedingt zu einer Äußerung führen muss. Das Wahrnehmen von Abweichungen von den Erwartungen kann indirekt durch sorgfältig konzipierte psycho‑ bzw. neurolinguistische Experimente untersucht werden (siehe z. B. Hanulíkováetal. 2012 oder Hanulíková 2021). Wenn wahrgenommene Phänomene nicht nach außen hin artikuliert werden, haben die Gesprächspartner keine Chance herauszufinden, was im Bewusstsein des Sprechers vor sich geht, worauf genau der Sprecher achtet (oder geachtet hat) usw. (für weitere Details siehe Marriott/Nekvapil 2012).
99VÍT DOVALIL, MARTIN ŠEMELÍK liegen. Die positive Bewertung wird als Gratifikation bezeichnet (Neustupný 2003: 127 und 135–137). Wenn eine bemerkte Abweichung (oder ein anderes Phänomen) positiv bewertet wird, wird der Prozess nicht fortgesetzt, weil die sozialen Akteure mit den Abweichungen einverstanden sind und kein Bedarf besteht, sie anzupassen. Die Gratifikation bedeutet eine Verstärkung der Nutzung der jeweiligen Variante, was zu ihrer Stabilisierung führen kann. Fällt die Bewertung jedoch negativ aus, haben die sozialen Akteure Gründe, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen, um das Sprachprob‑ lem zu lösen. Die letzte Phase des Prozesses besteht in der Implementierung solcher Maßnahmen. Wie in allen vorangegangenen Phasen kann es auch hier vorkommen, dass es den sozialen Akteuren nicht gelingt, geeignete Maßnahmen zu entwerfen und/oder sie zu implementieren. Der Managementprozess ist zyklischer Natur. Seine einzelnen Phasen treten nacheinander auf, wobei die spätere Phase durch die vorhergehende bedingt ist. So ist es im Sinne der LMT nicht sinnvoll, eine Bewertung ohne Berücksichtigung des Bemerkens zu analysieren, denn wenn ein Phänomen bewertet wird, muss der Sprecher dieses Phänomen notwendigerweise vorher bemerkt haben. Ähnliches gilt auch für die Durchführung einer Maßnahme, die ohne eine vorangegangene negative Bewertung nicht nötig ist. Aufgrund des zyklischen Charakters des Prozesses ist es möglich, die Impulse zur Wiederholung von Versuchen zu erklären, die in der Ver‑ gangenheit nicht erfolgreich waren. Es sind die Erwartungen der gesellschaftlichen Akteure, oder vielmehr die Abweichungen von diesen Erwartungen, die einen neuen Zyklus des Managementprozesses auslösen. Einer der Vorteile der Theorie besteht darin, dass ihre Instrumente systematisch auf Situationen angewandt werden können, in denen potenzielle Probleme in zu‑ künftigen Interaktionen antizipiert werden. Dazu können verschiedene vorbereitende Aktivitäten gehören, wie z. B. das Nachschlagen von Wörtern oder anderen Strukturen in einem Wörterbuch, einer Grammatik oder einem Lehrbuch, die Konsultation mit Sprachexperten oder sogar Vermeidungsstrategien, wie z. B. die Bevorzugung der schriftlichen gegenüber der mündlichen Kommunikation, das Mitbringen eines Über‑ setzers bzw. eines Dolmetschers oder die vollständige Vermeidung der Interaktion (Nekvapil/Sherman 2009). Daher können Managementaktivitäten geplant werden, bevor die eigentlichen Interaktionen beginnen (pre ‑interaction management). Ähnlich verhält es sich, wenn die Teilnehmer eine Lehre aus den in der Vergangenheit auf‑ getretenen Sprachproblemen gezogen haben: Dann werden Managementaktivitäten nach der Interaktion durchgeführt. Das Management