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Die Politik der Übersetzung: Tyls Liebe des Dichters und Meißners Schwarzgelb

Smyčka, Václav

Abstract

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Die Politik der Übersetzung: Tyls Liebe des Dichters und Meißners Schwarzgelb Václav Smyčka – Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik/Karls ‑Universität Prag ABSTRACT Ausgehend von dem Konzept des Übertragungscharakters von Vladimír Macura beschäf‑ tigt sich der Aufsatz mit performativen Effekten der Übersetzung in den Böhmischen Ländern des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel der Übersetzung der spätromantischen Novelle Láska básníkova (Des Dichters Liebe) von Josef Kajetán Tyl und des realistischen Romans Schwarzgelb (Černožlutí) von Alfred Meißner untersucht der Aufsatz die konkreten Über‑ setzungsstrategien, mit Hilfe deren den Texten im neuen Kontext neue Bedeutungsebenen erschlossen wurden. Es wird schließlich auch das ursprüngliche Konzept des Übertra‑ gungscharakters der Kritik korrigiert, indem die Prozesshaftigkeit und situative, regionale und soziale Kontextgebundenheit der Übertragung betont werden. SCHLÜSSELWÖRTER Übertragungscharakter, Übersetzung, Nationalität, Josef Kajetán Tyl, Alfred Meißner ABSTRACT The politics of translation: Tyl’sLiebe des Dichters and Meißner’sSchwarzgelb Based on Vladimír Macura’sconcept of ‚translativity‘, the paper deals with the perform‑ ative effects of translation in 19th century in Bohemian lands. Using the example of the translations of the novella Láska básníkova (Die Liebe des Dichters) by Josef Kajetán Tyl and the novel Schwarzgelb (Černožlutí) by Alfred Meißner, the paper analyses the specific strategies which enabled the translators and publishers to reinterpret and reveal new meanings of the texts in anew context. Finally the paper corrects the original concept of ‚translativity‘ by pointing out the processuality and situative, regional and social contex‑ tuality of translation. KEY WORDS Translational character, Translation, Nationality, Josef Kajetán Tyl, Alfred Meißner Macuras Konzept der kulturellen Übertragung wurde zwar ursprünglich zur Be‑ schreibung der tschechischen Kultur der ‚Nationalen Wiedergeburt‘ entwickelt, es lässt sich aber auch für die Beschreibung anderer Kulturprozesse fruchtbar machen, bei denen die Vermittlung und Abschottung gleichermaßen zusammenwirken. Es sen‑ 84 BRÜCKEN 28/1 sibilisiert uns unter anderem für etwas, was man die ‚Politik der Übersetzung‘ nennen könnte. Damit meine ich konkrete Entscheidungen von Übersetzern, die kulturelle und sprachliche Inkompatibilitäten und Asymmetrien zugunsten von politischen Zielen nutzen. Politisch virulent werden solche Entscheidungen von Übersetzern, weil die Übersetzung die Funktion einer bloßen sprachlichen Vermittlung übersteigt und performativ in die Beziehungen zwischen den verbundenen Kontexten des Aus‑ gangstextes und des Zieltextes eingreift.1 Ich möchte mich in diesem Beitrag auf diesen Aspekt der Übersetzung konzen‑ trieren und ihn am Beispiel der Übersetzung der spätromantischen Novelle Láska básníkova (Des Dichters Liebe, 1841, das Orig. 1840, Prag) von Josef Kajetán Tyl und des realistischen Romans Schwarzgelb (Černožlutí, 1868, das Orig. 1862–1864, Berlin) von Alfred Meißner vorstellen. Es handelt sich in beiden Fällen um renommierte Autoren, die als ‚Meinungsleader‘ der tschechischen und deutschböhmischen Literatur um die Mitte des Jahrhunderts bezeichnet werden können. Beide Beispiele erweitern die ur‑ sprüngliche Anwendung von Macuras Modell (tschechische Kultur der Vormärzzeit), da es sich im ersten Fall um eine Übersetzung ins Deutsche und im zweiten Fall um Übersetzung aus der späteren Phase des Liberalismus handelt, die sich schon deut‑ lich von der von Macura beschriebenen Kultur der Vormärzzeit entfernte. Damit so eine Erweiterung möglich wird, ist es aber zunächst nötig, Macuras Konzept einer Revision zu unterziehen. REVISION DES KONZEPTS „ÜBERTRAGUNGSCHARAKTER“ Macura folgt in seinem Modell der für die Semiotik