Deutsche Nomina Instrumenti auf -er als Beispiel für Wortbildungskonvergenzen und -divergenzen zwischen dem Deutschen und Tschechischen
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Deutsche Nomina Instrumenti auf -er als Beispiel für Wortbildungskonvergenzen und -divergenzen zwischen dem Deutschen und Tschechischen Sarah Dobiášová— Tomáš Káňa (Univerzita obrany, Brno— Masarykova univerzita, Brno) ABSTRACT The aim of the article is to examine the most frequent nomina instrumenti (NI) ending in -er in German and their Czech equivalents, in order to reveal similarities and differences in the ways NI are formed in both languages. To present arepresentative and realistic picture of the German-Czech interlingual relations, authentic language material extracted from the parallel language corpus InterCorp was used in the analysis. First, the most frequent NI ending in -er were separated from other homonymous denominations, and then the study focused on their Czech counterparts. The results show that most equivalents of German masculine NI ending in -er are also derivatives in Czech, but the dispersion goes across all three genders. It was concluded that the Czech equivalents of the German nomina instrumenti ending in -er are very often derived by means of various suffixes, with the most frequent being the suffixes -čfor masculine nouns, -(č)ka for feminine nouns and -tko for neuter nouns. Additionally, the article shows that similarities and differences between the two languages in this field can also be traced back to the morphological type of the two languages. KEYWORDS contrastive word-formation, corpus analysis, InterCorp, nomina agentis, nomina instrumenti ABSTRAKT Dieser Artikel untersucht die häufigsten deutsche Nomina Instrumenti (NI) auf -er und ihre tschechischen Äquivalente mit dem Ziel, die Ähnlichkeiten und Unterschiede in diesem sprachlichen Segment aufzuzeigen. Um eine möglichst repräsentative und realitätsnahe Darstellung der zwischensprachlichen Verhältnisse der untersuchten Benennungsgruppe präsentieren zu können, wurden für die Analyse ausschließlich Daten aus authentischem Sprachmaterial des allgemeinen Sprachgebrauchs, gewonnen mithilfe des Parallelkorpus InterCorp, verwendet. Es werden zuerst die häufigsten deutschen NI mit dem Suffix -er von homonymen Benennungen abgegrenzt, danach konzentriert sich die Untersuchung auf die tschechischen Pendants. Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten tschechischen Pendants ebenfalls Derivate sind, die Streuung geht jedoch über alle drei Genera. Es lässt sich festhalten, dass dem deutschen Suffix -er zur Bildung von NI im Tschechischen am häufigsten ein Suffix mit -č für maskuline Nomina, -(č)ka für feminine Nomina und –tko für neutrale Nomina entspricht. Darüber hinaus wird belegt, dass hier auch Übereinstimmungen und Differenzen, die auf den morphologischen Typus beider Sprachen zurückzuführen sind, deutlich werden. SCHLÜSSELWÖRTER InterCorp, kontrastive Wortbildung, Korpusanalyse, Nomina Agentis, Nomina Instrumenti DOI https://doi.org/10.14712/18059635.2023.1.2 OPEN ACCESS
46 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 1 EINLEITUNG Nomina Instrumenti (Geräteund Werkzeugbezeichnungen) bilden sowohl im Deutschen als auch im Tschechischen von ihrer Struktur her eine heterogene Gruppe. In beiden Sprachen können Geräte, Werkzeugbezeichnungen und Mittel einer Tätigkeit durch unterschiedliche Wortbildungsmuster gebildet werden. In diesem Artikel wird jedoch eine homogene Gruppe dieser Bezeichnungen näher betrachtet: nämlich die deutschen Nomina Instrumenti (NI), die durch das Ableitungssuffix -er entstanden sind. Es gibt mehrere Gründe für die Einschränkung des Gegenstandes dieser Studie: Erstens ist es die Suche nach möglichen Regularitäten der tschechischen Entsprechungen, zweitens ist es die Tatsache, dass die NI auf -er in der Fachliteratur immer als typische Vertreter dieser Kategorie dargestellt werden (s. weiter in Kap. 3) und nicht zuletzt ist es auch die Fixierung eines Ausgangspunktes für eine durchführbare Recherche in authentischen parallelen Texten. Um die Gruppe der NI in der Menge der Nomina deutlich einzugrenzen, wird zuerst auf die Wortbildung im Allgemeinen und im Spezifischen (in der jeweiligen hier betrachteten Sprache) eingegangen (Kap. 2). Dann werden die Wortbildungsmuster beider Sprachen verglichen (Kap. 3). Aus dem Vergleich der Wortbildung der NI im Deutschen und im Tschechischen ergeben sich die Forschungsfragen: Was sind die häufigsten NI auf -er im Deutschen? Welche Strukturen haben ihre tschechischen Pendants? Entsprechen diese den Angaben in der Fachliteratur über tschechische NI? Das Ziel dieses Artikels ist es also, die im alltäglichen (geschriebenen) Deutschen häufigsten NI, die mit dem Suffix -er gebildet sind, zu erfassen, ihre Pendants im Tschechischen zu untersuchen und so auch die Häufigkeit der Vertretung der tschechischen Wortbildungsmuster in dieser Kategorie zu bestimmen. Damit soll der erste Schritt zur Feststellung von potentiellen Regularitäten zwischen den Entsprechungen getan werden. Des Weiteren können die Ergebnisse (v.a. in Tab. 7 als Grundlage für ein kleines deutsch-tschechisches Wörterbuch der häufigsten NI dienen). Bemerkung zur graphischen Gestaltung: Deutsche Äquivalente tschechischer Benennungen werden in eckige Klammer gesetzt. Das Zeichen für die ungefähre Gleichheit [≈] wird dort angesetzt, wo es unter den Korpusbelegen mehrere Entsprechungen gibt. Das danach angeführte Wort ist die häufigste Entsprechung. Tschechische Elemente werden in diesem Artikel in eckigen Klammern mit üblichen (Wörterbuch-)Übersetzungen transparent gemacht. Ein Pfeil [→] kennzeichnet das Verhältnis zwischen dem Basiswort und der daraus entstandenen Ableitung. 