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Ein verkannter Beitrag der Prager Indogermanistik zur nominalen Wortbildung (Zur unpublizierten Dissertation von Jaromír Jedlička)

Kurzová, Helena

Abstract

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Ein verkannter Beitrag der Prager Indogermanistik zur nominalen Wortbildung (Zur unpublizierten Dissertation von Jaromír Jedlička) Helena Kurzová Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften derTschechischen Republik ABSTRACT: The unpublished dissertation of Jaromír Jedlička, Ozvláštním případu parallelismu suffixů vjazycích indo evropských [On aSpecial Case of Suffix Parallelism in Indo-European Languages], Prague 1894 (178pp.) investigated nominal derivations with the suffixes *-es/sand *-ró-, *-ló-, *-mó-, *-nó-, taking into account all Indo-European languages known at that time and analysing 284 roots. His systematic account of the s-suffix and parallel nominal suffixes, written almost simultaneously with the publications of Caland, marks along overlooked pioneering contribution to the understanding of relationships between nominal and verbal derivation in Indo-European. KEYWORDS: Indo-European; linguistic reconstruction; historical morphology; nominal derivation; suffixation; Caland system; Jaromír Jedlička; Josef Zubatý; Karl Brugmann 1 JAROMÍR JEDLIČKA (1869–1901) Jaromír Jedlička (* 11.4.1869 in Zbiroh/Sbirow, † 14.8.1901 in Zinnowitz/Cinovice) konnte sich nur für kurze Zeit seiner Arbeit auf dem Gebiet des Indogermanischen und Griechischen widmen, die er mit solchen Bemühungen und Begeisterung betrieben hat, denn im Alter von zweiunddreißig Jahren starb er plötzlich am Herzversagen. Er studierte Indogermanistik in Prag bei Josef Zubatý und in Leipzig bei Karl Brugmann und Ernst Windisch, die klassische Philologie in Prag bei Josef Král. Als „ausserordentlicher Hörer“ studierte er auch Vedisches Sanskrit und Finnisch bei Alfred Ludwig, Professor an der Deutschen Universität Prag. Jedlička schätzte hoch diesen nicht genug anerkannten und mit unrecht kritisierten Indogermanisten1 und zitierte oft seine Arbeiten.2 Auch Zubatý hat nur Worte der Anerkennung für Ludwig.3 1 Wie bekannt, geht die Kritik von Oertel— Morris (1905) von den logischen Prinzipien aus, die für die Kategorie der Geistesund Sozialwissenschaften nicht gelten. Hier muss man mit der Vagheit der Grenzen, bzw. der sog. Prototypen rechnen. 2 Besonders Ludwig 1867 und Ludwig 1871. 3 Er hat sich bemüht, nicht alles auf der Basis des Altindischen erklären zu wollen, sondern die Unterschiede der idg. Sprachen zu respektieren, und die Grundlagen der Flexion und OPEN ACCESS 24 CHATREŠŠAR 2/2019 Zwischen Jedlička und Zubatý gab es ein besonders tiefes Verständnis. Zubatý war ihm ein echter Freund und immer bereit, ihn mit gutem Rat zu unterstützen. Wie bekannt, war Zubatý offen für die Welt4 und sah in Jedlička seinen Nachfolger, was leider aufgrund dessen frühen Todes scheiterte.5 Die Bibliographie von Jedlička besteht hauptsächlich aus seinen Beiträgen an die Listy filologické aus den Jahren 1891–1894. Er hat in dieser Zeitschrift z. B. über das neue indogermanistische Periodikum Indogermanische Forschungen informiert6 und viele Rezensionen geschrieben.7 In Listy filologické hat Jedlička auch einen Aufsatz über die s-Stämme im zweiten Glied der homerischen Komposita veröffentlicht.8 Leider ist Jaromír Jedlička (weiter JJ) nicht gelungen, seine Dissertation Ozvláštním případu parallelismu suffixů vjazycích indoevropských [Ein besonderes Beispiel der Parallelität von Suffixen in den indoeuropäischen Sprachen], Prag 1894 (178S.) vor dem vorzeitigen Tod zu veröffentlichen.9 Der Arbeit auf dieser Dissertation widmete sich JJ in der Zeit seiner Studien in Leipzig, wo er seine Doktorarbeit unter der Leitung von Karl Brugmann und Ernst Windisch schrieb. Brugmann, dem die Frage der Parallelität der Suffixe sehr nahe war, hat mit systematischem Interesse der Arbeit von JJ auf diesem Thema gefolgt. Im Allgemeinen begegnete Brugmann dem Prager indogermanischen Syntax neu zu überdenken. Vgl. z. B.Zubatý 1901: 514 = Zubatý 1954: 18: „Wir wiederholen, dass Prof. Ludwig seit langem in unermüdlichem, aber erfolglosem Gegensatz zu gemeinsamen Ansichten ist, in einer Opposition, die überraschenderweise bisher noch nicht mal erreicht hat, die Wissenschaft zum Beweis zu zwingen, dass die für sie geltende Ansicht irgendwie ein Axiom ist und es notwendig wäre, für seine Richtigkeit Argumente zu bringen. Die ältere idg. Sprachwissenschaft war voll im Schlepptau der altindischen Sprache“ (vgl. im tschech. Original: „Prof. Ludwig ode dávna je vneúnavné, leč bezvýsledné opposici proti běžným názorům, vopposici, která kupodivu nedocílila podnes ani tolik, aby donutila vědu pokusiti se odůkaz, že názor, který platí vní jaksi za axioma, axiomatem jest, nebo aspoň že se dá jeho správnost dokázati. Jazykozpyt starší doby byl úplně ve vleku jazyka staroindického.