charakteristischen binären Lo‑ gik und geht von der Differenz der hegemonialen deutschen und der zu emanzipie‑ renden tschechischen Kultur aus. Dies bekräftigt auch seine Konzentration auf die Übersetzung als eine zentrale Praxis von Übertragungsprozessen. Beim Übersetzen decken sich scheinbar die Grenzen der Sprachen mit den vermeintlichen Grenzen der Kulturen. Macura übersieht dabei die weitreichenden Unterschiede innerhalb der verschiedenen ‚deutschen‘ und ‚tschechischen‘ Kulturbereiche im 19. Jahrhundert. Vor allem nivelliert er die markanten Unterschiede zwischen der deutschen kanonischen Hochliteratur, die von den protestantischen Autoren Mittel‑ und Norddeutschlands dominiert wurde, der österreichischen und der lokalen deutschböhmischen Literatur, die mit dem tschechischen Literaturbetrieb durch enge institutionelle und persön‑ liche Kontakte verbunden war. All diese unterschiedlichen Kontexte spielen eine wichtige Rolle für die Übertragung und bröckeln die vermeintliche Binarität des von der Übersetzung abgeleiteten Kulturmodells. Während die von Macura beschriebene Logik der Analogiebildung (Macura 1977: 74) meistens den Werken oder Institutionen der kanonischen ‚deutschen‘ Literatur galt, die in der tschechischen Literatur durch Übersetzungen oder Institutionsgrün‑ dungen nachgebildet werden sollten, war das Verhältnis der tschechischen Kultur der Vormärzzeit zur deutschböhmischen Literatur und Kultur eher von Negation (semantische Löschung, Überdeckung) geprägt. Die beiden Logiken der Übertragung, 1 Es bietet sich aber die Frage an, ob es überhaupt so eine „bloße Übersetzung“ gibt, wie sich Lena Dorn in ihrem Beitrag in dieser Nummer richtig fragt. 85VÁCLAV SMYČKA die Macura thematisierte, wurden also nicht gleichmäßig auf ‚die deutsche Kultur‘ angewendet. Dies lässt sich daran zeigen, dass die Werke der kanonischen deutschen Autoren, wie etwa Goethe, schon seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts relativ treu und mit kompletter Autorenangabe ins Tschechische übersetzt wurden. 2 Es handelte sich größerenteils um ‚programmatische‘ Übersetzungen, die die Ausdruckmöglichkeiten der tschechischen Sprache demonstrieren sollten. Demgegenüber wurden Texte deutschböhmischer Autoren, wie etwa die Erzählungen von Christian Heinrich Spieß und August Gottlieb Meißner, häufig sehr ‚einbürgernd‘ ins Tschechische übertragen. In diesen Texten wurden die Namen oft tschechisiert. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fehlte auch manchmal die Angabe des Autors sowie überhaupt die Infor‑ mation, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Die Grenze zwischen Übersetzung, Übertragung, Adaptation und Dichtung ist bei diesen Transfers sehr verschwommen. Einen spezifischen Charakter der Übertragung weist in der Vormärzzeit auch die rege Übersetzungstätigkeit tschechischer Dramatiker auf, die sich, wie Dalibor Tureček gezeigt hat, am Wiener Vorstadttheater orientierten. Das Wiener Vorstadt‑ theater wurde zwar samt den charakteristischen Gattungsregeln der Zauberspiele und Verwandlungsstücke ins Tschechische übertragen, doch das für diese Stücke prägende Sprachspiel, die Erotik und die Verherrlichung der „Wiener Behaglich‑ keit“ wurden entweder sehr selektiv oder gar nicht ins Tschechische transportiert (Tureček 2001: 42f.). Die deutsche Literatur und Kultur wurde also in der ersten Hälfte des 19. Jahr‑ hundert von den damaligen tschechischen Autoren und Übersetzern überhaupt nicht als eine homogene Kultur betrachtet und behandelt. Ein wenig überspitzt ließe sich sagen, dass die Übersetzungen weder zwischen zwei geschlossenen Kulturen noch zwischen einer vollständigen und einer zu bildenden Kultur, wie Macura behaup‑ tete, sondern zwischen verschiedenen Kulturzentren stattfanden, die mehr als nur nationale Differenzen miteinander verbanden und voneinander trennten. Die inter‑ kulturelle Kommunikation wurde in den jeweiligen Kulturbereichen je unterschied‑ lich normiert. Dadurch zerfällt auch die scheinbare Evidenz der durch die Sprache gestifteten kulturellen Grenze. Dies lässt