Franz Ferdinand d’Este – das „Leitbild einer konservativen Revolution“? Zum Bild des Thronfolgers in der deutschsprachigen Literatur und Historiographie der Böhmischen Länder
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Franz Ferdinand d’Este– das „Leitbild einer konservativen Revolution“? Zum Bild des Thronfolgers in der deutschsprachigen Literatur und Historiographie der Böhmischen Länder1 Milan Horňáček– Palacký ‑Universität Olomouc ABSTRACT Franz Ferdinand d’Este – the „Role Model of aConservative Revolution“? On the image of the archduke in German literature and historiography of the Bohemian lands The personality of Franz Ferdinand, heir to the Austro ‑Hungarian throne, already divided opinion during his lifetime: reviled by his opponents as afuture autocrat who would subju‑ gate the peoples of the monarchy, celebrated by his supporters as the only possible saviour of the ‘ailing’ dual monarchy. The assassination of the archduke in Sarajevo symbolically charged his image by linking his death to the outbreak of the ominous ‘seminal catastro‑ phe’ of the 20th century. Characterising Franz Ferdinand’spersonality, impact and plans thus meant, not least, interpreting the long and short roads to the First World War. The following article will discuss the image of the heir to the throne in German literature and historiography of the Bohemian Lands, with special emphasis on the connection of Franz Ferdinand’splans to conservative thinking on the one hand, and on alternative ‑historical moments in the analysed texts on the other. KEYWORDS Franz Ferdinand d’Este; conservative thought; ‘conservative revolution’; alternative his‑ tory; Hannes Stein; Moritz von Auffenberg ‑Komarów; Bruno Brehm; Ludwig Winder; Emil Franzel „IBIN DOCH NED DEPPAT, IFOHR WIEDER Z’HAUS.“ EIN ALTERNATIVGESCHICHTLICHES SZENARIO OHNE DAS ATTENTAT VON SARAJEWO Man schreibt das Jahr 2000, Kaiser Franz Joseph II herrscht über eine blühende Habs‑ burger Monarchie, zu der seit dem „Anschluss“ von 1938 und der „Heimholung“ (Stein 2016: 81) von 1941 auch Gebiete gehören, welche im 18. Jahrhundert nach den Teilungen 1 Die Ausarbeitung dieses Beitrags wurde dank der gezielten Unterstützung der Universitätsforschung ermöglicht, die das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport der Tschechischen Republik der Philo‑ sophischen Fakultät der Palacký ‑Universität Olmütz gewährt hat (IGA_FF_2021_035).
106 BRÜCKEN 29/1 Polens von Preußen und Russland annektiert wurden. Im benachbarten Deutschen Reich ist an der Macht die charismatische Kaiserin Augusta, die in Berlin Huldigungen des treuen Hererovolkes entgegennimmt. Zum Kolonialbesitz der Deutschen gehört auch der Mond, auf dem sie dank schnellen Fortschritten in der Raumfahrt bereits in den 1940er Jahren landeten. Das Britische Imperium wird von Königin und indischer Kaiserin Elisabeth II regiert, Russland von den Romanows und Palästina, wo es nur vereinzelt jüdische Siedlungen gibt, ist noch immer Teil des Osmanischen Reichs. Dass im Fall der oben kurz skizierten Lage ein alternativgeschichtliches 2 Szenario vorliegt, liegt auf der Hand. In Hannes Steins 2013 erschienenem Roman Der Komet wird dieses vorrangig am Beispiel der Donaumonarchie durchgespielt: Die Habsburger Dynastie herrscht über ein Österreich ‑Ungarn, welches am ehesten als eine verklärte ‚Welt von Gestern‘ charakterisiert werden kann: Von den realgeschichtlichen Konflik‑ ten und Problemen der (mittel)europäischen Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es keine Spur, denn sowohl nationale als auch soziale Gegensätze wurden durch umfangreiche Reformen überwunden, die Eliten sind sich ihrer Verantwortung gegen‑ über den Bürgern bewusst und die fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum produzierte Kultur ist homogen. Die im Roman präsentierte Idylle wird noch durch ein für die alternative Ge‑ schichte typisches Verfahren unterstrichen: Gemäß den