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Das Ringen um die Form der tschechischen touristischen Bewegung in den Jahren 1945–1948Disputes about the Czech Tourist Movement between 1945 and 1948

Štemberk, Jan

Abstract

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Full text

Das Ringen um die Form der tschechischen touristischen Bewegung in den Jahren 1945–1948 Jan Štemberk KEY WORDS: Tourism — Third Republic — Czechoslovakia — Social History Die Anfänge der tschechischen Wanderbewegung reichen tief ins 19. Jahrhundert zurück. 1 In ihrer organisierten Form begann sie sich in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts zu formieren, als unter dem Einfluss der deutschen Wandervereine, die in den Grenzgebieten der böhmischen Länder tätig waren,2 tschechische Wandervereine entstanden.3 Diese Wandervereine hatten ähnliche Ziele wie die Förderung der Bewegung in der Natur, das Kennenlernen ihrer Schönheiten, den Aufbau einer touristischen Infrastruktur (Kennzeichnung von Wegen, Bau von Hütten und Aussichtstürmen), die Publikation von Wanderliteratur, aber auch den Schutz von Naturdenkmälern und kulturhistorischen Denkmälern. Eine schnelle Entwicklung erlebten die tschechischen Wandervereine in der Zwischenkriegszeit. Eine dominierende Stellung hielt der Klub tschechischer Touristen (Klub českých turistů), der von 1918 bis 1939 den Name Klub tschechoslowakischer Touristen (Klub československých turistů) benutzte (im weiteren nur KČT), dessen Mitgliederbasis am Beginn der 30-er Jahre 100.000 Personen überstieg. KČT vertrat ebenfalls die tschechische Wanderbewegung in internationalen Organisationen und war Partner für staatliche Institutionen. 4 Die laufende Demokratisierung der tschechoslowakischen Gesellschaft ergriff in der Zwischenkriegszeit auch das Wandern. Die Emanzipation der niederen sozialen Schichten schlug sich auch in der Entstehung des sog. Arbeitertouristik nieder.5 Dieses ging von den geringeren finanziellen Möglichkeiten der niederen sozialen 1 Der Beitrag entstand im Rahmen der Umsetzung des Fördermittelprojekts der Fördermittelagentur der Tschechischen Republik (GAČR) Nr. 15–08130S „Kleine“ a „Grosse“ Geschichte der tschechischen/tschechoslowakischen Reisen und Tourismus, das das Institut für Zeitgeschichte der Akademie für Wissenschaften der Tschechischen Republik (AV ČR) löst. 2 Zum Tätigkeit der deutschen Wandervereine in böhmischen Ländern: Martin Pelc, Umění putovat. Dějiny německých turistických spolků v českých zemích, Brünn 2010. 3 Im Jahre 1884 wurde das Gebirgsverein Radhošť (Pohorská jednota Radhošť) und im Jahre 1888 das Verein Klub tschechischer Touristen (Klub českých turistů) gegründet. 4 Jan Štemberk, Fenomén cestovního ruchu. Možnosti a limity cestovního ruchu v meziválečném Československu, Pilgrams-Prag 2009, S. 227 und folgende. 5 Jan Štemberk, Dělnická turistika v meziválečném Československu, Časopis Národního muzea, Nr. 3–4, 2014, s. 55–64. OPEN ACCESS Jan ŠtEMbErk 75 OPEN ACCESS Schichten aus und wies eher sportlichen Charakter auf. Im Bereich der Arbeiterwandern profilierten sich Verband der tschechoslowakischen Arbeitertouristen (Svaz československých dělnických turistů; im weiteren nur SČDT) und Tschechoslowakische Touristengemeinde (Československá obec turistická; im weiteren nur ČOT). In der zweiten Hälfte der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts setzte sich der Gedanke von einem Zusammenschluss der existierenden Vereine und der Herausbildung einer nationalen Wanderorganisation durch. Ein erhöhter Druck ist nach dem Münchener Abkommen ab Herbst 1938 zu verzeichnen. Der Anstieg der autonomistischen Tendenzen in der Slowakei im Herbst 1938 zeigte sich in der Idee der Entstehung einer einzigen tschechischen und einer einzigen