Intensivierung durch Vergleich im Deutschen und Spanischen
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Intensivierung durch Vergleich im Deutschen und Spanischen. Intralinguale und kontrastive Analyse der semantischen Beziehungen unter den Vergleichskomponenten Carmen Mellado Blanco Universidad Santiago de Compostela 1. Allgemeine Charakterisierung der festen Vergleiche 1 Nach dem Metzler Lexikon Sprache (Glück, 1993: 273) besteht die Intensivierung in der „Verstärkung des emotionalen Gehalts eines Ausdrucks und/oder der Intensität einer bezeichneten Eigenschaft durch formale Mittel“. Zur Verbalisierung des höchsten Grades eines Zustandes, einer Qualität oder einer Handlung verfügt die Sprache über eine Fülle von rhetorischen Mitteln (Metaphern, Hyperbeln, Antiphrasen, Ironie), unter denen der Vergleich 2 nur eine Möglichkeit unter vielen darstellt. In diesem Beitrag werde ich mich mit den lexikalisierten festen 3 Vergleichen beschäftigen, bei denen das tertium comparationis entweder ein Adjektiv / Partizip (hässlich wie die Nacht; gehupft wie gesprungen), ein Verb (schlafen wie ein Bär), oder ein Substantiv (ein Gedächtnis wie ein Elefant haben) sein kann. Als Vergleichsmaß können Substantive mit oder ohne Attribut (jmdn. wie ein rohes Ei behandeln; weiß wie Schnee), Partizipia (passen wie angegossen) oder mit als / als ob eingeleitete Nebensätze (wie z. B. bei dümmer, als die Polizei erlaubt) auftreten (vgl. – im Druck - M ELLADO B LANCO /B UJÁN O TERO ). In Anlehnung an F ÖLDES (2007: 426) - vgl. auch B ERGEROVÁ (2003: 256-257) - wird in dieser Arbeit folgende Terminologie benutzt: Beim Beispielssatz Peter wird immer so rot wie eine Tomate ist Peter Vergleichsobjekt (VO), rot „tertium comparationis“ (TC), 1 Diese Arbeit ist im Rahmen eines von mir geleiteten und mit FEDER Geldern subventionierten Forschungsprojekts des spanischen Kultusministeriums MEC (Code HUM2007-62198/FILO) zu deutschspanischer Phraseologie entstanden. 2 Die Verstärkung der Expressivität durch Ähnlichkeitsbeziehungen scheint ein allgemein verbreitetes menschliches Denkschema zu sein (vgl. B ALZER , 2001: 166; H ESSKY , 1989: 197; S TEIN , 2001: 41). 3 Der Hauptunterschied zwischen freiem und festem Vergleich liegt einerseits in der expressiven Funktion des festen Vergleichs und andererseits in der unterschiedlichen Referenzart des Vergleichsmaßes. Während beim freien Vergleich (z. B. Maria ist so schön wie Ingrid) die denotative Referenz des Vergleichsmaßes auf außersprachlicher Ebene liegt, ist beim festen Vergleich (Maria ist schlau wie ein Fuchs) der denotative Bezug des Vergleichsmaßes (Fuchs) nur sprachlich und konventionalisiert (als Symbol für LISTIGKEIT , vgl. D OBROVOL ’ SKIJ /P IIRAINEN , 1997: 178) zu deuten. Im ersten Fall kann ich den Satz erst richtig interpretieren und verstehen, wenn ich extralinguistisch die Eigenschaften von Ingrid kenne; im zweiten Fall dagegen weiß ich, dass das Vergleichsmaß nur ein sprachliches Mittel zur Intensivierung - ohne wirkliches Denotat – ist (vgl. M OREIRA F LORES , 2004: 50). Außer weniger Studien (B ALZER , 2001; L ÓPEZ R OIG , 1996) sind die festen Vergleiche des Deuschen und Spanischen bis jetzt kein Gegenstand einer systematischen Kontrastanalyse gewesen (im Druck M ELLADO B LANCO und M ELLADO B LANCO /B UJÁN O TERO ).