“) 4 Er publizierte in grundlegenden indogermanistischen Zeitschriften (Indogermanische Forschungen; Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung; Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen usw.) 5 Jedlička war modern auch mit seinem Interesse für die englische und amerikanische Literatur; unter anderem hat er mehrere Gedichte von Longfellow übersetzt. Darüber und auch über dem Interesse von Jedlička für die ukrainische und russische Literatur s. Kurzová 2017. 6 Jedlička 1891. 7 S.Kurzová 2017. 8 Jedlička 1893. S.Kurzová 2017. 9 S.Protokoll im Archiv der Karlsuniversität (AUK) inv. č.1, fol.344, Matrika doktorů české Karlo-Ferdinandovy univerzity, I, fol.344. Die Dissertation selbst befindet sich nicht im Archiv, ich beschäftige mich mit ihr auf der Grundlage des Autorenexemplars. Die Bewertungen von Josef Král und Josef Zubatý sind im AUK gespeichert, Fond FF UK 1882–1966 (1970), Nr. K105, inv. Nr.1241. Zubatý betrachtete die Wahl des Themas als mutig wegen der Neuheit der Frage von der Parallelität der Suffixe. Seine Bemerkungen hat JJ in der Bearbeitung der Arbeit respektiert. OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 25 Stipendiat sehr freundlich, wie besonders aus den Briefen von JJ an seinen Bruder zutage kommt.10 2 DIE DISSERTATION VON JAROMÍR JEDLIČKA ÜBER DEN PARALLELISMUS DER NOMINALEN SUFFIXE IN DEN INDOGERMANISCHEN SPRACHEN In seiner Dissertation setzt sich JJ als Ziel, „auf eine bisher unbemerkte Erscheinung aufmerksam zu machen, dass in den indoeuropäischen Sprachen bei derselben Wurzel neben den Formen auf ΄-os … die Formen auf -ró-, -ló-, -mó-, -nóstehen und so weit wie möglich alle Belege zu geben“ (S.5). Im Folgenden gibt JJ zu 284 Wurzeln die s-Stamm-Bildungen sowie parallele Formen auf *-ró-, *-ló-, *-mó-, *-nó- (weiter oft zusammenfassend „Ro-Bildungen“). In Jedličkas Dissertation wird das Material so gegliedert, dass zu den an der ersten Stelle angeführten s-Stämmen die von derselben Wurzel belegten Formen mit den Suffixen *ró- (*-r-), *-ló-, *-mó-, *-nósystematisch angereiht werden. Ein s-Stamm wird bei etwa 180 Wurzeln durch ein Neutrum auf *-os/-esrepräsentiert,11 in den anderen Fällen durch eine andere Form des Neutrums (gr. -as, ai. -iṣ) oder durch maskuline oder feminine s-stämmige Nomina. In einigen Fällen wird das es-Neutrum durch die Form vertreten, welche es im zweiten Glied des Kompositums annimmt (auf -ēs im Gr., -ās im Ai.). JJ weiß, dass das s-Kompositum in seinem zweiten Glied „Partizipialform“ haben kann, also nicht immer ein es-Neutrum impliziert, nimmt aber an, dass in den Fällen, wo die parallelen Suffixe *-róusw. und s-Bildungen koexistieren, ein es-Neutrum vorausgesetzt werden kann. Der Ausgangspunkt für JJs Material bilden die Substantive, und dadurch wird eine bemerkenswerte Sicht auf die ganze Problematik der untersuchten Parallelbildungen gewonnen. Aufgrund des so orientierten Materials wird möglich, den semantischen Bereich, der durch diese Parallelbildungen gedeckt wird, zu charakterisieren, und die Beziehungen der nominalen und verbalen Fortsetzungen der Wurzel zu bestimmen. Durch die Wahl der neutralen es-Stämme und der nominalen Suffixe *-ro-, *-no-, *mo-, *-lowird ein breiter Blick in die Morphosyntax und Semantik der idg. Nomina gewonnen. Demzufolge kann die Dissertation als ein Beitrag zur Morphosyntax und Semantik der Nomina gesehen werden, der auch heute etwas lehren kann. Dies ist dadurch gegeben, dass auch in der modernen Forschung eine weit verbreitete 10 Vgl. z. B. einen Abschnitt aus dem Brief von 21.11.1892 (Übersetzung): „Von der Vorlesung, die ich in ‚Sprachwiss. Gesellsch.‘ bei Prof. Brugmann haben soll, weißt Du schon. Vor einigen Tagen hat er mich auf den Treppen erreicht und fragte, wie ich mich in Leipzig eingelebt habe. Auch hat er einige Fragen zum Thema meiner Dissertation und zu jener Vorlesung gestellt. (Auf seine Bitte begleitete ich ihn ein wenig.) Ich habe kurz meine Meinung darüber und den Inhalt der Vorlesung angedeutet, dann sagte er, dass er auf meinen Vortrag ‘sehr neugierig’ ist.