Franz Kafka und der Kanon. Werkkonstitution als Konstruktion aus Theater, Text und Zeichnung. Grundriss einer Forschungsfrage
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Franz Kafka und der Kanon. Werkkonstitution als Konstruktion aus Theater, Text und Zeichnung. Grundriss einer Forschungsfrage Achim Küpper– Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, Freie Universität Berlin ABSTRACT Franz Kafka and the canon. Work constitution as aconstruction of theatre, text and drawing. Outline of aresearch question This article focuses on an aspect that has thus far rather been ignored by scholarly discussions on Franz Kafka: in frequently putting emphasis on aunique ‘small literature’, invoking partly Kafka’sown remarks, partly those of Gilles Deleuze and Félix Guattari (1975), Kafka’srelationship to the ‘grand literatures’ has often been neglected or even completely overlooked. Yet, how does Kafka’swork relate to the canon? The paper provides an outline of this research question and seeks initial answers to it by exploring residues of the literary and creative canon that are referred to in the works themselves and that range from Greek antiquity to Weimar Classicism and beyond. Based on internal traces and obscured layers of such aconnection with the canon, the constitution of Kaka’sworks proves to be aconstruction of theatre, text and drawing. KEYWORDS Franz Kafka, ‘small literature’, literary and creative canon, Greek antiquity, Weimar Classicism, Sophocles, Johann Wolfgang Goethe, Heinrich von Kleist, theatre, text, drawing 1. GRUNDRISS So florierend die Forschung zu Franz Kafka auch ist, so sucht man in der abundanten, sich nunmehr über ein volles Jahrhundert seit seinem Tod erstreckenden Beschäftigung mit Autor und Werk dennoch nach einem bestimmten Schlüsselbegriff weit und breit vergebens: dem „Kanon“. In den seltenen Fällen, in denen dieses Stichwort überhaupt je mit Kafka in Verbindung gebracht wurde, geht es entweder um Kafkas eigenen Status als Klassiker eines modernen Kanons (Lamping 2012; Scherpe 2020), um die Kanonisierung seiner Rezeption (Winter 2014; Kim 2022) und Translation (Cadera 2022) oder um die Dekonstruktion des Kanons (Schirrmacher 1987, ferner Wagner 1998), nicht aber darum, in welcher Beziehung Kafkas Schaffen selbst zum weltliterarischen und -kulturellen Kanon steht.1 Gerade das Konzept der Weltliteratur 1 Unter „Kanon“ wird in der Folge eher eine säkulare als eine sakrale Werksammlung begriffen. Der Versuch zentriert sich weniger um eine Bezugnahme auf die Heilige Schrift etwa im Rekurs auf den
26 BRÜCKEN 31/1 böte zweifelsohne lohnende Zugänge hierzu, doch liegen auch in diesem Bereich bislang allein erste Ansätze vor (Nagel 1983; Engel/Lamping 2006a), die ihrerseits offen konzedieren, das Thema sei „noch längst nicht ausgeschöpft“ (Engel/Lamping 2006b: 7), und die sich „vor allem als Anregung“ ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit verstehen (8). Was den spezifischen Konnex zwischen Franz Kafka und dem Kanon betrifft, kann noch kaum von Anregungen die Rede sein. Wie erklärt sich eine derart gewaltige, in ihrer Ausdehnung gleichermaßen eklatante wie erstaunliche Forschungslücke? Die Antwort fällt zumindest doppelt aus. Zum einen mag die in neuerer Zeit aufgeflammte Kritik am Kanonkonzept als solchem eine gewisse Rolle gespielt haben, das seit Längerem nicht mehr als unhinterfragt gültig angesehen, sondern vor dem Hintergrund postkolonialer ebenso wie medialer Revisionen des literarischen Kanons zunehmend in die Kontroverse kulturwissenschaftlicher Diskussionen geraten ist.2 Jedoch hätte gerade dieser verstärkte Fokus auf Fragen der Kanonbildung eigentlich weniger zu einer Verminderung als zu einer Vermehrung des Interesses für Kafkas allemal zwiespältige Stellung zum Kanon führen müssen. Deshalb rückt– zum anderen– eine zweite Antwort in den Horizont: Sie beruht auf der Dominanz von Aspekten des sogenannten Minoritären, des Randständigen und des Peripheren innerhalb der Kafka -Forschung bei gleichzeitiger Emphase auf der Einzigartigkeit des Autors, der so etwas wie eine Singularität des Literaturbetriebs darstelle, der aus sich selbst und nur aus sich selbst heraus zu verstehen sei, ohne des Rückgriffs auf literarische Größen früherer Epochen zu bedürfen. Bei der häufigen Betonung solch einer singulären ‚kleinen Literatur‘, die sich teils auf Kafkas eigene, wenngleich sporadische Bemerkungen, 3 teils auf die von Deleuze/Guattari biblischen Kanon des Christenoder des Judentums, auf jenen religiösen Bezirk also, auf den sich die Bezeichnung ursprünglich zurückführen lässt, als vielmehr um ihre wirkmächtige Wiederaufnahme in den profanen Regionen weltliterarischer und -kultureller Vermächtnisse. Ganz so simpel ist die Unterscheidung allerdings nicht: Im frühen Altertum verschwimmen die Konturen von Literatur und Ritus in ähnlicher Weise, wie sich das Rituelle in Kafkas literarischer Arbeit an der Schwelle von Profanem und Sakralem zuletzt erneut Bahn bricht. Eine allzu scharfe Trennung zwischen beiden Bereichen verliert sich in der Tiefe ihres gemeinsamen Urgrunds. 