sich beispielhaft an der Übersetzung des gotischen Romans Rosenberg oder das enthüllte Verbrechen veranschaulichen. Es handelt sich eigentlich um einen engli‑ schen gotischen Roman von Ann Hilditch (verheiratet Howell) Rosenberg alegendary Tale, der schon 1789 in London erschienen war. Der Roman wurde mit nur geringen Änderungen zwei Jahre später von der sächsischen Schriftstellerin Benedikte Naubert ins Deutsche übersetzt und in Leipzig aufgelegt. Da der Roman in Böhmen spielt und Nauberts Romane in Prag (trotz der Anonymität der Autorin) bereits etabliert waren, wurde ihre Übersetzung bald auch in Prag und Wien nachgedruckt (Anonym 1792). Es folgte sogar eine Nachdichtung mit dem Titel Edmund Jani oder das furchtbare Zimmer (Polt 1800) des Deutsch schreibenden Prager Schriftstellers Johann Josef Polt, und eine Budapester Dramatisierung (Anonym 1797). Die englische und deutsche Fassung des Romans werden in zwei bzw. drei Zeitebe‑ nen erzählt. In der Rahmenerzählung wird die Flucht eines jungen Mannes dargestellt, 2 Siehe beispielsweise Josef Jungmanns Übersetzungen von Gesang der Geister über den Wassern, Der Zauberlehring und Hermann und Dorothea (Jungmann 1841: 32f., 80–83, 333–397). 86 BRÜCKEN 28/1 der von seinen Verfolgern um einen bedeutenden Erbteil seines unlängst gestorbenen Vormunds und um seine Verlobte beraubt wurde. Er flüchtet vor seinen Verfolgern in die Fremde, findet dort Unterstützung, sodass er schließlich siegreich zurückkehren und seine Rechte gegen seine Gegner behaupten kann. Erst in der zweiten Hälfte der Rahmenhandlung werden in zwei umfangreichen Binnenerzählungen die Herkunft des jungen Mannes aus dem mächtigen Adelsstamm der böhmischen Rosenberger, die Ermordung seiner Eltern, seine Rettung in die Familie seines Vormunds und die neue Verschwörung erzählt, die zu seiner am Anfang dargestellten Flucht führte. Der Roman wird als ein klassischer Geheimnisroman bzw. Einweihungsroman gestaltet, in dem das Sujet (die Art und Weise, wie die Ereignisse erzählt werden) die chronologische Folge der Ereignisse umkehrt, sodass das Erzählen der Suche nach dem Anfang der Handlung gleichkommt. Gerade diese um 1800 in Mitteleuropa innovative Struktur des Romans wird aber in der tschechischen Übersetzung aus dem Jahre 1810 aufgelöst (Anonym 1810). Die tschechische Übersetzung weicht zwar größtenteils nicht von dem eigentlichen Text des Romans ab, sie verschiebt die Binnenerzählungen aber an den Anfang des Romans und erzählt die Fabel einfach chronologisch. Die Binnenerzählungen werden auch nicht mehr aus der personalen Perspektive der Figuren erzählt, sondern so wie die ur‑ sprüngliche Rahmenhandlung als auktoriale Rede vermittelt. Der Text wird auf diese Art und Weise der Tradition der Volksbücher angepasst, die die Handlung meistens in chronologischer Reihenfolge erzählen. Dem entspricht auch die einfache Ausstat‑ tung des Romans und die fehlende Angabe des Autors. Die Übersetzung des Romans ins Tschechische wird also mit einer Anpassung an die lokale Literaturtradition und einen weniger anspruchsvollen Leser verbunden. Man würde vermuten, dass ein so trivialisierter Text kaum noch das Interesse der Übersetzer und Verleger auf sich ziehen konnte. Doch gerade diese Vereinfachung hat dem Text weitere Leserkreise eröffnet, sodass er noch einmal– diesmal aus dem Tschechischen– ins Deutsche übersetzt wurde (Anonym 1848). Auch die zweite Übersetzung des Romans ins Deutsche, die ungefähr in die 30er oder 40er Jahre des 19. Jahrhunderts datiert werden kann, zielte offensichtlich auf die Leser der Volks‑ bücher in der deutschböhmischen Provinz. Für diese Leser war die tschechische Fassung offensichtlich näher und zugänglicher als die deutsche Fassung von Bene‑ dikte Naubert oder gar die originale englische Fassung. Für die Prager oder allgemein für bildungsbürgerliche Leser der Böhmischen Länder dagegen konnte die Fassung Nauberts problemlos weiter nachgedruckt werden. Dieses Beispiel zeigt, wie wenig in der heterogenen zentraleuropäischen Litera‑ turlandschaft von klaren nationalen Differenzen