wie „Vergleichspartikel“ und Tomate „Vergleichsmaß“ 4 (VM). Die Intensivierung der Bedeutung ‚rot’ erfolgt hier durch die Addition von den synonymischen Semen der Vergleichskomponenten TC und VM. Besonders bei deutschen und spanischen Vergleichen mit einem Adjektiv als TC ist die Funktion der expressiven Verstärkung deutlich. Demgegenüber kann bei den verbalen Vergleichen auch eine modale Komponente dazu treten, die die Bedeutung des Verbs modifiziert und weiter spezifiziert (vgl. F LEISCHER , 1997: 105). So sind die deutschen Vergleiche essen wie ein Schwein / essen, als ob man es bezahlt bekäme / essen wie ein Spatz keineswegs miteinander synonym, da jedes VM unterschiedliche Seme enthält, die durch seine freie (außerphraseologische) Bedeutung vorbestimmt sind. Ähnliches geschieht bei den spanischen Vergleichen llorar como una Magdalena („wie Maria Magdalena weinen“ ‚untröstlich und viel, eventuell mit Reue weinen’) und llorar como un niño („wie ein Kind weinen“ ‚mit Unschuld und ohne Hemmungen weinen’), die unterschiedliche Bedeutungsnuancen aufweisen. Ein weiterer Beweis dafür, dass bei verbalen Komparationen die VM nicht desemantisiert sind, ist die Tatsache, dass sie mit der semantischen Beschaffenheit des Vergleichsobjekts kompatibel sein sollen, wie aus dem nächsten Beispiel ersichtlich wird: der deutsche Vergleich wie ein Engel schlafen (‚friedlich schlafen’) hat als VO (A GENS ) normalerweise ein Substantiv [+Kind] oder [+weiblich], was bei wie ein Bär schlafen nicht der Fall ist. In der Strukturformel des Vergleichs deuten das Adverb so und die Konjuktion wie gern die verstärkende Funktion an (vgl. S CHEMANN , 2003: 116); es liegt also eine strukturellsemantische Invariante <X ist so (Z) wie Y>, die auf die Bedeutungskomponente ‚sehr’ hindeutet. Aus diesem Grund wird behauptet, dass die Struktur des Vergleichs ein Ikon für die intensivierende Bedeutung ist. Diese strukturelle Invariante ist gleichzeitig ein Beweis für ihre phraseologische Stabilität und, wie F ÖLDES (2007: 429) behauptet, sind die Vergleichspartikeln „die konkreten, wahrnehmbaren Signale des Vergleichs“. Ferner impliziert die intensivierende Bedeutung der festen Vergleiche eine Verstärkung ihrer Apellfunktion. Wie S TEIN bemerkt (2001: 62) beruht die Funktion fester Vergleiche „nicht lediglich auf einer Ähnlichkeitsrelation oder auf einer Form von Bildlichkeit, bei der Bild und Bedeutung mit Hilfe von Vergleichspartikeln verknüpft 4 Von dieser Terminologie partiell abweichend benutzt H ESSKY (1987, 1989) den Begriff „Vergleichsobjekt“ für das TC. B URGER (1973: 48; 2007: 47) verwendet die Termini der klassischen Rhetorik „comparandum“ (für das VO) und „comparatum“ (für das VM); S TEIN (2001: 47) spricht dabei von „Aktanten“ (für das VO), „Vergleichslexem“ (für das VM) und „Bezugslexem“ (für das TC).