Konventionen des Genres kommen im Text immer wieder historische Persönlichkeiten vor, deren Schicksal in der alternativen Welt radikal anders, aber doch nicht unerwartet, verlief. So wird in den Zeitungen der Tod der inzwischen 71jährigen Nobelpreisträgerin für Literatur Anne Frank gemeldet, Lew Bronstein (Trotzki) ist als Autor von „wilde[n] utopische[n] Zukunftsromane[n]“ (Stein 2016: 129) berühmt und die beiden Massenmörder Hitler und Stalin sind nie an die Macht gekommen– der eine kam nicht über das Malen von Ansichtskarten hinaus, der andere wurde unter dem Pseudonym „Soselo“ ein be‑ rühmter grusinischer Dichter mit gangsterhaften Zügen und zahlreichen Verbrechen in seiner Jugendzeit. Gleichzeitig wird in die Handlung des Romans– ebenfalls den typischen Ver‑ fahren der alternativen Geschichte entsprechend– auch die realgeschichtliche Welt einbezogen. Wie im wohl einflussreichsten Text des Genres, Philipp KDicks The Man in the High Castle (1962), ist sie auch in Steins Komet als eine Art Phantasma präsent: Ist es in Dicks Roman ein Buch, in dem der Zweite Weltkrieg mit der Niederlage Deutschlands und Japans endet, die im alternativgeschichtlichen Szenario siegreich und danach zunehmend zu Gegnern in einem alternativgeschichtlichen ‚kalten Krieg‘ wurden, übernehmen in Der Komet die gleiche Funktion die (Alp)Träume von Hitlers und Stalins Enkeln, in denen sich die schlimmsten realgeschichtlichen Grauen des 20. Jahrhunderts abspielen. Diese beiden Enkel suchen folglich die Hilfe von bekannten Psychoanalytikern, die über die Schreckensvisionen ihrer Patienten B. (Hitlers Enkel) und D. (Stalins Enkel) eine ausführliche Korrespondenz führen, da die Alpträume der beiden verblüffend ähnlich sind: AuchD. glaubt also, Europa bzw. die Welt sei in einem Kataklysmus untergegangen: einer alles zerstörenden Katastrophe. Doch nun die entscheidende Abweichung, 2 Grundlegend zur Alternativgeschichte: Hellekson (2001); Durst (2009); Demandt (2011); Singles (2013).
107MILAN HORŇÁČEK und diese Abweichung hat vielleicht mit der Familiengeschichte von D. zu tun. DennD. ist direkt mit Soselo verwandt, es handelt sich um seinen Enkel. (Soselo war, um es genau zu sagen, der Vater seines Vaters.) D. träumt also, Soselo sei zum Herrscher avanciert– und nicht nur zum Herrscher von Grusinien, nein, gleich des ganzen Zarenreiches! Soselo also als imperialer Herrscher, ein wenig aber auch als Robespierre. MeinPatientD. träumt nämlich, Soselo habe Verbrechen begangen, die jenen der Jakobiner gleichen, sie aber weit in den Schatten stellen. So habe er Be‑ waffnete geschickt, die den Ruthenen all ihr Saatgut und ihr Vieh raubten, worauf Millionen von ihnen kläglich verhungerten. In einem Wäldchen hätten sich Häft‑ linge nebeneinander so hinsetzen müssen, dass ihre Schläfen einanderberührten; dann seien sie paarweise erschossen, ihre Leichen in Massengräber gesenkt worden. Soselo hat in den Träumen meines Patienten Abermillionen Russen, Polen, Balten, Juden, Deutsche, auch Grusinier nach Sibirien deportiert– dann pferchte er sie in unmenschliche Lager, und sie mussten hungrig, im ewigen Frost, mit ihren bloßen Händen nach Gold graben (Stein 2016: 178f.). Indem die Schrecken des 20. Jahrhunderts in der Romanwelt als Alpträume der Enkel von Hitler und Stalin figurieren, gewinnt die realgeschichtliche Welt den Charakter eines Nachtmahrs von Geisteskranken bzw. einer durch den dominant gewordenen Todestrieb verursachten Psychose, als deren Folge die Träume der Patienten B. und D. im Roman von der Psychoanalyse diagnostiziert werden (Stein 2016: 180f.). Der ‚alternativgeschichtliche Pakt‘ lässt den Leser erwarten, dass im Verlauf der Handlung deutlich wird, wie und wann es zum entscheidenden Bruch kam, der die Abweichung der alternativgeschichtlichen Entwicklung von der realgeschichtlichen verursachte. Der ‚Nexus‘3 kann dabei klar benannt oder nur angedeutet werden und höchst unterschiedlichen Charakter