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Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen Integration in die Sprache

Rey Caamaño, Irene

Abstract

Die politische und wirtschaftliche Relevanz der USA auf der Weltbühne, ihre technologische Entwicklung und die immer wachsende Globalisierung unserer Gesellschaft haben Englisch zu der dominierenden Sprache in der westlichen Welt gemacht. Im technologischen Bereich sowie in der Jugendsprache kommen englische Fremdwörter besonders häufig vor. Es ist auch üblich geworden, auf englische Wörter zu stoßen, wenn man auf Spanisch oder auf Deutsch Radio hört, fernsieht oder eine Zeitschrift liest. Diese Entlehnungen aus dem Englischen, wie z.B. Fan, App oder Influencer, werden als Anglizismen aufgefasst und müssen sich einem Prozess der Integration unterziehen, um auf Deutsch bzw. Spanisch überhaupt verwendet werden zu können. Diese Anpassung ist zuerst grammatischer Natur: Es muss bestimmt werden, was für ein Genus das Fremdwort übernimmt, wie es dekliniert bzw. konjugiert wird, ob es flektiert werden kann, usw. Phonetische und orthographische Integrationen können später erfolgen, sind aber nicht notwendig. Ziel dieser Arbeit ist, die grammatische Anpassung der Anglizismen im Deutschen und Spanischen zu untersuchen und vergleichen. Dabei werden Aspekte wie das Genus von den Anglizismen, ihre Flexion und ihre kombinatorische und Wortbildungsmöglichkeiten berücksichtigt. Zur Sammlung der spanischen Beispiele werde ich das Korpus von Anglizismen in der spanischen Presse aus Observatorio Lázaro (observatoriolazaro.es) heranziehen, während für die deutschen sowohl das Fremdwörterbuch (IDS, www.owid.de/wb/dfwb/start.html) als auch das Neologismenwörterbuch (IDS, www.owid.de/docs/neo/start.jsp) aus dem Portal OWID (www.owid.de) verwendet werden. Forschungsliteratur und andere Korpora werden ergänzend herangezogen.

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Traballo de Fin de Grao Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen Integration in die Sprache Grao en Linguas e Literaturas Modernas (alemán) Curso 2022/2023 Titora: María José Domínguez Vázquez Autora: Irene Rey Caamaño Traballo de Fin de Grao Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen Integration in die Sprache Grao en Linguas e Literaturas Modernas (alemán) Curso 2022/2023 Titora: María José Domínguez Vázquez Autora: Irene Rey Caamaño u. rA UL: f i\DL DI: n L LOXfll C UBRIR ESTE FOl\MUl.Al110 ELE CT RONI C AMENTE UN IVERSIDADE DE SANTIAGO DE CO MPOSTEIA FACULTAD E DE FILOLOX(A 1 o NOV . 20 22 ENTRADA N~ ...... .. ... . ..... . .. . -- Formulario de delimitación do título e resumo Traballo de Fin de Grao curso 2022/2023 APELIDOS E NOME: Rey Caamaffo Irene GRAO EN: lenguas y Literaturas Modernas (NO CASO DE MODERNAS) MENCIÓN EN: Alemán TITOR/A: Maria José Domlnguez Vázquez UtilA TEMÁTICA ASIGNADA: Lingüística contrastiva alemán-espaffol/alemán-galego SOLICITO a aprobación do seguinte título e resumo: Tftulo: Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen lntegration in die Sprache Resumo [na lingua en que se vai redacta-lo TFG; entre 1000 e 2000 caracteres]: Die politische und wirtschaftliche Relevanz der USA auf der Weltbühne, ihre technologische Entwicklun und die immer wachsende Globalisierung unserer Gesellschaft ha ben Englisch zu der dominierenden Sprache in der westlichen Welt gemacht. lm technologischen Bereich sowie in der Jugendsprache kommen englische Fremdworter besonders haufig vor. Es ist auch üblich geworden, auf englische Worter zu stoBen, wenn man auf Spanisch oder auf Deutsch Radio h0rt, fernsieht od er eine Zeitschrift liest. Diese Entlehnungen aus dem Englischen, wie z.B. Fan, App oder lnfluencer, werden als Anglizismen aufgefasst und müssen sich einem Prozess der lntegration unterziehen, um auf Deutsch bzw. Spanisch überhaupt verwendet werden zu konnen. Diese Anpassung ist zuerst grammatischer Natur: Es muss bestimmt werden, was für ein Genus das Fremdwort übernimmt, wie es dekliniert bzw. konjugiert wird, ob es flektiert werden kann, usw. Phonetische und orthographische lntegrationen konnen spater erfolgen, sind aber nicht notwendig. Ziel dieser Arbeit ist, die grammatische Anpassung der Anglizismen im Deutschen und Spanischen zu untersuchen und vergleichen. Dabei werden Aspekte wie das Genus von den Anglizismen, lhre Flexion, ihre und ihre Wortbildungsmoglichkeiten u.a. berücksichtigt. Zur Sammlung der spanischen Beispiele werde ich das Korpus von Anglizismen in der spanischen Presse aus Observatorio Lázaro (https://observatoriolazaro.es/) heranzlehen, wahrend für die deutschen sowohl das Fremdw0rterbuch (https: //www.owid.de/wb/dfwb/start.html) als auch das Neologismenw0rterbuch SRA. PRESIDENTA DA COMISIÓN DO TRABALLO DE FIN DE GRAO 1 (https://www .owid.de/docs/neo/start.jsp) aus dem Portal OWID (https: //www .owid.de/) verwendet werden. Forschungsliteratur und andere Korpora werden erganzend herangezogen. Santiago de Compostela, 7 de novembro de 2022. Sinatura do/a inter es ado/a ~ltt>mfd ~e ~~'Ftlf5 ~ A ~ ~ ¿ ~fal VAZ QU EZ MARIA JOSE - ***0934** el d ía 07/ 11 /2 022 con un certifica do em itido AC FN MT U sua r ios SRA . PR ES IDENTA DA COMISIÓN DO TRABALLO DE F IN DE G RAO Título: Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen Integration in die Sprache // Anglicismos en alemán e español: un estudo comparativo da súa integración gramatical na lingua // Anglicismos en alemán y español: un estudio comparativo de su integración gramatical en la lengua // Anglicisms in German and Spanish: a comparative study on their grammatical integration in the language Resumo: Die politische und wirtschaftliche Relevanz der USA auf der Weltbühne, ihre technologische Entwicklung und die immer wachsende Globalisierung unserer Gesellschaft haben Englisch zu der dominierenden Sprache in der westlichen Welt gemacht. Im technologischen Bereich sowie in der Jugendsprache kommen englische Fremdwörter besonders häufig vor. Es ist auch üblich geworden, auf englische Wörter zu stoßen, wenn man auf Spanisch oder auf Deutsch Radio hört, fernsieht oder eine Zeitschrift liest. Diese Entlehnungen aus dem Englischen, wie z.B. Fan, App oder Influencer, werden als Anglizismen aufgefasst und müssen sich einem Prozess der Integration unterziehen, um auf Deutsch bzw. Spanisch überhaupt verwendet werden zu können. Diese Anpassung ist zuerst grammatischer Natur: Es muss bestimmt werden, was für ein Genus das Fremdwort übernimmt, wie es dekliniert bzw. konjugiert wird, ob es flektiert werden kann, usw. Phonetische und orthographische Integrationen können später erfolgen, sind aber nicht notwendig. Ziel dieser Arbeit ist, die grammatische Anpassung der Anglizismen im Deutschen und Spanischen zu untersuchen und vergleichen. Dabei werden Aspekte wie das Genus von den Anglizismen, ihre Flexion und ihre kombinatorische und Wortbildungsmöglichkeiten berücksichtigt. Zur Sammlung der spanischen Beispiele werde ich das Korpus von Anglizismen in der spanischen Presse aus Observatorio Lázaro (observatoriolazaro.es) heranziehen, während für die deutschen sowohl das Fremdwörterbuch (IDS, www.owid.de/wb/dfwb/start.html) als auch das Neologismenwörterbuch (IDS, www.owid.de/docs/neo/start.jsp) aus dem Portal OWID (www.owid.de) verwendet werden. Forschungsliteratur und andere Korpora werden ergänzend herangezogen. Palabras chave: kontrastive Linguistik, Anglizismus, Entlehnung, Fremdwort, Deutsch, Spanisch, grammatische Integration, Wortklassen, Flexion, Genus, Korpusbelege, Observatorio Lázaro, Fremdwörterbuch, Neologismenwörterbuch Declaración de orixinalidade do traballo Eu, Irene Rey Caamaño, con DNI 45959697Q, estudante do Grao en Linguas e Literaturas Modernas na Facultade de Filoloxía da Universidade de Santiago de Compostela, como autora deste Traballo de Fin de Grao que ten por título: „Anglizismen im Deutschen und Spanischen: eine vergleichende Untersuchung ihrer grammatischen Integration in die Sprache“ DECLARO QUE Son a única autora do traballo presentado para a súa corrección, sendo este un documento orixinal e non publicado con anterioridade por outros autores. A totalidade das fontes empregadas na súa redacción figuran debidamente citadas no mesmo. Son responsable dos seus contidos e elaboración e non incorro en plaxio. En Santiago de Compostela, a 3 de xullo de 2023 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ................................................................................................................. 2 2. Theoretische Grundlagen der Entlehnungen und Anglizismen ................................... 4 2.1. Entlehnungen: Transferenz und Integration ......................................................... 4 2.2. Entlehnungsarten: Fremdund Lehnwörter ......................................................... 7 2.3. Anglizismen: Zur Begriffsklärung ...................................................................... 9 3. Substantive.............................................................................................................. 10 3.1. Das Genus ........................................................................................................ 11 3.1.2. Personenbezeichnungen ............................................................................. 12 3.1.2 Substantive auf -ing ..................................................................................... 13 3.1.3. Substantive auf -ity und -y .......................................................................... 17 3.2. Numerus ........................................................................................................... 19 3.2.1. Numerus im nativen Wortschatz ................................................................. 19 3.2.2. Numerus im nicht-nativen Wortschatz ........................................................ 21 3.2.3. Sonderfälle ................................................................................................. 24 4. Das Verb ................................................................................................................. 26 4.1. Simplizia .......................................................................................................... 27 4.2. Komplexe Verben ............................................................................................. 