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Von der Nachkriegsbegeisterung zu dem Vorkriegsselbstbewusstsein: Konsumgenossenschaften in den Böhmischen Ländern 1918–1938

Slavíček, Jan

Abstract

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Full text

Von der Nachkriegsbegeisterung zu dem Vorkriegsselbstbewusstsein: Konsumgenossenschaften in den Böhmischen Ländern 1918–19381 Jan Slavíček KEYWORDS: Consumer Cooperatives— Bohemian Lands— 20th Century— Statistical Analysis— Trade History Die Existenz von Konsumgenossenschaften reicht zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Genossenschaften sind freiwillige Organisationen, deren Mitglieder sich zusammentun, um verschiedene ökonomische Ziele (bei Konsumgenossenschaften billige Einkäufe, bei anderen Genossenschaftstypen z. B.Wohnen, Verkauf von Produkten usw.) durch Selbsthilfe (d. h. kooperativ) zu erreichen.1 In der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Verbrauchergenossenschaften (Konsumgenossenschaften)2 als Organisationen vor allem der niedrigeren sozialen Schichten (typischerweise der Arbeiter) entstanden. Sie waren eine von verschiedenen Reaktionen dieser Schichten auf das Phänomen der sog. ersten industriellen Revolution. Diese hat neben positiven Folgen (ökonomisches Wachstum mit einem bis dahin unbekannten Tempo) auch negative gebracht, vor allem Verschärfung der sozialen Unterschiede und Senkung des Lebensniveaus der unqualifizierten Arbeiterschichten bis in tiefe Armut. Die Konsumgenossenschaften ermöglichten diesen Schichten eine mäßige (aber trotzdem willkommene und spürbare) Verbesserung ihres Lebensniveaus durch die Minderung der Lebenshaltungskosten.3 Normalerweise konnten in den Verkaufsstellen nur die Mitglieder 1 Die Studie ist im Rahmen der Unterstützung der Wissenschaftsakademie der Tschechischen Republik „Program podpory perspektivních lidských zdrojů— Mzdová podpora postdoktorandů na pracovištích AV ČR“ [Programm zur Unterstützung des perspektiven Humankapitals— Die Lohnunterstützung der Postdoktoranden in der Tschechischen Wissenschaftsakademie] entstanden. 2 Bis zum zweiten Weltkrieg wurde der Terminus „Konsumgenossenschaften“ benutzt, während des Krieges benutzte man auch „Verbrauchergenossenschaften“. Im Rahmen dieser Studie versteht der Autor die beiden Termine als Synonyme. 3 Das Hauptprinzip der ökonomischen Tätigkeit einer Konsumgenossenschaft ist der Einkauf im Großhandel (oder vom Hersteller) in großen Mengen, d. h. die Elimination einiger Teile der Absatzkette (des Einzelhandels, des Transports, eventuell auch des Großhandels). Das, kombiniert mit dem Mengenrabatt, ermöglichte die Reduktion der Einkaufspreise und Einsparung. Einen Teil dieser Einsparung überließen die Genossenschaften ihren Mitgliedern (billigere Einkäufe). OPEN ACCESS 60 WISOHIM/ESHP 25 einkaufen.4 Diese waren gleichzeitig Teilhaber und hatten die Möglichkeit, über die Entwicklung der Genossenschaft durch die Vollversammlung zu entscheiden. Sie hatten auch den Anspruch, ihren Teil von dem Profit durch die sog. Restitution zu erhalten.5 Schon in der Habsburger Monarchie entwickelten sich Konsumgenossenschaften relativ schnell. Die meisten gab es in den Böhmischen Ländern— 1918 waren es fast 600 Genossenschaften.6 Die Entwicklung in der Slowakei und in Karpatenrussland war anders. Es gab hier fast keine Konsumgenossenschaften, dagegen waren dort hunderte von Lebensmittelgenossenschaften tätig. Diese gab es primär auf dem Lande (dagegen sind die Konsumgenossenschaften für Städte typisch) und