werden“. Die Vergleiche dienen als direkte Reklame an Adressaten, indem sie die affektive Teilnahme dieser fordern. Mit Vergleichen wird mehr die Intensität eines Vorgangs als sein denotativer Inhalt ausgedrückt und sie stellen in erster Linie ein Mittel des alltäglichen Sprachgebrauchs dar. In diesem Zusammenhang teile ich die Ansicht S UŠČINSKIJS (1985: 97), dass die Ursachen für die Verwendung von Steigerungsmitteln in der Rede darin zu suchen sind, dass der Sprecher den positiven Wahrheitswert des Äußerungsinhalts bekräftigen und den Empfänger in gewünschter Richtung beeinflussen will, z. B. damit der Hörer / Leser mit dem Sprecher / Schreiber gänzlich übereinstimmt, sein Urteil über einen bestimmten Sachverhalt akzeptiert und sich dementsprechend verhält, denkt bzw. handelt. S TEIN (2001: 42) spricht in diesem Kontext vom Vergleichsgebrauch als „Kommunikationsstrategie“. Das zu untersuchende Corpus besteht aus 420 deutschen und 608 spanischen festen Vegleichen, die hauptsächlich den in der Literaturliste angeführten Lexika entnommen und mit Belegen aus dem COSMAS II für das Deutsche und aus dem CREA für das Spanische vervollständigt wurden. Die Asymmetrie im Umfang des gewonnenen Materials darf nicht als Indiz für eine höhere Produktivität solcher Konstruktionen im Spanischen interpretiert werden, da sie nur den unterschiedlichen Systematizitätsgrad in der Aufnahme von festen Vergleichen seitens der phraseologischen Lexika widerspiegelt. Die Zusammenstellung von festen Vergleichen als Einheiten vorwiegend aus der mündlichen Rede ist insofern schwierig, als dass ständig Neubildungen oder individuelle Modifikationen zur Kompensierung der expressiven Abnutzung - der die festen Ausdrücke ausgesetzt sind - entstehen, von denen man nicht mit Sicherheit weiß, ob sie lexikalisiert sind oder nicht. Dieses Phänomen ist im Spanischen wegen der extremen Tendenz zur Bildhaftigkeit in der mündlichen Rede besonders extrem 5 . Manchmal ist das kurze Leben von neu entstanden Vergleichen einfach vorherzusagen, weil sie im Hintergrund einer ganz konkreten politischen oder sozialen Begebenheit geschaffen wurden, oft fällt allerdings eine solche Prognose nicht leicht. Die fließende Grenze zwischen freien und phraseologischen Vergleichen sowie die schwache Semantik von einigen Vergleichskomponenten wie sein, dastehen / ser, estar sind dafür verantwortlich, dass viele Vergleiche häufig nicht als phraseologische Vergleiche (an)erkannt und infolgedessen in die Lexika nicht aufgenommen werden. 5 Im Internet sind zahlreiche Webseiten mit Wettbewerben um die einfallsreichsten Vergleiche zu finden, Z.B.www.antonioburgos.com/galeria/varios/comparaciones.html#nuevas/;http://www.geocities.com/fra88 775/piropos.html [zuletzt gesehen am 22.11.06].