“ 11 JJ bezeichnet die s-Stamm Rubrik als -esauch in Fällen, wo vielmehr s-Erweiterungen vorliegen. Ich behalte diesen seinen Einführungsmodus in den Fällen, wo ich den Text der Dissertation zitiere. OPEN ACCESS 26 CHATREŠŠAR 2/2019 Privilegierung der Verben und der Sätze mit Verbum finitum die ganze Frage der verbal-nominalen Beziehungen entstellt. In der Prager Indogermanistik der Zeit JJs war diese Einsichtsweise nicht geltend. Durch die Wirkung von Josef Zubatý und auch durch den Einfluss von Alfred Ludwig wurde die Morphosyntax der Nomina und Verba in so einer Perspektive gesehen, die dem indogermanischen flexivischen Typ entspricht, wo das Wort für seine Position im Kontext strukturiert wird. Die von Meillet ausgearbeitete Lehre über die Autonomie des Wortes im indogermanischen Satze und die Mannigfaltigkeit der Satzbildungen hat sich in derselben Forschungslinie entwickelt. Zum Unterschied von der Auffassung, dass der Satz mit einem Subjekt und mit ihm kongruierendem Verbum finitum als Haupttyp des Satzes, wenn nicht einzige gültige Satzstruktur, gesehen wird, wird auch der nominale Satz, und zwar auch sein eingliedriger Typ, als Grundbestandteil der indogermanischen Syntax angesehen. JJ selbst spricht nicht in seiner Dissertation über syntaktische Fragen. In seiner ganzen Darstellung, wo die Bedeutung der behandelten Wurzel nur ausnahmsweise durch ein Verb belegt wird, die semantischen Zusammenhänge der Nomina aber systematisch untersucht werden, kommt aber der angedeutete Gesichtspunkt zutage. Dies ist ein Hauptmotiv für meine Entscheidung, die Arbeit von JJ zumindest teilweise zu präsentieren und über ihre Bedeutung nachzudenken. M.E. hat sie nicht nur historiographischen Wert, sondern als Beitrag zum indogermanischen Nomen und seine Stellung im urindogermanischen Sprachsystem wäre sie auch für die heutige Forschung anregend. Zuerst werde ich einige einleitende Bemerkungen zur Behandlung von es-Stämmen und Ro-Bildungen anführen, die dann in der Untersuchung unter §3 konkretisiert werden. Für meine Behandlung der es-Stämme war die maßgebliche Arbeit über „die primären s-Stämme“ von Stüber (2002) eine wichtige Stütze. An der formellmorphologischen Seite habe ich mich vorwiegend an die Interpretationen in diesem Buch gehalten. In der Semantik und Syntax versuche ich aufgrund des Vergleichs mit diesem Buch die Deutungen zu bestimmen, die mir die Auseinandersetzung mit der Dissertation JJs gegeben hat. Bei JJ fehlen bei den meisten Artikeln die Lemmata, nur gelegentlich wird ein Lemma gegeben, und zwar als Substantiv, in wenigen Fällen als Verb. Die „Caland’schen“ Gruppen, d.h. die Eigenschaftswurzeln samt adjektivischen Ableitungen, werden in dieser meiner Abhandlung nur gelegentlich berücksichtigt.12 Daher konzentriere ich mich auf rein nominale Wurzeln und Wurzeln mit begrenzter verbaler Fortsetzung. Die Neutra sind zuerst Namen von unbelebten Sachen verschiedener Art. Die ältesten Suffixe, wie von Benveniste (1935) erforscht, markieren Neutra als derivationelle Kategorie ohne Bestimmung ihrer Geltung im Satze. Überwiegend werden durch es-Neutra ganz konkrete Sachen und Erscheinungen bezeichnet. Gerade Inanimata fungieren als Nominalsätze ohne Prädikat, und zwar nicht nur in Nennfunktion, sondern sie sind in Situation und Kontext verankert. 12 Systematisch werden Eigenschaftswurzeln in der Abhandlung „Zur Vorgeschichte des Caland-Systems“ untersucht (in Vorbereitung). OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 27 Auch Stüber behandelt die Semantik der es-Nomina und zeigt, dass sie nicht nur als Abstrakta auftreten, sondern sehr oft konkrete Bedeutungen aufweisen. Wenn aber von derselben Wurzel ein Verb belegt wird, gibt das es-Neutrum den Anschein, als ob es von dem Verb deriviert sei. Die Autorin versucht die Bedeutung des Substantivs immer durch seine Beziehung zum Verb zu bestimmen. Bei den intransitiven Verben— die absolut herrschen im Material, das nur solche es-Neutra berücksichtigt, welche als (ur)indogermanisch sicher rekonstruierbar sind— wird das Neutrum als unbelebtes Agens des Verbs bestimmt. So z. B. bei der Wurzel peH- (LIV2 480, IEW 848–849, JJ Nr.120 S.83–84) „Eiter, faul sein“, „faulen, vereitern“ wird das esNeutrum (gr. πύος, lat. pūs „Eiter“) als Agens des Verbs „faulen, vereitern“ bestimmt.13 Dieser Zutritt ist eine Äußerung der Auffassung, die den Satz mit Verbum finitum für die rekonstruierte uridg. Struktur als den grundlegenden, wenn nicht ausschließlichen Satztyp annimmt. In den Konzeptionen, die für die rekonstruierte flexivische Struktur eingliedrige nominale14 (und impersonale) Sätze voraussetzen und mit der oben erwähnten Autonomie des Nomens im Sinne Meillets arbeiten,15 hat das rekonstruierte es-Nomen einen anderen Wert. Josef Zubatý war ein prominenter Vertreter des Konzepts, nach welchem in der rekonstruierten Struktur mit großer Mannigfaltigkeit von Satztypen zu rechnen ist, und dieses wurde in der tschechischen Linguistik weiter entwickelt, u. a. von Bohuslav Havránek.16 In dem primär auf die formelle Strukturierung des Wortes (nicht auf die formelle Strukturierung des mehrgliederigen Satzes) orientierten Sprachtyp sollten die eingliedrigen impersonalen und nominalen Sätze grundlegende Stellung haben. Das Wort war für seine Position im Kontext formell durch derivationelle und flexivische Prozesse markiert. Für die Ro-Bildungen, die es-Neutra neben sich haben, bietet JJ Material, das darüber hinaus weitergeht über ihre Berücksichtigung im Caland-System, wo sie als Adjektiva im prototypischen adjektivischen Bereich der sich durch Gradation und Gegensätzlichkeit gekennzeichneten Eigenschaften (jung— jünger vs. alt— älter usw.) vorkommen.17 Auch im Bereich außerhalb der Eigenschaftswurzeln wurden Ro-Bildungen oft einseitig als protopartizipiale Adjektive behandelt. Das Hauptin13 Stüber 2002: 136–137. 