2 ENTSTEHUNG NEUER BENENNUNGEN Neue Benennungen entstehen entweder aus dem Bedarf Neues zu benennen oder die bereits existierende Benennung zu revidieren, „bestimmten Erfordernissen der Satzund Textbildung“ (Fleischer und Barz 2012: 2) gerecht zu werden, evt. neuen Trends OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 47 anzupassen.1 Prinzipiell werden neue (Tat)Sachen durch Neuprägungen, Entlehnungen, Wortbildungen oder metaphorische(n) Vorgänge(n) im weiteren Sinne benannt, oft durch eine Mischung derselben. Dies lässt sich auch bei Gerätebezeichnungen im Deutschen betrachten: Kelomat (Neuprägung), Computer (Entlehnung), Presslufthammer (Wortbildung), Röntgen (metonymische Übertragung); ebenfalls im Tschechischen: robot [Roboter] (Neuprägung), monitor [Monitor] (Entlehnung), papiňák [Kelomat] (metonymische Übertragung und Wortbildung— Univerbierung). Die Systematik der Wortbildungsmuster der tschechischen Substantive beschreiben minutiös Daneš u.a. (1967) aufgrund der zuvor entwickelten Theorie der Ableitung (Dokulil 1962). Das hier entworfene Konzept der onomasiologischen Kategorien war prägend für die weitere Entwicklung der Wortbildungstheorien, unter anderem auch der bei den (ost)deutschen LinguistInnen (v. a. Fleischer 1969). Es bildet bis heute einen wesentlichen Teil der deutschen Wortbildungstheorie (Fleischer et al. 1995; Barz in Duden 2016; Donalies 2007; Booij et al. 2000; kontrastiv mit dem Russischen Ohnheiser 1987) und lässt sich auch auf andere Sprachen anwenden: z.B. Marchand (1969), Štekauer (1998), Bauer (2002) und Biber et al. (2002) fürs Englische. Obwohl es zwischen den Auffassungen einzelner Autoren und Autorinnen kleinere, vor allem terminologische Abweichungen gibt, nehmen wir dieses Konzept als Ausgangsbasis der Bildung von NI. Diesem liegt die Vorstellung zugrunde, dass NI „Akteure der Tätigkeit“ sind (vgl. Donalies 2007: 72–73, Fleischer 1969: 150, Barz in Duden 2016: 51), die durch eine Transposition eines Verbs (Mutation im Dokulilschen Sinne) entstehen: ein Bohrer ist ein Werkzeug oder ein Mann das/der etwas bohrt, ein Leser ist ein Mann oder ein Gerät, das etwas liest / lesen kann. Dies heißt allerdings nicht, dass Gerätebezeichnungen ausschließlich Deverbativa sind, in diesem Artikel wird jedoch nur diesen die Aufmerksamkeit gewidmet. Letztendlich sei die doppelte Lesart des Begriffs Wortbildung erklärt, die sich auch aus dem Vergleich der hier betrachteten Sprachen zwingend ergibt: Es geht hier einerseits um Formative, die sowohl bis zur Grenze eines Wortes reichen (v.a. Komposita, Derivate), als auch um „ungewöhnliche Einheiten der Wortbildung“ (Donalies 2005: 41)— lexikalisierte/idiomatisierte syntaktische Strukturen (Mehr-Wort-Benennungen), also Nomination im weiteren Sinne (Fleischer et al. 1995: 2 u. 6–7). 3 NOMINA INSTRUMENTI Werkzeugund Gerätebezeichnungen / Nomina Instrumenti (NI), in der tschechischen Fachliteratur meistens unter der Bezeichnung „Namen für Tätigkeitsmittel“ (jména prostředků činnosti) (vgl. Rusínová 2017) bekannt, sind Substantive, die „Artefakte (Geräte, Arbeitsmittel) nach der Tätigkeit, die mit ihrer Hilfe ausgeführt werden kann”, bezeichnen (Barz in Duden 2016: 743). Glück (2000: 476) definiert sie als eine „Subklasse der Substantive, die ein Mittel bezeichnen, durch das ein bestimmtes Geschehen bewirkt oder mit dem eine Handlung ausgeführt wird”. 1 Hierzu im Überblick Ohnheiser (1987: 7–9). OPEN ACCESS
48 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 Das Wortfeld der Gerätebezeichnungen kann unterschiedliche Formen einnehmen, die sich in beiden Sprachen von der Struktur her nur teilweise entsprechen: Tätigkeit Gerätebezeichnung Wortbildungsmodell drucken / tisknout Drucker / tiskárna Derivation Derivation Geschirr spülen / mýt nádobí Geschirrspüler / myčka [Spüler] Komposition und Derivation Derivation Wäsche waschen / prát prádlo Waschmaschine / pračka [‚Wäscher‘] Komposition Derivation nähen / šít Nähmaschine / šicí stroj Komposition Attributkonstruktion stören / rušit Störsender / rušička [‚Störer‘] Derivation und Komposition Derivation scheuern / drhnout Scheuermittel / písek/prášek na nádobí [Sand / Pulver zum Geschirr(scheuern)]) Komposition Präpositionalkonstruktion Tabelle 1Wortbildung der Gerätebezeichnungen Dennoch werden NI in allgemeinen Wörterbüchern, Fachenzyklopädien, aber auch in der Fachliteratur zur Wortbildung2 häufig (nur) als eine Ableitung / ein Derivat bezeichnet. Ein NI wird als „von einem Verb abgeleitetes Substantiv, das ein Gerät oder Werkzeug, das Mittel einer Tätigkeit bezeichnet“ (DWDS 1999, Fleischer un Barz 2012: 124) definiert. Ähnliche Definitionen sind auch in sprachwissenschaftlichen Lexika zu finden, etwa in Metzler Lexikon Sprache (Glück 2000: 476): „Nomina Instrumenti sind meist deverbale Bildungen und Bezeichnen jeweils das Mittel, durch das ein Geschehen bewirkt bzw. mit dem eine Handlung ausgeführt wird”. Bezeichnungen von Werkzeugen und Geräten können grundsätzlich folgende Formen einnehmen: a) Ableitungen (Deutsch: Bohrer, Rechner, Geschirrspüler; Tschechisch: vrták, počítač, myčka, weiter pračka, rušička), b) Zusammensetzungen (Deutsch: Fotoapparat, Kaffeemaschine weiter Waschmaschine, Scheuermittel; Tschechisch: fotoaparát, kávovar), c) Attributkonstruktionen (Deutsch: kommunizierende Gefäße, hydraulische Presse; Tschechisch: spojené nádoby, hydraulický lis) oder d) Präpositionalkonstruktionen (Deutsch: Halterung für Fahrräder, Ordner für Rezepte; Tschechisch: držák na kola, pořadač na recepty). Diese Studie fokussiert auf die deutschen deverbativen NI, die mit dem Ableitungssuffix -er gebildet werden. Die Gründe dafür wurden bereits in der Einleitung erwähnt und werden hier weiter ausgeführt: Unter den abgeleiteten NI sind sie die mit der höchsten Frequenz, kommen sehr häufig vor und werden oft als typische Vertreter der NI bezeichnet. Darüber hinaus sind sie leicht identifizierbar auch für Deutsch-Lernende, da sie einen unmittelbaren Bezug zum Verb, von dem sie abgeleitet werden, behalten. 2 Fleischer/Barz (2012: 124) führt NI lediglich unter deverbalen Transpositionen an. OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 49 3.1 ABGELEITETE NOMINA INSTRUMENTI IM DEUTSCHEN Ein Blick in die Fachquellen gewährt eine einheitliche Beschreibung der formalen Bildung von NI im Deutschen. Sie werden als Ableitungen von verbalen Basen mit typischen Suffixen -er, -e, -el bezeichnet (vgl. Barz in Duden 2016: 731). Die fundierenden Verben können sowohl stark (heben → Hebel) als auch schwach (leiten → Leiter) sein. Das Geschlecht des entsprechenden NI wird durch das Suffix bestimmt: NI auf -er und -el sind Maskulina, NI auf -esind Feminina. Einige ältere Ableitungen auf -el sind jedoch auch Feminina: Würfel ← werfen, Wendel ← wenden, wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich ist. Suffix Fundierendes Verb Nomina Instrumenti -er leiten, zubringen →der Leiter, der Zubringer -e bremsen, leuchten →die Bremse, die Leuchte -el heben, decken →der Hebel, der Deckel Tabelle 2Suffixe zur Bildung NI im Deutschen Glück (2000: 476) weist darauf hin, dass NI von anderen deverbalen Substantiven unterschieden werden müssen, denn diese sind rein formal mit Nomina Acti, Nomina Actionis und Nomina Agentis vollkommen ident. Vor Allem die Abgrenzung zu Nomina Agentis (NA) ist für diesen Artikel von besonderer Wichtigkeit.3 Fleischer/Barz (2012: 201) halten das Suffix -er für besonders produktiv, auch wegen der erweiterten Suffixe -ler und -ner. Dies betrifft jedoch nur Nomina Agentis.4 Ob diese Erweiterung auch NI betrifft, müsste erst bewiesen werden (vgl. hierfür auch Grammis (2021), Suffix -er). Donalies (2007: 72) schreibt, dass prinzipiell von allen Verben Substantive durch -er abgeleitet werden können. So entstehen Bezeichnungen von „Akteuren“, zu denen sowohl Nomina Agentis als auch NI zählen, weil die Grenze zwischen den beiden Gruppen recht unscharf ist (vgl. Donalies 2007: 73). Die Unterscheidung NA von NI kann jedoch durch eine Determinante in einer Zusammensetzung gewährleistet werden: Seher (NA) vs. Fernseher (NI); Schreiber (NA) vs. Kugelschreiber (NI); Spieler (NA) vs. Plattenspieler (NA) (s. auch Kap. 5). 3.2 ABGELEITETE NOMINA INSTRUMENTI IM TSCHECHISCHEN Deutlich komplizierter gestaltet sich die Darstellung dieser Kategorie im Tschechischen. Kuchař (in Daneš et al. 1967: 171) definiert NI folgend: „Jména prostředků, nazývaná tradičně též nomina instrumenti, pojmenovávají substance (věci, předměty, látky, místa, jevy, řidč. též živé bytosti) sloužící nějaké činnosti, aproto ktéto činnosti trvale určené. [Gerätebezeichnungen, traditionell auch Nomina Instrumenti genannt, sind Namen von Substanzen, Dingen, Gegenständen, Stoffen, 3 Auf die Problematik der Unterscheidung beider Kategorien wird in Kap. 4 eingegangen. 4 Unter den ersten 100 häufigsten Lexemen mit dem Suffix -er befindet sich kein NI mit dem Suffix -ner oder -ler. OPEN ACCESS
