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Fünf Entscheidungen für eine synoptische Literaturgeschichte der böhmischen Länder im langen 19. Jahrhundert

Smyčka, Václav,Budňák, Jan,Futtera, Ladislav,Turek, Matouš,Němec, Mirek,Petrbok, Václav

Abstract

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Full text

Fünf Entscheidungen für eine synoptische Literaturgeschichte der böhmischen Länder im langen 19. Jahrhundert Václav Smyčka unter Mitarbeit von Jan Budňák, Ladislav Futtera, Matouš Turek, Mirek Němec, Václav Petrbok– Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik ERSTE ENTSCHEIDUNG: WARUM UND WOZU EINE NARRATIVE LITERATURGESCHICHTE SCHREIBEN? Literaturgeschichte mit einem holistischen Anspruch und narrativer Struktur stellt unstreitig ein konservatives und umstrittenes Genre der Literaturwissenschaft dar. Die Schwierigkeiten hat unlängst Manfred Weinberg im Anschluss an Jochen Vogt zusammengefasst. Er betonte die Unmöglichkeit der Literaturgeschichten, ihren Gegenstand zu überblicken und die Fragwürdigkeit der Gattungen und Epochen als Beschreibungskategorien (Weinberg 2019: 84). Dazu kann man noch weitere Gründe hinzufügen. Damit die Literaturgeschichten die Komplexitätsreduktion ihres Ma‑ terials durchführen und die Geschichte als eine kohärente und sinnhafte Einheit darstellen können, bedienen sie sich (oft unreflektiert) narrativer Schemen, die der literarischen Tradition entlehnt werden (White 1973). Eine Auflösung der Master‑ narrative und ihre Zerlegung etwa in chronologisch oder alphabetisch geordnete Artikel hilft aber auch nicht, da selbst einzelne Begriffe und Topoi die alten Master‑ narrative implizieren (Koschorke 2012: 267–269). Auch die Privilegierung der ‚schönen Literatur‘ etwa gegenüber anderen Texten oder visuellen Medien kann heutzutage suspekt erscheinen. Schließlich ist es die nationalphilologische Prägung, die eine ‚Grundideologie‘ der Literaturgeschichte seit ihrer Neuetablierung in der Vormärzzeit bildet, was dieses Genre belastet. Auch eine komparatistische Multiplizierung der nationalen Perspektiven hilft nicht viel, da sie die nationalphilologische Ideologie eben nur vervielfacht, kaum aber bei Seite legt (Holý 2009: 778). Doch gerade die Literaturgeschichten, und zwar oft in ihrer traditionellen, nar‑ rativen und durchaus nationalphilologischen Form, werden an den Mittelschulen unterrichtet und werden von Mittelschullehrern gelesen. Die narrativen Figuren sind oft auch das Wenige, was von dem Fachwissen in die Medien durchdringt und dort zirkuliert. Die Distanz zu holistischen und narrativ strukturierten Gattungen der Literaturgeschichte zeugt zwar von der interpretatorischen Zurückhaltung, sie läuft aber Gefahr, dass damit auch die orientierende Funktion der Humanwissenschaften verloren geht. Wenn nämlich keine zu der kulturellen Heterogenität offenen und zugleich narrativ ‚sinngebenden‘ Literaturgeschichten angeboten werden, werden diese Funktion der historischen Masternarrative weiterhin andere, strikt national gerahmte Narrative ausüben. 124 BRÜCKEN 28/1 Dies ist vor allem für solche Bereiche der Literaturwissenschaft von Gewicht wie die seit einigen Jahrzehnten sich erneuernde germanobohemistische Forschung. Sie kann zwar eine lange Reihe glänzender Arbeiten und ein relativ reges Konferenzleben aufweisen, die Form einer narrativen Synthese ist darunter aber selten. Das neue Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder und seine geplante tschechische Übersetzung legt eine perfekte Grundlage dafür, es reicht aber selbst noch nicht, da es sich, wie Manfred Weinberg bemerkt, eben nur um ein Handbuch handelt (Weinberg 2019: 86), also keine narrativ strukturierte Gattung, überdies ein primär auf deutsch geschriebene Literatur und die Germanistik ausgerichtetes Handbuch. 