die Rede sein kann. Es illustriert, dass die ‚Kulturen‘, aus denen und in die man übersetzt, nicht mit den durch Sprache und explizite kulturelle (und mehr oder weniger politische) Programme definierten Nationalkulturen übereinkommen. Das gerade beschriebene Beispiel des Romans von Hilditch zeigt aber auch, wie einseitig Macuras Modell ist. Es setzt automatisch voraus, dass die tschechische von der deutschen, kaum aber die deutsche von der tschechischen Kultur nachgebildet und emanzipiert wurde. Es ist selbstverständlich, dass die deutschen kanonischen Autoren der protestantischen Länder nur höchst selten Kenntnis von den tschechischen Auto‑ ren nahmen, für die deutschböhmischen Autoren lässt sich dies aber kaum behaupten. 87VÁCLAV SMYČKA Die Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche sind zwar im 19. Jahrhundert sicher seltener als umgekehrt, umso häufiger schimmert aber das Tschechische und die tschechische Kultur als eine durchsichtige Folie in den deutsch verfassten Büchern durch. Das hängt damit zusammen, dass die deutsche Literatur in den böhmischen Ländern nur zum Teil als vernakulare angesehen werden kann. Bis tief in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein funktionierte sie auch als eine vehikulare Sprache mancher ursprünglich tschechisch sozialisierten Autoren. Während die Wahl des Tschechischen als Schriftsprache oft eine Hinwendung zum tschechischen Kultur‑ programm signalisierte, deutete die Wahl des Deutschen, dessen sich in bestimmten Diskursen, etwa in der Wissenschaft, alle in den Böhmischen Ländern überwiegend bedienten, meistens kein nationales Programm an. Bei so einer Asymmetrie wundert es nicht, dass manche Autoren auf Deutsch schrieben, die sich sonst zur tschechischen politischen Identität erklärten. Manche der deutsch geschriebenen historischen Romane des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gaben sich als Bearbeitungen an‑ geblicher tschechischer Quellen aus. Andere historische Romane haben tatsächlich aus den tschechischen Chroniken ihre Stoffe oder gar ganze Passagen übernommen (Kraus 1999). Es gab sogar auch ausschließlich deutsch publizierende Schriftsteller, wie etwa Franz Hedrich, der unter anderem als Ghostwriter an mehreren Romanen Alfred Meißners arbeitete, die das Tschechische als ihre Muttersprache bezeichneten (für weitere Beispiele siehe auch Petrbok 2017: 75). Soll also die ‚Übertragung‘ für die tschechische Literatur der Vormärzzeit charakteristisch sein, muss sie auch für die deutschböhmische Literatur dieser Zeit nicht weniger prägend sein. Wenn das von Macura eingeführte Modell aber auch auf die deutschböhmische Literatur und Kultur erweitert wird, muss betont werden, dass der „Übertragungs‑ charakter“ der sich emanzipierenden tschechischen und derjenige der bisher he‑ gemonialen deutschböhmischen Literatur und Kultur der Vormärzzeit durch sehr unterschiedliche Tendenzen geprägt wurde. Während die tschechische Literatur dazu tendierte, die deutschböhmischen, d. h. fast immer nicht kanonischen, lokalen Autoren stark einbürgernd ins Tschechische zu übertragen und dabei die deutschen Einflüsse darin zu negieren, wurden die tschechischen Kulturmerkmale in den Über‑ tragungen der Stoffe und ganzer Texte ins Deutsche eher betont. Dies zeigen die frei erfundenen historischen Romane, die auf vermeintlichen tschechischen Vorlagen be‑ ruhen sollten (beispielweise Anonym 1793). So weiß ich auch von keiner Übersetzung eines tschechischen Textes ins Deutsche, in der die tschechischen Namen der Figuren eingedeutscht wären (das schließt aber sicher nicht aus, dass es auch solche gab). War in der tschechischen Kultur von Anfang an eine starke einbürgernde Tendenz zu be‑ obachten, setzte sich in der deutschböhmischen Literatur eine verfremdende „Durch‑ sichtigkeit“ durch. Der Grund für die unterschiedlichen Strategien der Übertragung liegt auf der Hand: während die tschechische Literatur darum bemüht war, sich zu emanzipieren, wurden die deutsch geschriebenen Romane der deutschböhmischen Autoren aus der überlegenen Position