haben: das frühere Zustandekommen (oder im Gegenteil Ausbleiben) einer Entdeckung oder Erfindung, der Ausbruch einer Plage, der Tod oder ein abweichendes Schicksal einer zentralen historischen Persönlichkeit u.a. (Demandt 2011: 65–102). In Steins Komet bestehen über den Nexus keine Zweifel. Er wird im Verlauf der Handlung mehrmals angedeutet und im zwölften (und gleich‑ zeitig letzten) Kapitel schließlich auch offengelegt: Jedes Schulkind kannte die Tatsachen: Frühsommer 1914, Truppeninspektion in Sarajewo. Die Wagenkolonne fuhr von der Westgrenze der Stadt ins Zentrum. Der Attentäter wartete schon. Eine Bombe kam geflogen. FranzII. hob den Arm, die Bombe prallte ab, rollte über das zurückgelegte Verdeck nach hinten und explo‑ dierte auf der Straße. Mehrere Verletzte. Und dann hatte FranzII. (damals noch Erzherzog Franz Ferdinand) die gesamte Wagenkolonne wenden lassen– mit dem längst historisch gewordenen Ausspruch: „Ibin doch ned deppat, ifohr wieder z’haus.“ (Für Reichsdeutsche: Ich bin doch nicht bescheuert, ich fahre wieder heim.) Zwei Jahre später: Thronbesteigung (Stein 2016: 222). 3 Im Folgenden wird für denjenigen Moment, ab dem sich in den alternativgeschichtlichen Texten die fiktionale Entwicklungslinie von der historischen abhebt, der Begriff ‚Nexus‘ (Hellekson 2000: 252) verwendet. In der Forschungsliteratur wird für den ‚Nexus‘ eine ganze Reihe von Begriffen verwendet, so u.a.: ‚POD‘ (point of departure, point of divergence) und ‚turning point‘.
108 BRÜCKEN 29/1 Der Erste Weltkrieg findet folglich nicht statt und die seit Langem geplanten Re‑ formen des neuen Kaisers verwandeln die Habsburger Monarchie in eine blühende mitteleuropäische Föderation, in der– trotz der morgantischen Ehe und des 1900 geleisteten Eides– auch am Ende des 20. Jahrhunderts die Nachkommen von Franz Ferdinand herrschen. Dieser Nexus und das daraus abgeleitete alternativgeschicht‑ liche Szenario sind aus mehreren Gründen symptomatisch, und zwar sowohl für das Bild des Thronfolgers (Hannig 2013: 244–273) als auch für die Wahrnehmung der Doppelmonarchie am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das Szenario, nach dem Franz Ferdinand zum bedeutendsten Herrscher Österreich ‑Ungarns avanciert, impliziert einerseits den in der Historiographie des 20. Jahrhunderts obsolet gewordenen Glau‑ ben an die Rolle des ‚großen Mannes‘ in der Geschichte (Gamper 2016), andererseits die– alles andere als unproblematische– Überzeugung, dass sich die Doppelmonarchie um 1914 nicht in einer unüberwindbaren Krise befand und ihre nationalen, sozialen, kulturellen und anderen Probleme ohne Weiteres durch einen starken Herrscher und entsprechende Maßnahmen hätten gelöst werden können. Wie bereits oben angedeutet wurde, lässt sich der Staat, der in Steins Roman aus Franz Ferdinands ‚Revolution von oben‘ hervorgeht, am ehesten als ein idealisiertes Pendant zur britischen konstitutionellen Monarchie beschreiben. Der Kaiser hat primär eine repräsentative Funktion und wird wenn nicht geliebt, so auf jeden Fall respektiert; die privilegierten Schichten sehen sich als Diener des Staates und soziale Konflikte scheinen nicht vorhanden zu sein; die Nationen sind durch die Föderalisie‑ rung befriedet und in Sachen Kultur hält man am Althergebrachten fest. Unruhe wird in dieser ‚heilen‘ Welt nur durch postmoderne Intellektuelle ge‑ stiftet, die in ihrer ideologischen ‚Verblendung‘ die Vorzüge dieses Habsburgischen Paradieses nicht zu schätzen wissen, und durch den titelgebenden Kometen, der die Welt zu zerstören droht. Wie im berühmten „Kometenlied“ 4 aus Nestroys Zauberposse Der böse Geist Lumpazivagabundus, oder Das liederliche Kleeblatt (Uraufführung1833), an das Hannes Stein nicht nur durch den Titel seines Romans anspielt, wird eine Katastrophe beschworen, die jedoch schließlich ausbleibt, da sich der Komet beim Eintritt in die Atmosphäre auflöst– ein zur ungebrochenen Idylle des Romans und seiner unreflektierten Verklärung der Österreichisch ‑Ungarischen ‚Welt von Gestern‘ passender Schluss. 