sie waren deutlich kleiner— sehr oft nur für ein Dorf. Vor allem hatten sie aber andere Ziele. Für ihre Mitglieder erfüllten sie Kreditund Sparfunktion, Konsumfunktion und Einkaufsfunktion, die in den Böhmischen Ländern durch verschiedene Genossenschaftstypen erfüllt wurden. Deswegen werden die Lebensmittelgenossenschaften im weiteren Text nicht zu den Konsumgenossenschaften gerechnet. Die Studie befasst sich mit der Entwicklung des Konsumgenossenschaftswesens in den Böhmischen Ländern zur Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Ihr Ziel ist, diese Entwicklung unter dem Blickwinkel der Veränderungen ihrer ökonomischen Parameter zu analysieren. Sie fragt, wie die Dynamik dieser Veränderungen war, vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung des ökonomischen Zyklus. Im zweiten Teil konzentriert sich die Studie auf die Organisationsstruktur der Konsumgenossenschaften, d. h. auf die Frage, wie einheitlich, oder im Gegenteil, wie uneinheitlich die Genossenschaften waren. Der letzte Teil befasst sich mit den Rollen der Konsumgenossenschaften. Welche Rollen haben sie für ihre Mitglieder 4 Die Sperrung der Verkaufsstellen für die Nichtmitglieder hat die Genossenschaften sicher um potenzielle Profite gebracht. Auf der anderen Seite konnten sie dank der Kenntnis „ihrer“ (d. h. der konkreten) Kunden (Mitglieder) und deren Gewohnheiten ihre Kosten effektiv niedriger halten (die Menge der Waren in den Verkaufsstellen, verdorbene Waren usw.). Das wurde noch dadurch verstärkt, dass es in dieser Zeiten normal war, haltbare Lebensmittel (Kartoffeln, Mehl usw.) und Verbrauchswaren (wie z. B.Seife) ein paar Mal pro Jahr zu kaufen— oft nach Vereinbarung mit dem Verkaufspersonal. Es konnte deswegen die Waren im Voraus bestellen und die Finanzmittel standen der Genossenschaft fast sofort wieder zur Verfügung. 5 Die Restitutionen waren eine Art von Rückzahlung des Gewinnanteils an die Mitglieder, die typisch für Konsumgenossenschaften war. In Handelsgesellschaften (AG, GmbH usw.), aber auch oft in anderen Genossenschaftstypen, wurde der Gewinnanteil nach der Größe des Kapitalanteils berechnet. In Konsumgenossenschaften wurde er gewöhnlich einmal pro Jahr ausgezahlt (typischerweise vor Weihnachten), und zwar abhängig von der Höhe des Einkaufs. Gewöhnlich waren es 2–3 % der Einkaufssumme, was sicher eine willkommene Aufbesserung für die Familie war. Deswegen entschied man in den Konsumgenossenschaften mit dem Prinzip 1 Mitglied = 1 Stimme, die Anteile waren relativ niedrig und die Mitglieder konnten sie in wenigen Jahren bezahlen. Dazu siehe Ladislav Smrčka und Koll., Vývoj družstevnictví na území ČSFR, Prag 1992, S.37; Emanuel Škatula (ed.), Dílo družstevní svépomoci, Prag 1933, S.189. 6 František Ladislav Dvořák, Družstevnictví československé, Prag 1920, S.7. OPEN ACCESS Jan SlaVíčEk 61 erfüllt? Welche wurden in den Vordergrund und welche in den Hintergrund gerückt? Alle diesen Fragen können als eine Hauptfrage formuliert werden: Was waren die Rollen, die Konsumgenossenschaften in der ersten Republik spielten— entweder für ihre Mitglieder oder auf dem Markt? STATISTISCHE PARAMETER DER KONSUMGENOSSENSCHAFTEN Die Entwicklung ausgewählter Parameter der Konsumgenossenschaften in der ersten Republik wird in den Tabellen 1 und 2 gezeigt. Die erste Tabelle umfasst die Zahlenangaben aller Genossenschaften. Diese gibt es leider nur für einige Jahre und vor allem mit einer großen Lücke zwischen 1919 und 1927. Der Grund dafür ist das Fehlen statistischer Quellen, was die Aufstellung der