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Ein Erschütterter. Ernst Jünger in den Ketzerischen Essays Jan Patočkas

Miller, Václav

Abstract

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Full text

Ein Erschütterter. Ernst Jünger in den Ketzerischen Essays Jan Patočkas Václav Miller– Institut für germanische Studien, Karls ‑Universität, Prag ABSTRACT Der vorliegende Aufsatz ist der Rezeption Ernst Jüngers in den Ketzerischen Essays zur Philosophie der Geschichte Jan Patočkas gewidmet. Veranschaulicht werden Übereinstimmungen und Unterschiede in der Behandlung von ausgewählten gemeinsamen Themen wie Krieg und Arbeit in der industriellen Gesellschaft, das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg und die Auffassung des Menschen als Kraft. Es wird gezeigt, wie Patočka Jüngers Gedanken anhand der Polarität von Tag und Nacht bewertet und in die eigene Auffassung der Geschichte integriert. SCHLÜSSELWÖRTER Jan Patočka, Ernst Jünger, Ketzerische Essays, Erster Weltkrieg, Arbeiter, Technik, Kraft ABSTRACT AShaken Man. Ernst Jünger in Jan Patočka’sHeretical Essays The subject of this short article is the reception of the early writings of the German author Ernst Jünger by the Czech philosopher Jan Patočka, as published in Patočka’sbook Heretical Essays in the Philosophy of History. It is demonstrated how the views of both writers on chosen topics match or differ. These topics are in particular: war and labour in an industrial society, the German army in the First World War and the conception of man as aforce. It is further shown how Patočka evaluates Jünger’sideas based on the polarity of Day and Night and integrates them into his own concept of history. KEY WORDS Jan Patočka, Ernst Jünger, Heretical Essays, First World War, Worker, Technology, Force Im Literaturverzeichnis der 1975 im Samisdat publizierten Ketzerischen Essays zur Philosophie der Geschichte 1 des tschechischen Phänomenologen Jan Patočka (1907–1977) findet man drei Publikationen des deutschen Frontsoldaten und Schriftstellers Ernst Jünger (1895–1998). Es handelt sich um die Abhandlung Der Kampf als inneres Erlebnis (1922), das Essay Die totale Mobilmachung (1930) und die bald darauf erschienene Schrift Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt (1932). Die Erwähnungen von Jünger in den 1 Zitiert wird hier nach der folgenden deutschen Übersetzung: Patočka, Jan (1988): Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte. Stuttgart: Klett -Cotta. 94 BRÜCKEN 27/2 Ketzerischen Essays beschränken sich auf die letzten zwei der sechs Kapitel (Ist die technische Zivilisation zum Verfall bestimmt? und Die Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts und das zwanzigste Jahrhundert als Krieg), in denen Patočka die Entwicklung Europas nach der industriellen Revolution thematisiert. In seiner Analyse der industriellen Zivilisation beruft sich Patočka mehrmals auf Jünger als einen aufmerksamen Beobachter, dessen Feststellungen er zur Untermauerung seiner eigenen Auffassung der Geschichte anführt. 1. KRIEG UND ORGIASMUS Es überrascht kaum, dass der Name Ernst Jüngers in den Ketzerischen Essays im Zusammenhang mit dem Problem des Krieges erscheint. Der Krieg besitzt sowohl für Jünger als auch für Patočka keine ausschließlich negative Qualität: Er ist keine unangenehme Zäsur der friedlichen, produktiven Existenz oder bestens eine notwendige Erschütterung, nach der das normale Leben dankbar und neu belebt wieder fortgesetzt werden kann. Patočka spricht vom Krieg als „Deutendem“, das aus sich selbst heraus eine sinngebende Kraft besitzt (Patočka 1988: 147), und