2 Zu verweisen ist auf die Neubestimmung des literarischen und kulturellen bzw. medienkulturellen Kanons, die aus unterschiedlichen Perspektiven in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurde (grundlegend in Hinblick auf die Kanonfrage zuvörderst Assmann/Assmann 1987, Heydebrand 1998). Zur Debatte gestellt wurde in dem Zusammenhang unter anderem ein partiell medial „erweiterter Literaturbegriff, der zu einer Einbeziehung bisher ausgegrenzter oder nicht -schriftsprachlicher Texte in den Kanon führt, insofern sie Qualitätskriterien entsprechen“ (Neuhaus 2002: 153), genauso wie eine stärkere „Konfrontation mit fremden Kulturen“ innerhalb des Literaturkanons (Hofmann 2006: 8, zu dem Problem auch Holdenried 2022: bes. 265f.). Dass der traditionelle ‚westliche Kanon‘ etwa im Sinne Harold Blooms (1994, zudem Allan Bloom 1987) heute nicht mehr tragfähig scheint, ist kaum noch zu bestreiten (Löffler 2018, allgemeiner Löffler 2003). Aufgerissen werden diese Punkte bereits bei Küpper (2023: 25). 3 Zum Verhältnis zwischen den Literaturen kleiner und großer Nationen siehe die Passage aus Kafkas Tagebucheintrag vom 25.Dezember 1911: „Das Gedächtnis einer kleinen Nation ist nicht kleiner als das Gedächtnis einer großen, es verarbeitet daher den vorhandenen Stoff gründlicher. Es werden zwar weniger Litteraturgeschichtskundige beschäftigt, aber die Litteratur ist weniger eine Angelegenheit der Litteraturgeschichte als Angelegenheit des Volkes und darum ist sie wenn auch nicht rein so doch sicher aufgehoben.“ (Kafka 1990: 315) Unter dem 27.Dezember 1911 verfertigt Kafka in seinem Tagebuch sodann ein „Schema zur Charakteristik kleiner Litteraturen: / Wirkung im guten Sinn hier wie dort auf jeden Fall. / Hier sind im Einzelnen sogar bessere Wirkungen. / 1Lebhaftigkeit / aStreit b.Schulen cZeitschriften / 2Entlastung / aPrincipienlosigkeit bkleine Themen cleichte Symbolbildung dAb-
27ACHIM KÜPPER (1975) beruft, wurde das Verhältnis Kafkas zu den ‚großen Literaturen‘ vielfach vernachlässigt oder sogar ganz ausgespart. Im Besonderen wurde der gigantische, im wahrsten Sinne monumentale Zusammenhang mit der Antike bis dato kaum berücksichtigt. Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen,4 findet der Nexus mit dem antiken Kanon des klassischen Altertums in der Forschung kaum eine Resonanz. Dem sollen die nachfolgenden Ausführungen entgegenwirken. Natürlich ist auch dieser Beitrag nichts als eine Marginalie in Anbetracht des ungeheuren Nachholbedarfs, den die Kafka -Philologie in der Hinsicht zu leisten hätte: ein Anfang vielleicht, eine Miszelle zum Zweck einer bloßen Vorüberlegung und Vorsondierung, ein Auftakt zu einer weiterführenden Beschäftigung, verschwindend gering in Ausmaß und Anspruch. Der Aufsatz begreift sich lediglich als Anstoß zu anschließenden Vorhaben, als Impuls zu fortgesetzten Anstrengungen, als Vorarbeit im besten Sinne. Denn weder strebt die Studie Vollständigkeit noch Mustergültigkeit an, ja noch nicht einmal Repräsentativität kann aufrichtig reklamiert werden. Dazu müsste ein umfassenderes Textkorpus gründlicher untersucht werden, als es in diesem Rahmen möglich ist. Stattdessen konzentriert sich die Analyse in unverhohlen minimalistischer Manier auf einen einzigen, ausgewählten Text Kafkas, um anhand dieses Texts gleichwie punktuelle Aufschlüsse über die werkimmanente Auseinandersetzung mit dem historischen Kanon im Schreiben Kafkas zu gewinnen. Ungeachtet all dieser Unvollkommenheit wird hier allerdings erstmals auf eine Lücke aufmerksam gemacht, die allem Anschein nach so offensichtlich war, dass sie übersehen wurde. Im Zentrum dieser Unternehmung steht ein Text, der selbst längst zu den kanonischen Klassikern Franz Kafkas zählt: Es ist seine kurze, auch als ‚Türhüterlegende‘ bekannte Erzählung Vor dem Gesetz. Im Nachweis ihrer intertextuellen Konstruktion werden Reminiszenzen an den historischen Kanon vom Theater der griechischen Antike über die Zeit um 1800 bis hin zu Kafkas Schreibsituation in der Prager Moderne freigelegt. Der Weg, der hierbei beschritten wird, ist konsequenterweise derjenige einer inhärenten, in das Werk selbst eingelassenen Beschäftigung mit dem Kanon. Die Betrachtung beschränkt sich nicht auf eine Sammlung biografischer Daten und Zeugnisse. Sie begnügt sich nicht damit, nach Hinweisen auf den historischen Kanon in Kafkas Leben und in seinem autobiografischen Schrifttum zu suchen. Ihr Hauptanliegen ist es, einer immanenten, dem Text an sich eingeschriebenen Begegnung mit kanonischen Beständen nachzugehen, deren Spuren in der Erzählung aufzuspüren sind. Der Brennpunkt wird damit ins Innere des Werks verlagert, wo der Umgang mit dem Kanon literarisch produktiv gemacht wird, statt sich nur in äußerlichen, werkfremden oder extraliterarischen Zeichen wie autobiografischen Indizien zu artikulieren. Letztere werden ergänzend herangezogen, um die Textbefunde zu flankieren. Sie dienen vor allen Dingen dazu, die Werkinterpretationen biografisch abzusichern und zu untermauern. fall der Unfähigen / 3Popularität / aZusammenhang mit Politik bLitteraturgeschichte cGlaube an die Litteratur, ihre Gesetzgebung wird ihr überlassen, / Es ist schwer sich umzustimmen, wenn man dieses nützliche fröhliche Leben in allen Gliedern gefühlt hat // Wie wenig kräftig ist das obere Bild. Zwischen tatsächliches Gefühl und vergleichende Beschreibung ist wie ein Brett eine zusammenhanglose Voraussetzung eingelegt.“ (Kafka 1990: 326 [Unterstreichungen im Original]) 4 So z.B. Nagel (1983: zur „Antike“ 133–161 und 401–406 [Anm.]). Mehr dazu weiter unten.
