Bericht der Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur für die Jahre 2015 bis 2020
Abstract
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Full text
Bericht der Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur für die Jahre 2015 bis 2020 Manfred Weinberg, Štěpán Zbytovský– Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur, Karls ‑Universität, Prag 1. GRÜNDUNG, MITARBEITER, BEIRAT UND PROGRAMM Die Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur am Institut für germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Prager Karls -Universität wurde am 29. Mai 2015 feierlich in der Deutschen Botschaft Prag eröffnet. Der offiziellen Gründung war eine lange Vorbereitung vorangegangen, die sich zunächst im Willen der literaturwissenschaftlichen Prager Germanisten zeigte, ihre Forschungen im Wesentlichen wieder auf die deutsche Literatur in Prag und in den böhmischen Ländern zu fokussieren, wie das auch schon einmal zu Zeiten Kurt Krolops, des Doyens dieses Forschungsgebietes, der Fall gewesen war. Von daher lag es auch nahe, der Forschungsstelle seinen Namen zu geben; unserer Anfrage hat Kurt Krolop zu unserer großen Freude ohne Zögern zugestimmt. Dass es sich um eine Forschungsstelle ‚nur‘ zur deutsch -böhmischen (selbstverständlich incl. der Prager) Literatur handelt, ist der Tatsache geschuldet, dass an der Palacký -Universität in Olmütz schon seit 1997 eine Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur besteht, mit der die neue Prager Forschungsstelle eng kooperiert. Die feierliche Eröffnung begann mit Grußworten der damaligen Botschafter Deutschlands und Österreichs sowie der Dekanin der Philosophischen Fakultät der Karls Universität. Wichtige Kolleginnen und Kollegen sowie Freundinnen und Freunde Kurt Krolops hielten an diesem Tag Vorträge zum Gegenstandsbereich der Forschungsstelle sowie weitere Grußworte. Den Festvortrag zu Ehren Kurt Krolops steuerte Jiří Stromšík bei. Einer der Höhepunkte der Feier war die Überreichung der endlich gedruckten Dissertation Kurt Krolops Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur an diesen. Die Einrichtung der bis dahin nicht publizierten Dissertation hatten die Olmützer Kollegen Jaromír Czmero und Jörg Krappmann besorgt. Ein weiterer Höhepunkt war die Ernennung der Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats: Dr.Peter Becher, damals Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins, seit 2019 dessen Vorsitzender; prof.Dr.Steffen Höhne, Professor für Kulturwissenschaft und -management sowie des Profils „Kulturstudien Ostmitteleuropas (Habsburgstudien)“ an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der Friedrich- -Schiller -Universität Jena; prof.Dr.Andreas Kilcher, Professor für Literaturund Kulturwissenschaft an der ETH Zürich mit Schwerpunkt deutsch -jüdische Literatur; doc.PhDr.Barbara Köpplová, Mitglied des Lehrstuhls Mediale Studien der
112 BRÜCKEN 27/2 Metropolitan -Universität Prag; doc.Mgr.Joerg Krappmann,Ph.D., Dozent am germanistischen Institut der Palacký -Universität Olmütz; PhDr.Eva Pátková, damalige Mitarbeiterin am Institut für Sprachen und Literaturen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in der Abteilung für die Erforschung der Prager deutschen Literatur, geleitet von Kurt Krolop; prof.Dr.Marek Nekula, Professor für Bohemistik und Westslawistik an die Universität Regensburg und Leiter des Bohemicums Regensburg -Passau; prof.Dr.Alice Stašková, Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Friedrich -Schiller -Universität Jena; prof.PhDr.Jiří Stromšík,CSc. ehemaliger Professor für Deutsche Literatur an der Karls -Universität; Mag. Dr.Michael Wögerbauer, Leiter der Abteilung für Literatursoziologie am Institut für Tschechische Literatur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie stellvertretender Direktor (für internationale Zusammenarbeit); prof.Dr.Irina Wutsdorff, inzwischen Inhaberin des Lehrstuhls für Slavistik der Universität Münster und dort Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Slavistik. Die an der Foraschungsstelle beteiligten Wissenschaftler sind Dr.Václav Petrbok, Dr.Václav Smyčka, Dr.