30 4.2.1. Die Integration von Präfixverben ................................................................ 32 4.2.2. Englische phrasal verbs auf Spanisch und Deutsch .................................... 32 4.2.3. Englische verbale Komposita ..................................................................... 33 4.3. Kollokationen mit Stützverben .......................................................................... 36 5. Adjektive und Adverbien ........................................................................................ 37 5.1. Einführung........................................................................................................ 37 5.2. Adjektivflexion bei Anglizismen ...................................................................... 38 5.2. Konversion und Ableitung bei adjektivischen Anglizismen ............................... 41 5.3. Adverbiale und adverbial verwendete Anglizismen ........................................... 44 6. Schlussfolgerungen ................................................................................................. 47 7. Literaturverzeichnis................................................................................................. 50 2 1. Einleitung Die Entlehnung von fremdsprachlichen Elementen bildet kein neues Phänomen und stellt ein wichtiges Mittel zur Analyse des Sprachwandels dar. Immer wenn zwei Sprachen lange genug in Kontakt stehen, ergeben sich als Folge eine Vielzahl von Änderungen, die von der Entstehung von neuen Wörtern bis zu sogar dem Lautwandel oder neuen syntaktischen Strukturen rangieren können. Die Globalisierung und die Entwicklung der neuen Technologien haben allerdings dazu geführt, dass eine Sprache ungeachtet geographischer Grenzen Einfluss auf zahlreiche andere Sprachen ausüben kann. So hat sich das Englische im letzten Jahrhundert als eine Art lingua franca weltweit etabliert. Da die Empfängersprachen unterschiedliche grammatische Systeme haben, erfolgt die Integration von englischen Wörtern und Strukturen auf ganz unterschiedlicher Weise von Sprache zu Sprache. In manchen Fällen lässt sich sogar nicht erkennen, dass Wörter in verschiedenen Sprachen seinen Ursprung in demselben englischen Wort haben. Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, die Unterschiede sowie Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und der spanischen Sprache in Bezug auf die grammatische Integration von Anglizismen herauszuarbeiten. Die Auseinandersetzung mit Fremdwörtern war in der Forschung lange Zeit mit dem Purismus und der Ablehnung von fremdsprachlichen Elementen verbunden (Munske 2001: 8). Diese Tendenz hat sich zwar in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geändert, lebt allerdings bis zu einem gewissen Punkt immer noch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. 1 Die grammatische Untersuchung von Fremdwörtern ist erstens relevant, weil sie einen wichtigen Teil der Sprache beschreibt, der wie erwähnt nicht im Forschungsblick stand. Darüber hinaus kann eine grammatische Analyse von Fremdwörtern dazu beitragen, produktive Muster in der Empfängersprache zu beleuchten. Die Art und Weise, wie eine Sprache mit fremdem Sprachmaterial umgeht, sagt viel von ihren nativen sprachlichen Mechanismen aus. Außerdem kann der Vergleich zwischen Empfängersprachen die Feststellung einiger Phänomene und Muster gewährleisten, die ansonsten unbemerkt bleiben könnten. 1 So hat sich bei einer Umfrage 2019 herausgestellt, dass 44% aller Befragte die Zunahme von Anglizismen als schädlich für das Deutsche betrachten (Deutsche Sprachwelt 2020). 3 In Anbetracht meines Zieles werden Anglizismen aus dem Fremdwörterbuch und Neologismenwörterbuch aus den Online Wortschatzinformationssystem Deutsch (OWID) sowie aus dem Lexikon von Observatorio Lázaro (OL) 2 herangezogen. Diverse grammatische Merkmale der Anglizismen werden mithilfe von Deutsches Referenzkorpus (DeReKo) für das Deutsche und mithilfe von OL im Fall des Spanischen untersucht, um Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten bezüglich ihrer grammatischen Integration feststellen zu können. Andere Korpora, wie Corpus del Español NOW oder DWDS Historische Korpora, sind auch ergänzend verwendet, immer wenn es für die Analyse notwendig war. Die Arbeit gliedert sich wie folgt: Im Kapitel 2 wird auf den Prozess der Entlehnung eingegangen, wobei zwischen Transferenz und Integration unterschieden wird. Hier werden Lehnund Fremdwörtern gegenübergestellt und die konkrete Anglizismendefinition, die dieser Arbeit zugrunde liegt, wird eingeführt. Die übrigen Kapitel konzentrieren sich auf die Analyse von konkreten Beispielen und sind nach Wortklassen aufgeteilt. Kapitel 3 befasst sich mit der grammatischen Integration von Substantiven. Dabei liegt der Fokus auf die zwei morphologischen Kategorien: Genus und Numerus. Es wird versucht, Tendenzen in der Genuszuweisung und in der Pluralflexion zu erkennen und Sonderfälle zu beschreiben. In Kapitel 4 werden Verben untersucht, wobei der Konjugation Aufmerksamkeit geschenkt wird. Einfache und komplexe Verben werden unterschieden und abschließend wird auch die Relevanz von Kollokationen mit Stützverben bezüglich der Integration von englischen Verben in die Empfängersprachen untersucht. In Kapitel 5 werden adjektivische und adverbiale Anglizismen zusammenbehandelt. Dabei wird zuerst auf die adjektivische Flexion auf Deutsch und auf Spanisch eingegangen und dann werden kurz die Wortbildungsmöglichkeiten von adjektivischen Anglizismen in beiden Sprachen verglichen. Zum Schluss werden Adverbien und adverbiale Verwendungen von Adjektiven analysiert. 2 Es handelt sich um ein Projekt, das Anglizismen aus 22 spanischen Pressemedien extrahiert und analysiert. 10 a) Alle Lehnübertragungen – Wörter, die nach einem fremdsprachlichen Muster mit eigensprachlichem Stoff gebildet werden (Onysko 2007: 23) – werden aufgrund ihres Mangels an fremden Merkmalen aus der Analyse ausgeschlossen. b) „Die verbreitete Rede von Pseudoanglizismen oder Scheinentlehnungen“ wird vermieden (Eisenberg 2013: 71). Für Pseudoanglizismen werden Wörter wie Handy auf Deutsch und footing auf Spanisch gehalten: Sie sehen wegen ihrer Form wie Wörter aus englischer Herkunft aus, sie existieren eigentlich in dieser Bedeutung auf Englisch gar nicht. Sie sind eigentlich in der Nehmersprache gebildet worden (ebd.). Da sie allerdings Eigenschaften aufweisen, die auf das Englische zurückgehen, werden sie einer synchronischer Auffassung zufolge als Anglizismen klassifiziert. Nichtsdestotrotz scheint es nicht sinnvoll, völlig auf eine diachronische Perspektive zu verzichten. Manche Fremdwörter, die noch heutzutage fremde Eigenschaften aufweisen, wurden vor langer Zeit entlehnt. 10 Da sich Sprache im Laufe der Zeit ändert und gewisse sprachliche Mittel produktiv bzw. unproduktiv werden, ist es denkbar, dass sich manche Entwicklungen nur durch diachronische Kriterien erklären lassen. Wie Eisenberg zurecht behauptet, ist es wichtig zu betonen, dass „historische und synchron-systematische Fragestellungen in Abhängigkeit vom Erkenntnisinteresse zu unterscheiden sind, nicht aber gegeneinander ausgespielt werden dürfen“ (Eisenberg 2013: 73). 3. Substantive Substantive bilden die umfangreichste Gruppe unter den Anglizismen und ihre grammatische Integration bereitet zahlreiche Probleme. Erstens müssen sie sowohl im Deutschen als auch im Spanischen ein Genus haben. Diese Kategorie ist bei englischen Substantiven nicht gekennzeichnet, was bedeutet, dass sie nicht übernommen werden kann und dass die Genuszuweisung ausschließlich durch Mechanismen der Empfängersprache erfolgen muss. Zweitens muss es bei den Substantiven die Möglichkeit der Pluralbildung bestehen. In diesem Prozess stehen verschiedene Mechanismen aus dem Englischen und dem Deutschen bzw. Spanischen im Mittelpunkt, die gelegentlich miteinander konkurrieren. 10 Beispielsweise ist das Wort Pudding auf Deutsch schon 1706 belegt (DWDS Historische Korpora, 15/04/2023). 11 3.1. Das Genus Die Kriterien für die Genuszuweisung im Deutschen sind sowohl bei dem nativen als auch bei dem nicht-nativen Wortschatz sehr komplex. In seiner Zusammenstellung der Kriterien zur Genuszuweisung bei Anglizismen betont Schlick, dass „keine der erörterten Regeln […] ohne Ausnahme“ ist und dass „stets verschiedene Regeln miteinander konkurrieren“ (Schlick 1984: 424). Er nennt fünf Typen von Kriterien, die das Genus eines Worts bestimmen können, wobei die semantischen und die formalen Kriterien grundlegend sind. Semantische Kriterien umfassen u.a. das natürliche Geschlecht oder Sex des Referenten, die semantische Analogie mit dem deutschen Äquivalent oder die Neigung zu einer bestimmten Genusbildung bei bestimmten semantischen Wortgruppen, wie die deverbative nomina actionis als Maskulinum oder Neutrum veranschaulichen. Unter den formalen Kriterien lassen sich im Deutschen morphologische und phonologische Kriterien nennen: Morphologisch sind zum Beispiel die Suffixanalogie 11 oder die Silbenzahl 12 . Hingegen zählen die Reimanalogie und die Vokalanalogie als phonologische Kriterien 13 (Schlick 1984: 404-416). Schließlich fügt Schlick psychound soziolinguistische Kriterien hinzu, die für bestimmte Genusschwankungen verantwortlich sein könnten, wie den Bildungsgrad, das Alter oder die Vertrautheit des Sprechers mit dem Englischen (Schlick 1984: 421-422). Die Kriterien im Spanischen sind im Allgemeinen den bereits beschriebenen sehr ähnlich. Mateescu (2015: 64) betont die Relevanz des Sex vom Referenten bei lebenden Wesen und sie erwähnt auch Kriterien wie die semantische Analogie, die Ellipse des Kopfs der Nominalphrase 14 und die Homographie. Zusätzlich unterschreibt sie die Bedeutung von dem nicht-markierten Genus (Maskulinum) in der Integration von Anglizismen, denn sie behauptet, dass sowohl Anglizismen in Bereichen wie Sport oder Musikgenres als auch Wörter auf -ing, -y und ungewöhnlichen Endungen (b, k, h, m, t, x) immer maskulin seien (Mateescu 2015: 64-66). Eine andere Meinung vertritt Rodríguez González (2019). Er behauptet, dass Analysen, die die Nicht-Markiertheit des Maskulinums als Erklärung einführen, zu einfach seien 11 Wörter auf -er sind häufig Maskulina, während die auf -ing häufig Neutra sind. 12 Einsilbige Anglizismen neigen dazu, maskulin zu sein. 13 Manche Linguisten meinen, dass phonologische Kriterien nicht relevant für die Genuszuweisung sind, wie z.B. Onysko (2007: 152-153). Dafür spricht, dass Wörter auf -er bzw. -ing, wo diese Endungen nicht als Suffixe dienen, oft ein anderes Genus als erwartet haben (z.B. der Darling oder das Cover). 