28 BRÜCKEN 31/1 Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle der hier entwickelten Ergebnisse auf direkte Einflussnahmen schließen lassen, im Gegenteil: Einige Korrespondenzen oder Koinzidenzen basieren womöglich weniger auf unmittelbaren Bezugnahmen als auf mittelbaren, über zahlreiche Umwege zustande gekommenen, gegebenenfalls überhaupt nicht durch lineare Beeinflussung, sondern durch gemeinsame Referenzpunkte oder geistige Hintergründe entstandenen Affinitäten. In diesen Fällen kann keineswegs von gezielten, geschweige denn von bewussten Rückgriffen gesprochen werden. Die auktoriale Intention und das auktoriale Bewusstsein sind aber weder für eine vergleichende noch für eine intertextuelle Analyse von vorrangigem Interesse. Will sie nicht zu einer schieren, positivistisch motivierten Einflussforschung vergangener Jahrzehnte verkommen, muss sich die Untersuchung auf textuelle und kulturelle Muster konzentrieren, die auf Prinzipien der Vergleichbarkeit, der Verwandtschaft oder der Ähnlichkeit beruhen und, welcher Art sie auch immer seien, neue Erkenntnisse zum Werk in Aussicht stellen. Häufig lassen die Vergleichungen mehr Kontraste als Übereinstimmungen erkennen. Auch dies tut dem Ansinnen jedoch keinen Abbruch: Vergleichen bedeutet nicht Gleichsetzen, Referenz nicht Reverenz, Zitation nicht Devotion. Selbst explizite Rekurse können sich als Gegenentwürfe und Kontrastbezüge gestalten. In jedem Fall versprechen die untersuchten Phänomene weitere Aufschlüsse zur Beschaffenheit des Kafka’schen Œuvres und zu seiner Verbindung mit dem Kanon. Die Werkkonstitution wird entlang der zu entdeckenden Rudimente kanonischer Anlagerung buchstäblich als eine Konstruktion aus Theater, Text und Zeichnung ausgewiesen. Bei den zeichnerischen Komponenten handelt es sich weniger um Kafkas eigene als vielmehr um die Zeichnungen einiger seiner literaturgeschichtlichen, der ehrfurchtgebietenden Epochenkonjunktur der Kunstperiode entstammenden Vorgänger aus dem Umkreis Johann Wolfgang Goethes sowie Heinrich von Kleists, deren bildnerische Zeugnisse als Bausteine in den textuellen Vorgang eingehen. Der schöpferische Prozess entfaltet sich kraft der Anverwandlung von Sedimentationen des historischen Kanons als ein zweischneidiger und zweischichtiger Akt der Kreation im Spannungsfeld von Tradition und Innovation, Altem und Neuem, Fremdem und Eigenem. Kafkas Schaffen erstrahlt dadurch in einem neuen Licht, welches die Leistung seines literarischen Entwurfs keineswegs schmälert, sondern als fortgeführte Anstrengung künstlerischer Aushandlung im Ringen mit den Größen vergangener Tage um das Bahnbrechende seines Werks erscheinen lässt. Mit Nachdruck ist noch einmal auf die rein vorbereitende und vorläufige Natur der hier unterbreiteten Vorschläge zurückzukommen. Wenn im Untertitel dieses Beitrags der „Grundriss einer Forschungsfrage“ angekündigt wird, so ist die Wendung durchweg in einem zweifachen Sinne aufzufassen. Auf der einen Seite verweist der „Grundriss“– im übertragenen Sinne– auf die Skizzenhaftigkeit der Darstellung, die keine lückenlose Repräsentation des Gegenstands zu liefern behauptet, sondern das Problem ausschließlich in groben, gewiss vereinfachten, schemenhaften Zügen andeutet. Entsprechend ernst ist die Formulierung einer „Forschungsfrage“ aus dem Untertitel zu nehmen: Sie soll darauf aufmerksam machen, dass die hier vorgebrachten Überlegungen weit eher darauf zielen, eine Frage aufzuwerfen, als dass sie fertige Lösungen und finale Antworten zu liefern vorgäben. Auf der anderen Seite lässt sich der „Grundriss“ aber zugleich– im wörtlichen Sinne– auf den Bereich des
29ACHIM KÜPPER Bauwesens beziehen, von dem sich die übertragene Bedeutung erst ableitet. Diesem zweiten, wörtlichen Sinne gemäß ist der „Grundriss“ als Plan oder Zeichnung eines Gebäudes zu verstehen und auf die konstitutive Analogie zwischen Text und Bauwerk zu münzen, die im Folgenden vielfach zur Sprache kommt: Immer wieder kreist die Argumentation um die Verschränkung von architektonischen und literarischen Prinzipien, um den Konstruktcharakter des Texts, um seine Bauweise, seine intertextuelle Anlage sowie auch um die Verbindung zwischen bauund geistesgeschichtlichen Schwellenräumen im Rückgriff auf den historischen Kanon seit den frühen Tagen des europäischen Altertums. In der spezifischen Konzentration auf das bauliche wie textliche Problem des Eingangs reflektiert der Beitrag zugleich die oft schwierige Position der Rezipierenden, denen angesichts der Kafka’schen Rätselkunst nicht selten ein Schlüssel oder ein Zugang zum Werk fehlt. 2. KANONBESTÄNDE IN KAFKAS LEGENDE VOR DEM GESETZ: EINE SPURENSUCHE5 Solch architektonisches Gepräge trägt die vermutlich zwischen Oktober und Dezember 1914 mit schwarzer Tinte geschriebene, im Kontext des Prozeß -Romans entstandene, in dessen „Dom“-Kapitel eingebettete und erstmals 1915 eigenständig erschienene Legende Vor dem Gesetz (Kafka 1994: 267–269),6 die zu den meistbesprochenen Texten Kafkas gehört. Sie berichtet vom vergeblichen Versuch oder auch Nichtversuch eines Mannes, „Eintritt in das Gesetz“ (Kafka 1994: 267) zu erlangen. Das Gesetz verfügt über ein „Tor“ (Kafka 1994: 267); zuweilen wird es auch „Tür“ (Kafka 1994: 268) genannt. Davor „steht ein Türhüter“, der dem Mann „jetzt den Eintritt nicht gewähren“ kann (Kafka 1994: 267). Obwohl „das Tor zum Gesetz offensteht wie immer“ und der „Mann vom Lande“ in dem Moment, wo „der Türhüter beiseite tritt“, „durch das Tor in das Innere“ sehen kann (Kafka 1994: 267), gelingt es ihm zeitlebens nicht, ins Gebäude hineinzugelangen. Stattdessen verbringt er seine Tage vor dem Tor. Zum Ende seines Lebens hin nimmt er mit schwächer werdenden Augen „im Dunkel einen Glanz“ wahr, „der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht“ (Kafka 1994: 269). Bevor er stirbt, erfährt er vom Türhüter, warum er all die Jahre allein vor dem Gesetz gewartet hat: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ (Kafka 1994: 269) Vor dem Gesetz erzählt von einem Nichteintreten, von der Verweigerung eines Zugangs, die in eine durch und durch paradoxe Konstellation eingebunden bleibt. Die Tür ist nicht verschlossen, sondern sie steht eigens für den „Mann vom Lande“ (Kafka 1994: 267) offen; dennoch bleibt der Weg versperrt. Das Gebäude des Gesetzes 5 Die in diesem Unterkapitel skizzierten Resultate werden in umfänglicherer Form entwickelt bei Küpper (2024: Kap.1.2). Die im vorliegenden Beitrag präsentierte Kurzfassung kann als Keimzelle der monografischen Ausführung verstanden werden. Sie darf nicht als Gesamtinterpretation von Kafkas Legende missverstanden werden; dazu sei auf die Monografie verwiesen. Hier reduziert sich der Fokus auf die Frage nach einem der Erzählung inhärenten Kanonrekurs. 6 Zu Überlieferung und Entstehung dieses Texts siehe Kafka (1996: 328f.). Die Bezeichnung „Legende“ lässt sich auf den Autor zurückführen: Am 13.Dezember 1914 spricht Kafka in seinem Tagebuch von einer „Exegese der Legende“ sowie vom „Zufriedenheitsund Glücksgefühl, wie ich es z.B. besonders der Legende gegenüber habe“ (Kafka 1990: 707).