Im Spanischen tritt bei der lexikographischen Kodifizierung von adjektivischen Vergleichen ein zusätzliches Hindernis auf, nämlich die verbreitete und in einigen Fällen obligatorische Ellipse des TC (z. B. como una regadera, statt *loco como una regadera), die solche Vergleiche als unvollständig und nicht fest erscheinen lässt. 2. Typologie der semantischen Beziehungen zwischen TC und VM Im untersuchten Corpus wurden unterschiedliche Analogietypen in der Beziehungsart - in den sogenannten „Spannungsverhältnissen“ (vgl. S TEIN , 2001: 54) - zwischen TC und VM der deutschen und spanischen Vergleiche festgestellt, die sich direkt auf die Expressivität der gegebenen Vergleiche auswirkt (vgl. M ELLADO B LANCO , 2004: 46). Diese Spannungsverhältnisse können sich auf die semantische Inkompatibilität zwischen TC und VM beziehen, aber auch auf die Verhältnisse zwischen denotativer und konnotativer, wörtlicher und übertragener Bedeutung der Vergleichskomponenten. 1) „Spannungsverhältnisse“ nach dem semantischen Verträglichkeitsgrad zwischen TC und VM: 1A) Zwischen TC und VM der beiden Sprachen herrscht absolute Verträglichkeit: weiß wie Schnee : blanco como la nieve; schlafen wie ein Murmeltier : dormir como una marmota. Hierbei liegt hohe Wahrscheinlichkeit für zwischensprachliche Äquivalenz vor. Die Expressivität des Vergleichs, die sich hier nicht so hoch wie bei den Vergleichen mit semantischer Inkompatibilität erweist, resultiert aus der Addition von den ähnlichen Semen vom TC und VM: X ist weiβ, wie Schnee auch weiβ ist; X schläft tief und fest, wie auch ein Murmeltier tief und fest schläft. Trotzt der semantischen Verträglichkeit zwischen TC und VM werden die Vergleiche dieser Gruppe meistens hyperbolisch gebraucht, weil die durch den Vergleich gemeinten Eigenschaften das Vergleichsobjekt meistens nicht ganz zutreffen: Keiner schläft wirklich wie ein Murmeltier; keiner wird tatsächlich so rot wie eine Tomate, etc. Die Hyperbel drückt auf der Ebene der Bildbedeutung eine Grenze aus, die überschritten wird. Durch diese figurative Überschreitung wird die Verstärkung auf der Ebene der Sprachbedeutung erreicht. Man könnte somit sagen, dass durch die Überschreitung einer „Glaubwürdigkeitsgrenze“ (vgl. L AUSBERG , 1963: 76) der Grenzwert des höchsten Grades der Intensivierung erzeugt wird. Am hyperbolischen Vergleichssatz Lena hat ein Gedächtnis wie ein [indischer] Elefant / Lena tiene una memoria de elefante verweist die dem Bild zugrunde liegende Übertreibung auf eine Verstärkung in der Quantifizierung des Gedächtnispotentials der gegebenen Person.
Anhand unserer Untersuchung könnte man aus einer soziolinguistischen Perspektive sagen, dass die spanische Sprachgemeinschaft im Allgemeinen stärker als die deutsche zu hyperbolischen Äußerungen und zur Übertreibung neigt 6 , wie folgende Beweise aus dem Corpus bestätigen: a) deutsche Vergleiche haben oft Metaphern als Entsprechungen im Spanischen: jmdn. ansehen / anschauen, als wollte man ihn fressen vs. comerse a alg. con los ojos („jmdn. mit den Augen fressen“); wie auf Eiern gehen vs. ir pisando huevos („auf Eiern laufen“); es gießt / regnet wie aus / mit Eimern / Kannen / Kübeln vs. llueve a cántaros („es gießt aus Krügen“); schmecken wie Titte mit Ei : saber a teta [de novicia] („schmecken nach Titte einer Novize“); b) zahlreiche spanische Vergleiche befinden sich in einer Übergangsphase vom Vergleich zur Metapher hin, z. B. estar como un palillo („wie ein Stäbchen sein“: ‚sehr dünn sein’) wechselt sich mit estar palillo („Stäbchen sein“) ab; c) Die Komparation der Ungleichheit – expressiver als die der Gleichheit - kommt im Spanischen viel häufiger nicht nur als im Deutschen, sondern auch als im Englischen, Französischen oder Portugiesischen (vgl. B ALZER , 2001: 166) vor. Vergleiche wie más viejo que Matusalén (alt wie Methusalem); más pobre que las ratas (arm wie eine Kirchenmaus); más feo que un pecado („hässlicher als eine Sünde“: hässlich wie die Nacht), etc., entsprechen im Deutschen einem Vergleich der Gleichheit. 