14 Es ist eine Art „latente“ semantische Analogie: la new age anstatt la música new age. 12 und dass die echten Gründe für die Genuszuweisung – die hauptsächlich semantisch seien – übersehen werden (Rodríguez González 2019: 403-404). Auf die Nachteile und Vorteile beider Ansätze wird in diesem Kapitel noch eingegangen. Es ist auch hervorzuheben, dass semantische und formale Kriterien oft zusammenwirken. So sind die meisten Anglizismen auf -er maskulin: zum einen aufgrund der Suffixanalogie und zum anderen, weil sie nomina agentis bezeichnen (Schlick 1984: 416, 419). In vielen Fällen ergeben sich allerdings aus der Anwendung der verschiedenen Kriterien unterschiedliche Resultate, so entstehen Schwankungen und Konkurrenzfälle, bei denen sich ein Kriterium einem anderem auferlegt. Das versucht die Optimality Theory zu erklären, die besagt, dass bei der Konkurrenz von zwei Regeln das Wort der am wenigsten markierten konkurrierenden grammatischen Kategorie zugewiesen wird (Rice 2005: 4). Für das Spanische ist das Maskulin das nicht-markierte Genus und das Feminin das markierte (Prado 1982), während für das Deutsche das nicht-markierte Genus das Maskulin ist, gefolgt vom Feminin und dann Neutrum (Onysko 2007: 155). Die Optimality Theory hat sich bei der deutschen Genuszuweisung als ziemlich erfolgreich erwiesen (vgl. Corteen 2018), hat aber den Nachteil, dass es leichtfällt, Kriterien ad hoc hinzufügen, sodass die Prämissen des Modells mit der Realität der Sprache übereinstimmen. Im Folgenden wird die Adaquätheit von den bisher genannten Kriterien anhand von Beispielen aus OL und DeReKo untersucht, um zu bestimmen, inwieweit sie im Deutschen und Spanischen eine Anwendung finden können und welche Unterschiede zwischen den beiden Sprachen bestehen. 3.1.2. Personenbezeichnungen Wenn ein Substantiv einen persönlichen Referenten hat, scheint dessen Genus auf Spanisch in allen Fällen mit dem Geschlecht des Referenten übereinzustimmen. Die Substantive werden nicht flektiert, sondern das Genus wird durch den Artikel gekennzeichnet (mask. el influencer – fem. la influencer). Diese Art der Genusmarkierung ist nicht neu auf Spanisch – sie erfolgt in Analogie zu vielen Personen bezeichnenden Substantiven auf -e oder -í: el cantante –la cantante; el marroquí – la marroquí. Dieser Prozess wird ausgebaut, indem es auf Wortendungen wie -r und -n angewendet wird, die im nativen Wortschatz flektierbar sind (pecador/a, aber el/la youtuber; ladrón/a, aber el/la fan). 13 Die einzigen flektierbaren substantivischen Anglizismen sind diejenigen, die schon einen hohen Integrationsgrad aufweisen. Das ist der Fall bei den Wörtern bloguero/a (manchmal findet sich auch die orthographische Variante bloggero/a) oder surfero/a, in denen das englische Suffix -er durch sein spanisches Äquivalent -ero ausgetauscht wurde. Hier stellt sich die Frage, ob das englische Suffix assimiliert wurde oder die spanischen Substantive durch Ableitung aus blog bzw. surf gebildet wurden. Im Deutschen hingegen werden Substantive auf -er, die Personen bezeichnen, systematisch wie native Substantive auf -er behandelt, sodass Feminina durch das Hinzufügen von -in gebildet den bereits beschriebenen. So werden nach dem Modell mask. der Lehrer – fem. die Lehrerin englische Wörter wie youtuber oder stripper zu dt. der Youtuber – die Youtuberin und der Stripper – die Stripperin. Dies trifft bei den allermeisten Personenbezeichnungen zu – weitere Beispiele sind u.a. Blogger, Influencer, Partner, Follower… In diesem Zusammenhang ist es interessant anzumerken, dass unter den von Schlick (1984: 405) angeführten Ausnahmen von dieser Regel (Stripper, Teenager, Lady Driver, Babysitter) drei heutzutage eine Femininform auf -in aufweisen. Nur das selten verwendete Lady Driver bleibt als nomen agentis auf -er, obschon es sich auf eine Frau bezieht. Man kann also davon ausgehen, dass die Analogie zum dt. Suffix - er/in eine steigende Tendenz aufweist. Personenbezeichnungen mit anderen Endungen als -er werden im Deutschen in der Regel zu maskulinen Epikoina. 15 So können sich Substantiven wie der Fan, der Hippie, der Punk oder der Nerd sowohl auf Männer als auch auf Frauen beziehen: 1. Man hat sie einmal für einen Punk gehalten 2. […] ist sie wohl ein Hippie 3. […] schreit ein weiblicher Fan aus dem Hintergrund. (Beispiele aus DeReko, 25/06/2023) 3.1.2 Substantive auf -ing Das Suffix -ing stellt im Englischen ein sehr produktives Muster dar, das nicht nur für die Bildung bestimmter Tempora notwendig ist, sondern auch als Nominalisierungsaffix in Frage kommt. Der verbale bzw. nominale Grad der aus diesem Prozess resultierenden Substantive kann sehr unterschiedlich sein. Die Gruppe der Deverbativa weist den 15 Epikoina sind Substantive, die ungeachtet ihres Genus Lebewesen beider Geschlechter bezeichnen können. 14 höheren Nominalisierungsgrad auf (Cantorna Blanco 2022: 2). Deverbativa können die Pluralform bilden und bezeichnen nicht das Geschehnis selbst, sondern meistens dessen Ergebnis (z.B. piercing, catering, ranking usw.). Einen geringeren Grad an Nominalisierung zeigen die sogenannten verbalen Substantive, die zwar Aktionen bezeichnen, aber mit Determinanten und Adjektiven kombiniert werden (z.B. Their nasty acting). Abschließend kommen die Gerundia vor, die durch Adverbien und Ergänzungen erweitert werden können (z.B. Smoking here is forbidden) und dementsprechend eine stärkere verbale Komponente zeigen (Taher 2015: 30). Wörter auf -ing erweisen sich als gute Beispiele zur Analyse der Relevanz der Form bei der Integration von Anglizismen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens finden sich zahlreiche Beispiele von Fremdwörtern auf -ing sowohl im Deutschen als auch im Spanischen. Diese hohe Anzahl macht es sehr wahrscheinlich, dass ein gewisses Maß an Systematisierung bei ihrer Integration (wenn nicht sogar Produktivität des Suffixes) in den Empfängersprachen entstanden ist. Zweitens haben Wörter auf -ing nicht nur eine ähnliche Form, sondern auch eine ähnliche Semantik, denn sie bezeichnen meistens Aktionen oder deren Ergebnisse. Aus dem Gesagten stellen sie sich als gute Kandidaten zur Analyse der Relevanz von sowohl formalen als auch semantischen Faktoren bei der Genuszuweisung heraus. Zur Analyse werden 98 substantivische Anglizismen auf -ing herangezogen, die in den Daten von November 2022 16 in Observatorio Lázaro (OL) vorliegen. Eigennamen und Einsilber wie ring oder king, die wegen ihrer Kürze nicht mit Wörtern mit dem Suffix - ing verwechselt werden könnten, werden ausgeschlossen. Ihr Genus wird mithilfe von Beispielen aus OL und DeReKo herausgefunden, um Tendenzen festzustellen. Es hat sich herausgestellt, dass auf Spanisch alle untersuchten Substantive maskulin sind (el márketing, el queerbaiting, el shopping, el lifting usw.). Die einzige Ausnahme bildet el/la darling. Auf Deutsch hingegen sind die allermeisten Neutra (das Marketing, das Queerbating, das Shopping, das Lifting). So stimmt das Genus von Substantiven auf -ing mit dem des nativen substantivierten Infinitivs überein (sp. el fumar, dt. das Rauchen). Die Semantik scheint also teilweise hier eine Rolle zu spielen. Nichtsdestotrotz besteht kein Genusunterschied bei Entlehnungen aus englischen Gerundia und verbalen 16 In OL lassen sich die Daten nur nach Monaten abrufen. 15 Substantiven 17 und bei Entlehnungen aus Deverbativa, die aus Aktionen resultierende konkrete Gegenstände bezeichnen (dt. das Piercing, das Topping; sp. el piercing, el topping). Bei der Ausnahme el / la darling (OL, 14/04/2023: La que fuera la ‘ darling ’ de Silicon Valley, Elizabeth Holmes) scheint sich das Kriterium des Sex des Referenten durchgesetzt zu haben. Als eine weitere Erklärung könnte man noch erwähnen, dass es sich hier im Englischen eigentlich um ein diminutives -ling Suffix handelt 18 . Im Deutschen gibt es ein Suffix -ling im nativen Wortschatz, das eine ähnliche semantische Funktion wie das auf Englisch erfüllt. Daher ist es nicht überraschend, dass es im Deutschen der Darling und nicht das Darling heißt. Als Ausnahmen im Deutschen gelten auch der Pudding, der Smoking, die Leggings und die Holding. Das Wort Leggings lässt sich durch den Prozess der Reanalyse einer Pluralform erklären, worauf im Unterkapitel 3.2.3.2 eingegangen wird. Bei den drei anderen Fällen handelt es sich hingegen um relativ ältere Entlehnungen. Für Smoking und Holding sind Belege in den Historische Korpora von DWDS schon am Ende des 19. Jahrhunderts bzw. anfangs des 20. Jahrhundert vorhanden: 4. […] kann der Herr auch im offenen Jackett – sogenannten Smoking – zu einem Vormittagsbesuch erscheinen (1898, aus DWDS Historische Korpora, 15/04/2023) 5. […] unter der Firma Northern Securities Company, eine Holding Company. (1912, ebd.) Am ältesten ist Pudding, das schon 1706 belegt ist (ebd.: Englischer Pudding). Onysko (2007) versucht trotzdem das Genus von sowohl Pudding als auch Smoking rein synchron zu erklären. Bei Smoking behauptet er, es handele sich um ein nominalisiertes Bestimmungswort und dementsprechend werde ihm das Genus seines Grundwortes (nämlich Anzug) zugewiesen (Onysko 2007: 161). Diese Erklärung ist aber nur halbwegs zufriedenstellend: Obwohl man heutzutage unter Smoking eine Art von Anzug versteht, wurde das Wort aus dem engl. smoking-jacket entlehnt (Pfeifer 1993). Zur Zeit seiner Assimilierung bezeichnete Smoking nur das Jackett, wie im schon angeführten Beispiel erkennbar ist. Da Jackett 17 Sie bezeichnen Aktionen und entsprechen in weiterem Sinne dem substantivierten Infinitiv im Deutschen und Spanischen. 18 Meiner Meinung nach ist es aber unwahrscheinlich, dass der Durchschnittsspanier über solch ein Kenntnis verfügt. 