der hegemonialen Kultur geschrieben und mussten den angewendeten Code nicht begründen. Eine solche „Durchsichtigkeit“ und Signifikanzlosigkeit der deutschböhmischen Literatur war allerdings auch für den ganzen Bohemismus bis in die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts und vielleicht noch später charakteristisch. Die landespatriotische Identität, die die Zeitschriften Libussa (1802–1804, 1842–1860), Der Kranz (1820–1824), Ost und West (1837–1848) etc. vertraten, 88 BRÜCKEN 28/1 hat sich zwar als ein die nationalen Gegensätze überschreitender Identifikationsbe‑ zug profiliert, die Tatsache, dass dieser Landespatriotismus dominant auf Deutsch artikuliert wurde, setzte man aber ganz automatisch voraus. Dies möchte ich an dem ersten Fallbeispiel zeigen. J. K. TYLS DES DICHTERS LIEBE IN OST UND WEST Die tschechische Novelle Láska básníkova (Des Dichters Liebe) von Josef Kajetán Tyl ist 1840 erschienen und wurde noch im selben Jahr für die Zeitschrift Ost und West von Jos. Al. Cž.3 übersetzt. Die Zeitschrift Ost und West kann als Paradebeispiel des Bohemismus angesehen werden. Laut Steffen Höhne stellt die Zeitschrift die „liberale Phase“ des Bohemismus dar, die durch „liberale, übernationale und antirestaurative Ansätze im Kontext kultureller Vermittlung“ geprägt war (Höhne 2002: 29). In der Zeitschrift publizierten tatsächlich sowohl deutschböhmische Autoren wie Karl Egon Ebert, Uffo Horn, Friedrich Bach, Ludwig August Frankl, Karl Reginald Herloß‑ sohn, die sich gerne mit tschechischen historischen Stoffen beschäftigten, als auch tschechische Autoren. Unter diesen fand man hier neben Tyl die meisten Vertreter der Romantik, so Karel Sabina, Jan Evangelista Purkyně, Jan Jindřich Marek, Božena Němcová, Václav Bolemír Nebeský, Jan ErazimVocel, František Ladislav Čelakovský, Karel Alois Vinařický (zusammenfassend Hofman 1957).4 Die Zeitschrift informierte sowohl über die deutsche als auch über die tschechische Literatur. Dies geschah nicht nur in kleinen Rezensionen, sondern auch in umfangreicheren Übersichten der tschechischen Literatur von Sabina und Vinařický, um die sie der Redakteur Rudolf Glaser selbst gebeten hatte (siehe Vinařický 1909: 392, 431). Die Zeitschrift profilierte sich daher tatsächlich von Anfang an (Vinařický 1909: 250) als eine offene Tribüne, wo sich utraquistische Bohemisten, staatsloyale Öster‑ reicher, deutsche und tschechische Patrioten trafen. So deklarierte Glaser beispiels ‑ weise im Brief an Vinařický vom 15.02.1841, dass er „die slawische Tendenz [der Zeitschrift] nicht aufgeben wollte,“ obwohl „gerade die Slawen [sein] Unternehmen äußerst schlecht unterstützten“ und er deshalb „bei der Herausgabe bereits [sein] Vermögen eingebüßt ha[t]“ (Vinařický 1909: 365). Die offene landespatriotische Orientierung der Zeitschrift kostete Glaser sogar seine akademische Karriere. Als er sich im Jahre 1838 um die Stelle des Philosophieprofessors an der Universität Lemberg (Lwów, Lviv) bewarb, wurde er von Seite des galizischen Guberniums trotz eines der besten Ergebnisse abgelehnt. Die Landesregierung kritisierte die „slawische Tendenz“ seiner Zeitschrift und befürchtete, dass Glaser in Galizien zur 3 Es ist mir nicht gelungen den vollen Namen des Übersetzers festzustellen. Sowohl im Nachlass des Re‑ dakteurs Rudolf Glaser als auch in der Korrespondenz Tyls habe ich keine Information dazu gefunden. Auf Grund der Initialen kommt der Name Josef Alois Czech in Frage. Czech war in der Vormärzzeit als Polizeibeamter tätig und stand den konservativen Vertretern des Prager Bürgertums mit einer starken landespatriotischen Tendenz nahe. Eine andere Möglichkeit ist der Maler Josef Czermak, der selbst in den literarischen Zeitschriften des Vormärz tätig war. Auch der als Übersetzer tätige Arzt aus dem Umkreis von Tyl Josef Čejka (Czejka) kommt in Frage. 4 Hofman stellt zwar die Tendenzen der Zeitschrift übersichtlich vor und erwähnt kurz auch die hier analysierte Übersetzung der Novellen von Tyl, er vergleicht aber nicht die unterschiedlichen Versionen des Textes und geht deshalb davon aus, dass die Übersetzung mit dem Original übereinstimmt (Hofman 1957: 161). 