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Die Geschichte einer Landstreicherin

Štaif, Jiří

Abstract

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Full text

Die Geschichte einer Landstreicherin Jaroslav Čechura, Neklidný život obyčejné ženy. Johana Peřková (1703–1745). [Das un - ruhige leben einer gewöhnlichen Frau. Johana Peřková (1703–1745)]. Praha: lidové noviny 2015, 229 S. Jaroslav Čechura gehört zu den tschechischen Historikern, die die Vorstellung von der Ausgangsbedeutung einer sophistizierten Konzeptualisierung in Forschungen zur Vergangenheit ablehnen. Deshalb ist er strikt dagegen, dass ein Historiker in seinen Forschungen von der Vorstellung einer mehr oder weniger absichtlichen Komposition seiner theoretischen und weltanschaulichen Inspirationen, methodologischen Vorgehensweisen und der sich daraus ergebenden Fragestellung beeinflusst wird. Er ist also nicht einverstanden damit, dass er diese dann „von oben“ nach „unten“ zuerst auf seine Quellen anwendet und die Ergebnisse seiner Forschungen dann in eine entsprechende Abhandlung einbringt. Seine Betrachtung der Sache ist nicht nur völlig umgekehrt, sondern stellenweise auch äußerst polemisch. Čechura ist nämlich ein Verfechter der historischen Alltäglichkeit, die mikrohistorisch untersucht wird; damit ist zweifellos gemeint, dass diese ersehnte Herangehensweise an die Vergangenheit „ohne Voraussetzungen“ authentischer ist als die konzeptualisierte, da sie es ermöglicht, die Geschichte ohne „theoretische Verzerrungen“ durch eine Sicht „von unten“ zu interpretieren. Er belegt seine Sicht der Dinge mit einer Analyse der Untertanenschaft in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf einem südböhmischen Dominium mit Sitz in Třeboň. Er stützt sich dabei mit wirklich tiefgreifender Kenntnis auf reichlich Archivdokumente, die zu seinem Thema unmittelbare Aussagen treffen. Er vermittelt sie dem Leser unter Berücksichtigung der demographischen Beziehungen und der Eigentumsbeziehungen sowie verwandtschaftlicher Verhältnisse; nicht zuletzt befasst er sich auch mit dem Sexualleben der Untertanen. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit steht jedoch die Kriminalität. Er geht dabei von der These aus, dass dieses Dominium der Schwarzenberger eine wirtschaftliche Konjunktur erlebte. Dabei ist nicht völlig klar, ob er gerade diese als Ausgangspunkt für seine Behauptung hernimmt, dass die einzelnen Ebenen der Gesellschaft (Individuum, Familie, Untertanen und Dominium) hier „in seiner Alltäglichkeit im Grund unabhängig voneinander existierte“ (S. 14, fette Hervorhebung J. Čechura). Es hat eher den Anschein, dass ihm die These nahesteht, dass das Handeln der Untertanen in ihrer Alltäglichkeit eher auf der situationsgebundenen und dabei subjektiv aktiven Wahl von Präferenzen als auf einer verbindlichen Teilung von Normen bestand, das ihnen „von oben“ aufoktroyiert wurde, seien es Religion, Rechtsordnung oder obrigkeitliche Direktiven. Darüber hinaus stellt er fest, dass dies nicht nur den Obrigkeitsapparat, sondern auch die aristokratische Obrigkeit respektierte. Lassen wir beiseite, in welchen Situationen und breiteren wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Kontexten für Untertanen dieser Zeit typisch war, dass sie sozusagen „stehlend“ durch die Gegend und die Länder „streiften“ und dass dies ihre Obrigkeit nicht sonderlich störte, da ihnen vor allem die wirtschaftOPEN ACCESS 92 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS liche Blüte ihres Dominiums am Herzen lag. Zu bemerken ist nur, dass der Autor im Grunde einräumt, dass sich das Handeln der Bauern, die an ihrem Grund und Boden hingen, von den untersten, d. h. völlig mittellosen ländlichen Schichten unterschied, deren Angehörige sich weitaus freier verhielten, schon deshalb, weil sie mit der Heimatgemeinde oder dem Dominium, zu dem sie als Untertanen gehörten, durch kein Vermögen verbunden waren. Betrachten wir den Lebenslauf einer von ihnen, Johana Peřková, der Čechuras Auffassung von Mikrogeschichte stützt. Uns interessiert vor allem, an welchen Stellen seines Textes wir Argumenten begegnen, die die bisherigen historiographischen Vorstellungen vom