Robert Walser: Drucke in der ‚Prager Presse‘ Jg. 1925–1928; Drucke in der ‚Prager Presse‘ Jg. 1929–1937. Basel: Stroemfeld – Schwabe, 2018
Abstract
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Full text
169REZENSIONEN Robert Walser: Drucke in der ‚Prager Presse‘ Jg. 1925–1928; Drucke in der ‚Prager Presse‘ Jg. 1929–1937 (= Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte, III [Drucke in Zeitungen] 4.1 und 4.2). Hrsg. von Hans ‑Joachim Heerde und Barbara von Reibnitz. Basel: Stroemfeld– Schwabe, 2018, 843 Seiten und 6 Abbildungen. Steffen Höhne– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Die Prager Presse war, dass weiß man seit den einschlägigen Studien von Barbara Köp‑ plová, nicht nur ein gut dotiertes, offizielles Organ der neuen Tschechoslowakischen Republik, sondern bildet aufgrund ihres Feuilletons auch ein kulturhistorisches und literarisches Archiv der Zwischenkriegszeit von besonderer Qualität. Schließlich ver‑ trat die Prager Presse den Anspruch eines Periodikums für „ein neues Zentraleuropa“, so der Außenminister Edvard Beneš (S. 691). Das damit verbundene Vermittlungskon‑ zept wird bereits in der Präambel Unser Programm zur ersten Ausgabe am 27.03.1921 verdeutlicht, in der ein Anspruch auf objektive Information in „europäischem Geiste“ und von „europäischer Toleranz“ erhoben wird, um an einer „Herstellung des Frie‑ denszustandes und der Zusammenarbeit der europäischen Nationen“ mitzuwirken (S. 718). Am 01.01.1929 kündigte beispielsweise die Redaktion die Einführung der Antiqua an, was– so die Begründung– der Mission der Prager Presse entspreche, „eine Vermittlerin zwischen Staatsvolk und Minderheiten im eigenen Staate und im weiteren Sinne Vermittlerin zwischen den slavischen Kulturen des Ostens und dem Westen, vor allem dem deutschen Volke zu sein“ (S. 772). Zugleich geht es aber auch um den Ausgleich im Inneren, wie weiter vermerkt wird, um die unter den Einflüssen der Kriegsereignisse sich fremd stehenden Natio‑ nalitäten und sozialen Schichten, die sich nicht nur unzureichend kennen, sondern deren „Kriegs‑ und Vorkriegsmentalität“ eine Annäherung verhindere. „Wir werden daran arbeiten, diese psychologischen Dispositionen zu beseitigen.“ (S. 718) Letztlich will die Prager Presse das „Staatsbewußtsein“ wecken, stärken und verbreiten, „bei den linken Parteien sowohl wie bei den rechten, auf Seite der tschechoslowakischen Bevölkerung ebenso wie auf Seite der Deutschen und auf Seite der übrigen Natio‑ nalitäten“ (S. 719). Als Mittel zur Durchsetzung dieses ambitionierten Anspruchs sollte vor allem die Kultur dienen, von der sich der Herausgeber Arne Laurin (= Arnošt Lustig) und der für das Feuilleton verantwortliche Otto Pick positive Wirkungen erhofften. Davon zeugen letztlich die Namen der regelmäßig in der Prager Presse schreibenden Autoren, zu denen eine Reihe von ausgewiesenen Kulturvermittlern sowie Autoren aus dem Prager Kreis wie Oskar Baum, Paul/Pavel Eisner, Hans Natonek, Hans Tschuppik, u. a. gehörten. Hinzu kamen renommierte Autoren von außerhalb wie Robert Musil, René Schickele und eben Robert Walser, die die Prager Presse an sich binden konnte. Von Walser, der selbst nie Prag besucht hatte, aber durchaus mit dem Gedanken gespielt hatte, dorhin zu ziehen, waren zudem neben seinen Veröffentlichungen in der Pra‑ ger Presse zwischen 1925 und 1937 Texte auch in anderen Prager Periodika wie dem Prager Tagblatt sowie in der Deutschen Zeitung Bohemia regelmäßig zu lesen, Beleg einer zeitweilig sehr intensiven Rezeption.