89VÁCLAV SMYČKA Radikalisierung der nationalen Konflikte zwischen den Polen, Ruthenen und Öster‑ reichern beitragen könnte.5 Die Entscheidung Glasers, die Novelle von Tyl hier gleich nach ihrem Erscheinen übersetzen zu lassen, ist ein weiterer Beweis für seine Offenheit gegenüber den tsche‑ chischen patriotischen Schriftstellern. Die Novelle beruht, wie für Tyl charakteristisch, auf einer klaren nationalen Polarisierung. Tyl deklarierte allerdings selbst in der Einleitung der Erzählungsammlung České granáty, in die die Erzählung eingegliedert wurde, dass das nationale Programm der eigentliche „Zweck“ war, weshalb er die Erzählungen geschrieben habe.6 In Láska básníkova rivalisieren zwei Freunde, ein tschechischer Geigenspieler Sla‑ vík, dessen Vorbild der Violinist Josef Slavík ist, und ein deutschböhmischer Dichter Wilhelm um ein Wiener Mädchen, in das beide verliebt sind. Während Slavík seit seinem ersten Treffen mit dem Dichter in Paris als ein eifriger tschechischer Patriot dargestellt wird, ist sein Freund gegenüber dem überspannten Patriotismus eher reserviert. Die leidenschaftlichen Melodien von Slavík, die Wilhelm an sein Vater‑ land erinnern, erwecken aber doch auch in ihm seine Vaterlandsliebe. Nachdem die Freunde feststellen, dass sie beide in Mína verliebt sind, verabreden sie, jeder mit seinen eigenen Mitteln als Künstler um die Gunst der Geliebten zu wetteifern. Slavík, der zu einem Virtuosen wird, erwirbt schließlich die Hand von Mína, und der deutsche Dichter Wilhelm zieht nach Amerika um. Er kehrt erst dann nach Prag zurück, als er erfährt, dass sein Nebenbuhler gestorben ist und er wieder um die Hand von Mína werben kann. Später erfährt er jedoch, dass Mína inzwischen schon einen alternden reichen österreichischen Baron geheiratet hat. Der Wettkampf der zwei Künstler kann als mehrschichtige Allegorie gelesen werden. Erstens geht es hier um den Kampf der unterschiedlichen Künste bzw. Me‑ dien, einerseits der Musik und andererseits der Schrift und Literatur. Während die (traditionell slawisch konnotierte) Musik von Slavík auf die Zuhörer angeblich direkt wirkt und sie elektrisiert, zweifelt der Dichter grundsätzlich an der Wirkmacht der Dichtung, die indirekt und rationaler wirken soll. Wilhelm fühlt sich überwunden schon wegen der Schwäche der Dichtung gegenüber der Musik. Slavík siegt in seinem Wettkampf aber nicht nur, weil seine Kunst von größerer Wirksamkeit ist, sondern auch, weil er selbst als gefühlsvoller erscheint. Dies wird ausdrücklich als die Kraft seiner Heimatliebe erklärt, die dem Deutsch schreibenden Dichter fehle. Der auf Deutsch schreibende Dichter wird in der Erzählung als „ab‑ gemessen kalt“ charakterisiert (Tyl 1857: 221). Seine nationale Verfremdung hemmt seine Emotionalität. Dies zeigt sich auch in dem Moment, als er auf den strikten Re‑ geln ihres Wettkampfes beharrt, nach denen er gerade besiegt worden war, während der siegreiche Musiker doch auch in diesem Moment die Gefühle von Mína jeglichen Verabredungen der Freunde vorzieht und deswegen Wilhelm einen „kalten deutschen 5 Siehe die Akten der galizischen Studienkomission Nr. 17966, Sitzung vom 13.04.1838. Allgemeines Verwaltungsarchiv, Wien, Fond Studienhofkommision 274/5, Universität Lemberg, Lemberger Philo‑ sophie (Philosophie, theoretische und Moralphilosophie 1813–1842). 6 „Nejdříve podávám povídky, novely, nástiny, arabesky ajiné drobnůstky, ježto jsem naskrze jen ktomu cíli psal, abych mohl onašich nejsvětějších záležitostech mluviti.“ [Ich präsentiere zuerst die Erzäh‑ lungen, Novellen, Entwürfe, Arabesken und andere Kleinigkeiten, die ich ausschließlich nur zu dem Zweck geschrieben habe, um über unsere heiligsten Sachen sprechen zu dürfen; übersetzt von V. S.] (Tyl 1888: 337). 