reglementierten Leben der Untertanenschaft in den böhmischen Ländern in den wenigen Jahrzehnten vor den Theresianischen und Josephinischen Reformen stören. Diese Frau stammte aus der gesellschaftlichen Schicht der Miethmänner, d. h. derjenigen, die bereits kein unbewegliches Vermögen mehr hatten, bei Bauern zur Miete wohnten und für diese in der Regel nur für Kost und Logis arbeiteten. Nach Erreichen des zwanzigsten Lebensjahres verließ sie ihr Heimatdorf und übte Gelegenheitsarbeit aus. Auf einem Bauerngut, auf dem sie beschäftigt war, beging sie aus einem Grund, den sie selbst nicht erklären konnte, ihren ersten Kleidungsdiebstahl. Danach wurde sie Landstreicherin und Mutter eines unehelichen Kindes. Im Laufe der Jahre knüpfte sie sexuelle Kontakte mit mehreren Männern an, mit denen sie durch die Lande strich. Des Weiteren stahl sie Kleidung und auch Lebensmittel, ab und an arbeitete sie auch. Für ihre Diebstähle wurde sie mehrmals gerichtlich untersucht und bestraft. Zum Verhängnis wurde ihr die Liebesbeziehung zu dem Landstreicher Josef Kaňka, mit dem sie südböhmische Kirchen auszurauben begann, was nach dem damaligen Strafrecht ein Verbrechen war, auf das die Todesstrafe stand. Die beiden stahlen jedoch nur Dinge, die sich leicht veräußern ließen, also vor allem Kirchentextilien. Manchmal waren auch die Kirchenkassen dran, in denen sie jedoch nicht allzu viel fanden. Während ihrer kriminellen Tätigkeit stieß Johana Peřková auf eine gewisse Nachsicht in Fällen, in denen sie gezwungen war, ihre Beute den Eigentümern wieder zurückzugeben oder bei denen der Wert der gestohlenen Dinge gering war. In ihren Diebstählen wurde sie auch dadurch bestärkt, weil die Dorfbewohner die gestohlenen Kleidungsstücke gern billig kauften, ohne sich sonderlich für deren Herkunft zu interessieren. Gleichzeitig mutierte sie zu einer allgemeiner bekannten Diebin. Trotzdem wurde ihr 1727 zuerst vom Obrigkeitsherrn die Strafe eines mehrwöchigen Gefängnisaufenthalts bei Wasser und Brot zuerst gemildert und dann vom Hauptmann des Dominiums Třeboň wieder verschärft. Einer öffentlichen Auspeitschung mit dem Riemen zur Abschreckung und der damit verbundenen Schmach konnte sie jedoch entgehen. So bestraft wurde sie nämlich „nur“ in geringerem Umfang hinter verschlossenen Türen (S. 125 ff.). Zum Berufungsgericht nach Prag wurde sie jedoch nicht geschickt, was Jaroslav Čechura mit dem obrigkeitlichen Patriarchalismus begründet. In anderen Passagen seines Textes erinnert er daran, dass der Grund, warum der obrigkeitliche Apparat versuchte, dem Wortlaut des herrschaftlichen Strafrechts zu entkommen oder dieses zu umgehen, auch in den Kosten für Gefängnis und Strafe oder in dem bereits erwähnten Bemühen, „keine Zeit zu vergeuden“, bestanden haben könnte. OPEN ACCESS JIŘÍ ŠtaIF 93 Die Diebstähle in den Kirchen (siehe Karte auf S. 170) waren jedoch schon ein solch gravierendes Verbrechen, dass dies mit dem Tode bestraft werden musste, und dazu wurden Johana Peřková und ihr Kumpan und Liebhaber 1744 auch verurteilt. Die Ermittlungen führte das obrigkeitliche Stadtgericht in Soběslav, das Urteil musste jedoch schon am Berufungsgericht in Prag konsultiert und genehmigt werden. Das Gericht in Soběslav ließ jedoch für beide Verurteilten ein Gnadengesuch schreiben, dass an die Herrscherin Maria Theresia adressiert war. Diese gab ihm statt unter der Bedingung, dass Johana ins Zuchthaus nach Prag musste, wo ihre historischen Spuren enden. Ihr Gefährte sollte mit Militärdienst bestraft werden, wozu es jedoch aufgrund seiner etwas verminderten Intelligenz und seines körperlichen Zustandes nicht kam. Dann verschwindet auch sein Name aus den historischen Dokumenten (S. 184 ff.). In diesem Zusammenhang betont der Autor erneut die patriarchalische Herangehensweise der Schwarzenbergischen Obrigkeit an Kriminalität und andere Vergehen. Gleichzeitig verallgemeinert er diese in dem Sinne, dass es sich um eine moralische Verpflichtung gehandelt habe, die es ihr auferlegte, „ein wirksamer Beschützer ihrer Untertanen zu sein“, wenngleich dies manchmal bedenklich war (S. 196). Gleichzeitig räumt er aber ein, dass es auch so etwas wie ein „Sport“ gewesen sein kann, weil