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Die (germanistische) Mediävistik in Tschechien. Herausforderungen eines Orchideenfaches

Solomon, Kristýna

Abstract

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Die (germanistische) Mediävistik in Tschechien. Herausforderungen eines Orchideenfaches ZUM STATUS DER MEDIÄVISTIK Es mag nicht überraschen, dass die Mediävistik im gesamteuropäischen Kontext eine eher darbende Disziplin darstellt. Die Mediävistik -Forscher werden nicht selten als Exoten wahrgenommen, und im Rahmen der überall dominierenden Tendenz zum Pragmatismus der Lehre (und der Forschung) nicht selten zu Objekten mitleidender oder aber verständnisloser Blicke seitens der Kollegen aus dem Bereich der neueren Literaturforschung und Linguistik. Die Gegenwart hat das Mittelalter als etwas Fremdes disqualifiziert. Goetz (2003: 15) bemerkt dazu: Denn auch innerhalb der Geisteswissenschaften hat sich das Verhältnis zum Mittelalter, das im 19. Jahrhundert, sicherlich anachronisch, noch Inbegriff der Werte und Vorbild für die Gegenwart war, längst umgekehrt: Das Mittelalter ist uns fremd geworden, nicht mehr in dem früheren Maße die (genetische) Wurzel der Moderne und der Gegenwart, sondern das Andere, ja das Exotische. In den folgenden Zeilen wird versucht, Multikulturalität und Multisprachlichkeit des Mittelalters als gute Ausgangsbasis für eine interdisziplinäre Forschung und eine internationale Lehre heranzuziehen. Die Prämisse, dass das Fach wichtige Anregungen liefern kann, soll hier plausibilisiert werden. MEDIÄVISTIK IN TSCHECHIEN Die tschechische Mediävistik musste in der Geschichte viele Hindernisse überwinden. Das im 19. Jahrhundert kulminierende Interesse an der nationalen Identität hat zwar das Potenzial des Mittelalters entdeckt, was aber im Laufe der Zeit immer problematischer erschien, war die Realität des Nebeneinanders des deutschen und tschechischen Elements. Die nationalistischen Denker des 19. Jahrhunderts (und die späteren) haben die Koexistenz tschechischer und deutscher Sprache und Kultur als einen Konkurrenzraum etikettiert und dementsprechend Texte isoliert erforscht, welche in tschechischer Sprache verfasst worden sind, weil diese als Denkmäler der nationalen Identität instrumentalisiert wurden1. Eine wichtige Zäsur war zweifelsohne die Teilung der Karl -Ferdinand -Universität (1882) (Vodrážková 2018) in eine deutsche und eine tschechische „Sektion“, welche die Isolation des Deutschen vom Tschechischen noch intensiviert hat. Die tschechische Mediävistik ist jedoch nicht 1 Ein Paradebeispiel in Bezug auf die antideutschen Tendenzen und das Instrumentalisieren von Texten als nationalistische Propaganda stellt die Dalimil -Forschung dar. Dazu Adde (2018) und Brom (2016). 10 BRÜCKEN 27/2 ohne die deutschen Vorbilder denkbar; den böhmischen Raum prägte die allgemeingültige Ausrichtung: die (nicht nur) literarischen Trends kamen aus dem Westen. Es versteht sich, dass es ein gewagtes Vorhaben war, ein Fach (welches ja Interdisziplinarität voraussetzt) anhand eines relativ eingeschränkten Korpus‘ der auf Tschechisch verfassten Literatur zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Die politische Entwicklung im 20. Jahrhundert und das vorherrschend antideutsche Klima haben es dem Fach nicht leichter gemacht. Zu einer Widerbelebung kam es erst nach 1989.2 DIE 1990ER JAHRE. DIE OLMÜTZER MEDIÄVISTIK ALS MIKROKOSMOS DER TENDENZEN ODER DAS RAD DER