beruft sich bei seiner Analyse weitgehend auf Jüngers Konzept der totalen Mobilmachung. Diese ist für Jünger eine allgemeine, vom Wesen der industriellen Zivilisation nicht zu trennende Tendenz zur fortschreitenden Auflösung aller Bindungen. Jünger unterscheidet in seinen Essays zwischen der Mobilmachung „als einer Maßnahme des organisatorischen Denkens“ (Jünger 1931: 9) und der totalen Mobilmachung als einem sich selbst vollziehenden (Jünger 1931: 5), abstrakten Prinzip; die erstere ist nur der Ausdruck der letzteren. Patočka setzt sich in seinen Essays zur Philosophie der Geschichte nicht mit der Tatsache auseinander, dass Jüngers totale Mobilmachung ein Werkzeug in den Händen der von Jünger postulieren Gestalt des Arbeiters ist. Stattdessen integriert Patočka Jüngers totale Mobilmachung in seine eigenen Reflexionen über die gewandelte Beziehung des Menschen zum Sein und über den Schritt zurück, welchen der moderne, auf Beherrschung abzielende Rationalismus in Bezug auf das eigenste Problem des Individuums bedeutet. Historische Versuche um Einverleibung des Dämonischen werden, so Patočka, seit der Etablierung der Wissenschaft und Technik als der eigentlichen Beziehung zum Sein als unglaubwürdig eingestuft und beiseitegeschoben. Die Disziplinierung des Orgiastischen, seit dem Anfang der Geschichte die wichtigste Aufgabe, vor welcher der Mensch steht, wird unter den Bedingungen der industriellen Zivilisation radikal erschwert. Der Krieg als Produkt und zugleich Werkzeug der totalen Mobilmachung, die „perfekte Revolution des Alltags“ (Patočka 1988: 139) bedeutet die Freisetzung orgiastischer Potenziale. Die Herrschaft der Planung, des Alltags und den orgiastischen Sprung in die Finsternis führt Patočka als zwei Seiten derselben Münze an. Das an sich selbst gefesselte Leben hat im öffentlichen und privaten Orgiasmus sein notwendiges Komplement. Das Problem der Dienstbarmachung des Orgiasmus ist von der Dimension des echten und unechten Lebens, wie es Patočka definiert, zu unterscheiden; der Sturz ins Orgiastische macht zwar auf die Entfremdung (Unechtheit) des im Alltäglichen verlorenen Menschen aufmerksam, ist aber auch imstande, diese Entfremdung zu vertiefen. 95VÁCLAV MILLER In seinen Ausführungen zum Phänomen der modernen Langeweile und zum Hingerissensein durch das Dämonische wird Jünger von Patočka zwar nicht genannt, vieles aus Jüngers Kriegsaufzeichnungen könnte jedoch in diesem Zusammenhang angeführt werden. Die Fronterfahrung teilt sich für den zum Schriftsteller gewordenen Stoßtruppler hauptsächlich in den Rausch der Kampfhandlungen auf der einen Seite und in unerträgliche Langeweile auf der anderen. Die Gewaltorgien des Krieges, wie Jünger erkennt, bilden nicht einen Gegensatz zur Welt der Arbeit, sondern sind deren integraler Bestandteil. Jüngers Erstlingswerk In Stahlgewittern zeugt vom Staunen des Autors über diese merkwürdige Nachbarschaft von selbstvergessener Leidenschaft und quälender Langeweile. Ernst Jünger, welcher das Schlachtfeld als Neunzehnjähriger gerade in einer Lebensphase des Zerfalls seiner romantischen Illusionen betrat, findet an der Front, von der er sich Abenteuer und die Üppigkeit des Erlebens versprach, alle wesentlichen Elemente der bürgerlichen Welt, vor der er nicht lange zuvor nach Afrika floh. In der Abhandlung Der Krieg als äußeres Erlebnis charakterisiert Jünger knapp und suggestiv die Materialschlacht: Der Feind war nicht mehr greifbar, er verschleierte sich immer mehr hinter der Wirkung ferntragender Maschinen und wurde zu einer starren, unpersönlichen Macht. Selten bekam man ihn noch zu Gesicht, einige