Štěpán Zbytovský; bis 2017 wirkte Mag. Julia Hadwiger und 2017–2018 Dr.Lukáš Motyčka mit. Geleitet wird die Forschungsstelle seit ihrer Gründung von prof.Dr.Manfred Weinberg. Auf der Homepage der Forschungsstelle (https://krolop.ff.cuni.cz) wird ihr Programm präsentiert; ihre Grundausrichtung wird dort folgendermaßen formuliert: „Das Ziel der Kurt Krolop Forschungsstelle ist es, das lange Zeit vernachlässigte und bislang oft unter falschen Voraussetzungen erforschte Feld der Prager deutschen Literatur bzw. der deutsch -böhmischen Literatur neu aufzuarbeiten. Beabsichtigt ist zuletzt eine Erschließung der gesamten Geschichte der deutschsprachigen Literatur in den böhmischen Ländern, wobei die deutsch -böhmische Literatur als ein integraler Bestandteil der Kulturgeschichte Böhmens verstanden wird. Zu akzentuieren sind somit in besonderer Weise der sozialgeschichtliche Kontext der Literatur, die Beziehungen zwischen der deutschsprachigen und der tschechischen Literatur und Kultur in Böhmen und nicht zuletzt politisch -historische Zusammenhänge. Ausdrücklich verabschieden sich die Beteiligten von den bisher gängigen Zuschreibungen, wie der, dass die Autoren der Prager deutschen Literatur in einem ‚dreifachen Ghetto‘ (Pavel/Paul Eisner) […] gelebt hätten oder der hierarchisierenden Unterscheidung der durchgängig humanistisch gesinnten Prager deutschen und der strikt nationalistischen, gar präfaschistischen sudentendeutschen Autoren.“ 2. KONFERENZEN UND WORKSHOPS Eine intensive und theoretisch -methodologisch adäquat reflektierte Erforschung ihres Themenbereichs, zu deren Voraussetzungen ein zweckmäßiger Wissensund Know -How -Austausch gehört, sucht die Forschungsstelle durch Organisation von wissenschaftlichen Begegnungen zu fördern. Bei diesen Tagungen und Workshops werden sowohl kanonische neu auszuwertende als auch bisher (weitgehend oder überhaupt) unberücksichtigte Phänomene und Entwicklungen aus der deutschen Literatur in den böhmischen Ländern diskutiert. Vom 1. bis 3. Dezember 2016 fand in der Deutschen Botschaft in Prag und im Prager Goethe -Institut die bisher größte dieser Veranstaltungen – die Tagung unter dem Titel
113MANFRED WEINBERG, ŠTĚPÁN ZBYTOVSKÝ Franz Kafka im interkulturellen Kontext statt. Sie war der Frage nach der Bedeutung des interkulturellen Umfelds Kafkas für sein Leben und Schreiben gewidmet. Dabei ging es um die spezifische Interkulturalität Prags und der Böhmischen Länder zu Lebzeiten Kafkas, um die Relevanz dieser spezifischen Interkulturalität für Franz Kafka in biographischer Perspektive sowie um bisher weitgehend übersehene mannigfachen Spuren solcher Interkulturalität in den Texten Kafkas. Auch die Kafka -Konferenz in Liblice 1963 hatte schon einen „Franz Kafka aus Prager Sicht“ versprochen, vornehmlich aber aus einer marxistischen Perspektive über Kafka diskutiert. Diese Perspektive ist auch später nicht fundiert ausgearbeitet worden, was damit zu tun hat, dass Kafkas Texte weltweit und somit von Fachleuten interpretiert wurden, die die Besonderheiten der Interkulturalität Prags und der Böhmischen Länder nicht hinreichend gründlich kannten und kennen. Allerdings wurde in den letzten Jahren auch von der Kurt Krolop Forschungsstelle gemeinsam mit deutschen und tschechischen Forscherinnen und