30 BRÜCKEN 31/1 ist einsehbar und nicht einsehbar zugleich: Zwar glückt es dem Mann, „durch das Tor in das Innere zu sehn“ (Kafka 1994: 267) und von dorther zuletzt „einen Glanz“ aus dem „Dunkel“ heraus zu erhaschen (Kafka 1994: 269), doch bleiben Sinn und Zweck der Einrichtung ebenso verborgen und undurchdringlich wie die Struktur der Anlage. Zu erfahren ist nur, dass es offenbar eine hierarchisch organisierte Reihe von Türhütern in entsprechend gestaffelten Räumen gibt: „Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere.“ (Kafka 1994: 267)7 2.1 DER PLATZ VOR DEM GESETZ: EIN ORT DES VERSTOSSENSEINS In Kafkas kurzem Text wird der Schauplatz des Geschehens, der dem Gesetz vorgelagert ist und von dem aus ein Weiterschreiten in sein Inneres nicht gestattet ist, zu einem Ort der Verdammnis, des Verstoßenseins und der Verbannung, der Expatriation und Exkommunikation, an dessen Rand das ausgegrenzte Subjekt verwiesen bleibt, ohne je den Weg ins Gebäude zu finden. Der Vorbau des Gesetzes, von dem sich der Mann nicht lösen kann, ist zugleich ein Ort der Einsamkeit: Das Subjekt bleibt allein und auf sich selbst zurückgeworfen, eine tatsächliche Kommunikation mit dem Türhüter findet nicht statt, zumindest keine, die diesen Namen verdiente, während selbst dieser Türhüter in eine pluralische Gemeinschaft der „Türhüter“ (Kafka 1994: 267) einbezogen und mit „seinem Pelzmantel“ (Kafka 1994: 267) sowie seinem „langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart“ (Kafka 1994: 267f.) einer sonderbar archaisch oder tribalistisch wirkenden Gruppe anzugehören scheint, die ihm Aufgehobensein im Zusammengehörigkeitsgefühl eines Kollektivs verspricht und vor Vereinzelung schützt.8 Das um Einlass bittende Subjekt vor dem Gesetz dagegen ist vereinzelt und von jeder Form der Gemeinschaft entfremdet, ausgeschlossen von einer Teilhabe an Prozessen kollektiver Sinnstiftung, Entscheidungsfindung, Zugehörigkeit oder auch nur wahren Austauschs. Kafkas Vorbau ist ein solitärer Platz. Desto delikater wird diese Konfiguration unter Rückverweis auf die oben dargelegte Analogie zwischen Text und Bauwerk. Werden Geschichte und Gebäude als mitein7 Diese Hierarchie der Hüter kann einerseits, wie Abraham (1994 [zuerst 1983]) vorschlägt, auf eine jüdische Legende aus dem Midrasch Pesikta Rabbati über Moses Gang zum Sinai bezogen werden, die von einer Reihe immer mächtiger werdender Engel erzählt, welche den Himmel bewachen. Vgl. kritisch demgegenüber Binder (1993: 113–115). Andererseits lässt sich der Bedeutungskreis des Texts mit Sicherheit nicht allein auf diesen Horizont beschränken. Zu mannigfaltig sind dafür die Elemente, die er ungeachtet aller Kürze in sich trägt, zu vielschichtig seine Faktur, zu heterogen seine Ingredienzen. So erinnert der gesamte Komplex hierarchisch gestaffelter Räume aus der Legende Vor dem Gesetz, um nur eine relativ beliebige Reminiszenz herauszugreifen, vage an die Vorstellung einer konzentrisch angelegten Hölle als Pendant zu einem gleichartig geschichteten Himmel, wie sie besonders aus Dantes Göttlicher Komödie (frühes 14.Jahrhundert) und der darin ausgebreiteten Vision eines in neun ineinander verschachtelte Kreise der Qualen unterteiltes Inferno bekannt ist (ausgiebiger zu dieser Anspielungsmöglichkeit Küpper 2024: Kap.1.2). Dass Kafka mit Dantes Werk vertraut war, steht außer Frage: Er führte ein Exemplar in seiner Bibliothek und hat das Buch mehrfach in Briefen an Max Brod erwähnt (Born 1990: 30). 8 Nach Quellen aus dem orientalistischen, speziell chinesischen Diskurs um Kafkas Zeit anlässlich der tatarischen Gestalt des Türhüters sucht Goebel (1994). Für die Polysemie des Tatarischen sensibilisiert Kurz (1987: 217): „Der ‚tartarische‘ Bart evoziert nomadische, östliche Völker und den Tartaros, den tiefsten Ort des Todes“ (Referenz darauf bei Goebel 1994: 33, dort Anm.2). Die Anspielung auf den Tartaros lässt wiederum an die vorhin angeklungene Hölle als Gegenort himmlischer Imagination denken.