die Aristokraten sich untereinander übertrumpft haben sollen, wer von ihnen seinen Untertanen „aus den Krallen des Todes“ gerettet habe (S. 197). Übersehen wir jedoch nicht, dass auch hier weitere Möglichkeiten einer Interpretation des obrigkeitlichen Patriarchalismus eröffnen. Es ging nämlich, wie ich denke, nicht nur darum, dass ein zu bestrafender Delinquent in den Genuss ihrer Wohltaten gekommen wäre, sondern auch darum, dass sich eine Mitteilung bezüglich einer erteilten Gnade in der öffentlichen Volksmeinung desto schneller verbreitete je unglaublicher sie war. Sie war somit wesentlich an der Aufrechterhaltung des Gefühls der Loyalität der Untertanen gegenüber ihren Obrigkeiten beteiligt. Der Patriarchalismus kann sich so recht gut mit dem theoretischen Prinzip einer sozialen Disziplinierung der Untertanengesellschaft „von oben“ verbunden haben, das der Autor so vehement leugnet (S. 192). Ebenso können sich im gemeinsamen Interesse die Disziplinierung „von oben“ und die Disziplinierung „von unten“ begegnet sein, und zwar in den Fällen, in denen aufgebrachte Bauern Johanas Diebstähle zuerst bemerkten und sich ihrer dann (manchmal auch in Zusammenarbeit mit Richtern) bemächtigten. Nicht immer klärte man jedoch ihre Delikte direkt vor Ort durch Rückgabe der gestohlenen Sachen und gelegentliches Auspeitschen. Nicht selten kam es vor, dass man sie einer „höheren“ Gerechtigkeit überantwortete, denn man glaubte deren Kompetenz mehr als sich selbst (S. 148, 161, 172 u. a.). Die soziale Disziplinierung musste somit nicht nur die Form einer direkten Aufsicht des obrigkeitlichen Apparats über die Untertanen aufweisen, dem übrigens zu ihrem Teil auch Richter, Pfarrer oder Denunzianten vor Ort behilflich waren. Es sei noch daran erinnert, dass der Autor in seiner Interpretation eine ganze Reihe weiterer Themen angeschnitten hat, die beispielsweise die Anwerbung zur Armee, Adoptionen und Namensänderungen in Untertanenfamilien oder das Anstoßen mit Bier als Symbol des guten Willens betrafen; in diesem Fall handelt es sich um eine Manifestation, die den Weg zu etwas öffnete, was man als inoffizielle Verlobung der Johana Peřková mit einem ihrer Partner bezeichnen könnte (S. 139). Als besonders 94 WISOHIM/ESHP 21 OPEN ACCESS wichtig betrachte ich dabei, dass dieses Einzelschicksal eines gewöhnlichen Menschen die stereotypen Vorstellungen von passiven bzw. sogar „dummen“ Frauen widerlegt. Jaroslav Čechura betrachtet nämlich seine Protagonistin als eine Frau mit einer natürlichen Intelligenz (S. 194 u. a.), da sie sich in ihrem Landstreicherleben sehr gut im Raum orientieren konnte und einige ihrer Diebstähle mit einer gewissen Absicht vorbereitete. Ebenso zog sie im reifen Alter auch Männer an. Gleichzeitig aber zeichnete sich ihr Tun durch Selbstgefälligkeit aus, die sich darin zeigte, dass sie sich „Herausstaffieren“ wollte und durch etwas, was man heute als unvorsichtige Naivität bezeichnen würde, die sich besonders in den Fällen zeigte, in denen sie mit ihrer Beute recht schnell eingefangen werden konnte. Worin also kann man das Differenzierungsprinzip zwischen ihrer Zielstrebigkeit, Vorsicht und Unachtsamkeit suchen? Die Lebensschicksale der Johana Peřková eröffnen nämlich die Frage, mit welchen methodologischen Instrumenten man zunächst differenzieren und dann die Veränderungen in ihrem Handeln erklären kann. Warum überrascht uns eigentlich, dass es zwischen „naiver“ Wahrhaftigkeit, einer gewissen Impulsivität, gelegentlicher Zielstrebigkeit und listigen Zwecklügen lavierte? Ebenso können wir uns die Frage stellen, wonach wir als Historiker zwischen einer eher statischen mentalen Ausstattung niedergelassener Bauern einerseits und der dynamischeren mentalen Ausstattung mobiler Menschen ohne Vermögen andererseits unterscheiden sollen. Vergessen wir dabei nicht, dass auch diese Landstreicherin, Diebin und ledige Mutter, die ihren Sohn immer nur „für einige Zeit“ verließ, ihr Glück schließlich darin sah, dass sie einen „ständigen“ Partner suchte, dem sie ebenso wie er ihr eine willkommene Stütze auf ihren gemeinsamen Streifzügen durch das Leben sein würde (S. 138 ff. und 142 ff.). Dies ist ihr jedoch nicht gelungen. Jiří Štaif