FORTUNA An dieser Stelle sei ein erster Abstecher gemacht, welcher die Entwicklungstendenzen in den 1990er Jahren am Beispiel eines traditionellen Instituts veranschaulicht und sich daher zur Generalisierung anbietet. Die 1990er Jahre stellen generell die Blütezeit des tschechischen Hochschulwesens dar. Autonomie und akademische Freiheiten wurden gesetzlich garantiert, neue Institute entstanden, und die Zahl der Studenten ist den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ist explosionsartig angestiegen.3 Das Interesse am philologischen Studium war immens. Sprachen zu studieren wurde wahrgenommen als notwendige Eintrittskarte in die Welt, welche sich für die Einwohner der Länder des ehemaligen Ostblocks langsam geöffnet hatte. Die deutsche Sprache, als Sprache unserer Nachbarn, war hierfür logischerweise eine gute Option und wurde daher an den Gymnasien zur zweiten Fremdsprache. Die Olmützer Germanistik, welche einen Bestandteil der Philosophischen Fakultät bildete, hat sich dem Trend angeschlossen. Diese vielversprechende Entwicklung hat es ermöglicht, republikweit neue Fächer und Disziplinen zu gründen. So wurde etwa in Olmütz die Gründung der Mediävistik von prof.Volker Mertens (FU Berlin) initiiert und konnte im Jahre 2004 als Masterstudienfach akkreditiert werden. Die „Goldene Ära“ währte aber nicht lange. Nach zehn Jahren konnte sich das Fach der allgemeinen Pragmatisierungstendenz des Hochschulwesens nicht mehr widersetzen, und die Mediävistik in Olmütz wurde nicht mehr reakkreditiert. Als Trost darf die Tatsache gelten, dass sich die Studierenden für mittelalterliche Veranstaltungen nicht weniger interessieren (frei nach dem Motto: diejenigen, die kommen, bleiben auch gerne). Wenn es aber darum geht, was auf dem Diplom steht, gilt der Schwerpunkt ‚Mediävistik‘ für die meisten Studenten als limitierend. 4 Um ein komplettes philologisches Studium gewährleisten zu können, wird Mediävistik derzeit als Modul im Rahmen des 1-Fach Bakkalaureatsstudiums Germanistische Philologie (6 ETCS) 2 In der Einleitung wird nicht ausführlich auf die die Mediävistik prägende politisch -kulturelle Entwicklung eingegangen, da ich die Problematik bereits thematisiert habe (Solomon 2017), das wissenschaftliche Interesse an den auf Deutsch verfassten oder nach deutschen Vorlagen gedichteten Texten habe ich am Beispiel der Tristan-Dichtung illustriert (Solomon 2016: 156–158). 3 Im Jahre 1989 gab es knapp 27000 Absolventen (Prudký 2010: 22), während im Jahre 2016 ca. 82000 Absolventen registriert worden sind. 4 Dass ein Mediävistik -Studium durch die Öffentlichkeit in der Regel als dubios angesehen wird, überrascht kaum, denn es ist nicht selten der Fall, dass die Altgermanistik von Neugermanisten als skurriles Unternehmen abgetan wird. 11KRISTÝNA SOLOMON sowie in Form fakultativer Veranstaltungen, welche allen Studenten zugänglich sind, angeboten. Die allgemeine Stagnation wurde durch folgende Faktoren verursacht: Das Deutsche verlor an den Mittelschulen allmählich seine privilegierte Position und wurde eine Zeitlang vom Spanischen, welches zur zweiten Fremdsprache aufgerückt ist, überholt. Exotik besiegte gewissermaßen Pragmatik. Damit hängt auch der Rückgang von potenziellem Nachwuchs zusammen sowie die schlechteren Sprachkenntnisse der aufgenommenen Studenten. Die Tatsache, dass ein philologisches Studium als schwierig gilt, ist für manche ebenso ein überzeugendes Argument, etwas Anderes