Anna Förster: Der Schriftsteller als Philologe. Bohumil Hrabal, Jaroslav Hašek und die Philologie. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2020 (= Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, Band 915),
Abstract
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153REZENSIONEN S. 95–102) erfolgt ein Versuch, das Konzept der Figurencharakteristik nach Manfred Pfister auf die beiden Erzählungen zu übertragen. Ferner befassen sich die Beiträge mit Aspekten der Individuation, der Weltaneignung, den Motiven der Entmenschlichung und der mentalen Blindheit. Auf diese Weise werden viele, durchaus wichtige Aspekte in den beiden Erzählungen angerissen. Leider wird versäumt, die mehr oder weniger essayistischen und nur bedingt den Forschungstand reflektierenden Studien in einem rahmenden Artikel in Form einer abschließenden Synthese zusammenzuführen, die dann als eine Art roter Faden die Beiträge verbunden hätte. Insofern wird das Potential des Bandes leider verschenkt. Anna Förster: Der Schriftsteller als Philologe. Bohumil Hrabal, Jaroslav Hašek und die Philologie. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2020 (= Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, Band 915), 332 Seiten. Anne Hultsch– Universität Wien Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die 2018 am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Ludwig -Maxi milians -Universität München fertiggestellt worden ist (S. 9). Die Vf. hat sich, wie sie einleitend schreibt, zum Ziel gesetzt, in ihrer Arbeit drei Elemente zu untersuchen: „[1.] Hrabals philologisches Handeln, [2.] die Präsenz philologischer Diskurse in Hrabals Texten sowie [3.] die sich in ihnen abzeichnende Auseinandersetzung Hrabals mit dem Verhältnis von Literatur und Philologie“ (S.24). Philologie werde dabei „weniger im Sinne einer wissenschaftlichen Disziplin[ ] denn als eine Fokussierung auf das konkrete Umgehen und Hantieren mit Texten, das aber von seinen institutionellen und diskursiven Einbindungen nie ganz zu trennen sein kann“, verstanden (S. 24). Wie aus den drei angeführten Punkten ersichtlich wird, geht es bei dem „Schriftsteller als Philologen“ um Hrabal, wenngleich Hašek gleichberechtigt im Untertitel neben diesen gestellt wird. Im Laufe der Arbeit gerät Hašek jedoch hin und wieder etwas aus dem Blick. Das Hauptaugenmerk der Vf. gilt folgenden Texten Hrabals: Bohumil Hrabal uvádí… [B. H. präsentiert…] (1967); Morytáty alegendy [Moritaten und legenden] (1968); Pražské pavlačové anekdoty [Prager Pawlatschenanekdoten] (1968/1994); Imaginární rozhovor [Ein imaginäres Gespräch] (1984); Živo‑ topis trochu jinak [Biographie mal anders] (1986); Kličky na kapesníku [Knoten im Taschentuch] (1987) und Rukověť pábitelského učně [Handbuch eines Baflerlehrlings] (1970/1975). In diesen Werken werden Spuren dessen nachgewiesen, dass sich Hrabal kritisch– und eigenwillig– mit Texten von Hašek und mit Sekundärtexten zu diesen, mit Sekundärtexten zu seinen eigenen Texten, mit seinen eigenen Texten aus einem gewissen zeitlichen Abstand sowie mit ausgewählten theoretischen Texten von Roland
154 BRÜCKEN 30/1 Barthes auseinandergesetzt habe. Hrabals philologisches Wirken resp. Bewusstsein schlage sich also, so eine der Thesen der Arbeit, in seinen belletristischen Texten nieder. Zumindest einige wenige sachliche Anmerkungen oder Richtigstellungen seien gestattet. Bei der im ersten Kapitel herausgearbeiteten ‚filologičnost‘ der tschechischen Kultur vor allem während der sog. nationalen Wiedergeburt wäre es nicht ohne Interesse gewesen, dass es sich dabei um einen anderen Philologie -Begriff handelt als den oben zitierten. Macura, der für diese These der Gewährsmann ist, spricht in erster Linie von „lingvocentrismus“ und von Philologie „ve smyslu myšlení ojazyce“ [im Sinne des Nachdenkens über Sprache] (Macura 2015: 47ff. und 68). Es geht ihm also nicht so sehr um