Jahresübersichten verhindert. Deswegen hat der Autor die Tabelle 2 erstellt, die die Entwicklung der Genossenschaften des Zentralverbands der tschechoslowakischen Genossenschaften [Ústřední svaz československých družstev, ZVTG] bis 1931 beinhaltet. Dieser Verein war auf die Sozialdemokratische Partei orientiert und was die Konsumgenossenschaften betrifft, war er der größte (siehe den zweiten Teil der Studie). Deswegen umfasst die Tabelle 2 nicht die Zahlen aller Genossenschaften, auf der anderen Seite kann man dadurch die Jahresveränderungen analysieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Trends aus Tabelle 2 für die Konsumgenossenschaften generell gelten. Jahr Genossen- -schaften Index (1918 = 100) Mitglieder Index (1918 = 100) Gesamterlös (Tausend Kr) Index (1918 = 100) 1918 577 100,00 278 755 100,00 126 885 100,00 1919 1 038 179,90 721 599 258,86 895 906 706,08 1927 859 148,87 717 004 257,22 1 723 671 1 358,45 1930 714 123,74 769 625 276,09 2 045 712 1 612,26 1933 640 110,92 850 449 305,09 1 714 875 1 351,52 1937 634 109,88 896 312 321,54 2 020 089 1 592,06 TaBelle 1:Konsumgenossenschaften in den Böhmischen Ländern 1918–1937 Quellen: Družstva neúvěrní vrepublice Československé vroce 1919, Prag 1926, S.145–187; F.L.Dvořák, Družstevnictví československé, S.72; Neúvěrní družstva vrepublice Československé vroce 1930, Prag 1935, S.2–3, 62–63; Statistická příručka republiky Československé, Bd. IV, Prag 1932, S.165; Statistická ročenka republiky Československé, Jg. 9, Prag 1938, S.114–115; Statistická ročenka republiky Československé, Prag 1948, S.156. Aufgrund der Tabellen 1 und 2 kann die Entwicklung der Verbrauchergenossenschaften in drei Etappen eingeteilt werden. Die erste dauerte ungefähr bis 1921. Die Tabellen zeigen einen intensiven Aufschwung aller Parameter, am schnellsten in den ersten Nachkriegsjahren 1918–1920. Die Welle erlahmte 1921 und im folgenden Jahr gab es schon einen Rückgang. Dieser Aufschwung war wahrscheinlich überhaupt der schnellste in der Geschichte (zumindest im Rahmen der Demokratie und des freien OPEN ACCESS 62 WISOHIM/ESHP 25 Markts, d. h. abgesehen von den Jahren 1948–1953). Er wurde von mehreren Faktoren verursacht, die offensichtlich synergetisch wirkten. Die wichtigsten zwei waren die Wirtschaftskrise der ersten Nachkriegsjahre7 und eine Linksorientierung in der Gesellschaft, die gerade 1921 kulminierte (die Konsumgenossenschaften wurden als sozialistisch und als Teil der Arbeiterbewegung wahrgenommen, sie haben sich auch so gefühlt und selbst präsentiert). Mit der Abschwächung und dem Verschwinden dieser Gründe nach 1921 kam auch der Rückgang der Genossenschaften. Die zweite Entwicklungsetappe kann mit den Jahren 1922 und 1930 zeitlich begrenzt werden. Der Anfang ist also der Rückgang des Nachkriegszeit-Aufschwungs 1921 und der Schluss ist das Ende der „goldenen Zwanziger“ im Jahre 1930.8 In dieser 7 Eine allgemeine Tendenz ist, dass es den Konsumgenossenschaften (in der Marktwirtschaft) am besten zur Zeit der Rezession geht. Die Mitgliedschaft in einer Verbrauchergenossenschaft war teilweise der Ausdruck eines niedrigen sozialen Status. Die Mitgliedschaft konnte also sehr oft als ein „soziales Stigma“ angesehen werden. Menschen mit einer solchen Einstellung haben in der Genossenschaft nur so lange eingekauft, wie es für sie notwendig war. Nachdem sich ihre Lebenssituation verbessert hatte, verließen sie die Genossenschaften und kauften wieder dort, wo es ihrer Meinung nach „würdiger“ war. Dazu siehe Lidmila Němcová und Koll., Vybrané kapitoly zčeského spotřebního družstevnictví, Prag 2001, S.30–31; Jan Slavíček, Ze světa podnikání do světa plánované distribuce. Proměny spotřebního družstevnictví vletech 1945–1956 na příkladu severních Čech, Prag 2017, S.32–36; L.Smrčka, Vývoj družstevnictví na území ČSFR, S.31–33. 