Forschern eine andere Perspektive etabliert, die Franz Kafka, überspitzt formuliert, als „Autor einer Regionalliteratur“ versteht, wobei dem dabei vorausgesetzten Verständnis von „Region“ selbstverständlich nicht die übliche Zuschreibung von Provinzialität eignet, sondern vielmehr eben eine Fokussierung auf die tatsächlichen (inter-)kulturellen Zusammenhänge in Prag und den Böhmischen Ländern zu Kafkas Lebzeiten intendiert ist. Auf der Tagung wurden insgesamt 23 Vorträge zu sehr unterschiedlichen Aspekten der oben genannten Leitthemen gehalten. Der von Steffen Höhne und Manfred Weinberg herausgegebene Tagungsband ist 2019 im Böhlau -Verlag erschienen. An den Tagen des 17. bis 19. Oktober 2019 fand im Prager Goethe -Institut und an der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität die Folgetagung Interkulturalität, Übersetzung, Literatur– am Beispiel der Prager Moderne statt. Diese behielt die– historische, biographische und literarische– Perspektivierung der Tagung Franz Kafka im interkulturellen Kontext bei, erweiterte aber ihren Fokus. Zum einen ging es noch einmal um Fragen zu Franz Kafka, die auf der ersten Tagung aufgeworfen wurden, aber nicht ausdiskutiert werden konnten; zum anderen wurden nun auch weitere Autoren der deutschsprachigen Prager Moderne hinsichtlich der Bedeutung der Interkulturalität für ihr Leben und ihre Texte behandelt. Ausdrücklich ‚erlaubt‘ war dabei auch der Ausgriff in die Literatur der Böhmischen Länder insgesamt. Nicht zuletzt wurde die umfassende Übersetzungstätigkeit der Autoren der deutschsprachigen Literatur Prags thematisiert. Die Tagung versammelte 20 Vortragende; der von Dieter Heimböckel, Steffen Höhne und Manfred Weinberg herausgegebene Sammelband wird Anfang 2021 erscheinen. Die Forschungsstelle beteiligt sich seit ihrer Entstehung maßgeblich an der Tätigkeit des internationalen und interdisziplinären Forschungsverbunds Prag als Knotenpunkt europäischer Moderne(n). In Kooperation mit der Hauptveranstalterin Irina Wutsdorff und dem von ihr geleiteten DFG -geförderten Projektteam „Überschneidungen und Abgrenzungen in Raum und Zeit. Der literarische Diskurs der Prager Moderne(n)“ wurde am 20.–21. September 2018 im Österreischen Kulturforum Prag und an der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität der internationale Workshop Prag im Feuilleton, Feuilleton in Prag organisiert. Die 23 aktive Teilnehmer aus Tschechien, Deutschland, der Slowakei, der Schweiz, Kanada und England präsentierten ihre Beiträge mit einem Hauptfokus auf dem Feuilleton als als genuin moderner Gattung, dem
114 BRÜCKEN 27/2 der Modus der modernen Selbstreflexivität eingeschrieben ist, und dabei sowohl auf die spezifische Produktionsweise und das spezifische Medium der Zeitung, als auch auf das Schreiben im Angesicht der sich verändernden Wahrnehmungsbedingungen in der Moderne. Der von Irina Wutsdorff herausgegebene Tagungsband wird 2021 erscheinen. In Zusammenarbeit mit der Internationalen Charles -Sealsfield -Gesellschaft (und als Bestandteil ihrer wissenschaftlichen Biennale) wurde am 4.–7. Oktober 2018 im Österreichischen Kulturforum Prag die Tagung Karl Postl / Charles Sealsfield in den Böhmischen Ländern und den USA veranstaltet. Unter den 12 Referentinnen und Referenten aus Mitteleuropa und Großbritannien traten sechs Nachwuchswissenschaftler auf, die sich mit diversen Aspekten des Dachthemas „Sealsfield und der poskoloniale Süden“ befasst haben. Als eine weiteres Treffen des Forschungsverbunds Prag als Knotenpunkt europäischer Moderne(n) und Teil der Aktivitäten des Projektverbunds Grenze/n in nationalen und transnationalen Erinnerungskulturen zwischen Tschechien und Bayern (gefördert von der Bayerisch -Tschechischen Hochschulagentur) wurde von der Kurt Krolop Forschungsstelle die internationale Tagung Populärkulturen im interkulturellen Kontext– am Beispiel der deutsch -tschechischen Wechselbeziehungen ausgerichtet. Ihre 13 Beiträger aus Deutschland, Tschechien und Russland haben ihre Vorträge vom 27. bis 29. Juni 2019 an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität präsentiert, wobei Sie für Theorie und allgemeine kulturhistorische Phänomenologie relevante Themenbereiche (Grenze zwischen Hochund Populärkultur; Transfer im Bereich; Wechselverhältnisse von Populärmusik und Literatur) sowie bisher mehr oder weniger übergangene Einzelerscheinungen der Literaturgeschichte aufgegriffen haben (von populären Reiseberichten über Böhmen um 1800 bis zur Zivilisationskritik in der tschechischen und deutschmährischen Literatur der Zwischenkriegszeit). 3. PUBLIKATIONSPROJEKTE Nach langer und intensiver Vorbereitung erschien im Metzler -Verlag im Spätherbst 2017 das von Peter Becher, Steffen Höhne, Jörg Krappmann und Manfred Weinberg herausgegebene Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder. Die Ankündigung auf der Homepage des Metzler -Verlags lautet: „Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen umfassenden Überblick über die Literatur einer mitteleuropäischen Region und ihre Entwicklung seit der Aufklärung. Dabei werden bisherige Konzeptualisierungen, die u.a. von einer strikten Trennung der Prager von der sogenannten sudetendeutschen Literatur ausgingen, überwunden. Das Handbuch bietet vielmehr eine transkulturelle und -regionale Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im komplexen Wirkungsund Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.“ Am Handbuch haben inkl. der Herausgeber 41 Autorinnen und Autoren mitgewirkt. Es wurde in Prag, Konstanz, München, Hamburg, Berlin, Ústí nad Labem und Wien vorgestellt und inzwischen in mehreren Rezensionen gewürdigt. Während für die Beiträge zu späteren Tagungen des internationalen und interdisziplinären Forschungsverbunds Prag als Knotenpunkt europäischer Moderne(n) jeweils prominente Publikationsorte gefunden werden konnten (u.a. die Zeitschrift für
115MANFRED WEINBERG, ŠTĚPÁN ZBYTOVSKÝ interkulturelle Germanistik, die brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien– Slowakei N.F. und die Publikationsreihe Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert), war das für die ersten Tagungen noch nicht der Fall gewesen. Diese hatten aber gerade sehr grundsätzliche ‚Vermessungen‘ des Forschungsfeldes versammelt, die auf jeden Fall auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. So erschien 2019 der von Manfred Weinberg, Irina Wutsdorff und Štěpán Zbytovský herausgegebene Sammelband Prager Moderne(n): Interkulturelle Perspektiven auf Raum, Identität und Literatur im Bielefelder transcript -Verlag. Der Band fokussiert drei Themenfelder: 1.Figurationen der Prager Moderne(n) im deutschund tschechischsprachigen literarischen Diskurs, 2. Zentrum und Peripherie. Positionierungen und Hierarchisierungen sowie 3. Verflechtungen sozialer und kultureller (Stadt-)Räume Prags; er versammelt 15 Beiträge von deutschen, österreichischen und tschechischen Autorinnen und Autoren aus der Geschichtswissenschaft, Germanistik und Bohemistik. Auch dieser Band versucht die Prager Moderne aus den bisher vorherrschenden Einschränkungen der Forschung– vor allem der klaren Separierung der kulturellen Sphären ‚des‘ Deutschen und ‚des‘ Tschechischen– zu befreien, indem er an neuere Theorien von Interkulturalität sowie zur sozialen und kulturellen Konstruktion von Räumen anknüpft. Eine solche Neuperspektivierung ist aber eben nicht im isolierten Blick nur auf Prag selbst