slowakischen Wanderorganisation. In der Slowakei entstand Klub der slowakischen Touristen und Schifahrers (Klub slovenských turistov a lyžiarov; im weiteren nur KSTL). In den böhmischen Ländern verlief dieser Prozess jedoch langsamer und ließ sich nur durch einen Zusammenschluss von KČT und SČDT erreichen. Die Verhandlungen mit den übrigen Wandervereinen führten nicht zu einer Einigung. Die Zeit der deutschen Okkupation stellte die tschechische Wanderbewegung vor neue Aufgaben. Das Wichtigste war wohl, wenn möglich die Überwindung der schweren Zeit und gleichzeitig das Angebot für tschechische Wanderer, sich zumindest etwas in der Natur ausruhen und die Schönheiten der Heimat kennenlernen und somit auch dem Alltag des Lebens im Protektorat entfliehen zu können. Die Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren brachte jedoch nicht geringe Einschränkungen mit sich, sowohl bezüglich einer Beschränkung des Verkehrs, der Unterkunftsund Verpflegungsdienstleistungen und einer Begrenzung der Orte, die ein Wanderer besuchen konnte.6 Die Befreiung im Mai 1945 und das Ende des Zweiten Weltkrieges brachten einerseits große Veränderungen mit sich, andererseits aber blieb eine ganze Reihe von Beschränkungen aus der Zeit des Protektorats gültig. Diese Beschränkungen betrafen ganz wesentlich auch das Wandern, trotzdem aber eröffnete die gewonnene Freiheit neue Möglichkeiten, die sich in der Wiederzugänglichmachung der Grenzgebiete der böhmischen Länder und auch von Gebieten in der Slowakei zeigte. Die Karpatenukraine blieb zwar für tschechische Wanderer unerreicht, doch dieser Verlust wurde damals nicht stärker reflektiert. Ziel des vorliegenden Textes ist es, auf der Basis von Archivmaterial die damaligen Diskussionen zur tschechischen Wanderbewegung, ihren Aufgaben und ihrer weiteren Ausrichtung zu verfolgen. Aus der Sicht der weiteren Entwicklung der Wanderbewegung handelt es sich um einen sehr wichtigen Zeitraum, der die Wanderbewegung für mehrere Jahrzehnte stark geprägt hat. Unbeachtet bleibt auch nicht die Nachverfolgung der Veränderung von Funktionen, die mit der damaligen Wanderbewegung in Zusammenhang gebracht werden. Aus der Zeit des Protektorats betraten auch die bisherigen Wandervereine den befreiten Staat. In den böhmischen Ländern waren dies KČT, ČOT, Gebirgsverein Radhošť (Pohorská jednota Radhošť, im weiteren nur PJR), die Wandereinheit Mähri6 Jan Štemberk, Česká turistika jako možnost úniku od protektorátní reality. In: Jaromír Tau chen — Karel Schelle (Eds.), Období nesvobody, Ostrau 2014, S. 236–248. 76 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS scher Karst (Turistická jednota Moravský Kras) und der Wanderklub Čeřínek (Turistický klub Čeřínek). Die beiden Letztgenannten waren Vereine mit einem regionalen Wirkungskreis. In der Slowakei wirkte eine Wanderorganisation, der KSTL. Die Aktivität der tschechischen Wandervereine, die am Ende des Krieges unter dem politischen und dem wirtschaftlichen Druck deutlich abnahm, wurde bereits in den ersten Maitagen wiederbelebt. Sie richtete sich vor allem auf den Schutz, die Erneuerung und die Wiedererlangung von Hütten, das Ziel bestand darin, die Objekte der aufgelösten deutschen Wandervereine im Grenzgebiet zu übernehmen. Es herrschte eine allgemeine Übereinkunft bezüglich der Notwendigkeit, die auf eine Vereinigung ausgerichtete Politik fortzuführen und eine einheitliche tschechische Wanderorganisation zu schaffen. Dieser Gedanke fand bereits in den revolutionären Maitagen ihren Ausdruck in der Konstituierung eines Nationalausschusses der tschechischen Wanderbewegung (Národní výbor české turistiky) am 14. Mai 1945, gegründet von Vertretern von KČT, PJR, und ČOT, in der Folge schlossen sich diesem auch die verbleibenden zwei Vereine an. In