8 Der Anfang der Wirtschaftskrise in der Tschechoslowakei war ein wenig verspätet, die tiefe Krise ist erst 1930–1931 gekommen, ihre Intensität war aber desto stärker. Der Autor hat für die Studie das Jahr 1930 als Bezugspunkt gewählt, weil für dieses Jahr die KomplexJahr Genossen- -schaften Index (1918 = 100) Mitglieder Index (1918 = 100) Gesamterlös (Tausend Kr) Index (1918 = 100) 1918 238 100,00 96 494 100,00 47 108 100,00 1919 421 176,89 274 174 284,14 275 466 584,75 1920 509 213,87 532 809 552,17 881 127 1 870,44 1921 510 214,29 549 696 569,67 1 385 902 2 941,97 1922 477 200,42 498 979 517,11 1 136 789 2 413,15 1923 427 179,41 461 553 478,32 818 655 1 737,83 1924 368 154,62 422 424 437,77 846 060 1 796,00 1925 358 150,42 407 213 422,01 925 141 1 963,87 1926 328 137,82 396 836 411,25 861 252 1 828,25 1927 286 120,17 377 932 391,66 913 005 1 938,11 1928 273 114,71 360 518 373,62 967 760 2 054,34 1929 256 107,56 367 745 381,11 988 888 2 099,19 1930 253 106,30 379 949 393,75 989 576 2 100,65 1931 240 100,84 400 751 415,31 980 554 2 081,50 TaBelle 2:Konsumgenossenschaften im ZVTG 1918–1931 Quellen: E.Škatula, Dílo družstevní svépomoci, S.106–108. OPEN ACCESS Jan SlaVíčEk 63 Etappe können mehrere Trends beobachtet werden. Der erste ist die dauerhafte Senkung der Anzahl der Genossenschaften. Der Grund war das Erlöschen von vielen, die in früheren Jahren sehr schnell und mehr aus emotionalen als aus ökonomisch rationellen Überlegungen gegründet wurden. Gleichzeitig sind aber die Zahlen der Mitglieder und des Erlöses nur viel langsamer und weniger gesunken. Das war die Folge des Rationalisierungsprozesses, bei dem kleinere Genossenschaften (im Rahmen der einzelnen Vereine) mit größeren und im ökonomischen Sinne praktischeren Einheiten fusionierten. Dieser Trend ist mehr in den ZVTG-Genossenschaften bemerkbar (die Zahl der Genossenschaften in den Jahren 1927 und 1930 war ca. 67,9 % bzw. 60,1 % der Zahl von 1919, allgemein war das ca. 74,8 % bzw. 63,3 %). Der Rückgang des Konsumgenossenschaftswesens nach 1921 ist also unstreitig, er war aber viel weniger rasant, als es nach der Zahl der Genossenschaften aussehen könnte. Der zweite Trend dieser Etappe ist eine Stagnation der Mitgliederzahl und des Erlöses. In den ZVTG-Genossenschaften erreichten die beiden Parameter 1921 einen Höhepunkt und dann begannen sie zu sinken. Für alle Konsumgenossenschaften in der ČSR kann das gleiche vorausgesetzt werden, Quellen für die Verifikation gibt es leider nicht. Trotzdem kann die Plausibilität dieser These teilweise überprüft werden, wenn man die Angaben der Statistischen Jahrbücher von den Jahren 1923–1925 analysiert. Die Jahrbücher befassen sich nicht mit allen Konsumgenossenschaften, sondern nur mit den drei größten Vereinen. Auch nach diesen Statistiken hat die Nachkriegswelle 1921 ihren Höhepunkt erreicht (977 Konsumgenossenschaften, ca.928 000 Mitglieder, ca. 2 454 Millionen Erlös) und in den nächsten Jahren kam ein schneller Rückgang: 1922 gab es 976 Genossenschaften mit ca. 884 000 Mitgliedern und mit einem Erlös von ungefähr 2070 Millionen, 1923 waren es 888 Genossenschaften, ca. 823 000 Mitglieder und 1446 Millionen Erlös.9 In der zweiten Hälfte der Zwanziger kam eine Wende und der Gesamtumsatz und die Mitgliederzahl