huschende Gestalten in der Dämmerung, verschwommene Umrisse im Aufblitzen der Schüsse bei nächtlichen Begegnungen– das war alles, ausgenommen die immer seltener werdenden Augenblicke, in denen die Sturmwellen der Infanterie über das offene Gelände fluteten. Das romantische, bewegte Bild der Schlacht war zu dem einer eintönigen, gefährlichen Arbeit geworden, die bei Tage und bei Nacht ihre Anforderungen stellte. Das Heldentum wurde zu einer schmucklosen und nüchternen Angelegenheit[.] (Jünger 2001: 90) In den Kriegsberichten Jüngers gibt es kaum eine längere Schilderung des Frontlebens, in der nicht betont würde, dass der Soldat in unerwartetem Maße einem Arbeiter ähnelt: „Der Graben […] machte den Krieg zum Handwerk, die Krieger zu Tagelöhnern des Todes, von blutigem Alltag geschliffen“ (Jünger 1978: 24). 2. DIE ROLLE DES HEERES IM DEUTSCHEN KAMPF GEGEN DEN STATUS QUO Gegen die marxistische Bewertung des deutschen Reiches des Jahres 1914 als einer konservativen, reaktionären Macht stellt Patočka seine These über die revolutionäre Natur Deutschlands und seinen Kampf gegen den Status quo. Den Gedanken, mit dem Deutschland in den Krieg zog, beschreibt Patočka folgenderweise: Auch dieser Krieg war ein Ideenkrieg, mag seine Idee auch schwer zu finden sein, ist sie doch in ihrer Negativität sehr unauffällig. […] Die allgemeine Idee, welche im Hintergrund des ersten Weltkriegs stand, war die allmählich aufgekeimte Überzeugung, dass es so etwas wie einen objektiven Sinn der Welt und der Dinge 96 BRÜCKEN 27/2 nicht gebe, und dass es eine Angelegenheit von Kraft und Macht sei, einen solchen Sinn in jenem Bereich zu realisieren, der dem menschlichen Zugriff zugänglich ist. (Patočka 1988: 148) Dieses Deutschland, das (neben den Vereinigten Staaten) „der Wirklichkeit des neuen wissenschaftlich -technischen Zeitalters am nächsten kommt“ (Patočka 1988: 149), nutzt weitgehend seine traditionellen Strukturen zugunsten der revolutionären Ziele; sein Konservativismus dient teilweise der Disziplin, teilweise ist er eine Illusion, die dadurch entsteht, dass konkrete Schritte auf Wegen unternommen werden müssen, welche historisch vorbereitet worden sind. Patočka erwähnt Jünger in diesem Kontext mit dem Hinweis, dass dessen Essay Der Arbeiter „implizit“ „eine Vorahnung dieses revolutionären Charakters des alten Vorkriegsdeutschland“ enthält (Patočka 1988: 149). Jünger äußert diesen Gedanken jedoch in seinen kürzeren Texten und Zeitungsartikeln der Zwischenkriegszeit auch ausdrücklich. In der Abhandlung Revolution und Idee (1923) schreibt er, dass im Ersten Weltkrieg „nicht eine Regierung“ im Kampf stand, sondern „das Volk als ganzes […] um eine neue Form der Welt“ (Jünger 2001: 34) focht. Jünger erkennt, dass der Traditionalismus den Kriegsparteien in der Ära der Industrie nicht die Oberhand verschaffen kann, auch dort nicht, wo er zweckvoll scheint: „[I]n diesem Kriege kam es nicht auf den Grad an, in dem ein Staat Militärstaat war oder nicht, sondern auf den Grad, in dem er zur totalen Mobilmachung befähigt war“ (Jünger 1931: 8). Jünger schätzt die außerordentliche deutsche Disziplin, kritisiert aber die deutsche Unfähigkeit, von zeitgemäßen Mitteln Gebrauch zu machen. In seiner Abhandlung Die Technik in der Zukunftsschlacht (Militär -Wochenblatt, 1921) fragt Jünger: Ist nicht […] unsere Kampfesart zu roh und verschwenderisch, vielleicht schon überholt? Verlassen wir uns nicht zu sehr auf die menschliche Kraft? Gewiß verwenden wir bei Angriff und Verteidigung schon Maschinen. Werten wir aber z.B. bei unseren Übungen genügend den Tank und Panzerkraftwagen, denen