dem sechsköpfigen Ausschuss saßen jeweils zwei Vertreter von KČT, ČOT und PJR. Ziel der neu entstandenen Organisation war es, einen Raum für eine Zusammenarbeit der Wandervereine, die sich gegenseitig helfen und nicht untereinander in Konkurrenz treten sollten, und einer Basis für Verhandlungen über den Prozess ihres Zusammenschlusses zu bieten. Die Zusammenarbeit sollte sich auch in der Herausgabe einer gemeinsamen Wanderzeitschrift, einheitlicher Reiseführer, einer einheitlichen Kennzeichnung von Wanderwegen und einer gemeinsamen Werbung für Wanderschönheiten äußern.7 Die Vorstellung von einer gegenseitigen Zusammenarbeit, einer Nichtsplittung der bescheidenen Kräfte und Möglichkeiten nach dem Krieg schuf eine gute Basis für die weitere Entwicklung. Die Schaffung einer einheitlichen Wanderorganisation wurde auch von obersten Stellen des Staates unterstützt. Eine einheitliche Organisation wurde für die staatlichen Organe zu einem geeigneten Partner und würde auch weitere Funktionen erfüllen können, die man ihr übertragen könnte. Somit würde auch der Einfluss des Staates auf den Bereich Wandern gestärkt. Gegen eine Vereinigung stellten sich im Grunde auch nicht die einzelnen Wandervereine, doch sie hatten von der Form des Zusammenschlusses eine andere Vorstellung. Nicht zuletzt zeigte sich hier auch der Druck der slowakischen Seite, die für den KSTL einen tschechischen Partner suchte, mit dem sie auf gesamtstaatlicher Ebene würde zusammenarbeiten können. Die Schaffung einer einheitlichen Wanderorganisation fand somit breite Unterstützung. Unterschiedlich war nur die Sichtweise auf die Form des Zusammenschlusses, die Form und die Stellung der künftigen Organisation und ihrer Funktion und Aufgaben. Die Vorstellung von einem staatlichen Eingriff, wie sie 1945 in dem Vorschlag für das Gerüst der Regierungsverordnung über die Konstituierung eines Verbandes der tschechischen Touristen (Svaz českých turistů) in Erwägung gezogen wurde, der auch den Wortlaut der Satzung der neuen Organisation enthielt und deutlich den Einfluss des Staates auf die Wanderbewegung stärkte, wurde verworfen.8 In ähnli7 Nationalarchiv in Prag (im weiterem nur NA), Fond Československá obec turistická (im weiteren ČOT), K. 2, I. Nr. 39. 8 NA, Fond Klub československých turistů (im weiteren nur KČST), K. 35. Jan ŠtEMbErk 77 OPEN ACCESS cher Weise nicht verwirklicht wurde auch der Vorschlag der Staatlichen Planungsbehörde (Státní úřad plánovací), der 1946 dem Wirtschaftsrat zum Zusammenschluss der Wanderbewegung (hier gemeint als des einheimischen Fremdenverkehrs) in die Kompetenz des KČT vorgelegt wurde.9 Der Vorschlag enthielt auch die Aufnahme des Wanderns in die schulischen Lehrpläne. Somit schuf man Raum für gegenseitige Verhandlungen der Wandervereine auf dem Boden des Nationalausschusses für die tschechische Wanderbewegung (im Sommer 1945 änderte sich die Bezeichnung zu Zentralrat für die tschechische Wanderbewegung /Ústřední rada české turistiky/). Die anfängliche Begeisterung, die in den Sommermonaten des Jahres 1945 spürbar war, wurde bald von der Erkenntnis abgewechselt, dass es nicht zu einem schnellen Zusammenschluss kommen würde und vorerst nur eine gegenseitige Zusammenarbeit möglich sei.10 Der Hauptgrund für die Verzögerung und die anschließende Einstellung der Verhandlungen über einen Zusammenschluss waren die unterschiedliche Sicht und die bestehenden Diskrepanzen zwischen KČT und ČOT. Die Spannung zwischen beiden Vereinen war schon in der Zwischenkriegszeit und während der Okkupation zutage getreten. Alte Wunden, die sich in der Zeit des Protektorats durch den erfolglosen Versuch um einen Zusammenschluss noch zugespitzt hatten, konnten nicht ausheilen. Der lange Streit zwischen diesen beiden touristischen Vereinen flammte