zu studieren: Pragmatisch orientierte Fächer feiern heutzutage fulminante Siege und kleine philologische Disziplinen kämpfen dagegen verzweifelt um jeden einzelnen Studenten.5 Auch wenn das (oben kurz skizzierte) politisch -kulturelle Klima dem Fach viele Hindernisse in den Weg legte (die Lage an den anderen tschechischen Instituten war sehr ähnlich), ist die Situation in Tschechien hoffnungsvoll. Die Mediävistik ist in irgendeiner Form an allen traditionellen Instituten/ Germanistiken verwurzelt. Während Ostrau und Prag eher sprachwissenschaftlich orientiert sind, gibt es in Brünn eine starke literaturwissenschaftliche Sektion. In Olmütz sind beide Bereiche vertreten. Dabei ist zu akzentuieren, dass der Nährboden durch die Generation der neuzeitlichen Pioniere geschaffen wurde: Emil Skála (Prag 1928–2005), Hildegard Boková (Budweis; 1941–2005), Zdeněk Masařík (Brünn; 1928–2016), Václav Bok (*1939)6. Im Bereich der Historiolinguistik sind folgende Kolleginnen tätig: An der Germanistik der Palacký Universität hat sich prof.Libuše Spáčilová 7 , daselbst Leiterin der Linguistik, im Bereich Historiolinguistik profiliert. Zu Ihren Forschungsinteressen gehören vornehmlich frühneuhochdeutsche Sachtexte und Editionswissenschaft. Das Forschungstandem Spáčilová/ Spáčil hat die europäische Mediävistik wesentlich bereichert. Die Ostrauer Mediävistik prägt die wissenschaftliche Tätigkeit von prof.Lenka Vaňková, die sich mit der Kanzleisprache und der medizinischen Fachprosa auseinandersetzt. Die von ihr initiierte nationale und internationale Vernetzung hat dazu beigetragen, die Historiolinguistik an der Ostrauer Germanistik zu etablieren. Die jüngere Generation von Sprachwissenschftlerinnen ist an der Germanistik der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität von Dr.Lenka Vodrážková vertreten. Die dominierenden Forschungsbereiche stellen frühneuhochdeutsche Fachprosa und die Geschichte der Germanistik dar. Die literarische Mediävistik ist am stärksten an der Germanistik der Masaryk Universität in Brünn vertreten. Doc.Sylvie Stanovská widmet sich vornehmlich dem Kanon der mittelalterlichen Literatur (Epos, Minnesang) sowie den Übergangs5 Das Kapitel über die Genese der Olmützer Germanistik ist bereits publiziert worden (Solomon 2017). 6 An dieser Stelle möchte ich mich bei Vlastimil Brom herzlich bedanken, der mir einen derzeit noch nicht publizierten Aufsatz zum Thema zur Verfügung gestellt hat, der Aufsatz sollte unter dem Titel Česká medievistika 1990–2020 erscheinen. 7 Die komplette Bibliographie: URL <https://www.ff.upol.cz/nc/kontakty/vizitka/empid/09790/> [20.10.2020]. 12 BRÜCKEN 27/2 phänomenen (Der Ackermann aus Böhmen). Dr.Vlastimil Brom fokussiert auf spätmittelalterliche Texte, er gilt als Experte im Bereich der Dalimil -Forschung. An der Germanistik der Palacký Universität wird die Mediävistik durch Dr.Kristýna Solomon, die sich auf die Texte der klassischen Zeit sowie auf die Rezeption der Literatur aus der deutschen Provenienz in Böhmen konzentriert, repräsentiert. Außerhalb der Universitäten ist der Umkreis von Dr.Dana Dvořáčková -Malá zu erwähnen (Höfe und Residenzen8, am historischen Institut der Akademie der Wissenschaften), die im Bereich der Übersetzungstätigkeit Wilhelm von Wenden (2015) als Thema gewählt hat und die Tätigkeit von Dr.