14 Anstatt des konstruierten Satzes „Eiter eitert“, die dem Zutritt von Karin Stüber entspricht, kann man mit Sätzen wie „Eiter!, (Hier ist) Eiter“ rechnen. Jedenfalls impliziert Eiter nicht den Satz „Eiter eitert“, ebenso wie Blut nicht den Satz „Blut blutet“ voraussetzt. 15 Vgl. Meillet 1934, besonders S.350–360 über die Autonomie des Nomens und die lose „appositive“ Struktur des Satzes. In der appositiven Satzstruktur ist das Nomen ein potenziales Prädikat, und für seine Geltung sind die systemischen und kontextuellen Beziehungen zu anderen Nomina entscheidend. 16 Auf dieser Konzeption hat Zubatýs Student seine lateinische Syntax begründet (Jiráni 1915). Leider wurde der zweite Teil nicht mehr bearbeitet, aber in unserem Zusammenhang ist gerade der erste Teil relevant, vgl. die Rezension von Zubatý (1916). 17 Hier fanden besonders Adjektiva auf *-rosystematische Vertretung. Die gr. und iir. *-esvs. *-roKorrelationen werden auch in unseren Beispielen unter §3 berücksichtigt. Sonst werden Caland-Regel und Caland-System in meiner schon zitierten Abhandlung „Zur Vorgeschichte des Caland-Systems“ (s.o., Fn. 12) behandelt. OPEN ACCESS 28 CHATREŠŠAR 2/2019 teresse wurde ihnen als verbalen Adjektiven gewidmet, die zum Teil als Partizipien grammatikalisiert worden sind. Dass es sich primär um Bildungen nominalen Charakters handelt, wurde zwar vorausgesetzt, aber ihre substantivische Geltung, die sich in mehreren Fällen nicht im Sinne der Substantivierung von Adjektiven erklären lässt, stand außerhalb des Forschungsschwerpunkts. Auch hier ist die Konzentrierung der Dissertation von JJ auf die Substantive wichtig. Im untersuchten Material überwiegen solche Ro-Substantive, die keine adjektivische Grundlage haben, wobei besonders mo-Bildungen sehr viele in den idg. Sprachen weit vertretene Substantive enthalten. Dies kommt auch im hier unter §3 gegebenen Auswahl zum Vorschein. Das von JJ bearbeitete Material präsentiere ich unter Nummer und Seite der Dissertation, es ist aber in meiner Darstellung semantisch geordnet, auch wenn auf eine lockere Weise. 18 In der Dissertation wird das Material alphabetisch in der Reihenfolge i, u, r, l, m, n, p, b, bh, t, d, dh, k, g, gh, sgegeben. Das Tschechische des Materials ist ins Deutsche übersetzt (viele Angaben sind von JJ selbst im Deutschen oder in einer anderen Weltsprache gegeben). Die systematische Suche nach parallelen *-esund *-ró-, *-ló-, *-mó-, *-nóBildungen hat JJ zur Entdeckung von bisher unbeachteten etymologischen Möglichkeiten geführt, die in 53 Artikeln am Ende der Arbeit (S.169–178) verzeichnet sind. Einige dieser Etymologien wurden später von anderen Forschern vorgeschlagen und akzeptiert oder als möglich betrachtet. So z. B. die Verbindung von gr. κῦδος „Ruhm“ mit slav. čudo „Wunder“ (JJ Nr.221 S.136 u. 176, Wurzel *ked-/*kud-) hat Bezzenberger 1902 vorgeschlagen. In ähnlicher Weise wurde die Verbindung von gr. κύκνος mit ai. Wörtern der Wurzel k ek- „hell sein/werden, strahlen“, die JJ (Nr. 222 S.136–137 u. 176) als Möglichkeit anführt, später von Wood 1900 postuliert. Im Folgenden erwähne ich einige etymologische Vorschläge,19 obwohl die Etymologie keineswegs die Ursache für meine Auseinandersetzung mit JJs Forschung bildete. 3 NOMINALE UND VERBALE REALISIERUNG VON WURZELN20 Die es-Neutra sind Namen von Dingen in weiterem Sinne (Dingbezeichnungen nach der Terminologie von Porzig 1942), ähnlich wie r/n-Neutra, welche teilweise die Grundlage von *-round *-noBildungen bilden. Auch substantivische Ro-Formen bezeichnen primär konkrete Sachen. Abstrakta sind, wie Porzig 1942 zeigt, erst Ergeb18 Das unter *-esbis *-mogegebene Material ist in einigen Fällen in der Form zitiert, wie es in JJ bearbeitet wird (gelegentlich auch mit seinen bibliographischen Angaben, die ich in der Form zitiere, wie sie bei JJ vorkommen), meistens werden aber die einzelnen Artikel auf freiere Weise angenähert. Am Anfang jedes Artikels gebe ich in Klammern die Hinweise auf LIV2, IEW und WP. 19 Die angeführten Etymologien werden in meinen anderen Beiträgen zum Werk von Jaromír Jedlička untersucht („Zur Vorgeschichte des Caland-Systems“ und „Griechische Etymologien“). 