möglich, dessen spezifische Plurikulturalität erschließt sich vielmehr nur, wenn der Anschluss an kulturelle Entwicklungen in (den anderen Metropolen) Europa(s) sowie die zugehörigen (materiellen, medialen etc.) Austauschprozesse mit beobachtet werden. Der Band war für den Otokar Fischer Preis 2020 nominiert. Dem Leben und Werk des international beachteten Germanisten, Übersetzers, Dichters und Theatermachers Otokar Fischer ist eine weitere Publikation mit bedeutendem Anteil der Mitarbeiter der Forschungsstelle gewidmet: der von Václav Petrbok, Alice Stašková und Štěpán Zbytovský herausgegebene Sammelband Otokar Fischer (1883–1938). Ein Prager Intellektueller zwischen Dichtung und Wissenschaft (Böhlau 2020). Mit Blick auf teilweise bisher unbekannte Quellen und auf (inter-)nationale Kontexte werden in dieser ersten systematischen Untersuchung seines Schaffens und Wirkens die intellektuelle sowie sprachliche Biographie, die philologischen, literaturtheoretischen und -historischen Arbeiten, das dichterische und übersetzerische Werk sowie schließlich die (kultur-)politischen Aktivitäten Fischers beleuchtet. Die Publikation umfasst 25 Beiträge von etablierten Autorinnen und Autoren aus der Germanistik, Bohemistik, Theaterwissenschaft und (Kunst)Geschichte und geht im Wesentlichen auf eine bereits 2013 veranstaltete Fischer -Tagung in Prag zurück. Im Rahmen des oben erwähnten Forschungsverbunds Grenze/n in nationalen und transnationalen Erinnerungskulturen zwischen Tschechien und Bayern wurde die Herausgabe der Monographie Das Gedächtnis der Vertreibung. Interkulturelle Perspektiven auf deutsche und tschechische Gegenwartsliteratur und Erinnerungskulturen (transcript 2019) des Doktoranden und externen Mitarbeiters der Forschungsstelle, Václav Smyčka, gefördert. Die Aufarbeitung, Deutung und Inszenierung der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei– und somit ihre Spuren im kulturellen Gedächtnis Deutschlands und Tschechiens– werden darin analysiert. Auch diese Studie war für den Otokar Fischer -Preise 2020 nominiert. Als eine der wichtigen Publikationsplattformen der germanobohemistischen Forschung hat sich seit seiner Anfang der 1990er Jahre das Periodikum brücken. Germa-
116 BRÜCKEN 27/2 nistisches Jahrbuch Tschechien– Slowakei. Neue Folge bewährt. Mehrere Studien der Mitarbeiter der Forschungsstelle sind hier erschienen. Mit dem Doppeljahrgang 2018/2019 transformierten sich die brücken in eine halbjährlich erscheinende Zeitschrift für Sprach-, Literatur und Kulturwissenschaft (so der Untertitel) und seit dem Jahrgang 2020 wird sie vom Verlag der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität herausgegeben, wobei an der Redaktion neben dem wissenschaftlichen Redaktionsvorstand prof.Dr.Steffen Höhne (Weimar/Jena) die Mitarbeiter der Forschungsstelle mitwirken: Štěpán Zbytovský als geschäftsführender Redaktionsvorstand und Manfred Weinberg und Václav Smyčka als Redaktionsmitglieder. Die Zeitschrift publiziert wissenschaftliche Beiträge, Essays, Berichte und Rezensionen diverser thematischer, theoretischer sowie methodologischer Ausrichtung. Willkommen sind deutschund englischsprachige Beiträge zur Interkulturalitätsforschung, Komparatistik, Sprachkontaktforschung, Deutsch als Fremdsprache, Sprachund Kulturgeschichte und sonstigen germanistisch relevanten kulturwissenschaftlichen Studien im mitteleuropäischen Kontext. 