nach den Interaktionen (post‑ interaction management) kann natürlich in ein pre ‑interaction management übergehen, wenn es sich auf eine zukünftige Interaktion bezieht. Für die Operationalisierung praktischer Forschungsfragen ist es wertvoll, dass die Struktur und die Phasen des Managementprozesses den Forschern strategische, theoriegeleitete Fragen liefern. Aus methodischer Sicht können die für alle Phasen des Prozesses geprägten Begriffe, beispielsweise in Form von Prädikaten bei der Formulie‑ rung von Fragen in Interviews verwendet werden. Darüber hinaus ist es möglich, diese Begriffe bei der Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten zu verwenden, da sie deutlich machen, in welcher Phase sich die jeweiligen Daten befinden, was logisch vorausgeht und was folgt. Der gesamte Prozess kann anhand des folgenden Diagramms veranschaulicht werden (in Anlehnung an Dovalil/Šichová 2017: 21):
100 BRÜCKEN 31/2 Abb. 1: Phasen des Sprachmanagements In Abschnitt 3 wollen wir nun unser Augenmerk auf einen Zweifelsfall der deutschen Gegenwartssprache richten, der für die Analyse der Daten in Abschnitt 5 von zentraler Bedeutung ist. 3. DES AUTORS VS. DES AUTOREN. ZU EINEM ZWEIFELSFALL DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE Substantive mit Nominativform auf unbetontes ‑or werden im Singular im Allge‑ meinen stark dekliniert: der Autor– des Autors– dem Autor– den Autor, doch kann bei diesen lexikalischen Einheiten ein partieller Deklinationsklassenwechsel beobachtet werden. Im Usus sind die schwach deklinierten Singularformen des Autoren– dem Autoren– den Autoren nicht unüblich, zumal man im DeReKo etwa 976 Belege für des Autoren, 979 für dem Autoren, 156 für eines Autoren, 135 für einem Autoren und 236 für einen Autoren findet.7 Der Grund, warum die zur gemischten Deklination gehörenden Substantive mit ‑or in Verdacht geraten, schwach dekliniert zu werden, dürfte darin bestehen, dass hier gewisse Ausgleichsprozesse im Gange sind: Die gemischte Deklination kann durchaus als eine Art „Systemstörung“ angesehen werden, die es zugunsten einer größeren Systematizität abzubauen gilt. Da die Pluralformen mancher Substantive mit ‑or als hochfrequent einzustufen sind, dürfte es der Fall sein, dass die Sprecher/ Schreiber dazu tendieren, die allgemeine Regel „wenn Plural schwach, dann zumeist auch Singular schwach“ auch auf die Substantive mit ‑or zu übertragen. Die schwachen Singularformen wie des Autoren u. Ä. könnte man dann als eine Art Hyperkorrektis‑ men ansehen.8 Nach Köpcke (1995) befinden sich die Maskulina mit ‑or, die ein Lebe‑ 7 Deutsches Referenzkorpus DeReKo‑2024‑I, W ‑Archiv der geschriebenen Sprache, W ‑öffentlich– alle öffentlichen Korpora des Archivs W (mit Neuakquisitionen). Die Form den Autoren wurde nicht berücksichtigt, weil sie homonym ist (neben Sg. Gen. auch Dat. Pl.). 8 Zu Schwankungen im Bereich der substantivischen Deklination siehe Thieroff (2003), Krischke (2012) und Dovalil (2006, Graphiken auf S. 211–214). Dovalils Untersuchung zeigt u. a., dass die Akzeptanz der Interaktion mit Erwartungen keine Abweichung der Erwartung Abweichung der Erwartung keine Implementierung Implementierung keine Lösungsstrategie Lösungsstrategie Bewertung keine Bewertung unbermerkt bermerkt positiv negativ