1 Es ist eine reiche Quelle der Belehrung für die Studenten des Faches, ihre Auswirkung auf die bewährten nationalen Masternarrative ist aber sehr begrenzt. Das sind die Gründe, die das germanobohemistische Team des Institutes für tschechische Literatur der tschechischen Akademie der Wissenschaften zum Ent‑ schluss bewogen haben, eine ‚kurze‘ (aus einleuchtenden Gründen einbändige) Literaturgeschichte des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts (etwa 1770–1920) zu schreiben, die die Entwicklung tschechisch und deutsch geschriebenen (evtl. jüdischen) Literatur auf dem Gebiet der böhmischen Länder darstellen würde. Eine solche Literaturge‑ schichte sollte den Studierenden und Lehrenden sowie der breiteren Öffentlichkeit die Möglichkeit anbieten, die Literaturgeschichte in den böhmischen Ländern jen‑ seits der primär germanistischen oder bohemistischen Fokussierung darzustellen. Sie sollte nicht nur die nationalen Masternarrative relativieren, sondern auch eine positive Alternative zu ihnen anbieten. Die pragmatische Fokussierung einer solchen Literaturgeschichte signalisiert schon, dass das Ziel nicht eine flächendeckende materielle Überbietung der bisherigen Forschung sein soll (dazu würde sicher ein Band nicht genügen), sondern eher eine Synthetisierung der bohemistischen und germanistischen Blickwinkel. Doch dies ist sicher nicht als bloße Zusammenfügung der bisherigen Arbeit denkbar. Solch eine synthetische Literaturgeschichte erfordert sowohl neue Fallanalysen als auch konzeptionelle Arbeit. Dieser Versuch ist ein Ex‑ periment, das auf ein weites und bisher wenig bewandertes Feld führt. Wir befinden uns gerade mitten in der Vorbereitungsphase, in der wir mehrere Entscheidungen treffen müssen. Der hier vorgelegte Forschungsbericht soll zur Dokumentation dieses Experiments dienen. ZWEITE ENTSCHEIDUNG: LITERATURGESCHICHTE DER INTERKULTURALITÄT ODER INTERKULTURELLE LITERATURGESCHICHTE? Bei der Konferenz Wie kann man eine transkulturelle Literaturgeschichte schreiben?, die 2018 stattgefunden hat, hat Jan K. Hon die Frage gestellt, ob wir eine Literatur‑ geschichte der Transkulturalität oder transkulturelle Literaturgeschichte schreiben wollen. Im ersten Fall würde der Fokus auf den Kontakten der deutsch und tschechisch geschriebenen Literatur aus den böhmischen Ländern, auf den ‚Brückenbauern‘ und 1 Die historische Darstellung der Literaturgeschichte wird hier eher formal nach dem „herkömmlichen Prinzip“ der deutschen Literaturgeschichten gegliedert. 125V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK Vermittlungsversuchen oder auf den Abschottungsmechanismen liegen. Im zweiten Fall geht man primär von der Literatur aus, also davon, was der deutsch und tsche‑ chisch geschriebenen Literatur in den böhmischen Ländern gemeinsam ist, und the‑ matisiert die Kontakte ‚zwischen‘ den Nationalliteraturen erst als Bestandteil dieses ‚literarischen Lebens‘. Der erste Ansatz würde die Reduktion des umfangreichen Feldes erleichtern. Doch von Seite der Nationalphilologien würde es sich immer nur noch um die Geschichte der interkulturellen Literatur handeln. Der Vorwurf, es geht hier nur um die Darstellung der ‚Ausnahmen‘ und man übersieht, was eigentlich die ‚normale Literatur‘ ausmacht, würde bald im Raum stehen. Im zweiten Fall wird die Beschränkung eines so weiten Feldes auf einen Band noch reduktiver und in Hinsicht