16 neutral ist, kann eine latente semantische Analogie nicht der Grund dazu sein, dass Smoking maskulin ist. Einen echten Fall von latenter semantischer Analogie stellt hingegen das Genus von Holding dar (Schlick 1984: 406): Dieses Wort war ursprünglich Bestandteil eines Determinativkompositums, in dem das Grundwort Gesellschaft bzw. Company vorhanden ist (s. Beispiel 5). Später wurde zwar die Bezeichnung verkürzt, allerdings ist das feminine Genus erhalten geblieben. Schließlich versucht Onysko das Genus von Pudding zu erklären, indem er darauf aufmerksam macht, dass -ing bei Pudding kein Suffix ist (Onysko 2007: 161). Die Engländer haben das Wort eigentlich aus dem fr. bodin entlehnt (Pfeifer 1993). Daher sei hier die Wortendung nicht relevant und Pudding werde einfach als Konkretum zum Maskulinum (Onysko 2007: 161). Es bleibt aber die Frage offen, ob Deutsch Sprechende im Durschnitt wirklich intuitiv erkennen können, dass -ing da kein Suffix ist. Die Tatsache, dass sich Smoking und Pudding auf Gegenstände beziehen, und dass bis zum 20. Jahrhundert noch keine systematischen Entlehnungen aus engl. Gerundia und verbalen Substantiven stattfand, kann eine Rolle gespielt haben. Da in der Zeit Substantiven auf -ing nicht automatisch das Neutrum zugewiesen wurde, konnten andere Faktoren von Relevanz sein, wie z.B. die semantische Analogie von Pudding zum Wort Brei. Vielmehr werden neuere Entlehnungen wie Topping zu Neutra, obwohl sie aus der Bedeutung her keine Relation zum substantivierten Infinitiv haben und mit Konzepten wie die Garnierung (fem.) in Verbindung stehen. 19 Erwähnenswert ist noch, dass heutzutage das Suffix -ing sowohl im Deutschen als auch im Spanischen eine sehr prominente Rolle beim Entlehnungsprozess aus dem Englischen spielt. Es werden Wörter aus nativem Material und diesem Suffix gebildet, wie z.B. sp. edredonig, balconing, puenting. Das Suffix -ing wird sogar zu Anglizismen hinzugefügt, die in der Gebersprache eigentlich keine Verben sind. Ein Beispiel dafür ist das englische Substantiv blackface, das im Deutschen meistens (753 Treffer gegen 277 von Blackface in DeReKo) und im Spanischen gelegentlich zu Blackfacing wird: 19 Dies hebt zwei Aspekte hervor: 1) wie alt eine Entlehnung ist und wie erfolgreich seine Integration in der Sprache ist, stehen nicht in Korrelation (vergleichen Pudding mit Keks). 2) diachronische Faktoren sind bis zu einem gewissen Grad notwendig für die Analyse von Entlehnungen und es ist nicht empfehlenswert, auf sie völlig zu verzichten. 17 6. Blackfacing gilt in Kanada als schwerwiegender Fall von Rassismus (DeReKo, 15/04/2023) 7. […] y otras festividades nacionales en las que se practica el blackfacing (OL, 15/04/2023) Die englische Phrase to do blackface wird also zu einem Einzelwort, das die Aktion und nicht das blackface per se bezeichnet. Diese verbale Komponente wird dazu führen, dass Substantive auf -ing auch eine zentrale Rolle bei der Integration von englischen Verben im Spanischen spielen. 3.1.3. Substantive auf -ity und -y Einen großen Teil der substantivischen Anglizismen auf Deutsch und Spanisch bilden die Wörter auf -y und deren Untergruppe auf -ity. Das englische Suffix -ity bedeutet soviel wie Quantität, Zustand oder Grad (Cambridge Dictionary) und ist mehr oder weniger äquivalent zu den Suffixen -idad und -edad auf Spanisch und -ität auf Deutsch. In der Forschung über das Suffix -ity sowie die Endung -y kommt man oft zu Generalisierungen. So behauptet Schlick (1984: 408), dass Anglizismen auf -y wegen Analogie zu den deutschen Substantiven auf -ie Feminina seien, abgesehen von Verkleinerungsund Koseformen wie das Baby und das Groupie. Ein ähnlicher Ansatz liegt bei Onysko (2007: 163) vor: „{word final C+[i, ɪ] = feminine}“. Bezüglich der Anglizismen auf -y im Spanischen geht Mateescu davon aus, dass alle Maskulina seien (Mateescu 2015: 66), während Kreiner (2023: 129) der Ansicht ist, dass alle Substantive auf -ity im Spanischen Feminina seien. Diese letzte Behauptung gilt ihr zufolge auch für das Deutsche. Die meisten dieser Behauptungen lassen sich bei der Analyse der Belege aus OL und DeReKo nicht beobachten. Es scheint zu stimmen, dass alle Anglizismen auf -ity im Deutschen feminin sind (z.B. Body Positivity, Celebrity, Commodity, Hospitality und sogar Circular Error Probability), allerdings lässt es sich nicht dasselbe für das Spanische behaupten. Obwohl mehrere Entlehnungen auf das Suffix -ity feminin sind (wie z.B. la activity, la e-Mobility, la gated community oder la utility), gibt es auch Fälle, die zwischen dem Maskulin und dem Feminin schwanken (commodity, photo-opportunity, amenity). Außerdem liegen ziemlich viele Maskulina (el body positivity, el equity, el hospitality oder el circular error probability) vor. 18 Mit diesen wenigen Beispielen lassen sich keine weitreichenden Schlussfolgerungen ziehen, aber sie weisen schon darauf hin, dass die Bedeutung der Anglizismen eine wichtige Rolle spielt. Die weiblichen Entlehnungen zeigen eine enge semantische Verbindung mit ihren spanischen Kognaten: Eine activity, eine gated community oder die mobility sind eigentlich kaum von einer actividad, einer comunidad cerrada oder der movilidad zu unterscheiden. Dagegen handelt es sich bei el equity um ein wirtschaftliches Konzept, das nichts mit equidad zu tun hat, der circular error probability ist ein sehr spezifischer Fachausdruck und der hospitality umfasst alles rund um das Gastgewerbe und steht deswegen mit der Tugend der hospitalidad nur marginal in Verbindung. In diesen Fällen, bei denen das Konzept an sich als etwas Neues empfunden wird, scheint die Ähnlichkeit der Suffixe -ity und -idad nicht genügend zur Genusbestimmung zu sein. Daher erhalten Anglizismen das ‚default‘ nicht-markierte Genus. 20 Daraus ergibt sich, dass im Gegenteil zum Deutschen im Spanischen die Form der Substantive auf -ity nicht das entscheidende Kriterium ist, sondern ihre Semantik. Bezüglich der Wörter auf -y scheint es in keiner der zwei Sprachen eine feste Regel zu geben. Obwohl mehrere von diesen Anglizismen im Deutschen Feminina sind (z.B. Agency, Beauty, City, Comedy, Company, Jury, Lobby und Party), gibt es auch Neutra (Baby, Handy, Pony, County und Bully, wenn man sich auf das Hockey bezieht), Maskulina (Body, Booty, Brandy, Daddy und Whisky 21 ) und Wörter, die zwischen mehreren Genera schwanken (die/das Assembly und die/das Rally). Dazu kommen viele Personenbezeichnungen auf -y / -ie 22 wie der Bully, der Hippie, der Yuppie, der Aussie, die maskuline Epikoina sind (s. Unterkapitel 3.1.1). So bilden die Anglizismen auf -y im Deutschen eine ziemlich heterogene Gruppe. Im Spanischen werden Maskulina, wie el body, el booty, el lobby, el grand jury, el rally, el whisky bevorzugt, aber Beispiele für Feminina (la city, la company, la comedy in Phrasen wie la buddy comedy und la comedy of manners) sind auch vorhanden. Zusätzlich 20 Das Genus von utility und body positivity lässt sich auf diese Weise nicht so leicht erklären: la utility scheint eigentlich eine Abkürzung aus la utility company zu sein; bei el body positivity ist es möglich, dass es sich um einen Fall einer latenten semantischen Analogie handelt (el movimiento body positivity). 21 Hier werden als Beispiele nur die Substantive angeführt, die auf Konsonanten + -y enden und dementsprechend Onyskos Kriterium (2007: 163) erfüllen, aber zusätzlich gibt es der/das Spray, das Cosplay, das Display, das Hockey... 22 Beide Endungen werden ungeachtet ihrer Orthographie von Schlick zusammen gruppiert (Schlick 1984: 408). 19 gibt es Schwankungen (el/la party) und Personenbezeichnungen, die beide Genera haben können (bully, nepo baby). Aus diesen Beispielen wird deutlich, dass es sich hier nicht um eine einzige Regel mit wenigen Ausnahmen handelt, wie bei den Substantiven auf -ing. Es stimmt zwar, dass sich eine leichte Tendenz zu Feminina im Deutschen und zu Maskulina im Spanischen feststellen lässt, aber in vielen Fällen setzen sich andere Kriterien durch, wie die semantische Analogie bei dt. der Booty (der Popo) und sp. la company (la compañía) oder die Gruppenanalogie bei alkoholischen Getränken 23 , wie der Whisky und der Brandy auf Deutsch. In Hinblick auf die Regel: „{word final C+[i, ɪ] = feminine}“ (Onysko 2007: 163) kommt Onysko zu dem Schluss, dass sie nur in Kraft tritt, wenn keine anderen semantischen oder morphologischen Regeln eine Anwendung finden (ebd, 164). Angesichts der hier angeführten Beispiele scheint dies sowohl für das Deutsche als auch für das Spanische zu stimmen. 3.2. Numerus Obwohl auf Spanisch und auf Englisch Pluralformen relativ ähnlich gebildet werden, ist die Pluralbildung von Anglizismen sowohl im Deutschen sowie im Spanischen eine Quelle von Problemen und Schwankungen. 3.2.1. Numerus im nativen Wortschatz Die Pluralbildung im Englischen erfolgt normalerweise durch das Hinzufügen des Suffixes -s (car → cars). Es gibt allerdings einige Ausnahmen: Substantive auf -s, -sh, - ch, -x und -z verlangen das Suffix -es und manche häufig verwendeten Wörter bilden die Pluralformen durch Stammvokalwechsel (man → men, foot → feet). Bei dem spanischen nativen Wortschatz wird der Plural auch mit den Suffixen -es und -s gebildet, aber mit einer unterschiedlichen Verteilung als auf Englisch. Das Suffix -s wird nur zu Substantiven auf Vokal hinzugefügt (casa → casas), während die Pluralform von Substantiven auf Konsonanten durch das Hinzufügen von -es gebildet wird (flor → flores). Es gibt auch ein Ø-Morphem-Plural, der bei trochäischen Substantiven auf -s und -x vorkommt. In diesen Fällen ist der Artikel die einzige Pluralmarkierung (el lunes → los lunes, el tórax → los tórax). 23 Im Deutschen sind sie i.d.R. Maskulina (Schlick 1984: 405). 26 Es ergibt sich die Möglichkeit, dass die Ähnlichkeit der Flexion von Feminina und Pluralformen den Übergang von Plural zu Singular ohne Wortveränderungen jeglicher Art ermöglichte. Das würde auch erklären, warum all diese Wörter feminin sind (die Legging(s)), auch wenn Substantive auf -ing in der Regel Neutra im Deutschen werden. 29 3.2.3.3. Reanalyse des s-Suffixes und native Pluralendung Einen ähnlichen Vorgang von Reanalyse des Pluralsuffixes stellen Anglizismen wie Keks (aus eng. cake) und Straps (aus engl. strap) dar. Da deren englischen Pluralformen zu wenig dem deutschen kanonischen Pluralschema mit Zweisilbigkeit und Schwa-Silbe entsprechen und daher keine guten Pluralformen auf Deutsch darstellen (Wegener 2003: 141), werden sie als Singular interpretiert und bekommen sie zur Pluralbildung ein zusätzliches Suffix (Kekse, Strapse). Obwohl Keks und Straps die signifikanten Ergebnisse dieses Prozesses sind, gibt es auch Bel. für eine ähnliche Entwicklung bei Schrimps („Ich möchte Schrimpse!