50 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 Plätzen, Erscheinungen und Wesen, die zu einer bestimmten Tätigkeit systematisch benutzt werden (können)]“. Traditionell werden NI im Tschechischen primär nach dem grammatikalischen Genus aufgeteilt und beschrieben, mit dem Hinweis, dass es für jedes Genus typische Suffixe für die Bildung von NI gibt. Tabelle 3 stellt eine Zusammenfassung mehrerer fachlicher Quellen5 dar, die sich diesem sprachlichen Phänomen widmen. Die Reihung der Suffixe entspricht ungefähr der Häufigkeit, wie sie NI im modernen Tschechisch bilden. Suffix Fundierendes Verb Nomen Instrumenti Maskulina -ič/-ač/-eč vařit, šlehat, vysoušet, kropit →vařič, šlehač, vysoušeč -ák bzučet, padat, hořet →bzučák, padák, hořák -ník pilovat, narazit →pilník, nárazník -ér (-er) -or/ -tor/ -átor6 startovat, mixovat, adaptovat adaptovat, extrahovat, reprodukovat; kondenzovat, izolovat →startér, mixér, adaptér, (bojler, hever7) adaptor, extraktor, reproduktor; kondenzátor, izolátor -ec bodat, stát →bodec, podstavec -ek brousit, podvázat →brousek, podvazek -ík budit → budík -tel ukázat → ukazatel -an stát, povít, hltat →stojan, povijan, hltan selten: -oun létat, běhat →letoun, běhoun8 veraltet: -ar, -ol, -ář bouchat; pěchovat; (dutina, zub) →buchar; pěchol; (Desubstanitiva dutinář, zubavkář) Feminina -čka sedět, prát, drtit →sedačka, pračka, drtička -ka brousit, škrábat →bruska, škrabka -nice; selten: -ice nabíjet, vařit; příst, tesat →nábojnice, varnice; přeslice, teslice -ina živit → živina -ovina (chleba) → (Desubst. chlebovina) 5 Dokulil (1964), Šimandl (2018), Čermák (2011), Karlík et al. (1995). Auch einige älteren Grammatiken (Petr 1986: 245–257, Šmilauer 1972: 78–80, Trávníček 1951: 311–314) wurden durchgesehen. 6 Ausschließlich Entlehnungen. 7 Nicht analysierbare Entlehnungen aus dem Englischen, ein fundierendes Wort existiert im Tschechischen nicht (vgl. Šimandl 2018). 8 In Korpora der tschechischen Sprache sind nur diese zwei Ableitungen auf -oun belegt. OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 51 Suffix Fundierendes Verb Nomen Instrumenti Neutra -dlo počítat, osvěžovat →rozpočítadlo, osvěžovadlo -tko stínit, drbat, pečetit →stínítko, drbátko, pečetítko -ivo brousit → brusivo -iště) spalovat → spaloviště veraltet: -to; -eno dlabat; vrtět →dláto, vřeteno Tabelle 3Suffixe zur Bildung NI im Tschechischen Auf die unterschiedliche Produktivität der einzelnen Suffixe zur Bildung von NI weist bereits Kuchař (in Daneš et al. 1967: 172) hin. Er bezeichnet -č, -ník, -or (mask.); -čka, -ka (fem.); -dlo, -tko (neutr.) als besonders produktive Mittel (ibd. 194). Des Weiteren wird angemerkt (ibd. 193), dass diese maskulinen und femininen Suffixe auch bei anderen semantischen Kategorien vorkommen, während die sächlichen Suffixe -dlo, -tko nur die semantische Kategorie der NI bilden. Es soll nun auch darauf hingewiesen werden, dass das Suffix -tko auch im heutigen Tschechisch als ein Diminutivsuffix zrcadlo [Spiegel] → zrcátko [Spieglein] fungiert (vgl. Káňa 2022: 181–183). Allerdings handelt es sich auch tatsächlich immer um Diminutive von NI. Das Gros der Bildungsmöglichkeiten liegen laut Rusínová (2017) bei Suffixen, die an den Verbalstamm angeschlossen werden: -dl(-o) (lepidlo [Klebstoff]), -tk(-o) (kapátko [Tropfenspender]), -č (rýč [Spaten]), -čk(-a) (myčka [Geschirrspüler]), weiters auch -Ø (lék [Arzneimittel], výtah [Lift]), und es wird auch die Bildung von NI durch Komposita mit der (de)verbalen Basis -hled, -měr, -vod, -met (drobnohled [Mikroskop], plynoměr [Gaszähler], naftovod [Pipeline], medomet [Honigschleuder]) erwähnt. Welche dieser Formen den deutschen NI auf -er entsprechen, und ob sich aus den Ergebnissen Verallgemeinerungen ableiten lassen, wird in der folgenden Korpusanalyse ermittelt. Den Weg zu den Ergebnissen beschreibt das folgende Kapitel (Kap. 4). 4 FORSCHUNGSMETHODE UND DATENGEWINNUNG Wie bereits in Kap. 1 bemerkt wurde, fassen wir hier ein Segment der deutschen NI ins Auge und suchen dazu tschechische Entsprechungen, mit dem Ziel, die erste frequenzbasierte Grundlage für eine Festlegung möglicher Regularitäten in den NIBezeichnungen in beiden Sprachen, festzustellen. Dabei wird die quantitative Methode eingesetzt und um die qualitative Untersuchung einzelner Belege ergänzt. Als empirische Basis für die Untersuchung dienten die Daten des parallelen Korpus InterCorp, Version 11 (InterCorp v11) vom 19.10.2018. Die deutsche Parallele beinhaltet in diesem Korpus-Release 103,6 Millionen Positionen, also etwa über 80 Millionen laufender Textwörter. Es besteht fast zur Gänze aus belletristischen und publizistischen Texten der Nachkriegszeit. Lediglich einen kleineren Teil bilden Fachtexte. Falls auch ältere Schriften eingespeist worden sind, dann aus einer neuOPEN ACCESS
52 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 eren Auflage. Den Umfang und die Textstreuung betrachten wir als ausreichend für die Untersuchung des analysierten Phänomens im allgemeinen Sprachgebrauch, wobei wir uns der Gefahr einer Verzerrung bewusst sind. Aus diesem Grund wurden die Frequenzen an Daten des (wesentlich umfangreicheren) einsprachigen Korpus (DeReKo 2012, 2014) überprüft. Es wurde auch in einsprachigen Korpora ausschließlich in geschriebenen Texten recherchiert, um die Stringenz der Untersuchung zu bewahren. Zuerst wurde die Frequenz der NI auf -er festgestellt. Da die Homonymie der auf -er endenden Wörter im Deutschen erheblich ist (vgl. Artikel der, einer, alle adverbialen Komparative etc.) und der Korpusmanager KonText, unter dem das Korpus InterCorp läuft, nicht automatisch Derivate mit Affixen erkennen kann, musste die Abfrage dieser Gegebenheit angepasst werden. Der einfachste und schnellste Weg erwies sich über den Abfragemodus CQL: [tag=“N.