somit erneut auf und füllte drei Nachkriegsjahre aus. Die gegenseitigen Streits bestanden in mehreren Dimensionen, die man benennen und detaillierter erklären muss. Die politische Ebene der gegenseitigen Streits kombinierte Argumente aus der Vergangenheit und der damaligen Gegenwart. Der grundlegende Streit zwischen beiden Vereinen entbrannte um den Charakter der Tätigkeit in der Zeit der Okkupation. Beide Vereine bezichtigten sich gegenseitig des Kollaborantentums. Die Zeit der deutschen Okkupation zu überstehen war schwierig, und wenn ein Verein weiter funktionieren will, seine Zeitschrift herausgeben und die Funktionen erfüllen wollte, die im Grunde den Einwohnern des Protektorats halfen, musste er zu gewissen Zugeständnissen bereit sein. Auch die Unterstützung gewisser offizieller Aktionen bzw. Organisationen wie z. B. des Kuratoriums für die Erziehung der Jugend (Kuratorium pro výchovu mládeže v Čechách a na Moravě) vonseiten des KČT musste logischerweise keine antitschechische Gesinnung bedeuten, sondern eher das Bemühen, in dieser Organisation die tschechische Jugend aufzufangen und behilflich zu sein, diese zu bilden und in ihr ein Bewusstsein auszuprägen. In ähnlicher Form war die Veröffentlichung von Texten mit nationalsozialistischer Thematik in Vereinszeitschriften kein Zeichen für eine Unterstützung der Okkupanten, sondern ein gewisses Zugeständnis, damit die Zensur die Zeitschrift auch weiterhin veröffentlichen ließ. Trotz allem kann man bemerken, dass die Leitung des ČOT stärker von einer Verfolgung durch die Okkupanten betroffen war. Die gegenseitigen Anschuldigungen hatten auch eine Untersuchung der Funktionäre zur Folge, die offiziell zu abgeschlossen wurde, dass keiner der beiden Vereine ein Kollaborateur war. 9 NA, Fond KČST, K. 32. Zápisy předsednictva a ústředního výboru KČT 1946–1947, Zápis z 13. schůze předsednictva KČT 17. 9. 1946. 10 Činnost Ústřední rady české turistiky, Turistické noviny 1, 1945, Nr. 17, S. 4. 78 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS Eine weitere Ebene des Streits betraf die Ausrichtung der Vereine, die soziale Struktur und die einflussnehmenden politischen Parteien. Der KČT profilierte sich als apolitische Organisation, die jedoch der Agrarierpartei sehr nahe stand. Daraus ergibt sich auch eine gewisse mittelständische Orientierung des Vereins, der kein Interesse an Angehörigen niederer gesellschaftlicher Schichten zeigte. Die ČOT, die im Zusammenhang mit der Spannung in dem sozialistischen (Arbeiter-)Touristik entstand, präsentierte sich von Beginn an als Verein, der auf die niedrigere Mittelschicht ausgerichtet war. Nicht zu übersehen war auch, dass sie politisch ins Lager der tschechischen nationalen Sozialisten fiel, was sie auch nicht zu verbergen versuchte. Die Nachkriegszeit jedoch mischte die politischen Karten der einzelnen Parteien und auch die politische Konzeption des befreiten Staates neu. Das Ruder drehte sich mehr nach links, und die neue Richtung haben Angehörige der niedrigeren als der mittleren und höheren Schichten an. Die ČOT präsentierte sich gleich von Beginn an als „Wanderorganisation des tschechischen werktätigen Volkes aus den Fabriken, Werkstätten und Büros“.11 Die ČOT verspürte in der veränderten politischen Situation eine Gelegenheit, wie sie ihre durch die Okkupation ausgedünnte Mitgliederbasis stärken und politische Unterstützung für ihre Tätigkeit gewinnen konnte. Der KČT bewegte sich in diesem Bereich in der Defensive und argumentierte mit dem apolitischen Charakter des Wanderns als solchem, das zur Regeneration der Kräfte und zum Kennenlernen der Schönheiten der Heimat aller beitragen sollte, ohne Ansehen der politischen Gesinnung oder der Stellung im Arbeitsprozess. Nicht zuletzt muss auch die wirtschaftliche