“ aus DeReKo, 08/05/2023), Kids („das selbst renovierte Mädchenzimmer der "Kidse"“, ebd.) oder Chips („kannst du mir Chipse bringen?“, ebd.). Auf Spanisch ist gelegentlich ein ähnlicher Prozess beim Anglizismus sketch und dessen Pluralform sketches festzustellen. Obwohl es seltener als die Variante sketch vorkommt, gibt es auf Spanisch einige Bel. für die Singularform sketche. Vielleicht in Analogie zum Großteil der Anglizismen, die auf -s den Plural bilden, wird nur das -s als Pluralsuffix empfunden und der Vokal e als Teil des Stammes verstanden. Daraus ergibt sich die Form sketche: 18. Sin temor a regodearse en el improvisado ' sketche ' (OL, 08/05/2023) 4. Das Verb Im Gegensatz zu Substantiven werden Verben nicht so oft entlehnt. In der Untersuchung von Onysko (2007: 229) liegt der Anteil an verbalen Anglizismen nur bei 5,49%. Ein ähnlicher Prozentansatz ist für das Spanische bei Rodríguez Díaz (2011: 256) zu finden: 5,59%. Nichtsdestotrotz sei das Verb Salamon (2004: 445) zufolge die morphologische Kategorie, die sich am besten an das spanische native System anpasst und die wenigsten 29 Onysko (2007: 170) beschreibt eine ähnliche Entwicklung bei PR (Akronym für public relations), die auf Englisch Pluraliatantum ist, auf Deutsch hingegen feminin singular. 27 fremden Eigenschaften aufweist. Verben haben sowohl im Deutschen als auch im Spanischen ein komplexes Konjugationssystem, in dem sogar in der Infinitivform eine bestimmte Endung zum Stamm hinzugefügt wird. Obwohl das den Entlehnungsprozess erschwert, zeigen die Entlehnungen einen hohen Integrationsgrad, wenn dieser erfolgt. Im Folgenden werden die sprachlichen Mechanismen für die Integration von Verben untersucht, wobei unter Simplizia und komplexe Verben unterschieden wird. Anschließend wird es auf Kollokationen mit Stützverben und ihre Rolle für die Integration von englischen Verben eingegangen. Für das Spanische werden in diesem Kapitel die Korpora Corpus del Español WEB (WEB) und Corpus del Español NOW (NOW) anstatt OL verwendet, denn das Vorhandensein von nativen spanischen Endungen bei verbalen Entlehnungen blockiert ihre Erkennung als Anglizismen in OL. 4.1. Simplizia Ganz allgemein lässt sich behaupten, dass Entlehnungen nach dem Muster der schwachen Verben im Deutschen bzw. der ersten Konjugation im Spanischen (-ar) flektiert werden (Gómez Capuz 1998: 242). Innerhalb dieser Gruppen gibt es allerdings auch Unterklassen. Im Spanischen werden drei Suffixen mit Entlehnungen verbunden: -izar, -ear und -ar. Das Suffix -izar kommt vor allem in der Wissenschaftssprache vor (eng. sclerotize – sp. esclerotizar, eng. focalize – sp. focalizar). Es ist hervorzuheben, dass das Suffix -izar nicht in der Nehmersprache addiert wird, sondern eine Übersetzung des englischen Suffixes -ize ist (Salamon 2004: 445). 30 Da viele dieser Wörter lateinische Stämme aufweisen, erfolgt ihre Integration nahezu nahtlos und ihre fremde Herkunft fällt dem normalen Sprecher meistens nicht auf. Der Rest der Entlehnungen wählt entweder -ear oder -ar. Obwohl das erste im nativen Wortschatz ein Verb als durativ oder iterativ kennzeichnet (Salamon 2004: 446), scheint die Aktionsart des Verbes nicht immer bei Entlehnungen von Relevanz zu sein. Salamon erklärt, dass die Entscheidung zwischen -ar und -ear meistens arbiträr zu sein scheint, und sie weist auf manche Paare wie checar und chequear oder driblar und driblear hin (ebd.). Gómez Capuz (1998: 242) fügt hinzu, dass -ear produktiver im lateinamerikanischen Spanisch ist und daraus sich Paare wie eur. sp. chutar und lat. sp. chutear (aus eng. shoot) ergeben. 30 Eine Ausnahme ist sp. remasterizar aus dem eng. remaster. 28 Manche Anglizismen, die im Spanischen das Suffix -ar wählen, sind esnifar, dopar, filmar und tatuar. Diese Entlehnungen kamen im 20. Jahrhundert in die Sprache und ihre Orthographie ist heutzutage schon assimiliert. Viele neuen Anglizismen (die größtenteils zum Internetjargon gehören) werden hingegen mit dem Suffix -ear verbunden: hackear, campear, feedear, spoilear, ghostear, farmear, banear, spamear… (NOW, 10/06/2023). 31 Die Annahme liegt also nahe, dass der durch das Internet motivierte zunehmende Sprachkontakt zwischen Spanien und Lateinamerika zu einer häufigeren Verwendung des Suffixes -ear in Spanien führen könnte. Es ist auch hervorzuheben, dass bei diesen neueren Entlehnungen die Orthographie nicht assimiliert wird, was wieder auf eine anglisierende Tendenz hinweist. Im Deutschen verbinden sich die allermeisten verbalen Anglizismen mit dem Suffix -en. Eine Ausnahme bilden ältere Entlehnungen aus dem 19. Jahrhundert, die das Suffix -ieren wählen (boykottieren, campieren 32 , trainieren), und zweisilbigen Stämmen auf -l oder - r, zu denen die Endung -n hinzugefügt wird (lasern, modeln, pokern, powern) (Onysko 2007: 230-232). Bei eng. to recycle koexistieren die Formen recyclen und recyceln, der Unterschied ist allerdings lediglich orthographisch, denn das l in beiden Fällen (und auch im Englischen: [ˌriːˈsaɪ.kəl]) im Auslaut ausgesprochen. Auch orthographischer Natur ist die Schwankung zwischen anglisierenden Partizipialformen auf -ed (geouted) und assimilierteren Formen auf -t (geoutet), denn beide Varianten werden wegen der deutschen Auslautverhärtung auf die gleiche Weise ausgesprochen (Willeke 2006: 27). Es lassen sich weder im Deutschen noch im Spanischen keine weiteren Schwankungen in der Konjugation von entlehnten verbalen Simplizia erkennen, was darauf hindeutet, dass nach der Bildung der Infinitivform in der Nehmersprache ihr Assimilationsprozess ziemlich unproblematisch ist. Ausschlaggebend für die Erkennung von dem Integrationsgrad von Fremdwörtern ist ihre Teilnahme an Wortbildungsprozessen und gerade in diesem Bereich sind verbale Anglizismen von besonderem Interesse. Sowohl im Deutschen als auch im Spanischen kommt es allmählich zu der Bildung von Wortfamilien, die englischen Stämmen aufweisen: 31 Es gibt natürlich auch Ausnahmen: Die Form cliquear (aus eng. click) ist im europäischen Spanischen belegt (25 Treffer im NOW, 21/05/2023), kommt aber viel seltener als clicar vor (1000 Treffer, ebd.). Diese Tendenz lässt sich auch im lateinamerikanischen Spanischen finden (clicar 1237, cliquear 362, ebd.). 32 Vor kurzem wurde engl. to camp erneut unter der Form campen entlehnt und es ist zu einer semantischen Differenzierung gekommen: Campieren wird in militärischen Zusammenhängen verwendet, campen hingegen beim Tourismus (Onysko 2007: 230). 29 Dt. Camping – Camp – Camper – campen Dt. Shopping – shoppen – Shop Sp. zapping – zapeo – zapear Sp. blog – bloggear – bloguero – blogger In manchen Fällen ist es offensichtlich, wenn ein Wort entlehnt (Camping, blogger, zapping) oder in der Nehmersprache gebildet wurde (sp. zapear < zapeo). Sehr oft ist es aber ununterscheidbar. So erklären Fleischer und Barz, dass im Deutschen „eine Vielzahl entlehnter Wortpaare aus Substantiv und Verb aus dem Englischen“ vorhanden ist, „bei denen nicht eindeutig zu ermitteln ist, ob jeweils Verb oder Substantiv primär ist oder ob beide Wörter entlehnt und nicht im Deutschen gebildet sind“ (Fleischer/Barz 2012: 435). Dieses Phänomen, das sich beispielsweise bei Camp – campen beobachten lässt, geht wahrscheinlich auf die Tatsache zurück, dass im Englischen Verb und Substantiv normalerweise dieselbe Form aufweisen (Subst. camp – Vb. to camp). Allerdings gibt es eindeutige Fällen von Wortbildung und Produktivität von englischen Stämmen. So ist z.B. dt. spoilern eindeutig durch Ableitung auf der Basis Spoiler gebildet und nicht aus eng. to spoil entlehnt (Neologismenwörterbuch IDS). Hinzu kommt, dass im Deutschen oft eine Vielzahl an Partikelund Präfixverben aus weitverbreiteten entlehnten Simplizia abgeleitet wird. Als Beispiele sollen hier die Verben spammen und dopen dienen, wofür 8 bzw. 14 komplexe Varianten in DeReKo belegt sind. Dies zeigt sowohl den hohen Integrationsgrad dieser Verben als auch die enorme Produktivität von diesen Ableitungsprozessen im gegenwärtigen Deutsch: spammen – bespammen, vollspammen, zuspammen, rumzuspammen, verspammen, hineinspammen / reinspammen, entspammen, zerspammen dopen – andopen, aufdopen, entdopen, erdopen, herandopen / randopen, herbeidopen, hindopen, hochdopen, mitdopen, nachdopen, volldopen, vorbeidopen, wegdopen, weiterdopen (DeReKo, 21/05/2023) Im Spanischen kommt die Ableitung vom Substantiv zum Verb nach dem Modell zapear – zapeo insbesondere in dem Bereich der Videospiele sehr häufig vor: grindear – grindeo, farmear – farmeo, gankear – gankeo, nerfear – nerfeo… (WEB, 06/06/2023). Da ist ein klarer Unterschied mit der Gemeinsprache festzustellen, wo es seltener zu Ableitungen mit -eo kommt (flirtear > flirteo, aber logearse – log in, ghostear – ghosting, surfear – surf). In dem Bereich der Videospiele finden sich im Vergleich zu der Gemeinsprache 30 (wo es öfter verbale Periphrasen mit hacer vorkommen) viele verbale Entlehnungen aus den Englischen. Daher scheint es denkbar, dass es gerade deswegen zu einer Systematisierung der Assimilationsprozess gekommen ist, die eine höhere Wortbildungsproduktivität der Anglizismen ermöglicht. Hinsichtlich der Produktivität von verbalen Anglizismen muss allerdings ergänzt werden, dass sich im Deutschen überproportional repräsentierte Formen von entlehnten Verben beobachten lassen (sehr oft entweder der Infinitiv oder das Partizip) (Willeke 2006: 5659). Dies legt die Vermutung nahe, dass „die tatsächliche Produktivität der untersuchten Wortformen nur in einem begrenzten Ausmaß vorhanden ist“ und „die auffällig häufigen Formen […] vom Sprecher möglicher Weise zumindest teillexikalisiert <sind>“ (ebd., 59). 