*“&lemma=“.*er“]. Dies bedeutet Suche nach allen Nomina, deren Grundform auf -er ausgeht. Die Suchanfrage erfolgte in der gesamten deutschen Parallele (alle Kollektionen/Archive) des Korpus InterCorp v11. Die Abfrage ergab insgesamt 754 772 Treffer/Konkordanzzeilen. Diese wurden nach der Frequenz der Grundform sortiert (Eingabe: Frequency Lemmas → Lemmas) mit Beachtung der Groß-/Kleinbuchstaben am Anfang. Die Frequenzliste verzeichnete 30 944 unterschiedliche Grundformen, sortiert nach ihrer absoluten Frequenz, von den häufigsten absteigend, wie aus Tabellen 4 und 5 ersichtlich ist. Rang Lemma Anzahl der Belege im InterCorp v11 1. Vater 2642 2. Dezember 2376 3. Bürger 1527 4. Oktober 1343 5. September 1123 6. November 931 7. Bruder 905 8. Hersteller 827 9. Körper 597 10. Vertreter 562 Tabelle 4Die häufigsten Lemmata auf -er im InterCorp v11 Als Hapaxlegomena9 kommen insgesamt 17 595 Lemmata vor; schränkt man das minimale Vorkommen auf mindestens zwei Belege ein, bleiben „nur“ 13 349 Lemmata). Einige Beispiele von Hapaxlegomena sind in Tabelle 5 zu sehen: 9 Nur ein Beleg (im Korpus). OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 53 Rang Lemma Anzahl der Belege im InterCorp v11 30 935 Schadensregulierer 1 30 936 123-er 1 30 937 Sauerstoffbereiter 1 30 938 Juwelensammler 1 30 939 Tallinner 1 30 940 Erstflieger 1 30 941 Leiher 1 30 942 Archivschnüffler 1 30 943 Laker 1 30 944 Mordkünstler 1 Tabelle 5Hapaxlegomena auf -er im InterCorp v11 Um eine solide Belegbasis für die Untersuchung zu gewinnen, entschieden wir uns, die Frequenz auf minimal 20 Belege im gesamten Korpus zu reduzieren. Dies liefert eine Liste von 2 485 unterschiedlichen Lemmata, von denen wir die häufigsten NI mit dem Suffix -er manuell herausfilterten. Die manuelle Auswahl bedarf der Unterscheidung folgender Lexemgruppen: a) Wörter, die auf -er enden, die aber weder morphologisch noch semantisch der Gruppe von NI zuzuordnen sind, z. B.Vater, Dezember, Bürger; b) Wörter, die zwar semantisch der Gruppe von NI angehörten, aus der heutigen Sicht jedoch nicht mehr analysierbar sind, z. B.Finger, Hammer; c) Wörter, die sowohl semantisch als auch morphologisch zu NI gehören, gleichzeitig jedoch Nomina Agentis (NA) bezeichnen, z. B.Öffner, Anleger; d) Wörter, die ausschließlich die Gruppe der NI repräsentieren und die durch Derivation mithilfe des Suffixes -er gebildet werden, z. B.Plattenspieler. Diejenigen Grundformen, die den Bedingungen unter c) und d) entsprechen, wurden der weitern Analyse unterzogen und sind in Tabelle 6 aufgelistet. Da das Korpus InterCorp v11 weder ausgewogen noch repräsentativ ist, wurde die Frequenz einzelner NI mit den Daten des Korpus DeReKo10 verglichen. Die Liste der 40 000 häufigsten Grundformen des (geschriebenen) Deutsch (DeReWo 2014) erstellt anhand von Daten des Korpus DeReKo verzeichnet alle Lemmata, die auch aus InterCorp v11 gewonnen wurden, allerdings mit einer leicht geänderten Reihenfolge der Frequenzen. Dies ist auf zwei Tatsachen zurückzuführen: 1) Die Häufigkeitsklasse11 bezieht sich auf die 10 Zu diesem Zweck wurde die Frequenzliste DeReWo (2012 u. 2014) verwendet. 11 Das häufigste Wort hat die Frequenz 0. In der Liste DeReWo werden Grundformen bis zur Klasse 29 angegeben. Zum Zentrum des Wortschatzes gehören Wörter etwa bis zur Klasse 20. Zu dieser Frequenzklasse gehören auch einige Simplizia wie Pfropf, Rhombus oder Wampe. Die meisten Formen ab der Klasse 20 sind allerdings Komposita und Derivate. OPEN ACCESS
60 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 5.1.1 MASKULINE PENDANTS Die meisten Entsprechungen der deutschen NI auf -er fallen in den maskulinen Bereich. Suffix Beispiele -č Empfänger ≈ přijímač, Lautsprecher ≈ zesilovač/tlampač, Ordner ≈ pořadač, Rechner ≈ počítač, Schalter ≈ vypínač/spínač/přepínač, Schlepper ≈ tahač, Sender ≈ vysílač, Träger ≈ nosič, Zähler ≈ měřič -ák Brenner ≈ hořák, Lautsprecher ≈ reprák (ugs.), Ständer ≈ věšák, Transporter ≈ náklaďák -ec Leuchter ≈ kahanec, Plattenspieler ≈ gramec, Ständer ≈ podstavec -ek Halter ≈ podvazek, Ständer ≈ stojánek -ník Behälter ≈ zásobník, Träger ≈ nosník -ík Wecker ≈ budík, (Leiter ≈ žebřík) -or Fernseher ≈ televizor, Lautsprecher ≈ reproduktor -an Ständer ≈ stojan -er/-ér Bomber ≈ bombardér, Schlepper ≈ remorkér, Transporter ≈ transportér18 -tel Wegweiser ≈ ukazatel, Zähler ≈ čitatel (-fon)Hörer ≈ telefon, Lautsprecher ≈ mikrofon/megafon, Plattenspieler ≈ gramofon -íček Wecker ≈ budíček, (Leiter ≈ žebříček) -en Leuchter ≈ svícen Simplizia19 Behälter ≈ kanystr/kontejner, Hocker ≈ taburet, Leucheter ≈ lustr/kahan; Lautsprecher ≈ amplión, Transporter ≈ kamión, Ordner ≈ šanon Komposita20 Zähler ≈ průtokoměr Tabelle 8Maskuline Entsprechungen der Deutschen NI auf -er In Tabelle 8 werden auch Wörter mit -fon angeführt. Es handelt sich eigentlich um fremde Komposita (aus dem gr. fōnē ,Stimme‘): telefon, mikrofon, megafon, gramofon. Da die Form -fon im Tschechischen nicht selbständig ist, wird sie als (fremdes) Suffix angesehen und deswegen auch im Index der tschechischen Affixe als Suffix aufgelistet (s. Šimandl 2018). Das Suffix -ák ist im heutigen Tschechisch sehr produktiv u.a. als ein umgangssprachliches Suffix: Brňan → Brňák [Brünner], ořech → ořešák [Nussbaum], Reduktionssuffix: fotoaparát → foťák [Fotoapparat], reproduktor → reprák [Lautsprecher], bzw. als typisches Suffix der Univerbierung (Kolářová 2017: 122): panelový dům → panelák [Plattenbau], nákladní automobil → náklaďák [LKW] (s. auch Kolářová und Štícha 2020: 22–23). Hier jedoch auch reproduktorová bedna → reprák ≈ Lautsprecher. 