auf die oben angeführten Probleme der Literaturgeschichte riskanter. Ein wichtiger Vorteil der zweiten Variante besteht aber darin, dass die Frage nach dem Verhältnis der tschechischen und deutschen Literatur nicht Apriori das ganze Forschungsfeld prädeterminieren würde. Wir haben uns schließlich für eine Kombination der beiden Ansätze entschieden, indem wir eine transkulturell offene Geschichte der Literatur schreiben, d.h. von der Literatur und Gesellschaft der böhmischen Länder als solcher ausgehen, das Mit‑, Gegen‑, Neben‑ und Ineinanderleben der national konstruierten Kulturen aber in den Fokus stellen. Die Interkulturalität wird hier also eine wichtige Rolle spielen, sie soll aber auf einer breiteren literaturhistorischen Basis stehen. Eine solche Lösung kann zwar als richtige Sophisterei erscheinen, sie hat aber weitreichende Folgen für weitere Entscheidungen, die getroffen werden sollen. DRITTE ENTSCHEIDUNG: WIE IST DIE LITERATURGESCHICHTE DER ‚BÜRGERLICHEN MODERNE‘ ZU KONZIPIEREN? Nun steht man vor der Frage, wie man so eine Literaturgeschichte schreibt. Der Blick in die Vergangenheit bietet uns einige Modelle, die wir etwa mit Hayden White in die romantischen Emanzipationsgeschichten (die meistens nur nebeneinander gestellt werden), in die „tragischen Narrative“, die die gegenseitigen Beleidigungen und Ver‑ mittlungsversuche mit dem Ende in den Katastrophen des 20. Jahrhundert schildern, und in die ironische Darstellungsweise, die trefflich Arnošt Kraus zu entwickeln wusste, teilen können. Doch keinen dieser narrativen Modi finden wir wegen den mit ihnen verbundenen ideologischen Implikationen heutzutage noch brauchbar. Sie gehen eigentlich alle immer noch von der Nation (oder der Nationalliteratur als ihrem vermeintlichen ‚Spiegel‘) aus. Die Entscheidung für eine „transkulturell offene Literaturgeschichte der böhmischen Länder“ erfordert aber eine den Nationalkulturen vorausgehende Basis, einen Horizont, wie Manfred Weinberg bemerkte. In so einem Horizont „kann man instabile Einheiten denken und nur zeitweise gültige Grenzen; man kann Vermischungen wie Verschiebungen beschreiben und Inseln der national‑ kulturellen Vereindeutigung in ihn eintragen“ (Heimböckel/Weinberg 2017: 34). Was soll aber dieser Horizont sein, auf dessen Hintergrund die Entwicklung der Nationalliteraturen im Vordergrund beobachtet werden kann? Der geographische Horizont der böhmischen Länder, der traditionell als Topos der Historiographie der böhmischen Länder angewendet wurde und der in der Tradition von August Sauer aber auch Josef Nadler (1924) oder Josef Mühlberger (1981) fortgetragen wurde, scheint 126 BRÜCKEN 28/1 dazu wenig geeignet.2 Bei der Arbeit an dem Sammelband Wie kann man eine transkul‑ turelle Literaturgeschichte schreiben? sind mehrere Alternativen erschienen. Es wurde beispielweise auf eine basale ‚historische Erfahrung‘ aller Autoren ohne Hinsicht auf ihre Sprache hingewiesen. Es wurde auch auf die Verflechtungsgeschichte der litera‑ rischen Formen, auf die intertextuellen Verbindungen der deutsch und tschechisch geschriebenen Literatur in den böhmischen Ländern aufmerksam gemacht. Schließ‑ lich hat man das Verbindende selbst in der Grenze bzw. im Blickwinkel und ihrer Verschiebung gesucht. So viele Vorteile diese Zugänge anbieten, so viele Nachteile bringen sie auch mit sich: im ersten Fall würde die Betonung der ‚gemeinsamen er‑ fahrenen Geschichte‘ die Literatur bloß auf ihre mimetische Funktion reduzieren. Im zweiten Fall würde man umgekehrt auf die soziale Relevanz der Literatur verzichten müssen. Schließlich der letzte