1B) Zwischen TC und VM der beiden Sprachen herrscht Unverträglichkeit. Es handelt sich dabei um synchron unmotivierte Vergleiche ohne semantische Addition zwischen TC und VM, weil diese keine gemeinsamen Seme aufweisen . Bei solchen Vergleichen beruht das expressive Potential auf dem Abstand vom TC und VM in der semischen Struktur (vgl. M OGORRÓN , 2002: 43). Hier lassen sich die Gemeinsamkeiten von TC und VM nicht auf den ersten Blick herausfinden, und es ist gerade der mentale Umweg zu ihrer Rekonstruierung, was die Expressivität dieser Vergleiche in besonderem Maße erhöht. Nur die Konventionalisierung ermöglicht bei diesen Vergleichen die korrekte Dekodierung des Vergleichs durch den Hörer / Leser. In unserer Untersuchung wurde festgestellt, dass die Expressivität eines Vergleichs sich umgekehrt proportionell zum Inkompatibilitätsgrad zwischen TC und VM und zur Wahrscheinlichkeit für eine zwischensprachliche Übereinstimmung verhält, wie bei folgenden Vergleichspaaren deutlich wird: taub wie eine Nuβ vs. sordo como una tapia („taub wie eine Mauer“); 6 Für das Spanische macht L UQUE D URÁN (2005: 434) die gleiche Bemerkung in Bezug auf das Englische und bemerkt weiter, dass innerhalb Spaniens einige regionale Völker wie die Andalusier besonders „hyperbelfreundlich“ sind. Ob das Deutsche statt zur Hyperbel zur Litotes (wie beim Englischen der Fall ist) tendiert, sei hier dahin gestellt.
dümmer als die Polizei erlaubt vs. ser más tonto que Pichote („dümmer als Pichote“); faul wie die Sünde vs. ser más vago que la chaqueta de un guardia („fauler als die Jacke eines Polizisten“). Die intensivierenden Vergleiche können aus unterschiedlichen Gründen dunkel sein: a) aus historischen Gründen, weil die Vergleichsglieder oder / und ihre Eigenschaften in Vergessenheit geraten sind (más feo que Picio: „hässlicher als Picio“ 7 ); b) weil ein Vergleichskomponent elidiert wird: bluten wie ein [gestochenes] Schwein / sangrar como un cerdo [en la matanza]; c) weil eine wenig durchschaubare Metapher oder Metonymie vorliegt (hässlich wie die Nacht 8 ); d) wegen der willkürlichen Wahl von einem VM (z. B. faul wie die Sünde), was ein absurdes Bild hervorruft (vgl. S CHEMANN , 2003: 129). 2) Durch Antiphrase bedingte „Spannungsverhältnisse“ zwischen TC und VM. Das Ergebnis der Antiphrase ist die verstärkte Negation der Bedeutung vom TC: passen wie dem Ochsen ein Sattel (‚überhaupt nicht passen’). Die festen Vergleiche mit Antiphrase 9 kennzeichnen sich durch den Bezug auf ein Denotat durch seinen Gegensatz. Durch die Antiphrase – als besondere Art der in der Rede so produktiven Ironie 10 - soll das Entgegengesetzte von dem ausgedrückt werden, was der phraseologische Ausdruck eigentlich besagt, weil das VM die Eigenschaften verkörpert, die zur Bedeutung des TC widersprüchlich sind. Bei der Untersuchung von deutschen und spanischen Vergleichen mit Antiphrase hat sich ergeben: 1) dass sich in der phraseologischen Bedeutung der Vergleiche ähnliche Zielbereiche (target domains) erkennen lassen: A) ‚Dummheit’, ‚Ignoranz’, ‚Unkenntnis’ und B) Unangemessenheit’, ‚Unadäquatheit’; 2) dass sich unter eventuell unterschiedlichen Bildern ähnliche Denkmechanismen in beiden Sprachen auffinden lassen. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass die Sprecher beider Sprachen die Welt identisch oder zumindest sehr ähnlich konzeptualisieren. Im Fall der oben genannten 7 Heute weiß keiner mehr, dass Picio ein zum Tode verurteilter andalusischer Schuster des 19. Jh. war, dessen Gesicht bei der Mitteilung der Strafaufhebung völlig entstellt wurde und so blieb (vgl. I RIBARREN , 1994: 181). 