4.2. Komplexe Verben Komplexe Verben stellen einen großen Teil der Verben im englischen Wortschatz dar und werden auch häufig entlehnt. Da Wortbildungsprozesse auf Englisch nicht immer mit denjenigen auf Deutsch und Spanisch übereinstimmen, stellt ihre Integration oft gewisse Herausforderungen dar. Komplexe Verben im Englischen lassen sich in drei Gruppen unterteilen, und zwar: Komposita, Präfixverben und die sogenannten phrasal verbs. Komposita wie baby-sit, daydream, lipsync oder sugarcoat sind zusammengesetzte Verben 33 , deren Bestandteile auch frei mit derselben Bedeutung erscheinen können, die sie im Kompositum tragen (Erdmann 2009: 38-39). Die Präfixe bei Präfixverben (intertwin, unzip, remaster) treten hingegen nur in Verbindung mit anderen Elementen auf. Komposita und Präfixverben haben gemeinsam, dass ihre Bestandteile nicht voneinander getrennt erscheinen können (I babysit your son, nicht *I baby your son sit). Das unterscheidet sie von den phrasal verbs. Diese bestehen aus einem lexikalischen Element und mindestens einer Partikel, die präpositionaler oder adverbialer Herkunft sein kann und nach dem Verb vorkommt (Crystal 2008: 367). Beispiele sind also log in, flip out, look out for usw. Ein besonderes Merkmal ist, dass Partikel und Verb oft voneinander getrennt werden können (I looked it up, Hear me out). 33 Obwohl die meisten verbalen Komposita auf Englisch zusammengeschrieben werden (mit oder ohne Bindestrich), gibt es auch Fällen, wo die Bestandteile getrennt erscheinen, wie z.B. ski jump oder free climb (Erdmann 2009: 40). 31 Da beide germanische Sprachen sind, unterscheiden sich komplexe Verben im Deutschen und Englischen nicht grundsätzlich voneinander. Präfixverben werden in beiden Sprachen ähnlich gebildet, obwohl die meisten deutschen Präfixe ganz unterschiedlich von den englischen aussehen (erarbeiten, verkaufen, gewinnen). Partikelverben weisen auch viele Ähnlichkeiten mit phrasal verbs auf: Beide haben ihren Ursprung in frei auftretenden Präpositionalelemente (Olsen 1996: 262) und haben Partikeln, die in bestimmten Zusammenhängen vom Stamm getrennt vorkommen können. Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied: Partikeln bei phrasal verbs sind immer präpositional oder adverbial, während Präverben „zu einer beliebigen syntaktischen Kategorie gehören“ (Willeke 2006: 31). So werden komplexe Verben aus Substantiv und Verb wie klavierspielen und radfahren oder Bildungen aus zwei Verben wie kennenlernen und spazierengehen als Partikelverben eingestuft, da ihre Bestandteile getrennt vorkommen können. Im Englischen hingegen sind Wortbildungsprodukte aus Substantiv und Verb Komposita und daher nicht trennbar. Das Integrationsproblem entsteht also nicht mit den phrasal verbs, die ein eindeutiges Äquivalent in den deutschen Partikelverben finden, sondern mit den englischen Komposita, für die noch eine Entsprechung im deutschen Sprachsystem zu finden ist. Hinsichtlich der spanischen Sprache finden Präfixverben ein eindeutiges Äquivalent, da Ableitung eine zentrale Rolle im spanischen Sprachsystem spielt. Verbale Komposita hingegen sind kaum auf Spanisch zu finden. Es gibt einige Fälle wie z.B. maniatar und salpimentar, aber in den meisten Fällen werden Zusammensetzungen aus Substantiv und Verb bzw. aus zwei Verben zu Substantiven: sacacorchos, aguafiestas, vaivén, hazmerreír, u.a. Phrasal verbs sind gleicherweise untypisch für das spanische Sprachsystem. Pamies Bertrán & Pazos Bretaña (2020: 220-221) weisen darauf hin, dass es ein paar Dutzende „syntagmatische Verben“ gibt, die den phrasal verbs ähnlich sind: venirse abajo, salir adelante, caer mal… Diese sind aber auf keinen Fall vergleichbar mit der Anzahl und Produktivität von phrasal verbs bzw. Partikelverben im Englischen und Deutschen. Tatsächlich ergänzen dieselben Autoren, dass phrasal verbs charakteristisch von „satellite-framed“ Sprachen seien, deren Prototyp die germanischen seien, während romanische Sprachen eher synthetische Alternativen verwenden (ebd., 220). 32 4.2.1. Die Integration von Präfixverben Die Integration von Präfixverben scheint sowohl im Spanischen als auch im Deutschen völlig problemlos zu erfolgen. Das ist auf Spanisch erwartbar, denn Präfigierung ist in dieser Sprache ein übliches Mittel zur Bildung deverbaler Verben. Manche spanischen Präfixe finden sogar Kognaten auf Englisch (sp. rehacer – eng. remake, sp. desactivar – eng. deactivate), da das Englische auch einen großen Einfluss aus dem Französischen zeigt. So lassen z.B. Verben wie remasterizar, remixear oder resetear den Sprechern erschließen, dass ihre Bedeutung irgendwie mit einer „Wiederholung“ in Verbindung steht. Englische Präfixe finden auf Deutsch keine nativen Kognaten, jedoch werden sie als Präfixe und nicht als Partikeln verstanden. Dementsprechend werden englische Präfixverben nach deutschem Muster konjugiert: Sie sind untrennbar und brauchen kein zusätzliches gezur Partizipbildung. 19. So remixt er heute Grössen wie Depeche Mode und Miss Kittin. 20. […] ich genau einmal gesehen, gestaunt und debuggt 21. […] nach Katar aufbrach und dort fürs TV interviewt wurde (DeReKo, 08/06/2023) Der Grund für diese Bestimmung könnte an der Aussprache dieser Verben liegen, weil der Stamm (und nicht das Präfix) die Betonung trägt ([ɪntɐˈvjuːən], [riˈbuːtn ], [diˈbaɡn ]). Da auch im Englischen die Betonung dieser Verben meistens auch auf dem Stamm liegt, könnte es sein, dass die Aussprache übernommen wurde und die Konjugationsart von diesen Verben im Deutschen beeinflusste. Eine Ausnahme stellt jedoch interviewen dar, denn es wird im Englischen [ˈɪn.tə.vjuː] ausgesprochen und es bekam die Stammbetonung (vielleicht in Analogie zu anderen Präfixverben) erst als es ins Deutsche übernommen wurde. 4.2.2. Englische phrasal verbs auf Spanisch und Deutsch Zur Beleuchtung von sprachlichen Unterschieden zwischen dem Deutschen und dem Spanischen ist die Integration von phrasal verbs von besonderem Interesse. Während die Partikeln im Deutschen oft 1:1 übersetzt werden, sodass ein Partikelverb nach deutschem Muster gebildet wird, werden Partikeln im Spanischen meistens getilgt. So werden beispielsweise die englischen Verben flip out und log in zu ausflippen bzw. sich einloggen im Deutschen und zu flipar bzw. logear(se) im Spanischen. Andere Verben wie check out 33 und check in werden zu Partikelverben im Deutschen (sich ein/auschecken), aber zu Verb + Subst. Bildungen im Spanischen (hacer el check-in/out). Bisher wurden Beispiele mit den Partikeln in/out angeführt, die eine leichte Anpassung im Deutschen finden, da sowohl ihre Form als ihre Bedeutung sehr ähnlich wie die der einheimischen Präverben ein und aus sind. Diese beiden Partikeln kommen zwar am häufigsten vor, es gibt allerdings auch Fälle mit eng. up (pimp up > aufpimpen, und fuck up > abfucken) und eng. on bzw. off (turn on / off > an/abtörnen). Interessanterweise wird die Partikel up in den Beispielen durch verschiedene deutsche Präfixe übersetzt. Einerseits ist auf die etymologische deutsche Entsprechung von eng. up und beide bewahren noch dieselbe lokative Lesart (‚aufwärts‘). Das könnte erklären, warum diese Partikel bei aufpimpen gewählt wurde. Andererseits ist die Semantik der Präverben in Partikelverben äußerst komplex und geht oft über ihre präpositionale Bedeutung hinaus. Möglicherweise ähneln sich manche semantischen Eigenschaften von ab und up im Fall von abfucken mehr als die zwischen auf und up. Dass die Lautform von up und ab extrem ähnlich ist, könnte auch eine Erklärung sein. Schließlich ist es hervorzuheben, dass im Deutschen die Übersetzung von Partikeln bei phrasal verbs nicht immer stattfindet. Es gibt auch Fällen, in denen sie wie im Spanischen getilgt werden: So wird auf Englisch das Verb swipe je nach der Richtung des „Swipens“ mit einer Vielzahl an Partikeln verbunden (swipe up, swipe left, swipe right), während im Deutschen nur das Verbstamm übertragen wird und gegebenenfalls die Richtung durch eine lokative Angabe übermittelt wird (nach rechts swipen, aus DeReKo, 01/06/2023). 4.2.3. Englische verbale Komposita Für verbale Anglizismen gibt es im Spanischen wenige Kompositabeispiele, denn die meisten kommen in die Sprache als Bildungen der Art Verb + Subst (s. Kapitel 4.3). Die wenigen, die im Rahmen dieser Studie gefunden wurden, zeigen allerdings in seiner Integration keine Unterschiede von Simplizia auf. So bekommen beispielsweise eng. friendzone und fangirl das Suffix -ear hinzugefügt und es ergeben sich sp. friendzonear und fangirlear (NOW, 10/06/2023). Im Deutschen hingegen birgt dieser Integrationsprozess jede Menge Probleme in sich. Willeke (2006: 35-36) führt aus, dass die traditionelle Unterscheidung zwischen Präfixverben und Partikelverben nicht ausreicht, um die Integration von englischen komplexen Verben ins Deutsche zu beschreiben, „so dass die Differenzierung bei den Untersuchungsdaten lediglich anhand von in den Ergebnissen belegten syntaktisch oder 34 morphologisch getrennten oder eben ungetrennten Formen erfolgen kann“. So geht auch Hausmann (2006: 54-64) vor, der insgesamt zehn verschiedene Unterklassen von komplexen verbalen Anglizismen anhand ihrer Trennbarbzw. Untrennbarkeit unterscheidet. Dabei befinden sich Verben, die in der Partizipialform normalerweise getrennt werden, allerdings nicht in der Infinitivform (z.B. babysitten 34 ), und umgekehrt (Hausmann führt inputten und webdesigen als Beispiele an 35 ). Da die meisten dieser Verben vor kürzer Zeit in die deutsche Sprache aufgenommen wurden und deren Integration in die Sprache noch nicht abgeschlossen ist, könnte es noch zu früh sein, um solch eine ausführliche Klassifizierung zu erstellen. Viele von Hausmanns Vorschlägen und Beispielen können heutzutage in Korpora nicht nachgewiesen werden. So behauptet er, dass downloaden ein Verb mit einer ungetrennten Infinitivform und einem getrennten Perfekt sei, dennoch scheint das anhand der Daten von DeReKo nicht der Fall zu sein: Am häufigsten kommen die trennbaren Formen downgeloadet (158 Bel., zusätzlich zu 65 Treffer mit der Graphie downgeloaded) und downzuloaden (127 Bel.) vor. Im Vergleich dazu finden sich nur 58 Treffer für gedownloadet (und 41 für gedownloaded) und 28 für zu downloaden (DeReKo, 08/06/2023). Trotz der Unstimmigkeiten der von Hausmann (2006) dargebotenen Klassifizierung, ist der Vorschlag dessen, dass manche Verben in der Peripherie des Sprachsystems nicht unbedingt in das Binär Präfix/Partikelverb passen müssen, von Interesse. Das betrifft außerdem nicht nur Entlehnungen: Ähnliche Probleme treten bei manchen heimischen Verben auf, die aus nominalen Komposita rückgebildet wurden, wie bauchtanzen oder uraufführen (Willeke 2006: 35). Zur Darstellung der Vielfalt an Varianten wird im Folgenden einen Überblick über die Frequenz der Infinitivund Partizipialformen 36 von einigen komplexen Verben geliefert: 34 In DeReKo finden sich 10 Bel. für die ungetrennte Infinitivform zu babysitten und nur 1 für babyzusitten. In der Partizipialform ist der gegenteilige Fall zu beobachten: 8 Bel. für babygesittet und 5 für gebabysittet (DeReKo, 08/06/2023). 