Zugang, der dem „ironischen Modus“ von Hayden White entspricht, kann zwar effizient die nationalphilologischen Auto‑ und Heterostereo‑ type auflösen, er kann aber schwerlich eine narrative Basis der Literaturgeschichte anbieten. Eben diese ‚konservative‘ Form soll aber nicht aufgegeben werden, wenn man eine identitätsstiftende und konkurrenzfähige Literaturgeschichte als Alterna‑ tive zu anderen narrativ konstruierten National(literatur)geschichten aufbauen will. Nach diesen Erwägungen erscheint uns die Rolle der Kunst und der Literatur bei der Entstehung des modernen (verflüssigten, vermeintlich selbstverantwortlichen, und disziplinierten) Subjekts am Übergang vom Ancien Régime zur Massenkultur der Moderne als eine geeignete Basis. Wir meinen damit vor allem die Entstehung der bürgerlichen Kultur mit ihrer charakteristischen Kunstauffassung und regulativen Kategorien (Humanität, Volk, Freiheit) die in der „Hochmoderne“ um 1900 und später während des ersten Weltkrieges in einer Krise des klassischen Bildungsideals, des Humanitätsbegriffes und der Repräsentation mündete. Dieser Ansatz harmoniert mit der heutzutage schon klassischen Nationalismus ‑Forschung, da sowohl Ernst Gellner als auch Eric Hobsbawm betont haben, dass der moderne Nationalismus nur als Ergeb‑ nis dieser Modernisierungsprozesse der Differenzierung‑ und Integrationsprozesse des Bürgertums betrachtet werden muss. Somit wird auch die Epoche als Epoche des Aufstiegs und der Krise des bürgerlichen Subjekts und seiner Kunst im Zeitkontinu‑ um abgesteckt. Sie wird sowohl von der vorhergehenden Epoche unterschieden, in der der Kunst und Belletristik keine spezifische Rolle in dem allgemeinen ‚Schrift‑ tum‘ zugeschrieben wurde und das liberale Konzept des (ästhetisch und politisch) souveränen Bürgers nicht existierte, als auch von der nachfolgenden Epoche, in der der Anspruch dieses (ästhetisch)bürgerlichen Subjekts auf seine Selbstbildung und Selbstverwirklichung radikal erschüttert wurde. So eine Perspektive ermöglicht uns die Nationalliteraturen (und damit auch die traditionellen Konzepte der Literaturgeschichte) als Produkte und Begleitumstände, 2 Diese Beispiele zeigen, dass die geographische Ordnung, die in ein literaturhistorisches Narrativ über‑ tragen werden soll, immer mit anderen eher temporären Schemen verbunden werden muss (wie etwa der Rassentheorie und dem Konzept der Translatio Imperii bei Nadler) oder die Kohärenz sogar bei kürzeren Epochendarstellungen einbüßen muss (etwa im Falle der Geschichte der deutschen Litera‑ tur in Böhmen 1900–1939 von Mühlberger). Noch schwieriger anwendbar scheint die geographische Ordnung für die tschechische Literatur, die im Vergleich zu der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder (mit mehreren Kulturzentren) weniger regional differenziert ist. Doch auch einige Projekte in dieser Richtung werden heutzutage im Zentrum der regionalen Studien an der Universität Ostrava durchgeführt. 127V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK nicht aber als Ausgangspunkte dieser Prozesse zu betrachten. Die Konflikte, Diffe‑ renzierungen oder Mitarbeit der Nationalkulturen werden so nicht als eine metho‑ dologische Annahme vorausgesetzt, sondern erst im Prozess der Entwicklung des bürgerlichen Subjekts als ihr Ergebnis und Begleitungsumstand betrachtet. Damit werden die nationalen Masternarrative nicht ganz ausgeschlossen (so wie etwa die marxistische Klassenmechanik), sondern eher mit in die Geschichte aufgenommen, gerahmt und dadurch in ihrer Geltung eingeschränkt. Dieser Ansatz wird uns auch helfen sich mit