mit ihren M. G. und Geschützen das Schlachtfeld der Zukunft gehört? In den letzten Kriegsjahren haben uns die Tanks doch wohl genügend zu schaffen gemacht! Ist der Infanterist mit seinen Waffen ihnen gewachsen? »Ja, bei entschlossenem Zufassen«, wird behauptet. Ist es aber nicht ein Irrweg, hier den Menschen gegen die Maschine einsetzen zu wollen […]? Wie ein solcher Kampf enden muss, haben die letzten Schlachten im Westen gezeigt. (Jünger 2001: 24) Dass die deutsche Heeresleitung angesichts der technischen Überlegenheit der Entente opferbereite Fußsoldaten in die Waagschale warf, statt mit Ernst am Ausbau eigener Panzertruppen zu arbeiten, gehört zu den tragischsten und prägendsten Erfahrungen des jungen Leutnants. Vom Soldatentum, wie es sich Jünger aufgrund seiner (stark romantisch gefärbten) historischen Kenntnisse vorstellt, findet er zu der Zeit, als er an die Front beordert wird, nur noch Fragmente. In seinen publizierten Kriegsaufzeichnungen betont Jünger, wie gezeigt, den Arbeitscharakter des Frontlebens. Der Stellungskrieg scheint das Abenteuerliche am Soldatendasein zu vertreiben; ersetzt wird es mit äußerst ermüdender Arbeit: Schanzen, Wachdienst, Schleppen von Material, das alles fast ohne Schlaf und in einer wüsten Landschaft, in welcher der Feind zu einer seltenen 97VÁCLAV MILLER Erscheinung geworden ist. Für diese Tendenz macht Jünger vierzehn Jahre später, wie angedeutet, die Gestalt des Arbeiters und ihr Werkzeug, die totale Mobilmachung, verantwortlich. Sie macht jedes individuelle Leben zum Leben eines Arbeiters und verdrängt alle übrigen Weisen der Lebensgestaltung, darunter auch den Typus des Soldaten. Der Soldat der alten Prägung sterbe auf dem ihm fremd gewordenen Schlachtfeld, ohne dass er den Sieg hatte erringen können; seinen Nachfolger, den uniformierten Arbeiter, glaubt Jünger erst in den letzten Kriegsjahren in den Schützengräben zu erblicken. Die angeführten Gedanken weisen auf einen Schluss hin, den man bei Jünger jedoch nicht finden wird: Dass der schwache Punkt Deutschlands und seiner Kraftentfaltung eben sein Militär war. Patočka erklärt: Auch [die Militärmaschinerie] befindet sich zwar auf dem Wege zu den ManagementTechniken in Denken und Arbeit, aber da gibt es noch viele Hindernisse: die Faszination durch die Tradition und durch deren Konzepte, Schemata und Ziele. Der gewaltigen Zähigkeit und Ausdauer steht die herrschsüchtige Rohheit und ein absoluter Mangel an Phantasie gegenüber. Die Kriegsführung ist mechanisch, gesiegt wird durch Organisation, Zähigkeit und Ordnung dort, wo die Armee auf einen Mangel an diesen Eigenschaften bei der Gegenseite trifft. Denkfaulheit bewirkt, dass es keine Alternativen gibt, z. B. Offensivpläne für den Osten. Auch das „Vermodern“ im Grabenkrieg ist ein „Verdienst“ des deutschen Generalstabs– Voraussetzungen für einen Bewegungskrieg durch Motorentechnik hat es bereits 1914 gegeben, aber nur die Franzosen haben es verstanden, sie in der Schlacht an der Marne teilweise zu nutzen. Das ganze „Können“ erschöpfte sich in der Steigerung der Feuerkraft, die im Endeffekt nur den Verteidigern zugute kam. (Patočka 1988: 150f) Die deutsche Heeresleitung ist aus dieser Sicht nichts anderes als ein Hindernis für die Behauptung Deutschlands. Jünger selbst sieht den Grund für die Niederlage in einer allgemeinen Unfähigkeit, genügend Kräfte für die große Auseinandersetzung bereitzustellen. In seiner eigenen Terminologie: Statt der totalen Mobilmachung als einer Maßnahme konnte nur eine partielle Mobilmachung durchgeführt werden. Jünger hält jedoch, wie seine kürzeren Abhandlungen bezeugen, einige