8 Wahrscheinlich wegen der Vorstellung, dass man die Gesichter im Dunkeln schwer erkennt. 9 F LEISCHER (1997: 106) nennt diese Strukturen Vegleiche „in der Funktion einer indirekten Verneinung“, G LOVŇA (1992: 51) „ironische phraseologische Vergleiche“, H ESSKY (1987: 199) „nichtstimmige Vergleiche“ und O RTEGA O JEDA (1990: 735) „comparaciones estereotipadas antifrásicas“. 10 Nach D IETZ (1999: 102) müssen ironische Äußerungen generell zwei Bedingungen erfüllen: 1) „Der Sprecher ist daran interessiert, daß sein Adressat (ggf. Auch ein Dritter) die Diskrepanz zwischen Gesagtem und eigentlich Gemeintem (=“Wahrem“) erkennt (somit Abgrenzung der Ironie von der Lüge); 2) Das Verhältnis zwischen Gemeintem und Gesagtem lässt sich als Kontrast oder Gegensatz im weitesten Sinne beschreiben (somit Abgrenzung der Ironie von anderen Formen uneigentlicher Rede: Metapher, Metonymie, Hyperbel, usw.)“.
Zielbereiche herrscht das Denkschema, dass durch einen nichtstimmigen Vergleich die Idee des ‚Nicht-Könnens’ oder die der ‚Unangemessenheit’ hervorgehoben wird, wie in den folgenden Beispielen der Fall ist: 2A) ‚Dummheit’, ‚Ignoranz’ ‚’Unkenntnis’: Deutsch: von etw. so viel verstehen wie der Hahn vom Eierlegen / wie die Kuh vom Radfahren / wie die Kuh vom Sonntag / wie die Kuh vom Brezelbacken / wie die Kuh vom Schachspielen / wie das Huhn vom ABC; sich in etw. auskennen wie das Schwein in den Apfelsinen; von etw. reden wie der Blinde von der Farbe. Im Spanischen wurde in diesem Zielbereich ein sehr produktives strukturellsemantisches Vergleichsmodell mit Leerstellen entdeckt: entender alg. de algo (A) como yo de algo (B) („von etw. (A) so viel verstehen, wie ich von etw. (B)“), wobei die Inhalte von beiden Sätzen als gegensätzlich aufgefasst werden, z. B.: Ese entiende de coches lo que yo de física cuántica („Der versteht von Autos so viel, wie ich von der Quantentheorie [verstehe]“ ‚Der versteht gar nichts von Autos’). 2B) ‚Unangemessenheit’, ‚Unadäquatheit’: Deutsch: passen wie „Heil dir im Siegerkranz“ zu einer Leichenpredigt; passen wie das fünfte Rad am Wagen; passen wie dem Ochsen ein Sattel; passen wie der Esel zum Lautenschlagen; passen wie der Igel zum Handtuch / zum Taschentuch; passen wie die Faust aufs Auge 11 , passen wie die Geier ins Taubenhaus, passen wie die Katze auf die Maus, passen wie ein schwarzer Wolf zur weissen Ziege (gleichzeitig mit antonymischen Adjektiven), passen wie ein Strumpf zu einer Gewürzbüchse, passen wie eine Maus auf einen Elefanten, passen wie eine Sonnenuhr in einen Sarg, passen wie Haare in die Suppe. Spanisch: sentarle a alg. algo como a un Cristo dos pistolas (“jmdm. steht etw., wie einem Christus zwei Pistolen” ‘etw. steht jmdm. schlecht’), sentarle a alg. como un tiro (“jmdm. wie ein Pistolenschuß passen” ‘jmdm. nicht passen’); sentarle a uno tan bien como una patada en la barriga (“jmdm. so gut passen wie ein Tritt in den Bauch” ‘jmdm. nicht passen’); tener tanta gracia como un desfile de momias („so lustig sein wie eine Mumienparade“ ‚überhaupt nicht lustig’), pegar tanto como una guitarra en un entierro („so gut passen wie eine Gitarre auf einer Beerdigung“ ‚überhaupt nicht passen’); parecerse a alg. como un huevo a una castaña („jmdm. ähnlich sein wie ein Ei einer Kastanie ‚überhaupt nicht ähnlich’). Zwischen TC und VM kann auch eine 11 Die Polysemie dieses Vergleichs (‚sehr gut passen’ / ‚überhaupt nicht passen’) ist interessanterweise auch bei der Entsprechung caer como piedra en ojo de boticario („wie Stein ins Auge des Apothekers fallen“) vorhanden.