20 Die Abkürzungen der Sprachen werden nach LIV2 gegeben. OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 29 nis einer durch Kontext und Textart bedingten Entwicklung. Syntaktisch haben diese Substantive verschiedene Funktionen. Ihre Verwendung als eingliedrige Nominalsätze und ihr Vorkommen in Sätzen mit nominalem Prädikat haben wir schon oben erwähnt. In Sätzen mit Verbum finitum drücken sie einen nichtbelebten Aktor der intransitiven Verben aus, treten als Objekte, können instrumentale, lokale usw. Funktion haben, je nach der gezielten Bedeutung. In allen diesen Funktionen kommen sie regelmäßig mit Verben vor, die keineswegs von derselben Wurzel gebildet werden. In den Fällen, wo das Verb von derselben Wurzel stammt, haben sie die betreffenden Funktionen in Beziehung zu diesem Verb, aber das impliziert nicht, dass diese Beziehung für das Nomen definierend ist und dass das Verb primär, das Nomen sekundär ist. Wie wir in den untersuchten Beispielen sehen werden, sind in vielen Fällen die Verben überhaupt nicht vertreten oder ausgesprochen sekundär und schwächer belegt in den idg. Sprachen als die Nomina. In LIV2 wird oft darauf aufmerksam gemacht, dass das nominale Material primär und besser belegt ist, was in einem auf geerbte Verben gerichteten Handbuch besonders bedeutsam ist. Für einige Wurzeln mit weiter nominaler Fortsetzung ist das Verb zwar mehr oder wenig bezeugt, aber es ist nicht daher begründet, die Wurzeln als verbal zu betrachten. Die Ro-Bildungen haben primäre nominale Geltung und, ähnlich wie die es-Neutra, spielen eine Vermittlungsrolle zwischen Nomen und Verb. Jedličkas Entscheidung, die es-Stämme und Ro-Stämme zusammen als Thema der Dissertation zu behandeln, findet darin eine Rechtfertigung. Wie die es-Neutra weisen die Ro-Nomina— in Bezug auf das Verb gesehen –intransitiv-passive Semantik, sie drücken Zustände und Eigenschaften, z. B.Zustand des Bedecktseins, Fähigkeit des Bedeckens, nicht aber den Akt des Bedeckens selbst. Das Nebeneinender von derselben Wurzel gebildeter Substativa und Verba bietet eine Grundlage für die Innovationen, wobei auch zu anderen Verba die entsprechenden Substantiva analogisch gebildet werden. Dies war aber auch bei den es-Neutra nicht die einzige Quelle. Wie Porzig für das Griechische darauf aufmerksam macht, brauchte der Anschluß an die semantische Gruppe der neutralen es-Stämme nicht durch Vermittlung eines Verbums zu gehen. 21 Das es-Stamm ersetzt die älteren Substantive in der nominalen Entwicklungslinie. Das Material ist in den folgenden Beispielen teilweise (nur auf lockere Weise) semantisch geordnet, ohne systematische Untersuchung der Bedeutungsmerkmale. Die Reihenfolge ist etwa: Bezeichnungen für konkrete Dinge, Naturerscheinungen (auch Lebewesensorgane), menschliche Zustände und Emotionen. Wie ersichtlich, kommen die es-Neutra in bestimmten semantischen Gruppen vor, oft neben anderen konsonantischen Neutra oder auch neben Wurzelnomina.22 Die Neubildungen schließen sich meistens denselben Gruppen an. 21 Es gibt auch undurchsichige Wörter, darunter Fremdwörter, die sicher nicht alle von verloren gegangenen Verben stammen. Diese griechischen Innovationen werden hier nicht besprochen. Darüber habe ich eine besondere Abhandlung „Griechische Etymologien“ in Vorbereitung. Hier werde ich die Nomina behandeln, die von weiterer idg. Evidenz gestützt sind. 22 Dies haben besonders für das Griechische Chantraine 1933 und Porzig 1942 gezeigt. Zu den Beziehungen zwischen -esund -ma Neutra vgl. Meissner 2005: 116–122. OPEN ACCESS 30 CHATREŠŠAR 2/2019 HAUT (FELL, LEDER usw.) Als idg. es-Neutrum „Haut“ wurde *takos rekonstruiert auf der Basis der ai., gr. und heth. Belege. Vgl. IEW 1099 Nr.3179, WP I747. Porzig (1942: 291) gibt *takos „Haut, Leder“ als eines der Beispiele der es-Neutra, die kein entsprechendes Verbum neben sich haben. Ich führe hier die relevanten Formen an: ai. tvacas- „Haut“ (in híraṇyatvacas „goldfellig oder goldbedeckt“ und in tvacasya- „in der Haut befindlich“), daneben tvákf. „Haut, Fell, Schlauch, Rinde“; gr. σάκ-ος „Schild“ (aus Häuten, Leder)23; wohl heth. tuekka- „Körper“, mit lautlichen (-e-) und semantischen Schwierig keiten.24 Bei JJ sind gr. σάκος und entsprechende ai. Wörter Bestandteil der Wurzel Nr.169 S.111–112. HAUT, FELL; TUCH, KLEID Nr. 131 S.89–90 *pelrein nominal, ohne belegte Verben (IEW 803–804 [2320–2321], WP II 58–59 „Haut, Fell; dann „Tuch, Kleid“). *-es-: gr. πέλ-ας „Haut“, in ἐρυθρό-πελας, ἐρυσί-πελας „Hautentzündung“, ἄ-πελος „unverharschte Wunde“. *-mo-: gr. μονό-πελ-μος,25 aengl. film m. „Haut“, engl. film „Haut“. *-no-: got. *fill < *fil-nain þruts-fill n. „Aussatz“, an. fell n. in bōk-fell n. „Pergament“, as. fël fëll, aengl. fel fell n., engl. fell, ahd. fel Gen. felles, mhd. vel Gen. velles n. „Haut, Fell“, nhn. fell, lat. pelli-s„Haut“ aus *pel-ni-, aksl. pelena „Windel“26. Verben sind von der Wurzel *pel-kbelegt, und zwar im Germanischen. Vgl. LIV2 471 s.v. ?