35 Das habe ich aber in den Korpora nicht nachweisen können. 36 Unter den Partizipialformen habe ich die orthographischen Varianten auf -ed und -t zusammengezählt. 35 Trennbarer Infinitiv37 Untrennbarer Infinitiv Trennbares Partizip Untrennbares Partizip downloaden 127 28 223 99 outsourcen 171 5 1182 13 updaten 111 21 364 139 babysitten 1 10 8 5 brainstormen 0 19 6 47 snowboarden 0 45 1 4 photoshoppen 0 4 3 40 smalltalken 2 11 3 13 Tabelle 1: Varianten bei ausgewählten komplexen Verben. Daten aus DeReKo, 08/06/2023. Aus der Tabelle geht deutlich hervor, dass bei allen Verben Schwankungen belegt sind, obwohl es sich einige Tendenzen erkennen lassen. Erstens ist es anzumerken, dass in allen Fällen bis auf snowboarden das Partizip weit häufiger als das Infinitiv mit „zu“ vorkommt. Verben mit einem Adverb oder Präposition als Bestimmungswort neigen eher zu trennbaren Formen, während Verben mit einem Substantiv oder Adjektiv als Bestimmungswort öfter als untrennbar auftauchen. Es gibt nur einen Fall, in dem eine untrennbare Form im Infinitiv und eine trennbare im Partizip bevorzugt werden, und zwar babysitten. Abschließend ist auf Adams Untersuchung (2009: 121) zu verweisen, wo durch die Verwendung von Fragenbögen andere Ergebnisse als in dieser Bachelorarbeit erfolgen. Die Befragten haben überwiegend untrennbare Formen für das Verb downloaden gewählt. Allerdings erklärt Adam, dass es bei Zweifelsfällen die Möglichkeit besteht, dass „eine der beiden Varianten standardsprachlich, die andere umgangssprachlich präferiert Verwendung findet“ (ebd., 219). Daher sind die Resultate meiner Arbeit, die aus einem schriftlichen Korpus herkommen, nicht unbedingt repräsentativ für die gesprochene Sprache. 37 Zur Untersuchung der Trennbarkeit von Infinitivformen habe ich immer nach dem Infinitiv mit zu gesucht. 42 Erstens zeigen Adjektive in der englischen Sprache eine starke Tendenz zu substantivischer Konversion, 49 die dann ähnliche Konversionsprozesse bei Anglizismen in den Nehmersprachen verursacht (Gómez Capuz 2023: 241). So lassen sich im Spanischen bzw. im Deutschen sowohl adjektivische (32, 34) als auch substantivische Verwendungen (31, 33) von western und fake beobachten: 33. […] Kunst als Fake, als Kunst der Täuschung (DeReKo, 15/06/2023) 34. […] vor allem davor Angst hat, dass Menschen „fake“ sind (ebd.) 35. ¿Cuántas veces se puede reinventar el ' western '? (OL, 15/06/2023) 36.[…] un sombrero de estilo ' western ' (ebd.) Zweitens spielt Konversion auch eine wichtige Rolle beim Übergang von englischen Wörtern ins Spanische. Oft werden englische Substantive wie crop, cringe, kitsch oder fashion im Spanischen als Adjektive verwendet: 37. […] un estilo más crop 38. […] resulta bastante ' cringe ' 39. […] una semana muy fashion (Beispiele aus OL, 15/06/2023) Die adjektivischen Formen cringy, kitschy, fashionable sind dagegen nur selten oder nicht belegt (ebd.). 50 Die Gründe dazu können verschiedener Art sein, aber es lässt sich die Hypothese aufstellen, dass die Verwendung dieser Substantive als getrennt geschrieben Bestimmungswort in englischen Komposita 51 spanischen Sprechern den Eindruck vermitteln könnte, dass es sich dabei um Adjektive und nicht Substantive handelt. Hinzu kommt, dass sich in manchen Fällen aus einem selben englischen Substantiv ein Paar Substantiv-Adjektiv im Spanischen ergibt. Dieses Phänomen betrifft vor allem Personenbezeichnungen: 40. Henry Cavill es uno de esos grandes fans 41. […] somos muy fans 42. En los años 60 llegarían los primeros hippies 43. […] a estilos más ' hippies ' 49 Beispielsweise werden auf Englisch die Adjektive fake, short oder western ohne jegliche formalen Veränderungen zu Substantiven. 50 Die Form cropped (363 Bel.) erscheint häufiger als crop (173 Bel.) in OL (15/06/2023). Dieses Verhältnis sieht aber sehr anders in NOW (crop: 740, cropped: 177) aus, das aus Pressenachrichten aus einem früheren Zeitraum (2012-2019) besteht. Das deutet darauf hin, dass die Adjektiv cropped gerade in der Gegenwart an Relevanz gewonnen hat. 51 Einige Beispiele dafür sind fashion girl, kitsch design, cringe factor (COCA, 15/06/2023). 43 (Beispiele aus OL, 14/06/2023) Dieses Phänomen findet sich auch bei vielen nativen Wörtern (pobre, trabajador, español…) und hat seinen Ursprung in den unscharfen Grenzen zwischen spanischen Adjektiven und Substantiven, die dieselben morphologischen Merkmale aufweisen (RAE 2010: 245-246). Wird ein Wort durch ein Adjektiv ergänzt, dann ist es ein Substantiv; ist die Ergänzung hingegen adverbialer Natur, dann handelt sich bei dem Kopf um ein Adjektiv. So sind die Anglizismen in 40 und 42 Substantive und die bei in 41 und 43, obwohl sie formgleich sind. Erwähnenswert ist es auch, dass diese Wörter, die zuerst als Substantive entlehnt wurden und dann in der Nehmersprache eine Konversion vollzogen, auch bei adjektivischer Verwendung die Pluralflexion beibehalten. Das geschieht normalerweise nicht, wenn die Konversion in der englischen Sprache (imágenes ' fake ') oder beim Übergang ins Spanische (botas ‘leather’) stattfindet. Obwohl Konversion auch gelegentlich für die Integration von adjektivischen Anglizismen ins Deutsche relevant sein kann (z.B. bei fake), steht normalerweise ein anderes Wortbildungsverfahren im Mittelpunkt: die Ableitung. So behauptet Eisenberg, dass „bei den Adjektiven […] der größere Teil offensichtlich nicht entlehnt <ist>, sondern auf die eine oder andere Weise (als Partizipien oder als Hybridformen) morphologisch abgeleitet“ (Eisenberg 2013: 92). Adjektivisch verwendete Partizipien bilden eine ziemlich große Gruppe und Onysko (2007) führt zahlreiche Beispiele an: abgefuckte, ausgepowerten, designten, durchtrainierte, eingescannten, gechartete, gecrackte, gecrashte, gedopte, gefloppte, hochgejazzte usw. (Onysko 2007: 257-258) Auch sehr produktiv ist die Präfigierung mit un-. Ein Großteil der üblich verwendeten adjektivischen Anglizismen haben Varianten mit -un: unclean, unclever, uneasy, uncool, unfair, unsexy, unfit, unhip, untrendy. Manche von diesen Ableitungen haben vergleichsweise sehr hohe Gebrauchsraten: Für uncool liegen im Korpus 8.940 Bel. und für unfair sogar 64.344 (DeReKo, 15/06/2023) vor. Obwohl einige dieser Formen in der Schreibung mit englischen Ableitungen (dt. unfair – eng. unfair) übereinstimmen, liegt die Aussprache nahe, dass es sich dabei nicht um Entlehnungen, sondern um deutsche Prägungen handelt (unfair – dt. [ˈʊnˌfɛːɐ ], eng. [ʌnˈfɛː(ɹ)]). Im Bereich der Suffigierung ist das Suffix -ig hervorzuheben, die in Wörtern wie chillig, trendig, jazzig, trashig oder funkig zu finden ist. Abgesehen von chillig (das von dem Verb chillen kommt) gehen alle auf substantivische Anglizismen zurück (Trend, Jazz, 44 Trash und Funk.) und koexistieren mit Adjektiven auf -y, die aus dem Englischen entlehnt wurden, wie trendy, jazzy, trashy und funky. Bei der Verwendung dieser Wortpaare hat sich Folgendes herausgestellt: In zwei Fällen wurde die Grundform auf -y bevorzugt (trendy und funky), in den anderen zwei hingegen die Grundform auf -ig (jazzig und trashig). Dazu ist die Anzahl der Bel. von Komparativund Superlativformen mit der Endung -ig viel höher als die Bel. der Variante auf -ig, sogar in Fällen, in denen -y bevorzugt wurde. So liegen beispielsweise 1.627 Bel. für trendiger und seine Varianten (trendigere, trendigeres…) und nur 4 Bel. für trendier vor, die außerdem nie flektiert vorkommt (DeReKo, 15/06/2023). Auch andere Suffixe können sich im Deutschen zur Bildung von Adjektiven mit Anglizismen verbinden: trainierbar, recyclerbar, dopingfrei, partymäßig usw. Von besonderem Interesse ist das Suffix -like, das zuerst in komplexen englischen Adjektiven wie gentlemanlike und ladylike in die deutsche Sprache kam und jetzt produktiv geworden ist (Onysko 2007: 261). So kann es sowohl mit fremden Basen (business-like, family-like) als auch mit nativem Material (Lieferwagen-like, kino-like, Tagblatt-like) verbunden werden (Beispiele aus DeReKo, 15/06/2023). Im Spanischen scheint hingegen die Ableitung bei adjektivischen Anglizismen ein sehr marginales Verfahren zu sein. Ich habe nur partizipiale Adjektive (hypeado, shockeado, baneado) und Personenbezeichnungen gefunden, die sowohl als Substantive als auch als Adjektive fungieren können (bloguero, surfero, trolleador, Beispiele aus NOW, 15/06/2023). 5.3. Adverbiale und adverbial verwendete Anglizismen Die Klasse der Adverbien wird am seltensten entlehnt (vgl. 4.1). In den meisten Untersuchungen betragen sie rund 1% der Gesamtsumme Anglizismen (Onysko 2007: 131, Borovská & Tomášková 2021: 22, Rodríguez Díaz 2011: 256). Burmasova behauptet sogar, dass im Laufe ihrer Untersuchung keine adverbialen Anglizismen gefunden wurden (Burmasova 2010: 64). Ein Teil des Problems besteht darin, was unter Adverb zu verstehen ist (s. 4.1.). Die Differenzierung zwischen Adjektiven und Adverbien auf Spanisch in Fällen, wenn die Flexion nicht als Kriterium herangezogen werden kann, ist ein komplexes Thema, 52 das über die Grenzen dieser Arbeit hinausgeht. Allerdings lässt sich wie im Deutschen 52 Einen Überblick in Bezug auf Adverbien und unflektierbare Adjektive im heimischen Wortschatz vermittelt Di Tullio (2001). 45 relativ unproblematisch zwischen adjektivischen und adverbialen Verwendungen unterscheiden. Aus diesem Grund werden im Folgenden auch in Bezug auf das Spanische nur die Wörter als Adverbien bezeichnet, für die ausschließlich adverbiale Verwendungen belegt sind. In allen anderen Fällen wird lediglich von einer adverbialen Verwendung gesprochen. Als Adverbien aus dem Englischen erscheinen im Neologismenwörterbuch von OWID indoor, offline, online, onshore, outdoor und veggie. Dazu finden sich bei Eisenberg (2013: 100) die Formen all-inclusive, cash, fairerweise, fifty-fifty, never 53 , nonstop, upto-date, out, okay und volley. Nur fairerweise wurde im Deutschen mit fremdem Sprachmaterial gebildet, bei allen anderen handelt es sich um Entlehnungen. Manche sind im Englischen Substantive (cash), Adjektive (all-inclusive, outdoor, indoor 54 ) oder Verben (volley) und wurden erst zu Adverbien als sie in die deutsche Sprache kamen: Es liegt also ein Konversionsverfahren beim Übergang ins Deutsche vor. Es ist allerdings den meisten gemeinsam, dass sie in der Gebersprache sowohl als Adjektive als auch als Adverbien fungieren können (online, offline, nonstop, onshore, fifty-fifty usw.). Jedoch werden sie im Deutschen bei Kleinschreibung überwiegend als Adverbien und nicht als Adjektive verwendet: 44. […] die Busse fahren in der Regel nonstop 45. […] wird fifty-fifty zwischen beiden Partnern geteilt. 