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Chantal Puech: Ludwig Winder, das Prosawerk. Wege aus der Unmündigkeit – eine Ethik des Handelns und der Pflicht. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019

Höhne, Steffen

Abstract

153

Full text

153REZENSIONEN Chantal Puech: Ludwig Winder, das Prosawerk. Wege aus der Unmündigkeit– eine Ethik des Handelns und der Pflicht. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019, 359 Seiten. Steffen Höhne– HfM Weimar / Friederich ‑Schiller ‑Universität Jena Ziel der vorliegenden Monographie ist eine Würdigung des gesamten Romanwerks von Ludwig Winder, um den narrativen Erfahrungszusammenhang, der den Werken zugrunde liegt, zu rekonstruieren und eine thematische und strukturelle Kontinuität aufzuzeigen bzw. eine innere Kontinuität und Kohärenz zu belegen und eine entsprechende Periodisierung vorzunehmen. Der Anspruch liegt somit letztlich darin, eine Gesamtwürdigung des Werkes vorzunehmen. Hierzu wird zunächst die Lektüre in einen sehr guten Forschungsüberblick eingebettet, da die Verfasserin nicht nur die in den Bibliotheken erfasste Literatur zu berücksichtigen weiß, sondern offenbar auch Zugang zu Diplomarbeiten in Tschechien und in Wien hatte, was zumindest auf gute akademische Kontakte schließen lässt. Dieser durchaus kritische Forschungsüberblick erfasst die bisher nicht allzu umfang - reiche Fachliteratur zu Winder und bildet somit eine solide Basis auch für die weitere Forschung zu Ludwig Winder. Gleiches gilt für den knappen, gleichwohl informativen Abriss kontextueller Einflüsse in der Zeit Winders als Bürger der Habsburgermonarchie, als Bürger der Tschechoslowakei und dann als Exilant in Großbritannien. Damit ist eine Grundlage für die Lektüre des Romanwerks von Winder gelegt. Ausgehend von der Überlegung, nach dem der Einzelne in „seinem persönlichen Kampf mit oder in der Zeit“ (S. 36) einer in der Kindheit ausgelösten Aufgabe oder Mission folge, untersucht die Verfasserin im ersten Teil ihrer Studie das sogenannte Urerlebnis als „entscheidenden Moment in der Ausgestaltung des Handlungsschemas“ bzw. in seiner Funktion als „symbolische Weltdarstellung“ (S. 37), welches für die ersten sechs Romane als zentrales narratives Muster erkannt wird. Es geht bei diesen prägenden Kindheitserlebnissen um die Rolle der Kindheit als Motor der Romanhandlung. Erst auf der Grundlage dieser Kindheitserlebnisse treffen die literarischen Figuren Entscheidungen (S. 150). Das Urereignis wird somit zu einem zentralen Charakteristikum der literarischen Figur. Ob es sich tatsächlich bei diesem Topos der unglücklichen Kindheit, wie schon von Otto Pick erkannt, um ein Charakteristikum der mährischen, gemeint ist sicher die deutschmährische Literatur, handelt, wäre allerdings näher auszuführen und in Vergleich z. B. zur deutschböhmischen oder österreichischen Literatur zu setzen. Im zweiten Teil der Studie geht es um das Konzept des ‚Lebensplans‘– die Verfasserin greift hier erneut auf ein Modell von Alfred Adler zurück –, mit dem der Romanheld „im Kampf mit der eigenen Existenz“ stehe und dieser Sinn verleihen will (S. 37). Es handelt sich somit um ein weiteres, für den Roman konstitutives Konzept oder Leitprinzip: „Der Lebensplan präsentiert sich als Lernprozess, in dessen Verlauf die Figuren Proben zu bestehen haben“ (S. 156), die zumindest in einigen Fällen Erkenntnisprozesse auszulösen vermögen. Winder setze dabei unterschiedliche Modelle ein, die hier als Unterkapitel