begannen langsam zu wachsen. In den ZVTG-Genossenschaften kam dieser Trend ein wenig später und sie haben nie mehr die Zahlen von 1921 wieder erreicht. Der dritte Trend ist durch den Gesamterlös in realen Preisen (vom Jahr 1914, Tabelle 3) zu beobachten. Dafür hat der Autor die Kleinhandelspreisindices benutzt, wie sie vom Statistischen Amt vorgelegt wurden.10 Diese Zahlen zeigen eine etwas statistiken der Genossenschaften zur Verfügung stehen. Das ist natürlich arbiträr, man könnte auch von den Jahren 1929 (der Höhepunkt der 1920er-Prosperität), 1931 oder 1932 als Krisenklimax sprechen. Es ist jedenfalls sicher, dass der Übergang von den „goldenen Zwanzigern“ zu den „Krisendreißigern“ eine wichtige Wende auch für Konsumgenossenschaften war. 9 Dazu vgl. Ročenka republiky Československé, Jg. 2, Prag 1923, S.369–370; Ročenka republiky Československé, Jg. 3, Prag 1924, S.300–302; Ročenka republiky Československé, Jg.4, Prag 1925, S.243–245. 10 Die Kleinhandelspreisindices wurden erst ab 1921 bearbeitet. In den nächsten Jahren wurden drei ein wenig unterschiedliche Methoden benutzt. Der Autor hat eine Gesamtstatistik der Jahre 1922–1937 benutzt, die in dem Statistischen Jahrbuch für 1938 steht. Für 1921 hat er die Ziffern von Band 141-XVIII/2 der Tschechoslowakischen Statistik übernommen. Die realen Preise wurden durch Dividieren des Erlöses durch die Indexziffer kalkuliert. Es ist offensichtlich, dass die Methode nicht ganz exakt ist (neben den erwähnten unterOPEN ACCESS 64 WISOHIM/ESHP 25 andere Entwicklung der Umsätze der ZVTG-Genossenschaften. Sie ist zwar ein wenig zyklischer, aber aus langfristiger Sicht kann man durch die ganzen zwanziger Jahre ein Wachstum sehen. Zwischen 1921 und 1931 waren es 28,5 %— die Mitgliederzahl ist dagegen um ca. 27 % gesunken. Dafür gab es vor allem zwei Gründe. Erstens, in den linksorientiert-euphorischen ersten Nachkriegsjahren sind, wie schon erwähnt wurde, in die Konsumgenossenschaften viele Menschen aufgrund einer spontanen Entscheidung eingetreten. In den Genossenschaftsverkaufsstellen haben sie selten oder fast nie eingekauft. Nach ein paar Jahren haben sie ihre Mitgliedschaft gekündigt, eventuell wurden sie sogar aus den Genossenschaften als nicht-kaufende Mitglieder ausgeschlossen.11 Zweitens, die Realerlöse sind auch wegen des allgemeinen Trends zur Erhöhung des Lebensniveaus in den zwanziger Jahren gestiegen, was in einem nicht geringen Maß auch die Arbeiter bzw. niedrigere Sozialschichten betraf. Die dritte Etappe umfasst die dreißiger Jahre. Die Wirtschaftskrise hat die ganze Welt getroffen und für die ČSR-Wirtschaft war das eine große Erschütterung. Die industrielle Produktion ist tief gesunken, der Außenhandel ist zum großen Teil kollabiert, die Zahl der Arbeitslosen ist rapid gewachsen. All die erwähnten Faktoren sollten normalerweise den Konsumgenossenschaften helfen und ihrer weiteren Expansion nützlich werden (nach der Logik, dass in Krisenzeiten auch solche Menschen in die Konsumgenossenschaften eintreten, die normalerweise kein Interesse daran hätten, die aber dazu von den Umständen gedrängt werden). Die reale Entwicklung war aber ganz anders. Dafür ist nicht die weitere Senkung der Zahl der Genossenschaften wichtig (sie war viel mehr die Folge der fortgesetzten Rationalisierung), sondern nur das allmähliche Wachstum der Mitgliederzahl (ca. 16,5 % von 1930 bis 1937). Die nominalen Umsätze sind 1930–1933 gesunken, danach folgte ein Wachstum und 1937 wurde der Gesamterlös von 1930 fast wieder erreicht. Diese Schwankung ist