170 BRÜCKEN 28/1 Es ist daher sehr zu begrüßen, dass im Rahmen der neuen Walser ‑Edition auch die für Zeitungen und Zeitschriften entstandenen Texte Berücksichtigung finden. Für die Prager Presse konnten die Herausgeber insgesamt 208 Texte in 194 Zeitungs‑ ausgaben (S. 675) versammeln, darunter auch 85 Gedichte, die Walser bei anderen Periodika nicht unterbrachte, wie er gegenüber Carl Seelig vermerkt (S. 781). Walsers Texte sind in chronologischer Reihenfolge abgedruckt sowie mit einem dokumentari‑ schen Anhang versehen. Hinzu kommen weitere Dokumente wie die schon erwähnte Präambel der Prager Presse oder einige der höchst kritischen Gesandtschaftsberichte von Samuel Saenger an das Auswärtige Amt in Berlin, in denen vor der propagandis‑ tischen Wirkung „eines derartigen deutschschreibenden Tschechenblattes“ (S. 721) gewarnt wird, das sich nicht im geringsten bemühe, seine „tschechische Herkunft zu verdecken“, was u. a. aus „dem Regierungsstandpunkt der Unübersetzbarkeit von Ortsbezeichnungen“ hervorgehe (S. 723). Diese offiziellen Vorbehalte gingen offenbar so weit, dass deutsche Schriftsteller angewiesen werden sollten, nicht für die Prager Presse zu schreiben, ferner wurden die großen Annoncengesellschaften gebeten, der Prager Presse keine Aufträge zu erteilen, so wie den Hotel‑ und Bäderverwaltungen und Kiosken nahegelegt wurde, die Prager Presse, auch bei unentgeltlicher Zusendung, nicht auszulegen, so der Bericht vom 29.06.1923 unter dem Titel Reichsdeutsche Maß‑ nahmen gegen die ‚Prager Presse‘ (S. 726). Weiterhin enthält der dokumentarische Teil Briefe Robert Walsers an die Redaktion, insbesondere an Otto Pick. Für ein zur strikten Neutralität verpflichtetes Periodikum dürfte Walser, der sich keiner exponierten politischen Gruppierung zurechnete und auch nicht in entspre‑ chende Diskussionen involviert war, ein geradezu idealer Beiträger gewesen sein, zumal er als Schweizer auch den Kontexten und Konflikten der untergegangenen Habsburgermonarchie fernstand. Walsers Texte für die Prager Presse, neben Prosa auch Lyrisches, lassen sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Die unterschiedlichen Feuilletons, Essays, Glossen, Portraits, Studien, Impressionen lassen sich noch am ehesten als kleine Formen zu‑ sammenfassen, charakterisiert durch ästhetische Verknappung, strukturelle Verdich‑ tung und Variation unterschiedlicher Verfahren, es ließe sich von Minimalisierung sprechen. In den Feuilletons behandelt Walser, neben impressionistischen Studien und Künstlerportraits auch alltagskulturelle Themen wie z. B. den Ehebruch (Brief an einen Ehemann, 25.11.1928; 421–423) Man findet Auseinandersetzungen mit dem Zivilisationstopos und damit dem überheblichen Blick des ‚Westens‘ auf den ‚Os‑ ten‘ (Exposé, 02.12.1928; 425–427). Reflektiert wird aber auch ein Konzertbesuch, in dem sich Walser als ein ähnlich unkonzentrierter Zuhörer wie der Schnitzlersche Leutnant Gustl erweist. Der Konzertbesucher entlarvt sich als wenig musikaffin und konzentriert, sondern sucht während der Aufführung, gewissermaßen als Ausgleich zur Langeweile, „mit meinen Nachbarinnen stumme Unterhaltung“, dabei das ganze Repertoire von Mimik und Gestik einsetzend: „Hier berührte ich auf zarte Art eine Hand, dort ließ ich ein paar Augen dadurch hell aufschimmern, daß ich sie warm an‑ schaute. […] Mein Fuß fand Gelegenheit, an ein Füßchen zu appellieren, das für die Sprache, die er führte, Neigung zu haben schien.“ Entsprechend kann der Zuhörer, „als der letzte Ton verklungen war und man sich erhob“, den Konzertsaal „in bester Gemütsverfassung“ verlassen. „Mithin sag ich wohl mit Recht, das Konzert habe mich befriedigt.“ (Konzert, 20.08.1925; S. 35)