46. […] deutsche Kunden onshore betreut 47. […] Formularen online mitteilen. (Beispiele aus DeReKo, 15/06/2023) Diese Wörter können auch im Deutschen mit Substantiven zusammen vorkommen, allerdings werden sie in diesem Fall meistens großgeschrieben, 55 was darauf hindeutet, dass sie als Substantive und nicht als Adjektive klassifiziert werden, obwohl sie im Englischen dieser Kategorie zugeordnet sind (Cambridge Dictionary). Meines Erachtens fungieren sie als Bestimmungswörter in Komposita. In manchen Fällen werden diese Komposita zusammengeschrieben (Offshoregeschäft, Nonstopshow) oder durch einen Bindestrich verbunden (Online-Datenbank, Indoor-Titelkämpfen) und in anderen Fällen 53 Den Bel. in DeReKo zufolge scheint never hauptsächlich als Teil von Codeswitches vorzukommen (DeReKo 15/06/2023). 54 Indoor und outdoor sind auf Englisch Adjektive, während die entsprechenden Adverbien indoors und outdoors lauten. 55 Da sich bei der Entlehnung der untersuchten Anglizismen um einen laufenden Prozess handelt, gibt es natürlich Variation und Ausnahmefälle, wie Z.B. online Zahlungsvorgänge (DeReKo, 15/06/2023). 46 werden beide Bestandteile getrennt geschrieben (Offline Banking, Veggie Essen), wie es oft bei englischen Komposita der Fall ist (reality show, soap opera). Außerdem lassen sich bei den adjektivischen Anglizismen auch adverbiale Verwendungen beobachten. In dieser Hinsicht scheint also kein Unterschied zum heimischen Wortschatz zu bestehen: 48. […] einer sehr fair geführten […] Begegnung 49. […] immer top organisiert 50. Das hat der Kanton clever gemacht (Beispiele aus DeReKo, 13/06/2023) Anders ist die Lage im Spanischen. Obwohl die meisten bisher genannten Adverbien auch in OL vorhanden sind und sich in einigen Zusammenhängen als Adverbien verhalten (visualizarlos offline, estudiar ‘online’, hacer ejercicio outdoor, aus OL, 15/06/2023), werden sie überwiegend als Adjektive in attributiver Stellung verwendet: 51. […] plantaciones ' indoor ' 52. […] las clases 'online' 53. […] actividad offshore, onshore y solar 54. […] el ritmo ' nonstop ' diario (Beispiele aus OL, 15/06/2023) Wie adjektivische Anglizismen können sie in manchen Fällen im Plural stehen (productos 'veggies', tiendas 'onlines', aus OL, 15/06/2023) und in bestimmten Zusammenhängen werden sie als Substantive ohne irgendeine formale Veränderung verwendet (el offshore mixto, llega el ‘fifty-fifty’, una gran cantidad de okays, ebd.). Darüber hinaus weisen sie gelegentlich zusätzliche Markierungen bei einigen Funktionen auf, die von Adverbien gefüllt werden können (z.B. Lokalangaben), als ob das Wort selbst nicht „adverbial genug“ für die Sprecher klingen würde: 55. […] los tres principales en onshore 56. […] tanto en digital como en offline (ebd.) Daraus ergibt sich, dass diese Wörter im Spanischen nicht als Adverbien zu klassifizieren sind, sondern als Adjektive, die gegebenenfalls adverbial verwendet werden. Ausschließlich als Adverb scheint jedoch das Anglizismus ever zu gelten. Es kommt zwar in Nominalphrasen vor, ergänzt allerdings das Adjektiv und nicht das Substantiv (la gata 47 más famosa ever, El mejor souvenir ever, NOW, 16/06/2023). Auch die überwiegende getrennte Schreibung von súper in Verbindung mit Adjektiven (z.B. super/súper contenta: 188 Bel. – súper-/supercontenta 34, WEB, 16/06/2023) deutet darauf hin, dass es nicht als ein Präfix (Diccionario panhispánico de dudas), sondern als Adverb (analog zu sp. muy) aufgefasst wird. 56 Sowohl ever als auch super kommen jedoch hauptsächlich in der Umgangssprache vor und nur die Zeit wird zeigen, ob sie sich weiter etablieren oder nicht. 6. Schlussfolgerungen Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, das Phänomen der grammatischen Integration von Anglizismen im Deutschen und im Spanischen zu analysieren. Schwerpunkt der Arbeit bildet der Vergleich der grammatischen Integrationsmuster im Deutschen und im Spanischen, den ich auf der Grundlage von Korpusbelegen vorgenommen habe. Im Folgenden werden die Ergebnisse nach Wortklassen zusammenfassend dargestellt. Bei den Substantiven habe ich mich mit der Genuszuweisung und der Pluralflexion auseinandergesetzt. Es hat sich herausgestellt, dass das Genus eines Anglizismus in beiden Empfängersprachen sowohl mit semantischen als auch morphologischen Faktoren zusammenhängt. Unter den semantischen Kriterien hebt sich im Spanischen das Kriterium des Geschlechts des Referenten, das in allen Fällen mit dem grammatischen Geschlecht von Personenbezeichnungen übereinstimmt. Im Deutschen hingegen ist dieses Kriterium nur bei Substantiven auf -er relevant. Bei den morphologischen Faktoren ist besonders das Suffix – ing erwähnenswert, das Substantive im Deutschen als Neutra und im Spanischen als Maskulina kennzeichnet. Es lässt sich auch eine starke Korrelation zwischen dem Suffix -ity und Feminina auf Deutsch feststellen, was aber für das Spanische nicht nachgewiesen worden ist. Bei der Pluralflexion werden mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede festgestellt. In beiden Sprachen ist eine zunehmende Tendenz zu s-Plural zu finden. Die Zeit wird zeigen, ob es sich dabei wirklich um ein Übergangsplural handelt oder ob es sich weiter in der Sprache etablieren wird. Auch englische unregelmäßige Pluralformen (gentlemen) sind in beiden Empfängersprachen aufgenommen und erhalten geblieben. Es lassen sich allerdings 56 Solche Wörter, die zur Steigerung von Adjektiven dienen, werden im Deutschen als Steigerungspartikeln (sehr, völlig, kaum) bezeichnet (vgl. Helbig & Buscha 2005: 419-424). In der spanischen Grammatik werden Wörter wie muy hingegen als Adverbien betrachtet (RAE 2010: 578). 48 einige interessante Entwicklungen beobachten: So werden sowohl auf Spanisch als auch als Deutsch Singularformen für Pluraliatantum rückgebildet und in manchen Fällen wird auch das Pluralsuffix als Teil des Stammes reanalysiert (dt. Straps – sp. sketche). Bei der Integration von Verben bin ich zu folgenden Schlussfolgerungen gekommen: Während auf Spanisch Infinitivformen von Verben aus dem Englischen mit den Suffixen -ar, -ear und -izar gebildet werden, finden sich auf Deutsch die Endungen -n, -rn und -ln. Englische phrasal verbs finden ein eindeutiges Äquivalent bei den deutschen Partikelverben, Komposita stellen allerdings ein Problem dar und es finden sich bei allen Fällen Schwankungen bei ihrer Konjugation. Im Spanischen ist der gegenteilige Fall zu beobachten: Verbale Komposita werden unproblematisch wie Simplizia konjugiert, jedoch finden phrasal verbs eine schwierigere Anpassung und Partikeln werden getilgt. Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass verbale Anglizismen im Deutschen eine leichtere Integration aufweisen und dass Verben aus dem Englischen oftmals im Spanischen als Kollokationen mit Stützverben entlehnt werden. Bei der Integration von Adjektiven und Adverbien können auch zahlreiche Unterschiede festgestellt werden. Während adjektivische Anglizismen im Deutschen bis auf einige Ausnahmen in attributiver Stellung flektiert werden, bleiben sie im Spanischen meistens unflektiert. Sowohl im Deutschen als auch im Spanischen lassen sich Wortbildungsprozesse mit adjektivischen Anglizismen erkennen. Das weist auf einen höheren Integrationsgrad hin, obwohl im Spanischen die Konversion und im Deutschen die Ableitung üblicher sind. Die enge Verbindung zwischen deutschen Adjektiven und Adverbien lässt sich auch bei Anglizismen beobachten, obwohl manche Entlehnungen fast immer als Adverbien verwendet werden. Im Spanischen hingegen finden sich kaum adverbiale Anglizismen, da sich die meisten auch als Adjektive verwenden lassen. Diese Studie hat gezeigt, dass bei der grammatischen Integration von Anglizismen viele Variablen relevant sind, die sich bei dem Deutschen und dem Spanischen auf ganz unterschiedlicher Weise auswirken können. Diverse Tendenzen festgestellt werden, was meines Erachtens darauf hindeutet, dass ihre Analyse lohnenswert ist und sich als nützlich für den Fremdsprachunterricht erweisen könnte. Da die Verwendung von Anglizismen sowohl im Deutschen als auch im Spanischen stark zunimmt (Munske 2020: 4, Romero Lesmes 2015: 36), stellt sich als notwendig heraus, Fremdsprachenlernenden die Regelmäßigkeiten seiner Verwendung zu erklären. 49 In dieser Arbeit habe ich zwar die vier am häufigsten entlehnten Wortklassen untersucht, allerdings stellen lexikalisierte Wendungen auch einen wichtigen Teil von Entlehnungen dar. Darüber hinaus habe ich hauptsächlich morphologische Merkmale wie Genus oder Wortflexion in den Mittelpunkt gestellt, während kombinatorische und Wortbildungsmöglichkeiten wegen des Umfangs der Arbeit nur am Rand behandelt werden konnten. Die Analyse wurde auch von einigen Beschränkungen von OL erschwert, da es Wortbildungsprodukte mit fremdem und nativem Material nicht umfasst. Aspekte wie Wortbildung und Phraseologie stellen ein bislang großteils unerforschtes Gebiet dar und eine zukünftige Studie, in der sie im Fokus liegen, könnte von großem Interesse sein. 50 7. Literaturverzeichnis Wissenschaftliche Literatur ADAM, B. (2009): „downgeloadet oder gedownloadet? – Überlegungen zur Partizip-IIBildung des Verbs downloaden“, in: Hennig, M. & Müller, C. (Hrsg.): Wie normal ist die Norm? Sprachliche Normen im Spannungsfeld von Sprachwissenschaft, Sprachöffentlichkeit und Sprachdidaktik. Kassel: University Press, 109 – 129. AUGST, G. (1988): „Das Fremdwort – ein Scheinphänomen?“, in: Sprachreport Jg. 4, Nr. 2, 4-5. ALONSO RAMOS, M. (2004): Las construcciones con verbo de apoyo. Madrid: Visor Libros. BAESKOW, H. (2018): „Die (sub-)kategoriale Distribution von Anglizismen in deutschen Tweets“, in: Mensching, G., Lalande, J., Hermes, J. & Neuefeind, C. (Hrsg.): Sprache – Mensch – Maschine. 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