Dimension des Streits erwähnt werden. Der KČT war im Vergleich mit der ČOT eine sehr reiche Organisation. Ihm gehörten mehrere Hütten, Aussichtstürme und Burgruinen. Die ČOT hatte in der Zwischenkriegszeit nur drei Objekte errichtet, eine Hütte und zwei Erholungslager, von denen sie nach dem Krieg nur noch eines besaß. In der Zeit kurz nach dem Ende des Krieges wollte sie das Vereinsvermögen vermehren und so ihre Position bezüglich der konfiszierten Hütten der aufgelösten deutschen Wandervereine stärken. Per Beschluss Tschechische Nationalrates (Česká národní rada) vom 11. Mai 1945 wurde der KČT damit betraut, die Vereinsobjekte der deutschen Wandervereine die Mitglieder des Hauptverbandes deutscher Gebirgsund Wandervereine war und auch Objekte des sozialdemokratischen Wandervereines „Die Naturfreude“ zu übernehmen und sie so schnell wie möglich für tschechische Erholungssuchende herzurichten. Dies wurde mit der Entscheidung des Landesnationalausschusses vom 18. Juli 1945 bestätigt, der diese Objekte dem KČT in nationale Verwaltung übergab. Auf der Basis dieser Betrauung sicherte der KČT 75 Objekte (es handelte sich beispielsweise um die Hütte auf dem Ještěd (Jeschken), das Hotel auf dem Klínovec, die Hütte auf dem Šerák im Altvatergebirge, das Schlesische Haus auf dem Lysá hora u. ä.).12 Die Entscheidung gefiel der ČOT gar nicht, doch es gelang ihr nicht, eine Änderung zu erwirken. So versuchte die ČOT, den Staat zu engagieren, indem sie vorschlug, der Staat könne über das Ministerium für Schulwesen ein Netzwerk von Unterkünften/Nachtlagern 11 NA, Fond ČOT, K. 2, I. Nr. 41, Brief aus dem 27. 7. 1945. 12 NA, Fond KČST, K. 7, Zápis z valné hromady KČT 8. 12. 1945. Jan ŠtEMbErk 79 OPEN ACCESS für Wanderer schaffen, die für wenig Geld allen zugänglich seien. Sie verwies darauf, dass die Objekte des KČT vor allem dessen Mitgliedern dienten, denen ein Nachlass gewährt werde und die vorrangig untergebracht würden. Der Staat, dessen Regulierungsaktivitäten schrittweise immer stärker wurden, wurde immer mehr in die gegenseitigen Streits involviert. Die inhaltliche Dimension des Streits war der eigentliche Charakter des Tourismus. Es handelte sich um eine wichtige theoretische Frage, deren Beantwortung sich jedoch in der Konzeption der gesamten weiteren Entwicklung niederschlug. Auch in dieser im Grunde wesentlichen Frage war die Sichtweise nicht einheitlich. Bereits in der Zwischenkriegszeit entbrannte eine insgesamt aktive Diskussion zu dem Thema, ob die Wanderbewegung eine Aktivität des Fremdenverkehrs oder ein Zweig des Sports sei. Es ist bekannt, dass das „Arbeiterwandern“ sportlicher ausgerichtet war. Der KČT vertrat hier recht konsistent die Ansicht, das Wandern als nicht wettbewerbsmäßige Form des Fußgehens sei keine sportliche Tätigkeit, sondern seine auf Erkenntnis ausgerichtete Form und seine wirtschaftliche Bedeutung mache es zu einer der breiten Aktivitäten des Tourismus. Der Klub fühlte sich jedenfalls nicht als Organisation zur Körpererziehung, sondern als ein Subjekt, das Erkenntnis und Schutz der Schönheiten der Heimat förderte. Er verwies darauf, dass ein Wanderer keinen Nachdruck auf Leistung lege, sondern Naturund Kulturdenkmäler sehen wolle, zu deren Kennenlernen er im Winter die Skier und zu einer anderen Zeit vielleicht ein Seil verwende. Er verwies somit auf den eigenwilligen Charakter des Wanderns als besonderer Tätigkeit, die mit Körpererziehung (Turnbewegung) und Sport zusammenarbeiten, jedoch keine einheitliche Organisation bilden könne.13 Die neue links orientierte Zeit gab deutlich die Richtung für die weitere Entwicklung vor. Bereits am 5. Mai 1945 wurde auf Initiative der Kommunisten der Zentrale Nationalausschuss für Körpererziehung (Ústřední národní tělovýchovný výbor) gegründet wurden, der