*pelk- „einhüllen, verbergen“, Anm. 1: „Nur germ., vielleicht…erweitert aus *pelin gr. πέλας, lat. pellis „Haut“ usw.“ Dazu führt JJ in Nr.137 S.93 *pelkFormen mit sErweiterung und *-roan: *-s-: got. fulh-s-ni n. „das Verborgene, Geheimniss“, an. fylxni „Versteck“. *-ro-: got. filig-r-in. „Versteck, Höhle“. HAUT, BEDECKUNG Nr. 59 S.48 *h1rebhverbal nur gr. (LIV2 496–497 „überdecken, bedecken“,27 IEW 853 [2470], WP II 371 „überwölben, überdachen“). *-es-: -ερεφ-ής (-ηρεφής), ἔρφ-ος „Haut“28. *-ro-: aksl. reb-ro „Rippe“ „als (die Brusthöhle) umschlingend“. *-no-: gr. ὀρφ-νό-ς „dunkel, schwarz“, ὄρφ-νη „Finsterniss, Nacht“ („bedeckend, umhüllend“). 23 Dazu bemerkt Beekes s.v. σάκος, dass dies ein Lehnwort aus dem Semitischen sein kann. 24 Dazu Verb dukkari „angesehen, wichtig sein“. Vgl. LIV2 654 s.v. *tek-. 25 Vgl. auch πέλμα n. „Sohle am Fuss oder Schuh“. 26 Bei JJ noch gr. πέλ-λα „Haut“ hierher, auch wenn es bei Pollux (acc. pl. πέλλας) nicht „Haut“ (was unsicher ist), sondern „Eimer“ bedeutet. 27 Vgl. Anm. 1. Verbal nur gr., vgl. an.(+) rif n., aksl.(+) rebro n. „Rippe“; im Gr. ἐρεo neben ὀρoο, entweder mit echter Prothese vor *ro oder von *h1rebhmit Assimilation *eroo > oroo. 28 Mit Hinweis auf Jedlička 1893: 30. JJ rechnet mit sekundärer Umformung aus *ἔρεφος, die in der neueren Literatur durch Analogie mit dem besser belegten στέρφος „Haut“ erklärt wird (s. Frisk s.v. mit Lit.). OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 31 Die germ. und slav. Wörter für „Rippe“ umfassen z. B. an. rif n., ahd. rippa, rippi, as. ribbi, aengl. ribb, mit *-rodas von JJ zitierte aksl. rebro aus *h1rebh-ro-. Die Ro-Bildungen und das *-ēs Adjektiv29versteht JJ im Sinne von Verbaladjektiven/Partizipien, was aber nicht von der Priorität des Verbum finitum zeugen muss. Die Spezifizierung von *ἔρεφος > ἔρφος auf „Haut“ ist für das Griechische nicht unverständlich, da es-Neutra in dieser Bedeutung eine ganze semantische Gruppe bilden (vgl. Chantraine 1933: 419). Die Korrelation ἔρφ-ος vs. ὀρφ-νό-ς ähnelt den gr. und iir. Caland’schen *-esvs. *-ro- (*-no-) Korrelationen. FETZEN Nr. 80 S.57 *lēk-/*lək- (IEW 674 [1946], WP II 419–420 „zerreißen“). *-es-: gr. λάκ-ος n. „Fetzen“. *-ro-: lat. lac-er „zerrissen, zersetzt“, in lacerāre „zersetzen“. Das es-Neutrum λάκ-ος n. „Fetzen“ ist nur bei Hesych belegt. Das übliche gr. Wort λακίς, -ίδος „Fetzen“ ist Grundlage fur das Denominativ λακίζω. Es läßt sich schwer entscheiden, ob lat. lacerāre einen s-Stamm *lacus impliziert (Frisk weist auf die Parallele vulnerāre: vulnus hin; in diesem Fall wäre lacer eine Rückbildung), oder lacer eher die Grundlage für lacerāre ist. Viellmehr handelt es sich, wie Ernout— Meillet 1994 sub lacer andeuten, um alte von r/noder i-Stämmen gebildete Wörter, vgl. lacerna “mantelartiger Überwurf ”, lacinia f. “Zipfel, Besatz oder Fransen am Kleid“; dazu Verb lacinō. Die Verben sind parallel oder denominativ.30Jedenfalls ist wieder das Zerrissene, nicht das Reißen selbst eine dominante Vorstellung. Das Wort für „Fetzen“ ist wahrscheinlich noch im Slavischen belegt (pol. łach, russ. lóchma). FLECHTWERK, GEFLECHT Nr. 136 S.92–93 *plek - (LIV2 486 „flechten“, IEW 834–835 [2414], WP II 97–98, intransitives Verb mit fakultativem internem Objekt). *-es-: gr. πλέκ-ος n. „das Geflochtene, Geflecht, Flechtwerk“ (Aristoph. 454, frg. 528), hom.- πλεκής, ahd. flah-sm., ndl. vla-s, aengl. fleax n., engl. flax „Flachs“. *-mo-: gr. πλοχ-μό-ς < *plok-s-mo-s, „Haarflechte, Locke“, πλόκ-α-μος dass. *-no-: ai. praś-na- „Geflecht, Korb“, gr. πλόκ-ανο-ν „Flechtwerk, Sieb“. Die Nomina, einschließlich das es-Neutrum, haben konkrete Bedeutung, sie bezeichnen etwas Geflochtenes oder etwas, was man zum Flechten braucht. Im Griechischen ist neben πλέκο-ς auch πλέγμα belegt und das Verb πλέκω, während in anderen Sprachen die Verben von einer Wurzel mit t-Erweiterung gebildet sind: lat. plectō, ahd. flehtan, aksl. pletǫ, vgl. aksl. plotъ „Zaun“. Hier wie in manchen anderen Fällen geben die Ro-Bildungen ein wichtiges Zeugnis für die nominale Realisierung der Wurzel im Uridg. Das es-Neutrum selbst ist durch die genannten griechischen 29 Die gr. ēs-Adjektiva sind schon hom. und beziehen sich auf Dach oder Fels, so dass sie in dieser Hinsicht vielmehr zur unten behandelten Gruppe DACH … DECKE gehören. 30 Vgl. Frisk s.v. λακίς; Ernout— Meillet 1994 s.v. lacer mit der Parallele lancino: lacer, sancio: sacer: „la coexistence de la forme à nasale lancino et de lacer montre qu’il s’agit d’une vielle familie de mots.