éloïse Adde9, die sich auf die Ära der Luxemburger Dynastie spezialisiert. Aus dem oben Erwähnten ergibt sich, dass die germanistische Mediävistik eine gewisse Resistenz aufweist. Unbeachtet der (meistens kontraproduktiven) Reformen des Hochschulwesens10 und der omnipräsenten Benachteiligung marginaler Fächer ist die Prämisse der Nachhaltigkeit plausibel. AUSSICHTEN Im Hinblick auf das oben Besprochene wirft sich die Frage auf, wie das fragile Fach in Zukunft überleben kann. Als Alternativen wird hier nichts Originelles vorgeschlagen: Im Einklang mit der aktuellen Hochschulpolitik sei an dieser Stelle zweierlei akzentuiert: Internationalisierung und Drittmittelerwerb. Ich bin mir dessen bewusst, dass jene Begriffe bei manchen Kollegen eine allergische Reaktion hervorrufen (diesen Eindruck hatte ich bei den Lehrstuhlleitersitzungen und anderen Gremien), deshalb möchte ich hier kein Plädoyer für das theoretische Konzept der Internationalisierung entwerfen, sondern ich werde mich auf ausschließlich die best practice -Beispiele konzentrieren. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die (kleine) tschechische Mediävistik nur im interkulturellen Dialog gedeihen kann. Im Bereich der Lehre sammelte die OG zahlreiche Erfahrungen, insbesondere dank den EU -Projekten (Strategic Partnership). Die Olmützer Mediävistik ist privilegiert seit 2005 an dem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt „German Literature in the European Middle Ages“ (GLITEMA) und anschließend an dem Projekt TALC_ME 11 teilgenommen zu haben. Beide Projekte zielten darauf ab, die deutsche Literatur unter gesamteuropäischer und interdisziplinärer Perspektive zu diskutieren. Das TALC_ME Projekt hat an die Erfahrungen des GLITEMA Projektes angeknüpft. Studenten aus zehn 12 europäischen Universitäten haben hierbei während eines zweiwöchigen in8 URL: <http://www.dvory -a-rezidence.cz/resitele.php?lng=de> [20.10.2020]. 9 URL: <https://journals.openedition.org/ifha/8817> [02.11.2020]. 10 In diesem Zusammenhang ist die Reform der Evaluation von Forschungsergebnissen zu erwähnen, die nach dem Modell für Naturwissenschaftler funktionieren soll. Die Frage, inwieweit Geisteswissenschaftler in den im WOS oder Scopus aufgelisteten Zeitschriften publizieren können, muss hier nicht diskutiert werden. 11 Das Projekt TALC_ME, welches im Jahre 2013 gestartet ist, zielt auf die Beschäftigungsfähigkeit von Studierenden hin, wobei der Erwerb von Kompetenzen interkultureller Art sowie die Vertiefung von Fachkenntnissen im Bereich ‚Mediävistik‘, den Schwerpunkt des Projekts bilden. 12 Johannes Gutenberg Universität Mainz / Deutschland (Antragsteller, Koordinator), Universidade do Porto / Portugal, Università degli Studi di Palermo / Italien, Universidade de Santiago de Compostela 13KRISTÝNA SOLOMON tensiven Workshops in einem produktiven Dialog Ideen ausgetauscht. Hinter den Kulissen historischer Städte hat man versucht, sich dem Mittelalter anzunähern. Im ersten Jahr (2015) war das Rahmenthema des IPs (Intensive Programme) „Inszenierte Kommunikation und symbolische Kommunikation“. Fremdheitserfahrung, Kontinuitätsprozesse und Kontinuitätsbrüche wurden über die Grenzen hinweg besprochen. 