31ACHIM KÜPPER ander korrespondierende Einheiten verstanden, lässt sich das ausgegrenzte Subjekt in gewisser Weise auch als eine Repräsentation von Lesenden identifizieren, die den Zugang zum Text nicht finden: Die Gesetze, die in ihm obwalten, bleiben schleierhaft und unverständlich, ein Einstieg gelingt nicht, stattdessen bleiben diejenigen, die um Eintritt bitten, an den Saum des Werks verbannt und auf die Nichtkommunikation mit einem Wächter angewiesen, dessen Aussagen zu keiner annehmbaren Lösung führen.9 Allein aufgrund dieser Identifikation des um Einlass Bittenden mit den Lesenden sind die Letzteren imstande, die Not und Ausweglosigkeit, das Unverständnis und die Verzweiflung im Akt des Lesens mitzuvollziehen, das Ersterer im Angesicht unaussprechlicher Fremdheit und Rätselhaftigkeit verspürt. Ein eindeutiger Plan ist der Einrichtung nicht zu entnehmen, eine klare Absicht hinter dem Gesetz nicht zu erkennen, ein alles erlösender Sinn dem Werk nicht zu entlocken. Die Anlage scheint vielmehr ihren eigenen Gesetzen zu folgen. Das Bauwerk bleibt ein Tempel ungelöster Rätsel und undurchdringlicher Geheimnisse. 2.2 DIE ATTISCHE TRAGÖDIE: SCHWELLENRÄUME SEIT SOPHOKLES Ausschlaggebend für die im Weiteren vorgenommene Analyse ist die lokale Bedeutungsdimension des für die Erzählung titelgebenden Vor. Primär muss der Titel gemäß einer spatialen Semantik gelesen werden: Vor dem Gesetz bestimmt den Ort der Handlung als einen dem Gesetzesgebäude vorgelagerten Platz.10 Die räumliche Situation aus Kafkas Vor dem Gesetz lässt sich zugleich in eine lange literaturgeschichtliche Reihe einbeziehen, deren Grundfesten bis in die griechische Antike zurückreichen. Erinnert sei an die attische Tragödie aus dem 5.Jahrhundert v.u.Z., deren Vorbild zunächst Aischylos (525–456 v.u.Z.) aufstellt, bevor sie durch die sophokleische Theatertradition weiter ausgestaltet und popularisiert wird. In den Tragödien des Sophokles (497/496–406/405 v.u.Z.) wird der Platz vor dem Palast oder vor dem Königshaus zu einem wesentlichen Ort des Schauspiels und der Handlung. Der „Schauplatz“ der Antigone (442 v.u.Z.) befindet sich „vor dem Königspalast in Theben“ (Sophokles 1955: 3). „Vor dem Palast des Ödipus in Theben“ (Sophokles 2002: 5 [Hervorhebung im Original]) spielt das nach ihm benannte Stück (429–425 v.u.Z.). „Vor dem Königshaus in Mykene“ (Sophokles 1969: 5 [Hervorhebung im Original]) findet schließlich das Geschehen der Elektra (ca.413 v.u.Z.) statt, das namentlich auf den Choephoren (458 v.u.Z.) des Aischylos fußt. Kafkas Vor dem Gesetz muss notwendigerweise vor dem Hintergrund dieser Tradition betrachtet werden. Der Autor hat sich bereits seit seinen Schultagen mit ihr auseinandergesetzt. Belegt ist, dass Kafka ab dem dritten Gymnasialjahr (Schuljahr 9 Dazu in nuce Mauz (2003: 56): „Wenn sich am Ende der Parabel die Türe schliesst, wenn der Mann vom Lande ähnlich hilflos vor dem Gesetz liegt, wie der Leser vor dem Vor dem Gesetzbzw. Process -Text sitzt, dann trifft der Leser auf seinen Repräsentanten im Text“. 10 Das unterstreicht auch Derrida (1985: 106) in seiner prominenten Lektüre des Texts, der die topologische Qualität des Titels sowie der gesamten Erzählung fokussiert: „le sens du titre figure une indication topologique, devant la loi.“ Auf die „ursprünglich räumliche Semantik des ‚vor‘ aus ‚Vor dem Gesetz‘“ deutet ebenfalls Bergengruen (2016: 424). Dass die Präposition „vor“ neben der primären (lokalen) noch eine sekundäre (temporale) und tertiäre (hierarchische) Lesart zulässt, wird ausgearbeitet bei Küpper (2024: Kap.1.2). Dort findet sich außerdem eine Auslegung des ersten Satzes der Erzählung im Licht seiner fundamentalen Vieldeutigkeit: „Vor dem Gesetz steht ein Türhüter.“ (Kafka 1994: 267)
32 BRÜCKEN 31/1 1895/1896) „5Stunden Griechischunterricht“ hatte (Hermes/John/Koch/Widera 1999: 20). Von diesem Zeitpunkt an war an dem humanistischen Altstädter Deutschen Gymnasium in Prag, das Kafka besuchte, „fast die Hälfte“ aller Unterrichtsstunden „den klassischen Sprachen vorbehalten“ (Wagenbach 2006 [zuerst 1958]: 35). 11 An die immensen Anforderungen in den Sprachen des klassischen Altertums erinnert sich Kafkas Schulfreund Hugo Bergmann (Hermes/John/Koch/Widera 1999: 22). In der achten und letzten Gymnasialklasse (Schuljahr 1900/1901) steht unter anderem Sophokles’ Antigone auf dem Programm (Hermes/John/Koch/Widera 1999: 25). Dass Kafka schon als Schüler „die im Lehrplan vorgesehenen Werke antiker Literatur im Originaltext gelesen“ habe, stellt auch Nagel (1983: 133) fest: „Doch hat“, so fährt Nagel (1983: 133) fort, „diese Lektüre in Kafkas Werk kaum einen Niederschlag gefunden.“12 Demgegenüber soll hier zu zeigen versucht werden, dass der klassische Kanon der Antike sehr wohl Eingang in Kafkas Werk gefunden hat, und zwar in einem überaus wörtlichen Sinn: just über die Textkonstituenten des Eingangs und des Vorbaus. Es ergeben sich allerdings einige erhebliche Unterschiede zum antiken Muster. Die sophokleische Tragödie bestimmt den Schauplatz vor dem Palast als Ort einer Vermittlung zwischen den Herrschenden und der zumeist durch den Chor repräsentierten Stadt. Der Raum vor dem Palast wird zur Stätte der Begegnung zwischen beiden Welten, zur Zone eines unaufhörlichen Wechseltauschs, eines wiederholten Hinauskommens und Hineingehens sowie einer fortgesetzten Kommunikation zwischen dem öffentlichen Raum und der geschlossenen Sphäre des Herrschendenhauses. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht allem voran die Architektur des klassischen griechischen Theaters. Der Palast wird von den Gebäuden der Skene im Bühnenhintergrund verkörpert. Das Volk findet seinen Platz auf den Publikumsrängen des Koilon. Physisch ausgetragen wird das Stück in der Orchestra, in der die Schauspielenden und der Chor gemeinsam auftreten und die sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn zwischen dem Herrschendenhaus (Skene) und dem Publikumsraum (Koilon) liegt. Ursprünglich aus rituellem Zusammenhang herstammend und als Aktionskreis für kultische, dem Dionysos geweihte Tänze und Gesänge dienend, kann die Orchestra auch wieder auf einen rituellen Kontext zurückbezogen werden: Im Theater hat etwas von seinem rituellen Ursprung überlebt, die Bühne lässt sich in be11 Wagenbach teilt darüber hinaus die Kritik des um einige Jahrzehnte älteren Schriftstellers Fritz Mauthner an den Prager Gymnasien mit, wie er sie in den 1918 erschienenen Erinnerungen an seine Prager Jugendjahre zum Ausdruck brachte. Mauthner moniert dort einen Hiatus zwischen Anspruch und Wirklichkeit, „eine offenbare Kluft zwischen den Schulprogrammen und der Schulleistung“: In den Ersteren „hieß es immer, man werde durch das Studium des Lateinischen und des Griechischen in den Geist der antiken Welt eingeführt. […] In den antiken Geist dringen vielleicht die besten Philologen ein wenig während ihrer Universitätsjahre. Von uns Schülern– wir waren ungefähr vierzig in der Klasse– wurden nur drei oder vier soweit gefördert, daß sie mit knapper Not einen alten Klassiker silbengetreu übersetzen konnten“ (zit. nach Wagenbach 2006 [zuerst 1958]: 38). Wagenbach fügt hinzu: „Auch Kafka ist der antike Geist fremd geblieben.“ (Wagenbach 2006 [zuerst 1958]: 38) Nichtsdestoweniger sind die Spuren der inund extensiven Beschäftigung mit dem antiken Kanon, unter welchem Zwang sie auch immer gestanden haben mag, am späteren Werk des Autors abzulesen. 12 Nagel (1983: 149) sieht in dem Mann vom Lande aus Kafkas Legende Vor dem Gesetz eine „typische Kafkasche Erscheinungsform des Sisyphus“ sowie in dem „Nacheinander der immer größeren und schrecklicheren Türhüter“ eine Anlehnung an „das antike Motiv der Hydra, der für einen abgeschlagenen Kopf immer sogleich zwei größere und schrecklichere Köpfe nachwachsen“ (Nagel 1983: 150). „Tragisches Nichtwissen“ verbinde den Mann vom Lande zudem mit Ödipus (Nagel 1983: 151).
33ACHIM KÜPPER stimmter Weise als ein Schwellenraum auffassen, in dem Übergänge in symbolischer Gestalt vollzogen werden können. Bezeichnend sind bei Sophokles gerade die Momente der Öffnung und des Dialogs. In Antigone öffnet sich zum Ende hin der Bühnenraum, um den Blick ins Innere des Palastes freizugeben: „Der Hintergrund hat sich geöffnet, man sieht die Leiche der Eury‑ dike.“ (Sophokles 1955: 56 [Hervorhebung im Original]) Daraufhin meint der Bote zu Kreon: „Du kannst es schaun, das Innre birgt’snicht mehr.“ (Sophokles 1955: 56) In König Ödipus wird denjenigen, die sich vor dem Gebäude befinden, verschiedentlich von den Vorgängen im Palast berichtet.13 In Elektra dringen mehrmals Stimmen aus dem Inneren des Hauses nach außen in den Theaterraum bzw. in die Arena. 14 Die finale visuelle Öffnung aus Antigone wird in Elektra damit zu einer auditiven Öffnung hin verschoben: Die Mauern des Königshauses bilden hier keine undurchlässige, sondern eine akustisch zumindest semipermeable Grenze, die gelegentlich Geräusche durchdringen lässt und damit Informationen in hörbarer Form aus dem Inneren übermittelt. Auffallend sind die Parallelen zwischen Kafkas Text und der Toranlage in Sophokles’ Elektra. Erscheint Chrysothemis im ersten Auftritt „am Tor“ des Königshauses (Sophokles 1969: 16 [Hervorhebung im Original]), so wird dieses am Schluss des Stücks– ganz ähnlich wie bei Kafka– in Anwesenheit des Todes explizit geschlossen: „Orestes und Pylades hinter Aigisthos ins Haus. Man trägt die Bahre der Klytaimnestra hinein, der Elektra folgt. Sie schließt das Tor.“ (Sophokles 1969: 72 [Hervorhebung im Original])15 Vergleicht man Kafkas Vor dem Gesetz mit dem griechischen Archetypus, figuriert der Türhüter als eine Verkörperung des Machtzentrums, der Mann vom Lande als ein Repräsentant des Volks. Im Gegensatz zur sophokleischen Tradition findet in Kafkas Text jedoch keinerlei Vermittlung statt. Erst der Rückbezug auf das antike Muster gibt die ganze Gewalt des Kafka’schen Entwurfs zu erkennen: Hier wird der Raum vor dem Gesetz zu einem Bezirk der Unverständlichkeit und der Undurchschaubarkeit innerer Zusammenhänge, des Fehlschalgens interpretativer wie integrativer Bemühungen, des Scheiterns einer Kommunikation, die nicht auf Dialog, sondern auf einem psychischen Konflikt aufbaut, aus dem es für das Subjekt kein Entkommen gibt und der innerhalb des perfiden Zwangsgebildes nicht zu lösen ist. Der Schauplatz des Kafka’schen Geschehens wird zu einer Zone der Verworfenheit und der Vertreibung aus einer wie auch immer gefügten Sinngemeinschaft, einem Areal des Ausgestoßenund Ausgeschlossenseins, das nur die eigene Verlorenheit angesichts des Undurchdringlichen vor Augen führt. Wie bei Sophokles repräsentiert das Gebäude zwar eine öffentliche Institution auktorialer Herrschaft, die bei Kafka im Zeichen administrativer Macht agiert und unter dem Namen „das Gesetz“ steht (Kafka 1994: 267). Anders als bei Sophokles aber entsteht aus dem Aufeinandertreffen beider Sphären weder ein ernst zu nehmender Austausch zwischen Innen und Außen noch 13 So beispielsweise mittels der Reden des Dieners im Exodos (Sophokles 2002: 57–60). 14 So etwa diejenige Elektras, die „im Haus mit lang hallendem Schrei“ bis in die Arena hinein zu hören ist (Sophokles 1969: 7 [Hervorhebung im Original]), diejenige des Alten, der „aus dem Haus“ heraus vernommen werden kann (Sophokles 1969: 61 [Hervorhebung im Original]), oder diejenige Klytaimnestras, die sich von der Arena her „im Hause“ wahrnehmen lässt (Sophokles 1969: 65 [Hervorhebung im Original]). 15 Zuvor hatte Elektra das Tor laut einer die spätere Textstelle symmetrisch spiegelnden Regieanweisung geöffnet: „Sie öffnet das Tor. Heraus treten Orestes und Pylades mit Dienern, die die verhüllte Bahre der Kly‑ taimnestra tragen.“ (Sophokles 1969: 69 [Hervorhebung im Original])