explizite antonymische Beziehung vorliegen, wie im Deutschen hart wie Pudding sein und im Spanischen más derecho que un cuerno („gerader als ein Horn“ ‚sehr krumm’). Zum Schluss sei noch auf ein sehr produktives Vergleichsschema mit dem TC als Leerstelle im Spanischen hingewiesen, dem auch eine Antiphrase zugrunde liegt: tener alg. de algo (TC: Adjektiv / Substantiv) como yo de cura / papa (z. B. Ese tiene de rico lo que yo de cura, “Der ist so gut reich, wie ich Priester bin” ‘ich bin kein Priester, er ist also nicht reich’). 3) Durch Polysemie des TC bedingte Spannungsverhältnisse zwischen TC und VM. Bei TC, die in ihrer freien Bedeutung polysem sind, entstehen oft Wortund Gedankenspiele zwischen ihrer wörtlichen / übertragenen Bedeutung und der Bedeutung des VM. Dieses auf Dilogie basierende Wortspiel verstärkt in hohem Maße die Expressivität des Vergleichs. Solche Vergleiche sind in der Regel sprachspezifisch, da sich das betroffene TC normalerweise nur in einer Sprache als polysem erweist 12 . Einige Beispiele auf Deutsch mit adjektivischem TC sind: blank wie’ne Eisenbahn (‚ruiniert,’ nach blank: ‚glänzend’ und ‚ruiniert’), gerührt wie Apfelmus (‚sehr angetan’, nach gerührt: ‚verrührt’ und ‚angetan’), gespannt wie ein Regenschirm sein (‚sehr neugierig auf etw. sein’, nach gespannt: ‚straff’ und ‚neugierig’), blau wie ein Veilchen sein (‚sehr betrunken sein’, nach blau: ‚Farbe’ und ‚betrunken’), platt wie ein Pfannkuchen / wie eine Briefmarke / wie eine Flunder / wie Zeitungspapier sein (‚völlig überrascht, verblüfft’, nach platt: ‚flach’ und ‚überrascht’), scharf wie eine Rasierklinge sein (‚geil sein’, nach scharf: ‚spitz’ und ‚begierig auf sexuelle Betätigung’), scharf wie Papikra sein (‚geil sein’, nach scharf: ‚stark gewürzt’ und ‚begierig auf sexuelle Betätigung’). Einige deutsche Vergleiche mit polysemem verbalem TC sind: aufgehen wie ein Hefekloβ / wie ein Pfannkuchen / wie eine Dampfnudel (‚dick werden’, nach aufgehen: ‚(vom Teig) durch ein Treibmittel aufgetrieben werden’ und ‚aufplatzen’), (dahin)schmelzen wie Butter an der Sonne (‚schnell aufgebraucht werden’, nach schmelzen: ‚zerfließen’ und ‚schnell aufgebraucht werden), eingehen wie eine Primel / wie ein Primeltopf (‚zugrunde gehen’, nach eingehen: ‚absterben’ und ‚zugrunde gehen’), zusammenklappen wie ein Taschenmesser (‚zusammenbrechen’, nach 12 Eine Ausnahme bildet der Vergleich mit polysemem verbalem TC saufen wie ein Kamel (‘sehr viel Alkohol trinken’, nach saufen: ‘allgemein trinken’ und ‘Alkohol trinken’) und sp. beber más que un camello (‘sehr viel Alkohol trinken’, nach beber: ‘allgemein trinken’ und ‘Alkohol trinken’). In beiden Sprachen liegt das gleiche auf verbaler Polysemie beruhende Wortspiel vor.