Mitglieder der Obersten Heeresleitung für progressiver als andere. In den Nachkriegsjahren publiziert er mehrere Texte, welche die Persönlichkeit Erich Ludendorffs preisen, darunter auch einen Artikel aus dem Jahre 1924, welcher den Namen des Generals im Titel trägt. Hier wird Ludendorff zum Schöpfer eines „neuen Stil[s] der Schlacht“ von 1918 und zu einem Krieger, der den Finger am Puls der Zeit hält. Sowohl Patočka als auch Jünger widmen sich auch der Frage nach der Rolle derjenigen, die sich selbst als Träger der Revolution wahrgenommen haben innerhalb einer Gesellschaftsordnung, welche sie für reaktionär erklärten. Patočka schreibt über die Opposition der Sozialisten: Sie „arbeiteten […] selber mit an der Organisierung einer neuen Gesellschaft der Arbeit, Disziplin und Produktion sowie eines planmäßigen Aufbaus, der auf allen Seiten zur Freisetzung von immer weiteren Energiereserven führte. Dieses Deutschland veränderte Europa schon lange vor dem Krieg in einen energetischen Komplex“ (Patočka 1988: 150). Jünger erinnert in der Totalen Mobilmachung in einem ähnlichen Sinne daran, dass die Sozialdemokratie, „eine der 98 BRÜCKEN 27/2 Hauptstützen des Fortschrittes in Deutschland“, „den dialektischen Teil ihrer Aufgabe erfaßt [hatte], indem sie den Sinn des Krieges gleichsetzte mit der Zerstörung des zaristischen, antifortschrittlichen Regimes“ (Jünger 1931: 9f). Die unreflektierte Arbeit an demselben Werk kennzeichnet für Jünger und Patočka die scheinbar gegensätzlichen Strömungen des öffentlichen Lebens. Jünger nennt später im Arbeiter den Kapitalismus und den Sozialismus „Gegensätze von untergeordneter Art“, weil sie „zwei Sekten der großen Kirche des Fortschrittes“ sind. „Keine [Seite] durchbricht die Grenzen des gemeinsamen Glaubensraumes“ (Jünger 1931: 17). 3. DER MENSCH ALS MATERIAL DER FREIWERDENDEN KRAFT Die wichtigste Veränderung, welche sich mit der Etablierung der industriellen Zivilisation entfaltet, ist jedoch nach Patočka die gewandelte Beziehung des Menschen zum Sein. Der Mensch gibt das Privileg auf, sich auf das Sein zu beziehen– er hört auf, diese Beziehung zu sein. Unter dem Einfluss der wissenschaftlich -technischen Lebensanschauung problematisiert er das Sein nicht mehr, weil es keiner weiteren Erklärung bedürftig scheint. Statt eines Seinsbezugs wird der Mensch zur Kraft. Manches von seiner Vision des Menschen als Kraft schöpft Patočka offensichtlich aus den Werken Jüngers. Die totale Mobilmachung, welche Jünger als Umsetzung des Lebens in Energie definiert, ist das wichtigste Mittel, durch das die Gestalt des Arbeiters ihre planetarische Hegemonie verwirklicht. Patočka kommentiert zwar Jüngers Konstruktion der Gestalt nicht, erklärt aber, wie die „fiktive“ und „unechte“ Metaphysik der Kraft, welche Jünger als die Wahrheit des Arbeiters präsentiert, doch durch ihre „praktische Vergötterung“ zur Realität wird. Innerhalb eines Weltbildes, das nur noch aus Kräften besteht, wird der Mensch in dieselben Berechnungsprozesse eingegliedert; sein Leben ist jetzt auch lediglich eine Akkumulierung und Freisetzung der energetischen Potentiale. Der Krieg ist für beide Autoren ein notwendiger Bestandteil eines so aufgefassten Lebens. Patočka beschreibt den Krieg in der Welt der Kraft als eine „akute Opposition, das intensivste Mittel einer raschen Entfaltung der akkumulierten Kräfte“. Konflikt ist „das große Mittel, dessen sich […] die Kraft bedient, um aus der Potentialität in die Aktualität zu wechseln“ (Patočka 1988: 152). Auch bei Jünger steht die Auffassung der Welt als Energie mit dem Krieg in engster Verbindung. Die totale