den unterschiedlichen Stilepochen‑ bezeichnungen und ihrer Periodisierung auseinanderzusetzen, auf deren Inkompa‑ tibilität letztens Ladislav Futtera in dem Sammelband Wie schreibt man transkulturelle Literaturgeschichte aufmerksam gemacht hat (Futtera 2019: 146–147). Während die Gliederungen in Stilepochen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Klassik, Romantik etc. in der deutschen Literaturgeschichte (beispielhaft bei Frenzel 1972), Barock, theresianische und josephinische Zeit, Biedermaier etc. in der österreichi‑ schen Literaturgeschichte (beispielhaft bei Krieglederetal. 2014) und obrození [Wie‑ dergeburt], vlastenecký asubjektivní romantismus [patriotischer und subjektiver Romantismus], májovci [Máj ‑Kreis] etc. in der tschechischen Literaturgeschichte (Haman 2007) relativ unbefangen als Ordnungsprinzip verwendet werden, muss die Literaturgeschichte der böhmischen Länder auf die Selbstverständlichkeit die‑ ser eingeübten Stilepochen verzichten. Das heißt nicht, dass sie unbeachtet bleiben, sondern lediglich, dass sie nicht als tradiertes Ordnungsprinzip und Ausgangspunkt der Forschung verwendet werden können. Dies stellt aber auch eine Chance dar, die Stilwandlungen (sowie etwa Gattungsgeschichten) differenzierter, wenn auch weniger systematisch zu betrachten, als es unlängst Dalibor Tureček und sein Team vorgeführt hat (Tureček 2019). Trotz der Betonung der soziologischen und anthropologischen Basis sollte hier also die Literatur sicher nicht als bloßer ‚Spiegel‘ der sozialen Prozesse betrachtet werden. Das Buch sollte auch keine ‚Sozialgeschichte der Literatur‘ werden, die etwa die Daten über die Institutionen des literarischen Marktes ins Zentrum stellen würde. Es wird vielmehr im Sinne des New Historicism darum gehen, die Texte als spezifische Kno‑ tenpunkte der kulturellen Kontexte aufzufassen und die darin aufgeladenen „sozialen Energien“ zu entfalten, wie Marek Nekula unlängst vorgeschlagen hat (Nekula 2019: 69). Die Gattungen, Poetiken und Schwellen der Stilepochen können dabei stellenweise eine zentrale Stellung gewinnen, etwa dort, wo es zu ihrer markanten Transformation kommt, die auf eine veränderte Funktion der Literatur und des bürgerlichen Subjekts hinweist, wie noch unten gezeigt wird. Sie werden nur nicht als eine flächendeckende Matrize der Narration verwendet. VIERTE ENTSCHEIDUNG: AUF WELCHE MODELLE KANN SICH DIE LITERATURGESCHICHTE STÜTZEN? Wir gehen von den Konzeptionen des bürgerlichen Subjekts aus, die an der Schnitt‑ stelle der sozial‑ und kulturwissenschaftlichen Perspektive stehen, hauptsäch‑ lich von den Arbeiten von Bedřich Loewenstein (1995), Andreas Reckwitz (2006) und Siegfried J. Schmidt (1989). Mit Loewenstein, der auf die Thesen von Sigmund Freud, Reinhard Koselleck und Norbert Elias zurückgreift, verstehen wir ‚bürger‑ 128 BRÜCKEN 28/1 liche Kultur‘ als ein Modernisierungsprogramm, das auf der Selbstdisziplinierung, aber auch Sublimierung der Selbstverwirklichungskonzepten beruht und überdies zur pragmatischen Abgrenzung gegenüber der Adelskultur und dem ‚Pöbel‘ dient. Dieses Programm wird nicht unbedingt auf ökonomische Determinierung begrenzt, sondern eher als Set von Subjektmodellen aufgefasst, die durch bestimmte Subjekt‑ praktiken angeeignet werden, wie dies anschaulich Andreas Reckwitz in Das hybride Subjekt (2006) gezeigt hat. Auch Reckwitz versteht die bürgerliche Subjektivität nicht als eine homogene Identität, sondern als eine widersprüchliche (hybride) Kombi‑ nation unterschiedlicher „Subjektcodes“, die im Subjekt bestimmte Friktionen und Instabilitäten implantieren: die Differenz zwischen methodischer Selbstdisziplinierung und emotionaler Sen‑ sibilisierung; der Gegensatz zwischen der Ontologie und einer geschlossenen‑ ‑balanzierten, maßvollen Lebensform und jenen unberechenbaren Risiken– des Marktes, des Gefühls, der kognitiv ‑imaginativen Reflexivität –, welche die bürger‑ lichen Praktiken selbst hervorbringen; zwischen einer minutiösen Selbstbeobach‑ tung des Ichs und einer grundsätzlichen kulturellen Abwertung des „supplementä‑ ren“ Individuellen zugunsten des essentiellen ‚Allgemeinen‘. (Reckwitz 2006: 105) Das „romantische Subjekt“ (sowie etwa das „dekadente“) bildet dann keinen Gegen‑ satz zu dem „bürgerlichen Subjekt“, sondern nur eine spezifische Form, in der die Widersprüche des modernen Subjekts zugunsten der ästhetischen und expressiven Lebensform ausgeschlagen werden.3 Der Literatur kommt in diesem Modell neben anderen traditionellen Funktionen4 auch die Rolle einer Subjektpraxis zu. Die Ver‑ flüssigung des Subjekts in der Kunst (beispielsweise im Prozess des Erzählens und Überwindung der narrativ kodierten gesellschaftlichen Normen) verhilft der sozialen Mobilisierung des Individuums. Sie lässt sich überdies mit Siegfried J. Schmidt (und im Anschluss an Niklas Luhmann) als „versuchte Überwindung der funktionalen Dif‑ ferenzierung und ihrer Folgeschäden für das Subjekt und „bürgerliche Gesellschaft“ (Schmidt 1989: 418) begreifen. Die distinktive (Subjektivierung) und integrative (Ordnungsstiftung und Über‑ windung der funktionalen Differenzierung) Funktion der Literatur entspricht der Komplementarität der subjektivierenden und rationalisierenden Tendenzen der bürgerlichen Subjektivität. Dieser Spannung in dem bürgerlichen Subjekt entspricht auch die widersprüchliche Rolle der Nationalliteratur bei der Transformation der feu‑ dalen in die bürgerliche Gesellschaft. Die Autonomisierung der Kunst und des Kunst‑ begriffs (sei es unter der Bezugnahme auf die vermeintliche Konstante des Volkes, oder im Rahmen der herbartischen Formalästhetik) ist analogisch zur Annahme der politischen Emanzipation der Bürger in der postrevolutionären Ära (beispielsweise durch Privatisierung des Rechtes im Allgemeinen bürgerlichen Gesetztbuch, Fillafer 2020). Doch beides ist immer nur unter der Bedingung der Selbstdisziplinierung und „positiven“ Bezugnahme zu kollektiven Koordinaten möglich. Die moderne Subjekt‑ 3 „Das bürgerliche und das romantische Subjekt stellen sich als zwei opponierende Modelle eines em‑ phatisch ‚modernen‘ Subjekts.“ (Reckwitz 2006: 106) 4 Etwa im Sinne von Jan Mukařovský (2000), der die praktische, theoretische, symbolische und ästhe‑ tische Funktion unterscheidet. 129V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK bildung trägt also einen doppelten, ja widersprüchlichen Charakter.5 Wenn auch diese widersprüchliche Entwicklung des (politischen und ästhetischen) Subjekts ähnlich wie in den protestantischen Regionen Deutschlands verläuft, setzt sie selbstverständ‑ lich in den böhmischen Ländern spezifische Akzente. Diese der Moderne inhärente Widersprüchlichkeit wirkt sich auch in der Pro‑ blematik des Nationalismus und in der Rolle der Nationalliteratur aus. Es geht hier einerseits um Individualisierung und Auflösung der vehikularen zugunsten der vernakularen Sprachen (seit 1770er Jahren Deutsch, seit Anfang des 19. Jahrhundert Tschechisch) andererseits um die Disziplinierung der Leser und Autoren, die sich in den Dienst der Nationalkultur (bzw. dem Landespatriotismus oder der Staatsidee) stellen. Analog zu der Literatur maßt sich auch die Nationalkultur ein paradoxes