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Franz Brentano, Gustav Theodor Fechner: Briefwechsel über Psychophysik 1874–1878. Herausgegeben und eingeleitet von Mauro Antonelli. Berlin, Boston: de Gruyter 2015, 149 Seiten.

Krappmann, Jörg

Abstract

160

Full text

160 BRÜCKEN 27/1 Umso wichtiger erscheint, dass mit der aktuellen vorbildlichen Edition, ergänzt um Dokumente zu Rezeption und Wirkung, dabei handelt es sich um Besprechungen von Gaston Rosenheim in der Imago (1913), Hugo Bergmann in der März (1014), Aloys Müller im Archiv für die gesamte Psychologie (1914), Henry J. Watt in Mind (1916), Heinrich Levy in den Kant ‑Studien (1920) sowie einer Selbstanzeige von Brod und Weltsch in den Kant ‑Studien (1913), ein zentrales brentanistisches Dokument der Forschung zur Prager Moderne nun leicht zugänglich gemacht worden ist. Franz Brentano, Gustav Theodor Fechner: Briefwechsel über Psychophysik 1874–1878. Herausgegeben und eingeleitet von Mauro Antonelli. Berlin, Boston: de Gruyter 2015, 149 Seiten. Jörg Krappmann– Palacký Universität Olomouc Der briefliche Austausch zwischen den „beiden großen mitteleuropäischen Gelehrten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der hier erstmals in einer Edition der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist mit insgesamt nur 11 Briefen nicht sehr umfangreich. Er ist aber trotzdem zur Rekonstruktion des „langen und holprigen Prozesses“ (S. 4) geeignet, der in Auseinandersetzung mit Herbart „im deutschsprachigen Raum zur Gründung der „neuen“ wissenschaftlichen Psychologie geführt hat“ (S. 4). Dies belegen zum einen die knapp 60 sachkundigen und umsichtigen Kommentare zu einzelnen Briefstellen, die die vielfältigen Bezüge zu vorangegangen oder parallelen wissenschaftlichen Arbeiten der Psychologie, Philosophie und Mathematik aufzei‑ gen. Zum anderen ist den Briefen eine umfassende Einleitung (S. 3–73) beigefügt, die den jeweiligen Ansatz der beiden Briefpartner zunächst in einem größeren Rahmen verortet, um auf dieser Basis die kontroversen Stellungnahmen in den Briefen ein‑ zuordnen. Vorangestellt ist ein wissenschaftshistorischer Überblick zur Genese der Psychologie als wissenschaftlicher Disziplin (4–13), der präziser und übersichtlicher m.W. nirgends zu haben ist. Die geringe Anzahl der Briefe weist bereits darauf hin, dass es sich um keinen kontinuierlichen Kontakt handelt. Brentano schickte 1874 ein Exemplar seiner soeben erschienenen Psychologie vom empirischen Standpunkt an Fechner, den er ein Jahr zu‑ vor bei einem Besuch in Leipzig kennengelernt hatte. Das Begleitschreiben ist nicht erhalten und so setzt der Briefwechsel mit der umfassenden Reaktion Fechners auf die dort geäußerten „Korrekturen“ an seinem psychophysischen Modell ein. Diese erste Phase (bestehend aus vier Briefen) ist noch von dem Willen geprägt, den jeweils anderen von der Richtigkeit der eigenen Position zu überzeugen. Schließlich wollte Brentano in seiner Schrift die Unfruchtbarkeit der bisherigen Debatten überwinden, indem er der Psychologie ein sicheres theoretisches Fundament erarbeitete, das „von den Vertretern der verschiedenen Schulen akzeptiert werden kann“ (S. 39). Die psychologische Einheitswissenschaft Brentanos verfolgte damit ein ähnlich univer‑ sales Ziel wie Fechners psychophysisches Modell. Obwohl in der „Hinwendung zur 161REZENSIONEN Metaphysik, ausgehend von einer streng wissenschaftlichen, positivistisch auf die Welt der Erscheinungen orientierten Untersuchung“ (S. 41) vom Herausgeber auch ein verbindendes Merkmal zwischen Brentano und Fechner gesehen wird, wird doch bereits ab den ersten Schreiben die Inkompatibilität der beiden Ansätze deutlich. Diese gründet nicht zuletzt in den unterschiedlichen Ausgangsdisziplinen. Während der Monist Fechner sich immer wieder auf die Übereinstimmung seiner Argumente mit dem gegenwärtigen Kenntnisstand der Physik beruft, beharrt der aristotelische Dualist Brentano auf der (logischen) Evidenz seiner phänomenologischen Sicht‑ weise. „Mit einem Philosophen ist schwer zu reden“ (S. 119) beklagt sich denn auch der Physiologe Fechner in einem Brief an den Fachkollegen William Preyer (als An‑ hang dem Briefwechsel beigegeben) über die Uneinsichtigkeit Brentanos gegenüber seinen Argumenten. Dem bereits etablierten Fechner wiederum ist eine gewisse schulmeisterliche Diktion nicht abzusprechen. Das zeigt u.a. die mathematische Ausformulierung von Brentanos Deutung des Weberschen Gesetzes, die eben gerade das Gegenteil seiner eigenen Auffassung (Fechnersches Gesetz) bedeuten würde und keineswegs nur eine sanfte Veränderung. Brentano, der auf eine mathematische Formalisierung verzichtet hatte, quittiert diese Berechnung zwar mit „Hochachtung“, ist jedoch nicht bereit seine gegenteilige Position, die ihm selbstverständlich bewusst war, zu verlassen. Brentano selbst wiederum scheitert u.a. bei dem Versuch, Fechner die Unterscheidung „zwischen dem Begriff eines gleich merklichen und dem eines gleich großen Zuwachses der Intensität einer Empfindung“ (S. 91) nahezubringen. Fechner