sämtlichen Sport und die Körpererziehung in einer Organisation zusammenfassen sollte. Bestandteil der Pläne war auch die Eingliederung der Wanderbewegung. Die ČOT schloss sich diesem Gedanken offen an, der KČT wiederum ging in Opposition. Das Projekt stieß jedoch auf den Widerstand auch weiterer Vereine (z. B. Junák (Scouts), Sokol), verwies jedoch deutlich auf die Sichtweise der kommunistischen Partei bezüglich dieser Problematik. In modifizierter Form wurde der Zusammenschluss der Organisationen zur Körpererziehung zur Hauptaufgabe der Československý tělovýchovný svaz (Tschechoslowakischer Turnverband; im weiteren nur ČTS). Der Verband sollte auf einem lockereren föderalistischen Prinzip gegründet werden, nicht auf der Basis eines eigentlichen Zusammenschlusses. Der Klub der Wanderer zeigte sich auch in diesem Fall zögerlich gegenüber dieser Aktion und verwies darauf, Körpererziehung sei nur ein Teil der Aktivitäten des Klubs, den er etwa auf 10 % sämtlicher Tätigkeit schätzte. Einer Zusammenarbeit stimmte er schließlich zu.14 Am 25. Juni 1946 fand eine Sitzung des vorbereitenden Ausschusses 13 NA, Fond KČST, K. 7, Jednatelská zpráva 1946. 14 NA, Fond KČST, K. 32, Zápisy předsednictva a ústředního výboru 1945–1946, Zápis z 15.schůze předsednictva 16. 4. 1946. 80 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS des ČTS statt, die die weitere Entwicklung stark beeinflusste. Der vorbereitende Ausschuss einigte sich auf vier grundlegende Elemente der Körpererziehung. Eines von ihnen war neben Turnbewegung, Sport und der Scoutbewegung auch das Wandern. Der KČT verwahrte sich zwar gegenüber diesem Schluss, letztlich aber siegte die pragmatische Herangehensweise unter Verweis darauf, würde der KČT die Verhandlungen der neuen Organisation boykottieren, bekäme er keine Informationen mehr darüber, was man vorbereitete. Der Aufbau des ČTS selbst wurde von Streits mit den Vertretern der slowakischen Organisationen gebremst, die zur Folge hatten, dass die konstituierende Versammlung von September 1946 auf November 1946 verlegt wurde.15 Die ČOT wiederum begrüßte begeistert die Eingliederung in die Turnbewegung und brachte sich aktiv in die vorbereitenden Arbeiten ein. Der Einigungsprozess kam sehr langsam voran, was die Erwartungen nicht erfüllte. Die Wanderbewegung hatte jedoch in der Zeit der Dritten tschechoslowakischen Republik nicht nur mit Einigungstendenzen im Bereich der Turnbewegung, sondern auch im Bereich Tourismus zu kämpfen. Ústřední svaz pro cizinecký ruch (Zentralverband für Fremdenverkehr),16 der bestrebt war, seine Existenz aufrechtzuerhalten, kam mit dem Vorschlag, eine Tschechoslowakische Zentrale für Tourismus (Československé ústředí cestovního ruchu) zu schaffen. Dieser Vorschlag wurde vom Ministerium für Binnenhandel unterstützt, das auch das Gerüst für den Gesetzesvorschlag zum Tourismus vorbereitete.17 Der KČT lehnte auch seine Eingliederung in die einheitliche Organisation für Tourismus ab und bestand weiterhin auf der Eigenart des Wanderns.18 Die Entscheidung über den Charakter des Wanderns hatte jedoch wesentliche praktische Auswirkungen, und war bezüglich der Kompetenzen, zu welchem Ministerium das Wandern gehören würde. Nach der Okkupation kam es zu einer Rückkehr zur Konzeption aus der Zwischenkriegszeit, wonach die Wanderbewegung in die Kompetenz des Ministeriums für Binnenhandel falle, ebenso wie der Tourismus. Körpererziehung und Sport jedoch fielen in den Wirkungsbereich des Ministeriums für Schulwesen. Im Jahre 1945 wurde jedoch im Rahmen des Ministeriums für Schulwesen eine Abteilung für Wandern und die Scoutbewegung eingerichtet. Ausschlaggebend hierbei waren auch die politische Zugehörigkeit des Ministers und das gegenseitige politische Ringen unter den Ministerien. Die ČOT kam bereits Ende 1945 mit dem Plan für eine Reorganisation der Wanderbewegung und ihrer organisatorischen Eingliederung. Der nicht realisierte Vorschlag ging von der Entstehung dreier Organisationen aus: 15 NA, Fond KČST, k. 32, Zápisy předsednictva a ústředního výboru 1946–1947, Zápis ze 2.schůze předsednictva 26. 