aber meistens der Entwicklung der Preise zuzuschreiben. Wenn wir den gleichen Parameter in realen Preisen benutzen, sehen wir 1930–1937 ein ständiges, obwohl langsames Wachstum. Insgesamt sind das 19,5 %, was nur ein wenig schneller ist als die Erhöhung der Mitgliederzahl. Im jährlichen Anstieg sind das ungefähr 2,35 % der Mitglieder und 2,79 % des realen Erlöses. Die Zahlen sind sogar niedriger (und beim Erlös viel niedriger) als in den Jahren der Prosperität 1927–1930 (Jahreswachstum von 2,45 % der Mitglieder und 9,09 % der Umsätze). schiedlichen Methoden kann sie z. B. auch die Unterschiede der Warenkörbe der Arbeiterund Beamtenfamilien nicht berücksichtigen). Der Autor ist aber der Meinung, dass diese Statistik eine aussagekräftige— und bei den zur Verfügung stehenden Quellen auch die beste— Übersicht des realen Gesamterlöses zeigt. Siehe Maloobchodní ceny životních potřeb, indexy životních nákladů aindexy potravinové vletech 1921–1936. Československé statistika, Reihe 18, Bd. 141, Prag 1938, S.422; Statistisches Jahrbuch der Čechoslowakischen Republik, Jg. 9, Prag 1938, S.149. 11 Das war nach den typischen Statuten der ZVTG-Genossenschaften (die nach einem Muster gemacht wurden) möglich und legitim. Darüber spricht übrigens auch die Literatur dieser Zeit. Siehe E.Škatula, Dílo družstevní svépomoci, S.184. OPEN ACCESS Jan SlaVíčEk 65 Rok ZVTG-Genossenschaften Genossenschaften der Böhm. Länder Nominalpreise 1914-Preise Nominalpreise 1914-Preise Erlös (Tsd. Kr) Index (1921 = 100) Erlös (Tsd. Kr) Index (1921 = 100) Erlös (Tsd. Kr) Index (1927 = 100) Erlös (Tsd. Kr) Index (1927 = 100) 1921 1 385 902 100,00 97 805 100,00 1922 1 136 789 82,03 88 192 90,17 1923 818 655 59,07 89 178 91,18 1924 846 060 61,05 99 889 102,13 1925 925 141 66,75 103 599 105,92 1926 861 252 62,14 99 682 101,92 1927 913 005 65,88 99 240 101,47 1 723 671 100,00 187 356 100,00 1928 967 760 69,83 105 651 108,02 1929 988 888 71,35 110 244 112,72 1930 989 576 71,40 115 335 117,92 2 045 712 118,68 238 428 127,26 1931 980 554 70,75 125 712 128,53 1933 1 714 875 99,49 244 633 130,57 1937 2 020 089 117,20 284 921 152,07 TaBelle 3:Der Gesamterlös der Konsumgenossenschaften in Nominalpreisen und in Preisen vom Juli 1914 Quellen: Neúvěrní družstva vrepublice Československé vroce 1930, Prag 1935, S.2–3, 62–63; Statistická příručka republiky Československé, Bd. IV, Prag 1932, S.165; Statistická ročenka republiky Československé, Jg. 9, Prag 1938, S.114–115; Statistická ročenka republiky Československé, Prag 1948, s.156; E.Škatula, Dílo družstevní svépomoci, S.106–108. ORGANISATIONSSTRUKTUR DER VERBRAUCHSGENOSSENSCHAFTEN Typisch für Konsumgenossenschaften (wie auch für andere Genossenschaftstypen) war in der ersten Republik eine beträchtliche Fragmentierung, die schon seit Österreich-Ungarn dauerte. Erstens gab es typische Standesoder Arbeitnehmergenossenschaften. Sie waren nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen, die ihre Mitglieder werden konnten (z. B. die Genossenschaft der Deutschen Eisenbahner in Prag oder der Konsum der Angestellten der Gewerbebank). Solche Genossenschaften gab es eine große Menge und ihre Größe war sehr unterschiedlich. Daneben wurden die Genossenschaften nach zwei wichtigen Trennlinien organisiert. Die erste war die Sprachlinie. In den Böhmischen Ländern gab es Genossenschaften mit deutscher und tschechischer Sprache, in Schlesien auch mit polnischer Sprache. Die zweite Trennlinie war politisch. Die Genossenschaften wurden an die politischen Parteien geknüpft, die Genossenschaftsverbände