2016 hat man sich mit dem Thema „Wahrnehmung des Fremden – Konstruktion des Anderen. Chanson de Roland, Rolandslied und Willehalm“ auseinandergesetzt. Das Hauptinteresse lag an kulturellen, religiösen und sozialen Konfliktkonstellationen im Hochmittelalter, welchen man in einer Stadt nachgegangen ist, in welcher bis heute die Spuren unterschiedlicher Kulturen omnipräsent sind. 2017 hat man in Olmütz auf „Liebe und Tod als anthropologische Grunderfahrungen“ fokussiert. Der im heutigen Tschechien entstandene Kanontext (Der Ackermann aus Böhmen) und die in Böhmen produktive Tristan -Rezeption stellten das Hauptinteresse dar. Die unterschiedlichsten Formate und Unterrichtsformen haben einen interkulturellen Dialog (international classroom) ermöglicht, der im Standardunterricht kaum möglich ist. Neben mediävistischer Inhalte war es eines der Ziele des TALC_ME Projekts, die Studierenden auf die Herausforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten. Dies scheint auf den ersten Blick provokant, denn man stellt sich die Frage, was die Mediävistik mit dem Pragmatismus zu tun hat. Trotz aller Klischees, die die Geisteswissenschaften betreffen, war die Hauptidee des Teams, eine Brücke zu spannen zwischen der isolierten Welt der Universitäten und dem Arbeitsmarkt. Es wurden Leitlinien13 erarbeitet, die darauf abzielen, das Implementieren der berufsbezogenen und interkulturellen Kompetenzen in der geisteswissenschaftlichen Lehre zu begünstigen. Darüber hinaus wurde eine Materialsammlung 14 zwecks Berufsorientierung veröffentlicht. Die Richtlinien werden an der Olmützer Germanistik mit Erfolg implementiert. Von den Erfahrungen aus internationalen Projekten wird man weiterhin profitieren können. Im ebenfalls von der EU geförderten GIP -Projekt Literatur und Sprache in peripheren Räumen (Laufzeit 2020–2023) zwischen der Palacký Universität, der Ossietzky Universität Oldenburg (Leiter des Projekts prof.Hausmann), dem Bundesinstitut für Kultur und der Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Oldenburg (BKGE) wird die Mediävistik, im Bereich der Lehre und Forschung, einen wichtigen Bestandteil bilden. Im Kontext des Rahmenthemas Regionalität und Vernetzung wird man dem kulturellen Transfer, insbesondere im Hinblick auf die verzögerte Rezeption der hochhöfischen Literatur in Böhmen, viel Aufmerksamkeit widmen. Im Bereich der Linguistik bietet sich an, unter diachroner Perspektive den tschechisch -deutschen Bilingualismus als produktives Thema heranzuziehen. Die tschechisch -deutschen Sprachkontakte (vornehmlich in der frühneuhochdeutschen Periode) stellen einen der Forschungsschwerpunkte von prof.Spáčilová dar. In den Archiven in Böhmen, Mähren und Schlesien sind Archivalien aufbewahrt, die der /Spanien, Universita‘ degli Studi di di Urbino Carlo Bo / Italien, Universiteit van Amsterdam / Niederlande, Universität Salzburg / Österreich, Stockholms Universitet / Schweden, Univerzita Palackého vOlomouci / Tschechien, Université du Luxembourg / Luxemburg. 13 URL: <https://www.talcme.uni -mainz.de/leitlinien/> [20.10.2020]. 14 URL: <https://www.talcme.uni -mainz.de/materialien/> [20.10.2020]. 14 BRÜCKEN 27/2 Peripherie des deutschsprachigen Raumes angehören, und die als Forschungsobjekte für die Inlandsgermanistik von Interesse sein können. Im Rahmen des Projekts sind einige bilaterale Veranstaltungen angesagt. Im Bereich der Mediävistik wird man auf die Luxemburger Ära fokussieren, die eine vermehrte Rezeption der „deutschen“ Texte mit sich gebracht hat. Den Kern werden dabei die Tristan -Forschung und die Ackermann -Forschung bilden. Im Bereich der Linguistik rechnet man mit der Kooperation zweier Expertinnen, Libuše Spáčilová (Olomouc) / Britta Bußmann (Oldenburg), die zum Thema der deutschen Kanzleisprachen im zentralen deutschsprachigen Raum und an