So nah und doch so fern. Die Menschen in Südböhmen und im Waldviertel 1945–1989
Abstract
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Full text
So nah und doch so fern. Die Menschen in Südböhmen und im Waldviertel 1945–1989 Jiří Dvořák, Hanns Haas, Jan Kocina, David Kovařík — Sandra Kreisslová, Leoš Nikrmajer, Niklas Perzi, Jiří Petráš und Thomas Samhaber: Tak blízcí, a přece tak vzdálení. Lidé v jižních Čechách a ve Waldviertelu 1945–1989 [So nah und doch so fern. die Menschen in Südböhmen und im Waldviertel 1945–1989], jindřichův Hradec: národní muzeum fotografie o. p. s. 2012, 423 S. Das Buch „Tak blízcí a přece tak vzdálení“ mit dem Untertitel „Lidé v jižních Čechách a ve Waldviertelu 1945–1989“ ist die tschechische Ausgabe einer Kollektivmonographie, die als Ergebnis des österreichisch-tschechischen Forschungsprojekts „Stories — Geschichten an der Grenze“ entstand. Zwei unabhängige Forscherteams dokumentierten in den Jahren 2009–2012 die Lebensschicksale von Tschechen und Österreichern, die, wie der Titel besagt, in den Grenzgebieten Südböhmens und des nördlichen Waldviertels in Niederösterreich in den Jahren 1945–1989 lebten (mit den entsprechenden Übergriffen, manchmal sogar bis zum Jahre 1930). Die Monographie besteht aus einem Mosaik von Beiträgen bzw. Forschungsergebnissen eines breiten Autorenkollektivs. Das Buch wurde 2013 gemeinsam vom Nationalmuseum für Fotografie, der Waldviertel Akademie und dem Südböhmischen Museum in České Budějovice herausgegeben, mit einem einleitenden Wort sprachen sowohl der Regionspräsident der Region Südböhmen Jiří Zimola als auch der Landeshauptmann von Niederösterreich Erwin Pröll dem Buch und dem Projekt ihre Unterstützung aus. Das Buch umfasst 423 nummerierte Seiten, hat einen Broschüreneinband mit Vorsatz bestehend aus einer Kollage farbiger und schwarzweißer Fotografien. Der Textteil wird durch erklärende Tabellen, Graphen und ausnahmsweise auch Schwarzweißfotografien ergänzt. Der Satz des Buches ist recht dicht, trotz allem ließ es sich gut lesen. Vielleicht ist nur die Broschürenbindung schade, die den Lesekomfort dieser bereits recht umfangreichen Monografie etwas erschwerte. Wenngleich das Autorenteam aus einem breit gefächerten Kollektiv aus zwei Ländern bestand, ist das sprachliche Niveau des Beitrags ausgeglichen. Das Buch ist neben der Einleitung, des Vorworts und des Textes, der das Schlusswort ersetzt, in zwei Hauptteile untergliedert, die mit den beiden Interessengebieten korrespondieren, mit denen sie sich befassen. Wenngleich das Thema das Leben auf beiden Seiten der österreichisch-tschechischen Grenze darstellt, sind die Quelle der Beiträge die Ergebnisse der Arbeit zweier Teams, die nicht von einer Staatsgrenze, sondern eine lokale Definition ohne Berücksichtigung der Grenze getrennt wurden. Ein Team (unter der Leitung von Niklas Perzi) behandelte so das Leben im Waldviertel und in Česká Kanada (erster Teil des Buches) und das zweite (unter der Leitung von Jiří Petráš) im Gebiet České Velenice und Nové Hrady (zweiter Teil). Die lokale und teilweise methodologische Eingrenzung der Forschungen trennt so auch klar die einzelnen Kapitel ab, die die Beiträge der einzelnen Forscher repräsentierten und von denen im Buch insgesamt 14 vertreten sind (10 im ersten und 4 im zweiten Teil des Buches). Einige Forscher aus dem internationalen Team (Hanns Haas, Niklas Perzi, OPEN ACCESS
86 WISOHIM/ESHP 22 OPEN ACCESS Leoš Nikmajer) verfassten für die Monographie mehrere Beiträge. Die meisten Kapitel sind dann das Ergebnis der Arbeit von Einzelpersonen, Kollektivstudien bilden die Ausnahme (z. B. Kapitel Novohradsko po druhé světové válce — Das Gebiet Nové Hrady nach dem zweiten Weltkrieg). Mit dem Titel des Buches und teilweise auch der gewählten thematischen Verankerung korrespondiert auch nicht unbedingt das Forschungsziel des Teams von Jiří Petráš, das sich nicht nur mit dem Leben in den betroffenen Gebieten nach 1945 befasst, sondern auch detaillierter vor allem den Zeitraum vor dem zweiten Weltkrieg behandelt. Das deklarierte Ziel der Kollektivmonographie bzw. des Forschungsprojektes an sich war ein Vergleich der Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze in zwei unterschiedlichen politischen Gesellschaftsordnungen. Angesichts der unterschiedlich aufgefassten Forschungsmethode nicht nur der einzelnen Teams, sondern auch der einzelnen Forscher betrachte ich die Erreichung dieses Ziel als problematisch. Die Beiträge wurden außerdem in der Monographie einzelnen nebeneinander gestellt, ohne eine entsprechende Verflechtung, und so läuft der Gesamteindruck des Buches etwas ins Leere. Es fehlt ein konkreter Kontakt zwischen den Schlussfolgerungen der einzelnen Forscher, ich vermisse eine ausreichende Interpretation der Ergebnisse und eine Diskussion darüber, vor allem in Sachen eines Vergleichs der Entwicklung. Einen solchen Vergleich bringt jedoch auch der Schluss des Buches nicht, diesen muss der Leser selbst ziehen. Vielleicht aber war gerade das die Absicht der Autoren. Eine interessantere Sichtweise aber bringt eine Analyse der Beiträge selbst. Angesichts des breitgefächerten Feldes der Autoren und ihrer Herangehensweisen unterscheiden sich die Beiträge in ihrem Inhalt, auch ihre Qualität und das Niveau sind unterschiedlich. Die Monographie als Ganzes übersteigt mehrere Herangehensweisen von der regionalen Geschichte, in diesem Falle der Historiographie des Grenzgebietes auf beiden Seiten der Grenze, bis hin zur Alltagsgeschichte u. a. Das österreichisch-tschechische Historikerkollektiv hat bei seiner Arbeit nicht nur Archivquellen genutzt, sondern z. B. auch lokale Chroniken und in den meisten Fällen auch Erinnerungen von Menschen vor Ort. Wenngleich auf die Methode oral history im Grunde von allen Forschern in ihren Untersuchungen zurückgegriffen wurde, bildeten nur in einigen Beiträgen (z. B. von Sandra Kreisslová) die Ergebnisse der Gespräche mit Zeitzeugenden Schwerpunkt der Forschungen, anderswo dienten sie mehr oder weniger zur Abrundung des Gesamtbildes des Lebens in den entsprechenden Gemeinden. Die einzelnen Beiträge behandelten darüber hinaus auch demographisch und geographisch unterschiedliche Gebiete. Während einige Kapitel einer detaillierten Entwicklung ganzer Kreise oder Gebiete gewidmet sind, behandeln die weiteren Studien bereits einzelne Siedlungen — von kleinen Städten bis hin zu Dörfern (im Falle des Teams der Waldviertel Akademie wurden auf beiden Seiten der Grenze drei Paare gleich großer Vertreter ausgewählt, im Falle des Teams des Südböhmischen Museums ähnliche Paare nur auf tschechischer Seite, denen jedoch nur zwei zusammenfassende Beiträge gewidmet sind). Jeder Forscher hat darüber hinaus für seine Arbeit ein anderes Forschungsinteresse bzw. unterschiedliche Faktoren gewählt, die das Leben in den betreffenden Gebieten oder ihre Kombination in unterschiedlicher Bandbreite beeinflussten.
OPEN ACCESS MIcHal HOráČEK 87 Während Hanns Haas in seinem Text über das Dorf Oedt an der Wild die ökonomisch-wirtschaftliche Veränderung des Dorfes beleuchtet und die Erfolge und Misserfolge dieser Entwicklung interpretiert, analysieren Thomas Samhaber und Niklas Perzi am Beispiel des Dorfes Kautzen insbesondere die gesellschaftliche Veränderung der Gemeinde (besonders stark erfasst ist der Wandel des Dorfes am Ende der 80-er Jahre im Kapitel „Zapojená avantgarda“ [Die eingebundene Avantgarde], S. 176). Das alltägliche Leben in der sozialistischen Gemeinde, in der gesamten Skala seiner Ausprägungen und Auswirkungen sowohl auf das Privatleben als auch auf die öffentliche und politische Entwicklung in der Gemeinde und selbstverständlich auf das Niveau und die Ergebnisse der Wirtschaft vor Ortbringt der Beitrag von Sandra Kreisslová in einer Reflexion von Gesprächen mit Zeitzeugen näher. Einigen Beiträgen fehlen etwas die Schlussfolgerungen, die die gewonnenen Daten zusammenfassen bzw. beleben und diese unter einem breiteren Aspekt interpretieren (z. B. Beitrag von Thomas Samhaber zum Städtchen Gross-Siegharts, der nur mit der lakonischen Bemerkung endet, das „Gross-Siegharts im Jahre 1988 den 60. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte beging. Die Feierlichkeiten entwickelten sich im Geiste des Mottos „Mit Optimismus in die Zukunft“, S. 251) u. ä. Andere zerflossen in Aufstellungen statistischer Daten und Ergebnisse und lassen somit ein notwendiges Übergreifen vermissen (z. B. die Kapitel zu demographischen und anderen Verhältnissen in den Gebieten České Velenice und Nové Hrady in den Jahren 1930 — 1945) oder sind eine bloße Aufzählung von Fakten wie in dem Beitrag über das Dorf Mosty. Im Gegensatz dazu stellt der Beitrag von Niklas Perzi auf begrenztem Raum eine sehr gute, verdichtete analytische Sonde zum politischen Leben einer kleinen tschechischen Gemeinde in der Zeit der Normalisierung dar, hier konkret am Beispiel von Český Rudolec. Ein interessanter Beitrag zum Leben nicht nur in den untersuchten Gebieten sind die Kapitel, die Feste und das gesellschaftliche Leben der Einwohner auf beiden Seiten der Grenze beschreiben und teilweise interpretieren, zum Beispiel in dem Beitrag zu Nová Bystřice (primär die Feierlichkeiten zum 1. Mai, S. 201–205). Der Beitrag zu dem Städtchen Gross-Sieghards bringt darüber hinaus noch eine weitere wichtige Sonde bezüglich des Lebens von Siedlungseinheiten in einer Interpretation von Begegnungsorten bzw. in diesem Falle eher Nichtbegegnungsorten (S. 223–226), die ich als sehr inspirativ auch für weitere Forscher sehe, die sich mit dem Leben in den Städten und auf den Dörfern befassen. Als geeignet sehe ich auch die erwähnte Nutzung von Gesprächen mit Zeitzeugen an, wenngleich gerade ihre Erinnerungen und die oral-history-Methode im Rahmen des Projektes wahrscheinlich noch eine festere methodologische Verankerung bei der Interpretation der Ergebnisse der Gespräche verdient hätten. Diese dienten eher nur zu einer beschreibenden Abrundung des Gesamtbildes denn als Quelle kritisch auswertbaren historischen Materials (mit Ausnahme des gerade erwähnten Beitrags von Sandra Kreisslová). Trotz einiger oben genannter Vorbehalte ist die vorliegende Publikation eine anregende Verarbeitung des Themas und ein Sammelsurium möglicher Betrachtungsweisen. Ihre Stärke besteht nicht nur in der Konzeption, die denselben Zeitraum in den gleichen demographischen Einheiten auf beiden Seiten der Grenze, die nicht nur zwei Staaten, sondern damals auch zwei politische Systeme trennte, vergleicht. Die wahre Devise des Werkes besteht in seiner Ambition, bei der Analyse eines ge-
88 WISOHIM/ESHP 22 OPEN ACCESS schichtlichen Zeitabschnitts das Mikroklima im Leben einfacher Menschen zu betreten, ohne dabei unnötig in eine Beschreibung von Regionalgeschichte abzugleiten. Wenngleich es offensichtlich nicht gelungen ist, alle Ziele des Projektes zu erfüllen, wie übrigens die Autoren selbst im beigefügten Schlusstext zugeben, bietet die Arbeit eine Reihe von Fragen und eröffnet Themen zu einer weiteren komparativen Diskussion, die, wie die Autoren selbst bemerken, in der Monographie keinen Platz mehr hatten. Das politische Verhalten der Einwohner der Gemeinden nicht nur bei den Wahlen, der Einfluss der Lokalpolitiker auf das Leben dort und wiederum ihre Verflechtung mit der höheren Politik in zwei unterschiedlichen politischen Gesellschaftsordnungen oder die Aufdeckung gemeinsamer und unterschiedlicher Merkmale der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze und ihre Beeinflussung durch das unterschiedliche politische Hinterland sind sicherlich solche Themen. Schade, dass die Autoren der Monographie bei ihren Forschungen nicht auch der Problematik der Sichtweise „des anderen“ jenseits der Grenze mehr Raum eingeräumt haben, Titel und Inhalt des Buches „Tak blízcí, a přece tak vzdálení“ hätten somit eine wesentlich breitere Bedeutung erlangen können. Ihre Bedeutung hat die rezensierte Monographie sicher auch so. Sie bringt nicht nur einen interessanten und bisher nicht ganz üblichen Versuch einer komparativen Skizze der geschichtlichen Entwicklung kleiner Gebiete und regionaler Einheiten und trägt so auch zu einer Diskussion über das Leben in den Grenzgebieten nach 1945 bei, sondern kann gleichzeitig auch ein geeignetes Hilfsmittel und für weitere Forscher ein inspirativer Einstieg in das Thema, sowie ein Leitfaden in der Arbeit mit Quellen und weiteren Informationen sein. Michal Horáček