18 S. auch -ér/-iér in Šimandl (2018). 19 Diese tschechischen Entlehnungen sind synchron betrachtet nicht analysierbar, auch wenn einige von ihnen in der Ursprungssprache als Derivate entstanden sind (kanystr im Griechischen, kontejner im Englischen); -on/-ión haben keinen Suffixwert im Tschechischen. 20 Außer mit -fon. OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 61 Relativ rar sind Entsprechungen in der Form eines Simplexes: Hocker ≈ taburet, Ordner ≈ šanon. Allesamt sind es Entlehnungen, lediglich der Ursprung des Wortes kahan ist „völlig unklar“ (Rejzek 2001: 264). Unter den NI finden sich selten auch Abstrakta: Wecker ≈ budit → budíček im Sinne von Weckruf. Die Dichotomie Wecker: 1Apparat; 2Weckruf ist in beiden Sprachen unscharf. Im Tschechischen wird die semantische Differenz durch die Verkleinerung deutlich diversifiziert: Wecker: 1Apparat ≈ budík (2a, b); 2Weckruf ≈ budíček (3a, b). (2a) „Mein Wecker ist das Alter“, sagte der alte Mann. (2b) „Stáří je můj budíček,“ odpověděl mu stařec. Hemingway, Ernest: Der alte Mann und das Meer. (InterCorp) (3a) Der kleine Wecker auf dem Nachttisch tickte eifrig. (3b) Na nočním stolku horlivě tikal malý budíček. Bergman, Ingmar: Laterna Magica. (InterCorp) Nur gelegentlich wird auch ein Werkzeug oder Apparat um den pragmatischen Marker der Diminuierung ergänzt (Káňa 2022: 199). Beispiel (3a, b) ist in tschechischen Korpora eine einmalige Erscheinung und kann daher als unüblich bezeichnet werden. 5.1.2 FEMININE PENDANTS Deutlich wenigere Entsprechungen zu den deutschen NI auf -er als bei Maskulinen gehören im Tschechischen zum weiblichen grammatikalischen Geschlecht. Suffix Beispiele -ka Behälter ≈ schránka/nádržka/nádobka, Empfänger ≈ příjemka, Fernseher ≈ telka, Halter ≈ násadka/podprsenka/podvazek,21 Kugelschreiber ≈ propiska, Ordner ≈ desky22/složka, Schläger ≈ hokejka/pálka, Transporter ≈ dodávka, Wegweiser ≈ směrovka -čka Hocker ≈ stolička/židlička/sedačka, Kugelschreiber ≈ propisovačka, Sender ≈ vysílačka, Zeiger≈ ručička/rafička -ice Behälter ≈ krabice,22 Hocker ≈ stolice,22 Sender ≈ stanice23 -rna Brenner ≈ palírna, Drucker ≈ tiskárna Simplizia Hocker ≈ židle, Schläger ≈ hůl, raketa Tabelle 9Feminine Entsprechungen der Deutschen NI auf -er Die meisten femininen NI werden mit -ka oder -čka gebildet. Ältere NI haben das Suffix -ice, wobei diese nicht mehr als motiviert empfunden werden (stolice ist eine Ableitung von stůl [Tisch]; krabice wahrscheinlich von Korb; stanice von stát [stehen]). 21 Die Entsprechungen variieren je nach Kontext. 22 Pluraletantum. 23 Diese Wörter auf -ice sind aus der heutigen Sicht nicht analysierbar. OPEN ACCESS
62 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 Die durch das Suffix -rna gebildeten Substantive palírna ≈ Brenner, tiskárna ≈ Drucker bezeichnen mehrheitlich den Ort der Tätigkeit (Nomina Loci).24 Im Deutschen entspricht diesem das Suffix -erei: Brennerei— ein Ort, wo etwas gebrannt wird; Druckerei— wo etwas gedruckt wird. Seltener kann das Suffix -rna auch ein NI bezeichnen: tiskárna ≈ (Computer)Drucker. Entsprechungen als einfache Wörter sind hier: židle ≈ Hocker und raketa ≈ Schläger. Ähnlich wie bei Maskulina sind auch hier die Simplizia Entlehnungen. Das Wort židle wurde laut Rejzek (2001: 784) aus dem Mittelhochdeutschen sidel(e) bereits im Mittelalter übernommen. Im Unterschied zu raketa wird es im heutigen Tschechisch nicht als ein Fremdwort wahrgenommen. Das native hůl [Schläger] wird als Simplex nur kontextbedingt verwendet. Es weist stets auf ein Sportgerät (golfová hůl ≈ Golfschläger) hin. 5.1.3 NEUTRALE PENDANTS Verhältnismäßig wenig Entsprechungen zu den NI auf -er haben ein neutrales Suffix oder sind im Tschechischen Neutra. Suffix Beispiele -tko Halter ≈ držátko, Hocker ≈ sedátko, Hörer ≈ sluchátko/mluvítko, Kratzer ≈ škrabátko, Lenker ≈ řídítko, Wegweiser ≈ vodítko -dlo Rechner ≈ počítadlo, Zähler ≈ počítadlo/měřidlo -ko Träger ≈ ramínko -iště Anleger ≈ přístaviště Tabelle 10Neutrale Suffixe und Entsprechungen der Deutschen NI auf -er Hier kommt zur Bildung von NI am häufigsten das diminuierende Suffix -tko vor. Es gilt zwar als Deminutivsuffix zu -dlo (Šmilauer 1971: 45), diese Funktion tritt jedoch in den Hintergrund, denn -tko und -dlo lassen sich im heutigen Tschechisch eher als spezifizierende Suffixe bezeichnen (s. dazu auch entsprechende Einträge in Šimandl 2018). Gibt es konkurrierende Formen von demselben Verb, dann sind Bezeichnungen auf -dlo meistens Fachbegriffe (z. B. sluchadlo ≈ Hörgerät, ~rohr, ~hilfe), während allgemeine Begriffe mit dem diminuierenden Suffix -tko (z. B. sluchátko ≈ Kopf~, Telefon~, Hörer) gebildet werden (vgl. dazu Bílková 2013 und Káňa 2022: 181–182). In diesem Zusammenhang muss festgehalten werden, dass die Terminologisierung im Tschechischen auch durch einfache Bildung von Verkleinerungsformen erfolgen kann (Káňa 2022: 330–333)— vgl. rameno [Schulter] → ramínko [hier Träger, also Kleiderbügel]. Das Suffix -iště kann zwar zur Bildung von NI im Tschechischen dienen, diese Formen sind jedoch sehr rar (Šimandl 2018). Wesentlich häufiger bezeichnet es ein Nomen Loci, wie im Falle der Entsprechung zu Anleger ≈ přístaviště. 