40 BRÜCKEN 31/1 Damit ist implizit eine intermediale Konfiguration angesprochen, die der bildhaften Darstellung im „Kupfer“ die Funktion zuweist, „eine schnelle, allgemeine, sinnliche Anschauung“ dessen zu ermöglichen, was im Medium der „Sprache“ formuliert wird. Was Goethe in dieser unscheinbaren Notiz betreibt, ist nichts Geringeres als eine medienkomparatistische Reflexion über die Grundbedingungen schriftund bildmedialer Kommunikationssysteme bzw. skripturaler und piktoraler Codes: Im Unterschied zu der stets nur mittelbaren sprachlichen Schilderung erlaubt die ikonische Repräsentation im Medium des Bilds eine „Anschauung von Gegenständen“– mit Emphase auf dem visuellen Element des Schauens, das der „Anschauung“ inhärent ist –, die unmittelbarer wirkt und daher „eine schnelle, allgemeine, sinnliche“ Art des Zugangs offeriert. Auf der anderen Seite bleiben die „beigefügten“ Bilder an den ausdrücklichen „Zweck“ gebunden, die Texte ausschließlich unter bestimmten Voraussetzungen zu begleiten, welche offenbar so erklärungsbedürftig sind, dass zur Rechtfertigung des Abdrucks von Bildmaterialien ein eigener Zusatz „Ueber die beigefügten Kupfer“ vonnöten ist. So erscheinen die Bilder als ein der „Sprache“ untergeordnetes, sekundäres Medium, das nicht um seiner selbst willen integriert wird, sondern lediglich eine flankierende oder unterstützende Rolle beanspruchen kann. Die durch die Beschreibung und die Abbildung des Tors zuwege gebrachte intermediale Text -Bild -Konfiguration scheint in mehrfacher Hinsicht beachtenswert. Zunächst einmal liefert sie ein konkretes Pendant zum Titel der Zeitschrift Propyläen und zum Programm des Periodikums, das in der Einleitung des Herausgebers umrissen wird. So erscheint das gleichermaßen stark verschüttete wie gut erhaltene „Stadtthor“ als symbolträchtiges Inbild einer programmatischen Beschäftigung mit der Antike, wie sie die Zeitschrift Propyläen fördert. Sie steht unter der Prämisse einer Wiederentdeckung und Wiederbelebung antiker Kulturbestände, die historisch überlagert sein mögen, die jedoch in ihrem Kern weithin unbeschadet sind und in der Gegenwart zu einer nur wenig verminderten oder veränderten Wirkung gebracht werden können. Damit wird der im Artikel beschriebene und in der Zeichnung abgebildete Abb. 3: Zeichnung des verschütteten Stadttors von Fiesole (Goethe 1798a: nach 127)
41ACHIM KÜPPER antike Torbau zu einem Ort der Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Das Stadttor wird zu einer Art Zeitportal, durch das Blicke in eine längst vergangene und verschüttete antike Welt möglich scheinen, die sich in ihrer sichtbaren Unsichtbarkeit zugleich verhüllt und offenbart. Hier lässt sich grundsätzlich an die Kommunikationstheorie von Harold Innis denken, der Medien nach dem Kriterium unterscheidet, ob sie eher einer Vermittlung im Raum oder in der Zeit dienen: Schwere, beständige und nicht transportable Medien eignen sich laut Innis (2008 [zuerst 1951]: 33) besser für eine Dissemination von Wissen in der Zeit als im Raum. Die „Steine“ aus dem Artikeltext sowie der angefügten Abbildung können durchweg als ein solches Medium zeitlicher Kommunikation verstanden werden: Sie bilden eine Brücke in die Vergangenheit und ermöglichen auf diese Weise so etwas wie einen medialen Austausch in der Zeit, einen Dialog zwischen Antike und Gegenwart. Es bedarf kaum der Ergänzung, dass Kafkas Text mit Bezug auf eine solche Form der Vermittlung sehr viel skeptischer ausfällt. Dessen ungeachtet vermag eine kritische Rezeption Kafkas anhand der Rekonstruktion kanonischer Werkbezüge ihrerseits wiederum genau dies zu leisten: die halb verschütteten, halb verborgenen Rückgriffe auf antike und andere klassische Kulturbestände in Kafkas Schaffen aufzudecken, um so eine neue Art epochenübergreifenden Dialogs zu öffnen, ein weiterführendes Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu begründen. 2.5 HEINRICH VON KLEIST: BRIEFWECHSEL Einen anderen Zusammenhang öffnet Lothar Jordan in dem bereits herangezogenen Arbeitspapier. Er verbindet den Torbogen aus Goethes Zeitschrift zwar nicht mit Kafka, dafür aber mit einem nicht minder faszinierenden Vertreter der literarischen Moderne, nämlich mit Goethes Zeitgenossen Heinrich von Kleist (Jordan 2010: 2–5). Kleist lässt sich freilich weniger zur Klassischen als vielmehr zu einer früheren, bereits um 1800 ansetzenden Ausformung der Moderne rechnen. Umso interessanter scheint in der Tat ein Seitenblick auf diesen Konnex. Die Verknüpfung geht von einem weiteren Aspekt aus, nämlich von dem im zitierten Zeitschriftenartikel verzeichneten Kuriosum, dass sich der altertümliche Torbogen „merkwürdigerweise noch ganz erhalten“ habe, „ob schon er keine Widerlagen hat, und die Steine nicht mit Eisen zusammen verbunden zu seyn scheinen.“ Dieses architektonische und physikalische Phänomen gerät bei Kleist zum Anlass einer ebenso einschneidenden wie nachhaltigen persönlichen Überlegung existenziellen Ausmaßes. In einem am 16.November 1800 begonnenen Brief an Wilhelmine von Zenge (Kleist 2001: 591–598) berichtet der Autor von einem besonderen Abend in Würzburg und einem für ihn prägenden Erlebnis dort: Da ging ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Tor, sinnend zurück in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen– und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt.