6. 1946. 16 Zum Tätigkeit des Verbandes für Fremdenverkehrs: Jan Štemberk, K organizaci a činnosti Ústředního svazu pro cizinecký ruch. In: Jan Štemberk — Miroslava Manová a kol., Historie a cestovní ruch, perspektivní a podnětné spojení. Pocta profesoru Vratislavu Čapkovi k 85. narozeninám, Prag 2008, S. 277–289. 17 Es handelst sich um einen Vorschlag, der nicht verabschiedet wurde. 18 NA, Fond KČST, K. 32, Zápisy předsednictva a ústředního výboru 1946–1947, Zápis ze 17.schůze předsednictva 16. 10. 1946. Jan ŠtEMbErk 81 OPEN ACCESS 1) Zentralverband der tschechoslowakischen Touristik (Ústřední svaz česko slo venské turistiky), der Wandervereine und weitere Subjekte zusammenfassen sollte, die sich dem Wandern widmeten. Die Zentrale sollte dem Ministerium für Schulwesen unterstellt sein. 2) Zentralverband der einheimischen Fremdenverkehr (Ústřední svaz domácího turistického ruchu), wo Vertreter von Wandervereinen, Ausflugsorten, Verschönerungsvereinen, Reisebüros, Gastwirten usw. sitzen sollen. Dieser Verband würde in die Kompetenz des Ministeriums für Binnenhandel fallen. 3) Zentralverband für Ausländertourismus (Ústřední svaz cizineckého ruchu), der sich um die Werbung und Organisation des Fremdenverkehrs und die Werbung für die Tschechoslowakei im Ausland kümmern und der dem Ministerium für Außenhandel unterstehen würde. Unter den Nachkriegsbedingungen erweckte dieser Vorschlag keine besondere Aufmerksamkeit. Er zeigte jedoch das Bemühen der ČOT, die Wanderbewegung aus dem Fremdenverkehr auszugliedern und diese Aktivitäten gleichzeitig in den Wirkungsbereich mehrerer Ressorts zu splitten, was mit den Erfahrungen aus der Zwischenkriegszeit zur Folge haben konnte, dass gar keine Probleme gelöst wurden. In den ersten Nachkriegsjahren war die Situation um die tschechische Wanderbewegung herum immer komplizierter und unübersichtlicher. Der KČT als stärkste Wanderorganisation verteidigte den besonderen Charakter des Wanderns und ihre bisherige Vorgehensweise bei dessen Förderung. Er wehrte sich gegen Veränderungen des über Jahre herausgebildeten Zustands und nahm an, er werde, so wie er die Turbulenzen der deutschen Okkupation überstanden hatte, auch die Nachkriegszeit schneller Veränderungen überstehen. Den Prozess des Zusammenschlusses der Wandervereine begrüßte er mit der Vorstellung, die übrigen touristischen Vereine würden mit dem KČT verschmelzen, und eigentlich werden sich nichts ändern, die Bezeichnung bliebe erhalten, und höchstens würden einige neue regionale Gruppen entstehen, wo Mitglieder der angeschlossenen Vereine eintreten würden. Genau nach diesem Muster lief der Zusammenschluss mit dem Wanderverein „Čeřínek“ Jihlava Anfang 1946. Weitere Verhandlungen bezüglich eines Zusammenschlusses gerieten jedoch ins Stocken. Die hoffnungsvoll aussehenden Verhandlungen mit der PJR, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, verkomplizierten sich nach der Gewährung eines Darlehens vonseiten des KČT im Herbst 1946 erneut. Ein Kapitel für sich waren die Verhandlungen mit der ČOT, die schon am Namen der neuen Organisation Anstoß nahmen, als die ČOT rasant ablehnte, dass die Bezeichnung KČT erhalten blieb, und der KČT lehnte einen anderen Namen ab, wobei er auf die Tradition desselben verwies.19 Diese Spannungen widerspiegelten sich auch bei der Herausgabe des gemeinsamen Wanderperiodikums unter der Bezeichnung Turistické noviny. Die erste Nummer erschien im Frühjahr 1945 als gemeinsames Periodikum von KČT, ČOT und PJR und strotzte vor Optimismus bezüglich einer weiteren Zusammenarbeit. Anfang 1946 traten die Schwierigkeiten bei der Herausgabe immer 19 NA, Fond KČST, K. 7, Jednatelská zpráva 1946; Vladimír Stáňa, Vývoj turistických spolků — Československá obec turistická, Diplomarbeit Handelshochschule Prag 2009. 