4 Es is kein Ordnung mehr jetzt in die Stern, D’ Kometen müßten sonst verboten wer’n; Ein Komet reist ohne Unterlaß Um am Firmament und hat kein Paß; Und jetzt richt aso aVagabund Uns die Welt bei Butz und Stingel z’Grund; Aber laß’n ma das, wie’soben steht, Auch unt sieht man, daß ’sauf ’n Ruin losgeht. Abends traut man in’szehnte G’wölb sich nicht hinein Vor Glanz, denn sie richten’swie d’ Feentempel ein; Der Zauberer Luxus schaut blendend hervor, Die böse Fee Crida sperrt nacher’sG’wölb’ zur. Da wird einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein Fall mehr lang […] (Nestroy 1835: 107f.).
109MILAN HORŇÁČEK Diese etwas längeren Ausführungen zu Steins alternativgeschichtlichem Roman sollten vor allem eines verdeutlichen, nämlich dass in der zeitgenössischen Imagi‑ nation immer noch der Glaube an die Doppelmonarchie als die beste aller möglichen Welt fortlebt, die ohne den Ersten Weltkrieg nicht untergegangen wäre, 5 und dass der in Sarajewo getötete Thronfolger als ein verhinderter ‚Revolutionär von oben‘ betrachtet wird, der nicht nur die Habsburger Monarchie, sondern ganz Europa vor den Wirren des 20. Jahrhunderts hätte bewahren können. Im Folgenden soll kurz sein Bild in der deutschsprachigen Literatur und Historiographie der Böhmischen Länder thematisiert werden, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird, es sollen vielmehr einige repräsentative Texte diskutiert werden, die m.E. für die Rekonstruk‑ tion dieses Bildes besonders ergiebig sind. Dabei soll nicht zuletzt gezeigt werden, dass das Bild des Thronfolgers unzertrennlich mit der ominösen ‚Urkatastrophe‘ des 20. Jahrhunderts (Kennan 1981: 3f.) verbunden ist: Das Attentat von Sarajewo als Fa‑ nal zum ‚Zeitalter der Extreme‘ (Hobsbawm 2009) (ver)führt fast automatisch dazu, Franz Ferdinand entweder als Sinnbild der 1914 ‚untergehenden‘ Epoche darzustellen, oder– wie man dem Beispiel von Steins Komet entnehmen kann– in kontrafaktischen Spekulationen seine potentielle Rolle in einer Welt ohne das Attentat und ohne den Ersten Weltkrieg zu imaginieren. „[K]EIN MITGLIED DER DYNASTIE [REICHTE] AUCH NUR ANNÄHERND AN IHN HERAN“. DAS BILD DES THRONFOLGERS IN MORITZ VON AUFFENBERG ‑KOMARÓWS MEMOIREN Abgesehen von einigen umfangreicheren Nachrufen auf den Erzherzog, die kurz nach dem Attentat von Sarajewo entstanden und von denen sicher der bekannteste von Karl Kraus (1914) stammte, lassen sich komplexere Deutungen seiner Persönlichkeit und seines Wirkens zunächst in den nach dem Kriegsende erschienen Memoiren von Entscheidungsträgern und hochrangingen Militärs Österreich ‑Ungarns finden. Kaum überraschend wurde dabei die Rolle des Thronfolgers in den Jahren vor 1914 besonders von seinen engen Mitarbeitern und Vertrauten (Chlumecky 1929; Sosnosky 1929) behandelt. Zu diesen zählen auch die Veröffentlichungen des in Troppau gebo‑ renen Moritz von Auffenberg, der u.a. zwischen 1911 und 1912 k.u.k. Kriegsminister und danach Armeeinspektor war, im September 1914 in der Schlacht bei Komarów (Galizien) russische Truppen besiegte, um nur wenig später in der anschließenden Schlacht bei Rawa ‑Ruska vernichtend geschlagen und von seiner Kommandostelle abberufen zu werden. Der darauffolgenden Erhebung in den Freiherrenstand mit dem Prädikat von Komarów (1915) folgte ein Gerichtsverfahren wegen angeblichen Verrats von geheimen Informationen während seines Ministeriums, im Zuge dessen er schließlich freigesprochen wurde (Sturm 1979: 31). Mit Aus Österreichs Teilnahme am Weltkriege (1920) und Aus Österreichs Höhe und Niedergang (1921) legte er gleich zwei Bücher vor, in denen er sein Wirken in der österreichisch ‑ungarischen Armee reflektierte (und v.a. rechtfertigte) und sich an mehreren Stellen auch der Persön‑ 5 In der Historiographie wird eine vergleichbare Meinung u.a. von Arnold Suppan (2014: 141–330) ver‑ treten.