24 Šimandl (2018). OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 63 Einfache Bezeichnungen (Simplizia) sind in den analysierten Korpusdaten nicht belegt. Eine Ausnahme stellt pero [Feder] dar. Es handelt sich jedoch um eine Ellipse der Bezeichnung kuličkové pero ≈ Kugelschreiber. 5.2 QUANTITATIVE BETRACHTUNG Der quantitative Blick lässt erkennen, dass die Pendants der deutschen NI auf -er im Tschechischen meistens Maskulina sind. Hier ist nicht nur die Streuung über insgesamt elf unterschiedliche Suffixe bemerkbar, sondern auch die absolute Anzahl aller (suffigierten und nicht-suffigierten Äquivalente) deutlich. Lediglich zu Halter, Hocker, Kratzer, Kugelschreiber und Schläger wurden in unserem Sample keine maskulinen Pendants im Tschechischen gefunden. Diese Tatsache führen wir jedoch auf die im InterCorp eingespeisten Texte zurück,25 denn in der tschechischen Fachsprache gibt es zu diesen deutschen NI sehr wohl maskuline Äquivalente: Halter ≈ držák, Hocker ≈ sedák, Kratzer ≈ škrabák oder ~schreiber ≈ ~pis (etwa Fernschreiber = dálnopis). Es gibt unter den 30 häufigsten deutschen NI auf -er typische feminine (Halter ≈ násada, Schläger ≈ pálka, raketa), bzw. neutrale (Kratzer ≈ škrabátko/škrabadlo) Pendants. Die Gründe dafür sind recht verschieden: Es können unterschiedliche Motivationen bei der Benennung ins Spiel kommen (Halter von halten ≈ násada von nasadit [aufsetzen], Schläger ≈ pálka von pálit [schießen]), Entlehnung bei der Terminologisierung (Schläger ≈ raketa, Ordner ≈ šanon). Die tschechischen Suffixformen beinhalten signifikant oft das -č- (přijímač, vysílač, vysílačka), wobei das Suffix -čka bei den Femininen als eine Art „movierte Form“ betrachten werden kann: Wenn eben eine Form bereits semantisch besetzt ist, wird auf ein anderes (oft auch ähnliches) Suffix gesetzt: vysílač [Sender], vysílačka [Sender, eher Sendeapparatur, ~anlage]. Es ist anzunehmen das hier auch die Größe26 eine Rolle spielt, und dadurch auch die sprachliche Ikonographie. Im Einzelnen sieht die Streuung der tschechischen Pendants von deutschen NI auf -er folgend aus: Am häufigsten kommen maskuline Derivate auf -č vor: přijímač [Empfänger]; tlampač, zesilovač [Lautsprecher]; pořadač [Ordner]; počítač [Rechner]; vypínač, spínač, přepínač [Schalter]; tahač [Schlepper]; vysílač [Sender]; nosič [Träger]; měřič [Zähler]. Fast gleich oft gibt es auch feminine Derivate auf -(č)ka: sedačka, stolička [Hocker]; propiska, propisovačka [Kugelschreiber]; složka [Ordner]; počítačka [Rechner]; pálka [Schläger]; vysílačka [Sender]; dodávka [Transporter]; směrovka [Wegweiser]; ručička, rafička [Zeiger]. Ebenso häufig die maskulinen Derivate auf -í/ák: zásobník [Behälter]; hořák [Brenner]; reprák [Lautsprecher]; žebřík [Leiter]; věšák [Ständer]; nosník [Träger]; náklaďák [Transporter]; budík [Wecker]. Die Suffixe -ka (schránka, nádržka, nádobka [Behälter]; násadka [Halter]; dodávka [Transporter]), die von tschechischen präfigierten Verben abgeleitet sind, gelten 25 Marginale Vertretung der Fachsprache— s. Kap. 4. 26 Deutlicher ist die Differenz an der Dichotomie vysílač ≈ Funkturm, vysílačka ≈ Funkgerät zu sehen. OPEN ACCESS
64 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2023 als Quasideminutive (Káňa 2022: 151). Ihre desuffigierten Basen (schrána, nádrž, nádoba, násada) werden im modernen Tschechisch in erster Linie als Fachbegriffe verwendet. Die Distribution anderer Suffixe ist gering und diffus. Signifikant ist noch das Vorkommen der Suffixe -dlo (měřidlo, počítadlo [Zähler]), -ítko und -átko (vodítko [Wegweiser], držátko [Halter]), sowie Bildungen durch das Suffixoid -fon (mikrofon, megafon [Lautsprecher]; gramofon [Plattenspieler]; telefon [Hörer]) und -or, -ér bei (fremden) Ableitungen (reproduktor [Lautsprecher], procesor [Rechner]; remorkér [Schlepper], transportér [Transporter]). Nicht selten sind auch Belege von univerbierten Formen (vgl. Kolářová 2017): dodávka, náklaďák [Transporter], směrovka [Wegweiser], vysílačka [Sender], náklaďák ← nákladní automobil [LKW], reprák ←reproduktorová bedna [Lautsprecher, Box]; gramec ← gramofonový přehrávač [Schallplattenspieler]. Einige von ihnen tragen eine deutliche Konnotation des substandardsprachlichen Gebrauchs (reprák, gramec). Diese Treffer bezeugen die Spannbreite von stilistischen Schichten im analysierten Korpus. Auffallend ist auch das häufige Vorkommen von Fremdwörtern im Tschechischen als 1) Simplizia: molo, dok [Anleger]; taburet [Hocker]; volant [Lenker]; lustr [Leuchter]; raketa [Schläger]; kanál [Sender]; 2) Derivate: bombardér [Bomber]; rafička [Zeiger] oder 3) (Quasi)Komposita: televizor [Fernseher]. 