“ OPEN ACCESS 38 CHATREŠŠAR 2/2019 *-lo-: αἴθ-αλο-ς „Ruß“, αἰθ-άλη „Ruß“, αἰθ-αλό-εις „rußig“, ahd. ītal „leer, ledig, eitel, prahlerisch“, mhd. ītel „leer, ledig, eitel, unnütz, vergeblich, rein, unverfälscht“, nhd. eitel, as. īdal „leer, nichtig“, ndl. ijdel, aengl. ídel „leer, unnütz, wertlos“, engl. idle. *-mo-: ai. idh-má-s„Brennholz“, av. aēsma-. GLANZ, BLITZ Nr. 161 S.108 *bhleg-/*bhelg- (LIV2 86, IEW 124–125 [355–356], WP II 214–215). Die Wurzel wird auch verbal belegt, primär mit intransitiver Bedeutung „glänzen“.56 *-es-: ai. bhárg-as- „Erleuchtung“57, lat. fulg-us Gen. -uris, gr. φλέγ-ος, -φλεγ-ής. *-ro-: lat. flag-ru-m.58 *-mo-: φλογ-μό-ς, lat. flamma, lett. blāzma „Wiederschein am Himmel“. Mit Rücksicht auf die primäre nominale Besetzung ist wahrscheinlich, dass der es-Stamm hier die älteren Substantive ersetzt oder ergänzt hat. Im Gr. ist φλέγ-μα n. „Flamme“ ein Grundsubstantiv, was aber nicht bedeutet (wie es in der auf Verba konzentrierten Tradition vorgeschlagen wird), dass φλέγος Rückbildung zu -φλεγής sei und das ēs-Adjektiv sekundär vom Verb gebildet werde, vgl. die Adjektive auf εος (Il.) ειος usw. Die Nomina, einschließlich φλέγος, haben sich in der nominalen Ableitung ergänzt oder ersetzt. Das nominale Material ist reich (germ. balt. slav.), im Griechischen ist darüber hinaus das Wurzelnomen φλόξ f. „Flamme, Brand“ seit Il. belegt (bei Homer häufiger als das Verb φλέγω). SPROSS, KRAUT, BLUME Nr. 111 S.76–77 *h2endh- (LIV2 266 verbal nur gr., wahrscheinlich denominativ zum Kompositionshinterglied -ανθής,59 IEW 40–41 [112], WP I45, 67–68). Das es-Neutrum ist im Ai. und Gr. belegt: ai. ándhas „Kraut, Spross, Somapflanze“, gr. ἄνθος n. „Blüte“, εὐ-ανθής „stark sprossend“ (Hom. λ 320 von einem Bart).60 JJ zieht die Wörter für Bart herein: aksl. ǫsъ aus *andh-a-o-s,61 apr. wansio, ir. fés62, vgl. auch Etymologie Nr.31 S.175. 56 Die faktitive Verwendung ist bei einem Verb der Bedeutung „brennen“ (vgl. gr. φλέγγω, wo neben „glänzen, leuchten“ intr. „brennen“, auch tr. „verbrennen“ vorliegt) zu erwarten, die sind typische diathetisch vage Verben (s. oben, Fn. 54). 57 Ohne verbalen Anschluss im Ai., vgl. Nowicki 1976: 85–87. 58 Weiter: ndl. blaker, in nhd. als Lehnwort, „Hängeleuchter“, vgl. aengl. blac-er-n, blakern; gr. Φλέγ-ρα (später Παλλήνη), Φλέγ-ρ-αια. 59 S.LIV2 266 Anm. 2. Porzig (1942: 291) rekonstruiert *andhos als es-Neutrum ohne Verb. 60 Die semantische Korrespondenz zwischen ai. und gr. wird durch das Wort Ἀνχηστήρια vermittelt, den Name eines Dionysosfestes, das die Weinrebe impliziert und „Blüte“ als verengerte Bedeutung von ἄνθος n. zu verstehen veranlasst. S.Janda 2000: 273, Stüber 2002: 192. Doch sind etymologische Verknüpfungen möglich, die auf eine breitere Bedeutung hinweisen, wobei besonders alb. ëndë „Blüte“ formell und semantisch entspricht. Vgl. WP I67–68, IEW 40 112. 61 S.Jedlička 1893: 29 Anm. 1 (zu Εὐ-ανθής): „Zahlreiche ἄνθος enthaltende Personennamen bezeugen die Bedeutung „Bart“ bei diesem Substantiv; vgl. auch ἀνθ-εροin ἀνθερε-ών „das Kinnbart,“ d.h. „die Stelle wo der Bart wächst“ und die Verwendung von Verb ἀνθέω über das Wachstum von Bärten und Haaren, vgl. z. B.B 219/Il. 2, 219 ψεδνὴ δ› ἐπενήνοθε λάχνη.“ 62 JJ betrachtet die Frage der Prothese. OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 39 *-ro-: gr. *ἄνθ-ερο- „Bart“ in ἀνθερε-ών („die Stelle des sprossenden Haares“) „Kinn“, ἀνθερ-ίκη „Getreidehalm“; ἀνθ-ροin ἄνθρ-υσκον „Doldengewächs“, ἀνθρίσκος „Kranzblume“. *-mo-: gr. ἄνθεμον „Blume, Blüte“. Vom menschlichen Bereich führe ich folgende Beispiele an. WERK, ARBEIT Nr. 8 S.13–14 *op-, d.h. *h3ep- (LIV2 298, IEW 780 [2247–2248], WP I175–176). Es handelt sich um eine nominale Wurzel mit nur denominativen und innovativen (meistens infinitiven) Verbalformen im Ital. *-es-: ai. �p-as-, áp-as- „Werk, religiöse Handlung“, lat. opus „Werk, Arbeit“63, umbr. ose „opere“, osatu- „operato“, osk. úpsannam „operandam“, as. ōb-ast „studium, festinatio“, aengl. ōfest ēfest, ahd. uopisal n. „exercitium, cultus“, aengl. æfesn f. „Zukost“ (Johanson, B.B. XVIII 53.). *-ro-: ai. �p-ra- „tätig, eifrig“ (RV).— N.B. die ai. Korrelation �p-as- : �p-ra-. *-lo-: lat. op-ul-entus „reich, vermögend, ansehnlich“ , an. afl n. „Kraft, Beistand, Stärke numerisch“ und weitere germ. Wörter. *-no-: ai. ápnas- „Werk, Besitz, Habe“, lat. omnis aus *op-ni-s. Das Wurzelnomen ops, Gen. opis f. gehört nicht zu JJs Material, aus den angeführten Ro-Bildungen ist aber klar, dass er opus und ops zur derselben Wurzel opanreiht. Das Problem des heth. ḫappinant- „reich“ und anderer anatolischer Formen, die auf *h3hinweisen, ist mit Rücksicht auf die ai. Doppelheit �p-as-, ap-aszu untersuchen, wo mit dem Unterschied in der Stufe, wie es auch JJ andeutet, semantischer Effekt vorzuliegen scheint: religiöse Handlung, Opfer— Werk.64 Jedenfalls handelt es sich um eine Wurzel, bei der ein Prozess und sein Resultat nominal ausgedrückt werden, die Verbalformen dagegen erst sekundär sind. SCHLAF, TRAUM Nr. 246 S.149 *se-p-/*se-p- (LIV2 612–613 „einschlafen“, IEW 1048–1049 [3017–3018], WP II 523–524). *-es-: lat. sop-or m. „Betäubung, Schlaf, tiefer Schlaf“.65 *-no-: gr. ὕπ-νο-ς, ai. sváp-na-s„Schlaf, Traum“, lat. som-nu-s, arm. k’un, air. svefn, lit. sãpnas, aksl. sъnъ, ir. súan „Schlaf“, kymr. hūn in an-hunedd „insomnia“, bret. hun „sommeil“ < *sup-nó-s, *sep-no-s. Iir., slav. und heth. verbal belegt, sonst Innovationen oder von anderer Wurzel gebildete Verben.66 63 Die Gleichung selbst ist semantisch (einschließend die religiöse Geltung) wie formell unzweifelhaft. Die überwiegende, dem Brugmann’schen Gesetz nicht entsprechende Form ápashat mehrere alternative Erklärungen, s. Stüber 2002: 108–111. 