101VÍT DOVALIL, MARTIN ŠEMELÍK wesen bezeichnen im Radius eines der zwei prototypischen Paradigmen schwacher Maskulina, wozu auch phonetische Charakteristiken beitragen: Die Maskulina mit ‑or gehören zu den in beiden Numeri penultimabetonten Substantiven, obwohl der Plural um eine Silbe länger wird (vergleiche mit Maskulina wie Matrose, Löwe, Halunke, die in beiden Numeri auch penultimabetont bleiben). In der Duden ‑Grammatik (2009: 214) gelten die schwach deklinierten Formen des Typs des Autoren nicht als standardsprachlich. In der Duden ‑Grammatik (2022: 717) werden sie nicht erwähnt, während in Duden– Sprachliche Zweifelsfälle (2021: 145) der folgende Vermerk vorgefunden werden kann: „Das Substantiv wird in der geschriebenen Standardsprache im Singular stark flektiert. Es heißt also des Autors, dem Autor, den Autor. Vereinzelt tritt auch die schwache Flexion auf: des Autoren, dem Autoren, den Autoren.“ Die Tatsache, dass die betreffenden Formen hinsichtlich der Frequenz keine Rand‑ erscheinungen sind, zugleich aber nicht als dem Standard angehörig bezeichnet werden können, führt zur Frage, wie diese Phänomene in einem Kodex darzustellen sind. Dies betrifft Grammatiken und Wörterbücher gleichermaßen. Aktuelle deutsch‑ tschechische Wörterbücher führen bei den betreffenden lexikalischen Einheiten lediglich die stark deklinierten Singularformen an, indem die morphologischen An‑ gaben typischerweise die folgende Form haben: „Autor, der, ‑s, ‑en“– so oder ähnlich siehe beispielsweise VNČS (2006: 206) und VSNČČN (2006: 84). Dies ist dann im Einklang mit der Erfassung dieser Phänomene in den meisten einsprachigen Wörter‑ büchern des Gegenwartsdeutschen, siehe etwa LGWDaF (2010: 167), WDW (1997: 243) bzw. Duden online (https://www.duden.de/rechtschreibung/Autor) mit der Ausnahme des DWDS, in dem die schwach deklinierten Formen angeführt und mit der Angabe „umgangssprachlich“ versehen sind (https://www.dwds.de/wb/Autor). In Abschnitt 5 werden Daten präsentiert und ausgewertet, welche einen Einblick in die Entstehung eines zweisprachigen Wörterbuchs geben und welche die Ent‑ scheidungsprozesse der Kodifizierung von schwach deklinierten Singularformen der ‑or ‑Substantive reflektieren. Zuerst wird dieses Wörterbuch jedoch kurz cha‑ rakterisiert, und zwar v. a. im Hinblick auf die in dieser Studie interessierenden Fragestellungen. 4. DAS GROSSE AKADEMISCHE WÖRTERBUCH DEUTSCH‑ TSCHECHISCH IN SOZIOLINGUISTISCHEN KONTEXTEN9 Das Große akademische Wörterbuch Deutsch ‑Tschechisch (weiter GAWDT), ein lexikographisch bearbeitetes, wortartenspezifisch angelegtes Wortschatzinforma‑ tionssystem, stellt ein akademisches Wörterbuch in statu nascendi dar, das in der schwachen Formen von deutschen Experten im Bereich der germanistischen Linguistik zwischen 17 und 24 Prozent oszilliert und darüber hinaus kasusspezifisch sein kann. So erreichte die Akzeptanz der Form im gen.Sg. (des Autoren) 24 Prozent, im Akk. Sg. (einen Autoren) dagegen nur 17 Prozent. Zur grammatischen Integration der lateinischen ‑or ‑Lexeme siehe Eisenberg (2001). 9 Dieser Abschnitt basiert v. a. auf Vachková (2011: 25ff). Näheres siehe ebd. oder Vachková (2015) bzw. unter URL: <https://lexarchiv.ff.cuni.cz/lexikograficka ‑sekce/?lang=de> und <https://lexarchiv.ff.cuni. cz/slovnik/>.