110 BRÜCKEN 29/1 lichkeit und Wirkung des Thronfolgers widmete, den er trotz einiger Schwächen, v.a. im Umgang mit seinen Mitarbeitern und der (Un)Fähigkeit, Menschen richtig einzu‑ schätzen, für einen potentiellen ‚Retter‘ der Doppelmonarchie hielt: Nichtsdestoweniger mußte aber jeder aufmerksame Beobachter, der Gelegenheit hatte, den Erzherzog zu studieren, zugeben, daß Franz Ferdinand eine hochbedeu‑ tende Persönlichkeit war, die sich von jeglicher Umgebung mächtig abgehoben hätte, auch wenn man in ihm nicht den zukünftigen Anwärter der Krone erblickt hätte. Des Thronfolgers Verstand und Wille waren weit über das Mittelmaß entwickelt. In dieser Hinsicht reichte kein Mitglied der Dynastie auch nur annähernd an ihn heran. Die Raschheit seiner Auffassung, die Gewandtheit, des Wesens Kern zu er‑ fassen, war oft stupend und äußerte sich besonders dann, wenn seine persönlichen oder dynastischen Interessen gestreift wurden (Auffenberg ‑Komarów 1921: 225). In seinen Überlegungen zu Franz Ferdinands Plänen auf die Umgestaltung der Doppel‑ monarchie greift auch Auffenberg ‑Komarów auf kontrafaktische Szenarien zurück, um die Erfolgschancen eines potentiellen Kaisers FranzII. zu analysieren. Sein Urteil fällt dabei nicht eindeutig, aber dennoch eher optimistisch aus: Ich wiederhole, daß Franz Ferdinand eine der bedeutendsten Erscheinungen war, die ich auf meinem langen Lebensweg kennengelernt, und daß er aller Voraussicht nach auch ein großer Herrscher geworden wäre. Ob ein glücklicher, sei dahin‑ gestellt. Zweifelsohne wäre aber durch ihn eine prädominante Persönlichkeit auf Habsburgs Thron gelangt. […] Sonach war es durchaus nicht ausgeschlossen, daß man einst– vorausgesetzt, daß die Mörderkugeln vom 28. Juni 1914 ihr Ziel nicht erreicht hätten– von einer Großära FranzII.– so wollte er sich nennen– noch nach Jahrhunderten gesprochen hätte (Auffenberg ‑Komarów 1921: 225). ZWISCHEN TRAGIK UND PATHOLOGIE. FRANZ FERDINAND BEI BRUNO BREHM UND LUDWIG WINDER Wie wir bereits gesehen haben, sind die „Mörderkugeln vom 28. Juni 1914“ und ihre weltgeschichtlichen Folgen in praktisch allen Schilderungen des Thronfolgers und seines Wirkens präsent: Über Franz Ferdinand zu schreiben, bedeutet fast zwingend, die langen und kurzen Wege in die ‚Kataklysmen‘ des 20. Jahrhunderts zu reflektieren. Dies gilt auch für sein literarisches Bild, das in der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder prominent vertreten ist: In Bruno Brehms Roman Apis und Este (1931), dem ersten Teil seiner Weltkriegstrilogie, und Ludwig Winders Der Thronfolger (1937) figuriert Franz Ferdinand jeweils als Sinnbild des ‚alten Europa‘. Gegensätzlich sind jedoch die Vorzeichen, mit denen der Thronfolger und mit ihm das Europa der Vorkriegszeit versehen wird (Horňáček/Schöning 2017: 340f.). Mit der Ermordung des serbischen Königs Alexander Obrenovic durch großser‑ bisch orientierte Militärs am 11. Juni 1903 und der darauf folgenden Thronbesteigung des antiösterreichisch ausgerichteten Königs Peter Karadjordjevic wählt Bruno Brehm für seine Rekonstruktion des Wegs in die Katastrophe des Weltkriegs ein ‚primum