42 BRÜCKEN 31/1 Das, mein liebes Minchen, würde mir kein Buch gesagt haben, und das nenne ich recht eigentlich lernen von der Natur. (Kleist 2001: 593 [Hervorhebungen im Original])22 In einem Zusatz vom 30.Dezember 1800 fügt Kleist seiner Beschreibung schließlich die nachfolgende Zeichnung des besagten Torbogens an (Abb.4). Abb.4: Zeichnung des Torbogens Heinrich von Kleists (Kleist o.J. [ca.1904]: 456)23 Zwischen Text und Zeichnung, zwischen der schriftmedialen und der bildmedialen Darstellung des Torbogens tut sich eine Kluft von anderthalb Monaten auf. Kleists Zeichnung entsteht seinen eigenen Worten zufolge ausdrücklich „am vorletzten Tage im alten Jahrhundert.“ (Kleist 2001: 598) Dadurch wird der Briefzusatz nicht allein zum Signum einer zeitlich zerdehnten epistolaren Kommunikation, er führt auch seinerseits eine Art Zeitportal vor, das am Scheideweg der Jahrhunderte, an der Bruchlinie zwischen dem ausgehenden 18. und dem anfangenden 19.Jahrhundert auf Momente des Übergangs und des erhofften Neubeginns deuten mag, das aber vor allen Dingen durch seine Eigenschaft auffällt, sich durch das gleichmäßige und gleichzeitige Drängen aller seiner Teile in die Tiefe selbst aufrechtzuerhalten. Der Gedanke, den der Briefeschreiber daraus ableitet, „daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt“, verweist auf eine profunde Einsamkeit des Ichs. Wie das Kafka’sche ist auch das Kleist’sche Subjekt allein. Das lässt sich bis in die Sprache des Briefs hinein verfolgen. Das epistolare Ich führt zwar ein Gespräch, doch es ist in erster Linie ein Selbstgespräch, bei dem dieses Ich explizit auf seine eigene Frage antwortet: „Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen“. 22 Zu einer textkritischen Edition mit Abdruck der Faksimiles dieses Briefs siehe außerdem Kleist (1996: 379–397). 23 Ein Abdruck der Zeichnung findet sich gleichfalls in Kleist (2001: 598). Aus urheberrechtlichen Gründen wurde für die oben wiedergegebene Abbildung auf die ältere Reproduktion zurückgegriffen.
43ACHIM KÜPPER Damit ähnelt die Kommunikationssituation aus Kleists Brief derjenigen aus Kafkas Text Vor dem Gesetz, die keinen Dialog im eigentlichen Sinn bietet, sondern eine monologisch geprägte, bei Kafka allein durch die Absurditäten kleiner Verhöre und anderer Unverständlichkeiten unterbrochene Rede. Jenseits der Erzählung Vor dem Gesetz ergibt sich allerdings noch ein anderer Berührungspunkt zwischen Kleist und Kafka, da beide gleichermaßen als epistolare Autoren in Erscheinung treten. Denn wie so häufig bei Kafka, dem Verfasser zahlreicher Schreiben an diverse Briefpartnerinnen, wird zu guter Letzt auch bei Kleist eine Kommunikation auf einer höheren Ebene angestrebt: auf derjenigen der brieflichen Korrespondenz mit den vornehmlich weiblichen Adressatinnen, die als Empfängerinnen der Botschaften beider Briefeschreiber (d.h. sowohl Kleists als auch Kafkas) fungieren, wobei die postalische Korrespondenz jedoch ihrerseits nur eine mittelbare, zeitlich vielfach verzögerte und zerdehnte Form des Austauschs im Medium des Briefs bereitstellt. In der Tat steht Kleists Entwurf demjenigen Kafkas ungleich näher als Goethes Konzeption.24 Die Unterschiede zwischen Goethe und Kleist hat Lothar Jordan bereits herausgestellt: „Text und Abbildung in den Propyläen führen auf die Antike hin und auf die Gemeinschaft. Bei Kleist wird die Lösung des Torbogenrätsels zur Antwort auf existenzielle heutige Fragen eines Individuums.“ (Jordan 2010: 4) Dieser Befund kann um den Hinweis auf Kafka ergänzt werden, der ähnlich existenzielle Fragen wie Kleist stellt, bei dem die Fragen unterdessen keine Antwort finden, das Rätsel ohne Lösung bleibt und das Tor nicht einmal mehr zur Hoffnung des Selbsterhalts gereicht, sondern sich zu einem Monument versperrter Wege und unzugänglicher Bedeutungen verfestigt. Ohne in diesem Fall eine konkrete Bezugnahme Kafkas auf Kleists nahelegen zu wollen, da Kafkas Kenntnis des Kleist’schen Briefwechsels nicht unbedingt vorauszusetzen ist25 und da die jeweilige Akzentuierung der Toranlagen doch auch recht unterschiedlich ausfällt, lohnt ein Vergleich zwischen beiden dennoch insofern, als er eine verborgene, die Zeiten und Epochen überdauernde historische Konstante existenziellen Denkens im Horizont literarischer sowie intermedialer Vorund Torbauten erkennen lässt, die in Kleist einen gewissen Vorläufer Kafkas ausmacht, auch wenn Letzterer bei der Abfassung seiner Legende wahrscheinlich nicht Kleists Brief vor Augen hatte. LITERATUR Abraham, Ulf (1994 [zuerst 1983]): Mose vor dem Gesetz. Eine unbekannte Quelle für Kafkas Türhüterlegende.– In: Voigts, Manfred (Hg.), Franz Kafka ‚Vor dem Gesetz‘. Aufsätze und Materialien. Würzburg: Königshausen & Neumann, 89–103. Anonym [Meyer, Johann Heinrich] (1798): Ueber Etrurische Monumente.– In: Goethe, Johann Wolfgang (Hg.), Propyläen. Eine periodische Schrifft. Ersten Bandes Erstes Stück. Tübingen: Cotta, 66–100. 24 Zur grundsätzlichen Verwandtschaft zwischen Kleist und Kafka besteht eine reiche Forschung. Dazu überblicksartig Hinderer (2006), dort auch vielzählige Literaturhinweise. 25 Immerhin war der besprochene Brief zu Kafkas Zeit bereits ediert und veröffentlicht worden. Er ist enthalten in Kleist (o.J. [ca.1904]: 157–165 und 456f. [Anm.]). Dazu die Anmerkung von Helmut Sembdner in Kleist (2001: 965).
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