Mobilmachung beschreibt er als „ein[en] Akt, durch den das weitverzweigte und vielfach differenzierte Stromnetz des modernen Lebens durch einen einzigen Griff am Schaltbrett dem großen Strome der kriegerischen Energie zugeleitet wird“ (Jünger 1931: 5). Weil der Krieg immer weniger eine bewaffnete Handlung im älteren Sinne ist und immer mehr zu einem Arbeitsprozess wird, muss in der letzten Phase der Mobilmachung „das Bild des kriegerischen Vorgangs“ bereits in der „Ordnung des friedlichen Zustandes“ vorgezeichnet sein (Jünger 1931: 5). Der Krieg nimmt den Frieden in sich auf und wird permanent. Vor dem Kriegszustand gibt es kein Entkommen; wer auf ihn verzichtet, verdrängt ihn nur und kapituliert vor dem mobilisierenden Gegner. Im Unterschied zur fatalistischen Vision Jüngers, für den die Geschichte notwendigerweise mit der totalen Herrschaft der Gestalt des Arbeiters endet, enthält bei Patočka das zur kollektiven, metaphysischen Erfahrung gewordene Fronterlebnis das Potenzial zur Verbesserung der allgemeinen Lage. Die Erkenntnis, dass das Opfer der 99VÁCLAV MILLER Kämpfenden einen absoluten Wert besitzt und nicht nur einen, der auf die Kriegsund Friedensziele bezogen ist, ist imstande, die Herrschaft des Tages, die Herrschaft der Kraft über das Individuum zu brechen. Der Erschütterte ist bereit, sich auf den Weg zu einem wirklichen Frieden zu machen: Die Motive des Tages, die den Willen zum Krieg hervorgebracht hatten, verbrennen im Feuer der Front, vorausgesetzt, die Fronterfahrung ist tief genug, um den Kräften des Tages standzuhalten. Der Frieden, in den Willen zum Krieg verwandelt, hat es fertiggebracht, den Menschen zu verdinglichen und zu veräußerlichen, so lange dieser noch vom Tag beherrscht war, von der Hoffnung auf das Alltägliche, auf den Beruf, auf die Laufbahn, kurz auf die Möglichkeiten, um die er bangen mußte und die er bedroht fühlte. Jetzt aber wird dieser Frieden samt seinen Planungen und Programmen, samt seiner fortschrittlichen und gegenüber der Sterblichkeit indifferenten Ideen zutiefst erschüttert. Alle Alltäglichkeit, alle Bilder eines künftigen Lebens verblassen vor diesem einfachen Gipfel, den der Mensch hier erreicht. (Patočka 1988: 157) Ernst Jüngers Fronterfahrung verfällt bereits wenige Jahre nach dem Kriege verschiedenen vom Alltag diktierten Interpretationen. Der als Kraft aufgefasste Mensch ist für Jünger, im Unterschied zu Patočka, nicht ein gefährlicher Irrweg, sondern eine sich unaufhaltsam durchsetzende Wahrheit. Jüngers literarische, in die unmittelbare Nachkriegszeit fallende Auseinandersetzung mit dem Problem der eigenen Fronterfahrung behält jedoch bis heute ihr den Alltag bedrohendes Potenzial. „Hier offenbart sich eine Größe, die über die Grenzen hinauswuchs, innerhalb deren es Zwecke gibt“, schreibt Jünger in der Vorrede zu einem seiner Berichte (Jünger 2001: 49) über das ungeheure Geschehen des Ersten Weltkrieges und stellt damit auch, im auffälligen Kontrast zu seinem späteren Schaffen, die Befreiung des Teilnehmenden von den Interessen des Tages fest. LITERATUR Jünger, Ernst (1982): Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Stuttgart: Klett -Cotta. Jünger, Ernst (1931): Die totale Mobilmachung. Berlin: Verlag für Zeitkritik. Jünger, Ernst (2001): Politische Publizistik 1919–1933. Stuttgart: Klett -Cotta. Jünger, Ernst (1978): Sämtliche Werke. Erste Abteilung. Tagebücher 1. Band 1. Der erste Weltkrieg. Stuttgart: Klett -Cotta. Patočka, Jan (1990): Kacířské eseje ofilosofii dějin. Prag: Academia. Patočka, Jan (1988): Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte. Stuttgart: Klett -Cotta.