antwortete 1877 mit einer Schrift auf die kritischen Einwände an seinem Modell mit der Schrift In Sachen der Psychophysik, mit deren Übersendung an Brenta‑ no er die zweite Phase des Briefwechsels einleitet. In dem Bewusstsein, dass keiner bereit sein würde, „dem Gegner das kleinste Zugeständnis“ (S. 63) in der Sache zu machen, verliert der Disput an Schärfe. Aber trotz dieser Differenzen, erkennen beide Korrespondenten an, „dass die Verwandtschaft ihrer Standpunkte in religiösen und metaphysischen Fragestellungen […] viel wichtiger als der Konsens in psychophy‑ sischen Fragen ist“ (S. 63). Diese Konzilianz ist es, die dem Briefwechsel über seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung hinaus einen besonderen Wert verleiht. Doku‑ mentiert er doch eine Form des (nicht nur) wissenschaftlichen Umgangs, der droht in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Probleme und Streitfragen, abhanden zu geraten. Das erbitterte Ringen konzentriert und beschränkt sich auf die Sachebene, wird nicht in andere Bereiche ausgedehnt und entbehrt Argumenten ad hominem. Darum ist es den Kontrahenten möglich, weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Und es ist tatsächlich der ältere Fechner, der diese Ebene von vorneherein festlegt, da er Brentano zu seiner neuen Professorenstelle in Wien gratuliert, bevor er ihm Verfälschung seiner Ideen bis zum „Umsturz“ vorwirft. Wenn man der Publikation etwas anlasten möchte, dann lediglich die latente Bevorzugung Brentanos innerhalb dieses wissenschaftlichen Disputs. Das ist den Forschungsinteressen Antonellis geschuldet, der als Herausgeber der Schriften Bren‑ tanos (u.a. Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles 2014) sowie seines Schülers Anton Marty (Deskriptive Psychologie 2011) und wegen einschlägiger wissenschaftlicher Publikationen (u.a. Seiendes, Bewußtsein, Intentionalität im Früh‑ werk Franz Brentanos 2001) zu den besten Kennern des Philosophen und seines Kreises zu zählen ist. Andererseits ist Brentano in der Forschungsgeschichte freilich der 162 BRÜCKEN 27/1 wichtigere Akteur. Im engeren Sinne, da seine Ansichten sich als zutreffender und operabler zeigten als diejenigen Fechners. Im weiteren Sinne, weil er durch seine phänomenologische Psychologie Denker wie Husserl, Freud, Masaryk und Heidegger beeinflusste. Für die Böhmischen Länder gewann Brentano besondere Bedeutung, da nach seinem erzwungenen Weggang von Wien die deutsche Universität in Prag durch Anton Marty, Carl Stumpf oder Oscar Kraus zum Hort der Brentanisten in Österreich wurde, deren ebenfalls nicht konfliktfreier Einfluss auf das Prager Geistesleben in den autobiographischen Schriften von Max Brod bestens dokumentiert ist. Die hier vorliegende Edition jedenfalls gewährt einen tiefen Einblick in die Atmo‑ sphäre wissenschaftlichen Austauschs im 19. Jahrhundert und die neue wissenschaft‑ liche Disziplin Psychologie in statu nasciendi. Martin Bermeister: Václav Havels Reden. Aspekte einer holistischen Rhetorik. Stuttgart: ibidem, 2017, 373 Seiten. Daniel Kaiser: Václav Havel. Der Präsident 1990–2003. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2017, 379 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Wolf ‑Georg Zaddach– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Václav Havel (1936–2011), der jüngst von der Tschechischen Republik posthum als Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus geehrt wurde, gilt zweifelsohne als einer der schillerndsten europäischen Politiker nach dem Zusammenbruch des Kom‑ munismus. Die American Philosophical Society beschreibt Havel, deren Mitglied er 1995 wurde, als „one of the worldʾs shining lights in the struggle for truth and freedom“ und einen lebenden Beweis für den bemerkenswerten Einfluss Intellektueller auf politische Systeme und Entwicklungen. 1 Havel, der als Dissident in der sozialistischen Tschechoslowakei die existentielle Bedrohung der Diktatur erfuhr und aktiv an der Samtenen Revolution mitwirkte, prägte insbesondere in der Zeit von 1990 bis 2003 als Präsident der sich herausbildenden Tschechischen Republik die Entwicklungen seines Landes. Gerade das Bild des durch Künste und Philosophie geschulten Intellektuellen‑ Politikers kann dabei bisweilen mythisch erhöhte Züge annehmen. Das jedenfalls, so könnte man die Grundintention verstehen, ist der kritische Ausgangspunkt von Václav Havel. Der Präsident 1990–2003, eine Übersetzung des tschechischen Originals Prezident. Václav Havel 1990–2003 des einflussreichen tschechischen Journalisten Da‑ niel Kaiser von 2014. Das Buch ist in zehn Kapitel mit jeweils speziellem Themenfokus unterteilt. So kann man sich zum etwa Themenkomplex „Slowakei“ (Kap. 4) oder „Deutschland: Eine Lektion in Sachen Realpolitik“ (Kap. 6) vertiefend informieren. Während der überwiegende Teil der Kapitel sich entsprechenden Sachthemen widmet, 1 URL: https://search.amphilsoc.org/memhist/search?creator=V%C3%A1clav+Havel & title=&subject =&subdiv=&mem=&year=&year ‑max=&dead=&keyword=&smode=advanced [Stand/ 07.04.2020])