90 BRÜCKEN 28/1 Dichters“ schilt (Tyl 1857: 221). Dabei rechnet Slavík auch mit Wilhelms Dichtung ab, indem er sie zwar für eine äußerlich leidenschaftliche, doch eigentlich nur geküns‑ telte und lügende erklärt. So wird schließlich der Wettkampf der Freunde auch zu einer Allegorie des na‑ tionalen Kampfes der Tschechen und Deutschen um die Gefühle der national Unbe‑ stimmten, der Wiener und der Regierung der Monarchie. Indem die national nicht markierte Geliebte Mína letztendlich den beiden liberalen Künstlern einen alten hässlichen Baron vorzieht, wird vor dem Aufstieg der Konservativen auf Kosten der nationalen Patrioten beider Richtungen gewarnt. Der Konflikt wird so auf einer me‑ dialen, psychologischen und national ‑politischen Ebene ausgetragen, wobei alle drei Ebenen verschränkt werden und sich gegenseitig unterstützen. Die Erzählung trägt so eine klare Botschaft, die dem tschechischen nationalen Programm entspricht, mit der aber die deutschböhmischen Leser von Ost und West kaum harmonisieren konnten. Und trotzdem weigerte sich Glaser nicht, die Erzählung in seiner Zeitschrift ab‑ zudrucken. Zeigt dies seine Offenheit gegenüber dem tschechischen nationalen Pro‑ gramm von Tyl? Keineswegs. Die Übersetzung des Textes von Jos. Al. Cž. folgt zwar in den meisten Passagen treu dem Originaltext, in einigen entscheidenden Passagen deutet sie den Text aber radikal um. Die gesamte dritte Bedeutungsebene, die den medialen und psychologischen Konflikt als Kampf des tschechischen nationalen Programms mit dem verfremdeten Bohemismus pointiert, fällt dabei weg. Es wird zwar in einer Replik die Selbstbezeichnung von Slavík als „tschechischer Böhme“ (im Original „český Čech“, Tyl 1857: 200) behalten, während sich Wilhelm nur als Böhme bezeichnet (im Original Čech, Tyl 1857: 199), doch das ist das Einzige, was aus der na‑ tionalen Determinierung des Konflikts übrigbleibt. Dort, wo Slavík mit Wilhelm im tschechischen Original als „einem kalten deutschen Dichter“ abrechnet, fehlt in der deutschen Übersetzung die nationale Charakterisierung des Dichters: Spřítelem Čechem dovedl bych mluviti oživotu iosmrti, ale schladným německým básníkem… to nevím arci kde slov nabrati! (Tyl 1857: 221) Mit einem Freunde, einem Böhmen könnte ich von Leben und Tod sprechen, aber mit einem kalten Dichter– da bin ich freilich um Worte verlegen. (Tyl 1840: 270) Im Originaltext lag überdies der Druck offensichtlich auf dem Deutschtum des Dichters, da seine Dichtung kurz vorher als eigentlich sehr gelungen charakterisiert wurde und von Seiten des Musikers die Dichtung überhaupt nicht der Musik nachgestellt wurde. Diese Eingriffe wiederholen sich noch mehrmals und zeugen davon, dass hier der Über‑ setzer absichtlich die Negierung des nationalen Programms der Erzählung verfolgte. So ließ er etwa die Zuschreibung „deutsch“ beim Dichter dort aus, wo an sein Ge‑ wissen appelliert wird: Mluv– na své svědomí– na to svědomí německého básníka pověz mi, kdyby ti bylo vítězství nade mnou připadlo… (Tyl 1857: 222) Auf dein gutes Gewissen sage mir– hättest du, wenn du Sieger geworden… (Tyl 1840: 270) 91VÁCLAV SMYČKA Die nationale Charakterisierung wird auch dort gestrichen, wo die Beobachtung Mínas und des Erzählers in der erlebten Rede zusammenkommen: Byl to Vilém, německý básník. (Tyl 1857: 227) Es war Wilhelm, der Dichter. (Tyl 1840: 272) In der Übersetzung wird so der Konflikt von Slavík und Wilhelm nur als Konflikt der zwei unterschiedlichen psychologischen Typen und der ihrem Temperament ent‑ sprechenden Künste und Medien dargestellt. Dadurch wird die überdeterminierte Handlung der Erzählung ein wenig offener. Auch der Widerspruch, dass gerade die Niederlage der Dichtung in dem Wettkampf der Künste und Medien von einem Dichter– Tyl– geschildert wird, wird dadurch auffallender. Die Erzählung bleibt aber weiterhin kohärent und scheinbar unverändert. Man hat nur andere Bedeutungs‑ ebenen des Textes hervorgehoben, den Text ein wenig neu perspektiviert, womit aber die von Tyl explizit beabsichtigte Botschaft ganz aufgelöst wurde. Die Zeitschrift Ost und West konnte sich also rühmen, dass hier die engagierten Erzählungen des tschechischen ‚Lieblings der Nation‘ erscheinen, ohne dass sich die deutsch schrei‑ benden Dichter der Zeitschrift beleidigt fühlen müssten. Auch wenn also der deutsch