111MILAN HORŇÁČEK movens’ 6 , das in seinem stark mit Parallelen und Vorausdeutungen arbeitendem Text nicht nur das Attentat auf Frenz Ferdinand vorwegnimmt, sondern auch den Antagonismus zwischen dem aufstrebenden Nationalismus der Balkanvölker und der auf der Einheit von ‚Thron und Altar‘ basierenden Herrschaft der Habsburger in den Mittelpunkt des Interesses rückt (Decloedt 1996). In Brehms Perspektive wird folglich nicht nur der Weg in den Krieg, sondern auch der Krieg selbst zum Konflikt zwischen den durch den Modernisierungsprozess ‚entfesselten‘ Kräften des Nationalismus und dem zwar zu Reformen bereiten, aber tief in der Tradition verwurzelten Universalis‑ mus, der schließlich unterliegen muss: Das Ende der drei (bzw. mit dem Osmanischen Reich vier) europäischen Kaiserreiche, das der Krieg herbeiführte, griff Brehm auch im Titel seiner Weltkriegstrilogie auf, von der Apis und Este den ersten Teil bilden: Die Throne stürzen (Brehm 1931; Brehm 1932; Brehm 1933). Seine Deutung der Ursachen des Krieges war freilich alles andere als originell. Bereits kurz nach dem Attentat von Sarajewo erschien in der Fackel unter dem Titel „Franz Ferdinand und die Talente“ der bereits oben kurz erwähnte Nachruf auf den Thronfolger, in dem Karl Kraus „[k] eine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung“ (Kraus 1914) für das Attentat und dessen zu erwartende katastrophale Folgen, samt einer völligen Veränderungen der „Landkarte Europas“ (Kraus 1914), verantwortlich macht. Einen diametral unterschiedlichen Franz ‑Ferdinand ‑Roman legte 1937 Ludwig Winder vor. Sein Thronfolger trägt im Gegensatz zu Brehms Erzherzog, der zwar zum Scheitern verurteilt ist, aber dennoch in der Tragik seines Kampfes für eine mögliche konservative Erneuerung der Doppelmonarchie nicht unsympathisch wirkt, fast aus‑ schließlich negative bis pathologische Züge. Diese werden– und in diesem Punkt ist auch der Anfang von Winders Roman signifikant– auf die Vorfahren des Erzherzogs und somit auf die Eliten des alten Europa zurückgeführt: sein Großvater FerdinandII., der 1848den Aufstand auf Sizilien blutig niederschlagen ließ und nach dessen Spitz‑ namen, „Re Bomba“, das erste Kapitel betitelt ist; dessen Tochter Maria Annunziata, die Mutter von Franz Ferdinand, die als krankhaft ehrgeizig und ohne jeglichen Reali‑ tätssinn präsentiert wird; ihr zwar gutmütiger, aber völlig inkompetenter Ehemann Karl Ludwig von Österreich. Winders Franz Ferdinand wird als eine Art Konzentrat aus den negativen Eigenschaften aller dieser Figuren dargestellt, sodass er in seiner emotionalen Kälte, seinem überspannten Katholizismus, seinen Wutausbrüchen und seiner Unfähigkeit, seine politischen Visionen umzusetzen, zum Sinnbild eines künftigen Tyrannen wird, dessen potentiell desaströse Herrschaft durch die Schüsse von Sarajewo verhindert wurde. Die ‚Abrechnung‘ mit dem Thronfolger und seinen Plänen wird gleichzeitig zur Abrechnung mit den Eliten der Doppelmonarchie und des Deutschen Kaiserreichs, denen der auktoriale Erzähler eindeutig die Schuld am Ausbruch des Weltkriegs zuschreibt. Dagegen kann man das Ende des Romans nicht anders als eine Apotheose der Attentäter lesen, welche „einen elenden Martertod erlitten“, um ihren ultimativen Traum „von einem großen selbständigen Staat aller Südslawen“ (Winder 1984: 595) zu verwirklichen. In den zwei Romanen, die anhand der Vita und des Todes von Franz Ferdinand den ‚Weg in den Krieg‘ zeichnen, lassen sich somit sowohl klare Unterschiede als 6 Den gleichen Ausgangspunkt für seine heute als maßgebliche geltende Darstellung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wählte ebenfalls der australische Historiker Christopher Clark (2013).