6 SCHLUSSFOLGERUNGEN Benennungsund Wortbildungsmodelle sind in beiden hier betrachteten Sprachen ähnlich, die Ableitung gehört zu den häufigsten Modellen. Obwohl NI Bezeichnungen von unbelebten „Sachen“ repräsentieren, werden sie im Deutschen häufig durch maskuline Ableitungssuffixe -er, -el gebildet, die typischerweise zur Bildung von Personenbezeichnungen (NA) dienen. Die tschechischen Pendants haben ebenfalls zum großen Teil maskulines Genus. Somit weisen beide Sprachen eine Gemeinsamkeit auf, die auch auf eine ähnliche grammatikalische Eigenschaft der genusspezifischen Suffixe zurückzuführen ist (das deutsche Suffix -er, genauso wie das tschechische Suffix -č bilden nur maskuline Substantive).27 Das häufigste Ableitungssuffix zur Bildung von NI im Deutschen ist das Suffix -er. Ableitungen mit diesem Suffix sind häufig polyseme Wörter, die sowohl NI als auch NA oder andere Entitäten bezeichnen. Mit unserer Untersuchung konnten wir Folgendes beweisen: Tritt diese Polysemie auf, ist die Bedeutung der NA in geschriebenen Texten wesentlich häufiger vertreten als die Bedeutung von NI. Dementsprechend lässt sich eine Schlussfolgerung ziehen: NI kommen in geschriebenen Texten des allgemeinen Sprachgebrauchs (wesentlich) seltener vor als NA. Wird ein NI im Deutschen durch das Ableitungssuffix -er gebildet, dann gibt es eine Evidenz dafür, dass sein häufigstes Pendant im Tschechischen auch eine maskuline Form einnimmt. Darüber hinaus gibt es eine relativ starke Tendenz zur Bildung 27 In Sprachen mit einer semantischen Genuszuweisung (z.B. Englisch) werden alle NI dem sächlichen Bereich zugeordnet (player: 1Person (he/she), NA; 2Maschine (it), NI). OPEN ACCESS
SARAH DOBIáŠOVá— TOMአKáňA 65 von NI im Tschechischen durch ein Ableitungssuffixcluster mit -č-: -ač, -eč, -ič, in der femininen Form um -ka erweitert. Dies entspricht den Angaben in der Fachliteratur über die tschechischen NI, allerding sollte die Kohorte der NI-bildenden Suffixe im Tschechischen um das -en (svítit [leuchten] → svícen [Leuchter]) und -rna (tisknout [drucken] → tiskárna [Drucker]) erweitert werden. Der kontrastive Blick zeigt auch folgendes Bild: 1) Es gibt Modelle, die in beiden Sprachen gleich sind: tragen ≈ nosit → Träger ≈ nosič bzw. nositel. 2) Es gibt jedoch auch starke Diversitäten bei den Bildungsmustern, die auf die Polysemie des fundierenden Verbs zurückzuführen sind: anlegen ≈ 1investovat; 2u/za/při-ložit, přistát → Anleger ≈ 1investor; 2přístaviště, selten 3podavač. Die Streuung über andere Modelle der Bildung von NI, die im Tschechischen den deutschen IN auf -er entsprechen, weist in unserem Sample keine festen Regularitäten auf, entspricht jedoch üblichen lexikalischen Asymmetrien (Schläger ≈ pálka; hokejka, golfová hůl, raketa; vodítko ≈ Leine, Hinweis, Leitfaden, Wegweiser, roter Faden). Des Weiteren lässt sich durch das Prisma der parallelen Korpusdaten beobachten, dass hier— obwohl die Wortbildungsmodelle in beiden Sprachen ähnlich sind— die Unterschiede sich auch im morphologischen Typus niederschlagen: Im Deutschen ist die Polysynthese in der Form von Komposita bei der Spezifizierung deutlich, während sich das Tschechische der Ableitungen durch unterschiedliche Suffixe bedient (vgl. Beispiel Wecker ≈ budík / Weckruf ≈ budíček). Es gibt jedoch keine Evidenz dafür, dass sich auch neue, aus dem Englischen entlehnte NI auf -er ähnlich verhalten würden: Blockbuster ≈ (kasovní) trhák; aber Router ≈ router, Pager≈ pager. Dieses Thema bedarf noch einer Untersuchung. Des Weiteren geht aus der kontrastiven Betrachtung deutlich hervor, dass es zwischen der morphologischen Kategorie Nomen Instrumenti und der semantischen Gruppe der Gerätebezeichnungen sehr wohl Überschneidungen gibt, die Gerätebezeichnungen jedoch ein breiteres Formenspektrum abdecken. LITERATURVERZEICHNIS AMC (2022) Austria Media Corpus, Version 4.1. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften. https://amc.acdh.oeaw.ac.at [last accessed 20 January 2023] Barz, I. (2016) Die Wortbildung. In: KunkelRazum, K. und F.Münzber (Hg.) Duden: Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch, 644–774. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag. Bauer, L. (2002) English Word-Formation. Cambridge: Cambridge University Press. Biber, D., S.Conrad und G.N.Leech (2002) Longman Student Grammar of Spoken and Written English. Harlow: Longman. Bílková, J. (2013) Pseudodeminutiva včeštině [Quasidiminutive im Tschechischen]. In: Gramatika & Korpus 2012. Hradec Králové: Gaudeamus. [CD-ROM]. Booij, G. (2000) Inflection and Derivation. In: Booij, G., Ch. Lehmann und J.Mugdan (Hg.) Morphology: An International Handbook on Inflection and Word-Formation. Vol.1., 360–369. Berlin, New York: Mouton de Gruyter. Čermák, F. (2011) Morfématika aslovotvorba češtiny [Morphematik und Wortbildung des Tschechischen]. Praha: Nakladatelství Lidové noviny. OPEN ACCESS
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