den Umgang mit Texten, sondern vielmehr um den Umgang mit oder die Thematisierung der tschechischen Sprache. Wenn die bohemistische Forschung eine be stimm te Betrachtungsweise oder einen bestimmten Forschungsgegenstand einfach bis dato noch nicht gewählt hat, heißt das nicht automatisch, dass sie „nicht bereit“ sei oder einen „Unwillen“ (S. 67, S. 97) verspüre, sich diesem oder jenem Aspekt unter diesem oder jenem theoretischen Vorzeichen zu widmen. Was bliebe noch zu betrachten, wenn alles schon betrachtet worden wäre? Vielleicht könnte man die angeblich Unwilligen besser dadurch von den Vorzügen des selbst gewählten Zugangs überzeugen, wenn man diesen konkreter mit beispielsweise Intertextualitätstheorien oder Theorien zur literarischen Kanonbildung konfrontieren und ihn damit in einen breiteren theoretischen Zusammenhang einbetten würde. Schreibt Arne Novák über Jan Neruda, dass mit diesem die „moderní česká literatura“ beginne, dann sagt er damit keineswegs, dass dieser der „Begründer der tschechischen literarischen Moderne“ sei (S. 101). Hier wäre klar zwischen dem Epochenbegriff Moderne und dem Verständnis von ‚moderní‘ als ‚neuzeitlich‘ zu unterscheiden gewesen. Neruda, der 1891 gestorben ist, hat auch keinen Text geschrieben, der „um 1900“ spielt (S. 98). Die Metapher „černá lyra“ [schwarze Lyra] (S. 108) dürfte Hrabal von Jiří Kolář übernommen haben, dessen gleichlautende Gedichtsammlung 1948 erschienen ist. Die Dissertation von Steffi Widera (2002) ist nicht „die einzige auf Deutsch vorliegende Monographie zu Weiners Werk“ (S. 109). Ebenfalls auf Deutsch ist vier Jahre später Filip Charváts Dissertation Richard Weiner oder Die Kunst zu scheitern. Interpretationen zum Erzählwerk. Mit einer vergleichenden Studie zu Franz Kafka (2006) erschienen. Es hat nicht erst die Liblice Konferenz zu ersten Kafka -Veröffentlichungen nach 1948 geführt (S. 116), sondern der Konferenz wurde vielmehr durch die tschechischen Ausgaben von In der Strafkolonie (1957) und Der Proceß (1958) der Weg bereitet. Der angedeutete Widerspruch, wenn Charlie Chaplin von Hrabal mit spezifisch Prager Ironie in Zusammenhang gebracht wird (S. 211), lässt sich vielleicht insofern ausräumen, als Chaplin von der Künstlervereinigung Devětsil zum Ehrenmitglied ernannt worden ist und diese Ernennung auch dankend akzeptiert hat (s. Pásmo 1925/26, Nr. 1, S. 14). Er wurde von den Vertretern der tschechischen Avantgarde und ihren Nachfolgern als einer der ihren gesehen. Zudem zählten zu Hrabals Lektüre Teiges Bände Svět, který se směje [Die lachende Welt] (1928) und Svět, který voní [Die duftende Welt] (1930) (s.Karel Marysko, Svět Bohumila Hrabala, in: Haňťa Press 1995, Nr. 18, S. 59–62, hier S.60), in denen Chaplin eine wichtige Rolle spielt. Eine nicht allzu gründliche Recherche führt zum Finden der Stelle aus den Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války, über die Vf. anmerkt: „Bemerkenswerterweise ist mir ein Auffi nden dieser Stelle in Hašeks Roman nicht möglich gewesen“ (S. 281). In der für die Arbeit verwendeten Ausgabe
155REZENSIONEN der Osudy […] ist zu lesen: „‚Vy mluvíte podobně jako klempíř Pokorný vBudějovicích. Ten, když se ho lidi optali: ,Koupal jste se už letos vMalši?‘, vodpověděl: ,Nekoupal, ale zato bude letos hodně švestek.‘“ (Hašek 2010: 472), was nur sehr geringfügig von dem angeführten Hrabal -Zitat: „Koupal jste se vMalši?