unter ihrem Einfluss organisiert (ähnlich war es z. B. in den Gewerkschaften). Für die Konsumgenossenschaften waren vor allem die folgenden relevant: Zentralverband der tschechoslowakischen Genossenschaften [Ústřední svaz československých družstev, ZVTG]— Sozial-demokratische Partei; Union der tschechoslowakischen Genossenschaften [Unie československých OPEN ACCESS 66 WISOHIM/ESHP 25 družstev, UTG]— Nationalsozialistische Partei; Mährisch-Schlesischer Verband der Wirtschaftsgenossenschaften [Moravsko-slezská jednota hospodářských družstev, MSV]— Volkspartei; Verband der Deutschen Wirtschaftsgenossenschaften [Svaz německých hospodářských družstev, VDW]— Deutsche sozialdemokratische Partei; Deutscher Wirtschaftsverband [Německý hospodářský svaz, DWV]— Deutsche christlich-soziale Partei.12 Für die Parteien hatte diese Beziehung verschiedene Vorteile— die Genossenschaften dienten ihnen als Interessengruppen, Kommunikationsinstrumente zu ihren Anhängern, aber auch als ein Reservoir von Mitgliedern oder Funktionären. Die Konsumgenossenschaften profitierten davon durch Kontakte und Lobbying-Kanäle in die Spitzen- (bei allgemeinen Genossenschaftsinteressen), aber auch in die Lokalpolitik (bei den Interessen der einzelnen Genossenschaften). Trotz der politischen Verankerung wurde das apolitische Prinzip in den Genossenschaftsaktivitäten durchgesetzt— die üblichen Tätigkeiten hatten mit Politik nichts zu tun (zumindest formell, aber gewöhnlich auch in der Praxis). Eine typische Demonstration dieses Prinzips ist die Publikation „Das Genossenschaftswesen und seine Bestimmung in der Tschechoslowakischen Republik“, die 1931 erschien.13 Es ist ein Zyklus von 10 Vorlesungen von Genossenschaftsspitzenfunktionären quer durch das politische Spektrum (mit Ausnahme der Kommunisten). Alle Vorlesungen haben zwei wichtige Aspekte gemeinsam: Erstens, die Genossenschaften sollen apolitisch bleiben und gemeinsam vorgehen, obwohl sie an die Parteien gebunden sind. Zweitens, das Ziel der Genossenschaften ist der Sozialismus, der aber durch einen Evolutionsprozess auf Grundlage der parlamentarischen Demokratie erreicht werden soll. Es geht also um eine klare Ablehnung des Klassenkampfes und der Revolution. Diese grundsätzliche (und prinzipienfeste) Haltung ist bedeutend, besonders in der Zeit der tiefen Wirtschaftskrise, wo es sehr einfach gewesen wäre, in Radikalismus abzugleiten. Die einzige Partei, die Genossenschaften sehr politisch ansah, war die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KPTsch). Sie war von Anfang an sehr radikal und hat ihre Mitglieder angeghalten, politische Fraktionen zu bilden um die Genossenschaften zu beherrschen.14 Die Kämpfe mit Kommunisten spielten sich vor allem in ZVTG immer wieder ab. Am Ende mündeten sie in den Ausschluss von Dutzenden von kommunistischen Genossenschaften (vor allem Konsumund Herstellergenossenschaften). Diese haben ihre eigene Gruppe (einen inoffiziellen Verband) errichtet, 12 Der größte Verband, der Zentralverband der landwirtschaftlichen Genossenschaften in Prag [Ústřední jednota hospodářských družstev, ZVLG], wird in der Studie nicht berücksichtigt, weil er mit der Agrarpartei verbunden war und keine Konsumgenossenschaften hatte (ihre Rolle wurde auf dem Lande— neben anderen Rollen— von den Einkaufsgenossenschaften erfüllt). Zu den Angaben der einzelnen Genossenschaftsverbände siehe Družstva neúvěrní vrepublice Československé vroce 1930. 13 Družstevnictví ajeho hospodářské asociální poslání vrepublice Československé, Prag 1931. 