4. VORTRÄGE An die Tradition der vom Institut für germanische Studien in Kooperation mit dem Österreichischen Kulturforum Prag und dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren veranstalteten Vortragsund Diskussionsabende knüpfte die Forschungsstelle an. In fünf Jahren von 2015 bis 2020 wurden insgesamt 44 (bis auf eine Ausnahme deutschsprachige) Vorträge von Mitarbeitern der Forschungsstelle und Gästen aus Tschechien, Deutschland, Österreich und Mexiko organisiert, seit Winter 2018/2019 kam als Veranstaltungsort der Campus Hybernská 4 dazu. Die Vorträge erfreuen sich eines lebhaften Interesses der Studentenschaft und der Öffentlichkeit, werden üblicherweise von 15–25 Personen besucht, ausnahmsweise zählte das Publikum aber auch schon mehr als 50 Personen. Die Vortragenden schätzen die Möglichkeit, ihre Publikationen oder laufende Projekte dem Prager Publikum auf diese Weise präsentieren zu können. Konkret handelte es sich um folgende Veranstaltungen: 1. Wynfried Kriegleder (Wien): Wer braucht eine österreichische Literaturgeschichte? (28. April 2015, Österreichisches Kulturforum) 2. Maja Konstantinović, Kristýna Hlavatá, Martin Kastler: Heimat. Traum oder Trauma? (3. November 2015, Prager Literaturhaus) 3. Jan Budňák (Brno): Brünner Romane der „mährischen Moderne“ (10. November 2015, Österreichisches Kulturforum) 4. Konstantin Kountouroyanis (Prag): Rudolf Fuchs (1890– 1942)– „ein wissender Soldat“ (24. November 2015, Prager Literaturhaus) 5. Mirek Němec (Ústí n. Labem): „Du bist ein deutsches Kind, so denke dran!“ Deutsche Kultur im tschechoslowakischen Schulwesen (1. Dezember 2015, Österreichisches Kulturforum) 6. Manfred Weinberg (Prag): Prager Zwischenräume und/bei Franz Kafka (1. März 2016, Prager Literaturhaus) 7. Jaromír Czmero (Olomouc): Der bekannteste Unbekannte der Prager deutschen Literatur– Franz Janowitz (15. März 2016, Österreichisches Kulturforum)
117MANFRED WEINBERG, ŠTĚPÁN ZBYTOVSKÝ 8. Veronika Jičínská (Ústí n. Labem): Der junge Kafka und die Prager Szene: Musikalische Begegnungen in Prag (12. April 2016, Österreichsiches Kulturforum Prag) 9. Lucie Merhautová (Prag): Vermittlungsversuche tschechischer Literatur (19. April 2016, Prager Literaturhaus) 10. Nikola Mizerová (Liberec): Die Groteske in der deutschen Literatur aus den Böhmischen Ländern 1900–1930 (3. Mai 2016, Österreichisches Kulturforum) 11. Tilman Kasten (Prag): Historismuskritik versus Heilsgeschichte (10. Mai 2016, Prager Literaturhaus) 12. Štěpán Zbytovský (Prag): Johannes von Saaz– Der deutsche Phönix aus Böhmen? (18. Oktober 2016, Österreichisches Kulturforum) 13. Markus Grill (Prag): Ein verschandelter Nestroy? Anton Kuhs Lumpacivagabundus (22. November 2016, Österreichisches Kulturforum) 14. Ladislav Futtera (Prag): „Ist Libussa, ist des weisen Kroko weise Tochter, Böhmenlandes Fürstin.“ Die Libussa -Sage in der deutschen, deutschböhmischen und tschechischen Literatur des 19. Jahrhunderts (6. Dezember 2016, Prager Literaturhaus) 15. Milan Tvrdík (Prag): Zionisten gegen Assimilierte. Erweiterungsversuche des Prager jüdischen Kulturraumes und das Phänomen des Zionismus am Beispiel der Sammelschrift „Das jüdische Prag“ (7. März 2017, Prager Literaturhaus) 16. Jörg Krappmann (Olomouc): Interkulturelle Einsichten. Ernst Wolfgang Freissler zwischen Joseph Conrad und Ingeborg Bachmann (14. März 2017, Österreichisches Kulturforum) 17. Kristýna Solomon (Olomouc): Tristan in den böhmischen Ländern (11. April 2017, Prager Literaturhaus) 18. Marketa Balcarová (Prag): Lenka Reinerovás Inszenierung als „letzte Prager deutsche Schriftstellerin“ (18. April 2017, Prager Literaturhaus) 19. Dana Pfeiferová (Plzeň): Treibeis als österreichkritischer Heimatroman. Libuše Moníkovás Wortgefechte um ‚Böhmen am Meer‘ in Graz (2. Mai 2017, Österreichisches Kulturforum) 20. Renata Cornejo (Ústí nad Labem): „Heimat im Wort“– deutsch schreibende Gegen - wartsautoren tschechischer Herkunft (16. Mai 2017, Prager Literaturhaus) 21. Preview: Handbuch der deutschsprachigen Literatur Prags