zusammenklappen: ‚durch Einklappen verkleinern’ und ‚zusammenbrechen’). Einige spanische Vergleiche mit polysemem adjektivischem TC sind: más pesado que una vaca en brazos („schwerer als eine Kuh auf dem Arm“ ‘sehr lästig’, nach pesado: ‘schwer’ und ‘lästig’), más salido que el pico de una mesa („heraushängender als eine Tischkante“ ‘sehr geil’, nach salido: ‘heraushängend’ und ‘geil’), más liado que la pata de un romano („umgebundener als das Bein eines Römers“ ‘sehr konfus’, nach liado: ‘umgebunden’ und ‘konfus’), más pegado que una lapa („zusammengeklebter als eine Klette“ ‘unwissend’, nach pegado: ‘zusammengeklebt’ und ‘unwissend’), más fresco que una escarola („frischer als eine Endivie“ ‘rotzfrech’, nach fresco: ‘frisch’ und ‘frech’). Einige spanische Vergleiche mit polysemem verbalem TC sind: enrollarse como las persianas („sich zusammenrollen wie die Jaloussien“ ‚lange und viel reden’, nach enrollarse: ‘zusammenrollen’ und ‘lange und viel reden’), cantar como una almeja (“wie eine Venusmuschel stinken” ‚sehr auffallen’, nach cantar: ‘auffallen’ und ‘stinken’) 13 . 4) Die Spannungsverhältnisse zwischen TC und VM entstehen, weil das VM unter der Form eines mit als, als ob / como si eingeleiteten Irrealis-Nebensatzes erscheint, der in beiden Sprachen einen nicht existenten Sachverhalt ausdrückt. Der besondere stilistische Effekt beruht dabei auf der Spannung zwischen der Realität der Handlung des Hauptsatzes und der Irrealität der Handlung in der Hypotaxe (vgl. H ESSKY , 1987: 200). Es ist gerade die Komparation des realen Objekts mit einem irrealen VM, was dem Vergleich eine so hohe Expressivität verleiht. In solchen festen Vergleichen – wie auch bei den einfachen Vergleichssätzen – fungiert die formale Struktur als Ikon für die intensivierende Bedeutung, wie im Deutschen aussehen / ein Gesicht machen, als hätten einem die Hühner das Brot weggefressen, (so) tun, als hätte jmd. die Weisheit mit Löffeln gefressen; und im Spanischen conocer uno a alg. como si lo hubiera parido („jmdn. so gut kennen, als hätte man ihn geboren“ ‚jmdn. sehr gut kennen’). Zum Schluss möchte ich noch auf einen besonderen Fall von Vergleichen hinweisen, bei denen das VM hoch desemantisiert und zu vielen TC bindungsfähig erscheint. Sie befinden sich auf dem Mittelweg zwischen festen und freien Vergleichen. Aus diesem 13 Neben den oben erwähnten Vergleichstypen mit polysemem TC sei auch der produktive Typ mit polysemem substantivischem TC erwähnt, wie auf Deutsch Einfälle haben wie ein altes Haus / wie ein alter (Back)ofen (‚sonderbare Einfälle haben’, nach Einfall: ‚Idee’ und ‚Zusammenbruch’) und auf Spanisch tener más salidas que una plaza de toros („mehr Ausgänge haben als eine Arena“ ‚einfallsreich’, nach salida: ‘Ausgang’ und ‘Einfall’).