102 BRÜCKEN 31/2 von Hugo Siebenschein und Josef Janko begründeten lexikographischen Tradition verankert ist. Die anvisierten Adressaten sind u. a. Akademiker, Übersetzer, Germa‑ nistikstudierende sowie Absolventen der Gymnasien. Das GAWDT hat textbezogene (Wörterbuch als Hilfsmittel, das konsultiert wird, um ein Textproblem zu lösen) wie auch wissensbezogene Funktion (Wörterbuch als Hilfsittel, das konsultiert wird, um sich mehr Wissen zu beschaffen). 10 Das GAWDT ist in erster Linie ein Dekodie‑ rungswörterbuch, das allerdings produktive Verwendungsweise (Kodierung) nicht unbedingt ausschließen muss. Das Projekt ist ein langfristiges Vorschungsvorhaben, an dem korpusanalytische Methoden getestet werden, wobei der systemorientierte Blick, der eine Verallgemei‑ nerung bedingt, und die verwendungsorientierte Auffassung, beide im Dienste einer funktionalen Sprachbeschreibung, einander begegnen. Forschungen, die auf kont‑ rastive Analysen authetischer Sprachdaten abzielen, stellen einen festen Bestandteil der lexikographischen Arbeiten am GAWDT dar. Hinsichtlich der lexikographischen Ansätze bzw. Strategien Präskription– Pro‑ skription– Deskription kann in Bezug auf das GAWDT festgehalten werden, dass das Wörterbuch präskriptiv, proskriptiv wie auch deskriptiv ist. Für die Präskription ist charakteristisch, dass in die Sprachverwendung bzw. auch ‑entwicklung seitens der Wörterbuchautoren normativ eingegegriffen wird, indem eine Spracherscheinung als falsch eingestuft wird oder eine Erscheinung, eine Variante absichtlich nicht angeführt wird, wobei die Grundlage solcher Ein‑ griffe entweder das individuelle Urteil der Verfasser oder einer anderen Autorität, etwa der Sprachakademie, einer Sprachberatungsstelle usw., darstellt. Präskriptiv verfährt das GAWDT beispielsweise dadurch, dass in den sog. usage notes bestimmte Erscheinungen explizit als Fehler bezeichnet werden. Dies betrifft vorrangig System‑ fehler als Folge verschiedener Interferenzen des Typs tsch. (ten) problém (mask.) vs. dt. das Problem (neutr.).11 Es sei betont, dass präskriptive Elemente als natürliche Be‑ gleiterscheinung der Kodifizierung angesehen werden müssen, wobei unter diesem Gesichtspunkt der Präskriptivismus nicht als etwas Unwissenschaftliches oder gar als ein schädliches Gegenstück zum „wissenschaftlich objektiven“ Deskriptivismus kritisiert werden kann. Im Falle von anderen Spracherscheinungen wird im GAWDT dagegen deskrip‑ tiv oder proskriptiv vorgegangen. Bei der Deskription werden alle Varianten einer Variablen ermittelt und angegeben, ohne dass jedoch eine oder mehrere davon emp‑ fohlen würden. Die Empirie steht hierbei im Vordergrund. In einem Wörterbuch können die beiden erwähnten Ansätze simultan Anwendung finden, sodass es häufig schwierig ist, eine scharfe Grenze zwischen einem präskriptiven und deskriptiven Wörterbuch zu ziehen (Malkiel 1989: 63). Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zu‑ sammenhang auch die Perspektive der sozialen Praxis. Zwischen den Zielsetzungen der Wörterbuchautoren und der Perspektive der Wörterbuchbenutzer kann es Dis‑ krepanzen geben: „Wörterbücher sind von ihrer Intention aus deskriptiv oder sie er‑ heben den Anspruch auf die Intention, deskriptiv zu sein. Von den Benutzern werden die Wörterbücher als normativ angesehen– von ihrer Wirkung her gesehen, sind sie 10 Zu Wörterbuchfunktionen siehe Tarp (1995). 11 Zu usage notes im GAWDT siehe Šemelík/Bezdíčková/Koptík (2016).