Ziel an, die Krisenerscheinungen der funktionalen Differenzierung und der Globali‑ sierung zu kompensieren, indem sie die Solidarität quer zu der stratifikatorischen Differenzierung hervorruft und dadurch die funktionale Differenzierung forttreibt. Zwischen der Nationalisierung der Kultur und der Autonomisierung der Kunst ent‑ steht also eine Koalition, die die bestehenden Modernisierungsprozesse vorantreibt, die aber höchst unterschiedlich gestaltet werden. Eine solche Koalition wirkt sich am auffallendsten in dem Kult der Folklore im 19. Jahrhundert aus. Dabei wird auch der kultursemiotische Ansatz von Vladimír Macura hilfreich, der die kompensatorische Funktion und den totalisierenden Anspruch der romantischen Kunst in der tschechischen Literatur unter dem Begriff ‚Synkretismus‘ beschrieben hat. Das Abschotten und Schließen der Nationalkulturen und Literaturen, die durch‑ aus international geprägt sind, lässt sich wieder am besten mit dem Konzept des Über‑ setzungscharakters von Macura beschreiben, der an die kultursemiotischen Thesen von Jurij Lotman anschließt. Um die Desintegrationsprozesse in der tschechisch und deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder um 1900 beschreiben und die Krise der bürgerlichen Subjektivität darstellen zu können, möchten wir ansatz‑ weise auch mit dem Konzept des ‚literarischen Feldes‘ von Bourdieu arbeiten. Die Beschreibung der potentiellen Positionen des literarischen Feldes wird uns helfen, die eher ‚offenen‘ Zonen, wo die Mitarbeit zwischen den Autoren unterschiedlicher Sprachen möglich war, und tendenziell abgeschotteten Zonen, wo sich das Verhält‑ nis eher in der Negation und Latenz auswirkte, zu charakterisieren. Sie wird uns ebenso zeigen, welche Positionen im literarischen Feld, wann und in welcher Spra‑ che einfacher realisierbar waren und welche im bestimmten Umfeld auf die Limite ihrer Stellung im Feld gestoßen haben. Dieser Ansatz ist mit den vorher erwähnten Konzepten von Reckwitz und Schmidt durchaus kompatibel, da er die Autonomisie‑ rungsprozesse und Integrationsprozesse in der Literatur als gegenseitig abhängige Prozesse und Positionen darstellt. Hier kann man auch auf weitere Konzepte der Krise des bürgerlichen Subjekts um 1900 anschließen, die (so wie Reckwitz) auf der Grundlage der foucaultischen Subjektauffassung beruhen, beispielweise Friedrich Kittlers Darstellung des ‚Aufschreibesystems 1900‘, in der er die Krise der Sprache und des bürgerlichen Subjekts als eine technisch bedingte Auflösung der literarischen Subjektpraktiken beschrieben hat. 5 Zu diesem Paradox der Konstitution des modernen Subjekts um 1800 siehe die Überlegungen von Benjamin Marius Schmidt (2001: 175–179). 130 BRÜCKEN 28/1 Es geht schließlich darum, wie Reckwitz betonte, die beiden Masternarrative der Moderne gelten zu lassen, die einmal die Geschichte des modernen Subjekts als eine Emanzipationsgeschichte, andersmal als eine Disziplinierungsgeschichte und Unterwerfung des modernen Subjekts unter die Strukturen der (nationalen) Kultur erzählen. Oder in den Kontext der Nationalliteraturgeschichtsschreibung überführt: Es geht darum sowohl die emanzipierenden als auch disziplinierenden Tendenzen in der Differenzierung der bildungsbürgerlichen und nationalen Literatur aufzuzeigen. Die beiden Narrative lassen sich als zwei Blickpunkte gegeneinander ausspielen und miteinander verknüpfen, was in Begriffen von Hayden White heißt, den romanti‑ schen Modus mit dem tragischen zu verknüpfen. Dies gilt sowohl für die Analyse der Entstehung der Nationalliteraturen als auch für die sie rahmenden