14 Dem wird sowohl von den Kritikern der KPTsch, als auch von der Literatur aus der Zeit des kommunistischen Regimes zugestimmt. dazu vgl. E.Škatula, Dílo družstevní svépomoci, S.51–55, 83–91 und Karel Martin Pernica— Vladimír Šorm— Miloš Větvička, Dějiny družstevního hnutí, Bd. 3, S.42, 53–55, 73–93. OPEN ACCESS Jan SlaVíčEk 67 wo sie bis zum Ende der ersten Republik bestehen blieben (sog. Genossenschaftliche Proletarieropposition [Družstevní proletářská opozice]). Die meisten Genossenschaften der Gruppe waren relativ klein, jedoch mit zwei Ausnahmen— Včela Prag und Vorwärts Reichenberg. Die erste war am Anfang der dreißiger Jahre die größte Konsumgenossenschaft in der ČSR, Vorwärts war eine der größten deutschen Genossenschaften. Die Organisationsstruktur der Konsumgenossenschaften in den Böhmischen Ländern kann also als extrem fragmentiert bezeichnet werden. Das hat natürlich die Kooperation der Genossenschaften wesentlich kompliziert— aber es kompliziert auch unsere Erkenntnisse. Von vielen Genossenschaften wissen wir heute überhaupt nichts mehr, es gibt keine Quellen (und wenn, dann sind sie meistens nicht bearbeitet und den Forschern nicht zugänglich). ROLLENVERÄNDERUNGEN DER KONSUMGENOSSENSCHAFTEN Die Rollen der Verbrauchergenossenschaften können zwei Gruppen zugeordnet werden. Die ersten sind die Primärrollen, d. h. solche, die von der Genossenschaft auf jeden Fall erfüllt werden müssen. Komplementiert werden sie durch die Sekundärrollen, die zwar nicht realisiert werden müssen, aber gewöhnlich realisiert werden. Die Primärrollen sind die Selbsthilfeund Unternehmensrolle. Die Selbsthilferolle ist absolut grundsätzlich— sie ist das Motiv, eine Genossenschaft zu gründen (ein ökonomisches Problem mit eigenen gebündelten Kräften zu lösen). Gerade diese Rolle ist das, was die Genossenschaften von anderen Unternehmensformen unterscheidet, die sich primär auf den möglichst hohen Profit orientieren. Für Genossenschaften ist der Profit das sekundäre Ziel, das primäre ist die Selbsthilfe. Im Falle der Konsumgenossenschaften ist dies ganz markant. Ihre Mitglieder, die mehrheitlich aus den niedrigeren sozialen Schichten stammten, haben logischerweise eine momentane und möglichst hohe Ersparnis durch den billigeren Einkauf bevorzugt, statt auf den möglichen großen Profit bis zum Ende des Fiskaljahres zu warten. Die Selbsthilferolle muss aber durch die Unternehmensrolle ergänzt werden. Es ist ganz logisch— die Genossenschaften sind juristische Personen, die in der Marktwirtschaft tätig sind und deswegen müssen sie die Marktregeln respektieren. Ihr Ziel ist zwar nicht, einen möglichst hohen Gewinn zu machen, dennoch müssen (oder sollten) sie einen gewissen Gewinn erwirtschaften. Dieser wird zur Schaffung und Finanzierung verschiedener Fonds (vor allem des Reservefonds) benutzt, in denen die Genossenschaft die Mittel für „schlechte Zeiten“ ansammelt (auch deswegen sind Genossenschaften gegen die Veränderungen des Wirtschaftszyklus wesentlich widerstandsfähiger). In einer „Mindestvariante“ sollte die Genossenschaft zumindest nicht Verlust machen. Um das zu erreichen, braucht sie eine kompetente Leitung. Die erwähnten Primärrollen werden von einigen Sekundärrollen ergänzt. Die wichtigsten sind: Die Sozialund Unterstützungsrolle, die Ausbildungs-/Aufklärungsrolle, die politische Rolle, die Standesrolle und die Distributionsrolle. Die Sozialund Unterstützungsrolle zielt auf Hilfe für die Mitglieder, die in eine schwierige Lebenssituation geraten (nicht aus eigener Schuld). Sie wurde gewöhnOPEN ACCESS