– Nekoupal, ale letos může bejt hodně švestek…“ (S. 281) abweicht. Sicherlich wäre auch die Einbeziehung des Heftes 18 von Haňťa Press (1995) nicht uninteressant gewesen, in dem sich sowohl Collagen und Texte von Hrabal selbst (z. B. Co to je hospoda, S. 1–7) als auch von Radko Pytlík (u. a. Umělý osud Bohumila Hrabala aHaška Jaroslava, S. 55–58) oder Marysko (s. o.) befinden. Eventuell hätte auch die Beachtung von Kenneth Hanshews Dissertation Švejkiaden. Švejks Geschichte in der tschechischen, polnischen und deutschen Literatur (2009) noch zu weiteren Überlegungen anregen können. Unverständlich ist, wieso Hrabal, Pytlík und Emanuel Frynta gleich mit die (typo-) grafische Umsetzung der Bücher, deren Autoren oder Herausgeber sie sind, zugeschrieben wird. Wenn man die Gestaltung in die Argumentation einbezieht (die dann allerdings nicht mehr auf die Autoren/Herausgeber zentriert bleiben dürfte), wäre es geboten, diejenigen zu nennen, die für die grafische Gestaltung der Bücher verantwortlich zeichnen. Das sei hiermit nachgeholt. Die grafische Gesamtaufmachung (Umschlag, Einband, Typografie) von Bohumil Hrabal uvádí… (1967; s. Abb. S. 68, S. 77, S. 87, S. 118, S. 121) oblag Oldřich Hlavsa, der auch der Typograf von Morytáty alegendy (1968; s. Abb. S. 166f., S. 208, S. 210) war. Wie die Angaben auf der Titelseite platziert werden, entscheidet wohl auch eher nicht der Autor, sondern die Ge stal terin oder der Gestalter. Im Fall von Schizofrenické evangelium [Das schizophrene Evangelium] (1990; s. Abb. S. 162) handelt es sich um Vlasta Machová. Es scheint unwahrscheinlich, dass Pytlík die Collage mit Titeln von Publikationen über Hašek in Haškův boj za socialistickou republiku [H.s Kampf für die sozialistische Republik] (1960, S. 45; s. Abb. S. 92) selbst arrangiert hat. Die grafische Gestaltung des Buches lag in den Händen von Antonín Dvořák. Frynta hat für Hašek der Schöpfer des Schwejk (1965; s. Abb. S. 126f., S. 129) einen Teil der Fotografien beigesteuert, sicher auch für deren Juxtaposition gesorgt, aber er dürfte nicht auch noch darauf geachtet haben, dass „eine Prager Straßen szene gewissermaßen gleichzeitig als Verbindung wie als Abstandhalter zwischen sie“ gestellt wird (S. 128). Die grafische Gestaltung des Buches besorgte Lucie Weisbergrová. Hinsichtlich der Pražské pavlačové anekdoty (1994; s. Abb. S. 198) ist interessant, dass sowohl Hrabal als auch der Grafiker Milan Albich die Jahrgänge 1929 bis 1933 der Zeitschrift Šejdrem durchforstet und ihnen passend erscheinende Texte (Hrabal) bzw. Illustrationen (Albich) ausgewählt haben. Die Auswahl des Textund des Bildmaterials aus ein und derselben Quelle lag mithin in unterschiedlichen Händen. Die oben erwähnte Überarbeitung der Dissertation bezieht sich offensichtlich nicht auf deren sprachliche Form, denn das Buch enthält so viele Fehler, dass einem schon fast der Zugang zu dessen Inhalt versperrt wird. Es lässt sich kaum eine Seite (konsequent von der zweiten Seite des Inhaltsbis zur vorletzten Seite des Literaturverzeichnisses) ohne meist mehrere Fehler finden, wobei deren Vielfalt kaum Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Man wird mit Tippfehlern, mit falschen Worttrennungen, mit Sätzen ohne Prädikate, mit Sätzen, die nur aus Nebensätzen bestehen, mit grammatisch falschen Satzanschlüssen, mit nicht transliterierten, sondern transkribierten Namen russischer Autoren, mit einer für wissenschaftliche Arbeiten nicht unbedingt
156 BRÜCKEN 30/1 angebrachten Experimentierfreudigkeit bei der Zeichensetzung, mit von der Vf. angefertigten fehlerhaften Übersetzungen tschechischer Zitate ins Deutsche, mit falsch abgeschriebenen Zitaten konfrontiert. Der zuletzt genannte Punkt steht in merkwürdigem Gegensatz zu einer freudigen Verwendung von „[sic]“, womit nicht immer auf tatsächlich fehlerhafte Übernahmen hingewiesen wird (wie z. B. S. 124). Šafařík war nicht Ende der 1830er/Anfang der 1840er Jahre „Herausgeber des Časopis českého muzea [Zeitschrift des tschechischen (National)Museums]“ (S. 26), sondern Chefredakteur des Časopis Českého museum [Zeitschrift des böhmischen Museums]; die Kafka -Konferenz 1963 fand nicht „in Lidice“, sondern in Liblice statt; Šalda heißt mit Vornamen František und nicht „Franz“ (beides S. 108) usw. Eine sprachliche Überarbeitung hätte auch dazu führen dürfen, die unkontrollierte Häufung einiger Wörter etwas zu reduzieren (z. B. wird