Modernisie‑ rungsprozesse. Eine solche reflektierte Kombination gegensätzlicher narrativer Modi kann schließlich auch als eine ironische ‚Verschiebung‘ der Perspektiven verstanden werden. FÜNFTE ENTSCHEIDUNG: WIE IST SO EINE LITERATUR‑ GESCHICHTE ZU STRUKTURIEREN? Aus der oben begründeten Präferenz einer narrativen Struktur des Buchs folgt, dass sein Aufbau überwiegend chronologisch sein sollte. Doch die Begrenzung auf einen Band erfordert, dass die Darstellung aus keiner lückenlosen und kontinuierlichen Erzählung bestehen würde, sondern dass sie um bestimmte und selbstverständlich selektive ‚Knotenpunkte‘ konzentriert wird. Die Knotenpunkte müssen verschiedene Aspekte der zentralen Problematik des Aufstiegs und der Krise der bürgerlichen Kunst und Subjektivität entfalten. So, wie der modernistische Masternarrativ von einem gemeinsamen soziokulturellen Horizont ausgeht, sollen auch die einzelnen Knoten‑ punkte jeweils von einem Aspekt dieses Prozesses ausgehen, ihn aber in der unter‑ schiedlichen sprachlichen und kulturellen Gestaltung der Literatur der böhmischen Länder verfolgen. Man erzielt damit, dass in jedem Kapitel sowohl die allgemeine Problematik als auch der detaillierte Blick auf unterschiedliche (Sprach)Milieus und ihre Interaktion erfasst werden. So kann etwa der Aufstieg der Dorfprosa nicht nur die Entwicklung der bestimmten Gattungen und der protorealistischen Schreibweise, sondern auch die nationale Markierung des Raumes, die Disziplinierung der ländli‑ chen Bevölkerung und ‚Othering‘ der ‚Störer‘ der ländlichen ‚Ordnung‘ thematisieren. Das Kapitel über den Aufbau der neuen Theatergebäuden in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bietet zugleich die Möglichkeit an, die Selbstrepräsentation der bürgerlichen Gesellschaft der liberalen Ära zu beschreiben und die Szenarien des „Self ‑made man“ in der Dramatik der Zeit vorzustellen. Beim Einhalten dieser Struktur können sich dann die Knotenpunkte um primär ästhetische Phänomene (etwa Byronismus und subjektive Romantik der 1830er Jahre, Etablierung der realistischen Schreibweise in der Reiseprosa der 1850er und 1860er oder Symbolismus und Sprachkrise) um vorwiegend sozio ‑historische Erscheinungen (etwa Gründung der Literatur‑ und Kulturvereine in den 1860er Jahren oder Rolle der Philologen, Kritiker und Intellektuellen am Ende des Jahrhunderts) oder eher um literaturanthropologische Themen (Entstehen der Phantastik im späten 18. und 19. Jahrhundert, Dekadenz und Subjektkrise) konzentrieren. 131V. SMYČKA, J. BUDŇÁK, L. FUTTERA, M. TUREK, M. NĚMEC, V. PETRBOK Ein solcher Ansatz ist sicher riskant, da er einerseits die Gefahr läuft, die Komplexi‑ tät der literarischen Kommunikation über das modernistische (wenn auch durchaus widersprüchliche oder besser ‚kontrapunktische‘) Masternarrativ zu stülpen, an‑ dererseits droht es bei einer allzu offenen Verbindung der einzelnen Knotenpunkte den Faden bzw. die Fäden zu verlieren. Ob die Wahl der Knotenpunkte und die damit verbundene Selektion plausibel erscheinen wird, hängt von der Plausibilität des im Hintergrund stehenden Masternarratives, von der Kohärenz der um die Knoten‑ punkte konzentrierten Mikronarrative, aber auch von der Eignung dieser Knoten‑ punkte, unterschiedliche Probleme und ebenen der literarischen Kommunikation zu verknüpfen und dadurch die Komplexität zu gewinnen, ab. Die Ergebnisse dieser Bestrebungen und der hier beschriebenen Entscheidungen wollen wir bis 2025 der Öffentlichkeit vorlegen. LITERATUR Bourdieu, Pierre (1999): Die Regeln der Kunst. 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