103VÍT DOVALIL, MARTIN ŠEMELÍK normativ“. (Ludwig 2002: 227) Mit Kühn kann man von daher festhalten, dass „[d]ie Wörterbücher des Deutschen […]– historisch betrachtet– in ein Wechselbad norma‑ tiver Zielvorstellungen und deskriptiver Absichten getaucht [sind].“ (Kühn 1997: 112) Häufig werden Kodizes als Normautoritäten bezeichnet, aber die Identifizierung von Kodizes mit Normautoritäten ist terminologisch nicht ganz korrekt (siehe auch Kleins oben zitierte Definition eines Kodex). Es ist sicherlich erwägenswert, den Begriff der Normautorität einer Person vorzubehalten, von der andere Sprecher und Schreiber (Lehrkräfte, Redakteure, Korrekturleser usw.) legitimerweise erwarten, dass sie ihre sprachliche Produktion korrigiert. Natürlich können sich Normautoritäten bei dieser Tätigkeit auf einen Kodex berufen. Die Proskription, die auch als selective description bezeichnet wird (Bergenholtz 2003: 77), kann folgendermaßen charakterisiert werden: „Proscription allows the same possibilities for the empirical basis as description […]. However, the results of empirical analysis are dealt with in adifferent way com‑ pared to adescriptive approach. In this regard the most salient distinction lies in the fact that the lexicographer does not only provide the results from the empirical analysis but goes further by indicating aspecific variant that he/she regards as the recommended form.“ (Bergenholtz/Gouws 2010: 36) Mit dem Plurizentrismus12 ist die Proskription im Einklang, zumal beim divergierenden Sprachgebrauch in jewei‑ ligen Zentren eine Empfehlung eigens für jede Varietät formuliert werden kann.13 Die Autoren der einzelnen Datenbankeinträge des GAWDT sind interne Mitglieder der Redaktion oder externe Mitarbeiter. Bei den externen Mitarbeitern handelt es sich derzeit fast ausschließlich um Studenten des Instituts für Germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Karls ‑Universität. Die Wörterbuchartikel werden in der Regel zwei Revisionen unterzogen, die immer in einem bestimmten (nicht fest‑ gelegten) Abstand erfolgen und von einem bis vier internen Redaktionsmitgliedern in gemeinsamen Redaktionssitzungen durchgeführt werden. An mindestens einer Redaktionssitzung nimmt der Projektleiter teil. Der Autor des Wörterbuchartikels kann, muss aber nicht an der Sitzung teilnehmen. Nach der zweiten Redaktion wird der Wörterbuchartikel zumeist als finalisiert und veröffentlichungsbereit betrachtet. 5. DATEN Die Grundlage des Basistranskripts bildet eine Aufnahme der Revisionsarbeiten am GAWDT, die am 12.01.2015 in Prag entstand und eine Gesamtdauer von 03:37:00 hat. Ausgewählte Teile der Aufnahme wurden von Markéta Frejlachová mithilfe von GAT 214 transkribiert und anschließend von Martin Šemelík ins Deutsche übersetzt. Die Akteure sind: A– Projektleiter, geboren 1954, weiblich, B– externer Mitarbeiter, ge‑ 12 Zum Plurizentrismus Clyne (1992), Ammon (1995), inter alia. 13 Ausführlicher zu Norm, Normierung, Standard und Standardisierung im Bereich der Lexikographie z. B. Bergenholtz/Gouws (2010), Gouws (2009), Kühn (1997), Ludwig (2002), Malkiel (1989), Ripfel (1989), Schaeder (1998), Wiegand (1986), Zgusta (1989). 14 GAT 2 steht für eine überarbeitete Version des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems, mehr dazu siehe unter URL <https://1url.cz/u1FoN>.
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