64 Vgl. Ernout— Meillet 1994: 466. 65 Seit Schindler 1966 wird sopor meistens als ursprüngliches r/n-Heteroklitikon angesehen (vgl. z. B. de Vaan 2008: 575 s.v.). In diese Richtung weisen auch die belegten *-noBildungen. 66 Vgl. besonders die Wurzel *der-/*dr-/*dremit den Erweiterungen *-dh-, *-m-, *-h1- (darunter auch die ved. *noForm -drāṇa- „schlafend“). Darüber und zum (semantisch motiOPEN ACCESS 40 CHATREŠŠAR 2/2019 4 SCHLUSSBETRACHTUNG Die Auswahl der Belege soll die oben angedeutete These zu den idg. Nomina exemplifizieren. Im Zentrum meiner Aufmerksamkeit sind die es-Neutra, und zwar solche, die (neben anderen primären Nomina) in reinen Nominalwurzeln vorkommen oder in Wurzeln, wo das Nominalmaterial stark überwiegt. Das Verb ist beschränkt und meistens in sekundären Formen vertreten, obwohl in Auswahl auch Wurzeln vertreten sind, wo das Verb parallel vorkommt: s. besonders SCHWEISS Nr.244 S.148 *sedund FURCHT, HASS Nr.184 S.119 *de-. Die Auswahl wurde auch mit Rücksicht auf die Angemessenheit und Attraktivität der Bearbeitung in JJs Dissertation gemacht, weiter wurden solche Beispiele vermieden, bei denen die semantischen und syntaktischen Fragen zu kompliziert sind. So habe ich auch viele s-Bildungen nicht berücksichtigt, die als idg. betrachtet werden, in derer Semantik aber sowie zur Frage, zu welchen Verben sie in ihrer ursprünglichen Bedeutung zugereiht werden können, Unsicherheit herrscht.67 Die Ro-Bildungen wurden im Vergleich mit den s-Stämmen untersucht als weitere für die nominale Realisierung und Semantik der Wurzeln und verbo-nominale Beziehungen relevante Nomina. In einigen Fällen dienen sie auch als Bestätigung des idg. Charakters der Wurzel, wobei auf ihre adjektivische oder substantivische Geltung aufmerksam gemacht wurde. Es sind Unterschiede in dieser Geltung zu beobachten. Die substantivische Geltung überwiegt ausgesprochen im Fall der *-moFormen. Es gibt *-moSubstative, die in idg. Sprachen weit vertreten sind, vgl. in unserer Auswahl besonders RAUCH Nr.191, S.122–123 *dheh2-/*dheh2-/*dhuh2— und RAUM Nr.54 S.45 *reh1-. Aufgrund dieser und ähnlicher Substantiva haben sich denominative Verben entwickelt. Im Gegensatz dazu werden *-ro-, *-lound *-noFormen adjektivisch in den Eigenschaftswurzeln belegt, die systematisch in meiner Abhandlung „Zur Vorgeschichte des Caland-Systems“ behandelt werden. Hier sind Adjektiva dieses Typs in folgenden Beispielen vertreten: FINSTERNIS, DUNKELHEIT Nr.62 S.49 *(e)reg- gr. ἐρεμ-νό-ς „schwarz, finster“; Nr.174 S.114 *temHai. tam-rá- „verdunkelnd, erstickend“, tim-irá- „dunkel“, ir. tem-en „dunkel“, aksl. tьm-ьnъ.“dunkel“; WERK, ARBEIT Nr.8 S.13–14 *op-/*h3epai. �p-ra-s„tätig, eifrig“, lat. op-ul-entus „reich, vermögend, ansehnlich“. Die adjektivischen/protopartizipialen *-ro-, *-lound *-noFormen spielen, ebenso wie die s-Adjektiva, eine Vermittlungsrolle zwischen nominaler und verbaler Realisierung. Adjektiva dieses Typs sind besonders in folgenden Beispielen vertreten: vierten) Suppletivismus der Nomina und Verba „Schlaf“— „schlafen“ s. Benveniste 1967: 11–15. Im Griechischen ist εὕδω von der Wurzel *se- mit dentalem Suffix (Erweiterung) gebildet. 67 Ein Musterbeispiel ist *nemos, vgl. Porzig 1942: 291–292, Stüber 2002: 132–133 usw. Nur beschränkt werden in dieser Abhandlung die Emotionen behandelt, da in diesem Bereich Probleme der nominal-verbalen Beziehungen kompliziert und besonders umstritten sind. Einige diesbezügliche Artikeln werden in anderen durch JJs Dissertation inspirierten Aufsätzen behandelt, z. B. in Kurzová, „Zur Vorgeschichte des Caland-Systems“ (ANGST usw.). OPEN ACCESS HELENA KURZOvá 41 HAUT, BEDECKUNG Nr.59 S.48 *h1rebhgr. -ερεφ-ής (-ηρεφής), ὀρφ-νό-ς; FETZEN Nr.80 S.57 *lēk-/*ləklat. lac-er; DACH, HAUS Nr.281 S.167 *(s)teggr. στεγ-νός; EITER Nr.120 S.82–83 *peHan. fú-enn, fú-inn, lat. put-er; SCHWEIß Nr.244 S.148 *sedgr. ἱδρός, ai. svin-ná-; SPROSS, KRAUT, BLUME Nr.111 S.76–77 *h2endhgr. εὐ-ανθής. In einigen Fällen läßt sich beobachten, dass sie die Grundlage für die Herausbildung der finiten Verbalformen bilden konnten. Dies war dann auch die Basis für den umgekehrten Prozess der Herausbildung der Adjektiva auf der Grundlage des Verbum finitum. 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