und der böhmischen Länder mit Manfred Weinberg (24. Oktober 2017, Prager Literaturhaus) 22. Luis Cuevas (Mexico): Es war einmal ein Faktensänger: Egon Erwin Kischs Märchenisierung von Mexiko (31. Oktober 2017, Österreichisches Kulturforum) 23. Preview: Handbuch der deutschsprachigen Literatur Prags und der böhmischen Länder mit Barbara Köpplová, Štěpán Zbytovský und Manfred Weinberg (7. November 2017, Prager Literaturhaus) 24. Marta Marková (Wien): Alice Rühle -Gerstel– Dissidentin im linken Exil (14. November 2017, Österreichisches Kulturforum) 25. Preview: Handbuch der deutschsprachigen Literatur Prags und der böhmischen Länder mit Tomáš Hlobil, Radovan Charvát, Václav Petrbok und Manfred Weinberg (1. Dezember 2017, Prager Literaturhaus) 26. Lukáš Motyčka (Prag): „Sehr geehrter Meister! Sehr geehrter Herr Torberg!“ Die unbekannte Korrespondenz zwischen Friedrich Torberg und Vlastimil Artur Polák (5. Dezember 2017, Österreichisches Kulturforum)
118 BRÜCKEN 27/2 27. Veronika Opletalová (Olomouc/Berlin): Böhmakeln in literarischen Texten (6. März 2018, Österreichisches Kulturforum) 28. Lucie Merhautová (Prag): Wien als „Brücke nach Europa“. Der Übersetzer Emil Saudek und Wiener Literaten (17. April 2018, Österreichisches Kulturforum) 29. Thomas Schneider (Prag): Psychotop Prag: Männerphantasien in Texten Paul Leppins (24. April 2018, Prager Literaturhaus) 30. Štěpán Zbytovský (Prag):„Auf zerklüftetem Boden“. Die Prager deutsche Zeitschrift Die Wahrheit (1921–1938) (15. Mai 2018) 31. Václav Maidl (Prag): Hans Watzliks Werk in den Umbruchsjahren 1917–1919 (16. Oktober 2018, Prager Literaturhaus) 32. Filip Charvát (Prag): Roboter und Golem. Zur Darstellung des künstlichen Menschen in Karel Čapeks R.U.R. (1920) und Gustav Meyrinks Der Golem (1914) (13. November 2018) 33. Karin Wozonig (Wien): Betty Paoli und ihre tschechischen Verbindungen (4. Dezember 2018, Österreichisches Kulturforum) 34. Václav Petrbok (Prag): „Tschechische Revolution?“ Die Entstehung der Tschechoslowakei in der deutschsowie tschechischsprachigen Literatur (11. Dezember 2018, Campus Hybernská 4) 35. Erkan Osmanović (Brno): Jakob Julius David im Kontext der Wiener Moderne (5. März 2019, Österreichisches Kulturforum) 36. Manfred Weinberg (Prag): Zu F.C. Weiskopfs Das Slawenlied (12. März 2019, Campus Hybernská 4) 37. Jiří Černý (Olomouc/Prag): Gezogenn auß heiliger schrift von Nicolao Herman (19. März 2019, Prager Literaturhaus) 38. Ievgeniia Voloshchuk (Frankfurt/Oder): Figuren der Grenzgänger aus Galizien in der deutschsprachigen Prosa der Zwischenkriegszeit (09. April 2019, Campus Hybernská 4) 39. Badatel, vykladač, učitel: Kurt Krolop oněmecké literatuře [Forscher, Deuter, Lehrer: Kurt Krolop über deutsche Literatur] (gemeinsam mit dem Institut für Literaturforschung, 30. April 2019 Campus Hybernská 4) 40. Anna -Dorothea Ludewig (Berlin): Weiblichkeitskonzepte und Frauenfiguren im Kontext des ‚Prager Kreises’ (15. Oktober 2019, Prager Literaturhaus) 41. Thomas Schneider (Prag): Berichte aus der Sexualhölle. Hermann Ungars analytisches Schreiben (4. November 2019, Campus Hybernská 4) 42. Vorstellung der Handy -App: SAMSA. Deutsche Orte Prags (10. Dezember 2019, Campus Hybernská 4; gemeinsam mit der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik) 43. Steffen Höhne (Weimar/Jena): Kafka und die Populärkultur– am Beispiel der Operette (10.03.2020, Campus Hybernská 4) 44. Štěpán Zbytovský (Prag): Zeitenund Zeilenumbrüche 1848/1849. Deutsche Medien und Orte der Revolutionszeit in Prag (23 Juni 2020 Prager Literaturhaus) Weitere 5 geplante Veranstaltungen mussten im Frühling und Herbst 2020 im Zuge der antiepidemischen Maßnahmen abgesagt bzw. auf das Jahr 2021 vertagt werden.