171REZENSIONEN Dieser reflektierende Stil mit seiner Detailverliebtheit zeigt sich auch in den Auto‑ renportraits, von denen nur die Überlegungen zu Heinrich von Kleist genannt seien. Im Kleist ‑Essay (2.12.1936; S. 656f.) sowie in Weiteres zu Kleist (10.12.1936; S. 659–661) nähert sich Walser dem Dichter in all seinen Ambivalenzen und den unterschied‑ lichen Rezeptionskonjunkturen, um zu konstatieren: „Er wurde lange unter‑ und plötzlich überschätzt. Wie mutig er immerhin sein entschlossenes, schnelles Leben lebte!“ (S. 661) Der nach Robert Musil ‚Typus Walser‘, der durch die kleine Prosa sich doku‑ mentiere, zeigt sich auch in den Feuilletons als ein Meister der kleinen Form. Fest‑ gehalten werden flüchtige Augenblicksszenen, der Autor lenkt den Blick auf die all‑ tägliche Wirklichkeit, auf die persönliche Situation. Man findet ferner Reflexionen über Schüchternheit und Eingeschüchtertwerden (Der Eingeschüchterte, 22.03.1925; S. 12–14), aber auch eine Skizze über einen unheroisch geschilderte Bismarck, der durch Realismus und Verstand, Sparsamkeit und Rücksichtnahme charakterisiert wird (Aufsatz über Bismarck, 14.08.1936; S. 649f.). Die Mitarbeit in Prager Zeitungen, nicht nur der Prager Presse, war für Walser of‑ fenbar nicht nur finanziell von Bedeutung, sondern auch für seine Selbstbestätigung als Autor. Zumindest konnte er mit den Publikationsaktivitäten in Prag sich von der NZZ, dem bourgeoisen ‚Käseblatt‘ emanzipieren, ja sogar eine Polemik gegen deren Redakteur Eduard Korrodi einschmuggeln. In der letzten Nummer vom 30.12.1938 verabschiedet sich die Redaktion mit einem Rückblick auf die Tätigkeit der Prager Presse, die „von allem Anfang an bis zum heutigen Tag den Gesamtinteressen der Tschecho ‑Slovakischen Republik“ diente und die immer an „einem Ausgleich der Gegensätze, auch unter den Nationalitäten der Republik“ bemüht war. Zurecht wird darauf verwiesen, dass ihre größten Erfolge im Kulturteil lägen, und zwar im Hinblick auf die Vermittlung „des tschecho ‑slovakischen und des allgemein slavischen Geisteslebens.“ (S. 782). In der Forschung wurde Walser häufig mit Kafka in einen gemeinsamen Kontext gestellt, wofür neben biographischen Erwähnungen vor allem natürlich die Texte sprechen. Eine stille Hintergründigkeit Walsers, so Claudio Magris, ließe sich durch‑ aus auch in Kafkas Werk verfolgen. Insofern lässt sich das Ende der Prager Presse auch in einen größeren kulturellen Kontext stellen, gewissermaßen ist mit der Einstellung auch das Ende jeglicher deutsch ‑jüdisch ‑tschechischer Vermittlung in Prag markiert, eine Vermittlung, an der eben auch Walser nicht unmaßgeblich beteiligt war, auch wenn dieser eine weitergehende Wirkung sicher von sich weisen würde. Als Carl Seelig laut Aufzeichnungen vom 04.04.1948 Walser auf Brod und Kafka hinwies, die beide Texte von ihm, Walser, geschätzt hätten, antwortete Walser lediglich mit einer gewissen Lakonie: in Prag gebe es doch Aufregenderes zu lesen als Walsereien. Es habe schon im 14. Jahrhundert eine berühmte Universität besessen und sei lange Zeit eine Zita‑ delle der deutschen Kultur gewesen. Erst durch die unvorstellbare Borniertheit der nationalsozialistischen Politik sei sie verloren gegangen. Er selbst habe Prag nie besucht; aber er erinnre sich, daß um 920 nach Christus die böhmische Fürstin Ludmilla durch die Hinterlist ihrer heidnischen Schwiegertochter Dragomir von Mitgliedern der tschechischen Nationalpartei erdrosselt worden sei. (S. 784)