der Peripherie forschen. Neben größeren Projekten wird in letzter Zeit eine Zusammenarbeit in kleinerem Maße entwickelt, was erfreulich ist. Zu nennen sind einige Konferenzen, die auf interdisziplinäres und interkulturelles Engagement hinzielen: 2019 wurde in Brünn eine internationale Tagung veranstaltet vom Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik der MU: Mediävistik mannigfach, minutiös, mitteleuropäisch –modern.15 2019 organisierten drei Universitäten (Prag: Höfe und Residenzen, Luxemburg, Olomouc) eine internationale Tagung Am Hofe und über den Hof.16 2018 wurde anlässlich des 740. Todesjubiläums von König Ottokar an der Olmützer Germanistik eine internationale und interdisziplinäre Konferenz Ottokar redivivus. Der Premyslidenfürst in Wissenschaft, Kultur und Medien veranstaltet.17 2018 fand in Prag eine internationale Konferenz unter dem Titel Re -telling between Tradition and Innovation. Central European Narrative Texts in the Changing World of the Late Middle Ages statt (Institut für tschechische Literatur, Tschechische Akademie der Wissenschaften).18 Die Luxemburger Kollegen haben im Zusammenhang mit ihrer Beschäftigung mit Konzepten der der Interkulturalität zwei Tagungen organisiert: Interkulturelle Mediävistik als Herausforderung (2017) und Prag in der Zeit der Luxemburger (2016) (Bendheim/Sieburg 2018). Dabei wurde Böhmen im 14. Jahrhundert als Schmelztiegel von Kulturen in einem mehrsprachigen Kommunikationsraum diskutiert. MEDIÄVISTIK IN BÖHMEN UND ÜBER BÖHMEN. ZUM INHALT DES HEFTES Der vorliegende Band Mediävistik in Böhmen und über Böhmen repräsentiert nur ein kleines Bruchstück der Forschungstätigkeit, was dem Grund zuzuschreiben ist, dass der Publikationsdruck, welcher den wissenschaftlichen Betrieb an den tschechischen Universitäten prägt, relativ schnell auf deren Grenzen stößt. Viele KollegInnen haben kurzoder langfristig abgesagt, weil sie die Arbeit an eigenen Projekten vorzie15 URL: <https://ugnn.phil.muni.cz/de/konference/mediaevistik -mannigfach> [22.10.2020]. 16 URL: <http://www.hiu.cas.cz/cs/download/programm -dar---29.01.2019.pdf> [22.10.2020]. 17 URL: <https://germanistika.upol.cz/fileadmin/userdata/FF/katedry/kgn/plakatyakce/ Program.Ottokar. Dt_1__akt.pdf> [22.10.2020]. Siehe dazu auch den Tagungsbericht in diesem Heft. 18 URL: <http://cms.flu.cas.cz/cz/badatele/nase -akce/konference -workshopy/central -european- -arthurian -texts -in -a-changing -world.html> [22.10.2020]. 15KRISTÝNA SOLOMON hen müssen. Umso mehr freue ich mich über alle Beiträge, welche die Forschungstendenzen und Schwerpunkte der Mediävistik in und über Böhmen illustrieren. Das Themenheft eröffnet ein Aufsatz zur Rezeption der deutschen Stoffe in der Zeit der Luxemburger Dynastie. Der von Lena Zudrell verfasste Beitrag „One tenth of Tandareis: on characters and programmatic reduction of Arthurian literature“ nimmt einen Repräsentanten der Artusliteratur unter Lupe. Der Fokus liegt an der Rezeption des ursprünglich von einem österreichischen Verfasser namens „Der Pleier“ geschriebenen Textes, der nach Böhmen– mehr als 100 Jahre nach der Entstehung des Originals– gewandert ist. Die Autorin vergleicht die deutsche Fassung mit der anonymen alttschechischen Bearbeitung. Es fällt auf den ersten Blick auf, dass der Umfang des tschechischen Textes wesentlich reduziert wurde, u.z. auf ein Zehntel des Originals. Die Autorin konstatiert, dass reflexive Passagen, Erzählerkommentare