119MANFRED WEINBERG, ŠTĚPÁN ZBYTOVSKÝ 5. POPULARISIERENDE UND SONSTIGE PROJEKTE Neben dem Format der Vortragsabende für breite interessierte Öffentlichkeit verwirklicht die Forschungsstelle einige weitere Projektvorhaben– oder wirkt an anderweitig initiierten maßgeblich mit. Auf die Initiative der Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik geht das popularisierende Projekt der Handy -App SAMSA zurück, deren Design und Inhalte von den Mitarbeitern der Forschungsstelle und den Studierenden des Instituts für germanische Studien erarbeitet wurden und werden. Die Applikation stellt auf Deutsch wichtige historische Orte der deutschsprachigen Kultur, Bildung, Wirtschaft wie auch Politik in Prag vor– in Bildern und Texten, die in einer strengen fachlichen Redaktion unterzogen wurden und dennoch allgemein verständlich sind. Die App steht für Androidsowie iOS zur Verfügung und wird kontinuierlich ergänzt und aktualisiert, in Planung ist eine tschechischsprachige Version. Ein weiteres langfristiges Projektvorhaben der Forschungsstelle ist die Online- -Datenbank Bibliographie zur deutschböhmischen Literatur, die auf einer selbständigen Webseite der Plattform digitalo.cz (https://www.digitalo.cz/bdbl) zu finden ist. Sie befindet sich im Aufbau und bietet zur Zeit die Bibliographien einiger deutschsprachiger Zeitschriften (Apollo, Deutsche Arbeit, Herderblätter, Libussa [Jahrbuch + Vierteljahresschrift], Witiko) sowie einer Reihe von Anthologien des 19. und 20. Jahrhunderts. 6. MEDIENECHO Die Kurt Krolop Forschungsstelle präsentierte ihre Tätigkeit in folgenden medialen Auftritten und Interviews: Tschechisches Fernsehen, Události vkultuře: Aplikace provázející po historických místech, 21. Januar 2020 – Präsentation der Handy -App SAMSA LandesECHO: Mit SAMSA das vergessene deutsche Prag entdecken, 20. Januar 2020– Präsentation der Handy -App SAMSA Tschechischer Rundfunk Vltava:Dobrá Praha– zlé Sudety, 02. September 2018– Präsentation des Handbuchs der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder Tschechischer Rundfunk Vltava:Reflexe– Historie!– Kafkovy Liblice, 16. Juni 2018– Interview zu 55 Jahren seit der Liblicer Kafka -Konferenz Radio Prag:Deutsche Literatur Prags, Böhmens und Mährens, 05. Mai 2018 Präsentation des Handbuchs der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder iForum (Zeitschrift der Karls -Universität): Padne teorie otrojím ghettu? In: iForum 30/2015, S. 30. – Präsentation der Forschungsstelle und ihres Programms Radio Prag: „Wir wollen den Begriff Prager deutsche Literatur abschaffen“, 06. Juni 2015, 02:01 Uhr– Präsentation der Forschungsstelle und ihres Programms Radio Prag: Deutschböhmische Literatur neu: Forschungsstelle in Prag eröffnet, 29.05.2015, 16:10 Uhr– zur Gründung der Forschungsstelle Prager Zeitung: „Kafka zu lesen ist immer ein Genuss“, Prager Zeitung, 28.05.2015/ Nr. 22, S. 3.– zur Gründung der Forschungsstelle