112 BRÜCKEN 29/1 auch Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die Deutung der Ursachen des Weltkriegs und folglich auch auf dessen ‚Sinn‘ feststellen: Während bei Brehm Franz Ferdinand an den durch das Jahrhundert der Revolutionen entfesselten und als destruktiv prä‑ sentierten Kräften des Nationalismus bzw. der Moderne als solchen scheitert, die eine konservativ ausgerichtete Reformpolitik nicht mehr bändigen kann, verkörpert Winders Thronfolger die Pathologie des ‚alten Europa‘, welches im Namen von Fort‑ schritt und Freiheit der Völker beseitigt werden muss. Dass dieser weitgehend der offiziellen Position und Politik der CSR in Bezug auf den Krieg als Heilsbringer für die ‚geknechteten‘ Völker der Doppelmonarchie nahe steht und jener eher der Mon‑ archie bzw. der verlorenen deutschen Vorherrschaft nachtrauert, aber gleichzeitig die Überlegenheit der nationalen Ideologie anerkennt, zeigt überdeutlich, dass im kulturellen Gedächtnis der Zwischenkriegszeit bereits die Zeit vor dem Attentat in Sarajewo zu einem Schlachtfeld wurde, auf dem man um Hoheit im Hinblick auf die Sinndeutung nicht nur des Weltkriegs, sondern des ganzen 19. Jahrhunderts und seines Erbes kämpfte. Ebenfalls symptomatisch ist die Tatsache, dass beide Autoren in ihre Werke spezi‑ fische Handlungsstränge und Motive einflechten, die in direktem Zusammenhang mit der deutsch ‑tschechischen Konfliktgemeinschaft in Böhmen und Mähren stehen: So verbinden beide Werke das Attentat von Sarajewo indirekt mit dem großen Sokol ‑Fest in Brünn, das– Ironie des Schicksals– ebenfalls am 28. Juni 1914 stattfand und an dem ebenfalls serbische Sokol ‑Mitglieder teilnahmen. In Brehms Roman fungiert diese Tatsache als Hinweis auf die enge Verbundenheit der Slawen untereinander und somit auch ihre gemeinsame Feindschaft gegen die Donaumonarchie. Zusätzlich gebraucht Brehm geschickt das Motiv des Falken (tsch. Sokol) als Vorausdeutung des Attentats, indem er z.B. bei einer Reifenpanne, die Franz Ferdinands Umfeld zunächst für ein Attentat hält, gerade zwei Falken über der Szene kreisen lässt (Brehm 1931: 142–154). In Winders Thronfolger ist es die Ehefrau von Franz Ferdinand, Sophie Chotek, die bei der Zugfahrt nach Sarajewo die in die entgegengesetzte Richtung nach Brünn fahrenden Züge mit den serbischen Sokols als eine direkte Bedrohung empfindet: „Am 28. Juni– an dem Tag, den wir in Sarajewo verbringen werden, hatte Sophie gedacht; owie schrecklich!“ (Winder 1984: 557) GEGEN DIE „DÄMONEN DES NATIONALISMUS UND NIHILISMUS“. EMIL FRANZELS BILD DES ERZHERZOGS ALS EINES „KONSERVATIVEN REVOLUTIONÄRS“ Am Beispiel von Hannes Steins Roman Der Komet wurde bereits gezeigt, dass das Attentat von Sarajewo nicht zuletzt als Ausgangspunkt für alternativgeschichtliche Szenarien fungieren kann, in denen mit dem Thronfolger auch die Doppelmonarchie überlebt und zu einer Art mitteleuropäischem Paradies avanciert. Dass in solchen Szenarien auch die Persönlichkeit des Thronfolgers und seine Pläne zur Umgestaltung der Doppelmonarchie verstärkt fokussiert werden (müssen), wird nicht überraschen, da sie den eigentlichen Nexus bilden, der die Abweichung von der realgeschichtlichen Entwicklungslinie markiert. Der kurzen Analyse von Steins Roman konnte man ebenfalls entnehmen, dass die alternativgeschichtliche Habsburger Monarchie Franz