82 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS mehr zutage, sowohl inhaltlich als auch finanziell. Das gesamte Projekt die Touristische Zeitung (Turistické noviny) endete so schon 1946 nach einem Jahr ihres Erscheinens. Kamen zu diesen Argumenten noch persönliche Aversionen und gegenseitige Anfeindungen in der Presse hinzu, dann zeigte sich klar, dass die Möglichkeit eines freiwilligen Zusammenschlusses unrealistisch war. Der KČT betrachtete sich innerlich als Anführer der tschechischen Wanderbewegung und im Grund einzigen Partner für eine Zusammenarbeit mit den slowakischen Wanderern und dem Ausland. In der Slowakei bildete sich im Herbst 1938 ein etwas anderes Modell heraus, das das Wandern und das Skifahren zu einer Organisation vereinigte. Im tschechischen Umfeld gelang es nicht, eine ähnliche Verflechtung zu erreichen. Die tschechische und die slowakische Wanderbewegung waren somit seit 1938 geteilt. Nach 1945 war es jedoch erneut notwendig, eine Zusammenarbeit aufzunehmen. Eine neuerliche Verbindung von tschechischen und slowakischen Wanderern zu einer Organisation war unter Berücksichtigung der Interessen der Slowaken nicht möglich. Die Verhandlungen bewegten sich in eine Richtung, wo eine tschechoslowakische Wanderorganisation geschaffen würde, die die zwei nationalen (die tschechische und die slowakische) Wanderorganisationen zusammenschloss. Ihre Hauptaufgaben sollten die Koordination des Vorgehens in Fragen des Wanderns und die Zusammenarbeit bei ihrer Entwicklung sein. Im Einklang mit den slowakischen Kollegen entstand die Idee von der Gründung eines Klubs der tschechoslowakischen Wanderer und Skifahrer, der den KSTL und die einzelnen tschechischen Wanderund Skivereine zusammenfassen würde. Für die tschechische Seite trat jedoch der KČT aktiv auf, der auf seiner Mitgliederversammlung am 8. Dezember 1945 die Änderung seines Namens in Klub tschechischer Touristen und Skifahrer (Klub českých turistů a lyžařů) beschlossen hatte, ohne dass es zu einem Zusammenschluss mit dem Verband der Skifahrer (Svaz lyžařů) gekommen war.20 Diese Namensänderung stieß jedoch auf den Widerstand vonseiten des Ministeriums für Schulwesen und des Ministeriums für nationale Verteidigung, die sich gegen das Anhängsel „Skifahrer“ aussprachen. Zu einer Änderung der Satzung und somit auch des Namens kam es trotz wiederholter Urgenzen beim Innenministerium nicht.21 In ähnlicher Form wurde auch die Satzung der gesamtstaatlichen Organisation mit der Bezeichnung Klub der tschechoslowakischen Touristen (Klub československých turistů) registriert. Darin zeigte sich deutlich der Unwillen des Ministeriums für Schulwesen, die Position des KČT im Rahmen der Wanderbewegung zu stärken. Wesentliche Veränderungen brachte die Machtergreifung der Kommunisten im Februar und März 1948. Die bisherigen Verhandlungen über einen Zusammenschluss der Wandervereine und die Diskussionen über den Charakter des Wanderns verloren mit Rücksicht auf die politischen Veränderungen ihre Bedeutung. Nach der Entscheidung des Zentralen Aktionsausschusses der Nationalen Front (Ústřední akční výbor Národní fronty) vom 27. Februar 1948 sollte sämtliche Körpererziehung im Turnverein Sokol zusammengeschlossen werden. Das Wandern wurde als Disziplin der Körper20 NA, Fond KČST, K. 32, Zápis ze schůze předsednictva Klubu českých turistů a lyžařů 18. 12. 1945. 21 NA, Fond KČST, K. 32, Zápis z 16 schůze předsednictva KČT 7. 5. 1946.