gesondert analysiert werden: ein vorprogrammiertes Scheitern in Form von größenwahnsinnigen (Die rasende Rotationsmaschine) oder 154 BRÜCKEN 27/2 obsessiven (Die nachgeholten Freuden) Plänen, ein verdientes Scheitern wie bei dem an Selbstverblendung und Hochmut scheiternden ‚Dogmatiker‘ Dr.Muff, ein ererbtes Scheitern wie in der Jüdischen Orgel. Allerdings sei damit, so Puech, die Deutung vorgegeben, Winder lasse dem Leser keine Wahl, sondern schreibe letztlich eine eindeutige Lesart vor. Winder gehe es dabei weniger um die Auflehnung gegen die Väter, die Ablehnung des Systems oder den Bruch mit der Vergangenheit als vielmehr um das Vermögen des Einzelnen, der immer Herr seines Schicksals ist (S. 263). Intendiert seien somit weder Utopie noch Transzendenz, sondern die prinzipielle Erziehbarkeit des Menschen. Kritisiert wird dagegen „jede Handlung, jede Spekulation, die den Menschen zum Objekt degradieren will.“ (S. 262) Ob sich dies allerdings noch dem Paradigma des Bildungsromans zuordnen lässt, wäre zumindest ausführlicher zu diskutieren gewesen, auch wenn die Verfasserin damit einen inspirierenden Gedanken aufwirft, der im Hinblick auf Winder gewinnbringend auszuführen wäre. Der abschließende dritte Teil ist der Winderschen Ethik des „Handelns und der Pflicht“ gewidmet (S. 37), eine Pflicht des Menschen, sich durch sein jeweiliges Handeln jeglicher Form von Totalitarismus und Dogmatismus zu widersetzen, woraus sich wiederum die humane Verpflichtung des Schriftstellers ableiten lasse. Die Suche nach Sinn liege im Handeln und in der Pflicht, somit in der Selbstüberwindung, die auf die erwähnte Ethik hinleite. Das klingt zunächst durchaus einleuchtend, doch so, wie in den ersten beiden Hauptkapiteln eine doch recht dünne Referenz gerade einmal auf den Ansatz von Adler vorliegt, so erfolgt hier offenbar ein Rückgriff auf ein alltagssprachliches Konzept von Handeln, dem eine entsprechende soziologisch fundierte, analytische Schärfe fehlt– sei es in Abgrenzung von ‚Handeln‘ als sinnhaftem Tun zu ‚Verhalten‘ und zu ‚sozialem Handeln‘, das auf andere Personen gerichtet, aber auch auf Distinktion orientiert sein kann. Oder sei es in Hinblick auf ein idealtypisches Konzept von Handeln wie bei Max Weber, der zwischen zweckrationalen, wertrationalen, affektuellen und traditionellen Motiven von Handeln differenziert. Man kann natürlich einen Text wie den Kammerdiener nach einem simplifizierten Modell von Handeln lesen, dabei bleibt die intersubjektive Dialektik von Herr und Knecht aber ausgeblendet. Und ob man freimaurerische Einflüsse bei Winder postulieren kann, wäre sicher ebenfalls präziser zu untersuchen. Analogien zu dem in einem völlig anderen Kontext stehenden Siegfried Lenz oder ein Zitat aus Mozarts Zauberflöte reichen als Belege sicher nicht aus. Bleibt somit als Fazit, dass Winders Romane auf der Grundlage von Kindheitserlebnissen über einen inneren Zusammenhang verfügen und als didaktische Texte nicht im Dienst einer „aktivistischen oder moralisierenden Utopie“ stehen (S. 327), sondern einer humanistischen Einstellung verpflichtet sind? Das wäre sicher zu verkürzt, denn zumindest wird in dieser Studie eine wenn auch nicht aufregende, so doch anregende Lektüre der Winderschen Romane präsentiert. Allerdings, und das bleibt das Manko, wäre mit einer gewissen theoretischen Fundierung doch deutlich mehr aus den Texten Winders herauszuarbeiten, zumal entsprechende Anregungen an vielen Stellen dieser Studie gegeben werden.