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Agrarismus und Expertise

Lorenz, Torsten

Abstract

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Full text

Agrarismus und Expertise Katja Bruisch: Als das Dorf noch Zukunft war. Agrarismus und Expertise zwischen Zarenreich und Sowjetunion, Köln — Weimar — Wien: Böhlau verlag 2014, 394 S. Der Agrarismus war eine politische und soziale Bewegung, die sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Mittelund Osteuropa formierte. Seine Exponenten propagierten einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der sich auf die bäuerlichen Produzenten stützen sollte. Die Genossenschaften waren im Agrarismus die zentrale wirtschaftliche Institution — durch den Zusammenschluss in Kooperativen sollten die Bauern einerseits ihre Unabhängigkeit als Produzenten bewahren, andererseits die Vorteile großbetrieblichen Wirtschaftens nutzen können. Hinzu traten propagandistische Motive — etwa die Verklärung des Bauern zum Kraftquell der Nation –, die sich aber in Abhängigkeit von Zeit und Ort veränderten. Während der Agrarismus im östlichen Mitteleuropa sowie in Südosteuropa in mehr oder weniger einflussreichen Bauernparteien seinen Kristallisationspunkt fand, war er in Russland und der frühen Sowjetunion an die Gruppe der Agrarfachleute gebunden; dies zu zeigen, ist eines der Verdienste der Arbeit von Katja Bruisch. Er blieb jedoch keineswegs Gegenstand eines ausschließlich wissenschaftlichen Diskurses, sondern er wurde durch diese Fachleute über die Debatten über die Zukunft des Landes in eine breite Öffentlichkeit getragen. Katja Bruischmöchte mit ihrer an der Universität Göttingen entstandenen Dissertation eine „Ideen-, Sozialund Politikgeschichte des russischen Agrarismus im frühen 20. Jahrhundert“ (S. 20) schreiben. Sie unternimmt dies mittels einer Kollektivbiographie der landwirtschaftlichen Experten und untersucht zu diesem Zweck deren beruflichen Werdegang im Hochschulund Bildungswesen sowie in der praktischen Arbeit. Sie untersucht die „Wahrnehmungsund Handlungsmuster“ jener Menschen und wie sie sich über die Zeit veränderten; dabei strebt sie danach, sowohl das Handeln als Gruppe wie das der Individuen zu verstehen und in den Kontext der Zeit einzuordnen. Damit möchte sie das Verständnis des russischen „Agrarismus als eine politische Kraft“ erweitern und einen „Beitrag zu einer Geschichte des Politischen im ausgehenden Zarenreich und der frühen Sowjetunion“ leisten (S. 21) — ein Ziel, welches sie in ihrer Arbeit ohne Zweifel erreicht. Im ersten Kapitel ihres Buches untersucht Katja Bruisch die Entwicklung des russischen Agrarismus von der „Entdeckung der Bauern“ über seine Erscheinungsform als „wissenschaftliches Paradigma“ bis zu seiner Umsetzung in eine soziale Bewegung und ein politisches Programm. Sie zeigt, dass „Agrarismus“ in Russland mehr war als die bloße Beschäftigung mit dem Bauerntum; „Agrarismus“ war vielmehr Teil einer Debatte über die Gegenwart und Zukunft Russlands. Den Wissenschaftlern ging es mit ihren Konzepten einer „ländlichen Moderne“ nämlich um die Teilhabe der Bauern am technologischen und kulturellen Fortschritt des Russischen Reichs. Im Anschluss an diesen „vorgeschalteten“ Abschnitt wendet sich die Verfasserin in Kapitel 2 ihrem eigentlichen Gegenstand zu — dem professionellen Handeln der Agrarexperten im Ersten Weltkrieg und im anschließenden Bürgerkrieg. Sie zeigt, OPEN ACCESS OPEN ACCESS tOrStEn lOrEnZ 93 wie den Experten während des Weltkriegs aufgrund ihrer Rolle für die Lebensmittelversorgung erhebliche Bedeutung zuwuchs und wie es ihnen nach der Februarrevolution gelang, Einfluss auf die Gestaltung der Gegenwart ihres Landes zu gewinnen. Zugleich überschritt der Einfluss der Experten schon 1917 seinen Zenith, da die übrigen Kräfte in der Provisorischen Regierung diametral andere Vorstellungen von politischer Herrschaft hatten. Nach dem Staatsstreich der Bolschewiki verließ ein Teil der Experten das Land und ging ins Exil, während der andere seine Hoffnungen verstärkt in den Staat projizierte. Die Tätigkeit der in Sowjetrussland verbliebenen Experten ist dann Gegenstand des dritten Kapitels. Nach der Feststellung, dass in den 1920er Jahren eine Interessenkonvergenz zwischen Sowjetregierung und Agrarexperten bestand, die beiden Seiten von Nutzen war, zeigt die Verfasserin, dass die Experten in dieser Zeit nicht nur die Politik berieten, sondern auch den wissenschaftlichen und praxisorientierten Nachwuchs ausbildeten. Daneben vertraten sie den jungen Sowjetstaat im Ausland und leisteten durch ihren Ruf als Wissenschaftler einen gewichtigen Beitrag zur Verbesserung seines ansonsten miserablen Rufs. Die Interessen beider Seiten konvergierten auch insofern, als beide den agrarpolitischen Wandel mit Augenmaß und nach allen Regeln der Wissenschaft vollziehen wollten. Kapitel 4 zeigt dann, wie sich die Wege der Agrarexperten in den 1920er Jahren trennten. Den ins Prager und Berliner Exil Geflohenen gelang es nicht, mit ihren Ideen für eine agrarische Modernisierung Einfluss auf die Entwicklung in der UdSSR zu nehmen. Die dort Verbliebenen wurden wiederum oftmals Opfer der stalinistischen Repressionen; viele von ihnen wurden im Zuge der Prozesse von 1937/38 ermordet. Dies war umso tragischer, als die Agrarexperten durchaus ihre Bereitschaft gezeigt hatten, sich an die neuen Verhältnisse im Sowjetstaat anzupassen. Am Ende des Kapitels geht die Autorin noch auf die bedeutende, aber kaum untersuchte Rezeption russischer Agrarexperten — allen voran Aleksander Čajanov — in späteren Jahrzehnten und in der Gegenwart ein. Katja Bruisch gebührt das Verdienst, mit ihrer Arbeit dem russischen Agrarismus im späten Zarenreich und der frühen Sowjetunion klare Konturen verliehen zu haben: Anders als der Agrarismus in Ostmittelund Südosteuropa, für den nationale Ziele von zentraler Bedeutung waren, ruhte sein russischer Zweig in Wissenschaftlern, denen es über einen gewissen Zeitraum gelang, die öffentliche Debatte stark zu beeinflussen.Die Arbeit verdient eine breite Rezeption auch von der Forschung über den ostmittelund südosteuropäischen Agrarismus. Torsten Lorenz