artikulierte Bohemismus von Ost und West als eine universalisierende Membrane er‑ scheint, die für alle Diskurse ‚durchlässig‘ ist, und sowohl das tschechische als auch die deutschen nationalen Programme in sich zu inkorporieren vermochte, gab es auch hier Themen, die unsichtbar gemacht werden mussten. Der Vorwurf der galizischen Regierung, Glaser sei ein gefährlicher slawischer Nationalist, erscheint im Lichte der Übersetzung von Tyls Erzählung durchaus unbegründet. Umgekehrt zeigt diese Übersetzungspraxis die Grenzen des Bohemismus in Ost und West, sowie generell die Grenzen des Dialogs unter verschiedenen Fraktionen der romantischen Dichter im Böhmen der Vormärzzeit. ALFRED MEISSNERS SCHWARZGELB / ČERNOŽLUTÍ Ein ähnlicher wenn auch noch komplizierter Fall ist die tschechische Übersetzung des Romans Schwarzgelb von Alfred Meißner, die im Jahre 1868 im Verlag von Ignác Leopold Kober erschien. Im Gegensatz zum vorigen Fall ist der Übersetzer, Vincenc Vávra Haštalský, diesmal wohl bekannt. So wie Meißner war auch Vávra ein ‚acht‑ undvierziger‘, und beide nahmen an den St. Wenzelsbad ‑Versammlungen im März 1848 teil. Es ist vorauszusetzen, dass sie sich beide auch persönlich kannten. Sowohl Meißner als auch Vávra wurden nach der gescheiterten Revolution verfolgt. Meißner musste nach Paris und später nach England flüchten. Vávra wurde 1850 verhaftet und bis 1854 in Prag und Mukačevo gefangen gehalten. Auch Vávra war selbst literarisch tätig, beide entstammten der relativ wohlhabenden Bourgeoise (Meißners Vater war Arzt, Vavras Vater war Prager Müller) und beide positionierten sich im politischen Spektrum der Achtundvierziger am linken Flügel. Doch zwischen beiden lag spätestens seit dem Prager Pfingstaufstand auch eine deutliche Barriere. Während sich Meißner wie viele andere deutschböhmische De‑ mokraten an der Frankfurter Versammlung beteiligte und dort als Journalist tätig 98 BRÜCKEN 28/1 LITERATUR Anonym (1792): Graf Rosenberg oder das enthüllte Verbrechen. Wien: Haas. Anonym (1793): Ritter von Hasenburg und Adela von Lechfeld. Eine böhmische Familiengeschichte aus den hussitischen Zeiten. Aus böhmischen Originalurkunden. Prag: Calve. Anonym (1797): Graf Rosenberg oder das enthüllte Verbrechen. Ein Schauspiel in fünf Aufzügen aus der böhmischen Geschichte der letzten Zeit des dreißigjährigen Krieges. Nach dem Romane desnämlichen Inhalts für Schaubühne bearbeitet von A. B. Ofen: Königlliche Universitätsschriften. Anonym (1810): Hrabě Rožmberk: vlastenský přjběh, který se stal ku konci Švedské války [wörtliche Titelübersetzung in Anonym (1848)]. Praha: Kramérius. Anonym (1848): Graf Rosenberg: Vaterländisches Ereigniss, welches sich zu Ende des schwedischen Krie‑ ges zugetragen hat. Leitomischl: Franz Berger. Anonym (1864): Alfred Meißner und sein neuester Roman Schwarzgelb.– In: Ach Herr Jegerle und Liederkranz. Humoristische Wochenschrift 17/2 (25.04.), 3. Anonym (1865): Kleine Roman ‑Zeitung.– In: Deutsche Roman ‑Zeitung 44, 625–632. Anonym (1868): Černožluti.– In: Moravská Orlice 284 (16.12.), 4. Anonym [Naubert, Benedikte] (1791): Graf Rosenberg oder das verhüllte Verbrechen. Leipzig: Weygant. Bhabha, Homi (2000): Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg. Hilditch, Ann (1789): Rosenberg, alegendary tale. London: Lane. Hofman, Alois (1957): Die Prager Zeitschrift „Ost und West“. Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch‑ ‑slawischen Verständigung im Vormärz. Berlin: Akademie ‑Verlag. Höhne, Steffen (2002): Der Bohemismus ‑Diskurs zwischen 1800 und 1848/49.– In: brücken: Germa‑ nistisches Jahrbuch Tschechien– Slowakei. Neue Folge 8, 17–45. Jungmann, Josef (1849 [1825]): Historie literatury české, aneb soustavný přehled spisů českých skrátkou historií národu, osvícení ajazyka. Praha: Museum království českého. Kraus, Arnošt (1999): Alte Geschichte Böhmens in der deutschen Literatur. S. Ingbert: Röhrig. Macura, Vladimír (2015): Znamení zrodu ačeské sny [Das Zeichen der Geburt und tschechische Träume]. Praha: Academia. 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