auf S. 266 3x etwas ‚adressiert‘; dieses Verb i.S. von ‚etwas ansprechen‘, ‚zum Thema machen‘ erfreut sich überhaupt sehr großer Beliebtheit der Vf.). Die mangelnde Sorgfalt, die die Vf. ihrem eigenen Text widmet, und die in den fehlerhaften Zitaten zum Ausdruck kommende geringe Achtung gegenüber den zitierten Autoren findet darin eine Parallele, dass aus allen angeführten Übersetzungen ohne konkrete Quellenangabe zitiert wird, was um so unverständlicher ist, wenn mehrfach betont wird, dass sich die Arbeit auch an ein außerbohemistisches Publikum richte (u. a. S. 54f.), welches auf diese Angaben zum einfachen Auffinden der Stellen angewiesen wäre. Außerdem sollte die Leistung derjenigen, die die Texte übersetzt haben, dadurch gewürdigt werden, dass ihre Namen im Literaturverzeichnis angeführt werden, zumal wenn das Buch über kein Register verfügt, das das Auffinden der im Text genannten Namen erleichtern würde. Auch weitere Quellenangaben sind nicht eindeutig. So wird beispielsweise Šafařík aus zweiter Hand zitiert, wobei nicht die korrekte Angabe von Macura übernommen wird, dass es sich bei dem zitierten Text um eine unselbständige Publikation aus dem Jahr 1846 handelt (Macura 2015, S.47 und S.626), sondern uns gegenüber wird nun Šafařík als Autor einer gesamten Schrift mit dem Titel Hlasové opotřebě jednoty spisovného jazyka pro Čechy, Moravany aSlováky [Stimmen über die Notwendigkeit der einheitlichen Schriftsprache für Tschechen, Mährer und Slowaken] von 1848 ausgegeben (S.26). Šafaříks Beitrag, aus dem zitiert wird, umfasst in dem Sammelband Hlasowé opotřebě jednoty spisowného jazyka pro Čechy, Morawany aSlowáky (1846) je doch lediglich S. 65–88 und weist einfach die Ordnungszahl „IX.“ als Überschrift auf. Von einem ebenfalls sehr nachlässigen Umgang mit den Vorlagen zeugen auch die mitgelieferten Aufnahmen von Buchumschlägen und Buchseiten (s.o.). Selbst wenn diese selbstverständlich nicht als Illustrationen gedacht sind, müssen sie nicht krumm und schief aufgenommen werden. Wenn ihre Qualität zudem so schlecht ist, dass man sie kaum lesen kann, verlieren sie auch ihre argumentative Funktion. Man fragt sich bei all diesen formalen Nachlässigkeiten, was für eine Rezeptionshaltung die Vf. eigentlich erwartet, wenn sie selbst ihrem eigenen Werk nicht mehr Gewissenhaftigkeit angedeihen lässt. Eines der Anliegen der Arbeit ist zwar ohne jeden Zweifel darin zu sehen, den Blick dafür zu weiten, dass Philologie nicht nur auf akademischem Boden ihre Heimstatt hat, was aber nicht im Umkehrschluss dazu führen sollte, dass sich die auf akademischem Boden betriebene Philologie von akademischen Standards verabschiedet. Es mag etwas unverhältnismäßig erscheinen, in einer Rezension ausführlicher auf die äußere Form als auf den Inhalt der rezensierten Arbeit einzugehen, aber wenn
157REZENSIONEN diese „Philologe“ im Titel und „Philologie“ im Untertitel trägt, sollte man zumindest ein dem Gegenstand angemessenes akademisch -philologisch sauberes Vorgehen erwarten dürfen. Dass diese Kritik hier vorgebracht werden muss, ist außerordentlich bedauerlich, weil jede bohemistisch ausgerichtete Monographie, die im deutschsprachigen Raum erscheint, zunächst einmal freudig zu begrüßen ist. Die Praxis der Verlage, einfach vermeintlich druckfertige pdf -Dateien entgegenzunehmen und unbesehen zu drucken, führte offensichtlich nur so lange zu zufriedenstellenden Ergebnissen, wie diese Vorlagen von einer Generation erstellt wurden, die sich noch durch einen skrupulösen Umgang mit der Sprache auszeichnet. Es scheint höchste Zeit zu sein, wieder gründlich arbeitende Lektorate einzurichten, denn die Zahl derart unfertiger Bücher wächst momentan leider exponentiell. LITERATUR Hašek, Jaroslav (2010): Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války. Praha: Československý spisovatel. Macura, Vladimír (2015): Znamení zrodu aČeské sny. Praha: Academia.