sowie die das Abenteuerliche schildernden Kapitel ausgelassen wurden. Indem derartige Passagen eliminiert werden, wird– laut Zudrell– die Beziehung zwischen den zwei Protagonisten amplifiziert. Diese Ökonomisierungstendenz ist beispielsweise auch dem alttschechischen Tristam -Roman, der ähnlich datiert wird, immanent. Matthias Meyer greift auf denselben Text zurück. In seinem Aufsatz „The Repetition Game. An Essay on the Czech ‚Tandariáš‘“ fokussiert er auf das Verhältnis zwischen Struktur und Inhalt. Einleitend wird apostrophiert, dass die oben erwähnte Reduktion des Umfangs das Augenmerk auf die Grundstruktur des Textes gelenkt hat. Dabei spielt– laut Meyer– die Wiederholung eine wichtige Rolle. Dies mag überraschen, denn Wiederholung und Kürzung können als kontraproduktive Verfahren verstanden werden. Ungeachtet dessen fällt auf, dass die Zahl 3 als ein produktives Bauelement funktioniert. Nachdem eine Tendenz zur Repetition festgestellt worden ist, wird nach deren Zweck im Text gefragt, insbesondere in Bezug auf das etablierte Wertsystem der Artusliteratur und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft des 14. Jahrhunderts. Im Beitrag „Die frühneuhochdeutsche Fachsprache der Mathematik und Anton Georg Kinnosts Rechenbuch aus dem Jahre 1727“ verfolgt Libuše Spáčilová die Genese der mathematischen Fachprosa, indem sie das im 18. Jahrhundert verfasste Rechenbuch des Anton Georg Kinnost, der in Olmütz als Schreiber tätig war, erforscht. Einführend wird die Entwicklung der deutschen Wissenschaftssprache veranschaulicht, anschließend wird die Entwicklung der mathematischen Fachsprache im 15. und 16. Jahrhundert in ‚Deutschland‘ illustriert, um die Haupttendenzen mit der Situation in den böhmischen Ländern zu vergleichen. Den Kern des Aufsatzes stellt Kinnosts Rechenbuch, wobei folgende Aspekte einbezogen werden: Die Struktur des Rechenbuches, die arithmetischen Termini, die Semantisierung der lateinischen Termini, der Satzbau und abschließend die Themen in den Aufgaben. Aus dem Vergleich von Kiennasts Rechenbuch mit den um 200 Jahre älteren Vorlagen ergibt sich, dass das Repertoire der Rechenbücher stabil war. Die Charakteristik, welche die älteren Repräsentanten dieser Textsorte prägt, kommt im analysierten Beispiel ebenso gut vor, was die These stützt, dass der Pragmatismus, insbesondere die Verständlichkeit für das Zielpublikum, eine entscheidende Rolle spielte. Im Aufsatz „Gott erhaltte sein Wortt, die Edle Warheitt auf Vnsere Nachkomen. Amen. Deutschgeschriebene Chroniken der nordwestböhmischen Städte aus der Zeit des Humanismus als historiolinguistische Forschungsquelle“ wendet sich Lenka Vo- 16 BRÜCKEN 27/2 drážková einem regionalen Thema zu, indem sie deutschgeschriebene Chroniken in der Zeit des Humanismus analysiert. Einleitend wird die humanistische Geschichtsschreibung kurz skizziert, später wird auf die Spezifika der Stadtgeschichtsschreibung in Nordwestböhmen eingegangen. Die Aufmerksamkeit wir auf drei konkrete Beispiele gerichtet, die Chroniken der Städte Brüx, Kaaden und Komotau. Die Chroniken werden als wichtiger Zeuge der humanistischen Historiographie betrachtet. Die inhaltliche sowie sprachliche Analyse hat bestätigt, dass die Chroniken einen Repräsentationscharakter aufweisen und dass sie als Produkt kollektiver Identität des Bürgertums funktionalisiert wurden. Darüber hinaus illustrieren solche Quellen die Sprachverhältnisse in Böhmen gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Obwohl der Textkorpus des vorliegenden Themenheftes– wie bereits oben erwähnt– relativ bescheiden ist, kann man erfreulicherweise Folgendes konstatieren: Die literarischen und sprachlichen Denkmäler, die im mittelalterlichen Böhmen entstanden sind und die aus der Perspektive der deutschen und österreichischen Kollegen als randständig betrachtet werden können, dürfen zu einer Bereicherung des ‚Zentrums‘ beitragen. Daher möchte ich positiv in die Zukunft blicken und auf eine intensive(re) (inter)nationale Kooperation im Bereich der Mediävistik hoffen. Die basalen Fundamente sind– wie ich hier zu demonstrieren versuchte– vorhanden. Olomouc, den 19. März 2020 (während des Peaks der Pandemie) Herausgeberin des Themenschwerpunkts Mediävistik Kristýna Solomon LITERATUR Adde, Éloïse (2018): Die deutschsprachige Übersetzung der Dalimil -Chronik. Ein Versuch der politischen Legitimation der städtischen Eliten im Böhmen der Luxemburger.– In: Bendheim, Amelie/Sieburg, Heinz (Hgg.), Prag in der Zeit der Luxemburger Dynastie: Literatur, Religion und Herrschaftskulturen zwischen Bereicherung und Behauptung. Bielefeld: transcript, 119–140. Bendheim, Amelie/Sieburg, Heinz (Hgg.) (2018): Prag in der Zeit der Luxemburger. Literatur, Religion und Herrschaftskulturen zwischen Bereicherung und Behauptung. Bielefeld: transcript. Brom, Vlastimil (2016): Rýmovaný německý překlad Dalimilovy kroniky vkontextu její české alatinské textové tradice.– In: Klimek, Tomáš/Modráková, Renáta (Hgg.), Cesta krozmanitosti aneb Kavárenský povaleč digitálním historikem středověku. Sborník příspěvků kživotnímu jubileu PhDr.Zdeňka Uhlíře [Weg zur Mannigfaltigkeit oder Wie ein Kaffeehaus -Müssiggänger zum digitalen Historiker des Mittelalters wurde]. Praha: Národní knihovna České republiky, 101–111. Goetz, Hans -Werner (2003): Einführung: Die Aktualität des Mittelalters und die ‚Modernität‘ der Mediävistik.– In: Ders./ Jarnut, Jörg (Hgg.), Mediävistik im 21. Jahrhundert. Stand und Perspektiven der internationalen und interdisziplinären Mittelalterforschung (= Mittelalter -Studien des Instituts zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens, Bd. 1). München: Fink, 11–18; URL: <https://digi20.digitale -sammlungen.de/de/fs1/object/display/ bsb00042129_00009.html> [20.10.2020]. 17KRISTÝNA SOLOMON Prudký, Libor (2010): České vysoké školství. Na cestě od elitního kuniverzálnímu vzdělávání 1989–2009 [Tschechisches Hochschulwesen. Auf dem Weg von elitären zur universalen Bildung]. Havlíčkův Brod: Grada. Solomon, Kristýna (2016): ‚Tristan‘-Romane. Zur spätmittelalterlichen Rezeption von Gottfrieds Tristan in den böhmischen Ländern. Göppingen: Kümmerle. Solomon, Kristýna (2017): Mauern, Brücken und Orchideen.– In: Transkulturalität und Translation. Hrsg. von Ingrid Kasten und Laura Auteri. Berlin/ Boston: de Gruyter, 235–241. Vodrážková, Lenka (2018). Die Zeit der Luxemburger in Böhmen im Spiegel der wissenschaftlichen Tätigkeit der ersten Prager Germanisten nach 1882.– In: Bendheim, Amelie/Sieburg, Heinz (Hgg.), Prag in der Zeit der Luxemburger Dynastie: Literatur, Religion und Herrschaftskulturen zwischen Bereicherung und Behauptung. Bielefeld: transcript, 53–72. Wilhelm von Wenden (2015) = Vilém ze země Slovanů. Epos zkonce přemyslovského věku [Wilhelm von Wenden. Ein Epos vom Ende der Přemyslidenzeit]. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Dana Dvořáčková -Malá, Praha: Argo.