113MILAN HORŇÁČEK Ferdinandscher Prägung als ein politisch, sozial und kulturell stark konservatives Gebilde imaginiert wird. Bekanntlich ist die Alternativgeschichte jedoch keine reine Domäne der Bellet‑ ristik, vielmehr findet sie seit geraumer Zeit ein verstärktes Interesse auch in der Historiographie (Ferguson 1997). Dabei spielen kontrafaktische Spekulationen eine wichtige Rolle nicht nur in Werken, die an sich als alternativgeschichtlich konzipiert sind, sondern häufig auch in historiographischen Arbeiten, die diesem Verfahren auf den ersten Blick nicht verpflichtet sind, so nicht zuletzt in Biographien bedeutender Persönlichkeiten, deren Laufbahn– durch welche Umstände auch immer– unerwar‑ tet früh beendet wurde. Dass Franz Ferdinand in diesem Zusammenhang als ein Modellbeispiel fungieren kann, ließe sich anhand von zahlreihen dem Thronfolger gewidmeten Monographien belegen (Chlumecky 1929; Sosnosky 1929; Polatschek 1989). Die im Folgenden diskutierte Biographie Franz Ferdinands aus der Feder des ‚sude‑ tendeutschen‘ Historikers Emil Franzel soll daher nicht nur das hier rekonstruierte Bild des Thronfolgers in der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder er‑ gänzen, sondern auch die oben erwähnten kontrafaktischen Momente beim Umgang der Historiographie mit seinem Leben und Wirken verdeutlichen. Bereits durch den Titel von Franzels Franz Ferdinand ‑Biographie wird die Persön‑ lichkeit und das Wirken des Thronfolgers in eine sehr spezifische Entwicklungslinie der deutschen Ideengeschichte gestellt: Indem Franzel Franz Ferdinand zum „Leitbild einer konservativen Revolution“ erklärt, greift er auf einen Begriff zurück, an dem sich bereits seit den 1920er Jahren die Geister scheiden (Kaufmann/Sommer 2018). Der vor allem durch Hugo von Hofmannsthals Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ (Hofmannsthal 1984) virulent gewordene Begriff der ‚konservati‑ ven Revolution‘ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Armin Mohler aufgegriffen, der ihn in seiner Dissertation aus dem Jahr 1950 (Mohler 1950) als Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Gruppen und herausragenden Persönlichkeiten aus der Zeit der Weimarer Republik verwendete. Die ‚konservative Revolution‘ stellte nach Mohler zwar eine Gegenbewegung gegen das ‚System‘ der Weimarer Republik und insgesamt gegen den Liberalismus dar, aber gleichzeitig stand sie auch dem Nationalsozialis‑ mus ablehnend gegenüber, sodass Mohler die konservativen Revolutionäre an einer Stelle als „Trozkisten des Nationalsozialismus“ (Mohler 1994: 4f.) bezeichnet. Obwohl Mohler die ‚konservative Revolution‘ in fünf größere Gruppen einteilt (Mohler 1994: 130–165) und somit auch eine bis heute häufig aufgegriffene Typologie ihrer Vertreter vorschlägt, liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit auf der Analyse von „Leitbildern“, die ihrer Weltanschauung zugrunde liegen und nach seiner Überzeugung eine prinzipiel‑ le Feindschaft der ‚konservativen Revolution‘ gegen das lineare Denken und den darin verwurzelten Fortschrittsbegriff bezeugen. Das lineare Denken interpretiert dabei Mohler als ein Erbe des Christentums, dessen Wirkung zu der bis dato größten und nach Mohler fatalen Veränderung des menschlichen Denkens geführt habe: Die Idee eines unaufhaltsamen Fortschreitens auf einen bestimmten Punkt zu ent‑ werte das jeweils Gegenwärtige zugunsten eines besseren Zukünftigen. Es mache dabei im wesentlichen keinen Unterschied, ob ein Fortschreiten auf das christliche Reich Gottes oder die klassenlose Gesellschaft oder ein anderes Endziel gemeint sei. […] Für das Abendland ist auf jeden Fall das Christentum schicksalsbestimmend